Schlagwort-Archiv: Emanuele Coccia

Baum Gehirn Musik

Ein Titel als Tentakel

Ich will diesen Film festhalten (wie früher die Bücher über Bäume), abrufbar bis 1.9.2018

https://www.arte.tv/de/videos/065298-001-F/ein-traum-von-baum/ ODER HIER

Wikipedia zu Araukarien HIER  /  Wikipedia zur Chilenischen Araukaria Hier

Wikipedia über den Afrikanischen Affenbrotbaum (Baobab) Hier

Über Flughunde als Baobab-Blüten-Bestäuber im Film bei etwa 30:00

Über Animismus und die Griots ab 42:00

In einer Talkshow gestern hörte ich einen betagten Gast über Kindererziehung reden: „…auf jeden Fall soll das Kind Klavier lernen. Das ist gut fürs Gehirn.“ Ich will seinen Namen nicht nennen, es geht nicht um das Persönliche, sondern um den in der Gesellschaft verbreiteten Schwachsinn: wesentlich ist nicht die musikalische Substanz, man wirbt halt nicht mit Kunst, Intensität, Vielfalt, Perspektive, sondern mit Nützlichkeit. Nützlich wofür??? Für irgendwas, an dem auch Gehirn beteiligt ist. Etwas Komplexes zu handhaben oder auseinanderzupflücken. Mit Messer und Gabel essen, per Smartphone einen ganzen Freundeskreis zuzutexten. Es geht nicht um Deutung, um Weltverständnis. Das Innenleben eines Baumriesen jedenfalls hat mit Gehirn im utilitaristischen Sinn nichts zu tun. So wenig wie eine Fuge von Bach mit der akustischen Tapete der Filmmusik, die zur Untermalung von Naturfilmen geschaffen wird.

Der Organismus ist nur die Erfindung einer neuen Möglichkeit, sich mit der Welt zu mischen und es der Welt zu erlauben, sich im Inneren zu mischen. Atmen bedeutet hier unten [in der Umwelt der Wurzeln], sich einen tentakulären Körper zu geben, der sich dort einen Weg bahnen kann, wo er von Gestein versperrt ist, Fortsätze und Arme zu mehren, um so viel Erde wie möglich zu umfassen, sich ihr auszusetzen wie das Blatt dem Himmel.

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt (Hanser 2016, Seite 111f)

Vier Baumbücher. So könnte es ewig weitergehen. Bis hierher etwa:

Aber ist es nicht still geworden um diese Pflanzen- oder Baum-Philosophie? Gewiss, es hat ja auch mit Stille zu tun und nicht mit dem Markt der Moden. Nicht einmal mit Förster Wohlleben.

Zitat Fernsehsender ARTE:

Altehrwürdige Bäume, die Leben spenden – die Chilenische Araukarie und der Afrikanische Affenbrotbaum haben eines gemeinsam: Sie sind Teil einer jahrtausendealten Kultur und spielen in den lokalen Traditionen eine wichtige Rolle. Als Refugium für mystische Wesen oder Verkörperung von Geistern sind sie eng mit der animistischen Auffassung von Natur verbunden.

Die Araukarie wächst schon seit Millionen Jahren an den Ausläufern der chilenischen Anden. Die Dokumentation führt in den Nationalpark Villarrica nahe der kleinen Ortschaft Curarrehue. Ihren Spitznamen „Monkey Puzzle Tree“ verdankt die Araukarie dem Kommentar eines Engländers um 1800, der meinte, diesen Baum mit seinen dolchartigen Blättern zu erklimmen, sei selbst für einen Affen eine kaum lösbare Aufgabe. Die Früchte des Baums, die Piñones, sind essbar. Die einheimischen Indiovölker, insbesondere der Mapuche-Stamm der Pehuenche, deren Bezeichnung sich vom Namen des Baumes herleitet, haben durch Ernte und Lagerung dieser Früchte als ihrem praktisch alleinigen Nahrungsmittel die rauen Winter in den Bergen überlebt.
Im Senegal, südlich von Dakar, in einem kleinen Dorf namens Nianing, hat der Affenbrotbaum die Bewohner und ihre Kultur geprägt. Früher dienten die heiligen Bäume mit ihren kegelförmigen Stämmen dazu, die Griots, die traditionellen Geschichtenerzähler, in ihnen zu bestatten. Heute finden zahlreiche Tiere in dem kleinen Ökosystem des ausladenden Baumes Unterschlupf; die Dorfbewohner finden unter den schattigen Baobabs einen Ort der Geselligkeit. Die besondere Aura, die von den bis zu 600 Jahre alten Bäumen auszugehen scheint, hat sie bis heute vor der Rodung bewahrt.
Die Chilenische Araukarie und der Afrikanische Affenbrotbaum spielen in den lokalen Traditionen seit Jahrtausenden eine wichtige Rolle: Als Refugium für mystische Wesen oder Verkörperung von Geistern sind sie eng mit der animistischen Auffassung der Natur und dem Ahnenkult der indigenen Völker verbunden.

