Kategorie-Archiv: Allgemeines

Wie allein bin ich?

Einzeln, einsam oder wirklich allein?

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Safranski bezieht sich auf Burckhardt

Jacob Burckhardt – das ist mein Italien (Michelangelo)

.    .    .    .    . Notiz im Buch

Meine Mutter hatte das hineingeschrieben, ein Geschenk also von Frieder Lötzsch, einem Klavierschüler meines Vaters, in dessen Todesjahr 1959. Er galt als intellektuelles Wunderkind, als er auf Langeoog mit den Älteren diskutierte; er belehrte sie alle und zitierte Aristoteles (Thema „Persönlichkeit“). Nach Jahrzehnten traf ich ihn bei einem Ehemaligen-Treffen in Bielefeld wieder, wir hatten uns nicht viel zu sagen. Seine Veröffentlichung des Jahres 2006 betraf einen unserer ehemaligen Lehrer, den Philosophen Helmuth Dempe, den ich erinnere dank eines heftigen „Gesprächs“, das zwischen ihm und meinem Vater entbrannte, beide recht intensive Rechthaber. Beim Kaffee im Freudental an der Sparrenburg-Promenade. Lauter typische Einzelne. Wie auch ich, im jüngeren Umfeld, zumal ich Geige spielte und klassische Musik ernst nahm. Sehr befremdend eigentlich, dass ich – obwohl Altsprachler und eher schüchtern – zum Schulsprecher gewählt wurde.

Es ist eigentlich immer dasselbe Problem mit den Anderen: ob man mehr vom Individuum her denkt – oder mehr von der Gesellschaft, der Gemeinschaft, der Freundschaft, den Außenbindungen her denkt. Man kann es überall herauslesen, wenn man will. Ein Beispiel: das aktuelle Spiegelgespräch:

Quelle Der Spiegel Nr.46 / 13.11.2021 Seite 96 (Gespräch Christiane Hoffmann mit Timothy Garton Ash).

Gab es nicht schon immer „Persönlichkeiten“? Leute mit bedeutender Ausstrahlung?

Renaissance, Wiedergeburt. Und Gegenwart.

Hannah Arendt nach Safranski

Das muss man verinnerlichen, den Satz von der „Balance zwischen Einheit und Vielheit“. Die Demokratie bewirke und bewege die Lebendigkeit der Gesellschaft dadurch, dass die Einzelnen einander dabei helfen, jeweils neu anzufangen. „Doch die damit einhergehende Nichtübereinstimmung der Individuen muss lebbar bleiben. Das leistet die Demokratie mit ihrem rechtsstaatlichen Regelwerk, das den Differenzen und der Pluralität einen Rahmen gibt. Nur so entsteht die Balance zwischen Einheit und Vielheit. “

Jeder kommt von einem anderen Anfang her und wird an einem ganz eigenen Ende aufhören.

Aber das ist im realen Leben eine zu abstrakte Formel. Denn das Kernproblem liegt heute anders: Wir leben in einer Kultur,

die getrieben ist von einem Konzept der Unendlichkeit, dem unerschütterlichen Glauben daran, dass alles für immer so weitergeht. Diese Kultur ist sehr erfolgreich. Aber wenn man es mit Endlichkeitsproblemen zu tun hat, ist es nicht ideal, keine Vorstellung von Endlichkeit zu haben. Und die Themen, die aus meiner Sicht das 21. Jahrhunderrt bestimmen – Artensterben, Klimawandel und alle anderen ökologischen Probleme – sind Endlichkeitsprobleme. Wenn die Insekten weg sind, sind sie weg. Und wir auch. Ganz einfach.

So Harald Welzer im Interview der Süddeutschen Zeitung (Johanna Adorján) am 13./14. November 2021 (Seite 56), und es wird konstatiert:

2020 hat die tote Masse auf diesem Planeten die Biomasse erstmals übertroffen. Das bedeutet, es gab auf der Welt mehr Menschgemachtes als Natur.

Mehr, mehr, mehr. Die Litanei der Ökonomen.

Wenn etwas Großes passiert ist wie die letzte Finanzkrise, stehen sie da und sagen: „Huch“. Dann schweigen sie drei Monate. Und wenn die Politik agiert hat, sagen sie: „Im nächsten Quartal rechnen wir mit einem Wachstum von soundso viel Prozent.“ Mehr Beitrag haben sie nicht. Auch bei Corona: keine einzige Idee. Nur Hochrechnungen, ab wann wieder mit Wachstum zu rechnen ist. (…)

Harald Welzer gibt einen interessanten Hinweis zur Sprachpraxis, nämlich, statt „Wachstum“ immer „gesteigerter Verbrauch“ zu sagen. Er sagt:

Man stelle sich nur mal vor, der Koalitionsvertrag, den wir bald sehen werden, beginnt mit der Aussage: „Wir werden für gesteigerten Verbrauch sorgen“. Klingt gleich ganz anders, oder? Dann wäre bestimmt ein anderes Bewusstsein dafür da, was diese wohlklingenden Wachstumsbeschwörungen in Wahrheit immer bedeuten. Vor allem für die Umwelt.

Das war am Wochenende zu lesen. Sehr interessant auch seine These, die an Ernst Bloch anknüpft: „Gott wurde säkularisiert, der Teufel aber nicht.“

Ja, die Aufklärung hat nur Gott für tot erklärt. Den Teufel – das Prinzip des Widersacherischen, wie es bei Bloch heißt – nicht. Und so kommt es, dass es bei jeder Katastrophe dieselbe riesige Überraschung gibt. Ein Amoklauf an einer Schule in Amerika: Na so etwas, wie konnte denn das passieren? Der Unfall, die Katastrophe, das Misslingen ist in unserer Gesellschaft systematisch nicht vorgesehen. Es wird immer als Unfall gesehen, als Abweichung von der Normalität, nicht jedoch als Teil der Normalität. (…) Ein Unglück, ein Terroranschlag, ein Erdbeben wird immer als einzelnes Phänomen betrachtet. Eine Art negatives Wunder, dass es überhaupt geschah. Es wird völlig überhöht, ist „tragisch“, „unvorstellbar“. Es muss dann auch immer ein Schuldiger gefunden werden, der das zu verantworten hatte. Dabei, und jetzt kommen wir wieder zum Thema Endlichkeit: Es kann nicht immer gutgehen. Es kann immer etwas passieren. Man muss sogar damit rechnen, dass schreckliche Dinge passieren.

Und heute liegt das Buch vor mir, „Nachruf auf mich selbst“ – einzelner geht es nicht:

Welzer: Nachruf auf mich selbst

dies bewegte mich 1980 / 1982 – die Unterstreichungen stammen von damals . . . rückblickend finde ich mich damals jung …

Die 90er Jahre?

Nach der „Jahrtausendwende“ – ein großer Sprung:

Berlin 2017 / 2019 München 2019

Donnerstag 18.11. 2021 – die neue ZEIT ist da: ich habe Zeit, sie zu durchblättern, schließlich bin ich nicht allein, der Kaffee ist längst fertig. Seelenlage: ausgeglichen.

Aber ich bin abgelenkt durch Artikel und Blickfang auf der nächsten Seite: Foto gemeinfrei. Denn der abgebildete Springer, ein junger Mann, war schon damals tot, sonst wäre dies kein antikes Grabmal.

Paestum um 480 v. Chr. s.a. hier

Zurück zu „Seelenlage: Schmerzlich“. Da heißt es zu dem Buch von Daniel Schreiber („Allein“):

Schreiber ist Experte für Tabus. Er hatte 2017 in dem schmalen Band Zuhause erzählt, wie er sich als schwuler Junge in einem ostdeutschen Kaff durch die Kindheit litt. In Nüchtern (2014) geht es um Sucht. Der Autor weiß, wie es sich anfühlt, randständig zu sein, beäugt und beurteilt zu werden. Alleinsein, schreibt er, ist etwas, was auch anderen Furcht einjagt, weil Einsamkeit als ansteckend wahrgenommen wird, sie ist mit Scham behaftet, wird versteckt.

Es ist die Selbstoffenbarung, die Schreibers Buch von dem Werk Rüdiger Safranskis gänzlich unterscheidet, auch wenn die Titel ähnlich sind. […] Hier nun: Start bei der Renaissance! Safranski arbeitet sich durch die Reformation über Rousseau zu Kiekegaard vor, verweilt bei Stefan George, Zwischenstopp bei Ricarda Huch und Hannah Arendt (niemand soll ihm sagen, wie beim Romantik-Buch, er habe die Frauen vergessen!), am Ende landet er bei Ernst Jünger – »Der Einzelne als Stoßtruppführer«

Es ist ein Fast Forward durch die Philosophie. Man kann sich vorstellen, wie so ein Buch zu Weihnachten an die Papas geht und wie wenig nach einem Cognac noch auffällt, wie grob es geschnitzt ist. »Wer als Einzelner erlebt, steht im Freien, ohne sich deshalb schon befreit zu fühlen.« Nun ja. Ob italienische Stadtstaaten sich »in der Arena des polyzentrischen Kräftespiels wie eigensinnige Individuen« verhielten? Sind die großen Künstler von Florenz vor allem »Darsteller des eigenen Ichs«? Eigentlich nein. Wohin führen solche Vereinfachungen? Mit Sicherheit weit weg vom Schmelzkern des Themas, einer eigenen Einsamkeitserfahrung.

