Archiv der Kategorie: Philosophie

Letzter Philosophen-Diskurs 1807

Zur allgemeinen Orientierung sei vorweg empfohlen: Wikipedia-Artikel zur „Phänomenologie des Geistes“ hier

Hegel an Schelling

Jena 3 Jan. 1807.

Bei meiner Rückkunft aus Bamberg, wo ich einige Wochen zugebracht habe, fand ich – vor etwa 14 Tagen, – Deine Schrift, das Verhältnis der Naturphilosophie zur neuverbesserten Fichte’schen betreffend, hier vor. Ich habe Dir sowohl für dieses Geschenk selbst meinen Dank anzustatten, als Dir zu sagen, daß mich die freundschaftliche und ehrenvolle Weise, mit der Du meines Aufsatzes über die Fichte’sche Philosophie im Kritischen Journal erwähnt hast, gefreut hat. Außerdem ist es mir eine angenehme Veranlassung, Dich um Nachrichten von Dir zu bitten und Dir von meinem Zustande zugleich zu geben. Daß ich deren schon mehrere vernachlässigt, darüber habe ich mich ohnehin bei Dir zu entschuldigen, besonders noch jetzt darüber, daß ich auf Deine freundschaftliche Einladung zur Teilnahme an den „Annalen der Medizin“ nicht geantwortet; der Grund lag in dem Wunsche, Dir meine Bereitwilligkeit zu Beiträgen, soweit deren von mir zu erwarten sind, zugleich durch die Tat zu beweisen, aber ich konnte nicht dazu kommen, ihn auszuführen, und so unterblieb auch das, was ich wenigstens hätte erwidern sollen.

Daß ich mich an Deiner Auseinandersetzung des neuerlichen Fichte’schen Synkretismus, „der alten Härte mit dieser neuen Liebe“, und seine steifsinnigen Originalität mit dem stillschweigenden Auflesen neuer Ideen, recht ergötzt  habe, brauche ich Dir nicht zu sagen. Ebensosehr hat es mich gefreut, daß Deine so kräftige als gemäßigte Weise seine persönlichen Anfälle zu Schanden gemacht hat. Daß er sich sonst, davon haben wir Beispiele genug, aber ich meine, dies sei das erste, wo er bis zu Niederträchtigkeiten fortgeschritten ist, welche zugleich auch platt, auch nachgeschwatzt sind. – Der Zweck der Schrift, der außer der notwendigen Erklärung über die letztere Seits sich auf das eigentliche Philosophische einschränkt, macht, daß Du dies neuerliche Auftreten Fichte’s noch schonend behandelt hast; denn wenigstens das Eine dieser Popularitäten, der Geist der Zeiten, das ich allein gesehen, enthält Lächerlichkeiten genug, die eine ebenso populäre Handhabung zulassen und fast dazu einladen. Dergleichen Zeug mit solchem Eigendünkel vorzubringen, – ohne ihn aber würde es ganz unmöglich sein, – kann allein durch sein Publikum begreiflich sein, das wie sonst aus Leuten bestand, die noch gar nicht orientiert waren, so jetzt aus solchen, die ganz desorientiert sind und alle Substanz verloren haben, wie sich auch vor kurzem auf einem andern Felde hinreichend gezeigt.

(…)

Schelling an Hegel 

München 11. Jan. 1807

(…)

Auf Dein endlich erscheinendes Werk bin ich voll gespannter Erwartung. Was muß entstehen, wenn Deine Reife sich noch Zeit nimmt, ihre Früchte zu reifen! Ich wünsche Dir nur ferner die ruhige Lage und Muße zur Ausführung so gediegener und gleichsam zeitloser Werke.

(…)

Hegel an Schelling

Bamberg, den 1 May 1807.

(…)

Meine Schrift ist endlich fertig geworden, aber auch bei der Abgabe von Exemplaren an meine Freunde tritt dieselbe unselige Verwirrung ein, die den ganzen buchhändler- und druckerischen Verlauf, so wie zum Teil die Komposition sogar selbst beherrschte. Aud diesem Grunde hast Du noch kein Exemplar von mir in Händen; ich hoffe es aber soweit doch noch bringen zu können, daß Du bald eines erhältst. Ich bin neugierig, was Du zur Idee dieses 1sten Teils, der eigentlich die Einleitung ist – denn über das Einleiten hinaus, in mediam rem, bin ich noch nicht gekommen, sagst. – Das Hineinarbeiten in das Detail hat, wie ich fühle, dem Ueberblick des Ganzen geschadet; dieses aber selbst ist, seiner Natur nach, ein so verschränktes Herüber- und Hinübergehen, daß es selbst, wenn es besser herausgehoben wäre, mich noch viele Zeit kosten würde, bis es klarer und fertiger dastünde. – Daß auch einzelne Partien noch mannigfaltiger Unterarbeitung, um sie unterzukriegen, bedürften, brauche ich nicht zu sagen, Du wirst es selbst nur zu sehr finden. – Die größere Unform der letztern Partien [betreffend] halte Deine Nachsicht auch dem zugute, daß ich die Redaktion überhaupt in der Mitternacht vor der Schlacht bei Jena geendigt habe. – In der Vorrede wirst Du nicht finden, daß ich der Plattheit, die besonders mit Deinen Formen soviel Unfug und Deine Wissenschaft zu einem kahlen Formalismus herabtreibt, zu viel getan habe. – Uebrigens brauche ich Dir nicht zu sagen, daß, wenn Du einige Seiten des Ganzen billigst, dies mir mehr gilt, als wenn andre mit dem Ganzen zufrieden oder unzufrieden sind. So wie ich auch niemand wüßte, von dem ich diese Schrift lieber ins Publikum eingeführt und mir selbst ein Urteil darüber gegeben werden wünschen könnte.

(…)

Schelling an Hegel 

München, den 2. Nov. 1807

Ich schicke Dir hier eine Rede, die vor einiger Zeit von mir gehalten worden. Du wirst sie beurteilen, wie solche Gelegenheitsreden, die für ein größeres Publikum berechnet sind, beurteilt sein wollen.

Du hast lange keinen Brief von mir erhalten. In Deinem letzten versprachst Du mir Dein Buch. Nachdem ich dieses erhalten, wollt‘ ich es lesen, eh ich Dir wiederschriebe. Allein die mancherlei Abhaltungen und Zerstreuungen dieses Sommers ließen mir weder die Zeit noch die Ruhe, die zum Studium eines solchen Werkes erforderlich sind. Ich habe also bis jetzt nur die Vorrede gelesen. Inwiefern Du selbst des polemischen Teils derselben erwähnst, so müßte ich, bei dem gerechten Maß der eignen Meinung von mir selbst, doch zu gering von mir denken, um diese Polemik auf mich selbst zu beziehen. Sie mag also, wie Du in dem Briefe an mich geäußert, nur immer auf den Mißbrauch und die Nachschwätzer fallen, obgleich in dieser Schrift selbst dieser Unterschied nicht gemacht ist. Du kannst leicht denken, wie froh ich wäre, diese einmal vom Hals zu bekommen. – Das, worin wir wirklich verschiedner Ueberzeugung oder Ansicht sein mögen, würde sich zwischen uns ohne Aussöhnung kurz und klar ausfindig machen und entscheiden lassen; denn versöhnen läßt sich freilich Alles, Eines ausgenommen. So bekenne ich, bis jetzt Deinen Sinn nicht zu begreifen, indem Du den Begriff der Anschauung opponierst. Du kannst unter jenem doch nichts anderes meinen, als was Du und ich Idee genannt haben, deren Natur es eben ist, eine Seite zu haben, von der sie Begriff, und eine, von der sie Anschauung ist.²

(…)

*    *    *

JR : Ich habe in meiner Wiedergabe kleine Korrekturen des Herausgebers, die auf der Hand liegen, nicht vermerkt, und aus den erläuternden Anmerkungen zitiere ich jetzt nur die nach dem letzten Satz (s.o.):

²)  Von einigem Interesse ist Schellings Bemerkung an Windischmann (30. VII. 1808), den späteren Rezensenten der „Phänomenologie des Geistes“ in der J.A.L.Z. (….) über Hegels Werk: „Ich bin neugierig, was Sie mit H e g e l anfangen. Mich verlangt zu sehen, wie Sie den Weichselzopf entwirrt haben; hoffentlich haben Sie diesen nicht von der gottesfürchtigen Seite genommen, so unrecht es wäre, ihm andernteils die Art hingehen zu lassen, womit er, was seiner individuellen Natur gemäß und vergönnt ist, zum allgemeinen Maß aufrichten will.“

*    *    *

Quelle Briefe von und an Hegel Band I: 1785-1812 / Herausgegeben von Johannes Hoffmeister / Philosophische Bibliothek Band 225 Dritte, durchgesehene Auflage 1969 / Felix Meiner Hamburg 1952 / Lizenzausgabe Franz A. Taubert Bad Harzburg 1991

Näheres zum Hintergrund bei Klaus Vieweg (Hegel C.H.Beck München 2019) Seite 248 ff „Die Wege von Hegel und Schelling trennen sich“.

ZITAT

Die Differenz zwischen dem Schellingschen und dem Hegelschen Idealismus treten allmählich hervor, Risse sind entstanden. Der mit der Phänomenologie des Geistes vollzogene ‚immerwährende Abschied von der philosophischen Denkweise Schellings‘ (Eduard Gans) kündigt sich an. Schelling hatte den Ausbau eines zusammenhängenden Systems auf logischer Grundlage nicht konsequent verfolgt; er verharrt beim intellektuellen Anschauen und verwirft die Erkenntnis des Absoluten auf logischem Wege, obschon er durch Hegel Bausteine einer anderen als der traditionellen, formalen Logik kennengelernt hatte. Hegel strebt eine logisch gestützte Architektur seiner Philosophie an. Die Zeit verlangt eine neue Logik als Metaphysik, das Absolute kann allein in der Philosophie, im begreifenden Denken ausgesprochen und zureichend dargestellt werden (GW 5, 370 ff.).

*    *    *

ZITAT aus dem zu Anfang angegebenen Wikipedia-Artikel, damit ein geheimer Zusammenhang mit unserem nächsten Beitrag gewahrt sei:

Die Vorrede beginnt mit Hegels manchen Leser sicher überraschenden Enttäuschung der üblichen Erwartung an eine Vorrede, dass sie nämlich Absichten und Ergebnisse der Forschungsarbeit des Autors skizziere und sich von allen früheren falschen Darstellungen anderer abgrenze und distanziere. Seine darüber hinausgehende Vorstellung von philosophischer Wissenschaft macht Hegel zunächst bildlich durch den Vergleich mit dem Wachstum einer Pflanze deutlich und lässt damit zugleich erfahren, was er in seiner Vorrede beabsichtigt, nämlich die schrittweise Hinführung des Lesers zu seiner ungewohnten dialektischen Denkweise, ohne die seine Wissenschaft nicht verstanden werden kann:

„Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.“

Im ORIGINAL:

Humor und Virus

Nichts zu lachen

Ich kann es mir nicht entgehen lassen: wenn es schon nichts zu lachen gibt („in diesen Zeiten“), so möchte ich doch wissen, wie das gewesen wäre, wenn man doch gelacht hätte. („Humor ist, wenn man trotzdem …“) Jemand hat mich auf einen Artikel aufmerksam gemacht (danke, JMR), und ich habe ihn ernsthaft studiert, da ich schon seit längerer Zeit grüble, ob das Lachen nicht nützlicher ist als das Grübeln, oder ob beides noch nicht einmal durch die Beziehung der Gegensätzlichkeit miteinander verbunden ist. Ja, gewiss: Grübeln ist ein sinnloses Kreisen um eine fixe Idee, nach deren Lösung man gar nicht ernsthaft verlangt. Es ist nichts als ein Bohren in der Wunde, und während ich das formuliere, spüre ich, dass solche Sentenzen einem müßigen Zeitvertreib entspringen. Ist denn der Gegensatz des Lachens nicht vielmehr das Weinen? Wohl kaum, denn das Lachen ist kurz, das Weinen braucht Zeit. Das Lachen erschöpft sich (man kann aber auch immer aufs neue über eine komische Situation lachen, wenn es z.B. weniger mit einer verbalen Pointe zu tun hat als mit einer Filmszene) Das Weinen hat mit der Unauflösbarkeit einer Situation zu tun und erneuert sich wie von selbst, so lange man trüben Sinnes ist. Das andauernde Lachen hat eher mit Einfalt zu tun. Nein, die beiden Gemütslagen haben zumindest in ihrer Dynamik wirklich nichts miteinander gemein.

Man kann über eingebildete Krankheiten lachen, aber nicht über wirkliche Leiden.

Dies sind nur Präliminarien, und sie haben nicht unbedingt mit dem Artikel zu tun, der das Lachen mit dem Coronavirus zusammenbringt. Aber sie wecken eine gewisse Bereitschaft, Widersprüche aufzuspüren. Hoffe ich. Der/die Lesende mag anders entscheiden. („Über sowas lacht man nicht!“) Da steht sogar, dass gerade der Humor Zeit und Distanz braucht.Und ich dachte, er äußerte sich – wenn er einmal zündet – geradezu explosiv.

ZITAT aus der Süddeutschen Zeitung 

Witze in der Corona-Krise:„Humor ist das Antidot zur Moral“

Helfen Witze gegen die Panik angesichts des Coronavirus? Und ab wann können sie schaden? Ein Gespräch darüber, welche Funktion Humor jetzt hat – nämlich keine.

Der Zürcher Soziologe Jörg Räwel hat vor ein paar Jahren das Buch „Humor als Kommunikationsmedium“ geschrieben. Ein Gespräch über Witze in Zeiten der Corona-Pandemie und die grundsätzliche Funktion von Humor – nämlich keine.

