Kategorie-Archiv: Allgemeines

Die Flüchtlinge und wir

Einige Papiere zur Meinungsbildung

Die folgende Erklärung habe ich nicht selbst verfasst, sie ist aber auch nicht vollständig zitiert. Ich habe sie gekürzt und will die Verantwortung nicht abschieben: So entspricht der Text insgesamt genau meiner Meinung. Die Quellenangabe folgt unten.

ZITAT

Äußerst besorgt beobachten wir die gegenwärtigen Entwicklungen in der Antwort Europas auf die neu ankommenden Flüchtlinge. Gestützt auf […] Reflexion und unter Berücksichtigung der vor fast 20 Jahren auf dem EU-Gipfeltreffen in Tampere 1999 geäußerten Schlussfolgerungen, erklären wir:

  • Es ist unannehmbar, dass die Politik der „Migrationssteuerung“ zu Situationen führt, in denen hohe Verluste von Menschenleben auf dem Weg nach Europa normal geworden sind und in denen Ausbeutung und Gewalt alltäglich sind. Wir brauchen sinnvolle sichere Wege (wie Wiederansiedlung, aus humanitären Gründen erteilte Visa, realistische Arbeitsmigrationspolitik) sowie Suche und Rettung auf dem Weg nach Europa.
  • Wir bekräftigen die Aussagen des Tampere-Gipfels, insbesondere die „unbedingte Achtung des Rechts auf Asyl“ und „die uneingeschränkte und allumfassende Anwendung der Genfer Flüchtlingskonvention“ als Leitlinien für die heutige Asylpolitik. Dies würde den effektiven Zugang zu einem Verfahren für Asylsuchende umfassen, ungeachtet wie oder durch welche Orte sie nach Europa gekommen sind.
  • Der Schutz in der Herkunftsregion und die Verbesserung der Bedingungen in den Herkunftsländern bleiben wichtig, damit die Menschen nicht zur Flucht gezwungen werden. Doch solange es Gründe für eine Migration gibt, sollte Europa, als eine der reichsten und am weitesten entwickelten Regionen der Welt, seine Verpflichtungen in Bezug auf Gastfreundschaft und Schutz wahrnehmen, anstatt Drittländer unter Druck zu setzen, die Migration nach Europa zu stoppen.
  • Bei der Steuerung der Migration und insbesondere bei der Aufnahme der Flüchtlinge sollte Solidarität ein ausschlaggebender Aspekt sein. Solidarität bedeutet, dass die stärkeren Schultern mehr Verantwortung tragen als die schwächeren, aber auch, dass alle ihr Möglichstes beitragen.
  • Wir distanzieren uns vom Begriff, dass die Aufnahme von neu ankommenden Asylsuchenden zu Lasten derjenigen stattfindet, die bereits in Europa leben. Die Politik sollte sich mit den besonderen Bedürfnissen von neu ankommenden Menschen in Europa befassen und sie ermutigen, ihr Potenzial auszuschöpfen, um einen Beitrag zu leisten. Gleichzeitig müssen aber auch die Traditionen und Bedürfnisse der Einwohnerinnen und Einwohner anerkannt werden.
  • Diskussionen über Migration und Flüchtlinge sollten sich durch Würde, Respekt und, wenn möglich, durch Mitgefühl auszeichnen. Die Verbreitung von unrichtigen, undurchsichtigen und trennenden Erklärungen macht die Herausforderung des Zusammenlebens nur noch schwieriger.
  • Wo Menschen aus unterschiedlichen ethnischen und religiösen Hintergründen zusammenleben, entstehen unausweichlich Konflikte, insbesondere unter sich rasch verändernden Bedingungen. Gemeinsam in Vielfalt leben kann sowohl bereichernd als auch herausfordernd sein. Wir fordern einen Geist der Toleranz und des guten Willens und eine Verpflichtung zu einem konstruktiven Engagement.

Wir verpflichten uns dazu, uns noch entschiedener zu äußern und uns einzusetzen, für unsere Vision einer inklusiven und partizipatorischen Gesellschaft – für neu ankommende Personen und für alle Einwohnerinnen und Einwohner.

Quelle* Weihnachtsbotschaft der Organisation Ernster Humanisten OEH / Auf deren Website ist der Text ohne Kürzungen nachzulesen. Oder auch HIER.

Dank für den Hinweis und die Kürzungsidee an JMR.

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(ZUSATZ JR:)

*Die obige Quellenangabe ist die einzige im ganzen Blog, die ich gefälscht habe, – um beim Aufruf des Links eine Überraschung zu provozieren: Dass es ausgerechnet diese Organisation ist, die endlich eine Entwicklung aufgreift oder sogar vorantreibt, die eigentlich ihrem Wesen entspricht! Während (ich hoffe und glaube: nicht – weil) die Mitgliederzahlen seit Jahren dramatisch schwinden, begegnet sie der Welt mit praktischen Impulsen, die auf der einzigen moralisch vertretbaren Seite beruhen und von einzelnen immer schon ohne opportunistische Rücksichten vertreten wurden. Geschickterweise gehen sie nicht einfach direkt von diesen Impulsen aus in die Realität, sondern auf dem Umweg über die greifbaren politischen Ansätze.

(Sicherheitshalber noch dies: Es gibt keine Organisation Ernster Humanisten OEH!)

Da zu Anfang des Textes  auf das EU-Gipfeltreffen in Tampere 1999 hingewiesen wurde, füge ich als Ergänzung die einschlägigen Passagen aus der Tagung TAMPERE EUROPÄISCHER RAT 15. UND 16. OKTOBER 1999 bei, die unter dem Titel SCHLUSSFOLGERUNGEN DES VORSITZES zu finden sind, und zwar: HIER.

A. EINE GEMEINSAME ASYL- UND MIGRATIONSPOLITIK DER EU

10. Die gesonderten, aber eng miteinander verbundenen Bereiche Asyl und Migration machen die Entwicklung einer gemeinsamen Politik der EU erforderlich, die folgende Elemente einbezieht.

I. Partnerschaft mit Herkunftsländern

11. Die Europäische Union benötigt ein umfassendes Migrationskonzept, in dem die Fragen behandelt werden, die sich in bezug auf Politik, Menschenrechte und Entwicklung in den Herkunfts- und Transitländern und -regionen stellen. Zu den Erfordernissen gehören die Bekämpfung der Armut, die Verbesserung der Lebensbedingungen und der Beschäftigungsmöglichkeiten, die Verhütung von Konflikten und die Festigung demokratischer Staaten sowie die Sicherstellung der Achtung der Menschenrechte, insbesondere der Rechte der Minderheiten, Frauen und Kinder. Zu diesem Zweck werden die Union wie auch die Mitgliedstaaten ersucht, im Rahmen der Befugnisse, die ihnen die Verträge verleihen, zu einer größeren Kohärenz der Innen- und Außenpolitik der Union beizutragen. Ein partnerschaftliches Verhältnis zu den betroffenen Drittstaaten wird für den Erfolg einer solchen Politik ebenfalls von entscheidender Bedeutung sein, damit eine gemeinsame Entwicklung gefördert werden kann.

12. In diesem Zusammenhang begrüßt der Europäische Rat den Bericht der vom Rat eingesetzten Hochrangigen Gruppe „Asyl und Migration“ und stimmt der Verlängerung des Mandats dieser Gruppe und der Ausarbeitung weiterer Aktionspläne zu. Er erachtet die ersten Aktionspläne, die von dieser Gruppe ausgearbeitet und vom Rat gebilligt wurden, als einen nützlichen Beitrag und ersucht den Rat und die Kommission, dem Europäischen Rat im Dezember 2000 über die Umsetzung dieser Pläne zu berichten.

II. Ein Gemeinsames Europäisches Asylsystem

13. Der Europäische Rat bekräftigt die Bedeutung, die die Union und die Mitgliedstaaten der unbedingten Achtung des Rechts auf Asyl beimessen. Er ist übereingekommen, auf ein Gemeinsames Europäisches Asylsystem hinzuwirken, das sich auf die uneingeschränkte und allumfassende Anwendung der Genfer Flüchtlingskonvention stützt, wodurch sichergestellt wird, daß niemend dorthin zurückgeschickt wird, wo er Verfolgung ausgesetzt ist, d.h. der Grundsatz der Nichtzurückweisung gewahrt bleibt.

14. Auf kurze Sicht sollte dieses System folgendes implizieren: eine klare und praktikable Formel für die Bestimmung des für die Prüfung eines Asylantrags zuständigen Staates, gemeinsame Standards für ein gerechtes und wirksames Asylverfahren, gemeinsame Mindestbedingungen für die Aufnahme von Asylbewerbern und die Annäherung der Bestimmungen über die Zuerkennung und die Merkmale der Flüchtlingseigenschaft. Hinzukommen sollten ferner Vorschriften über die Formen des subsidiären Schutzes, die einer Person, die eines solchen Schutzes bedarf, einen angemessenen Status verleihen. Der Rat wird dringend ersucht, auf Vorschlag der Kommission und nach Maßgabe der im Vertrag von Amsterdam und im Wiener Aktionsplan gesetzten Fristen zu diesem Zweck die notwendigen Beschlüsse zu fassen. Der Europäische Rat unterstreicht, wie wichtig es ist, das UNHCR und andere internationale Organisationen zu konsultieren.

15. Auf längere Sicht sollten die Regeln der Gemeinschaft zu einem gemeinsamen Asylverfahren und einen unionsweit geltenden einheitlichen Status für diejenigen, denen Asyl gewährt wird, führen. Die Kommission wird ersucht, binnen eines Jahres eine diesbezügliche Mitteilung auszuarbeiten.

16. Der Europäische Rat fordert den Rat dringend auf, sich verstärkt darum zu bemühen, in der Frage des vorübergehenden Schutzes für Vertriebene auf der Grundlage der Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten Einvernehmen zu erzielen. Der Europäische Rat ist der Ansicht, daß geprüft werden sollte, ob nicht bei einem massiven Zustrom von Flüchtlingen zwecks vorübergehender Schutzgewährung irgendeine Form von Finanzreserve bereitgestellt werden könnte. Die Kommission wird ersucht, die entsprechenden Möglichkeiten zu sondieren.

17. Der Europäische Rat fordert den Rat dringend auf, seine Arbeiten über das System zur Identifizierung von Asylbewerbern (Eurodac) unverzüglich zu Ende zu führen.

