Kategorie-Archiv: Allgemeines

Yusef Komunyakaa

Besser spät als nie: eine Entdeckung amerikanischer Dichtung

Ich verdanke sie einem freundlichen Hinweis und nicht zuletzt der eigenen Verblüffung, die wieder einmal mit J.S.Bach zusammenhing. (Der drittletzte Ton ein b oder ein c? Ich glaube dem Cellisten.) Vor allem: was für ein Regieeinfall, sich auf den ersten Teil der Sarabande zu beschränken, – soll etwas offen bleiben? Entscheidend für mich: die oftmalige Wiederholung, der Eindruck des gesprochenen Wortes und endlich die Erschließung der schriftlichen Verständnishilfe. Der aufgefundene Text.

Cello Suite Sarabande

Ab 1:14 Two poems… the first one is titled Grenade … ab 5:47 the second poem is Heavy Metal Soliloquy…

Grenade

There’s no rehearsal to turn flesh into dust so quickly. A hair-trigger, a cocked hammer in the brain, a split second between a man & infamy. It lands on the ground—a few soldiers duck & the others are caught in a half-run—& one throws himself down on the grenade. All the watches stop. A flash. Smoke. Silence. The sound fills the whole day. Flesh & earth fall into the eyes & mouths of the men. A scream trapped in midair. They touch their legs & arms, their groins, ears & noses, saying, What happened? Some are crying. Others are laughing. Some are almost dancing. Someone tries to put the dead man back together: „He just dove on the damn thing, Sir!“ A flash. Smoke. Silence. The day blown apart. For those who can walk away, what is their burden? Shreds of flesh & bloody rags gathered up & stuffed into a bag. Each breath belongs to him. Each song. Each curse. Every prayer is his. Your body doesn’t belong to your mind & soul. Who are you? Do you remember the man left in the jungle? The others who owe their lives to this phantom, do they feel like you? Would his loved ones remember him if that little park or statue erected in his name didn’t exist, & does it enlarge their lives? You wish he’d lie down in that closed coffin, & not wander the streets or enter your bedroom at midnight. The woman you love, she’ll never understand. Who would? You remember what he used to say: „If you give a kite too much string, it’ll break free.“ That unselfish certainty. But you can’t remember when you began to live his unspoken dreams.

© Yusef Komunyakaa

Quelle: https://muse.jhu.edu/article/168507

Heavy Metal Soliloquy

After a nightlong white-hot hellfire / of bluesteel, we rolled into Baghdad / plugged into government-issued earphones, / hearing hardrock. The drum-machines / & revved-up guitars roared in our heads. / All their gods were crawling on all fours. / Those bloated replicas of horned beetles / drew us to targets, as if they could breathe / & think. The turrets rotated 360 degrees. / The infrared scopes could see through stone. / There were mounds of silver in the oily dark. / Our helmets were the only shape of the world. / Lightning was inside our titanium tanks, / & the music was almost holy, even if blood / was now leaking from our eardrums. / We were moving to a predestined score / as bodies slumped under the bright heft / & weight of thunderous falling sky. / Locked in, shielded off from desert sand / & equatorial eyes, I was inside a womb, / a carmine world, caught in a limbo, / my finger on the trigger, getting ready to die, / getting ready to be born.

© Yusef Komunyakaa

Quelle: The New American Poetry of Engagement: A 21st Century Anthology / edited by Ann Keniston and Jeffrey Gray / McFarland 2012 ( ISBN: 978-0-7864-6467-8 )

Wer ist Yusef Komunyakaa?

For myself, I read everything aloud as I am ... as I am writing, because
the ear is a great editor.
I think listening is the most important thing in the creative arts but
also in life.
In the highly technological society it seems to me that instruments are
there to steal bits of what we call "information".
But it isn't knowledge before us, it takes a dialogue.
And any interesting complex dialogue comes out of silence and listening.
I am listening for [or: And listen to?] the music as opposed to the ideas.
The ideas are there, because language is really a composite of symbols
that which comes from the body as opposed to that abstract mental space.
[...]

"What young poets should not do"

1st - to [or: do?] not write for others.
2nd one is: - to not write on a computer.
3rd one: - to not be afraid of surprising oneself.

Des weiteren:

http://www.encyclopedia.com/arts/educational-magazines/ode-drum bzw. HIER

Dank an JMR!!!

Baukörper und Körperbau

Der Architekt spricht und betet

[ZITAT aus Paul Valéry: Eupalinos oder Der Architekt]

O Phaidros, wenn ich eine Wohnstätte erfinde (sei es für die Götter, sei es für einen Menschen) und wenn ich diese Form suche mit Liebe, mich bemühend, einen Gegenstand hervorzubringen, der den Blick erfreue, der sich mit dem Geiste unterhalte, der im Einklang sei mit der Vernunft und mit den zahlreichen Bedingungen, die üblich sind, . . .  so muß ich dir eine befremdliche Sache sagen: Es scheint mir, als sei mein eigener Körper mit dabei . . . Laß mich sagen. Dieser Körper ist ein wunderbares Instrument, und ich überzeuge mich immer mehr, daß die Lebendigen [die Wiedergabe des Gesprächs findet in der Unterwelt statt], die ihn alle in ihrem Dienst haben, ihn nicht in seiner Fülle ausnutzen. Sie gewinnen ihm nur Vergnügen ab, Schmerzen und die unerläßlichen Anwendungen, wie eben zu leben. Manchmal verwechseln sie sich mit ihm; gelegentlich vergessen sie einige Zeit seine Existenz; und bald zu stumpf, bald reine Geister, wissen sie gar nicht, welche allgemeinen Zusammenhänge sie enthalten und aus was für einem unerhörten Stoff sie gemacht sind. Eben durch ihn nehmen sie teil an dem, was sie sehen, und an dem, was sie berühren: sie sind Steine, sie sind Bäume, sie tauschen Berührungen und Hauche aus, mit dem Stoff, der sie zusammenfaßt. Sie berühren, sie werden berührt, sie sind schwer, und sie heben Gewichte, sie rühren sich und tragen mit sich herum ihre Tugenden und ihre Laster; und wenn sie in Träumerei verfallen oder in den unbestimmten Schlaf, so wiederholen sie die Natur der Wasser, sie werden Sand und Wolken . . . Bei anderen Gelegenheiten versammeln sie sich in den Blitz und schleudern ihn! . . .

 Aber ihre Seele weiß durchaus nicht, was mit dieser Natur, die ihr so nahe ist und die sie durchdringt, beginnen. Sie eilt voraus, sie bleibt zurück, sie scheint den Augenblick selbst zu fliehen. Sie erhält von ihm Anstöße und Antriebe, die es mit sich bringen, daß sie sich in sich selbst entfernt und sich in ihrer Leere verliert, wo sie Dünste zur Welt bringt. Ich dagegen aber, unterrichtet durch meine Irrtümer, ich sage im hellsten Licht und wiederhole mir bei jeder Morgenröte: [hier folgt das Gebet an den Körper].

Quelle: folgt weiter unten

***

Ich hatte einige Tage im Garten geschuftet, schubkarrenweise Stein & Erde fortgeschafft, in Schweiß gebadet, und ein Gedanke war nicht wegzuwischen: hält der Körper noch durch? Immer dort hinunter, an der alten, efeuüberwachsenen Eiche vorbei, dem Vogelparadies, abwärts in die Richtung, aus der man das Bussard-Junge unentwegt in den Erlen pfeifen hört. Immer wieder dort hinunter und mit geleerter Karre wieder rauf!

Eiche Juli 2017

Ich dachte an meinen Großvater und keuchte. Aber der rettende Zweit-Gedanke war: Paul Valéry. Ich hätte mehrere Gründe, zu ihm zurückzukehren, an den Schreibtisch. „Die Seele und der Tanz“ oder „Eupalinos“ mit seinem Gebet an den Körper! Und dann, am Donnerstag, kam die ZEIT mit der folgenden Titelseite (bitte anklicken, vergessen Sie auch nicht die ganz kleine, ins Dunkel gerückte Schlagzeile rechts unten in der Ecke!):

ZEIT Körper

Im Innern zwei mächtige Feuilleton-Seiten über Fitnesskultur. Naja, das war zu erwarten. Was mich jedoch beflügelte, stand im Zeit-Magazin, – lachen Sie nur nicht! -, es stammt von einem Chirurgen, in dessen Abteilung Menschen neue Hüften und Knie bekommen. Nein, da liegen meine Probleme nicht; gewonnen hat der Mann bei mir mit der Antwort auf die Frage: „Mussten Sie anfangs Ekel überwinden, als Sie zu operieren begannen?“ Seine Antwort: „An meinem Bereich finde ich eigentlich nichts eklig. Im Gegenteil: Von innen sehen die Gelenke, Knochen und Muskeln richtig ästhetisch aus.“ Ein bewundernswerter Arzt! (Peter Naatz, Chefarzt der Abteilung für Untere Extremitäten und Wirbelsäulenchirurgie im Immanuel-Krankenhaus Berlin.) Und auf die Frage, wie er sich denn selbst sehe – „als Reparateur, Mechaniker, Knochenhauer?“ – entgegnete er:

Weder – noch, für mich ist der Körper keine Maschine. Wenn man sieht, wie komplex und genial das alles aufgebaut ist, wird man eher demütig. Die Knochen etwa sind ja deswegen sehr bruchstabil, weil sie durch die Muskeln und Sehnen aufgespannt und eingebettet sind. Mir ist durch meine chirurgische Arbeit immer klarer geworden, dass man in diesem Verbund nicht unhinterfragt eben mal was austauschen kann. Oft liegt bei einem Problem ja gar keine strukturelle Veränderung des Gewebes vor, sondern das Zusammenspiel zwischen Gelenken, Muskeln und Nerven ist gestört. Die mentale Verfassung des Patienten spielt dabei auch eine große Rolle. So ein Problem kann man nicht nur mit dem Messer lösen.

Quelle Zeit Magazin 13. Juli 2017 (Seite 29) „Ich werde immer ehrfürchtiger vor der Natur“ Wo der Schmerz sitzt, kann Peter Naatz schon am Gang eines Patienten sehen. In seiner Abteilung bekommen Menschen neue Hüften und Knie. Wie ein Chirurg auf den Körper schaut / Von Christine Meffert

[Das Gebet des Eupalinos:]

O, mein Körper, der du mir jeden Augenblick zum Bewußtsein bringst diesen Ausgleich meiner Neigungen, dieses Gleichgewicht deiner Organe, diese richtigen Verhältnisse deiner Teile, die bewirken, daß du bist und dich immerfort erneuest im Schoße der beweglichen Dinge: wache über meinem Werk; lehre mich heimlich die Forderungen der Natur und übertrage mir diese große Kunst, mit der du ausgestattet bist, so wie du bestehst durch sie, die Jahreszeiten zu überdauern und dich zurückzunehmen aus den Zufällen. Gibt mir, daß ich in der Verbindung mit dir das Gefühl für die wahren Dinge finde; mäßige, bestärke, sichere meine Gedanken. So vergänglich du auch bist, du bist es sehr viel weniger als eine Laune, du zahlst für meine Handlungen, und du büßest für meine Irrtümer: Instrument des Lebens, das du bist, du bist für jeden von uns der einzige Gegenstand, der sich mit dem Weltall vergleichen läßt. Der ganze Himmelsumkreis hat immer dich zur Mitte; o Gegenstand der gegenseitigen Aufmerksamkeit eines ganzen gestirnten Himmels! Du bist recht das Maß der Welt, von der meine Seele mir nur das Äußere vorstellt. Sie kennt sie ohne Tiefe und so oberflächlich, daß sie manchmal imstande ist, sie in eine Reihe mit ihren Träumen zu stellen; sie zweifelt an der Sonne. . . Von sich eingenommen durch ihre vergänglichen Hervorbringungen, glaubt sie sich fähig, eine Unzahl verschiedener Realitäten zu schaffen; sie bildet sich ein, es gäbe noch andere Welten, aber du rufst sie zurück zu dir, wie der Anker das Schiff zu sich zurückruft . . .

Mein besser erleuchteter Geist wird nicht aufhören, teurer Körper, dich von jetzt ab zu sich zu rufen; noch wirst du, hoffe ich, unterlassen, ihm deine Gegenwart, deinen Beistand, deine Bindungen an den Ort zur Verfügung zu stellen. Denn endlich haben wir das Mittel gefunden, du und ich, uns verbunden zu halten und den unauflösbaren Knoten unserer Unterschiede: ein Werk soll unsere Tochter sein. Wir haben jeder nach unserer Seite hin gehandelt. Du lebtest, ich träumte. meine weiten Träumereien führten zu einer grenzenlosen Ohnmacht. Aber das Werk, das ich jetzt hervorbringen will und das nicht von selbst geschieht, möge es uns zwingen, uns gegenseitig zu antworten, und einzig aus unserem Einverständnis hervorgehen! Aber dieser Körper und dieser Geist, aber diese Gegenwart, unbezwinglich gegenwärtig, und diese schöpferische Abwesenheit, die sich um das Wesen streiten und die man endlich zusammenfassen muß; aber dieses Begrenzte und dieses Unendliche, das wir hinzubringen, jeder nach seiner Natur, jetzt müssen sie sich verbinden, in einer wohlgeordneten Aufrichtung; und wenn wir durch die Gnade der Götter verständig arbeiten, wenn sie untereinander das Überkommene und die Gnade austauschen, Schönheit und Dauer, Bewegungen gegen Linien und Zahlen gegen Gedanken, so wäre es so weit, daß sie endlich ihre wirkliche Beziehung entdeckt hätten, ihre Handlung. Mögen sie sich verabreden, mögen sie einander verstehen mittels des Stoffs meiner Kunst! Die Steine und die Kräfte, die Profile und die Massen, die Lichter und die Schatten, die künstlichen Zusammenfassungen, die Täuschungen der Perspektive und die Wirklichkeiten der Schwerkraft, solches sind die Gegenstände ihres Umgangs, dessen Gewinn endlich jener unverderbliche Reichtum sei, den ich Vollendung nenne.

Quelle Paul Valéry: Eupalinos oder Der Architekt /  Übertragen durch Rainer Maria Rilke / aus: Rowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft / Französische Literatur Band 11 / März 1962 / Seite 115 ff / Mit Genehmigung des Insel-Verlages, Frankfurt am Main / Umschlagentwurf Werner Rebhuhn unter Verwendung einer Aufnahme, die Valéry als Mitglied der Académie Française zeigt (Foto Ullstein Bilderdienst).

Dieser Band enthält auch die wichtigsten Gedichte Valérys in französischer und deutscher (Rilke) Sprache und den ebenso schönen Dialog „Die Seele und der Tanz“. Am Ende auch noch einen wunderbaren Essay „Zum Verständnis des Werkes“ von Ernst Robert Curtius.

Ich habe dieses „Gebet“ abgeschrieben, um es immer wieder einmal Satz für Satz durchzugehen, durchzu d e n k e n , nicht einfach als schöne Sprache vorüberziehen zu lassen. Jeder Satz hat Sinn. Wobei natürlich im Auge zu behalten ist, dass der (von Freund Phaidros dem Sokrates gegenüber bewundernd zitierte) Baumeister Eupalinos Bauwerke meint, wenn er von „Werk“ spricht, von Werken, die aus dieser Verbindung von Körper und Geist hervorgehen sollen. Wobei dahingestellt bleiben mag, ob wir uns dabei insgeheim moderne architektonisch gestaltete Gebäude oder griechische Tempel vorstellen sollen. Oder ob wir so frei sein sollen, uns Werke denken dürfen, zu denen eben jeder von uns als vergängliches Individuum fähig ist, wenn er die kreative Verbindung zwischen Kopf und Hand „ins Werk“ setzt. Ich gestehe, dass ich bei der harten Gartenarbeit daran gedacht habe, dass eben die von mir (oder uns) gestaltete Natur als Werk gelten könnte, das aus sich selbst heraus – als Natura naturans – mitarbeitet und erst vollkommen wird, wenn die Spur unserer Hand sich wieder verliert. (Die Hand kann aufs neue tätig werden…)

Zugleich weiß ich, dass in diesem Dialog die Kunst des Architekten letztlich mit der Musik in Verbindung gebracht werden soll. Zunächst: dass es Sokrates (Valéry) darum geht zu erfahren, was Eupalinos sagen könnte „in bezug auf jene Bauwerke, von denen er meinte, <daß sie singen>“:

 Ich halte sie [die Künste] aneinander, ich suche die Unterschiede; ich will den Gesang der Säule hören und mir im klaren Himmel das Denkmal einer Melodie vorstellen. Diese Einbildung führt mich sehr leicht dazu, auf die eine Seite die Musik zu stellen und die Architektur, und auf die andere die anderen Künste. Eine Malerei, lieber Phaidros, bedeckt nur eine Oberfläche, die einer Bildtafel oder einer Mauer; und auf ihr täuscht sie Gegenstände vor oder Personen. Ebenso schmückt der Bildhauer immer nur einen Teil unseres Ausblicks. Aber ein Tempel, wenn man an ihn herantritt, oder gar das Innere des Tempels, bildet für uns eine Art vollkommener Großheit, in der wir leben . . .  Wir sind dann, wir bewegen uns, wir leben im Werk eines Menschen!

Er zielt also auf die Musik, und hier breche ich ab, so eindrucksvoll dieses Nachdenken über den Ort der Musik auch ist („als ob der ursprüngliche Raum ersetzt worden wäre durch einen geistig faßbaren und veränderlichen Raum; oder vielmehr als ob die Zeit selbst dich auf allen Seiten umgäbe“). Es soll genügend Anlass bleiben, den Dialog als Ganzes auf sich wirken zu lassen. Unnötig hervorzuheben: er hat NICHTS mit Esoterik zu tun. Mein Artikel hier ist nur eine Erinnerung an diese Aufgabe.

