Kategorie-Archiv: Philosophie

Das Wort „Idealismus“

. . . korrigieren?

Siehe zunächst bitte hier (zum wiederholten Male): HIER

Ist es wirklich ein Problem (gewesen)?

Im Falle JA oder NEIN – heute jedenfalls dies:

Frage vorweg: Wer ist denn unter den Giganten – Karl (Carl) Leonhard Reinhold? Siehe hier.

 

Pflichtlektüre (freiwillig)

Gerade dort, wo sich bei der Lektüre des vorliegenden Bandes Kritik (Kritik?) anmeldete, begann ich zu verstehen, worum es sich letztlich handelte, und fast hätte ich mit Spott reagiert: Aber das habe ich doch längst gewusst! Das Wort „Cartesius“ allerdings, das ich vor vielen Jahren in ein Buch über die „Drei Kritiken“ [Kants] geschrieben habe, zeigte mir, dass ich den wesentlichen Punkt nicht deutlich erfasst hatte, nur das, was das „ego“ betraf, bzw. den altbekannten (auch nicht ganz verstandenen) Satz „Cogito ergo sum“ (Descartes), in dem auch noch das „ego“ nur in versteckter Form enthalten ist. (Natürlich nicht im ergo, sondern im cogito und im sum.)

Kants Originaltext, leicht verständlich. Aus diesen beiden Seiten geht allerdings auch hervor, dass ich die Seiten davor und danach ebenfalls wiedergeben sollte. Aber ich will nicht meinen Anlass vergessen, der im neuen Buch (Vieweg s.o.) gegeben war. Als wesentlich erschien mir dort, zunächst den „Satz vom zureichenden Grund“ umfassend erfasst zu haben, mit andern Worten: seinen Umfang deutlicher zu ahnen – mich zu erinnern, dass ich schon vor Jahren Schopenhauers Schrift zu diesem Thema gelesen habe. Und zwar zum zweiten Male, das erste Mal war ich steckengeblieben. Die zwei Bände hatte ich in der Brocken-Sammlung Bethel (Pflicht-Besuch) am 6.10.1956 für 0,75 DM erstanden, und der uns begleitende Religionslehrer Gutberlet sagte (herablassend): „Richtig, Reichow, mit Schopenhauer fängt man an.“ Heute erinnere ich mich in erster Linie an einen Urlaub in der Normandie. Zweit-Lektüre. War das vor oder nach 2000?

siehe heute auch Wikipedia hier

Die betreffende Seite bei „Vieweg / Kant“, der Artikel stammt von Andrea Marlen Esser (Jena):

Neu entdeckt: Rudolf Eucken (1908) in Buxtehude 2018

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Sprung

Schräges Feuilleton

DIE ZEIT Seite 40 WISSEN  22.12.21

Ich bin nicht so glücklich, wenn die ZEIT Musikthemen behandelt, weil allzu selten, und dann mit Vorliebe zu Pop-Größen. Oder die Musikjournalistin Christine Lemke-Matwey hat wieder einmal das Wort, durchaus interessant, aber zweimal in einer einzigen Ausgabe wie heute – das sieht nicht nach Vielfalt aus.  Ihr Tagebuch zum „Boosterglück“ spare ich mir, die ausführlich behandelte „Ausbrecherin“ Elisabeth Kulman (Seite 57) erträgt nur mit Vergügen, wer vorher live mindestens dies hier geliebt hat. Weitergeblättert also. Doch wenn es um die Musik im Großen und Ganzen geht, erscheint unter der Rubrik Musikwissenschaft ein anerkannter Nicht-Fachmann, der zweifellos vielseitige „Stimmt-das?“-Autor Christoph Drösser, – warum nur? Weihnachten ist nahe, und „Schräge Töne“ passen offensichtlich ganz gut zum Artikel auf der gegenüberliegenden Seite, wo die Kantorin Barbara Fischer über die Kraft des gemeinsamen Singens und »O du fröhliche« in der Pandemie spricht. Vor mehr als einem Jahrzehnt gab es schon mal heftigen Widerspruch aus dem Lager der Neuen Musik, die nach Drösser nicht massentauglich ist, und dann kam auch noch das passende Buch heraus:

2009 Rowohlt ISBN 978 3 498 01328 8

Und heute wieder dieselben Themen, dazu als ethnischer Blickfang – um nicht wieder einmal mit den Knochenflöten der Schwäbischen Alb anzufangen – die wilden Querflöten vom Mount Hagen Sing Sing Festival in Papua Neuguinea – und der provokative Hinweis auf den angeblichen Streit der Forscher, wozu Musik eigentlich gut sei. Schließlich wird zum Glück Melanie Wald-Fuhrmann genannt, s.a. hier, und ganz am Ende gibt es das geradezu kathartische Fazit: ein Defizit. Worin mag es bestehen?

Der Forscherstreit ist also noch lange nicht entschieden. Helfen könnten dabei musikethnologische Studien, denn immer noch wird die Debatte geprägt von einem sehr westlichen Musikverständnis, das Musik als »von Menschen organisierter Klang« auffasst. In anderen Kulturen werde nicht zwischen Klang und Bewegung unterschieden, dort sei Musik ein ganzheitliches, auch körperliches Erlebnis, sagt Melanie Wald-Fuhrmann vom MPI [hier]. Auf dieses Defizit immerhin können sich inzwischen alle beteiligten Wissenschaftler einigen.

Siehe auch ZEIT online (hinter Bezahlschranke) hier. Über Forscherstreit – eine angebliche „Kakofonie der Wissenschaft“ siehe – im Pandemie-Zusammenhang – Christian Drosten, zitiert in diesem Blog am Ende des folgenden Artikels: Corona Bedenken!

Wie wäre es, zuerst dies zu verstehen:

Was ist „Humanly Organized Sound“ ? – mit dem Ausblick auf „Soundly Organized Humanity“ …

1973

Ich kann gar nicht ausdrücken, wie genial ich das Konzept finde, das hinter einer Abbildung steckt wie der folgenden. Genial die Menschen, die es in Musik leben, und genial der Mensch, der es uns plausibel macht. Am Ende ist es aber gar nicht genial, sondern einfach – menschlich:

Beispiel auf Seite 29

Eins, zwei, viele?

Mein vorläufiger Kommentar

Ein Orchester kann bedeuten: eine Menge, die von Einem geführt und instrumentalisiert wird, oder: die angeleitet wird zusammenzuwirken, sich auf allen Ebenen zu ergänzen, damit sind symbolisch Millionen gemeint und von Liebe, Mut, Widerstand, gemeinsamer Freude ist die Rede. Es ist mehrdeutig, einer kann – auf unterschiedliche Art – alles auf sich beziehen (Ludwig XIV, Napoleon, Mozart, Beethoven, Wagner) oder: alle Mitwirkenden oder Zuhörenden können sich gleich wichtig finden, (Individuen in einer Gemeinschaft). Oder – angefangen mit einer Dreiergruppe – jeder kann einen Rhythmus vorgeben, sie können gemeinsam den gleichen Rhythmus produzieren, oder: sie können ihn kooperierend auf drei verteilen, so dass sich ein komplexeres Gefüge ergibt: nicht als hörbare Klanggestalt, sondern als spürbarer Sinngehalt.

Unvorhergesehen!