III. Gerechte Behandlung von Drittstaatsangehörigen

18. Die Europäische Union muß eine gerechte Behandlung von Drittstaatsangehörigen sicherstellen, die sich im Hoheitsgebiet ihrer Mitgliedstaaten rechtmäßig aufhalten. Eine energischere Integrationspolitik sollte darauf ausgerichtet sein, ihnen vergleichbare Rechte und Pflichten wie EU-Bürgern zuzuerkennen. Zu den Zielen sollte auch die Förderung der Nichtdiskriminierung im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben und die Entwicklung von Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gehören.

19. Ausgehend von der Mitteilung der Kommission über einen Aktionsplan gegen Rassismus fordert der Europäische Rat, daß die Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verstärkt wird. Die Mitgliedstaaten werden auf die besten Praktiken und Erfahrungen zurückgreifen. Die Zusammenarbeit mit der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und dem Europarat wird weiter verstärkt. Darüber hinaus wird die Kommission ersucht, so bald wie möglich Vorschläge zur Durchführung des Artikels 13 des EG-Vertrags betreffend die Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorzulegen. Für die Bekämpfung von Diskriminierungen im allgemeineren Sinne werden die Mitgliedstaaten aufgefordert, einzelstaatliche Programme auszuarbeiten.

20. Der Europäische Rat erkennt an, daß eine Annäherung der einzelstaatlichen Rechtsvorschriften über die Bedingungen für die Aufnahme und den Aufenthalt von Drittstaatsangehörigen auf der Grundlage einer gemeinsamen Bewertung der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklungen innerhalb der Union sowie der Lage in den Herkunftsländern erforderlich ist. Er bittet daher den Rat um rasche Beschlüsse anhand von Vorschlägen der Kommission. Diese Beschlüsse sollten nicht nur der Aufnahmekapazität jedes Mitgliedstaats, sondern auch seiner historischen und kulturellen Bande mit den Herkunftsländern Rechnung tragen.

21. Die Rechtsstellung von Drittstaatsangehörigen sollte der Rechtsstellung der Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten angenähert werden. Einer Person, die sich während eines noch zu bestimmenden Zeitraums in einem Mitgliedstaat rechtmäßig aufgehalten hat und einen langfristigen Aufenthaltstitel besitzt, sollte in diesem Mitgliedstaat eine Reihe einheitlicher Rechte gewährt werden, die sich so nahe wie möglich an diejenigen der EU-Bürger anlehnen; z.B. das Recht auf Wohnsitznahme, das Recht auf Bildung und das Recht auf Ausübung einer nichtselbständigen oder selbständigen Arbeit sowie der Grundsatz der Nichtdiskriminierung gegenüber den Bürgern des Wohnsitzstaates. Der Europäische Rat billigt das Ziel, daß Drittstaatsangehörigen, die auf Dauer rechtmäßig ansässig sind, die Möglichkeit geboten wird, die Staatsangehörigkeit des Mitgliedstaats zu erwerben, in dem sie ansässig sind.

IV. Steuerung der Migrationsströme

22. Der Europäische Rat weist darauf hin, daß die Migrationsströme in sämtlichen Phasen effizienter gesteuert werden müssen. Er fordert die Durchführung – in enger Zusammenarbeit mit den Herkunfts- und Transitländern – von Informationskampagnen über die tatsächlichen Möglichkeiten der legalen Einwanderung sowie die Prävention aller Arten des Schlepperunwesens. Außerdem sollte eine gemeinsame aktive Politik im Bereich Visa und gefälschte Dokumente weiter entwickelt werden, einschließlich einer engeren Zusammenarbeit zwischen den EU-Konsulaten in Drittländern sowie bei Bedarf der Einrichtung von gemeinsamen EU-Visumstellen.

23. Der Europäische Rat ist entschlossen, die illegale Einwanderung an ihrer Wurzel zu bekämpfen, insbesondere durch Maßnahmen gegen diejenigen, die Zuwanderer einschleusen oder wirtschaftlich ausbeuten. Er drängt auf die Annahme von Rechtsvorschriften, die strenge Sanktionen zur Ahndung dieses schweren Verbrechens vorsehen. Der Rat wird ersucht, auf Vorschlag der Kommission bis Ende 2000 entsprechende Rechtsvorschriften zu verabschieden. Die Mitgliedstaaten sollten zusammen mit Europol ihre Bemühungen auf die Aufdeckung und Zerschlagung der beteiligten kriminellen Netze ausrichten. Die Rechte der Opfer derartiger Aktivitäten müssen gewahrt bleiben, wobei insbesondere die Probleme von Frauen und Kindern zu berücksichtigen sind.

[ Die hier weggelassenen Punkte 24. – 27. sind im originalen Text nachzulesen.]

Quelle: Hier (Text Europäischer Rat Tampere 1999)

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Ein paar private Wünsche (JR):

In begrüßenswerten Aktionen zur Überwindung der Missverständnisse zwischen alteingesessenen Bürgern unseres Landes und zugewanderten Menschen werden immer wieder die drei Religionsgemeinschaften der Christen,  Juden und Muslime genannt, als sei damit ein Ganzes erfasst, die Andeutung eines möglichen gemeinsamen Daches. Ich sehe darin ein stark exkludierendes Moment, nicht so sehr, weil Hindus und Buddhisten u.a. fehlen, sondern auch eine zahlenmäßig sehr bedeutsame Gruppe deutscher (und zugewanderter) Bürger, die sich nicht als Christen sehen und die sich keineswegs korrekt angesprochen fühlen, wenn etwa zu einer Musik „für Gläubige und Andersgläubige“ eingeladen wird. Auch wenn sie nicht an den Gott der drei genannten Religionen glauben, muss man damit rechen, dass sie nicht als „Andersgläubige“ und noch weniger als „Ungläubige“ bezeichnet werden wollen. Abgesehen davon, dass dies von echten „Gläubigen“ als erlaubte Diskriminierung der Anderen verstanden werden kann. Diese selbst verstehen sich vielleicht in erster Linie als Humanisten, Philosophen, Wissenschaftler, Agnostiker, Mystiker, – sie sollten es nicht einmal formulieren müssen. Menschen, die die sogenannten „letzten Fragen“ einfach offen lassen wollen, ohne deswegen mit irgendeinem Etikett einverstanden zu sein.

Es geht auch nicht um Mehrheiten oder Minderheiten, aber auch die könnte man emotionslos zur Kenntnis nehmen: über die Gültigkeit von Musikrichtungen wird ja ebenfalls nicht abgestimmt.

Es gibt etwa 4 Millionen Muslime in Deutschland (etwa 5 Prozent), 100.000 Hindus (0,1 Prozent), aber rund 25 Millionen Bundesbürger sind konfessionslos.

Verbindlich ist in jedem Fall das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.

Anlass zur Sorge? Ratespiel: Welche Religionen oder Weltanschauungen stecken hinter den Farben? (Auflösung folgt.)

Die Auflösung (im Uhrzeigersinn): 26: Evangelische Kirche, 28: Katholische Kirche, 37: Konfessionsfreie / ohne Religionszugehörigkeit, 2: Orthodoxe Kirche, 1: Sonstige Religionszugehörige, 5: Konfessionsgebundene Muslime, 1: Sonstige christliche Gemeinschaften.

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70 Jahre Menschenrechte – Info hier

Ich bin glücklich, dass ich fürs Wochenende noch die Süddeutsche gekauft habe, schon wegen des Leitartikels von Heribert Prantl. Titel: Exodus

Zitat (Text Prantl)

Der sogenannte Rechtspopulismus, eine verharmlosende und daher falsche Bezeichnung für eine gefährliche Sache, ist eine Entbürgungs- und Entrechtungsbewegung. Die Welt erlebt einen Exodus der Menschlichkeit.

Am global greifbarsten ist das bei den Problemen der Migration. Die maßlose Kritik am Migrationspakt, der nun zum Jubiläum der Menschenrechte in Marrakesch unterschrieben werden soll, zeigt das deutlich. Der Pakt sagt im Kern, dass Menschen auch dann Menschen sind und bleiben, wenn sie Flüchtlinge, Migranten, Aus- und Einwanderer sind. Er besagt, dass es gut wäre, die Lebensverhältnisse in den Herkunftsländern so zu verbessern, dass Menschen nicht mehr fliehen müssen. Und er besagt, dass die Völkergemeinschaft es den Umherirrenden schuldig ist, sie nicht als Feinde zu behandeln. Es zeugt von der Krise der Menschenrechte, dass die Völkergemeinschaft sich, anders als vor 70 Jahren, darauf nicht mehr einstimmig einigen kann – weil sie sich immer weniger als Gemeinschaft versteht.

Man wird das 21. Jahrhundert einmal daran messen, wie es mit den Flüchtlingen umgegangen ist. Man wird es daran messen, welche Anstrengungen unternommen wurden, um entheimateten Menschen wieder eine Heimat zu geben. Man wird es daran messen, wie es mit den Menschenrechten umgegangen ist.

JR: Glücklicherweise kann man den vollständigen Kommentar online aufrufen: HIER !

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ZITAT

[Es geht darumzu erkennen,] dass die europäische Debatte um Zuwanderung alles andere als eine eindeutige Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse ist. Es wäre falsch, alle Zuwanderungsgegner pauschal als „Nazis“ zu verunglimpfen, so wie es falsch wäre, allen Zuwanderungsbefürwortern vorzuwerfen, sie würden „kulturellen Selbstmord“ begehen. Deshalb sollte die Zuwanderungsdebatte nicht als kompromissloser Kampf um irgendeinen nicht verhandelbaren moralischen Imperativ geführt werden. Es handelt sich vielmehr um eine Diskussion zwischen zwei legitimen politischen Positionen, die durch gängige demokratische Verfahren entschieden werden sollte.

Gegenwärtig ist alles andere als klar, ob Europa einen Mittelweg findet, der es in die Lage versetzen würde, seine Tore für Fremde offenzuhalten, ohne durch Menschen destabilisiert zu werden, die seine Werte nicht teilen. Wenn es Europa gelingt, einen solchen Weg zu finden, ließe sich seine Formel vielleicht auch auf globaler Ebene anwenden. Wenn das europäische Projekt aber scheitert, wäre das ein Hinweis darauf, dass der Glaube an die liberalen Werte der Freiheit und der Toleranz nicht ausreicht, um die kulturellen Konflikte auf dieser Welt zu lösen und die Menschheit angesichts von Atomkrieg, ökologischem Kollaps und technologischer Disruption zu einen. Wenn sich Griechen und Deutsche nicht auf eine gemeinsame Bestimmung verständigen können und wenn 500 Millionen wohlhabende Europäer nicht ein paar Millionen arme Flüchtlinge aufnehmen können, welche Chancen haben die Menschen dann, die weitaus tieferen Konflikte zu überwinden, die unsere globale Zivilisation plagen?