Emanuele Coccia:

Bereits Platon verglich unseren Kopf mit einer „Wurzel“: Der Mensch, so schreibt er, sei „ein Gewächs, das nicht in der Erde, sondern im Himmel wurzelt“, die Wurzeln nach oben, eine Art umgekehrte Pflanze. Die kanonisch gewordene Version aber lieferte Aristoteles in seiner Abhandlung De anima: „Oben und Unten sind ja bei allen Wesen und beim Weltall nicht dasselbe, sondern was der Kopf der Lebewesen, das sind die Wurzeln der Pflanzen, wenn man doch die Organe als verschiedene oder gleiche nach ihren Leistungen bezeichnen muß.“

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt (Hanser 2016 Seite 102)

Die Welt als Eintauchen zu betrachten, wirkt wie ein surreales kosmologisches Modell, und doch machen wie diese Erfahrungen häufiger, als man meinen möchte. So erfahren wir die Welt des Fischs zum Beispiel jedes Mal, wenn wir Musik hören. Wenn wir das Universum, das uns umgibt, nicht ausgehend von dem Stück Wirklichkeit konstruieren, zu dem der Sehsinn uns Zugang gibt, sondern die Struktur der Welt von unserer Erfahrung ableiten, dann müssen wir die Welt als etwas beschreiben, das nicht aus Objekten besteht, sondern aus Strömungen, die uns durchdringen, aus Wellen unterschiedlicher Intensität und in ständiger Bewegung.

Stellen Sie sich vor. Sie sind aus derselben Substanz gemacht wie die Welt, die Sie umgibt. Sie sind von derselben Natur wie die Musik, eine Folge von Luftschwingungen, so wie eine Qualle nur eine Verdichtung des Wassers ist. Damit hätten Sie ein sehr präzises Bild von dem, was Eintauchen wirklich ist.

Quelle Emanuele Coccia a.a.O. Seite 49f

Bleibt nur noch, den Film von der qualligen Musik zu abstrahieren, die ihn unterläuft, und – den Sehsinn sowie einen vernünftigen Text samt menschlichem Gehirn musikalisch zu nobilitieren.

https://www.arte.tv/de/videos/065298-005-F/ein-traum-von-baum/  HIER

https://www.arte.tv/de/videos/065298-004-F/ein-traum-von-baum/ HIER

https://www.arte.tv/de/videos/065298-003-F/ein-traum-von-baum/ HIER

https://www.arte.tv/de/videos/065298-002-F/ein-traum-von-baum/ HIER

Von all diesen Filmen hatte ich vor 10 Jahren noch nicht den geringsten Schimmer. Andererseits: Neigte ich nicht immer schon dazu, mich selbstbewusst dem mächtigsten verfügbaren Baum zu assimilieren, wie vor genau 10 Jahren auf Teneriffa? Nein, es war nur dem Übermut geschuldet, eine urlaubsbedingte Pose. Heute fühle ich mich eher wie das Röhricht oder der Strandhafer. (Aber auch das ist nicht wahr!)

Der Tiefpunkt im eigenen Garten Dezember 2017

(Fotos: E.Reichow)

Bach, Kant & Co.

Fortsetzung EE2018 (siehe hier)

Mit ziemlicher Verzögerung des Zeitplanes ist jetzt Bach BWV 890 in Arbeit. Das B-dur-Präludium enthält viel „Notenstoff“, – nach 2, 3 Tagen des Übens gibt es keine Sorge mehr, dass es entmutigend wirken würde. Im Gegenteil. Das Stück ist erfrischend!

Bach B-dur Preludioa Bach B-dur Preludio b

Angela Hewitt am Klavier hören: hier! Anfangstext vorübergehen lassen, Musik ab 0:30 (Fuge beginnt bei 8:15). Nur die Takte des Händekreuzens bedürfen eines intensiven Trainings (ist lange her!), im Grunde nur Takt 15/16, – eine Sache des Gehirns (links/rechts). Fingersätze etc. in den alten Kroll-Übenoten. Ich habe ein Problem, seit ich dieses Stück zum ersten Mal geübt habe: es ist der Harmoniegang Takt 74/75 bis zur Fermate Takt 76. Kam mir immer schon defizient vor. Steht aber genau so in Bachs Handschrift. Versuche alles zu rekonstruieren, was mich schon früher beschäftigt hat.