SZ: Herr Räwel, was ist denn Ihr Favorit unter den Corona-Witzen?

Jörg Räwel: Nun, viele von den Scherzen, die ich im Zusammenhang mit Corona geschickt bekommen habe, sind doch recht ordinär. Was mich aber immer noch zum Schmunzeln bringt, ist ein Plakat der Satirepartei „Die Partei“. Es gab dort den Aufruf „Hand in Hand gegen das Coronavirus: Menschenkette am 30.02.“

Was macht diesen Witz für Sie so lustig?

Es ist sehr durchdachter Humor – eine Reflexion über unser instinktives Verhalten, das oft von Moral gesteuert ist. Diese Menschenkette spiegelt ja manch plötzlichen Anflug von Solidarität und „guter Moral“ wider, die die Gesellschaft in Krisen überkommt. Dieser moralische Impuls wird durch das Plakat aufs Korn genommen. Humor ist das Antidot zur Moral, die ja eher unmittelbar und unüberlegt auf ein Ereignis reagiert. Für Humor dagegen braucht man Zeit und Distanz. Humor ermöglicht Abstand.

Weiterlesen HIER.

Proust-Erinnerung

Vom Geschmack (Geruch) der Vergangenheit

Wer noch nie Marcel Proust gelesen hat, nicht einmal wenige Seiten, der hat doch zumindest vom Madeleine-Erlebnis gehört, das wie ein psychologisches Faktum weitergereicht wird: der Geschmack eines Gebäcks, von dem man kostet, nachdem man es in den Tee getaucht hat, löst eine ferne Erinnerung aus. Diesen Geschmack kennt man aus der Kindheit und damit ist eine Brücke geschlagen, die Situation von damals scheint plötzlich wieder greifbar nah und löst einen wehmütigen Schock aus.

Mir ist dazu meist etwas leicht Unpassendes eingefallen, der Stallgeruch nämlich, der mich wohlig umfing, wenn ich das Haus meiner Großeltern von der Gartenseite aus betrat; die Tür dort war fast nie verschlossen, weil niemand unbefugt das Grundstück hätte betreten und schon gar nicht von dort aus in den Kuhstall vordringen dürfen. Uns Enkelkindern war es erlaubt, hier begann unsere Zeit der Freiheit auf dem Lande. Mein erster Weg war – vorbei an den Kühen – zu dem Koben, in dem das Schaf stand, das ich mir persönlich zuordnete; es trug den Namen, den ich ausgesucht hatte: Molli. Ich kannte es aus der Zeit, als es ein Lämmchen war, aber diese Geschichte wäre jetzt zu lang, der Name stammte jedenfalls aus einem Kinderbuch, das ich bis heute aufbewahrt habe. Aber ich brauche eigentlich nur den Geruch, und er muss nicht einmal auf die Nuance genau stimmen; es genügt, wenn ich an einem Zirkus vorübergehe, der mit Pferden arbeitet: schon ist die Kindheit wieder da.

Bei Marcel Proust ging es feiner zu, aber ich glaube, der Dichter hätte meine Erinnerung genau so sorgfältig behandelt wie den Duft des Tees, den Geschmack der Madeleine bei seiner Mutter bzw. einst bei Tante Leonie. Im folgenden Artikel ist detailliert davon die Rede.

ZITAT

Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zählt zu den Klassikern gastrosophischer Literatur. Gastautorin Martina Kopf erklärt uns noch einmal warum – selbst wenn der Tee nicht schmeckt.

https://www.tartuffel.de/artikel/proust-vom-geschmack-der-vergangenheit/ HIER

Autorin: hier

Angenommen, ich wollte eine ähnliche Verbindung zur Kindheit evozieren, gäbe es viele Punkte, um anzudocken, und ich könnte sie wohl auch, wenn ich der Phantasie freien Lauf ließe, in einen quasi numinosen Rang erheben. Ich bemerke einerseits den Drang, sie realitätsgerecht zu datieren, und könnte mich dabei auf alte Briefe oder Kalendereinträge stützen, bin aber andererseits oft entsetzt, wie naiv ich in jener Zeit dachte: ich will so nicht gewesen sein, obwohl mir das was ich im „aktuellen“ Kopf aufrufe, durchaus mit dem Kopf von damals in einem engen, ernstzunehmenden Konnex zu stehen scheint. Wie merkwürdig das kleine Buch vom „Schäflein auf der Weide“ den Sprung vom Lande nach Bielefeld geschafft hat, die Aufschrift Große Kurfürstenstraße stammt wohl von meinem Vater, den Stempel Paulusstraße 30 habe ich selbst hineingedrückt, als ich mindestens schon 10 war, „mein“ Schaf Molli war längst eine Erinnerung, wir trafen uns in Misburg wieder: mein Großvater mütterlicherseits hatte es wider jede Hoffnung an die Familie der „anderen“ Großmutter verkauft, es gehörte jetzt zum wilden Paradies „Am alten Saupark“, wo ich gerne Ferien verbrachte. Das Gefühl, die Mutter zu verlieren, war mir bekannt, ein entsprechendes Bilderbuch gab es auch: „Vom Engelchen, das seine Mutter suchte“. Und im Schulbuch meines Bruders las ich die kurze Geschichte eines Kindes, das vergessen hatte, wie die Mutter aussah; weinend eilte es nach Hause, um sich zu vergewissern, ob sie noch existierte und konnte beruhigt in die Schule zurückkehren. Für mich jedoch blieb die Vorstellung ein Quell der Beunruhigung, es musste ja nicht immer so ausgehen. In diesem Bilderbuch nun war ich mal das Schäfchen, mal der wachsame Schäferhund. Letztenendes ging ich selbst verloren. In der Wirklichkeit entstand plötzlich ein dünnes Gefühlsband zwischen den beiden Familienstämmen aus Pommern und aus Westfalen…

 

Das Büchlein barg – bei scheinbarer Idylle – für das Kind eine mythische Dramatik: ein wolfsähnlicher Feind-Hund taucht auf, das Schäfchen verirrt sich in der Natur. Das einzige Bild, das ich abgepaust habe (damals große Mode unter Kindern), war das mit der Eule im nächtlichen Walde. Vielleicht um die Angst zu bannen?

 Von der Angst im Unbekannten Ein Schein von realem happy end

Mollis Übergabe in Misburg 1948, sie lernt die dort ansässige Ziege Röschen kennen.

Der Krieg und die Flucht der Familien aus Pommern (und aus dem Harz) liegen erst drei Jahre zurück. Die einzige Westfälin auf diesem Foto ist meine Mutter (die zweite von rechts) und eben – Molli.

Und wie komme ich nun auf große Literatur?

*     *     *

Schwer zu sagen, warum einige Jahre später mit neuen Sehnsüchten und Empfindungen auch  wieder diffuse Todesgedanken auftauchen, Verlustängste, und zwar deutlicher, dringlicher als in den Tagen der Kindheit, als sie mit dem Eintreffen (oder der Gegenwart) der Mutter beschwichtigt wurden. Jetzt, mit der Nähe eines anderen (ungewissen) Ichs ist man sich auch des eigenen Ichs noch weniger sicher. So erkläre ich mir, dass ein bestimmtes Gedicht mich intensiv beschäftigte, und – schwer zu deuten – doch zugleich Widerstand leistete und mich im Stich zu lassen schien. Kein Trost. Gedanken eines anderen, die mir sagten, dass es keinen Ausweg gebe. Und es ging nicht mehr um die Mutter.

Hier

Die Anfangszeilen habe ich von Anfang an geliebt, selbst als ich noch nie Atem zum Erinnern auf den Wangen gespürt hatte, nur wünschte, dass es soweit kommen möge.

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

In den nächsten Zeilen hätte ich zugestimmt, fand aber das Wort „grauenvoll“ etwas übertrieben. Dann: dass mir mein Ich von einst so fremd sein könnte „wie ein Hund“, – nein, warum gerade dieses Wort, da ich doch dazu neigte, mich jedem Hund, jeder Katze irgendwie nahe zu fühlen. Auch der Vers mit dem Totenhemd behagte mir nicht. Noch weniger der mit dem eignen Haar, das man allzuleicht verliert. Gewiss, die Ahnen und mein Ich – vor hundert Jahren, – das konnte passen, damals wie heute.

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, 
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: 
Daß alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, 
Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war 
Und meine Ahnen, die im Totenhemd, 
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.

Die anderen Versgruppen unter II und III habe ich mir ganz und gar nicht zueigen gemacht. Der Traum ein Leben, das Leben ein Traum, sowas war mir zu literarisch, außer bei Tschuangtse. Aber ich hätte das vielleicht nicht laut gesagt, nur darauf hingewiesen, dass es von Rilke und Trakl Gedichte gab, die für mich von der ersten bis zur letzten Zeile der Wahrheit entsprachen.

Zu Proust: Sobald Erich Köhler im Zusammenhang mit Proust auf „Zeit und Erinnerung“ kommt, spricht er über Mutter und Großmutter, die im Roman zu einer einzigen Person zusammenfließen, zugleich aber auch von einer Beschämung. Ich halte an und und versuche zu verstehen, warum ich „in eigener Sache“ zu anderen Folgerungen komme: da gibt es auch ein Schuldgefühl, das aber bei näherer Betrachtung auf einer Schuld der anderen beruht, zwei Bestrafungsaktionen, Erziehungsmaßnahmen, Demütigungen, die ich heute keineswegs billige, als Viereinhalbjähriger (Mutter) oder Achtjähriger (Vater) aber natürlich nicht im geringsten in Frage gestellt habe. Das Schuldgefühl kommt daher, dass ich, sobald ich die (unbezweifelbare) Liebe meiner Eltern in Erinnerung rufe, unweigerlich sofort um diese Szenen kreise. Dies nur zur Erklärung, wenn ich – von Prousts Schuldgefühlen lesend – ohne jede Empathie bleibe und seine Erinnerungstheorie, die ich vor 50 Jahren für bare Münze genommen habe, gleich mit kritisiere. Hier das entsprechende Zitat:

Proust hat seiner Mutter in der Recherche ein Denkmal gesetzt, an dessen Erstellung die tiefste Verehrung eines seelisch immer irgendwie ein Kind gebliebenen Mannes und das Schuldgefühl eines höchst sensiblen Erwachsenen beteiligt sind. Ihr Bild ist auf zwei Personen verteilt: Marcels Mutter und Großmutter. Immer, wenn Marcel an die letztere denkt, nimmt er mit Beschämung wahr, daß diese Erinnerung kein tiefes Gefühl in ihm wachruft, daß selbst das Ich, das die Großmutter liebte, tot ist. Als er jedoch beim zweiten Aufenthalt in Balbec im Hotelzimmer sich bückt, um sich seiner Schuhe zu entledigen, weitet sich plötzlich die Brust durch die Gegenwart des Wesens, das ihm einst im gleichen Zimmer, als er ebenso körperlich leidend war wie jetzt, beim Ausziehen behilflich war. Das zärtliche, besorgte Gesicht der Großmutter ist wieder gegenwärtig als „lebendige Wirklichkeit in einer unwillkürlichen Wieder-Erinnerung“.    „Das Ich, das ich damals war, so lange entschwunden, war mir aufs neue ganz nahe.“ Freilich, jetzt erst wird Marcel ganz bewußt, daß er die Großmutter verloren hat, jetzt erst ist ihr Tod wirklich, gemäß jenem „Anachronismus, der es so oft verhindert, daß der Kalender der Tatsachen sich mit demjenigen des Gefühls deckt“.

Quelle Erich Köhler: Marcel Proust ZITAT a.a.O. Seite 43 / und weiter hier:

Damals habe ich das so übernommen, wie ich es las: „Das Ich, das ich damals war, so lange entschwunden, war mir aufs neue ganz nahe.“ So bei Proust, und ich las es als Überbietung, nein, Korrektur der Hofmannsthal-Verse: „Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, / Herüberglitt aus einem kleinen Kind / Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.“ Und dachte auch an Rimbaud’s „Je suis un autre“. Habe ich es vielleicht nur hingenommen, weil es zur Moderne gehörte, zur Zersplitterung jedes höheren Zusammenhangs. Und genauso hätte ich es bei Erich Köhler verstanden:

Der psychische Pluralismus ist auch ein solcher der Zeit. Den Ich-Parzellen entsprechen die Zeit-Parzellen, dem vase clos des Ich der temps clos. Da bereits das Ich des nächsten Augenblicks unvorhersehbar, die Zukunft daher verschlossen ist, kann eine Gewißheit nur in der Vergangenheit aufgesucht werden. der versuch freilich, sie durch eine Anstrengung des Willens wieder lebendig werden zu lassen, scheitert, weil das evozierte einstige Ich durch die Vorstellungen des gegenwärtigen Ich verfälscht wird. Es bedarf einer spontanen Erinnerung, um das dem Vergessen anheimgefallene einstige Ich aus dem Unterbewußten wieder zu erwecken. Die Leistung der mémoire involontaires ist es, durch das „Wunder einer Analogie“ ein vergangenes mit dem gegenwärtigen Ich in eine Beziehung zu setzen, die den Inhalt beider als wahr und wirklich erweist, eben weil die Wiedererweckung über eine Sinnesempfindung und ohne Zutun des Willens erfolgt. Der Zufall ist der „Stempel ihrer Authentizität“. [s.o. Köhler Seite 44]

Ich muss mühsam den Gedanken an die Inthronierung des Zufalls bei John Cage zurückdrängen („keine likes oder dislikes“!). Warum will ich denn partout jede konstruktive Nachhilfe des menschlichen Gehirns ausschalten, als könne ich verhindern, dass der Zufall nicht sogleich wieder einer ähnlichen Prozedur unterzogen wird? Woher die manische Suche nach Erlebnissen des Eintauchens, nur um Gottes willen – ohne der Selbsttäuschung Vorschub zu leisten, allein der Zufall soll gelten!

