Kategorie-Archiv: Liedgesang

Nur ein Lied

Mozart hören

Ich wähle Mozart, weil keine Musik leichter zu verstehen ist, man hört hin und weg. Sie ist so leicht, dass man dem eigenen Vergnügen nicht traut. Um bei mir selbst anzufangen: ich misstraue von vornherein den flotten Dreiklangsthemen und behänden Skalen, wogenden Tonleiterausschnitten und Arpeggien, aber auch allen Melodien, die das Frage-Antwort-Spiel anstimmen, das Öffnen und Schließen. Von der Tonika zur Dominante und von der Dominante zur Tonika. Da es aber in Wirklichkeit ganz anders geht, – das Andere etabliert wird, die Erneuerung der Töne -, stimmt bis hierher kein Wort, und Mozart hören bedeutet für mich: Alarmstufe 1. Nichts ist so wie es scheint. Und wenn ich sage: ich war verzaubert, so hat es dafür einige Zeit gebraucht, viele Einzelstücke, die ich geübt habe, vor allem zu hören geübt habe, bis sie mir fremd wurden, Wirkungen, die ich nicht verstanden habe. Auf Anhieb – ja, waren sie alle nur schön.

(Achtung beim Beginn der Musiken: möglicherweise startet es mit Werbung!)

Obiges Video im externen Fenster HIER (Geoffrey Parsons, Klavier)

Zweimal Barbara Bonney. Zwischenfrage: waren die Aufnahmen identisch?

Elly Ameling 1969 mit Jörg Demus, Klavier

Warum die Concertante für Bläser KV 297b hier folgt, – obwohl sie vielleicht gar nicht von Mozart stammt? Wegen des in jedem Fall schönen Seitenthemas, zu hören ab 1:27. Mir fiel auf, dass es sonst kaum ein (echtes) Mozart-Thema gibt, in dem fünfmal derselbe Ton hintereinander kommt, wie eben in diesem Lied, wo es vom Text her erklärbar wäre: die schlichte Aufzählung der Eigenschaften, fortwirkend im absteigenden Dreiklang samt kleinen Denkpausen, die „blauen, hellen, offenen Augen“: der Blick der Liebe und die Lust, ihn zu erwidern, das sind die zwei Hälften des Themas. Und es ist einfach. „Natur“.

Es lohnt sich, im Concertante-Thema zu beobachten, wie die Tonwiederholung dazu führt, das Verharren etwas dringlicher zu begründen und auszubauen, indem eine Zwischenmodulation eingebaut wird. Also – ab 1:27 !

  

Ich gehe eigentlich der Frage nach, warum mich dieses Lied besonders bezaubert, obwohl ich es – auf dem Papier – niemals für bedeutend gehalten hätte, – es lebt wie kaum ein anderes von der Interpretation und vielleicht auch noch von dem, was man sich dabei denkt (ja, und sei es im leicht anzüglichen Sinne). Bemerkenswert, dass man sich kaum daran stört, wenn das Lied von einer Frau gesungen wird; vielleicht hat man es auch gerade deswegen goutiert, weil man die Sängerin sogar rollenmäßig distanzierter wahrnehmen kann: sie singt den aus der Sicht eines Mannes geschriebenen Text, lediglich als „lyrisches Ich“.

An Chloë

1) Wenn die Lieb’ aus deinen blauen,
Hellen, offnen Augen sieht,
Und vor Lust, hineinzuschauen,
Mir’s im Herzen klopft und glüht;
2) Und ich halte dich und küsse
Deine Rosenwangen warm,
Liebes Mädchen, und ich schließe
Zitternd dich in meinem Arm,
3) Mädchen, Mädchen, und ich drücke
Dich an meinen Busen fest,
Der im letzten Augenblicke
Sterbend nur dich von sich lässt;
4) Den berauschten Blick umschattet
Eine düst’re Wolke mir;
Und ich sitze dann ermattet,
Aber selig neben dir.

 

Ausgerechnet dieses Lied hat den Sprach-Entertainer Roger Willemsen  zu Gedanken über Mozart angeregt. Das Buch „Musik!: Über ein Lebensgefühl“ wurde nach seinem Tode zusammengestellt (S. Fischer, 2018):

Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber dies ist ein Gedicht vom Beischlaf – und zwar vom reinen Anschauen – über das Halten, Küssen, Busendrücken bis in die Post-Coitum-Traurigkeit – „ermattet, aber selig“. Aber jetzt hören Sie was Mozart daraus macht. Seine Frühlingsgefühle sind behände, kommen so leicht daher wie der Text, aber dessen zweite Ebene ist nicht mitkomponiert, anders gesagt: Mozart hatte offenbar keine Ahnung, was er da komponiert und hat eher die Natur im Blick als die Triebentfaltung.

Etwas Neckisches trägt sein Lied, es braucht viel Atem, auch Vibrato in der Stimme. Zwar gelingt ihm die Vermählung des Dramatischen mit dem Lyrischen auf engem Raum, aber die Textvorlage ist ihm so wichtig nicht, er komponiert munter über sie hinweg und sucht den eigenen Ausdruck der Musik. So gibt es keine textgebundene wirkliche Variation zwischen der ersten und der letzte – post coitum – Strophe. Hören Sie, was ihm zu den Wörtern „umschattet“ und „düster“ einfällt – Flutlicht. Wie er das „neben dir“ sinnlos wiederholt, wie die ganze letzte Strophe eben nicht das „omne animal post coitum triste“ enthält, sondern eine leichtherzige A-tempo-Stimmung, die über das Lied hinaushetzt, und auch die letzte Seligkeit ist nicht ermattet, sondern Fanfare. Was hätte Hugo Wolf, was hätte Schubert aus dieser Vorlage usw. usf.

Hat er recht? Natürlich nicht, er zeigt eine geschmäcklerische Feinsinnigkeit am unpassenden Objekt. Weiß er etwa, wie man das hätte komponieren sollen, – möglichst mit einem schwermütigeren Ausklang, „den eigenen Ausdruck der Musik“ brauchen wir hier nicht, die Lage ist zu ernst. Wie? und das hat Mozart nicht begriffen? Immerhin hat er auf 9 weitere Strophen von Jacobis Original verzichtet. Und in den hier verbliebenen 4 Strophen soll er noch über Wesentliches hinwegkomponiert haben? Enthält denn das wiederholte „neben dir“ nach dem „selig“ zu wenig Aussage? Lasst uns doch bitte vom Liebestod ein andermal reden…

 

  

Wikipedia (leider nur in englisch) ist wieder einmal lesenswert:

Zum Text

Jacobi’s poem consists of 13 four-line stanzas with an A–B–A–B rhyme scheme. Mozart, who found it in the Göttinger Musenalmanach from 1785, used only the first four. The stanzas not used tell how the lovers‘ happiness was cut short by betrayal and death. The „death“ in the third stanza refers to the height of passion after which the lovers release their embrace – la petite mort. From the ancient Greek novel Daphnis and Chloe, Chloe is the name of a shepherdess often used in poetic pastoral settings.

Anm.: Ungeklärt, ob es im Original (Mozart oder Jacobi?) „zitternd dich in meinen Arm“ heißt oder „… in meinem Arm“.

Zur Musik (die hier erwähnten Takte sind im obigen Notentext rot markiert)

The form of the composition is not strophic, but a rondo (A–B–A–C–A′) with a coda. The vocal line is independent from the keyboard accompaniment. Upward leaps in the melody in bars 8, 9, 13 indicate the lovers‘ delight, piano staccato in bars 21 and 23 depicts heartbeats, there are shivers (piano bars 24, 25, voice melisma 35, 36), breathlessness (mid-word rests in bars 41, 43), and fatigue (longer rests in bars 49 and 50, leading to a general pause in bar 51). The coda invokes operatic style in bars 65 to 70, and bars 62 to 65 employ sudden dynamic changes from the Mannheim school. The piano reuses its prelude below the voice in bar 67 and extends it to form a postlude. The first three verses are covered in 39 bars, while the fourth alone takes 30.

Wenn man einen solchen Artikel anfängt und in vielen kleinen Schritten fortführt, erwartet der Leser, die Leserin gewiss ein Ranking: zwei Sängerinnen, deren Leistung gegeneinander abgewogen wird, für diese, gegen jene, und draußen, in der Gesellschaft, wo man selbst in einem Ranking steht, wird daraus ein radikales Urteil, das differenziertere Meinungen unter den Tisch fegt. Man muss das nicht mitmachen, aber bei mir ist es nicht anders, ich könnte mich allerdings schon bei Willemsen länger aufhalten: er entschuldigt sich („bitte nehmen Sie es mir nicht übel“), denn er will das Wort „Beischlaf“ benutzen, und das ist ja nicht falsch; aber der Autor ist darum nicht ehrlicher als der Dichter Jacobi im 18. Jahrhundert. In Krimis sagt man unverblümt „er vögelt meine Frau“; vom „Fremdgehen“ zu sprechen, wird als zu schwach empfunden. Was ich gestern geschrieben habe über eine rollenmäßig distanzierte Sängerin und eine etwas anzügliche Ausdrucksweise, kann man als unzeitgemäß kritisieren. (Ich lese immerhin das 2019 nachgelieferte philosophische Enthüllungsbuch „Die nackte Wahrheit“ von Hans Blumenberg, und es steht in einer langen Reihe seit 1969 Ludwig Marcuses „obszön / Geschichte einer Entrüstung“.) Und heute morgen fiel mir auf, dass ich, über das eine Mozart-Lied sprechend, immer alle andern mitdenke, weil ich nicht zehnmal dieses eine höre, sondern gleich danach die ganze Serie und mir dabei sage: Mozarts Gestaltenreichtum ist es, den ich liebe, und wenn ich seine Lieder rühme, beginne ich vielleicht mit „Sei du mein Trost“ , weil es so ungewöhnlich anfängt und auf „Das Veilchen“ folgt…

Sei du mein Trost
KV 391 (Wien, 1781/82)

Johann Timotheus Hermes (1738-1821)

Sei du mein Trost, verschwieg’ne Traurigkeit!
Ich flieh‘ zu dir mit so viel Wunden,
Nie klag‘ ich Glücklichen mein Leid:
So schweigt ein Kranker bei Gesunden.

O Einsamkeit! Wie sanft erquickst du mich,
Wenn meine Kräfte früh ermatten!
Mit heißer Sehnsucht such‘ ich dich:
So sucht ein Wand’rer, matt, den Schatten.