Quelle DIE ZEIT 18. November 2021 Seite 72 „Seelenlage: Schmerzlich“ Daniel Schreiber und Rüdiger Safranski erkunden das vereinzelte Ich auf verblüffend verschiedene Weise / Von Susanne Mayer

Stadtstaat und Kosmopolitismus

Die großen Begriffe der italienischen Stadtstaaten uomo singolare, uomo unico“

Quelle Jacob Burkhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien / Alfred Kröner Verlag Stuttgart 1952 (1860)

Siehe auch hier: http://s128739886.online.de/athen-und-florenz/

Sobald man das Individuum hervorhebt, ist es ein notwendiger Schritt zu bedenken, dass kein Individuum für sich allein existiert.

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Quelle Thomas Vašek: Philosophie! die 101 wichtigsten Fragen / Theiss/ Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2017

P.S. Ich verweise dankbar auf den Artikel, in dem ich wohl zum ersten Mal im Blog auf dieses schöne Lexikon hingewiesen haben (ebenfalls in der Vorweihnachtszeit, Thema SEELE): hier

Und was ist, was vermag eigentlich der einzelne schöpferische Mensch?

Hier war mir das Büchlein noch neu. Jetzt ist es mir aus einer veränderten Situation heraus von neuem wichtig geworden. Ich schaue nicht mehr als erstes auf die Tiere, auf die Natur, sondern auf den Menschen, der an die Stelle Gottes tritt. In der Kunst ebenso wie bei der Herstellung einer wohlgeformten Holzkelle oder eines Hauses. Da sollte ich den entscheidenden Sprung der Gedanken darstellen oder wiedergeben…

Oeconomia

Der Stachel im Fleisch

Wenn der Film beginnt, denkt man, ein Vogel fliegt im Morgenlicht durch die Landschaft. Doch es kommt schlimmer. Man muss sehen, lesen und begreifen…

HIER (abrufbar bis 7.2.2022)

Aus einem Interview mit der Regisseurin Carmen Losmann in der Süddeutschen Zeitung (Johanna Adorján) Montag 8. November 2021 Seite 19 Schlecht gedacht:

Hier wirds spannend: 23:43

26:10 „nach der Finanzkrise…“ siehe Wiki hier

35:15 „warum ist Wachstum wichtig?“… Wirtschaftswachstum siehe Wiki hier

37:30 „wir definieren Wachstum dadurch, dass …“ „wenn man bedenkt, dass in Indien… oder in … Indonesien … ganz viele Menschen anfangen, Geld zu haben, das sie für den Konsum ausgeben …“ 39:20 „aber … wo kommt das Geld her, damit Unternehmen gesamtwirtschaftlich Gewinne machen?“ (Pause) „Das ist ne gute Frage!“

ab 40:00

„Die Gewinnaussicht hängt vom Wachstum der Geldmenge ab.“

Die ökonomische Wissenschaft dient der Verschleierung von Macht. (Norbert Hering) 50:55

55:05 Für steigende Gewinne und steigendes Wirtschaftswachstum ist eine ständige Ausweitung der Verschuldung nötig. Das ist der berühmt-berüchtigte elephant in the room, über den niemand spricht. Der zentrale Akteur im Kapitalismus ist der Schuldner. Er ermöglicht die Profite und den Vermögenszuwachs der anderen.

Wer schöpft diese Gewinne ab? Wer ist das? Das sind ja meistens nur die oberen 10 Prozent. /

1:10:07 Es entstehen ja Vermögen, die nicht einfach nur da sind, sondern die wirtschaftlich und politisch auch Einfluss haben, also: ist das nicht ein Rechnungstrick zu sagen: prozentual gesehen, wachsen die reichen Vermögen geringer, aber es ändert sich ja nicht langfristig, auch wenn ich das über 50 Jahre hinwegrechne, nichts daran, dass die Reichen deutlich reicher bleiben und immer reicher werden. – Das ist so, ja. Kleine Wachstumsraten bei großen Vermögen (lacht) bringen erheblichen Zuwachs, und der ist größer vielfach als große Wachstumsraten bei kleinen Vermögen. Das gilt in in den Ländern, und das gilt auch zwischen den Ländern. Die absoluten Differenzen werden größer. 1:10:50 /

Wenn private Vermögen in dem Maße wachsen, und immer weiter wachsen, was bedeutet das auf der anderen Seite für die Verschuldung? – Also, wenn sich entweder Staaten verschulden, oder Unternehmen, um zu investieren, oder Haushalte, um Häuser zu bauen, dann erzeugt Verschuldung mehr wirtschaftliche Aktivität und mehr Wachstum. Das ist zunächst einmal gut, deswegen versuchen ja die Zentralbanken in der Welt eben genau diese Verschuldung mit ihren Politiken in irgendeiner Weise anzuregen. Das Ganze kann aber irgendwann auch zurückschlagen: die Geldgeber werden das nachrechen:  was brauchen Sie denn fürn Wachstum, und dann werden Szenarien gerechnet, die in der Regel nicht besonders günstig ausfallen. Und dann ist irgendwann das Vertrauen der Finanzmärkte und Kapitalmärkte in diese Volkswirtschaften weg. Dann fließt kein Kredit mehr, im Gegenteil, weil Länder, die überschuldet sind, völlig vom Kredithahn abgeschlossen werden, und dann geht alles mit rasantem Tempo nach unten. 1:12:05 / 1:12:20

MERIDIANA Neue CD

APULIEN Salento (Zur Orientierung)

CGS : Das Ensemble Canzoniere Grecanico Salentino / website hier

Meridiana eng

DANCE NINA

Plant it trim it plant it
A life of work in the vineyard
The pains to grow my flowers

Plant it trim it plant it
A life of work now I’m old
and I can’t go to the fields anymore

But it moves it moves it moves
My heart fills up with joy
When I see that a baby has arrived at the house

Dance Nina

I learned so many things from you, Sir
And now I dance for you and this baby

Nina it’s me and you in the room
It’s only me and you in this dance
So much pain to give birth
I’ve already forgotten it my Nina

Dance Nina

Ansehen / Anhören auf Youtube

HIER zu dem CD-Cover und den Infos, die man mit Hilfe der bunten Strahlen findet; dazu jeweils ein Video, dessen italienischer Text mit englischer Übersetzung versehen ist. Jede Rubrik hat außerdem eine lesenswerte Introduktion, im folgenden eine Gebrauchsanweisung:

TIME IMAGE
The graphic sign that stands out on the new album of Canzoniere Grecanico Salentino opens up into two almost symmetrical signs, two overturned traces that enclose the „meridiana“ (=sundial) inscription, where the latter wants to be a line of conjunction between past and present but above all a conjugation between shadow and shading. The choice of gold reflecting the illustration fixes the image of the reflected light that signals time. The verticality of the sign, on the one hand shows us the sky and on the other the earth, spirituality and naturalness come together in a single context. The represented figure illustrates a temporal – conventional line – which in Western tradition is made up of “points / hour”. A time image that makes paradox possible, or at least the attempt to possess what by definition can not be possessed, as it is infinite. The sign on the front cover is therefore a trace of time, an arbitrary measure of universality that is accompanied by other lines that find expression in the graphic layout of the album. Colored lines where each color pays tribute to the archetypal elements: green is the vegetation, blue is the sky, orange is the earth and yellow is the most important star in the universe: born in the east, it heads south at noon and sets in the west, bearer of light and consequently advocate of time, the sun.

Luca Coclite

Photographer Francesco Sambati’s signature style is based on the impact and simplicity of lights and shadows. Following his own artistic research, he produces a series of pictures of CGS

The direction and conception of the music videos, and the editing of the footage which will be streamed for the vernissage of the project, will be curated by Gabriele Surdo (long time collaborator with CGS for videos Taranta and We’re All in The Same Dance). Surdo is a well known filmmaker, author, producer, editor and director of commercials, short films, virals and music videos with several prestigious awards and nominations (Miami Fashion Film Festival, London Fashion Film Festival, Berlin Music Video Awards, Pivi, MTV New Generation, David di Donatello).

The contribution of philosophical speculations is curated by Mauro Gancitano and Andrea Colamedici, philosophers and communicators, founders of Tlon, one of the main Italian realities in the field.

Domenico Licchelli, astrophysicist, teacher and science communicator, talks about sundials and our relationship with the measurement and perception of time. Domenico Licchelli has been working for over 35 years on astronomical observations, made with different and various instruments. From 2003 he is the director of the Osservatorio Astrofisico R.P. Feynman, which is the Italian knot for numerous international scientific collaborations. As an acknowledgement for his scientifica, educational and communication successes, the International Astronomical Union named the asteroid 2000 OT60 after him: “(18151) Licchelli”.

