Kategorie-Archiv: Heimat

Frühling Schwanenmühle

Ein Corona-Spaziergang

Ich nenne ihn so, weil es neu ist, dass man im Frühling zu zweit spazieren gehen darf. In früheren Jahren tat man es einfach so und freute sich auch. Aber jetzt erscheint einem die Welt  neu, wiedergeschenkt, auf Zeit. Als sei man lange krank gewesen. In Wirklichkeit hat man nur so viel über die sich ausbreitende Seuche gehört. Seuche? Und dann steht da ein Schild im Wald. Schweinepest! Damit haben wir Gottseidank nichts zu tun. Nur die Schweine. Hier ist allenthalben Frühling. Für Schwein und Mensch.

Fotos Huawei JR 27. März 2020 mittags Schwanenmühle Krüdersheide

Große Freude am Nachmittag: die Singdrossel ist wieder zurück aus dem Süden; ihr unablässiges Rufen klingt durch das Tal, wechselnde Standorte. Schöne Signale, aber es nervt auch ein bisschen: es ist so, als wenn jemand im Supermarkt ständig „Hallo!“ ruft, nebst Varianten wie „Du da!“, „Schau her!“, „Ich seh‘ dich!“ und „Bitte warten!“.

Fritz Habekuss schrieb gestern in seinem liebevollen ZEIT-Artikel:

Ein paar Meter weiter sitzt eine Singdrossel, deren Gesang mein Bestimmungsbuch mit „selbstsicher“ und „rechthaberisch“ beschreibt. Mir kommt es an diesem Morgen wegen der Pausen zwischen den Strophen etwas wehmütig vor. Dann bemerke ich, dass da ein anderes Männchen antwortet. Je mehr ich zuhöre, desto mehr erscheint mir die Stadt von einem dichten Geflecht von Gesängen und Rufen überzogen, das über den Lauten der Menschen liegt. Für uns gemacht ist der Gesang  nicht. 300 Millionen Jahre Evolution liegen zwischen uns und den Vögeln. Aber wir können entscheiden, diesen Gesprächen zuzuhören, die da Tag für Tag vor unseren Fenstern und Balkonen, in unseren Gärten und Parks geführt werden, sie können zu einer Brücke zwischen uns und diesen anderen Wesen werden.

Hier ein schönes Beispiel (nur falls Sie nicht genau wissen, was das ist, eine Singdrossel, es ist ja eher eine „Rufdrossel“, – die großartigere Sängerin ist natürlich die Schwarzdrossel, genau genommen: das männliche Tier, das Weibchen auf dem Nest, so sagt man, hört scharf zu, es hat keinen leichten Part im Spiel der Evolution).

Erst neuerdings höre ich im Garten auch wieder die Mönchsgrasmücke, die ich allerdings nicht mit Sicherheit von einer Gartengrasmücke unterscheiden kann, – außer ich sehe zugleich das schwarze Käppchen.

Hier ist es natürlich leicht:

Noch einmal Fritz Habekuss (DIE ZEIT 26. März 2020 Seite 37), – er zitiert eine wunderbare Kurzformel für den Gesang des Rotkehlchens, den ich liebe, aber leider auch gern mit einem quietschenden Gartentor vergleiche. In Zukunft nie mehr, das schwöre ich:

Wie beim Rotkehlchen, das schon im Winter sein Brutrevier markiert, damit es ihm niemand streitig macht. Seinen Gesang hat eine befreundete Ornithologin einmal als „feinen Vorhang aus herabfallenden Wasserperlen“ beschrieben – seitdem sie mir das erzählte, verwechsele ich den Gesang des Rotkehlchens nicht mehr mit dem Schluchzen und Schmettern der Nachtigall, die ab Mitte April zurückkehrt.

Nun, beim Vergleich des Rotkehlchens mit der Nachtigall kann ich ihm leider absolut nicht folgen, allein die Schwarzdrossel könnte dieser in unsern Breiten das Wasser reichen, oder – wie ich neuerdings finde – der Gelbspötter, der allerdings zu aufgeregt klingt, um die schmetternden Meditationen der Nachtigall auch nur im entferntesten zu erreichen. Schön, wie sich der Wissenschaftler Habekuss über das Werkzeug der Vögel äußert:

Das Spektakel des Vogelgesangs erzeugt ein hochkomplexer, filigraner Stimmapparat, die Syrinx. Sie ist nicth größer als eine Linse und zusammengesetzt aus einem Dutzend Knochenringen sowie einem Dutzend Muskeln. Die Stimmlippen können sich bis zu 200-mal pro Sekunde zusammenziehen. Der Gesang ist stimmliche Präzisionsarbeit im Millisekundenbereich. Beim Ausströmen der Luft werden die Stimmlippen in Schwingungen versetzt, und „der Luft wird Gesang verliehen“, wie der Biologe und Schriftsteller David Haskell schreibt.

Der Autor Fritz Habekuss, ein wissenschaftlich denkender Mensch, der mir durch ein nicht unbedingt musikalisch* durchdrungenes, aber ehrlich empfundenes Produkt besonders sympathisch geworden ist. Am Schluss gibt er noch eine Hilfe in Gestalt des  ZEIT-Links HIER, mit Quellenangaben zur erwähnten Literatur (auch einiger anderer Artikel). Nützlich ist auch der Hinweis auf die Smartphone-Apps des Berliner Naturkundemuseums hier und des Merlin Bird ID des Cornell Lab of Ornithology hier .

warum? ein Musiker hätte z.B. niemals die Amsel (die mit dem gelben Wunderschnabel) als einen schwarzen Allerweltsvogel bezeichnet. Man lese Robert Musils Erzählung „Die Amsel“: da gibt es die Metaphern, die einem Ohrenmenschen weiterhelfen.

Sprechen Sie bäumisch?

Eine Antwort auf die Forstwirtschaft (noch in Arbeit)

ZDF Markus Lanz mit Peter Wohlleben HIER ab 1:00:17

ML: „… erst gestern gab es n kritischen Bericht bei den Kollegen der Süddeutschen, wo namhafte Biologen plötzlich auf Sie losgehen und sagen: da sträuben sich bei uns alle Nackenhaare bei dem, was Peter Wohlleben uns da erzählt…“

Es ist mir im Augenblick zu mühsam, diesen Artikel nachzulesen. Ich selbst habe mich schon mal dankbar geäußert, gerade angesichts eines Artikels von Hanno Charisius hier, über den auch ein Wikipedia-Artikel ganz gut informiert. Woraus aber nicht automatisch folgt, dass er immer und überall völlig unbefangen berichtet. Also interessiert mich die Gegenrede.