Ex improviso – ein Lob der Ungewissheit

Ein so handliches Buch kann man unmöglich bis Weihnachten unangerührt lassen, ein Muss für alle Musiker/innen. Oder ganz allgemein: für Menschen? Selbst wenn sich durch Monate mangelnder Initiativen einiges an Frust und Kritikbereitschaft angesammelt hat: nichts kann willkommener  sein, als ein Angebot zur Improvisation, auch ohne Publikum, ohne Schaubühne. Gerade in dieser Zeit: Ein neues offeneres Leben beginnen. Nein, keine Anleitung, Gottseidank, – ein Angebot darüber nachzudenken. Sich in der Ungewissheit einzurichten…

ISBN 978-3-15-014164-9 Euro 6,00

Das Stichwort Fußball gefällt mir – auch im Blick auf Sohn und Enkel/in…

Zur Abwechslung lieber etwas hören (als lesen)? Bitte HIER (Radio Ö1)

Den vorgelesenen Text findet man in dem Kapitel „Das improvisierende Gewohnheitstier“ S.67 bis 74.

So froh gestimmt ich im Gesamttext herumstöbere und überall Anlass finde, mich festzulesen und den Anregungen zu folgen, so stocke ich doch, ehrlich gesagt, bei der strikteren linearen Lektüre und zwar gleich am Anfang des Büchleins: über das Gendern. Da geht es um das platonische Höhlengleichnis: demnach sei unsere Existenz umgeben von flackernden Schatten, die da vor den Höhlenbewohner*innen an die Wand geworfen werden (Seite 10), was mich sofort veranlasst nachzuschauen, ob Platon (oder seine Dollmetscher*innen) tatsächlich das gedachte menschliche „Publikum“ so ultramodern differenziert hat (haben). Oder ob hier bereits improvisiert bzw. paraphrasiert wird, so wie auf der nächsten Seite mit den Chirurg*innen. Nein, Plato variiert zwar in engen Grenzen, er spricht von „Gefangenen“ oder „Menschen“, wollte uns aber ganz gewiss nicht in vordergründige Diskussionen verstricken.

Ich hätte vielleicht einfacher begonnen, etwa bei dem lateinischen Spruch „variatio delectat“, aber wenn es nun derart streng zugehen soll, repetiere ich zunächst einmal die Deutung des Höhlengleichnisses bei Wikipedia hier. Ob der Mensch etwa, wenn er über einem ostinaten Grundbass Variationen entfaltet, in Wahrheit erkundet, wie er sich dabei an Bestimmungen zu halten vermag, die ihm Sicherheit geben. Oder eher Vergnügen? Freiheit? Und konstatiere bei mir selbst womöglich ein bürgerliches Sicherheitsdenken, das in der Kunst wenig zu suchen hat. „Ein Lob der Ungewissheit“ – zweifellos brauche ich dafür vor allem Geduld.

Ziemlich irritierend schon auf den Seiten 32/34, wenn davon die Rede ist, dass nur ein winziges Publikum das »Köln Concert« von Keith Jarrett am 24. Januar 1975 live in der Oper Köln erlebt hat, dass es dann auf der nächsten Seite heißt: „Niemand, der in der Kölner Philharmonie zugegen war, und niemand, der die Musik von der Aufzeichnung her kennt“ – (Eröffnung der Philharmonie bekanntlich 1986).

(Fortsetzung folgt – nach weiterer Lektüre)

Geduld! Nach einem Tag Lektüre weiß ich, wie dehnbar der Begriff „Improvisieren“ ist, die Musik fehlt mir immer mehr. Ein großartiger Effekt, – keine improvisierten Sprengkörper mehr, keine improvisierenden Chirurginnen, keine verfehlte Klimapolitik, aber viele nützliche Anregungen zum Weiterdenken, z.B. eine neue Orientierung an den zum Jazz führenden Links – und an den wenigen, hier ausgesparten Klassikern des Nachdenkens über Improvisation, z.B. den, auf den Georg Knepler schon 1969 hinwies, als der Jazz offenbar noch nicht zur Debatte stand, Ernst Ferand: Die Improvisation in der Musik / Eine entwicklungsgeschichtliche und psychologische Untersuchung / Rhein-Verlag Zürich 1938:

Ich werde dazu einen Extra-Artikel versuchen, übend und mit Bangen improvisierend. Und was für eine Herausforderung wäre es erst, die ausgefeilte Methodik der indischen Improvisation darzustellen, absolute Voraussetzung: „Riaz“ – die strenge Disziplin des Übens. Eine globale Welt der Improvisation, angedeutet in den wenigen Zeilen:

Entscheiden Sie doch bitte: was ist im folgenden wunderbaren Beispiel komponiert, was improvisiert?

Zurück zum Jazz: Im Anmerkungsteil des Büchleins findet man auf der ersten Seite zwei unglaubliche Webadressen: ein Wunderland der sichtbar gemachten Musik, Transkriptionen und der klingenden Beispiele. Eine Datensammlung „von knapp 500 digital gespeicherten, monophonen Soli. Sie lassen sich online auf ihre Strukturen hin analysieren.“ Zitat Anmerkung 3. / Hier ein winziger Einblick:

Zugang hier

Die zweite Web-Adresse ist für Laien (wie mich) vielleicht noch aufregender: eine Liste von tausend Jazz-Standards zum Sehen, Hören, Lernen. Ein sensationeller Zugang, eine Verlockung, ein Suchtmittel, ich finde keine Worte für ein solches Angebot!

Zugang hier Zugang hier

Mit einem Schlag ändert sich mein Blick auf dieses unscheinbare Reclam-Heft: was mag mir noch entgangen sein, an diesem Tag und in meinem bisherigen Leben? Kaum zu glauben: 6 € für eine Essaysammlung und den Gratis-Zugang zu zwei Schatzkammern der Jazz-Geschichte!

*    *    *

Ja, noch etwas liegt mir am Herzen (seit gestern Mittag 18. Dezenber bei Mamma Rosa): eine schmale, aber gewichtige, hinreißend geschriebene Monographie über den Pianisten Walter Gieseking. Sie stammt aus der Feder eines ehemaligen Kollegen (Redakteur im WDR und SWR):  Rainer Peters. Und wie spannend er zu erzählen weiß, habe ich nicht nur bei vielen gemeinsamen Eisenbahnfahrten zum Arbeitsplatz in Köln genossen, sondern auch in seinen Moderationen zur Neuen Musik oder in den glänzenden Essays zur Einführung der Bartók-Kammermusik-Reihe im WDR-Funkhaus. Seine wissenschaftliche Akribie bewies er in geradezu gewaltigen Werken über den Komponisten Bernd Alois Zimmermann (siehe hier und hier). Rainer Peters wusste ALLES über die Geschichte der Neuen Musik, Lieblingsthema damals die Wiener Schule und ganz besonders: Alban Berg. Das Buch von Soma Morgenstern war gerade herausgekommen. Und heute – in einem weiten Sprung zurück, lange vor Beginn unseres Studiums und der gemeinsamen Arbeit in Köln – erinnert er mich an die Erschütterung, die der Tod Giesekings 1956 bei meinem Vater auslöste. In dessen Bücherschrank hatte ich damals gerade die unauffällige Schrift über die Methode Leimer-Gieseking entdeckt, um dann – auf ein Wunder hoffend – mit Bachs E-dur-Stück eine Probe aufs Exempel zu versuchen: leider strandete ich auf ganzer Linie, aber immerhin: die ersten Takte sitzen bis heute, und zwar im Kopf, nicht unbedingt in den Fingern. Ich ahnte allerdings, dass dem Gedächtnisgenie Gieseking nicht mit einer bestimmten Lehrmethode beizukommen war…

(bitte anklicken)

1953 (ist das nicht  James Dean? was hat er dort zu suchen? „auch das Schöne muss sterben „…)

Das Buch von Rainer Peters umfasst auch eine wunderbare Auswahl alter Fotos und endet ebenfalls mit James Dean: er sitzt gemeinsam mit Gieseking am Klavier, beide habe je eine Hand auf den Tasten und wenden sich einer fröhlichen Runde zu, – wenn man den mit Gläsern und Flaschen bedeckten Tisch im Vordergrund so deuten kann. In der Tat, es ist wohl derselbe Gästetisch, den man oben auf dem Youtube-Video in der Gegenrichtung sieht, mit den beiden Protagonisten vor oder nach der pianistischen Kollaboration.