Daß die Momente des Erinnerns und des Erinnerten analog bis zur Identität sein können, ist die Signatur ihrer Realität: Sie erschließen die „Essenz der Dinge“.  Erkennen wird nur durch Wieder-Erkennen möglich. Die wiedererinnerten Ichs und ihre Koordinaten von Zeit und Raum setzen in die Nacht der Vergangenheit Lichtpunkte, die dem rückschauenden Blick die anders immer verschlossene Wahrheit über die eigene Person und seine Erfahrungen erhellen. [a.a.O.]

Wieso kann man nicht – statt der „Essenz“ den grundlegendsten philosophischen Gedanken in Erwägung ziehen, seine Gültigkeit anerkennen, und das Leiden daran gerade nicht aufheben zu wollen, weil es zugleich unser größtes Glück beinhaltet: die Freiheit.

Ich rede von der Subjekt-Objekt-Spaltung. Hier stehe ich mit hellem Bewusstsein und dort trifft es auf einen Gegenstand, mit dem ich nicht eins werden kann. Es sei denn, ich lösche es aus, – vielleicht mit einem Liter starken Weins? Will ich das denn? Wache ich nicht morgen früh wieder auf, froh, in den Zustand der Spaltung zurückzukehren?

Ich bin zweifellos mehr auf der Seite der Philosophie als auf der des Dichters. Und Köhler selbst schreibt: Proust

verwahrte sich gegen die Auffassung, daß sein Roman eine künstlerische Illustration der Philosophie Henri Bergsons sei. In der Tat ist Prousts atomistische Zeitauffassung grundverschieden von Bergsons „Dauer“, die Diskontinuität der „inneren“ Zeit steht im Widerspruch zu Bergsons „Lebensstrom“, mit dem die Vergangenheit unaufhörlich in die Gegenwart einströmt, also nicht „verloren“ ist und keiner mémoire involontaire zu ihrer Wiedererweckung bedarf. Bergsons dynamische Lehre verhieß eine Freiheit, für welche die deterministische Psychologie Prousts keinen Raum ließ.

Eine Freiheit anderer Art, letztlich diejenige der Kunst, hat Proust durch die Entdeckung der mémoire involontaire gewonnen. Die unerwartete, plötzliche Wiederbegegnung mit dem einstigen Ich, für welche Marcel eine immer größere Bereitschaft mitbringt, setzt den großen Gegenspieler, die verfließende, unumkehrbare Zeit, außer Kraft.

Für diese subkutane Ermunterung, Prousts „Philosophie“ als die eines Dichters nicht  allzu verbindlich aufzufassen, darf man Köhler dankbar sein. Ich kehre also gestärkt zu Hegel zurück, dessen erstes „Pänomenologie“-Kapitel genau das zu klären sucht, was ich hier (nach Karl Jaspers) als Subjekt-Objekt-Spaltung bezeichnet habe. Ich vermute, dass Proust bei aller Hochschätzung seines Scharfsinns – doch näher am „populären Denken“ steht – einem „realistischen“ Prinzip – wie wir es bei Hegel gründlich beschrieben finden, und das tatsächlich für den Schriftsteller eine geradezu unvermeidbare Attraktion behalten muss. Bei Hegel aber beginnt die Schwierigkeit damit: zu begreifen, dass diese Subjekt-Objekt-Spaltung nicht etwa überwunden oder harmonisiert werden kann oder soll, sondern – dass sie gar nicht vorhanden ist, das Objekt ist im Subjekt enthalten und umgekehrt: das Objekt ist selber ein Subjekt. Ein reziprokes Verhältnis wie Herr und Knecht.

Memento: nicht das principium individuationis verwechseln mit dem Begriff der Subjekt-Objekt-Spaltung, was ja durchaus denkbar wäre, wenn man das Individuum dem Anderen gegenübergestellt sieht, als Ent-zweiung. Man bedenke diesen Satz:  „Die Frage nach dem Individuationsprinzip wird in allen Philosophien zum Problem, die nicht anerkennen, dass die objektive Realität grundsätzlich durch konkrete und individuelle Formen existiert, insofern sie das Allgemeine als das Ursprüngliche überbewerten und als den eigentlichen Seinskern im Seienden ansehen.“ Ein guter Satz!!! Siehe Wikipedia hier.

Schopenhauer dagegen: Vorstellung und Objekt, die eben eines sind…

Arthur Schopenhauer: Welt als Wille und Vorstellung Erstes Buch § 5

Geduld mit Hegel (Lesen lernen)

Nicht von dieser Welt?

Zitat

Am schönsten ist die Antithese und steigt am höchsten, wenn sie beinahe unsichtbar wird. „Es braucht viel Zeit,“ sagt Gibbon, „bis eine Welt untergeht – weiter aber auch nichts.“ Im ersten thetischen, nicht unfruchtbaren Satze wurde Zeit als bloße Begleiterin einer unbekannten Welten-Parze aufgeführt; – auf einmal steht sie als die Parze selber da. Dieser Sprung der Ansichten beweist eine Freiheit, welche als die schönste Gabe des Witzes künftig uns nähertreten soll.

Ich habe zwei belanglose Veränderungen in diesem Zitat angebracht (man wird sie nicht bemerken), aber es ist genau diese Stelle, die mich zu weiterer Lektüre verführt. Eines Buches, das ich nicht besitze (sondern im Internet aufgeschlagen habe). Schlauberger wissen sofort, wovon ich rede, indem sie unverzüglich einen Halbsatz – z.B. diesen: „Am schönsten ist die Antithese und steigt am höchsten“ – bei Google eingeben, aber ich will ja doch nur, dass man nicht gleich erkennt, aus welcher Zeit der Satz stammt. (Obwohl doch das Wort Parze sofort weit zurück verweist.)

Nur zur Sicherheit, – der bloß thetische Satz wäre wohl dieser: „es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht“.

Ich weiche der Schwierigkeit Hegels aus, der eigenen Naivität (These-Antithese-Synthese) und denke: mit Witz hat er doch wohl am wenigsten zu tun. Jedenfalls werde ich später zum Ausgangspunkt zurückkehren und vielleicht alles aufklären.

Um mit der Wahrheit (im alltäglichen Sinne) herauszurücken: da ist ein neues Hegel-Buch und damit zugleich ein Bewusstsein (im alltäglichen Sinne), was mir wo am Zugang fehlt und was ich weder ahnen noch ohne weiteres erarbeiten kann. Anspielungen oder Befremdlichkeiten, die mir gleich die ganze – mit Sinn – schwierige Umgebung suspekt machen oder gemacht haben (z.B. die Schädellehre!). Ich zitiere und rücke direkt darunter die Quelle doppelt ans Licht:

 

Heute, in Zeiten einer grassierenden Pandemie, könnte die Todesursache eines so klugen Mannes interessant sein. Wikipedia schreibt:

Hegel starb 1831. Es werden zwei Todesursachen genannt: Mehrheitlich heißt es, er sei an der in Berlin wütenden Cholera-Epidemie gestorben. Jüngere Forschungen vertreten jedoch auch die Ansicht, Hegel „starb […] wahrscheinlich an einem chronischen Magenleiden und nicht an Cholera, wie die offizielle Diagnose lautete“.

Bei Klaus Vieweg steht in Anmerkung 505 (Seite 787), die Todesursache sei bislang noch ungeklärt. (Neues dazu jedoch von Karl Heinz Götze im Merkur Juni 2020 hier!)

Ich bin dankbar zu erfahren, dass der Text der „Phänomenologie“ (1807) voller Anspielungen ist, die ich unmöglich verstehen kann, weil ich z.B. Jean Paul immer aus dem Weg gegangen bin, obwohl ich gern – Robert Schumann zuliebe – eine Neigung entwickelt hätte. Was weiß ich vom Schachspiel? Auch hier bin ich immer ausgewichen, wahrscheinlich weil ich glaubte, keine Zeit zu haben.

ZITAT

Hegel setzte sich entschieden für ein Ehrendoktorat für Jean Paul ein. Am 18. Juni 1817 wird die Urkunde offiziell an den neuen Doktor der Philosophie und der freien Künste übergeben, begleitet von einem Fackelzug der Studenten. Hegel möchte ein Zeichen für die moderne Poesie und eine moderne Kunstphilosophie jenseits von Romantik und Klassizismus setzen; dafür eignet sich Jean Paul hervorragend. Er gilt erstens neben Hippel als wichtigster Vertreter des von Laurence Sterne begründeten Romantypus, zweitens als ein herausragender Repräsentant des Komischen, eines modernen Humors, der für Hegel höchsten Ausdrucksform freier Kunst – köstliche Exempel sind etwa Schulmeisterlein Wutz, Siebenkäs und die Reise nach Flätz. (Vieweg S.431)

Quelle des Textes am Anfang dieses Artikels: Jean Paul: „Vorschule der Ästhetik“ (1804), deren gesamter Text (Zeno) hier, direkt zur oben zitierten Stelle: hier

Ausgerechnet unmittelbar nach der Entdeckung eines ersten Druckfehlers in Viewegs Hegel-Buch (S.280 „Hegel sticht in ein Nest performativer Widersprüchen des skeptischen Selbstbewusstseins, dessen Worte und Tun widerstreiten.“) muss ich beginnen abzuschreiben (und – recht glücklich – nochmals auf Jean Paul verweisen):

Das skeptische Selbstbewusstsein ‚vergisst‘ den Selbsteinschluss. Man kann ihm den Spiegel vorhalten und ihm sein doppeltes Antlitz zeigen, aber wie der in sein Spiegelbild verliebte Narziss ertrinkt er in dem sein Eebenbild zeigenden See. Die Grundverfasstheit dieser Gestalt, das Relationale, das Duale kehrt Hegel gegen sie und konfrontiert sie mit ihrem eigenen Status. In der Mitte der Phänomenologie als einer grand diablerie, einer großen Höllenfahrt, waltet das Diabolische in reiner Form. Der Teufel, der Zweite aus der Ur-Teilung als Personifikation der Trennung, trifft auf den eigenen Advokaten. Auf einer Wanderung, so Jean Paul, habe der Teufel frecherweise Zweifel an seiner Existenz, Bedenken gegen die von ihm repräsentierte radikale, positivitätslose Negativität angemeldet. Die fürchterliche Waffe des Skeptizismus, die Kanone der Relativität, der Dualität, des Gegen-Satzes, richtet sich nun ‚kanonisch‘ gegen die Relativität selbst. Das skeptische Credo „Alles Wissen ist relativ“ findet konsequente Anwendung. Es muss sich selbst mit ‚einschließen‘, als ein die Allgemeinheit beanspruchender Satz verfängt er sich in den eigenen Fangarmen. Er verfällt der Relativität und muss damit selbst – wie es das skeptische Verfahren verlangt – seinen Gegensatz zulassen: „Alles Wissen ist nicht relativ, ist absolut“. Das Dilemma der doppelgesichtigen Gestalt und damit des Bewusstseins kommt an den Tag: Sobald vom Bewusstsein Wissensansprüche erhoben werden, negiert es sich zwingend selbst; es muss sich selbst aufheben – ein Bumerangeffekt. Durch die reine Negativität hindurch, durch den Teufel als den großen Weltschatten, zeichnet sich das Licht ab. Diese teuflische Ironie findet sich auch im antiken Skeptizismus: Mit der im Haupttropus der Relativität beanspruchten Exklusion des Absoluten – apolytos, nicht absolut – wird gerade die Inklusion der Absolutheit erforderlich. Dies gab einen Impuls für den Aufbau eines absoluten Idealismus.

Quelle Klaus Vieweg: HEGEL Der Philosoph der Freiheit ( C.H.Beck Müncjen 2019) Seite 281

Korrekterweise muss ich erwähnen, dass diese Textpassage nicht verständlich ist ohne Kenntnis der vorhergehenden – sagen wir – 20 Seiten, und gerade jene beflügeln mich, den Text abzuschreiben. Es wäre jedoch sinnlos, daraus eine Kurzfassung herzustellen. Stattdessen gebe ich das ein paar Seiten später entwickelte Bild von der „Wegstrecke“ wieder, samt dem Hinweis auf die „durchfahrenen Sphären“, die mich an Dantes Comedia erinnern.

Auf der kommenden Wegstrecke bis zum Religionskapitel werden die beiden Pole Gedanke und Gegenstand sowie ihre Einheit durchschritten sowie ihre Einheit fortbestimmt. Die zunehmende Komplexität führt zu einer wachsenden Unübersichtlichkeit der durchfahrenen Sphären. Die sukzessive Überwindung des Dualismus wird in einem die Dualität integrierenden Monismus dargestellt. Die Zweiheit des Subjektiven und Objektiven zeigt sich wie in einer ‚gedoppelten Galerie von Bildern‘, deren eine der Widerschein der anderen ist (GW 9, 170). Es können jetzt rückblickend zwei Hauptreihen freigelegt werden, diejenige des ‚Ich-Pols‘ und diejenige des ‚Gegenstand-Pols‘. Anfänglich stand ein einzelnes Ich einem einzelnen Diesem gegenüber; die erste und unterbestimmte Einheit kennzeichnet der Satz „Ich nehme wahr“. Dann opponierten Wahrnehmender und Ding, Verstand und Spiel der Kräfte als generierte Inter-Objektivität, woraus die Erfahrung der Identität des Gedankens in Form des Verstandes und des Gegenstandes erwuchs. Im Übergang zum Selbstbewusstsein ergab sich die Inter-Subjektivität in Form der wechselseitigen Anerkennung der Selbste, was wiederum die Einheit des Selbstbewusstseins induzierte, eine Einheit, die in ihrer Verdopplung sich mit dem Dualismus des Theoretischen und Praktischen verband. (… bis Seite 296)

Die Transformationsreihen der Gestalten des Bewusstseins verlaufen ‚parallel‘, in komplementärem Wechselspiel entfaltet sich ihre jeweilige Einheit, die Struktur des Geistes in seinen Entwicklungsstadien bis hin zur Aufhebung des Bewusstseinsmodells in der einzig vollständigen Identität, in welcher das Denken sich in seinem ureigenen Element findet.