Massimiliano Morabito, musician of CGS and professor of Anthropology of Music at the Conservatory of Lecce, talks about the function of lullabies in folk culture and tradition.

The scientific contribution about the concept of time is curated by Roberto Vacca, 94 years old, famous scientist, science communicator, and expert of time.

Gianfranco Salvatore, professor of Ethnomusicology at UniSalento, talks about the magic in music, Orphism and laments.

Francesca Corbo from Amnesty International Italy, talks about the situation with human rights, and women rights in particular, after the changes caused by the pandemic.

ZU DEN EINZELNEN TITELN:

DANCE NINA
Alice: “How long is forever?”
White Rabbit: “Sometimes, just one second.”
Lewis Carroll

ORPHEUS
If more gently than Orpheus
who moved even the trees
you were to pluck the zither
the life-blood would not return
to the vain shadow…
Harsh fate,
but its burden becomes lighter
to bear, since everything
that attempts to turn back
is impossibile (I, 24)
Orazio

PIZZICA BHANGRA
“The change in question is the new irrelevance of space, masquerading as the annihilation of time”
Z. Bauman

THE PLACE TO SIT
“The difference between past and future, between cause and effect, between memory and hope, between regret and intention… in the elementary laws that describe the mechanisms of the world, there is no such difference”
C. Rovelli

NINNARELLA
“The hand that rocks the cradle is the hand that rules the world”
William Ross Wallace

STORNELLO TO MEMORY (dedicated to memory)
“Reality is formed only by memory”
Marcel Proust

I WISH
“Time is the measure of change”
Aristotele

WHEN YOU WALK
“It’s over. Time begins now, and will last only moments”
E. De Luca

TICK TOCK
“The incessant happening that wearies the world is not ordered along a timeline, is not measured by a gigantic tick-tocking”
C. Rovelli

NTUNUCCIU
“It is within my mind then, that I measure time. I must not allow my mind to insist that time is something objective”
Sant’Agostino

RONDA
“The eternal hourglass of existence is turned upside down again and again, and you with it, speck of dust!”
F. Nietzsche

SUNDIAL
“There’s a time for giving birth, a time for dying; a time for planting, a time for uprooting what has been planted. A time for kiling, a time for healing; a time for knocking down, a time for building. A time for tears, a time for laughter; a time for mourning, a time for dancing”
Kohelet 3, 2-4

*     *     *

Oder beginnen Sie mit Tr. 5, einem herrlichen Stück in meinem Lieblingsmodus mit der übermäßigen Quarte, dem Lydischen, den auch Puccini zu Beginn des zweiten Aktes der Tosca von einem Hirtenknaben singen lässt:

Io de‘ sospiri.
Ve ne rimanno tanti
pe‘ quante foje
ne smoveno li venti.

Ach, ihr meine Seufzer,
ihr bleibt mir treu
in all meiner Sehnsucht.
Kein Sturm kann euch vertreiben.
Daß sie, der mein Sehnen gilt,
mich so verachtet, ist mein Tod.

Bei Puccini sind die Liebesseufzer eingehüllt in die pastorale, von Herdenglocken erfüllte Ruhe vor den Toren der Großstadt, während im Hintergrund der Ernst des unerbittlichen Dramas lauert. Im vorliegenden Stück allerdings überrascht dann ein Rhythmus, der zugleich die Versetzung des Grundtones eine Stufe aufwärts zu provozieren scheint (oder umgekehrt?) und wiederum mit einer übermäßigen Quart in Reichweite spielt – eine „Verrückung“ oder sagen wir: eine Härte, die seltsamerweise in weiche, fast feierliche Schlusskadenzen mündet und eine wundersame Umfärbung der Tonalität nach Moll anfügt… So endet das Stück abrupt, ohne auf die Ausgangsebene zurückzukehren. Es ist ein Spiel mit Skalenausschnitten, die sich bei aller Volksnähe von Rhythmus und Motivik im Tanz entladen, zugleich auch den beobachtenden Geist irritieren und erfreuen. Es ist typisch für die Abfolge des ganzen Programms. Wir werden nicht Dudelsackklängen überlassen, die eine unverrückbare Basis suggerieren, die ewige Wiederkehr des Gleichen. Hier ist ein Team am Werk, das Heterogenes zusammenspannt oder reizvoll auseinanderfallen lässt. Und immer mit dem heftigen oder zärtlichen Sprachduktus dieses italienischen Idioms harmoniert.

Selbstverpflichtung

Heute…

muss an dieser Stelle folgen, koste es was es wolle, dies: welche zwei ZEIT-Artikel mich oder wen auch immer als erstes in Bewegung gesetzt haben (weil sie passten). Rauterberg  und Raether/Schnabel. Soetwas kommt nicht unbedingt aus gerade diesem Feuilleton, könnte aus jedem anderen kommen, das über die lokale Berichterstattung hinausgeht. Die Lektüre beginnt ja auch (nach frohem Überfliegen des Leitartikels) mit Gemecker, weil der Blick übers Inhaltsverzeichnis ergeben hat: schon wieder nichts – in dem Riesenblatt – nichts über Musik! Ich brauche das zwar weniger denn je (mein Quantum wird ausreichend „belastet“ durch eine Kammermusikprobe, die den Morgen (er)füllt, dabei noch lange nicht genug an bereitliegendem Stoff weg arbeitet), aber vor allem zeugt dieser Mangel im Feuilleton von zu geringer Wertschätzung des Themas da draußen!

Dennoch: die Themen Völkerkunde (Museum Berlin) und VERÄNDERUNG sind Geschenke! Trotz der Gedanken an die Eltern, an die 50er Jahre, weshalb ich den Konservativismus so oft ungerechterweise anklage: es war direkt nach der Zeit der katastrophalen Umwälzungen (die buchstäblich zu nichts geführt hatten). Mein Vater wählte immer FDP. Unglaublich. Klar: die ZEIT betont das Thema, weil die Wahl ansteht, die für einen Kipppunkt sorgen könnte… Kipp-Punkt – das Wort sorgt zuverlässig für latente Panik. Klima. Kein Zufall, dass die Beschäftigung mit op.111 hineinspielt. Variationen. Metamorphosen. Und die Erinnerung an den gestrigen, sehr geruhsamen Spaziergang. Nichts bleibt wie es ist.

ZITAT

Damit Gesellschaften sich ändern, braucht es keinen Persönlichkeitswandel der Mehrheit oder gar aller. Das ist sowohl eine gute als auch eine schlechte Nachricht. Gut, weil es bedeutet, dass Gesellschaften sich bewegen können, selbst wenn der einzelne Mensch ziemlich unbeweglich ist. Und schlecht, weil gesellschaftliche Veränderungen keineswegs immer das Resultat eines wohlüberlegten, wohlmeinenden Plans Einzelner sind, einer Regierung beispielsweise. Viele Veränderungen passieren einfach, ohne dass jemand darüber entscheiden würde – und oft genug, ohne dass man es zunächst mitbekommt. Beziehungsweise: Wenn man es mitbekommt, ist es meist schon geschehen.

Jürgen Kocka ist 80 Jahre alt, ein mit dem Bundesverdienstkreiz erster Klasse ausgezeichneter Historiker, emeritierter Professor an der freien Universität Berlin. Wandel finde immer schrittweise statt, auch heute noch, trotz aller subjektiv wahrgenommenen Beschleunigung, sagt er. Eine echte Veränderung von Mentalitäten vollziehe sich langsam. Als Beispiel nennt Kocka, dass es jüngeren Menschen heute viel leichter falle, eine globale Perspektive einzunehmen – ob es nun um Postkolonialismus oder um die Klimakrise gehe -, was seiner Generation damals nicht in den Sinn gekommen sei.

Selbst singuläre Ereignisse wie der Fall der Mauer sind oft das Ergebnis eines langen Prozesses. Dem Mauerfall war eine lange Phase vorausgegangen, in der die Legitimität der staatssozialistischen Systeme gelitten hatte. Die Spannung zwischen ökonomischem Wandel, wie er international stattfand, und den sozialen und politischen Herrschaftsverhältnissen im Ostblock baute sich langsam auf. Dann trat Michail Gorbatschow auf den Plan, der die neuen Zeiten begriff. Es kam noch ein verlorener Krieg in Afghanistan hinzu: Da brachen die Dämme beziehungsweise stürzten die Mauern ein. Schleichender Wandel führte abrupt zu sichtbaren Veränderungen.

