Kategorie-Archiv: Verstreutes

Über Konzerte in Coronazeiten

Vorläufige Lektüre um Hoffnung zu schöpfen

bei VAN HIER

Berthold Seliger HIER

Eine Auswahl aus dem reichen Angebot:

daraus:

Von Konzertveranstaltern und Schweinezüchtern I hier

Von Konzertveranstaltern und Schweinezüchtern II hier

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P.S. Leider kommt in diesem Moment (10.12.2020 12.00 Uhr) noch eine Hiobsbotschaft von der NMZ, die ich aufgreifen möchte, auf dass niemand sich in den Glauben flüchte, uns bleibe doch die Fürsorge des Hörfunks, denn eins sei uns allen sicher: das große Medium des Hörens, für das viele Leute ihr Leben lang gearbeitet haben oder es noch tun. Andere, die es nutzten, die sich daran orientierten und sogar ihr musikalisches Weltbild danach ausrichteten und erweiterten; die es also nicht dem Zufall überlassen haben, wo und wann welche Musik zu finden ist. Der Rundfunk, das öffentlich-rechtliche Radio! – Und nun dies:

ZITAT NMZ-Newsletter:   

Sehr geehrte Newsletterabonnentinnen und -abonnenten,

es ist wohl das bekloppteste Nikolausgeschenk, das die ARD ihren Nutzer*innen machen konnte. Nach der erstaunlich kurzen Reaktionszeit von weniger als 10 Tagen steht nun fest: Die Suchmaschine für Radiosendungen wird nicht weiter betrieben.

Das wird lapidar so formuliert:

vielen Dank für Ihr Interesse an der ARD Audiothek. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Webseite „programm.ard.de/radio“ eingestellt wurde und nicht mehr zur Verfügung steht. Vielen Dank für Ihr Verständnis.” 

Auf Nachfrage:

vielen Dank für Ihre Nachricht. Die Belieferung der Programmvorschau fürs Radio mit Programmdaten wurde eingestellt und somit wird die Webseite eingestellt. Das sind die aktuellen Informationen. Wir wünschen Ihnen trotzdem weiterhin viel Freude mit der ARD-Audiothek und ARD-Mediathek.”

Die letzte Nachfrage, wer das denn veranlasst und entschieden habe, blieb dann auch gleich unbeantwortet. Ja, danke auch für gar nichts, liebe ARD. Verständnis kann man aber nur aufbringen, wenn man die Gründe für dieses Verhalten kennen würde. Was sind das da für Kommunikationsmuffel.

Da danke ich den Kolleg*innen von BR-KLASSIK, dass die uns direkt beliefern und den Kolleg*innen vom ORF (Ö1), die ebenso ihre monatliche Vorschau akkurat zur Kenntnis bringen. Danke auch an die lieben Newsletter-Leser*innen, die auf ihren Wegen versucht haben, unsere Fragen an entsprechende Stellen weiterzuleiten.

(NMZ Martin Hufner)

Ungelöste Fragen und Übungen

Zum Weiterdenken (und dann vergisst man’s doch)

Ich schlage ein neues Buch auf („Die nackte Wahrheit“ von Hans Blumenberg, Nachweis siehe am Ende dieses Beitrages) und stoße auf Seite 81 im Kapitel „Trostlosigkeit der Wahrheit“ auf einen unnötig schwierigen Satz, den ich vielleicht nur allzu gut verstehe:

Probleme ändern ihre Formeln. Gegenwärtig ist eine gewisse Toleranz gegenüber der Religion unter einem funktionalistischen Aspekt wieder geläufig geworden, der das Phänomen mit dem eindrucksvollen Terminus der ‚Kontingenzbewältigungspraxis‘ rubriziert.

Das trifft mich hart. Weil auch ich mich über Jahre zögerlich auf triftige Gründe für Toleranz in diesem Punkt eingestellt habe. Andererseits: Blumenberg konstatiert nur, er empfiehlt nichts Neues, zumal er Ende der 50er Jahre noch kaum Einblick in die Wahrheit des Missbrauchs hatte. Denn wer will danach im Ernst von wachsender Toleranz reden?  „Probleme ändern ihre Formeln“. Welche Religion hilft uns denn, wenn nach Sinngebung, nach Bewältigung des Wirrwarrs – der Kontingenz – gefragt wird? – Themenwechsel. Bitte um leichteren Stoff.

Nachtrag 26.11.20

Da es im Blumenberg-Zitat um die wieder geläufig gewordene Toleranz gegenüber der Religion geht, passt ganz gut hierher, was ich eben in Faust-Kultur gelesen habe:

Religionen fallen auch unter die Verschwörungstheorien. Ein Ordnungsruf von Thomas Rothschild.

Das klingt fast zu einfach. Es gehört jedoch zweimal einfach zum ganz normalen Diskussionsbedarf, zumal bisher immer gesagt wurde, man solle auf die andern Leute „mit ihren Sorgen“ zugehen und sie nicht einfach nur für blöd erklären, wenn sie sich ungefragt selbst zu „Querdenkern“ erklären. Lesen Sie also Thomas Rothschild, der nunmal wirklich seit mindestens 50 Jahren zu den liebenswürdigsten echten Querdenkern gehört: HIER.

Es geschieht oft beim Zeitunglesen, auch bei Büchern, die man eigentlich nur mal so in die Hand genommen hat, und ja, schon passiert es, man sagt sich, das muss ich mal gründlicher untersuchen, und ja, man vergisst es. Zum Beispiel dieses „und ja“, das mir vor allem in Kurzinterviews mit Fußballspielern aufgefallen ist, sollte wirklich auch mal zum Thema werden, und siehe da, ich lese es bei Hermann Unterstöger, dem immer fesselnden Kolumnenschreiber der SZ, der gewöhnlich bei sprachkritischen Leserzuschriften ansetzt. Jetzt hat er sich dieser Redegewohnheit in seinem Sprachlabor angenommen, und ich bin plötzlich nicht ganz sicher, ob er dasselbe meint wie ich.

Ich meine nämlich, es müsste eigentlich anders dargestellt werden, nämlich mit einem Komma oder Gedankenstrich zwischen den Wörtchen, das „ja“ vielleicht sogar mit einem Ausrufezeichen versehen werden, und – ja! – es würde noch an Nachdruck gewinnen, selbst wenn es zugleich etwas untergeschliffen würde. Das heißt, dieses „ja“ suggeriert eine Selbstermutigung beim Sprechen, als zögere man leicht nachdenklich bei der gewählten Ausdrucksweise und gebe sich einen Ruck, man könnte auch einfügen: „ich sach mal“, es würde sogar an Nachdruck gewinnen. Allerdings hätte man dieses „und ja“ schon so oft gebraucht, dass es rhetorisch keiner Hervorhebung oder Kunstpause mehr bedarf und ja: sogar zu einer völlig beiläufigen Formel mutiert ist. (Ehrlich gesagt: ein paar Tage später glaube ich, Unterstöger nicht ganz richtig verstanden, aber trotzdem keinen völligen Unsinn geschrieben zu haben.) 

Als ich anlässlich der CD der Schola Heidelberg das Original des Bildausschnitts mit Maria und dem Jesuskind im Stall zu Bethlehem suchte und entdeckte, dass es den Besuch der Heiligen Drei Könige darstellte, fand ich auf Anhieb den Kopf des schwarzen Königs oder „Magiers“ aus dem Morgenland auffällig unschön und argwöhnte, dass dies vielleicht kein Zufall ist, sondern dass der Schwarze gewissermaßen eine mindere Form von Menschlichkeit repräsentieren sollte. Ein rassistischer Zug bei Maler Hieronymus Bosch? Warum nicht?! Die Zeiten waren voller Vorurteile über Menschen, die „anders“ waren.

 

Und wenige Tage später stieß ich in der Zeitung auf eine Bemerkung über den Streit, der die Heiligen Drei Könige im Ulmer Münster betrifft, Vorwurf: der eine, der schwarze, sei rassistisch karikiert, zwar wiederum der Zeit entsprechend, 1925, aber heute eben inakzeptabel. Hier wird darüber auch in der Frankfurter Rundschau berichtet. Es ist ein ähnliches Dilemma, wie man es in lutherischer Zeit bei Darstellungen des typischen Juden mit Spitzhut (zuweilen auch bezeichnet als „Judensau“) findet. Ich habe das mal in einer alten Kirche in Lemgo dokumentiert, zugleich aber auch eine gute didaktische Ergänzung, die dort von der Kirchenleitung installiert war (siehe im Blog hier).

Noch einmal der schwarze König Melchior (oder war es Balthasar? die Hautfarbe ist ja eine ziemlich späte Erfindung) : in einem interessanten Blogbeitrag hier sieht man den schwarzen König eines anderen Bildes von Hieronymus Bosch zum gleichen Thema. (Es hängt im Prado, Madrid.) Über das Äußere dieses Herrn ist wahrhaftig nichts Negatives zu sagen, eine noble Gestalt! Während der weiße alte Mann weiter hinten im Türrahmen offensichtlich nicht angemessen gekleidet ist.

Ich frage mich, wie man sich bei einer Auswahl afrikanischer Foto-Porträts verhält, nach welchen Kriterien wählt man aus? Auch charakteristische Menschen aus Mitteleuropa könnten im Mittelpunkt eines Bildbandes stehen, – wieviel Frauen, wieviel Männer, wie viele davon „günstig“ getroffen, wie viele eher abstoßend? Darf ich überhaupt jemanden nach dem Äußeren bewerten, ist das nicht immer und überall „rassistisch“, diskriminierend, darf man (?) eine Frau als schön bezeichnen? Vielleicht wenigstens im Sport, wo es ja zweifelsfrei um Körper und ihren physischen Wettbewerb geht, seltener um das verbindliche Wesen. Abgesehen von der … doch wünschenswerten Kameradschaft… Ein Teufelskreis!

Eine ganz andere Frage – was ist denn das für ein seltsames, spitzmäuliges Langbein, in der Mitte des Bildes, ganz im Vordergrund? Das hundefreundliche Ehepaar Hütten aus Solingen hat mich aufgeklärt, so dass ich durch den Namen auch auf einen schönen Blog stoßen konnte, den ich nachher noch verlinke, – ich meine dieses rattenschwänzige, absolut fettfreie Lebewesen:

Es ist ein Whippet. Mehr darüber hier , und hier lesen Sie auch – falls Sie diesen Vertreter seiner Rasse äußerlich etwas abstoßend fanden – durchaus beschwichtigende Worte: „Wegen seines angenehmen Wesens eignet er sich auch als Familienhund dessen Jagdtrieb man aber nicht unterschätzen darf.“ Na also!

Mich interessierte – jedenfalls bei der Betrachtung des Ganzen – noch der Unterschied zwischen Altarbild und Andachtsbild, von dem ich einmal gehört hatte, und da fand ich folgende Sätze bemerkenswert:

Zitat

Altarbilder werden tendenziell so konzipiert, daß sie Schranken aufbauen und Distanz zum Betrachter schaffen, durch Geschlossenheit, parataktische Reihung, Monumentalität, Symmetrie, aber auch die Wahrung zeremonieller Formen, wie z.B. Frontalität; angemessen ist architektonischer Schmuck. Die Eigenschaft, ein ‚Gegenüber‘ zu sein, wird durch die Abriegelung und Vergoldung des Hintergrundes verstärkt, Andachtsbilder aber bauen die Distanz zum Betrachter ab: Christus und Maria [hier geht es um eine Kreuzabnahme JR] werden ‚demonstrativ‘ vorgezeigt; deshalb wird oft die Raumgrenze des Gemäldes nach vorne hin durchbrochen, die Figuren werden ihm nahegerückt, er wird also nicht nur angesprochen, sondern nachdrücklich überredet. Vom Bild soll starke Wirkung, ja Erschütterung ausgehen, Mitleid wird eingefordert.

Quelle Robert Suckale: Rogier van der Weydens Bild der Kreuzabnahme und sein Verhältnis zu Rhetorik und Theologie / in: Meisterwerke der Malerei / Von Rogier van der Weyden bis Andy Warhol / Reclam Leipzig 2001 (Zitat Seite 19)

Das folgende Bild aus dem kirchlichen Leben zur Lutherzeit könnte aus heutiger Sicht erschrecken: steht da nicht ein nackter Mann in einem Bottich? – es soll sich um „Taufe“ handeln. Und bei der Predigt liegt die Gemeinde auf den Knien? Die ganze Zeit? Undenkbar aus heutiger Sicht, abgesehen davon, dass es vielleicht gar keine Gebetbüchlein mehr mit Bildern gibt.

Hier geht es nicht um Kunst, sondern um Übung. Und soweit ich weiß, gibt es auch heute noch Gemeinschaften, in denen das volle Eintauchen des Körpers zur Taufe gehört, wie einst am Jordan. Das Christentum kommt aus sehr warmen Regionen, und mittelgroße Taufbecken bei uns könnten sogar beheizt gewesen sein, wie gelegentlich bezeugt ist. Siehe auch hier, etwa in Idensen bei Wunstorf oder auch in Salzwedel.

Mir ging es um die Praxis des Choral-Singens, da meine bisherige Vorstellung offenbar falsch war. Ich hatte geglaubt, die einfachen und höchst wirkungsvollen Melodien seien nach Plan entworfen worden, mit wenig ausladender Bewegung und vor allem einer gleichmäßig ruhigen Silbenfolge, damit die Menge der Gläubigen einen gemeinsamen Takt findet. Weit gefehlt, – wesentlich war der (Schüler-)Chor, auch solistisch gesungene Partien, oft mehrstimmig, wobei die nachzuahmende Melodie auch noch im Tenor, also nicht in der obersten Stimme lag. Die Entwicklung eines gemeinschaftlichen Gesangs lag wohl in der Tendenz, eine „Deutsche Messe“ zu schaffen, in die auch deutsche Lieder eingefügt sein sollten. Von Luther so angestrebt. Aber schwer durchzusetzen, wie man in dem Buch „Luthers Lieder“ von Martin Geck nachlesen kann, drittes Kapitel über sein Liedschaffen im Kontext der ersten reformatorischen Gesangbücher (nach Martin Brecht 1986):

In Wittenberg war die Deutsche Messe zunächst begrüßt worden, aber am 1. Advent 1526 klagte Luther bereits, daß sie ebenso geringgeschätzt würde wie zuvor die lateinische. Die Gemeindeglieder beherrschten die neuen Melodien nach Jahresfrist noch nicht, sie saßen unbeteiligt wie Klötze da. Die Alten sollten die Weisen von der Jugend lernen. […] Aber zwei Jahre später hatte die Gemeinde die Lieder immer noch nicht gelernt und sich auch nicht um die Liturgie bemüht, obwohl die Lieder eigentlich als „Bibel der Einfältigen“ gedacht waren.

