Kategorie-Archiv: Allgemeines

Kulturradio

Quo vadis?

Navid Kermani hat in WDR 3 über das Kulturradio gesprochen. Jan Brachmann kommentierte in der FAZ. Mit Recht kann man fragen, was ist der Anlass für die besorgten Töne? Höchste Zeit, es nachzulesen.

hier

Ich sage nichts dazu, denn es handelt sich um meinen Heimatsender. Allerdings beschäftige ich mich seit 15 Jahren mit anderen Schwerpunkten. Jedenfalls nicht mehr mit Vermittlung von Musik im Hörfunk. Und ich habe keine Neigung, mich „draußen“ zu engagieren, ich habe zuviel zu tun. (Die übliche Ausrede, wenn einem die Hände gebunden sind.) Allerdings: man darf sich weiterhin gründlich informieren.

Dabei erinnere ich mich auch an einen Vorgänger-Artikel, der noch zu bedenken wäre:

hier leider nicht kostenfrei; aber die Leserreaktionen sind ebenfalls aufschlussreich: hier. Früher … wurde soetwas immer sehr ernst genommen.

Heute ist es vielleicht anders, man glaubt, in Coronazeiten sei alles anders. Weit gefehlt!

Eine schöne Erinnerung hängt an meiner Zimmerwand, oder auch ein Mahnbild, sie möge sich nicht verflüchtigen:

Haben Sie vergessen, den im ersten Link eingebundenen Bartók-Beitrag zu hören und zu sehen??? Sehr anrührend als Erinnerung an das, was in WDR 3 wichtig ist oder war. Natürlich nicht nur Pentatonik und erst recht nicht nur in 7 Minuten: alles, was Musikkultur bedeutet.

Precht

Die Bürger im Staat haben nicht nur Rechte

Nicht jede Lanz-Sendung ist gut. Gerade wenn er politisch besonders investigativ sein will („werden Sie nun Kanzler oder nicht?“), nervt er das wohlmeinendste Publikum. Wunderbar aber, wenn er Gäste hat, die ihm gewachsen sind und er selbst auch nur konstruktiv mitwirkt. Wie gestern, wo wirklich jede(r) einzelne etwas Triftiges zu sagen hatte. Der Skandal, Aserbeidschan betreffend, bot lebendiges Anschauungsmaterial für eine Politposse gefährlichen Ausmaßes und wurde messerscharf vom Soziologen Gerald Knaus dargelegt. Der Philosoph Richard David Precht verblüffte durch Binsenwahrheiten, die angesichts der durchaus nicht „querdenkenden“ Straßenakteure und Denkverweigerer brisant geworden sind: es genügt nicht, Steuern zu zahlen, um das Recht zu haben, die Politiker mit absurden Forderungen vorzuführen und bei Widerworten gleich zu behaupten, das sei wie in Nordkorea. Der Philosoph referierte nicht Platons „Staat“, sondern sprach schlicht von den Pflichten der Bürger, die eben auch – wie das Wort von der Würde des Menschen – im Grundgesetz definiert sind. Und er formuliert so klar, dass man sich gern von Lanz auf das Buch zum Thema hinweisen lässt, ohne sich darob zum bloßen Kunden herabgestuft zu fühlen.

Zusammenfassendes Zitat:

Precht appellierte an die Bürger, sich bei aller berechtigter Kritik an der Politik der eigenen Verantwortung für das Gelingen der Gemeinschaft bewusst zu werden. Menschen wie die vermeintlichen Querdenker hätten die seltsame Vorstellung, dass der Staat dazu da sei, ihnen Rechte zu garantieren, ihnen jedoch nichts abverlangen dürfe. Das sei natürlich ein Irrglaube. Aber auch wegen der vielen Versprechungen von Politikern im Wahlkampf hätten sich so manche Bürger zu politischen Schnäppchen-Jägern zurückentwickelt, denen es vorrangig um den eigenen Vorteil gehe, um nicht übervorteilt zu werden. „Sie benehmen sich nicht wie Staatsbürger, sondern sie werden zu Kunden“ , warnte Precht. „Wenn das passiert, dann bröckelt unser Gemeinwesen.“

Er wiederholte aus einem Interview mit dem „Spiegel“ seinen markigen Spruch „Corona-Leugner arbeiten selten auf Intensivstationen“ und die Forderung, ein soziales Pflichtjahr für junge Menschen und Neu-Rentner einzuführen. So könnten Empathie und Gemeinsinn gestärkt oder überhaupt erst vermittelt werden. „Die positive Erfahrung, etwas für Andere zu tun, kann man nur praktisch vermitteln, das kann man jemandem nicht theoretisch erklären“, gab der Philosoph zu bedenken. „Das ist die beste Form, gute Staatsbürger hervorzubringen.“ Und vielleicht ja auch bessere Politiker.