Quelle DIE ZEIT 23. September 2021 Seite 31 Und wir ändern uns doch Ein Einzelner tut sich schwer, ein anderer zu werden. Wie es Gesellschaften gelingt, sich zu wandeln / Von Elisabeth Raether und Ulrich Schnabel

Die globale Perspektive…

Die noch globalere Perspektive:

ZITAT

Gerade ist ein kleiner Führer erschienen, der akribisch davon berichtet, wie rücksichtslos viele Sammler vorgingen, wie verächtlich sie auf jene Kulturen herabschauten, deren Artefakte sie an sich rissen – um sie dann in europäischen Museen verstauben zu lassen. 1400 Objekte kamen so aus der deutschen Kolonie im heutigen Namibia nach Berlin, über Jahrzehnte waren sie weggesperrt im Depot. Erst kürzlich durften sieben Forscher und Forscherinnen aus Windhuk anreisen, um sich über die ungeklärte Herkunft und Bedeutung der Dinge auszutauschen. Und um mit den Berliner Kollegen darüber zu beraten, was nun geschehen soll. In solchen Gesprächen geht es tatsächlich um das »Gelingen der Globalisierung«, wie Merkel es anmahnte, um Austausch, um Erinnerung und auch darum, einzelne Objekte zurückzugeben, Schlachten müssen dafür nicht geschlagen werden. Es ist eine tastende Arbeit, die Zeit braucht, mehr Zeit, als es die Großdebatten erlauben.

Quelle DIE ZEIT 23. September 2021 Seite 49 Und in uns tönt die Welt Endlich! Das neue Berliner Schloss zeigt seine ethnologische Sammlung. Nach allen Debatten spricht jetzt die Kunst / Von Hanno Rauterberg

Ein erster Schritt: hier oder hier

Dann wieder hier ab 10:52 (über Raubkunst aus Benin im British Museum)

Oder einfach hier…

Ohligser Heide 22.09.2021

Was ist ein Kipp-Punkt? Nochmal zum oben zitierten Artikel „Und wir ändern uns doch“, der sich am Ende auf Mark Granovetter bezieht:

Bitte 2x anklicken und wirken lassen!

Verworrener gemeiner Farn

Kl. Fuchs (ER Heidberger Mühle 230921)

Dieses Bild erinnert mich an einen preiswürdigen Artikel in der ZEIT, ein Dossier über den Gelbling, ein Kompendium der Ökologie von Fritz Habekuss. Und eben auch an eine Selbstverpflichtung meinerseits vom 16. September, genau darüber einen Bericht zu machen, der „durchgeschaltet“ werden kann… könnte…

Was mich auch noch schockiert, ist folgendes Habekuss-Statement:

Das mache ich jenseits von meiner Arbeit:

Reisen. Zu elektronischer Musik tanzen. An Ecken stehen.

Hübsch hässlich!

Siehe auch hier und hier.

Manchmal drängt sich dieses Wortpaar auf, dessen Erfindung ich auf den bratschespielenden P.R.-Mann Felix Ney vom Kölner Lufthansa-Büro zurückführe.

Wichtigeres kann ich dagegen nicht mehr dingfest machen, z.B. das lästigste Märchen meiner Kindheit, das „von den blutigen Knien“ (ihre Innenansicht war gemeint!). Man wird es vielleicht erst los, wenn man es wiederliest und einfach doof findet. Das folgende Foto finde ich allerdings gut, einfach gut, ich wäre nicht drauf gekommen, es entstand am Ortseingang von Oudeschild auf Texel:

Foto Texel 11.9.21: E.Reichow

Nicht auszudenken, – man würde dieses Foto einem Chirurgen schicken…

Oder im heutigen Solinger Tageblatt (dpa) der philosophische Satz:

Von einem bösen Foul, das zur roten Karte führte, war u.a. die Rede. Und so kam ich auch auf die unausrottbare Erinnerung mit den Knien, die nur von Innen blutig gedacht werden sollten, – was ich schon als kindlicher Märchenleser unästhetisch gefunden habe, ohne das Wort zu kennen. Aber echt von außen blutige Knie waren mir gut bekannt. Schlimmer noch, wenn man auf Asche statt auf Rasen gestürzt war.

Und auch die heutige (21.9.21) Titelgeschichte von Johannes Bebermeier in t-online gehört dazu (Abkürzungen von mir):

… Mitte Juni auf dem Parteitag der Grünen: ein pennender Tontechniker, ein nicht abgeschaltetes Mikrofon und viel Frust nach einem eher mäßigen Auftritt der Kanzlerkandidatin.

Eigentlich soll B.s Rede dem Wahlkampf neuen Schwung geben. Doch schon, als sie die Bühne verlässt, nach einigen langen Sekunden gequälten Lächelns im Applaus der Parteifreunde, ist vom Schwung nicht mehr viel übrig.

[Sie] sagt ein Wort, das sie in diesem Wahlkampf wohl sehr oft gedacht, aber sonst nie öffentlich ausgesprochen hat. Ein Wort, das die vergangenen Monate alles in allem und gemessen an den hohen grünen Erwartungen ziemlich gut zusammenfasst. A. B. sagt: „Scheiße!“

Ich finde „ziemlich gut“ schon fast „hübsch hässlich“. Vor allem aber die Tatsache, dass man heutzutage dieses eine hässliche Wort endlich ausschreibt. Im Jahre 1960 habe ich es noch nicht einmal ausgesprochen. Das weiß ich so genau, weil es in Berlin bereits untrennbar zu einem Witz gehörte, den man über den Dirigenten Konwitschny erzählte. Der nicht immer ganz nüchterne Mann habe die Fünfte von Beethoven dirigiert und sich bei der Menge der C-dur-Schlussakkorde (daraus hat Loriot offenbar seinen Sketch entwickelt!) verzählt. Er habe zuletzt noch einmal ins Leere geschlagen und gut vernehmlich die wütenden Worte gezischt: „Scheiße! Dann eben nicht!“

Heute erzählt man eher die Geschichte von seiner doppelten Karriere. Und ich zähle natürlich die Akkorde nach und vermute, dass er die Schlussfermate einen Takt zu früh geschlagen hat, die Arme unten ließ, während das Orchester noch auf den allerletzten Schlag wartete.

Meine Partitur aus dem Jahr 1955. Die erste Sinfonie, die ich am Radio mitlas, war allerdings die 8., deren Partitur ich im Bücherschrank meines Vaters konfisziert hatte, wie auch die 7., deren vorangestelltes Beethoven-Portrait ich verehrte. Und die erste Partitur überhaupt, die ich selbst vom Taschengeld erwarb, war die Ouverture zu „Die Ruinen von Athen“, sinnvollerweise sehr preiswert, im Dezember 1954. Und die erste greifbare Melodie, die leider nirgendwo wiederkehrt, übte ich wie verrückt am Klavier, bis meinem Vater, von dem ich eigentlich wusste, was Partiturspiel bedeutete, im Badezimmer nebenan der Geduldsfaden riss. Die Szene, – irgendwie doch unvergesslich, und zweifellos – ein bisschen hässlich.

antiquarisch

Überhaupt eine hochgespannte Zeit, die ich mir gar nicht so sehr zurückwünsche.

Was ist Musik?

Vorläufige Notizen zu Fernsehsendungen (keine Rezension)

1) scobel – Die Macht der Musik

Musik ist tief in der Evolutionsgeschichte der Menschheit verankert. Das Geheimnis der Rhythmen und Melodien beschäftigt nicht nur Forschende aus Neuro- und Musikwissenschaften.