Quelle Martin Geck: LUTHERS LIEDER Leuchtürme der Rformation / Georg Olms Verlag Hildesheim etc. 2017

*    *    *

Neulich habe ich mich an eine Tagung der 90er Jahre erinnert, lauter Redakteur*innen, und ich geriet beim Mittagessen an einen musikbetonten Tisch, das Gespräch drehte sich um dies und das. Man kommt unter Musikern verschiedener Genres nicht unbedingt leichter auf einen Nenner als etwa mit Wortleuten, die sich naiver für Musik allgemein interessieren. Mein Beitrag galt dem Thema Gesteine, Edelgestein etwa, ich erzählte, was mir eine Bekannte über die Kraft erzählte, die ihr die Berührung kostbarer oder auch nur gewichtiger Steine vermittelt. Sie glaube fest daran! Und da tönte es mir aus mehreren Richtungen des runden Tisches zurück: „Ja und!? Sie etwa nicht!? Das ist doch erwiesen!“ Es gab nicht die geringste Chance, dem Zweifel eine Lanze zu brechen. Erst später wurde mir klar, dass diese Meinung im musikalischen Szenebereich (Jazz und Pop) gang und gäbe war, ja, sie galt unter den Vernünftigen dort als Common Sense. Ich hatte für solche Themen ein winziges Hintertürchen offengehalten, trotz aller Ablehnung mystizistischer Richtungen à la Joachim-Ernst Berendt und Wendezeit-Capra. Aber z.B. für anthroposophisch getönte Biologie- und Garten-Bücher, da schien es ja eine rein empirisch gestützte Wissenswelt zu geben, in der sich etwa erwiesen hat, dass das spärliche Licht ferner Planeten eine Wirkung auf die Wuchsfreudigkeit von Kräutern oder Sträuchern ausübe. Mein Vorbehalt jedoch: wenn das stimmt, muss ich ebenso jede Menge absolut unbeweisbaren Unsinn glauben. Will ich das? Eines Tages sitze ich auch da, und lasse unablässig eine bunte Kette aufgereihter Steine durch meine Finger gleiten, murmele geheimnisvolle Formeln und warte auf die Levitation meines physischen Leibs. Damals erfuhr man in einer Talkshow sogar von einer Art Orden, der die Sterblichkeit der Glaubensbrüder und -schwestern leugnete: es sei doch nur eine Sache des Willens. Und das gehörte natürlich in den riesigen Bereich der Meinungsfreiheit. Wer wollte schon als intolerant gelten. – Langer Vorrede kurzer Sinn: all dies wurde wieder flagrant, als ich am 29. Oktober in der ZEIT unter der Rubrik Medizin einen Artikel sah mit der Überschrift: Heilsteine werden gegen Husten und Liebeskummer angewendet. Und das soll helfen? Bitte nicht wieder aufrühren: ich bin immun. Und bekomme Recht. Ich habs auf Papier gelesen, ist im Netz leider dank Bezahlschranke nicht ohne weiteres abrufbar (hier). Tenor: „Schon bewundernswert, was die Steine alles leisten sollen. Da liegen sie seit Millionen Jahren so vor sich hin, kommt aber der richtige Moment, wissen sie, was zu tun ist, und übertragen ihre Energie.“ Ja, und an die richtige Stelle. Mir ist das klar, ich werde es nicht abschreiben. Aber der Name des Autors hat mich bewegt, ein Buch zu bestellen, das ich schon vor Jahren hätte besitzen sollen. (Aber den Urologen z.B. hätte es mir nicht erspart, Gottseidank).

Trotzdem würde ich immer gern – sagen wir – einen guten Physiotherapeuten bemühen, weil ich weiß, dass man sich durch mangelnde Bewegung – hier und heute: durch das Stillhalten vor dem Computer – einen völlig falschen Gebrauch des eigenen Körpers angewöhnt. Dann aber die Mühe nicht scheut, zum Arzt zu gehen und ihn nach Tabletten zu fragen, – statt sich auf den Boden zu legen und sinnvolle Übungen zu machen. Oder hier im Zimmer aufzustehen und hinter dem Schreibtisch auf einem Bein zu balancieren, und zwar rechts und links.

https://www.spektrum.de/kolumne/wie-motiviert-man-sich-daheim-zu-trainieren/1792148?utm_source=browser&utm_medium=push-notifications&utm_campaign=cleverpush-1605191407  HIER

Nur zur Sicherheit: es gibt genug berechtigte Anlässe, einen kundigen Arzt zu befragen! Auch diese Antwort gibt das Buch, man muss schon mehr gelesen haben als nur den Titel.

Ich wollte noch erzählen, dass ich auf Grund des ZEIT-Artikels vor einem bestimmten Bücherschrank auf und ab gegangen bin, Abteilung Naturkunde. Oder gleich Weltentwürfe? Steine, Globuli & Co. Soll ich nochmal die Gartenbücher durch schauen? Auch ein Kunstbuch hat mich mal sehr beeindruckt, der Autor hieß Gottfried Richter („Ideen zur Kunstgeschichte“?). Ich glaube aber, dass ich nur das Ägypten-Kapitel gründlich studiert habe, spätestens beim Kapitel „Gotik und Islam“ muss ich geschlafen haben (Seite 126). Und sobald ich andere, wirklich gründliche Bücher besaß (z.B. Otto von Simson: „Die gotische Kathedrale“ oder Hans Belting: „Bild und Kult“), schienen mir diese „Ideen“ überflüssig und von außen übergestülpt. Hier das Inhaltsverzeichnis:

  

Und als Ergänzung der Lebenslauf des Autors aus einer anthroposophischen Quelle: hier. Am schwersten wurde es mir, mich von den biologisch ausgerichteten Theorien zu verabschieden, weil da auch immer Goethe ins Spiel gebracht wurde. Kaum zu glauben: Soviel Sachkenntnis gemischt mit soviel unglaubwürdiger astrologistischer Phantasterei…

 zum Autor Wiki hier

Ach, und dann stieß ich auf ein Buch, das meine Mutter in den 90er Jahren mühsamst durchgearbeitet hat. Ich wusste von dieser Tendenz, aber wie kann man soviel Energie aufwenden, über Monate, – für nichts… Ich habe jetzt jeweils nachts vorm Einschlafen hineingeschaut, es war mir nicht ganz neu, habe tagsüber auch in Wikipedia über Rudolf Steiners Lebensleistung nachgelesen, ich finde daran nichts und wieder nichts. Nur diese Spuren ihrer Arbeit, die Notizen am Rande machen mir zu schaffen, sie wollte es wissen und hat all den Stoff in ihrem Geist nebeneinandergestellt und irgendwie bewegt. Unmöglich sowas zu akzeptieren. Warum kann ich es nicht sofort ad acta legen? Das hat eben mit meiner Mutter zu tun, nicht mit Steiner oder seiner „Geheimwissenschaft“, an der sie unbedingt teilhaben wollte.

Hier war sie am 25.9.81 stehengeblieben, ein anderes Mal wohl am 17.4.89, und sie hatte auf dem unteren Rand ein Fazit notiert: Tröstlich zu wissen, daß alles einen Sinn hat, alles Entwicklung. Auch die Stunde vor meinem Tod ist noch sehr wichtig für mich, immer noch Entwicklung möglich. Auch das Geistige hängt von uns ab. Die letzten Seiten erreichte meine Mutter am 10.11.1991, da war sie 78 Jahre alt und wurde noch 93. Die Frage ließ sie nicht los. Aber wer war denn da eigentlich für Sinngebung zuständig, wieso hat sie ausgerechnet diesem Schriftsteller geglaubt? Ein Rätsel. Was sagt er denn selbst, woher er sein hier niedergelegtes „Wissen“ bezogen hat? Was sind seine Quellen? Im Vorwort stehen ein paar Hinweise, die ich zitieren will, und dabei will ich es bewenden lassen. Den heutigen Nachrichten und der Sendung „Hart aber fair“ habe ich zwischendurch entnommen, dass ich meine Zeit sinnvoller anwenden könnte, als über derlei Texten zu brüten. Und gerade über Sinn zu diskutieren, wäre ich am wenigsten geneigt. Ist es denn sinnvoll, sein Leben mit Musik zu verbringen? (Natürlich! Da gibt es keine Diskussion. Und ich lache dabei.)

Meine Erkenntnisse des Geistigen, dessen bin ich mir voll bewußt, sind Ergebnisse eigenen Schauens. Ich hatte jederzeit, bei allen Einzelheiten und bei den großen Übersichten mich streng geprüft, ob ich jeden Schritt im schauenden Weiterschreiten so mache, daß voll-besonnenes Bewußtsein diese Schritte begleite. (…) Daß man von einer Imagination weiß, sie ist nicht bloß subjektives Bild, sondern Bild-Wiedergabe objektiven Geist-Inhaltes, dazu bringt man es durch gesundes inneres Erleben.

Quelle Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriss / Verlag der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung Dornach/Schweiz 1962 Seite 12

Das ist alles, der Kern der Beglaubigung, – und der Joker ist das Wort „gesund“. Was ist das denn??? So wird der größte imaginierte Unsinn zum objektiven Geistes-Inhalt. Wir haben es mit einem, der schaut, zu tun, er ist ein Seher, wie die Propheten. Da stellt man keine weiteren Fragen.

Neuartige Übung

The exterior of the National Museum of African American History and Culture in Washington, D.C., on February 27, 2020, as seen from 15th Street NW Quelle: hier

Schlimm genug: ich habe das Gebäude bis heute nicht gekannt. Erst dank des Interviews in der Süddeutschen Zeitung mit Elizabeth Alexander.  Wer das ist? Ich weiß es auch erst seit heute:

Übrigens wurde das Gedicht bzw. dieser Vortrag vom 20. Januar 2009, wenn wir Wikipedia glauben dürfen, nicht einhellig positiv aufgenommen, im Gegenteil. Heute also lese ich das Interview. Und notiere:

Zu Anfang etwas über Wörter:

Als ich mich auf unser Gespräch vorbereitete, habe ich mir die deutschen Wörter für „commemoration“ angesehen, für Erinnerung, da haben Sie sehr viel mehr Nuancen als wir im Englischen. Da gibt es das Gedächtnis und das Gedenken, die Erinnerung als Warnung, als Bildung, als Aufarbeitung, als Trauer.

Später:

Stimmt es eigentlich, dass es in ganz Deutschland kein einziges Hitler-Denkmal gibt?

Und:

Hat das Vietnam Memorial den Umgang mit Erinnerung in Amerika verändert?

Schon, aber der eigentliche Wende- und ein wirklicher Höhepunkt war das National Museum of African American History and Culture in Washington, das 2016 eröffnet wurde. Weil das als Gebäude des Smithsonian Institute auf der National Mall auch eine gewisse Beständigkeit hat. Und eine Architektur, an der man nicht vorbeikommt.

Quelle Süddeutsche Zeitung 17. November 2020 „Warum wussten wir das nicht“ Elizabeth Alexander leitet die größte Kulturstiftung der USA. Ein Gespräch über neue und alte Denkmäler, amerikanische Erinnerungen und die Verehrung von Rassisten. (Interview: Andrian Kreye)

Vormerken und nachhören

Falls Sie DIE ZEIT lesen und somit auch das Zeit-Magazin: erwarten Sie sich nichts Nennenswertes von Mozarts Salzburger Geige. Es ist ein gefühliger Artikel, für Musiker*innen ungenießbar. Ich erwähne das nur, weil der Mozarts Wiener Geige betreffende Blogbeitrag so oft abgefragt wird, also: die Wiener Geige. Das liegt aber an dem kompetenten Text eines Musikwissenschaftlers namens Ulrich Leisinger. Das Zitat unterhalb der folgenden Titelzeile betrifft ein ganz anderes Thema, nicht Mozart, sondern die RAF-Jahre.

Auf dünnem Eis – wie viel Zeit lässt uns der Klimawandel noch?

https://www1.wdr.de/daserste/hartaberfair/videos/video-auf-duennem-eis–wie-viel-zeit-laesst-uns-der-klimawandel-noch-100.html HIER (bis 16. November 2021)

Ab 8:30 – 10:30 Klimaschutzaktivistin Carla Reemtsma Zitat: „über Klimaziele zu reden, [ist] noch längst keine Klimapolitik!“ / danach Hannes Jänicke (10:55), Zitat: „Corona ist in dem, was auf uns zukommt, in 30, 40 Jahren, ehrlich gesagt, der berühmte Klacks!“

Hölderlin in der Musik

https://www.deutschlandfunk.de/schola-heidelberg-ensemble-aisthesis-250-jahre-hoelderlin.1988.de.html?dram:article_id=482222 HIER (bis 15. Dezember 2020)

*    *    *

Um nun, wirklich abschließend, auf den Anfang mit Hans Blumenbergs Buchtitel zurückzukommen, – eine insgesamt lesenswerte Seite in der Süddeutschen von gestern, hier nur ein Teaser:

Wer aber auf ideale Nacktheit aus ist, darf nun mal keine konkreten Menschen nötigen, sich auszuziehen: Diese Lektion ist eigentlich wirklich bekannt. Selbst Rubens, heute Synonym für scheinbar lebensnäheste Fleischlichkeit, hatte immer empfohlen, lieber antike Statuen abzuzeichnen. Exakt dafür sind die schließlich über Generationen hinweg zu derart übernatürlichen schönen, derart unnatürlich perfekt proportionierten Traumfiguren ausgeformt worden, dass sich am Ende selbst die Schneider daran orientierten, damit wir Irdischen wenigstens angezogen dem Ideal irgendwie mal nahekommen.

Quelle Süddeutsche Zeitung 20. November 2020, Seite 13: Nacktes Entsetzen Beim entblößten Körper trudelt derzeit die ganze klassische Tradition der Kunst in die Krise / Von Peter Richter

Wie schwierig es ist, die Metapher von der nackten Wahrheit beim Wort zu nehmen, kann man bei Blumenberg gut lernen. Er behandelt sie am Leitfaden verschiedener großer Geister (Nietzsche, Freund, Adorno, Kafka, Pascal, Rousseau  u.a.), und ich wähle Schopenhauer, den Frauenhasser, weil dieser Abschnitt auch mit Bildender Kunst zu tun hat und den Verdacht heimlicher Lüsternheit schnell ausräumt. Gelöst ist die Frage natürlich nicht, sonst hätte das Buch nicht so viele Kapitel.

Schopenhauer schildert ein Gemälde von Lucca [Luca] Giordano im Palazzo Riccardi in Florenz, das als Deckengemälde für einen Bibliothekssaal dient. Auf ihm ist dargestellt, wie die Wissenschaft den Verstand aus den Fesseln der Unwissenheit befreit. Die Wissenschaft thront als weibliche Gestalt auf einer Kugel und hat dazu noch eine Kugel in der Hand. Neben ihr befindet sich die Figur der Wahrheit als nackte. Was würde so ein Bild sagen, ohne die Auslegung seiner Hieroglyphen? Niemand könnte wissen, daß der Mann, der gerade dabei ist, seine Fesseln zu sprengen, der menschliche Verstand sein soll. Niemand könnte ahnen, daß die weibliche Gestalt mit der Kugel in der Hand und auf einer Kugel sitzend, nicht die Weltenkönigin Madonna ist, sondern die neuzeitliche Wissenschaft sein soll. Nur wenn man schon weiß, worauf es hinausläuft, kann man darauf kommen, in der Nacktheit der anderen weiblichen Figur die Allegorie der Wahrheit zu finden, weil zu dieser, im Gegensatz zu den beiden anderen Figuren, das metaphorische Element hinführt, sie sei dann am vollkommensten, wenn sie ohne Hüllen angeschaut werde. Aber auch die Metaphorik ist hier erst sekundär erfaßbar, wenn schon das Gesamtkonzept der Allegorie zur Verfügung steht, das der Figur der Wissenschaft so wenig abgelesen werden kann wie der des Verstandes. Als ästhetische Qualität vermag Schopenhauer die Nacktheit nicht zu sehen, und es ist daher für ihn nur von der Sprache her verständlich, daß die Wahrheit als weiblicher Akt auftritt. Die Sprachen der europäischen Tradition haben damit für die Wahrheit einen erotisch-ästhetischen Zug gesichert, der für den Misogyn nicht selbstverständlich und daher in seiner sprachlichen Vorgabe rein kontingent ist. Dennoch hat es der Vorzug der weiblichen Nacktheit in Verbindung mit dem weiblichen Geschlecht des Ausdrucks der Wahrheit [d.h.: des Wortes ‚Wahrheit‘ JR] in unserer Tradition ungeheuer erschwert, an die nackte Wahrheit als eine erschreckende und unerträgliche Größe zu denken. Um dies zu erreichen, mußte das mythisch-religiöse Moment hinzugenommen werden, von dieser weiblichen Gestalt als einer Göttin zu sprechen.