Quelle Klaus Vieweg: HEGEL (wie vor) Seite 295 f

Während ich dies abschrieb, habe ich durchaus bemerkt, wie wenig von dem rüberkommt, was ich im Zusammenhang mit dem vorausgegangenen Text (ab Seite 259) wahrgenommen habe. Eine besondere Art von Glück. Aber es klingt hier wie eine leere Behauptung, fast lächerlich, wenn ich sage, dass dieses Studium endlich die Kant/Jaspers-Lektüre von damals auf einem neuen Niveau fortsetzt. Nicht zu vergessen: nach vielen Demütigungen. Wohlgemerkt: nicht durch andere, sondern durch diese beiden, Kant und Hegel. Und ich würde es nicht erlauben, dass jemand Trost spendet (oder findet), indem er sagt: Ist doch nicht schlimm, das war halt für eine andere Zeit gedacht. Wir leben inzwischen im Computer-Zeitalter. Und haben z.B. Reckwitz…

Richtig! Stimmt sogar.

*    *    *    

Soweit ich einstweilen sehe, ist nichts wichtiger, als dieses Kapitel recht in sich aufzunehmen. Und nicht zu schnell verstehen! (Daher die – inzwischen getilgte – Überschrift dieses Blogbeitrags: Zeit haben!) Man muss begriffen haben, was es mit dem gern herbeigerufenen „gesunden Menschenverstand“ auf sich hat. Das „realistische Prinzip“. Die tief innerlich gefühlte Unmittelbarkeit. Um es kurz zu sagen: gar nichts! Und wenn jemand erwartet, hier bei Vieweg werde Hegels dunkler Weg endlich hell und leicht gemacht, so sollte er dieses Kapitel mehrfach und immer noch einmal lesen, dann die ähnlichen Stellen bei Hegel selbst, bzw. in der alten Ausgabe der Phänomenologie des Geistes (1921) beginnend mit der Vorrede des Herausgebers Georg Lasson, etwa Seite XCVIII, also Einleitung, Kapitel II. oder aber in Hegels eigener Vorrede, etwa Seite 46 ff, wo es bündig heißt: „Dagegen im ruhigeren Bette des gesunden Menschenverstandes fortfließend, gibt das natürliche Philosophieren eine Rhetorik trivialer Weisheiten zum besten. (…) Letzte Wahrheiten jener Art vorzubringen, diese Mühe könnte längst erspart werden; denn sie sind längst etwa im Katechismus, in den Sprichwörtern u.s.f. zu finden.“

Ich erinnere mich, vor 4 Jahren schon einmal aus dieser Vorrede zitiert habe: da ging es um Kitsch, ja, es gefällt mir immer noch: hier.

Diese Philosophie ist aber keine, die aus einfachen Formeln gewonnen wird, auch nicht aus angeblich Hegelschen à la „These – Antithese – Synthese“, sondern indem man sich buchstäblich selbst auf den beschwerlichen Weg begibt, und das schon oben hervorgehobene Bild des Weges (die „durchfahrenen Sphären“) taucht immer wieder auf, auch als „Odyssee des Gedankens“ (Seite 265) oder als Kapitelüberschrift (Seite 269): „Zur Kartographie des phänomenologischen Weges“. Und ehe die folgende Seite nicht vollständig eingesehen wird, sollte man eigentlich nicht fortfahren. Obwohl man darauf vertrauen kann, dass auch später kurze Rückblenden eingebaut werden, die einem weiterhelfen oder zumindest davor bewahren, in das naive Räsonieren zurückzufallen.

Quelle Klaus Vieweg: HEGEL (wie vor) Seite 271

Man darf sich nicht vorwerfen, immer gleich im Anfang steckenzubleiben; es geht gerade um den Einstieg, der gelungen sein muss, um ihn guten Gewissens hinter sich zu lassen. Oder auch gerade nicht. Kein Pianist, der die Goldberg-Variationen übt, sagt: ich habe jetzt endlich das Thema ad acta gelegt. Dies im Sinn, kehre ich auch gern zur Einleitung meiner alten Ausgabe der Hegelschen „Phänomenologie“ zurück, übrigens der gleichen, die auch Adorno in seinen Vorlesungen benutzt hat. Auch er wird die Einleitung von Georg Lasson gut studiert haben, wenn auch nicht mit Rotstift… Sowohl Lasson wie auch Adorno und Hegel selbst wussten, wie das „populäre Denken“ geht: es ist schon im allerersten Ansatz nicht zu vergleichen.

 und weiter:

[Das populäre Denken in das philo]sophische hinüberzuleiten, das gemeine Bewußtsein so über sich selbst aufzuklären, daß es zum spekulativen Erkennen wird, ist nur in dem Sinne möglich, daß man dem populären Denken zumutet, von sich selbst gänzlich abzusehen, und daß man das gemeine Bewußtsein zwingt, von vorherein nicht sich selbst, sondern dem Gedankengang des reinen Begriffs zu vertrauen.

Und schon ist das Alltagsbewusstsein (das „populäre“ oder auch „gemeine“ = allgemein angewendete) zutiefst beleidigt und fängt an über das „spekulative Erkennen“ zu räsonieren, das endlich mal „vom Kopf auf die Füße“ gestellt werden müsse (soviel Marx kennt man immerhin, ansonsten kommt dann gleich die DDR). Ich kopiere jetzt die beiden nächsten Seiten und nehme sie als die notwendigen Etüden, ohne die man fürs erste (ohne Vieweg) vielleicht nicht weiterkommt. (Und mit ihnen auch nicht notwendigerweise, denn irgendwo enden z.B. meine damaligen roten Unterstreichungen im Nirgendwo…)

 fürs mehrfache Studium anklicken! Und:

es bleibt eine Zumutung

Angenommen, ich bin wieder steckengeblieben – was tun? Natürlich bin ich zu schnell vorangegangen, und es genügt nicht, halb zu verstehen, weiterzugehen und sich dabei zu ermuntern, der Rest werde sich schon im Nachhinein ergeben. Noch einmal, und viel langsamer, kein einziger Satz bei Vieweg soll unreflektiert zurückgelassen werden. Ich habe – verdammt nochmal! – 35 Seiten vor mir (Seite 271 bis 306), und ganz am Ende beteuert der Autor … „zweifellos hat Hegel mit der Phänomenologie des Geistes, seiner faszinierendsten Schrift, ein Jahrtausendwerk der Philosophie vorgelegt …“-  das will ich am Ende bestätigen können, soviel Zeit muss sein.

*    *     *

Also noch einmal – nachdem ich beim Thema Proust-Erinnerung wieder darauf gekommen bin – von Anfang an, und das wäre früher als eben angegeben, nämlich Vieweg Seite 261, bzw. jetzt schon Seite 262, es geht um Die Struktur des Bewusstseins:

Falls jemand denkend und sprechend Wissensansprüche erhebt, hat das wenigstens zwei basale Implikationen, die aber keine inhaltliche Vorannahme darstellen, erstens den Entschluss, an gerade diesem ernsten Spiel des Wissens teilzuhaben, und zweitens die einfache Grundstruktur des Bewusstseins selbst: Jemand unterscheidet sich von etwas ihm gegenüber Stehendem, einem ‚Gegen-Stand‘, auf den sich die erkennende Instanz bezieht, um Wissen von ihm als Gegenstand zu erlangen.

Den Nucleus dieses Paradigmas des Bewusstseins, die ‚Grundaufstellung‘ dieses Spiels, sieht Hegel im Verhältnis, in der Relation, in der Dualität (Zweiheit von Gedanken und Gegenstand, von Subjekt und Objekt, von Ich und Welt. Aufgrund der Unterscheidung beider ‚Instanzen‘, beider Pole der Relation, erfolgt logisch die Exclusion (Negation) der jeweils anderen Seite. Das schöne deutsche Wort ‚Gegenstand‘ verweist auf den ‚Gegen-Satz des Bewusstseins‘, auf die dem Gedanken negative ‚Gegenständlichkeit“ und die dem Gegenstand negative ‚Gedanklichkeit‘. Das Bewusstsein impliziert einen Widerspruch zwischen der Selbständigkeit beider Seiten und ihrer Einheit, ihrer Identität als zweier Seiten eines Einen, des Bewusstseins. Die Dualität, das Relationale, die Trennung von Gedanke und Gegenstand, der Widerspruch zwischen zwei eigenständigen Seiten ist dem Bewusstsein wesentlich eingeschrieben und bleibt seine beständige Grundcharakteristik, deren Dynamik ausbuchstabiert werden muss: Der Gegenstand kann erstens als Gegebenheit oder zweitens als Konstruktion verstanden werden. Im Blick auf das Gegebene, Vorgefundene setzt der Realismus ein positives, bejahendes Zeichen, der subjektive Idealismus hingegen ein negatives, im Blick auf die Konstruktion ist es umgekehrt. Den Gegensatz gibt es also in zwei Extremformen: In der ersten befindet sich der Gegenstand außer mir, als unmittelbar vorhandener oder gegebener, der nicht von meinem Wissen herrührt, unabhängig von mir existiert. In der zweiten gilt der Gegenstand nur als eine von mir geschaffene, innere Vorstellung.

Philosophisch gesprochen: Wenn ich mich im ersten Fall urteilend auf die Welt beziehe, so ist diese Welt eine unmittelbare, unabhängig von mir bestehende Gegebenheit – das Prinzip eines ursprünglichen Realismus. Im zweiten Fall setzt das Ich den Gegenstand, die Welt – das Prinzip eines konstruktionistischen, subjektiven Idealismus. Je isoliert befinden sich beide Varianten im Status des bloßen Behauptens, des Meinens, des Glaubens (belief). Das Bewusstsein muss von seiner Natur her notwendig zwischen den beiden Polen ’schwanken‘, zwischen den beiden Seiten in einem Wechselspiel ‚oszillieren‘.

Soweit das ganze Vieweg-Kapitel 3. Die Struktur des Bewusstseins

Ich unterlasse von vornherein Einwände, die auf der Hand liegen, also z.B. „Wie willst Du das denn wissen?“, „das ist doch noch gar nicht deduktiv eingeführt“, scheint mir „irgendwie aus dem Hut gezaubert“; ich vermute aber, dass es in mehreren Anläufen geschieht, und erst aus deren Überlagerungen ergibt sich etwas, das zu einer Methode des Fortschreitens führt; in dieser wird allmählich ein Sinn deutlich, der jedoch noch nicht in jedem kleinen Schritt beweisbar offenliegen kann. Es müsste nun Kapitel 4. Der Zusammenhang der Dimensionen des Programms folgen, und darin müssten sich die eben erwähnten, naheliegenden kritischen Einwürfe quasi von selbst auflösen. 

Zu Hegel

Nichts Neues

Als ich kürzlich in der Wochenzeitung DIE ZEIT auf eine HEGEL gewidmete Doppelseite stieß, wunderte ich mich, eine Frau zu erleben, die sich mit dem zentralen Paradigma „Herr und Knecht“ abgab, ohne ein paar Worte darüber zu verlieren, dass dieses Narrativ auch mit dem Gespann Herrin und Zofe funktionieren würde. Aber daran habe ich gemerkt, dass sie es ernst meinte, obwohl sie überhaupt nicht von diesem Gespann spricht, gleich ob männlich oder weiblichen Geschlechts. Denkbar wäre ja auch eine männlich/weiblich-Konstruktion, genannt Ehe. Kurz und gut, hier könnte sich die Chance bieten, Zugang zu Hegel zu bekommen und einmal sagen zu können, es sind Frauen, die mir in puncto Hegel weitergeholfen haben, ohne einen hochfahrenden Ton anzuschlagen. Und ein Wunder geschieht: Ich verstehe jeden Satz! Fast möchte ich sagen: als ob ich es selbst so hätte sagen können. Aber es war nun einmal jemand anders, eine andere.

Sie sagte:

Mit Hegels Hilfe möchte ich zeigen, wie wir Sozialität und Gewaltlosigkeit als Potenziale der heutigen Zeit verstehen können, die uns möglicherweise in die Lage versetzen, auch andere Potenziale zu bejahen, die unsere historische Gegenwart bereithält. 

Die Phänomenologie des Geistes beginnt mit der sogenannten „sinnlichen Gewissheit“, denn Hegel will die Erfahrung des Lesens mit dem einsetzen lassen, was scheinbar am unzweifelhaftesten ist – mit der sinnlichen Wahrnehmung. Die von den Sinnen gelieferten Gewissheiten erweisen sich zwar als unzureichendes Fundament der Erkenntnis, aber als ebenso unerlässlich für jede zukünftige Form des Wissens. In dem Maße, wie der Text voranschreitet und unsere Erfahrung des Lesens zu dem Ort wird, an dem jedes Argument zugleich entfaltet und demonstriert wird, entdecken wir, dass es eine Unnachgiebigkeit der sinnlichen Welt gibt, die sich ebenso wenig überwinden lässt, wie sich die Beharrlichkeit und Unnachgiebigkeit des Körpers in Hegels frühen theologischen Schriften überwinden ließ, es sei denn in Form von Selbstzerstörung und Tod.