Hier

Der Film, auf den Scobel gleich zu Anfang rückverweist ist der hier im Artikel als zweiter verlinkte. Ab 1:06 die Aufreihung der Inhalte: Musik als elementarer Bestandteil der menschlichen Kultur. Ihre Kraft: begleitet uns durchs Leben von Geburt bis Tod. Überwindet ethnische Grenzen. Wer ein Instrument spielt, lernt sich zu konzentrieren, zu improvisieren, im Team, allein oder in einer großen Gemeinschaft. Musik beeinflusst unsere kognitiven und sozialen Fähigkeiten, unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Hat eine gewaltige positive gemeinschaftsfördernde Kraft. Kann aber auch für zerstörerischen Zwecke missbraucht werden. Als politisches Instrument, als Foltermethode. Wie wird sich Musikpartizipation in Zukunft verändern? KI-Modelle sind in der Lage, im Stil bestimmter Komponisten neue Musik zu kreieren. Bericht Ramona Sirch. Brauchen wir noch Musiker aus Fleisch u Blut? Ab 3:06 Gäste: Melanie Wald-Fuhrmann, Eckart Altenmüller, Till Brönner (über die dramatische aktuelle Lage) bis 7:16, dann M W-F., E.A. ab 9:18 (Präsenzunterricht etc), Wirkung von Musik auf Gehirn: ab 11:23 Stefan Kölsch: „Good Vibrations“ Evolutionsforschung zu Musik u Sprache, Experiment Musik im Film, Wirkung von Musik: durch 4 Affektsysteme: 1 das Vitalisierungssystem im Hirnstamm, 2 im Zwischenhirn: Schmerz- und Belohnungszentrum, Dopaminausschüttung, Gehirne von Musikern jünger als dem biologischen Alter entsprechend,14:40, 3 Glücksystem im Hippocampus, entstehen bindungsbezogene Emotionen, mit andern, gemeinsames… Musik wird in Glück u Freude umgewandelt, 4 das Unterbewusste, wo Intuitionen entstehen, auch das Immunsystem stärkende, auch irrationale Ängste, positive Effekte nach Erkrankungen. Rätselhaft, dass Musik so universal wahrgenommen wird. Stimme, Kölsch dazu,15:50, Musiktherapie, aber keine Pille, individuelle Prägung, Hassmusik? Melancholie u Musik: das Sich-draufeinlassen ist eine Form der Verarbeitung (Melanie Wald-Fuhrmann) 18:30 Was wissen wir neurophysiologisch Neues? Altenmüller ab 18:35 Gehirne von Musiker/innen unterscheiden sich, Netzwerke größer, weil sie beansprucht werden, klar, aber wie individuell? Jedes Musikergehirn anders! Jazzmusiker anders als Klassiker! Frauen anders: individualistischer ausgeprägt. 20:20. Östrogen oder Testosteron, Gehirnkorrelate…Heute bessere Methoden als vor 15 Jahren. 21:00 an Brönner: Trompete, Lippen, Stimmung: viel Erfahrung mit Aufregung (Adrenalin), keine Belächelung, Trompete mit Sprache? 23:25 „Klang findet im Kopf statt“ SPRACHE Wald-Fuhrmann: unterschiedliche Konzepte versch. Kulturen, Ursprungsmythen, „bei Kindern ist das, was wir Sprache u Musik nennen, noch nicht getrennt“. Erwachsene singen mehr beim Sprechen mit Kindern. Genetisch. Nur scheinbar distinkte Kategorien. Bei Kindern Sprachstörungen mit Musik behandeln? 25:00 E.A. Auditive Mustererkennung, musikalische Gestalten besser klassifizieren können, b und p, t und d, Aufmerksamkeitslenkung. „Olivo-kochleäres Bündel“ = Nervenbahn, die vom Gehirn aus das Innenohr angesteuert, Haarzellen für bestimmte Klänge, Kinder musikalisch therapieren, 27:07. W.-F.: „Es ist nicht die Musik mit ihrer Wundermacht, sondern ein spezifisches Element, was zu diesen Effekten führt… und drumrum ist dann eben noch Musik. Wahrscheinlich machts den Kindern auch noch Spaß…“ 27:30 Religion und Musik – dieselben Wurzeln? Zugang zu einer Wirklichkeit, die wir nicht sehen können. – Gemeinschaft – SINGEN. 28:00 unerklärliche Wirkungen – Knochenflöte 40.000 Jahre alt. Der Homo Sapiens musizierte. Musik muss also evolutionär bedeutsam sein! Für eine bessere Kooperation, für stärkeren Zusammenhalt, fördert die Gesundheit, reguliert Emotionen und kann Konflikte mindern. Weltweit eine Vielzahl musikalischer Systeme. Ziel ist der Aufbau von gemeinschaftlichen Beziehungen. Ist Musik also eine universelle Sprache, über die sich die Menschen weltweit verstehen? Feldstudien in Nord-Kamerun. Thomas Fritz (über Universalien siehe hier) 29:25 bei den Mafas mit Klavierstücken (!). Universalsprache. Aber auch kritische Stimmen, die eher das betonen, was trennt. Melanie Wald-Fuhrmann will mit Klischees aufräumen. Wird Musik missbraucht, lassen sich die positiven Merkmale ins Gegenteil verkehren, machen Menschen unter bestimmten Bedingungen sogar krank. 32:00 Es wäre natürlich schön, aber es stimmt einfach nicht. 18. Jahrhundert, und immer an europäischer Musik nachgewiesen, die übliche Argumentation. Kritisch auf T.Fritz bezogen. Kolonialismus. Fröhlich u traurig wird verwechselt. Es gibt z.B. kein Moll in Kamerun. „Musik ist eine Sprache, die wir genau so lernen müssen wie eine Wortsprache“. 35:20 „Das heißt jetzt nicht, dass nicht Menschen über Länder und Kulturen hinweg erfolgreich miteinander musizieren können, also beim Musizieren in der Form der Interaktion, da scheint mir vieles eher möglich zu sein. Aber Musik verstehen in ihrer Bedeutung, das funktioniert nicht.“ Scobel-These, dass Jazz alle Stile miteinander verbindet. Alles möglich. Ideologie? Brönner: Viel unterwegs gewesen. Musik ist in erster Linie eine Haltung, eine Bereitschaft, nicht abhängig von einer Sprache, die wir vorher im Labor, über einen Lehrer oder ein Lexikon lernen müssen. Instrumente! Ähnliche Ausbildung überall. Funktion des Jazz immer eine verbindende. Scobel: universale Grammatik? Esperanto? Wo alle sich irgendwie einklinken können. Altenmüller: Widerspruch! In Musik Häufigkeitsabfolgen, Kadenzschemata, das ist ja eben gelernt. Es ist nicht, wie z.B. Chomsky sagt, dass wir feste Strukturen im Gehirn haben, diese hochkomplexen Verknüpfungen zwischen den Anteilen der verschiedenen Elemente in der Sprache, das haben wir in der Musik sicher nicht. Aber es gibt schon universale Anteile in vielen musikalischen Werken, die Affektsprache, wie Seufzen, Lachen, Stöhnen, was ja schon lange vor der Erfindung der Sprache da war, wir hatten mal einen Forschungsbereich: „the evolution of emotion and communication in animal and man“ – was können Tiere und Menschen in gleichem Maße kommunizieren? seufzen, knurren (drohen), als Affektgestaltung. Also auch Barockmusik, Renaissancemusik… Scobel: heute Filmmusik. Töne für Angst, der weiße Hai. In gewisser Weise universell, aber: aus dem Brotkorb der Universalienen einige Universalien herausgepickt und die dann künstlerisch gestaltet. 40:15 Wald-Fuhrmann über indische (arabische) Gesangsästhetik („supertraurig“), Scobel an Brönner: China-Oper u über arabische Vierteltonabweichungen, Ibrahim Mallouf, Jazzfestival in den Emiraten schwierig, – Japaner kennen fast jedes Volkslied aus Deutschland – 42:20 Globalisierung  Vielfalt gleichzeitig existierender Formen Musikbeispiel beginnend mit Lohengrin, „Musik ist Sprache der Leidenschaft“, Streaming Spotify, Lukas Linek, Künstliche Intelligenz, Juke Box Mix, 45:00 Beethovens 10. Sinfonie mit KI vollendet, klingt (demnach) vielversprechend – was übrigens Quatsch ist (JR). Matthias Röder: „eine neue Tür geöffnet“. Augmented Reality… Online-Spiele-Welt… Henrik Opperman 3D-Audio-Spezialist, 48:00 „sich aus der Sitzposition im Publikum befreien“, Bericht: Ralph Benz, Scobel: „wenn Musik rel. schematisch ist, kontrapunktisch, kann ich mir vorstellen, dass ne KI das macht…“ Wald-Fuhrmann: „da verspricht man mehr, als man halten kann“ – „hinterm Kunstwerk steht ein Mensch, der ein Problem lösen will oder der etwas kommunizieren will darüber hinaus – und eine KI hat keine Probleme und will mir nichts sagen, also warum…“ – Musikrezeption Musiker verdienen überhaupt nichts durch Streaming Dienste – Till Brönner über Spotify u.a. … nicht adäquat bezahlt. Es muss eine Vergütung gemäß den Abrufen geben! Altenmüller zur 10. Sinf. Beethoven KI-Komposition:. „schrecklich. Ich fand die stink-langweilig! „Kunst muss irritieren, muss Regeln brechen, KI kann nur Regeln erfüllen!“ 54:30 (!!) Scobel: „Der nächste Schritt ist natürlich: untersuchen, wann ich denn als erfahrener Musikhörer/in jetzt einen Bruch erwarte, statistisch, nach wieviel Minuten muss der kommen, die Melodie irgendwie transponiert werden oder was auch immer, und das baue ich dann in meine KI ein“. Altenmüller: Nehmen Sie den einfachsten Bach-Choral – Bach verletzt die Regeln! … nicht vorhersagbar! Und das ist der Punkt: dass Sie nämlich im richtigen Moment Nicht-Vorhersagbares produzieren… (Brönner nickt)  Scobel nochmal zu 3D im Wohnzimmer… Brönner: früher: das einzige, was nicht bestechlich war: der Arsch auf der Bühne. Der eigene nämlich. In Pandemie-Zeiten ist das offenbar anders. Und die Menschen konsumieren weiter Musik… Ende bei 57:00

https://idw-online.de/de/news752530 (Frühgeborene Kinder: Musiktherapie fördert die Gehirnentwicklung Nathalie Plüss) hier

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2 Die Kraft der Klänge – Musik als Medizin

HIER

https://amiamusica.ch/author/friederike/ (Haslbeck) hier

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3 Die Kraft der Musik

HIER

Planet Wissen 25.04.2017 58:29 Min.  UT Verfügbar bis 25.04.2022 WDR

Sie rührt zu Tränen, tröstet und weckt Erinnerungen: „Musik ist das Faszinierendste, was die Menschheit je hervorgebracht hat“, sagt der Musikneurologe Stefan Koelsch.