Quelle: Nina Jerzy in t-online hier

Zur LANZ-Sendung hier / Precht ab 18:25 und ab 39:08 bis ca. 58:00, Gerald Knaus über Aserbeidschan und Korruption ab 59:00

Empfehlenswert, den separaten Precht-Ausschnitt hier zu studieren, – allein wegen der zahlreichen drangehängten Stellungnahmen von Seiten des „Volkes“. Sowohl über Precht als auch über Lanz…

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Dass ich das folgende kleine Buch, eine „Betrachtung“, gleich zweimal  gekauft habe, verursachte ein leichtes Kopfschütteln in der Buchhandlung meines Vertrauens und gratis ein kleines klärendes Gespräch: 1 Geschenk für meine Enkelin plus 1 für mich, damit ich argumentativ auf dem gleich Stand bleibe wie sie, – nicht etwa wie Precht. Aber ob der zuletzt genannte auch schon das dritte oder vierte Buch besitzt, das nagelneu auf meinem Schreibtisch liegt? (Siehe unten). Und dies nicht aus paritätischen Gründen (ebenfalls nämlich von Nicola Gess, Titel: Staunen / Eine Poetik). Er würde staunen. Vermutlich hat er aber nur weniger Musik-Bücher als ich (und sonst alles), – obwohl er in Berlin über Ästhetik liest. – Aber falls dies nun etwas flapsig klang, sei es ironiefrei gesagt: Precht schreibt hervorragend, es liest sich, als höre man ihn sprechen; es ist einfach gutes Deutsch. Und es wäre auch falsch zu sagen, dass er all seine klugen Gedanken doch nur aus Büchern herausgesucht habe. Da hat jemand die wissenschaftliche Zitierweise völlig missverstanden, wenn er meint, dass ein Schriftsteller, der wichtige Aussagen anderer Philosophen mit Namensnennung wiedergibt, zu unbegabt ist, selbst zu denken. Das Nach-Denken funktioniert so! Niemand kommt auf diesem grundlegenden Gebiet politischer Standortbestimmung ohne Lehrmeister aus. Und es zeugt nur von Redlichkeit, sich des historischen Zusammenhangs zu vergewissern, selbst wenn man über die unverwechselbare aktuelle Corona-Zeit reflektiert, die sich eben nicht zur Grippewelle zurückstufen lässt. Aber man täusche sich nicht in seinen Erwartungen: es gibt auch einfach langweilige Stellen in diesem Lesestoff. So ist das Leben! Man hat kein zweites. Und wenn mein Vater in den 50er Jahren von Pflicht sprach und sie rühmte, klang das ganz anders. Ich glaube heute, dass er glaubte, dass sei (nach dem Krieg) eine unbezweifelbar positive Essenz geblieben.

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Wissenschaft und Vorurteil

A propos Karl Lauterbach (ohne Mundartfärbung)

Die Wissenschaft, in der ich tätig bin, also die klinische Epidemiologie, unterscheidet sich insofern von der philosophischen Wissenschaft, als [dass] die Bandbreite dessen, was als wissenschaftlich gesichert gilt, doch viel klarer umrissen ist. Während man in der Philosophie nie zu einem vollständigen Konsens darüber kommen wird, ob eine materialistische oder idealistische Sicht auf die Welt richtig ist, liegt das Spektrum in der Epidemiologie viel näher beieinander. Natürlich sind auch die medizinischen Disziplinen diskursiv, aber hier wird doch meist eher über bestimmte Schattierungen gestritten. Ein Beispiel: Wissenschaftlich ist mittlerweile relativ klar, dass der AstraZeneca-Impfstoff gut wirkt. In Details gibt es zwar noch Diskussionen, aber dabei geht es eher darum, noch das Haar in der Suppe zu finden, wie Christian Drosten es zutreffend genannt hat. In der Öffentlichkeit entsteht unterdessen oft der Eindruck, die Bandbreite der Meinungen in der Virologie oder Epidemiologie wäre extrem groß. Im vergangenen Sommer schien es etwa so, die Virologie streite darüber, ob wir jemals einen Impfstoff für Covid-19 bekommen werden. Dabei waren es nur wenige Leute, die daran zweifelten. Für 95 Prozent der Virologinnen und Virologen war indes klar, dass man für ein Virus, das über ein Spike-Protein in die Zelle eindringt, ein Vakzin wird entwickeln können.

Quelle hier (bitte erst später öffnen und nachlesen)

Ich wähle das Beispiel meiner eigenen (an mir selbst „erprobten“) Vorurteile, um nicht mit dem Finger auf (imaginäre) Lauterbach-Verächter zu zeigen. Ich beginne also mit dem Satz, den man ertragen sollte: Karl Lauterbach gehört für mich zu den maßgebenden Politikern unserer Zeit. Zunächst die Punkte seines Lebenslaufes, die Zündstoff hergeben: also aus dem Wikipedia-Artikel hier folgende Zitate:

Karl Lauterbach [- geboren in Düren -]  wuchs in Oberzier in unmittelbarer Nähe der Kernforschungsanlage Jülich auf, sein Vater arbeitete in einer nahe gelegenen Molkerei. Trotz sehr guter Leistungen in der Grundschule erhielt nur eine Hauptschulempfehlung, wechselte dann aber mit Unterstützung seiner Lehrer zuerst auf die Realschule, dann aufs  Gymnasium am Wirteltor, wo er sein Abitur ablegte.

Ein Markenzeichen Lauterbachs war lange Zeit die Fliege, die er des Öfteren anstelle einer Krawatte trug. Bei Talkshowauftritten im Jahr 2020 zum Corona-Virus trägt Lauterbach bewusst keine Fliege mehr, da er sich so, nach eigener Aussage, eine höhere Akzeptanz seiner Einschätzungen bei jüngeren Zuschauern verspricht.