O daß dein Reiz, geliebte Einsamkeit,
Mir oft das Bild des Grabes brächte!
So lockt des Abends Dunkelheit
Zur tiefen Ruhe schöner Nächte.

(Fortsetzung folgt)

Kunstgesang Im Frühling

Vorläufig zum letzten Mal

Ich bin mehrfach darauf zurückgekommen und weiß, dass ich niemanden davon überzeugen kann, der/die nicht schon davon überzeugt war. Zum Genießen des Kunstgesangs (gerade im Lied) kann man niemanden überreden. In der Oper läuft es über das Szenische, die Phantasie hat fortwährend Nachhilfe. Aber im Lied? Das ist ja, wie wenn jemand geziert Hochdeutsch spricht. So scheint es den meisten Verächtern des Kunstgesangs.

Ich gebe ein Beispiel: hier (bitte nur hören, entspannen Sie die Augen, kommen Sie hierher zurück, aber: Achtung, es könnte im Hintergrund mit 4 sec Reklame beginnen, keine Empörung, nur Geduld!).

„Still sitz ich an des Hügels Rand, / Der Himmel ist so klar, / Das Lüftchen spielt im grünen Tal, / Wo ich beim ersten Frühlingsstrahl / Einst, ach so glücklich war.“

Wenn Sie schon öfter in diesen Blog geschaut haben: ich hoffe nicht, dass Sie auch nur einen Moment geglaubt haben, ich komme schon wieder mit Elly Ameling. Nein, es ist geradezu antipodisch anders, gestelzt, preziös, geziert, hochkulturell zelebriert, aber vielleicht technisch gut gesungen, – es interessiert mich nicht.

Versuchen Sie vielleicht diese Aufnahme, und glauben Sie mir: es geht mir nicht darum, einen Mann gegen eine Frau auszuspielen, das wäre lächerlich: hier .

Ich habe die Aversion gegen künstlichen Gesang nicht erst mühsam entwickelt. Es war schon vor 50 Jahren so: da waren mir die Volkslieder von Brahms in verteilten Rollen mit Elisabeth Schwartzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau unerträglich, weil sie tatsächlich Rollen spielten. Sie konnten nicht „einfach“ singen, die Schwartzkopf noch weniger als Fischer-Dieskau, der aber hat doch in späteren Jahren auch allerhand Manieriertes herausgearbeitet hat. Wie einzigartig war er in seiner frühen Zeit, als er die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ mit Furtwängler aufgenommen hat. Und auch das Lied „Im Frühling“ sang er zeitlos schön. Hier ist es.

Informationen: über den Dichter hier , weiteres im lesenswerten Blog eines Sängers hier .

Ich will meine früheren Beiträge nicht hervorheben, zumal mir wichtig war, sie in einen heterogenen Zusammenhang zu stellen, genauer gesagt: in den gegenwärtigen Alltag. Geben Sie einfach in das Suchfenster oben „Ameling“ ein. Das „Kunstlied“ bei Schubert gehört in die Nähe des bürgerlichen Alltags, obwohl beschönigend als „holde Kunst“ tituliert und auf andere Weise vom Opernsänger Vogl popularisiert, der dem schüchternen Komponisten gern auch mit Theater zu helfen versuchte. Die Crux für das heutige Publikum ist das Vibrato und die gut gestützte Bühnenstimme. (Wir erkannten die Sänger in der Mensa an ihrem Bühnen-Gelächter!)

Also, wie gesagt: nachschauen und hören, zum Beispiel hierhierhierhier, und hier .

*    *    *

Heute ist Donnerstag, der Tag, der mit der ZEIT beginnt, und höhere Stimmen befahlen mir (das ist ein prominentes Zitat, hoffe ich), einen bestimmten Absatz abzuschreiben; gleich daneben stand eine dickgedruckte Sentenz, die ich kopiere, weil das besser aussieht:

ZITAT

Es ist die Andersartigkeit , der man in der Natur begegnet. Plötzlich Lebewesen gegenüberzustehen, die einst aus derselben Zelle hervorgingen wie wir, aber irgendwann in den vergangenen 3,8 Milliarden Jahren eigene evolutionäre Wege eingeschlagen haben. Die andere Überlebensstrategien verfolgen, die Flügel haben,  nachts leuchten, als Spore überleben, verrottendes Holz verdauen, im Boden wühlen. Solche Strategien sind nicht besser als unsere. Nur anders. Manchmal sind sie dabei auch: schön. „Oft tun wir eine ästhetische Erfahrung als oberflächlich ab – und erklären Schönheit als bedeutungslos“, sagt David Haskell. Doch gerade darin, dass wir Genuss empfinden, wenn wir einen Schmetterling oder einen Blühenden Fliederbusch betrachten, zeige sich die uralte Verbundenheit. Haskell geht noch weiter: „Schönheit kann dich aus deiner profanen Umwelt reißen. Der Gesang einer Amsel kann deine Vorstellungskraft anregen und dich an einen anderen Ort tragen.“ Auch das bietet Natur: eine Flucht in die Schönheit. Wo unser Sinn für sie entstanden ist? Draußen.

Quelle DIE ZEIT 7. Mai 2020 Was uns nach draußen zieht Die menschliche Sehnsucht nach der Natur ist ein mächtiges und uraltes Gefühl. Wer es entdeckt, kann große Kräfte freisetzen – gerade jetzt. Von Fritz Habekuss.

Einer meiner Lieblingsautoren. Der Artikel basiert auf Recherchen zu einem Buch, das er mit Dirk Steffens zusammen verfasst hat „Über Leben – Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden“ Ab 11. Mai – Penguin Verlag.

Wikipedia David Huskell siehe hier.

An dieser Stelle stand bis vorhin: „Forstsetzung folgt“…

Wald am Engelsberger Hof

Im Frühling

       

Es war sehr still. Aber in jedem Bereich hörten wir einzelne Vögel mit Kraft singen.

Mönchsgrasmücke, Schwarzdrossel (mit Antwort aus der Ferne), Buchfink (mit Antwort),

Zaunkönig, Rotkehlchen, Buntspecht, Zilpzalp, und zuletzt (wir hatten einen Kreis

beschrieben und blickten durch das Zweigdickicht auf den Engelsberger Hof

wie auf ein verwunschenes Schloss) hörten wir noch eine Weile

der erregten Mönchsgrasmücke zu. 

  

  

 

(Fotos ER & JR)

Meisterfotografen würden nicht ruhen, bis sie die ganze Mächtigkeit der Bäume wirklich zum Ausdruck gebracht hätten. Ich verstehe nicht, weshalb keines dieser Fotos vermag, die Gewalt dieser Stämme einzufangen, die aus anderen Jahrhunderten in unsere Zeit ragen. Ich weiß, wie ich mich gefühlt habe, als ich auf dem Waldweg stand: klein, – aber nicht so wie auf dem Foto, also wie aus der Ferne, sondern klein wie im Innern eines Grasbereiches. Den Anblick des Weltalls brauche ich nicht unbedingt, um mich als unbedeutende Kreatur zu fühlen. Es genügt das Bewusstsein, von diesen geduldigen Ungeheuern in solchem Maßstab überragt zu sein, einfach ignoriert zu werden, mit der Lizenz, irgendwie an ihrem unbewussten Spiel mit Licht und Schatten teilzunehmen.

Ich habe nirgendwo zufrieden gesessen und hinabgeschaut auf eine offene Landschaft, glücklich, als sei sie für mich dort ausgebreitet. Aber die Erinnerung an das, was ich zuhaus gehört und gelesen habe, konkurriert natürlich im Untergrund, und das Lied, das mich ungefragt begleitet, ist selbst (Stichworte „einst“ und „damals“) eine Erinnerung, und zwar die eines anderen (Schulze), die sich wiederum ein anderer (Schubert) angeeignet hat. Und mit ihm diejenigen, die es interpretieren und der ganzen scheinpräsenten Realität entgegensetzen. Eine Art Schreitrhythmus, ein melodisch-rhythmisches Wogen und eine Harmlosigkeit, die man gern hinnimmt, weil sie den Waldspaziergang umschmeichelt.

„Still sitz ich an des Hügels Rand, / Der Himmel ist so klar, / Das Lüftchen spielt im grünen Tal, / Wo ich beim ersten Frühlingsstrahl / Einst, ach so glücklich war.“

Das hat mit mir nichts zu tun, oder jedenfalls nur mit dem Modus meiner Fortbewegung und der Wahrnehmung der Vogelstimmen. Sich vielleicht nur mit leiser Befremdung zu erinnern, dass jemand davon träumt ein Vöglein zu sein, – das akzeptiert man nur, weil die Musik mit ihren merkwürdigsten Modulationen darüber hinwegschreitet, so dass man keine weiteren Fragen stellt. Zu Hause schaut man nochmal nach und hört alles aufs neue. Wie schön das ist! So sang der junge Fischer-Dieskau: hier.

      

„Denn alles ist wie damals noch …“ Aber was ist eigentlich geschehen, damals? Von der Liebe ist die Rede, natürlich, vom Glück der Liebe, aber es muss früh zuendegegangen sein, „Und nur die Liebe blieb zurück, die Lieb und ach, das Leid.“ Also nicht das Glück. Es ist sogar von „Lust und Streit“ die Rede. Zurück blieb am Ende nur dieser ziemlich kindische Wunsch, der niemanden trösten kann.

„O wär ich doch ein Vöglein nur / Dort an dem Wiesenhang, / Dann blieb ich auf den Zweigen hier, / Und säng ein süßes Lied von ihr, / Den ganzen Sommer lang.“

Mit dieser gedanklichen Verbindung zwischen Natur und Kunst will ich nichts zu tun haben, wenn ich im Wald flaniere und den Vogelstimmen lausche. Mit Schuberts Musik sehr wohl. Sie passt zu meiner Gangart und öffnet immer neue Ausblicke, wie unser Waldspaziergang.

Ich kenne nur eine gelungene Darstellung, die eine unmittelbare  Verbindung zwischen Poesie und Realität plausibel macht, wo sich allerdings zugleich zeigt, dass dadurch das Verständnis des Kunstgebildes kaum gefördert wird.

