Kategorie-Archiv: Pop

Klassik zum Kuscheln oder Gegentreten

Nur keine Berührungsängste!

Seltsame Welt: im Kultur-Magazin kann der Massensport Fußball dazu dienen, die Klassik attraktiver erscheinen zu lassen. Irgendwie. Im Hintergrund des massenwirksamen Pop-Geschäftes dagegen wird gedämpfte Klassik am ehesten im Blick auf Wellness genutzt. Der kernige Begriff sorgt für Prestige ohne eigene Anstrengung und suggeriert zugleich unterschwellige Leistungsförderung: Geht Klassik nicht Hand in Hand mit Langeweile, und sieht das nicht einer Art Entspannung zum Verwechseln ähnlich? Man sagt doch auch „Kuschelklassik“.

Helene Fischer hier zur Klassik.

ZITAT

Um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen und nicht die Nerven zu verlieren, hat Helene Fischer nach ihren Konzerten immer spezielle Rituale: „Abschminken im Bad, manchmal höre ich auch Klassik, um meinen Kopf nicht zu sehr arbeiten zu lassen, weil da hat man ja auch einiges erlebt an diesen Abenden.“ Noch viel wichtiger ist Helene Fischer allerdings der Austausch mit ihrem Liebsten: Moderator Florian Silbereisen (36). „Ich schotte mich ab, damit ich wieder zu mir komme. Trotzdem ist es das Schönste und Wichtigste, auch direkt, nachdem ich in mein Zimmer gekommen bin, mit Florian zu telefonieren.“

Was hat Violinespielen mit Fußball zu tun? Erfahren Sie es bei ttt Titel Thesen Temperamente hier – ab 24:16 der Violinist Emmanuel Tjeknavorian im Porträt.

(Warum ist überhaupt vom Fußball die Rede? Ich wette: nur wegen der laufenden WM. Und der junge Mann wurde von der Regie dringend gebeten, die Fußball-Idee in Bild und Wort umzusetzen. Sehr halbherzig, denn das Thema verschwindet aus gutem Grund.)

ZITAT Max Moor

Und nun zum Fußball. (MM macht ein pfiffiges Gesicht dazu.) Der Vater ein bekannter Dirigent, die Mutter eine Pianistin, und sie wünschte sich für ihren Sohn nur eines, – dass er nicht Musiker werde. Doch der fünfjährige Pimpf bestellte bei Papa per Telefon eine Geige als Mitbringsel von dessen Auslandstournee, keine Spielzeuggeige, eine richtige, Mamas Protest half nichts, der Bengel kriegte die Violine und – Sie ahnen es schon – ist heute der aufsteigende Stern am Klassikhimmel. Und was hat das jetzt alles mit Fußball zu tun? Dies: (man sieht einen Halbwüchsigen mit Fußball agieren) ein gutes Violinkonzert ist wie ein gutes Fußballspiel. Emmanuel Tjeknavorian, Fan von Real Madrid und Ludwig van Beethoven, weiß das. Auf dem Platz wie auf der Bühne geht es um präzise Technik und kluge Taktik, und ohne Leidenschaft geht gar nichts. (Musik Sibelius) Als Teenager spielte Emmanuel Tjeknavorian in einer Schülermannschaft, offensives Mittelfeld (Sibelius + Fußball spielende Jugendliche). Geige spielte er, seit er fünf ist.

O-Ton Tjeknavorian

Wenn ich Sibeliuskonzert spiel, dann muss jeder Lagenwechsel sitzen, genau so wie auf dem Feld muss jeder Pass sitzen, wenn man ein erfolgreiches Spiel absolvieren möchte oder es hat sich in der Sprache etabliert, wenn man sagt: ja, und der dirigierte die Abwehr oder … der gibt den Takt vor… (Popmusik)

Emmanuel Tjeknavorian in Berlin, eingeladen zum Debüt im Deutschlandradio Kultur mit dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin. (25:59) In dieser legendären Reihe etc. etc. Filmbilder aus Kindheit, Wunderknabe? nein, Vater iranischer Dirigent etc., das Thema Fußball ist weg.

Besonders stark werden die Gefühle, wenn ich armenische Musik spiele zum Beispiel.

Ausnahmetalent… Stradivari. Sehr alt: Mozart, Beethoven, Philharmonie, dennoch: die Geige klingt unbeirrt heute … Übung! (Wo bleibt der Fußball?)

ZITAT (aus dem Off):

Emmanuel Tjeknavorian ist 22. Die Zeit der Wettbewerbe liegt hinter ihm. Er muss nicht mehr siegen, um sein Können zu beweisen. Jetzt muss er ein Publikum gewinnen. Die Zugabe in der Berliner Philharmonie ist ein Kinderlied von Beethoven, das Murmeltier, ein schlichte traurige Weise. Pures Spiel, ganz fein, ganz groß. (Er spielt die Melodie von „La Marmotte“…)

*   *   *

Auch in diesem (wohlgemeinten!) Beitrag erfährt man nichts über Klassik, abgesehen davon, dass beiläufig der „Klassikhimmel“ erwähnt wird. Die Musik ist so ausgewählt, dass niemand verschreckt wird. Es liegt daran, dass ein Klassikhintergrund bei Kulturmoderatoren keine Rolle spielt, musikalisch versuchen sie regelmäßig mit irgendwelchen 30 Jahre zurückliegenden Pop-Erinnerungen zu imponieren. So inszenieren sie das Kinderlied als Höhepunkt. So schlicht – ohne alles – ist ihnen Klassik am liebsten. Zu „Lebzeiten“ der Klassik schrieb ein zeitgenössischer Rezensent über Beethovens Klavier(!)lieder op. 52, zu denen „La Marmotte“ mit Goethes Versen gehört:

Begreif‘ es, wer es kann, dass von solch einem Manne etwas so durchaus Gemeines, Armes, Mattes, zum Theil sogar Lächerliches – nicht nur kommen kann, sondern sogar ins Publikum gebracht werden mag! [AmZ 1805]

Berührungsängste allenthalben. Aber Kuschelklassik und Kinderlied, ganz fein, ganz groß.

*   *   *

Auch Helene Fischer will mal loslassen, sich abschminken, die Maske abnehmen, den Kopf mit Klassik ausschalten statt mit Schlagern. Und der Klassikstar soll keinen Wettbewerb mehr gewinnen wollen, sondern ein Publikum. Wenn es sein muss, mit einem halben Schritt zurück ins Kinderland. Es ist doch alles nur Spiel…

*   *   *

Verdammt noch mal, was war los mit unserer Fußballmannschaft? Es fehlte die Spielfreude! Sie haben nicht gebrannt!! Sie sind nicht um ihr Leben gerannt, es war nur ein gutwilliges Traben.

Man muss es aber gar nicht psychologisch sehen. Eine schöne Lösung fand die ZEIT in der Kolumne von Josef Joffe: Total global – Warum die Kleinen bei der WM die Großen überflügeln.