Fehlt noch: eine Anmerkung zur allmählichen Veränderung seiner widerspenstigen Haartracht. Ist er nur etwas ungeschickt in seinen Anpassungsversuchen?

In dem oben schon zitierten Artikel werden die an Stammtischen (gesetzt, sie fänden noch statt) zutage tretenden Vorurteile nicht zum Thema, – nichts Thymotisches also – abgesehen vom „Hass“, der fast wie eine Naturkatastrophe erscheint, der man aus dem Wege gehen könnte.

ZITAT

Noch eine Frage zum Schluss: Seit Beginn der Pandemie werden Sie im Netz von Gegnern der Corona-Maßnahmen immer wieder mit Hasswellen überzogen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich das nicht weiter anzutun?

Nein, das habe ich nicht. Ich versuche einfach, so gut ich kann, also nach bestem Wissen und Gewissen, einen Beitrag zu leisten. Damit werde ich erst aufhören, wenn ich den Eindruck habe, dass ich diesen Beitrag nicht mehr leisten kann, mich aber nicht durch die Anfeindungen und Bedrohungen einschüchtern lassen.

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Einige Notizen, die der Unschlüssigkeit bei der Analyse eigener Vorurteile entsprechen:

Zur Erforschung der Sprechmelodien in den Dialekten hier oder auch hier

Speziell zu  Lauterbachs Tonfall: Vorurteil Kölsch? hier

Das Thema ist anregend genug, aber dann sollte auch irgendwann Schluss sein mit vordergründigen Abschweifungen à la Krawatte, Frisur oder Slang. Wer nicht aus dem Rheinland stammt oder hier lebt, braucht vielleicht etwas länger, um zu abstrahieren.

Sehr gut über Rawls hier / des weiteren hier (Wiki)

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Schon bevor die neue ZEIT eintraf, kam ich auf die Idee, mich – statt mit Lauterbach „persönlich“ – mit den maßgebenden Impulsen seines Lebens zu beschäftigen, dem philosophischen Ansatz und den naturwissenschaftlichen Prinzipien. Eher sollte es nicht weitergehen: Eine plausible Verbindung des Lebens „da draußen“ mit den notwendigen geistigen Bewegungen. Idealer Ansatzpunkt: das Gespräch mit einem Paläontologen, der zu meiner Überraschung weniger über seine fossilen Fundstücke spricht als über das Genom und die „Schnittstelle zwischen Mama und Kind“. Und damit verabschiede ich mich fürs erste und (Vorurteil!) suche ein paar Bücher heraus (unten im Überaum, im Regal gleich neben Adolf Portmann, wo auch Dawkins steht, nein eher irgendwas zur anthroposophischen Vorurteilsgenerierung). Vorweg das ZEIT-Zitat, die Frage, von der aus das Gespräch mit Shubin an Fahrt gewinnt:

ZEIT: Als Paläontologe kraxeln Sie durch die Arktis und hauen jahrmillionenalte Fossilien aus dem Fels. Im Labor untersuchen Sie unsichtbare zeitgenössische Genome. Ist diese Kombination der Schlüssel, um das Ganze zu verstehen?

SHUBIN: Evolution ist eine komplizierte Angelegenheit. Da brauchen Sie jedes Werkzeug, das Sie kriegen können. Die Fossilien zeigen mir, wie das alte Leben aussah. Auf der anderen Seite müssen wir die Gene verstehen, um das Geschehen in unseren Zellen zu verstehen.

ZEIT: Wie muss ich mir das vorstellen?

SHUBIN:Als eine Art Krieg. Unser Genom wird, während es Generation für Generation seine Arbeit tut, ständig von Viren infiziert. In jeder Zelle herrscht Aufruhr. Soll man den neuen Mikroorganismus bekämpfen oder sich mit ihm arrangieren? Ein Beispiel: in der Plazenta erfüllt ein Protein eine besondere Aufgabe. Es heißt Syncytin und dient als molekularer Verkehrspolizist für den Austausch von Nährstoffen und Abfallprodukten zwischen Mutter und Fötus – wichtig für die Gesundheit des Embryos. Wissenschaftler entdeckten, dass es sich dabei um ein Virusprotein handelt. Irgendwann muss also ein Virus in uns eingedrungen sein. Es hackte sich in unser Genom, brachte dort das Programm für sein Protein unter – und wurde seinerseits gehackt. In der Folge verlor es seine Infektionsfähigkeit, wurde von seinem neuen Herrn zur Arbeit herangezogen – und arbeitet nun für uns an der Schnittstelle von Mama und Kind.