In der Phänomenologie gewinnt der Tod eine zentralere Stellung im Verhältnis von Herr und Knecht, in dem zwei beseelte, lebendige und bewusste Gestalten ihrer Ähnlichkeit innewerden. Diese Anerkennung des eigenen Selbst als eines anderen oder des anderen als des Eigenen wird zum Ausgangspunkt dessen, was man Selbstbewusstsein nennt. Das heißt nichts anderes, als dass Selbsterkenntnis, verstanden als ein Zustand, in dem man sich selbst zum Gegenstand des Wissens macht (und wir sollten im Sinne Hegels hinzufügen: zu einem lebendigen Gegenstand des Wissens), gesellschaftlich ist. Selbstbewusstsein ist niemals vollkommen einsam; es ist abhängig von einer anderen Verleiblichung des Bewusstseins, was bedeutet, dass ich nur als soziales Wesen beginnen kann, über mich selbst nachzudenken. Es ist die Begegnung, die Selbstbewusstsein artikuliert, weshalb das Selbstbewusstsein per definitionem gesellschaftlich ist.

Anmerkung zum Absatz vorher: man könnte meinen, im vorletzten Satz liege ein Druckfehler vor (weil er auch auf „gesellschaftlich ist“ endet), – nein, verkürzt lautet er: Das heißt nichts anderes, als dass Selbsterkenntnis, verstanden als ein Zustand, in dem man sich selbst zum Gegenstand des Wissens macht (…), gesellschaftlich ist.

Merkwürdigerweise höre ich einstweilen gar nichts weiter über das Gespann „Herr und Knecht“ – vielleicht genügt es zum Verständnis des Problems, dass es ZWEI sind, – der Eine und der Andre? Ich zitiere aus einem anderen Text:

Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) braucht die Ausbildung des Selbstbewusstseins notwendig die Anerkennung durch ein anderes Selbstbewusstsein. In seiner „Phänomenologie des Geistes“ stellt er diesen Gedanken vor. Das Selbstbewusstsein ist dialektisch – es besteht aus zwei entgegengesetzten Komponenten: dem Herrn und dem Knecht. Der Herr ist dabei „für sich“, er genügt sich selbst und will diesen Zustand um jeden Preis erhalten. Der Knecht hingegen begehrt die Gegenstände der Sinnenwelt (zu denen der Herr keinen Zugang hat), weil er nicht körperlich arbeiten muss) und lebt in Furcht vor dem eigenen Tod. Vereinfacht könnte man sagen, der Herr steht für das absolute, der Knecht für das partielle, abhängige Selbst. Beide brauchen sich gegenseitig, da ihnen ohne den anderen etwas fehlt. Hegel beschreibt die Beziehung von Herr und Knecht als Prozess, stellenweise sogar als Kampf, in dem sich das Selbstbewusstsein in gegenseitiger Anerkennung der beiden Parteien formt. 

Was in Bezug auf die Bildung des Selbstbewusstseins noch sehr abstrakt klingt, wird anschaulicher, wenn man es auf die zwischenmenschliche Ebene überträgt. Wie Johann Gottlieb Fichte (1762-1840) darlegt, muss der Einzelne seinen Totalanspruch aufgeben, um in ein soziales Miteinander zu treten.

Nach einer kurzen Erfahrung der Wut und Enteignung scheint in der Begegnung aber leider der Entschluss zu fallen, den anderen zu zerstören. Und es gibt eigentlich nicht die Möglichkeit, zu sagen, dass der eine beschließt, den anderen zu zerstören, während der andere beschließt, sich zu verteidigen. Was mit dem einen geschieht, geschieht auch mit dem anderen. In diesem Augenblick befinden sich die beiden Subjekte in einem Kampf auf Leben und Tod, denn sie sind schockiert, auf ein anderes leibhaftiges Bewusstsein zu treffen, und müssen dieses andere zerstören, um das zurückzugewinnen, was Hegel „Selbstgewissheit“ nennt. Es stellt sich aber heraus: Wenn das andere zerstört werden kann, so kann dies auch dem einen widerfahren. Ihre Leben sind in diesem Sinne miteinander verflochten; die Strategie der Zerstörung bedroht unweigerlich beide. Anerkennung selbst ist immer eine gegenseitige und somit Kennzeichen einer sozialen Beziehung. Mein Leben ist nie allein mein Leben, weil mein Leben a) zu Lebensprozessen gehört, die mich übersteigen und erhalten, und b) zu anderen Leben gehört, gewissermaßen zu all den anderen beseelten und bewussten Gestalten.

Wenn ich das Leben eines anderen zerstöre, zerstöre ich, kurz gesagt, mein eigenes, was nicht heißen soll, ich sei der einzige Akteur des Geschehens. Es heißt vielmehr, dass ich als Lebewesen keine Möglichkeit habe, mich vollständig von anderen Lebewesen zu individuieren. Diese Idee eines lebendigen Gefährten ist ein mögliches Argument für Gewaltfreiheit, das sich Hegels Text entnehmen lässt, auch wenn Hegel selbst diese Argumentationslinie nicht verfolgt.

Nachtrag zur Orientierung: rote Farbe = Judith Butler / blaue Farbe: Thomas Vašek / grüne Farbe (folgt — genaue Quellenangabe erst gegen Ende)

Nur wer den anderen als gleichwertiges, selbstständiges Individuum anerkennt, wird bereits sein, sich moralisch zu verhalten. Somit ist die gegenseitige Anerkennung, die wir heute vielleicht eher als Respekt vor der Integrität des anderen beschreiben würden, die gesellschaftliche Basis, auf der Rechte, Gesetze und Normen entstehen können. Zwischen uns selbst und dem anderen vollzieht sich ein Wechselspiel. Wir können unser Gegenüber darum anerkennen und respektvoll behandeln, weil wir uns selbst in ihm erkennen und auch er uns als Person anerkennt. Ohne den anderen, den Gegenspieler bleibt uns also auch ein Teil von uns selbst verborgen.

Das Subjekt der Phänomenologie des Geistes weiß nicht von vornherein, dass es ein soziales Wesen ist, doch diese Erkenntnis stellt sich infolge des Kampfes auf Leben und Tod ein. Tatsächlich ist es die Abkehr von der Gewalt, durch die das gesellschaftliche Band zum ersten Mal in Erscheinung tritt. Gewalt taucht als konkrete Möglichkeit auf, doch die Erkenntnis, dass Gewalt nicht funktionieren wird, begründet den Sinn des ethischen Gebotes, einen Weg zu finden, wie ich mich selbst und den anderen, ungeachtet des Konfliktes zwischen uns, am Leben lassen kann. In dem Moment, in dem die Zerstörung des anderen als Möglichkeit ausgeschlossen ist, erkenne ich, dass ich an diesen anderen gebunden bin und dass mein Leben irgendwie mit seinem Leben verquickt ist. So wie ich Hegel lese, ist diese Erkenntnis, dass ich an den anderen gebunden bin, a) eine Einsicht in die physische Abhängigkeit voneinander und b) eine wechselseitige ethische Pflicht.

Die beiden Subjekte, die einander begegnen, verändern einander nicht nur wechselseitig, sie entstehen auch aus dem jeweils anderen. Mit anderen Worten: Wenn wir uns fragen, wie ein Subjekt wird, dann sehen wir, dass sich jedes Subjekt aus einer Abhängigkeit heraus entwickelt, aus einem anhaltenden Kampf um Differenzierung. Man kann nicht von Anfang an auf eigenen Beinen stehen; man kann nicht ohne die Hilfe anderer existieren, sicher auch nicht ohne das soziale und ökonomische Netzwerk, auf das die Pflegeperson baut. Jedes Subjekt entwickelt sich zu einem eigenständigen denkenden und sprechenden Wesen kraft einer Formation, die unauflösbar mit Abhängigkeit verbunden ist. Manchmal besitzt diese Abhängigkeit durchaus lustvolle Qualität, doch manchmal ist sie psychisch nicht zu ertragen. Abhängigkeit steckt also voller Ambivalenz.

Mit Axel Honneth und anderen Hegelianern bin ich der Überzeugung, dass wir die Art von Wesen sind, die Anerkennung begehren und durch sie zu einem Selbstverständnis finden. Doch was uns über die erste Szene potenziellen und gegenseitigen Mords hinausgelangen lässt, ist nicht nur die Erkenntnis, dass der andere mir gleicht und mir gleichgestellt ist, dass ihm auf dieselbe Weise Achtung gebührt wie mir. Wenn wir uns als soziale Wesen verstehen lernen, erkennen wir auch, dass wir schon längst auf diejenigen bezogen sind, mit denen wir die Modalitäten der Anerkennung aushandeln, und dass diese Bezüglichkeit jeden von uns definiert. Wir gehören schon vor dem Akt der Anerkennung zueinander – auch wenn es in der von Hegel beschriebenen Szene so aussieht, als stünden sich hier uneingeschränkt erwachsene Individuen gegenüber, die im Laufe einer seltsamen Reise ganz zufällig über eine weitere lebendige Form gestolpert wären.

Der ethische Imperativ, nicht zu töten, erwächst aus der Erkenntnis, dass das, was dem anderen widerfährt, auch mir widerfahren kann. Das soziale Band zwischen uns beruht auf dieser gegenseitigen Anerkennung unserer lebendigen Abhängigkeit. Natürlich sind Abhängigkeit und Unabhängigkeit nicht immer schöne Erfahrungen. Die Abhängigkeit des Arbeiters von einem Brotherrn, der seine Menschlichkeit nicht anerkennt, ist letztlich nicht hinnehmbar. Bei Hegel zeichnet sich hier eine psychoanalytische Einsicht ab, dass Abhängigkeit sowohl notwendig als auch zuzeiten unerträglich ist. Für Freud ist es das Baby, das sich von denen abzugrenzen versucht, auf die es angewiesen ist, obwohl die Abgrenzung nie vollständig gelingt. Mit Freud glaube ich nicht, dass Aggression gänzlich zum Verschwinden gebracht werden kann.

Ich unterbreche, um mein früheres Scheitern an Hegel in Erinnerung zu bringen: hier . Und fahre nachher fort mit einem dritten (oder vierten) Autor (einer Autorin vielleicht?). Wenn Sie fragen: kann man diese Einsichten denn nicht in klare einfache Worte fassen? Solche, die man mit gutem Willen und „gesundem Menschenverstand“ begreifen kann?  Wie man einen Stuhl, eine Pflanze, ein Instrument – mit Händen begreift. Natürlich kann man nicht verlangen, dass sich im Gehirn, das unsere Gedanken bildet, – ja, unsere Spekulationen ermöglicht  -, sich ein Korrelat unserer Hände befindet. Aber…  Ich gebe zwei Buchseiten wieder, die mich überzeugt haben, dass „Spekulation“ in der Philosophie eine andere Sache ist:

 … Aufgabe nichts vorhanden als das Wissen, im allgemeinen die Synthese des Subjektiven und Objektiven, oder das absolute Denken.

Vieles von dem, was mir Schwierigkeiten bereitet, ist übrigens bewundernswert dargestellt in Sahra Wagenknechts Buch „Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegelkritik des jungen Marx“ (1996), ich ziehe es immer wieder zu Rate:

Gegenstand der „Phänomenologie“ ist [also] nicht die natürliche oder gesellschaftliche Geschichte im allgemeinen, sondern Die Geschichte des menschlichen Bewusstseins in seiner Auseinandersetzung mit der natürlichen und gesellschaftlichen Außenwelt. Die „Phänomenologie“ ist die universelle Darstellung der verschiedenen erkenntnistheoretischen Einstellungen als jeweils spezifische Versuche, die Realität gedanklich zu bewältigen und das Verhältnis des menschlichen Denkens zu ihr zu bestimmen; sie weist die all diesen Versuchen immanente Dialektik und Widersprüchlichkeit nach, die sie schließlich zur Selbstaufhebung und zum Übergang in die nächsthöhere Bewusstseinsform führen. Und sie deckt die den verschiedenen erkenntnistheoretischen Haltungen impliziten Ontologien auf, d.h. die in jeder Bestimmung des menschlichen Denkens zum Sein untrennbar enthaltene Bestimmung des Seins selbst. Jede Veränderung der Bewusstseinsform zieht daher – für das Bewusstsein, nicht an sich! – eine Veränderung des Gegenstandes des Bewusstseins – nach sich. Beide Seiten – Bewusstsein und Gegenstand – Erkenntnistheorie und Ontologie – bilden insofern von Beginn an eine Einheit; sie unterliegen einer gemeinsamen dialektischen Entwicklung, in deren Resultat – im absoluten Wissen – sich ihre vorausgesetzte Unabhängigkeit voneinander schließlich auch explizit aufhebt. (Seite 32f)

[Hegel:] „Das Selbstbewusstsein ist zunächst einfaches Fürsichsein, sichselbstgleich durch das Ausschließen aller anderen aus sich; sein Wesen und absoluter Gegenstand ist ihm Ich; und es ist in dieser Unmittelbarkeit oder in diesem Sein seines Fürsichseins Einzelnes…“ Die Gegenstände der Außenwelt ebenso wie die der anderen Selbstbewusstseine haben für das einzelne Selbstbewusstsein keine Selbständigkeit und Wahrheit; es ist auf ihre Vernichtung gerichtet. Bezogen auf die Naturdinge verhält es sich so als Begierde. Bezogen auf die anderen Individuen geht es zunächst auf deren Tod, sodann auf ihre Unterwerfung. Im Verhältnis von Herr und Knecht treten die zwei Momente, die das Selbstbewusstsein als einzelnes notwendig an sich hat – Fürsichsein und Sein-für-Anderes -, als zwei Gestalten des Bewusstseins auseinander. Im Prozess der Arbeit erfährt das knechtische Bewusstsein allerdings den Gegenstand gleichermaßen als selbständigen wie auch als rational erkenn- und somit beherrschbaren; durch Einschub des Mittels im Arbeitsprozess wird die Begierde gehemmt; die Auseinandersetzung mit der Außenwelt erhält gegenständliche Form und damit ein Bleiben, das sich über die Befriedigung der unmittelbaren Begierde hinaus erhält; der schlechthin unendliche Progress des organischen Seins, das in seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt immer wieder beim gleichen Ausgangspunkt beginnt und daher nie über das einzelne Lebewesen als unmittelbar einzelnes hinauskommt, verwandelt sich damit in den konkreten Prozess fortschreitender Natureinsicht und -bewältigung. In den Produkten seiner Arbeit findet das arbeitende Bewusstsein sich selbst wieder; es kommt zur Anschauung des selbständigen Seins als seiner selbst, bzw. seiner selbst im Anderen. [Seite 41]

Ich vermute, dass es bei jedem neuen Versuch, Hegel zu verstehen, genau so geht wie mir hier bei dieser Abschreibearbeit: Man braucht immer wieder neue Überredungskünste um einzusehen, dass man so lange bei „Präliminarien“ stehen bleiben muss, ehe das Denken überhaupt beginnt, bei den „Prämissen“. Denn man weigert sich unterschwellig einzusehen, dass die Gegenstände des Denkens nicht einfach „zuhanden“ sind. Und so glaubt man, wenn man sich immer wieder dieser Arbeit unterzieht, dass man wieder einmal „stecken geblieben“ ist. Aber genau dies ist die Bewegungsart des allmählichen Verstehens. Sie geschieht nicht umsonst!

