Archiv für den Monat: Oktober 2020

Frischluftzufuhr stiften

Aus der Zeit gefallen

Was ist reale Romantik?

JMR hat mich drauf gebracht, besaß dieses Exemplar sogar doppelt, gelesen gleich im Anschluss, aber wie so oft: unter wachsendem inneren Widerstand, der sich erst nachträglich auflöste und zu wiederholtem Lesen nachts vor dem Einschlafen führte. Kein Witz. Am Tag noch nachprüfend, ob die Schauplätze vielleicht noch existieren. Aber gewiss! Sie existieren. Man kann gleich alles bei Google eingeben, was der Erzähler, das „ich“, beim Namen nennt – den Fluss Thaia, dort, wo „wie oft die Nadeln bei Kristallbildungen, (…) ein Gewimmel mächtiger Joche und Rücken gegeneinander“ schoß, dann Thomasgipfel, Thomasturm, St. Thoma und schließlich Wittinghausen. Und wenn nach 6 Seiten Landschaft die Transzendenz in die Vergangenheit geschehen soll, so mit diesen direkten Worten an den Leser:

Und nun, lieber Wanderer, wenn du dich satt gesehen hast, so gehe jetzt mit mir zwei Jahrhunderte zurück, denke weg aus dem Gemäuer die blauen Glocken, und die Maßlieben und den Löwenzahn, und die andern tausend Kräuter; streue dafür weißen Sand bis an die Vormauer, setze ein tüchtig Buchentor in den Eingang und ein  sturmgerechtes Dach auf den Turm, teile die Gemächer, und ziere sie mit all dem Hausrat und Flitter der Wohnlichkeit – dann, wenn alles ist wie in den Tagen des Glückes, blank, wie aus dem Gusse des Goldschmiedes kommend – – dann geh mit mir die mittlere Treppe hinauf in das erste Stockwerk, die Türen fliegen auf – – – Gefällt dir das holde Paar?

Es sind die Töchter Heinrichs des Wittinghausers, in dessen Wohnung du dich befindest – Wittinghausen hieß vorzeiten das Schloß, ehe es von einem in der Nähe erbauten und nun ebenfalls verfallenden Kirchlein den Namen St. Thomas erhielt.

Die Jüngere sitzt am Fenster und stickt, und obwohl es noch früh am Morgen ist, so ist sie doch schon völlig angekleidet und zwar mit einem

etc.etc. hier sollen wir uns gleichsam in einem lebenden Gemälde aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges befinden. Und nach rund 115 Seiten verlassen wir die Szene und die unerhörte Zauberwelt des Waldes ringsum auf folgendem Wege:

Die Schwestern lebten fortan dort, beide unvermählt. Johanna war eine erhabne Jungfrau geworden, rein und streng, und hatte nur eine Leidenschaft, Liebe für ihre Schwester. Clarissa liebte und hegte Ronald fort und fort; [man weiß inzwischen: sie hegt ihn und ihre Liebe auf ewig in Gedanken…JR] in den goldnen Sternen sah sie seine Haare, in dem blauen Himmel sein Auge, und als einmal ein Zufall jenes feenhafte Gedicht des britischen Sängers auf ihre Burg herüberwehte, so sah sie ihn dann oft als den schönen elfigen blondgelockten Knaben auf seinem Wagen durch die Lüfte schwimmen, den Lilienstängel in der rechten Hand, ihr entgegen, der harrenden Titania. Selbst, als sie schon achtzig Jahre alt geworden, und längst ruhig und heiter war, konnte sie sich ihn nicht anders denken – selbst wenn sie ihn noch lebend träumte und einmal kommend – als daß er als schöner blondgelockter Jüngling hereintrete und sie liebevoll anblicke. Wenige Menschen besuchten die seltsame verwitterte Burg, nur ein einziger Ritter ritt zuweilen ab und zu.

Eines Tages blieb er auch aus – er war gestorben. Daß die Schwestern sehr alt geworden, wußte man bis in die neuesten Zeiten, und der Hirt zeigte die Kammer derselben, aber kein Mensch kennt ihr Grab; ist es in der verfallenen Thomaskirche, oder deckt es einer der grauen Steine in der Burg, auf denen jetzt die Ziegen klettern? – Die Burg hatte nach ihnen keine Bewohner mehr.

Westlich liegen und schweigen die unermeßlichen Wälder, lieblich wild wie ehedem. Gregor hatte das Waldhaus angezündet, und Waldsamen auf die Stelle gestreut; die Ahornen, die Buchen, die Fichten und andere, die auf der Waldwiese standen, hatten zahlreiche Nachkommenschaft und überwuchsen die ganze Stelle, so daß wieder die tiefe jungfräuliche Wildnis entstand, wie sonst, und wie sie noch heute ist.

Einen alten Mann, wie einen Schemen, sah man noch öfter durch den Wald gehen, aber kein Mensch kann eine Zeit sagen, wo er noch ging, und eine, wo er nicht mehr ging.