Die Erklärung besteht aus einem Wort: „Globalisierung“. Als die Deutschen 1954 den Pokal in Bern holten, kamen Sepp Herbergers Mannen aus deutschen Vereinen: große Bevölkerung, große Auswahl. Da konnte das winzige Island nicht mithalten. Doch heute sind die Scouts der Club-Teams in der gesamten Welt unterwegs und rekrutieren die Besten der Besten.

Die spielen mit den Besten in der Premier League oder der Bundeslinga. Sie erringen Ruhm und Reichtum, egal, ob sie aus dem Senegal oder Ägypten kommen. Sie steigen auf in die Welt-Elite, was sie im einst abgeschotteten Daheim nie hätten schaffen können. Alle vier Jahre kehren sie heim, wo sie mit andern Cracks im Nationalteam spielen und die klassischen Fußballmächte das Fürchten lehren.

(…) Bei der WM spielen zwar nationale Teams, aber in Wahrheit die Besten gegen die Besten der ganzen Welt. „National“ an ihnen ist nur der Pass. Vergleichbar ist dieser globale Markt nur mit den großen Orchestern der Welt, wo nicht Herkunft die Zukunft bestimmt, sondern Talent und Ehrgeiz.

Anders als Football, Baseball und Rugby ist Fußball der einzige Sport, jedenfalls gemessen an den drei Milliarden, die in Russland zugucken. Dass in der gnadenlosen Konkurrenz die Letzten zu den Ersten aufrücken und umgekehrt, befeuert die Faszination. Über diese Art der Globalisierung darf sich niemand beschweren.

Quelle DIE ZEIT 5. Juli 2018 Seite 12 ZEITGEIST / Total global Warum die Kleinen bei der WM die Großen überflügeln / Von Josef Joffe.

Der Vergleich mit den Orchestern hinkt allerdings mehr als der fast tödlich gefoulte Neymar, nachdem er wieder aufgestanden war.

In der Musik gibt es keine zählbaren Tore, die auch eine künstlerisch hervorragende Leistung in die Vergessenheit drängen könnten. Und umgekehrt funktioniert es auch auch nicht. Letztlich zählt nicht das Kinderlied, sondern das Sibeliuskonzert.

Das Wort „Abschotten“ spielt eine ambivalente Rolle. Bei der „Welt-Elite“ ebenso wie in Helene Fischers Abschminkzimmerchen. Der geigende Eremit im Sinne Max Regers würde sich auf den Klassik-Podien der Welt nicht durchsetzen. Wohl aber als Effekt in einem dramaturgisch gelenkten ttt-Beitrag.

Das Kinderlied geht mir doch nachhaltig durch den Kopf.

Ragamalika am Ennore Creek

Recherche zur südindischen Musik

Blick über die Ennore Bucht bei Chennai (Foto: CC-by-sa PlaneMad/Wikimedia)

„Ragamalika“ wird die Verbindung verschiedener Ragas genannt, eine „Raga-Girlande“, und sie stellt eine Ausnahme in der indischen Konzertpraxis dar, in der prinzipiell die Einheit eines Ragas für die Länge einer einzelnen Interpretation gewahrt wird, ob sie nun 3 Minuten, 30 Minuten oder länger dauert: der Tonvorrat, die Skala und die typische Ausgestaltung der Melodielinien bleibt – bei aller Freiheit der Improvisation – unverändert, 1 falscher Ton würde das Tongebäude zum Einsturz bringen. Im Vortrag der Ragamalika gehört es zur besonderen Aufgabe, mehrere Raga-Charakteristiken nahtlos ineinander übergehen zu lassen. Im Fall der vorliegenden Aufnahme hört der Kenner nacheinander folgende Ragas:

Anandabhairavi, Begada, Hamir Kalyani, Devagandhari, Salaga Bhairavi  und Sindhu Bhairavi.

Mir sind nur wenige dieser Ragas gut bekannt, Sindhu Bhairavi etwa, oder Kalyani, aber – anders als in Nordindien – sind in Südindien, in der sogenannten karnatischen Kunstmusik, buchstäblich unzählige in Gebrauch. Ich schlage daher in dem großartigen Werk von Ludwig Pesch nach: The Oxford illustrated Companion SOUTH INDIAN CLASSICAL MUSIC Oxford University Press 1999. Dort werde ich glücklicherweise in allen Fällen fündig, und mit den Skalen versehen kann ich mich in der konkreten Musik auf die Suche begeben und die Reichweite der einzelnen Ragas bestimmen. Aber man darf sich nicht täuschen: ohne das Hintergrundwissen dieses Buches und viel Praxis kann man mit dieser Tafel allein wenig anfangen.

 Ludwig Pesch a.a.O. Seite 195

Ich sehe in Reihe 2 „Anandabhairavi“, in Reihe 4 „Begada“ – und hoffe, dass mir der Übergang nicht entgehen wird, da allein die Terzen schon einen Unterschied wie zwischen Moll und Dur ausmachen werden. Ich werde es melden…

Es ist interessant, das Mienenspiel und die Gesten des Sängers zu beobachten, egal ob man es aus der Sicht eines „Kulturfremden“ als unangemessen oder affektiert empfindet (was ganz im Auge des Betrachters liegen mag): es hat nicht mit Affekten zu tun, die aus einer (kaum beurteilbaren) Textdeutung abzuleiten sind, sondern mit dem unmittelbaren Verlauf der Melodielinie. Das ist wunderbar. Wir aber dürfen vielleicht anfangen, uns eher „technisch“ anzunähern, indem wir die Töne und Skalen identifizieren. Das Andere kommt im Laufe der wachsenden Erfahrung von selbst.

Und tatsächlich: man erkennt Grundton, Quinte und Nebentöne, im übrigen ein leicht berührtes E, und endlich ein Es, gerade dort  – bei 1:09 – sagt der Sänger „Anandabhairavi“! Ich warte auf die hohe Oktave und eine Rückkehr, um sicher zu sein… er führt die Töne unauffällig ein und hat bei 2:10 bereits das hohe D erreicht. Ab 2:57 jedoch glänzt die Oktave mehrfach, bei 4:51 sagt er „Begada“, nachdem er gerade den Ton E mit Sorgfalt etabliert hat. Als nächstes wird uns „Hamir Kalyani“ begegnen. Ich finde auf einer anderen Tafel bei Pesch zwei Varianten davon (ich kenne Kalyan aus Nordindien, der Raga ist auch als Yaman bekannt, die lydische Kirchentonart), Achtung: Fis wechselt mit F je nach Richtung der Melodielinie. Der Sänger kündigt den Raga an bei 8:17.

Ludwig Pesch a.a.O. Seite 197

Hamir Kalyan geht bis 10:46 – Ansage „Devagandhari“, ist auf der obigen Pesch-Tafel zu finden als 7. Reihe (4. von unten). Merkwürdiges Stocken bei 12:36 (er scheint zu überlegen), neuer Ansatz bei 12:51, 13:18 Ansage „Salaga Bhairavi“ (siehe im folgenden Ausschnitt letzte Reihe) – Abschluss bei 19:10, und hier beginnt laut Schriftzug „Poromboke“. Aber wo begann „Sindhu Bhairavi“? (Siehe im übernächsten Ausschnitt, 2. Reihe, zu beachten die fünf Tonvarianten am Ende der Reihe. Die Variante mit DES bei absteigender Melodielinie ist wesentlich!)