Die Aufhebung des Gegensatzes von Bewusstsein und Gegenstand und die Ableitung der wissenschaftlichen  Methode vollzieht sich in der Hegelschen „Phänomenologie“ über mehrere Hauptschritte, die im folgenden skizziert werden sollen. Das, worauf es Hegel ankommt, wird bereits im ersten Abschnitt – „A. Das Bewusstsein“ – sehr deutlich. (Nebenbei bemerkt, enthält dieses Kapitel eine bis heute unübertroffene Widerlegung der Prämissen sämtlicher empiristischer und positivistischer Philosophien, deren Selbstanspruch, jenseits von Materialismus und Idealismus zu stehen und schlechthin objektiv zu sein, Hegel überzeugend ad absurdum führt.)  [Seite 51]

Eine wesentliche Erläuterung dessen, was Hegel im Zusammenhang des spekulativen Satzes den „Gegenstoß“ nennt, finden wir in seiner Lehre von der bestimmten Negation, von der von vornherein festzuhalten ist, daß auch sie nur auf dem spekulativen Niveau plausibel ist. Ihr Grundgedanke ist, daß wenn etwas die Negation von etwas Anderem ist, es selbst durch das bestimmt wird, was es negiert, denn als Negation des Anderen ist es selbst Negation des Anderen. Daraus ergibt sich bei Hegel der berühmte Mehrfachsinn von „Aufheben“: In der Negation i.S. von „vernichtet“ und „bewahrt“, und eine dritte Bedeutung kommt hinzu, wenn man Hegels These hinzufügt, daß durch die bestimmte Negation das Negierte und das Negierende zu einer höheren, konkreten, genauer bestimmten Einheit hinaufgehoben werden. Bei alltäglichen Beispielen macht das alles freilich wenig Sinn: Wie könnte man behaupten, der Mörder von J. F. Kennedy sei als dessen Negation nun selber auch irgendwie Kennedy, und Kennedy und sein Mörder lebten nun in einer höheren, konkreteren Gestalt weiter. Bei spekulativen Sätzen, die die Totalität betreffen, ist das aber ganz anders; hier ist die Negation eine Teilbestimmung der Antinomie oder des Widerspruchs, der sich nach Hegel notwendig ergibt, wenn der Verstand versucht, die Totalität zu denken. Erst hier gilt, „daß  das Negative ebensosehr positiv ist oder daß das sich Widersprechende sich nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhalts, oder daß eine solche Negation nicht alle Negation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist; daß also im Resultate wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert“ (5,49).

Dies kann man unmöglich im alltäglich Sinn verstanden haben, hier wird der Sprung notwendig, ohne den es nicht weitergeht, in das Hegelsche Original (und wieder zurück in die Deutungen).

Hier folgt ein Sprung in meiner Kopie gemäß der obigen Anmerkung S. 68, die sich auf S. 81 bezieht:

Quellen 

DIE ZEIT online „Phänomenologie des Geistes: Warum jetzt Hegel lesen? Dieser Denker der Moderne ist hilfreich. Auch er lebte am Ende einer Epoche. Wie wir. Ein Gastbeitrag von Judith Butler 12. Februar 2020, 16:52 Uhr Editiert am 18. Februar 2020, 14:48 Uhr DIE ZEIT Nr. 8/2020

Thomas Vašek: Philosophie! die 101 wichtigsten Fragen THEIS HOHE LUFT WBG Darmstadt 2017 / Seite 146 Anerkennung Wozu brauchen wir den andern?

Sahra Wagenknecht: Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegelkritik des jungen Marx / Aurora-Verlag Berlin1996 Seite 32, 41 und 51

Herbert Schnädelbach: Georg Wilhelm Friedrich Hegel / zur Einführung / Junius Verlag Hamburg 1999 (2007) Seite 24 f

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes / Herausgegeben von Georg Lasson / Zweite Auflage / Der Philosophischen Bibliothek Band 114 Leipzig 1921 / Verlag von Felix Meiner

Nachfrage Und was war nun das Anliegen des Artikels von Judith Butler in der ZEIT vom 12. Februar 2020? Folgen Sie dem Link HIER.

Beethoven in Wuppertal

Unerhört, aber gut besucht

Die Überraschung war, wie unterhaltend der Ablauf des „Klavierkonzertes“ sich gestaltete, manches grenzte zweifellos an „Unterhaltungsmusik“, obwohl dieses Wort innerhalb der „Neuen Musik“ schon vor Jahrzehnten obsolet war (um es mit einer Lieblingsvokabel der Adornoadepten von einst zu belegen). Schon der Weg zur Kirche und aufwärts in deren Konzertetage ist ein Erlebnis, für das Luisenviertel in Wuppertal sollte man sich Zeit nehmen, selbst wenn man mit den karnevalsbedingten Polizeikontrollen im Umfeld nichts zu tun hat.

 Der WDR spiegelt sich:

 

Alle Fotos: JR / Letztes Bild: Susanne Kessel in der Reihe der Komponisten, davor, ganz unten links: der Kopf des Veranstalters Martin Stürtzer, in der Mitte unterm Kreuz Jan Kopp, neben ihm Martin Wistinghausen. Ganz links Dietmar Bonnen, dann Eberhard Kranemann; ganz rechts Heinz-Dieter Wilke.

Das Projekt ist also weitergelaufen, über die Grenzen Bonns und Beethovens hinaus; ich hatte damals die Dimensionen nicht geahnt: nicht 250 Stücke sind es geworden, sondern 261, aber nun sollte auch Schluss sein, sehr respektabel. Und live für mich eine nachträgliche Bestätigung: die Komposition von Jan Kopp  (siehe im Blog hier) hat auch nach drei Jahren ihre Faszination behalten, ja sie ist gewachsen. Leider ist das Stück auf der ersten CD des Klavierprojektes noch nicht enthalten:

Aber was auch immer man hört, gerade in der Zusammenstellung des Wuppertaler Konzerts: es ist – wie gesagt – ein ungemein kurzweiliges Programm, ohne stilistische Grenzen, zwischen wilden Ausbrüchen, Rätselcharakter, Pop, Ironie und Schmalz. Am Ende natürlich „Für Elise“. Sehr angenehm: die unprätentiöse Art der Darbietung durch Susanne Kessel, gleichwohl höchst virtuos, eine uneitle Künstlerin, deren Empathie für jedes einzelne Werk unverkennbar ist, auch wenn es aus dem (fälschlich) vermuteten Rahmen fällt, – gute Idee, auch schon mal drei Stücke aneinanderzufügen, die Einführungen der anwesenden Komponisten signalisierten Respekt vor dem Hörvermögen Nichteingeweihter, – so dürften Konzerte sein, durchaus heiter, was dem klassischen Ritual nicht schaden kann. Einerseits mit eingebauten Überraschungen, etwa als amüsante Performance, so zum Beispiel nach der Pause, – per Zufallsfund oder per Stichwahl: hinein in einen Band Beethoven-Sonaten, die Seite herausgerissen – zum Glück keine Urtext-Ausgabe -, auf den Kopf gestellt und vom Blatt gespielt – das war „Beethovenamstück“ von Harald Muenz, ganz zuletzt als Zugabe noch einmal: ein anderes Blatt, ein anderes Stück.

Andererseits ist alles, was man gehört hat, zuhaus am Computer perfekt nachvollziehbar. Nehmen wir das erste Stück des Konzertes nach dem einleitenden ersten Satz der Mondschein-Sonate: „A little moonlight music“ von Kai Schumacher. Im Programm steht dahinter „Vol.3“, d.h. Sie gehen Sie auf die Website www.250-piano-pieces-for-beethoven.com , vielleicht klappt’s auch schon hier, Sie sehen dort das folgende Bild und klicken oben links auf „audio/video“ (dort „Vol.3“) oder auf „Komponisten“.

In jedem Fall stoßen Sie auf Informationen und eine Möglichkeit, das Stück ihrer Wahl im Vimeo zu hören, ohne es gleich downloaden zu müssen oder eine CD zu kaufen. Ein wunderbares Angebot. Einzigartig (glaube ich) auch in der Webtechnik als Einführung in die Vielseitigkeit der Neuen Musik – mithilfe eines einzigen Instrumentes, des Wunderkastens Klavier.

Im Fall Peter Michael Hamel (in der Ansage ließ mich der Name Tyagaraja aufhorchen) hätte unter „Vol. 9“ zum Beispiel folgendes erfahren:

Peter Michael Hamel über sein piano piece „Freude für Beethoven“:

„Umrahmung mittels des klassischen indischen Tala RUPAK 7/8.
Zitat aus der karnatischen Musik des Beethoven Zeitgenossen Tyagaraja aus Madras am Anfang und am Ende.
Zwischendrin: Beethoven Allusionen Anklänge an die seit der Kindheit erinnerten Melodien.“
„Ich liebe dich so wie du mich
am Abend und am Morgen
Noch ist kein Tag wo du und ich
nicht teilten unsere Sorgen“

Und dann – mehr über Hamel als über Beethoven:

Über Ludwig van Beethoven:

„In Kindheitstagen die Gesangsstimmen der Eltern noch vereint: „Ich liebe dich, so wie du mich, am Abend und am Morgen…“ Die knackende LP: der 10-Jährige hört bei der Oma die Siebte unter Furtwängler. Unvergesslich. op.10 Nr 1 cmoll, wenigstens den ersten Satz erlernt, fast alle Klaviervariationen auf das c-moll Thema. Und dann die letzten Streichquartette als Lebensessenz …“

(Peter Michael Hamel, 20.10.2019)

*    *    *

Es hat mich gefreut zu sehen, dass der WDR die ganze Sache unterstützt, lauter Leute, die ich aus meinem früheren Leben kenne und schätze:

Nachwort 24.02.2020

Ich habe keine Kritik geschrieben, sondern subjektive Gedanken zu einem Konzert wiedergegeben, – leicht zu erkennen, was hätten sonst Fotos aus dem Wuppertaler Luisenviertel damit zu tun: für mich gehörten sie dazu. Ebenso die nicht erwähnte, kurze Begegnung mit dem Kollegen Michael Rüsenberg, der sich wunderte, dass ich nicht gehbehindert bin. Wie kam er darauf? Vielleicht weil ich seit dem Besuch seiner Veranstaltung am 4. Mai 2017 in Bonn bei ihm nicht mehr aufgetaucht bin? (Siehe hier). Vielleicht nur weil ich fürchtete, dass ich es dort wieder so interessant finden würde, dass ich mich zu ganz viel Nacharbeit bemüßigt fühle? Dabei muss man nämlich lange am Schreibtisch sitzen, während ich in Wirklichkeit sehr gerne laufe, vor allem am Strand einer Nordseeinsel oder bei Domburg. Es gibt im täglichen Leben viele kleine Missverständnisse, die der Rede nicht wert sind. Zum Beispiel in der Zeit, als ich noch für den WDR Festivals auf der Kölner Domplatte oder auf dem Marktplatz in Bonn betreute. Weltmusik, wertvolle (welthaltige) Musik verschiedenster Regionen oder Kulturen. Und immer wieder geschah es, dass Ensembles oder Solisten – bevorzugt aus dem Ostblock – nachfragten, wann denn Preisverleihung sei. Leichte Enttäuschung, wenn sie erfuhren, dass es hier um Nebeneinanderstellung des ideell Gleichwertigen gehe, verbunden mit bewussten Kontrasten, auch im Niveau oder in der Komplexität.

So kommt es, dass ich lieber auf  (subjektive) Vertiefung des Verständnisses ziele, und Kritik mit Vorliebe an Kritiken übe, ohne damit eine Art Gutmenschentum hervorkehren zu wollen. Deshalb würde ich auch gern über die Wuppertaler Besprechung meckern, die ich aber nur teilweise mit Hilfe eines Screenshots mehrere Momente lang vor der niedergehenden Leseschranke retten konnte.

  Zitat WZ 22. Februar 2020

Da werden die spektakulären Dinge herausgegriffen, die auch von musikfremden Besuchern auf der nächsten Party erzählt werden könnten. Wenn das Ereignis ausschließlich in den Tönen stattfindet, ergibt das halt ein blasseres Narrativ als wenn der Pianist unter dem Flügel liegt. Das bekannteste Klavierstück von Cage (oder überhaupt, wenn man von „Für Elise“ absieht) ist dasjenige, in dem kein einziger Klavierton erklingt, sondern Stille. Warum auch nicht?