*    *    *

Was hatte mich an dem Stifter-Text eigentlich beim ersten Lesen so gestört? Der immer hohe Ton, diese Manie, alles Sichtbare als Wunder schlechthin betrachten zu wollen, wie oft kommt das Wort „schön“ oder „wunderschön“ vor? gefühlt wohl tausendmal auf 20 Seiten. Der Wald erinnerte mich an Bilder aus dem Biologiebuch, die ich als Kind gern und lange betrachtete: da waren wie zufällig alle möglichen Kleintiere über die Wiese verstreut, Maus, Maulwurf, Falter und Käfer aller Arten. Wie enttäuscht war ich, als ich auf echten Bauernweiden gerade mal eine Elster auf dem Zaunpfahl entdeckte.

„Doch nun zuerst ein bisschen Musik!“ (Die übliche Anmoderation im Radio.)

Was ist ein Lied?

Die Vorstellung von Frischluftzufuhr hat mir gefallen, obwohl ich im Kontext von Musik unversehens darunter etwas wie Respekt- oder Furchtlosigkeit verstehe. Christian Seiler ist wohl der bekannte Journalist der Schweizer Kulturzeitungen, geht aber wohl nicht oft in Liederabende, sonst würde er anders darüber schreiben. Man ahnt ja, was den Leuten missfällt, die nur zufällig da hineingeraten. Die gekünstelte Artikulation, die sängerische Hypermimik, Augen aufgerissen, sinnlos lächelnd und unentwegt ins Nichts grüßend. Sowas habe ich genug in der Hochschulzeit erlebt, wo man aus Sympathie und Mitgefühl alles lobenswert fand, zumal man selbst keine bessere Figur abgab. Aber heute gehe ich nicht einfach in Liederabende, sondern in Sängerabende, in den Abend der Sängerin XY oder so, denn ich muss wissen, wer es ist und – wie das Vibrato wird. Ich finde es fast immer zuviel. Um statt abschreckender Beispiele nur zwei wunderschöne Vibratos zu nennen: Magdalena Kožená und Christian Gerhaher. – Seltsamerweise kommt Christian Seiler – damit hätte ich nicht gerechnet – sofort auf das Klavier zu sprechen, auf „lauten, etwas flächigen Klavierbombast“ und „auf eine Stimme, die sich mit der Ausreizung der eigenen Möglichkeiten dagegen zur Wehr setzt.“ Das resultiert aber aus der im Laufe des 19. (Lied-) Jahrhunderts zunehmenden Bedeutung des Klaviersatzes.

(folgt)

Noch mehr im Angebot? (Unbedingt! Auch aus gesundheitlichen Gründen.)

(Text bzw. Fortsetzung folgt)

Als der Krieg zuende ging

Was fühlte man vor 75 Jahren? 

 Ende November 1943

Sieht so eine glückliche Familie aus? Der Kleine in der Mitte ist gesund, wird aber Ende des Jahres erkranken und am 28. Januar an Menengitis sterben, die beiden älteren werden hungern. Die Mutter (30) wird an Tbc erkranken, immer wieder monatelang bettlägerig, verbündet sich mit ihrem Arzt, der Vater (42), zur Zeit noch hoch im Norden in Kirkenes stationiert, wird am Ende in russische Kriegsgefangenschaft geraten, entkommen können. Kehrt nach Haus zurück, psychisches Chaos. Der Bruder der Mutter, in Russland an der Front, besucht sie während seines letzten Urlaubs, um sein neues Patenkind zu sehen, kann es nur noch beerdigen helfen, zimmert das Kreuz fürs Grab, psychisches Chaos. Der Abschied ist für immer, ab März gibt es keine Post mehr von ihm, er ist gefallen.

Die Mutter schreibt alles auf. Sie hat immer alles aufgeschrieben. Sogar immer wieder die gleichen Zeiträume beschrieben, aus verschiedenen Perspektiven, der des älteren Kindes, der des verstorbenen Kindes, der des nun wieder jüngsten Kindes. Parallel. Am Ende ihres Lebens alles noch einmal oder noch zweimal. Mit unterschiedlichen Adressaten. Sie liest viel, unterstreicht alles, was sie verinnerlichen will. Viel Sinnsuche, im Alter viel Rudolf Steiner.

Da steht am Ende: „Bis hierher mußte mit Mehlkleister eingeklebt werden, weil Krieg war.“ Es gab also eine Normalität. Allerdings immer „unter dem Eindruck der Unruhe und rastlosen täglichen Arbeit, und die Freude kommt nicht so zu ihrem Recht,“ schreibt die Mutter.

Am zweiten Weihnachtstag geht sie mit den „Großen“ ins Greifswalder Theater: „Schneeweißchen und Rosenrot“. Danach spielen die beiden Jungs zu Hause nur noch Theater, der jüngere, der auf dem Foto so sorgenvoll dreinschaut, macht vorwiegend das Kasperle.