Quelle Hans Blumenberg: Die nackte Wahrheit / Herausgegeben von Rüdiger Zill / suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2281 / Suhrkamp Verlag Berlin 2019 / Zitat S.125f

Es gibt da keine Abbildung als Nachhilfe für eingefleischte Empiristen, daher meine Ratsuche bei Youtube. Hier mein Screenshot der offenbar im Text beschriebenen Szene:

 und sukzessive der ganze Saal auf youtube hier. Weitere Deutungen stehen uns also offen. Ich bin glücklich, dass der Kreis sich geschlossen hat.

Nachtrag 10.01.2021

Und ja, es gibt keinen Kreis, der sich nicht noch runder schließen ließe, wenn man nur darauf wartet. Der SZ Leitartikel vom vergangenen Wochenende kam wie gerufen (s.a. hier):

Bloße Meinungen

Was einem ohne Begründung durch den Kopf geht

(ergänzende oder kontrastierende Fotos eingefügt)

Sympathie?

Zum Beispiel, dass die Kultursendung des ZDF eine von A – Z kontraproduktive, diskulturelle Sendung ist. Aspekte, die man zu Schmiedings Zeiten etwas überanstrengt fand, etwas sympathisch, aber auch etwas künstlich auf Niveau getrimmt. Und heute die schiere hochtiefkulturelle Verlegenheit, eine Wagner-Sängerin als Entdeckung präsentieren, aber sich nicht trauen, eine einzige Zeile Walküre voll auszukosten. Dann Wolfgang Niedecken, weil sie glauben, was in Köln eine Rolle spielt und nach Pop klingt, müsste auch vor großem Publikum funktionieren. Und dann nicht einmal versuchen, eine einzige seiner kölschen Strophen per Untertitel inhaltlich zu übermitteln, nur sein fortwährendes Gelaber über Klima, Kinder und Enkelkinder, man müsse nun die Verantwortung übernehmen, dass man denen eine solche Welt hinterlässt. Stimmt! Sowas kann man endlos produzieren, beliebig, sinnlos, – Köln wird überschätzt. Niedecken wird überschätzt, seit er sich einmal im Fernsehen mit dem überschätzten Heinrich Böll unterhalten durfte.

Dokumentarfilm: „Ich bin Greta“ – Die Klimaaktivistin kommt ins Kino / „XES“ Ein Comic über Sexsucht – Von der Einsamkeit des Süchtigen / Vernichtung der Indianer – Ein Chief aus Kanada spricht Klartext / Gast: Luisa Neubauer; Live: BAP /

Man könnte endlos meckern und schimpfen, was einem da zugemutet wird. Sogar Luisa Neubauer, porzellanig-schön wie eh und je, spricht ungeschickt und papieren brisante Inhalte. Wie die ganze Sendung: unzulänglich präsentiert, ungenau, und inwiefern Greta persönlich? weniger gescheitelt? also nur wie sie wirklich ist? Sie ist – wie könnte es anders sein: anders. Aber will das jemand wissen, wenn der Arsch brennt, und nicht nur das ferne Australien, oder Californien. Und diese unbedarfte Moderatorin, Katty, natürlich nicht Kathi. Ist mit Niedecken per du. Köln ! Was hat sie eigentlich gelernt. Französisch. Um auch in dieser schönen Sprache notfalls den gleichen Unsinn zu produzieren, den sie schon auf Deutsch von sich gibt? Sie hat nichts gelernt, wie Freund Jo, immer nur Medien, irgendwas mit Medien, solche Leute kommen meist aus Karlsruhe, und dann haben sie bei Viva moderiert, und dann bei EinsLive, zur Not einen Medienpreis für Volksnähe eingeheimst, und dann darf man mal Igor Levit auspressen, der auch nichts zu sagen hat, oder Lang Lang in Arnstadt, weil er nun auch mal die Goldberg-Variationen auf den Markt hat werfen wollen. Nein, das weiß er ja medienwirksam auch, nein, um Glenn Gould kommt keiner herum, denkt ja fast jeder, ich zum Beispiel nicht. Und diese schreckliche Lang-Lang-Demut im heiligen Bach-Ambiente, Kultur aber soll doch eher leicht sein, daher das ewig-kindliche Grinsen und Gänsehautgerede. Ich will’s nicht mehr hören.

Dumont Kunstführer s.a. hier

Foto: E.Reichow

Aufbruch zum Völser Weiher. Ohne Eile, das darf Stunden dauern, das schönstmögliche Panorama, wie heißen noch die letzten Spitzen des Schlern-Massivs? „Die 2.413 m hohe Santnerspitze und die 2.394 m hohe Euringerspitze“. Vorgelagert bis zum Waldsaum in der Tiefe diese unglaublichen, abgründigen Rundungen, die weichen und weiten Mulden und Wölbungen in sattem Grün, wenige Kühe in der Tiefe des Raumes verteilt. Wie in einem vielfach verbogenen Amphitheater.

Liegen sie tatsächlich  wie Violinschlüssel hingestreckt, oder hat Musil nur das Wort und das Zeichen übermitteln wollen, das ich nun nie mehr  von den Almen lösen kann. Grigia. Die Portugiesin – war schon schwieriger – und Tonka, bei der Wiederbegegnung wie schon 1965 etwas ärgerlich. Mein Fehler, es als Darstellung der problematischen Überlegenheit des männlichen Protagonisten zu lesen. Warum diese hohe, halb theoretisch-rationale, halb expressionistische Sprache, ohne als Psychoanalyse zu funktionieren. Draußen auf den Bänken diese Quo-vadis-Sprüche, sie wollen uns nachdenklich machen, ungebeten. Mit Gauguin und Nachfolgedenkern. Woher kommen wir, wohin gehen wir. Wer sind wir. Ein großer Maler zweifellos, irgendwie altägyptisch. Ausgerechnet der fragt sich das, im damals nicht so recht funktionierenden Paradies Tahiti.

Woher kommen wir?

Und hier in rostigem Blech noch ein Seneca-Spruch. Wie tief das alles, angesichts der gewaltigen Natur, die man nicht verleugnen kann. Im Dumont-Kunstbuch gestern früh der großartige Bericht über die gotischen Fresken in Burg Runkelstein, intensive Beschwörungen des höfisch-ritterlichen Lebens, Maximilian I. der letzte Ritter hat es schon restaurieren lassen, fand es wertvoll. Was, wenn man dies weiterhin überall propagiert hätte, über die Jahrhunderte hinweg – Tristan und Isolde – statt der schrecklichen Märtyrer-Geschichten in all den alten Kirchen? Die Drohung mit Fegefeuer, Abschneiden von Körperteilen, die allgegenwärtige Todesangst, das Sterbenmüssen und Menschenquälen als vorbeugende Maßnahme allüberall praktiziert, um jeden gefügig zu halten. Nicht Minne und stolze Sitte. Hier in diesen Bergen ist die Sagenwelt meiner Kindheit zuhaus, Zwerg Laurin, Meister Hildebrand, Dietrich von Bern, Bern soll Verona bedeuten, der böse Erzbischof von Trient, auch in Musils „Portugiesin“ gemeint? Im Restaurant am Völser Weiher die Reproduktionen (vonwegen!!! Ignaz Stolz! siehe Textfoto oben aus Kunstführer) der heldischen Ölschinken des 19. Jahrhunderts, Hildebrand und Dietrich beim Hinmorden der Zwerge, deren Rosengarten sie zerstört haben, per Pferd der Raub einer Frau, deren Namen (Isenhilde? recherchiert: sie hieß SIMILDE) ich nie gehört hatte. Hier gibt es genau die Spaghetti al pesto, die ich vom Vorjahr in Erinnerung habe, mit satt ausreichend Öl. Am Nebentisch zwei Frauen, jung und mittelalt, keine Engstfreundinnen, wie wir erst dachten, sondern eher Mutter und Tochter, sie zischeln abwechselnd, dass in der Politik nur noch Homos und Lesben zu Amt und Würden kämen, schon der abfällige Ausdruck Greta Thunfisch hätte uns vorwarnen müssen, die weiß nix über lebensnotwendiges CO2, die lächerliche Genderisierung allenthalben, dann der Vergleich der beiden Demonstrationen in Berlin, das Unrecht in der Berichterstattung, obwohl die Klima-Typen alle unmaskiert und viel zu dicht beieinander usw., Corona sowieso alles Fake, wie man an SARS beweisen kann. Niemand habe das in den Medien moniert, die sind ja auch durchweg unterwandert! Aber all dies kam von Tisch zu Tisch vielleicht nicht so geballt rüber wie in meiner Rückerinnerung. Ganz viele Fakten, die wir nie gehört hatten, wir Ahnungslosen, und hier sozusagen aus erster Augenzeugenquelle, die beiden kommen aus Ost-Berlin. Ich fange an, mir was zu notieren, und sie helfen mir auf die Sprünge. Man hilft mir gern. Die Damen sind auch derart beschlagen, zudem enorm mitteilungsfreudig. Und sehr aufgeschlossen, fast freundlich zugewandt. Sie haben Corona-Angst, Test-Angst, Zwangsteste, vor allem, dass die Grenzen bald zu sind, „nein, meine DNA geb ich doch nicht her“. Slowenien war zu, die Tschechei, jetzt Luxembourg. Jetzt Tirol, das macht doch hier im Süden nicht halt! Die jüngere zeigt mir im Smartphone Dokumente der Bundesregierung, Heiko Maas hat das noch mit ausgearbeitet und dann hat man es aus dem Blickfeld verschwinden lassen, denn wir sind alle auf dem Weg in die absolute Gedankenkontrolle. Die wichtigsten Fakten werden schon gelöscht. „Was, das haben Sie nicht mitbekommen?“ Ich staune über das Detailwissen, sage aber probeweise das warnende Wort „Verschwörungstheorie“, ohne es anklagend zu meinen, nur als Versuchsballon, keine beleidigte Reaktion, ja, überhaupt keine, was etwas auffällig ist. Als ob sie das schon kennen. Das Wort Atlantikpakt. Claus Kleber! Ja, da stimme ich zu, – dessen unangenehme Berichterstattung, wie er bebend vor kaum verhaltener Erregung seine Nachrichten übermittelt. Ich sage „Kassandra“. Das mögen sie nicht, vielleicht weil es femininum ist. Oder zu positiv. Ich habe auch Bill Gates gesagt. Nein, sagen sie, Bhakti hat uns die Augen geöffnet, ja mit B-H am Anfang, Virologe, indonesischer Name. Servus-TV am 9. September, kann man bestimmt noch abrufen. Vor allem Thorsten Schulte, „fremdbestimmt“, grundlegendes Buch. Wer hat am Zweiten Weltkrieg verdient? Und jetzt? Alle einschlägigen Fakten im Internet werden automatisch gelöscht. Aber keiner will davon gewusst haben.

Völser Weiher

Faktencheck zuhaus. Jedes Stichwort gibt auf Anhieb die entscheidende Information frei: in allen Punkten sehr umstritten. Es dämmert uns, – lupenreine AfD-Nähe, aber absolut getarnt und abgedichtet. Wir haben nicht erkannt, dass wir darüber doch schon allerhand Berichte gehört haben. Da ging es um die Löschung volksverhetzender Beiträge in Facebook.

Zur speziellen Meinungsbildung:

Wer ist Sucharit Bhakdi: hier. Und in Servus TV (50 Minuten) hier. Atlantikbrücke hier . Thorsten Schulte („Fremdbestimmt“) hier. 2012 Risikoanalyse Pandemie durch Virus 17/12051 hier (Seite 5 und Seite 88)

Netzwerk Durchsetzungsgesetz hier. Oder auch hier (Heiko Maas).

Fazit: Achtung AfD-Nähe Weiteres über die Hintergründe hier bei LANZ.
Neutraler Ausklang

Nicht ohne beachtliches Fegefeuer

*    *    *

Eine Wiederholung (als Übung, aus dieser Thematik rauszukommen): HIER (26.11.2019)

Eine spätere Lehrstunde über Verschwörungstheorien bei LANZ: Hier (erstellt 1.10.2020)

Wilde Auswahl (März Charts)

Bitte überspringen!

Dieser Artikel muss wirklich nicht sein, er entspringt dem mutwilligen Entschluss, einen Zeitungsartikel (der womöglich absurden Gedanken nachhängt, was mir selbst auch oft genug passiert) ernst zu nehmen, nur weil ich probeweise alles ernst nehme, was jemand zur Musik sagt. Es ist ja Indiz für irgendetwas, was sich schwer in Worte fassen lässt, – wie jeder weiß, der sich mit Musik verbal beschäftigt.

Und so entstand ein virtuelles Arbeitspapier, das mir gestattete, das zu hören, wovon die Rede war. Drei Musikstücke, Muskstile (?), Einzeltitel, die für viele Menschen etwas bedeuten, denn sonst stünden diese Titel ja wohl nicht in „den Charts“ (deren Entstehungskriterien jetzt für mich nicht zur Debatte stehen).

 Süddeutsche Zeitung 29./30.August 2020

Normalerweis würde ich kurzen Prozess machen, aber da ich nun mal mit Vogelstimmen leicht zu fangen bin, bleibe ich hängen. Einem Gesprächspartner hätte ich vielleicht entgegnet, man müsse unbedingt klären, was wir unter „gute Musik“ verstehen. Das hat doch mit Neurowissenschaft herzlich wenig zu tun, nicht wahr? Lass uns über „Bedeutung“ reden. Warum wir Vogelgezwitscher lieben und das Piepsen der Weckers hassen? Weil das eine einem vergnügten Vor-sich-hin-Trällern gleicht, das andere aber einem nervigen Befehl, möglichst umgehend das gemütliche Bett zu verlassen. Wenn der elektronische Wecker listig mit Vogelgezwitscher gespeist wäre, würde dies in Kürze genau dieselbe Funktion des ärgerlichen Weckrufes übernehmen. Es hätte eine andere Bedeutung bekommen.

Ob das Gehirn Musik und Sprache in lauter kleine Pakete verteilt, interessiert mich nicht im geringsten, wenn die Großpakete so gestaltet sind wie die in den folgenden Links und Texten abrufbaren. Ich höre sie allerdings sozusagen im wissenschaftlichen Auftrag und verweigere nur die große Arbeit, die am Ende herauskommen könnte.