Bach B-dur Preludio c Übenoten Datum am Ende: 24. Mai 88

Schluss noch einmal (rote Klammer am Schluss):

Bach B-dur Preludio cc Schluss bezieht sich auf Anfang der Fuge:

Bach B-dur Fuge Thema = greift Schlusswendung auf!

Die Bleistifteintragung oben: (unvollständig, weil ich die Bände des WTC habe binden lassen, was Wertschätzung bedeutete, zugleich weiß ich wo und wann; das bedeutet: vor 1970, Erinnerung an Fellerer-Seminar über die Fugen des Wohltemperierten Claviers, Referat vielleicht 1967, wahrscheinlich musste ich diese Fuge besprechen, und es passt zu mir, dass ich sie geübt habe, um sie anzuspielen, niemals habe ich sie mir freiwillig ausgesucht) was steht genau da? 2) warum ist es so und nicht anders? 3) Folgerichtigkeit u. Logik zu messen am Gesamtplan des Werkes (u. geschichtl. Bedingungen), nicht [an] vorgegebenen Erwartungen. – Ich bin ziemlich sicher, dass ich die Fuge im Vergleich zum Präludium damals schwach fand, auch heute: schon von der Zeitdauer her (Präl. ca. 8 min, Fuge ca.3 min).

Analytische Überlegungen beim Üben des Praeludiums setzen am besten an bei der Abgemessenheit der Formteile / A 16 Takte + 16 Takte / B 16 Takte + 16 Takte / C 11 1/2 Takte + 11 1/2 Takte / und einer Begründung der Unberechenbarkeit im einzelnen, einer Verspieltheit, die den Reiz des Stückes ausmacht.

(Fortsetzung folgt, zunächst: üben!)

Zusammengefasst:

A beginnt Takt 1, B beginnt Takt 33, C beginnt Takt 65.

Nun habe ich den Eindruck, dass der Teil B in seiner Mitte (Takt 49) eine Reprise andeutet, also Takt 1 wieder aufnimmt, ab Takt 53 auch die Spielfigur Takt 9f , sich aber danach (ab Takt 57) „verzettelt“, bis Teil C in Takt 65 einsetzt, und zwar mit einer Umkehrung des Themas (Takt 1 bzw. Takt 49), sich dann aber wieder „verzettelt“, ja herumirrt und sich dann etwas gewaltsam auf der Fermate (Takt 76) sammelt. Die dann folgenden Takte sind nur eine Prolongation dieses Sammelvorgangs bis zum ersten Akkord des Taktes 83, der den Fermatenakkord wieder aufgreift, auf ihm „landet“. Und reprisenähnlich folgen die 5 letzten Takte des Teiles A, um eine Quart nach oben versetzt, damit das Stück regulär in B-dur endet.  So gesehen besteht also auch der letzte Teil aus 16 Takten, mit einer starken Dehnung in der Mitte.*(siehe neue Anmerkung ganz am Schluss!)

*   *   *

Was wollte ich mit Kant an dieser Stelle? Im Zusammenhang mit EE2018 fiel mir ein, dass ich längst ein Wort von Paul Valéry revidieren wollte, das mich vor Jahren irritiert hat („Die Natur gibt es nicht.“), als könne es irgendetwas besagen für die Lebens- und Denkpraxis. Die Aufgabe stellte sich neu anlässlich der Philosophie der Pflanzen von Emanuele Coccia; der betreffende Textabschnitt soll hier folgen (Farbmarkierung JR):

Nur im Angesicht der Welt und der Natur kann der Mensch wirklich denken. Und diese gemeinsame Identität von Welt und Natur ist alles andere als banal. Denn Natur bezeichnet weder das, was der Aktivität der menschlichen Vernunft vorausging, noch das Gegenteil von Kultur, sondern das, was alles Entstehen und Werden ermöglicht, das Prinzip und die Kraft, die verantwortlich sind für Genese und Transformation jeglichen Gegenstands, jeglicher Entität oder Idee, die je existiert hat und existieren wird. Natur und Kosmos zu identifizieren, bedeutet zuallererst, die Natur nicht zu einem losgelösten Prinzip zu machen, sondern zu dem, was sich in allem, was ist, Ausdruck verschafft. Umgekehrt ist die Welt weder die logische Ansammlung aller Gegenstände noch eine metaphysische Gesamtheit der Wesen, sondern die physische Kraft, die alles durchdringt, was entsteht und sich wandelt. Es gibt keine Trennung zwischen Materie und Immateriellem, zwischen Geschichte und Physik. Näher betrachtet ist die Natur das, was das Sein in der Welt ermöglicht, und umgekehrt ist alles, was ein Ding mit der Welt verbindet, Teil seiner Natur.