War der Krieg kein Thema? Doch, ein Beispiel: als der Kleine geboren wurde, in Bad Oeynhausen, am 18. Mai 1943:

Es war in der Nacht, als die Edertalsperre bombardiert wurde. Ich spazierte in dieser Nacht durch die Klinik. Der Arzt war zur Werre gefahren, um sich die Überschwemmung anzusehen. Die Hebamme, die ich selbst mitbringen mußte, war bei mir, und der Arzt berichtete uns bei seiner Rückkehr, wie furchtbar das Überschwemmungsgebiet aussehe, wieviel tote Tiere und auch Menschen angeschwemmt seien. So etwas vergißt man nicht.

(Anm.: es muss die Weser gemeint sein, deren Zufluss die Werre ist. Aber nur jene hat direkte Verbindung gehabt, über die Fulda und deren Zufluss Eder. Siehe auch Operation Chastise.)

Der Reichthum Händels

Heutige Mail von Reinhard Goebel zur ziemlich frühen Aufführungspraxis

In „Studien für Tonkünstler und Musikfreunde, Berlin 1792 “ drucken die Herausgeber Kuntze/Reichardt vier „Briefe aus London“ ab, in denen u.a. von den Concerti Grossi G.F.Händels die Rede ist:

“…Indess setzt diese Art von Instrumentalmusik eine eigene sehr große Schwierigkeit in der Ausführung voraus, die unsere itzigen Instrumentalisten sehr zu vernachlässigen anfangen und die Grundlage zu allem Übrigen seyn sollte.  Vollkommene Intonation und großer Ton. Nur dadurch, daß der Ton jedesmahl seine vollkommene Reinigkeit und Kraft hat, wirkt Musik ganz bestimmt und ohnfehlbar  auf alle Nerven. Und ein Stück von der Klarheit in der Melodie und dem Reichthum und Fülle an Harmonie, wie die Händel’schen Concerto’s, mit vollkommener Intonation und kräftigem Ton von allen Instrumenten vorgetragen, müßten eine weit stärkere und allgemeinere Wirkung auf den Zuhörer thun, als die größten Schwierigkeiten und Mannigfaltigkeiten in Melodie und Figuren je thun können……“

  (RG:  „Intonation“ heißt in diesem Fall – wie bei der Zurichtung der Kiele am Cembalo – „Attacke der Töne“, ARTIKULATION)

Auch in der  „Beschreibung einer Reise 1781“ von Friedrich Nicolai werden Händels Werke erwähnt : es heißt in Band 4 « Wien » auf S. 533/34:

 „ Ich habe verschiedene von Händels vortefflichsten Werken, zum Theil schlecht, zum Theil nur mittelmäßig gut aufführen hören. Ich kann gewiß behaupten, daß ich sie sicherlich nicht in der Manier gehört habe, wie sie Händel gedacht hat. Denn da schon bey Händels Lebzeiten ein Mann wie Corelli Händels nachdrückliche Manier im Vortrage nicht ganz fassen konnte; so ist leicht zu erachten, daß bey dem jetzigen Vortrage mit leichtem Bogen und übereilten Zeitmaaßen Händels pathetische Manier wohl selten erreicht wird. Ich befürchte, es wird mit der musikalischen Aufführung immer so bleiben. Nach kurzer Zeit ändert sich unmerklicher Weise die Art des Vortrags, die mittlere Bestimmung des Zeitmaaßes, und andere Dinge mehr. Ein musikalisches Werk wird also immer, je älter es wird, desto mehr an seinem eigenthümlichen Ausdrucke verlieren….“

*    *    *

JR Erinnerung an eine ebenfalls frühe Phase der alten Aufführungspraxis (1975)

 .    .    .    .    .    . alle Mitwirkenden (auch ich) Ort, Datum, Technik Sätze und Solisten

Indien komponieren

Eine Entdeckung: Werke des Komponisten Kaufmann 

 

Walter Kaufmann: The Ragas of North India / Indiana University Bloomington 1968

Zur Erkennungsmelodie All India Radio 1936 bis 1948 Komponist: Walter Kaufmann

ZITAT

Kind courtesy of All India Radio. Uploaded for public viewing and to relive nostalgic time where we all grew up in!! All India Radio’s signature tune has been heard by hundreds of millions of people since it was composed in 1936. Somewhat improbably, the melody, based on raga Shivaranjini, was composed by a Czech man: Walter Kaufmann. He was the director of music at AIR and was one of the many Jewish refugees who found a haven in India from the Nazis. Kaufmann had arrived in India in February 1934 and ended up staying for 14 years. Within a few months of landing in Mumbai, Kaufmann founded the Bombay Chamber Music Society, which performed every Thursday at the Willingdon Gymkhana. At the performance pictured here, Kaufmann is at the piano, Edigio Verga is on cello and Mehta – the father of Zubin Mehta – is playing the violin. (Mehta is believed to be the violinist of the AIR tune too.)

Extern hier 0:46 Die Melodie erscheint – leicht persifliert – im Streichquartett Nr.11 wieder, s.u. Anfang Tr. IV.

Illustrierter Zeitungsbericht über diese Geschichte hier.

Über das Label CHANDOS hier (die folgende CD auch zu beziehen bei jpc). ARC bedeutet Artists of Royal Conservatory (Toronto, Canada).

! NEU ! 

