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Frühling Schwanenmühle

Ein Corona-Spaziergang

Ich nenne ihn so, weil es neu ist, dass man im Frühling zu zweit spazieren gehen darf. In früheren Jahren tat man es einfach so und freute sich auch. Aber jetzt erscheint einem die Welt  neu, wiedergeschenkt, auf Zeit. Als sei man lange krank gewesen. In Wirklichkeit hat man nur so viel über die sich ausbreitende Seuche gehört. Seuche? Und dann steht da ein Schild im Wald. Schweinepest! Damit haben wir Gottseidank nichts zu tun. Nur die Schweine. Hier ist allenthalben Frühling. Für Schwein und Mensch.

Fotos Huawei JR 27. März 2020 mittags Schwanenmühle Krüdersheide

Große Freude am Nachmittag: die Singdrossel ist wieder zurück aus dem Süden; ihr unablässiges Rufen klingt durch das Tal, wechselnde Standorte. Schöne Signale, aber es nervt auch ein bisschen: es ist so, als wenn jemand im Supermarkt ständig „Hallo!“ ruft, nebst Varianten wie „Du da!“, „Schau her!“, „Ich seh‘ dich!“ und „Bitte warten!“.

Fritz Habekuss schrieb gestern in seinem liebevollen ZEIT-Artikel:

Ein paar Meter weiter sitzt eine Singdrossel, deren Gesang mein Bestimmungsbuch mit „selbstsicher“ und „rechthaberisch“ beschreibt. Mir kommt es an diesem Morgen wegen der Pausen zwischen den Strophen etwas wehmütig vor. Dann bemerke ich, dass da ein anderes Männchen antwortet. Je mehr ich zuhöre, desto mehr erscheint mir die Stadt von einem dichten Geflecht von Gesängen und Rufen überzogen, das über den Lauten der Menschen liegt. Für uns gemacht ist der Gesang  nicht. 300 Millionen Jahre Evolution liegen zwischen uns und den Vögeln. Aber wir können entscheiden, diesen Gesprächen zuzuhören, die da Tag für Tag vor unseren Fenstern und Balkonen, in unseren Gärten und Parks geführt werden, sie können zu einer Brücke zwischen uns und diesen anderen Wesen werden.

Hier ein schönes Beispiel (nur falls Sie nicht genau wissen, was das ist, eine Singdrossel, es ist ja eher eine „Rufdrossel“, – die großartigere Sängerin ist natürlich die Schwarzdrossel, genau genommen: das männliche Tier, das Weibchen auf dem Nest, so sagt man, hört scharf zu, es hat keinen leichten Part im Spiel der Evolution).

Erst neuerdings höre ich im Garten auch wieder die Mönchsgrasmücke, die ich allerdings nicht mit Sicherheit von einer Gartengrasmücke unterscheiden kann, – außer ich sehe zugleich das schwarze Käppchen.

Hier ist es natürlich leicht:

Noch einmal Fritz Habekuss (DIE ZEIT 26. März 2020 Seite 37), – er zitiert eine wunderbare Kurzformel für den Gesang des Rotkehlchens, den ich liebe, aber leider auch gern mit einem quietschenden Gartentor vergleiche. In Zukunft nie mehr, das schwöre ich:

Wie beim Rotkehlchen, das schon im Winter sein Brutrevier markiert, damit es ihm niemand streitig macht. Seinen Gesang hat eine befreundete Ornithologin einmal als „feinen Vorhang aus herabfallenden Wasserperlen“ beschrieben – seitdem sie mir das erzählte, verwechsele ich den Gesang des Rotkehlchens nicht mehr mit dem Schluchzen und Schmettern der Nachtigall, die ab Mitte April zurückkehrt.

Nun, beim Vergleich des Rotkehlchens mit der Nachtigall kann ich ihm leider absolut nicht folgen, allein die Schwarzdrossel könnte dieser in unsern Breiten das Wasser reichen, oder – wie ich neuerdings finde – der Gelbspötter, der allerdings zu aufgeregt klingt, um die schmetternden Meditationen der Nachtigall auch nur im entferntesten zu erreichen. Schön, wie sich der Wissenschaftler Habekuss über das Werkzeug der Vögel äußert:

Das Spektakel des Vogelgesangs erzeugt ein hochkomplexer, filigraner Stimmapparat, die Syrinx. Sie ist nicth größer als eine Linse und zusammengesetzt aus einem Dutzend Knochenringen sowie einem Dutzend Muskeln. Die Stimmlippen können sich bis zu 200-mal pro Sekunde zusammenziehen. Der Gesang ist stimmliche Präzisionsarbeit im Millisekundenbereich. Beim Ausströmen der Luft werden die Stimmlippen in Schwingungen versetzt, und „der Luft wird Gesang verliehen“, wie der Biologe und Schriftsteller David Haskell schreibt.