Ich möchte noch einmal zu den Titel-Geschichten der ZEIT vom 13. Juli zurückkehren: Soll ich die „aktuelle“ Auffassung des Körpers sang- und klanglos vom Tisch fegen? Verbirgt sich hinter dem jetzt angedeuteten Weg in die Musik nicht wieder eine Flucht aus der vom Körper eigentlich gemeinten Wirklichkeit? Wirklichkeit als Materialität?

Es ist ein Kapital, sobald Krankenversicherungen für fitte Menschen billiger werden. Mit jeder Trainingseinheit stemmen sich die Fitnessjünger gegen die Schmerzen des Alterns. Oder – freundlicher gesprochen – sie erwerben Anteilscheine am nächsten großen Fortschritt der Menschheit: der Unsterblichkeit.

Quelle DIE ZEIT 13. Juli 2013 Seite 41 Steinzeitkörper im Bioladen Die Fitnesskultur bombardiert uns mit Ratschlägen, wie man richtig zu leben habe. Warum lassen sich das moderne Individualisten so gerne gefallen? Von Marie Schmidt.

Ein Foto aus dem Fitnesszentrum zeigt uns, dass es keine „Muckibude“ mehr ist wie früher, beileibe nicht, sondern ein „Tempel der Sinnstiftung“. Was allein gilt, ist „Die Anbetung des Leibes“. Aus der Innenperspektive bedeutet das in etwa: Unsterblichkeit für ein Leben, „in dem Muskeln und Darm im Mittelpunkt stehen“.

Leben Sie wohl!

Körpergefühl oder – Geschriebenes lesen

Die folgenden beiden Büchlein haben den Tag gemeinsam, der mich in ihren Besitz gebracht hat, und so lese ich sie abwechselnd, von schwankender Neugier getrieben, und beziehe sie aufeinander oder auf anderes, das ich gelesen oder versäumt habe. Paul Valéry zum Beispiel, den Reuß gleich zu Anfang zitiert, samt dem titelgebenden Begriff „Die perfekte Lesemaschine“. Was hat das Stichwort „Körper“ damit zu tun, das ich auf Seite 52 entdecke? In dem Taschenbuch mit Valérys Gedichten und Dialogen, übersetzt von Rainer Maria Rilke, schlägt sich der „Eupalinos“ wie von selbst auf; viele Unterstreichungen seit 1962. Ich muss es mit veränderter Lebensperspektive aufs neue lesen, damals war ich zweifellos jung, halb so alt wie Valéry, als er es schrieb (1923). Jetzt bin ich um die gleiche Zeitspanne älter. Ein Misanthrop bin ich nicht geworden, aber eine Tendenz zum Einsiedlertum kann ich nicht leugnen, soweit ich auch zurückdenke. Andererseits weiß ich, dass der Überdruss an bestimmten Themen (auch an Büchern? an Menschen? frage ich heimlich) durchaus ein guter Ratgeber sein kann. „Eupalinos“ aber liest sich immer neu, und ich wundere mich, im Netz eine Rezension zu finden, als sei er erst 1995 herausgekommen (doch: bei Suhrkamp, 1962 war’s bei Rowohlt). Und der Rezensent war Martin Seel, der schon in „Eine Ästhetik der Natur“ (1991) darauf zu sprechen kam (Seite 252).

Buch Reusz     Misanthrop Sorg

Zur Anregung:

Ziel der Ergonomie ist es, die Arbeitsbedingungen, den Arbeitsablauf, die Anordnung der zu greifenden Gegenstände (Werkstück, Werkzeug, Halbzeug) räumlich und zeitlich optimiert anzuordnen sowie die Arbeitsgeräte für eine Aufgabe so zu optimieren, dass das Arbeitsergebnis (qualitativ und wirtschaftlich) optimal wird und die arbeitenden Menschen möglichst wenig ermüden oder gar geschädigt werden, auch wenn sie die Arbeit über Jahre hinweg ausüben.

Quelle: Wikipedia hier.

Im übertragenen Sinne wird in den Geisteswissenschaften unter Genealogie eine historische Methode verstanden, welche die geschichtliche Entwicklung verschiedener Sachverhalte der Gegenwart [?] untersucht.

Quelle: Wikipedia hier.

Valéry Eupalinos ua

Martin Seel, im Anschluss an eine frühere Documenta (vor 20 Jahren):

Ein Jahr nachdem die allenthalben wegen ihrer Unsinnlichkeit getadelte oder auch gepriesene documenta X ihre Pforten geschlossen hatte, wurde im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Ausstellung eröffnet, die allenthalben wegen ihrer Sinnlichkeit gepriesen oder auch getadelt wird. Die derzeit unter dem programmatischen Titel Sensation präsentierten Werke junger britischer Künstler aus der Sammlung Saatchi haben nach den Kasseler Strapazen ein weithin hörbares Aufatmen hervorgerufen. Der Eindruck konnte entstehen, als sei die gegenwärtige Kunst von einem Schisma geprägt. Hier eine wilde, drastische und derbe, dort eine asketische, intellektuelle und moralische Kunst. Hier eine Kunst des Körpers, dort eine Kunst der Ideen.

Aber dieser Anschein trügt. Keine gelungene künstlerische Operation hat je mit der Trennung von Körper und Geist paktiert. Warum das so ist, hat niemand klarer gesagt als Paul Valéry in seinem Dialog Eupalinos oder Der Architekt aus dem Jahr 1923.

Quelle DIE ZEIT 30.12.1998 Künstler, Körper, Sensationen (Link s.o. Martin Seel)

Zwei ähnlich schmale Bücher, aber keine sogenannten Taschenbücher, sind also auf den Plan getreten, unplanmäßig, unangemeldet, handlich und unwiderstehlich. Und sie evozieren am Ende alte Assoziationen, die sich heute anders anfühlen als vor vielen Jahren (Körper, Sinnlichkeit, neue Medien). jedoch: das zu überprüfen, soll Aufgabe eines anderen Artikels sein.

Roland Reuß: (Seite 53) [„Lesen als Körpertechnik“]

Der Dinghaftigkeit der Buchstaben gibt das Buch, selbst Ding, ein Zuhause. Lesen ist eine Körpertechnik, die ihr Spiel in den Koordinaten eines aufgespannten dreidimensionalen Raums hat (diese Formulierung gebraucht in jenem Sinn, in dem man von einem Keilriemen sagt, er müsse „Spiel haben“). Und das Buch ist in diesem Koordinatensystem der Ort, auf den hin das Spiel der Lektüre sich sammelt. Von Menschen für Menschen Hergestelltes. Körpersprache. Der zweidimensionale Bereich der Bildschirmschrift dagegen zerstreut.

Seite 25 [„Haptisch erfahrbare Körperlichkeit.“]

Es hat seinen genauen Grund, warum Schrift auf dem Schirm – im spezifischen Unterschied zu ihrer Präsenz im Buch – immer den Eindruck des Abphotographierten erweckt. Ihre Dimensionalität ist verkürzt. Für das pathologisch planimetrische Lesen am Schirm reicht das eine Auge des Kyklopen.

Quelle Roland Reuß: Die perfekte Lesemaschine / Zur Ergonomie des Buches / Wallstein Verlag Göttingen 2016

Auch das andere Buch weckt gleich zu Anfang fordernde Assoziationen:

Bernhard Sorg: Seite 1 [„Empirie und Geist“]

Fünf literarische Darstellungen von Misanthropie, fünf Menschenfeinde, aber nur eine Geschichte: die von seiner allmählichen Verwandlung in eine Künstlergestalt, genauer: eine Vorstellung von Kunst und Künstler, die ihr Zentrum hat in der konstitutiven Opposition von Empirie und Geist. Von Anfang an (und das heißt in diesem Kontext: von Shakespeares Timon an) ist der literarische Misanthrop durch Eigenschaften gekennzeichnet, die ihn, zu Ende gedacht, prädestinieren zum Künstler – durch den Glauben an eine dichotomische Welt, der die Fülle der Erscheinungen abwertet gegenüber einer apriorischen Idee vom Menschen und den Dingen.

Quelle Bernhard Sorg: Der Künstler als Misanthrop / Zur Genealogie einer Vorstellung / Max Niemeyer Verlag Tübingen 1989

Welche Forderungen? Etwa folgende Werke zu kennen oder zu lesen: Shakespeare: Timon of Athens Molière: Le Misanthrope /  Schiller: Der versöhnte Menschenfeind / Arno Schmidt: PHAROS oder von der Macht der Dichter / Thomas Bernhard: Das Kalkwerk / Werde ich sie wirklich lesen? Ich glaube nicht. Vorläufig nicht. Wie kam ich nur drauf? Durch einen Mail-Hinweis vom Stuttgarter Schauspiel:

Stuttgart Moliière Screenshot Zum Lesen bitte anklicken!

Zugegeben: man könnte sich in diesen etwas labyrinthischen Gedankengängen verfangen. Auf der einen Seite (Sorg) die

Vorstellung von Kunst und Künstler, die ihr Zentrum hat in der konstitutiven Opposition von Empirie und Geist.

Auf der anderen Seite (Seel) die Behauptung:

Keine gelungene künstlerische Operation hat je mit der Trennung von Körper und Geist paktiert. Warum das so ist, hat niemand klarer gesagt als Paul Valéry in seinem Dialog Eupalinos oder Der Architekt aus dem Jahr 1923.

(Fortsetzung folgt hier)

Aus dem Leben einer Forscherin (1)

Zur Einführung sehen Sie bitte zunächst HIER 

Die Berliner Naturwissenschaftlerin und Verhaltensbiologin Prof. Dr. Constance Scharff war also zu Gast in der Reihe „Gedankensprünge“ von Michael Rüsenberg. Am 4. Mai 2017 in der Buchhandlung buchladen 46, Kaiserstraße 46 53115 Bonn. Thema: Vogelstimmen. Mein bevorzugtes Thema. Ich war dort und fand den Abend faszinierend. Einen so ungeschminkten Einblick in ein Forscherleben habe ich noch nie miterlebt: unprätentiös, ideenreich, uneitel, sprachlich dicht am Zuhörerkreis, ohne den Ehrgeiz, druckreif oder kongressgerecht zu formulieren. Zuweilen hatte man den Eindruck, als sei man unmittelbar Zeuge bei der Entstehung  von Gedanken und Assoziationen, die zugleich relativiert oder unterbrochen werden – im realen Prozess des Nachdenkens. Das sollte man bedenken, wenn man all dies schwarz auf weiß vor sich sieht; der Skribent, der den Vortrag im Ohr hat, fühlt sich nicht berechtigt, den Text zu redigieren, Wortwiederholungen zu tilgen, Wortfindungsprozesse zu glätten, saloppe Wendungen zu nobilitieren, – es gehört alles zur Lebendigkeit der Situation. Um dies in Erinnerung zu halten, sind auch die allgemein üblichen phonetischen Verschleifungen („-nen“ statt „einen“, „kucken“ statt „gucken“) wiedergegeben. Man denke sich auch Unterschiede im Sprechtempo hinzu, Zögern, Beschleunigen, beiläufig Nachgetragenes. Keine Lehrveranstaltung, obwohl es unendlich viel zu lernen gab. Es war dieser inspirierende Gesamteindruck, der mich veranlasst hat, viele Stunden mit der Niederschrift zu verbringen. Mir könnten dabei Hör- und Verständnisfehler unterlaufen sein, – aber mein Vorsatz war, so getreu wie möglich die Denkweise einer Wissenschaft nachzubuchstabieren, von der man wenig ahnt, wenn man sich dem Vogelgesang hauptsächlich im Garten oder bei Wanderungen in der Natur widmet. – Dieser Text erscheint in vier Teilen, vielleicht aber nicht unmittelbar hintereinander. Und (mit weiteren Korrekturen und einzufügenden Links) als work in progress … alle noch vorhandenen Fehler gehen natürlich auf mein Konto. Die eingefügten Zeitangaben dienten der Orientierung innerhalb der Originalaufnahmen, die mir Michael Rüsenberg freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. (Jan Reichow)

Zebrafink Taeniopygia_guttata Foto: WIKI Maurice van Bruggen 2009

RUESENBERG:

0:57 Herzlich willkommen, Sie sind Naturwissenschaftlerin, Sie sind Verhaltensbiologin, und es gibt ja so eine schöne unterschiedliche Charakterisierung, zwischen Geisteswissenschaftlern und Naturwissenschaftlern. Von den Geisteswissenschaftlern heißt es ja immer, sie lieben ihre Gegenstände, das heißt also, der Goethe-Forscher interessiert sich für Goethe, er liebt, er schätzt Goethe. Bei den Naturwissenschaftler ist das aber ganz anders: man kann nicht sagen, dass derjenige, der den Regenbogen studiert, den Regenbogen auch wirklich liebt. Was ist mit den Zebrafinken bei Ihnen, lieben Sie die Zebrafinken oder haben Sie da ein völlig neutrales Verhältnis zu denen?

SCHARFF:

1:41 Also ich würde zwei Sätze zurückgehen und sagen, das hängt davon ab, wie man Liebe definiert, und ich bin auch nicht sicher, dass der Regenbogenforscher nicht den Regenbogen liebt. Ich glaube, der Hauptunterschied ist vielleicht eher der, dass man sowas als Naturwissenschaftler immer hinterfragt: was meint der damit, was will der eigentlich jetzt so genau wissen, em, liebe ich meine Zebrafinken? Ehhh sicher anders als meine Familie (Lachen), aber natürlich gewinnt man seine Objekte der Begierde, der Wissensbegierde, in einer Art, wie auch Liebe funktioniert, in der Intensität, lieb, ja…

RUE: Obwohl Sie denen ja wirklich nach dem Leben trachten.

SCH: Manchmal trachten wir ihnen nach dem Leben, genau. Also, da sind wir auch gleich an einem Kernpunkt des Problems des Naturwissenschaftlers, der an Tieren arbeitet: der muss über diese Hürde springen und sagen: nehme ich mir das Recht, den Tieren auch das Leben zu nehmen, weil ich etwas darüber wissen will, was das erfordert. Das ist ne Frage, die ich mir immer wieder neu stelle, die auch unterschiedlich ausfällt, aber im Endeffekt habe ich das gemacht, darauf hat sich meine Forschung aufgebaut, und ich bin immer froh, wenn wir Sachen machen, wo man die nicht … den Körper hinterher sehen muss. Denn wir machen ja auch viel verhaltensbiologische Forschung, die primär … da geht’s um die Gesänge, um die Analyse von Gesang und Tanz, und… Weibchenwahl. Wie wählen die ihre Männer aus, also ihre Finkenmänner, und .. da bleiben die am Leben, da bin ich immer froh drüber, wenn das sein kann. Aber natürlich wollen wir auch Sachen rauskriegen, wofür sie nicht am Leben bleiben können. Dafür … das ist so wie wenn ich nicht Vegetarierin bin, jedes Mal, wenn ich n Hühnchen ess, habe ich mir das rausgenommen, dass dieses Hühnchen für mich gestorben ist.

RUE: Sie haben das schon angesprochen, ihre Profession. Sie sind Verhaltensbiologin, das heißt, Sie beobachten Verhalten, um nicht allzusehr ins Detail zu gehen, wir haben ja noch einen musikalischen Teil heute Abend, und noch einen biologischen Teil. Da können wir dann noch mehr über den manuellen Teil Ihrer Tätigkeiten, – was macht eine Verhaltensbiologin so am Tage?

SCH: Wenn ich im Labor ankomm (lacht), vorher lassen wir das mal, das ist der nicht naturwissenschaftliche Teil, ehmmmm, irgendwie hat man ja auch immer noch ein Restleben, – in meinem jetzigen Zustand der Forschung bin ich sehr viel damit beschäftigt, Probleme aus dem Weg zu räumen, so dass andere forschen können, also meine Gruppe, meine Wissenschaftler, sehr viel damit beschäftigt zu lehren, junge Studenten für Biologie zu begeistern, Papers zu editieren, die Doktoranden geschrieben haben, dass sie Hand und Fuß haben. Daten zu analysieren, aber auch sehr sehr viel Administration, die einfach nötig ist in so nem Universitätsbetrieb, damit das Schiff irgendwie weiter auf dem Kurs bleibt. Geld anzuschaffen, (RUE: das ist ne rein bürokratische Tätigkeit, die Sie gerade beschrieben haben), nee, also ich würde sagen, es sind ja 50% Lehre, 50% Forschung, theoretisch, ich bin Hochschulprofessor, das wäre schön, wenn die Balance immer so wäre. Keiner redet über Administration, wo die dann noch bleibt, ich würde sagen, am guten Tag mache ich 50 % Denken und irgendwie 50 % den Rest. Denken, entweder lehrend oder forschend. An schlechten Tagen ist man mit 80% Administration und 20 % mit dem Rest beschäftigt.

ZebrafinkTaeniopygia_guttata_-_front_view_-_dundee_wildlife_park Zebrafink

Foto: Wikipedia Peripitus 2009 Dundee Wildlife Park, Murray Bridge South Australia.