Den hervorragenden Booklet-Text sollte man sich kopieren und vergrößern, damit er auch leicht zu lesen ist; denn es gibt viel zu lernen über die Zeit und diesen kreativen Menschen, der zur Nazizeit in Indien überleben konnte und aus dieser Begegnung das Beste überhaupt gemacht hat, was man in dieser Zeit als Musiker erreichen konnte. Zudem war er profund vorgebildet, da er in Berlin neben der Absolvierung verschiedenster praktisch-musikalischer Studiengänge auch bei dem Musikethnologen Curt Sachs in die Lehre gegangen ist. (Ich stelle mir vor, dass mein Vater beiden dort hätte begegnen können…)

Der vollständige Text umfasst über 8 Seiten. Autor: Symon Wynberg (deutsche Übersetzung: Bernd Müller).

(Fortsetzung folgt)

Königsdisziplin auf Abwegen?

Vor 10 Jahren Donaueschingen Thema Streichquartett

rekapituliert – ein praktischer Zugang (ein Arbeitsblatt)

HIER klicken, wenn Sie zum obigen Bild samt weiterführender Website stoßen wollen

Persönliche Zwischenbemerkung: Ich habe in die Überschrift „Königsdisziplin“ hineingesetzt, weil Armin Köhler selbst dieses Wort, bezogen auf das Thema Streichquartett, verwendet. Die Worte „auf Abwegen“ nicht in böser Absicht, sondern nur im Blick auf Leser, die sich durch Verfremdung der traditionellen musikalischen Werkzeuge erschrecken lassen (siehe z.B. die Geweihbögen im folgenden Screenshot). Wer aber die „Happenings“ der 60er Jahre erlebt hat und bis heute die „Konzeptkunst“, dürfte eigentlich durch nichts zu erschüttern sein (was auch schade ist). Ich werde am Ende dieses Artikels eine kleine Episode aus meiner Schulmusikprüfung 1965 erzählen, die zeigt, dass ich auch damals kein Freund devoter Denkungsart war.

Uraufführungen von Vinko Globokar und Bernhard Lang

Quardittiade (12:24) ab 0:35 A.Köhler /Arditti / Interpretationsvergleich Streichquartett Nr. 6 James Dillon : Arditti Quartet – Quatuor Diotima – JACK Quartet /  ab 1:31 A.K. breitbeinig / ab 2:13 Irvine Arditti: „Als ich das Arditti Quartet gründete gab es viel weniger Möglichkeiten – viel weniger Komp.stile. Heute kann jeder machen was er will. Er muss nicht Teil einer Wiener Schule oder dieser oder jener Schule sein. Ich glaube, das ist gut, weil es völlige Individualität erlaubt.“ ab 2:46 Kevin McFarland JACK Quartet: „Wegen Streichquartetten wie dem Arditti Quartet, die auf der Suche nach neuer Musik waren, ist die Gattung heute lebendig. Ansonsten wäre das ‚Streichquartett‘ heute wohl tot.“ ab 2:03 Arditti: „Unser Quartett ist  da, es ist offen. Es ist wie ein schnelles Auto oder ein Luxuswagen. Wir geben dem Komponisten die Schlüssel: ‚Fahr ihn – wie du willst – er gehört dir!'“ 3:19 „slap Schlag, Klaps + stick Stock Alan Hilario“ „Wir haben alle unser eigenes Ego, unsere eigenen Vorstellungen. Wenn einer von uns nur seinen Kopf durchsetzen würde, wäre es kein Streichquartett mehr.“ Ari Streisfeld JACK Quartet „Ich glaube, unser Streichquartett funktioniert so großartig, weil alle unsere Ideen einfließen und abgeglichen werden bis es JACKs Idee wird.“ Arditti „Musikalische Ideen werden von uns allen getroffen, nicht nur von mir. Das Quartett trägt meinen Namen, weil es anfangs gut klang.“ / ab 3:54 Franck Chevalier Quatuor Diotima „Wir versuchen so demokratisch wie möglich zu sein. Wir tragen die Verantwortung und haben keinen Leiter. Natürlich wäre es irgendwie leichter, wenn jemand seine Vorstellung aufzwängen würde“ – „und schneller“ „Aber wir glauben, dass es so vielfältiger ist.“ Naaman Sluchin Quatuor Diotima „Für uns ist es wichtig, all diese Prozesse zu durchlaufen.“ Arditti: „Alle Quartette sollen das machen, was für sie das Richtige ist. Vielleicht ist es für sie das Beste, keinen Leiter zu haben. Aber für uns war und ist das der Weg.“ / ab 4:35 (mit Bassklarinette) Del reflejo de la sombra Alberto Posadas / 5:03 A.K. „Wir sind der Meinung, dass das Streichquartett ein Labor ist, weil wir hier eine Reagenzglasfunktion vor uns finden. Nämlich alle Künstler haben die gleiche Voraussetzung: 4 homogene Instrumente, ein ganz nackter Satz, keiner der Komponisten kann sich hinter irgendwas verstecken, keiner kann Klangwolken und Ähnliches seinen Klängen ummanteln und – wie gesagt – das Skelett liegt frei.“ 5:41