Ich möchte mich von diesem Thema nicht trennen, ohne Ihnen einen Blick in das Verlagsprogramm zu bieten, in dem allerhand musikalische Kostbarkeiten dieser Art versammelt sind: HIER.

Coccia lesen

Auf die Gefahr hin, echte Philosophen zu langweilen

Immer wieder bemerke ich, dass die Grundlagen fehlen, und trotzdem mache ich weiter, als könne einem das nichts anhaben. Ich habe schon mal gedacht, dass es sich bei anderen auch so verhält, z.B. in der Neuen Musik. Man kann, wenn man diesen Zirkeln angehört, über alles mitreden, ohne etwa zu wissen, ob „Fuge“ eine Form oder eine Technik ist. – Doch Zweifel beiseite: ich bemerke, bei Emanuele Coccia einfach weitergelesen zu haben, obwohl ich früh an einem Punkt angelangt war, wo ich hätte insistieren müssen. Ich habe es sogar rot unterstrichen. Nebenbei habe ich mich noch lustig gemacht über mich selbst, weil ich immer wieder die Überschrift prüfte: „Internationale Spezies“, – steht das wirklich da? – um mich sogleich nachsichtig zu korrigieren. Es war wie bei dem Griechisch-Professor, der immer  „Agamemmnon“ las, wenn da stand: „Angenommen“, nicht wahr? Oder bei mir und bei Ihnen, wenn wir einen Moment lang verunsichert sind, mit wieviel M der Name nun wirklich geschrieben wird.

Dies ist doch nur ein erster Schritt, lies weiter!

Mich beeindruckte zwar die Metapher von „jenen kleinen, durch die Luft flatternden Bildern“, die wohl von René Descartes stammt, deshalb wusste ich aber noch lange nicht, was ich unter diesen species intentionales (espèces intentionnalles) verstehen sollte und fragte auch nicht groß, weil schon die Worte vom  „scheinbar unbedeutenden Gestus“ im Raum standen. Was für ein Denkfehler!

Heute endlich kam ich auf die Idee, mich mit Descartes‘ ironischer Bemerkung nicht abzufinden. Worauf bezog sich das denn? Etwa genau auf jenen Fehler, den ich täglich begehe und gerade schon wieder?

Oder war es mir schon längst aufgegangen? Und wieder entfallen? Wie das tägliche Leben so spielt. Ich werde jetzt alle selbstverantworteten Coccia-Artikel auflisten und nachlesen. Und nacherzählen können wollen, wenn ich aufgefordert werde: „Sagen Sie’s mit noch eigeneren Worten.“ „Gestehen Sie die immer mehr zutage tretenden Schwächen.“

[ 3. Februar 2021 Das Bild der Welt ] nein, früher!

21. Mai 2020 Rückbesinnung

7.Juni 2020 Sinnenleben oder: die Entdeckung des Spiegels

1. Juli 2020 Mond und Spiegel

8. Juli 2020 Weiteres vom Ich im Spiegel

Es ist noch nicht alles, aber es reicht erstmal, wenn ich nur anknüpfen will.

Also: als Ergänzung  jetzt dies hier, – HIER  -, ja, es ist unvermeidlich und gedanklich befreiend, mehr als jedes Gebet um fremde Hilfe, Hilfe von oben, vom Internet! Zweifellos eine fremde Hilfe, dieses Ding namens Zeno. Ich zitiere den Anfang, der vielleicht zur weiteren Lektüre lockt:

Species intentionales (sensibiles und intelligibiles) sind besonders nach scholastischer Lehre Formen, Bilder, die von den Gegenständen sich ablösen, die Luft passieren (»per aërem volitant«) in das »sensorium commune« (s. d.) des Wahrnehmenden dringen (»species impressae«) und die Seele zur Production der Wahrnehmung (als »species expressae«) veranlassen, so daß die Seele die Dinge nicht unmittelbar, sondern durch Vermittlung ihrer »species« (die nicht selbst Erkenntnisobject sind, den Objecten aber qualitativ gleichen) erkennt, wahrnimmt. Es werden »species sensibiles« (WahrnehmungsSpecies) und »species intelligibiles« (Denk-Species) angenommen. Diese Lehre ist ein Product der (nicht recht verstandenen) Aristotelischen mit der Demokritischen Wahrnehmungstheorie (s. d.).

Hinter der fremden Hilfe namens Zeno verbirgt sich nichts anderes als das „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler (Berlin 1999, neu bearbeitet 1904). Er ist der Vater des Komponisten Hanns Eisler. Näheres über ihn, den Vater, bei Wikipedia (hier).

Aber leicht ist das nun auch wieder nicht. Maja Beckers hat es in ZEIT online schön verkürzt:

Wiederbeleben will Coccia das Sinnliche mit einer originellen These. Es habe eine eigene Existenz, die weder in den wahrgenommenen Dingen noch in dem wahrnehmenden Subjekt liegt, sondern dazwischen, in einem eigenen Raum. So wie das Spiegelbild dort existiert, wo weder das sich spiegelnde Objekt noch der Betrachter sich befinden.

Die Idee, dass das Sinnliche in Zwischenräumen existiert, den espèces intentionelles, war im Mittelalter populär – bis René Descartes sie abschaffte und damit den Geist von „jenen kleinen, durch die Luft flatternden Bildern“ erlöste, wie er meinte. Jetzt gab es nur noch Subjekt und Objekt und dazwischen nichts, und diese Trennung machte den Weg frei für die Idee eines von seiner Umwelt unabhängigen Individuums, ein Gründungsmythos der Moderne. Deshalb ist es ziemlich gewagt, wenn Coccia diese alte Idee wieder hervorholt.

Wohin führt uns alldies bei Emanuele Coccia? Ich memoriere schon auf der übernächsten Seite folgendes (das Wort von dem cartesianischen Trilemma* hinnehmend) :

Ich glaube, wir betreten damit „Das Reich des Sinnlichen“ (Kapitel IV) s.u.

*Zum Trilemma: ich fand den Münchhausen-Artikel vorläufig hilfreich. Aber zur Einführung in die Problematik habe ich mir jetzt eine tüchtige Arbeit vorgemerkt, die ich bis auf weiteres hier verlinke. (Stichwort s.o. „Grundlagen“ / in diesem Fall bei Scotus).

ISBN 978-3-446-26572-1

Ich muss noch etwas zitieren, wieder Coccia a.a.O., wo er Descartes zitiert:

Die Existenz des Menschen an sich reicht aus, um die Existenz und Funktionsweise der Empfindung zu erklären – »nämlich genau so wenig wie irgendetwas aus den Körpern, die ein Blinder empfindet, austritt und seinen Stock entlang auf seine Hand übergeht, und daß der Widerstand  oder die Bewegung dieser Körper, die die einzige Ursache der Empfindungen ist, die er von ihnen hat, irgendwie den Ideen ähnlich ist, durch die er sie auffaßt.«

Muss es heißen: „… reicht nicht aus, um…“? Verstehe ich das vielleicht besser, wenn ich auch den Satz davor durchdacht habe?