Peter Wohlleben (spricht sehr schnell, ich kann für einige Details Hörfehler nicht ausschließen JR)

(ab 1:00:44) Ich bin im Sommer vom Chefredakteur vom Stern gefragt worden, ob ich die Titelgeschichte über die deutsche Forstwirtschaft schreibe, ich hab echt überlegt: halt ich das aus, o.k. ich mach das, im Wissen, dass es dann Haue gibt. Denn wir haben zwei heiße Sommer gehabt, es werden sich nach aktuellen Prognosen innerhalb der nächsten Jahre wird sich über die Hälfte der Waldfläche verabschieden, und das liegt nicht am Klimawandel. Der löst das aus, die Wälder sind runtergewirtschaftet. Und dazu gibt es ne Reihe von Studien, – was Sie grade erwähnt haben, die namhaften Biologen sind Forstwissenschaftler, die der Forstindustrie zuarbeiten, es sind in der Regel zwei, und ein Lobbyist des deutschen Forstwirtschaftsrates, das ist das Gremium, das die Forstwirtschaft promotet. Ich wusste: diese drei Leute, die schießen jetzt quer, was die machen, ist zum Beispiel, dass sie sagen: „Holz ist CO²-neutral. Oder weitestgehend CO²-neutral, obwohl rund tausend Wissenschaftler, und es sind renommierte Leute dabei, Chief Scientist UK usw. Cambridge, Harvard, Oxford usw. haben sich an die EU gewandt und gesagt: „bitte, macht das nicht mehr, fördert – ans EU-Parlament schreiben – nicht mehr die Verbrennung von Holz, weil es schlechter als Kohle ist fürs Klima. Wir haben tolle Studien in Deutschland, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, wir haben z.B. festgestellt, dass alte Wälder die Temperatur im Sommer im Schnitt um 15 Grad runterkühlen, im Vergleich zu ner Stadt oder zur offenen Landschaft, also eine Riesenklimamaschine, und sie wird in Deutschland verfeuert. Wir verfeuern ungefähr soviel, wie im Wald nachwächst, das sind also Stoffströme, es wird nicht alles verfeuert, was eingeschlagen wird Bauholz gemacht, dafür wird Holz importiert, in Summe entspricht das dem gesamten Holzanschaff (?), was wir verbrennen. Und diese Leute behaupten, es ist CO²-neutral, obwohl es wirklich mehrfach und von viel, viel renommierten, wie gesagt, es sind rund tausend Forscher, die es widerlegen – die Studien sind zum Teil relativ alt, eh man hätte gegensteuern können, aber die möchten natürlich Holz verkaufen. Wir haben das in der Erölindustrie genauso, dort gibt es natürlich Wissenschaftler, die sagen: Öl ist gar nicht so schlecht fürs Klima, die haben gesagt in den 70er Jahren: den Klimawandel gibt es nicht, und das muss sich mal jeder selber überlegen, ein Baum, den man abholzt, der 100 Jahre alt ist, der aber 1000 Jahre werden könnte, der würde ja weiter CO² einspeichern, der würde das auch entsprechend konservieren, während langlebige Produkte in Deutschland in der Regel nach 32 Jahren in der Verbrennungsanlage sind, also inklusive Dachstühle, Möbel usw., Schnitt 32 oder 33 Jahre. Das ist genau der Punkt: man sagt, wo kommen die Leute her? übrigens die Stern-Geschichte, die haben ja wirklich in 4 Tagen alles auseinandergenommen, bis abends um 10, was ich super finde, mehrfach Quellen belegen, alles hinterlegt, jeden Satz, eh jetzt steht natürlich – und das habe ich provoziert – die Forstindustrie auf und sagt: Mist, der verdirbt uns das Geschäft, jetzt eh wehren wir uns – ist ja auch ihr gutes Recht –

ML … man muss auch dazu sagen: im Grunde – diese Romantik, die Sie da mit reinbringen, die Vermenschlichung quasi des Waldes, dass Sie Bäumen quasi Gefühle zusprechen, Pflanzen – Neurobiologie ist das Thema, – dass große Bäume kleine Bäume aufziehen, und da wird jemand zitiert, der sagt: das ist totaler Quatsch, das ist ein ganz harter darwinistischer Vorgang, der da stattfindet, wenn so ne Buche wachsen soll, dann zieht die keine kleinen Kinder da mit auf, dann sorgt die dafür, dass sie selber genügend Wasser abkriegt, und nur dann kann sie durchkommen, und die allermeisten Buchen kommen nicht durch – was entgegnen Sie diesen Leuten? (01:04:12)

PW Na, also dann verweise ich auf Studien. Ich selber bin ja kein Wissenschaftler, ich bin ja der Übersetzer sozusagen, aber das war ja in der Antike schon so, der Bote wird gekillt, und es wird nicht über die Nachricht unterhalten. Ehm Es ist… das sind Forschungen, es sind deutsche Forschungen übrigens mittlerweile, in der Schweiz auch, über diese Stoffströme, man hat das lange so gedacht – ich übrigens auch, als Förster, man muss da flexibel sein  –  … sagen: oh Mist – die Forschung ganz andere, ich hab früher auch gedacht: Bäume kämpfen gegeneinander, und der Förster mit der Motorsäge ist der Schiedsrichter, ne? und der Ausscheidende, der wird dann noch zufällig verwurstet, ist ja o.k., ist ja n schöner Rohstoff. Nur mittlerweile wissen wir, und was heißt mittlerweile –  wir haben das schon im Vorpraktikum unseres Studiums in Lehrgängen beigebracht bekommen, dass Bäume untereinander Stoffströme haben und teilen. Damals wurden übrigens Bäume noch mit Agent Orange vergiftet, der Hintergrund ist ein ganz düsterer, es war zu teuer, Bäume abzusägen, also hat man sie mit ner Glasampulle vergiftet, Laubbäume, weil man die nicht haben wollte, (ML „entlaubt!“) und wurde gesagt: passt auf, die Nachbarbäume sterben mit ab, die sind mit vernetzt. Das war 1983, dann Anfang der 90er Jahre hat die Universität Vancouver festgestellt: oh, es fließen Stoffströme, Zuckerströme von dem Mutterbaum zu den Sämlingen, zu den eigenen, das kann man bei den genetischen Untersuchungen herausfinden, und … vor allem übern Geigerzähler, das war also radioaktiv markiert, man konnte also genau messen, wo läuft der Zucker hin? zu den eigenen Sämlingen, und ich finde, also das ist schön, aber ich habe mir die Welt nicht schön gemalt, sondern das ist Wissenschaft, vielleicht wissen wir in 10 Jahren ganz andere Sachen, das ist der aktuelle Stand. 01:05:41

ML Sie malen die Welt auf eine Weise dann trotzdem schön, Sie haben einen wirklich tollen Dokumentarfilm mitgebracht, einen Kinofilm, und ich würde gern mal zeigen, einen kurzen Ausschnitt: Polnischer Urwald. Also – wie würde ein echter Urwald, den es leider in unseren Breiten so gut wie … gar nicht mehr gibt (PW bejaht), – wie würde der aussehen? Ehm Was sehen wir da, Herr Wohlleben? Können Sie uns das mal erklären?