Wikipedia: Armin Köhler hier Arditti Quartett hier

 Screenshot Übersicht

 Screenshot Arditti

(Fortsetzung folgt)

Die angekündigte Geschichte aus meiner Schulmusikprüfung in Köln 1965: da wurde ich quasi mit Augenzwinkern gefragt, wie ich einen Komponisten bezeichne, der verlangt, dass der Geiger sein Instrument mit sachfremden Techniken bearbeitet. Jeder wusste damals, was gemeint war. Ich war ratlos, und der Prüfer (Prof. Norbert Schneider, immerhin ein Kollege Stockhausens) half mir, indem er die Aufgabe löste: „Sie dürften ihn als einen Idioten bezeichnen.“ Worauf ich einwandte: „Das beträfe allerdings schon Bartók mit dem nach ihm benannten Pizzicato.“ Die Antwort brachte mir kein Lächeln ein.

Zeitverlust und Langeweile

Ein lästiges Thema

Davon gibt es viele: aber das eine mit seiner janusköpfigen Gestalt peinigt einen regelrecht bei der Konkretisierung. Man ist wach, aber nicht bei sich. Am besten lässt es sich vielleicht anhand des Telefonierens erläutern. Wie oft habe ich in früheren Zeiten diese meist dekonzentrierende Tätigkeit verflucht, sobald ich ungewollt hineingeraten bin. Selbst bei nahestehenden Personen: wenn das Gespräch sich in die Länge zieht und niemand ein Ende machen will oder kann; schon beim Suchen eines geschickten oder gar feinfühligen Abgangs macht man sich verdächtig. Meine Mutter war solch ein Fall, überhaupt mehr Frauen als Männer, obwohl es auch genügend Laberfritzen gab, die unendlich viel Zeit haben und diese vorwiegend zur Selbstdarstellung verbrauchen (in WDR-Zeiten gern mit der Prolongationsfloskel „wo ich Sie grad an der Strippe habe“). Aber nichts geht über weiblich gelenkte  Problemgespräche, deren lähmende Wirkung sich auf meiner Seite erheblich zu verschärfen schien, wenn man von der anderen Seite zugleich ein gemütliches Kaffeeschlürfen wahrnahm: das drohte also noch mindestens eine Kaffeelänge in Anspruch nehmen (am Ende „alles kalter Kaffee“). Meine Mutter allerdings konnte ihrerseits ein schnelles Ende machen, indem sie rief: „Es klingelt Sturm!“ Wenn wir ein andermal das gleiche versuchten und nach stiller Zeichengebung selbst bei uns an der Tür klingelten, half das nicht das geringste. Man hatte doch wohl die Minute Zeit, um z.B. noch „kurz“ übers Zigarettenrauchen reden. Das habe ich aber 1980 freiwillig aufgegeben (nach drei vergeblichen Versuchen). Neues Thema: warum hast du eigentlich so zugenommen? Ich kenne aber auch Beispiele (nein, nicht in meinem Umkreis!), wo auf beiden Seiten verstockt geschwiegen wurde, unendlich lang und ausweglos. Da ist die Liebe im Spiel. Man muss jung sein. Aber davon wollte ich hier nicht sprechen, das ist sowieso ein Problem jenseits des Whatsapp-Zeitalters, in dem sich ganz neue Druckmittel der Konversation entwickelt haben. Ach, es klickt schon wieder.

Foto: E.Reichow

Hat eine Schnecke etwa Langeweile?

Musik und Zeit, – das wird selten von der Seite ungewollter Rezeption untersucht, also etwa bei Schülervorspielen: Juroren bei „Jugend musiziert“ müsste man befragen, wie furchtbar die an sich gerechte Forderung „Das ganze Werk“ ihre Wirkung entfalten kann: nach 20 Sekunden eines Beethovensatzes weiß man, ob man ihn hören will oder lieber nicht, aber das Stück ist – sagen wir – unerbittliche 10 Minuten lang, und nichts kann quälender sein, als über eine solche Zeitspanne  hinweg einen milden Gesichtsausdruck aufrechtzuerhalten. Das Kind verspielt sich, bricht ab, und der Übervater ruft aus dem Hintergrund: „Nerven behalten! Nochmal von vorn!“ Aufs neue droht die maximale Summe von 10 Minuten. „Spiel das ruhig ohne Wiederholung!“

Ich habe neulich über dem Bilderbuch „Kunst in 30 Sekunden“ erschrocken innegehalten und viel kostbare Zeit verloren. Man täuscht sich, wenn man glaubt, solch ein Bild mit einem Blick von 5 Sekunden erfasst zu haben, – kenne ich es nicht seit Ewigkeiten? Das heißt aber: jetzt wirklich hinschauen, minimum 10 Minuten, es ist doch nicht weniger Kunst als ein Satz von Beethoven, und das jeweilige Werk hat beide Künstler mindesten die 100fache Zeit gekostet, ganz zu schweigen von den Jahren des langsam erworbenen künstlerischen Durchblicks.