 Ludwig Pesch a.a.O. Seite 188

 Ludwig Pesch a.a.O. Seite 198

Mit dem Titel POROMBOKE sind wir beim zweiten, dem eigentlichen großen Thema. Jetzt wird der Text und die inhaltliche Information entscheidend. Und man könnte es sogar unwichtig finden, ob er musikalisch auf klassische Art behandelt wird oder – mit Pop-Elementen ausgestattet – einer entsprechend orientierten Hörerschicht vermittelt werden soll. Keine Entschuldigungen! Keine Vorbehalte! Hinein!!!

Poromboke is an old Tamil word meaning shared-use community resources like waterbodies, seashore and grazing lands that are not assessed for tax purposes. Today, it has become a bad word used to describe worthless people or places. Chennai Poromboke Paadal is part of a campaign to reclaim the word and restore its worth.

Kurangan is a Tamil pop-rock band
Kaber Vasuki [singer / songwriter]
Tenma [bass / music producer]
Krish [drums]
Sahib Singh [guitars]

Das Video wurde am 29.09.2016 veröffentlicht, samt folgendem Kommentar + Aufruf:
Chennai’s lifeline is in danger. The Kosasthalaiyar River and Ennore Creek are dying a slow death. If the river or creek have blockages, the city will continue to get flooded and the situation will get worse every year. Sign the petition and ask the Tamil Nadu Chief Minister to come up with a plan to save Chennai by saving the Ennore creek.

 

Der Text des Liedes „Poromboke“ von Kaber Vasuki (Zahl mit * = Wiederholung)

Poromboke is not for you, nor for me It is for the community, it is for the earth (* 4) – Poromboke is in your care, it is in mine (*2) It is our common responsibility towards nature, towards the earth – Poromboke is in your care, it is in mine It is our common responsibility towards nature, towards the earth The flood has come and gone, what have we learnt from that? (*2) – To construct buildings inside waterbodies, what wisdom is that? – The flood has come and gone, what have we learnt from that? – To construct buildings inside waterbodies, what wisdom is that? – On the path that rainwater takes to the sea What need have we of concrete buildings? (*2) – It was not the rivers that chose to flow through cities (*2) Rather, it was around rivers that the cities chose to grow – It was not the rivers that chose to flow through cities Rather, it was around rivers that the cities chose to grow And lakes that rainwater awaited Poromboke – they were reverently labeled (*2) After Ennore got its power plant (*2) – Acres of ash, but river scant – After Ennore got its power plant, Acres of ash, but river scant – The sea and the river, he has kept apart (*2) – The white sky, he blackened The sea and the river, he has kept apart – The white sky, he blacked (*2) Once he gets done with Ennore, he will come for your place too (*3) – If you stop, challenge or dare to resist, ‘MAKE IN INDIA’ he will lie and insist (*3) – Growth, jobs, opportunities; these are just flimsy excuses (*2) – For one who sold the waterbodies, the lake is mere poromoboke – Growth, jobs, opportunities; these are just flimsy excuses – For one who sold the waterbodies, the lake is mere poromoboke (*2) – You and I, then; what are we to him? (*2) We are poromboke too (*2) I certainly am poromboke! (*2) How about you? – Are you poromboke too? I certainly am poromboke! – How about you? Are you poromboke too? I certainly am poromboke!

Wikipedia über TM Krishna HIER

ZITAT aus dem Wikipedia-Artikel

The Chennai Poromboke Paadal music video was released on January 14, 2017 on YouTube. An initiative by T.M.Krishna and environmental activist Nityanand Jayaraman – the Tamil song was written by Kaber Vasuki and composed by R.K. Shriramkumar, and the video was directed by Rathindran Prasad. The video featured Krishna performing in and around the Ennore creek and highlighted the environmental damage done to the creek by the power plant [Kraftwerk JR] in that region. The music video trended on YouTube India for a week after its release becoming the first Carnatic song to trend on YouTube. The song’s title contained the word „Poromboke“ which formerly meant land of the commons but has become a popular swear word. The music video also garnered attention for combining Tamil slang dialect with carnatic music.

Sofia Ashraf und ein anderes Beispiel für das engagierte (umwelt-)politische „Lied“ in Südindien (Achtung: es geht um eine Aktion gegen Unilever im Jahre 2015):

Im Nachspann bei 2:42 zu beachten: „Supported by T.M. Krishna“ !

Warum der offenbar einverständliche Protest?

Information über Kodaikanal hier. Über Quecksilbervergiftung in Kodaikanal hier.

Ja, ich bekenne es, ungern bestelle ich mir ein Buch bei dem weltweit bekannten Versand, aber es ging mir darum, schnellstmöglich an die Literatur zu kommen, die mir das oben erwähnte Werk über South Indian Classical Music von Ludwig Pesch auf eine Weise ergänzt, die mir bisher verschlossen war. Seit ich 1967 die karnatische Musik Südindiens durch Josef Kuckertz im Kölner Seminar kennenlernte, – ohne seine peniblen Transkriptionsübungen hätte ich die Schönheit einer Krti von Muttusvami Dikdhitar vielleicht nie bemerkt – , seit damals jedoch gab es in erster Linie nur dieses Interessengebiet in Südindien für mich. Hier jedoch erwartet mich offenbar das entscheidende Bindeglied zur „Realität“:

 Worum gehts? 

ZITAT Pressetext

T.M. Krishna, one of the foremost Karnatik vocalists today, begins his panoramic exploration of that tradition with a fundamental question: what is music? Taking nothing for granted and addressing diverse readers from Karnatik music’s rich spectrum and beyond it, Krishna provides a path-breaking overview of south Indian classical music. He advances provocative ideas about various aspects of its practice. Central to his thinking is the concept of ‚art music‘, the ability to achieve abstraction, as the foundational character of Karnatik music. In his explorations, he sights the visible connections and unappreciated intersections between this music form and others – Hindustani music, Bharatanatyam, fusion music and cine music – treading new, often contentious, ground.

(Fortsetzung folgt)

Allerweltsmusik

DIE ZEIT der Ohrwürmer

Ich spare mir jede Bewertung und erst recht eine vorsorgliche Entrüstung.

Immerhin In einer Zeitung wie DIE ZEIT zwei Artikel zum Thema Musik, welcher Couleur auch immer, in einer einzigen Ausgabe, der aktuellen vom 12. (oder 11.) April 2018. Heute ist Freitag, der dreizehnte. Gehen wir der Sache nach:

1) Der Artikel über den Musiker HIER. Das Allerweltsgenie / Größte Ohrwurmkunst: Die Musik von Felix Jaehn, dem neuen deutschen DJ-Superstar, ist famos bis an die Schmerzgrenze. Von  .

Auch die dort angesprochene NDR-Talkshow ist greifbar: HIER.