Man könnte ja auch sagen: Fischer-Dieskau überzeugt mehr als Elly Ameling, weil die Geschlechterrolle mit der im Gedicht vorgegebenen übereinstimmt. Aber er ist es ja auch wieder nicht, der da von seinen Erfahrungen spricht, sondern der Dichter. Und dieser auch wieder nicht, sondern sein „lyrisches Ich“. Es ist nichts gewonnen, wenn ich es in diesem Fall an der realen Person festmachen kann, die mir bis vorgestern unbekannt war: Ernst Schulze. Schauen Sie nur: hier. Tatsächlich, er liebte nur diese eine, und sie hat ihn nicht verlassen, der Tod hat sie ihm genommen. Als er sie kennenlernte, war sie kaum 17 Jahre alt, und sie starb schon ein Jahr danach. Er war an 10 Jahre älter, hatte kaum noch Zeit, sich in die Schwester der Geliebten zu verlieben, denn er starb ebenfalls bald, an derselben Krankheit. Das ist alles tragisch, bringt aber für die Interpretation des Gedichtes oder gar des Liedes – überhaupt nichts. Aus Ernst Schulze hätte ein Wilhelm Müller werden können! Das wär’s. – Was nicht bedeutet, dass es gar keine „Erlebnislyrik“ gibt. Aber das Erlebnis ist nicht etwa der wahre Kern. Goethe spricht von „historisch“; Näheres bei Walther Killy:

 

Quelle Walther Killy: Wandlungen des lyrischen Bildes / Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen 1956 [Killy bei Wikipedia hier]

Aber die Deutung des lyrischen Bildes, das sich an der Wirklichkeit entzündet, ergibt sich nicht referierbar wie ein Lehrsatz, – der Essay von Killy ist noch mehr als doppelt so lang, und letztlich ergibt sich für unser Lied die Einsicht, dass das Bild des Vögleins – nach einer gedanklich recht umständlichen Strophe – zu schwach ist, um weit zu tragen: es wird erst durch Schuberts „leicht“ dahinfließende  Musik zu einem bedeutungsvollen Bild.

Es ist der Charakter des Scheins, der uns bei der Betrachtung des dichterischen Bildes nötigt, die Schwebe zwischen Realität und Idealität, von der das Gedicht lebt, nicht zu zerstören. Das Gedicht  i s t  nicht Natur; es  h a t  nicht Bedeutung. Sein Dasein besteht aus der dauernden Verwirklichung beider im jeweils anschauenden Hörer. Es ist aber auch der Charakter des Scheines als wäre es wirklich, der dem Gedicht die Kraft der Überzeugung verleiht. Sie entspringt dem Historisch-Materiellen in ihm, das zweifellos gewesen ist.

[Walther Killy a.a.O. Seite 20]

Neu für mich: Elly Ameling

Seltsames Wiedersehen / eilig Notiertes im Mai

Natürlich ist das nicht ganz neu, – noch mehr, es ist fast altmodisch -, ich muss mal nachschauen, war es vor 1970? „Weichet nur, betrübte Schatten“. Unvergänglich, unvergessen, keine Phrase dafür ist zu schlecht: Größeres gibt es nicht. Klar, dass man es längst auf Youtube hören kann.

  

HIER (youtube) Achtung, wegen Reklame 3 sec vorsichtig einblenden

Ich muss das mal eben recherchieren: Bei „Weichet nur“ war ich noch nicht dabei, außer später in Konzerten, vielleicht mit Elisabeth Speiser, oder mit Agnes Giebel und den Bach-Solisten, hier aber war, wie man auf dem Cover sieht, noch die erste Formation des Collegiums unter Grehling am Werk, erst 1967 bei „Non sa che sia dolore“ habe ich mitgespielt im Cedernsaal von Schloss Kirchheim, und die Schallplatte ist noch da:

Wenn ich mich recht erinnere, kannte man die „Academy of St Martin in the Fields“ 1967 bei uns noch gar nicht; wir hielten uns oder vielmehr unseren „Erfinder“  Dr. Alfred Krings sowieso für die alleinigen Entdecker der niederländischen Sängerin. Und ich empfinde es heute als sehr merkwürdig, dass die Bach-Kantaten hier und dort (in London) fast zur selben Zeit stattfanden. Die herrlichen Schubertlieder mit Elly Ameling im Cedernsaal Kirchheim entstanden allerdings schon 1965, (die Schumann-Lieder 1967, siehe hier ) zwischen der Schallplatte von damals und den Aufnahmen dieser großen Kompilation gibt es kaum Überschneidungen, außer bei „Im Frühling“ D.882 und beim „Hirt auf dem Felsen“, die hier in einer Produktion aus Berlin 1971 vorliegen. Eine Entwicklung von 6 Jahren liegt also dazwischen, – die zu betrachten eine schöne Aufgabe für einen Mai-Nachmittag wäre. Ich melde mich beizeiten zurück.

Noch ein paar Sätze, die ich vorsichtshalber nachträglich in diesen Beitrag hineinschreibe: wer noch nicht viele Lieder kennt (und: nicht bereit ist, Zeit aufzuwenden und sie inhaltlich jeweils mithilfe des Computers zu erschließen), der kann ihnen kaum gerecht werden. Man kann zum Beispiel keinen wirklichen Zugang zum „Kunstlied“ finden – ohne den Text vor sich zu haben. Ich muss also googeln! Eine preiswerte umfangreiche Kollektion wie diese bietet halt keinen einzigen Text, keine Übersetzung, – und deren bedarf insbesondere eine ganze Reihe anspruchsvoller französischer Lieder (Verlaine, Mallarmé). Und auch bei einer gut artikulierenden Sängerin kostet es Energie, einem unvertrauten deutschen Text zu folgen, – und genau diese Energie fehlt dann bei der Enträtselung der Töne! Mozarts „Abendempfindung“ muss man gelesen haben, um erst recht – nur die Musik zu lieben… 

Und ehrlich gesagt: wer immer nur Sting hört, entwickelt – mit und ohne Text – sowieso kein Sensorium für Schubert.

*    *    *

Und weiter: nach der folgenden SZ-Lektüre gehe ich auf Suche nach dem Link:

Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung 2./3.Mai 2020 Seite 17

HIER

Und was war gestern?

https://www.literaturcafe.de/das-literarische-quartett-mit-thea-dorn-vom-publikum-allein-gelassen/ hier

Wie bitte? soll das alles gewesen sein?

Noch einmal reden lassen, und lange genug über Gabriel García Márquez ! ! !

 HIER bitte ab 20:20. Und bis 20:30!

Am vergangenen Samstagmorgen habe ich im Mosaik auf WDR3 plötzlich etwas über Aldous Huxley gehört, ich weiß nicht, warum, er hatte jedenfalls keinen runden Geburts- oder Todestag (1894 – 1963). Es wurde etwas vorgelesen, und als der Sprecher bei Meister Eckhart war und das Wort Istigkeit deutlicher als alles andere sprach, fand ich es erinnerungsträchtig und dachte im folgenden, diese Welt da, von der die Rede ist, das könnte die Wahrnehmungswelt Immanuel Kants sein, bevor die Kategorien sie filtern, ein gleichmäßiges Chaos. Ich muss das Buch lesen, gut dass es mir damals noch nicht in die Hände gefallen ist, ich blieb bei Benn, „Provoziertes Leben“ (1941 bzw.1959), das war aufgrund der  Entstehungszeit als Lebensmaxime schneller abzustreifen. Inzwischen, 51 Jahre später, ist die versäumte Lektüre eingetroffen, ich schlage sie auf und habe in demselben Augenblick die Stelle vor mir, die neulich im Radio vorgelesen wurde:

  Piper ISBN 978-3-492-20006-6

Das hat schon einen enormen Sog… Zum Glück bin ich immun.

1959 las sich das bei Gottfried Benn folgendermaßen (nebenbei bemerkt: der dicke Stift, mit dem ich Unterstreichungen vornahm, war derselbe, am einen Ende rot, am anderen blau, mit dem ich ein Jahr später im Café Kranzler in Berlin Adornos „Philosophie der Neuen Musik“ durchackerte – ohne Handy oder Fremdwort-Lexikon):

Gottfried Benn: Provoziertes Leben / Ullstein Verlag 1959

In Berlin kaufte ich jeden Monat, wenn Geld von Oetker eintraf, einen neuen Band der Benn-Werke, die damals im Limes-Verlag erschienen. Und ich lernte eine Reihe seiner Gedichte. Die separat erschienenen „Statischen Gedichte“ (Arche Verlag) trug ich seit 16.9.1959 mit mir herum, ziemlich ramponiert. Kaum zu glauben, er war erst vor drei Jahren gestorben. Dieses kannte ich auswendig:

Astern -, schwälende Tage, / alte Beschwörung, Bann. / die Götter halten die Waage / eine zögernde Stunde an /

darin auch die wunderbaren Zeilen, die an Mörike erinnern:

der Sommer stand und lehnte / und sah den Schwalben zu

aber dann die letzten:

noch einmal ein Verstummen, / wo längst Gewißheit wacht: / die Schwalben streifen die Fluten / und trinken Fahrt und Nacht.

ASTERN, in diesen Zeilen fand ich eine Grundstimmung, die ich liebte oder besser: die ich mir total angemessen fand; ich ahnte nicht, dass ich sie im Jahre 2020 dankbar repetieren würde.

Botanischer Garten Solingen 1. Mai 2020 12.30 Uhr (Fotos JR Huawei)

Nachtrag für Benn

Irgendwann fiel mir ein, weshalb ich bei Benn an Mörike dachte – was so unpassend ist, wie bei Ameling an die Callas zu denken -, es sind aber wenige unverwechselbare Worte, die genügen, so dass ich selbst in einem wissenschaftlichen Essay diesen Bezug hervorheben würde. Nämlich, dass der Sommer – eine Jahreszeit! – an der Berge Wand „lehnte“, ebenso der anschließende Versteil: „die Götter halten die Waage / eine zögernde Stunde an“ –  oder „Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch“. Bei Benn sind die „Stunden“ Chiffre eines herausgehobenen Zeitmomentes, in dem ein Glück möglich ist, auch durch künstlichen Rausch („O Nacht! ich nahm schon Kokain“), all dies schwingt unwillkürlich zusammen, wenn man heute des Pfarrers Mörike liest:

Gelassen stieg die Nacht ans Land, /  Lehnt träumend an der Berge Wand,

Ihr Auge sieht die goldne Waage nun / Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.

Siehe hier. Und hier. 1 Stunde – das kann auch 1 Gedicht sein – 1 Lied.

Die Bedeutung der Benn-Gedichte – biographisch

Und sonst nix? Es ging nicht nur um Benn. Gedichte sind so lebenswichtig wie Lieder!

  1991, 2000,1955

Und das Lesezeichen lag mit Recht bei Brecht im gelben Conrady Seite 708, wie geschaffen für Corona-Zeiten:

Blauäugige Logik

Wie komme ich heute bloß zur Musik?