*Denken und Verstandesleben, Empfinden und Sinnenleben lassen sich, mit Descartes gesprochen, nur ausgehend vom Subjekt erklären: »Demzufolge besteht für Sie weder Anlaß, es als nötig zu beurteilen, daß irgendetwas Materielles von den Objekten bis zu unseren Augen übergeht, um uns Farben und Licht sehen zu lassen, noch, daß es in diesen Objekten irgendetwas gibt, das unseren Ideen oder Empfindungen von ihnen ähnlich sei.«

Und zurück zum Satz vorher:

Das ist noch nicht das Ende, – aber ich muss noch etwas früher beginnen: Coccia geht davon aus, dass

alle anerkannten Denker unter dem Banner der Moderne in den Kreuzzug gegen eine Meinung verwickelt [wurden], die Thomas Hobbes als »schlimmer als irgendein Paradoxon, da sie eine einfache Unmöglichkeit ist«, beschrieb. Es komme nicht von ungefähr, dass die Philosophie der Moderne alle ihre je eigene Theorie der Wahrheit mit der Bekräftigung einleiten mussten: »Meiner Meinung nach ist es gar nicht wahrscheinlich, daß die Körper Bilder oder ihnen ähnliche Arten [species] aus sich hervorgehen lassen sollten«, wie Malebranche in seiner Recherche de la vérité (dt.: Von der Wahrheit…).

Die Gründe für diese Einmütigkeit sind nicht schwer zu verstehen. Dadurch, dass man eine vermeintliche erkenntnis-theoretische Einzelheit genauer bestimmt, wird es möglich, ein autonomes Subjekt zu denken, das von der Welt und den Dingen, die es umgeben, wirklich getrennt ist. Sind die intentionalen Spezies einmal wirklich verworfen, fällt das Subjekt mit dem Denken ( und dem Gedachten) in all seinen Ausformungen in eins.

Jetzt käme der Satz bzw. Absatz, der mit dem Stern beginnt*, und dann können Sie noch einmal den kleinen roten Pfeilen folgen. (Es geht bei mir wie eine musikalische Übung!)

Und dann können Sie zurück zum Anfang dies Blogbeitrags gehen und die erste kopierte Seite (mit der Überschrift „Intentionale Spezies“ lesen. Und schon haben Sie fast das ganze Kapitel VII durchbuchstabiert. Sie sind näher am Original als ich in frühen Jahren: als ich im Stillen immer mit der Liebe begann, aus der ich mir die schmerzliche Empfindung der Subjekt-Objekt-Spaltung ableitete. Und wenn ich über die Sehnsucht nach einem einzelnen Menschen hinausgehen wollte, zu den Dingen, zur Kunst, zur Musik, so fesselte schnell eine Art Pantheismus mein Denkvermögen und umnebelte jede klare Gedankenarbeit. Ich glaube so war’s. Jetzt frage ich mich, wie sich Coccias Entwurf zu Kants großer Theorie (Kritik) verhält: zu dem, was Jaspers als „Gewühl“ bezeichnet (siehe hier im Blog). Und zu den „Kategorien“, die im Subjekt (?) alle Sinneseindrücke „automatisch“ vorsortieren.

Vertragen Sie ein etwas sonderbares Video zur Einordnung? Man vergisst es nicht, samt portugiesischem Akzent und der Bereitschaft, das Wort „Bllind“ als Blind hinzunehmen und das Wort „Empirismus“ selbst zu artikulieren. (Die abgebildeten Herrschaften kennen Sie vielleicht: René Descartes und John Locke.)

Ich hatte ZEIT online zitiert, ohne den Artikel zu verlinken. Das sei HIER nachgeholt.

Die Welt an sich

Kapiert?

Man soll die Gelegenheit beim Schopfe fassen, sobald man etwas kapiert: aufschreiben, abschreiben oder was auch immer. Kopieren, was man kapiert. Das geht auch. Mir geht es so mit dem Ding an sich. Jahrelang dachte ich, dass sei so etwas wie Platos „Idee“ in seiner „Ideenlehre“, von der ich auch noch nicht viel wusste. Oder wissen wollte. Seit ich in einem aus der Stadtbibliothek Bielefeld entliehenen Buch eine graphische Skizze gesehen habe, darin durch einen Kreis markiert: die Idee oder das Ding an sich, seitdem weiß ich gar nichts mehr. Aber jetzt! Hier:

Aber viel früher (in Bielefeld) hatte ich bei Nietzsche Aphorismen gelesen, in denen er über das „Ding an sich“ bei Kant spottete. Da war es für mich eine Weile tabu. Ich wollte mich natürlich auf das letztlich Richtige beschränken und las erstmal keinen Kant mehr… So hielt man das in Bielefeld. Man wollte ganz vorne mitspielen, nicht auf den Hinterbänken bei den Hinterweltlern, die ich natürlich auch nur von Nietzsche kannte. Am 31.Mai 1965 kaufte ich mir in Köln antiquarisch das Buch von Jaspers über Nietzsche (für 12.-DM) und ahnte, dass ich Nietzsche nie verstanden hatte. Jedenfalls nicht im philosophischen Sinne. Hier las ich nun, und es dämmerte mir: „Versuchen wir eine Welt zu denken, wie sie an sich sei, so scheitern wir.“ Ist das nicht reinster Kant? „Die Welt ist Ausgelegtsein.“ Sie ist, wie wir sie auslegen… Mit ihm sind wir durchaus keine Hinterweltler, „Hinterwelt“ – das ist nicht Bielefeld!

Quelle: Nietzsche – Einführung in das Verständnis seines Philosophierens / Von Karl Jaspers / Verlag Walter de Gruyter & Co. Berlin und Leipzig 1936

Um nun zu prüfen, dass ich den Text oben, der von Volker Gerhardt stammt (genaue Quelle weiter unten), nicht vorschnell verstanden habe, gebe ich auch die darauffolgenden Seiten wieder, die den Sinn der Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich näher beleuchten. Und wir erfahren, dass man von diesem eigentlich gar nicht sprechen kann. Es wird nämlich nur erschlossen. Es könnte dasein. Aber es ist nicht vorhanden…

Quelle Volker Gerhardt: Immanuel Kant – Vernunft und Leben / Reclam Stuttgart 2002

Ich lasse es dabei bewenden. Habe ich mich nicht schon früher mit der Welt an sich befasst? Immer wieder, hier zum Beispiel, aber ich muss diese Themen heute nicht mehr miteinander verknüpfen. An sich steht doch alles bei Kant, oder – wenn man einmal den Einstieg gefunden hat – in Volker Gerhardts Buch über Kant.

Lebendiges Denken erleben? Zum Beispiel in einer Runde, die 2004 im Nachtstudio zusammensaß, darin auch Volker Gerhardt:

Noch etwas weiter zurück (Gegner 1788 bzw. Anhänger 1798):

Wie einen seine Mutter tröstet

Werbung, Musik und Zweifel

„Die Werbung sucht zu manipulieren, sie arbeitet unaufrichtig, und sie setzt voraus, dass das vorausgesetzt wird.“ (Quelle: s.u. „Kommentar“ Video zur Penny-Werbung bei 19:20)

Süddeutsche Zeitung / Zeit der Zärtlichkeit  27./28.Nov. 2021 Seite 17 / Autor: Max Scharnigg

Alles wegtanzen!