Im Namen der Liebe

Unser Traum ist kein Traum, im Namen der Liebe
Wir sind wir, wir sind hier, wir sind nicht allein
Stopp, im Namen der Liebe
Hass hat Hass nie besiegt, lass es Liebe sein
Top, wir können nicht verlieren
Weil ein Herz, das liebt, keine Grenzen kennt
Unser Traum ist kein Traum, er ist wahr
Es gibt nichts, was uns trennt

Halt die Welt mal an
Weil so, wie es grad ist, nichts bleiben kann
Und selbst wenn der Schein uns trügt
Ich will, dass über uns der Himmel blüht
Schieß‘ den alten Plan in die Umlaufbahn
Nichts steht wirklich still und ich will
Und wenn ich will, geschieht ein Wunder

Unser Traum ist kein Traum, im Namen der Liebe
Wir sind wir, wir sind hier, wir sind nicht allein
Stopp, im Namen der Liebe
Hass hat Hass nie besiegt, lass es Liebe sein
Top, wir können nicht verlieren
Weil ein Herz, das liebt, keine Grenzen kennt
Unser Traum ist kein Traum, er ist wahr
Es gibt nichts, was uns trennt
Es gibt nichts, was uns trennt

Was du siehst, das will ich sehen
Und das, was du verstehst, will ich verstehen
Du bist du und ich bin ich
Zusammen sind wir zwei ein Schwergewicht
Eins und eins macht zwei
Wir sind jetzt und frei
Was uns fehlt ist Mut, es wird gut
Und wenn wir wollen geschehen Wunder

Unser Traum ist kein Traum, im Namen der Liebe
Wir sind wir, wir sind hier, wir sind nicht allein
Stopp, im Namen der Liebe
Hass hat Hass nie besiegt, lass es Liebe sein
Top, wir können nicht verlieren
Weil ein Herz, das liebt, keine Grenzen kennt
Unser Traum ist kein Traum, er ist wahr
Es gibt nichts, was uns trennt
Es gibt nichts, was uns trennt

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Zur „Arbeit“ gehört, alle nur erreichbaren Fan-Kommentare zu lesen und zu deuten. Und da liegt auf der Hand, dass die Texte zur Kenntnis und für bare Münze genommen werden. Die Aussage ist scheinbar sehr klar, sie liegt auf der Linie, die auch im Fußball als Slogan vorgegeben wird und dort recht sinnvoll wirkt, da sie die Beleidigungen dunkelhäutiger Profispieler als Thema zuspitzt. Man sieht z.B. auch eine lange Reihe von realen Spielerportraits, deren Autorität den Slogan verstärkt („gibt dem Hass keine Chance!“ o.ä.). Dann kommt das reale Spiel, und das Publikum kann beweisen, ob es kapiert hat, was gemeint war. Wenn man das Video dieses Schlagers oberflächlich betrachtet, könnte man glauben, es sei ähnlich angelegt. Sympathie für Fremde! Daraus kann man sich aber ausklinken, zumal der Text so allgemein gehalten ist, dass man jeden Inhalt hineindeuten kann: „Im Namen der Liebe: Hass hat Hass nie besiegt, lass es Liebe sein, Top, wir können nicht verlieren“ usw., letztlich dürfen wir die frommen Wünsche auf zwei Personen reduzieren und alle anderen ausschließen. „Eins und eins macht zwei – Wir sind jetzt und frei“. Freundliche Begegnungen allenthalben, selbst Kopftücher inbegriffen, bunte Großstadt auf Grußabstand. Es hält sich alles im Rahmen des Beliebigen, wie in den alten Zeiten, als man so allgemein wie nur möglich hoffte „Wunder gibt es immer wieder“ (1970) oder sich noch schwammiger „Ein Bisschen Frieden“ (1982) wünschte. Und es gibt auch musikalisch keinen nennenswerten Niveau-Unterschied. Die Melodie „Im Namen der Liebe“ ist wie tausend andere. Der gemeinsame Nenner: Meidet Konflikte, habt euch alle lieb. Denkt euch nichts dabei.

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Heaven shall burn (Info über diese Gruppe bei Wikipedia hier)
1 Titel
HIER Heaven shall burn mit „Übermacht“

Übermacht (Text)

Absolute rule, reason alone did not prevail
Only one hope, your time is up
And all new entities will dawn
And they’ll be risen from no ashes
Merciless and adamant, all options gone
We are surrounded by the wolves

Es zwingt Dich auf die Knie
Vor Unerbittlichem stehst Du allein
Und voller Zweifel im Zustand der Angst
Endlich, beugt sich Dein Haupt der Übermacht

Du hast die Henker selbst gewählt
Hast jeden Widerstand aus Deinem Geist verbannt
Als die Jahre des Handelns verstrichen
Dein Tanz im Lügenreigen
Brachte Dein treues Herz zum Schweigen

Days of the green wolves dawning
A new hegemony ascending, survive at any cost
Like flies you’ll crowd around the only light
No storm will sweep away what you call safety
No war will swallow all your rapture
For generations, unfolding in obscurity
Lifted upward to the stars by collective heresy

Days of the green wolves dawning
A new hegemony ascending, survive at any cost
Now you know, time wasted is time lost

Es ist vorbei
Vor Unerbittlichem stehst Du allein
Und ohne Gnade hör‘ ich die Seelen brechen
Endlich, devot folgst Du dem Übergang

Did you never see the shadows?
Freedom from danger is no more
How could you fail to hear the echoes
The calling of impending doom?

Days of the green wolves dawning
A new hegemony ascending, survive at any cost
So much too late you saw and understood

Es zwingt Dich auf die Knie
Endlich, beugt sich Dein Haupt der Übermacht

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Ein Spiel mit der Rebellion, Identifikation mit der Übermacht, man will selbst gefährlich wirken, indem man an dieser gefährlichen Überwelt teilhat, das Unterliegen ist fingiert, gleich stehen sie auf und machen weiter, siehe Stillstand bei 3:03, man braucht das, um nicht gegen die Effekte abzustumpfen, Ästhetik der Horrorfilms, man lerne Näheres bei Wikipedia hier

Psychologisch ist der Clip und die Musik nicht so weit von Marianne Rosenberg entfernt, wie der Autor des SZ-Artikels meint, das eine ist die Heuchelei der Zärtlichkeit, das andere die der unzähmbaren Wildheit. „Das Tier in mir“.

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Rapper Fler hier bei Wikipedia
Am 20. März 2020 wurde Flers 16. Soloalbum Atlantis veröffentlicht.
Die zugehörigen Singles Shirinbae, Fame, Noname
(ein Disstrack gegen seinen ehemaligen Weggefährten Bushido),
Grind und Lost erreichten allesamt die deutschen Charts.
https://www.youtube.com/watch?v=MZXZ5seI7Rk Hier „Shirinbae“
https://www.youtube.com/watch?v=a0-0tOeigKg    Hier  „Grind“
https://www.youtube.com/watch?v=IvJd8P1yzMs      Hier „Vermächtnis“
.
Vermächtnis (Text)

Simes got that secret sauce

Wenn ich sterbe, ist das hier mein Vermächtnis (mein Vermächtnis)
Hoffe, ich bleibe der Straße im Gedächtnis (im Gedächtnis)
Wenn ich sterbe, spielt das hier kein Orchester (nein)
Mit paar Gangster chillen macht dich noch lang nicht zum Gangster (nein)

Wenn ich sterbe, ist das hier mein Vermächtnis (meine Legacy)
Hoffe, ich bleibe der Straße im Gedächtnis (so wie Maxim)
Wenn ich sterbe, spielt das hier kein Orchester (eh-eh)
Mit paar Gangster chillen macht dich noch lang nicht zum Gangster

Don-Bosco-Heim, ich war Maler und Lackierer (psst, psst)
Karte, BVG-Ticket, der Verlierer (Blick nach oben)
Meine Mama gab mir die Antidepressiva (Psychiatrie)
Wegen ihr bin ich so ein schlechter Diskutierer (kann nix dafür)
Reflektiere mein selbst nur in der AP (tick-tock)
Reflektiere mein selbst nur in dem Selfie (Paparazzi)

Seh‘ dich hier am Block niemals ohne einen Begleiter (heiße Luft)
Von dem Shisha-Rauchen wirst du bestimmt kein Fighter (pah, pah)
Deine Bitch ist mein Beifahrer (legendär)
Trag‘ den Carlo-Sweater wie’n Bulldozer (drip, drip)
Roli ist an mei’m linken Arm am Schimmern (pow, pow)
Hater schauen auf mein Insta, Kammerflimmern (Herzinfarkt)

Wenn ich sterbe, ist das hier mein Vermächtnis (mein Vermächtnis)
Hoffe, ich bleibe der Straße im Gedächtnis (im Gedächtnis)
Wenn ich sterbe, spielt das hier kein Orchester (nein)
Mit paar Gangster chillen macht dich noch lang nicht zum Gangster (nein)
Wenn ich sterbe, ist das hier mein Vermächtnis (meine Legacy)
Hoffe, ich bleibe der Straße im Gedächtnis (so wie Maxim)
Wenn ich sterbe, spielt das hier kein Orchester (eh-eh)                                                          Mit paar Gangster chillen macht dich noch lang nicht zum Gangster

Mein Outfit passt in das Schemata (immer fly)
Für die Vollidioten vom Dezernat (kleine Girls)
Deutsche Star-Producer nur Plastik-Beats (Plastik-Beats)
Keiner pu-pu-pumpt wie am Muscle Beach (keiner)
Rap ist straight seit dem ersten Take (huh, huh)

Ihr gebt mir Anerkennung mit eurem Hate (huh)
Live on Stage mit der Uzi-Waffe (klick, pow)
Dreißig Grad, ich trage die Gucci-Jacke (ja)
Deutsche Rapper biten MHD (wouh)
Rapper biten Rapper, Schneeballsystem (ja)
Guck mal, jeder bläst jetzt für die Radio-Plays (ay)
Doch hat mal angefangen durch die Carlo-Tapes (wouh)

Wenn ich sterbe, ist das hier mein Vermächtnis (mein Vermächtnis)
Hoffe, ich bleibe der Straße im Gedächtnis (im Gedächtnis)
Wenn ich sterbe, spielt das hier kein Orchester (nein)
Mit paar Gangster chillen macht dich noch lang nicht zum Gangster (nein)
Wenn ich sterbe, ist das hier mein Vermächtnis (meine Legacy)
Hoffe, ich bleibe der Straße im Gedächtnis (so wie Maxim)
Wenn ich sterbe, spielt das hier kein Orchester (eh-eh)
Mit paar Gangster chillen macht dich noch lang nicht zum Gangster

************************************

Man könnte sagen, das ist einfach nur schlechte Sprache, Unterschicht, unbeholfen, mit einigen hochgegriffenen Vokabeln („Schemata“, „Vermächtnis“, „Orchester“, dies allerdings gereimt auf „Gangster“). Man könnte auch sagen, das steht in der Tradition des „poète maudit“, aber eher rückbezogen auf Villon als auf Verlaine, man darf an Kinski denken und einige Berufsprovokateure. Aber nur wenn man es als Provokation ganz hoch hängen will. Dagegen dürfte ein anderer sagen: Rap steht in der Tradition des klassischen Rezitativs (bei dem manche nur warten, wann endlich die „Musik“ beginnt). Oder im Gegenteil, Rilke abwandelnd: Hört euch die Rapper an, wenn erst das Singen begann, wie bald sie lügen. Dieser Mann wird nicht singen. Aber er verwendet auch keine Musik, an die man sich hängen könnte. Oder doch: ein Ostinato aus hochgesetzten klassischen Akkorden. Fetzen. Den Fans genügt eine rhythmisierte Sprache, die gegen Normen verstößt, aber mit fast musikalischem Nachdruck. Mit unwillkürlicher oder auch beabsichtigter Komik („keiner pu-pu-pumpt“). Man muss die Sprache hören, nicht lesen. Am Ende wird er hingerichtet, und man beginnt von vorn, aufmerksamer, spielt er das oder ist er das?!

Nono & Sciarrino / Hören & Lesen

Zum Erinnern und Weiterarbeiten (einige vorläufige Notizen)

 .    .    .    . .    .    .    . .    .    .    .

An dieser Stelle unterbreche ich die wiederholte Lektüre des Textes, um sie in meine persönliche Arbeitssituation einzubeziehen. Der Name Scherchen bedeutete mir etwas, seit ich mein Studium in Berlin begann, Frühling 1960, und – aus meiner optimistischen Sicht – wie immer in die wichtigste Phase meines Lebens eintrat. Dazu gehörte unbedingt die wirklich „Neue“ Musik, markiert durch die intensiv fortgesetzte Lektüre der „Philosophie der Neuen Musik“ von Theodor W. Adorno im Café Kranzler, verbunden mit halbstündlichen Kaffee-Bestellungen, eine Art Rausch. Der in Berlin beheimatete Mitstudent L.K., der die Uraufführung der Oper „Moses und Aron“ auf Band mitgeschnitten hatte (Skandal, Ansprache Scherchens an das randalierende Publikum), gemeinsamer Besuch mindestens zweier weiterer Aufführungen. Studium des Klavierauszugs „Moses und Aron“, dazu das Buch „Gotteswort und Magie“ von Karl H. Wörner 29.Nov.60, „Schöpfer der Neuen Musik“ von H.H.Stuckenschmidt 5.Dez.60, Begeisterung für Anton Webern, für „Wozzeck“ mit FiDi, Enttäuschung über Serielle Musik, die auch durch stetes Wiederholen (= „Einübung“) nicht attraktiver wurde usw. Nach dem Wechsel Richtung Köln alle Interessen fortgesponnen, u.a. Hermann Scherchens Buch „Lehrbuch des Dirigierens“ 8.Okt.61, LP Schönberg „Erwartung“ (durch stetes Wiederholen amalgamiert) und LP Violinkonzert mit Marschner, bei dem ich begann (u.a. Ursache für den Wechsel nach Köln). All dies hatte mit meinem eigentlichen (als vorläufig empfundenen) Studium „Schulmusik“ und „Germanistik“ wenig zu tun, bedeutete aber die wesentliche Motivation.

Was mich am obigen Booklet-Text und an der ganzen Produktion so affiziert, beginnt mit dem Titel „Leben in Anachronismen“, was in diesen Wochen zusammentrifft mit der eigenen Arbeit am Bartók-Text und dem Phänomen Bartók-Rezeption (schon in Berlin markiert, siehe folgende Seiten aus Adorno 1960, Gräter 1955).

 der erste Leitfaden (mit Protestnotizen!) s.a. hier Blatt 40/96

 Adorno mit lebenslangen Folgen…

Begonnen hatte ich in Bielefeld mit Hindemith, erlebte ihn als Dirigenten eigener Werke in der Oetkerhalle, arbeitete zuhaus nach seiner „Unterweisung im Tonsatz“ (seit Dez.1958), in Berlin kam das „wirklich Neue“. Inspiriert durch das Studium und die Schönberg-Oper „Moses und Aron“ unter Hermann Scherchen.

Namen, Personen, Problematiken prägten sich für immer ein, auch der junge Luigi Nono.

Zurück zum oben wiedergegebenen Booklettext Seite 6, rechte Spalte, der Zeile 10/11 angegebene Link „polifonica-monodia-ritmica“ ist hier abzurufen. Er beginnt so:

Vor, während und nach unserer Produktion von Luigi Nonos Polifonica-Monodia-Ritmica (am 7.-9.Februar 2005 im HR Frankfurt) ergaben sich unvorhergesehene, doch aus heutiger Sicht produktive Schwierigkeiten mit der Textform und Gestalt des Werkes.