ZEIT: Ein typisches Drehbuch für biologische Innovationen? [Durchaus]

Etwas später:

Quelle DIE ZEIT 4. März 2021 Seite 33 »Die Natur ist ein fauler Fälscher« Wenn neues Leben entsteht, wird unentwegt geklaut und kopiert. Warum ist das so? Ein Gespräch mit dem Paläontologen Neil Shubin (Mit Urs Willmann)

Vorschlag: Jetzt zurück zum Philosophie-Magazin hier

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Keine Ausflüchte (ein Nachwort zum wirklich Wütendwerden)

Immerhin gab es gestern ein Statement der Bundeskanzlerin. Und die von ihr erzeugte Ratlosigkeit kann nicht mit einem Lob der Wissenschaft weggewischt werden. Eine weitere Leseempfehlung, denn:

Was die Kanzlerin und ihr Kanzleramtsminister zuletzt über Corona-Tests und die Corona-Warn-App gesagt haben, ist geradezu unverschämt. Es lässt uns vielleicht nicht zu Wutbürgern werden, aber zu Grollbürgern.

Sascha Lobo über Staatsversagen in der Pandemie – HIER. (Spiegel Netzwelt)

ZITAT

Noch im März könnte Amerika so viele Menschen geimpft haben, wie in Deutschland leben.

Im direkten Kontrast schmeckt Merkels »Teststrategie sicherlich im März« noch einmal erbärmlicher nach Dysfunktionalität, Widerwillen, Versagen in der Breite und der Tiefe. Wenn Deutschland wie bisher weiter mit unter 200.000 Impfungen am Tag vor sich hin dümpelt, dann stehen nicht nur zu Ostern über sechs Millionen Dosen unverimpft in der Gegend rum.

P.S. Ich zum Beispiel habe den lang ersehnten und begehrten Impftermin Mitte April…

Das Unbehagen an der Klassik

Am Beispiel Adalbert Stifters (nur ein Versuch, ein „Platzhalter“)

Es wirkt nach, seit der jüngsten Lektüre zweier Werke („Der Hochwald“ 1841 und „Brigitta“ 1843), zwiespältig trotz eines gewissen Vergnügens und freundlichen Zuspruchs von außen.

Siehe hier.

Eine Fortsetzung war erst möglich, als ich mich auch in meinem Widerstreben besser verstanden fühlte. Ich denke nicht nur an mich, sondern – sagen wir – an die Aufgabe, ich müsste dergleichen an meine Enkel vermitteln (reales Beispiel „Kleider machen Leute“).

Zur Vergegenwärtigung dessen, was mir – neben allerhand ruhevollen Naturschilderungen – als allzu selbstgenügsame oder sogar „papierene“ Ausdrucksweise aufgefallen war, lese man die unten im Text wiedergegebenen Beispiele. Es ist ja ganz anders als bei Kleist (natürlich), dessen stilistische Widerborstigkeit mich schon früh positiv gereizt hat. Sobald man eine bewusst stilisierende Absicht erkennt (statt Unvermögen), wird man ästhetisch wachsam. Hier ist ein Buch, das ich bis jetzt gemieden hatte, zumal der seit Schulzeiten vertraute Name Benno von Wiese nur noch die Assoziation „Nazi“ weckte. Victor Lange ist unverdächtig, ein differenzierter Sprach-Beobachter .

ZITATE (Victor Lange)

Quelle Victor Lange: Stifter – Der Nachsommer / in: Der Deutsche Roman, herausg. von Benno von Wiese / Vom Realismus bis zur Gegenwart / Bd.II / August Bagel Verlag Düsseldorf 1963 / Seite 34 bis 75

Es ging mir vor Jahren nicht wesentlich anders mit Goethe („Wahlverwandtschaften“) oder bei den vergeblichen Versuchen mit Jean Paul („Siebenkäs“). Beschämend, weil ich es zu Schumanns Ehren angestrebt hatte. Dagegen war mir E.T.A. Hoffmann in Berlin (vielleicht nur durch universitären Druck: Proseminar bei ???) früh zugänglich geworden. Ich hatte sogar eine ganz erfolgreiche Arbeit über die Erzählanfänge in den „Serapionsbrüdern“ geschrieben. Erfreuliche Wiederkehr der Eindrücke, als ich über das erste Klaviertrio von Brahms nachdachte („der junge Kreisler“).

Jetzt kam mir in Erinnerung, irgendwo über den Kanzleistil als eine deutsche Schule der Schreibkunst gelesen zu haben. War es bei Heinz Schlaffer? Also ist schnellstens eine „Nachlese“ in seinem genialen Büchlein fällig: über „Die kurze Geschichte der deutschen Literatur“ (dtv 2003/2008). Wer sonst hat solche Ideen gewagt?!

P.S. Mit Bezug auf meine Nazi-Bemerkung zu Benno von Wiese fühle ich mich veranlasst – insbesondere nach weiterer Lektüre dieses Werkes zum Deutschen Roman – daraus die erste Seite über Döblins „Berlin Alexanderplatz“ wiederzugeben, – Albrecht Schöne, dessen Buch „Barock-Symposion 1974“ in meinem Bücherregal der Wiederentdeckung harrt, zunächst jedoch nur dieses (Quelle s.o. Benno von Wiese a.a.O.):

Spaziergang an der Wupper

Utopisches am 28. Februar 2021

Nähe Ziegwebersberg: eine als pompös bezeichnete Neubebauung

Magischer Augenblick

  Unvollendete Klassik

Mehr .    .    .    .    . .    .    .    .    . .    .    .    .    . .    .    .    .    . .    .    .    .    . .    .    .    .    .

Kein Ausweg (Alle Fotos: E.Reichow)

Nachts am Schreibtisch

Visionen? Nein, Bilder! Und Bilder im Bild!