Quelle Youval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert / Verlag C.H.Beck München 2018 (Zitat Seite 211f)

Ein Prinz aus dem Morgenlande

Was mir Angst macht, ist die Realität

Zum Beispiel ein Mensch wie dieser, der in einer Wikipedia-Biographie durchaus seriös gewürdigt wird: hier.

Über den in einer Weise gesprochen wird, dass man es nicht glauben mag. Und es stimmt doch. Bezeugt aus dem Munde eines Experten, dessen Aussagen sich schon früher als die glaubwürdigsten erwiesen haben. Siehe in diesem Blog hier.

Und gestern wieder in der ZDF-Sendung, über die man bisweilen abfällig reden hört. Aber genau dort erfährt man wieder dank der präzisen Eloquenz des Gastes (und seines Mutes!) in 20 Minuten alles, was man bisher noch nicht wahrhaben wollte: und zwar gleich im ersten Teil ab 3:12 (bis 24:30), abzurufen also – noch einmal –  hier. Wer ganz wenig Zeit hat (in lebenswichtigen Fragen?), starte bei 18:05. Vermutlich um dann nachträglich doch von ganz vorn zu beginnen.

Oder die knapp 3 Minuten von 12:53 bis 16:35.

 ZDF Screenshot JR

Ach was, ich brauchs schriftlich, um es zu behalten, und den 4. November schreibe ich mir in den Kalender!

ZITAT (Abschrift JR)

… (12:53 Lüders:) … machen wir uns doch nichts vor, in zwei, drei Monaten ist der Fall Kashoggi vergessen, und dann geht es weiter. Der amerikanische Präsident sagte ja klipp und klar: „Come on, wir haben für 110 Milliarden Dollar haben wir Waffengeschäfte unterschrieben und… das ist alles tragisch, was da geschehen ist in Istanbul, aber im Grunde genommen wir machen weiter wie bisher.“ LANZ Und im Zweifel, so habe ich das gelesen, exportiert man die Waffen dann halt nach Frankreich oder nach Grossbritannien und wohin auch immer, und dann finden die halt von dort aus ihren Weg nach Saudi-Arabien. LÜDERS Einmal das, und zum andern muss man sich immer vor Augen führen, dass bei aller berechtigten Kritik an diesem Regime in Saudi-Arabien, an dem man wirklich nicht viel Gutes lassen kann, – geopolitisch ist Saudi-Arabien von größter Bedeutung, es ist ja, wenn man sich mit dieser Region befasst, das Interessante, dass wirklich alles mit allem zusammenhängt: die USA führen jetzt,  einen Feldzug kann man sagen, gegen den Iran. Wie gesagt: alles hängt mit allem zusammen, am 4. November greift die nächste Sanktionsstufe gegen den Iran. Dann ist es aus amerikanischer Sicht illegal, überhaupt noch Geschäfte zu treiben mit dem Iran. Das bedeutet… LANZ Kein Land auf der Erde darf dann mehr, um das mal klar zu sagen, iranisches Öl beispielsweise kaufen, das ist illegal LÜDERS … kann schon, aber theoretisch würde dieses Land bzw. die Firma, die das dann tut, in den USA juristisch zur Rechenschaft gezogen, und das überlegt sich natürlich jeder dreimal, ob er das wirklich will, das heißt der Erdölexport des Iran wird zurückgehen um schätzungsweise 2 Millionen Barrel pro Tag, diese Summe muss aufgefangen werden, sonst explodieren die Preise an den Tankstellen, und Mohammed bin Salman hat Präsident Trump zugesagt: Kein Problem, wir machen das. Allein vor diesem Hintergrund mit dem Blick auf die Konfrontation, die die USA suchen mit dem Iran, braucht es die Unterstützung der beiden wichtigsten Verbündeten der USA in der Region, nämlich von Israel und Saudi-Arabien, und gerade diese Öl-Geschichte und diese engen wirtschaftliche Verflechtungen erklären eben auch, warum es keinen wirklichen Druck auf Saudi-Arabien nicht geben wird. Vergessen wir auch nicht – und das ist ein ganz interessanter Aspekt – als ich (….) für mein Buch „Armageddon im Orient – Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“ recherchierte über diese Zusammenhänge, bin ich selber fast vom Glauben abgefallen: die engen Beziehungen zwischen dem Schwiegersohn des US-Präsidenten, Jared Kushner und dem saudischen Kronprinzen MBS. Wenn man anfängt, sich damit auseinanderzusetzen, dann denkt man, man ist im Tollhaus. Es ist wirklich unglaublich, was es da für geschäftliche und politische Beziehungen gibt, und das… LANZ der Mann, den wir rechts im Bild sehen, und jemand, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, ist jemand, der nie gewählt worden ist, der kein politisches Mandat hat, LÜDERS … die einzige Funktion, die er hat, das ist sicher eine sehr ehrenwerte, aber gleichwohl: er ist der Schwiegersohn des US-Präsidenten, und ansonsten ist er nie in irgendein Amt gewählt worden , er ist keinerlei demokratisch legitimierte Person, aber er managed die amerikanische Politik im Nahen und Mittleren Osten, und er will zweierlei von Saudi-Arabien: er ist sozusagen ein Duzfreund von MBS, die beiden haben unheimlich viel Deals zusammen gemacht, und es gibt eben Hinweise darauf, dass (…) Jared Kushner, der Schwiegersohn des US-Präsidenten, auch MBS Hinweise gegeben hat mit Blick auf Oppositionelle in Saudi-Arabien. Das ist natürlich kein netter Zug, aber das Entscheidende ist, dass MBS bereit ist, bereit ist, für die USA nicht nur in Sachen Iran eng zusammenzuarbeiten, sondern der Jahrhundert-Deal, den die Amerikaner vorbereiten, mit Blick auf einen Friedensschluss zwischen Israel und den Palästinensern, der ein Friedensschluss sein wird, ohne die Interessen der Palästinenser besonders zu berücksichtigen, den wiederum soll MBS, der saudische Kronprinz gegenüber den Palästinensern durchsetzen. Wenn man sieht, wie hier die Gefechtslage ist, dann kann MBS davon ausgehen, dass das für ihn natürlich ein Public Relations Desaster ist, was er ja selbstverschuldet angerichtet hat, aber es würde mich sehr sehr wundern, wenn die Amerikaner ihn fallen ließen… 16:35

Quelle ZDF-Sendung Markus Lanz 23. Oktober 2018 (unter den oben angegebenen Links in der ZDF-Mediathek verfügbar bis 22. November 2018). Auf Youtube (darüber hinaus) hier.

Nach dem Aufwachen

Provisorische Konstruktionen

Als erstes fiel mir morgens eine alte Beobachtung ein, die vielleicht universale Bedeutung hat: dass Bach (bzw. jeder Barockkomponist) nie oder selten ein Stück schreibt, indem er nicht zu allererst die Tonika mit einer Kadenz festigt. Das Fundament muss stehen. Ganz genau so verfährt der indische Musiker: die ersten – sagen wir – 20, 30 Sekunden dienen dazu den Grundton Sa zu etablieren (auch wenn dies durch das Einstimmen eigentlich bereits geschehen ist), ihn zu einem Nukleus weniger Töne zu erweitern und ausdrücklich zu ihm zurückzukehren. Dies festzustellen ist eine Banalität, beruhigt mich aber und erweitert augenblicklich meine Perspektive.

Beispiel Bach (BWV 1007):

In beiden Beispielen ist der Status des Anfangs in Takt 4 wiederhergestellt, oder besser gesagt: begründet und mit einer minimalen Variante versehen, die den Status in einen Motus verwandelt. Im ersten Beispiel dadurch, dass anstelle des zweiten Tones D ein G tritt und vor allem dadurch, dass als letzter Ton dieses vierten Taktes ein Fis auftritt, das hinausweist, und es will nicht nur hinaus, sondern zum E. Und nun geht es „los“.

Im zweiten Beispiel ist es die Wiedergewinnung  des Tones H, der am Anfang stand, sowie der Abstieg zum tiefsten Ton G, und dies in Zweiergruppen, also einer neuen Bewegungsart, einem Motus der Unruhe; dass er weiterstrebt, weitertreibt, erfährt man spätesten auf dem Dis, dem nächsten Halteton nach dem tiefen G; und vor allem durch das „Echo“ der wiederum absteigenden Zweiergruppen in Takt 6. (Das lockere Versprechen, dass dies ein bleibendes Motiv sei, wird nicht eingelöst…)

Ähnlich geht es mit den Phänomenen, die ich des öfteren – nicht ohne mich gleichzeitig zu distanzieren – benenne: Stichworte wie „Assoziation“ oder „Koinzidenz“. Ich muss ihnen kurz nachgehen, weil sie Zusammenhang schaffen, und sei es ganz provisorisch: die Vorstellung, jeder Punkt des Wissens (um die Welt) stehe für sich und die Hoffnung, jemals alle Mosaiksteinchen zu einem wenn auch vorläufigen Muster nebeneinanderzulegen, sei kindlich und diene der Illusion eines vergangenen, harmonischen Weltbildes, – das mag so sein, behindert andererseits aber nicht die Arbeit an einzelnen Themen. Im Gegenteil, es beflügelt und motiviert. Und sei es nur zu einem Ausflug ins Internet, verschiedenen Wikipedia-Punkten, fast so wie man sich früher ins Lexikon vertiefte und am Ende kaum noch wusste, wo der Ausgangspunkt war. Zum Beispiel hätte ich der folgenden punktuellen Erinnerung nie ein besondere Bedeutung beigemessen:

Der Blick (aus dem Kinderzimmer) auf die Pauluskirche in Bielefeld, gegenüber der Kindergarten, weiter hinten das Gemeindehaus, in dem die Kirchenchorproben stattfanden; es muss etwa um 1952 gewesen sein. Jemand von dort drüben hat mir ein einfaches, für mich hochkompliziertes Filmvorführgerät ausgeliehen, dazu eine Reihe kleiner Spulen mit Filmen. Mir sind Szenen mit Charlie Chaplin in Erinnerung geblieben, die wir unglaublich lustig fanden, also Stummfilmszenen, z.B. Chaplin als Kellner: er versucht  dem feingekleideten Gast ein gebratenes Hähnchen in einem Gartenrestaurant zu servieren, was aber nicht ohne weiteres gelingt. Der Gast reklamiert, es lasse sich nicht schneiden. Chaplin will demonstrieren, dass es sehr wohl möglich ist, dabei macht sich aber das Hähnchen selbständig und landet im hohen Bogen am Nebentisch auf dem Schoß einer vornehmen, sehr beleibten Dame, die heftig erschrickt, sich vom Tisch abstößt und rücklings in den Büschen landet. Wie auch immer, Szenen dieser Art, damals von meinen Eltern als unter Niveau behandelt – heute würde ich es nicht bei der punktuellen Erinnerung belassen, sondern nach ihnen auf Youtube fahnden. Es war nicht einfach „Stummfilm“, sondern Kindheitserinnerung (mit eigener imaginärer „Akustik“). Nebenbei hätte ich mich an Marcel Marceau erinnert, den meine Eltern auf der Bühne erlebten und lobten (ohne eine Verbindung anzudeuten oder zuzulassen). Usw. – aber nie hätte ich geahnt, das all dies damals einen Zusammenhang mit Richard Wagner offenbaren könnte, was mir erst jetzt, aufgrund des Aufsatzes von Mathias Spohr, in den Sinn kam. Pantomime! Melodram! Natürlich kannte ich das inzwischen alles, aber die Worte motivierten mich nicht. Die erste Reaktivierung fand statt durch die alten Noten, die Freund Konrad auf den Flügel gelegt hatte, er konnte damit nichts anfangen konnten; ich auch nicht, behandelte sie aber mit Vorsicht, weil es sich um eine späte Komposition von Robert Schumann handelte. Was hatte er nur daran finden können? Was hat er sich vorgestellt? Balladen von Hebbel, als Melodramen, Klaviermusik, die zur Rezitation der Texte gespielt werden soll. Bedeutend fand ich das nicht. Erste motivierende Idee: Vielleicht gab es damals noch eine völlig andere, „übertriebende“ Kunst des gesprochenen Wortes, mit notwendigem Pathos, mit aufgerissenen, rollenden Augen und übertriebenen Gesten, uns völlig fremd, aber authentisch, ähnlich wie die rekonstruierte Aufführung der Lully-Oper, die ich auf DVD bestaunt hatte.

Und nun die dringlichen Stichworte aus dem Aufsatz über Wagners „Lehrmeister“, interessant weit über Wagner hinaus, zu dem, was in der Zeit vor und um 1800 eine Riesenrolle gespielt hat (ich denke an die seltsamen Gesellschaftsspiele bei Schubert „Tableaux vivantes“), dann allmählich zurücktrat und dann völlig in der Versenkung verschwand, mit der Folge, dass wir auch nicht mehr im geringsten ahnen, welche Bedeutung diese Phänomene einmal hatte, Vor- und Nebenformen des Bühnen-Dramas, sagen wir: zur Verlebendigung des Lebens.

Und nun auch: meines Leben …

Huawei-Fotos JR Texel 16.10.2018

Wieviele werden kommen?

„Sie werden aus Saba alle kommen“

ZITAT (ein syrischer Komponist, der seit 18 Jahren in Deutschland lebt)

Zuerst ist es die logische Folge, die ich gerade sehe; vor 15 Jahren oder so habe ich es von meinem Vater gehört, er meinte, das wird so sein: Die werden kommen, die werden alle kommen, so wie bisher funktioniert’s nicht, die werden alle kommen. Es geht nicht mehr um Flüchtling und Asyl oder so, es wird eine Völkerwanderung geben. Er meinte, so wird’s nicht bleiben, die werden kommen. Das ist keine Prophezeiung, das ist wie gesagt eine logische Folge. Eins.

Das zweite Gefühl ist: was kann man mit diesen armen Menschen jetzt anfangen? Ich weiß es wirklich nicht, ich sehe sie überall. Es gibt diese Art unsichtbare Verbindung zwischen den Leuten, die aus Syrien, Libanon und Irak kommen und mir, obwohl ich jetzt seit mehr als 18 Jahren weg bin von der Heimat.

Und das dritte … es ist peinlich zu sagen – aber: Ist das wahr, dass wir auf diesem Niveau landen [müssen]? Denn ich kann jetzt nicht darüber sprechen, dass sie nur Opfer sind. Auch über mich, ich spreche jetzt auch über mich, obwohl die Umstände verschieden sind, damals und jetzt, aber … in einer Kette. Und ich schäme mich ein bisschen. Ist das wahr, dass wir auf diesem Niveau landen? Dass wir so zerstreut sind überall hin … dass es bei uns an sehr vielem fehlt und wir wirklich keine Basis für eine Heimat, ein internationales Gefühl haben, überhaupt kein nationales Gefühl… Und allmählich verstehen wir mehr und mehr, aber leider immer zu spät. Wir sind keine Philosophen, um das Ganze zu verstehen.

Ich habe das Interview, das Wolfgang Hamm 2015 mit Saad Thamir geführt und in einer WDR-Sendung veröffentlicht hat, im Dezember 2016 aufgeschrieben und  in einem Artikel festgehalten (hier), einiges ist mir für immer ins Gedächtnis gegraben, gerade in dem schwermütigen Tonfall des Mannes, den ich bei einem Dreiergespräch im Café des Kölner Museums Ludwig auch persönlich kennengelernt hatte.

Später habe ich die Bach-Kantate 62 „Sie werden aus Saba alle kommen“ rekapituliert und in den neuen Zusammenhang hineinphantasiert: hier.

Und es jetzt fiel mir all dies wieder ein, als ich in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ den Artikel „Wir schaffen es nicht“ las (27. September 2018). Der Autor Stephen Smith, der an der Duke-Universität in den USA Afrikanistik lehrt, hat ein Buch geschrieben, das Emanuel Macron zur Pflichtlektüre erklärte: „Nach Europa! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent“. Es wird in diesen Wochen auch in Deutschland erscheinen.

Dem ZEIT-Interview nach sagt er – ausgehend vom Asylkompromiss der großen Koalition in Berlin -, Europa müsse schon innerhalb der nächsten 30 Jahre mit 150 bis 200 Millionen neuen Einwohnern mit afrikanischem Migrationshintergrund rechnen.

ZITAT (Stephen Smith)

Die Lage lässt sich einfach beschreiben. Es gibt heute 500 Millionen Westeuropäer, auf der anderen Seite des Mittelmeers leben 1,3 Milliarden Afrikaner. Schon im Jahre 2050 werden es 2,5 Milliarden Afrikaner sein. Und zwar sehr junge Afrikaner, zwei Drittel von ihnen werden unter dreißig sein. Die Westeuropäer werden dagegen sehr alt und nur noch 450 Millionen sein. Schon die nackten Zahlen lassen also einen ungeheuren Migrationsdruck erkennen.

Quelle DIE ZEIT 27. September 2018 Seite 50 „Wir schaffen das“ Millionen kommen, doch es kümmert niemanden: Der US-amerikanische Afrikanist Stephen Smith über den bevorstehenden Ansturm afrikanischer Flüchtlinge auf Europa /  Interview: Georg Blume.

Um diese Zahlen bedrohlich zu finden, muss man nicht der AfD angehören. Natürlich sieht Smith das nicht anders als jeder Mensch, die die Zukunft nicht rassistisch, sondern realistisch ins Auge fasst. Stephen Smith:

Ich glaube mit Hans Magnus Enzensberger, dass man sich nicht vor Applaus vn der falschen Seite fürchten darf. Aber Marine Le Pen hätte meinem Buch einen anderen Titel gegeben: „Die schwarze demografische Bombe“ zum Beispiel. Sie hätte damit Angst schüren wollen. Das liegt mir fern. In Frankreich lebten in den 1920er Jahren nur 3000 Schwarzafrikaner, heute sind es Millionen. Trotzdem sage ich: Frankreich ist immer noch Frankreich.

Angst zu schüren ist ein probates Mittel der rechten Politik. Und ich sage auch nicht, was schert mich das Jahr 2050, dann bin über 100 Jahre und werde, auch wenn ich Glück habe (oder wie soll ich das nennen?), nicht mehr viel bewegen. Aber eins weiß ich heute schon: nicht die Schwarzafrikaner in Europa werden unsere Enkel beunruhigen (nebenbei: die beiden besten Freunde meines Enkels haben schwarzafrikanische Eltern), sondern die globalen, klimatisch bedingten Katastrophen werden die Menschheit insgesamt in Schrecken versetzen.

Ich werde überhaupt keine Analyse, kein Buch mehr ernst nehmen, das den Klimawandel ignoriert, jedoch die Bevölkerungsverschiebungen durch Migration als Hauptproblem der Zukunft beschreibt.

Bevor ich mich weiter dem Smith-Interview widme, registriere ich eine andere Sicht der gleichen Probleme, eine „linke“ Sicht (wobei zu vermerken ist, dass die „bürgerlichen“ Zeitungen zumeist eine Zahl-Schranke vor dem online-Portal präsentieren), nämlich hier.

Im übrigen nehme ich ein neues Buch sehr ernst, das sich als „terrestrisches Manifest“ begreift. ZITAT:

Migrationen, Explosion der Ungleichheiten und Neues Klimaregime ein und dieselbe Bedrohung. Die meisten unserer Mitbürger unterschätzen oder leugnen, was der Erde widerfährt, sind sich aber der Tatsache, dass die Migration ihre Träume von gesicherter Identität gefährdet, vollkommen bewusst.

Zur Zeit sehen sie, von den sogenannten „populistischen“ Parteien stramm bearbeitet und aufgewiegelt, nur die eine Dimension der ökologischen Mutation: dass sie Menschen über ihre Grenzen treibt, die sie nicht wollen. Also denken sie sich: „Machen wir die Grenzen dicht, damit entgehen wir der Invasion!“

Die andere Dimension dieser Veränderung haben sie noch nicht so deutlich zu spüren bekommen: Das Neue Klimaregime fegt seit Langem schon über alle Grenzen hinweg und setzt uns allen Stürmen aus. Und gegen diese Invasoren sind unsere Mauern machtlos.