Wunschbild Mutter

Kommentar

Trost

CORONA ?

Ja, was man

auch noch sagen sollte,

wurde von Bernd Schweinar gesagt,

bemerkenswerterweise aus dem Pop-Bereich,

heute verbreitet durch den Newsletter der NMZ (Martin Hufner):

Sehr geehrte Newsletterabonnentinnen und -abonnenten,

eine quietschfidele Selbstblockade erleben wir gerade in der Politik Deutschlands. Was die Corona-Pandemie angeht. Man möchte nicht mehr länger zuschauen. Es rappelt und ruppelt mal wieder zwischen Überbrückungsgeld, wildem Gefuchtel mit halbherzigen Entscheidungen.

Ich möchte Sie nicht zu sehr langweilen und greife deshalb auf ein Statement des hochgeschätzten Künstlerischen Leiters der Bayerische MusikAkademie Schloss Alteglofsheim und den Bayerischen Rockintendanten Bernd Schweinar zurück. Der antwortete auf eine Anfrage der Deutschen Presse-Agentur:

Kultur lebt seit jeher von der Polarisation! Ich bin groß geworden mit Themen wie Friedensbewegung und Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Bei beiden Themen haben zahlreiche Künstler:innen eindeutig und voluminös Position bezogen. Das vermisse ich in der heutigen Pandemieproblematik. Die Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft beschwören vielfach nur jene herauf, die selbst die Spaltung betreiben. Kultur darf sich hier nicht einschüchtern lassen. Es geht um nichts weniger, als ein funktionierendes Kulturleben mit Publikum in der Zukunft. Und wer sich durch seine Impfverweigerung ausgrenzt bzw. Kultur damit schädigt oder unmöglich macht, den braucht die Kultur auch in Zukunft nicht mehr als Publikum! Diejenigen will ich persönlich auch gar nicht mehr in einem Konzert sehen. Zudem stelle ich die Fußballfrage auch in der Kultur. Ungeimpfte Künstler:innen brauchen unsere Bühnen nicht, weil sie diese Bühnen im Moment beschädigen! Wenn ungeimpfte Künstler:innen sich eigene Bühnen für ungeimpftes Publikum schaffen – mit eigenem finanziellen Risiko – dann sei ihnen das unbenommen.“

*     *     *     *

Und noch etwas zum Lesen, eine Kolumne von Christoph Schwennicke über den wahren Grund für das deutsche Corona-Desaster:

HIER

Irish Music 1983 und heute

Warum Erinnerung nicht lähmt

Das ist nicht selbstverständlich: Erinnerung aktiviert. Warum, will ich jetzt nicht klären. Es ist so lange her, dass ich zuletzt dem Impuls gefolgt bin: hier. Ich war doch einmal nahe dran… Grund genug sich zu freuen. Neues Material gäbe es genug. Trotzdem ist dieses nicht entwertet:

Die Willie-Clancy-Summer-Scool, Miltown Malbay, SSWC, das habe ich nie vergessen; anders hätte ich wohl keine Vorstellung davon bekommen, was ein Fiddler wie John Kelly bedeutet. Es gab auch damals „virtuosere“, seinen Sohn James zum Beispiel. Auch Matt Cranitch, dem man anmerkte, dass er klassische Violine studiert hatte. John Kelly konnte keine Melodie unterteilen, – ich spreche vom Unterrichten -, er spielte für uns immer ganze Melodien oder Anfänge, wir aber hatten unser Leben lang „stückchenweise“ gelernt plus Tonleitern und Akkorde, analytisch, das machte seltsamerweise hier das Lernen so schwer. Gedächtnis … Erinnerung… Aufschreiben oder nicht – das war plötzlich die Frage. Einzelne Bilder bewahren eine Welt, die keineswegs nur in sich ruhte.

Juli 1983 Fotos: Siegfried Burghardt

Und neu ist heute dies zum Beispiel:

This documentary will trace the origins, ethos and impact of one of Ireland’s most important music events — the annual Scoil Samhraidh Willie Clancy (SSWC) held in Miltown Malbay, Co. Clare. ITMA are very proud to be in a position to help fill the void created by the cancellation of the 48th Scoil Samhraidh WIllie Clancy (SSWC) in light of Covid-19. Since its inception in 1973, SSWC, also known as the Willie Clancy Summer School, has had a hugely positive influence on the development of Irish traditional music, song and dance. For thousands of traditional musicians, the first week of July is the highlight of their musical calendar. This documentary will feature archival footage, contemporary interviews and performances from many of Ireland’s leading traditional musicians including: Willie Clancy, Micho Russell, Tommy and Siobhán Peoples, Noel Hill, Cormac Begley, John Kelly, Joe Ryan, Áine Hensey, the McCarthy Family, Mulcahy Family, The Glackin Family, The Friel Sisters and many many more.

Und schon kann ich nicht mehr aufhören, weiter in diese Richtung. Zurück? Und voran! Es ist nie zu spät.

Und hier geht es wirklich weiter: HIER

und sei es für ein paar Stunden.

Muss es sein?

Die Aus(f)lösung der ganz großen Themen

Die Gegenfrage „Geht’s nicht eine Nummer kleiner?“ kann einen schachmatt setzen, und ich stelle sie mir gern ungefragt, verweise zum Ausgleich darauf, dass ich doch oft genug auch ziemlich detailversessen bin. Aber es bleibt ein kaum zu beschwichtigender Argwohn, dass es Reste des 19. Jahrhundert sind, die darauf zielen, mich auf die ganz großen Themen zu fixieren (Besitzergreifung, Kolonialisierung), vielleicht sogar eine latent faschistische Ideologie. Musterbeispiele: Faust II, Jahrtausendkünstler Michelangelo (500 Seiten), Auf der Suche nach den Kulturen Altamerikas (500 Seiten), „Drumming in Bhaktapur“ Nepal (700 Seiten) und diese CD „Senza Basso – Auf dem Weg zu Bach“ (Total Time 65’57),  ein Kunstwerk sui generis.

Fast wie in den 50er Jahren, als ich allmählich aufwachte. Die ersten großen Entwürfe, denen ich aufsaß oder die ich missverstand, Nietzsche mit seinen Fragmenten vielmehr Aphorismen, deren Generalformel „Der Wille zur Macht“ hieß (finalisiert vom Nazi Alfred Bäumler). Wie vorher schon der undurchsichtige Begriff von der „Welt als Wille und Vorstellung“ seines „Erziehers“ Schopenhauer. Dann etwa Oswald Spengler mit seinem „Untergang des Abendlandes“, den ich mir einige Jahre später durch die Toynbee-Lektüre „Gang der Weltgeschichte“ nobilitierte, endlich noch Jared Diamond und der „Kollaps“ aller Kulturen.