Der Autor Fritz Habekuss, ein wissenschaftlich denkender Mensch, der mir durch ein nicht unbedingt musikalisch* durchdrungenes, aber ehrlich empfundenes Produkt besonders sympathisch geworden ist. Am Schluss gibt er noch eine Hilfe in Gestalt des  ZEIT-Links HIER, mit Quellenangaben zur erwähnten Literatur (auch einiger anderer Artikel). Nützlich ist auch der Hinweis auf die Smartphone-Apps des Berliner Naturkundemuseums hier und des Merlin Bird ID des Cornell Lab of Ornithology hier .

warum? ein Musiker hätte z.B. niemals die Amsel (die mit dem gelben Wunderschnabel) als einen schwarzen Allerweltsvogel bezeichnet. Man lese Robert Musils Erzählung „Die Amsel“: da gibt es die Metaphern, die einem Ohrenmenschen weiterhelfen.

Proust-Erinnerung

Vom Geschmack (Geruch) der Vergangenheit

Wer noch nie Marcel Proust gelesen hat, nicht einmal wenige Seiten, der hat doch zumindest vom Madeleine-Erlebnis gehört, das wie ein psychologisches Faktum weitergereicht wird: der Geschmack eines Gebäcks, von dem man kostet, nachdem man es in den Tee getaucht hat, löst eine ferne Erinnerung aus. Diesen Geschmack kennt man aus der Kindheit und damit ist eine Brücke geschlagen, die Situation von damals scheint plötzlich wieder greifbar nah und löst einen wehmütigen Schock aus.

Mir ist dazu meist etwas leicht Unpassendes eingefallen, der Stallgeruch nämlich, der mich wohlig umfing, wenn ich das Haus meiner Großeltern von der Gartenseite aus betrat; die Tür dort war fast nie verschlossen, weil niemand unbefugt das Grundstück hätte betreten und schon gar nicht von dort aus in den Kuhstall vordringen dürfen. Uns Enkelkindern war es erlaubt, hier begann unsere Zeit der Freiheit auf dem Lande. Mein erster Weg war – vorbei an den Kühen – zu dem Koben, in dem das Schaf stand, das ich mir persönlich zuordnete; es trug den Namen, den ich ausgesucht hatte: Molli. Ich kannte es aus der Zeit, als es ein Lämmchen war, aber diese Geschichte wäre jetzt zu lang, der Name stammte jedenfalls aus einem Kinderbuch, das ich bis heute aufbewahrt habe. Aber ich brauche eigentlich nur den Geruch, und er muss nicht einmal auf die Nuance genau stimmen; es genügt, wenn ich an einem Zirkus vorübergehe, der mit Pferden arbeitet: schon ist die Kindheit wieder da.

Bei Marcel Proust ging es feiner zu, aber ich glaube, der Dichter hätte meine Erinnerung genau so sorgfältig behandelt wie den Duft des Tees, den Geschmack der Madeleine bei seiner Mutter bzw. einst bei Tante Leonie. Im folgenden Artikel ist detailliert davon die Rede.

ZITAT

Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zählt zu den Klassikern gastrosophischer Literatur. Gastautorin Martina Kopf erklärt uns noch einmal warum – selbst wenn der Tee nicht schmeckt.

https://www.tartuffel.de/artikel/proust-vom-geschmack-der-vergangenheit/ HIER

Autorin: hier

Angenommen, ich wollte eine ähnliche Verbindung zur Kindheit evozieren und ich suchte ein Mittel, es gäbe viele, und ich könnte sie wohl auch, wenn ich gewissen Phantasien freien Lauf ließe, in einen quasi numinosen Rang erheben. Seltsamerweise bemerke ich zugleich den Drang, sie zu datieren, alte Briefe oder Kalendereinträge erlauben das, und ich bin oft entsetzt, wie naiv ich in jener Zeit dachte, obwohl mir das, was ich im „aktuellen“ Kopf aufrufe, durchaus mit dem Kopf von damals in einem engen, ernstzunehmenden Konnex zu stehen scheint. Wie merkwürdig das kleine Buch vom „Schäflein auf der Weide“ den Sprung vom Lande nach Bielefeld geschafft hat, die Aufschrift Große Kurfürstenstraße stammt wohl von meinem Vater, den Stempel Paulusstraße 30 habe ich hineingedrückt, als ich mindestens schon 10 war, „mein“ Schaf Molli war längst eine Erinnerung, wir trafen uns in Misburg wieder: mein Großvater mütterlicherseits hatte es wider jede Hoffnung an die Familie der „anderen“ Großmutter verkauft, es gehörte jetzt zum wilden Paradies „Am alten Saupark“, wo ich gerne Ferien verbrachte. Im Bilderbuch war ich das Schäfchen, manchmal auch der Schäferhund. Und es gab plötzlich ein dünnes Gefühlsband zwischen den beiden Familienstämmen aus Pommern und Westfalen…

 

Das Büchlein war – bei aller Idylle – nicht ohne Dramatik, ein wolfsähnlicher Feind-Hund taucht auf, das Schäfchen verirrt sich in der Natur. Das einzige Bild, das ich abgepaust habe (damals große Mode unter Kindern), war das mit der Eule im nächtlichen Walde. Vielleicht um die Angst zu bannen?

 Von der Angst Ein Schein von happy end

Mollis Übergabe in Misburg 1948, sie lernt die dort ansässige Ziege Röschen kennen.

Der Krieg und die Flucht der Familien aus Pommern (und aus dem Harz) liegen erst drei Jahre zurück.