Zu einem Teil erklären sie sich aus der relativ kurzfristig – nämlich noch im Aufführungsmaterial – von Hermann Scherchen, dem Dirigenten der Uraufführung 1951 in Darmstadt vorgenommenen Kürzung des ca. 18-minütigen Gesamtwerks auf ca. 8 Minuten Spieldauer, zum anderen waren sie Folgen des ersten großen Publikumserfolgs dieser Aufführung für den jungen Nono, aber wohl auch der Drucklegung durch Hermann Scherchen selbst bei seinem ars viva Verlag (später von SCHOTT übernommen).

(weiterlesen im vorher angegebenen Link)

Besprechung der CD in SWR2 von Dorothea Bossert 22.11.2020 / 12.30 Uhr / Treffpunkt Klassik HIER ab 1:03:58

Eine editorische Sensation
Luigi Nono / Salvatore Sciarrino
Parole e testi
Schola Heidelberg
Ensemble aesthesis
Walter Nußbaum
Divox CDX-21701

Auch das Manuskript kann man als pdf. downloaden hier, insgesamt ein großartiger Service des SWR.

*    *    *

Stichworte zur griechischen Vasenmalerei:

https://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Vasenmaler

https://de.wikipedia.org/wiki/Lieblingsinschrift

Comics auf griechischen Vasen? von Gesine Manuwald hier

Zitat:

Faßt man die Ergebnisse der vorgetragenen Überlegungen zusammen, ergibt sich, daß die griechischen Vasenmaler das szenische Sprechen ihrer Figuren mit den aus den Mündern entströmenden Buchstabenketten nicht quasi als Notlösung ‚naiv‘ gehandhabt haben. Die besprochenen Vasenbilder belegen, daß die Maler mit diesem formalen Mittel überaus kunstfertig umzugehen wußten. Sie konnten unterschiedliche Arten von Äußerungen optisch differenzieren, sie gestalteten die Buchstabenketten graphisch so, daß sie mit ihrer Form in die Interpretation des Bildmotivs eingehen, und sie haben sich durch die Verteilung der Texte auf die dargestellten Figuren die Möglichkeit geschaffen, im Einzelbild wie in einer Bilderfolge einen in der Zeit stattfindenden Handlungsablauf zu erzählen. Die dadurch erreichte narrative Qualität der Bilder ist in vieler Hinsicht mit der
eines Comic vergleichbar, wie die ausgewählten Beispiele zeigen. Im Unterschied zu
solchen Vasenbildern, die sich auf Ereignisse aus dem Mythos beziehen, erzählen diese Bilder mit ihren sprechenden Figuren ihre kleine Geschichte weitgehend selbst.

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/furtwaengler1924/0009/scroll

Furtwängler, Adolf ; Reichhold, Karl ; Huber, Alois
Griechische Vasenmalerei: Auswahl hervorragender Vasenbilder aus dem gleichnamigen großen Werke (Tafeln) — München, 1924

Luigi Nono: Eunice hier

ZITAT: Iemanjá, Yemayá (andere Schreibweisen u. a. YemanjáYemojaIemoja) ist in der Religion der Yoruba, in der kubanischen Santeria und im brasilianischen Candomblé die Göttin (Orisha / Orixá) des Meeres und der Mutterschaft.

Quelle Wikipedia hier

Vorsicht, vielleicht irreführend dies hier

ZITAT (Scan):

Quelle: Struktur und Freiheit in der Musik des 20. Jahrhundertszum Weiterwirken der Wiener Schule / Hartmut Krones / Böhlau Verlag Wien 2002 

Cover

Biblioteca Marciana hier … „Marciana“

Schweigen aus Feuer (Pavese) hier (Quelle?)

 

… in Erinnerung an die Arbeit des Freundes Christian Schneider

Die letzte „Zigeunerweise“ von Sarasate

… und eine Bemerkung von Bartók 

Meine Geschichte habe ich wohl schon erzählt (zumindest etwas davon an dieser Stelle). Ich habe jetzt nochmal bei Bartók nachgeschlagen und gedacht: dann kann ich es auch notieren bzw. kopieren und der Allgemeinheit zugänglich machen. Man weiß, dass Sarasate seine „Zigeunerweisen“ dem Notenbuch eines bekannten Budapester (oder Bukarester?) Musikanten entnommen und vermarktet hat. (Korrigiere ich im Laufe dieses Blogartikels!Aber vom Thema des letzten finalen Teils wusste ich diesbezüglich nichts Genaues, dabei hat es überhaupt die bekannteste Herkunftsadresse solcher Musik, nämlich eine Ungarische Rhapsodie von Franz Liszt. Jeder könnte das wissen, wenn er nur solche Virtuosenstückchen liebte und zwar dann auch nicht nur solche der Geiger sondern auch solche der Pianisten. Das ist  gar nicht so häufig. Und wenn man schon die eine oder andere, vor allem die berühmte Rhapsodie von Liszt kennt, dann vielleicht nicht gerade die dreizehnte. Ich habe sie nur herausgesucht, weil Bartók sie erwähnt im ersten Band der Sammlung „Das Ungarische Volkslied“ und die Figuration aufs 18. Jahrhundert bezieht. Ehrlich gesagt: wenn ich alle Lieder kennte, die er notiert hat, oder wenigstens die 320 Lieder dieses Bandes, hätte sie also zum Beispiel innerlich durchgesungen, – ich hätte den (Schein-)Sarasate nicht erkannt, – natürlich aber in Bartóks Liszt-Notenbeispiel schon vor langer Zeit, aber da gab es google und youtube noch nicht, und deshalb habe ich die Sache auf sich beruhen lassen. Zur Sache, heute ist der Tag!

 also: youtube nachschauen, reinhören (bei 6:19):

Jetzt die berühmte Aufnahme mit Heifetz, weil auch in Noten nachlesbar ab 6:55:

Und die Quelle,bzw. die Quelle hinter der Quelle, die Bartók dingfest gemacht hat:

Auch den Text findet man in deutscher Übersetzung (72.):

Quelle Béla Bartók: Ethnomusikologische Schriften / Faksimile-Nachdrucke I DAS UNGARISCHE VOLKSLIED / B. Schott’s Söhne Mainz 1965 / Bemerkung Seite 218, Notenteil Seite 20, Liedtext Seite 138

Was ist mit den anderen „Zigeunerweisen“ von (?) Sarasate. Der Henle-Verlag, der sie 2013 neu herausgebracht hat, gibt einen interessanten Kommentar dazu, „Geklaute Melodien“ – Sarasates „Zigeunerweisen“ unter Plagiatsverdacht, online hier (mit Hörbeispiel!). Sarasate traf Liszt 1877; dessen Rolle bei der Vermittlung der sogenannten Zigeunermusik wird behandelt, nicht aber die Verwendung des gleichen Themas schon in der 13. Ungarischen Rhapsodie. (Im youtube-Notendruck steht „Erschienen: 1854“, was lt. MGG 2004 „Liszt“ Bd. 11, 253 hinkommen könnte.) Sarasates kompiliertes Opus erschien 1878.

Der Henle-Verlag gibt auch die Ungarischen Rhapsodien von Franz Liszt heraus, aber bisher wohl noch nicht die 13., das Vorwort zur 12. dagegen kann man hier nachlesen.

Fehlerteufelsuchgerät

Was uns fehlt

Kürzlich ist mir folgendes passiert: ich hatte das neue Beethoven-Buch von Hinrichsen in der Buchhandlung Jahn bestellt und öffnete, bevor ich es abholte, nochmal den Computer, um den Namen „Hinrichsen“ einzugeben. Und zwar hier oben rechts in dem Blogfensterchen und fand tatsächlich auf Anhieb den Artikel, der sich auf diesen Musikwissenschaftler bezog. Aber als ich den Text überflog, fuhr mir ein Schrecken ins Gebein – „was ist das??? – – – das kann doch nicht wahr sein!!!“ – da stand das Wort Ebergetik – was soll das denn heißen? Hat mein Gedächtnis derart nachgelassen? Das lädt doch zu Wortspielen aller Art ein, und das soll ich selbst geschrieben haben?! Ich gab den Satzteil bei Google ein, eine Art Gegenprobe, ob das etwa auch öffentlich…. – und im Handumdrehen steht da mein Name im Fensterchen und auch unverkennbar das Wort Ebergetik, ich möchte im Boden versinken… Bitte versuchen Sie’s , das funktioniert womöglich heute noch. Ich aber habe es garantiert eben zum allerletzten Mal verschriftlicht. Es muss natürlich sooooo heißen:

Unter dem Streit um die angemessene Beschreibungssprache verbirgt sich allerdings einer um die Methodenhoheit. Die Richtungen, für die Bekker und Halm stehen, lassen sich weit ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen: Bekkers Ansatz ist der einer Hermeneutik, die jeder Musik nur insofern Substanz zuerkennt, als sie „Ausdruck“ ist und einer „poetischen Idee“ folgt; Halm hingegen ist Teil einer Strömung, die Rudolf Schäfke und, ihm folgend, auch Carl Dahlhaus später als „Energetik“ bezeichnet haben und die alle Motive und Themen in einem musikalischen Funktionszusammenhang von „tönenden Formen“ zu verstehen versucht.

Sehen Sie, würde ich sagen, das war doch im Jahre 2015, kurz vor Weihnachten, da hatte ich einfach keine Zeit, nochmal alles gründlich durchzuschauen. Aber mein riesiger Freundeskreis, die 10.000 Follower, keiner liest es! Oder liest es und lacht sich ins Fäustchen. Oder jemand denkt nur, was ist das denn für ein Wort, na, bei dem weiß man nie, ob er nicht einen Scherz eingebaut hat. Nein, hatte ich nicht, es ist einfach nur zum Schämen! Themawechsel:

Wie man sieht, habe ich schon eine gewisse Empfindlichkeit, gerade wenn mir ein Text wichtig ist. Eigentlich. Und so vermerke ich jedenfalls,  auf welcher Seite in meinem neuen Buch „Hundert Jahre Einsamkeit“ der erste Druckfehler steht, der erste Schreibfehler sogar, möchte ich behaupten. Entweder „deren sterblichen Rest“ oder „deren sterbliche Reste“, nur eins von beiden kann gelten, aber keine Kombination. Sowas kann passieren, inzwischen habe ich einen zweiten Fehler, erst wenn ich fünf bemerke, sage ich, das ist unzureichend lektoriert. Aber eine Folge, wenn auch keinen Erfolg, gab es immerhin: ein leiser Argwohn, der mich beim ersten Missverständnis meinerseits die Schuld auf die andere Seite schieben ließ. ZITAT:

Was geschah? Es sollte eine Doppelhochzeit werden, auch Rebeca Bundía sollte ihren Pietro Crespi heiraten, da kam der Brief mit der Nachricht, dass seine Mutter im Sterben liege. Der Sohn fährt sofort los, genauer: er „fuhr (…) in die Provinzhauptstadt und unterwegs an seiner Mutter vorbei“, was ich als saloppe Ausdrucksweise dafür empfand, dass er sie auch noch sah, so wie wenn ich zuhaus sage: ich fahre zum Bäcker, aber auch noch bei Jahn vorbei. Es ist möglich, dass ich dort vorbeifahre, aber doch wahrscheinlicher, dass ich unterwegs wirklich Station mache und nachfrage, ob – sagen wir – das Grundgesetz eingetroffen ist. Also: für mich war klar, dass er die Mutter angetroffen hat, Unsinn also, dass sie zugleich am Ort der Hochzeit eine traurige Arie gesungen haben konnte. Als ob ich beim Bäcker neben dem Brot auch noch das bei Jahn bestellte Buch ausgehändigt bekomme. Und alldas nagte in mir weiter, bis mir auffiel, dass es zu Amaranta durchaus passte, einen Lügenbrief zu verfassen. Ich hätte es ahnen können, war aber durch die Fehldeutung des Wortes „vorbeifahren“ (was ja durchaus wörtlich, aber erst recht in entgegengesetzter Richtung geschehen kann)  dermaßen auf dem falschen Trip – obwohl ich an manche Hürde im Gewirr der Geschichte gewöhnt war -, dass ich fast die Geduld verloren hätte.

*    *    *

Und nun lese ich heute den SPIEGEL, eine Ausnahme (wegen der Wuhan-Titelgeschichte), und was entdecke ich nach 10 Minuten? Auch hier hat der Druckfehlerteufel gewütet. Der typische Teufel des Computerzeitalters, da bleibt einfach ein Text stehen, der eliminiert werden sollte, und er bleibt stehen, weil er genau so perfekt aussieht wie der neu eingefügte, das gute alte Durchstreichen des Misslungenen gibt es ja nicht mehr. Und die Löschtaste betätigen kann man ja immer noch. Oder auch nicht…

Ansonsten habe ich in der Frühe, weil ich das adäqat fand, Mozart gehört, wie so oft in letzter Zeit mit Elly Ameling, und gedacht: Mozart singt sie fast am schönsten, aber den Text verstehe ich nicht unbedingt, ich will „Abendempfindung“ (ich weiß, es ist Morgen) im Smartphone nachschauen, fand stattdessen ein anderes Lied, – aber kam das überhaupt bei ihr vor? Das Traumbild – es ist noch unwirklicher geworden…

Sonst fand ich die Adresse „oxford lieder“ immer ganz zuverlässig. Aber dieses Gedicht kann nicht stimmen, „Glatze in der Stadt“ usw., auch noch Schlimmeres, sobald man selbst die Reime zu verbessern beginnt. Nicht wahr? (Andere Quelle im Angebot hier.)

Und während ich mich von meinem Bildschirm verabschiede, sehe ich die Mail des Kölner Stadtanzeigers, da geht es um Corona-Ängste und um Erleuchtete, alles brandgefährlich, ich muss nochmal zurück, vielleicht gehört meine Fehlerteufelsuchgerätobsession auch in diesen Syndrom-Bereich. Ich dachte schon, es hat mit den Zaubermaschinen des legendären Zigeuner Melquíades zu tun, stand da nicht etwas von Kopfschütteltuch? Steckt in dem Wort Kopftschütteln ein geheimes Zeichen? Kopftschütteln? Geheimzeichen T. Auf jeden Fall, – ein paar Schlagzeilen zum Schluss können nicht schaden, jeder von Fehlern aufgewreckte Leser ist ein Gewinn für das geistige Klima unseres Landes.