Aber nun zu guter letzt, sensationell aktuell: Warum hat mich Sarah Connor so irritiert, mit ihrem Singsang, – oder war es vielmehr ihr Lobredner Giovanni di Lorenzo, der Chef der ZEIT, der im Rahmen von „3nach9“ jede journalistische Skepsis vermissen ließ? Vielleicht für einen guten Zweck und eine oft verkannte Krankheit (Depression), dürfte ein öffentlich-demonstratives Weinen trotzdem als geschmacklos aufgefasst werden? Man tauche nur ein in diese Atmosphäre der Zustimmung, ich reagiere nur kritisch, weil mehrfach insinuiert wird, es handle sich um Kunst, und diese Auffassung habe die Sängerin mit vielen Künstlern gemein: „sie öffnen ihre Herzen, das ist unsere Währung“, sagt ein Gast. Ist dabei nicht allzu viel Heuchelei im Spiel? Interessant, dass die Protagonistin selbst eine Verbindung zum Schauspielen herstellt. Seltsam auch, dass der Moderator listig fragt, ob sie denn nicht mehr dazu neigt, „die Sau rauszulassen“ (wie früher) – und sie weiß sofort, was er meint, verweist aber auf ihre 4 Kinder. Kein Wunder, dass sie Apnoë-Tauchen liebt, jetzt auch noch gemeinsam mit Orkas vor Norwegens Küste. Möglicherweise hört man von solchen Hobbys sonst nur noch in der Düsseldorfer Schickeria.  – Hier ist der Link zur Talkshow, der Einstieg wäre bei 1:34:58 (bis Ende bei etwa 1:40:00).

(Für weitere Studien siehe hier, insbesondere im Video, das über eine lange Strecke redundantes Trauergemurmel bietet, bis sich endlich eine Gestik materialisiert und mit taktilen Phantasien zu spielen beginnt, ab 2:40)

Soweit diese Aufbauschung schauspieltechnisch erzeugter Gefühle, – lesbar als gewagtes Experiment eines vergangenen, galanten Zeitalters, – als auch viel geweint wurde -, und ahnungslos wiedererweckt als neue, archaische Intensität. Man ist so abgestumpft, dass man nur in der grotesken Übertreibung wahrnimmt, was ungefähr gemeint ist. Es heißt dann oft: „authentisch“.

Allerdings ist es gar nicht so überraschend, dass kluge Menschen besonders bei musikalischen Themen gedanklich (geschmacklich) einbrechen. Man sollte darauf nicht herablassend reagieren, – aber man darf wohl auch Rezipienten warnen, die vielleicht nur unsicher sind und jeden Strohhalm ergreifen, wenn er von respektablen Menschen gereicht wird. Es bleibt eine Missachtung der Musik, die sich öffentlich manifestiert, – es sollte Aufklärung oder zumindest Widerspruch geben. Frühere Versuche in diesem Blog etwa sind nicht unnütz, auch nicht hämisch zu verstehen: hier („Wie Laien über Musik reden“).

Grundsätzlich: es geht um die schon im 18. Jahrhundert gestellte (und widerlegte) Behauptung, man könne andere nicht rühren, ohne selbst gerührt zu sein! Man glaubt, sie sei neu, und es gehe immer wieder darum, die anderen Menschen, die einem zuhören, auf diese Weise zu fesseln, spontan, rückhaltlos, durch einen Akt der  Selbstentfesselung, Selbstentblößung. In weitem Sinne populistisch. Und wer das nicht mitmacht, gilt schnell als ein verblendeter, verkopfter, frigider Theoretiker, der sich und andere vom prallen Leben abzuspalten sucht. Zugegeben, gerade ein solcher hat mich vor 55 Jahren fasziniert, als ich ansonsten von hochromantischer Musik begeistert war, aber ebenso von Ambivalenzen aller Art; in bin ihm bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik persönlich begegnet, Carl Dahlhaus:

Quelle Carl Dahlhaus: Musikästhetik / Musikverlag Hans Gerig Köln 1967

Ist das nicht wie ein Stich ins Herz, wenn man als Musiker/in oder als unbescholtener Privatmensch gesagt bekommt, dass Intensität (des Ausdrucks) nicht selten mit Primitivität erkauft werden muss? (a.a.O. Seite 32). Immerhin hat mich der Unterschied zwischen der empirischen Privatperson und dem „lyrischen Ich“ auch damals schon interessiert (a.a.O. 36). Siehe auch hier. Man erkennt an den Lesespuren: ich habe alldas nur registriert, nicht kritisiert. (Begründete Kritik an dem Wissenschaftler Dahlhaus kenne ich durchaus – seit 2005). Obwohl ich auch Alte Musik ernst genommen habe, als sei sie zeitgenössisch – wie Sarah Connor. Heute nehme ich „alles“ ernst. Und reagiere deshalb auf sie genau so wie auf ein Statement aus der Alten Musik, aber aus ganz anderen Gründen und hier nicht kritisch, sondern amüsiert:

Gunar Letzbor

Was ist denn das für ein Naturbild? Wo soll denn wohl „der Pop“ stecken? Wo dagegen die „kulturellen Ideen“? Denkt man hier draußen vielleicht daran, den Ball ganz flach zu halten? Oder lieber an die Kunst des Bogenschießens? An die „Feinde der Kultur“, die hinter den Sträuchern lauern? An die Stille und die Leere des Himmels im Zen? An die Kunst des klaren Denkens? Genau. Jederzeit anwendbar, auch wenn es nur um Musik geht…

Gestern Abend Krüdersheide

Offener Himmel über dem Schlösschen

Erinnerung

Jugendliche realisieren weithin das Ideal der Coolness, sie zeigen nicht, wenn sie getroffen sind. Wir leben andererseits in einer Zeit, die es mehr und mehr angebracht findet, die „Echtheit“ von Gefühlen durch Tränen zu unterstreichen. Wie das möglich ist, diese willentlich hervorzurufen, weiß ich nicht; es genügt offenbar sich vorzustellen, dass man sehr bemitleidenswert wirkt, – schon kommen die Tränen aus Selbstmitleid.   Man schaltet auf Außenperspektive und reagiert wie bei der Betrachtung eines Films, wo oft sogar unmissverständliche Signale gegeben werden, wenn es angebracht ist zu weinen. Oft genügt es, einen anderen, mit dem man sich identifiziert hat, weinen zu sehen. Das ist eigentlich auch ein Paradox, man nennt es allerdings „Empathie“ (und versetzt sich ins Innere des Anderen, also in dessen Innen- und Introperspektive).

Angenommen: Ich sehe, dass Sarah Connor mit den Tränen kämpft, und beginne selbst mit den Tränen zu kämpfen. Dann sehe ich Anzeichen, dass sie Wert darauf legt, dass wir es bemerken; sie bittet vielleicht ausdrücklich darum, dass man ihr die Tränen verzeihen möge, es sei ihr peinlich. Sie kann nicht mehr sprechen. Oder tut so. Als ob. Und nun wird mir diese Hervorhebung immer peinlicher, man nennt es fremdschämen usw.  – ein circulus vitiosus. Beethoven riskiert, dass seine grüblerische Frage „Muss es sein?“ am Anfang des Streichquartetts op.135 umkippt ins Komische, wenn vielmals und immer wieder die Antwort kommt: „Es muss sein, es muss sein!“ – Ich muss leider auch an meine Mutter denken, die immer so leichthin vom „Reinmenschlichen“ sprach, auf das es allein ankomme…

Fiktion und Gefühle

Auch bei Dahlhaus (oben a.a.O. Seite 38) war von einem Paradox der Ausdruckskunst die Rede. Ist dasselbe gemeint wie bei Diderot? Ein paar Seiten weiter stoße ich auf Kant, von dem Dahlhaus sagt, seine Ästhetik sei nicht primär als Kunsttheorie zu begreifen. „Die Schönheit der Natur, nicht die der Kunst, ist das Phänomen, von dem die Kritik der Urteilskraft ausgeht; und die Übertragung der am Naturschönen entwickelten Kategorien auf Werke der Kunst gelingt nicht ohne Schwierigkeiten. [Achtung, jetzt geht es um mich!] ‚Begriffsloses‘ Hören einer Fuge krankt an Mängeln, die durch das Geschmacksurteil, das Stück Musik sei schön, nur ungenügend ausgeglichen werden.“ (Dahlhaus Seite 54 f – oben nicht wiedergegeben . Extra-Artikel?)