PW Białowieża – Das ist der Wald, der immer mal wieder abgeholzt werden sollte. Auch dort sagen Förster: nur ein abgeholzter Wald ist ein guter Wald, und damals haben Aktivisten dafür gekämpft, dass der stehenbleibt. Da sieht man also Eichen, da sind Hainbuchen, das ist Ahorn, unsere heimische Rotbuche kommt so weit im Osten schon nicht mehr vor, aber man sieht: es ist gut zu belaufen, da ist viel Totholz, und das kühöt, das speichert Wasser wie n Schwamm, also diese Wälder sind nach heutigem Stand überlebensfähig. ML Da liegt auch viel rum, wie wir grade sehen. Das was umfällt, bleibt einfach liegen… PW …bleibt alles liegen, es ist ja Urwald. ML …und kommt dann der böse Borkenkäfer…1:06:39 der Borkenkäfer schlägt dann auch zu, und das ist ein natürlicher Prozess, wenn Bäume schwächeln, dann werden sie von Parasiten befallen und scheiden aus. Ja das gibt’s auch bei Tieren, und das gibt’s eben auch bei Bäumen, und dann greift der Förster ein und sagt: ich will das aber nicht. Das ist im Wirtschaftswald ja verständlich, – und sagt: ich will die auch noch n Sägewerk bringen, aber doch nicht in einem Schutzgebiet, ne? und da ist es eben auf europäischer Ebene gerichtlich untersagt worden, man hält sich nicht so ganz dran, also auch dort schützen wir mit unserer Waldakademie immer wieder unsere Aktivisten.

ML Sie haben faszinierende Zeitrafferaufnahmen mitgebracht, wo man sieht, wie Wachstum im Zeitraffer aussieht. Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis aus dem, was Sie da gesehen haben. Es ging ja offenbar über nen relativ langen Zeitraum… da!

PW Also meine wichtigste Erkenntnis generell ist, das taucht auch im Film auf, dass diese alten Stümpfe, die ja eigentlich überhaupt nichts mehr dazu beitragen zur Gemeinschaft, die haben keine Blätter mehr usw., nach Jahrhunderten noch leben! Und zwar über Wurzelverwachsungen, die werden von den Nachbarn miternährt mit Zuckerlösung. Also das ist wissenschaftlich erwiesen, – wenn es Konkurrenten wären, dann würden die doch den Hahn zudrehen und sagen: verrecke! Ne? Machen die aber nicht, da ist… ML … was sehen wir da grade?   PW das ist n Farn, der sich entwickelt, für mich ist das Schöne: Pflanzen sind lahm! Und deswegen sind das für uns nicht viel mehr als grüne Steine, aber in der Zeitraffer(aufnahme) sieht man: die bewegen sich! Die kommunizieren auch… RY das ist schön! total schön! PW das sind wunderbare Wesen, sie haben den großen Nachteil, dass sie lahm sind, und: sie haben keine Nervenbahnen, sie regeln das anders: sie regeln das über Chemie, sie regeln das über Elektrizität, und sehr viel langsamer als das Menschen und Tiere tun würden, deshalb haben wir die bisher nach einer Art Ranking ganz unten angesiedelt. Also man sagt, mit Menschen muss man sehr vorsichtig sein, mit Tieren so lala, das ist aktuelle landwirtschaftspolitik, die erlaubt ja noch, Schweinen ohne Betäubung die Hoden rauszureißen, aber das wird vielleicht auch noch…, aber Pflanzen! Pflanzen doch nicht! man sagt: Moment mal, die sind schon anders, gar keine Frage, aber dass das bloße Bioroboter sind, das ist Quatsch. (Beifall 01:08:37)

ML Bio-Roboter — diese vielen Mikroorganismen, die da eine Rolle spielen, das versteht man sehr gut, wenn wir nur n ganz kurzen Blick in diesen Film reinwerfen, dann bekommt man ne Idee davon, was Wald eigentlich fürn faszinierender Kosmos ist. Bitte schön!

PM (Worte im Film) Die verabreden sich über Hunderte von Kilometern hinweg, gleichzeitig zu blühen.

Der Mutterbaum verbindet sich mit dem kleinen und ernährt ihn mit. Man kann regelrecht sagen: der wird gestillt.

Bäume sind keine Holzproduktionsmaschinen – es handelt sich um fühlende Wesen. (1:09:35) Wenn Sie was für den Wald tun wollen, können Sie es unterlassen, dort rumzusägen.

Wenn wir Naturschutz machen, schützen wir nicht die Natur. Wir schützen uns selber.

Natürliche Wälder sind Superorganismen. In einer Hand voll Walderde stecken mehr Lebewesen als es Menschen auf der Erde gibt.

Die Natur können wir gar nicht kaputtmachen, die wird sich bestimmt immer wieder erholen. Der Wald kommt zurück. Es wäre nur schön, wenn wir dann noch da sind. (1:10:21) (Ende PW lacht, das Studiopublikum applaudiert)

Nebenbemerkung JR Auch in diesem Naturfilm ist es wieder mal die Musik, die die Wirkung der Bilder kitschig unterläuft und die Statements seltsam laienhaft wirken lässt.

Markus Lanz: das berührt einen irgendwie, ne? auch wenn man sowas hört, dass in einer Hand voll Waldboden, was da so alles drin ist. PM Wir wissen halt wenig. ich finde immer interessant, wenn Förster sagen, wir tun was für die Artenvielfalt, indem wir Bäume absägen, da kommt mehr Licht rein usw. usf., dazu müsste man erstmal wissen, wieviel Arten gibt es denn – vorher und nachher? Und das Interessante ist, ich frage das immer forstwissenschaftliche Mitarbeiter, die wir auch besuchen oder die zu uns kommen, wieviel Arten sind denn schätzungsweise entdeckt, deren Schätzung, ich habe dazu keine Meinung. 10 bis 15 Prozent. Das heißt also (ML wie in den Ozeanen auch!), … und natürlich Bakterien, das sind vor allem die kleinen, wie gut Bakterien sein können, das sehen wir ja am eigenen Körper, d.h. wir haben noch nicht mal die Arten entdeckt, wir wissen gar nicht, was sie machen, und dann sagen wir: wenn wir eingreifen, passiert genau das, – dass das schief geht, sehen wir ja am laufenden Band, und deswegen muss man sagen, wir brauchen einfach mehr Zurückhaltung, und die Lösung ist ganz einfach: alles was wir nicht wirklich brauchen, und das muss man halt sehr auf den Prüfstand stellen, à propos Auto usw., das sollten wir kräftig zurückfahren. Ich sag mal n einfaches Beispiel: wenn wir nur noch auf den Sonntagsbraten zurückgehen und nicht mehr soviel Fleisch essen – ich selber esse gar keins mehr, aber wenn wir auf den Sonntagsbraten zurückgehen würden, dann könnten wir in Deutschland grob geschätzt, mal durchgerechnet, 50 bis 100 000 Quadratkilometer zurückbringen, also die Waldfläche je nach Schätzung verdoppeln. Das heißt: das hat einen gigantischen Kühleffekt, – natürlich langfristig, das wird so schnell nicht gehen, so dass Sie die Temperaturspitzen dämpfen können. (01:12:08)   (folgt)