Die Welt ist verrückt. Oder wir reagieren wir einfach zu verkopft – früher ein beliebter Vorwurf, wenn man nicht dem Mainstream folgte -, für mich ist es vielleicht gefährlich, einen Roman zu lesen wie „Hundert Jahre Einsamkeit“, der Erzählmodus steckt an. Infiziert zu werden, das fehlte noch. Wie komme ich sonst auf das Wort „Kopftuchschüttelmaschine“? Ein Foto des immer noch mit den Augen lächelnden, blau maskierten Ministerpräsidenten brachte mich auf den Gedanken, wie glücklich man doch sein kann, Ohren zu besitzen. Zeitungslektüre am Morgen, ZITAT  :

Die Demonstrationen der vergangenen Tage gegen die Einschränkungen der persönlichen Freiheit im Kampf gegen das Coronavirus wirken verstörend. Da ist von Verschwörungen die Rede, da bilden sich beängstigende Allianzen zwischen Rechten und Leuten, die Aluminiumhütchen tragen, um sich vor Strahlen zu schützen. Und als wollte er den Abwieglern, Ignoranten und Märchenerzählern den Rücken stärken, fällt der mächtigste Politiker der Welt wieder einmal aus der Rolle. (…) Aber die Verschwörungstheoretiker freut es. Sie sehen in Trump eine mächtige Galionsfigur für ihr unseliges Wirken. Dabei reicht deren Verfolgungswahn inzwischen so weit, dass Microsoft-Gründer und Großspender Bill Gates als leibhaftiger Fürst der Finsternis herhalten muss, dem die unfreien Zweifler ihr vermeintliches [Corona-]Gefängnis zu verdanken haben.

Soweit der Kommentar. Ich zitiere Gabriel García Márquez:

Er drückte mit den Fingern in seine Leber und fügte hinzu: „Hier sitzt der Schmerz, der mich nicht schlafen lässt.“ Daraufhin schloss Doktor Noguera unter dem Vorwand, es käme zu viel Sonne herein, das Fenster und erklärte ihm in einfachen Worten, warum es eine patriotische Pflicht sei, Konservative umzubringen. Mehrere Tage lang trug Aureliano ein Fläschchen in der Hemdtasche. Alle zwei Stunden holte er es hervor, legte drei Globuli auf die Handfläche, warf sie mit Schwung ein und ließ sie dann langsam auf der Zunge zergehen. Don Apolinar Moscote machte sich über seinen Glauben an die Homöopathie lustig, aber diejenigen, die am Komplott beteiligt waren, erkannten ihn als einen der Ihrigen. Fast alle Söhne der Gründungsväter gehörten dazu, keiner wusste jedoch konkret, was für eine Aktion sie da ausheckten. An dem Tag jedoch, als der Arzt Aureliano das Geheimnis offenbarte, setzte der sich von der Verschwörung ab. Obwohl er davon überzeugt war, dass das konservative Regime schleunigst abgeschafft gehörte, löste der Plan Grauen in ihm aus. Sein System beschränkte sich auf die Koordinaten einer Reihe von Einzelaktionen, bei denen in einem Meisterschlag von nationaler Reichweite die Funktionäre des Regimes mit ihren jeweiligen Familien liquidiert werden sollten, vor allem auch Kinder, um den Konservatismus im Keim zu vernichten. Don Apolinar Moscote, seine Frau und seine sechs Töchter standen natürlich auch auf der Liste. „Sie sind weder ein Liberaler noch sonst irgendwas“, sagte Aureliano in aller Ruhe. „Sie sind nichts als ein Schlächter.“ – „Wenn dem so ist“, erwiderte der Doktor ebenso ruhig, „dann gib mit das Fläschchen zurück. Du brauchst es nicht mehr.“

Quellen 

Gabriel García Márquez: „Hundert Jahre Einsamkeit“. Roman / Neu übersetzt von Dagmar Ploetz / Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main, November 2019. (Seite 128f)

Leitartikel Solinger Tageblatt 13. Mai 2020 Seite 2:  „Trump und die Corona-Leugner / Mächtige Galionsfigur“ Von Lothar Leuschen.

Nachtarg 30.06.2020

Wenn man selbst einmal ein Gymansium besucht hat, schmerzt es einen, dass man nach ein paar Wochen oft nicht mehr sagen kann, warum man dies oder das geschrieben hat. Was hat mich da getrieben? Jetzt habe ich es überdeutlich eilgesehen, ich suchte Beispeile für die Allgemeingültigkeit der altamerikanischen Lebensweisheit: „Shit happens.“ Jeden kann es treffen! Jederzeit. Aber man muss es auch wirklich verduetlichen, weil  die Autokorrektur im Kopf oft allzu verlässlich arbeitet.

Verduetlichung:

Von BLOGS überhaupt

Was der Musikrat alles weiß

Ich hab’s durch Zufall entdeckt: der Deutsche Musikrat nimmt private Blogs zur Kenntnis und hat sie aufgelistet. Da musste ich also keinen Antrag stellen, ich stehe einfach drin, sogar ziemlich am Anfang und zwar vor dem Jazz, weil mein Vorname mit J beginnt und nicht mit Doppel-Z endet:

 bitte anklicken!

Dies nur zum ersten Lesen, so ist die Liste noch ganz unvollständig. Man gehe also zum

Deutschen Musikinformationszentrum, eingerichtet vom Deutschen Musikrat.

Sehr interessant. Wenn’s auf Anhieb funktionieren soll, – vielleicht HIER.

Etwas sehr Merkwürdiges passiert, wenn ich den allerersten Link anklicke, also auch „weiter“ unter dem Begriff „Alternamag“: da landet man bei „Bach digital“. Dort bin ich persönlich jederzeit gerne, aber korrekt ist das nicht. „News und Berichte über neue Bands, Lieblingslieder und Themen in der Musikbranche“ findet man dort nur im allerallerweitesten Sinne.

Falls Sie sonst etwas vermissen, z.B. den lesenswerten NMZ-Blog, incl. Newsletter, der Einstieg wäre hier , – es könnte sein, dass dergleichen im MIZ den „Corporate Blogs“ zugerechnet wird, – daher nochmals das Zitat:

Im Folgenden sind beispielhaft einige Angebote aufgeführt, die sich durch individuelle Berichterstattung auszeichnen. Nicht verzeichnet werden Corporate Blogs, hinter denen Einrichtungen wie Konzerthäuser oder Verbände stehen und die in erster Linie zur strategischen Kommunikation eingesetzt werden.

*    *    *

An dieser Stelle könnte ich mir in Zukunft mal wieder Gedanken machen, was ein Blog für mich bedeutet. Ganz einfach, weil ich festgestellt habe, dass der frühe Artikel, in dem ich programmatisch zu werden versuchte, sehr häufig angeklickt wird. hier. Aber damals habe ich eigentlich noch nicht genau gewusst, was daraus werden könnte. Es ist ja nicht einfach ein Sprachrohr der Wichtigtuerei, sondern ein Mittel zum Nachdenken. Die Verschriftlichung soll mir nützen, aber auch anderen zur Verfügung stehen. Manchmal verfalle ich leider in den Verkünderton alter Radiosendungen. Man sehe es mir nach, zuweilen komme ich eher auf neue Gedanken, wenn ich mir vorstelle, dass ich zu lieben Leuten spreche. Ein andermal eher, wenn ich polemisch aufgelegt bin. Ich möchte allerdings niemanden verletzen. Abgesehen von … Stopp.

Es war damals ein Neustart, einige hundert Artikel, die schon in den Jahren vorher im Blog veröffentlicht waren, sind durch mein Fehlverhalten plötzlich auf einem digitalen Trümmerhaufen gelandet. Damals war ich am Boden zerstört, ich hätte das Ganze nur mit größter Mühe rekonstruieren können und habe dann lieber Neues geschrieben. Manches, was fehlt, schmerzt mich heute noch: zum Beispiel eine Serie über Schubert-Lieder. Es funktioniert einfach nicht mit einem streberhaften Vorsatz, es muss eine Grundbegeisterung dasein, die später mit Hilfe des Blogbeitrags (in Grenzen) wieder abrufbar ist, – aber eben nicht aus dem Nichts.

Der zweite Teil des Satzes „hier seit dem 11.11.2014 – der alte Blog wird als Archiv wieder verfügbar sein“ ist also ein frommer Wunsch geblieben. Es ist als Gesamt-„Block“ verloren gegangen (mir ist übrigens klar, dass man auch „das“ Blog sagen könnte).

Immerhin: manchmal finde ich da draußen (!) noch Spuren des alten Blogs, so zum Beispiel im immer empfehlenswerten Blog von Berthold Seliger mit dem Datum des 20. Februar 2012  Stichwort „Knepler & Reichow“ : HIER.

Musik und Politik also. Wenn ich über anderes schreibe als Musik, so getreu dem Motto von Hanns Eisler: Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts. Aber es liegt mir fern, z.B. meine politischen Ansichten als der Weisheit letzen Schluss darzustellen, es sind Versuche, einen gewissen Durchblick zu bekommen, mit dem Vorbehalt, es jederzeit zu widerrufen oder zu korrigieren. Oder auf sich beruhen zu lassen. Also ohne abschließendes Sündenbekenntnis. Meinungsfreiheit gilt auch, wenn man sich irrt.

Bedenkliches und zu Bedenkendes

Aus DIE ZEIT und anderswoher

Zunächst erinnere ich mich an die eigene Evokation der alten Griechen (mit Nietzsches Hilfe): „Nichts zu sein…“ hier  und „… besser zu leben als zu sterben …“ hier . Und lese erinnerungsbeschwert weiter in dem Feuilleton-Artikel: „Los, komm, wir sterben endlich aus! / Darf ich noch Fleisch essen, den Wäschetrockner nutzen? Alle diese Fragen würden sich sofort erledigen, wäre man gar nicht erst geboren worden oder würde sich nicht mehr fortpflanzen. Über eine merkwürdige neue Sehnsucht / Von Nina Pauer / in DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 41.

Da ich in dem kleinen Urlaub auf Texel die ZEIT vom 16. Juni nicht mehr zur Hand hatte, wusste ich nicht, dass dort das umfangreiche Heft „Rechte Räume“ von ARCH+, das ich mir als Lektüre vorgenommen hatte (von hier bis hier), also ebendasselbe Heft von Adam Soboczynski besprochen war, der sich jetzt den Soziologen Armin Nassehi vorgenommen hat, den ich aufgrund folgender Mail vom 15.6. längst ernst genommen hatte:

Bester Artikel der Woche:
http://www.taz.de/Soziologe-ueber-Klimawandel/!5600327/

- da könnte man glatt grün wählen...

Mein Gott, hatte ich nicht längst in diesem Sinne gewählt? Und er etwa nicht? Mal sehen, ob wir etwas zu bereuen haben:

Schönes neues System der Widersprüche / Die Grünen haben ihren Meisterdenker gefunden: Wie der Soziologe Armin Nassehi die Gegensätze in der Partei mithilfe seiner Systemtheorie zum Zukunftsmodell erklärt. Von  DIE ZEIT Nr. 27/2019, 27. Juni 2019.

Finden Sie den Artikel doch bitte selbst online, zitieren möchte ich aus dem älteren Blatt, das ich versäumt hatte und als Papier für unersetzlich halte. Der Autor hat vor allem mit Durs Grünbein und dessen Frau, der Schriftstellerin Eva Sichelschmidt, geredet. Über den Walter-Benjamin-Platz also und über die Inschrift (Einschreibung) des Verses von Ezra Pound.

ZITAT:

Ein faschistischer Ort? Durs Grünbein, 56, der sich auf erstaunliche Weise Jugendliches bewahrt hat, blättert befremdet durch die Zeitschrift, die er eigens mitgebracht hat,  und zeigt auf die Säulengänge auf dem Platz: ‚Die strenge Kolonnade gibt es sowohl im antiken Griechenland als auch in Moskau und Washington. Was mir missfällt, ist die gesamte Aufteilung in linke und rechte Räume. Sind sowjetische Plätze linke Räume? Ist das Forum Romanum ein rechter Raum, die Akropolis? Dort finden Sie ja bereits die Kollhoffschen Stilmerkmale.‘

Es klingt ähnlich absurd, wie Elias Canettis Vergleich des „deutschen“ Waldes mit der Phalanx von Soldaten (beide stehen ziemlich aufrecht). Die Kolonnade, die das Dach eines griechischen Tempels trägt, hat nichts gemein mit einer anderen, auf der ein sechsstöckiges Büro- oder Bankhaus lastet (oder nur zu lasten scheint).

Und der faschistische Dichter?

Klar, bei Pound sei die Kritik am Wucher nicht ausschließlich antisemitisch konnotiert, er ziehe mit seiner Kapitalismuskritik eine weltgeschichtliche Linie. Zinswucher sei aus der Sicht des Dichters eine Dekadenzerscheinung, mit der die Qualität der Bauten sinke. Dass er die Kritik am Finanzkapitalismus ‚an manchen Stellen forciert mit dem Judentum verbindet, ist natürlich schlimmer Unfug, Pound diskreditiert damit sein Werk‘. Und Kollhoff nicht damit seinen Platz? ‚Wenn Sie in Deutschland einen richtig rechten Raum sehen wollen‘, gibt Grünbaum zu bedenken, ‚dann müssen Sie auf die deutsche Autobahn, mit der auf schneidigste Weise die Landschaft durchquert wird.‘

Ist das nicht vielleicht noch absurder als der Vergleich mit den Soldaten?

Quelle DIE ZEIT 27.06.2019 Seite 46 Eine AfD des Bauens? Neuerdings gilt ein Berliner Platz manchen als neurechter Raum. Die Schriftsteller Durs Grünbein und Eva Sichelschmidt wohnen nebenan. Wie sehen sie das? / Von Adam Soboczynski.

Am interessantesten finde ich das Dossier zum Titelthema MACHT. Überschrieben: DIE HELLE SEITE DER MACHT. Der Ruf der Macht ist miserabel. Warum eigentlich? Eine Ehrenrettung. / Von Malte Henk und Britta Stuff.

Natürlich habe ich auch die Autoren gegoogelt, sie brauchen mich nicht, um gelobt zu werden. Mich hat die Auswahl der Beispiele überzeugt: Schimpansen unter sich, 1 junger Politiker im Bundestag, 1 Dirigentin mit ihrem Orchester „Lohengrin“ probend, (Hinweis auf Elias Canetti, der in „Masse und Macht“ das Beispiel des Dirigenten eingeführt hat), der Absturz aus den höheren Sphären der Macht (Shakespeare „Macbeth“ und „Richard III.“), Stefan Mappus nach Stuttgart 21, die 4 Literaturhinweise am Schluss (s.u., mir waren alle Titel neu). Was mich am meisten bestach: der leichte Ton, der phantasievolle Sprachduktus und der Sachverstand. Zugegeben: beim Beispiel der Dirigentin lag ich auf der Lauer, wie leicht strauchelt der Laie, – aber nichts ist passiert, alles richtig. (Ich habe 30 Jahre lang in einem Orchester gespielt, das keinem Dirigenten unterstand, sondern dem primus inter pares, dem Konzertmeister, – aber natürlich hatte er „Macht“. Oder – wie wärs mit dem Wort „Autorität“ für diesen Herrn der Exekutive? Niemand von uns hätte z.B. – oder nur mit dem allertriftigsten Grund – abbrechen können, niemand hätte aus dem Tutti heraus dem Oboisten einen Rat erteilen können.)