Wenn wir unsere Zugehörigkeiten und Identitäten verteidigen wollen, müssen wir auch diese form- und staatenlosen Migranten identifizieren, die da heißen: Klima, Bodenerosion, Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit, Habitatzerstörung. Selbst wenn ihr die Grenzen vor den zweibeinigen Flüchtlingen dicht macht, die anderen werdet ihr nicht aufhalten können.

„Ist denn niemand mehr Herr im eignen Haus?“

Nein, in der Tat. Weder die Souveränität der Staaten noch die Undurchlässigkeit der Grenzen sind noch in der Lage, Politik zu ersetzen.

„Aber dann ist ja alles offen; dann müssen wir draußen leben, vollkommen schutzlos, von Sturmwinden gebeutelt, vermischt mit allen, gezwungen, um alles zu kämpfen, ohne irgendwelche Sicherheiten, müssen pausenlos den Ort wechseln, auf jede Identität, allen Komfort verzichten? Wer kann denn so leben?“

Niemand, ganz richtig. Kein Vogel, keine Zelle, kein Migrant und kein Kapitalist. Selbst Diogenes hat Anrecht auf eine Tonne, der Nomade auf sein Zelt, der Flüchtling auf sein Asyl.

Glaubt denen keine Sekunde, die von der großen weiten Welt faseln, davon, aufs „Risiko zu setzen“, alle Sicherheitsnetze sausen zu lassen, und die weiter mit großer Geste auf den endlosen Horizont der Modernisierung für alle zeigen; diese scheinheiligen Apostel nehmen selbst dann nur Gefahren auf sich, wenn Komfort garantiert ist. Statt zu lauschen, was sie nach außen von sich geben, schaut lieber, was da auf ihrem Rücken glänzt: der sorgfältig gefaltete goldene Fallschirm, der sie vor allem Unbill der Existenz schützt.

Quelle Bruno Latour: Das terrestrische Manifest / edition Suhrkamp Berlin 2018 (Zitat S.18f)

(Fortsetzung folgt)

Unser „Point of no return“

Was der Natur-Aktivist Dirk Steffens dazu sagt

In der ZDF-Sendung Markus Lanz am 11.9., hier abrufbar bis 11.10. 2018 (Niederschrift  JR unkorrigiert; ohne Gewähr.) Siehe auch Harald Lesch hier.

Ab 42:45 Es geht zunächst um den Hambacher Forst. [Mehr dazu in der ZEIT HIER.]

 Screenshot ZDF-Sendung 41:39

MARKUS LANZ: Da passiert etwas, wir setzen da auf eine Energieform, von der wir eigentlich alle wissen, das ist nicht die Zukunft, sondern im Gegenteil, im Zweifel auch unser Untergang.

DIRK STEFFENS: Man muss für den Hintergrund vielleicht kurz erwähnen, in Berlin tagt gerade die sogenannte Kohle-Kommission. Das ist ne Kommission, da sitzen auch Umweltorganisationen drin und die verschiedensten Verbände und Interessengruppen, und die sollen darüber reden, wie man verträglich aus diesem Braunkohleabbau aussteigen kann, weil jeder Mensch auf der Welt weiß, das ist nicht die Technik der Zukunft, weil sie extrem klimaschädlich ist. Jetzt wissen wir alle: Deutschland hat sich lange als Klimaweltmeister gefeiert, aber Deutschland ist inzwischen – das war es früher nicht – Deutschland ist inzwischen der größte Braunkohleverfeuerer der Welt. Wir verfeuern mehr Braunkohle als China, das ist total verrückt (weil die Steinkohle verfeuern? Oder warum?), ja weil die andere Energieformen auch nutzen, die haben natürlich fürchterlichen Smog da (Braunkohle ist vom Wirkungsgrad noch schlechter), wir verfehlen ja krachend alle unsere Klimaziele in Deutschland, und Deutschland hat in den vergangenen 9 Jahren genau gar nichts an CO²-Emissionen eingespart, trotz all der Bemühungen, denn gefühlt, sein wir doch mal ehrlich, jeder von uns hat das Gefühl – die Autos werden immer sparsamer, ich dämme meine Fenster, die Heizung, alles wird immer besser, (die Windräder werden mehr), genau, die Windräder werden mehr, aber was ist passiert, wir haben genau NICHTS erreicht, und das Resultat ist NULL. Und jetzt beantragt ein Energiekonzern genau in den Wochen, in denen diese Kohlekommission in Berlin sitzt, um einen verträglichen Ausstieg zu verhandeln, JETZT RODEN WIR. Und das lockt jetzt natürlich all die radikalen Umweltschützer, die natürlich schlecht sind für die Umweltschützersache an. Also wenn ich jetzt n G20-Radikalinski wäre und hätte mal wieder Lust auf richtig Randale, dann würde ich sagen „Danke, RWE, ich weiß jetzt, wo ich hinfahren muss.“ Denn ab Oktober darf da gerodet werden. Und es ist einfach politisch unverantwortlich, RWE hat rechtlich natürlich alles auf seiner Seite, denn das ist n rechtlich klarer Fall, die dürfen das! Aber politisch ist es wirklich unverantwortlich. 44:44 (Du sagst: das ist wie n Honigtopf…)

Ja! es ist so überhaupt nicht notwendig, es in diesem Moment zu tun, also: RWE sagt zwar, uns gehen die Kraftwerke aus, weil wir dann nichts mehr zu feuern haben, aber alle andern sagen: drei bis vier Jahre reichts noch locker, was wir noch auf der Halde haben, und Deutschland exportiert ja sogar Strom. Es ist ja nicht so, dass hier morgen alle Lichter ausgehen würden, und das Unverantwortliche ist natürlich auch dadran, das ist ja ein sehr politisches Thema im Augenblick, Frau Nahles hat ja zum Beispiel gesagt, es sei eine Blutgrätsche gegen die Arbeitskräfte! Aber die eigentlich Blutgrätsche ist ja, dass wir Arbeitskräfte, – von denen jeder weiß, dass sie keine Zukunft haben -, noch ne Zeit lang künstlich am Leben erhalten, aus kurzfristigen politischen Interessen, und den Leuten keine Zukunftsperspektive mehr bieten. Also wenn ich da leben würde und hätte n Job, von dem ich weiß, o.k., jetzt bis zur nächsten Wahl werde ich vielleicht gepempert, aber danach werde ich dann sowieso arbeitslos, dann würde ich doch von Politikern erwarten, dass eine echte Zukunftsperspektive geboten wird. Und in erneuerbaren Energien arbeiten heute sowieso schon viel mehr Leute als in der Braunkohle. (Ja, ….) Volkswirtschaftlich sinnlos, aber für den Betrieb kurzfristig, betriebswirtschaftlich sinnvoll. 45:50

ML Du bist doch häufig auch im Gespräch mit Politik und tauschst dich auch aus mit… was passiert denn da eigentlich. Ich weiß z.B., dass ein großer Konzern wir Daimler, ich meine, deutsche Ingenieure, ich meine, Auto-Ingenieure sind die talentiertesten dieses Planeten (ohne Frage!) ich frage mich immer, wo da dieser deutsche Pioniergeist, den es mal gab, dieser Aufbruch…

DST Man müsste den nur triggern… Nachhaltiges Handeln muss sich auch wirtschaftlich mehr lohnen als nicht nachhaltiges, und sofort würde sich dieser Ingenieursgeist wieder Bahn brechen. Da bin ich mir ganz sicher. (Beifall 46:19) Man müsste politisch dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen wieder so sind, dass man das quasi neu entfacht.

Das ist ja in allen Bereichen: auch in der Landwirtschaft, was ja für unsere Ökologie in Deutschland ganz wichtig ist, du bekommst als Bauer mehr Subventionen, wenn du möglichst große Flächen hast. Du bekommst weniger Subventionen, wenn du nachhaltig wirtschaftest. Also: mit Staatsgeldern wird hier natürlich die Richtung vorgegeben. Und solange einfach großes, industrielles Wirtschaften in der Landwirtschaft gesponsert wird, und nicht das nachhaltige kleinere, müssen wir uns nicht wundern…

ML Also tipping points oder Kipp-Punkte… Das ist auch so’n anderes Schlagwort in dem Zusammenhang. Erklär das mal aus deiner Sicht. Was droht da? 47:00

DST Der Begriff kommt aus der Klimaforschung und gilt aber auch für andere ökologische Zusammenhänge. Also n berühmter tipping point … also das sind so Kipp-Punkte, man muss sich das so vorstellen: es gibt da Entwicklungen, wie auf ner Wippe, man geht da auf einer Seite der Wippe hoch, es passiert lange nichts, außer dass ich hochgehe, und irgendwann bin ich in der Mitte, und dann macht es BAMM. Und das gibt es in der Wissenschaft bei Erdsystemen (?) auch. Wenn wir z.B. durch die Autoindustrie CO² emittieren, wird die Atmosphäre ein bisschen wärmer. Wenn es ein bisschen wärmer wird, taut in den Arktisregionen der Permafrostboden, – also das ist Boden, der das ganze Jahr über durchgefroren ist. Da drin sind aber organische Stoffe, wenn die auftauen, vergammeln die, und dann wird Methan frei. Methan ist n anderes Gas, und Methan ist über 20 mal klimaschädlicher als CO² , und das heißt: man macht n bisschen wärmer, dadurch wird ein natürlicher Prozess angestoßen, der es dann viel wärmer macht und den man dann nicht mehr bremsen kann. Und wenn dieser Methan…turbo mal anspringt, so richtig, in der Arktis, dann würde es auch gar nichts mehr bringen, wenn wir Menschen überhaupt kein Kohledioxyd mehr emittieren, weil dann die Entwicklung von alleine weiterläuft. Die ist dann nicht mehr zu stoppen. (kipping point!) Ja, und dann geht ein stabiles System ins Chaos über, wissenschaftlich betrachtet, und das sind dann die Katastrophen, die wir alle nicht wollen. (Tipping point – das hat sich durchgesetzt, das so zu nennen – es gibt aber noch ganz ganz viele…) Ja, im Regenwald! (Im Regenwald!? Das kannte ich nicht. Erzähl das mal!)