An der Glastür des Arbeitszimmers: Bilder von Jürgen Giersch (über dem japanischen Farbholzschnitt) das Aquarell „Pferderennen an der Nordsee“ und „Dolomiten: Hütte am Langkofel“.

Siehe auch HIER und weiter.

Oder eine Musik, die ich höre, ohne sie physisch hören zu müssen. Also vor dem inneren Ohr. Man kann auch Bilder dabei betrachten (sie verändert sich). Im externen Fenster. Oder indem man den Musikern, der Musikerin, den Gesichtern, den Bögen, den Fingern bei der intensiven Arbeit, bei dem bloßen Spiel zusieht.

MUSIK

Oder: Eine andere Welt? (Extern.)

Ausführende: Martynas Levickis – accordion, director Mikroorkéstra Chamber Ensemble | St. Catherine’s Church Vilnius 04.01.2019

Gleichheit aller Menschen?

Geht doch gar nicht, weil’s nicht stimmt!

So antwortet der Stammtisch. Jeder Mensch ist anders (sieht man doch), und der Philosoph und Naturwissenschaftler Leibniz hat sogar behauptet: kein Blatt am Baum gleiche dem andern.

Oder reden wir nur von Chancengleichheit, als einer Forderung? Jeder Mensch, ungeachtet all der unterschiedlichen Gebrechen oder Begabungen, soll die gleichen Rechte haben wie jeder andere. Man spricht nicht mehr von Rassen, aber das gültige Wort „Kulturen“ ist  wertfrei.

Oder – wenn es um das Individuum geht, reden wir nur von seiner Würde (bitteschön!) oder seinem Recht auf Anerkennung (na klar, du bist ein feiner Kerl, sagt Horst Lichter nach kurzem Augenschein).

Im Ernst, wie kann man darüber reden, ohne sich vorsichtshalber drüber lustig zu machen? Gibt es einen verpflichtenden Diskurs, ein Grundbuch der gegenseitigen Hochschätzung?

Hier ist es:

Charles Taylor: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung / suhrkamp taschenbuch wissenschaft / Frankfurt am Main 2009 / ausgehend von der amerikanischen Originalausgabe mit dem Titel Multiculturalism and »The Politics of Recognition« / Princeton University Press 1992

ZITAT

So ist uns der Diskurs der Anerkennung in doppelter Weise geläufig geworden: erstens in der Sphäre der persönlichen Beziehungen, wo wir die Ausbildung von Identität und Selbst als einen Prozess begreifen, der sich in einem fortdauernden Dialog und Kampf mit signifikanten Anderen vollzieht; zweitens in der öffentlichen Sphäre, wo die Politik der gleichheitlichen Anerkennung eine zunehmend wichtigere Rolle spielt. Bestimmte feministische Theorien haben die Verbindungen zwischen diesen beiden Sphären zu erschließen versucht. (Seite 24)

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(Seite 29)

Die zwei politischen Konzeptionen, die beide auf der Idee der Gleichachtung beruhen, geraten nun miteinander in Konflikt.

Einerseits fordert das Prinzip der Gleichachtung ein »differenzblindes« Verhalten. Die Auffassung, dass alle Menschen gleich zu achten seien, konzentriert sich vor allem auf das, was bei allen gleich ist.

Andererseits sollen wir das Besondere anerkennen und sogar fördern. Die erste Konzeption wirft der zweiten vor, sie verstoße gegen den Grundsatz der Nicht-Diskriminierung. Die zweite wirft der ersten vor, sie negiere die Identität, indem sie den Menschen eine homogene, ihnen nicht gemäße Form aufzwinge. Das wäre schon schlimm genug, wenn diese Form neutral wäre – und nicht die Form von jemand Bestimmtem. Aber die Beschwerde geht meist noch weiter. Es wird behauptet, der angeblich neutrale Komplex »differenz-blinder« Prinzipien, der von der Politik der allgemeinen Menschenwürde verfochten wird, spiegele in Wirklichkeit eine ganz bestimmte hegemonialer Kultur. Allein die minoritären oder unterdrückten Kulturen würden gezwungen, eine ihnen fremde Form zu übernehmen. Folglich sei die angeblich faire, »differenz-blinde« Gesellschaft nicht nur unmenschlich (weil sie Identitäre unterdrückt), sondern auch auf eine subtile, ihr selbst nicht bewusste Weise in hohem Grade diskriminierend. [Anmerkung 19: in diesem Band Seite 84, in meiner Abschrift als Kopie angehängt]

Der zuletzt genannte Einwand ist der härteste und bestürzendste von allen. Der Liberalismus der allgemeinen Menschenwürde muss offenbar voraussetzen, dass es einige universelle, »differenz-blinde« Prinzipien gibt. Auch wenn wir sie möglicherweise noch nicht definiert haben, bleibt dieses Projekt aktuell und wichtig. Es mögen unterschiedliche Theorien entwickelt und diskutiert werden – und es sind eine ganze Anzahl solcher Theorien in neuerer Zeit vorgeschlagen worden – aber sie alle sind sich einig in der Annahme, dass eine dieser Theorien die richtige sei.