Von seltenen Ausnahmen abgesehen, beschäftigt sich die Philosophie seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr mit der Natur: Das Recht, sich mit der Welt der Dinge und der nichtmenschlichen Gegenstände zu befassen und sich darüber zu äußern, fällt grundsätzlich und ausschließlich anderen Disziplinen zu. Pflanzen, Tiere, geläufige oder außergewöhnliche atmosphärische Phänomene, die Elemente und ihre Kombinationen, die Sternbilder, Planeten und Sterne wurden endgültig aus dem imaginären Katalog ihrer liebsten Untersuchungsgegenstände gestrichen. Mit dem 19. Jahrhundert fiel die Erfahrung des Einzelnen in ganz großen Teilen einer Zensur zum Opfer: Seit dem deutschen Idealismus war alles, was man als Geisteswissenschaften bezeichnet, eine so deprimierende wie verzweifelte Anstrengung, aus dem, was der Erkenntnis zugänglich ist, jeden Naturbezug zu tilgen.

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt / Eine Philosophie der Pflanzen / Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke / Carl Hanser Verlag München 2016 / ISBN 978-3-446-25834-1 (Seite 31f) 

Im Hintergrund spukt immer noch eine Erinnerung an die „Kant-Krise“ herum, von der im Fall Kleist die Rede war, obwohl längst bekannt sein müsste, dass sie auf einem groben Missverständnis von seiten des Dichters beruhte: „denn Kant lag es fern, die objektive Welt als bloßes Produkt unserer Einbildungskraft auszugeben.“ So Safranski („Wahrheit“ Seite 39). Man kann die Ursachen dieses Missverständnisses, das vielleicht eher mit Fichte oder Schelling zusammenhing, kurz, mit dem deutschen Idealismus, im Detail bei Ernst Cassirer nachlesen („Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie“ 1919). Aber eigentlich interessiert mich Kant in diesem Punkt mehr als Kleist. Und es wird ja sonst nie im Ernst behauptet, Kant habe sozusagen die Wirklichkeit außerhalb unseres Kopfes geleugnet. Mit einer romantischen Naturauffassung, einer Art gigantischer Übermutter, hat diese Wirklichkeit ohnehin nicht zu tun. Aber vielleicht ebensowenig mit dem Konstruktivismus, als komme der von der Frage „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ zu der Feststellung: sie besteht nur in unserer Einbildung. Als sei damit das genannte Missverständnis nun doch rehabilitiert.

Diese Konstrukte haben halt nur das Pech, dass sie nicht in erster Linie klingen, wie die von Joh. Seb. Bach, sonst würden sie uns nicht in bloße Hirngespinste verstricken…

Und wieder einmal beruhige ich mich in der vorläufigen Beantwortung der 101 wichtigsten Fragen durch Thomas Vašek, dem Buch, das ich nun schon 4mal gekauft habe:

SEIN Vasek

Und fahre auf der nächsten Seite fort, die mir zu sehr auf Heidegger abhebt, – verweile schließlich auf dem danach folgenden Artikel, ja, das kommt mir doch bekannt vor? es handelt sich wirklich um die wichtigsten der 101 wichtigsten Fragen, vielleicht nicht die aufregendsten, aber doch die quälendsten, – wenn wir an Kleist denken und uns nicht bei Bach beruhigen:

Wirklichkeit Vasek

Quelle Thomas Vašek: philosophie! die 1001 wichtigsten fragen / Theiss / Hohe Luft / WBG / 2017 / ISBN 978-3-8062-3631-6

(Siehe auch in diesem Artikel den Link ganz oben nach EE2018 oder etwa hier.)

* Ein Nachtrag muss folgen: Bach-Praeludium BWV 890 – ich habe inzwischen die „rettende“ Interpretation der Stelle, die mir früher im Harmonieverlauf „defizient“ erschien. Genaue Beschreibung incl. Arpeggio-Akkord abwärts auf Fermate: „ratloses“ Innehalten bzw. (frei nach Ernst Kurth) Sammlung, Aufladung, Kumulation der Energie… Umwandlung der zunehmend statischen Momente in kinetische Energie!