RUE: Wir haben eben auch mal ne Aufnahme aus Ihrem Labor gehört – ich weiß nicht, ob Ihnen das aufgefallen ist – (ja, na klar!) (heftiges Gelächter) -, die geräuschvollen Finken – im November war ich mal aus nem ganz anderen Anlass in Berlin, um Sie mal persönlich kennenzulernen. Wir haben im Sommer letzten Jahres mal ein Gespräch geführt, von Köln nach Berlin per Leitung nach Berlin, ich kann auch darauf aufmerksam machen, nächsten Donnerstag um 23.03 auf SWR2 läuft eine Reihe von mir „Ein Prinzip des Lebens – Improvisation von Keith Jarret bis Angela Merkel“, die Folge 4, Evolution wird im wesentlichen von ihr gestaltet werden, da geht es um einen Spezialaspekt, den wir heute Abend möglicherweise streifen oder auch nicht: Improvisation und Evolution, um den wichtigen Unterschied zwischen Zufall und Evolution. Und ich bin dankbar, dass in dieser Reihe Frau Professor Scharff sozusagen auch die Grenzen des Improvisationsbegriffes zeigt, nämlich dass sie sagt: in der Evolution gibt es keine Improvisation, weil es keinen Handelnden gibt; die Zellen, in denen Mutationen passieren, sind keine Handelnden, da passiert etwas durch Zufall. Kleiner Exkurs! Ich wollte etwas ganz anderes fragen, ich wollte fragen: in dem Käfig, wo ich drin war, – war’s en Käfig?

SCH: Ne, das ist ja n Raum, Sie waren in der Voliere…

RUE: Wie oft sind Sie da drin?

SCH: Oh, so alle zwei Wochen, manchmal alle Woche, also wenn da was los ist, dann bin ich da häufig, aber dann … leben die da happy vor sich hin, und im Moment haben wir auch ne super Tierpflegersituation, wir haben endlich mal genug Tierpfleger, weil wenn wir nicht genug Tierpfleger haben, dann stehen wir da alle selber und helfen da mit, inclusive mir selber. Dann ist man da manchmal auch jeden Tag. Also über die letzten paar Jahre habe ich relativ viel in diesen Tiervolieren und andern Käfigen einfach mitgearbeitet, weil – die müssen jeden Tag gepflegt werden, gefüttert, gewässert, Eifutter kriegen, Grasfutter kriegen, damit sie glücklich sind, Schalen, damit sie sich den Schnabel abwetzen, und ich bin da auch wirklich am längsten im Gewerbe, ich bin mit diesen Vögeln groß geworden, mehr oder weniger, ich weiß, wie es denen gut geht und wie sie leben müssen. Und immer wenn da neue Leute kommen, lege ich da selber Hand an.

RUE: Wir wollen mal einsteigen mit einem andern Klang eines Vogels, der uns heute Abend sehr beschäftigen wird, nämlich der Butcherbird, aus Australien, wir hören den erstmal, und werden uns dann auf den konzentrieren, weil der Eigenschaften hat, die umwerfend sind.

Pied_Butcherbird._Cracticus_nigrogularis_(15207948764) „Würgerkrähe“

Foto: Wikipedia – gailhampshire from Cradley, Malvern, U.K

HÖRBEISPIEL BUTCHERBIRD ab 7:47 bis 8:50

RUE: Die Aufnahme haben Sie nicht selber gemacht, sondern die hat Ihnen eine Musikwissenschaftlerin zur Verfügung gestellt, die sie gemacht hat. Der Vogel hat einen in direkter Übersetzung erschreckenden Namen, nämlich Metzger-Vogel, die deutsche Übersetzung ist nicht minder erschreckend, Würgerkrähe, aber auch Flötenvogel, wobei das natürlich eine lautmalerische Übersetzung ist. Was ist denn das für ein Vogel? Ist das nun wirklich ein so gefährlicher, ist das eine Würgerkrähe, ein Metzgervogel?

SCH (9:33): Na wie alle Sachen, je nachdem von wo man draufguckt, wenn man sich ansieht, wovon der lebt, was er frisst, der frisst andere Wirbeltiere und Insekten, also der frisst auch kleine Mäuse zum Beispiel, und weil abgehangenes Fleisch nun mal besser schmeckt als frisches Fleisch, weil dann ist es schon mal n bisschen mürbe, spießt er das auf Dornen oder andere Hilfsmittel auf, so dass es da schon mal n bisschen vorverdaut werden kann, bevor er sich das dann genehmigt. Er frisst das ja auch teilweise sofort, und daher kommt dieser Metzgervogel-Ausdruck, er ist also ein Fleischfresser, und gleichzeitig ist er aber ein sehr sozialer Vogel, er interagiert sehr viel mit anderen seiner Art, außerdem singt er eben, wie Sie eben grade gehört haben, extrem melodisch, und wie Hollis Taylor, die das aufgenommen hatte, mit der ich im Busch also gewesen bin und auch selber Aufnahmen gemacht habe, gefunden hat als Musikerin, hat der musikalische Fähigkeiten. Also die war völlig unvoreingenommen, als die vor 12 Jahren mit ihrem Mann durch den Busch gefahren ist, es sind beides Künstler, und da hat sie den gehört, die singen so wie bei uns die Nachtigall nachts, das heißt, es ist ganz still und man hört plötzlich diesen Gesang, und dann hat sie gesagt: Mensch, der ist ja jazzig, – sie ist auch Jazz-Musikerin – warum sagen die Leute immer, dass nur Menschen Musik machen, das ist keine Musik, und hat angefangen sich darum zu kümmern. Und hat letztendlich eine Universität auch davon überzeugt, ich glaub sie war schon im reiferen Alter von etwa 55. als sie angefangen hat, eine Doktorarbeit in Musikwissenschaften anfangen zu können mit dem Vogel als Musiker. 11:09

Und gesagt hat: ich will den untersuchen nach musikalischen Gesichtspunkten. Und hat dann musikwissenschaftliche Untersuchungen an diesen Gesängen gemacht, und ihre Doktorarbeit befasste sich eben damit, dass er musikalischen Prinzipien eigentlich folgt, die den Vögeln immer abgesprochen werden. Und das ist auch, wo ich ins Spiel komme, weil ich das immer schon mal gefragt hab, warum werden gewisse Sachen den Tieren abgesprochen, ohne dass man darüber was weiß. Macht doch erstmal die Forschungen, bevor ihr sagt, Tiere können nicht, überhaupt: wer sind Tiere? Tiere sind Tausende und Tausende von verschiedenen Arten, wie kann man einfach mal Tiere vom Tisch wischen? Und Hollis und ich haben uns da einfach auf dieser Ebene getroffen, und sie forscht seit 12 Jahren an den Butcherbirds, als Eine-Mann… Eine-Frau-Show. Sie hat keine Gruppe, sie hat keine Doktoranden, sie fährt jedes Jahr in den Busch mit ihrem riesigen Pick-up-Truck und nimmt diese Vögel stundenlang nachts auf. Und zwar bevor sie anfangen zu singen bis vier Stunden später, wenn sie aufhören zu singen, um eben auch musikalische Konturen möglicherweise erkennen zu können, dass eben ne Sinfonie, die zu Anfang anders ist als eben in der Mitte und am Ende, wollte sie immer den gesamten Gesang haben und hat das jetzt auch in einem Buch… ist gerade herausgekommen, jetzt alles zusammengefasst, Naturwissenschaftler – und nicht nur ich – sind darauf aufmerksam geworden und haben gesagt, so, wir möchten jetzt nochmal wissen, Vogel nach bio akustischen Qualitätsmerkmalen – stimmt das alles, was sie sagt? Sind die wirklich kreativ? Sind die wirklich eh eh haben die wirklich immer neue Versionen wie die Sprache, die immer wieder neue Sätze bilden kann, wie sie immer wieder postuliert hat und auch sagt. Und darüber ist dieses Interesse entstanden und jetzt ist auch im letzten Jahr die erste Veröffentlichung von ihr, plus Naturwissenschaftlern, also Kollegen von ihr und mir, die da zeigen, dass immer wieder der Vogel, also: diese Vögel Fähigkeiten haben, die man früher Vögeln und Tieren abgesprochen hat.

RUE: Aber hat es das nicht früher auch schon bei anderen Vögeln gegeben. Also Sie betreten da vielleicht bei dieser Spezies Butcherbird Neuland, aber ansonsten hat es diese These, dass Vögel Musik machen – wir kommen gleich noch auf diese Problematik des Begriffes, dass es die früher auch schon gegeben hat. Ich denke z.B. an Komponisten wie Messiaen, von Mozart ganz zu schweigen, der diesen Vogel möglicherweise nicht kannte, aber Messiaen hat sich in seinen Werken auch auf diesen Vogel hier bezogen.

SCH: Jaja, solange Menschen Sachen schriftlich überliefert haben, hat es dazu Gedanken gegeben, und die Frage natürlich, was ist Musik – ist ein sehr weites Feld, ja nachdem wie man das definiert, ich finde, auch Insekten machen Musik, das hängt davon ab, wie man das definiert. Musikwissenschaftler haben ja klare, ganz starke Kriterien. Zum Beispiel, dass nur wir Melodien transponieren können, also (singt) „Happy Birthday too you“ (und singt 1 Oktave höher) „Happy Birthday too you“, das ist alles immer noch „Happy birthday“, und Vögel, Tiere können das angeblich nicht. Sie können zwar was singen, aber sie können das nicht ne Oktave höher oder darunter machen. Messiaen hat das nicht gezeigt, er hat zwar gesagt, das klingt wie Musik für mich, ich benutze Vögel als Inspirationsquelle, ich benutze deren Gesänge teilweise transkribiert, sehr lose in meinen Kompositionen, aber er hat nicht gezeigt, inwiefern musikalische Prinzipien tatsächlich bei Tieren auch vorkommen. Und es gibt in letzter Zeit, ich würde sagen, die letzten fünf Jahre halt Ansätze zu sagen: was können denn Tiere wirklich in Bezug auf Musik? Und da kommen zunehmend Befunde heraus, wo die Musikwissenschaftler sagen: Oh ja, da haben wir immer gesagt, das können die nicht: können die! Transponieren, zum Anfang langsamer und am Ende dann wieder ritardando, zum Beispiel, dass am Ende was langsamer wird, ehmm, dass sie … Variationen eines Themas benutzen, – und da kommt zum Beispiel Hollis und die Butcherbirds ins Spiel – das ist die erste ? Untersuchung über Variationen zu einem Thema, die abhängig davon, wie groß deren melodisches Repertoire ist, eh unterschiedlich ist.

RUE: Darf ich zitieren? Wir haben am Beispiel einer Spezies von Singvögeln, das war dieser hier, dass die Komplexität dieses Gesangs ist „balanced“, ich habs mir übersetzt: ist „ausgewogen“ durch die Regelmäßigkeit der zeitlichen Struktur. Ist das das … sozusagen das eher wissenschaftliche Pendant zu dem Satz: Würgerkrähen benehmen sich fast wie Jazzmusiker, die im Spannungsfeld von Wiederholung und Variation improvisieren.

SCH: Genau! Also ich hab das versucht, mal so zu formulieren, weil wenn man das die naturwissenschaftlichen Begriffe sind sperrig, das will präziser sein und eröffnet vielleicht nicht so, was wir damit meinen, aber diese Würgerkrähen … die, die ein sehr großes Repertoire haben, also sehr viele verschiedene Gesänge haben, die balancieren Wiederholung und Abwechslung in einer besonderen Art, so dass über Stunden hinweg es nie langweilig wird und auch nie zu chaotisch. Das heißt jetzt natürlich nicht, dass die da sitzen und sagen, ich muss jetzt mal wieder den Lick da reinbringen, das muss nicht bewusst, nichts von diesen Sachen muss bewusst ablaufen, aber mann kann natürlich argumentieren, dass auch bei Jazzmusikern, die auf der Bühne stehen, wenn die plötzlich ne neue Kurve machen, das ist auch möglicherweise nur halb bewusst. Die sitzen da ja nicht und sagen „jetzt mach ich mal das, jetzt mach ich mal das“, das kommt ja auch teilweise aus dem Körper, und bei Tieren – würde ich argumentieren – kommen viele Sachen aus dem Körper, da ist diese Trennung zwischen bewusst, kognitiv, geplant, und der Körper weiß, was er tun soll, noch viel stärker verwoben als bei uns.

RUE: Nun sprechen Sie hier von Song, im musikalischen Vokabular, und ich habe hier ein Zitat für Sie: „Die Zuordnung des Wortes Song im vokalen Kommunikationsverhalten von Vögeln und Walen beruht auf einer problematischen Romantisierung dieses Phänomens.“ Kennen Sie die Autorin? Oder das Zitat? (Ne, war ich nicht.) Doch! (Heftiges Lachen: Aber auf deutsch nicht.) Ja, Scharff et alii, ich glaube, der 15. Aufsatz „Evolution and Creativity …Motivation“ (Ja ja, ) Und Sie haben den Satz wahrscheinlich geschrieben, aber mit zwei weiteren (Doch ich habe den Satz geschrieben, aber auf englisch, daher klang er…) Lachen. Kann ich so schlecht übersetzen? (Nein nein. Aber es klang irgendwie…) Aber im Kern sagt doch die Frau Scharff hier 2015 auf englisch, dass man sehr vorsichtig sein soll mit dem Begriff „Song“, das Kommunikationsverhalten von Vögeln und Walen, auf die kommen wir ja auch später noch, wenn es auf das sogenannte „vocal learning“ – es gibt ja nicht nur bei Vögeln, die singen oder musizieren, sondern auch Wale und Elefanten, beruht auf einer problematischen Romantisierung, denn auch wir machen ja – jetzt nehme ich es vorweg – die Zuordnung, wir machens ja mit Musikwissenschaft mit dem westlichen System, wir wissen nicht, was indonesische Musikwissenschaftler dazu sagen.

SCH: Tja, ehhhh, also … problematisch auf jeden Fall, weil auch wir als Naturwissenschaftler permanent anthropomorphisch unterwegs sind. Wir benutzen uns immer als Messlatte ? machen ? denken natürlich – altes philosophisches Problem – mit unserm Kopf, und wir können da nicht raus, und auch Leute, die versuchen strikt zu sein, lassen immer wieder dieses Gefühl, dass sie einfach enmorph haben, das wir alle enmorph haben, was Tiere zum Beispiel können, mitspielen und nennen deswegen z.B. diese „Gesänge“, das klingt halt wie Gesänge und dann sagen wir aber auch ganz schnell: Ja aber das kann ja nicht so richtig wie unser Zeug sein… (19:10) Da muss doch…, das ist doch bestimmt anders! Das ist eigentlich die Herangehensweise, mit der wir starten, mit der viele Leute starten und auch viele Wissenschaftler gestartet sind: „Ho, die können das ja, die können das ja…, aaaaber die machen das ja nicht kreativ, dabei hatte noch nie jemand gekuckt, ehhhh, was ist denn eigentlich Kreativität, was wäre dann … also wir können das natürlich sagen, ja, das habe ich mir ausgedacht, das war jetzt … ein musikalisches Motiv, das habe ich variiert, da habe ich die Goldberg-Variationen draus gemacht. Aber der Vogel, wenn er das so tät, der kann sich natürlich nicht mitteilen und sagen, was er da denkt: und deswegen sprechen wir es ihm erstmal ab. Und ich behaupte auch gar nicht, dass die Vögel da so sitzen und das tun wie wir, ich sage mir: Sagt es doch einfach nicht, lasst es doch offen. Und ob es jetzt romantisch ist, das kann man vielleicht for effect sagen, dass wir auch gerne romantisch denken, und natürlich auf der andern Seite genau so Tieren Sachen zusprechen, die genau so unbekannt sind. Was heißt tatsächlich Freude bei einem Tier? Alle würden wahrscheinlich sagen: Mein Hund, der wedelt mit dem Schwanz, der freut sich gerade so doll… Ich denk das auch, aber was bedeutet genau Freude für den Hund. Ist das wie unsere Freude, ist das genau so das gleiche, wie unser Lila ist wie ihr Lila, ist mein Lila, ist meine Liebe ist wie ihre Liebe, das überträgt sich direkt auf die Tiere. (20:28) Wir können nicht in andre Köpfe rein, und wir können nur die äußeren … also wir können schon, wir gehen ja in die Köpfe rein, selbst was was wir da tun, angenommen wir finden im Kopf, das den gleichen Botenstoff, der bei mir Glück auslöst, bei einem Tier in der ähnlichen Gegend im Gehirn existiert, ist dann, was das hervorruft, Glück? Oder ist das was andres? Da wird es sehr sehr problematisch, und man sollte sich das, so gut es geht, immer vor Augen führen, bevor man sagt, das Tier ist unglücklich, das hat ja nur so nen kleinen Käfig, ja, vielleicht ist es unglücklich, aber vielleicht ist es auch nicht unglücklich, woran machen wir solche Sachen fest? Ist uns zuerst einmal geholfen, wenn wir uns klarwerden darüber, dass die Begriffe, die wir den Tieren und ihren Lauthervorbringungen zuordnen – ich will mich mal ganz neutral äußern -, dass das Hilfskonstruktionen sind, weil wir ja gar nicht wissen, was dahintersteht. Denn bei uns sind ja Begriffe aus der Kunst, wir wissen ja, was Kunst ist und wir nehmen ja an, dass die Tiere – wir nehmen es an – dass die Tiere keinen Kunstbegriff haben, also keine Kunst produzieren, sondern ihre Laute aus zwei Gründen produzieren: wenn ich es richtig sehe, eh die Balz, Sexualverhalten, Sexualpartner anlocken. Und das zweite ist: Revier verteidigen. Beides bei uns im Prinzip keine künstlerischen Tätigkeiten. (21:53) Ist das richtig?