Und wie komme ich nun auf große Literatur?

*     *     *

Schwer zu sagen, warum einige Jahre später mit neuen Sehnsüchten und Empfindungen auch  wieder diffuse Todesgedanken auftauchen, Verlustängste, und zwar deutlicher, dringlicher als in den Tagen der Kindheit, als sie mit dem Eintreffen der Mutter verschwanden. Jetzt, mit der Nähe des anderen (ungewissen) Ichs ist man sich auch des eigenen Ichs nicht mehr so sicher. So erkläre ich mir, dass ein bestimmtes Gedicht mich so intensiv beschäftigte, und doch zugleich Widerstand leistete und mich im Stich zu lassen schien. Kein Trost. Gedanken eines anderen wiederum.

Hier

(Fortsetzung folgt)

Bartóks Blaubart und polyfusion

Vormerken!

Bartóks Oper https://de.wikipedia.org/wiki/Herzog_Blaubarts_Burg hier

https://operlive.de/judith/

Hier nach dem „Konzert für Orchester“ ab 39:57

bis 26. März 2020 12:00 h !!! (Zu spät, ich habe die Frist versäumt)

Unbedingt kennenlernen:

https://www.ensembleresonanz.com/resonanzen/polyfusion/ HIER

Geduld mit Hegel (Lesen lernen)

Nicht von dieser Welt?

Zitat

Am schönsten ist die Antithese und steigt am höchsten, wenn sie beinahe unsichtbar wird. „Es braucht viel Zeit,“ sagt Gibbon, „bis eine Welt untergeht – weiter aber auch nichts.“ Im ersten thetischen, nicht unfruchtbaren Satze wurde Zeit als bloße Begleiterin einer unbekannten Welten-Parze aufgeführt; – auf einmal steht sie als die Parze selber da. Dieser Sprung der Ansichten beweist eine Freiheit, welche als die schönste Gabe des Witzes künftig uns nähertreten soll.

Ich habe zwei belanglose Veränderungen in diesem Zitat angebracht (man wird sie nicht bemerken), aber es ist genau diese Stelle, die mich zu weiterer Lektüre verführt. Eines Buches, das ich nicht besitze (sondern im Internet aufgeschlagen habe). Schlauberger wissen sofort, wovon ich rede, indem sie unverzüglich einen Halbsatz – z.B. diesen: „Am schönsten ist die Antithese und steigt am höchsten“ – bei Google eingeben, aber ich will ja doch nur, dass man nicht gleich erkennt, aus welcher Zeit der Satz stammt. (Obwohl doch das Wort Parze sofort weit zurück verweist.)

Nur zur Sicherheit, – der bloß thetische Satz wäre wohl dieser: „es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht“.

Ich weiche der Schwierigkeit Hegels aus, der eigenen Naivität (These-Antithese-Synthese) und denke: mit Witz hat er doch wohl am wenigsten zu tun. Jedenfalls werde ich später zum Ausgangspunkt zurückkehren und vielleicht alles aufklären.

Um mit der Wahrheit (im alltäglichen Sinne) herauszurücken: da ist ein neues Hegel-Buch und damit zugleich ein Bewusstsein (im alltäglichen Sinne), was mir wo am Zugang fehlt und was ich weder ahnen noch ohne weiteres erarbeiten kann. Anspielungen oder Befremdlichkeiten, die mir gleich die ganze – mit Sinn – schwierige Umgebung suspekt machen oder gemacht haben (z.B. die Schädellehre!). Ich zitiere und rücke direkt darunter die Quelle doppelt ans Licht:

 

Heute, in Zeiten einer grassierenden Pandemie, könnte die Todesursache eines so klugen Mannes interessant sein. Wikipedia schreibt:

Hegel starb 1831. Es werden zwei Todesursachen genannt: Mehrheitlich heißt es, er sei an der in Berlin wütenden Cholera-Epidemie gestorben. Jüngere Forschungen vertreten jedoch auch die Ansicht, Hegel „starb […] wahrscheinlich an einem chronischen Magenleiden und nicht an Cholera, wie die offizielle Diagnose lautete“.

Bei Klaus Vieweg steht in Anmerkung 505 (Seite 787), die Todesursache sei bislang noch ungeklärt.

Ich bin dankbar zu erfahren, dass der Text der „Phänomenologie“ (1807) voller Anspielungen ist, die ich unmöglich verstehen kann, weil ich z.B. Jean Paul immer aus dem Weg gegangen bin, obwohl ich gern – Robert Schumann zuliebe – eine Neigung entwickelt hätte. Was weiß ich vom Schachspiel? Auch hier bin ich immer ausgewichen, wahrscheinlich weil ich glaubte, keine Zeit zu haben.