Was mich besonders positiv beeindruckt hat, ist übrigens die Art und Weise, wie Susanne Kessel mit dem Stück eines philippinischen Komponisten umgegangen ist.

Wer braucht ein „lyrisches Ich“?

Ich zum Beispiel!

Es hat ja gewiss einen Grund, wenn ich immer wieder darauf zurückkomme. Am ehesten noch, wenn ich bestimmte Lieder höre. Beeindruckende Sängerinnen oder Sänger. Aber auch Sprecherinnen oder Sprecher. Oder entsprechende Texte oder Verse nur lese. Selbst wenn ich sie nicht innerlich höre. Also einfach das Druckbild vor mir habe und es mehrfach mit den Augen abtaste. (Geht das überhaupt, ohne dass ich es mir akustisch „vorstelle“?)

Zur Orientierung vorweg (auch Thema „Subjektivierung“) hier und hier.

Ich muss jedes Mal von vorn anfangen. Aber jetzt habe ich endlich den neuen (einzig richtigen) Ansatz, den ich mir eigentlich schon im Dezember 1963 hätte einprägen können. Aber damals galt das Buch (das im Germanistik-Studium dringend empfohlen wurde) als sehr schwierig, wer weiß, ob ich in jener Zeit schon bis Seite 177 vorgedrungen bin, wo sich immerhin rote Unterstreichungen finden. Jedenfalls hat es nicht „gefunkt“. Es hatte keinen „Leidensdruck“ gegeben. Der kommt erst im Alter, angesichts der Tatsache, dass man immer noch die gleichen Probleme ungelöst findet. Damals hatte ich die Hauptwerke von Emil Staiger und Wolfgang Kayser längst studiert, die nun bereits fragwürdig wurden, aber dies hier war ein anderes Kaliber:

 

Quelle Käte Hamburger: Die Logik der Dichtung / Ernst Klett Verlag Stuttgart 1957

Also, die Arbeit beginnt, jetzt kann ich es nicht mehr dabei bewenden lassen… das Inhaltsverzeichnis zeigt bereits, wohin die Reise gehen muss: „Die lyrische oder existentielle Gattung“. Ohne dass man der Bezeichnung „existentiell“ vielleicht ansieht, dass es ein Schlüsselwort ist, das – anders als der Begriff „lyrisches Ich“ – sofort eine klärende Wirkung hat. Also brauche ich es …. vielleicht doch nicht mehr: das im Titel genannte Ich?

Es ist wohl kaum zu vermeiden, den Hamburger-Text Wort für Wort nachzuvollziehen, auch die Prosastücke und Verszeilen, die den Ausgangspunkt bilden (Seite 147f Punkte 1. bis 5.), im Sinn zu halten; trotzdem versuche ich hier von den Sätzen auszugehen, die ich mir rot unterstrichen habe und zu betrachten, ob sie sich als Memorierstoff eignen, der die Details nach sich zieht, oder am Ende eine vollkommene Auflösung schafft, indem ich die entscheidenden Textseiten einscanne. Es gilt den Schritt zu tun, der dazu führt, den ganzen Gedankengang von jedem Schein der grauen Theorie zu befreien.

Die lyrische Form [das Gedicht] ist der Ausdruck für den Willen des Aussagesubjekts, seine Aussage nicht als eine Aussage zu verstehen, die auf einen Wirklichkeitszusammenhang gerichtet ist, sei dieser ein historischer, theoretischer oder praktischer.

Doch ist es mit dieser Behauptung nicht getan. Es bedarf einer genaueren Betrachtung dessen, was wir die systematische Genesis des lyrischen Ich nennen können. Zu diesem Zweck gehen wir wieder auf unser Ausgangsbeispiel der Wirklichkeitsaussage, den Brief Rilkes zurück, die Beschreibung des verschneiten Schloßplatzes mit der Freitreppe, die zu keinem Gebäude mehr heraufführt. Diese Briefstelle ist reich an lyrischen Valeurs. (…)

Es geht kein Weg daran vorbei: wir brauchen diese 5 Wirklichkeitsaussagen, auf die sich Käte Hamburger immer wieder bezieht. 1. aus dem besagten Rilke-Brief:

 .     .     .     . (Seite 147f.)

ZITAT Seite 166 f

Unsere am Rilkebrief und [hier nicht wiedergegebenen] Rimbaudgedicht (….) vorgenommenen ‚Interpolationen‘ aber dienten uns hier nicht zu stilkritisch-interpretatorischen Zwecken, sondern nur als Hilfskonstruktionen für die Erkenntnis des Prozesses, in dem sich ein historisches oder praktisches Ich in ein lyrisches verwandeln kann. Dieser Prozeß beginnt damit, daß der Objektpol als Ziel der Beschreibung, Erkenntnis oder des ‚handelnden‘ Einwirkens fallen gelassen wird, und das bedeutet, daß die Aussage keine Funktion mehr in einem Wirklichkeitszusammenhang haben will. Sie zieht sich aus diesem zurück, d.h. sie behandelt das Objekt nicht mehr als ein solches, sie trennt es nicht von dem Erlebnis des Aussagesubjektes, so wie es jede sachgerichtete Aussage ihrer Intention nach tut, sondern sie behandelt es umgekehrt bloß als Objekt des Erlebnisses, sie verwandelt damit das Objekt zu einem bloßen Bestandteil des Erlebnisfeldes des Aussagesubjekts. Indem die Aussage oder das Aussagesubjekt so verfährt, gibt es seinen Willen kund, in einem anderen Bereich sich geltend zu machen und gehört, ‚verstanden‘ zu werden als dem eines Wirklichkeitszusammenhanges. Das Aussagesubjekt konstituiert sich als lyrisches Ich und damit den Bereich der lyrischen Dichtung. Denn nun bedient es sich der Sprache nicht mehr als Mitteilungsinstrument irgend eines Sinnes, sondern als Ausdrucksinstrument, und der Reichtum der lyrischen Formwelt entsteht. Zwischen dem lyrischen Ich und dem historischen bzw. theoretischen oder praktischen aber läuft, nur dem Blicke der Logik erkennbar, die Grenze, die wir als Kontext bezeichneten, der den Willen eines Aussageobjektes kundgibt, ein ölyrisches Ich zu sein. Der Rilkebrief und das [von mir – wie gesagt – nicht zitierte] Prosagedicht Rimbauds liegen dicht beieinander im Aussagesystem, aber eben zwischen ihnen läuft die Kontextgrenze, die den ersten als Wirklichkeitsbericht eines historischen Ich, den letzteren trotz der stilistischen Prosaform als lyrische Aussage kenntlich macht.

Es zeigt sich nun hier auch der Grund, aus dem wir als Demonstrationsbeispiel einer echten Wirklichkeitsaussage ein Dokument wie den Rilkebrief und nicht eine ganz objektiv, rein sachlich ausgerichtete Darstellung, einen Zeitungsbericht, einen Passus aus einem historischen Lehrbuch ausgewählt haben. Wir brauchen ein Dokument, das trotz seines Wirklichkeitscharakters schon lyrische Valeurs enthält, oder umgekehrt: trotz seiner lyrischen Valeurs ein Wirklichkeitsbericht ist.

Ich muss etwas einfügen, für den Fall, dass jemand diesen Text für trocken und schwierig hält, – es bedarf der Geduld. Meine Begeisterung ist grenzenlos, allerdings vielleicht auch, weil ich das Ganze gelesen habe und es nun bei den herausgegriffenen Sätzen mitdenke. Und jetzt schon ahne, dass es drei vier Seiten weiter oben auf der Seite 174 um das Eichendorff-Gedicht „Mondnacht“ gehen wird, das Gedicht aller Gedichte, das Lied der Lieder, hören Sie weiter, hören Sie – und bedenken Sie, wo und wann  sich die Theorie aufs wunderbarste bestätigen wird, wenn es auf „die existentielle Erlebnisquelle“ geht, „auf die es allein ankommt“:

Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die Stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.

Falls die Musik noch zu hören ist, warten Sie und schalten Sie danach erst den externen Link ab. Man hört dieses Lied nicht nebenbei.

 Spiegel 13.4.1992

 Süddeutsche 11./12.4.1992

ZITAT Seite 168

Hier ist der Ort, den Begriff des Existentiellen als den prägnant bestimmenden Terminus für die Beschaffenheit der lyrischen Dichtung einzuführen und zu begründen, so wie der Begriff des Fiktionalen oder Mimetischen die Beschaffenheit der epischen und dramatischen Dichtung strukturell charakterisiert. M. Bense hat diesen Begriff als einen „literaturmetaphysischen“ für die Charakterisierung solcher Prosa eingeführt, die er die „pascalsche“ nennt, und seine Unterscheidung von logischer und existentieller Prosa berührt sich nahe mit unserem Versuche der Anordnung der Aussagen zwischen dem Objekt- und Subjektpol auf der Aussageskala. Doch wird in Benses Theorie der Unterschied der Haltung oder Bewußtseinstellung nicht aufgenommen, der die Aussagen der Dichtung (als Lyrik) dennoch von denen der Wirklichkeitsaussage entscheidend trennt. Wenn schon Novalis, sowohl die Bensesche wie jedoch auch unsere Theorie bestätigend sagte: „Die höchste eigentlichste Prosa ist das lyrische Gedicht“, so ist freilich auch hier die Lyrik in das Aussagesystem, die „Prosa des wissenschaftlichen Denkens“ eingeordnet. Aber es ist ebenso wie bei Bense noch nicht der Unterschied kenntlich gemacht, der dennoch die lyrische Aussage von einer noch so existentiellen nicht-lyrischen trennt, wie es trotz aller stilpersönlichen Enthüllung der Subjektivität, des „Daseins“ (Heidegger), der „ontologischen Seinsthematik“ (Bense) des Autors auch die Pascalsche Prosa, oder auch diejenige Hegels, Nietzsches, Heideggers ist. Auch diese und andere Philosophen meinen ihre philosophische Lehre und Deutung der Welt und des Menschen doch nicht als Ausdruck ihrer besonderen ‚Existenz‘. Sondern sie sind prinzipiell nicht anders wie [sic!] die Sachwissenschaftler objektgerichtet, theoretisch, und dies, wie nochmals hier betont sei, obwohl die Philosophie eine dicht am Subjektpol der Aussageskala angesiedelte Disziplin ist. Aber die Genze zwischen ihr und der auf der Aussageskala ihr benachbarten Lyrik geht dort, wo die Richtung der Aussage erkennbar wird: Aussage über Objektives, d.i. vom Subjekt als verschieden gemeintes, oder Aussage von Existenz, dem ‚Dasein‘ des Subjekts zu sein. Der moderne Begriff der Existenz ersetzt recht glücklich den des Subjekts und des Subjektiven in diesen Zusammenhängen. Er erweitert die rein logisch-erkenntnistheoretische Angabe sozusagen zu dem Kraftfeld, das sich um den Subjektpol der (formulierten oder unformulierten) Aussage bilden kann, und während der Begriff des Subjekts einen logisch polaren Gegensatz in dem des Objekts hat, gibt es für den Begriff der Existenz keinen Gegenbegriff auf der Objektseite. Er bezeichnet nicht nur die Subjektivität, die stets, durch die polar-korrelative Beziehung zur Objektivität, mit dem Bedeutungselement des Relativen behaftet ist, auch wo der begriff nicht in rein logischem Sinne verwandt wird. Sondern der Begriff der Existenz bzw. des Existentiellen bezeichnet in hohem Maße das Kraftfeld, das von dem Ichsein der ‚Person‘ ausgeht, die besonderen Bedingungen des personal-menschlichen Seins im Unterschiede zum dinglich-außermenschlichen; wie wir denn auch schon in der Umgangsrede den Begriff der Existenz nur auf das menschliche Leben, nicht auf Tiere und Dinge anwenden. Die Grenze also zwischen der Lyrik und dem übrigen Aussagesystem läuft dort, wo die Aussagen sich gewissermaßen von ihrem Objektpol ab- und dem Subjektpol zuwenden.

Im selben Zuge aber, wo dies ausgesprochen wird, melden sich schon Bedenken an, und es erweist sich als notwendig, diese vorläufige Bestimmung der Phänomenologie der lyrischen Aussage in zweierlei Hinsicht zu rektifizieren oder doch genauer zu konturieren. – Die Behauptung, daß die lyrischen Aussagen sich zum Subjektpol hinwenden, könnte dahin mißverstanden werden, daß es sich in aller Lyrik um Aussage über das jeweilige lyrische Ich an sich selbst handele, alle Lyrik im speziellen Sinne ‚Ich-Lyrik‘ sein, ja auch nur die Form der ersten grammatischen Person haben müsse. Ein Hinweis auf die Fülle der Gegenbeispiele genügt, und gerade sie, die ‚ich-freien‘, d.h. sich in der Form objektiver Behauptungssätze aufbauenden lyrischen Gedichte bieten sich der phänomenologischen Analyse der lyrischen Aussage als besonders aufschlußreiches, ja im Grunde als einzig brauchbares Beweismaterial an, weil sie logisch und grammatisch das Wesen der Aussage (des Urteils) in reiner Form darstellen.

Damit ist aber bereits der zweite Punkt angedeutet, der in Hinsicht auf die als existentiell bezeichnete lyrische Aussageform weiterer Erhellung bedarf. Wenn es richtig ist – und sich weiter unten sogleich noch deutlicher zeigen wird -, daß die Aussagen des lyrischen Gedichts sich vom Objektpol gleichsam ab- und dem Subjektpol zuwenden, bedeutet dies, daß in der Aussage kein Objektpol mehr in die Erscheinung träte?

An dieser Stelle möchte ich meine Abschrift unterbrechen, um die originalen Druckseiten mit dem eingefügten Gedicht von Hans Carossa zu zeigen.