[ https://www1.wdr.de/mediathek/video-die-kraft-der-musik-100.html hier ]

https://www.tu-chemnitz.de/tu/pressestelle/aktuell/7704 hier

https://en.wikipedia.org/wiki/Glenn_Schellenberg hier

https://de.wikipedia.org/wiki/Urs_Nater hier

https://klinische-gesundheit-psy.univie.ac.at/ueber-uns/urs-nater/ hier

https://www.planet-wissen.de/kultur/musik/index.html hier (darin: „Macht der Musik“)

https://www.mdr.de/wissen/warum-gemeinsames-singen-gluecklich-macht-100.html hier

https://www.buecher.de/shop/musikpsychologie/warum-singen-gluecklich-macht/kreutz-gunter/products_products/detail/prod_id/40838219/ hier

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Und von all diesen Sendungen abgesehen: was ist denn nun eigentlich MUSIK?

Ich würde noch einmal bei Schopenhauer beginnen. Es geht zunächst einmal um den „Willen“ als Kern der Sache. Aber nicht ohne fremde Hilfe, – es gibt ja hervorragende Interpretationen, die einem helfen, den Philosophen nicht misszuverstehen. Neuerdings sah ich eine plausible Einführung bei Andreas Luckner:

Das Phänomen, dass die Musik zu uns spricht, dass sich in ihr etwas uns mitteilt, was wir zudem in größter Klarheit verstehen könnten, was sich aber eben
nicht in Worte fassen lässt, war für den schon zitierten Schopenhauer Grund,
in seiner Metaphysik der Musik zu behaupten, dass wir mit der Musik einen
direkten Zugang zur Welt besäßen, wie sie »an sich« ist, also jenseits unserer
Vorstellungen bzw. Repräsentationen von ihr. Bekanntlich nannte Schopenhauer das, was die Welt an sich, in ihrem Innersten, ausmacht, »Wille«. Dies
hat viele Irrtümer produziert; bei »Wille« handelt es sich zunächst einmal um
einen Namen für das, von dem wir aus notwendigen Gründen keinen Grund
mehr angeben können, weil es als der Grund von allem gedacht werden muss,
ein Name des Absoluten also (Anmerkung). Das Absolute, der Grund von allem, den Willen darf man sich natürlich nicht als einen Gegenstand vorstellen, man kann
und sollte das Absolute eben überhaupt nicht vorstellen, weil eine jede Vorstellung schon in diesem Absoluten gründet.

Die Anmerkung dazu:

Wir können hier freilich nicht in Tiefen und Untiefen der Schopenhauer’schen Willensmetaphysik einsteigen, nur so viel: Die Welt als Vorstellung, also im Prinzip alles das, was wir von ihr systematisch wissen können, steht nicht für sich, sondern hat einen Sitz im Leben, von dem aus diese Welt als Vorstellung zuallererst ihren Sinn bezieht. Dieses Leben, das »An sich« der Welt, ist uns an einer Stelle zugänglich, wo wir nicht nur eine vermittelte Vorstellung von einem Weltgegenstand haben, sondern selbst dieser Gegenstand (und dann eben nicht mehr als Gegenstand, sondern als Subjekt) sind: unsere leibliche Existenz. Unsere jeweils eigene leibliche Existenz können wir gleichsam von zwei Seiten erfahren: einerseits vergegenständlicht als Weltding in der Vorstellung bzw. Repräsentation des Körpers, andererseits als gefühlter Leib, sozusagen »von innen«.
Daher kommt es, dass Schopenhauer die Welt, wie sie jenseits oder vor jeder Vorstellung ist, »Willen« nennt. Dies ist nicht der Wille im Sinne einer Intention qua Gerichtetheit auf einen Zweck; denn insofern Zwecke schon identifizierte (und gewünschte sowie für realisierbar erachtete) Sachverhalte sind, handelt es sich hierbei schon um Vorstellungen. Der »Wille« darf also nicht mit dem Willen in der Vorstellungswelt verwechselt werden; was Schopenhauer mit »Wille« meint, ist vielmehr ein ungerichteter, intentionsloser, blinder Lebensdrang, eine Art vitales Energiefeld, die Quelle möglicher Bewegung. »Wille« ist aber hier genauso der Name des Absoluten wie in anderen Philosophien »das Sein« oder »die Lebensform«.

Ich überspringe einiges im Text, um auf das zu kommen, was mich überhaupt WAS IST MUSIK fragen lässt, z.B. dort, wo niemand mich auf irgendwelche Emotionen verweisen kann. Sagen wir in einer Bach-Fuge, die ich durchaus mit der Emotion „Begeisterung“ spiele, ohne dies als Argument anführen zu wollen… (sie bedeutet etwas – aber was???).

Musik als »Sprache der Gefühle« darf also nicht in dem Sinne verstanden
werden, dass Musik Gefühle darstellen würde, so dass der Inhalt der Musik
Gefühle seien. Das ist offensichtlich nicht der Fall, denn es gibt unzählige Beispiele hochstehender Musik, die mit bestimmten »Gefühlen« gar nicht in
Zusammenhang zu bringen ist, nehmen wir etwa eine Fuge von Bach oder ein
serielles Stück des frühen Stockhausen. In solchen Stücken stellt die Musik
nichts dar außer sich selbst. Ihr Inhalt ist nichts anderes als die Form, freilich
die tönend-bewegte Form, wie Eduard Hanslick gegen die Gefühlsästhetiker
und Programmmusiker seiner Zeit völlig zu Recht einwandte, d.h. die sich
immer erst bildende Form. Wer den Inhalt einer Musik jemandem darstellen
wollte, müsste ihm die Musik vorspielen. Komponieren ist daher auch nicht
die Übersetzung eines Stoffs in Töne; vielmehr sind die Töne selbst die »unübersetzbare Ursprache«.

Quelle Andreas Luckner: Musik – Sprache – Rhythmus / Bemerkungen zu Grundfragen der Musikphilosophie / in: Musik-Konzepte Sonderband Musikphilosophie 2007 ISBN 978-3-88377-889-1 (Zitate Seite 38f)

Zur Erinnerung: das ist noch lange nicht alles. Zu reden wäre – scheinbar im Widerspruch – auch davon, dass wir Musik eigentlich immer „als spezial bedeutsame Präsenz einer anderen Person hören“ , die eine „virtuelle Person“ ist.  Und damit zitiere ich aus der Arbeit eines anderen Musikphilosophen, der wiederum an andere Philosophen oder Psychologen anknüpft, und da kann ich die Emotionen nicht ausklammern:

Musikalische Gesten werden wie Gesten der Körpersprache als Verkörperung affektiver, emotionaler und kognitiver Inhalte (etwa in Bezug auf soziale Zugehörigkeitsformen) verstanden. Im Falle eines kontemplativen Zuhörens ist diese Interaktion normalerweise offline: Sie ist imaginär und interpretativ. Da Zuhörer jedoch emotional auf Handlungen und Emotionen reagieren, die durch Musik akustisch dargestellt werden, ist das Musikhören eine Ausübung von Geselligkeit, etwa eine Simulation unserer Sozialisierungsfähigkeit. Die dynamischen Eigenschaften von Musik spezifizieren Prozesse, die wir normalerweise Lebewesen zuschreiben, mit denen wir interagieren. Es ist also plausibel, dass wir Musik als expressiv und bedeutungsvoll hören, wenn wir in der Dynamik der Musik persönliche Merkmale erkennen, d.h. wenn wir Musik als akustisches Zeigen von Lebewesen hören, die sich bewegen, handeln, interagieren, sich ausdrücken und sowohl miteinander als auch mit den Zuhörern kommunizieren.

Quelle Allessandro Bertinetto: Musikalische Bedeutung / Eine pragmatische Perspektive / in: Musik & Ästhetik Heft 99 Juli 2021 Klett-Cotta Stuttgart (Zitat Seite 29f)

Nachwort (noch einmal zu Schopenhauers „Wille“, jedoch nach Dahlhaus)

Quelle Carl Dahlhaus: Musikästhetik / Musikverlag Hans Gerig Köln 1967

Zu Universalien der Musikwahrnehmung etwas Grundlegendes in Wikipedia HIER

Vorschau

Noch etwas für den Merkzettel, herausgegriffen aus dem obigen Wiki-Artikel:

  1. Frühkindliche Einflüsse. Um Sprache verstehen zu können, muss ein Kleinkind lernen, die Fülle von Nervenimpulsen, die das Innenohr und die dahinter liegenden Gehirnareale liefern, zu analysieren, um auf diese Weise die Muster von sprachrelevanten Lauten zu erkennen. Die dazu gelernten Analysetechniken bilden die Grundlage des Hörens und werden für die Musikwahrnehmung genutzt. Einige grundlegende Sprachkomponenten werden von den meisten Kulturen verwendet (stimmhafte und stimmlose Laute, Tonhöhen- und Lautstärkeveränderungen), sodass einige Grundzüge des Hörens sicherlich kulturübergreifend sind. Kulturelle Unterschiede kann es in Details geben.
  2. Erkennendes Hören. Später werden Hörerfahrungen gesammelt, die zur Einordnung und Bewertung des Gehörten dienen. Dazu zählen z. B. die Herausbildung des persönlichen Geschmacks oder die Verknüpfung von Hörereignissen mit persönlichen Erfahrungen. Diese Einflüsse sind hochgradig individuell, bestenfalls noch gruppenspezifisch. Die dadurch geprägten Wahrnehmungen können nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden. Individuen-übergreifende Aussagen lassen sich in diesem Bereich nur über statistische Verfahren erzielen. Für allgemeingültige Aussagen müssten möglichst heterogene Gruppen befragt werden.