Ranga Yogeshwar:  ( 01:12:57) Als ich mir diese Bilder anschaute, tolle Aufnahmen, da ging mir ein ganz anderer Gedanke durch den Kopf, und das ist: Wir leben natürlich heute in einer Welt des Umbruchs, einer Welt der Verunsicherung, in vielen Bereichen, selbst in der Welt der Künstlichkeit, und ich glaube, der Wald ist sowas wie die Erdung, wie ein stabiler Anker, und ich glaube, ein Teil Ihres großartigen Erfolges geht glaubich darauf zurück, dass Menschen im Moment irgendwo Halt suchen. Mir geht es natürlich an der einen oder anderen Stelle, wenn es um Vermenschlichung geht, ehrlich gesagt, ein bisschen zu weit, also das ist so eine Übertragung von uns Menschen auf die Botanik, die ich, ja, vielleicht nicht teile. Aber ich glaube, dahinter ist eine Stimmung, und die Stimmung ist entweder: man kuckt zurück, eh… greift das auf, was stabil ist, oder – und das ist das, was wir trotzdem wagen müssen, man kuckt nach vorne, indem man nicht das andere ignoriert, aber indem man sagt: wie schaffen wir das jetzt mit Hilfe der Technik et cetera, vielleicht auch nachhaltig für die Zukunft zu machen. Ich meine, wir leben in einem Industrieland, und wir werden nicht die Urwälder haben, die es mal vor x-tausend Jahren gab.

PW  Nenee, aber das ist ja auch nicht der Gedanke dahinter, der Gedanke ist, dass wir eine Größenordnung von 20 Prozent Schutzgebieten haben und den Rest so bewirtschaften, dass es kaum auffällt, auch der Natur nicht. Das gibt es auch schon, das haben wir in Lübeck z.B. und in Göttingen in den Städten, eh und die ernten interessanterweise mehr Holz dort, denn dort wo     wird die nächsten 50 Jahre niemand mehr Holz ernten (folgt)

Und mit den Emotionen, Vermenschlichung muss man sagen: ich kann das halt  schlecht auf bäumisch ausdrücken. (RY lacht) Und der nächste Punkt ist: ich glaube, dass die Wissenschaft – und die Universitäten gehen jetzt zunehmend dazu über, das genau so zu übersetzen – der Punkt ist, es gibt ne tolle Forschung, ne tolle Faktenlage, aber wenn Fakten nicht in Emotionen zurückübersetzt werden – und ich bin ein Optimist, das kommt in dem Film noch später raus, und in Emotionen übersetzen, dann berührt es uns nicht. Und alles was uns nicht berührt, das beschäftigt uns nicht langfristig genug. Und deswegen: ich setze voll auf Emotionen und zwar auf Optimismus. 1:15:14

*     *     *

Und was sagen wir zu den folgenden Filmausschnitten? Und vor allem: zu den erneuerten kritischen Einwänden? MDR HIER

ZITAT

Hanno Charisius hat jetzt in der Süddeutschen Zeitung mit der bösen wie treffenden Überschrift „Im Märchenwald“ die kritischen bis verständnislosen Reaktionen der Wald- und Forstwissenschaft auf die Thesen von Peter Wohlleben zusammengetragen. „Hanebüchen“, „romantisches Wunschdenken“ würde die kurze Zusammenfassung lauten. Und beim Beispiel des alten Baumstumpfs ginge es weniger um ein soziales Verhalten der Flora, denn um einen Parasiten und einen Schmarotzer. Auch dem Nicht-Wissenschaftler fällt beim Buch wie jetzt beim Film auf, wie Peter Wohlleben menschliche Begriffe, Eigenschaften, Emotionen, ja, menschliches Bewusstsein auf Bäume bzw. den Wald überträgt oder auch: projiziert. Also die drei eng zusammenstehenden Eichen an der Landstraße zwischen Wohllebens Heimatort und dem nächsten Dorf. Also drei Bäume mit identischen Umweltbedingungen, die zu unterschiedlichen Zeiten beim anstehenden Winter die Blätter abwerfen.

Offenbar entscheidet das jeder der drei Bäume anders. Zwei Eichen sind etwas mutiger, und der dritte Baum ist ein wenig ängstlicher oder – positiv ausgedrückt – vernünftiger. (Peter Wohlleben, Förster)

„Mutig“, „ängstlich“, „vernünftig“ – bitte? Klassischer Anthropomorphismus, den Wohlleben hier betreibt.

ENDE des ZITATES

Die in der Kritik genannten Wissenschaftler: Ulrich Schraml , Torben Halbe , Pierre Ibisch. Sind sie neutral oder gibt es spezielle wirtschaftliche Interessen?

Interessant, mit welch rhetorischem und mimischem Aufwand sich Ranga Yogeshwar aus der Affäre zu ziehen sucht. Er sagt eigentlich – nichts, aber dies mit größter Wichtigkeit. Einerseits will er den journalistischen Effekt des Försters nicht untergraben, andererseits sich auf nichts einlassen, was als technikfeindlich gedeutet werden könnte.

Und Wohlleben antwortet allzu wortreich, er hätte sich auf eine kurze ironische Pointe beschränken sollen, die die Entgegnung des anderen als Ausflucht entlarvt.

Für mich wäre der richtige Ansatz die Frage, inwieweit der „anthropomorphe“ Zug mit Blick in die Tierpsychologie oder in die – – – Ethnologie zu relativieren oder ganz zurückzunehmen wäre. Mit dem lustigen Wort „bäumisch“ hat Wohlleben die Stoßrichtung bezeichnet, die Einräumung einer völlig anderen Dimension. Die engen Grenzen der Übersetzbarkeit. Zum Beispiel: Ein Übersetzungsversuch des Papua-Verhaltens in unsere bürgerliche Vorstellungswelt würde völlig in die Irre gehen, – aber vielleicht erste Tendenzen der Empathie aufrufen? Das Fremde zu amalgamieren. Gegenaspekt zur technischen Zukunft: je menschenähnlicher ein Roboter, desto gespenstischer und inakzeptabler… Die Technik müsste als solche in ihren Grenzen durchschaubar bleiben. Keine Anthropomorphie! Erst recht nicht vom hohen Ross der Technokratie freundlich und gewunden zugestanden.