Wahrscheinlich mit Pfitzner und Brahms und Berg und mit dem Solinger Tageblatt. Nein, dem wöchentlichen Anzeigenblatt. Ein beruhigendes Thema lockt hinein. Es klingt schon …ähhh… in mir klingt ein Lied… aber genau das lasse ich weg.

Quelle „Das Solinger“ 18.04.2020 und hier

Hätten Sie das von Hans Pfitzner gedacht? Oder von Elly Ameling? Arglos schön, wie aus einer anderen Welt.

Im folgenden Lied wird die Farbe Blau nicht unmittelbar angesprochen, aber wer sie nicht sieht, ist taub. Und noch mehr dank der unbestechlichen Logik der ABA-Form: die zweite Strophe zeigt die Ursache der ersten, und deren Wiederkehr zeigt die Folgen. Zwingend, wie das ewige Blau des Himmels.

Und das Lied von Brahms verlinke ich nicht, um niemanden zu einem dummen Scherz einzuladen („Dein blaues Auge“). Schlimm genug – für den Fall, dass im Hintergrund einfach eine andere Version des Berg-Liedes weitergelaufen ist – wenn es jetzt an Intonation gebricht. Springen Sie doch vielleicht gleich hierher.

Oder genießen Sie – weil es an dieser Stelle unvermeidlich scheint – durchaus die volle Prise „Brahms“, und freuen Sie sich, wenn Ihr Blick bei den Worten: „das deine ist wie See so kühl“ den braunen Augen von Christa Ludwig begegnet. Hier.

Kampf der Diskriminierung!

Nur 1 Lied von 6:38

Die Elemente, die man braucht

Das Lied ab 0:10 / und im externen Fenster hier. Und es dauert nur 6:38 Minuten, also gibt es keinen Grund, es nicht zu hören und zu kennen. Für immer. Die schlechte (?) Nachricht: 1 Mal hören genügt nicht. Und hören ohne zu denken ist sinnlos. Usw. usw.

Unvergesslich allein schon zu Beginn (ab 0:16) die Klangfarbe der Mischung Klarinette/Flöte für die Melodie! Ein Blick in die Partitur kann nicht schaden, um die Ohren zu schärfen: der gehaltene Sordino-Klang der geteilten Bratschen, ebenfalls sordino (also mit Dämpfer) der aufsteigende Dreiklang des Solocellos, die träumerischen Einwürfe der gedämpften Geigen, diese Girlanden werden dann von den Bratschen weitergeführt, während die Geigen Triller einfügen oder für Momente an der Gesangsmelodie mitsummen.

 

Zum Umfeld: Wikipedia hier Notenbeispiel (Achtung: in der Partitur oben steht das Lied steht in H-dur, wahrscheinlich wegen „Contralto“-Stimmlage; hier nun in D-dur, und da müsste korrekterweise im 2.Takt, 2.Ton ein gis (!) stehen, danach wieder g.)

Zum Text: hier , Biographie des Dichters bei Wikipedia hier

Zum Sänger: Stéphane Degout Wikipedia hier

Weitere Aufnahmen mit ihm: Rameau (!) siehe hier (Hippolyte & Aricie) und hier (Dardanus). Achtung, lästige Reklame-Einstiege überspringen!

Dank an JMR für die Links!

Vergleichsaufnahme „Le Spectre de la Rose“ mit Janet Baker (Barbirolli)

Was den Dirigenten des Kölner Gürzenich-Orchesters angeht, „a Frenchman in Cologne“, möchte ich anregen, ihn an anderer Stelle in diesem Blog als Vertreter des französischen Chansons kennenzulernen, nämlich hier (am Ende des Artikels über Kant, Peter Szendy und Ohrwürmer). Bitte nicht lachen. Nur lächeln!

Wer braucht ein „lyrisches Ich“?

Ich zum Beispiel!

Es hat ja gewiss einen Grund, wenn ich immer wieder darauf zurückkomme. Am ehesten noch, wenn ich bestimmte Lieder höre. Beeindruckende Sängerinnen oder Sänger. Aber auch Sprecherinnen oder Sprecher. Oder entsprechende Texte oder Verse nur lese. Selbst wenn ich sie nicht innerlich höre. Also einfach das Druckbild vor mir habe und es mehrfach mit den Augen abtaste. (Geht das überhaupt, ohne dass ich es mir akustisch „vorstelle“?)

Zur Orientierung vorweg (auch Thema „Subjektivierung“) hier und hier.

Ich muss jedes Mal von vorn anfangen. Aber jetzt habe ich endlich den neuen (einzig richtigen) Ansatz, den ich mir eigentlich schon im Dezember 1963 hätte einprägen können. Aber damals galt das Buch (das im Germanistik-Studium dringend empfohlen wurde) als sehr schwierig, wer weiß, ob ich in jener Zeit schon bis Seite 177 vorgedrungen bin, wo sich immerhin rote Unterstreichungen finden. Jedenfalls hat es nicht „gefunkt“. Es hatte keinen „Leidensdruck“ gegeben. Der kommt erst im Alter, angesichts der Tatsache, dass man immer noch die gleichen Probleme ungelöst findet. Damals hatte ich die Hauptwerke von Emil Staiger und Wolfgang Kayser längst studiert, die nun bereits fragwürdig wurden, aber dies hier war ein anderes Kaliber:

 

Quelle Käte Hamburger: Die Logik der Dichtung / Ernst Klett Verlag Stuttgart 1957

Also, die Arbeit beginnt, jetzt kann ich es nicht mehr dabei bewenden lassen… das Inhaltsverzeichnis zeigt bereits, wohin die Reise gehen muss: „Die lyrische oder existentielle Gattung“. Ohne dass man der Bezeichnung „existentiell“ vielleicht ansieht, dass es ein Schlüsselwort ist, das – anders als der Begriff „lyrisches Ich“ – sofort eine klärende Wirkung hat. Also brauche ich es …. vielleicht doch nicht mehr: das im Titel genannte Ich?

Es ist wohl kaum zu vermeiden, den Hamburger-Text Wort für Wort nachzuvollziehen, auch die Prosastücke und Verszeilen, die den Ausgangspunkt bilden (Seite 147f Punkte 1. bis 5.), im Sinn zu halten; trotzdem versuche ich hier von den Sätzen auszugehen, die ich mir rot unterstrichen habe und zu betrachten, ob sie sich als Memorierstoff eignen, der die Details nach sich zieht, oder am Ende eine vollkommene Auflösung schafft, indem ich die entscheidenden Textseiten einscanne. Es gilt den Schritt zu tun, der dazu führt, den ganzen Gedankengang von jedem Schein der grauen Theorie zu befreien.

Die lyrische Form [das Gedicht] ist der Ausdruck für den Willen des Aussagesubjekts, seine Aussage nicht als eine Aussage zu verstehen, die auf einen Wirklichkeitszusammenhang gerichtet ist, sei dieser ein historischer, theoretischer oder praktischer.

Doch ist es mit dieser Behauptung nicht getan. Es bedarf einer genaueren Betrachtung dessen, was wir die systematische Genesis des lyrischen Ich nennen können. Zu diesem Zweck gehen wir wieder auf unser Ausgangsbeispiel der Wirklichkeitsaussage, den Brief Rilkes zurück, die Beschreibung des verschneiten Schloßplatzes mit der Freitreppe, die zu keinem Gebäude mehr heraufführt. Diese Briefstelle ist reich an lyrischen Valeurs. (…)

Es geht kein Weg daran vorbei: wir brauchen diese 5 Wirklichkeitsaussagen, auf die sich Käte Hamburger immer wieder bezieht. 1. aus dem besagten Rilke-Brief:

 .     .     .     . (Seite 147f.)

ZITAT Seite 166 f

Unsere am Rilkebrief und [hier nicht wiedergegebenen] Rimbaudgedicht (….) vorgenommenen ‚Interpolationen‘ aber dienten uns hier nicht zu stilkritisch-interpretatorischen Zwecken, sondern nur als Hilfskonstruktionen für die Erkenntnis des Prozesses, in dem sich ein historisches oder praktisches Ich in ein lyrisches verwandeln kann. Dieser Prozeß beginnt damit, daß der Objektpol als Ziel der Beschreibung, Erkenntnis oder des ‚handelnden‘ Einwirkens fallen gelassen wird, und das bedeutet, daß die Aussage keine Funktion mehr in einem Wirklichkeitszusammenhang haben will. Sie zieht sich aus diesem zurück, d.h. sie behandelt das Objekt nicht mehr als ein solches, sie trennt es nicht von dem Erlebnis des Aussagesubjektes, so wie es jede sachgerichtete Aussage ihrer Intention nach tut, sondern sie behandelt es umgekehrt bloß als Objekt des Erlebnisses, sie verwandelt damit das Objekt zu einem bloßen Bestandteil des Erlebnisfeldes des Aussagesubjekts. Indem die Aussage oder das Aussagesubjekt so verfährt, gibt es seinen Willen kund, in einem anderen Bereich sich geltend zu machen und gehört, ‚verstanden‘ zu werden als dem eines Wirklichkeitszusammenhanges. Das Aussagesubjekt konstituiert sich als lyrisches Ich und damit den Bereich der lyrischen Dichtung. Denn nun bedient es sich der Sprache nicht mehr als Mitteilungsinstrument irgend eines Sinnes, sondern als Ausdrucksinstrument, und der Reichtum der lyrischen Formwelt entsteht. Zwischen dem lyrischen Ich und dem historischen bzw. theoretischen oder praktischen aber läuft, nur dem Blicke der Logik erkennbar, die Grenze, die wir als Kontext bezeichneten, der den Willen eines Aussageobjektes kundgibt, ein ölyrisches Ich zu sein. Der Rilkebrief und das [von mir – wie gesagt – nicht zitierte] Prosagedicht Rimbauds liegen dicht beieinander im Aussagesystem, aber eben zwischen ihnen läuft die Kontextgrenze, die den ersten als Wirklichkeitsbericht eines historischen Ich, den letzteren trotz der stilistischen Prosaform als lyrische Aussage kenntlich macht.

Es zeigt sich nun hier auch der Grund, aus dem wir als Demonstrationsbeispiel einer echten Wirklichkeitsaussage ein Dokument wie den Rilkebrief und nicht eine ganz objektiv, rein sachlich ausgerichtete Darstellung, einen Zeitungsbericht, einen Passus aus einem historischen Lehrbuch ausgewählt haben. Wir brauchen ein Dokument, das trotz seines Wirklichkeitscharakters schon lyrische Valeurs enthält, oder umgekehrt: trotz seiner lyrischen Valeurs ein Wirklichkeitsbericht ist.