Noch einmal Angela Hewitt hören (siehe Anfang dieses Artikels), sie hat alles sehr genau empfunden, – ohne es so demonstrativ hervorzuheben (nur das Trillerchen – anstelle „meines“ Abwärtsarpeggios – in Fermate beim zweiten Mal, sehr schön). Auch die Fuge wirkt in jedemTakt sinnvoll, nicht zu kurz oder zu lapidar. Sehr schön auch im Film umgesetzt, im Dämmerlicht, mit den vorüberschwebenden Traumgestalten. Der lange Aufenthalt bei diesem einen Bach-Werk hat sich gelohnt. Ich kann es jetzt erleben, ohne den kleinsten Moment der Nicht-Wachsamkeit (um einmal das allzu buddhistische Wort der Achtsamkeit zu meiden). Pfingstsonntag 7 Uhr, bei aufsteigender Sonne, Texel / Bos en Duin, 20.05.2018.

Bilanz zu Ostern

Eiche am Boden, Bäume überhaupt, Bach b-moll und der Gesang im Schrein

Schrein Darbarsharif Pakistan Schrein Pakistan Punjab Shrine_of_bahu Sind die Gebäude identisch?

Eiche im Dezember 2017 Die umgestürzte Eiche Dez. 2017

Eiche nach drei Tagen Bearbeitung a Und heute, am 28. März 2018

Coccia cover Auf dem Schreibtisch liegt dieses Buch

Coccia Umschlag 1a  Coccia Umschlag 1b Der Autor

Dieses Buch ist kein romantischer Wunschtraum. Veranlassung, wieder Martin Seels „Eine Ästhetik der Natur“ vorzunehmen und daneben zu legen. Oder auch nicht: ich kann nicht aufhören, in dem neuen Buch zu lesen; leider ist es kurz, was sonst oft genug ein Vorteil ist, aber in dieses möchte ich eintauchen, ja, soll ich sagen: ohne Wiederkehr?  Kein Wunder, dass mein eben gewähltes Wort im Text gleich wiederkehrt. „Von den Pflanzen, oder vom Leben des Geistes“, so die Überschrift des dritten Kapitels.

Sie haben keine Hände, um sie an die Welt zu legen, und doch ließen sich nur schwer Akteure finden, die sich bei der Konstruktion von Formen geschickter anstellen als sie. Die Pflanzen sind nicht nur die kunstfertigsten Handwerker unseres Kosmos, sie sind es auch, die dem Leben die Welt der Formen eröffnet haben, die Lebensform, die die Welt zum Ort der endlosen Figurabilität gemacht hat. Über die höheren Pflanzen hat sich das Festland als Raum und kosmisches Experimentierlabor für die Erfindung von Formen und die Gestaltung der Materie durchgesetzt.

Das Fehlen der Hände ist kein Zeichen des Mangels, sondern vielmehr Folge eines restlosen Eintauchens in eben die Materie, die sie unentwegt gestalten. Die Pflanzen werden eins mit den Formen, die sie erfinden: Alle Formen sind für sie Abwandlungen des Seins und nicht lediglich des Tuns und Handelns. Eine Form zu erschaffen, bedeutet, sie mit seinem ganzen Wesen zu durchschreiten, so wie man Zeitalter oder Phasen seines eigenen Lebens durchschreitet.

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt ISBN 978-3-446-25834-1 (Seite 25)

Siehe auch den Artikel nach der ersten Begegnung HIER.

Woran erinnert mich das?

Sennett Hand Richard Sennett: Handwerk

Das Buch von Sennett ist 2008 erschienen, 2012 habe ich es gekauft und mit Rotstift die (auf google verweisende) Bemerkung hineingeschrieben. Bei Sennett steht im Anhang: „So sagt es jedenfalls Raymond Tallis, The Hand: A Philosophical Inquiry in Human Being, Edinburgh 2003 S.4.“ Er weiß also auch nicht, wo die Aussage bei Kant selbst steht. Heute finde ich im Internet eine kompetente Erläuterung aus dem Jahre 2014, und zwar in der Reihe „gutefrage“ unter dem Link hier, „David Katz (1884 – 1953) scheint die Aussage in Umlauf gebracht zu haben. Er gibt dabei aber nie an, woher bei Kant er dies hat.“

Siehe auch in diesem Artikel ganz unten Darwin über das Hirn der Pflanze.

Natürlich denke ich im Zusammenhang mit den Pflanzen sogleich an die Kunst der Fuge und die floralen Muster, die Bach im Druck hinzufügen ließ, und an Peter Schleunings Interpretation, seine Rede vom Urwald des Werkes.