P.S. Dieser Artikel entstand am 15. Oktober, ich hatte ihn zurückgezogen und jetzt restituiert, weil er in mancher Hinsicht doch „passt“.

Um alles in einer größeren Zusammenhang zu stellen: siehe dort, wo es im Warburg-Artikel auftaucht, Erster Zugang, dort Erhard Schüttpelz in Episode 1, Film ab 12:14 über Pathosformel, über Leidenschaften, aber technisch: „Si vis me flere, dolendum est primum ipsi tibi“, siehe Dahlhaus Ästhetik S.36 hier. Der lateinische Satz stammt von Horaz „Ars poetica“ V.102.

(Ich hatte diesen Artikel vom 16. Oktober zwischenzeitlich in den Papierkorb befördert  – weil ich Skrupel bekam – und habe ihn jetzt wieder hervorgeholt, wegen Philipp Emanuel Bach, nicht wegen Sarah Connor…)

…über Geschmack nicht streiten?

Der labyrinthische Satz

Fast scheint mir in dieser Bezeichnung eine versteckte Anerkennung des schwierig Schreibenden an den noch schwieriger schreibenden Kollegen zu liegen, so dass mein Ehrgeiz geweckt wird, mich ihnen beiden wenigstens für die Dauer eines Satzes gewachsen zu zeigen, indem ich es einfacher fasse. Oder gewissermaßen umkreise. Eine erste Überlegung betraf das Wort „Stimmung“ (Zeile 09), das anders zu verstehen ist, als unser heutiges Sprachgefühl will: es betrifft eher ein Zusammenpassen. Was hier zu bedenken ist auch in anderen Wortbildungen wie „zur Übereinstimmung“ (09) und „zusammenstimmend“ (15).

Und so begann der betreffende Text auf der vorausgehenden Seite:

Wer Geschmacks- und Kunsturteile gleichsetzt, kann sich auf Kant nicht berufen, sagt Carl Dahlhaus und zitiert diesen folgendermaßen (es ist das 3. Kant-Zitat im Text):

3. Denn da das Schöne nicht nach Begriffen beurteilt werden muß, sondern nach der zweckmäßigen Stimmung der (Einbildungskraft) ⇒

JR 10.II.70

Ich zitiere jetzt den von Dalhaus zitierten Philosophen etwas umfassender, noch etwas labyrinthischer, wenn auch optisch leicht aufgelockert  – der Text befindet sich übrigens  bei Kant am Ende der Anmerkung I, vor der Anmerkung II (kleiner Fehler bei CD).

Sie haben recht: darüber muss man doch streiten können, also: ob man zum Beispiel nicht einfacher schreiben kann als Carl Dahlhaus (CD) oder auch Immanuel Kant, der nunmal einem anderen Jahrhundert angehört. „Sag es doch mit eigenen Worten“, wurde uns in der Schule gesagt. Das Problem ist nur: man muss es auch in den Worten des anderen verstanden haben, wenn man es mit eigenen Worten wiedergeben will… Zunächst mal müssten wir begreifen, dass der gern zitierte deutsche Satz vielleicht auf einem lateinischen beruht, in dem das Wort „streiten“ mit „disputare“ wiedergegeben wird und anders aufzufassen ist als in unserm Alltag. Nämlich nach dem alten, scholastischen Gebrauch der „Disputatio“, was CD innerhalb der Klammern erläutert, mit dem Ergebnis: dass man in solchen Fällen nicht streiten könne, – sondern vielmehr: „daß der Streit nicht nach festen und rationalen Kriterien entscheidbar ist“. Streiten kann man natürlich, soviel man will.

Deshalb also hebt CD die „zweckmäßige Stimmung der Einbildungskraft zur Übereinstimmung mit dem Vermögen der Begriffe überhaupt“ hervor und aktiviert ein notwendiges Vorwissen, das auf intensiver Kant-Lektüre beruht: deshalb kann er – wie er sagt – die oft erwähnte, aber selten kommentierte „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ ins Feld führen. Er fügt aber warnend hinzu, dass diese Formel leer bleibt, wenn man Kants Argumentation nicht kennt:

Sofern es auf Begriffe gegründete Erkenntnisse gibt, die allgemeingültig sind, müssen auch deren Voraussetzungen, ohne die sie nicht möglich wären, allgemeingültig sein.

Jetzt aber – wie gesagt – das Wort „Stimmung“ bitte nicht zu leicht nehmen: darf man es vielleicht als „Einstellung“ auffassen? CD macht es für Musiker fasslich („bestimmbar“):

Zu den Voraussetzungen gehört (…) gehört eine „zweckmäßige Stimmung“ der Sinne und der Einbildungskraft: Eine Tonfolge ist erst dann als Gebilde, das dem Begriff des Fugenthemas gerecht wird, bestimmbar, wenn sie zuvor von den „niederen Erkenntnisvermögen“ als fest umrissene, plastische melodische Gestalt und nicht als wirrer Tonhaufen apperzipiert worden ist.

Ich erinnere mich (bei „wirrer Tonhaufen“) an das „Gewühl“, auf das man mit Jaspers am Begegnungspunkt der ungeordneten Sinneseindrücke stößt, siehe hier im Blog.

Zu dem Wort „Stimmung“ könnte man sich das Wort „Proportion“, auch als Verb „proportionieren“ merken, eben etwas, was zusammenpassen soll, in der rechten Proportion gegeben sein soll. CD erwähnt auf Seite 57 Kants Formulierung vom „Gemütszustand, d.i. die Stimmung der Erkenntniskräfte zu einer Erkenntnis überhaupt, und zwar diejenige Proportion, welche sich für eine Vorstellung (wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird) gebührt (…)“.

Darüberhinaus würdigt CD das Wort „Substrat“ einer besonderen Analyse (Seite 58),  was ich hervorhebe, weil etwa dort das Aha-Erlebnis einsetzt, bei dem wir begreifen, um was es erkenntnistheoretisch geht. Und nur darum geht es, dies zu verstehen. Beim Hören eines Musikstücks, ja, beim Beurteilen einer Bach-Fuge z.B. hilft uns das gar nichts. Aber es könnte ja sein, dass wir zu den Musiker/innen gehören, die nicht nur spielen wollen, – sondern auch wissen wollen, warum.

Lesen Sie jetzt vielleicht noch einmal den etwas erweiterten Text, oben, in der graphisch  besonders übersichtlich gestalteten Form. Ich lasse mir – wie auch Ihnen – vor allem Zeit und Muße.

Es hat mich sehr interessiert, wie jemand über diese Thematik spricht, der von einem großen Publikum verstanden werden will, sagen wir: etwa so zahlreich wie das, was den Kulturteil des Kölner Stadtanzeigers liest. Oder las. Der bewundernswerte Artikel ist fast 20 Jahre alt. Damals hätte es auch im WDR noch funktioniert.

Nach Dahlhaus nun wäre diese „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ bei Kant eine der Bedingungen, die ein „subjektiv allgemeines“-  und das bedeutet: „ein für alle Subjekte gültiges Geschmacksurteil“  erfüllen muss.