Auch die Philologie als Beispiel: die Notwendigkeit der „Einfühlung“ in historische Weltanschauungen und Epochenstile (nach dem Muster der Mimesis von Erich Auerbach).

Auch der Versuch, meinen Vater in die Musikgeschichte (die Mentalitätsgeschichte) einzubeziehen. Noch leichter wäre es bei meiner Mutter, die viel mehr Geschriebenes hinterlassen hatte und (für seine Begriffe) eine viel zu sentimentale Weltauffassung pflegte. Seine Gemütlichkeit, ihre Ruhelosigkeit. (siehe hier).

Wenn es nicht funktionierte, wie sollte man überhaupt noch Zuversicht in die Gegenwart und Zukunft des Lebendigen entwickeln? Ohne die Anverwandlung (Empathieentwicklung) innen und außen geht gar nichts mehr in dieser (Wald-)Welt. Lässt sich das auch mit dem Wort „Anthropomorphismus“ erledigen?

Zum Jahresende

Dies ist ein Programmtext für drei Weihnachtskonzerte, die in Heidelberg, Mannheim und Schriesheim stattfinden. Ich wollte, ich könnte dort zuhören, nachdem ich neulich in Bonn einen atemberaubenden Vorgeschmack bekam. (Siehe hier).

Den Ablauf der Konzerte kann man anhand des Heidelberger Programms studieren. Des weiteren hier. Der einführende Text entfaltet eine flankierende Gedankenwelt, die man im Blick auf Weihnachten vielleicht nicht erwartet, weil man von Kindheit an in der dunkelsten Jahreszeit mit besonders strahlenden Visionen und Lichtphänomenen versorgt wurde. Zumal auch die Denkfigur des „quia absurdum est“ zuverlässig eingeübt wurde, – „und wenn du denkst, es geht nicht mehr“…

Gewiss wird es dort ganz anders klingen als in der folgenden Version desselben Gesangs; sie aber setzt wiederum unserer gewohnten Klangwelt auf ihre Weise etwas ganz Anderes entgegen:

*    *    *

Und jetzt?
von J. Marc Reichow

Vergente mundi vespere heißt es in der leicht apokalyptischen Sicht des lateinischen Conditor-Hymnus, den wir heute in elaborierter Vertonung von Guillaume Du Fay hören. Thomas Müntzer übersetzt später den sinnbildlichen Niedergang mit Do sich die welt zum abent want – aber wie beziehen wir das auf unsere Welt? Auf welche Rettung dürfen denn wir noch hoffen und durch wen, kurz vor Sonnenuntergang und am Tipping Point des Weltklimas?

Im September erschien ein rücksichtsloser, voraus schauender Aufsatz von Jonathan Franzen, Autor von The Corrections, Übersetzer von Karl Kraus und Schirrmacher-Preisträger, im New Yorker. Seine kontroverse Aufnahme durfte keinen Leser überraschen, der mit dem essayistischen Schaffen des Romanciers Franzen, etwa den radikalen Ansichten zum Naturschutz (Singvögel!) vertraut war. Die ebenso unscheinbare wie provozierende Titelfrage

„Was, wenn wir aufhören würden, so zu tun, als ob die Klimakatastrophe zu verhindern wäre?“ 

berührt mehrere Aspekte wenn nicht der Weihnacht, so doch einer Jahresendzeit, und offensichtlich spekuliert Franzen auf einen neuen Denkzusammenhang aus bekannten und verdrängten Fakten, eine neue Perspektive für Gegenwart und Zukunft. Für die Vergangenheit bleibt vorerst keine Zeit.

Auf Widerwillen und Widerstand stieß Franzens Aufsatz auch deswegen, – ein F.A.Z-Kritiker verkannte ihn bewusst als „amüsanten Text“ (2), andere unterstellen ihm paradoxerweise Abwertung des Klimaaktivismus, wieder andere sahen ihn als bloße Fortsetzung älterer Naturschutzkontroversen -, weil der erste Teil seiner unfrohen Botschaft ernster genommen wurde als die konkrete Utopien ihres zweiten Teils: nur dessen pragmatischer Hoffnungsgehalt erlaubt es überhaupt heute, den – nach drei Monaten natürlich längst vergessenen – Artikel zu Weihnachten wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Wenn Franzen auf das Verhältnis von Hoffnungslosigkeit, Hoffnung und Rettung abzielt, tut er dies schon in der Titelfrage mit psychologischer Empathie und aus der Perspektive des wahrnehmenden, selbst im Bestreben um Nähe (oder Ferne!) zu den Fakten unsicheren Individuums. Er ist Erzähler und spricht für sich.

Trotz der himmelschreienden Tatsache, dass ich bald tot sein werde, für immer, lebe ich in der Gegenwart, nicht in der Zukunft. Gezwungen zur Entscheidung zwischen einer beunruhigenden Abstraktion (Tod) und der beruhigenden Evidenz meiner sinnlichen Wahrnehmung (Frühstück!), hält sich mein Bewusstsein lieber an letzterer fest. Außerdem: der Planet ist immer noch wunderbar intakt, immer noch grundsätzlich normal – mit dem Wechsel der Jahreszeiten, einem neuen Wahljahr vor uns, neuen Unterhaltungsserien auf Netflix -, und sein bevorstehender Kollaps ist für mein Bewusstsein viel schwerer zu fassen als der Tod. 

Andere Arten von Apokalypse, egal ob religiöser oder thermonuklearer oder asteroidenbedingter Art, kommen zumindest mit der binären Sauberkeit des Sterbens: in einem Moment gibt es die Welt noch, im nächsten ist sie für immer verloren. Klimaapokalypse ist, im Gegensatz dazu, unordentlich. Sie wird die Form zunehmend schwerer Krisen annehmen, die sich chaotisch häufen, bis die Zivilisation auszufasern beginnt. Die Sache wird immer immer schlimmer, aber vielleicht nicht zu bald und vielleicht nicht für Jeden. Vielleicht nicht für mich.

„Vielleicht nicht für mich“ ist merkliche oder unmerkliche Anspielung auf jenes Zitat von Franz Kafka, mit dem Franzen seinen Essay begonnen hat – und dessen Umkehrung auch die Umkehrung von Hoffnungslosigkeit in (vielleicht trügerische) Hoffnung bedeuten könnte. Es ist dies die zentrale Denkfigur von Franzens Versuch.

„Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung“ sagt uns Kafka – „nur nicht für uns.“ (3). Dies ist ein angemessen mystisches Epigramm von einem Schriftsteller, dessen Handlungsfiguren zu scheinbar erreichbaren Zielen streben und, tragischer- oder amüsanterweise, diesen doch niemals näher zu kommen vermögen. Es scheint mir aber, in unserer sich schnell verdüsternden Welt, dass die Umkehrung von Kafkas geistreicher Bemerkung ebenso zutrifft: Es gibt keine Hoffnung außer für uns.