NDR Talkshow Screenshot 2018-04-13 08.41.06 Screenshot Jaehn/Schöneberger

2.) Der Artikel über den Fake-Song „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ Hier

DIE ZEIT Seite 49 „Man muss abwaschbar bleiben“ Die Songwriter Niko Faust und Alex Werth haben für das „Neo Magazin Royale“ den banalsten Song der Welt gebaut. Der Beitrag wird nun mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet. Interview: Hannah Schmidt.

Die Musik:

Zitat aus dem ZEIT-Artikel, Niko Faust:

Es gibt viele Popsongs, die tolle Elemente und Tiefe enthalten und trotzdem recht eingängig sind. Zum Beispiel Britney Spears‘ Toxic, der noch immer als einer der cleversten gilt.

„… tolle Elemente und Tiefe…“ :

(Fortsetzung folgt)

Jüdische Ornamente

Krekhts

Ich notiere dies oder mache es leichter zugänglich, um es nicht zu vergessen. Natürlich auch, um es anderen Interessenten zu erschließen, die es noch nicht gefunden haben. Unter den angegebenen Links findet man dann leicht weitere Texte und Video-Lektionen. Der folgende Text stammt von Bob Cohen (Ensemble „Di naye Kapelye“, darüber siehe u.a. bei Oriente Musik hier):

The use of krekhts is almost unique to east European Jewish fiddle styles – the only other style where one seems to find it is Turkish music – one friend once heard a Polish fiddler playing krekhts on a tune, but it turned out he was Polish Tatar.

Krekhts – although essential to all styles of klezmer clarinet – gradually faded out of klezmer violin styles after the 1940s, when less of the fiddlers in Jewish dance bands were European-born and more had classical violin training. Today, violinists such as Michael Alpert of Brave Old World, Alicia Svigals of the Klezmatics, and Steven Gereenman of Khevrisa are probably the best recorded sources to hear the classical Jewish violin sound in all its glory.

During the nineteenth and twentieth centuries there were actual „Jewish“ music schools in many towns in the Russian pale of settlement. A Jewish family – lacking CD players and such – might send one child to the local music school (the Jewish one, of course) to learn violin or piano and thus be able to regale the family at home with the latest compositions of light classical and popular sheet music. Compositions and „studies“ were written for „Jewish violin“ at the time as well. The Russian Jewish ethnomusicologist Vitally Zemtsofsky actually found a Ukrainian Jewish fiddler who had learned in one such „conservatory“ and recorded him in the 1980s. His recording of a „ksos“ on violin confirms a lot of suspicions: high technical prowess combined with a music that simply does not go anywhere. (How many Paganini tunes do you whistle every day, hmmmm?) Lots of krekhts, very Jewish use of modes, but not anything you would remember the next day.

Quelle Bob Cohen (Website „Di naye Kapelye“) Artikel „The Jewish Fiddle“ hier.

Eigentlich wollte ich verstehen, was Wolfgang Martin Stroh (Uni Oldenburg) meint, wenn ein englisches Statement in folgender Übersetzung wiedergibt):

Auf dem Video svigals.wmv (auf der CD) sieht man, wie Svigals das richtige „jiddische Geigenspiel unterrichtet. Sie sagt:
„Eines der typischsten Merkmale der jiddischen Musik ist die Biegung, auf die ein Triller folgt. Dadurch werden zwei Phrasen so miteinander verbunden, dass die Energie dazwischen nicht nachlässt. Wenn Sie diese Musik nicht kennen, spielen Sie die Melodie vielleicht so … Mit einer Pause zwischen den Phrasen. Aber ein jiddischer Klezmer-Musiker würde so spielen … und diese Biegung hat etwas Emotionales wie ein Schrei.“
*  *  *
Was ist mit dem Wort „Biegung“ gemeint? Ich gehe auf die Suche nach dem Video:

„The krekhts is unique among ornaments — there is no other tradition in the world with anything similar — and it is in a way the essence of the klezmer sound. Beginner klezmer players often find them mysterious, because they are so unlike any grace note they have encountered before: they are placed at the very end of the note instead of the beginning. Here’s how to play a krekhts:“

Damit ist die Frage nach der „Biegung“ noch nicht gelöst. Aber zunächst soll eine andere Lektion zum gleichen Thema folgen; sie kommt von der Klarinettistin Robin Seletsky und enthält auch Notenbeispiele.

(Fortsetzung folgt)

Weiter mit Szendy!

Oder gegen ihn!

Ich vermute, dass man des Zweifels  und des Schwankens zwischen seiner eher flüssigen Schriftlichkeit und dem eigenen, noch gasförmigen Widerspruchsgeist nur Herr wird, indem man sich fortwährend Zeit nimmt, die eigenen Bedenken wirklich zuendezudenken. Nicht als erstes sich dazu verurteilt nachzugrübeln, was der andere wohl gemeint haben könnte. Und auch seine Fundstücke – auf die er besonders stolz ist, er nennt sie „Brocken“ – nicht bestaunt, ohne sie zugleich einer Prüfung zu unterziehen.

Er greift mit Vorliebe eine pars pro toto heraus, wobei zu berücksichtigen ist, dass die „pars“ offenbar ein sehr dürftiges Teilchen sein kann, nicht im geringsten repräsentativ für einen größeren Zusammenhang. Nehmen wir z.B. diesen Amateur-Komponisten namens Zacharias, der entdeckt hat, dass er für sein Werk „versehentlich“ ein paar Takte von Graun geklaut hat und nunmehr, zerknirscht, gewillt ist, sich selbst und allen Kollegen vorzuschreiben, jede entwendete (?) Stelle in eigenen Stücken zu kennzeichnen. Als sei dies ein Hauptproblem. Und nicht ein verstecktes Kompliment. Ab wann ist ein bestimmter Harmoniewechsel, eine chromatische Schärfung persönliches Eigentum? Damit scheint er jedenfalls ein kleinkariertes Besitzdenken vorwegzunehmen, dass sich in GEMA-Zeiten zur Seuche ausgeweitet hat. Wem gehören diese 5 Töne??? Lächerlich!

In diesem Moment kommt die Post, und ein weiteres Werk von Peter Szendy flattert ins Haus, ein früher geschriebenes, zu einem Thema, das mich schon oft beschäftigt hat. (Auch hier im Blog. Siehe z.B. hier).

Also erweitert sich die Aufgabenstellung… Lesen Sie nur den Klappentext! Ich brauche ein paar Tage Zeit. (Fortsetzung folgt).

Szendy Tubes Bitte anklicken!

Vormerken (aus andern Gründen):

Notwendig sind neue gesellschaftliche und kulturelle Infrastrukturen, um mit der neuen Freizügigkeit umgehen zu können. Träte die Gesellschaft in einer solchen Zukunft mit denselben Ansprüchen an das Individuum heran wie bisher, zerriebe sie sich in Konflikten. Mit dem technischen Wandel wird ein kultureller Wandel kommen müssen. Statt alles verstehen und nachvollziehen zu wollen, müssen wir toleranter werden gegenüber den nicht länger privaten Eigenheiten unserer Mitmenschen.

Zitat: HIER. Und weiter HIER.