SCH: Die Tatsache, dass Tiere ihre, alles mögliche Verhalten zur Balz und zur Revierverteidigung und zur Revierabsteckung benutzen, das ist sehr sehr gut unterstützt, – ob sie das auch für andere Sachen machen,wissen wir nicht, weil wenn der Vogel auf dem Baum sitzt und nur singt, weil es ihm Spaß bringt, dann sagt er mir das ja nicht. Und eine der Sachen , die z.B. häufig gesagt wird, das ist, dass Vögel nicht alleine singen, oder dass Tiere alleine nicht Lautäußerungen machen, zumindest bei Vögeln stimmt das nicht. Ein Vogel, gewisse Vögel singen auch ganz alleine, und zwar relativ viele. So, macht er das jetzt, weil er übt, macht er das jetzt, falls doch jemand zuhört, macht er das jetzt, weil sich das gut anfühlt, – das ist dahingestellt. (22:38)

Der berühmte Laubenvogel, den viele von Ihnen vielleicht kennen, der in Australien diese sogenannten Lauben baut: das sind nicht seine Nester, das sind tolle Gebilde aus Zweigen und anderm … Vegetationsmaterial, den Vorhof der Laube dekoriert mit blau und gelb, je nach dem von welcher Art, oder mit weiß und grau, der sogar perspektivisch den so anordnet, dass die großen Teile nach hinten gelegt werden, damit das Weibchen, das in der Laube sitzt, diesen Vorhof als größer erkennt. Das hat er nicht gemacht, „damit“, aber der Effekt ist „damit“. Hat der ein ästhetisches Bewusstsein oder nicht? Ist das nur wie ein kleines Atomaton, das wissen wir nicht, aber es wird immer erst angenommen, dass die Tiere machen das wie Atomata, und ich denke immer, wenn wir jetzt einen Marsianer hätten, und der kuckt auf das Gesamtrepertoire der Menschlichen Verhalten, der könnte viele Sachen so erklären, wie wir das für Tiere erklären und läge völlig daneben. Wir machen unglaublich viel Sachen so wie Tiere. Balz! Wenn der jetzt so zukuckte, der würde jetzt denken, wir balzen hier grade. Wer sagt, dass wir das nicht tun?! Ehm, wir kommen da mit so ner voreingenommenen Idee hin, und das ist hier unsere Großfamilie, die sind irgendwie ganz entfernt miteinander verwandt und die haben Interesse daran zu sehen, dass das auch klappt, dass die Gene …, man kann das alles so sehen wie mit Tieren, oder man kann das … anders sehen. Aber man muss mal versuchen, uns aus unserem Gedankengebäude herauszubringen, und einfach mal ne andere Version von Denkwarte einzunehmen, und dann hinterfragen: Ist es fair, dass es bei Tieren immer so n bisschen automatisch und angeboren und dass die keine Kunst haben. Tatsache ist, dass wir als einzige soviel Bücher geschrieben haben, und dass wir die Dinge als Artefakte gebaut haben, und dass wir riesige Opern geschrieben haben, genau ein Pendant davon gibt es in der Tierwelt nicht. Es gibt nicht so wahnsinnig viel Tierkünstler, aber die bauen z.B. tolle Nester. Machen sie das nur wieder wie son Automat oder machen sie das auch, weil sie n bisschen Ahnung haben, wie das gut aussieht? (24:46)

RUE: Es gibt eine Unterstützung Ihres Argumentes von einem der Kollegen, die Sie für seriös erachtet haben und die ich teilweise in meinen Arbeiten Leute zitiere, ich nenne die jetzt nicht, von denen Sie glauben, dass die mal so aus der Hüfte schießen, aber Erich [Jarvis] tut das nicht, deshalb zitiere ich den hier mal, auch wenn ich ihn aus einem Buch von David Rothenberg zitiere: „Vögel schütten Dopamin beim Singen aus, also ist es realistisch für uns zu sagen, sie haben Spaß am Singen, sie lieben es möglicherweise sogar.“ Würden Sie das unterstützen?

SCH: Na ja, wenn man sagt, Dopamin ist bei uns auch ein Botenstoff, der was mit Belohnung zu tun hat und mit Sichwohlfühlen, dann könnte man das sagen, dass es wahrscheinlich ist, als wenn das jetzt n Stresshormon wäre. Also, könnte durchaus so sein. (25:33) Aber Dopamin spielt also alle möglichen Rollen in unserm Leben, nicht nur Glück und Wohlfühlen, ja, ist plausibel, erstmal ne gute Hypothese, – ob das dann wirklich so ist, ist dann …, weitere Versuche wären gut in die Richtung.

RUE: Sie habe eben gesagt, der Butcherbird und auch andere gehen kreativ vor, – wie stellen Sie das fest, was ist das für ein Kriterium für Kreativität? Ist das … Variation taucht da ja auch auf, was ist mit Vögeln, die nicht so häufig variieren: sind die dann weniger kreativ?

SCH: Na, bei der Definition, wenn man der Definition dann folgt, dann ja. Weil es gibt halt Vögel, die tatsächlich ein sehr invariables Repertoire haben, und da kann man dann sagen, vielleicht ist die Variabilität da auf einer Subtilitätsebene, die wir nicht so richtig wahrnehmen. Also z.B. die Zebrafinken, an denen wir arbeiten, die dieses Geschnatter machen, das wir vorhin gehört haben so n bisschen so wie ne Nähmaschine, die singen eine relativ nichtvariables Motiv, mämämämä – so und da ist die Variabilität so, dass manche Noten hinten wiederholt werden oder mal ausgelassen werden, da ist nicht so viel da. Aber wenn die jetzt mehr wie so n Morser unterwegs wären, ihre 5 Motive , 1 2 3 4 5 das Grundsubstrat wären, dann könnte man sagen, dass sie superkreativ sind in der Art, wie sie sie anordnen. Wenn man denen ne Stunde zuhört, dann machen die auch mal 1 1, 1 5, 1 5, 1 5 – dann sind sie wieder kreativ, eh, aber unsere Integration ist natürlich immer relativ kurz, wir wollen was Tolles hören, in dem Zeitfenster, in dem wir funktionieren. Wir funktionieren so auf Satzebene, wir haben z.B. schon Schwierigkeiten bei ner Sinfonie, die zwei Stunden dauert, wenn wir nicht vorgebildet sind, die Bögen zu hören oder die wiederkehrenden Melodien oder die Umkehrung von wiederkehrenden Melodien, ne? Das klingt doch alles gleich. Klassik! Also, he? Vielleicht haben wir nicht den richtigen Filter. Für die Kreativität selbst von den Tieren, die weniger kreativ zu sein scheinen.

RUE: Gibt es auch innerhalb einer Species Wettbewerbe unter Vögeln, also dass Männchen durch kreativeren, ausufernden Gesang um Weibchen konkurrieren? Gibt es das?

SCH: Ja, es gibt auf jeden Fall Wettbewerbe, also Gesangswettbewerbe, eh, und Weibchen hören da zu. Also: Nachtigallen sind ja in Norddeutschland weit verbreitet. In Berlin im Treptower Park hat ne Kollegin von mir, in der gleichen Abteilung, über Jahre hinweg Nachtigallen aufgenommen, und sie und andere haben gefunden, dass Nachtigallen entweder sich abwechseln können mit Gesängen, also mit kurzen Sätzen, Gesangssätzen, oder sie können sich ins Wort fallen. Und dieses Ins-Wort-fallen ist bei ner andern Art bekannt als eher aggressiv, also dieses Nicht-Ausreden-lassen. Was ja auch bei uns so n bisschen ist, wenn ich reinquatsche, ehe Sie fertig sind, ist das nicht unbedingt aggressiv, aber ungeduldig. Ich weiß, was du sagst, also weiter! Und bei Nachtigallen ist das so, dass das Weibchen die Männchen bevorzugen, die den andern ins Wort fallen. Das heißt, die hören zu, das kann man experimentell tatsächlich zeigen, indem man nämlich mit nem Kassettenrecorder oder heutzutage so nem Electronic-Ding ehhh einem Nachtigallmännchen im Treptower Park immer einen Gesang überlappt, den nicht ausreden lässt. Und dann geht das Weibchen dahin, wo der Kassettenrecorder steht. Und man kann den andern den dominanten sein lassen, indem man ihn immer aussingen lässt mund erst dann was spielt. Und dann geht sie tatsächlich zu dem Männchen im Baum, der der Gewinner war. Weibchen – und da gibt es unglaublich viel Befunde – dass tatsächlich Singvögelweibchen an allen möglichen Aspekten von Gesang interessiert sind: wie variabel ist der, wie lange kann der singen, wie gut singt der, wenn es immer das gleiche ist, tausendmal nacheinander, häufig sind sie auch an Stereotypie interessiert, so n bisschen wie „I dig you Baby, I dig you Baby!“ Also immer nochmal das gleiche, scheint bei einigen Arten zu funktionieren. Andere wiederum sind mehr an der Virtuosität interessiert, also: Ja, Wettstreit. Und ja, Weibchen hören zu.

RUE: Und jetzt kommt das Interessante. Bei Nachtigallen und nicht nur dort, aber bei einer Minderheit, wenn ich es recht sehe, singen die Weibchen selber auch, wir nehmen ja immer an, Weibchen hören zu, Männchen produzieren sich, sind auf der Balz, singen, – bei Nachtigallen und anderen singen die aber auch, was ist das denn dann nun auch wieder?

SCH: Ja, das ist wunderbar, das ist auch so n Dogma, das sich irgendwo durchgesetzt hat, dass die Männchen singen und die Weibchen nicht, das ist eigentlich so n richtiges White-Man-Research, wo kommt die Vogelforschung her? Also aus den nördlichen Breiten des Globus, vor allem Nordamerika, Europa, da singen die Männchen von vielen Arten entweder ausschließlich oder mehr,. Wenn man jetzt südlich vom Äquator geht, singen beide gleich viel, und ne Kollegin von mir, Katharina Riebel, und Karan Odum in Holland haben neulich n Paper [vgl. hier] veröffentlicht, wo sie alle Singvogelarten, ne: alle Vogelarten untersucht haben, also nicht selber, auch die Literatur durchgewälzt, und gekuckt: wer singt und wer singt nicht, Weibchen, Männchen, und es sind mehr Arten, wo Weibchen und Männchen singen, und wenn man so einen phylogenetischen Stammbaum macht, wer war früher, wer war erster, sieht es so aus, als ob der Urzustand so ist, dass Weibchen und Männchen singen, und dass das dann bei manchen Evolutions verloren gegangen ist und dass das der Normalzustand ist. Und das passt jetzt auch wieder super mit der Hirnforschung. (Ende des ersten Files 31:28).

Weiterlesen HIER

Hamburg – nach dem Desaster

Was DIE ZEIT kurz vorher schrieb (hellsichtig)

KapitalismuskritikDie linke Lust am Untergang

Die Protestbewegung beim G20-Gipfel ist gespalten. Die einen wollen den Kapitalismus reformieren, die anderen warten auf seine Selbstzerstörung. Eine Vorschau auf die Denkmuster des kommenden Aufstands.
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All dies dient keinesfalls dazu, Sie, liebe Blog-Leserinnen und -Leser, zu überreden, mit einer bestimmten Ansicht zu sympathisieren, eine andere zu verabscheuen.
Sondern vor allem dazu, mich selbst (und andere) in eine innere Bewegung zu versetzen, die man zuweilen als Denken erfährt. Auch wenn man geneigt ist, mit Spontan-Reaktionen vorlieb zu nehmen und diese für authentische Meinungsäußerungen zu halten. (Wie es mir zum Beispiel oft passiert.)
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Und nun? Wieder zurück zum Artikel: Kapitalismuskritik (s.o.). Einfach gründlicher lesen!
***
Nachtrag 13.07.2017
Zur weiteren Meinungsbildung zu empfehlen:
Maischberger (gestern und in verschiedenen Wiederholungen) siehe HIER 

Ebenso erste Berichte über die Sendung: hier (Spiegel) und hier (FAZ).

Weiter mit Szendy!

Oder gegen ihn!

Ich vermute, dass man des Zweifels  und des Schwankens zwischen seiner eher flüssigen Schriftlichkeit und dem eigenen, noch gasförmigen Widerspruchsgeist nur Herr wird, indem man sich fortwährend Zeit nimmt, die eigenen Bedenken wirklich zuendezudenken. Nicht als erstes sich dazu verurteilt nachzugrübeln, was der andere wohl gemeint haben könnte. Und auch seine Fundstücke – auf die er besonders stolz ist, er nennt sie „Brocken“ – nicht bestaunt, ohne sie zugleich einer Prüfung zu unterziehen.

Er greift mit Vorliebe eine pars pro toto heraus, wobei zu berücksichtigen ist, dass die „pars“ offenbar ein sehr dürftiges Teilchen sein kann, nicht im geringsten repräsentativ für einen größeren Zusammenhang. Nehmen wir z.B. diesen Amateur-Komponisten namens Zacharias, der entdeckt hat, dass er für sein Werk „versehentlich“ ein paar Takte von Graun geklaut hat und nunmehr, zerknirscht, gewillt ist, sich selbst und allen Kollegen vorzuschreiben, jede entwendete (?) Stelle in eigenen Stücken zu kennzeichnen. Als sei dies ein Hauptproblem. Und nicht ein verstecktes Kompliment. Ab wann ist ein bestimmter Harmoniewechsel, eine chromatische Schärfung persönliches Eigentum? Damit scheint er jedenfalls ein kleinkariertes Besitzdenken vorwegzunehmen, dass sich in GEMA-Zeiten zur Seuche ausgeweitet hat. Wem gehören diese 5 Töne??? Lächerlich!

In diesem Moment kommt die Post, und ein weiteres Werk von Peter Szendy flattert ins Haus, ein früher geschriebenes, zu einem Thema, das mich schon oft beschäftigt hat. (Auch hier im Blog. Siehe z.B. hier).

Also erweitert sich die Aufgabenstellung… Lesen Sie nur den Klappentext! Ich brauche ein paar Tage Zeit. (Fortsetzung folgt).

Szendy Tubes Bitte anklicken!

Vormerken (aus andern Gründen):

Notwendig sind neue gesellschaftliche und kulturelle Infrastrukturen, um mit der neuen Freizügigkeit umgehen zu können. Träte die Gesellschaft in einer solchen Zukunft mit denselben Ansprüchen an das Individuum heran wie bisher, zerriebe sie sich in Konflikten. Mit dem technischen Wandel wird ein kultureller Wandel kommen müssen. Statt alles verstehen und nachvollziehen zu wollen, müssen wir toleranter werden gegenüber den nicht länger privaten Eigenheiten unserer Mitmenschen.

Zitat: HIER. Und weiter HIER.

30.06.2017 (nach der Bielefeld-Fahrt)

Bielefeld Betten

Das neue Szendy-Buch über „Tubes, Hits, Ohrwürmer“ lässt sich, zumindest im ersten Drittel, viel leichter lesen als „Hören(n)“. Was für eine schöne Überraschung, dass auch hier auf Seite 60 Mendelssohn auftaucht, mit eben der Melodie, die mich am ehesten aus der Fassung bringt, natürlich samt Heine-Versen: „Auf Flügeln des Gesanges“. (Siehe HIER.) Überhaupt Mendelssohn: seine Muster-Melodik wäre eine Untersuchung wert: das Klaviertrio d-moll, das Violinkonzert, auch die „Wasserfahrt“ (Heine!) oder „Wer hat dich, du schöner Wald“. Vollkommene Simplizität. Raffinierte Einfalt.

Was ist „angewandte Kunst“?

Ein Weg durchs Museum (8. Juni 2017)

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Handy-Fotos: JR

Habe ich überhaupt verstanden, was „angewandte Kunst“ ist? All die alten Radios und technische Geräte haben wir ausgelassen. Das Museum für angewandte Kunst Köln ist sehenswert. Siehe auch hier und hier. Ich habe natürlich zugleich auch wieder rückwärts gedacht, an die Jahre nach 1961, als ich in Köln Fuß fasste. Als ich zwar schon oft in diesem Gebäude war, in dem sich jedoch damals noch das Wallraf-Richartz-Museum befand, und der WDR gegenüber (mit all seinen angewandten Künsten) schien mir noch ein Buch mit sieben Siegeln. Lieblingsmaler: Jacob van Ruisdael und Willem Claesz Heda. Sicher war ich von Marcel Prousts Museumsverhalten beeindruckt („kleine gelbe Mauerecke“). Habe auch an Malraux‘ „Imaginäres Museum“ gedacht, das mich gerade als Buch begeistert hatte, gekauft bei Siegert am Dom…

Heda Stillleben Wallraf Richartz Museumskatalog 1959

André Malraux‘ Buch „Das Imaginäre Museum“ war unter zusätzlich motivierenden Titel „Psychologie der Kunst“ beim Woldemar Klein Verlag Baden-Baden erschienen. Sein Wort galt mir als Evangelium, und es betraf die Kunst aller Völker der Erde, – auch das Ethnische oder das rein Dekorative.

Malraux Imaginäres Museum b Malraux Seite 29

Malraux Imaginäres Museum a Malraux Seite 28

Abschließend sei gestanden, dass sich in die Bilderreihe aus dem MAK ein ethnisch-ethisches Foto eingeschlichen hat, das mit der Kölner Sammlung überhaupt nichts zu tun hat; es beweist lediglich, dass am Abend desselbigen Tages mein Lieblingshund zu Besuch gekommen ist. Und als ich am nächsten Morgen die Bilder zusammenstellte, tat es mir weh, dass dieses kleine lebende Kunstwerk schon um 7 Uhr in der Frühe wieder abgereist war. Mein imaginäres Museum aber bleibt und lebt.

In Wahrheit ist längst das Terrain geschaffen, von Malraux‘ Abstand zu nehmen und ihn selbst mit seinen grandiosen Gesten in die Geschichte einzuordnen: er konstruierte sein imaginäres Museum aus einem großen photographischen Werk zur Weltkunst:

Volkskundler und Anthropologen sorgten noch im späten neunzehnten Jahrhundert dafür, dass ein gerade erst in akademisch feste Konturen gekommener Kunstbegriff es mit einer neuen Welt von Kunstobjekten zu tun bekam. Sammler folgten dem Trend und auch die Künstler, die sich unter den nun mit Kunstanspruch versehenen ethnologischen Objekten nach Anregungen umsahen. Fotografische Reproduktionswerke waren da bereits geläufig, und das Format konnte für Überblicksdarstellungen eines in Zeit wie Raum entgrenzten menschlichen Kunstwillens verwendet werden – oder doch zumindest einzelner Epochen und Weltgegenden. „Der Blaue Reiter“, Franz Marcs und Wassily Kandinskys Anthologie von 1912, gibt dafür das Avantgarde-Beispiel.