Jetzt besitze ich das neue Saunders-Buch, und habe nach jeder Seite Lektüre aufs neue Lust (Offenheit und Neugier), ihre Musik zu hören. Man verliert Zeit nur, wenn man innerlich desorientiert ist, nicht bei sich.

(Auto-)Suggestion: Musik hören nach dem Muster des ernsthaften Spiels: Langsam üben. Ich sage nicht: intensiv, man muss nicht immer unter Strom stehen. Nur präsent sein, wie ein Rotwild (ich grinse), tonlich präsent zu sein ist schon viel. Den Bogen über die Saite ziehen, das ist eine große Tat. Nicht nur wie der Bogen in der Hand ruht, sondern wie die Finger auf die Saite fallen, mit spürbarem Eigengewicht.

Kunststück: nichts tun und sich nicht langweilen.

Man sagt: die Musik braucht Kommunikation. Aber sie lebt auch auf in Einsamkeit. Ohne falsche Hoffnungen. Kein Anruf, keine Mail als Ausweg. Magie der Vorstellung des wirklichen Solissimo-Spiels.

Seltsam, die Magie der Einsamkeit zu preisen und zur Bebilderung doch meistens lieber Zweiergruppen auszuwählen. Kein Wunder – ohne Musik!

Foto: Oliver Franke (web hier)

Verschwörung X

Kondensstreifen und anderer Zauber

Die folgenden Fotos habe ich im September 2019 in Südtirol gemacht, in diesem Jahr habe ich vergeblich Ausschau gehalten, – Corona hat den Flugbetrieb minimiert.

Ich hatte damals noch nicht davon gehört, dass sich auch Verschwörungstheoreriker dieses Phänomens annehmen, heute gab es mal wieder allerhand Aufklärung bei Lesch & Steffens, allerdings findet man im Fall der Kondensstreifen in einer anderen Quelle ein etwas anderes Ergebnis: HIER.

Ich will kein Misstrauen säen, aber etwas hat sich in den Sendungen der beiden Autoren verändert. Sie versuchen die Inhalte anders zu „verkaufen“, vermutlich im Bemühen um noch größere Volksnähe, sie inszenieren sich, bemühen sich in kurzen Dialogen als Selbstdarsteller. Unnötig. Schon glaubt man ihnen nicht mehr aufs Wort und schaut zur Kontrolle – ins Internet. (Nein, Quatsch!) Die Forscherin Giulia Silberberger (ab 17:30) blieb natürlich, Pluspunkt, dass sie beiläufig ihre private Erfahrung mit Zeugen Jehovas einbrachte. (Unter Verschwörern werden Neulinge mit Liebe überschüttet, Zweifler mit „hate bombing“. Ich denke zurück an unsere Begegnung am Völser Weiher hier . Die eigene Anfälligkeit für wirre Fakten, wenn die Übermittlerinnen „nett“ sind, aus Ostberlin kommen und Angst haben.

Gestern sah ich ein Buch ihres Vordenkers Sucharit Bhakdi als Nr.1 Sachbuch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste). Ein anderes (von Harari) würde ich sofort kaufen; es ist nicht etwa schlecht, weil es auf dieser Liste steht. Ansonsten sehr aufschlussreich auch die Reaktionen der Zuschauer im Anhang des obigen Youtube-Videos. Viele „überlegene“, leicht gönnerhafte Konsumenten. (Extern hier)

*     *     *

Heute Lektüre beendet: Charles Taylor. „Multikulturalismus und die Kultur der Anerkennung“. Hervorragend! Problematik der Rechtslage von Minderheiten auch in vernünftigen Demokratien. Einleuchtendes Beispiel Kanada (Quebec). Man ist begierig die anschließenden, im Buch abgedruckten Kommentare zu lesen. Und am Ende Jürgen Habermas. Siehe hier „Mensch und Menge“. Und nochmals – eingedenk der Anregung – Süddeutsche Zeitung / Thomas Steinfeld vom 23. September.

Nachtrag 22.10.2020

Zitat aus dem abschließenden Essay des Taylor-Buches von Jürgen Habermas (S.149):

Juristen haben den Vorzug, normative Fragen im Hinblick auf Fälle zu diskutieren, die zur Beschlußfassung anstehen; sie denken anwendungsorientiert. Philosophen entziehen sich diesem dezisionistischen Druck; als Zeitgenossen klassischer Gedanken, die sich über mehr als zweitausend Jahre erstrecken, verstehen sie sich ungeniert als Teilnehmer am ewigen Gespräch. Um so mehr fasziniert es, wenn dann doch einmal einer wie Charles Taylor versucht, seine Zeit in Gedanken zu fassen und philosophische Einsichten für politisch drängende Fragen des Tages fruchtbar zu machen. Sein Essay ist ein ebenso seltenes wie brillantes Beispiel dieser Art, obwohl (oder besser: weil) er nicht die modischen Pfade einer „angewandten Ethik“ beschreitet.

Kapitelüberschrift: Immigration, Staatsbürgerschaft und nationale Identität.