30.06.2017 (nach der Bielefeld-Fahrt)

Bielefeld Betten

Das neue Szendy-Buch über „Tubes, Hits, Ohrwürmer“ lässt sich, zumindest im ersten Drittel, viel leichter lesen als „Hören(n)“. Was für eine schöne Überraschung, dass auch hier auf Seite 60 Mendelssohn auftaucht, mit eben der Melodie, die mich am ehesten aus der Fassung bringt, natürlich samt Heine-Versen: „Auf Flügeln des Gesanges“. (Siehe HIER.) Überhaupt Mendelssohn: seine Muster-Melodik wäre eine Untersuchung wert: das Klaviertrio d-moll, das Violinkonzert, auch die „Wasserfahrt“ (Heine!) oder „Wer hat dich, du schöner Wald“. Vollkommene Simplizität. Raffinierte Einfalt.

10.09.2017

Seltsam, heute, wo ich nicht mal das Büchlein von Szendy mit auf die Reise genommen habe, aber mich über den Klappentext rück-informieren möchte, könnte ich nicht einmal sagen, von welchen Titeln er als „Tubes“ spricht: ich kann nichts, aber auch gar nichts daran finden. Ich könnte nur mutmaßen, was andere daran finden.

So bei „Parole, parole, parole“ hier oder hier. Oder bei „Can’t Get You Out Of My Head“ – meint er wirklich diese Aufnahme mit Kylie Minogue hier? Unbegreiflich simpel. Immerhin: ich lese die ergriffenen Kommentare der Fans, – es muss doch etwas daran sein!? Wie könnte ich mich denn darauf festlegen, dass meine Ohrwürmer mehr musikalische Qualität haben? Nach welchen Kriterien? Von Einfachheit muss durchaus die Rede sein. Auch von Wiederholung, Wiederkehr, Heimkehr, Refrain, Reflexen.

Oder ist es hier der visuelle Anteil, Alain Delon (der schöne Mann), Dalida (die schöne Frau), die bewegten Körper, der Wille zum Gleichmaß, der optische Reizwechsel im Sekundentakt. Und die motivische Formel, die melodischen Partikel besorgen nur den Rest? Kurz: Das Thema bedarf noch einer vorsätzlich positiv gestimmten Behandlung…

Kohl und die Musik

Ich wusste nur, dass er in Hölderlin gut war.

Aber heute, nach der kursorischen Lektüre der neuen ZEIT, weiß ich mehr:

ZITAT (aus der Sicht des Fahrers)

Und wenn das Ziel erreicht war, hat Seeber auf den Bundeskanzler gewartet, Stunde um Stunde. Insgesamt wohl mehr als ein Jahr. Warten auf Helmut Kohl. Seeber hat ihn wirklich gemocht.

Unterwegs hörten sie James Last, Klavierkonzerte und Glenn Miller. Die Kassetten dazu hatte Kohl besorgt. Am Morgen kramte er sie aus der Manteltasche. Eigentlich waren die Reisen der beiden immer gleich.

Quelle Die Zeit 22. Juni 2017 Seite 4 „Ecki, komm sofort!“ Keiner diente dem Bundeskanzler so lange und so treu wie sein Fahrer Eckhard Seeber. Gedankt hat man es ihm nicht. Von Hanns-Bruno Kammertöns.

ZITAT (aus der Sicht einer Sopranistin)

Irgendwann habe ich einen Extrastuhl für ihn anfertigen lassen, der Mann war ja schwer, und mein antikes Sesselchen ächzte unter seinem Gewicht. Ich habe Tafelspitz gekocht oder Spargel, und er konnte sicher sein, dass keines unserer Gespräche diesen Raum je verlassen würde. Wenn er kam, stand immer frisches Brot auf dem Tisch, das schnitt er, brach es, verteilte es, und Schwester Basina sprach das Gebet.

(…)

Als ich merkte, dass er sich für Musik interessierte, habe ich angefangen, ihm manches zu erklären. Das ist mein kleines Verdienst: Ich habe Helmut Kohl Musik nahegebracht. „Ich bin für Mozart“, habe ich immer gesagt. Das hat ihm gefallen. Und Beethovens Fidelio – die Gefängnisszene des Florestan, wenn das Trompetensignal ertönt – konnte ihn zu Tränen rühren. Was war dieser Mann empfindsam!

(…)

Es hat ihn berührt, wie ich über Musik sprach, und natürlich gefiel ihm, dass mein Vater, der Musikwissenschaftler Hans-Joachim Moser, noch bei Brahms auf dem Schoß gesessen hatte. Kohls erste Frage, wenn wir uns sahen, lautete: „Was war?“ Er wollte alles wissen, und wenn ich ihm Schuberts Erlkönig erläutert habe, hat er vollkommen verstanden, was in der Musik vor sich geht.

(…)

Helmut Kohl war für mich stets ein Denkziel, wir hatten eine herrliche Zeit.

(…)

Quelle Die Zeit 22. Juni 2017 Seite 7 Was war er empfindsam! Helmut Kohl wusste wenig über Musik, aber er liebte sie. Ich habe sie ihm nahegebracht. Von Edda Moser.

Das Spiel mit zwei Realitäten

Wie nur konnte es geschehen, dass Helene Fischer ausgepfiffen wurde?

Gewiss, es ist peinlich, den Erklärungsversuchen zuzuhören. Leider habe ich es live verpasst, weil ich genau diese Viertelstunde anderweitig genutzt habe. Und nachher wunderte ich mich nur, dass die Pause länger gedauert hat, als von mir berechnet. Die arme Helene F., aber wie tapfer sie es doch verdaut hat: immer mit Blick auf das Millionenpublikum, von dem sie auch nicht den allerkleinsten Schwachkopf vergrätzen will.

Selbst mir, der ich keinen einzigen ihrer Songs gerne durchstehe, allerdings auch zu denen gehöre, die im Stadion keine Fan- oder Vereinshymne mitsinge, steht bei der leisesten Vorstellung von der Atmosphäre im Stadion glasklar vor Augen: die Formensprachen des Fußballs und der Popmusik passen nicht zusammen. Es sind zwei völlig verschiedene Spannungswelten. Jeder muss das wissen und fühlen! Ich bin vielleicht kein Maßstab, aber ich hatte früh ein Faible für Spontan-Chöre. Da wusste ich noch nichts von den Übungsprozessen und den Einpeitschern vor den Fan-Blöcken. Mein erstes wirklich großes (nicht sehr spannendes) Livespiel, das ich im Berliner Olympia-Stadion miterlebt habe, Paraguay gegen Schweden am 15. Juni 2006 (siehe HIER), ist mir aber unvergesslich, hat mich (irgendwie) erregt, es war real wie das tiefe Grün des Rasens, aber richtig aufgeregt hat mich vor allem die überlaute Musik aus den Lautsprechern, die von vornherein jeden Fan-Gesang unterband; sie wäre nur erträglich, wenn sie wenigstens sporadisch ein spielbezogenes Mitsingen oder auch Mitgröhlen erlaubt hätte. Was in diesem Fall schwierig war, weil die Paarung Paraguay/Schweden innerhalb der Weltmeisterschaft weder durch Brisanz des Spiels noch durch massenpsychologische Wirkung Funken schlagen konnte.