Die großen Regenwälder wie der Amazonasregenwald, die binden unglaubliche Mengen an Wasser. Wenn sich nun aber durch Abholzung, Wasserabbau, die Verdunstung, der Niederschlag, der Verbrauch von Wasser verändert, dann trocknen diese Regionen weitgehend aus. In diesen Wäldern sind unglaubliche Mengen von Treibhausgas gebunden, wenn diese Wälder also sterben, dann werden allein durch das Sterben der Wälder wieder unglaubliche Treibhausgasmengen freigesetzt, und das ist auch so’n Kipp-Punkt: wenn es noch n bisschen wärmer wird, und der Regenwald funktioniert nicht mehr so wie bisher, dann macht es plötzlich bumm, und wir haben plötzlich viel Treibhausgas in der Atmosphäre, dann wieder auch ohne menschlichen Einfluss. 49:00

ML Solche Kipp-Punkte gab es ja in der Geschichte der Menschheit immer wieder… Beispiel?

DST Naja, wir haben ja Warmzeiten gehabt, immer wieder, auf der Erde, wir haben ja auch kalte Zeiten gehabt auf der Erde, wir haben ja auch fünf mal immer wieder Massenaussterben gehabt durch solche Einflüsse. Also das kann zum Beispiel auch n Vulkanausbruch sein, der soviel Schwefel oder andere Stoffe in die Atmosphäre gibt, dass dann was Schlimmes passiert. Das hat es übrigens – und das ist ein großes Missverständnis in der Politik – wir leiten ein Ereignis immer nur zurück auf Frauen und Männer, die irgendwann irgendwelche Entscheidungen getroffen haben. Aber wenn du beispielsweise an ein historisches, ein welthistorisches Ereignis wie die Französische Revolution, dann hat die auch was mit Ökologie zu tun. Die Menschen waren arm, und dann ist am andern Ende der Welt n Vulkan ausgebrochen, es gab vulkanische Winter, es gab, auf die Armut von Menschen draufgesetzt, dann noch Missernten, die ökologische Ursachen hatten. Dann wurde aus Armut fürchterlicher Hunger, und dann explodiert ein politisches Pulverfass.  [Mehr dazu HIER JR]

Auch unsere Flüchtlingskrise hat natürlich etwas mit Ökologie zu tun, Syrien hatte jahrelang Dürre, das hat die wirtschaftlichen Bedingungen vor Ort verstärkt, bevor der Bürgerkrieg ausbrach. Und wenn wir uns mal vorstellen, wieviel Hunderte von Millionen Menschen, die in Indien, in Bangladesh, auf den Malediven, die vielleicht nur ein zwei Meter über dem Meeresspiegel liegen, wenn die Meere ansteigen, wenn die ökologische Katastrophe weitergeht, dann wird das ganz schnell Weltpolitik. Und das wird leider immer ausgeblendet, wir reden über die Themen so, als wäre das nur ne Verhandlungsfrage, als müsste man nur sagen: „na, wir machen jetzt n anderes Einwanderungsgesetz, und dann ist das Problem vorbei.“ Wir müssen jetzt endlich mal lernen, das im Gesamtkontext zu sehen, wo der Mist eigentlich herkommt, der uns jeden Tage vor die Füße fällt. (50:36 Beifall)

ML An welchem Punkt … Dirk, an welchem Punkt kommt in dem Zusammenhang die Rippenqualle ins Spiel?

DST Ja, die Rippenqualle, ein bisschen das Problem, das hört sich dann plötzlich so albern an, die Rippenqualle! Die Rippenqualle ist ne ganz hübsche Qualle, die hat so (du hast so’n paar Bilder mitgebracht) ja, die Bilder kucken wir uns mal an: das ist noch keine Rippenqualle, Quallen gelten als Indikatoren für den Zustand der Meere, wenn es viele Fische gibt und Meeressäuger, die fressen Quallen, also wenn man die Fische zu sehr wegfängt, dann verquallen unsere Meere. Es gibt dann immer mehr. Und Rippenquallen hat es früher – das ist auch noch keine Rippenqualle – (auch schöne Tiere) – hier sehen wir jetzt die erste Rippenqualle in der Ostsee, wo sie eigentlich nicht hingehört. Das heißt, das ist ein Tier, das als Bioinvasor bei uns in eine Gegend nach Deutschland gekommen ist, wo es früher nicht gelebt hat. Durch äußere Umstände, weil es vielleicht im Wasser der Schiffe mitgefahren ist, oder durch Erderwärmung. Und diese Rippenqualle vermehrt sich jetzt, sie kann 15.000 Nachkömmlinge pro Tag erzeugen, das ist ne unglaubliche Zahl, und diese Wissenschaftlerin, die wir da so’n bisschen andeuten, hat hier z.B. Dorscheier in die Nähe der Rippenqualle gebracht, und die Rippenqualle frisst keine Dorscheier, das ist ne gute Nachricht. Aber dann hat sie ganz kleine Dorschlarven – da unten sehen wir eine – zu den Quallen gesetzt, und da sehen wir, was passiert: die Qualle frisst die. Und wenn wir nun n Jäger haben, der unsere sowieso schon bedrohten Dorschbestände noch im Babystadium auffrisst, dann kriegen wir noch n zusätzliches Problem mit Überfischung, auch da kann es natürlich n Kipp-Punkt geben. Wenn es irgendwann so wenig Dorsche gibt, dass die sich zur Befruchtung nicht mehr finden, dann bricht der Bestand von klein auf ganz zusammen.

ML Das ist das, was du meinst, wenn du sagst, du bist hier an dem Punkt, wo es egal ist, (ja!) was wir tun.

DST Und das ist n Missverständnis, es ist kein Gradient, es ist keine Ebene, die man hochgeht, sondern irgendwann an den point of no return, und da wollen wir nicht hin! Keiner kann seriös genau sagen, was dann passiert, egal, ob mit Klima, mit Ökologie, mit Artensterben, es gibt niemand, der sagt, dass er diesen point of no return erleben möchte. (Plastikmüll ist gerade so’n Riesenthema, in dem dieser junge Holländer…) Ja! Boyan Slat. (… der jetzt in der San Francisco Bay, glaube ich, die ersten Experimente macht, ja? Den Versuch sozusagen, Plastik aus dem Meer zu fischen. Ich find’s faszinierend, dass jemand in der Lage ist, … ist n sehr junger Mann …) so Mitte 20 (so: der entwickelt diese Idee, der sammelt Geld von Investoren, das mein ich! Wieder der amerikanische Pioniergeist, sagen o.k., sind wir dabei, unterstützen wir… du sagst aber: dennoch bin ich da eher skeptisch bei dem Versuch auf diese Art da Plastik aus dem Meer…). Ja, da muss ich wissen, dieser Schlauch, den er da hat, mit diesem Vorhang, der soll das Plastik einsammeln, der ist 600 Meter lang, kann man sagen: 600 Meter und die Größe der Ozeane, rein rechnerisch, das bringt gar nichts. Würde er jetzt antworten: wir ziehen das aber in die Regionen, wo sich Plastikinseln, Plastikansammlungen gebildet haben. Aber – das wenigste Plastik treibt an der Oberfläche. Wir haben etwa 140 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen. Das ist … genau! – weil man sichs nicht vorstellen kann …wenn man n Güterzug damit beladen würde, mit diesem Plastik, dann würde der von hier bis zum Mond und halb zurück reichen. So … soviel Müll (da kommt Frau Winterling wieder ins Spiel) genau! Soviel Müll ist in den Meeren und wenn man dann mit nem kleinen Vorhang die oberen drei Meter abfischen… und auch nicht weiß, was das mit der Ökologie an der Oberfläche macht, dann ist das ne gute Show, die Sinn macht, weil sie das Thema in die Diskussion bringt, aber das löst das Problem überhaupt nicht. (Und gibt’s auch da so einen Kipp-Punkt?) Bei Plastik ist das schwer zu sagen, weil wir ja nicht wissen… Plastik zersetzt sich ja dann, wird zu Mikroplastik, Mikroplastik ist alles, was kleiner ist als 5 Millimeter. Das wird aber auch ganz klein, und dann fressen Muscheln das, dann fressen Krebse das, dann die Fische, und wir wissen nicht, was dieser Kunststoff in unsern Körpern macht, Kunststoff selbst ist dann als anorganisches Material nicht so schädlich, aber da sind ja Weichmacher drin, Farbstoffe, und ganz ehrlich: ich möchte das nicht essen. (Fruchtbarkeit der Frauen usw. ganz viele Themen. Wir haben ja auch da immer so subjektiv das Gefühl: Plastik, da sind wir jetzt gar nicht so schlimm, wir Deutschen.) Wir sind der größte Plastikverbraucher in Europa! So wie wir der größte Braunkohleverfeuerer sind, so auch der größe Plastikverbraucher, und bis vor ein paar Jahren hatten wir’s ja bequem, wir haben ja dieses ganze Plastik verbraucht, wir haben n ganz gutes Einsammelsystem, also die Entsorgungsindustrie … oder … Einsammelindustrie … wir haben das nach China exportiert! Also wir haben den Müll, diesen Plastikmüll nicht wirklich recycelt, die Quote ?? gering, sondern wir exportieren dies in arme Länder, die dann daraus mehr oder weniger gut irgendwas machen. Und das ist natürlich ne ganz schwierige wirtschaftliche Verflechtung, ganz sicher nicht umweltfreundlich. Und dann gibt’s noch andere Sachen, die man bisher nicht wusste, das ist Mikroplastik, allein durch Autofahren in Deutschland – Autofahren! Was man ja gewöhnlich nicht aufm Meer tut, sondern auf Straßen irgendwo im Inland – gibt’s Abrieb von den Reifen, das ist Mikroplastik, und das sind ungefähr 100.000 Tonnen im Jahr. Und durch Regen wird das in die Flüsse gespült, und durch die Flüsse geht das ins Meer. Und das sind Probleme, die man vor kurzem noch gar nicht kannte, und hier haben wir wieder den Affen, der im Atomkraftwerk sitzt und russisches Roulette spielt. Intelligent genug, die Pistole zu bedienen, aber wir wissen nicht, was für Folgen das hat.