ZITAT

Hegel setzte sich entschieden für ein Ehrendoktorat für Jean Paul ein. Am 18. Juni 1817 wird die Urkunde offiziell an den neuen Doktor der Philosophie und der freien Künste übergeben, begleitet von einem Fackelzug der Studenten. Hegel möchte ein Zeichen für die moderne Poesie und eine moderne Kunstphilosophie jenseits von Romantik und Klassizismus setzen; dafür eignet sich Jean Paul hervorragend. Er gilt erstens neben Hippel als wichtigster Vertreter des von Laurence Sterne begründeten Romantypus, zweitens als ein herausragender Repräsentant des Komischen, eines modernen Humors, der für Hegel höchsten Ausdrucksform freier Kunst – köstliche Exempel sind etwa Schulmeisterlein Wutz, Siebenkäs und die Reise nach Flätz. (Vieweg S.431)

Quelle des Textes am Anfang dieses Artikels: Jean Paul: „Vorschule der Ästhetik“ (1804), deren gesamter Text (Zeno) hier, direkt zur oben zitierten Stelle: hier

Ausgerechnet unmittelbar nach der Entdeckung eines ersten Druckfehlers in Viewegs Hegel-Buch (S.280 „Hegel sticht in ein Nest performativer Widersprüchen des skeptischen Selbstbewusstseins, dessen Worte und Tun widerstreiten.“) muss ich beginnen abzuschreiben (und – recht glücklich – nochmals auf Jean Paul verweisen):

Das skeptische Selbstbewusstsein ‚vergisst‘ den Selbsteinschluss. Man kann ihm den Spiegel vorhalten und ihm sein doppeltes Antlitz zeigen, aber wie der in sein Spiegelbild verliebte Narziss ertrinkt er in dem sein Eebenbild zeigenden See. Die Grundverfasstheit dieser Gestalt, das Relationale, das Duale kehrt Hegel gegen sie und konfrontiert sie mit ihrem eigenen Status. In der Mitte der Phänomenologie als einer grand diablerie, einer großen Höllenfahrt, waltet das Diabolische in reiner Form. Der Teufel, der Zweite aus der Ur-Teilung als Personifikation der Trennung, trifft auf den eigenen Advokaten. Auf einer Wanderung, so Jean Paul, habe der Teufel frecherweise Zweifel an seiner Existenz, Bedenken gegen die von ihm repräsentierte radikale, positivitätslose Negativität angemeldet. Die fürchterliche Waffe des Skeptizismus, die Kanone der Relativität, der Dualität, des Gegen-Satzes, richtet sich nun ‚kanonisch‘ gegen die Relativität selbst. Das skeptische Credo „Alles Wissen ist relativ“ findet konsequente Anwendung. Es muss sich selbst mit ‚einschließen‘, als ein die Allgemeinheit beanspruchender Satz verfängt er sich in den eigenen Fangarmen. Er verfällt der Relativität und muss damit selbst – wie es das skeptische Verfahren verlangt – seinen Gegensatz zulassen: „Alles Wissen ist nicht relativ, ist absolut“. Das Dilemma der doppelgesichtigen Gestalt und damit des Bewusstseins kommt an den Tag: Sobald vom Bewusstsein Wissensansprüche erhoben werden, negiert es sich zwingend selbst; es muss sich selbst aufheben – ein Bumerangeffekt. Durch die reine Negativität hindurch, durch den Teufel als den großen Weltschatten, zeichnet sich das Licht ab. Diese teuflische Ironie findet sich auch im antiken Skeptizismus: Mit der im Haupttropus der Relativität beanspruchten Exklusion des Absoluten – apolytos, nicht absolut – wird gerade die Inklusion der Absolutheit erforderlich. Dies gab einen Impuls für den Aufbau eines absoluten Idealismus.

Quelle Klaus Vieweg: HEGEL Der Philosoph der Freiheit ( C.H.Beck Müncjen 2019) Seite 281

Korrekterweise muss ich erwähnen, dass diese Textpassage nicht verständlich ist ohne Kenntnis der vorhergehenden – sagen wir – 20 Seiten, und gerade jene beflügeln mich, den Text abzuschreiben. Es wäre jedoch sinnlos, daraus eine Kurzfassung herzustellen. Stattdessen gebe ich das ein paar Seiten später entwickelte Bild von der „Wegstrecke“ wieder, samt dem Hinweis auf die „durchfahrenen Sphären“, die mich an Dantes Comedia erinnern.

Auf der kommenden Wegstrecke bis zum Religionskapitel werden die beiden Pole Gedanke und Gegenstand sowie ihre Einheit durchschritten sowie ihre Einheit fortbestimmt. Die zunehmende Komplexität führt zu einer wachsenden Unübersichtlichkeit der durchfahrenen Sphären. Die sukzessive Überwindung des Dualismus wird in einem die Dualität integrierenden Monismus dargestellt. Die Zweiheit des Subjektiven und Objektiven zeigt sich wie in einer ‚gedoppelten Galerie von Bildern‘, deren eine der Widerschein der anderen ist (GW 9, 170). Es können jetzt rückblickend zwei Hauptreihen freigelegt werden, diejenige des ‚Ich-Pols‘ und diejenige des ‚Gegenstand-Pols‘. Anfänglich stand ein einzelnes Ich einem einzelnen Diesem gegenüber; die erste und unterbestimmte Einheit kennzeichnet der Satz „Ich nehme wahr“. Dann opponierten Wahrnehmender und Ding, Verstand und Spiel der Kräfte als generierte Inter-Objektivität, woraus die Erfahrung der Identität des Gedankens in Form des Verstandes und des Gegenstandes erwuchs. Im Übergang zum Selbstbewusstsein ergab sich die Inter-Subjektivität in Form der wechselseitigen Anerkennung der Selbste, was wiederum die Einheit des Selbstbewusstseins induzierte, eine Einheit, die in ihrer Verdopplung sich mit dem Dualismus des Theoretischen und Praktischen verband. (… bis Seite 296)

Die Transformationsreihen der Gestalten des Bewusstseins verlaufen ‚parallel‘, in komplementärem Wechselspiel entfaltet sich ihre jeweilige Einheit, die Struktur des Geistes in seinen Entwicklungsstadien bis hin zur Aufhebung des Bewusstseinsmodells in der einzig vollständigen Identität, in welcher das Denken sich in seinem ureigenen Element findet.