Mit Recht erinnerte Helene Fischer jetzt daran, dass auch sie schon in demselben Stadion vor vollbesetzten Rängen gesungen hat; sie weiß zwar, dass es andere Leute waren, die bei ihr gesessen haben, und vor allem: Leute, die einer anderen Sache wegen gekommen waren. Sie wollten Gefühl, aber nur ein winziges Spektrum davon und dies auch um den Preis der Selbsttäuschung. Damit hat Fußball nichts zu tun. Da geht es um „Realität“ (Eindeutigkeit, Parteilichkeit, Sieg, Geld, Tabelle, Spielregeln, physische – von außen beurteilbare – Leistungen usw.).

Der Denkfehler der Veranstalter im vorliegenden Fall war: Helene Fischer hat ein Millionen-Publikum, Fußball hat ein Millionen-Publikum, da kann man nichts falsch machen, wenn man sie zusammenlegt. Aus Geschäftsgründen. Die Musik und die Pause – ein scheinbar zweckfreier Raum, das könnte doch einen neuen Deal ergeben? Und nun der schwere Fehler der Sängerin, – nicht genug, dass sie unter Verdacht stand, BVB-Fan zu sein -, sie wollte alles richtig machen und verdeutlichen, dass sie in einer anderen Sphäre wirkt (Herz, Harmonie und Ausgleich), flötete also im Vorfeld, dass sie für keine der spielenden Mannschaften Partei ergreift: dass sie beide liebt. Nur Hohngeschrei kann darauf antworten!

Nicht nur eine Pop-Sache. (Das Image des Rockmusikers lebt von der Suggestion, dass er Ernst machen könnte, – bis hin zum Zerschlagen seines Instrumentes.) Aber nehmen wir an, Sie lassen sich vom Fußball hinreißen und genießen die aufgeheizte Atmosphäre des Stadions. Zugleich sind Sie ein Fan Beethovens. Zwei Seelen wohnen in Ihrer Brust, aber auch hier gibt es Berührungspunkte. Z.B. die Idee der bewegten Masse, des gemeinsamen Arbeitens, des Aufbäumens, des Umschlags der Energien. „Seid umschlungen Millionen!“ Könnte man Ihnen eine Freude machen, wenn in der Fußballpause eine Beethoven-Ouvertüre, z.B. „Egmont“, gespielt würde? Nie und nimmer, wenngleich die Egmont-Musik mit einem Siegestaumel endet: kein Beethoven-Sieg lässt sich mit dem „wirklichen“ Sieg auf dem Fußballplatz in Einklang bringen. Die Musik ist ein „Als ob“, und jeder weiß es. Die Musiker sitzen nicht in Kampfanzügen auf dem Podium.

Fußball ist Ernst! Jedenfalls: so, als sei es kein Spiel. Helene Fischer aber ist kein Ernst; sie ist Pop. Die vorgespielten Emotionen von „Atemlos“ oder „Herzbeben“ haben mit der Seele des Fußball-Fans überhaupt nichts zu tun, – er kann sich atemlos hüpfen und angesichts bestimmter Tor-Situationen Herzklopfen bekommen, aber ansonsten reagiert er auf dem Platz herzlos. „Große Gefühle“ sind vorhanden als Aufputsch und in Gestalt eines vorweggenommenen Triumphes – dazu dient auch Händels Hymne aus „Zadok the Priest“: Sie ist so zugerichtet, dass sie in kurzen Stößen mitvollziehbar, aber auch nach Bedarf repetierbar ist. Erstaunlich trotzdem, dass das Fußball-Volk, das noch nie ein Oratorium gehört hat, die barock jubelnden („ausrastenden“) Chöre als Klassik-Emblem hinnimmt: sie funktionieren und scheinen das Geschrei der Fans wirkungsvoll zu überhöhen.

Die Organisatoren haben verkannt, wozu die Pause da ist: zur vorübergehenden (!) Abspannung, aber nicht mit der Bereitschaft, ein anderes Großereignis mal eben in Konkurrenz treten zu lassen: nur Würstchenessen und Bier. Und Klo. Die Pause entspannt nur „provisorisch“, jedenfalls wenn das Spiel bis dahin gut war, – vor allem lädt sie auf.

Wie ist es beim Super-Bowl? Wieso geht es dort – mit einem großen Auftritt? Ich kenne mich nicht aus, die psychologische Situation bei Eintritt der Pause muss eine andere sein. Über welche Zeitstrecke zieht sich das Spiel hin? Vielleicht besteht kein Gesprächsbedarf, keine strittige Schiedsrichterentscheidung und dergleichen, kein Sinnieren über mögliche strategische Maßnahmen der Trainer. (Man könnte bei Gumbrecht nachlesen.)

Und was die Klassik angeht: sie hat hier nichts verloren. Man muss ja bereit sein, dem Aufbau ihrer speziellen Sphäre zu folgen. Sie braucht für ihre Bindungen unsere Freiheit. Sie setzt Bildung voraus. Auch Zeit! Eine Viertelstunde Klassik bringt nichts, auch nicht außerhalb eines Fußballspiels. Der Raum und die Bühne müssen – außen und innen – geschaffen werden. Eine Situation der Aufnahmebereitschaft gehört dazu. Zu vergleichen auch die ähnliche Thematik in diesem Versuch: HIER.

Und vor vielen Jahren habe ich mir anlässlich des erwähnten Fußballspiels in Berlin einen Satz von Clifford Geertz abgeschrieben, der zwar den balinesischen Hahnenkampf betraf. Es wäre aber gar nicht so abwegig, an dieser Stelle wirklich weiterzudenken:

Der Hahnenkampf erreicht es, verschiedene Erfahrungen des Alltags in einem Brennpunkt zu bündeln, von denen er sich als „nur ein Spiel“ absetzt und an die er als „mehr als Spiel“ wieder anschließt. So schafft er etwas, das man vielleicht nicht typisches oder allgemeines, sondern eher paradigmatisches menschliches Ereignis nennen könnte, denn es sagt nicht so sehr, was geschieht, sondern eher, was in etwa geschehen würde, wenn das Leben – was ja nicht der Fall ist – Kunst wäre und so eingeschränkt wie bei Macbeth und David Copperfield von Gefühlen bestimmt sein könnte.
So ermöglicht es der endlose, endlos neuinszenierte Hahnenkampf dem Balinesen, eine Dimension seiner Subjektivität zu entdecken – ähnlich wie bei uns die wiederholte Lektüre von Macbeth. (…)
Doch hier begegnen wir wieder einer jener Paradoxien, wie sie – gleich gemalten Gefühlen und folgenlos bleibenden Handlungen – in der Ästhetik immer wieder auftauchen: Da diese Subjektivität nicht eigentlich existiert, bevor sie organisiert wird, erschaffen und erhalten Kunstformen genau diese Subjektivität, die sie vermeintlich nur entfalten. Streichquartette, Stilleben und Hahnenkämpfe sind nicht einfach Widerschein einer vorweg existierenden Empfindung, die analog wiedergegeben wird; sie sind für die Hervorbringung und Erhaltung solcher Empfindungen konstitutiv.