Natürlich spreche ich vom Klimawandel. Der Kampf um die Zügelung der globalen CO2-Emissionen und um den Schutz des Planeten vor der Schmelze fühlt sich an wie eine Kafka’sche Fiktion. Das Ziel ist seit dreißig Jahren deutlich, und trotz ernsthafter Bemühungen haben wir im Kern keinerlei Fortschritt gemacht, es zu erreichen. Heute gilt die wissenschaftliche Evidenz als unwiderlegbar. Wenn Sie jünger als Sechzig sind, haben Sie gute Chancen, die radikale Destabilisierung des Lebens auf der Erde mitzuerleben – massive Ernteeinbrüche, apokalyptische Brände, implodierende Wirtschaftssystem, epische Überflutungen,hunderte Millionen von Flüchtenden aus Regionen, die durch extreme Hitze oder permanente Trockenheit unbewohnbar geworden sind. Sind Sie unter Dreißig, werden Sie das praktisch garantiert erleben.

Sorgen Sie sich um den Planeten und um die Menschen und Tiere, die auf ihm leben, gibt es zwei mögliche Denkweisen hierüber. Sie können weiterhin hoffen, dass die Katastrophe abwendbar ist, und sich dabei um so mehr durch die Inaktivität der Welt frustrieren oder erzürnen lassen. Oder Sie können das Kommen des Desasters akzeptieren und neue zu überlegen beginnen, was es bedeutet, zu hoffen.

Entscheidend nun heute hier, rhetorische Fragen nicht nur zu stellen, sondern Antworten zu suchen. Oder: an die Möglichkeit von Antworten zu glauben? Franzens Konsequenzen scheinen paradox, berühren sich aber um so enger mit der Frage nach der Rolle von Kunst und Kultur heute.

Völlig falsch mutet der Vorwurf an, sein Essay verhalte sich unpolitisch – zumal in einer Zeit und in einem gesellschaftlichen Kontext, wo um die Neubesetzung von Begriffen wie „Bürgerlichkeit“ (4) ein Kulturkampf inszeniert wird.

Und so frage ich mich, was passieren würde, wenn wir uns, statt die Realität zu leugnen, die Wahrheit sagen würden. (…)

Obwohl individuelles Handeln keine Auswirkung auf das Klima haben, heißt dies nicht, sie wären bedeutungslos. Jeder von uns kann/muss sich ethisch entscheiden. Während der protestantischen Reformation, als die „Endzeit“ lediglich eine Denkfigur war und nicht die schrecklich konkrete Tatsache, die es heute ist, war eine Schlüsselfrage der Doktrin, ob man Gutes zum Zweck tun sollte, dadurch in den Himmel zu gelangen, oder einfach weil es gut war – weil man nämlich, während der Himmel mit einem Fragezeichen versehen war, doch wusste, dass diese Welt besser wäre, wenn jeder Gutes täte. Ich kann den Planeten respektieren und mich um die Menschen sorgen, mit denen ich ihn teile, ohne jedoch glauben zu müssen, dass dies mich retten wird.

Aber mehr als das, kann eine falsche Hoffnung auf Rettung aktiv schädlich sein. Wenn man dabei bleibt, die Katastrophe für abwendbar zu halten, verpflichtet man sich zum Inangriffnehmen eines Problems, das durch seine immense Größe alles an Priorität übertreffen müsste, für Jeden und für immer. Folge davon ist, verwunderlicherweise, eine Art Selbstzufriedenheit: durch die Wahl „grüner“ KandidatInnen, durch das Fahrradfahren zur Arbeit, durch das Vermeiden von Flugreisen könnte man das Gefühl bekommen, alles für das einzige wichtige Ziel unternommen zu haben. Andererseits gibt es, wenn man die baldige Überhitzung des Planeten bis hin zur Bedrohung der Zivilisation als Tatsache akzeptiert, sehr viel mehr, das man unternehmen sollte.
Unsere Vorräte sind nicht unbegrenzt. Selbst wenn wir viele von ihnen in eine großen Wurf zur Reduzierung von CO2-Emissionen investieren würden, in der Hoffnung auf unsere Rettung, so wäre es doch unklug, sie alle zu investieren. Jede Millarde Dollar, die für Hochgeschwindigkeitszüge ausgegeben wird (…), ist eine nicht zur Katastrophenvorsorge, zur Reparationszahlung an überflutete Länder, für zukünftige Menschenrettung genutzte Milliarde. (…)
Die totale Mobilmachung gegen den Klimawechsel ergab nur Sinn, solange dieser besiegbar war. Akzeptieren wir einmal, dass wir verloren haben, ergibt sich daraus größere Bedeutung für andere Arten des Aktivismus. Einschlägiges Beispiel ist die Vorbereitung auf Brände und Fluten und Flüchtlinge. Aber die drohende Katastrophe erhöht die Dringlichkeit beinahe jeder weltverbessernden Aktion. In einer Zeit des zunehmenden Chaos suchen Menschen eher Zuflucht in (identitärem, Anm.) Tribalismus und Waffengewalt als in der Macht des Gesetzes, und eine unserer besten Verteidigungen gegen diese Art von Dystopie ist die Aufrechterhaltung funktionierender Demokratien, funktionierender Rechtssysteme, funktionierender (kommunaler) Gemeinschaften.
In dieser Hinsicht kann jede Bewegung in Richtung einer gerechteren und zivilisierten Gesellschaft als Aktion für das Klima gesehen werden. Die Sicherung freier Wahlen ist Klimaschutz. Bekämpfung extremer Wohlstandsunterschiede ist Klimaschutz. (…) Einführung humaner Einwanderungspolitik, Unterstützung von Antirassismus und Gleichberechtigung, Förderung des Respekts von Rechtsprechung und ihrer Durchsetzung, Unterstützung der freier und unabhängiger
Pressearbeit, Befreiung des Landes (USA, Anm.) von halbautomatischen Feuerwaffen – all diese Aktivitäten sind bedeutsam für den Klimaschutz. Zum Überleben ansteigender Temperaturen wird jedes System, egal ob Teil der Natur oder der menschlichen Zivilisation, so stark und gesund sein müssen, wie wir es machen können.