Als „universell“ können nur die Aussagen gelten, die in physikalischen Gegebenheiten, der menschlichen Anatomie, grundlegenden Signalverarbeitungmethoden des menschlichen Gehörs/Gehirns, sowie gruppen- und kulturübergreifenden Aspekten begründet sind.

(Quelle: Wikipedia)

KONGO AFRIKA WELT

Der Film MAKALA

Eine Dokumentation oder vielmehr: ein Kunstwerk?

Im Gespräch über diesen Film fällt unweigerlich sehr bald der Name Sisyphos. Ein Mythos von der Vergeblichkeit aller menschlichen Anstrengungen. „Eine Odyssee im Alltäglichen“ – alltäglich in einer für uns unvorstellbaren Welt. Die Zerstörung der kargen Umwelt des Dorfes, dargestellt an einem einzigen Beispiel: Ein mittelloser Mensch mit Familie draußen in der „Pampa“ baut eine Hütte, ist angewiesen auf die Umwandlung von naturgegebener Ware und eigener Arbeitskraft in Geld, er braucht z.B. Medikamente für ein krankes Kind. Man sieht, wie seine Frau auf der Feuerstelle eine Ratte zubereitet. Elend und Zerstörung der Umwelt. Das Fällen eines Baumes, die Umwandlung des Holzes in Holzkohle, der lange Weg zum Ort der Verwertung, wo man die Kohle zum Kochen braucht; wo es keine anderen Energiequellen gibt. Befremdend und erschütternd: die Größe dieses Lebens. 30 km, 50 km von der nächsten Stadt, Kolwesi, Walemba in der Provinz Katanga im Süden der Demokratischen Republik Kongo (früher einmal Belgisch-Kongo). Und dann fällt der Satz: „hier gibt es keinen funktionierenden Staat“ .

Ich würde zuerst 40 Minuten Film sehen, dann ein Pause machen und das Gespräch mit dem Filmemacher Emmanuel Gras anhören, um dann zurückzukehren und den Rest des Filmes wahrzunehmen. Bis er gegen Schluss in eine Art Gottesdienst mündet, einen Gemeindegesang, zum Weinen hoffnungslos. Aber auch die Musik, die den ganzen Film begleitet, sparsam, rätselhaft – ist es ein Cello, elektronisch aufgesplittert, auf der Suche nach dem Innenraum der Töne?

hier (bis 25.02.2022)

Aus dem Pressetext:

Emmanuel Gras begleitet im Kongo einen jungen Mann, der in einem Dorf im Süden des Landes ein größeres Haus für seine Frau und seine beiden Kinder bauen möchte. Die Kamera begleitet ihn auf seinem Weg und fängt die Landschaft und die wunderschöne Naturkulisse ein. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erleben jeden Schritt, jede Begegnung hautnah mit. Die Botschaft der Dokumentation ist eindeutig: Sie prangert die soziale Ungerechtigkeit an. Der klare Aufbau der Dokumentation lässt viel Raum für ausdrucksstarke Aufnahmen. Sei es in ästhetischer, emotionaler und politischer Hinsicht – „Makala“ ist der Beweis, dass man auch mit einfachsten Mitteln einen ausgezeichneten Film drehen kann.

(Der Pressetext gefällt mir nicht. Es geht nicht um diesen Beweis. Hier wird auch nichts angeprangert, es wird gezeigt. JR)

Interview mit dem Filmemacher Emmanuel Gras hier (bis 31.05.2027)

Musik: Gaspar Claus (hier) Frappierend für mich: plötzlich wird mir klar, dass ich zwar ihm, dem Cellisten, nie begegnet bin, wohl aber mehrfach seinem Vater, dem Flamenco-Gitarristen Pedro Soler, seit Anfang der 80er Jahre (WDR-Matinee u -Festival?). Frage: Hieß dessen Manager nicht mit Nachnamen Claus? War dessen Schwester etwa … (schon wieder eine Recherche-Aufgabe)?

Festzuhalten: Verschiedenes

Anfang und Ende des allzu umfangreichen Blattes ZEIT

Der Tag begann heute also mit einer Schätzfrage:

Weltweit werden jedes Jahr knapp 40 Milliarden Tonnen Kohlendioxid emittiert – wie groß ist der deutsche Anteil daran? Zehn Milliarden? Fünf Miliarden? Drei Milliarden? Antwort: Es sind 750 Millionen Tonnen. Das entspricht knapp zwei Prozent des Gesamtvolumens.

Damit ist das zentrale Dilemma der deutschen Klimapolitik beschrieben.

*     *     *

Dranbleiben!? Lange Pause, Nachdenken, und das Blättern beginnt, die mehrfache sporadische Rückkehr – wie war das noch? China, Europa, Klima-Zoll – oder einfach ins Zeit-Magazin, Martenstein etwa, er redet vom Geld, das passt, heute ist Eigentümerversammlung, ach, oder lieber gleich auf die letzte Seite springen, Zitat:

Aber sollten Kinder nicht lernen, bei Entscheidungen zu bleiben und auch weiterzumachen, wenn es mal keinen Spaß macht?

Und dann:

Aber was macht man, wenn die Kinder zum Beispiel partout nicht Geige üben wollen?

Später:

Aus Ihrer Erfahrung – wollen Eltern tatsächlich das Beste für ihre Kinder, wenn Sie sie beim Klavierunterricht oder beim Tennis anmelden, oder haben die Eltern auch eine eigene Agenda?

Quellen DIE ZEIT 26. August 2021 Seite 1 / Sanfter Zwang Deutschland ist zu klein, um allein das Weltklima zu retten, deshalb muss es auf ganz andere Mittel setzen / Von Mark Schieritz / ZEITMAGAZIN 26. August 2021 Seite 46 HILFE! Wie bringe ich meinen Kindern bei, an einer Sache dranzubleiben? Die Therapeutin Maria Neophytou antwortet (Das Gespräch führt Annabel Wahba)

Sie wollten garantiert Genaueres wissen… Ich kann nur sagen, dass diese einfachen Fragen mich seit gestern Morgen – offen oder unterschwellig – ständig beschäftigt haben. Und nicht zum ersten Mal. Warum soll es Ihnen besser gehen? Denn die verwertbaren Ergebnisse stehen gerade nicht im gedruckten Text. Am ehesten im erstgenannten

(Fortsetzung folgt:)

Der ganze ZEIT-Artikel ist hier zu lesen. / Für das Gespräch im Zeit-Magazin gilt es eine Hürde zu überwinden: hier. Aber man kann es leicht auf eigene Faust versuchen:

Ich finde die Musik ohnehin unter Wert gehandelt, wenn man sie gewissermaßen alternativ zu Reitunterricht, Taekwondo, Tennis und überhaupt zum Sport anbietet. Entscheidend ist zu sehen, ob es ein Zeitfenster des Lernens gibt, dessen Beachtung z.B. entscheidend beeinflusst, ob das Kind ein befriedigendes Niveau in der jeweiligen Tätigkeit erreicht. Warum hört ein offensichtlich musikalisches Kind auf, Musik zu machen? Was kann denn stärker sein als Musik? (fragt sich der Erwachsene, der ohne Musik nicht leben kann). Im frühen Kindesalter sicher die Verlockung des Spiels, der Spieltrieb, und später wird die Pubertät ein entscheidender (Stör-) Faktor. Beides steht jedoch eigentlich nicht im Widerspruch zur Musikausübung, – man spielt ein Instrument, man erfährt in der Pubertät ebenso wie in der Musik die Wirkung beflügelnder Emotionen. Im Tanz ist die unmittelbare Verbindung offensichtlich.

Auch im besagten Artikel wird die Problematik angesprochen, allerdings recht oberflächlich. So mit Bezug auf die Schule, die ihr Bewertungsschema in sich selbst erfülle. Und dann heißt es:

Aber bei Sport geht es ja um etwas anderes: Gerade wenn die Kinder in die Pubertät kommen, passiert viel innen drin, alles schaltet sich neu, da ist Bewegung, an die frische Luft zu gehen, sich in der eigenen Kraft zu spüren total wichtig. Und auch die Vereine spielen eine große Rolle: Die Jugendlichen erleben sich in dem sozialen Gefüge anders, entwickeln auch einen Gemeinschaftssinn, einer für alle, alle für einen. Da geht es für mich nicht darum, dass am Ende ein Profifußballer rauskommt.

Das ist eine gute Denk- und Gesprächsanregung, und das soll hier als Ergebnis eines Artikels genügen.