 

Aus dem Kommentar von Michael Walter (Seite 93) stammt die zusammenfassende Beschreibung der zwei Liberalismus-Formen:

Meine Frage gilt den beiden Arten von Liberalismus, die Taylor beschrieben hat und die ich hier noch einmal kurz skizzieren möchte. Die erste Art von Liberalismus („Liberalismus 1“) setzt sich so nachdrücklich wie möglich für die Rechte des Einzelnen ein und, gleichsam als logische Folge hiervon, auch für einen streng neutralen Staat, also für einen Staat ohne eigene kulturelle oder religiöse Projekte, ja sogar ohne irgendwelche kollektiven Ziele, die über die Wahrung der persönlichen Freiheit und körperlichen Unversehrtheit, des Wohlergehens und der Sicherheit seiner Bürger hinausgingen. Die zweite Art von Liberalismus („Liberalismus 2“) läßt zu, daß sich ein Staat für den Fortbestand und das Gedeihen einer bestimmten Nation, Kultur oder Religion oder einer (begrenzten) Anzahl von Nationen, Kulturen und Religionen einsetzt – solange die Grundrechte jener Bürger geschützt sind, die sich in anderer Weise (oder gar nicht) engagiert oder gebunden fühlen.

Taylor gibt der zweiten Art von Liberalismus den Vorzug, auch wenn er diese Wahl in seinem Essay nicht ausführlich begründet. Man muß beachten, daß der Liberalismus 2 permissiv und nicht in jeder Beziehung festgelegt ist: Liberale der zweiten Art, so schreibt Taylor, „sind bereit, die Wichtigkeit bestimmter Formen der Gleichbehandlung abzuwägen [ohne dabei irgendwelche Grundrechte in Frage zu stellen] gegen die Wichtigkeit des Überlebens einer Kultur, und sie entscheiden dabei bisweilen [Hervorhebung von mir] zugunsten der letzteren“. Dies bedeutet offenbar, daß Liberale der zweiten Art sich manchmal auch für den Liberalismus der ersten Art entscheiden. Der Liberalismus 2 hält sich verschiedene Optionen offen, und eine von ihnen ist der Liberalismus 1.

Das scheint mir richtig zu sein. (…)

[Taylor] würde, so vermute ich, die Ausnahme machen, die die Bewohner von Quebec verlangen: er würde Quabec als „eine Gesellschaft mit besonderem Charakter“ anerkennen und zulassen, daß sich die Provinzregierung für den Liberalismus 2 entscheidet und dann (innerhalb bestimmter Grenzen: sie kann Plakatwerbung in französischer Sprache verlangen, aber sie kann englische Zeitungen nicht verbieten) im Sinne der Bewahrung der französischen Kultur aktiv wird. Aber genau das bedeutet ja eine Ausnahme machen; die kanadische Bundesregierung würde sich das Projekt von Quebec oder ein anderes ähnliches Projekt nicht zu eigen machen. Gegenüber allen ethnischen Gruppen und Religionen in Kanada bleibt sie neutral; sie verteidigt also einen Liberalismus der ersten Art.

Ich habe so ausführlich zitiert, weil ich eine andere Form des Sonderweges im Sinn habe, die mich anhand einer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt: Prinzip „Breton Girl“ Folk mit impliziter Ideologie dessen, was schottisch ist, Cape Breton, Nova Scotia. (JR)

Vormerken (Weihnachten)

Warum nicht?

Etwas zu hören, zu genießen – und zu denken.

Die Choräle gehören zu den schönsten, die es gibt. Und sie sind schöner gesungen denn je!

Aber glauben Sie nicht, dass ich Ihnen „in dieser schweren Zeit“ ein eher jenseitsgerichtetes Denken empfehle. Denn diese Form der harmonischen Disziplinierung macht uns keineswegs unempfänglich für das andere Ende der Skala, z.B. die ungehobelten, wilden Klänge des Balkans, und wenn es sein muss, verweise ich auf einen Blogbeitrag, der nach wie vor gilt und dazu anregt, das scheinbar Unvereinbare zusammenzudenken. Hier ! Es gibt auch ein Lied dort, das ich nicht ohne Tränen hören kann, was mir aber genauso bei einigen Chorälen passieren kann, die mich in das Umfeld des Weihnachtsoratoriums oder der Passionen von Bach versetzen. So ähnlich denke ich auch an die Außenbezirke von Skopje zurück. Die Welt ist keineswegs in Ordnung, so wie sie ist und wie sie war.

 .    .    .    .    .

Es ist nicht ganz leicht, diese CD zu entdecken. Und wenn Sie hier ⇑ das Impressum anklicken, wissen Sie, warum ich früher darauf komme als mancher andere inhaltlich interessierte Mensch. Ich bin also befangen. Und ich denke bei der Empfehlung nicht unbedingt an die potentiellen Kirchgänger, die jetzt ihren einzigen Gottesdienstbesuch im Jahr durch Corona gefährdet sehen. Sondern eher an säkular gesonnene, bedachtsame Menschen, die sich in einer nie so erlebten, bedrängten Zeit vorfinden und bereit sind, sich durch wundersame Klänge über das Nächstliegende erheben, mit dem Unbegreifbaren verbinden zu lassen.