Quelle Clifford Geertz: Dichte Beschreibung / Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme / Frankfurt am Main 1983

Pop, Demokratie, Populismus

Auch wenn man schon alles über Trump weiß

Seesslen Trump

Es ist die beste Analyse, die ich bisher gelesen habe (und anderes brauche ich seit heute nicht mehr), und für mich sind die letzten Kapitel die wichtigsten, z.B. „Demokratie und Kapitalismus“, während man in der ersten Hälfte des Büchleins noch einiges zu lachen hat (falls einem so zumute ist). So gute (politische) Bild-Analysen habe ich seit John Berger’s „Sehen“ nicht mehr gefunden.

Berger Sehen Rowohlt 1974

Und in dem Berger-„Bilderbuch“ liegt dies kopierte Blatt eines „Weltbuches“, das ich damals als Verbindung zur Musik im Auge behalten wollte. Zu idealistisch gedacht? Unvergessen der Autor: John Blacking.

Musical Man  Musical Man Cover 1974

***

„TRUMP!“ – Uneingeschränkt zu empfehlen, auch als preiswertes, unbezahlbares Geschenk für solche, die es wert sind, oder auch solche, die man damit ärgern kann. Beginnend mit folgendem bildungsgestützten Satz:

Den Grundwiderspruch der Demokratie formulierte schon Aristoteles: Wenn es in einer Demokratie Reiche und Arme gibt, dann liegt auf der Hand, dass die Armen ihre demokratischen Rechte zu eben dem Zweck einsetzen, den Reichen den Reichtum zu nehmen. Ergebnis: Instabilität. Gegen diesen Widerspruch gibt es nur zwei Lösungen: entweder (wie Aristoteles vorschlug) die Armut abschaffen oder aber die Demokratie abschaffen. Natürlich lag die Lösung in der westlichen Demokratie-Geschichte immer in irgendeiner Form des Dazwischen.

Weiterlesen auf Seite 109 in: TRUMP! Populismus als Politik / Von Georg Seeßlen / Verlag Bertz+Fischer / Berlin 2017 / ISBN 978-3-86505-745-7

ZITATE

Wer die Demokratie im Namen des Volkes zu verteidigen meint, hat sie schon aufgegeben. („Wir sind das Volk!“ hieß eine Parole, die zuerst die Demokratie einforderte und dann ihre Abschaffung.)  Seite 130

Man muss keine Pegida-Demonstrationen besuchen, um zu erkennen: Da sind Menschen, die sich als Volk definieren, zu Untaten bereit, zu denen sie als Einzelne und in individueller moralischer Souveränität mehrheitlich wohl nicht in der Lage wären.  Seite 128

Das Gegenteil von Volk ist nicht Elite, sondern Humanismus. Das Gegenteil von Elite ist nicht Volk, sondern Aufklärung. Seite 131

Man ist es inzwischen gewöhnt, in der gesellschaftlichen Diskussion von „Narrativen“ zu sprechen, zuweilen auch von „Erzählungen“, womit im entsprechenden Zusammenhang dasselbe gemeint ist. In seinem Trump!-Buch schreibt Seeßlen auf Seite 8:

Wir leben in zwei großen Erzählungen, mindestens. Die eine ist der ökonomisch-politische Diskurs, der sich auf Informationen, Interessen, Texte, Gesetze und Modelle bezieht.

Und auf der nächsten Seite:

Die zweite Erzählung ist die des Entertainments, der populären Mythologie: das Kino, der ewig laufende Fernseher, die illustrierte Welt der Promis, Shows und Events, die Stars des Musikbusiness, der Sport, Cartoons, die Werbung. Hier kommt es nicht auf logische Verknüpfungen oder Transparenz der Motive an, sondern auf Emotionen, Bildhaftigkeit, Effekte.

Seit wir das Wort vom Post-Faktischen gelernt haben, oder von „alternative facts“, ahnen wir, wohin die Reise geht. Eine gründliche Aufklärung gehört zu den Desideraten des modernen politischen Denkens. Man kann im Deutschlandfunk den Text einer Rede (einer Erzählung?) nachlesen, die wirklich weiterführt. Vorwarnung: Bringen Sie etwas Zeit mit…

Überschrift: Erzählungen bilden Gemeinschaften / Autor: Georg Seeßlen / HIER.

Dank an JMR!

Drei Beispiele POP

Warum ich sie hier hintereinander setze? Und nur diese drei, – das hat keinen besonderen Grund. Sie sollen mir eben auch etwas bedeuten. Ohne Pathos. Ohne Herablassung. Wenn nun einmal die nächste oder vielmehr die Enkel-Generation wirklich etwas (Lebenswichtiges) daran findet…. Die Klickzahlen sind ja nicht nur erstaunlich, sondern geradezu erschreckend. (1.4.17 11 Uhr : 1.071.782.390 Aufrufe, um 16:52 1.071.895.565 Aufrufe). Man muss sich also alles genau anschauen: warum? Es kann doch nur eine Art Philosophie dahinterstecken. Oder etwa bloßes Vergnügen? Nur das? Oder vielmehr: Alles was wir nicht vermitteln. Oder was von unserer Seite nicht angenommen wird. Auch Anleitungen zu Lebensentwürfen und Selbsterkundungen. Und es kommt deutlicher, als ich erwartet habe. Die Frage, ob die jungen Leute solche Inhalte ernst nehmen, verfliegt, wenn man die Kommentare unter den Youtube-Videos liest. Und zwar mit Empathie. Nicht mit beflissener Befremdung. – Ich bin nicht sicher, ob die Videos überhaupt eine Rolle spielen. Vielleicht ausschließlich der Song (im Handy). Themen: Liebe (in einer Luxus-Ferienwelt, abgeschieden vom Alltag, der Akteur am Flügel, die Partnerin im Swimming-Pool. Im stummen Nachspann Happy End ganz in Weiß. Die Inbrunst auf „all“: der Umschlag ins Falsett // Ein Lebensrückblick (6jährig, 15jährig; und jetzt, wo sich alles neu anfühlt); // und wieder „Memories“ – „let’s write our story“ – das Jetzt, das Eigentliche erfassen. Aber auch bereits rückblickend? Festhalten – „carved in stone“.