Indischer Film

Was ist aus der klassischen Musik geworden?

Der folgende Text stammt von Yogendra (Jens Eckert), veröffentlicht in seinem Newsletter India Instruments (es ist nur der Anfang, Fortsetzung zum Weiterlesen am Ende dieses Artikels). Ich habe lediglich einige Links eingefügt und ein paar farbige Markierungen vorgenommen. (JR)

Ideal und Wirklichkeit – The Disciple
– Eine Filmbesprechung von Yogendra –


Disciple

 

 

 

 

 

 

 

International erfolgreiche Spielfilme, in denen klassische indische Musik eine zentrale Rolle spielt, gibt es nur alle paar Jahrzehnte. In Jalsaghar (Das Musikzimmer) zeigte Oscarpreisträger Satyajit Ray 1958 einen elegischen Abgesang auf die untergehende indische Aristokratie als Patronin von Musik und Tanz   [Musikauswahl: Vilayat Khan]. Die klassisch indische Musiktradition selbst war dagegen schon erfolgreich den Weg vom höfischen Patronat in die demokratische Öffentlichkeit gegangen und stand in hoher Blüte. Mit Begum Akhtar, Roshan Kumari, Wahid Khan und Bismillah Khan waren herausragende Künstler*innen dieser Zeit in Jalsaghar in phänomenalen Performances zu sehen und zu hören.

Trailer Hier

Szenen des Filmes hier Mehrere Einzelszenen hier – auch hier (Junge singt + Esraj)

Als 1997 Rajan Khosas Film Dance of the Wind erschien, hatte die klassische indische Musik einen atemberaubenden Höhenflug der Instrumentalstile erlebt und gleichzeitig eine erstaunliche weltweite Popularität gewonnen. In Dance of the Wind weigert sich eine junge klassisch indische Sängerin rituell Schülerin ihrer Mutter und Lehrerin im Sinn der alten Guru-Shishya-Parampara Tradition zu werden. Nach dem Tod ihrer Mutter verliert die junge Sängerin ihre Stimme – und findet sie wieder, indem sie für ein Straßenmädchen selbst zur Gesangslehrerin wird. Der Film erzählte indische klassische Musik als Medium seelischer und spiritueller Heilung durch die erneuerte Anbindung an die alte Tradition.

In The Disciple, seit April 2021 auf Netflix und davor auf internationalen Filmfestivals zu sehen, schildert Chaitanya Tamhane jetzt in 4 ineinander verschachtelten Zeitebenen über etwa 30 Jahre den Lebensweg des fiktiven Khyal-Sängers Sharad Nerulkar. Als kleiner Junge wird Sharad von seinem Vater genötigt, Gesangskompositionen zu lernen statt draußen mit seinen Freunden zu spielen. Mit Anfang 20 ist er einer von drei Schülern eines renommierten Gesangsgurus. Einige Jahre später schlägt er sich als Gesangslehrer und mit kleinen Konzerten durch. Und am Ende sehen wir ihn als Familienvater und Pressesprecher eines Musikverlags. In Sharads Ringen mit sich selbst, mit seinem familiären Umfeld und mit den hehren alten Idealen der klassischen Musiktradition und schließlich in seinem Scheitern an den Bedingungen des kommerziellen Konzertbetriebs zeichnet der Film ein gnadenlos realistisches Bild der klassischen nordindischen Musiktradition im modernen Indien.

Weiterlesen hier (India Instruments Newsletter Übersicht Punkt 5.) Siehe dort auch den Link „Raga-Player“ zum Einhören (oder gleich hier.)

The Disciple ist außer bei Netflix auch bei mega.nz abrufbar.

Dank an Yogendra!

Geige üben (Basis 1)

Mut, immer wieder von vorn anzufangen

Wo? Beim Körper. Beim physiologischen Körper also, kombiniert mit dem dinghaften Geigenkörper. Ich setze voraus, die Geige „sitzt“ (bei Anfängern kostet das natürlich Geduld und Zeit – Kinder kann man damit verrückt machen – dies nur im Hinterkopf – es wären Lektionen für sich). Wie funktioniert eigentlich das „Streichen“? Also, – nicht irgendwie, sondern eine Gerade ziehen, statt eines Kreises. Keine Ausrede („mein Englisch ist nicht gut genug“, auch das kommt). Das Auge genügt (und der gute Wille, der da ist, aber dich nicht unter Druck setzt). Sag nicht: dieser Lehrer gefällt mir nicht. Tu was er meint – und gefalle dir selbst. (No „unnecessary tension“!)

Wer ist unser You-Tube-Tutor? Bio (zitiert von seiner Web-Seite hier):

Eddy Chen has appeared as a soloist with the Queensland Symphony, Queensland Conservatorium Symphony, Queensland Youth, and Corda Spiritus of St Andrews orchestras. In 2010 he was awarded top prize in the Queensland Young Instrumentalist Competition and was a finalist in the prestigious National Youth Concerto Competition. In 2014 he was the Queensland finalist of the National Young Virtuoso Award. Eddy received his Bachelor of Music at the Queensland Conservatorium in 2014, where he studied under the guidance of Michele Walsh. While there, he won several scholarship prizes, including the Brisbane Club Award and the Ronald Clifford, Basil Jones Sonata, Owen Fletcher and Paganini prizes. As an orchestral musician, Eddy has been a casual violinist with the Queensland Symphony Orchestra since 2011 and with the Melbourne Symphony Orchestra since 2014. He was concertmaster of the Queensland Conservatorium Opera Orchestra in 2012 and 2014. Eddy suffers from a severe fear of cockroaches*, also known as katsaridaphobia.

*Kakerlaken

Und nun? Wenn ich alles ordentlich geübt habe, mit Fingern, Armen und Verstand, – lege ich dann los?

Nein, ich habe mir vor einiger Zeit noch eine kniffelige Übung zurechtgelegt, die ich nur in Zeitlupe und mit sorgsamer Andacht ausführen mag. Und erst, wenn ich damit nach geraumer Zeit fertig bin, – das weiß ich – , gehe ich auch gern ans Klavier und übe dort nur die linke Hand, und zwar notengetreu (oktavversetzt) genau das, was ich vorher auf der Geige verinnerlicht habe. Es ist nämlich nicht mein anmaßendes Werk, sondern die Grundlage einer Etüde von Chopin, die ich faszinierend finde. Wenn ich die linke Hand endlich zufriedenstellend erfasst habe, kann ich mich der rechten zuwenden, und ich bin mit mir und der Welt EINS. Oder irgendsoetwas. Aber: wir sind bei der Violine! (Mir ging es bei der Bearbeitung auch darum zu lernen, wie vollkommen bei Chopins Etüde schon der bloße Begleitpart ist.)

Und erst wenn wir über unseren Schatten springen und die verschiedenen Übe- und Hörweisen studieren wollen, die sich am anderen Instrument ergeben, wenden wir uns dem folgenden Hörbeispiel zu – es kann auch notorischen Geiger(erinne)n nicht schaden. Irgendwann werden sie von einem Klavier begleitet, daran geht kein Weg vorbei. Man beginnt beide Parts zu bedenken, alle Stimmen, das Ineinander der Harmonien und Rhythmen.

Sollte ich vielleicht die rechte Hand auch einmal für Geige bearbeiten, als überfälliger Hummelflugersatz?

Linke Hand ab 8:30, nächste Stufe 9:27, nächste 10:36. Dann rechts dazu, ab 11:05…

Letzte Stufe: ab 15:34, links und rechts zusammen, alles im Tempo und auch noch musikalisch…

Über die Pianistin Danae Dörken hier.

Warum ich als Geiger überhaupt lernfreudig auf Pianist(inn)en schaue? Ich habe das Thema ja schon früher einmal behandelt, auch dieselben Noten vorgezeigt (siehe hier). Weil ich unterstelle, dass Menschen am Klavier (notgedrungen) bewusster Musik machen. Sie haben kein Vibrato als musikalisches Allheilmittel. Z.B. habe ich mir kürzlich eine CD mit Aufnahmen von vorwiegend kleinen Stücken besorgt, gespielt vom Idol meiner frühen Geigenzeit, Christian Ferras. Und es gefällt mir fast nichts (abgesehen von „Tzigane“). So dahingesagt klingt das vielleicht arrogant, aber es tut eher weh, und ich möchte dieser Frage „cool“ nachgehen. Geiger haben nichts anderes als ihre eine Stimme, – warum kann das nicht vollkommen sein, wie etwa in vielen Gesangsinterpretationen, die uns doch auch immer als höchstes Vorbild melodischen Spiels empfohlen werden? All diese Titel, von denen ich einige schon kenne aus „Die goldene Geige“, dem geliebten Vortragswerk meiner frühen 50er Jahre, wer weiß, wie das gekratzt hat. Und heute?  – natürlich erkennbar dürftiger als dieser zweifellos ganz große Geiger… das Meckern habe ich allerdings gut gelernt. Durch die Schule der Alten Musik. Und der Neuen, durch Rudolf Kolisch und sein böses Wort von der Religion der Streicher.