Und dann ist da die Frage der Hoffnung. Was wird man, wenn alle Hoffnung für die Zukunft von einem grob optimistischen Szenario abhängt, in zehn Jahren unternehmen, wenn selbst dieses Szenario sogar theoretisch als unbrauchbar erweisen wird? Den Planeten komplett aufgeben?
Mit einer Anleihe bei Wirtschaftsberatern würde ich ein gleichmäßiger verteiltes Portfolio von Hoffnungen empfehlen, manche davon langfristig, die meisten aber kurzfristig angelegt. So gut es ist, gegen die Beschränkungen der menschlichen Natur anzugehen und auf Abmilderung des Kommenden zu hoffen, so wichtig ist daneben, kleinere, lokalere Gefechte auszutragen, bei denen man mehr Aussicht auf Erfolg hat. Tun wir das Richtige für den Planeten, ja, aber versuchen wir auch das zu retten, was uns spezifisch am Herzen liegt – eine Gemeinschaft, eine Institution, einen Ort in der Wildnis, eine gefährdete Art – und schöpfen wir Mut aus unseren kleinen Erfolgen. Jede gute Sache, die man jetzt tut, ist unter Umständen eine Absicherung gegen die überhitzte Zukunft, aber die wirklich bedeutungsvolle Sache ist, dass sie heute gut ist. So lange wir etwas lieben, gibt es etwas, dem unsere Hoffnung gilt. (…)

Liebe und Hoffnung sind keine ungewöhnlichen Weihnachtsbotschaften, aber ihre Motivation ändert sich: schneller als erwartet befinden wir uns, alle, in einer Situation, in der Zukunft ohne das Zusammendenken individueller, „privater“ und globaler Sicht und Verantwortung kaum mehr möglich scheint. Allerdings: hat man sich für einen Moment auf Jonathan Franzens Perspektive eingelassen statt auf grundlose Hoffnungstraditionen, so könnte man die Vermutung teilen, Kunst und Kultur wären mit dieser Perspektive längst vertraut.

Wie als Antwort auf Franzens rhetorische Frage findet Olga Tokarczuk dieser Tage in ihrer großen Stockholmer Nobelpreisrede (5) die Hoffnung für unsere Welt in einer explizit zärtlichen Verbindung menschlicher wie künstlerischer Sichtweisen. Gemeint ist damit mehr als nur die Kraft der Literatur – hören wir nicht in jeder „Musik zu Weihnachten“, die der heutigen Situation angemessen wäre, etwas wie das, was Tokarczuk (statt als Hoffnung, Liebe oder Empathie) mit dem Begriff der Tenderness bezeichnet, der Zärtlichkeit als der „bescheidensten Form der Liebe“?

Die Zärtlichkeit (…) ist das Begreifen der Welt als lebendig, lebend, verbunden, zusammenhängend mit und abhängig von sich selbst. Literatur baut auf die Zärtlichkeit zu jedem anderen Wesen als uns selbst. (…)

Die Klimakatastrophe und die politische Krise, in der wir heute unseren Weg zu finden versuchen, und die wir ängstlich durch Rettung der Welt zu stoppen versuchen, kommt nicht aus dem Nichts. Wir vergessen oft, dass sie nicht nur Resultat einer Laune des Schicksals oder der Bestimmung sind, sondern von sehr spezifischen Handlungen und Entscheidungen abhängen: ökonomischen, sozialen und solchen, die mit Weltanschauung (auch religiöser Art) zu tun haben. Gier, Missachtung der Natur, Selbstsucht, mangelnde Vorstellungskraft, endlose Konkurrenz und fehlende Verantwortung haben die Welt zu einem Objekt abgewertet, das in Stücke geschnitten, verbraucht und zerstört werden kann.

Deswegen glaube ich daran, dass ich Geschichten erzählen muss, als ob die Welt eine lebende, vollständige Einheit wäre, die sich ständig vor unseren Augen formt – als ob wir ein kleiner und zugleich mächtiger Teil von ihr wären.

*    *    *

(1) Jonathan Franzen, What If We Stopped Pretending? – The climate apocalypse is
coming. To prepare for it, we need to admit that we can’t prevent it, The New Yorker,
08.09.2019, Übs. und Hervorhebungen hier von JMR
(2) Jan Wiele, Akopalüze nau! – Jonathan Franzens Dialektik, F.A.Z. 10.09.2019
(3) hier zit.n. Max Brod, Der Dichter Franz Kafka, in Gustav Kronjanker, Juden in der
deutschen Literatur, 1922
(4) vgl. den Wahl- und Begriffsbesetzungskampf um die „bürgerliche“ Mitte im virtuellem Adventskalender einer oppositionellen Berliner Senatsfraktion samt geklimperten Dauerschleifen von „Es ist ein Ros entsprungen“ und unter dem Nazibegriff „Deutsche Weihnacht“
(5) Olga Tokarczuk, Nobelpreisrede The Tender Narrator, Stockholm 07.12.2019,
zit.n.d. engl. Übs. (Jennifer Croft and Antonia Lloyd-Jones), Übs. JMR,
https://www.nobelprize.org/uploads/2019/12/tokarczuk-lecture-english.pdf

(Wiedergabe des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers ©JMR)

Hausfrau in Seesen 1905

Das Kochbuch 1877 als Vermächtnis

Neues praktisches Kochbuch / für / die gewöhnliche und feinere Küche / von / Henriette Sander / geb. Düwel, / Wittwe des Posthalters Heinrich Sander in Elze / Verlag Carl Meyer Hannover Hinüberstraße 18 ( 2. Auflage 1877)

Besitzerin: Luise Hörmann in Seesen. Es war wohl ihre Tochter, die später zur Schwiegermutter meiner Tante Ruth Rühling geb. Rw (* 1913) wurde, nämlich: Frieda Rühling geb. Hörmann, dies Buch also hat sie wahrscheinlich von Mutter Luise geerbt. Tante Frieda war zu meiner Zeit berüchtigt als „Nervensäge“. Sie wohnte immer in der Nähe oder im Haus ihres Sohnes Fritz (der mit Tante Ruth verheiratet war), zuerst in Goslar (?), dann in Alfeld (Leine), in Misburg und in Hannover. Auf dem Foto (1953) vor dem neu erworbenen, etwas ärmlich wirkenden Misburger Häuschen (das dann ausgebaut und erweitert wurde), mitten im Wald, „Am alten Saupark“, für mich ein Ferienparadies: links außen Tante Ruth, dann Tante Frieda, schräg hinter ihr der Gatte Friedrich und dahinter der gemeinsame Sohn Fritz. (Wie hätte er denn sonst heißen können?)

 August 1953

Zeitsprung: weitere 50 Jahre zurück. Zum Kochbuch: Gutbürgerliches Ambiente der wilhelminischen Zeit, vor dem ersten Weltkrieg. Wahrscheinlich noch wie bei Fontane. Das Einkochen (Einmachen, Einwecken) spielte eine große Rolle, wie ich es noch aus der Zeit des Fotos – nach dem zweiten Weltkrieg – erinnere: Einmachgläser („Weckgläser“ mit Glasdeckel und Zwischengummi), vorwiegend Obst: Pflaumen, Birnen, Himbeeren, Johannisbeeren. Im Kochbuch geht es aber noch um Steinguttöpfe, wenn man die vorletzte unten wiedergegebene Seite verallgemeinern darf. Siehe auch Wikipedia hier und hier.