*    *    *

Die Sängerin Brigitte Fassbaender – jetzt immer noch als Regisseurin tätig – wird am 3. Juli 80 Jahre alt. Das Interview aus diesem Anlass hat mich in einem Punkt erschüttert, dort, wo sie von ihrer Angst spricht. Dabei gehört es zu den typischen Vorurteilen des Publikums, dass es Künstlern vor allem Spaß macht, auf der Bühne zu stehen, – um dann umjubelt zu werden. Kleinere Lichter mögen Angst haben, aber doch nicht die Stars, mögen sie noch so oft ihr Lampenfieber hervorheben: meist folgt ja auch der Hinweis, dass es mit Beginn des ersten Tones in sich zusammenfiel. Brigitte Fassbaender auf die Frage, wie ein typischer Tag in ihrem Leben aussah, etwa vor einem Liederabend:

Na, das war das Furchtbarste! Da wacht man auf: Bin ich heute bei Stimme, bin ich gut disponiert, habe ich alle Texte im Kopf? Meistens war ich mittags schon krank und wollte absagen. Vormittags ging man mit dem Pianisten noch einmal das Programm durch. Essen konnte ich gar nichts, mir wurde von fast allem schlecht. Nachmittags legt man sich hin, mit Herzklopfen, Magendruck, schweißnassen Händen und Füßen, das ganze Nervenkostüm revoltiert. Und irgendwann kommt der Moment, da zieht man die Vorhänge des Hotelzimmers wieder auf, macht sich zurecht – und trottet wie das Lamm zur Schlachtbank. ZEIT: Wovor hatten Sie Angst? Fassbaender: Vor dem Versagen, dem Blackout. Ich bin mir ja ausgeliefert, meinem Innenleben, meiner Physis, meiner Tagesform. Und manchmal konnte ich nicht so, wie ich wollte. Das war bitter – bei Liederabenden übrigens noch viel bitterer als in der Oper. Als Charlotte in Werther, als Wozzeck-Marie, Prinzessin Eboli oder Octavian schlüpfe ich in eine Rolle. Es gibt das Kostüm, die Maske, die Kollegen, das Licht, das Bühnenbild – und den Abstand zum Saal. Bei Liederabenden sitzen sie meist direkt vor einem, das ist auch ein voyeuristischer Prozess. Damit muss man fertigwerden. Und wird es nie.

Brahms „Von ewiger Liebe“ op.43,1 Brigitte Fassbaender mit Irwin Gage, Klavier HIER

Höchst erstaunlich, was die Sängerin zur #MeToo-Debatte sagt. Auf die Frage: Welche Folgen hat sie für das Theater?

Viele gute. Man geht sensibler miteinander um, vorsichtiger. Wenn ich daran denke, was für Tobsuchtsanfälle ein Regisseur wie Otto Schenk hatte! Teilweise war das sicher nur gespielt, weil er künstlerisch was erreichen wollte. Das geht heute nicht mehr, und das ist gut. Wer schreit, ist sowieso in der Defensive. Sexuelle Übergriffe waren früher an der Tagesordnung. Wir haben das einfach nicht so ernst genommen. Mir persönlich hat das auch nie geschadet, wenn ich mich verweigert habe, ich kannte solche Abhängigkeiten nicht. Es sind hauptsächlich Dirigenten, die ihre Macht missbrauchen. Auch Regisseure und Intendanten tun es, aber der Dirigent steht abends am Pult und kann dich fertigmachen. ZEIT: Haben Sie so etwas erlebt oder miterlebt? Fassbaender: Natürlich. Manche Dirigenten waren regelrecht verschrien und versuchten es mit jeder. Ich möchte keine Namen nennen. Es waren ja trotzdem große Könner, sollen sie’s bleiben.

Quelle: DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 45 „Was man jagt, ist schon verloren“ Sie war eine Ausnahmesängerin und kann einfach nicht aufhören, kreativ zu sein: Brigitte Fassbaender über Versagensängste, militante Fans und den Trash in der Oper /  Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey

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Einer der unsinnigsten Artikel, die ich in letzter Zeit gelesen habe: manche mögen es für Fantasy halten, ich schalte dann sofort ab: wegen mutmaßlich ausgeklügelter Phantasielosigkeit. Warum habe ich den Artikel trotzdem gelesen? Wahrscheinlich wegen der Katze, ich Naivling! (Natürlich eine aus Stoff, aber aus welchem Stoff? Keine Ahnung, wird schon virtuell sein. Meinetwegen auch irgendwie spirituell.)

Quelle: DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 39 Hurra, ich werde zerfetzt Wie ich in der virtuellen Realität eine ziemlich echte Katze rettete und dabei meinem eigenen Todesmut begegnete / Von Clemens Setz

Irrtum? Eine Stunde später erlebe ich ihn live aus Klagenfurt. Oder vielmehr: Einstieg erst bei  Fuzzman & Fritz Ostermayer im Gespräch über Schlager. Später mehr darüber… siehe hier. Zu einer Klagenfurt-Besprechung bei Faust-Kultur hier 

Zitat FAZ 30.6.19 Autor Jan Wiele:

Dass der beste literarische Text beim Bachmann-Preis nicht einer der vierzehn Beiträge ist, sondern vielmehr die „Rede zur Literatur“ zu seinem Auftakt, war bis zu diesem Jahr noch nicht vorgekommen. Clemens Setz hat das geändert. Mit seiner Rede über „Kayfabe und Literatur“, die einen Begriff aus dem Show-Wrestling vielfach metaphorisch fruchtbar machte, poetisch wie politisch, schlug der 1982 in Graz geborene Schriftsteller die Zuschauer und Jury so sehr in Bann, dass nach Tagen noch darüber gesprochen wurde und Ideen aus der Rede in Diskussionen auftauchten. Dass die Grenzen von poetologischer Rede und Erzählung verschwimmen und eine Zwittergattung gezeitigt haben, die selbst als Literatur betrachtet werden kann, ist insbesondere auf die vielen Poetik-Dozenturen zurückzuführen, die in den vergangenen Jahrzehnten eingerichtet wurden. Aber so triftig wie bei Setz hat man diese Gattung noch nicht verwirklicht gesehen.

Außerdem: Die Rom-Therapie – ein Buch von Simon Strauß, besprochen von Iris Radisch – das würde ich auf jeden Fall nicht mit nach Rom nehmen: „Wie entkommt man der nervigen Gegenwart? Indem man sich in die Ewige Stadt flüchtet und die ‚Römischen Tage‘ von Simon Strauß mit auf die Reise nimmt.“ Warum sollte ich?

Unbedingt lesen (Info mit Leseprobe): DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 43 Wie der Sex zur Sünde wurde / Vor vierzig Jahren hat Michel Foucault mit seinem dreibändigen Werk „Sexualität und Wahrheit“ den Blick auf Macht und Lust revolutioniert. Jetzt ist aus dem Nachlass des französischen Philosophen ein vierter Band erschienen – eine Sensation? Antworten einer Philosophin und eines Theologen / Von Petra Gehring [a]/ Von Christoph Markschies [b]

[a] Textquellen zur Zeugung, zur Taufe, zu Bußtechniken sowie zur Selbstprüfung als Gehorsamsübung sind exemplarische Praxisfelder, die Foucault im ersten Drittel des Buches abschreitet, um dann die Jungfräulichkeit und das Verheiratetsein als die zwei Pfade zu einem im Sinne der Vorschriften gelingenden Leben beleuchten. Ein Fazit fehlt. Die These wird dennoch deutlich: Was man auf den ersten Blick für eine Verschärfung der sittlichen Pflichten halten könnte, ist vor allem eine „Verlagerung des Wertes der sexuellen Beziehungen“. Eine neue – und im Gelingensfall auch privilegierende – Erfahrung bildet sich heraus. Radikale Selbstbeschämung und Heil, Versagung und auf Gnade beruhende Transformation, Abtötung und Neugeburt gehören als Zielbilder von Selbsttechniken, die zugleich Selbstaufgabetechniken sind, eng zusammen. Denn es geht darum, Gehorsam zu perfektionieren – einen Gehorsam, der das Gemeinschaftswerk Kirche (durchaus im Wortsinn) „erzeugt“. In Ordensgemeinschaften geschieht dies informell, in der Ehe rechtlich gerahmt. Das „Fleisch“ ist dabei Ziel wie auch Mitte. Es ist Sitz der Sünde wie auch des Willens.

[b] Wer lange auf die 556 Seiten wartete, ist nicht nur verwundert, dass in der Ausgabe jeder Hinweis auf den heutigen Forschungsstand fehlt. Es überrascht auch, dass der dicke Band lediglich aus ausführlichen Referaten von Text von rund zehn antiken Autoren besteht, die in einer zugespitzten Perspektive in den Blick genommen werden. Von einigen Zusammenfassungen abgesehen, fehlen ausführlichere Einleitungs- und Schlusskapitel. Sexualität wird aus der Perspektive antiker christlicher Oberschichten und vor dem Hintergrund ihrer theoretischen Reflexionen thematisiert. Archäologische Quellen oder soziologische Analysen fehlen vollkommen. Da Foucault antike Argumentationen nachzeichnet, wirkt sein Text im Vergleich zu heutiger Kommunikation über Sexualität mindestens nüchtern, wenn nicht leicht prüde. So fällt das Wort „Masturbation“ kein einziges Mal, und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern werden höchstens indirekt behandelt. […]

Durch das Christentum – so die Hauptthese des Bandes – wurde Sexualität erstmals zum Kern des menschlichen Subjektes. Unter Subjekt versteht Foucault ein Selbstverhältnis, genauer ein ständig der Selbstprüfung unterworfenes Wissen des Menschen von sich selbst. Das antike Christentum hat seiner Ansicht nach die Sexualität nicht verdrängt (wie ein im Paris der Studentenrevolutionen gepflegtes Vorurteil lautete), sondern ganz im Gegenteil die Frage, wie man kritisch mit ihr umzugehen hat, in den Mittelpunkt gerückt. Am Ende dieser Entwicklung steht nach Foucault der nordafrikanische Bischof Augustinus, der den Menschen als sujet de désir, als Subjekt des Begehrens, beschreibt, die libido, das Begehren, in das Zentrum seiner Sicht der Sexualität stellt und sie als Sünde bewertet.

Siehe auch bei Perlentaucher HIER.

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 Mönch am Meer

Von selbst wäre ich sicher nicht drauf gekommen, dieses Bild des Malers einzusetzen, der in meiner Geburtsstadt gewirkt hat. Sein Greifswald-Bild, der Blick über die Wiesen,  hing in der Wohnung meiner Eltern, so dass ich auf die Kirche zeigen konnte, in der ich getauft war (in der „dicken Marie“, nicht – wie es mir lieber gewesen wäre – unter dem schlanken, hohen Nicolai-Turme). Die unwillkürliche Beziehung dieses düsteren Bildes auf mein helles Texel-Meeres-Foto wäre mir viel zu demonstrativ erschienen, – als hätte ich sozusagen den Rauterberg-Text, den ich noch gar nicht kannte, vorausgeahnt; aber so ist die Realität:

[…] Bleibt nur das Problem, dass der Mensch in seinem Verhalten eher einer Wolke gleicht, unberechenbar wie ihr Formgewalle. Verlangt man von ihm, er möge bitte einsichtig sein, denn ohne Einsicht werde die Welt kollabieren, füttert man ihn zusätzlich mit zahllosen Fakten und Diagrammen, wird er noch lange nicht handeln wie erhofft und notwendig.

Quelle DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 38 Schönes Erschrecken Nur mit Fakten und Vernunft wird der Klimawandel nicht gelingen: Was Greta Thunberg von Caspar David Friedrich lernen könnte / Von Hanno Rauterberg

Ehrlich gesagt: der Artikel überzeugt mich nicht, ganz zu schweigen davon, was Greta Thunberg für Augen machen würde. Die Schönheit des künftigen Schreckens zu erfahren – das soll uns locken?

Die Erfahrung des Erhabenen heißt, die eigene Hilflosigkeit wahrzunehmen, sie aber als erhellend und energetisierend zu erfahren, als schöpferischen Antrieb, in dem der Mensch seine Natur neu zu fassen beginnt. Erhabenheit heißt, auch die drohende Katastrophe als bereichernd empfinden zu können – und damit die Einsicht in die Notwendigkeit eines radikalen Wandels erst möglich zu machen.

Nichts also wäre für die Klimawende produktiver, als es den Romantikern gleichzutun und im Schrecken eine ungeahnte Schönheit aufzutun. Vielleicht passiert das auch bereits, man muss sich nur das viel debattierte Video des YouTubers Rezo anschauen. Dort sind es nicht die Fakten allein, dort ist es nicht nur die Wahrheit des Untergangs, die ungemein fesselnd wirken. Es ist auch der Spaß an der Inszenierung, es ist das quietschig-derbe Sprechen, es ist die Ästhetik, die aus dem Schrecken ein Faszinosum macht. Und so die Zuschauer in jenes innere Wechselspiel verwickelt, aus dem es so gut wie kein Entkommen gibt. Es sei denn, sie handeln.

Ich finde, das Wechselspiel geht anders aus: hier schießt die Ästhetik ein weithin schallendes Eigentor.

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Was ist mit dem Wetter? Wir haben Tage enormer Hitze. Trotzdem kein Grund, die Sache in aller Kürze mit Klimawandel zu erklären. Interessanter Artikel mit dem Titel Puuuhhh! / DIE ZEIT WISSEN 27. Juni 2019 Seite 33. Nur zwei Zitate:

Die Herkunft der Hitze ist klar: die marokkanische und algerische Sahara. Auch was die extreme Wärme herbringt, weiß man. Es ist ein Tiefdruckgebiet über dem Atlantik, westlich der Iberischen Halbinsel, das sich kaum vorwärtsbewegt, aber die heißen Luftmassen aus dem Süden ansaugt und an seiner Ostseite vorbei nach Europa lenkt. Vor allem nach Spanien und Frankreich, aber eben auch in die Beneluxstaaten und nach Deutschland. Klar ist zudem, dass für die langsame Fortbewegung eine Anomalie in der Höhenströmung, die den Globus umspannt, verantwortlich ist. Schlägt dieser Jetstream größere Schleifen als normalerweise, wird gar eine dieser Schleifen vom restlichen Strom abgeschnitten, erscheinen Druckgebiete, die in tieferen Atmosphärenschichten liegen, oft wie zementiert. Die Meteorologen nennen das „Blockwetterlage“.

[…]

Der Rückblick auf die vergangenen Monate zeigt: Der Winter war etwas feuchter als normal, die Niederschläge des Frühjahrs lagen fast genau im langjährigen Mittel. Und mag der Juni auch deutlich trockener sein, er folgt auf einen kühlen, feuchten Mai. Dieser war der erste Monat seit dem März 2018, der unter dem Temperaturdurchschnitt des Vergleichszeitraums (nämlich 1961 bis 1990) lag, in den Worten der Wetterstatistiker: „nach 13 Monaten in Folge erstmals zu kühl“.

Quelle DIE ZEIT 27. Juni 2018 Seite 33 f Puuuhhh! Was bedeuten die hohen Temperaturen dieser Woche? Tötet die Hitze wirklich Menschen? Was kann jeder tun, für sich und andere? Und wie geht es dem Wald, den Böden, den Gewässern? Sieben Antworten. ( Von Harro Albrecht, Dirk Asendorpf und Stefan Schmitt. (S.a. hier).

*    *    *

Ich muss einen Abschluss finden, in der Tat: heute Morgen, 7:50 Uhr in WDR 3 Choral, die nachfolgende Predigt brauche ich nicht, aber etwas, was wie Bach klingt, eine Fuge darstellt und natürlich ein „Noch einmal!“ erzwingt, sogar mehrmals, also auch eine kleine Recherche, die hiermit angedeutet sei: der Komponist ist Johann Ludwig Bach – aber es ist J.S.Bachs Handschrift!