Ich muss etwas einfügen, für den Fall, dass jemand diesen Text für trocken und schwierig hält, – es bedarf der Geduld. Meine Begeisterung ist grenzenlos, allerdings vielleicht auch, weil ich das Ganze gelesen habe und es nun bei den herausgegriffenen Sätzen mitdenke. Und jetzt schon ahne, dass es drei vier Seiten weiter oben auf der Seite 174 um das Eichendorff-Gedicht „Mondnacht“ gehen wird, das Gedicht aller Gedichte, das Lied der Lieder, hören Sie weiter, hören Sie – und bedenken Sie, wo und wann  sich die Theorie aufs wunderbarste bestätigen wird, wenn es auf „die existentielle Erlebnisquelle“ geht, „auf die es allein ankommt“:

Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die Stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.

Falls die Musik noch zu hören ist, warten Sie und schalten Sie danach erst den externen Link ab. Man hört dieses Lied nicht nebenbei.

 Spiegel 13.4.1992

 Süddeutsche 11./12.4.1992

ZITAT Seite 168

Hier ist der Ort, den Begriff des Existentiellen als den prägnant bestimmenden Terminus für die Beschaffenheit der lyrischen Dichtung einzuführen und zu begründen, so wie der Begriff des Fiktionalen oder Mimetischen die Beschaffenheit der epischen und dramatischen Dichtung strukturell charakterisiert. M. Bense hat diesen Begriff als einen „literaturmetaphysischen“ für die Charakterisierung solcher Prosa eingeführt, die er die „pascalsche“ nennt, und seine Unterscheidung von logischer und existentieller Prosa berührt sich nahe mit unserem Versuche der Anordnung der Aussagen zwischen dem Objekt- und Subjektpol auf der Aussageskala. Doch wird in Benses Theorie der Unterschied der Haltung oder Bewußtseinstellung nicht aufgenommen, der die Aussagen der Dichtung (als Lyrik) dennoch von denen der Wirklichkeitsaussage entscheidend trennt. Wenn schon Novalis, sowohl die Bensesche wie jedoch auch unsere Theorie bestätigend sagte: „Die höchste eigentlichste Prosa ist das lyrische Gedicht“, so ist freilich auch hier die Lyrik in das Aussagesystem, die „Prosa des wissenschaftlichen Denkens“ eingeordnet. Aber es ist ebenso wie bei Bense noch nicht der Unterschied kenntlich gemacht, der dennoch die lyrische Aussage von einer noch so existentiellen nicht-lyrischen trennt, wie es trotz aller stilpersönlichen Enthüllung der Subjektivität, des „Daseins“ (Heidegger), der „ontologischen Seinsthematik“ (Bense) des Autors auch die Pascalsche Prosa, oder auch diejenige Hegels, Nietzsches, Heideggers ist. Auch diese und andere Philosophen meinen ihre philosophische Lehre und Deutung der Welt und des Menschen doch nicht als Ausdruck ihrer besonderen ‚Existenz‘. Sondern sie sind prinzipiell nicht anders wie [sic!] die Sachwissenschaftler objektgerichtet, theoretisch, und dies, wie nochmals hier betont sei, obwohl die Philosophie eine dicht am Subjektpol der Aussageskala angesiedelte Disziplin ist. Aber die Genze zwischen ihr und der auf der Aussageskala ihr benachbarten Lyrik geht dort, wo die Richtung der Aussage erkennbar wird: Aussage über Objektives, d.i. vom Subjekt als verschieden gemeintes, oder Aussage von Existenz, dem ‚Dasein‘ des Subjekts zu sein. Der moderne Begriff der Existenz ersetzt recht glücklich den des Subjekts und des Subjektiven in diesen Zusammenhängen. Er erweitert die rein logisch-erkenntnistheoretische Angabe sozusagen zu dem Kraftfeld, das sich um den Subjektpol der (formulierten oder unformulierten) Aussage bilden kann, und während der Begriff des Subjekts einen logisch polaren Gegensatz in dem des Objekts hat, gibt es für den Begriff der Existenz keinen Gegenbegriff auf der Objektseite. Er bezeichnet nicht nur die Subjektivität, die stets, durch die polar-korrelative Beziehung zur Objektivität, mit dem Bedeutungselement des Relativen behaftet ist, auch wo der begriff nicht in rein logischem Sinne verwandt wird. Sondern der Begriff der Existenz bzw. des Existentiellen bezeichnet in hohem Maße das Kraftfeld, das von dem Ichsein der ‚Person‘ ausgeht, die besonderen Bedingungen des personal-menschlichen Seins im Unterschiede zum dinglich-außermenschlichen; wie wir denn auch schon in der Umgangsrede den Begriff der Existenz nur auf das menschliche Leben, nicht auf Tiere und Dinge anwenden. Die Grenze also zwischen der Lyrik und dem übrigen Aussagesystem läuft dort, wo die Aussagen sich gewissermaßen von ihrem Objektpol ab- und dem Subjektpol zuwenden.

Im selben Zuge aber, wo dies ausgesprochen wird, melden sich schon Bedenken an, und es erweist sich als notwendig, diese vorläufige Bestimmung der Phänomenologie der lyrischen Aussage in zweierlei Hinsicht zu rektifizieren oder doch genauer zu konturieren. – Die Behauptung, daß die lyrischen Aussagen sich zum Subjektpol hinwenden, könnte dahin mißverstanden werden, daß es sich in aller Lyrik um Aussage über das jeweilige lyrische Ich an sich selbst handele, alle Lyrik im speziellen Sinne ‚Ich-Lyrik‘ sein, ja auch nur die Form der ersten grammatischen Person haben müsse. Ein Hinweis auf die Fülle der Gegenbeispiele genügt, und gerade sie, die ‚ich-freien‘, d.h. sich in der Form objektiver Behauptungssätze aufbauenden lyrischen Gedichte bieten sich der phänomenologischen Analyse der lyrischen Aussage als besonders aufschlußreiches, ja im Grunde als einzig brauchbares Beweismaterial an, weil sie logisch und grammatisch das Wesen der Aussage (des Urteils) in reiner Form darstellen.

Damit ist aber bereits der zweite Punkt angedeutet, der in Hinsicht auf die als existentiell bezeichnete lyrische Aussageform weiterer Erhellung bedarf. Wenn es richtig ist – und sich weiter unten sogleich noch deutlicher zeigen wird -, daß die Aussagen des lyrischen Gedichts sich vom Objektpol gleichsam ab- und dem Subjektpol zuwenden, bedeutet dies, daß in der Aussage kein Objektpol mehr in die Erscheinung träte?

An dieser Stelle möchte ich meine Abschrift unterbrechen, um die originalen Druckseiten mit dem eingefügten Gedicht von Hans Carossa zu zeigen.

Zugleich benutze ich die Gelegenheit, den Link zu einer Dissertation einzufügen, die sich  Käte Hamburgers Theorie der Dichtungsgattungen widmet, Untertitel: Die theoretischen Grundlagen der „Logik der Dichtung“. Von Marija Zulja Vasić Daki HIER. Und noch etwas (ungeprüft) für den Merkzettel: hier.

Ich wiederhole, was ich besonders bemerkenswert finde: „Die Blume stellt sich nur deshalb in dieser Objektivität ihres besonderen Blumenlebens dar, weil es vom Aussagesubjekt als ein solches Leben erfahren und ausdrücklich gemacht wurde, ein Prozeß, der sich in diesem Gedicht als spezifisch lyrischer ganz in den Schlußversen enthüllt, obwohl auch in ihnen keine Ich-Aussage in erster Person erscheint.“

Käte Hamburger wendet sich anschließend zwei Lehrgedichten zu, die – das ist wichtig – eines gemeinsam haben: dass sie „uns bei aller Objektgerichtetheit der Aussage ein wenn auch zartes und sozusagen zurückhaltendes existentielles Element“ verraten:

die Begeisterung der Erkenntnis, und mit ihr verbunden der Drang, das Erkannte auch mitzuteilen, zu lehren. Denn beide Gedichte erhalten ihre spezifische Form als Lehrgedicht durch die Einbeziehung des zu Belehrenden: den Schüler Pausanias des Empedokles, die Geliebte (Christiane) Goethes. Aber dadurch verbindet sich nun nicht etwa die theoretische Aussage mit einem praktischen Zweck; diese Gedichte sind nicht deshalb ‚Lehrgedichte‘, weil in ihnen Schüler angeredet werden. Sondern wir erleben hier unter der noch milden Herrschaft der lyrischen Form das eigentümliche fast paradoxe Phänomen, daß gerade diese Anredeform der Lehre der reinen Objektgerichtetheit ein personal-existentielles Moment hinzufügt. Und wir spüren unmittelbar, daß diese pädagogische Fiktion in der ‚Prosa des wissenschaftlichen Denkens‘, also im reinen prosaischen Sachbericht keinen gemäßen Platz hätte. [Seite 172 f]

(Fortsetzung folgt)

Eine große Zeitung

Daran erkenne ich sie:

 .    .    .    .

Sie passt nicht nur zu Silvester, sondern auch zum Neujahrsmorgen. Und im Streiflicht, das man gern als erstes liest, erscheint sogar, wie von vielen Menschen gewünscht, die inzwischen bekannte rhetorische Jahresendfigur als Satire: „Heute ist die Oma der weiße alte Mann unter den Frauen.“

Andere Themen, die uns zu Beginn eines neuen Jahrzehnts unter den Nägeln brennen, lassen sich in neuer Beleuchtung nachlesen. Ich hatte mir längst ein Büchlein ans Bett gelegt, um bei plötzlich auftauchender nächtlicher Melancholie gewappnet zu sein. (Ehrlich gesagt: das erste, was mir heute beim ersten Sonnenstrahl – den gab es wirklich!!!! – einfiel, war die Frage, warum das Schubertlied vom Heideröslein mir in meiner Kindheit viel weniger gefallen hat als das Volkslied und weshalb das ganze Schulmusikstudium, bei dem solche Vergleiche immer zugunsten der Klassikerversion ausfielen, nicht geholfen hat, bis dann Elly Ameling kam und alles zugunsten Schuberts wendete. Noch mehr durch das Lied „Frühlingsglaube“: Nun muss sich alles wenden…)

Man wird wieder sagen, dass ich die Holländer bevorzuge, und das vielleicht nur wegen meines Vornamens, den mein Vater gegen meine Mutter durchgesetzt (ihr war der Name zu kurz). Habe ich erwähnt, dass ich Elly Ameling schon einmal zum Hotel Solitude fahren durfte? Vielleicht hier? Und im Neuen Jahr werde ich wieder nach Domburg fahren. Um aber auf das anfangs erwähnte Büchlein zurückzukommen, das wirklich hervorragend ist und auch das im Titel genannt Problem zufriedenstellend löst:

Aber ich würde auch Hartmut Rosa nicht vergessen, – war es nicht ein Gespräch mit Richard David Precht? Jawohl, siehe hier, dafür habe ich ja den (das) Blog: damit ich behalte, was ich vergesse!