Bach Blumenmuster Ende von Contrapunctus IV

Ein Eldorado freier Abschweifung, aber im Rückblick passt alles zusammen. Was mir noch fehlt, – was noch zu tun wäre, ist eine Abschrift der Bach-Fuge BWV 891 im Blick auf die musikalische Verinnerlichung der Engführungen, nämlich alles Beiwerk wegzulassen und nur diese ineinandergeschachtelten Themen-Zitate zu spielen, die Zwischenspiele aber vollstimmig, als seien es die Hauptteile. Das Ganze als Hör-Übung am Klavier. Spielen geht leichter als hören! Ach, und der mühsame Text über den Qawwali-Gesang, bzw. über die Problematik des mystischen Hintergrundes. Der Gesang stammt aus Schreinen wie denen, die oben zu sehen sind. Wer ihn erleben will, könnte sich den 27. April in der Alten Oper Frankfurt vormerken: HIER.

Ich erinnere mich gern an das Projekt EE2018, das zwar nicht gescheitert ist, aber auch nicht plangemäß weitergeht: die Bach-Fuge hat mich verleitet, einfach denselben Stoff weiterzuüben und zu beobachten, wie er sich kontinuierlich öffnet. Dabei die vorigen Stufen im Auge zu behalten: hier und hier .

Bach b-moll Skizze Bach b-moll Skizze 2

Es handelt sich also um die Durchführungen IV und V, die Themeneinsätze sind durch T, S, A und B, also Tenor, Sopran, Alt, Bass in blau gekennzeichnet, wobei eben nur die Themen notiert sind, nicht die „begleitenden“ Stimmen, und wir beginnen erst ab Takt 70 , weil erst ab dort das Üben (Hören, Mitsingen) der Themen schwierig wird aufgrund der Engführung (plus Umkehrung bzw. Spiegelung). Nur die Zwischenspiele sind – gewissermaßen als Hauptsache – im vollen Satz ausnotiert und der Länge nach grün gekennzeichnet. (Die Fingersätze sind so notiert, wie sie im vollständigen Notensatz stehen, damit man nicht eine spieltechnisch abweichende Version einübt.)

Am Ende fehlt nur noch der Höhepunkt:

Bach b-moll Skizze Höhepunkt

Habe ich genug getan? Karfreitag Haydn Duo E-dur (noch nicht geklärt, was das wirklich ist, dieses angebliche op. 109, ob vielleicht Bearbeitung, Verlag Litolff?). Besuch der Enkel, Fahrt nach Bonn.

Nein, es fehlt noch die theoretische Einordnung (das erst hieße EE2018 weitertreiben) des Buches von Coccia. Sie fehlt nur in dem Sinne, weil sie sich so gut in den Gesamtkontext (incl. Frühling und Weiterarbeit an der Eiche) einpassen ließe. Und allenthalben Anknüpfungspunkte liefert, z.B. wenn ich die Zeitschrift LANDLUST aufschlage, darin der Verweis auf Darwin, der Mitte des 19. Jahrhunderts gefolgert habe, dass sich „das Hirn der Pflanze in der Wurzelspitze“ befinden müsse:

Landlust Wurzeln links . . . . .

Landlust Wurzeln rechts  Landlust siehe hier.

Wurzel Mango Exposed_mango_tree_roots Foto: Aaron Escobar 2007 (Wikimedia)

Ich hatte weiter oben das Wort „Eintauchen“ fast zufällig gewählt und sehe erst allmählich, in welchem Maße es alles zusammenfließen lässt, was hier nebeneinander oder nacheinander steht. Ich lese mal hier, mal da, am Ende auch alle Anmerkungen, schließlich kapitelweise rückwärts und noch einmal kontinuierlich von A bis Z, überall verweilend, schreibe Musik! an den Rand und sehe auf der nächsten Seite dasselbe Wort Musik im Text auftauchen, und lediglich die Klammer hinter der lokalen Bestimmung in einem Raum „(zum Beispiel einem Club)“ sagt mir, dass der Autor nicht von meiner Musik spricht, Bach, aber … überflüssigerweise … in zufälliger Metaphorik (paradigmatisch) dann doch wieder:

 Der Fisch ist damit nicht mehr nur eine der Etappen der Evolution der Lebewesen, sondern paradigmatisch für alle Lebewesen. Genauso darf das Meer nicht mehr lediglich als eine für bestimmte Lebewesen spezifische Umwelt betrachtet werden, sondern als Metapher der Welt an sich. Das In-der-Welt-Sein alles Lebendigen wäre demnach aus der Welterfahrung des Fischs heraus zu verstehen. Dieses In-der-Welt-Sein, das also auch unseres ist, ist immer ein Im-Meer-der-Welt-Sein. Es ist ein Form des Eintauchens. (S.47)

Die Welt als Eintauchen betrachtet, wirkt wie ein surreales kosmologisches Modell, und doch machen wir diese Erfahrung häufiger, als man meinen möchte. So erfahren wir die Welt des Fischs zum Beispiel jedes Mal, wenn wir Musik hören. Wenn wir das Universum, das uns umgibt, nicht ausgehend von dem Stück Wirklichkeit konstruieren, zu dem der Sehsinn uns Zugang gibt, sondern die Struktur der Welt von unserer musikalischen Erfahrung ableiten, dann müssen wir die Welt als etwas beschreiben, das nicht aus Objekten besteht, sondern aus Strömungen, die uns durchdringen, aus Wellen unterschiedlicher Intensität und in ständiger Bewegung. (S.49)

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt / Eine Philosophie der Pflanzen / Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke / Carl Hanser Verlag München 2018.