Quelle Klaus Vieweg: HEGEL (wie vor) Seite 295 f

(Fortsetzung folgt)

Während ich dies abschrieb, habe ich durchaus bemerkt, wie wenig von dem rüberkommt, was ich im Zusammenhang mit dem vorausgegangenen Text (ab Seite 259) wahrgenommen habe. Eine besondere Art von Glück. Aber es klingt hier wie eine leere Behauptung, fast lächerlich, wenn ich sage, dass dieses Studium endlich die Kant/Jaspers-Lektüre von damals auf einem neuen Niveau fortsetzt. Nicht zu vergessen: nach vielen Demütigungen. Wohlgemerkt: nicht durch andere, sondern durch diese beiden, Kant und Hegel. Und ich würde es nicht erlauben, dass jemand Trost spendet (oder findet), indem er sagt: Ist doch nicht schlimm, das war halt für eine andere Zeit gedacht. Wir leben inzwischen im Computer-Zeitalter. Und haben z.B. Reckwitz…

Richtig! Stimmt sogar.

*    *    *    

Soweit ich einstweilen sehe, ist nichts wichtiger, als dieses Kapitel recht in sich aufzunehmen. Und nicht zu schnell verstehen! (Daher die – inzwischen getilgte – Überschrift dieses Blogbeitrags: Zeit haben!) Man muss begriffen haben, was es mit dem gern herbeigerufenen „gesunden Menschenverstand“ auf sich hat. Das „realistische Prinzip“. Die tief innerlich gefühlte Unmittelbarkeit. Um es kurz zu sagen: gar nichts! Und wenn jemand erwartet, hier bei Vieweg werde Hegels dunkler Weg endlich hell und leicht gemacht, so sollte er dieses Kapitel mehrfach und immer noch einmal lesen, dann die ähnlichen Stellen bei Hegel selbst, bzw. in der alten Ausgabe der Phänomenologie des Geistes (1921) beginnend mit der Vorrede des Herausgebers Georg Lasson, etwa Seite XCVIII, also Einleitung, Kapitel II. oder aber in Hegels eigener Vorrede, etwa Seite 46 ff, wo es bündig heißt: „Dagegen im ruhigeren Bette des gesunden Menschenverstandes fortfließend, gibt das natürliche Philosophieren eine Rhetorik trivialer Weisheiten zum besten. (…) Letzte Wahrheiten jener Art vorzubringen, diese Mühe könnte längst erspart werden; denn sie sind längst etwa im Katechismus, in den Sprichwörtern u.s.f. zu finden.“

Ich erinnere mich, vor 4 Jahren schon einmal aus dieser Vorrede zitiert habe: da ging es um Kitsch, ja, es gefällt mir immer noch: hier.

Diese Philosophie ist aber keine, die aus einfachen Formeln gewonnen wird, auch nicht aus angeblich Hegelschen à la „These – Antithese – Synthese“, sondern indem man sich buchstäblich selbst auf den beschwerlichen Weg begibt, und das schon oben hervorgehobene Bild des Weges (die „durchfahrenen Sphären“) taucht immer wieder auf, auch als „Odyssee des Gedankens“ (Seite 265) oder als Kapitelüberschrift (Seite 269): „Zur Kartographie des phänomenologischen Weges“. Und ehe die folgende Seite nicht vollständig eingesehen wird, sollte man eigentlich nicht fortfahren. Obwohl man darauf vertrauen kann, dass auch später kurze Rückblenden eingebaut werden, die einem weiterhelfen oder zumindest davor bewahren, in das naive Räsonieren zurückzufallen.

Quelle Klaus Vieweg: HEGEL (wie vor) Seite 271

Man darf sich nicht vorwerfen, immer gleich im Anfang steckenzubleiben; es geht gerade um den Einstieg, der gelungen sein muss, um ihn guten Gewissens hinter sich zu lassen. Oder auch gerade nicht. Kein Pianist, der die Goldberg-Variationen übt, sagt: ich habe jetzt endlich das Thema ad acta gelegt. Dies im Sinn, kehre ich auch gern zur Einleitung meiner alten Ausgabe der Hegelschen „Phänomenologie“ zurück, übrigens der gleichen, die auch Adorno in seinen Vorlesungen benutzt hat. Auch er wird die Einleitung von Georg Lasson gut studiert haben, wenn auch nicht mit Rotstift… Sowohl Lasson wie auch Adorno und Hegel selbst wussten, wie das „populäre Denken“ geht: es ist schon im allerersten Ansatz nicht zu vergleichen.

 und weiter:

[Das populäre Denken in das philo]sophische hinüberzuleiten, das gemeine Bewußtsein so über sich selbst aufzuklären, daß es zum spekulativen Erkennen wird, ist nur in dem Sinne möglich, daß man dem populären Denken zumutet, von sich selbst gänzlich abzusehen, und daß man das gemeine Bewußtsein zwingt, von vorherein nicht sich selbst, sondern dem Gedankengang des reinen Begriffs zu vertrauen.