Falls ich an diesem Eintrag noch weiterschreibe (das schöne Neujahrswetter lockt in die nahgelegne Ohligser Heide), also: falls, – so sollte es dem „Heideröslein“ gelten. Und nicht der Vergänglichkeit.

Melodie ohne Spitzenton

Ist er überflüssig?

Peinlicher Anblick zum Jahresende…

Dies gab mir beim ersten Blick ins heutige Tageblatt am meisten zu denken, – neben der politischen Schlagzeile, die dem Wort „Umweltsau“ in dem beliebten Kinderlied „Oma im Hühnerstall“ galt. Jetzt ist es halt nicht mehr zu gebrauchen. Aber um den fehlenden Spitzenton im Anzeigenteil wird sich niemand kümmern, man ignoriert ihn, weil die wenigstens Kunden Noten lesen, immer nur in Worten denken. Aber gerade der Ton, zu dem man zweimal ausholt, um ihn dann um so lauter zu schreien: der gehört doch einfach an den Anfang der zweiten Zeile. Ach, ich würde gerne in der Annoncenabteilung aushelfen, wenn man mich nur ließe:

Sie sagen: jetzt erst sieht es schlimm aus, den Druckfehler hätte doch keiner bemerkt. Wirklich? Dann sage ich eben auch mal was Schlimmes über Ihre Oma! Zum Beispiel, dass sie noch nicht mal einen Zweizeiler mit Reim aufsagen konnte. Stammt das nicht von ihr? dieses: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf später!“ War sie zu dumm oder ein bisschen hinterfotzig? – In einem alten Film habe ich erlebt, wie jemand am Fischstand mutwillig mit den Worten begann: „Einem geschenkten Barsch …“ und dann zaghafter fortfuhr „… schaut man nicht in den – Schlu—lund!“ Also – erst beim Zögern ist es ein ganz netter Witz geworden, dem wohl anderenorts schon plattere Versuche mit den Worten Gaul, Maul, Hund und Mund vorausgegangen waren.

A propos „platt“: ich assoziiere mit der zweiten Zeile ohne Spitzenton die 50er Jahre mit ihren Heideröslein- und Försterliedern. „Im Wald und auf der Heide“, so hat man den „deutschen Wald“ in die Nachkriegszeit gerettet, wie auch die Rohkost, die Jungschar und die Reformbewegung. Ich konnte alle Strophen vom „Wilddieb“ und habe sie im Landschulheim auf Spiekeroog, wenn wir das Licht ausschalten mussten, den noch lauschenden Mitschläfern vorgesungen; das wirkte Wunder: „der Wilddieb, er gibt keine Antwort, er kennt ja die sichere Hand, ein Knallen und gleich drauf ein Aufschrei, und der Förster lag sterbend im Sand“. Ich glaube, es war diese Version, die den Krieg überlebt hatte, erst später kam Friedel Hensch mit den Cyprys.

Gut, das Lied saß und tat Wirkung, passte auch zu den Büchern, die ich verschlang (Kloss: „Ferien im Försterhaus“). Aber da sich in dieser Zeit auch meine Vorliebe für Klassik festigte („Die goldene Geige“), ärgerte es mich, wenn kostbare Wendungen, die ich liebte, in Schlagern auftauchten, die ich billig fand. Während mein Bruder meinte, dies sei das eigentlich Wahre (was sich auch vertreten lässt), und er war der Ältere. Michael Jary, René Carol, Wolfgang Sauer. Ich hätte nicht ausdrücken können, warum die einfach aufsteigende und wieder absteigende Linie („Du hast ja Tränen in den Augen“) mir nichts bedeutete. Oder das Auf-der Stelle-treten („Glaube mir, glaube mir“, das hat schon den Pendelrhythmus von „Zum Geburtstag“). Ich glaube nicht, dass ich etwa die ausgedehnte Melodie des Adagios hätte beschreiben können, über das mein Vater den Text eines Liedes notiert hatte („All mein Glück hab ich verloren“). Von Beethoven kannte ich nur „Ich liebe dich, so wie du mich, am Abend und am Morgen“ und fand es etwas langweilig, nein, nur bis zu einer bestimmten Wendung, jedenfalls der Sache nicht angemessen, und dann änderte sich alles mit wenigen neuen Tönen. Doch das führt zu weit (ja, die Länge brachte es, nicht die Kurzatmigkeit). Ich bleibe jetzt bei dieser Klaviersonate op. 2 Nr.2, obwohl es eine ganz andere war als die, die ich für immer mit meinem Vater verband, G-dur op. 14 Nr. 2, aber das war viel früher gewesen, in der Wohnung Kurfürstenstraße, mein Bruder übte damals am gleichen Flügel „Guter Mond, du gehst so stille“, für unsern jähzornigen Vater ein pädagogisches Waterloo. Inzwischen wohnten wir längst in der Paulusstraße, mit Blick auf die Paulus-Kirche:

 op. 2 Nr. 1, Satz 2 Adagio

Ich weiß nicht, ob wir damals das Lied „Happy Birthday“ oder „Zum Geburtstag“ schon kennen konnten, wie auch immer: der Rhythmus des Auftaktes stimmt, danach folgt in Beethovens Adagio der große Aufbruch in Gestalt des Sextsprunges, im Geburtstagslied nur die nichtsnutzige Wechselnote auf „-burtstag“, aber die beiden Anfangstöne des nächsten Taktes sind identisch („viel Glück“). Und nochmals beim nächsten „viel Glück“, dem im Adagio allerdings die Anfangstöne in Takt 8 entsprechen. Aber die Dissonanz am Anfang des Taktes 7 tat schon besondere Wirkung, und der Spitzenton der Melodie steht spürbar bevor: in Takt 10, überboten noch in Takt 12, dann aber die wunderschöne Wendung der Trauer in Takt 14, sie war in Takt 7 vorzuahnen: der schmerzliche Terzenvorhalt vor der Subdominante (B-dur-Akkord). Ein rinforzando bereitet daraufhin die Anstrengung der höchsten Töne und des Abstiegs zum Grundton vor, der letztlich analog zu Takt 8 erfolgt.

 Beethoven

 Von F-dur nach C-dur übertragen

 „-tstag, liebe Suzan, zum Geburtstag viel Glück…“

Aber glauben Sie nur nicht, ich will eine echte Verwandtschaft nachweisen. Damit wäre den Schlagern wahrhaftig zuviel Ehre angetan. Die sind bloße Profiteure des klassischen harmonischen Bestands. Und ich trage schließlich lebenslang die Last einer schlechten Assoziation.

Und wenn Sie den Eindruck haben, ich habe Ihnen einiges zugemutet: ich habe Ihnen auch manches erspart, was als Parodie vielleicht lustig gewesen wäre. Vgl. das Thema Klima-Oma. Ich wünsche allen Lesern und Hörern eine leckere Silvestermahlzeit und ein frohes Neues Jahr.

Achtung!  Parodie!

Bedenkliches und zu Bedenkendes

Aus DIE ZEIT und anderswoher

Zunächst erinnere ich mich an die eigene Evokation der alten Griechen (mit Nietzsches Hilfe): „Nichts zu sein…“ hier  und „… besser zu leben als zu sterben …“ hier . Und lese erinnerungsbeschwert weiter in dem Feuilleton-Artikel: „Los, komm, wir sterben endlich aus! / Darf ich noch Fleisch essen, den Wäschetrockner nutzen? Alle diese Fragen würden sich sofort erledigen, wäre man gar nicht erst geboren worden oder würde sich nicht mehr fortpflanzen. Über eine merkwürdige neue Sehnsucht / Von Nina Pauer / in DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 41.

Da ich in dem kleinen Urlaub auf Texel die ZEIT vom 16. Juni nicht mehr zur Hand hatte, wusste ich nicht, dass dort das umfangreiche Heft „Rechte Räume“ von ARCH+, das ich mir als Lektüre vorgenommen hatte (von hier bis hier), also ebendasselbe Heft von Adam Soboczynski besprochen war, der sich jetzt den Soziologen Armin Nassehi vorgenommen hat, den ich aufgrund folgender Mail vom 15.6. längst ernst genommen hatte:

Bester Artikel der Woche:
http://www.taz.de/Soziologe-ueber-Klimawandel/!5600327/

- da könnte man glatt grün wählen...

Mein Gott, hatte ich nicht längst in diesem Sinne gewählt? Und er etwa nicht? Mal sehen, ob wir etwas zu bereuen haben:

Schönes neues System der Widersprüche / Die Grünen haben ihren Meisterdenker gefunden: Wie der Soziologe Armin Nassehi die Gegensätze in der Partei mithilfe seiner Systemtheorie zum Zukunftsmodell erklärt. Von  DIE ZEIT Nr. 27/2019, 27. Juni 2019.

Finden Sie den Artikel doch bitte selbst online, zitieren möchte ich aus dem älteren Blatt, das ich versäumt hatte und als Papier für unersetzlich halte. Der Autor hat vor allem mit Durs Grünbein und dessen Frau, der Schriftstellerin Eva Sichelschmidt, geredet. Über den Walter-Benjamin-Platz also und über die Inschrift (Einschreibung) des Verses von Ezra Pound.

ZITAT:

Ein faschistischer Ort? Durs Grünbein, 56, der sich auf erstaunliche Weise Jugendliches bewahrt hat, blättert befremdet durch die Zeitschrift, die er eigens mitgebracht hat,  und zeigt auf die Säulengänge auf dem Platz: ‚Die strenge Kolonnade gibt es sowohl im antiken Griechenland als auch in Moskau und Washington. Was mir missfällt, ist die gesamte Aufteilung in linke und rechte Räume. Sind sowjetische Plätze linke Räume? Ist das Forum Romanum ein rechter Raum, die Akropolis? Dort finden Sie ja bereits die Kollhoffschen Stilmerkmale.‘

Es klingt ähnlich absurd, wie Elias Canettis Vergleich des „deutschen“ Waldes mit der Phalanx von Soldaten (beide stehen ziemlich aufrecht). Die Kolonnade, die das Dach eines griechischen Tempels trägt, hat nichts gemein mit einer anderen, auf der ein sechsstöckiges Büro- oder Bankhaus lastet (oder nur zu lasten scheint).