Der Vorwurf, den die Politik der Differenz in ihrer radikalsten Version erhebt, lautet, dass die »blinden« Liberalismen selbst Spiegelungen ganz bestimmter, besonderer Kulturen sind. Und besorgniserregend ist dabei vor allem der Gedanke, dass diese Befangenheit nicht bloß eine kontingente Schwäche aller bisher vorgeschlagenen Theorien ist, dass vielmehr die Idee des Liberalismus selbst bereits ein Widerspruch in sich ist, ein Partikularismus unter der Maske des Universellen.

[Beleg zur eben erwähnten Anmerkung 19:]

Autor: Steven C. Rockefeller

(dies ist nur ein Anfang, der mich verpflichten soll…)

Zwei drei Fragen der Zeit

Beethovens Metronom und das Tempo der Pandemie

Vorweg sei gesagt: es hat wirklich nichts miteinander zu tun. Ähnlichkeit besteht nur in der Logik der Alternativen. Zunächst die Frage: Irrte sich Beethoven oder ging sein Metronom zu schnell?

Apollinische Prüfung

In der neuen ZEIT berichtet Christine Lemke-Matwey über die unerwartete Auflösung des Problems: Beethoven hat falsch abgelesen, als er die Metronomzahlen seiner Werke nachträglich in die Noten schrieb. Er nahm die Zahl an der oberen Kante des auf- oder abwärts verschiebbaren Pendelgewichts, auf meinem Foto wäre es M.M. 60, aus Beethovens Sicht aber wäre korrekt die Zahl an der unteren Kante gewesen: M.M. 88 … nein, umgekehrt, denn dies ist ja die schnellere Variante. Oder? Man beklagt sich ja gern über die allzu hohen Zahlen der Beethovenschen Tempoangaben. Aber jetzt weiß ich selber nicht mehr, wie ich ablesen soll. Was schreibt denn Christine Lemke-Matwey?

Eine junge spanische Mathematikerin und ihr Kollege (beide ausübende Musiker) wollen das Rätsel nun gelöst haben. Beethoven, so das Ergebnis ihrer streng wissenschaftlichen Studie, habe das Metronom falsch herum abgelesen. Nämlich nicht, wie es sich gehört, oberhalb des kleinen verschiebbaren dreieckigen Gewichts am Pendel und seiner Zahlenleiste, sondern unterhalb des Gewichts; nicht am Schenkel des Dreieckchens, sondern an dessen Spitze.

Ja, gewiss, aber wie gehört es sich? Beim Apoll, ich sehe da oben kein Dreieck, sondern ein gleichschenkliges Trapez, das man allerdings nach unten hin (gedanklich) leicht zu einem Dreieck ergänzen könnte. Und wenn ich es lieber dort ablese, wo zwar keine Spitze ist, jedoch der schmalere Schenkel, wäre ich immerhin Beethoven etwas ähnlicher als manch einer vermutet hätte.  Andererseits: es könnte ja auch umgekehrt hängen, zum Beispiel wie beim folgenden Metronom:

Wikipedia

Immerhin: die Differenz zwischen oben oder unten abgelesen entspricht in etwa der Differenz zwischen den in der Praxis als „normal“ empfundenen Tempi und den strikt an den Beethovenschen Metronomzahlen orientierten. Abgesehen vom Satzbau: so einfach kann das Leben sein ! Ich kann mir gut vorstellen, dass Beethoven hier die längere waagerechte Kante für die maßgebliche gehalten hat, unter der man also ablesen sollte. Aber wie ist es nun wirklich??? Bei uns zuhaus, – welche Kante gilt? Wir sollten M.M. 60 einstellen (oben oder unten) und mit dem Sekundenzeiger unserer Uhr vergleichen. Wo oder bei welcher Einstellung stimmt die Frequenz überein? Dann wissen wir auch, welche Kante die richtige ist. Und müssen uns wegen wahnwitziger Metronomzahlen nicht die Kante geben.

Quelle DIE ZEIT 28. Januar 2021 Seite 43 Beethoven wollte gar nicht so schnell Ein großes Rätsel der Musikgeschichte ist gelöst. Von Christine Lemke-Matwey s.a. hier

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Zu anderen Beethoven-Rätseln, z.B. seinen Krankheiten, gibt es dies neue Buch, das mir physisch vorliegt; dessen hätte es gar nicht bedurft, denn man kann es vollständig digital abrufen. Es beruht auf einem Beethoven-Symposion, das unter folgendem Link dokumentiert wurde:  Hier

Darin der ebenso fesselnde wie abstoßende Forschungsbericht von Christian P. Strassburg: Kapitel 5 (ab Seite 80) über „Beethoven: die Auswirkungen der internistischen Erkrankungen auf seine Kompositionen“. Zu dieser möglichen Wechselwirkung zwischen Krankheit und Werk insbesondere ab Seite 89 ff.

Ausgiebige Seitenblicke auf Schubert und Smetana, man erinnert sich unwillkürlich an die oft genug peinliche Behandlung des Spätwerks Schumanns, wo plötzlich alles unter Verdacht steht. Und man wird gewahr, auf wie tönernen Füßen die eigene Ästhetik steht. Es wirkt wie eine Flucht nach vorne, dass man im gleichen Zug die Kunst der Geisteskranken nobilitiert hat (vgl. hier) .