Der Verlagsmann Malraux sah, welche Gelegenheit sich auf diesem Terrain bot, als Impresario der Weltkunst zu agieren. Auch deshalb wohl, weil er insbesondere ein Überblickswerk vor Augen hatte, dessen Gestaltung in Teilen schon nahe an sein Konzept herankam und das noch dazu in einem Imprint seines Hauses Gallimard erschien: Dieser „Encyclopédie photographique de l’art“, aus deren Bilderfundus Malraux sich bediente und die trotzdem in der Literatur bisher keine Beachtung fand, gilt Grasskamps besondere Aufmerksamkeit. An ihr lässt sich schön zeigen, wie Malraux sein Konzept einer aus pointierten Gegenüberstellungen von Reproduktionen hervorgehenden Kunstgeschichte zurecht schliff; und Grasskamp holt auch ihren Fotografen und vermutlich prägenden Kopf André Vigneau aus der Versenkung.

Quelle Frankfurter Allgemeine Zeitung 14.5.2014 Helmut Mayer über ein Buch von Walter Grasskamp über André Malraux Ein Museum ganz aus Papier / Walter Grasskamp: „André Malraux und das imaginäre Museum“. Die Weltkunst im Salon. C. H. Beck Verlag, München 2014.

Klima kurzgefasst (bis 7.9.)

Auch für Unbelehrbare

Prof. Dr. Mojib Latif ab 42:18 bis 59:57 (bei Markus Lanz)

Kürzestfassung 51:22 bis 52:44  (1887 bis jetzt, von der Gegenwart bis 2096)

HIER abrufbar bis 7. September 2017

Screenshot Latif 170606 Mojib Latif

Globale Erwärmung – wenn nichts geschieht

Globale Erwärmung Screenshot 2017-06-07

Ergänzendes durch den anderen deutschen Klimafachmann

ZITAT Hans Joachim Schellnhuber:

Es geht dabei auch um starke Emotionen, und Paris hat die richtigen geweckt. Alle Länder haben sich darauf geeinigt, die Erderwärmung scharf zu begrenzen. An den zwei Grad kommt also niemand mehr vorbei. Es ist die wichtigste Zahl des 21. Jahrhunderts, und sie wirkt.

ZEIT: Wie denn?

Schellnhuber[Beispiel: Speicherplatz auf Computerchips, der sich alle paar Jahre verdoppelt, obwohl immer wieder das Ende dieses Gesetzes prognostiziert wurde. Dank Kundenerwartung!] So könnte es auch bei der globalen Klimapolitik laufen: Wenn alle daran glauben, dass wir es schaffen, schaffen wir es auch. Seit Paris ist das vorstellbar geworden. Doch die Uhr tickt. ZEIT: Was heißt das konkret? Schellnhuber: Möglich, dass der Klimavertrag zwanzig Jahre zu spät beschlossen wurde – weil wir uns Kipp-Punkten im Klimasystem rasant nähern. ZEIT: Und was bedeutet das? Schellnhuber: Jenseits der Zwei-Grad-Linie kann der grönländische Eisschild abschmelzen, der Meeresspiegel um sieben Meter steigen. Alle tropischen Korallenriffe werden abgestorben sein, der Golfstrom wird möglicherweise versiegen. Die Menschheit wird das überleben – zumindest ein Teil. Aber es wird die uns vertraute Welt nicht mehr geben.

Quelle DIE ZEIT 8. Juni 2017 Seite 3 „Trumps Auftritt könnte dem Klima einen Dienst erweisen“ – Deutschlands prominentester Klimaforscher erklärt, welche paradoxen Folgen die Absage der USA auf das Pariser Abkommen womöglich hat – und was die Bundesregierung jetzt tun muss (Es fragten Petra Pinzler und Mark Schieritz.)

Nachtrag 5.7.2017

Dirk Steffens ist ein vertrauenswürdiger und kenntnisreicher Mann. Man muss sich einfach anhören, was er über Grönland (und auch Sri Lanka) zu erzählen hat. Bei Markus Lanz (4.7.2017) HIER ab 28:42. (Bis 5.10.2017)

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Heterogenes im Hör-Urlaub (in nuce) 2004

Pressetext zu den Musikpassagen am 22. September 2004

In diesen Musikpassagen geht es um groß angelegte Werke und die Möglichkeit, sie überschaubar zu machen. Oft geben uns die Schöpfer bereits kleine Hilfen mit auf den Weg, Übersichten „in nuce“, – aber was hilft es, wenn wir nichts davon wissen? Oder die Kenntnis der Tradition wird vorausgesetzt. Aber selbst wenn wir die Tradition der Sonatenform verinnerlicht hätten, – ein bloßes Formschema ist, streng genommen, nicht viel wert, wenn wir den Geist eines Werkes oder auch einer Improvisation erfassen wollen. Perspektivische Massnahmen könnten hilfreich sein, nicht nur zurückschauen und vorausahnen, sondern den eigenen Standort einbeziehen, ohne vor Rührung zu zerfließen.

Bretagne a JR

22. Sept. 2004 WDR 3 Musikpassagen 15.05 bis 17.00 (Skript)

mit Jan Reichow

Perspektivische Verkürzung

I. Raga Shuddh Sarang Kala Ramnath, Violine, Kumar Bose, Tabla

II. “Frau Jenny Treibel – oder Wo sich Herz zum Herzen find’t“

Von Theodor Fontane

III. Schostakowitsch Sinfonie Nr. 10 op.93; WDR Sinfonieorchester Köln, Leitung Rudolf Barshai

(Jingle)

Am Mikrofon begrüßt Sie Jan Reichow, – vor einigen Jahren war unsere Mitarbeiterin Barbara Wrenger in Kamerun; sie kannte schon einiges von Afrika und wusste, was für eine Verwirrung die unüberschaubare Vielfalt der Musikstile auslösen kann, und nun hatte sie in diesem vielfältigen kleinen Land einen Schlüssel für Seiteneinsteiger entdeckt: „Kamerun – ganz Afrika in einem Dreieck“ hieß ihre Sendung, ein besonders plastischer Titel, weil der ganze Kontinent Afrika ja auch irgendwie als eine Dreiecksform gesehen werden kann, die sich – auf den Kopf gestellt – in Kamerun wiederholt.

Mir fiel das erst wieder ein, als ich mir für die heutigen Musikpassagen das Thema Perspektivische Verkürzung vornahm. Ich wollte an sich nur ein altes Thema mit dem Titel „in nuce“ wieder aufnehmen: unsere Neigung oder Fähigkeit, ein komplexes Gebiet überschaubar, oder im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“, „erfassbar“ zu machen, indem wir es auf eine kurze plastische Aussage bringen.

Ganz ähnlich funktioniert der umgekehrte Vorgang, den die Philosophie betreibt, die Abstraktion: sie abstrahiert von allen zufälligen, konkreten Begleiterscheinungen, um das Wesen, eine Grundfigur zu erfassen. Ist aber schwerer zu behalten, und sie weiß sehr wohl, dass sie sich letztlich am Konkreten bewähren muss.

Mit dem folgenden kleinen Thema haben wir eigentlich sehr, sehr wenig in Händen, gerade weil es im Alltag längst zu Tode geritten ist, aber wenn man den ganzen Satz noch einmal gründlich studiert, erkennt man tatsächlich das ungeheure Potential:

1) Beethoven: 5. Sinfonie Kopfthema

Denken Sie an andere Formeln: B-A-C-H, oder Mozarts C-D-F-E, – sie sagen viel, aber im Grunde nur, weil wir ihre konkrete Entfaltung in einer Fuge oder einem Sinfoniesatz kennen.

Dmitrij Schostakowitsch verwendet die Formel der Anfangsbuchstaben seines Namens D – eS – C – H, zwar noch nicht am A n f a n g seiner zehnten Sinfonie, sondern erst vom dritten Satz an, aber der Anfang ist eine Vorahnung: nur eins würde man nicht so leicht ahnen: dass dies der Anfang eines bedeutenden modernen Werkes ist.

2) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Anfang bis 0’29“

Mir ging all dies durch den Kopf, als ich kürzlich in die Bretagne fuhr. Wohin genau? Sie wissen vielleicht, dass die Bretagne insgesamt die Form eines gewaltigen Drachenkopfes hat, aus dessen geöffnetem Rachen die mehrfach gespaltene Zunge ragt: die Halbinsel Crozon. Unser Ziel! Und was lese ich nichtsahnend in dem guten, alten bretonischen Reisebuch von Günter Metken?

„Die Halbinsel Crozon enthält in der Abkürzung die ganze Bretagne.“

Wissen Sie, was das bedeutet?

Es ist genau der rechte Platz, über perspektivische Verkürzung nachzudenken, ganz besonders beim Blick aufs Meer: von der Inselgruppe der Tas de Pois, dem Erbsenhaufen, ist nur die letzte zu sehen, sie gleicht keineswegs einer Erbse, sondern einer abgerundeten kleinen Pyramide, – wie würde sich wohl an ihrer Stelle die Cheops-Pyramide ausnehmen?

3) Triskell Tr. 5 „Enez venan“ (Pol Queffèléant) 4’36

ab 2’04” (Geige) folgender Text drüber:

„Die Halbinsel Crozon enthält in der Abkürzung die ganze Bretagne. Morgat mit seinem halbmondförmig geschwungenen breiten Sandstrand, seinen phantastisch in phosphoreszierenden Farben aufleuchtenden Grotten – ochsenblutrot, lila, braun – , seinem heiteren Klima, in dem Palmen, Mimosen, die üppige Blumenpracht milder Breiten gedeiht, ist der Inbegriff sommerlicher Ferienfreuden, des Gesundwerdens im Wasser, an der Sonne. Aber man braucht nur die paar Meter zur Hochfläche des Inneren hinauffahren, und schon erstreckt sich die melancholische, tieflila aufleuchtende Heide. Nach der Heiterkeit der Villen, Hotels und hellgestrichenen Gasthäuser mit verlockender Speisekarte versetzt der erste Weiler auf dem Weg zum Cap de la Chèvre, zum Ziegenkap, fast in die Steinzeit zurück. Wie Montourgard war ursprünglich die ganze Halbinsel gebaut: fast fensterlose, würfelförmige Häuser aus Granit, zum Teil noch strohgedeckt, besonders die Ställe. (…)

Das Cap de la Chèvre ist dann [Finstère – Finis terrae] Land’s End im Wortsinn. Wie das knochige Rückgrat einer picassoschen Ziege greift diese unheimliche, sich zur Spitze verjüngende Felsmasse ins Meer aus. Steil fällt sie Dutzende von Metern ab. Am besten steht man hier oben bei Sonnenuntergang. Das Wasser wird altsilbern, dann stumpf bleifarbig, wie flüssiges Metall, durch das ein Zittern geht, das dann schuppig wird, dunkel schattend, wenn die Sonne im Westen verschwindet, genau dort, wo 4000 Kilometer weiter wieder eine Küste auftauchen muss: Amerika. Rasch sinkt die Dunkelheit herab, nachdem es so viel länger hell war als anderswo, und dann streifen die bleichen Finger der Scheinwerfer von Brest die Wolken…“ (Metken: Bretonisches Reisebuch München & Zürich 1962/1977 S. 78f)

Musik hoch (ab 3’18“ Pipes – Schlusston 4’36“ leicht verlängern, Hall)

folgende Musik unmittelbar anschließen

4) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 Anfang bis 2’09”

Was bedeutet es für Sie, diese Musik zu hören? Von der sicher vertrauteren bretonischen zur vielleicht fremderen indischen überzugehen? Sie haben gerade die magische Formel des Ragas Shuddh Sarang gehört, und vielleicht hat der Zauber unmittelbar gewirkt:

In der Helle und Hitze des tropischen Nachmittags genießen Sie Ruhe und Kühlung unter schattigen Bäumen, die Füße eingetaucht ins Wasser eines vorüberplätschernden Baches. (nach: Dhruba Ghosh „Bowing Sounds“ S.6)

Vielleicht wirkt es auch erst in einer anderen Tonlage und von der sanften Flöte gespielt? Allerdings mit denselben Tönen bzw. Ton-Relationen, denselben Tonverbindungen, derselben zauberhaften Stimmung.

5) Hariprasad Chaurasia Shuddh Sarang Tr. 3 Anfang bis 2’10“

Wiederum der Raga Shuddh Sarang.

Und jetzt noch einmal, in einer gesungenen Fassung, – es ist derselbe Raga, obwohl der Grundton unterschiedlich hoch angesetzt ist. Der richtet sich nach der Stimmlage der Sängerin oder auch dem Tonumfang des Instrumentes.

6) Raga Guide CD 4 Tr. 11 Shruti Sadolikar singt: Anfang bis 1’00“

Ein Charakteristikum ist, dass die vierte Stufe in zweierlei Gestalt vorkommt: denken wir uns als Grundton C , so gibt es als 4 Stufe sowohl ein Fis als auch ein F, das Fis im Aufstieg, das F im Abstieg, es ist aber auch eine Besonderheit dieses Ragas, dass Fis und F auch aufeinanderfolgen können, es ist also eine chromatische Tonfolge, die zudem noch etwas ineinandergeschliffen wird, was – für meine Begriffe – den verführerischen, vielleicht sogar lasziven Charakter dieser Tonfolge ausmacht.

7) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 1’36“ bis 1’57“ (blenden)

Würden wir diese wunderbare Geigerin selbst fragen, – und wir können sie bald fragen: sie kommt nach Köln und spielt in der Philharmonie -, Kala Ramnath, Schülerin des großen Sängers Pandit Jasraj, wir fragen sie also: umfasst diese Formel wirklich das Wesen des Ragas Shuddh Sarang? Wahrscheinlich würde sie antworten: Nein, nicht vollständig, – dafür müsste ich einen längeren Alap spielen, also solch eine frei-rhythmische Einleitung, die sich ganz dem melodischen Wesen des Ragas widmet. (Musik Alap) Aber wenn Sie gleich weiterhören, werden Sie entdecken, dass ich tatsächlich weiter Alap spiele, auch wenn die Tabla-Trommel einsetzt. Für Sie entsteht vielleicht das Problem, dass Sie durch den Rhythmus abgelenkt werden, aber tatsächlich beschäftige ich mich weiterhin völlig frei mit dem melodischen Wesen des Ragas und seinem Ausdruck. Naja, „völlig frei“ …. in Grenzen! Hören Sie nur mal genau hin.

Die Geigerin Kala Ramnath – in wenigen Sekunden mit Kumar Bose an den Tabla-Trommeln.

8) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 hoch ab ca. 1’40“ bis 5:51

Meine Damen und Herrn, Sie haben bemerkt: hier wurde der Tiefenraum des Ragas ausgelotet, – dass die indische Geige zudem auffällig tief gestimmt ist, hat nicht mit diesem Raga zu tun, sondern gehört einfach zur speziell indischen Handhabung des westlichen Instruments. Man hat es sich dort schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zueigen gemacht, d.h. auch angepasst und verändert.

Sie spüren sicher ganz genau, dass da – bei aller Freiheit der Melodie – eine bestimmte Korrespondenz zwischen Rhythmus und Melodie zu beobachten ist, – aber welche?

Ich hoffe, Sie halten mich nicht für einen zwanghaften Pedanten, wenn ich mal versuche mitzuzählen; den Ablauf des rhythmischen Zyklus zu fühlen ist wirklich wichtiger als in unserer Musik den Dreier- oder Vierer-Takt zu erkennen. Im Zusammenhang mit diesem unbeirrbaren Zyklus ergibt sich ja auch eine besonders schöne Spannung in der Melodie, denn – so frei sie sich gibt – ihr ist bewusst, an welchem Punkt der Energiekurve sie sich im Tala-Zyklus befindet, und genau nach 12 in Vier unterteilten Zählzeiten landet sie auf dem… nein, nicht auf dem Grundton, sondern auf dem Ton darunter, auf dem Leiteton, wenn Sie so wollen. Das ist charakteristisch für diesen Raga.

Es geht ziemlich langsam, wir stehen ja am Anfang einer großen Entwicklung.

Ein einzelner Abschnitt des 12er-Zyklus dauert ungefähr 1 Minute. Also los!

12 mal 4, ich zähle von 1 bis 12, die Vierergruppen markiere ich nur.

Wenn wir nebenbei auf die Melodie achten: wir erschließen uns hier noch einmal den tiefen Tonraum des Ragas Shuddh Sarang. Auch der Tabla-Spieler fühlt mit, darf sich aber nicht in der Präzision seiner Zeitgebung beirren lassen.

9) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 2’14“ bis 5’51

Bretagne JR b

Während das Violinspiel Kala Ramnaths mit seinem fast leitmotivisch wiederkehrenden Leiteton noch in uns weitertönt, wenden wir uns einem anderen Aufbau zu: dem eines literarischen Werks. Es gibt ja in Romanen durchaus Leitmotive, formale Elemente, die wiederkehren und nicht immer nur das bedeuten, was sie an und für sich sind, sondern auch den Stoff gliedern.

Der Wasserstrahl eines Springbrunnens oder ein grauer Papagei z.B. tauchen mehrfach auf, nicht weil sie immer wieder etwas Bemerkenswertes zur Handlung beitragen, sondern weil sie dem Schriftsteller helfen, seinen Text zu strukturieren.