Und schon ist das Alltagsbewusstsein (das „populäre“ oder auch „gemeine“ = allgemein angewendete) zutiefst beleidigt und fängt an über das „spekulative Erkennen“ zu räsonieren, das endlich mal „vom Kopf auf die Füße“ gestellt werden müsse (soviel Marx kennt man immerhin, ansonsten kommt dann gleich die DDR). Ich kopiere jetzt die beiden nächsten Seiten und nehme sie als die notwendigen Etüden, ohne die man fürs erste (ohne Vieweg) ohnehin nicht weiterkommt. (Und mit ihnen auch nicht notwendigerweise, denn irgendwo enden z.B. meine damaligen roten Unterstreichungen im Nirgendwo…)

 fürs mehrfache Studium anklicken! Und:

es bleibt eine Zumutung

Bali – ein Lebensthema

Margaret Mead und eine romantische Anthropologie

Es ist wahr: alle paar Jahre (oder Jahrzehnte) kommen mir dieselben Grundthemen in die Quere, das Dorf, das Paradies, die Kindheit, die Wildnis, die Vorfahren usw., das ist nur eine Linie von vielen. Und Bali taucht immer wieder auf: seit Josef Kuckertz und Toningenieur Siegfried Burghardt 1973 von dort zurückkamen und zum ersten Mal hervorragende Stereoaufnahmen im WDR vorführten. Marius Schneider war eingeladen und sprach ein Verdammungsurteil: das habe nichts mehr zu tun mit dem, was er einst kennengelernt habe. (Ich war sicher: er meinte die kratzenden Schellackplatten der „Musik des Orients“ der 30er Jahre.) Dann kamen die Live-Aufführungen im WDR-Sendesaal, die sinnliche Nähe. Meine Reise nach Bali 1995, wo Wolfgang Hamm und Ulrike Riessler nach monatelangen Recherchen ihre Aufnahmereihe auf der Insel abschlossen. Die vielen nachfolgenden Sendungen. Die Sorge, dass die vital hämmernde Musik einem Hörpublikum andere Assoziationen vermittelt als dem, der die Luft, die Landschaft und die freundlichen Menschen in Erinnerung hat. Das kontroverse Buch von Adrian Vickers „Ein Paradies wird erfunden“. Und vieles mehr. Jetzt war es wieder der alte Film, siehe unten, auf den mich vor einem Jahr der Musikethnologe Manfred Bachmann brachte. Was ist Wahrheit, was Phantasie?

 

Quelle Adrian Vickers: Ein Paradies wird erfunden / Bruckner & Thünker Köln 1994

Margaret Mead’s Forschungsgegenstand: die Hexe Rangda! In der Tat, sie war eine Wissenschaftlerin und keine Scharlatanin. Trotzdem muss man sie nahe bei Walter Spies und den Träumen der 30er Jahre sehen, die auch in den 50ern wieder auferstanden. (Von Murnaus Film „Tabu“ 1931, der auch in „meinem“ Bielefeld die Runde machte, bis hin zur illusorischen Theorie wirklich freier Liebe in der respektgebietenden rde-Reihe 1959.)

Zu Colin McPhee hier

Kommentar

Husband and wife anthropologists Gregory Bateson and Margaret Mead ventured to the island of Bali (now Indonesia) in 1936 to document the country’s culture including such behaviors as parent-child interactions, artists at work, and ritual performances and ceremonies in which participants meditate to reach a half-conscious state in order to commune with spirits of ancestors. When possessed by these spirits, those involved may perform unusual acts such as eating glass or fire, until they are brought out of the trance by a shaman. While Mead and Bateson’s field work is still considered groundbreaking for illustrating how film could be used as a research tool, it has been criticized, particularly for not accounting sufficiently for the role of religion in Balinese culture. Named to the National Film Registry in 1999.

Die kritische Antwort aus Bali:

„THE BALINESE PEOPLE / A Reinvestigation of Character“ von Gordon D. Jensen und Luh Ketut Suryani / Singapore OXFORD UNIVERSITY PRESS Oxford New York 1992

Und eine Ergänzung (aus der Sicht des weißen Mannes):

The work of the Canadian born composer/musicologist Colin McPhee – such as Tabuh-tabuhan (meaning toccata) for 2 pianos & orchestra – has been greatly influenced by the music of Bali, on which island he stayed from 1931 to 1938. The atmosphere of that time is relived by the paintings of the Belgian painter Jean Adrien Le Mayeur de Merpres, who lived in Bali from 1931 to 1957 and who married a Balinese dancer. After his death she donated his paintings to the Indonesian government, which declared their house in Sanur a museum dedicated to the paintings.