ZITAT

Beethoven selber beschreibt, dass er von dem Ertrage seiner geistigen Leistung abhängig sei. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die chronische Lebererkrankung mit den oben geschilderten Konsequenzen auch einen Einfluss auf die kompositorische  Schaffenskraft, aber auch die Art der Komposition gehabt hat. Die Musik Ludwig van Beethovens ist gekennzeichnet durch oft jähe Kontraste der Lautstärke, durch Ausbrüche, Perseverationen (…) und abrupte Wechsel der melodischen Linien oder des Metrums. All dieses kann schlicht der Einsatz von kompositorischen Mitteln eines genialen Geistes sein, es besteht aber die Möglichkeit, dass diese Genialität durch die hepatische Enzephalopathie beeinflusst worden ist. Anhand von Schriftproben und Verhaltensbeschreibungen von Ludwig van Beethoven erscheinen jedenfalls diese Diagnose und ein Einfluss auf die späten Kompositionen des Meisters sehr wahrscheinlich.

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Zur Logik der Pandemie Von Herfried Münkler

Was unterscheidet Covid-19 von den Epidemien der zurückliegenden Jahre, bei denen man durch Verhaltensänderungen die Infektion zuverlässig vermeiden konnte?

Das ist bei Corona nur sehr eingeschränkt der Fall. Der virale Angriff ist nicht auf die Leichtsinnigen und Rücksichtslosen beschränkt, sondern nutzt diese, um auf die vielen anderen überzuspringen. Die Egalität des Angriffs macht eine Egalität des Abwehrverhaltens erforderlich. Also müssen alle mitmachen. Falls nicht, scheitert die liberale Ordnung mit ihren starken Einschränkungen staatlicher Handlungsmacht an der Unvernunft einer Minderheit – auch darum, weil dann die vielen Vorsichtigen und Rüclsichtsvollen für einen Staat optieren, der alle, die dem entgegenhandeln, unter seine Kontrolle bringt. Sie setzen dann auf die „chinesische Lösung“.

Quelle DIE ZEIT 28. Januar 2021 Seite 8 Abschied von der Arroganz  China steht beim Kampf gegen das Virus besser da als der Westen. Was wir tun können, um trotzdem im Systemvergleich zu bestehen. Von Herfried Münkler

Vorher im Text der Systemvergleich, ausgehend von dem interessanten Politikparadox, »was … wesentlich ein Paradox der Politik in Demokratien ist«:

Wenn die gegen eine Gefahr eingeleiteten Maßnahmen sich als wirksam erwiesen haben, breitet sich anschließend die Vorstellung aus, die Darstellung der Gefahr sei übertrieben und die getroffenen Gegenmaßnahmen seien unnötig gewesen. Die dafür verantwortlichen Politiker stehen dann als sie Dummen da. Da sie dieses Image scheuen, reagieren sie, wenn schnelles präventives Handeln angezeigt wäre, notorisch zögerlich. Es gilt das Motto: Wer zu früh handelt, den bestraft der Wähler.

Es kam hinzu, dass in Regionen, in denen die Infektionszahlen während der ersten Welle niedrig waren, sich Immunitätsvorstellungen ausbreiteten, die zu Nachlässigkeit führten – dementsprechend schossen in Sachsen und Thüringen die Infektionszahlen in der zweiten Welle prompt nach oben. Das war keine ostdeutsche Spezialität, sondern betraf ganz Mitteleuropa, das von der ersten Welle weniger betroffen war als Süd- und Westeuropa. Es war auch kein mitteleuropäischer Sonderfall, wie jetzt das Beispiel Irland zeigt. Es handelt sich um ein Lernen in die falsche Richtung, bei dem selbstzufriedene Überzeugtheit von der eigenen Sonderstellung unmittelbar ins Verhängnis führte.

Krimi Kurzkritik

Notizen nach einem dürftigen Tatort

Spontanes Urteil am Ende (die vorübergehend spannenden Momente zählen nicht mehr):

Hanebüchen!

( Das gilt im Nachhinein für alles, nach den Vorschusslorbeeren, auch für die Einzeldarsteller, die Musik, die Handlung, das Drehbuch, die Regie, die Insel, die Logik, – alles …)

Irreführendes in der Presse nachher:

Vorher Infos hier + Zuschauer-Echo

Vorab-Werbung im Kölner Treff HIER ab 42:50

W.W.Möhring ab 44:50: „Die Musik ist Hauptdarsteller und die Insel. Norderney.“ Meint er das Kleine-Terz-abwärts-Glissando, das derart bedeutungsvoll tut? Und das hüfthohe Wasser bei steigender Flut, das glücklicherweise keinerlei Sog entwickelt. Am Ende liegt man am Strand, die Handschellen haben sich wundersam aufgelöst, nur die eine lästige Frau ist verstorben. Die andere jedoch ist im Dunkel der Nacht genau hier zur Stelle.

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Fundstücke aus dem Programm

Hat nichts damit zu tun, aber: Ein ähnlicher Schock heute Mittag im Auto, offenbar ein neuer Trailer für Sendehinweise: WDR3 Kultur-Ambulanz.

Erste Reaktion: O Gott, dahinter steckt eine nagelneue Programmreform. Ja?! Es macht mich krank! Spontan, nach 25 Jahren oder nach 18 Jahren? Wird daher die Ambulanz als Vorhut geschickt?