(O.Lafontaine: Die Kernfrage ist ja, ob in unserer Wirtschaftsordnung, die wir jetzt haben, das Problem noch zu lösen ist. Da würde mich ihre Frage [Antwort] mal interessieren!) 56:06

DST Ja, jetzt bin ich ja 50 Jahre alt geworden und hab gelernt, – also einer meiner Vorsätze zu meinem Geburtstag war, dass ich überhaupt nur noch über Dinge rede, von denen ich auch n bisschen was verstehe. Und das ist natürlich unheimlich schwierig. Aber wenn Konzerne Gewinn machen können und die Umweltkosten, die z.B. bei der Produktion eines Gutes herstellen [entstehen], auf die Allgemeinheit übertragen, also wenn ich irgendwas herstelle, dabei n Fluss verschmutze, streiche den Profit ein und die ganzen Steuerzahler müssen dann das Reinigen des Flusses bezahlen, dann läuft in dem Wirtschaftssystem was falsch. Und im Umweltschutz international wird ganz groß dieses Thema der Inwertsetzung von Natur diskutiert, dass also Dinge so bezahlt werden müssen, wie sie auch wirklich (wie hoch der Preis wirklich ist) genau! Auf allen Ebenen, nicht nur die Rohstoffe, sondern auch der Umweltschaden usw. (Beifall 56:52) Wenn ich Wasser aus einem Fluss rausnehme, um damit in meinem Chemiewerk was zu machen, dann muss ich auch die Reinigung dieses Wassers bezahlen, und das kann ich dann nicht den Arbeitnehmern und Steuerzahlern aufbürden. Also das ist die Idee, und am Ende muss man das auch über das Produkt mitbezahlen, sonst … dann würde sich das System von alleine steuern im Idealfall.

LANZ: Hinweis auf Naturfilmfestival in Eckernförde, das größte Europas… (folgt Zusammenschnitt aus Filmen). 12.-16. September. HIER

Visuelle Reisenotizen: Steinhude

Wo ist denn das Meer?

  

 (Handy-Fotos: JR)

TABEERA / oder Denckmahl / Den 17. April am Tage Rudolphi genant / Sind XXXV Häuser und die Pfarr leyder abgebrand /

Steinhuder Meer: das Fahrrad ist der Schlüssel zum Land ringsumher!

Vorsicht bei angekündigten Volksfesten…

Rundfahrt 32 km. Auf der Hälfte: Mardorf merken. Winzlar, – anwesend bleiben: ÖSSM. Ökologische Schutzstation Steinhuder Meer. Oder auch gleich zu den Webcams (Fischadler, Seeadler, Vogelbiotop, Flussseeschwalbe).

(Fotos Bäume & Sonnenuntergang: ER)

Nachricht um 10 Uhr: Tante Lisel †

Musik der Gegenwart

Wie immer in völlig neuen Perspektiven!

Und falls man darüber weiter nachdenken will: Essays Essays Essays

 

Nach 10 Jahren erkenne ich mich (2008) kaum noch selbst, ich bin in jedem Punkt Leser:

Das vollständige Inhaltsverzeichnis des Buches mit allen Autoren findet man hier!

Also beim Wolke Verlag, dort unterste Zeile anklicken! (Der folgende Screenshot nur als Schmuckbild: die unterste Zeile „content/Inhaltsübersicht“ funktioniert also erst im Original, wie hier und dort angegeben.)

 Screenshot der Web-Seite

Wichtig ist mir, in Erinnerung zu rufen, dass ich damals das Thema LINIE vor Augen hatte, das Harry Vogt für den 40. Jahrestag der „Wittener Tage für neue Kammermusik“ ausgerufen hatte. Wir haben ja oft, Raum an Raum im Carlton-WDR-Bürohaus, freundschaftlich miteinander Gedanken ausgetauscht, ich habe auch nicht selten seine Musikpassagen moderiert und dabei viel Neues gelernt. (Er gehörte mit Werner Fuhr und Frank Hilberg zu meinen liebsten Kollegen.) Hier Harry Vogts Vorwort für Witten 2008:

Es wäre an der Zeit, einmal die ganze Wittener Reihe zu ordnen und zu sichten, eine gewaltige Fundgrube des Denkens über Musik, nicht nur über die in Witten gebotene „Kammermusik“. Ach du lieber WDR, wo wirbst du mit deinen Riesenprojekten? Wer weiß davon? Und wo ist die weite bunte Welt der ältesten, der immer noch und ebenfalls weiterhin neuen Musikkulturen geblieben?

Die Rolle des Wortes über Musik in der MUSIK! Die Rolle der Wort-Musik-Sendungen im Rundfunk. Ist es Zufall, dass in dem aktuellen Heft Musik & Ästhetik die lesenswerte Besprechung eines lesenswerten Buches über Programmhefte zu lesen ist?

 Musik & Ästhetik Heft 87 Juli 2018

Wie ich Haydn unrecht tat

Die sogenannten Duos

Es ist vielleicht nicht unnütz, sich nicht nur Wissenswertes zu notieren, sondern auch zu beobachten, wie auf diese Weise die (hilfreiche) Selbsteinschätzung entsteht, dass das eigene „Wissen“ jederzeit erweiterungsfähig bleiben muss. Ohne sich in eine Schein-Depression zu flüchten, im Sinne von: ach, es hat ja doch alles keinen Zweck (mehr)! Umständliche Einleitung, jetzt das Biographische in aller Kürze: unser Quartett stagniert, nachdem der Bratscher ausgestiegen ist. Wie schon früher in Dürrezeiten durch Dvořáks Terzett (wenn das Cello fehlt), ernähren wir uns jetzt durch Violin-Duos. Jedenfalls der Primarius und ich. Weitere Möglichkeiten sollen sich erschließen, indem ich Bratsche übe, der Bedarf an Instrumenten ist leihweise gedeckt, wobei die Bratsche ganz rechts durch schiere Größe das Leben sauer macht (ganz links meine Geige, in der Mitte eine kaum viel größere Bratsche):

Mir ging es auf längere Sicht vor allem um Mozarts Duo KV 423. Zum Zeitvertreib hatten wir aus dem uralten Duo-Band zunächst Bériot geübt (gute Stücke, die Spaß machen), dann Spohr (wunderschön, aber doppelgrifftechnisch sehr schwer) und schließlich Haydn. Und der wird zum Problem, also vorzeitiger Umstieg auf Mozart.

 Sammelband aus alter Zeit

 HAYDN?

Natürlich interessiert uns das Original dieser Stücke, es gab noch keine Hobokennummern, aber schon die Opuszahl kann nicht stimmen (op.102 Nr.1), verleitet mich allerdings zu glauben, es sei ein Spätwerk. Oder aus einem Spätwerk compiliert. Meine immer festere Meinung: es kann kein „Haydn“ sein, – zu schlecht komponiert, – vielleicht ein Epigone? Ein peinlicher Fehler, der allerdings zu einer heilsamen Motivierung führt. Ich lege also die Sache nur vorläufig, aber nicht endgültig ad acta, sondern schreibe eines schönen Tages an das Haydn-Institut Köln. Gestern um 20:29 Uhr.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die beigefügte Violinstimme gehört zu einer Ausgabe von Haydn-Duetten, die ich nirgendwo in einem Werkverzeichnis finde.

In dem Sammelband, in dem sie sich befinden, sind sie handschriftlich als op. 102 bezeichnet. Soweit ich weiß, gibt es aber nur diese alte Ausgabe des Litolff-Verlages und das Werk ist weder mit gedruckter Quellenangabe versehen noch als  Bearbeitung gekennzeichnet.

Können Sie mir etwas darüber mitteilen?

Ehrlich gesagt, habe ich beim Durchspielen starke Zweifel an der Autorschaft Haydns. Vielleicht ist ihm das Werk untergeschoben?

Für eine klärende Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mit freundlichen Grüßen,

Jan Reichow

Unglaublich aber wahr: die Antwort kam um 21:44 Uhr!

Sehr geehrter Herr Reichow,

es handelt sich um eine Bearbeitung von Haydns als „Opus 17“ bekannten Streichquartetten (Hob. III:25-30) für 2 Violinen, zuerst erschienen beim Verlag Simrock in Bonn mit den Platten-Nummern 272 (Heft 1) und 275 (Heft 2) unter der Opuszahl 102. Bei dem Ihnen vorliegenden Heft dürfte es sich um einen Nachdruck dieser Ausgabe handeln, dem Aussehen nach um zahlreiche Artikulationsanweisungen und Dynamik erweitert.

MIt bestem Gruß

Armin Raab

Ich bin völlig verblüfft. Habe ich mich nicht vor Jahren mal planmäßig mit der Gesamtaufnahme der Streichquartette (Auryn-Quartett TACET) beschäftigt?! Oder eher unsystematisch gleich mit den größten Produkten begonnen, op.54, op.64, op.74 und anderen? Ich lege op.17 auf und erkenne sofort den gleichen (parallelen) Musikverlauf im E-dur-Duo, aber das Beschämendste: von den ersten Takten an ist erkennbar, hörbar, dass es große Musik ist! Faszinierende Musik. In einem ruhigeren Tempo als wir dachten, liebevoll gespielt, wie alles vom Auryn-Quartett. Aber eben Streich-Quartett, das klingt von vornherein wie eine andere Welt…

Auch bei anderen Interpreten ist die Qualität der Musik sofort erkennbar:

Bis 4:25 kann man den obigen Duo-Noten folgen… dazu Musik ins externe Fenster hier.

 Bärenreiter dtv 1983

Ich kenne nichts Kompetenteres und zugleich so brillant Geschriebenes über Haydn als das, was ich in diesem Buch 1988 gelesen habe und jetzt wiederholen muss. (Ja, mir ist auch nicht die spätere Auseinandersetzung zwischen Charles Rosen und Lawrence Kramer entgangen, – die aber keinen der beiden im Wesentlichen beschädigt hat.)

   Rosen Inhalt

 Rosen 2 Seiten

Ein Link zum Haydn-Institut Köln und seinen neuen Publikationen: HIER.

*   *   *

ZITAT aus „Der klassische Stil“ (Rosen) Seite 83 zum Nachdenken:

Die Barockmelodie (wie auch die barocke Formstruktur) läßt sich fast unendlich verlängern. Keiner der drei großen Klassiker hätte eine auch nur entfernt so lange Melodie schreiben können, wie diejenige im langsamen Satz von Bachs ‚Italienischem Konzert‘

Über Zweistimmigkeit (Unterschied zwischen Invention und Duo), mit Bezug auf Rosen-Text:

Sind weniger als vier Stimmen vorhanden, dann muß eine der nicht-dissonierenden Stimmen vermittels eines Doppelgriffs oder durch die rasche Bewegung von Ton zu Ton zwei Dreiklangstöne spielen.

DENKBEISPIEL A Joh. Seb. Bach: Zweistimmige Invention Nr. 12 in A-moll, BWV 784. Ausführende: Janine Jansen (Violine) und Maxime Rysanov (Viola):

Dieselbe Aufnahme im externen Fenster hier, damit man sie in den unten wiedergegebenen Noten verfolgen kann.