Zugleich benutze ich die Gelegenheit, den Link zu einer Dissertation einzufügen, die sich  Käte Hamburgers Theorie der Dichtungsgattungen widmet, Untertitel: Die theoretischen Grundlagen der „Logik der Dichtung“. Von Marija Zulja Vasić Daki HIER. Und noch etwas (ungeprüft) für den Merkzettel: hier.

Ich wiederhole, was ich besonders bemerkenswert finde: „Die Blume stellt sich nur deshalb in dieser Objektivität ihres besonderen Blumenlebens dar, weil es vom Aussagesubjekt als ein solches Leben erfahren und ausdrücklich gemacht wurde, ein Prozeß, der sich in diesem Gedicht als spezifisch lyrischer ganz in den Schlußversen enthüllt, obwohl auch in ihnen keine Ich-Aussage in erster Person erscheint.“

Käte Hamburger wendet sich anschließend zwei Lehrgedichten zu, die – das ist wichtig – eines gemeinsam haben: dass sie „uns bei aller Objektgerichtetheit der Aussage ein wenn auch zartes und sozusagen zurückhaltendes existentielles Element“ verraten:

die Begeisterung der Erkenntnis, und mit ihr verbunden der Drang, das Erkannte auch mitzuteilen, zu lehren. Denn beide Gedichte erhalten ihre spezifische Form als Lehrgedicht durch die Einbeziehung des zu Belehrenden: den Schüler Pausanias des Empedokles, die Geliebte (Christiane) Goethes. Aber dadurch verbindet sich nun nicht etwa die theoretische Aussage mit einem praktischen Zweck; diese Gedichte sind nicht deshalb ‚Lehrgedichte‘, weil in ihnen Schüler angeredet werden. Sondern wir erleben hier unter der noch milden Herrschaft der lyrischen Form das eigentümliche fast paradoxe Phänomen, daß gerade diese Anredeform der Lehre der reinen Objektgerichtetheit ein personal-existentielles Moment hinzufügt. Und wir spüren unmittelbar, daß diese pädagogische Fiktion in der ‚Prosa des wissenschaftlichen Denkens‘, also im reinen prosaischen Sachbericht keinen gemäßen Platz hätte. [Seite 172 f]

(Fortsetzung folgt)

Hörbilder aus der Brandung

Keine Worte finden, nur den gefächerten Mischklang

Wäre ich Schriftsteller oder Lyriker, hätte ich vielleicht eine Liste mit Worten zusammengestellt, die Wässriges in den verschiedensten Bewegungsformen kennzeichnen. Ich habe das sogar versucht, als ich am Strand so nah wie möglich vor den anrieselnden Restwellen daherwanderte, mich manchmal mit einem kleinen Sprung außer Reichweite brachte, manchmal auch, von sicherem Posten aus, nichts anderes tat als lauschen. Mit aufgerichteten Ohr-Antennen. Was für ein schönes Wort, dieses „lauschen“, das sich auf „rauschen“ reimt. Natürlich habe ich an Proust gedacht, aber noch mehr an Debussy (der Wind über seinem Meer jedoch hat die Wärme des Südens, mir pfeift die Kälte um die Ohren) und schließlich taucht dieser amerikanische Klangkünstler auf, der das gesamte Instrumentarium des Ozeans mit verschiedenen Mikrophonen gleichzeitig zu erfassen suchte, Hoch- und Tieftonbereiche und alles dazwischen, vom dumpfen Schlag bis zum leisesten Knistern. Ich versuche mich zu erinnern. Wie heißt er noch? Bernie Krause! Steht nicht das Brandungsrauschen bei ihm am Anfang, bevor er auf die Laute der Tiere und den großen Zusammenklang der Natur kommt? Vor allem aber dachte ich heute an das, was der Autor Florian Zinnecker über seine Erfahrungen bei dem Gehörforscher Altenmüller in Hannover aufgezeichnet hat. Die höchste Stufe des Hörens, die einsetzt, wenn man versucht, aus dem Geräuschteppich Einzelheiten herauszulesen, vielleicht auch im Theaterfoyer, wenn man halblaute Gespräche, die in der Nähe geführt werden, mehr oder weniger absichtlich mitverfolgen kann. Man kann die Einzelgeräusche der schäumenden Wellenkronen während ihres Umschlags, der den Kamm in eine Höhlung verwandelt, aus dem Gesamtkunstwerk „Brandung“ hervorholen! Diese ebenso sanfte wie aktive Herauslösung aus dem Raumgeräusch, das ist die größte Leistung der kleinen Härchen im Innenohr, die mit Vorstellungskraft, ja gedanklich lenkbar sind. Ich denke an Karl-May-Lektüre vor Jahrzehnten, an die Schichten des Urwalds in Papua-Guinea, die der Ethnologe Steven Feld in der Musik der Kaluli wiedergefunden hat. Die überlappenden Einsätze der verschiedenen Stimmen; keine Polyphonie, im Sinne – sagen wir – der Baka-Pygmäen, der kaukasischen Dörfer oder des balinesischen Gamelan, aber nichts kann mich hindern, jetzt an Bach zu denken, von dem Beethoven gesagt hat, er müsse Strom oder Meer heißen, was auch immer, ich werde es nicht nachschlagen. Beide haben mit diesem Element zu tun.

 Unzulängliche Versuche

              

(Fotos JR Huawei 10.1.2020 Domburg/Zeeland)

Auch das Wort „gefächerter Mischklang“ ist eine unzulängliche Erfindung, die beim Spazierengehen am Strand entstand: der Gesamteindruck, der in den Ohren registriert wird, die zudem das unregelmäßige Pfeifen des Windes aussortieren – der ja auch eine Tonaufnahme mit dem Smartphone unbrauchbar machen würde – , ist tausendmal mehr als dieser Satz ausgefächert in Einzelbestandteile, die sich fortwährend verändern. Die Erinnerung an ein Buch spielte eine Rolle, das mich vor einigen Jahren beeindruckte, dann aber nicht weiterführte, weil ich das darin vermittelte Naturbild nicht einordnen konnte. Der Name ist oben schon verlinkt: Bernie Krause. Das Äußere dieses Buches und der Titel lenken ein wenig in die Sparte Jugendliteratur, aber es lohnt sich darauf einzugehen, – unschätzbar allein der Wert der Naturaufnahmen im Ton, auf die es die Aufmerksamkeit lenkt: und sie sind im Internet abrufbar! Die Erinnerung an die Bemerkungen über die Aufnahmetechnik schienen mir am Strand augenblicklich die Ohren dafür zu schärfen, in verschiedene Frequenzbereiche hineinzulauschen und meine Suche nach Worten dafür ganz allmählich überflüssig zu finden. Noch eine Erinnerung: ähnliche Erfahrungen am Strand von Porto Mosch an der Algarve (und auch an der Westküste): die kurzen brechenden Wellen, die unmittelbar vor meinen Füßen ein knisterndes Sondergeräusch wahrnehmen ließen, während im Hintergrund die ernsthaften Hauptwellen „wie üblich“ tönten. (Damals hatte ich das Buch neu, 2013, später hat man mir die Taschenbuchausgabe dazugeschenkt, deren Cover ich unten wiedergebe.) Und während ich das abschreibe, merke ich, wie sehr diese Erinnerung bereits meine Wortwahl und den Gang meiner Gedanken gelenkt hatte.

ZITATE

Auf den ersten Blick scheint das Vorhaben, akustische Aufnahmen vom Wasser zu machen, unkompliziert: Stelle ein Mikrofon an der Küste auf  und drücke den Aufnahmeknopf. Aber sosehr ich mich anstrenge, meine ersten Versuche, den Klang des Wassers einzufangen, wollten einfach nicht recht gelingen. Wir sind so visuell orientiert, dass die meisten Menschen, die einigermaßen gut sehen, dazu neigen zu hören, was sie vor Augen haben. Wenn wir den Blick auf die Wogen weit draußen im Meer richten, filtern Ohren und Hirn in der Regel alles heraus außer dem Donnern und Krachen der Wellen, die Ferne und unglaubliche Kraft suggerieren. Schauen wir hingegen auf die Vorderflanke der Wellen, die an den Strand spülen und im Sand zu unseren Füßen brechen, hören wir die Bläschen knistern und prasseln, während das Geräusch der fernen Brecher in den Hintergrund tritt.

Mikrofone haben jedoch weder Augen noch Hirn. Ohne Unterschied nehmen sie alle Geräusche in ihrer Reichweite auf. Wenn ich also, überlegte ich, die Klänge einer Meeresküste wiedergeben will, muss ich eine ganze Reihe verschiedener Aufnahmen aus unterschiedlichen Distanzen machen: ein paar Hundert Meter vom Ufer entfernt, auf halbem Weg zwischen den grasbewachsenen Dünen und dem Ufer und direkt am Ufer. Mithilfe einer Klangbearbeitungssoftware, mit der ich zu Hause alle Aufnahmen auf unterschiedlichen Ebenen kombiniere, kann ich auf diese Weise Tonmaterial erzeugen, das ganz ähnlich klingt wie die magischen Klänge der Meereswellen. Aber was ist es eigentlich, auf die kleinste Ebene reduziert, was ich da aufnehme? Was ist Klang?

Klang ist ein Medium, das, abgesehen von seinen physikalischen Eigenschaften – Frequenz, Amplitude, Klangfarbe und Dauer -, schwer zu beschreiben ist. Dennoch spielt er eine Schlüsselrolle für die Art und Weise, wie Gesellschaften sich ausdrücken; er ist grundlegend für die kollektive Stimme der natürlichen Welt, für die Musik und für Geräusche aller Art.

Die Grundelemente des Klangs entziehen sich unserem sprachlichen Zugriff, und für die meisten Menschen ist Klang schon seit jeher ein Rätsel. Auf die Bitte, Klang zu beschreiben, antwortete der Komponist, Naturforscher und Philosoph R. Murray Schafer: „Woher soll ich das wissen? Ich habe noch nie einen Klang gesehen.“ Damit benannte Schafer die Schwierigkeit: Wie oft benützen wir Ausdrücke wie „Ich sehe hier ein großes Problem“? Unsere Sprache ist stark vom Optischen geprägt, und Paul und ich hatten als Filmkomponisten oft mit Regisseuren zu tun, die ihre Wünsche für die Musik in visuellen Begriffen ausdrückten: dunkel, hell, leuchtend, tiefbraun und trüb gefärbt.

Wir nehmen Klang körperlich auf, aber er kann weder gesehen noch berührt oder gerochen werden, was den Sounddesigner und Oscarpreisträger Walter Murch veranlasste, von einem „Schattensinn“ des Menschen zu sprechen – einer Sinneswahrnehmung, die in einem ätherischen, amorphen Bereich existiert. Als Film-Sounddesigner verknüpfen Murch und seine Kollegen Klang – sei es als Dialog, Effekt oder Musik – mit der viel konkreteren visuellen Realität des Bildes, und geben damit beiden Elementen einen neuen Kontext.

Quelle Bernie Krause: Das große Orchester der Tiere / Vom Ursprung der Musik in der Natur / Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Sonja Schuhmacher Kollektiv Druck-Reif / MALIK National Geographic / Piper Verlag München 2015 (Originalausgabe 2012) ISBN 978-3-492-40557-7 (Verlag Antje Kunstmann 2013) Zitat Seite 28f.

 s.a. hier (Kunstmann)

Meer hören! Hier (bei 1.3)

Foto: E.Reichow

Eine große Zeitung

Daran erkenne ich sie:

 .    .    .    .

Sie passt nicht nur zu Silvester, sondern auch zum Neujahrsmorgen. Und im Streiflicht, das man gern als erstes liest, erscheint sogar, wie von vielen Menschen gewünscht, die inzwischen bekannte rhetorische Jahresendfigur als Satire: „Heute ist die Oma der weiße alte Mann unter den Frauen.“

Andere Themen, die uns zu Beginn eines neuen Jahrzehnts unter den Nägeln brennen, lassen sich in neuer Beleuchtung nachlesen. Ich hatte mir längst ein Büchlein ans Bett gelegt, um bei plötzlich auftauchender nächtlicher Melancholie gewappnet zu sein. (Ehrlich gesagt: das erste, was mir heute beim ersten Sonnenstrahl – den gab es wirklich!!!! – einfiel, war die Frage, warum das Schubertlied vom Heideröslein mir in meiner Kindheit viel weniger gefallen hat als das Volkslied und weshalb das ganze Schulmusikstudium, bei dem solche Vergleiche immer zugunsten der Klassikerversion ausfielen, nicht geholfen hat, bis dann Elly Ameling kam und alles zugunsten Schuberts wendete. Noch mehr durch das Lied „Frühlingsglaube“: Nun muss sich alles wenden…)

Man wird wieder sagen, dass ich die Holländer bevorzuge, und das vielleicht nur wegen meines Vornamens, den mein Vater gegen meine Mutter durchgesetzt (ihr war der Name zu kurz). Habe ich erwähnt, dass ich Elly Ameling schon einmal zum Hotel Solitude fahren durfte? Vielleicht hier? Und im Neuen Jahr werde ich wieder nach Domburg fahren. Um aber auf das anfangs erwähnte Büchlein zurückzukommen, das wirklich hervorragend ist und auch das im Titel genannt Problem zufriedenstellend löst:

Aber ich würde auch Hartmut Rosa nicht vergessen, – war es nicht ein Gespräch mit Richard David Precht? Jawohl, siehe hier, dafür habe ich ja den (das) Blog: damit ich behalte, was ich vergesse!

Falls ich an diesem Eintrag noch weiterschreibe (das schöne Neujahrswetter lockt in die nahgelegne Ohligser Heide), also: falls, – so sollte es dem „Heideröslein“ gelten. Und nicht der Vergänglichkeit.