Nein, es ist nicht J.S.Bachs Handschrift, sondern die des Kopisten J.H.Bach (1707-1783), dem Sohn des Ohrdrufer Bruders (Näheres dazu hier).

Dies alles bringt mich auf ein Buch, das ich vor drei Jahren mit Begeisterung gelesen habe, „Bachs Welt“ von Volker Hagedorn, siehe hier, – und gerade dorthin, wo es um das physikalische Weltbild der Zeit geht (wir waren ja gerade beim Wetter!), und dort ist auch von Johann Ludwig Bach die Rede, wenn auch in seiner Säuglingszeit (1677).

Und auch die folgenden Seiten entdeckte ich aufs neue. Und wie recht ich damals hatte, ein „ja!“ an den Rand zu schreiben, ich hatte offenbar die Aufnahme schon gefunden, die mich jetzt begeisterte wie am ersten Tag! Wie traurig und wie wild, dieser Satz „Meine Bande sind zurissen“! In der Tat, man kann davon nicht lassen, kein Wunder: jetzt habe ich die Konsequenzen gezogen, – die CD ist unterwegs zu mir!! Und nie mehr werde ich den „Meininger Bach“ mit einem anderen verwechseln. Hören Sie, und wenn Ihnen die Musik nicht den Atem raubt, lesen Sie auch! Einzigartig ebenso: dieser Chor und dieses Orchester! HIER.

Quelle Volker Hagedorn: Bachs Welt / Die Familiengeschichte eines Genies / Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2016

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Volker Hagedorn hat übrigens gerade ein neues Buch herausgebracht, – Der Klang von Paris – Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts -, noch befindet es sich nicht in meinen Händen. Eine Leseprobe ist vielversprechend: hier.

Marginalien

Beiläufiges beim Lesen und Musikhören

Über eine Bemerkung in der Zeitschrift Landlust März/April 2019 (Foto: Heinz Duttmann) stolperte ich: „In der freien Natur kommt Lungenkraut kaum noch vor, die Bestände sollten geschont werden.“ Davon wusste ich nichts, und Wikipedia wohl auch nicht. Bei mir ist genug davon im Garten, Treffpunkt der Bienen, der Pelzbienen. Siehe im Blog unter Mein Rasenstück. So sah ich es vor etwa einem Jahr, und jetzt beginnts gerade auch wieder zu blühen, viele Einzelbienen, die ziemlich eilig von Blüte zu Blüte wechseln, umgeben von Bärlauch, dessen Knospen sich noch unter den Blättern verbergen.

Neu:

Annie Ernaux – „Der Platz“ ist angekommen (s. hier). Über ihren Vater, der Seite 52 auf dem Weg nach oben die Grenze seines gesellschaftlich niederen Standortes mit Mühe hinter sich gelassen hat. [Ich denke an alle Orte, wo ich solche Grenzen wahrgenommen habe. Meine Großeltern in Lohe bei Bad Oeynhausen, meine Mutter, die bei Besuchen dort plötzlich mit den Nachbarn westfälisches Platt sprach, mein Vater aus Hinterpommern, der „Viertel elf“ sagte oder „ich habe dort ein Buch zu liegen“, in Bielefeld, wo man eben anders sprach,  in Köln-Niehl das Kölsch meiner Zimmerwirtin, in Solingen allenthalben die Reste eines altertümlichen Bergisch Platt.]

Meine Großeltern sprachen nur patois, das normannische Platt.

Manche Leute finden das Patois und das Französisch der unteren Schichten pittoresk. So zählte Proust Françoises Fehler und veraltete Ausdrücke auf. Ihn interessiert nur die Ästhetik, weil Françoise sein Hausmädchen war, nicht seine Mutter. Und weil ihm diese Wendungen selbst nie spontan über die Lippen gekommen wären.

Für meinen Vater war das Patois etwas Altes, Hässliches, ein Zeichen gesellschaftlicher Unterlegenheit. Er war stolz darauf, es teilweise abgelegt zu haben, und selbst wenn er kein schönes Französisch sprach, war es immerhin Französisch. Auf dem Jahrmarkt von Y… führten Laienschauspieler in normannischer Tracht Sketche in Patois auf, und das Publikum lachte. In der Lokalzeitung gab es zur Belustigung der Leser eine normannische Chronik. Wenn der Arzt oder ein anderes hohes Tier im Gespräch eine regionale Redewendung gebrauchte, zum Beispiel „elle pète par la sente„, wiederholte mein Vater die Worte voller Genugtuung gegenüber meiner Mutter, glücklich, weil er annehmen konnte, dass diese feinen Leute noch etwas mit uns gemein hatten, eine kleine Schwäche. Er war fest überzeugt, dass ihnen der Ausdruck versehentlich rausgerutscht war. Weil es für ihn undenkbar war, dass man ohne Anstrengung „richtig“ sprechen konnte. Weißkittel oder Pfaffe, immer musste man sich zusammenreißen und aufmerksam zuhören, nur zu Hause konnte man sich gehen lassen.

Er, der in der Kneipe und in der Familie viel redete, schwieg in der Gegenwart von Leuten, die gutes Französisch sprachen, oder er brach mitten im Satz ab, sagte „finden Sie nicht?“ oder nur „nicht?“ und bedeutete seinem Gegenüber mit einer Handbewegung, den Satz für ihn zu beenden. Beim Sprechen immer vorsichtig sein, unsagbare Angst vor dem falschen Wort, was genauso schlimm wäre wie in der Öffentlichkeit einen fahren lassen.

Aber er hasste auch große Phrasen und neumodische Ausdrücke, die „Blödsinn“ waren. Irgendwann sagten alle ständig „sicher nicht“, und er verstand nicht, warum man zwei Wörter kombinierte, die einander widersprechen. Im Gegensatz zu meiner Mutter, die kultiviert wirken wollte und Gehörtes oder Gelesenes beherzt ausprobierte, mit nur leichter Unsicherheit, weigerte er sich, ein Vokabular zu verwenden, das nicht seins war.

Wenn ich als Kind versuchte, mich besser auszudrücken, habe ich immer das Gefühl, mich in einen Abgrund zu stürzen.

Eine meiner geheimen Ängste: einen Lehrer als Vater haben, sodass ich die ganze Zeit auf meine Ausdrucksweise achten müsste und die Endungen nicht verschlucken dürfte. Wir redeten mit dem ganzen Mund.

Weil die Grundschullehrerin mich immer „verbesserte“, verbesserte ich später meinen Vater, ich eröffnete ihm, dass Wendungen wie se parterrer (sich auf den Boden schmeißen) oder quart moins d’onze heures (Viertel elf) im Französischen nicht existierten. Er bekam einen Wutanfall. Ein anderes Mal: „Wie soll ich in der Schule richtig sprechen, wenn ihr euch die ganze Zeit so schlecht ausdrückt!“ Ich weinte. Er war unglücklich. In meiner Erinnerung führte alles, was mit Sprache zu tun hatte, zu Ärger und Streit, viel mehr als Geld.

Quelle: Annie Ernaux: Der Platz / Aus dem Französischen von Sonja Finck / Suhrkamp Verlag Berlin 2019 ISBN 978-3-518-22509-7.

Habe heute die Orthodoxen Liturgietexte gesucht und gefunden („tas thyras!“), Aufnahme 1982 in Athen und anschließende Riesenarbeit (für Deutsche Harmonia Mundi), die zu nichts führte, außer dass ich sagen kann: einige Liturgie-Sendungen im WDR und ein wunderbares, gewaltiges Ton-Dokument im Schallarchiv des Senders, endlich wieder zu etwas nütze: hier.

Gestern Tacet-CD gehört, Tschaikowski-Quartette, gespielt vom Bartók-Quartett, dessen Besetzung sich im Laufe der 50jährigen Geschichte offenbar geändert hat. Als Ergänzung zur Wikipedia-Angabe lese ich an anderer Stelle:

05/10/2017 Der ungarische Geiger Péter Komlós, Gründer und erster Geiger des Bartók-Quartetts, ist im Alter von 81 Jahren in Budapest gestorben. 1957 gründete er zusammen mit Sándor Devich, Géza Németh and László Mező das Komlós Quartett, das sich 1963 in Bartók Quartett umbenannte. 

Mir liegt daran, weil ich Sándor Devich 1986 in Szombathély erlebt habe, und es damals hieß, er  sei zweiter Geiger im Bartók-Quartett gewesen. Vielleicht ist er gerade bei der Umbenennung ausgestiegen? Unwichtig in diesem Zusammenhang: es geht um Tschaikowski und verschiedene Wahrnehmungsweisen.

Diese schöne CD enthält keinen Text zu den Werken, sondern allein zum Programm der Tacet-Reihe „Summary“ allgemein. Empfehlenswerte Einführungen zu op. 11 findet man hier, zu op. 22 hier. Ich notiere das an dieser Stelle, weil ich den berühmten zweiten Satz von op. 11, der mich plötzlich sehr ergriff, für eine (oder die?) Zarenhymne hielt; beim Recherchieren erwies die Melodie sich als ein ukrainisches Volkslied. Ebenso merkwürdig: dass Tolstoj von dieser Melodie zu Tränen gerührt wurde. Für mich – wie immer – Anlass zu analytischen Überlegungen. Wobei ich nicht unterstelle, dass ER aus den gleichen Gründen gerührt war wie ich. Schließlich war er mit dem Flair der russischen (und ukrainischen) Lieder seit früher Jugend vertraut, während mich etwas Fremdes (Exotisches) daran beeindruckt. Die Wirkung verdankt sich zu einem nicht geringen Teil der Harmonik (modal), ich konzentriere mich aber an dieser Stelle nur auf den Melodieverlauf.

Ist es die eigenartige Verschiebung der Balance in den ersten 4 Takten? Der eingeschobene Dreiertakt? Ein Viertel „zuviel“, 9 Viertel Gesamtlänge; während die nächsten 4 Takte ganz gleichmäßig antworten, mit 8 Vierteln Gesamtlänge. Es wäre leicht, einen Kompromiss zu finden, – aber der Reiz wäre dahin.

Nein, wie wären um das C betrogen, obwohl es vorhanden ist. Wenn ich es dingfest machen müsste, würde ich sagen: im dritten Takt beginnt mich die Melodie zu faszinieren, und beim Übergang zum vierten spüre ich, dass die Tränen kommen wollen. Merkwürdig: genau so, wie der Komponist das Crescendo gesetzt hat, aber dieses ist nicht die Ursache, die auf mich wirkt. Ich vermute – der Komponist reagiert genau wie ich oder wohl wir alle, und er setzt deshalb das Crescendo, um die Interpretation darauf einzuschwören. In der zweiten Hälfte der Melodie gibt es einen ähnlich neuralgischen Punkt, der aber nicht das Ziel des auch hier eingezeichneten Crescendos ist… sondern… welcher Ton?

Für Außenstehende ist schwer vorstellbar, warum Musiker lange grübeln können, wie eigentlich der erste Takt dieses Themas gewichtet ist. Eine Schaukelbewegung hat immer etwas Unernstes, Unentschlossenes, aber vielleicht ist das Wort schon falsch; denn die beiden Zweiergruppen sind ja nicht gleich, sie schaukeln nicht, sie vermeiden den Ton der dazwischenliegt. Aber sie wollen zum ersten Ton des nächsten Taktes, zum ES. Ist dieser Takt also auftaktig zu verstehen? Versuchen wir doch ein paar Varianten:

Ich erspare mir an dieser Stelle drei Texte, Musiker würden debattieren, singen und spielen, der „dazwischenliegende“ und übergangene Ton würde eine Rolle spielen, er macht den dritten Takt so stark, das C mit dem nachgelieferten G, das pendelt, aber zurückwill (zum C), ein F nur spielerisch vorwegnehmend, dann zum C, dort wieder „pendelt“, um dann auf dem F einen vorläufigen (!) Ruhepunkt zu finden. Der nächste Takt, Beginn der zweiten Hälfte, greift auf die Bewegung des ersten Taktes in den zweiten zurück (also die Schleife F-D-G bezogen auf D-B-ES), und so wird auch der Septsprung verständlich, in Wahrheit die Wiederaufnahme des Tones C. Aber welcher Ton ist das wirkliche Ereignis der zweiten Hälfte? Keinesfalls das hohe C, ebensowenig der Zielton F, der den letzten Ton der ersten Hälfte wieder aufnimmt. Es ist der Ton A, der in der ganzen „Reihe“ bisher fehlt, der aber an dieser Stelle keinesfalls betont werden darf (nur mit Liebe gespielt werden muss).

Zur Intensivierung der Diskussion stelle man ähnliche Überlegungen an bei dem berühmten Thema der Haydn-Variation von Brahms: zwei fünf(!)taktige Hälften, – ist der erste Takt auftaktig zu verstehen? Ist der zweite Takt stärker als der erste? Vergleiche das Forte in Takt 6 und die Akzente auf den vier Melodietönen der danach folgenden Takte. Erfinde Varianten für den allerersten Takt nach dem Muster des vorigen Beispiels.

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David Oistrach bleibt zum Glück sehr dicht am Original, – auch in den Bindungen? Oder? – spielt er etwa einfach die 1. Geige des Quartetts?

Zum Abgewöhnen auch noch die zweite Melodie des Andantes, siehe Notentext Mitte Zeile 7, in der Version von 1940. Möglicherweise auch wieder zum Weinen.

Abschiedsfrage: wie schreibt man eigentlich Tschaikowski? Hätte er sich selbst in unserm größten Musiklexikon MGG eigentlich wiedergefunden? (Um so lesenswerter der Artikel, der von Thomas Kohlhase stammt.)

11.04.2019

In WDR 3 gehört (Klassikforum zwischen 10 und 11, Freund Hanns-Heinz rief aufgeregt an) : Tschaikowski Violinkonzert / Kopatchinskaja Musica Aeterna Currentzis: Ich hatte allerhand Vorbehalte gegenüber ihrer Behandlung Beethovens und anderer Klassiker, aber dieser Tschaikowski wischt alle Bedenken weg, auch der Zusammenklang von Violine und Orchester, der Wechsel der Farben, das äußerste Pianissimo, die minimalsten Nuancierungen, z.B. Wechsel zwischen Violine und Klarinette oder Flöte, deren Gleichberechtigung nach Bedarf. Am Übergang zwischen zweitem Satz und Finale mögen sich die Geister scheiden (siehe Link unten: tritt nicht doch eine gewisse Zickigkeit zutage?), aber es ist einfach unerhört, der Kontrast der Temperamente, die übersprudelnde Virtuosität, die Wildheit, die Oasen der Lyrik. Keine Wiederentdeckung des Komponisten, sondern die Erstentdeckung.

Repeat! Wo ist die Taste? Ich muss die CD haben und jedes Detail zu studieren. (Neugier daher auch auf „Les Noces“!) Den Link habe ich erst nachträglich entdeckt (kaum zu glauben der Hinweis auf Darmsaiten!), das alles stammt von 2016, wo bin ich nur gewesen?? Prüfen Sie nur selbst und zwar hier.

23.04.19

Die CD ist da, und der Sturm hat sich gelegt. Es ist nützlich zu warten, bis eine gewisse Ruhe der Betrachtung wiederkehrt. Welchen Sinn hätte es, in Raserei zu verfallen, oder einer Wahnidee nachzujagen, einer Phantasieromantik? Ein neuer Versuch der Annäherung und Distanzierung, vielleicht hier.