Und der faschistische Dichter?

Klar, bei Pound sei die Kritik am Wucher nicht ausschließlich antisemitisch konnotiert, er ziehe mit seiner Kapitalismuskritik eine weltgeschichtliche Linie. Zinswucher sei aus der Sicht des Dichters eine Dekadenzerscheinung, mit der die Qualität der Bauten sinke. Dass er die Kritik am Finanzkapitalismus ‚an manchen Stellen forciert mit dem Judentum verbindet, ist natürlich schlimmer Unfug, Pound diskreditiert damit sein Werk‘. Und Kollhoff nicht damit seinen Platz? ‚Wenn Sie in Deutschland einen richtig rechten Raum sehen wollen‘, gibt Grünbaum zu bedenken, ‚dann müssen Sie auf die deutsche Autobahn, mit der auf schneidigste Weise die Landschaft durchquert wird.‘

Ist das nicht vielleicht noch absurder als der Vergleich mit den Soldaten?

Quelle DIE ZEIT 27.06.2019 Seite 46 Eine AfD des Bauens? Neuerdings gilt ein Berliner Platz manchen als neurechter Raum. Die Schriftsteller Durs Grünbein und Eva Sichelschmidt wohnen nebenan. Wie sehen sie das? / Von Adam Soboczynski.

Am interessantesten finde ich das Dossier zum Titelthema MACHT. Überschrieben: DIE HELLE SEITE DER MACHT. Der Ruf der Macht ist miserabel. Warum eigentlich? Eine Ehrenrettung. / Von Malte Henk und Britta Stuff.

Natürlich habe ich auch die Autoren gegoogelt, sie brauchen mich nicht, um gelobt zu werden. Mich hat die Auswahl der Beispiele überzeugt: Schimpansen unter sich, 1 junger Politiker im Bundestag, 1 Dirigentin mit ihrem Orchester „Lohengrin“ probend, (Hinweis auf Elias Canetti, der in „Masse und Macht“ das Beispiel des Dirigenten eingeführt hat), der Absturz aus den höheren Sphären der Macht (Shakespeare „Macbeth“ und „Richard III.“), Stefan Mappus nach Stuttgart 21, die 4 Literaturhinweise am Schluss (s.u., mir waren alle Titel neu). Was mich am meisten bestach: der leichte Ton, der phantasievolle Sprachduktus und der Sachverstand. Zugegeben: beim Beispiel der Dirigentin lag ich auf der Lauer, wie leicht strauchelt der Laie, – aber nichts ist passiert, alles richtig. (Ich habe 30 Jahre lang in einem Orchester gespielt, das keinem Dirigenten unterstand, sondern dem primus inter pares, dem Konzertmeister, – aber natürlich hatte er „Macht“. Oder – wie wärs mit dem Wort „Autorität“ für diesen Herrn der Exekutive? Niemand von uns hätte z.B. – oder nur mit dem allertriftigsten Grund – abbrechen können, niemand hätte aus dem Tutti heraus dem Oboisten einen Rat erteilen können.)

*    *    *

Die Sängerin Brigitte Fassbaender – jetzt immer noch als Regisseurin tätig – wird am 3. Juli 80 Jahre alt. Das Interview aus diesem Anlass hat mich in einem Punkt erschüttert, dort, wo sie von ihrer Angst spricht. Dabei gehört es zu den typischen Vorurteilen des Publikums, dass es Künstlern vor allem Spaß macht, auf der Bühne zu stehen, – um dann umjubelt zu werden. Kleinere Lichter mögen Angst haben, aber doch nicht die Stars, mögen sie noch so oft ihr Lampenfieber hervorheben: meist folgt ja auch der Hinweis, dass es mit Beginn des ersten Tones in sich zusammenfiel. Brigitte Fassbaender auf die Frage, wie ein typischer Tag in ihrem Leben aussah, etwa vor einem Liederabend:

Na, das war das Furchtbarste! Da wacht man auf: Bin ich heute bei Stimme, bin ich gut disponiert, habe ich alle Texte im Kopf? Meistens war ich mittags schon krank und wollte absagen. Vormittags ging man mit dem Pianisten noch einmal das Programm durch. Essen konnte ich gar nichts, mir wurde von fast allem schlecht. Nachmittags legt man sich hin, mit Herzklopfen, Magendruck, schweißnassen Händen und Füßen, das ganze Nervenkostüm revoltiert. Und irgendwann kommt der Moment, da zieht man die Vorhänge des Hotelzimmers wieder auf, macht sich zurecht – und trottet wie das Lamm zur Schlachtbank. ZEIT: Wovor hatten Sie Angst? Fassbaender: Vor dem Versagen, dem Blackout. Ich bin mir ja ausgeliefert, meinem Innenleben, meiner Physis, meiner Tagesform. Und manchmal konnte ich nicht so, wie ich wollte. Das war bitter – bei Liederabenden übrigens noch viel bitterer als in der Oper. Als Charlotte in Werther, als Wozzeck-Marie, Prinzessin Eboli oder Octavian schlüpfe ich in eine Rolle. Es gibt das Kostüm, die Maske, die Kollegen, das Licht, das Bühnenbild – und den Abstand zum Saal. Bei Liederabenden sitzen sie meist direkt vor einem, das ist auch ein voyeuristischer Prozess. Damit muss man fertigwerden. Und wird es nie.

Brahms „Von ewiger Liebe“ op.43,1 Brigitte Fassbaender mit Irwin Gage, Klavier HIER

Höchst erstaunlich, was die Sängerin zur #MeToo-Debatte sagt. Auf die Frage: Welche Folgen hat sie für das Theater?

Viele gute. Man geht sensibler miteinander um, vorsichtiger. Wenn ich daran denke, was für Tobsuchtsanfälle ein Regisseur wie Otto Schenk hatte! Teilweise war das sicher nur gespielt, weil er künstlerisch was erreichen wollte. Das geht heute nicht mehr, und das ist gut. Wer schreit, ist sowieso in der Defensive. Sexuelle Übergriffe waren früher an der Tagesordnung. Wir haben das einfach nicht so ernst genommen. Mir persönlich hat das auch nie geschadet, wenn ich mich verweigert habe, ich kannte solche Abhängigkeiten nicht. Es sind hauptsächlich Dirigenten, die ihre Macht missbrauchen. Auch Regisseure und Intendanten tun es, aber der Dirigent steht abends am Pult und kann dich fertigmachen. ZEIT: Haben Sie so etwas erlebt oder miterlebt? Fassbaender: Natürlich. Manche Dirigenten waren regelrecht verschrien und versuchten es mit jeder. Ich möchte keine Namen nennen. Es waren ja trotzdem große Könner, sollen sie’s bleiben.

Quelle: DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 45 „Was man jagt, ist schon verloren“ Sie war eine Ausnahmesängerin und kann einfach nicht aufhören, kreativ zu sein: Brigitte Fassbaender über Versagensängste, militante Fans und den Trash in der Oper /  Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey

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Einer der unsinnigsten Artikel, die ich in letzter Zeit gelesen habe: manche mögen es für Fantasy halten, ich schalte dann sofort ab: wegen mutmaßlich ausgeklügelter Phantasielosigkeit. Warum habe ich den Artikel trotzdem gelesen? Wahrscheinlich wegen der Katze, ich Naivling! (Natürlich eine aus Stoff, aber aus welchem Stoff? Keine Ahnung, wird schon virtuell sein. Meinetwegen auch irgendwie spirituell.)

Quelle: DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 39 Hurra, ich werde zerfetzt Wie ich in der virtuellen Realität eine ziemlich echte Katze rettete und dabei meinem eigenen Todesmut begegnete / Von Clemens Setz

Irrtum? Eine Stunde später erlebe ich ihn live aus Klagenfurt. Oder vielmehr: Einstieg erst bei  Fuzzman & Fritz Ostermayer im Gespräch über Schlager. Später mehr darüber… siehe hier. Zu einer Klagenfurt-Besprechung bei Faust-Kultur hier 

Zitat FAZ 30.6.19 Autor Jan Wiele:

Dass der beste literarische Text beim Bachmann-Preis nicht einer der vierzehn Beiträge ist, sondern vielmehr die „Rede zur Literatur“ zu seinem Auftakt, war bis zu diesem Jahr noch nicht vorgekommen. Clemens Setz hat das geändert. Mit seiner Rede über „Kayfabe und Literatur“, die einen Begriff aus dem Show-Wrestling vielfach metaphorisch fruchtbar machte, poetisch wie politisch, schlug der 1982 in Graz geborene Schriftsteller die Zuschauer und Jury so sehr in Bann, dass nach Tagen noch darüber gesprochen wurde und Ideen aus der Rede in Diskussionen auftauchten. Dass die Grenzen von poetologischer Rede und Erzählung verschwimmen und eine Zwittergattung gezeitigt haben, die selbst als Literatur betrachtet werden kann, ist insbesondere auf die vielen Poetik-Dozenturen zurückzuführen, die in den vergangenen Jahrzehnten eingerichtet wurden. Aber so triftig wie bei Setz hat man diese Gattung noch nicht verwirklicht gesehen.

Außerdem: Die Rom-Therapie – ein Buch von Simon Strauß, besprochen von Iris Radisch – das würde ich auf jeden Fall nicht mit nach Rom nehmen: „Wie entkommt man der nervigen Gegenwart? Indem man sich in die Ewige Stadt flüchtet und die ‚Römischen Tage‘ von Simon Strauß mit auf die Reise nimmt.“ Warum sollte ich?