Das Original ist natürlich für Clavier, die folgende Ausgabe aus meines Vaters Zeit jedoch alles andere als „historisch informiert“. Trotzdem sieht man, was nötig ist, um auch Mozart nicht ungerecht zu behandeln. Eine so dicht gearbeitete Zweistimmigkeit, wie bei Bach offenkundig, ist von Mozart im „Sonatensatz“ keinen Augenblick angestrebt. Das liegt auf der Hand. Ich will das an anderer Stelle eingehender behandeln und hier nur die ungemein instruktiven Seiten von Charles Rosen zu bedenken geben. Auch dazu ermutigen, den „Schablonen“ der Klassik ins Auge zu schauen.

  

DENKBEISPIEL B Wolfgang Amadé Mozart Duo für Violine und Viola in G-dur KV 423. Ausführende: Igor Oistrach (Violine), David Oistrach (Viola):

Dieselbe Aufnahme im externen Fenster abrufen, um sie dann (unten) in vergrößerten Noten verfolgen zu können: hier.

 Charles Rosen „Der klassische Stil“

Und um an das gerade im Scan-Text gegebene Musikbeispiel anzuknüpfen, folgt hier die ähnlich „konventionelle“ Schluss- und Übergangsphase aus der Sonate KV 545. Es ist genau diese Formelhaftigkeit, aus der die Funken der Durchführung sprühen; die Invention entspringt aus einer ganz ähnlichen Formel und auch das Duo KV 423 entfaltet sich aus einem Tonleiter- und Akkordspiel, das auch als bloßes Material täglicher Technikübungen hätte dienen könnte. Also setze ich vor die Sonaten-Kadenzformeln plus Übergang in die Durchführung auch noch die dritte Duo-Seite mit den entsprechenden Passagen vor und nach dem Doppelstrich.

 

*   *   *

Dieser (noch nicht abgeschlossene) Artikel ist dem Freund Hanns-Heinz Odenthal zu seinem runden Geburtstag gewidmet, mit Blick auf sein erfülltes, noch längst nicht abgeschlossenes Musikerleben…

 KV 423 in Arbeit Probe bei H.H.

Welt des Figaro & Rest der Welt

Was war Unterhaltung, was war Klassik?

Ich gehe aus von dem Artikel über Mozarts Oper „Le Nozze di Figaro“ hier. Das folgende Buch erwarb ich im Dezember 1955, ich kann aber nicht beschwören, dass ich damals jede Seite gelesen habe, etwa Mozarts Brief über den Figaro in Prag… Prager Karneval? Ich kannte nicht einmal den Kölner, an Unterhaltung aus dem Radio allenfalls „Das ideale Brautpaar“ mit Jacques Königstein, mein Bruder hatte den Film „Die Glenn Miller Story“ gesehen und war Feuer und Flamme.

 Mozart am 15. Januar 1787 aus Prag

Das Kapitel „Volkstümliches und Gesellschaftliches“! Die Anregung, Mozart in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Paul Nettl

Bruno Nettl

 

Im ersten großen Kapitel dieses Buches geht Bruno Nettl am Beispiel der Oper „Figaros Hochzeit“ auf die Bedeutung Mozarts und anderer großer Komponisten in unserer Kultur ein. Sehr wichtig ist seine Begründung einer relativistischen Sicht auf die Kulturen der Welt, was nicht bedeutet, sie alle (und unsere eigene) für letztlich unwichtig zu halten.

Inzwischen gibt es eine 7. Edition, man findet das Werk leicht im Internet; es ist die beste Übersicht zum Thema Weltmusik (nicht Welt-Popmusik), die je geschrieben wurde. Die Widmung, ein Zitat aus dem berühmten Buch von John Blacking, dürfte gerade auch für Musikethnologen maßgeblich sein, die zuweilen meinen, sich mit der ausgewählten Musik einer anderen Kultur die eigene ersparen zu können…

(Dieser Beitrag ist unfertig, erläuternde Bemerkungen folgen)

Um weiterzukommen, habe ich heute den programmatischen Text von Bruno Nettl kurzerhand ins Deutsche übertragen, nicht ganz wörtlich, einfach so, dass er für mich überzeugend wirkt und mich vielleicht einlädt, auf zusätzliche Gedanken zu kommen. (Also keine Gewähr für Korrektheit, alle Schuld liegt auf meiner Seite!)

Wenn die Oper „Die Hochzeit des Figaro“ ein großes Musikwerk ist, muss dies wohl daher kommen, dass sie für ihre Konsumenten – Europäer und Amerikaner, die Opern hören – bestimmte Kriterien erfüllt: Es ist ein Werk von großer Komplexität, seine Struktur hat innere Logik, es hat Harmonien und Kontrapunkt, wobei verschiedene simultan erklingende Melodien sowohl unabhängig als auch aufeinander bezogen sind; der Komponist zeigt eine Fähigkeit Musik zu schreiben, die besonders geeignet ist für Stimmen, Instrumente und Orchester, und hat ein besonderes Geschick, Wörter und Musik zu verbinden; das Werk übermittelt eine besondere soziale und spirituelle Botschaft; und so weiter. Wenn man diese Kriterien aber gebraucht um die Musik anderer Kulturen zu beurteilen, würde man schnell zu dem Urteil geführt, dass westliche Musik die beste und die größte ist. Vom Standpunkt eines indischen Musikers jedoch, dessen Aufgabe darin besteht in einem Rahmen melodischer und rhythmischer Regeln zu improvisieren , würden die Mitwirkenden des „Figaro“ nicht so gut wegkommen, einfach weil sie ein existierendes Werk ganz präzise wiedergeben müssen, im Vertrauen auf eine Notation, die sie vor jeder Abweichung bewahrt, so dass wenig Gelegenheit zu eigenen Kreativität bleibt. Ein Native American, der einen Song als einen Weg betrachtet, über den Geister mit Menschen kommunizieren können, mag staunen über den Kontrapunkt von Bach, aber er könnte auch empfinden, dass es keinen Sinn macht, dieses ganze Konzept von „guter“ oder „besserer“ (oder „mieser“) Musik ernstzunehmen. Mitwirkende eines westafrikanischen Percussionsensembles könnten die melodische und harmonische Struktur des Figaro interessant finden, aber seine Rhythmen einfältig.

Wir als Studenten aller Musikkulturen der Welt können diese divergierenden Standpunkte nicht in Einklang bringen. Wir kommen eher klar mit einer relativistischen Haltung. Wir – die Autoren dieses Buches – glauben, dass jede Gesellschaft ein musikalisches System hat, das zu ihr passt, und obwohl wie sie miteinander vergleichen mögen hinsichtlich ihrer Struktur und Funktion, vermeiden wir es, diese Vergleiche zur Basis qualitativer Urteile zu machen. Stattdessen erkennen wir, dass jede Gesellschaft ihre eigenen Musikwerke nach ihren eigenen Kriterien einschätzt. In der amerikanischen Gesellschaft setzen wir als selbstverständlich voraus, dass Musik eine erfreuliche Hörerfahrung bietet; anderswo könnte etwas ganz anderes als musikalisches Ideal gelten. Wir wollen deshalb jede Musik als einen Aspekt der jeweiligen Kultur verstehen und anerkennen, dass jede menschliche Gemeinschaft genau die Art von Musik erschafft, die sie braucht für ihre speziellen Rituale und kulturellen Events, die zugleich ihr soziales System unterstützen und so ihre Grundwerte reflektieren.

Zugrunde liegen folgende Basis-Annahmen:

  • Eine relativistische Sicht (kein musikalischer Stil ist „besser“ als ein anderer)
  • Welt-Musik umfasst eine Gruppe von Musiken
  • Das dreiteilige Modell: Klang, Verhalten und Konzeption bzw. Ideen-Konstrukt

(Fortsetzung folgt)

Was niemand lesen mag

Abmahnung

Was niemand lesen mag, will ich wenigstens gespeichert haben. Es gab schon viele Meldungen dieser Art, man kann es leicht googeln, Stichworte Klima, Ignoranz, Vogel-Strauß-Reaktion, ich weiß nicht was alles… Aber will man es auch lesen?

SZ Klima Gegen die Wand 180515 (2) Foto: DPA

Quelle Süddeutsche Zeitung Dienstag 15. Mai 2018 Seite 11  Gegen die Wand Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber über das Irrsinnstempo, mit dem die Menschheit gerade auf die Katastrophe zusteuert. (Interview: Alex Rühle)

Lesen bedeutet auch: lesen wollen. Nicht nur  das Bild loben und die Tatsache, dass dieses Thema mal wieder angepackt wird. Oder die Fernsehsendung, die darüber Auskunft gibt, weshalb wir ausweichen. Angenommen sie läuft schon: werde ich durchhalten? Was steht im Teletext? Dauert ca 60 Minuten. Die Zeit habe ich nicht. Nicht jetzt. Nicht HIER.

Selbstsabotage
Warum tut der Mensch nicht das, was gut für ihn ist?: Wir wissen durchaus, was gut für uns ist – für unsere Gesundheit, die Umwelt und die Gesellschaft – dennoch handeln wir nicht danach. Warum?

HIER

Aus. Schon vorbei. Niemand muss es lesen. Auch nicht anklicken. Und mir ist genug, es notiert zu haben. Leben Sie wohl.

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Nachtrag 25. Mai 2015 Leuchtzeichen aus Langeoog

Langeoog Klima Familie Recktenwald!!! (Solinger Tageblatt  25.05.18)

Zur Erinnerung: in die Suchleiste (oben rechts) „Langeoog“ eingeben, u.a. hierher

Langeoog News Screenshot 2018-05-25 20.33.00

Screenshot Langeoog News, – mehr zur Initiative Recktenwald: HIER.

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Alles übertrieben?

Man könnte die Situation mit einem leckgeschlagenen Schiff auf hoher See vergleichen. Natürlich gibt es auch neben dieser Havarie Probleme: Das Essen in der dritten Klasse ist miserabel, die Matrosen werden ausgebeutet, die Musikkapelle spielt deutsche Schlager, aber wenn das Schiff untergeht, ist all das irrelevant. Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, wenn wir das Schiff nicht über Wasser halten können, brauchen wir über Einkommensverteilung, Rassismus und guten Geschmack nicht mehr nachzudenken.

Quelle siehe ganz oben: Gegen die Wand Schlussabschnitt