Ein Missverständnis: man hilft der notleidenden Kultur. Kulturambulanz geht in eine neue Runde. „Wir streamen Kultur in Zeiten von Corona – Online, im Radio und über Facebook präsentiert WDR 3 Konzerte aus NRW, die wegen der Corona-Pandemie nicht öffentlich stattfinden können.“

Aber warum ein Etikett aus dem Krankenhaus-Bereich? Stopp, durchaus nicht, warum denn so negativ: wir beziehen uns auf den Bereich „Gesundheit, Bildung, Kultur“. Wie hier. Eine aussagekräftige Kombination. Wird so in Zukunft auch negative Musik gemieden? Zu ungesund! Nur noch gesundheitsfördernde Klänge. Vergleichbar der Aktion: Mozart im Kuhstall!

Bei dieser Gelegenheit stoße ich auf eine noch gar nicht so lang zurückliegende Reaktion auf Reformen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von Richard David Precht. Bemerkenswert! Habe ich damals nicht mitbekommen, hier also nachzuholen: HIER

Noch etwas über die Geschichte von WDR 3 hier (Wikipedia)

Ich sollte mal wieder WDR 3 hören…

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ARTE Indien hier ein ungeschickter Film, die Musik Rajasthans – Fehlanzeige… so unbedarft präsentiert man auch bei uns gern „Wunderkinder“. Auch hier ist es dilettantisch in den Wind geschossene Sendezeit. Mit dem Anschein der Weltoffenheit.

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Natürlich kenne ich die Argumente mancher Cineasten: in diesem Film gibt es die besten Dialoge, in jenem die hinreißendsten Autorennen oder die gelungensten Hochgebirgsabstürze, dort die unheimlichsten Szenen mit Türeknarren, hier Mondschein in der Sahara oder wilde Stürme um Helgoland. Es interessiert mich alles nicht, wenn die Geschichte nicht stimmt! Der Faden von A bis Z. Siehe Mozart: il filo.

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27.01.2021 Es gibt tatsächlich allerhand Neues im Kulturradio. Am neuesten fand ich aber früher immer die Abschaffung von etwas. Ich mag mich geirrt haben, ich klebte zu sehr am Alten. Aber jetzt verstehe ich um so besser die reformatorische Sprache: es wird ja nichts abgeschafft, alle Inhalte bleiben, sie werden nur konsumentenfreundlicher verteilt.

Zur Info studiere die verbreiteten Vorurteile:

Süddeutsche Zeitung 25. Januar 2021 Thema:  Öffentlich-rechtlicher Rundfunk Verrat am Kulturauftrag / Der WDR streicht sein Literaturprogramm zusammen. Weiß der öffentlich-rechtliche Rundfunk, welchen Schaden er anrichtet? Von Felix Stephan /  Hier (Leider mit Bezahlschranke)

ZITAT

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der immer noch ein paar wichtige Kultursendungen unterhält, hat panische Angst davor, als „elitär“ zu gelten, deshalb entfernt er aus dem Programm immer mehr angeblich Kompliziertes und ersetzt es durch Gefühltes. In Wahrheit aber tritt gerade in diesem Paternalismus eine narzisstische Öffentlichkeitsverachtung hervor. Um als nicht elitär zu gelten, verdunkeln die Verantwortlichen den Himmel und versuchen, dem Publikum die Illusion zu vermitteln, es gebe keine Geisteswissenschaft, keine Kritik, keine Sprachanalyse, nur noch Landschaften, Luft und Laune.

Nun auch noch die FAZ, und zwar: HIER

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Wenn etwas abgeschafft wird, geht das oft mit einer Verbrämung einher. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und insbesondere, wenn es um die Abschaffung von Kultursendungen geht, ist man darin besonders geübt. Als der Hessische Rundfunk 2019 plante, seine Kulturwelle HR2 zu einer „durchhörbaren“ Klassikwelle zu machen, nannte er den geplanten Abriss natürlich „Transformationsprozess“ und die Abrissbirne nicht Abrissbirne, sondern „Kultur-Unit“. Als sich starker Protest dagegen regte, musste der Sender erst noch eigens hervorheben, HR2 werde „selbstverständlich nicht ‚wortfrei‘ sein, sondern stärker um die Klassik zentriert“.

Eine ANTWORT:

Mehr Vielfalt für die Literatur

Die Literaturberichterstattung bei WDR 3 steht nicht zur Diskussion. Sie soll vielmehr vielfältiger und innovativer werden und nicht auf einem vereinzelten Sendeplatz am Morgen im immer gleichen Format ausgespielt werden. Wir haben mit WDR3-Programmchef Matthias Kremin gesprochen.

Abrufbar insgesamt hier.

Und in der Tageszeitung heute, am 27.01.2021, ärgert mich ein Bibelwort in der Standard-Rubrik SERVICE. So überflüssig und in sich unwahr wie das Etikett „Kultur-Ambulanz“. Wie auch der vorsorgliche Hinweis, dass der chirurgische Notdienst dies Jahr an Heiligabend, Silvester und Rosenmontag nicht zur Verfügung steht. Wo bleibt die Ambulanz für Nervenzusammenbruch?