Missgunst aus Prinzip

Andrew Beatty über Emotionen der Anderen (auf Nias)

https://www.brunel.ac.uk/people/andrew-beatty/publications HIER

Auf der Insel Nias kann sich das Herz gepresst anfühlen oder heiß oder sogar haarig. Was kann die Anthropologie über diese fremdartigen emotionalen Zonen sagen?

Ich referiere aus einem Essay, den der Anthropologe Andrew Beatty geschrieben hat, Missverständnisse meinerseits inbegriffen. Ich verhalte mich, wie es einst in der Schule gefordert wurde: sag’s mit deinen eigenen Worten, – übernehme aber keine Verantwortung für Übersetzungsfehler. Den Autor nenne ich AB, und wie im Roman muss er nicht identisch sein mit dem, dessen Name eben zu lesen war. (Angefangen hatte ich das alles im Juli 2019. Und nicht abgeschlossen. Jetzt fand ich es sinnvoll, die kleine Arbeit und den eigentlichen Autor einfach in Erinnerung zu halten.)

AB erinnert an ein Gedankenexperiment des Psychologie-Pioniers William James, Bruder des Novellenschreibers Henry James. Zur Frage: „Was ist Emotion?“ (1884). Er versuchte sich vorzustellen, was von einer Emotion übrig bleibt, wenn wir aus ihrer Beschreibung alle körperlichen Symptome entfernen. Was bliebe zum Beispiel von dem Gefühl der „Trauer“ ohne die Tränen, ohne den Druck auf dem Herzen, den stechenden Schmerz in der Brust? Eine gefühllose Wahrnehmung, dass gewisse Umstände beklagenswert sind – nichts weiter. Sein Resümee, dass eine rein körperlose menschliche Emotion eine „Nullität“ sei, entfachte eine Jahrhundert-Debatte, in der Emotionen zerlegt und analysiert wurden, im Laboratorium nachgeschaffen um kausale Sequenzen zu bestimmen, mit Experimenten an willigen Subjekten (meist Studenten).

Der Anthropologe kommt zu diesen Fragen von einer ganz anderen Seite. Das Problem der Definition, was Emotionen sind, sieht anders aus, wenn man mit Episoden des realen Lebens beginnt, in das Liebe, Zorn und Traurigkeit eingebettet sind. Man versuche einmal, sich eine Emotion ohne kulturellen und sozialen Kontext vorzustellen – das ganze Gewebe um das Ereignis herum, seine wahre Form und Bedeutung. Was würde bleiben, der enthüllte Geist? Das nackte Herz? Oder nichts? Wenn jemand wie ich seine Zeit an Orten verbringt, wo das emotionale Leben ganz anders gestrickt ist, tritt die Möglichkeit einer standardisierten Definition, eines universalen Strickmusters für Ärger, Traurigkeit und Liebe noch weiter zurück. Die Kategorie der Emotion überhaupt beginnt wackelig auszusehen.

Betrachten wir die Insel Nias, einen Sonderfall im fernen Westen Indonesiens.  In den 1980er Jahren lebten meine Frau und ich dort für zweieinhalb Jahre, um in den Bergen des Innern Feldforschung zu betreiben. Das härteste Hindernis, sich einzugewöhnen bestand nicht so sehr in der tropischen Hitze oder der Isolation auf einer der ärmsten Inseln Indonesiens, sondern in einer Anzahl unterschiedlicher, manchmal misslauniger Emotionen, besonders solchen, die mit dem Phänomen des Geschenkaustauschs verbunden sind.

In fast jeder Gesellschaft  sind die Bräuche des Gebens und Empfangens mit Emotion verflochten. Das Abstimmen von Geschenken mit den Empfängern, die Notwendigkeit wechselseitig zu reagieren oder zurückzuzahlen sind delikate Angelegenheiten, voller Risiken. Auf Nias ist das Darbieten, Einfordern, Überbieten und Annehmen von Geschenken zu einer feinen Kunst entwickelt,verbunden mit einer entsprechenden Justierung der Emotionen. Aber die Verbindung zwischen Austausch und Affekt ist oft indirekt, manchmal verwirrend. Für den Außenseiter bietet Nias eine Herausforderung sowohl konzeptuell als auch persönlich. Sobald man seinen Fuß in eine der auf kargen Hügeln gelegenen Siedlungen, mit ihren spitzgiebligen Häusern und düsteren Plätzen, betritt man eine andere emotionale Welt.

Die Niha (das Wort bedeutet sowohl ‚Leute‘ als auch Einwohner von Nias) leben von Brandrodungsaktivitäten und Schweineherden. Aber wofür sie leben – und zwar auf ruinöse Weise, wie sie offen zugeben – ist Festefeiern. Das Leben ist rundum in gewaltigen Fressereien organisiert, die Hunderte von Gästen und massenweise Schlachtung von Schweinen betrifft (eine Größenordnung von 40 gehört zu den kleineren). Das Ganze wird getragen von einem Komplex der Emotionen, die mit Geschenkaustausch verbunden sind, die Festrunde organisiert Produktion und Verteilung von Gütern, sie umfasst eine Prestige-Ökonomie der Verschuldung und Verpflichtung. (Traurigerweise haben seit den 1990 Jahren die Schweinepest, ein Erdbeben, ein Tsunami und auch, was so als Entwicklung gilt, die Festzyklen fast vollständig zum Ende gebracht.)