Ich spreche von Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“ oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“.

Das baut sich ähnlich langsam auf wie die indische Musik. Und während sie in jeder Wendung wie eine exotische Miniatur zu fesseln vermag, könnte man fragen: Was tut eigentlich der große Erzähler Fontane am Anfang seines Romans, um uns zu fesseln? Ich möchte sagen: nichts oder wenig. Wenn ich jemanden, der sonst John le Carré liest, für Fontane gewinnen wollte, oder etwa einen Jugendlichen, dessen Leseverhalten durch Harry Potter geprägt ist – ich glaube, Fontane ist ja immer noch Pflichtlektüre an Höheren Schulen – , was könnte man tun?

Aus welchem Grunde sollte er oder sie sich für diese Frau interessieren, die auf Seite 1 einer Kutsche entsteigt und einen gewissen Professor Willibald Schmidt besucht? Professor bedeutet in diesem Fall Gymnasiallehrer. Er ist, wie wir später erfahren, ihr Jugendfreund, aber es geht um seine Tochter Corinna, die zu einer Gesellschaft bei den Treibels eingeladen werden soll.

Beginnt es nicht ziemlich langweilig? Und bleibt es nicht so? Genau genommen bis Seite 44, im 5. Kapitel, wenn Marcell, der in Corinna erfolglos verliebt ist, zu ihr sagt: „Ich bin verstimmt“.

Wie bitte? Das soll ein Spannungsmoment sein? Das Buch besteht aus 16 Kapiteln, d.h. ein Viertel des Buches ist bereits vorüber, ehe es – nach 4 Kapiteln – zu dieser spannenden Stelle kommt.

Meine Damen und Herren: Sie merken, dass ich Sie (oder sagen wir: diese imaginären Jugendlichen) mit etwas Ironie bei Laune zu halten suche. Das tut übrigens Fontane auch, aber ich muss gestehen, dass ich gerade an dieser Stelle auf Seite 1 seinen Scherz nicht recht verstehe: da stieg Frau Treibel, „so schnell ihre Korpulenz es zuließ, eine Holzstiege mit abgelaufenen Stufen hinauf, unten von sehr wenig Licht, weiter oben von einer schweren Luft umgeben, die man füglich als eine Doppelluft bezeichnen konnte.“

Wieso denn? Aus wenig Licht unten und schwerer Luft oben ergibt sich doch keine „Doppelluft“? Eine Insider-Anspielung für Physiker? Ich weiß es nicht.

Sie werden diesen Romananfang gleich hören, vielleicht mit musikalisch, motivtechnisch gespitzten Ohren. Ich füge vorsorglich hinzu, dass es sich mit diesem langweiligen Anfang merkwürdig verhält: wenn man ihn nach der Lektüre des ganzen Romans noch einmal liest, gibt es keine uninteressante Zeile mehr. Man bemerkt auch, wie die Position des Erzählers aufgebaut wird: Zunächst irritiert es ja vielleicht, dass er gewissermaßen in einer Kameraposition von außen beginnt, dann aber immerhin weiß, dass die Frau „trotz ihrer hohen Fünfzig“ noch sehr gut aussieht und dass der Vorflur ihr „übrigens von langer Vorzeit her bekannt“ ist. Schließlich ist er – mit der Wahrnehmung des Küchengeruches – ganz in ihre Person eingetaucht und kann mit ihr „weit zurückliegender Tage“ gedenken.

Meine Damen und Herren, es wäre schön, wenn Sie ihn dabei begleiten würden, mit der gleichen Aufmerksamkeit, die Sie den Girlanden einer scheinbar exotischen Raga-Entfaltung gewidmet haben… Sie können gar nicht anders, denn Bodo Primus wird lesen.

10) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 6’34“ bis 8’02“

11) Bodo Primus liest Fontane (I):

An einem der letzten Maitage, das Wetter war schon sommerlich, bog ein zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und dann in die Adlerstraße ein und hielt gleich danach vor einem, trotz seiner Front von nur fünf Fenstern, ziemlich ansehnlichen, im Uebrigen aber altmodischen Hause, dem ein neuer, gelbbrauner Oelfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit, aber keine Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hatte, beinahe das Gegenteil. Im Fond des Wagens saßen zwei Damen mit einem Bologneserhündchen, das sich der hell- und warmscheinenden Sonne zu freuen schien. Die links sitzende Dame von etwa Dreißig, augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin, öffnete, von ihrem Platz aus, zunächst den Wagenschlag, und war dann der anderen, mit Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer hohen Fünfzig noch sehr gut aussehenden Dame beim Aussteigen behülflich. Gleich danach aber nahm die Gesellschafterin ihren Platz wieder ein, während die ältere Dame auf eine Vortreppe zuschritt und nach Passierung derselben in den Hausflur eintrat. Von diesem aus stieg sie, so schnell ihre Corpulenz es zuließ, eine Holzstiege mit abgelaufenen Stufen hinauf, unten von sehr wenig Licht, weiter oben aber von einer schweren Luft umgeben, die man füglich als eine Doppelluft bezeichnen konnte. Gerade der Stelle gegenüber, wo die Treppe mündete, befand sich eine Entréethür mit Guckloch, und neben diesem ein grünes, knittriges Blechschild, darauf »Professor Wilibald Schmidt« ziemlich undeutlich zu lesen war. Die ein wenig asthmatische Dame fühlte zunächst das Bedürfnis, sich auszuruhen und musterte bei der Gelegenheit den ihr übrigens von langer Zeit her bekannten Vorflur, der vier gelbgestrichene Wände mit etlichen Haken und Riegeln und dazwischen einen hölzernen Halbmond zum Bürsten und Ausklopfen der Röcke zeigte. Dazu wehte, der ganzen Atmosphäre auch hier den Charakter gebend, von einem nach hinten zu führenden Corridor her ein sonderbarer Küchengeruch heran, der, wenn nicht alles täuschte, nur auf Rührkartoffeln und Carbonade gedeutet werden konnte, beides mit Seifenwrasen untermischt. »Also kleine Wäsche,« sagte die von dem allen wieder ganz eigentümlich berührte stattliche Dame still vor sich hin, während sie zugleich weit zurückliegender Tage gedachte, wo sie selbst hier, in eben dieser Adlerstraße, gewohnt und in dem gerade gegenüber gelegenen Materialwarenladen ihres Vaters mit im Geschäft geholfen und auf einem über zwei Kaffeesäcke gelegten Brett kleine und große Düten geklebt hatte, was ihr jedesmal mit »zwei Pfennig fürs Hundert« gut gethan worden war. »Eigentlich viel zu viel, Jenny,« pflegte dann der Alte zu sagen, »aber Du sollst mit Geld umgehen lernen.« Ach, waren das Zeiten gewesen! Mittags, Schlag Zwölf, wenn man zu Tisch ging, saß sie zwischen dem Commis Herrn Mielke und dem Lehrling Louis, die beide, so verschieden sie sonst waren, dieselbe hochstehende Kammtolle und dieselben erfrorenen Hände hatten. Und Louis schielte bewundernd nach ihr hinüber, aber wurde jedesmal verlegen, wenn er sich auf seinen Blicken ertappt sah. Denn er war zu niedrigen Standes, aus einem Obstkeller in der Spreegasse. Ja, das alles stand jetzt wieder vor ihrer Seele, während sie sich auf dem Flur umsah und endlich die Klingel neben der Thür zog. Der überall verbogene Draht raschelte denn auch, aber kein Anschlag ließ sich hören, und so faßte sie schließlich den Klingelgriff noch einmal und zog stärker. Jetzt klang auch ein Bimmelton von der Küche her bis auf den Flur herüber, und ein paar Augenblicke später ließ sich erkennen, daß eine hinter dem Guckloch befindliche kleine Holzklappe bei Seite geschoben wurde. Sehr wahrscheinlich war es des Professors Wirtschafterin, die jetzt, von ihrem Beobachtungsposten aus, nach Freund oder Feind aussah, und als diese Beobachtung ergeben hatte, daß es »gut Freund« sei, wurde der Thürriegel ziemlich geräuschvoll zurückgeschoben, und eine ramassierte Frau von Ausgangs Vierzig, mit einem ansehnlichen Haubenbau auf ihrem vom Herdfeuer geröteten Gesicht, stand vor ihr.

»Ach, Frau Treibel … Frau Commerzienrätin … Welche Ehre …«

»Guten Tag, liebe Frau Schmolke. Was macht der Professor? Und was macht Fräulein Corinna? Ist das Fräulein zu Hause?«

»Ja, Frau Commerzienrätin. Eben wieder nach Hause gekommen aus der Philharmonie. Wie wird sie sich freuen.«

Und dabei trat Frau Schmolke zur Seite, um den Weg nach dem einfenstrigen, zwischen den zwei Vorderstuben gelegenen und mit einem schmalen Leinwandläufer belegten Entrée frei zu geben. Aber ehe die Commerzienrätin noch eintreten konnte, kam ihr Fräulein Corinna schon entgegen und führte die »mütterliche Freundin«, wie sich die Rätin gern selber nannte, nach rechts hin, in das eine Vorderzimmer.

Dies war ein hübscher, hoher Raum, die Jalousien herabgelassen, die Fenster nach innen auf, vor deren einem eine Blumenestrade mit Goldlack und Hyacinthen stand. Auf dem Sophatische präsentierte sich gleichzeitig eine Glasschale mit Apfelsinen, und die Porträts der Eltern des Professors, des Rechnungsrats Schmidt aus der Heroldskammer und seiner Frau, geb. Schwerin, sahen auf die Glasschale hernieder – der alte Rechnungsrat in Frack und rotem Adlerorden, die geborene Schwerin mit starken Backenknochen und Stubsnase, was, trotz einer ausgesprochenen Bürgerlichkeit, immer noch mehr auf die pommersch-uckermärkischen Träger des berühmten Namens, als auf die spätere, oder, wenn man will, auch viel frühere posensche Linie hindeutete.

»Liebe Corinna, wie nett Du dies alles zu machen verstehst und wie hübsch es doch bei Euch ist, so kühl und so frisch – und die schönen Hyacinthen. Mit den Apfelsinen verträgt es sich freilich nicht recht, aber das thut nichts, es sieht so gut aus … Und nun legst Du mir in Deiner Sorglichkeit auch noch das Sophakissen zurecht! Aber verzeih‘, ich sitze nicht gern auf dem Sopha; das ist immer so weich, und man sinkt dabei so tief ein. Ich setze mich lieber hier in den Lehnstuhl und sehe zu den alten, lieben Gesichtern da hinauf. Ach, war das ein Mann; gerade wie Dein Vater. Aber der alte Rechnungsrat war beinah‘ noch verbindlicher, und einige sagten auch immer, er sei so gut wie von der Colonie. Was auch stimmte. Denn seine Großmutter, wie Du freilich besser weißt als ich, war ja eine Charpentier, Stralauer-Straße.«

Unter diesen Worten hatte die Commerzienrätin in einem hohen Lehnstuhle Platz genommen und sah mit dem Lorgnon nach den »lieben Gesichtern« hinauf, deren sie sich eben so huldvoll erinnert hatte, während Corinna fragte, ob sie nicht etwas Mosel und Selterwasser bringen dürfe, es sei so heiß.

»Nein, Corinna, ich komme eben vom Lunch, und Selterwasser steigt mir immer so zu Kopf. Sonderbar, ich kann Sherry vertragen und auch Port, wenn er lange gelagert hat, aber Mosel und Selterwasser, das benimmt mich … Ja, sieh‘ Kind, dies Zimmer hier, das kenne ich nun schon vierzig Jahre und darüber, noch aus Zeiten her, wo ich ein halbwachsen Ding war, mit kastanienbraunen Locken, die meine Mutter, so viel sie sonst zu thun hatte, doch immer mit rührender Sorgfalt wickelte. Denn damals, meine liebe Corinna, war das Rotblonde noch nicht so Mode wie jetzt, aber kastanienbraun galt schon, besonders wenn es Locken waren, und die Leute sahen mich auch immer darauf an. Und Dein Vater auch. Er war damals ein Student und dichtete. Du wirst es kaum glauben, wie reizend und wie rührend das alles war, denn die Kinder wollen es immer nicht wahr haben, daß die Eltern auch einmal jung waren und gut aussahen und ihre Talente hatten. Und ein paar Gedichte waren an mich gerichtet, die hab‘ ich mir aufgehoben bis diesen Tag, und wenn mir schwer ums Herz ist, dann nehme ich das kleine Buch, das ursprünglich einen blauen Deckel hatte (jetzt aber hab‘ ich es in grünen Maroquin binden lassen) und setze mich ans Fenster und sehe auf unsern Garten und weine mich still aus, ganz still, daß es niemand sieht, am wenigsten Treibel oder die Kinder. Ach Jugend! Meine liebe Corinna, Du weißt gar nicht, welch‘ ein Schatz die Jugend ist, und wie die reinen Gefühle, die noch kein rauher Hauch getrübt hat, doch unser Bestes sind und bleiben.«

»Ja,« lachte Corinna. »die Jugend ist gut. Aber ›Commerzienrätin‹ ist auch gut und eigentlich noch besser. Ich bin für einen Landauer und einen Garten um die Villa herum.«

12) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Anfang bis 1’30“

Nach dem Anfang des Romans „Frau Jenny Treibel“ von Theodor Fontane – Bodo Primus hat ihn gelesen – hörten Sie den Anfang der 10. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch.

Als ich das zum ersten Mal gehört habe, dachte ich: daraus kann eigentlich kein großes modernes Werk werden. Das könnte ja fast so bei Haydn stehen. Allerdings gibt es ja die Möglichkeit mit einem ganz altmodischen Statement oder Understatement zu beginnen… Aber selbst, wenn ich dann mit verschärfter Wachsamkeit weiterhöre…

Wie ist es mit der Klarinettenmelodie?

Können wir ganz sicher sein, dass es sich um ein echtes Thema handelt? Oder ist es nur der lyrische Habitus einer irgendwie bekannten Melodie?

Dann kommt ein Forte, das sehr dringlich wirkt, aber mit seinen Terzen auch ziemlich nach Brahms klingt… es ist allerdings kein Brahms, sagt da vielleicht jemand mit leiser Ironie.

13) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie ab 2’00“ bis 5’58“

Ich weiß nicht, ob man das, was danach folgt, als Thema bezeichnen kann; es ist eigentlich nur die Idee des Zögerns und Schwankens. Aber sie entwickelt sich, und plötzlich spürt man, dass es ein Motiv mit unbegrenzten Möglichkeiten ist.

14) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie ab 5’58“ bis 7’30“ (Ziffer 24)

Es ist merkwürdig, irgendwann begreift man, dass man sich in einem großen Prozess befindet. Dass man nicht in ein bürgerliches Ambiente eingeführt wird, in dem uns schöne, vielleicht auch schon mal heikle Begegnungen erwarten, – hier wird es ungemütlich.

Akkorde, die schwer einzuordnen sind, unerhörte Klangfarben blitzen auf, es beginnt zu rumoren, und eine gewaltige Steigerung, in der die 3 Themen oder Motive, die wir bis jetzt nur flüchtig kennengelernt haben, übereinandergetürmt werden. Sind wir denn so beschaffen, dass wir erst ein dreifaches Forte brauchen um zu begreifen, dass hier nicht umsonst 100 Leute auf der Bühne sitzen. Es geht ums Ganze! Um ein Ganzes. Im Verhältnis zum Publikum und zu jedem Einzelnen.

15) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr. 1 ab 8’53“ bis 13’58“

Der erste Satz ist natürlich längst noch nicht vorbei, aber hier ist der Punkt erreicht, wo man sich fragt, – wie konnte es dazu kommen? Hatten wir nicht gesagt, es beginnt wie eine Haydn-Sinfonie? Dann eine Brahms-Geste usw. – das muss man revidieren.

Man möchte alles noch einmal hören, – mit dem Wissen um die Bedeutung, die es nun bekommen hat. Die Perspektive hat sich vollkommen verändert.

Mit „Frau Jenny Treibel“ wird es Ihnen so ähnlich gehen, sofern Sie einmal alle Personen näher kennengelernt haben. Aber eine solche sinfonische Dramatik bleibt uns natürlich in einem gutbürgerlichen Haus, für das Theodor Fontane einsteht, erspart.

Der Bürger geht ja gerade ins Konzert, um von den kleinen häuslichen Dramen entbunden zu sein und einmal an den ganz großen Dramen teilzuhaben.

Das gilt vielleicht nicht für die Frau Kommerzienrätin Jenny Treibel, die so innig an das Ideale im Menschen glaubt.

Wenig später wird die wohlhabende Dame über Corinnas Vater sagen: „… er weiß, dass Geld eine Last ist, und dass das Glück ganz woanders liegt.“ (Und dann schweigt sie einen Moment und seufzt leise.) „Ach, meine liebe Corinna, glaube mir, kleine Verhältnisse, das ist d a s, was allein glücklich macht.“ Und Corinna, die im Gegensatz zu ihr, darin lebt, antwortet: „Das sagen alle, die drüber stehen und die kleinen Verhältnisse nicht kennen.“

Aber natürlich kennt Frau Treibel die sogenannten kleinen Verhältnisse; sie hat ja alles drangesetzt um da rauszukommen. Corinnas Vater durchschaut sie, eingedenk seiner frühen, fehlgeleiteten Liebe zu ihr: „Ach,“ sagt er, „ihre Mutter, die gute Frau Bürstenbinder, die das Püppchen immer so hübsch herauszuputzen wusste, sie hat in ihrer Weiberklugheit damals ganz richtig gerechnet. Nun ist das Püppchen eine Kommerzienrätin und kann sich alles gönnen, auch das Ideale, und sogar ‚unentwegt’. Ein Musterstück von einer Bourgeoise.“ (S. 13)

Was wir von dieser alten Liebesgeschichte erfahren, ist eigentlich, in perspektivischer Verkürzung, genau das, was sich – wiederum als fehlgeleitete Liebe – über den Roman hin zwischen Corinna und dem Treibelschen Sohne Leopold abspielt.