Nachtigallen in Berlin

Vogelstimmenforschung und Autismus

Wenn Sie den Namen Constance Scharff in das Suchfenster dieses Blogs eingeben, haben Sie 1 Sekunde später mindestens 6 Beiträge und können lange lesen. Und wenn Sie damit fertig sind, ist auch vielleicht der neue ZEIT-Artikel schon im Internet aufrufbar:

DIE ZEIT 15.März 2018 Wer die Nachtigall stört… darf nicht forschen. Warum ein vielversprechendes Experiment monatelang nicht starten durfte – und jetzt sogar den Regierenden Bürgermeister beschäftigt. Eine Posse aus Berlin / Von Lorenz Marold.

Falls Sie Zweifel haben, ob der Autor – Chefredakteur des „Berliner Tagesspiegels“ – mit Recht in diesem Zusammenhang von „Fliegenschnäppern“ spricht, überzeugen Sie sich – obwohl es darum gar nicht in erster Linie geht – in den Wikipediaartikeln Fliegenschnäpper und Nachtigall. Ja, er hat!!!

Der Artikel beginnt folgendermaßen:

Berlin ist die Hauptstadt der Nachtigallen, 1500 Paare leben hier, mehr als in jeder anderen Stadt – es ziehen eben nicht nur komische Vögel her. Die Population ist seit Jahren stabil, obwohl die Fliegenschnäpper ein paar natürliche Feinde haben: „Fuchs, Hund, Grünflächenamt“, sagt Constance Scharff, Professorin für Verhaltensbiologie an der Freien Universität Berlin – denn ab und zu brettert ein Rasenmäher mit Behördenkennzeichen über die Nester. Dagegen ist das, was Scharffs Kollegin Daniela Vallentin plant, ein wahrer Liebesdienst: Sie möchte drei männliche Nachtigallen aus einem der Berliner Parks einfangen und mit drei gezüchteten weiblichen Nachtigallen im Labor zusammenführen. Zwecks Nachwuchserzeugung.

Ich zitiere jetzt nur fragmentarisch, da es mir nicht um das Ärgernis an Ort und Stelle geht, sondern um die Anregungen aus der Forschungsarbeit.

Vallentin, die vor Berlin in New York forschte, arbeitete zuvor mit Zebrafinken. Die lernen das Singen von ihrem Vater. Vallentin fand heraus, dass bestimmte Nervenzellen den Einfluss des väterlichen Gesangs regulieren. Nun will die ausgebildete Mathematikerin wissen, ob auch bei Nachtigallen ähnliche Mechanismen wirken, wenn die Männchen bei ihrem kunstvollen Wettstreit zwischen Zuhören und Singen wechseln. (…)

Wenn zwei Menschen sich unterhalten, sprechen sie meist abwechselnd, zuweilen gleichzeitig, manchmal beenden sie sogar die Sätze des anderen. Bei einer autistischen Erkrankung ist diese Fähigkeit gestört. Männliche Nachtigallen interagieren ganz ähnlich wie Menschen, deswegen wollen die Wissenschaftlerinnen die neuronalen Aktivitäten einzelner Zellen messen, um besser zu verstehen, was dort während des Singsang-Einklangs genau passiert.

Ich wollte hier nur vom Ziel der Forschung reden. Wenn aber der Hintergrund der Polit-„Posse“ zutage treten soll, muss man den ganzen Artikel lesen. Und dann – ehe man den Stab bricht – vielleicht auch noch den heutigen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem sich eine durchaus kompetente Wissenschaftsjournalistin auf andere Weise differenzierend zu dem Fall äußert.

Süddeutsche Zeitung 17./18.März 2018 Seite 37  (Tierversuche) Forschung im Hinterzimmer / Von Kathrin Zinkant

Da ich gerade in den Revieren der Naturwissenschaft wildere, möchte ich auch eine schöne Sache aus der Pflanzenkunde festhalten, eine Buchbesprechung in dem Heft ZEIT LITERATUR März 2018 Seite 42:

Unsere grünen Mitgeschöpfe Sie gaben der Welt ihre Form – Pflanzen, schreibt der italienische Philosoph Emanuele Coccia, wurden lange unterschätzt. Weil der Mensch sich als Krone der Schöpfung verstand. Von Fritz Habekuss.