Die dominante Emotion  – die, über welche man sprach, die man bei anderen vermutete aber selten selbst zugab –  war ’schmerzendes Herz‘, ein virulentes Gebräu aus Missgunst, Neid und Bosheit. Ein großer Teil des Lebens dreht sich um dieses Gefühl, das dazu dient Hexerei zu motivieren, Missernten und Vergiftung von Fischgründen. In einer Gesellschaft, die durch Wettbewerb und Prestige geformt ist, bezeichnet ’schmerzvolles Herz‘ die dunkle Seite des prahlerischen Hervortuns. Übergangen und in den Schatten gestellt zu sein, das sind die missgünstigen Gegenspieler und geheimen Feinde des Festherren, der ‚großen Mannes‘. Sie müssen beschwichtigt werden. Meine Antrittsrede für die Clans, die ich dem Dorfsekretär als Ghostwriter verdanke und vor einem Schlachtfeld von Schweinekörpern hielt, endete mit der bis zur Dreistigkeit schmeichlerischen Phrase: „Hier gibt es keine Missgunst!“ Wie hätte sie vorhanden sein können, wenn ich tatsächlich jeden abgefüttert hatte? Das war die simple Kalkulation, gemessen in Fleischanteilen, von der jegliche Festivität inspiriert war von den glorreichen Tagen der Kopfjagd und der Stammeskämpfe an bis herab zu Debutauftritten wie meinem.

Abgesehen vom eifrigen Festbesucherdasein sind die Niha nimmermüde Redner mit Festbeiträgen einer invariablen Themenpalette. Aber was in den Reden hervortritt, ist nicht die Aufzählung der Schulden – das ultimative Anliegen – sondern die ‚Herzen‘ der Protagonisten.  Der Fortschritt des Geschäftes erscheint in Gestalt einer sorgfältigen Anatomie der Missstände und den Erwartungen jeder Gruppe, einer Rechnung, in der die Herzen als ‚gedrückt‘, ‚verbrannt‘, ‚gefleckt‘, ‚weiß‘, ‚verfault‘ sogar als ‚haarig‘ bezeichnet werden, aber immer zugänglich für Taktiken der Gegner und ihre vielgepriesene Gefühle. Emotion animiert und lenkt Austausch. Ein ‚gedrücktes Herz‘ mit schmerzvollem Gesicht zur Geltung zu bringen bedeutet eingeschlossen zu sein zwischen zwei unnachgiebigen Forderungen und beide abzuweisen. ‚Weitherzig‘ zu sein (Hände weit gespreizt) zeigt Nachsicht mit schwierigen Gegnern. Ein ‚heißes Herz‘ (auf den Boden stampfend) ist eine deutliche Warnung, die den Gegner zwingt, sich totzustellen, zurückzuschrecken, ’schmal-herzig‘ zu reagieren. Was ‚haarig‘ meint, konnte ich nie aufdecken, aber es signalisiert schlechte Gefühle, ein inneres Borstenzeigen, das zu beachten dem Zuhörerkreis anzuraten ist.

Es liegt ein grimmiges Vergnügen in diesen Ausdrucksweisen, ein schadenfroher Pessimismus. Aber wer außer Kennern des Unbehagens könnte eine Phrase geprägt haben, die bedeutet: Wenn dein Herz sich robust fühlt, muss es einen Berg von Katzenfell geschluckt haben? Weniger Volkspsychologie als eine Form emotionaler Erpressung, ein Mittel mehr herauszupressen und weniger zuzulassen.

Chewong „Friedliche Gesellschaften“

HIER

Über einen Totengesang auf Nias hier (M.Thomsen 1981)

Überraschung: KÖLN!

Allerdings im Spätmittelalter

Das Geschenk beim Wiedersehen mit alten Freunden, ein kompakter Band von über 600 Seiten, eine Fundgrube des Wissens, ausnahmsweise kein Wort darin über Musik, aber vielleicht die bedeutendste Epoche der Domstadt, in Bildern kaum zu fassen, von Historikern ergründet und auseinandergefaltet. Mit einem Schlusskapitel über „Altkölner Malerei“.

 ←etwa 1 Viertel des Gesamtpanoramas

  ZUM INHALT :      

GREVEN VERLAG KÖLN 2019 ISBN 978-3-7743-0444-4

 Im Dom zu Köln

Um eiligen Lesern weiterzuhelfen, die sich genau in diesem Moment auch einen musikgeschichtlichen Überblick verschaffen wollen, ohne bei Wikipedia auf die Suche zu gehen, füge ich zwei Seiten aus dem Lexikon MGG Sachteil Band 5 hinzu (Bärenreiter 1996) hinzu. KÖLN. Autor: Klaus Wolfgang Niemöller.

  

Und was es dann heute gegen 16:45 Uhr in Solingen zu sehen gab, – ich weiß nur dies: der alte Drei-Insel-Teich lag wie eh und je und doch wie neu in der Ohligser Heide.