          

Frommer Rätselspruch bei der Schenkung? Listige, auf den Hausherrn bezogene Doppeldeutigkeit? Ein Scherz liegt nahe. (Aber doch nicht mit dem jüngsten Gericht?!)

Um die krasse Gegenwart nicht zu vergessen: es gibt keinen anderen Grund als den Zufall, dass dieses Kochbuch sich gerade heute zum Scannen anbot, denn gestern Abend haben wir eine H-moll-Messe gehört, die es wert wäre, den ganzen nachfolgenden Tag nur dieser Musik zu widmen. Seit wann kenne ich sie? Sie stand im Notenschrank meines Vaters (auf dem Foto neben Onkel Fritz bzw. als dritte Person von rechts), und Bach wurde gerade mein Lieblingskomponist.

  

Eine hervorragende Aufführung, aus einem Guss, gute Tempi. Mir fiel auf, in welchem Maß der Ablauf aller Einzelteile sich dramaturgisch zu einem Ganzen fügt, – wenn ein guter Dirigent es darauf anlegt. Und ihm wunderbare Solisten zur Seite stehen: die überschwängliche Solovioline, die sanfte Flöte, die sich erbarmende Oboe, das getreue Horn, ja, ein Corno di caccia, – früher eine Angstpartie, und immer noch spürt man die Nähe des Abgrundes, „tu solus dominus“: es ist kein Instrument der Herrschaft, sondern der Verinnerlichung, und genau so soll es sein, die fremd tönende Septim, der Versuch eines Trillers, jeder einzelne, errungene Ton. Ich habe die Glücksmomente von Aufführungen im Ohr, bei denen ich vor Jahrzehnten im Orchester saß: Walter Lexutt, Andrew Joy… Auf das Horn-Solo warte ich. – Die Solosänger(innen) waren mir fast zu präsent im Raum, sie sind Textträger, aber nicht wichtiger als die Instrumente. Und ohne die überzeugende Leistung der Chöre schmälern zu wollen, wird mir klar, dass ich von Knabenstimmen geprägt bin und deren kristallenen Anteil herbeiphantasiere, – meine Schuld. Denn diese Mischung dreier Chöre grenzt an ein Wunder des homogenen Klangs. Eine Meisterleistung des Dirigenten. (Nebenbei ist es ein Vergnügen, ihn bei der „Arbeit“ zu beobachten; die Bewegungen sind funktionell, und sie „passen“ zur Musik.) Das fabelhafte Orchester – siehe unten – soll nicht als Kollektiv untergehen, jeder einzelne lobenswert – die Facetten des Klangs kamen mir vertraut vor, wie aus fernen Zeiten…

l’arte del mondo Einstudierung Werner Ehrhardt

Was bleibt?

  

Da ist diese Ungeheuerlichkeit des „Et expecto“ und der dramatische Umschwung mit den aufspringenden D-dur-Dreiklängen, aber vor allem die maßvolle, abschließende Bitte „Dona nobis pacem“, die musikalisch mit dem Dank „Gratias agimus“ vom Anfang identisch ist. Das bleibt als Essenz der ganzen Messe. Vielleicht in einem umfassend diesseitigen Sinne.

Oder vielleicht nur für mich? Während andere es als großes Glaubensangebot verstehen. Darüber darf man schweigen.

Ich beende diesen Eintrag so privat, wie er begonnen hat, aber nicht im Umkreis von Tante Frieda. Da ich eben die Besetzungsliste durchgegangen bin, die mich wehmütig berührte, darf ich eine andere aus dem Jahre 1985 anhängen; sie befand sich in meinem Bach-Buch von Malcolm Boyd, das ich damals gerade neu war. Für diese Jahre bin ich dankbar.

Musica Antiqua Köln 24. Mai 1985

Rheinfahrt heimwärts

Bacharach bis Loreley

                    

  Es geht um die Farbe!

  Turner 1817 am gleichen Ort

Alle Fotos: E. Reichow

Ein Statement über Märchen 3. Nov. 2019

Michael Köhlmeier:

25:40 Ich glaube, es ist kaum einer Literaturgattung soviel unrecht getan worden wie dem Märchen. Das ist natürlich auch mit die Schuld der Grimms, die ich überaus bewundere. Es gibt kaum Autoren des 19. Jahrhunderts, die ich mehr bewundere als diese beiden, aber dass die Märchen auf die Kinder abgeschoben worden sind, – waren sie ursprünglich nicht, sie haben mehr mit einer Vorform der Psychoanalyse zu tun, die Märchen, als mit Geschichten für Kinder. Das zeigt sich auch ganz deutlich: es sind manche Geschichten, die sind so grauenhaft, manche Märchen, die man Kindern nicht zumuten will, aber man kann sie ihnen doch zumuten, weil es halt so ewige Geschichten sind. Ich glaube, wir tun der Gattung Märchen keinen Gefallen, wenn wir sagen, die sind für Kinder, und wenn wir dann aber das siebte Lebensjahr überschritten haben, dann sind sie nicht mehr interessant, das ist glaube ich nicht wahr. Das glaub ich nicht. 26:29 (Denis Scheck:) Jetzt müssen wir noch ein Wort über die Illustration verlieren, Sie sagen, Ihre Märchen sind im Grunde Ausdeutungen von Bildern, Nikolaus Heidelbach, der wunderbare etc.

Quelle (hier)

 

Waldspaziergang Ohligs

Der Tag nach dem Abendrot

Blick aus dem Fenster des Arbeitszimmers 22.10.2019 18:45

In der Richtung des Abendrots liegt die Ohligser Heide. Wenn möglich, will ich morgen die Bäume dort sehen und riechen. Nichts Spektakuläres. Nur oben und unten.

Formen und Farben 23.10.2019 12:30

        

Fotos unten E.Reichow

Gräfrath in Solingen

Schöne Tristesse

 

8. Oktober 2019 13:00 Uhr Fotos JR Huawei

Ich liebe nasse, graue Tage (nach einem über Wochen aufgeheizten Sommer) und ganz besonders, wenn es in greifbarer Nähe ein Kaffeehaus gibt.

Im übrigen unterscheide man bitte diesen Ortsteil von Solingen ein für allemal von Grafrath im Landkreis Fürstenfeldbruck und Grefrath im Kreis Viersen, eben, wie der Name schon sagt: Gräfrath!

Herbst am Rüdenstein

Vor dem Höhenzug drüben fließt die Wupper. Man schaut von der Gegenseite auf den Obenrüdener Kotten. Es ist unglaublich still.

Der Rüdenstein selbst liegt um 13.15 Uhr schon im Dämmerlicht.

Das gleichnamige Gasthaus an der Wupper erreicht man noch im Sonnenbereich.

       

Für uns nur ein harmloser Spaziergang. Andere denken hier an Foto- und Filmproduktionen.

(Fotos E.Reichow)