Auf jpc kann man schon reinhören, zu kaufen gibt es die Aufnahme erst ab 6. November. HIER

Achtung: die von mir auf Verdacht bestellten Exemplare sind schon heute (19. Oktober) bei mir eingetroffen.

Solissimo

Reflexion über eine Bach-Wendung

Ich beziehe mich auf den vorigen Artikel zum gleichen Thema, nämlich zum Adagio der Sonata C-dur BWV 1005 hier , und ich werde mich dabei für immer an den Anblick des Bergmassivs erinnern, das ich beim Blick aus dem Fenster oft in seltsamer Verfärbung oder im Nebeldunst wahrnahm, voller Zuversicht, dass ich dort auch noch das Geheimnis der Takte erfassen würde, die mir unablässig durch den Kopf gingen. Fehlanzeige. Ich habe sie in Ermangelung meines Scanners mit dem Handy herausgepickt, das crescendo-Zeichen habe ich übrigens nicht etwa eingezeichnet, weil ich es notwendig finde, sondern nur weil ich mich daran erinnern wollte, dass Hilary Hahn es realisiert und zwar – wie ich meinte – aus genau dem Grund, der mich in den Tönen ein Rätsel sehen lässt:

Und hier folgt der etwas erweitert wiedergegebene Zusammenhang: es handelt sich also um die Takte 37/38. Sie scheinen mir etwas zu sagen, was ich nicht verstehe, nicht deuten kann, wobei ich mich nicht zu der Ausrede bewegen lassen will: darin zeigt sich eben wieder einmal das Wesen der Musik, dass sie etwas sagt, was man in Worten nicht bezeichnen kann. Ich gebe ja zu, es ist eher eine Geste, ein Augenaufschlag. Oder etwas, was ich aus der Musik kenne, aber hier nicht explizit höre, sondern als Anspielung. Sie schaut mich an, als müsse ich es verstehen. Und das greift mir ans Herz.

Erinnerung an Campra,1973, mit La Petite Bande unter Gustav Leonhardt (und Sigiswald Kuijken!), aufgenommen im Cedernsaal Schloss Kirchheim:

Es war die Anmut dieser Auftaktbewegung mit dem Sprung der kleinen Sexte abwärts. Die Vorstellung einer friedlichen Landschaft, das Wort amoen hätte ich beschworen (statt paisible). Die französische Spielweise, die wir damals entdeckten. Die „unpassende“ Assoziation des Galanten bei punktierten („inegalen“) Rhythmen…

Gewiss, es handelt sich um eine andere Tonart (e-moll) und um ein anderes Intervall im Sprung abwärts. Ich denke aber auch an die unterschiedlichen Möglichkeiten, ein Rezitativ abzuschließen – und offenzuhalten (in der Abschlusskadenz). Zum Beispiel stelle ich mir den Satz „sprachen die Hirten untereinander“ Im Weihnachtsoratorium (WO) eine Oktave höher vor und als Abschluss nicht a“-e“, sondern e“-e“ (auch das gibt es ja gelegentlich in Rezitativen), so dass eine gewisse Ähnlichkeit mit Bachs Adagio-Taktübergang von 37 auf 38 gegeben wäre; die dem Continuo-Abschluss entsprechende Kadenzwendung wäre in Takt 39 gegeben.

 WO Nr.25

Im folgenden Beispiel schaue man mit etwas Phantasie auf die Wendung des Solo-Bassgesangs: „nimm mich zu dir!“ (auch wegen des harmonischen Changierens zwischen Moll und Dur).

WO Nr.38

Dieses und anderes im Sinn, bitte ich um Vergebung für die folgende Variante der Adagio-Takte, – als hätte ich im Sinn, sie der Stringenz zuliebe kürzer zu fassen und auf die unnötige Dehnung der Sequenz nach dem gewichtigen G-dur-Akkord Takt 34 zu verzichten und weiteres mehr. Ich verstehe jedenfalls: Bach will auf eine Art Reprise in C-dur hinaus, um quasi wirklich abzuschließen… (Ich kann mich nicht völlig dumm stellen und sagen: warum ist er nicht zufrieden mit dem wieder erreichten G-dur? nur deswegen muss er doch am Ende des Satzes noch einmal nach G modulieren, um das Tor zur Fuge aufzuschieben, die mit dem Ton G beginnt.)

Ein Versuch (beginnt im letzten Takt der gedruckten ersten Zeile):

Ist das nicht ganz ordentlich – als eine Schülerarbeit? Die Aufgabe wäre gewesen:  komponieren Sie einen Schluss, der weniger sophisticated ist als die Version von Streber Johann Sebastian…

Aber jetzt wäre – ohne Spaß – meine Aufgabe: zu zeigen, warum es keinesfalls genügen konnte, auf diese Weise zu einem logischen Abschluss (mit Überleitung) zu kommen. Obwohl ich glaube, dass 90% aller Musikkenner – wenn sie das Original nicht kennten – beim bloßen Hören mit dieser Fassung völlig zufrieden wären.

(Fortsetzung folgt)