Unbedingt lesen (Info mit Leseprobe): DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 43 Wie der Sex zur Sünde wurde / Vor vierzig Jahren hat Michel Foucault mit seinem dreibändigen Werk „Sexualität und Wahrheit“ den Blick auf Macht und Lust revolutioniert. Jetzt ist aus dem Nachlass des französischen Philosophen ein vierter Band erschienen – eine Sensation? Antworten einer Philosophin und eines Theologen / Von Petra Gehring [a]/ Von Christoph Markschies [b]

[a] Textquellen zur Zeugung, zur Taufe, zu Bußtechniken sowie zur Selbstprüfung als Gehorsamsübung sind exemplarische Praxisfelder, die Foucault im ersten Drittel des Buches abschreitet, um dann die Jungfräulichkeit und das Verheiratetsein als die zwei Pfade zu einem im Sinne der Vorschriften gelingenden Leben beleuchten. Ein Fazit fehlt. Die These wird dennoch deutlich: Was man auf den ersten Blick für eine Verschärfung der sittlichen Pflichten halten könnte, ist vor allem eine „Verlagerung des Wertes der sexuellen Beziehungen“. Eine neue – und im Gelingensfall auch privilegierende – Erfahrung bildet sich heraus. Radikale Selbstbeschämung und Heil, Versagung und auf Gnade beruhende Transformation, Abtötung und Neugeburt gehören als Zielbilder von Selbsttechniken, die zugleich Selbstaufgabetechniken sind, eng zusammen. Denn es geht darum, Gehorsam zu perfektionieren – einen Gehorsam, der das Gemeinschaftswerk Kirche (durchaus im Wortsinn) „erzeugt“. In Ordensgemeinschaften geschieht dies informell, in der Ehe rechtlich gerahmt. Das „Fleisch“ ist dabei Ziel wie auch Mitte. Es ist Sitz der Sünde wie auch des Willens.

[b] Wer lange auf die 556 Seiten wartete, ist nicht nur verwundert, dass in der Ausgabe jeder Hinweis auf den heutigen Forschungsstand fehlt. Es überrascht auch, dass der dicke Band lediglich aus ausführlichen Referaten von Text von rund zehn antiken Autoren besteht, die in einer zugespitzten Perspektive in den Blick genommen werden. Von einigen Zusammenfassungen abgesehen, fehlen ausführlichere Einleitungs- und Schlusskapitel. Sexualität wird aus der Perspektive antiker christlicher Oberschichten und vor dem Hintergrund ihrer theoretischen Reflexionen thematisiert. Archäologische Quellen oder soziologische Analysen fehlen vollkommen. Da Foucault antike Argumentationen nachzeichnet, wirkt sein Text im Vergleich zu heutiger Kommunikation über Sexualität mindestens nüchtern, wenn nicht leicht prüde. So fällt das Wort „Masturbation“ kein einziges Mal, und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern werden höchstens indirekt behandelt. […]

Durch das Christentum – so die Hauptthese des Bandes – wurde Sexualität erstmals zum Kern des menschlichen Subjektes. Unter Subjekt versteht Foucault ein Selbstverhältnis, genauer ein ständig der Selbstprüfung unterworfenes Wissen des Menschen von sich selbst. Das antike Christentum hat seiner Ansicht nach die Sexualität nicht verdrängt (wie ein im Paris der Studentenrevolutionen gepflegtes Vorurteil lautete), sondern ganz im Gegenteil die Frage, wie man kritisch mit ihr umzugehen hat, in den Mittelpunkt gerückt. Am Ende dieser Entwicklung steht nach Foucault der nordafrikanische Bischof Augustinus, der den Menschen als sujet de désir, als Subjekt des Begehrens, beschreibt, die libido, das Begehren, in das Zentrum seiner Sicht der Sexualität stellt und sie als Sünde bewertet.

Siehe auch bei Perlentaucher HIER.

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 Mönch am Meer

Von selbst wäre ich sicher nicht drauf gekommen, dieses Bild des Malers einzusetzen, der in meiner Geburtsstadt gewirkt hat. Sein Greifswald-Bild, der Blick über die Wiesen,  hing in der Wohnung meiner Eltern, so dass ich auf die Kirche zeigen konnte, in der ich getauft war (in der „dicken Marie“, nicht – wie es mir lieber gewesen wäre – unter dem schlanken, hohen Nicolai-Turme). Die unwillkürliche Beziehung dieses düsteren Bildes auf mein helles Texel-Meeres-Foto wäre mir viel zu demonstrativ erschienen, – als hätte ich sozusagen den Rauterberg-Text, den ich noch gar nicht kannte, vorausgeahnt; aber so ist die Realität:

[…] Bleibt nur das Problem, dass der Mensch in seinem Verhalten eher einer Wolke gleicht, unberechenbar wie ihr Formgewalle. Verlangt man von ihm, er möge bitte einsichtig sein, denn ohne Einsicht werde die Welt kollabieren, füttert man ihn zusätzlich mit zahllosen Fakten und Diagrammen, wird er noch lange nicht handeln wie erhofft und notwendig.

Quelle DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 38 Schönes Erschrecken Nur mit Fakten und Vernunft wird der Klimawandel nicht gelingen: Was Greta Thunberg von Caspar David Friedrich lernen könnte / Von Hanno Rauterberg

Ehrlich gesagt: der Artikel überzeugt mich nicht, ganz zu schweigen davon, was Greta Thunberg für Augen machen würde. Die Schönheit des künftigen Schreckens zu erfahren – das soll uns locken?

Die Erfahrung des Erhabenen heißt, die eigene Hilflosigkeit wahrzunehmen, sie aber als erhellend und energetisierend zu erfahren, als schöpferischen Antrieb, in dem der Mensch seine Natur neu zu fassen beginnt. Erhabenheit heißt, auch die drohende Katastrophe als bereichernd empfinden zu können – und damit die Einsicht in die Notwendigkeit eines radikalen Wandels erst möglich zu machen.

Nichts also wäre für die Klimawende produktiver, als es den Romantikern gleichzutun und im Schrecken eine ungeahnte Schönheit aufzutun. Vielleicht passiert das auch bereits, man muss sich nur das viel debattierte Video des YouTubers Rezo anschauen. Dort sind es nicht die Fakten allein, dort ist es nicht nur die Wahrheit des Untergangs, die ungemein fesselnd wirken. Es ist auch der Spaß an der Inszenierung, es ist das quietschig-derbe Sprechen, es ist die Ästhetik, die aus dem Schrecken ein Faszinosum macht. Und so die Zuschauer in jenes innere Wechselspiel verwickelt, aus dem es so gut wie kein Entkommen gibt. Es sei denn, sie handeln.

Ich finde, das Wechselspiel geht anders aus: hier schießt die Ästhetik ein weithin schallendes Eigentor.

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Was ist mit dem Wetter? Wir haben Tage enormer Hitze. Trotzdem kein Grund, die Sache in aller Kürze mit Klimawandel zu erklären. Interessanter Artikel mit dem Titel Puuuhhh! / DIE ZEIT WISSEN 27. Juni 2019 Seite 33. Nur zwei Zitate:

Die Herkunft der Hitze ist klar: die marokkanische und algerische Sahara. Auch was die extreme Wärme herbringt, weiß man. Es ist ein Tiefdruckgebiet über dem Atlantik, westlich der Iberischen Halbinsel, das sich kaum vorwärtsbewegt, aber die heißen Luftmassen aus dem Süden ansaugt und an seiner Ostseite vorbei nach Europa lenkt. Vor allem nach Spanien und Frankreich, aber eben auch in die Beneluxstaaten und nach Deutschland. Klar ist zudem, dass für die langsame Fortbewegung eine Anomalie in der Höhenströmung, die den Globus umspannt, verantwortlich ist. Schlägt dieser Jetstream größere Schleifen als normalerweise, wird gar eine dieser Schleifen vom restlichen Strom abgeschnitten, erscheinen Druckgebiete, die in tieferen Atmosphärenschichten liegen, oft wie zementiert. Die Meteorologen nennen das „Blockwetterlage“.

[…]

Der Rückblick auf die vergangenen Monate zeigt: Der Winter war etwas feuchter als normal, die Niederschläge des Frühjahrs lagen fast genau im langjährigen Mittel. Und mag der Juni auch deutlich trockener sein, er folgt auf einen kühlen, feuchten Mai. Dieser war der erste Monat seit dem März 2018, der unter dem Temperaturdurchschnitt des Vergleichszeitraums (nämlich 1961 bis 1990) lag, in den Worten der Wetterstatistiker: „nach 13 Monaten in Folge erstmals zu kühl“.

Quelle DIE ZEIT 27. Juni 2018 Seite 33 f Puuuhhh! Was bedeuten die hohen Temperaturen dieser Woche? Tötet die Hitze wirklich Menschen? Was kann jeder tun, für sich und andere? Und wie geht es dem Wald, den Böden, den Gewässern? Sieben Antworten. ( Von Harro Albrecht, Dirk Asendorpf und Stefan Schmitt. (S.a. hier).

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Ich muss einen Abschluss finden, in der Tat: heute Morgen, 7:50 Uhr in WDR 3 Choral, die nachfolgende Predigt brauche ich nicht, aber etwas, was wie Bach klingt, eine Fuge darstellt und natürlich ein „Noch einmal!“ erzwingt, sogar mehrmals, also auch eine kleine Recherche, die hiermit angedeutet sei: der Komponist ist Johann Ludwig Bach – aber es ist J.S.Bachs Handschrift!

Nein, es ist nicht J.S.Bachs Handschrift, sondern die des Kopisten J.H.Bach (1707-1783), dem Sohn des Ohrdrufer Bruders (Näheres dazu hier).

Dies alles bringt mich auf ein Buch, das ich vor drei Jahren mit Begeisterung gelesen habe, „Bachs Welt“ von Volker Hagedorn, siehe hier, – und gerade dorthin, wo es um das physikalische Weltbild der Zeit geht (wir waren ja gerade beim Wetter!), und dort ist auch von Johann Ludwig Bach die Rede, wenn auch in seiner Säuglingszeit (1677).

Und auch die folgenden Seiten entdeckte ich aufs neue. Und wie recht ich damals hatte, ein „ja!“ an den Rand zu schreiben, ich hatte offenbar die Aufnahme schon gefunden, die mich jetzt begeisterte wie am ersten Tag! Wie traurig und wie wild, dieser Satz „Meine Bande sind zurissen“! In der Tat, man kann davon nicht lassen, kein Wunder: jetzt habe ich die Konsequenzen gezogen, – die CD ist unterwegs zu mir!! Und nie mehr werde ich den „Meininger Bach“ mit einem anderen verwechseln. Hören Sie, und wenn Ihnen die Musik nicht den Atem raubt, lesen Sie auch! Einzigartig ebenso: dieser Chor und dieses Orchester! HIER.

Quelle Volker Hagedorn: Bachs Welt / Die Familiengeschichte eines Genies / Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2016

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Volker Hagedorn hat übrigens gerade ein neues Buch herausgebracht, – Der Klang von Paris – Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts -, noch befindet es sich nicht in meinen Händen. Eine Leseprobe ist vielversprechend: hier.