Corinnas Vater, Professor Schmidt, wird nachher – ebenfalls in perspektivischer Verkürzung – eine Darstellung der alten Geschichte aus seiner Sicht geben und zugleich im Kern den Verlauf dieser neuen Geschichte vorhersagen.

Es ist verblüffend, wie kunstvoll Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander verschränkt sind, und doch haben wir den Eindruck, dass hier ein vollkommen realistischer Erzähler am Werk ist. Fontane bekannte, dass ihn Liebesgeschichten an sich wenig interessieren, auch die Ehebruchsgeschichte der „Effi Briest“ ist, so sagt er, eine „wie hundert andre mehr“. Sie beruht auf einer wahren Begebenheit, die er von einer Dame bei Tisch gehört hatte, und die Geschichte hätte ihn nicht besonders beeindruckt, erzählt Fontane, „wenn nicht die Szene bzw. die Worte: ‚Effi komm!’ darin vorgekommen wären. Das Auftauchen der Mädchen an den mit Wein überwachsenen Fenstern, die Rotköpfe, der Zuruf und dann das Niederducken und dann das Verschwinden machten solchen Eindruck auf mich, daß aus dieser Szene die ganze lange Geschichte entstanden ist.“

Das ist typisch für den großen Erzähler: in einem einzigen kleinen Detail mehr Realität zu entdecken als in der großen, tausendfach wiederkehrenden Geschichte.

Heinrich Heine hat das einmal mit der ihm eigenen lyrischen Präzision auf den Punkt gebracht: „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ – Sie kennen es? Das Gedicht endet mit der Strophe:

„Es ist eine alte Geschichte / doch bleibt sie immer neu; / und wem sie just passieret, / dem bricht das Herz entzwei.“

Dazu muss ich Ihnen nachher noch eine kleine Geschichte erzählen: weil ich am vergangenen Freitag in der Kölner Philharmonie war, habe ich endlich, nach mehr als 40 Jahren, dieses einfache Heine-Gedicht verstanden. Sowas von Spätzündung!!! Nur weil Michael Heltau es soviel deutlicher betont hat als Robert Schumann.

In Fontanes Roman Frau Jenny Treibel verläuft die Geschichte im Kern genau so wie im Heine-Gedicht, – aber niemandem bricht das Herz entzwei.

Es ist kein Psycho-Drama; was uns in den Bann zieht sind die Charaktere. Und mit den Worten Fontanes (Brief vom 30.Mai 1993 an Friedländer): „Der Zauber steckt immer im Detail.“

Und das gilt auch für die Musik, jedenfalls für die Kammermusik und nirgendwo mehr als in der indischen. Stellen wir uns vor, die Geigerin habe im Hintergrund weitergespielt. Sie hat den Aufbau des Ragas weitgehend geleistet und kann nun ein neues Tempo anschlagen, es ist derselbe Zyklus, nämlich Ektal mit seinen 12 Schlägen, aber ein leichter Wind kommt auf. Sie erinnern sich? Es ist ein tropischer Nachmittag, wir sitzen unter schattigen Bäumen, lassen uns die Füße von einem vorüberrieselnden Gewässer kühlen; wir lauschen der uralten Geschichte des Ragas Shuddh Sarang, und sie ist ständig neu…

16) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 16’53“ bis nach 19’07“

Von jenem tropischen Platz zurück in den Berliner Salon um 1890. Theodor Fontane. Die Gesellschaft bei den Treibels neigt sich dem Ende zu. Aber etwas fehlt noch: das Lied. Die Verse, die der Gastgeberin einst ihr Jugendfreund Schmidt gewidmet hatte.

17) Bodo Primus liest Fontane S. 43 (II):

Eine Pause trat ein, und einige Wagen, darunter auch der Felgentreu’sche, waren schon angefahren; trotzdem zögerte man noch mit dem Aufbruch, weil das Fest immer noch seines Abschlusses entbehrte. Die Commerzienrätin nämlich hatte noch nicht gesungen, ja war unerhörter Weise noch nicht einmal zum Vortrag eines ihrer Lieder aufgefordert worden, – ein Zustand der Dinge, der so rasch wie möglich geändert werden mußte. Dies erkannte niemand klarer, als Adolar Krola, der, den Polizeiassessor bei Seite nehmend, ihm eindringlichst vorstellte, daß durchaus etwas geschehen und das hinsichtlich Jenny’s Versäumte sofort nachgeholt werden müsse. »Wird Jenny nicht aufgefordert, so seh‘ ich die Treibel’schen Diners, oder wenigstens unsere Teilnahme daran, für alle Zukunft in Frage gestellt, was doch schließlich einen Verlust bedeuten würde …«

»Dem wir unter allen Umständen vorzubeugen haben, verlassen Sie sich auf mich.« Und die beiden Felgentreu’s an der Hand nehmend, schritt Goldammer, rasch entschlossen, auf die Commerzienrätin zu, um, wie er sich ausdrückte, als erwählter Sprecher des Hauses, um ein Lied zu bitten. Die Commerzienrätin, der das Abgekartete der ganzen Sache nicht entgehen konnte, kam in ein Schwanken zwischen Aerger und Wunsch; aber die Beredtsamkeit des Antragstellers siegte doch schließlich; Krola nahm wieder seinen Platz ein, und einige Augenblicke später erklang Jenny’s dünne, durchaus im Gegensatz zu ihrer sonstigen Fülle stehende Stimme durch den Saal hin, und man vernahm die in diesem Kreise wohlbekannten Liedesworte:

Glück, von Deinen tausend Losen,
Eines nur erwähl‘ ich mir,–
Was soll Gold? Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier.

Und ich höre Waldesrauschen
Und ich seh‘ ein flatternd Band –
Aug‘ in Auge Blicke tauschen,
Und ein Kuß auf Deine Hand.

Geben nehmen, nehmen geben,
Und Dein Haar umspielt der Wind,
Ach, nur das, nur das ist Leben,
Wo sich Herz zum Herzen find’t.

Es braucht nicht gesagt zu werden, daß ein rauschender Beifall folgte, woran sich, von des alten Felgentreu Seite, die Bemerkung schloß, »die damaligen Lieder (er vermied eine bestimmte Zeitangabe) wären doch schöner gewesen, namentlich inniger«, eine Bemerkung, die von dem direct zur Meinungsäußerung aufgeforderten Krola schmunzelnd bestätigt wurde.

Mr. Nelson seinerseits hatte von der Veranda dem Vortrage zugehört und sagte jetzt zu Corinna: »Wonderfully good. Oh, these Germans, they know everything ... even such an old lady.«

Corinna legte ihm den Finger auf den Mund.

Kurze Zeit danach war alles fort, Haus und Park leer, und man hörte nur noch, wie drinnen im Speisesaal geschäftige Hände den Ausziehtisch zusammenschoben und wie draußen im Garten der Strahl des Springbrunnens plätschernd ins Bassin fiel.

Fünftes Kapitel

Unter den Letzten, die, den Vorgarten passierend, das commerzienrätliche Haus verließen, waren Marcell und Corinna. Diese plauderte nach wie vor in übermütiger Laune, was des Vetters mühsam zurückgehaltene Verstimmung nur noch steigerte. Zuletzt schwiegen beide.

So gingen sie schon fünf Minuten nebeneinander her, bis Corinna, die sehr gut wußte, was in Marcell’s Seele vorging, das Gespräch wieder aufnahm. »Nun, Freund, was gibt es?«

»Nichts.«

»Nichts?«

»Oder wozu soll ich es leugnen, ich bin verstimmt.«

»Worüber?«

»Ueber Dich. Ueber Dich, weil Du kein Herz hast.«

»Ich? Erst recht hab‘ ich …«

»Weil Du kein Herz hast, sag‘ ich, keinen Sinn für Familie, nicht einmal für Deinen Vater …«

»Und nicht einmal für meinen Vetter Marcell …«

»Nein, den laß aus dem Spiel, von dem ist nicht die Rede. Mir gegenüber kannst Du thun, was Du willst. Aber Dein Vater. Da läßt Du nun heute den alten Mann einsam und allein und kümmerst Dich so zu sagen um gar nichts. Ich glaube, Du weißt nicht einmal, ob er zu Haus ist oder nicht.«

MODERATION

Vonwegen Vater, – es ist klar, der Vetter liebt sie und ist eifersüchtig. Denn Corinna ist vom neureichen Glanz des Hauses Treibel geblendet, zumal in Gestalt des Sohnes Leopold.

Meine Damen und Herren, passt es Ihnen, wenn ich an dieser Stelle zurückkomme auf das Heine-Lied: „Ein Jüngling liebt ein Mädchen…“?

Seit ich es kenne, habe ich es immer nur in der Vertonung Robert Schumanns gehört, ich fand es toll – und habe doch immer verdrängt, dass mir die Logik der Aussage nicht ganz einleuchtete. Um wieviel Personen geht es da eigentlich?

18) Schumann/Heine Dichterliebe Tr. 11 Ein Jüngling liebt… 1’01“

Wieso war jetzt der Jüngling übel dran, er war doch längst aus dem Spiel?

Am vergangenen Freitag war ich in der Kölner Philharmonie, in einem der schönsten Chor-Konzerte, die ich je gehört habe. Mit dem Balthasar-Neumann-Chor. Es war aber nicht nur die Qualität dieses Chores, sondern auch die dramaturgische Gestaltung des Programms, die dichte Kombination von gesprochenen Texten, Chor- und Sololiedern. Michael Heltau sprach, und er sprach unter anderem dieses Heine-Gedicht „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, das ich bisher eigentlich nur in Schumanns Vertonung kannte und dessen zweite Strophe ich deshalb so gesprochen hätte:

Das Mädchen nimmt aus Ärger / den ersten besten Mann, /

der ihr in den Weg gelaufen; / der Jüngling ist übel dran.

So konnte ich das auch derartig falsch verstehen, als ob der Jüngling aus der ersten Strophe gemeint sei. Der war natürlich übel dran, aber warum jetzt schon wieder?!

Und nun las Michael Heltau folgendermaßen:

Das Mädchen nimmt aus Ärger / den ersten besten Mann, /

der ihr in den Weg gelaufen; / der Jüngling ist übel dran.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: dieser „Mann“, der erstbeste, ist natürlich auch der zuletzt genannte Jüngling, natürlich. Auch er ein Jüngling. Und der muss nun lebenslang den ganzen Frust seiner Frau ausbaden, keineswegs der Jüngling aus der ersten Strophe, der hat vielleicht sogar noch einmal Glück gehabt.

Die Personenzahl bleibt gleich, fünf. Zwei Paare und der erste Jüngling

Sehen Sie, so kann man nach Jahrzehnten des Irrtums durch einen einzigen Gang in die Philharmonie messbar klüger werden!

Wem also bricht das Herz entzwei? Na, jedenfalls nicht uns Rechenkünstlern!

19) Schumann/Heine Dichterliebe Tr. 11 Ein Jüngling liebt… 1’00“

Robert Schumann, Heinrich Heine; vorhin mit Olaf Bär, jetzt mit Fritz Wunderlich.

Ich habe vorhin die Kölner Philharmonie erwähnt, und daran möchte ich anknüpfen, denn merkwürdigerweise hat hier fast alles mit diesem schönen Kölner Konzertsaal zu tun: die Schostakowitsch-Sinfonie, die Zehnte, wird dort Ende November zu hören sein, mit dem WDR-Sinfonieorchester unter Semyon Bychkov, am 25. und 26. November. Neu ist, dass den Konzerten in dieser Saison eine Einführung vorangeht, jeweils um 19 Uhr. Sie ahnen, weshalb ich mich besonders gern in Schostakowitsch vertiefe. Aber die Saison hat ja bereits begonnen, und morgen gibt es in der Reihe der Jugendkonzerte „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss, das erste Violinkonzert von Sergej Prokofiew mit der jungen Geigerin Sayaka Shoji, ein Werk von Peter Maxwell Davies und schließlich Leonard Bernsteins Sinfonische Tänze aus der Westside-Story. Der Gast-Dirigent ist Ari Rasilainen. Übermorgen, also Freitag, dasselbe Programm, dann auch live in WDR 3. Die Einführungen allerdings gibt es nur am Tatort, in der Philharmonie. Morgen 19 Uhr mit Christian Schruff, am Freitag mit Helga Kirchner.

Darüberhinaus gibt es übrigens für die Jugendkonzerte eine CD-Rom mit umfangreichem Material zur Unterrichtsvorbereitung, die Lehrerinnen und Lehrern in NRW kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Es gibt auch einen Schreib-Wettbewerb, Schreiben über Musik. Am besten, Sie wenden sich wegen all dieser Informationen an unser Hörertelefon, das allerdings nicht kostenlos ist: 0800 – 5678 333.

Meine Damen und Herren, virtuelles Leben hin und her, Musik aus dem Netz, CD, DVD, – eins steht fest: es gibt nichts Besseres als ein reales Konzert. Das liegt nicht nur an der Anwesenheit der Musiker, sondern auch an der Menge der gleich oder ähnlich gesinnten Konzertbesucher, lassen Sie sie ruhig mal husten: sie alle interessieren sich mehr oder weniger in ganz erstaunlicher Weise für diese abstrakten und zugleich höchst sinnlichen Vorgänge, genannt Musik. Jawohl, genau das ist Kultur!

Ich könnte mir vorstellen, dass es Sie inzwischen auch interessiert, ob es mal wieder eine Gelegenheit gibt, indische Musik live zu erleben. Ja, die gibt es. Wie der Zufall so spielt: ausgerechnet die zauberhafte Geigerin Kala Ramnath wird auf der Bühne sitzen, der hochvirtuose junge Sitarspieler Purbayan Chatterjee ebenfalls, und die Sängerin, deren Name überall auf dem indischen Subkontinent Entzücken auslöst: Shubha Mudgal. Unser Slogan lautet: „Indien leuchtet. Die junge Generation der klassischen Musik.“ Am 2. Oktober, 20 Uhr in der Kölner Philharmonie.

Musikpassagen auf WDR 3. Am Mikrofon begleitet Sie J.R.

Wo mag die Geigerin Kala Ramnath inzwischen angelangt sein, bei ihrem Gang auf schattigen Wegen, mit Blick auf die von der tropischen Nachmittagssonne durchglühte Landschaft, erfrischt von der ständigen Gegenwart des Ragas Shuddh Sarang? (Musik beginnt)

Achtung, gerade bahnt sich eine Tempoänderung an, die Geigerin muss jeden Moment auf ein prägnantes Thema stoßen, das sie mit verspielter Anmut immer wieder in die Höhe steigen lässt.

20) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 26’10“ bis 30’08…

Kala Ramnath, Violine, und Kumar Bose, Tabla. Es fehlt nur noch der letzte Akt, die letzte Tempostufe und die Apotheose des Ragas Shuddh Sarang.