Gewiss, man denkt nicht nur einen Augenblick an den Förster und Bestsellerautor Wohlleben. Aber es klingt dann doch ganz anders.

Was dieses Buch so zauberhaft macht, ist, wie es die Gedanken sacht aufhebt, die wohl jeder schon einmal gedacht hat, der sich auf die Natur eingelassen hat (also hoffentlich, leider tut es nicht jeder), und diese dann weiterträgt. Etwa die Überlegung, ob Pflanzen, trotz der Absenz von Sinnesorganen und komplexen neuronalen Strukturen, so etwas wie ein Bewusstsein, ein Weltempfinden haben.

Immerhin ähneln die Wurzeln, wenngleich im Dunkeln verborgen, in Aufbau und Funktion dem tierischen Gehirn. Sie sind keine Anker, sie sind Netzwerke, durch sie fließen Nährstoffe und Informationen, sie durchdringen ihre Umwelt und stehen mit ihr in Kontakt. Schon Platon schrieb, dass der Mensch ein Gewächs sei, „das nicht in der Erde, sondern im Himmel wurzelt“.

Das besprochene Buch von Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt Eine Philosophie der Pflanzen / Hanser Verlag, München 2016; 192 Seiten, 20,-€.  / Siehe auch hier bei Denis Scheck…

ZITAT aus dem Gespräch in „druckfrisch“ Denis Scheck mit Emanuele Coccia:

D.Sch. 4:48 „Einer der Schlüsselbegriffe Ihrer Philosophie der Pflanzen ist der Begriff der Verbindung…eine Pflanze schafft Verbindung zwischen… allem eigentlich… – E.C. „Zunächst einmal Verbindung zwischen der nichtlebendigen Welt und der lebendigen Welt, im Sinne, dass … Pflanzen sind Lebewesen, die gerade diese Gabe haben, die ‚Materie‘ ins Leben zu verwandeln, im Grunde, d.h. sie haben diese Fähigkeiten, die Energie aus der Sonne und die Kohlensäure in lebendige Materie zu verwandeln, was natürlich die Bedingung der Möglichkeit des Lebens überhaupt darstellt.“ – „Und damit landen Sie bei der in meinen Augen natürlich spektakulärsten Erkenntnis Ihres Buches, nämlich dass Sex für die Pflanze Vernunft ist. Das müssen Sie erläutern!“ – „Nicht nur für Pflanzen, Sex ist für alle Lebewesen eine riesige und wunderschöne Erfindung. Im Grunde die Tatsache, dass wir Sex haben müssen, um uns zu produzieren, heißt das, dass wir… wir müssen uns mit anderen vermischen, und da müssen [wir] sozusagen Differenzen, Variationen herstellen. Das ist eine wunderschöne Idee: das Lebewesen kann besser leben, wenn es sich ständig verändert, ständig mit anderen Lebewesen sich mischt. Und im Falle der Pflanzen ist Sex sogar interessanter.“ – „Die brauchen ja nicht nur einen Partner (genau!), die brauchen ja viel mehr.“ Ja! Die brauchen eigentlich Tiere, Wind, Licht, Regen, usw., das heißt: sie müssen eigentlich, um Sex zu haben, irgendeinen Hund nutzen, im Grunde wird Pflanzen-Sex ein kosmisches Phänomen, oder eine Art interspezifische Orgie (?), das ist wunderschön, diese Idee, dass, um zwei Partner Sex haben zu lassen (dürfen), die ganze Welt muss dabeisein.“

Notiz 21.03.2018

Vorgemerkt für den Fall, dass der konkrete Frühling nicht ausreicht:

https://www.klett-cotta.de/buch/Leben/Der_englische_Gaertner/90548 hier

(Einleitung lesen, auch betr. Wittgenstein)

Notiz 01.04.2018

Das oben erstmals im Blog präsentierte Buch von Emanuele Coccia ist inzwischen eingetroffen und zur Hälfte gelesen bzw. nach-gedacht: es ist viel umfassender und grundlegender, als nach dem Denis-Scheck-Gespräch zu erwarten war. Die Manie, über die Sexualität Interessenten einzufangen, führt auch schon mal in die Irre. Einesteils trifft es einen Aspekt des Buches, aber auf weniger spektakuläre Weise als in dieser Sendung insinuiert. Faszinierender ist zunächst das Kapitel über den Atem. Und vieles andere. Siehe auch hier.