John Legend: All of me

Lyrics:

1 What would I do without your smart mouth?
Drawing me in, and you kicking me out
You’ve got my head spinning, no kidding, I can’t pin you 2 down
What’s going on in that beautiful mind
I’m on your magical mystery 3 ride
And I’m so dizzy, don’t know what hit me, but I’ll be alright

[Pre-Chorus:]
My head’s under water
But I’m breathing fine
You’re crazy and I’m out of my mind

[Chorus:]
‚Cause all of me
Loves all of you
Love your curves and all your edges
All your perfect imperfections
Give your all to me
I’ll give my all to you
You’re my end and my beginning
Even when I lose I’m winning
‚Cause I give you all of me
And you give me all of you, oh oh W

[Verse 2:]
How many times do I have to tell you
Even when you’re crying you’re beautiful too
The world is beating you down, I’m around through every mood
You’re my downfall, you’re my muse
My worst distraction, my rhythm and blues
I can’t stop singing, it’s ringing, in my head for 9 you

[Pre-Chorus:]
My head’s under water
But I’m breathing fine
You’re crazy and I’m out of my mind

[Chorus:]
10 ‚Cause all of me
Loves all of you
Love your curves and all your edges
All your perfect imperfections
Give your 11 all to me
I’ll give my all to you
You’re my end and my beginning
Even when I lose I’m winning
‚Cause I give you 12 all of me
And you give me all of you, oh oh

[Bridge:]
Give me all of you
13 Cards on the table, we’re both showing hearts
Risking it all, though it’s hard

[Chorus:]
14 ‚Cause all of me
Loves all of you
Love your curves and all your edges
All your perfect imperfections
Give your 15 all to me
I’ll give my all to you
You’re my end and my beginning
Even when I lose I’m winning
‚Cause I give you 16 all of me
And you give me all of you

I give you all of me
And you give me 17 all of you, oh oh W      (All of me: ©John Legend)

NOTATION (JR) Rote Zahlen im Text = Melodiezeile / W = Wiederholung

All of me Transkription a  All of me Transkription b

Textkritik: Voll jugendlichen Überschwangs, aber nicht gut. Er versucht, die Widersprüchlichkeit der Liebe in Worte zu fassen. Die üblichen schlechten Reime der Rapper, trotzdem mit inhaltlichen Notlösungen: etwa imperfections gereimt auf edges. Und gerade hier auch verbal eine Entgleisung: da man das Wort curves unziemlich verstehen könnte (der Text ist clean!), rückt er es gerade, indem er es mit edges paart, also in eine abstraktere Ebene versetzt. Aber bei dieser so geliebten Frau von perfect imperfections zu sprechen, ist nicht fern von Anmaßung, – welches Pendant hat er denn für sich selbst gefunden, wenn schon alles so spiegelbildlich gedacht sein soll? Es gelingt auch nicht in dem Satz: You’re crazy and I’m out of my mind.

Ed Sheeran: Castle on the hill

Lyrics

When I was six years old I broke my leg
I was running from my brother and his friends
tasted the sweet perfume of the mountain grass I rolled down
I was younger then, take me back to when I
Found my heart and broke it here, made friends and lost them through the years
And I’ve not seen the roaring fields in so long, I know, I’ve grown
but I can’t wait to go home

I’m on my way, driving at 90 down those country lanes
Singing to Tiny Dancer, And I miss the way you make me feel, and it’s real
When we watched the sunset over the castle on the hill

Fifteen years old and smoking hand rolled cigarettes
Running from the law through the backfields and getting drunk with my friends
Had my first kiss on a Friday night, I don’t reckon I did it right
I was younger then, take me back to when we found
Weekend jobs when we got paid and buy cheap spirits and drink them straight
Me and my friends have not thrown up in so long, oh how we’ve grown
I can’t wait to go home

I’m on my way, driving at 90 down those country lanes
Singing to Tiny Dancer, And I miss the way you make me feel, it’s real
When we watched the sunset over the castle on the hill
Over the castle on the hill
Over the castle on the hill
Over the castle on the hill

One friend left to sell clothes
One works down by the coast
One had two kids but lives alone
One’s brother overdosed
Ones already on his second wife
Ones just barely getting by
But these people raised me
And I can’t wait to go home

And I’m on my way, and I still remember those country lanes
When we did not know the answers, And I miss the way you make me feel, it’s real
When we watched the sunset over the castle on the hill
Over the castle on the hill
Over the castle on the hill         (Castle on the Hill ©Ed Sheeran)

Shawn Mendes: Memories

Lyrics

When I wake up to your footsteps
As you get up out of bed
They make a sound that sounds so simple
But dances in my head
A melody so perfect
That it gets me through the day
And the thought of us forever
Is one that won’t ever go away

All I need to know is
Where to stop
Take my hand and show me forever
So never will I ever let you go

So let’s hold on together
To this paper and this pen
And write down every letter
To every word we’ve ever said

All I need to know is
Where to stop
Take my hand and show me forever
So never will I ever let you go

Let’s write our story
And let’s sing our song
Let’s hang our pictures on the wall
All these precious moments
That we carved in stone
Are only memories after all

Memories after all
Memories after all, and oh

You gave me hope
But I’ve got to let go
I’ve got to let go
Oh
It’s deep in my soul
Deep in my soul
Now I’ve got to let go
We wrote our story
And we sang our songs
We hung our pictures on the wall

Now those precious moments
That we carved in stone
Are all the memories after all

Written by Sergio Mendes • Copyright © Warner/Ch
* * *
Weshalb ich jedes Wort und jeden Ton ernst nehme?
Weil ich weiß, wieviel Energie herauskommt und hineingesteckt wird.
Weil ich weiß, wieviel Zeit und Kombinationsgabe sich etwa in der folgenden
Transkription manifestiert. Geschrieben von einer Vierzehnjährigen.
Was für eine Projektionsfläche!
Ich hätte im gleichen Alter kein musikalisches Schriftstück von dieser Qualität
zustandegebracht. Und da sollte ich auch nur ein Wörtchen Kritik hervorbringen,
um Wertvolleres hervorzulocken??? (Notation: K.G.)
Memories 1 Memories 2
Und doch, da fällt mir ein, dass ich damals etwas Vergleichbares hinterlassen habe.
Harmonielehre-Aufgaben. Wirklich vergleichbar? Nicht ganz, weil es nicht aus meinen
alltäglichen Initiativen und Interessen heraus entstand. Mit meinen
Kompositionsversuchen z.B. konnte ich die Aufgaben und ihre Lösungen nicht
verbinden. Auch nicht mit den Stücken, die ich spielte. Der Sinn lag in grauer Zukunft.
 Harmonielehre JR
Harmonielehre Anfänge
Und die Liste der Schlager, die damals im Radio präsent waren, ruft das Unbehagen in
Erinnerung, das mich damals erfüllte: HIER.
Sie verdarben meine Lieblingsassoziationen (Das alte Försterhaus etc.) mit falscher
Terzenseligkeit. Es war naheliegend, alles auszublenden, was nicht nach Bach (III.
Brandenburgisches) und Beethoven (Frühlingssonate und Romanzen) klang.
Irgendwann begann ich, ganze Werke abzuschreiben (meist blieb es beim jeweils
ersten Satz). Es wäre vielleicht auch alles anders gelaufen, hätten die Medien eine
alternative, eng mit dem jungen Lebensgefühl verbundene Musik angeboten. Nützlich
war andererseits der Stolz des Einzelgängers.
Abschrift Bach JR 50er  Abschrift Mozart JR 50er
Später war ich nicht mehr stolz darauf, nicht darauf, und heute halte ich jede
Niederschrift nach dem Ohr für hundertmal nützlicher. Egal, welche Musik!