Und Corinna Schmidt hatte inzwischen Erfolg; es ist ihr gelungen, Leopold Treibel an sich zu fesseln. Der Vetter Marcell jedoch, der Corinna nach wie vor liebt, scheint nach der Abendgesellschaft im Hause Treibel chancenlos zu sein, Vater Schmidt allerdings spricht ihm Mut zu und hat offenbar plausible Gründe dafür:

21) Bodo Primus liest Fontane S. 70 (III):

»Nun gut, Marcell, aber das alles kann ich so schlimm nicht finden. Warum soll sie nicht ihren Nachbar zur Rechten unterhalten, um auf ihren Nachbar zur Linken einen Eindruck zu machen? Das kommt alle Tage vor, das sind so kleine Capricen, an denen die Frauennatur reich ist.«

»Du nennst es Capricen, Onkel. Ja, wenn die Dinge so lägen! Es liegt aber anders. Alles ist Berechnung: sie will den Leopold heiraten.«

»Unsinn, Leopold ist ein Junge.«

»Nein, er ist fünfundzwanzig, gerade so alt wie Corinna selbst. Aber wenn er auch noch ein bloßer Junge wäre, Corinna hat sich’s in den Kopf gesetzt und wird es durch führen.«

»Nicht möglich.«

»Doch, doch. Und nicht blos möglich, sondern ganz gewiß. Sie hat es mir, als ich sie zur Rede stellte, selber gesagt. Sie will Leopold Treibel’s Frau werden, und wenn der Alte das Zeitliche segnet, was doch, wie sie mir versicherte, höchstens noch zehn Jahre dauern könne, und wenn er in seinem Zossener Wahlkreise gewählt würde, keine fünfe mehr, so will sie die Villa beziehen, und wenn ich sie recht taxiere, so wird sie zu dem grauen Kakadu noch einen Pfauhahn anschaffen.«

»Ach, Marcell, das sind Visionen.«

»Vielleicht von ihr, wer will’s sagen? aber sicherlich nicht von mir. Denn all das waren ihre eigensten Worte. Du hättest sie hören sollen, Onkel, mit welcher Suffisance sie von »kleinen Verhältnissen« sprach, und wie sie das dürftige Kleinleben ausmalte, für das sie nun ‚mal nicht geschaffen sei; sie sei nicht für Speck und Wruken und all dergleichen und Du hättest nur hören sollen, wie sie das sagte, nicht blos so drüber hin, nein, es klang gerade zu was von Bitterkeit mit durch, und ich sah zu meinem Schmerz, wie veräußerlicht sie ist, und wie die verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hält.«

»Hm,« sagte Schmidt, »das gefällt mir nicht, namentlich das mit den Wruken. Das ist blos ein dummes Vornehmthun und ist auch kulinarisch eine Thorheit; denn alle Gerichte, die Friedrich Wilhelm I. liebte, so zum Beispiel Weißkohl mit Hammelfleisch oder Schlei mit Dill – ja, lieber Marcell, was will dagegen aufkommen? Und dagegen Front zu machen, ist einfach Unverstand. Aber glaube mir, Corinna macht auch nicht Front dagegen, dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters Tochter, und wenn sie sich darin gefallen hat, Dir von Modernität zu sprechen und Dir vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke, dran alles chic und wieder chic ist, zu beschreiben und so zu thun, als ob es in der ganzen Welt nichts gäbe, was an Wert und Schönheit damit verglichen werden könnte, so ist das alles blos Feuerwerk, Phantasiethätigkeit, jeu d'Esprit, und wenn es ihr morgen paßt, Dir einen Pfarramtskandidaten in der Jasminlaube zu beschreiben, der selig in Lottchens Armen ruht, so leistet sie das mit demselben Aplomb und mit derselben Virtuosität. Das ist, was ich das Schmidt’sche nenne. Nein, Marcell, darüber darfst Du Dir keine grauen Haare wachsen lassen; das ist alles nicht ernstlich gemeint …«

»Es ist ernstlich gemeint …«

»Und wenn es ernstlich gemeint ist – was ich vorläufig noch nicht glaube, denn Corinna ist eine sonderbare Person – so nutzt ihr dieser Ernst nichts, gar nichts, und es wird doch nichts draus. Darauf verlaß Dich, Marcell. Denn zum heiraten gehören zwei.«

»Gewiß, Onkel. Aber Leopold will womöglich noch mehr als Corinna …«

»Was gar keine Bedeutung hat. Denn laß Dir sagen, und damit sprech‘ ich ein großes Wort gelassen aus: die Commerzienrätin will nicht

»Bist Du dessen so sicher?«

»Ganz sicher.«

»Und hast auch Zeichen dafür?«

»Zeichen und Beweise, Marcell. Und zwar Zeichen und Beweise, die Du in Deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor Dir siehst …«

»Das wäre.«

»Ja, Freund, leibhaftig vor Dir siehst. Denn ich habe das Glück gehabt, an mir selbst, und zwar als Objekt und Opfer, das Wesen meiner Freundin Jenny studieren zu können. Jenny Bürstenbinder, das ist ihr Vatersname, wie Du vielleicht schon weißt, ist der Typus einer Bourgeoise. Sie war talentiert dafür, von Kindesbeinen an, und in jenen Zeiten, wo sie noch drüben in ihres Vaters Laden, wenn der Alte gerade nicht hinsah, von den Traubenrosinen naschte, da war sie schon gerade so wie heut‘ und deklamierte den »Taucher« und den »Gang nach dem Eisenhammer« und auch allerlei kleine Lieder, und wenn es recht was Rührendes war, so war ihr Auge schon damals immer in Thränen, und als ich eines Tages mein berühmtes Gedicht gedichtet hatte, Du weißt schon, das Unglücksding, das sie seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat, da warf sie sich mir an die Brust und sagte: »Wilibald, Einziger, das kommt von Gott.« Ich sagte halb verlegen etwas von meinem Gefühl und meiner Liebe, sie blieb aber dabei, es sei von Gott, und dabei schluchzte sie dermaßen, daß ich, so glücklich ich einerseits in meiner Eitelkeit war, doch auch wieder einen Schreck kriegte vor der Macht dieser Gefühle. Ja, Marcell, das war so unsere stille Verlobung, ganz still, aber doch immerhin eine Verlobung; wenigstens nahm ich’s dafür und strengte mich riesig an, um so rasch wie möglich mit meinem Studium am Ende zu sein und mein Examen zu machen. Und ging auch alles vortrefflich. Als ich nun aber kam, um die Verlobung perfekt zu machen, da hielt sie mich hin, war abwechselnd vertraulich und dann wieder fremd, und während sie nach wie vor das Lied sang, mein Lied, liebäugelte sie mit jedem, der ins Haus kam, bis endlich Treibel erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch ihrer Sentimentalitäten erlag. Denn der Treibel von damals war noch nicht der Treibel von heut, und am andern Tag kriegte ich die Verlobungskarten. Alles in allem eine sonderbare Geschichte, daran, das glaub‘ ich sagen zu dürfen, andere Freundschaften gescheitert wären; aber ich bin kein Übelnehmer und Spielverderber, und in dem Liede, drin sich, wie Du weißt, »die Herzen finden« – beiläufig eine himmlische Trivialität und ganz wie geschaffen für Jenny Treibel – in dem Liede lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag, ganz so, als sei nichts vorgefallen. Und am Ende, warum auch nicht? Ich persönlich bin drüber weg, und Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie vergessen will. Es ist eine gefährliche Person und um so gefährlicher, als sie’s selbst nicht recht weiß, und sich aufrichtig einbildet, ein gefühlvolles Herz und vor allem ein Herz »für das Höhere« zu haben. Aber sie hat nur ein Herz für das Ponderable, für alles, was ins Gewicht fällt und Zins trägt, und für viel weniger als eine halbe Million giebt sie den Leopold nicht fort, die halbe Million mag herkommen, woher sie will. Und dieser arme Leopold selbst. So viel weißt Du doch, der ist nicht der Mensch des Aufbäumens oder der Escapade nach Gretna Green. Ich sage Dir, Marcell, unter Brückner thun es Treibels nicht, und Koegel ist ihnen noch lieber. Denn je mehr es nach Hof schmeckt, desto besser. Sie liberalisieren und sentimentalisieren beständig, aber das alles ist Farce; wenn es gilt Farbe zu bekennen, dann heißt es: Gold ist Trumpf und weiter nichts.«

»Ich glaube, daß Du Leopold unterschätzest.«

»Ich fürchte, daß ich ihn noch überschätze. ich kenn‘ ihn noch aus der Untersekunda her. Weiter kam er nicht; wozu auch? Guter Mensch, Mittelgut, und als Charakter noch unter Mittel.«

»Wenn Du mit Corinna sprechen könntest.«

»Nicht nötig, Marcell. Durch Dreinreden stört man nur den natürlichen Gang der Dinge. Mag übrigens alles schwanken und unsicher sein, eines steht fest: der Charakter meiner Freundin Jenny. Da ruhen die Wurzeln Deiner Kraft. Und wenn Corinna sich in Tollheiten überschlägt, laß sie; den Ausgang der Sache kenn‘ ich. Du sollst sie haben, und Du wirst sie haben, und vielleicht eher, als Du denkst.«

MODERATION

Das Interessante ist, dass die Geschichte tatsächlich genau so verläuft, wie Professor Schmidt vermutet, dass unsere Aufmerksamkeit aber durch diese Vorwegnahme keineswegs erlahmt, nein, der perspektivisch verkürzte Blick in die Zukunft schärft unseren Sinn für die Details der Realität.

Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel oder ‚Wo sich Herz zum Herzen find’t’, gelesen von Bodo Primus.

Es gibt zwei Welten in diesem Roman: die eine der Besitzbürger à la Treibel, die andere der Bildungsbürger à la Schmidt. Dennoch befinden wir uns gewissermaßen in einem übergreifenden geschützten Raum, in dem bestimmte, allgemeine Spielregeln gelten. Die Titelheldin, Frau Jenny Treibel, die die Fäden zieht, ist ein Ausbund von Heuchelei, aber kein Bösewicht.

Schostakowitsch aber geht es in seiner Sinfonie tatsächlich um die Konstruktion einer ganzen Welt, und in diesem Welt-Bild spielen die destruktiven Kräfte eine zutiefst irritierende Rolle.

Man hat gesagt, dass der zweite Satz der 10. Sinfonie den teuflischen Charakter Stalins zeichnet, und dass das ganze Werk aus dem Jahre 1953 eine dynamische Antwort des mehrfach schwer gemaßregelten Komponisten auf den Tod Stalins war.

Wie dem auch sei: ich finde es frappierend zu entdecken, dass es offenbar in der Musik kein Abbild des Schrecklichen gibt, das nicht auch eine unheimliche Faszination ausstrahlt.

22) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr. 2 Zweiter Satz 4’25“

Der zweite Satz der Zehnten von Schostakowitsch.

So böse ist Frau Jenny Treibel nicht.

Noch einmal Fontane:

23) Bodo Primus liest Fontane S.129 (III): 

Die Commerzienrätin, die für gewöhnlich die politischen Gänge Treibels belächelte, wenn nicht beargwohnte – was auch vorkam – heute segnete sie Buggenhagen und war froh, ein paar Stunden allein sein zu können. Der Gang mit Wilibald hatte so vieles wieder in ihr angeregt. Die Gewißheit, sich verstanden zu sehen – es war doch eigentlich das Höhere. »Viele beneiden mich, aber was hab‘ ich am Ende? Stuck und Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersüßen Gesicht. Treibel ist gut, besonders auch gegen mich; aber die Prosa lastet bleischwer auf ihm, und wenn er es nicht empfindet, ich empfinde es … Und dabei Commerzienrätin und immer wieder Commerzienrätin. Es geht nun schon in das zehnte Jahr, und er rückt nicht höher hinauf, trotz aller Anstrengungen. Und wenn es so bleibt, und es wird so bleiben, so weiß ich wirklich nicht, ob nicht das andere, das auf Kunst und Wissenschaft deutet, doch einen feineren Klang hat. Ja, den hat es … Und mit den ewigen guten Verhältnissen! Ich kann doch auch nur eine Tasse Kaffee trinken, und wenn ich mich zu Bett lege, so kommt es darauf an, daß ich schlafe. Birkenmaser oder Nußbaum macht keinen Unterschied, aber Schlaf oder Nichtschlaf, das macht einen, und mitunter flieht mich der Schlaf, der des Lebens Bestes ist, weil er uns das Leben vergessen läßt … Und auch die Kinder wären anders. Wenn ich die Corinna ansehe, das sprüht alles von Lust und Leben, und wenn sie bloß so macht, so steckt sie meine beiden Jungen in die Tasche. Mit Otto ist nicht viel, und mit Leopold ist gar nichts.«

Jenny, während sie sich in süße Selbsttäuschungen wie diese versenkte, trat ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Straße. Drüben, im Hause gegenüber, hoch oben in der offenen Mansarde stand, wie ein Schattenriß in hellem Licht, eine Plätterin, die mit sicherer Hand über das Plättbrett hinfuhr – ja, es war ihr, als höre sie Mädchen singen. Der Commerzienrätin Auge mochte von dem anmutigen Bilde nicht lassen, und etwas wie wirklicher Neid überkam sie.

Sie sah erst fort, als sie bemerkte, daß hinter ihr die Thür ging. Es war Friedrich, der den Thee brachte. »Setzen Sie hin, Friedrich, und sagen Sie Fräulein Honig, es wäre nicht nötig.«

»Sehr wohl, Frau Commerzienrätin. Aber hier ist ein Brief«

»Ein Brief?« fuhr die Rätin heraus. »Von wem?«

»Vom jungen Herrn.«

»Von Leopold?«

»Ja, Frau Commerzienrätin … Und es wäre Antwort …«

»Brief … Antwort … Er ist nicht recht gescheidt,« und die Commerzienrätin riß das Kouvert auf und überflog den Inhalt. »Liebe Mama! Wenn es Dir irgend paßt, ich möchte heute noch eine kurze Unterredung mit Dir haben. Laß mich durch Friedrich wissen, ja oder nein. Dein Leopold.«

Jenny war derart betroffen, daß ihre sentimentalen Anwandlungen auf der Stelle hinschwanden. So viel stand fest, daß das alles nur etwas sehr Fatales bedeuten konnte. Sie raffte sich aber zusammen und sagte: »Sagen Sie Leopold, daß ich ihn erwarte.«

Das Zimmer Leopold’s lag über dem ihrigen; sie hörte deutlich, daß er rasch hin und her ging, und ein paar Schubkästen, mit einer ihm sonst nicht eigenen Lautheit, zuschob. Und gleich danach, wenn nicht alles täuschte, vernahm sie seinen Schritt auf der Treppe.

Sie hatte recht gehört, und nun trat er ein und wollte (sie stand noch in der Nähe des Fensters) durch die ganze Länge des Zimmers auf sie zuschreiten, um ihr die Hand zu küssen; der Blick aber, mit dem sie ihm begegnete, hatte etwas so Abwehrendes, daß er stehen blieb und sich verbeugte.

»Was bedeutet das, Leopold? Es ist jetzt Zehn, also nachtschlafende Zeit, und da schreibst Du mir ein Billet und willst mich sprechen. Es ist mir neu, daß Du ‚was auf der Seele hast, was keinen Aufschub bis morgen früh duldet. Was hast Du vor? Was willst Du?«

»Mich verheiraten, Mutter. ich habe mich verlobt.«

Die Commerzienrätin fuhr zurück, und ein Glück war es, daß das Fenster, an dem sie stand, ihr eine Lehne gab. Auf viel Gutes hatte sie nicht gerechnet, aber eine Verlobung über ihren Kopf weg, das war doch mehr, als sie gefürchtet. War es eine der Felgentreu’s? Sie hielt beide für dumme Dinger und die ganze Felgentreuerei für erheblich unterm Stand; er, der Alte, war Lageraufseher in einem großen Ledergeschäft gewesen und hatte schließlich die hübsche Wirtschaftsmamsell des Prinzipals, eines mit seiner weiblichen Umgebung oft wechselnden Wittwers, geheiratet. So hatte die Sache begonnen und ließ in ihren Augen viel zu wünschen übrig. Aber verglichen mit den Munks, war es noch lange das Schlimmste nicht, und so sagte sie denn: »Elfriede oder Blanca?«

»Keine von beiden.«

»Also .«

»Corinna.«

Das war zu viel. Jenny kam in ein halb ohnmächtiges Schwanken, und sie wäre, angesichts ihres Sohnes, zu Boden gefallen, wenn sie der schnell Herzuspringende nicht aufgefangen hätte.

MODERATION

Die Ohnmacht dauert nicht lange, Jenny Treibel ergreift die Initiative und sorgt für ein Ende dieser Flausen. Theodor Fontane.

Zurück zu Schostakowitsch.

Im dritten Satz der Sinfonie tauchen die Initialen des Komponisten auf: der Ton D für Dimitri und eS-C-H für Schostakowitsch, D – ES – C – H, was hat das zu bedeuten?

Ein merkwürdig lauernd dahinschlenzender Satz, – bis dieses Motiv erklingt, hell instrumentiert, gleich einem Lichtschein am Himmel. Und dann sinkt es allmählich in die Tiefe und wird in die Gemeinschaft aufgenommen. Oder gehe ich damit schon zu weit?

24) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr. 3 ab Anfang bis 2’02“

Ein weiteres Zeichen taucht auf: ein Hornruf, der sich nunmehr durch den ganzen Satz zieht, wie eine Antwort auf alle Fragen. Mit ihm verklingt der Satz denn auch, nur in den hohen Flöten noch der Ruf des Motivs D-S-C-H.

25) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr.3 ab 11’11“ bis 11’54“

Der letzte Satz ist ein Triumph dieses Motives, selbst die Pauken sind auf diese 4 Töne gestimmt, man hört sie in den letzten 10 Sekunden des Werkes mit solistischer Wucht.

Meine Damen und Herren, es wäre leicht, über diese vordergründige Selbstverklärung des Komponisten die Nase zu rümpfen. Wir werden doch wohl dem Genie den Triumph über den Diktator gerne zubilligen? Ich glaube aber, eine solche Deutung ist ohnehin zu simpel. Denn diese Fröhlichkeit grenzt zugleich an Leichtsinn und Wahnsinn, anders als im Schlusssatz von Beethovens Siebter.

Mir will heute keine Deutung gelingen. Vielleicht bis zum 25. November in der Philharmonie… Wussten Sie schon, dass die neue Saison des WDR-Sinfonieorchesters längst begonnen hat? Also bitte: freuen Sie sich!!!

26) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr. 4 ab 10’28“ bis 12’12“

Das WDR Sinfonieorchester Köln mit dem Schluss der Zehnten Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch, hier unter Rudolf Barshai, demnächst, am 25. und 26. November, unter Semyon Bychkov in der Philharmonie Köln.

Und schon bald, am 2. Oktober gibt es dort eine kleine indische Nacht: „Indien leuchtet. Die junge Generation der indischen Musik“: die Sängerin Shubha Mudgal und Ensemble, der Sitar-Virtuose Purbayan Chatterjee und die Geigerin Kala Ramnath, die uns heute auch durch diese Sendung begleitet hat. (Musik)

Hier erreicht sie gleich den letzten und schnellsten Teil ihrer großen Improvisation im Raga Shuddh Sarang.

27) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 34’36” bis 36:14

Aber vergessen wir nicht die Formel, aus der all dies hervorgewachsen ist: „Perspektivische Verkürzung“ stand über unseren Musikpassagen. (Musik)

In der Technik wirkte Timo Becker (Rheinklang Studio) , die Musikliste fürs Internet schreibt unser Produktionsassistent Johannes Zink, für Nachfragen bezüglich der genannten Konzerte, der Materialien für Pädagogen usw., für Lob, Kritik und Anregung ist unser Hörertelefon da, das zwar nicht kostenlos ist, aber entsprechend fleißig und zuverlässig.

Die Nummer kennen Sie, sie wird aber im Trailer gleich noch einmal genannt.

Am Mikrofon verabschiedet sich Jan Reichow, nicht ohne eine der mehrfach beschworenen Zauberformeln.

28) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 Anfang bis 2’09”

+ (wenn Zeit) Schostakowitsch-Anfang (ausblenden bis 1’05)

Bretagne JR c