Denn:

wenn es auf Begriffe (!) gegründete Erkenntnisse gibt (wie sie in der Kunst nicht möglich sind), also solche, die allgemeingültig sind, / müssen auch deren Voraussetzungen, ohne die sie nicht möglich wären, allgemeingültig sein.

Zu diesen Voraussetzungen aber gehört eine „zweckmäßige Stimmung“ der Sinne und der Einbildungskraft / Beispiel: eine Tonfolge im Rohzustand (scheinbar ein wirrer Tonhaufen) wird erst dann als ein fest umrissene, plastische Gestalt wahrgenommen, wenn sie von den niederen Erkenntnisvermögen erfasst ist.

Die „zweckmäßige Stimmung“ gehört eigentlich zur Erkenntnis der Begriffe, das ist ihr Zweck, von dem sie jedoch abgespalten werden kann, so dass sie begriffslos bleibt und dennoch allgemeingültig ist.

Das ist der Ausweg zwischen der Szylla – dem Dogmatismus, von dem die Rede sein könnte, wenn man einen definitiven Begriff einführt für etwas, das sich mit erstarrten Begriffen nicht fassen lässt –

und der Charybdis – dem Relativismus, der jede Allgemeingültigkeit des Geschmacksurteils leugnet.

„Das Schöne zeigt sich … einer Wahrnehmung, in der die Sinne und die Einbildungskraft zweckmäßig (zum Zweck der Erkenntnis) fungieren, ohne aber den Zweck (die Bildung eines Begriffs) zu erfüllen.“

Und jetzt nimmt Dahlhaus – es wird nicht leichter – einen anderen Kant-Paragraphen, nämlich §21, zuhilfe, nach dem sich Erkenntnisse nur dann mitteilen lassen, wenn auch der Gemütszustand, d.i. die Stimmung der Erkenntniskräfte zu einer Erkenntnis überhaupt, und zwar diejenige Proportion, welche sich für eine Vorstellung (wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird) gebührt, um daraus Erkenntnis zu machen, sich allgemein mitteilen lässt; denn ohne diese [Stimmung] als subjektive Bedingung des Erkennens könnte die Erkenntnis nicht entspringen.

(Ich habe den Dahlhaus-Text hier für meine Belange umformuliert und farblich so gekennzeichnet, dass man den roten Text überspringen kann, sobald man ihn verstanden hat. Jetzt sollte das Original des betreffenden Kant-Paragraphen folgen! ich verlinke deshalb in den ZENO-Gesamttext der Kritik der Urteilskraft hier)

Ein weiterer Ansatz des Kant-Verstehens (bei Volker Gerhardt)

Quelle Volker Gebhardt: Immanuel Kant / Vernunft und Leben / Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002 / ISBN 3-15-018235-2

In Erinnerung behalten (zum interesselosen Wohlgefallen):

Das Angenehme zeigt einen körperlichen Zustand an: dass etwas schmeckt, wärmt, beruhigt oder erfrischt. Das ästhetische Wohlgefallen ist hingegen ein Indiz für die Funktionslust des Geistes. In ihm erfährt das vernünftige Wesen, dass es mit seiner Sinnlichkeit zusammenstimmt und über das Exempel des schönen Gegenstandes mit der Welt verbunden ist (5,237). Es erlebt in der Hingabe an eine wilde oder liebliche Landschaft, in der „contemplativen“ Betrachtung einer prachtvolle[n] Blüte, eines gepflegten Gartens oder eines prächtigen Bauwerks und selbst noch in der inneren Teilnahme an einem Trauerspiel – dass es in die Welt passt. Und in dieser Einbindung, die in Analogie zu Gesundheit und ungehindertem Wachstum steht (5,241), die man auch als intellektuelle Einbindung in die Lust zu leben bezeichnen kann, erfährt der Betrachter eine Zweckmäßigkeit im Gebrauch seiner besten Kräfte, ohne auf einen bestimmten Zweck eingeschränkt zu sein.

Quelle: Volker Gerhardt a.a.O. Seite 272

Nachtrag (Herkunft eines gern zitierten Satzes)

Dahlhaus-Ästhetik Seite 32* und Seite 36f**

*Um die Affektbedeutung einer Musik zu erkennen, braucht man nicht selbst gerührt sein.

**Die Ausdrucksästhetik des 18. Jahrhunderts, die Maxime, daß ein Musiker „nicht anders rühren“ könne, „er sei denn selbst gerührt“ (Carl Philipp Emanuel Bach), ist zweifellos als Theorie der musikalischen Reproduktion zu verstehen. Schubart fühlte sich als wiedererstandener Rhapsode, als Homeride, verschlagen in ein „tintenklecksendes Säkulum“, und vom Rhapsoden, nicht vom Dichter, heißt es in Patons Ion, daß er sich selbst in die Affekte versetzen müsse, die er erregen wolle.

Das Zitat des betreffenden Satzes bei Aby Warburg (Episode 1 Erhard Schüttpelz bei 12:38) gab mir Anlass, nach dem Original zu forschen:

SI VIS ME FLERE / DOLENDUM EST / PRIMUM IPSI TIBI

Es steht bei Horaz in der Ars Poetica (s.u. Zeile 2), die ich seit heute (27.10.21) besitze:

und die Übersetzung desselben Ausschnittes (Eckart Schäfer) lautet:

Im Nachwort erfährt man einiges über die kanonische Wirkung dieser antiken Ars Poetica in der Ästhetik vom 15.-18. Jahrhundert (Opitz, Gottsched).

Quelle Quintus Horatius Flaccus: Ars Poetica / Die Dichtkunst / Übersetzt und mit einem Nachwort herausgegeben von Eckart Schäfer / Reclam 1972, 2017 / ISBN 978-3-15-009421-1

Precht zitiert Tocqueville

… und wir zitieren Precht:

Die ständige Fokussierung auf Geld prägt die US-amerikanische Gesellschaft wie nichts anderes und ist… (siehe weiter im Text):

…nehmen. Gesichert muss nur sein, dass das Eigentum geschützt wird, wobei sehr vieles zu Eigentum werden kann, von Rohstoffen und Ressourcen über Geld bis hin zu geschützten Ideen. In dieser Logik ist Umsatz und Gewinn zu steigern grundsätzlich gut, und das inwendige Gesetz zwingt zu einem Schneller, Höher, Weiter und Mehr. Die dazugehörige Mentalität ist der Egoismus, der jeden Marktteilnehmer gegenüber anderen abgrenzt, ihn stärkt und das Wachstum antreibt.

Ökonomisch ist das in sich schlüssig. Allerdings … (Seite 132)

Quelle Richard David Precht: Von der Pflicht / Eine Betrachtung / Goldmann München 2021 (siehe auch hier)

Als Ergänzung lese man über Tocqueville weiter bei Wikipedia, über das Tocqueville-Paradox etwa im Journal21.ch hier, z.B. auch über das Phänomen des „Wutbürgers“, dem wir fast täglich irgendwo in den Nachrichten begegnet sind..

Meine Kurzversion: Jeder hat die Freiheit zu sagen, was er will, aber nicht: komplexer zu denken, als ihm gegeben ist. Wenn der Wutbürger im Straßenverkehr darauf bestehen würde, Einbahnstraßen in Gegenrichtung zu benutzen und grundsätzlich auch im absoluten Halteverbot zu parken, und bei Bestrafung behauptet, der Verkehr in Deutschland sei also faschistisch geregelt… Er wird schneller begreifen, wenn Führerschein oder Auto bei Fehlverhalten konfisziert werden. Ihm muss nicht die Komplexität des ganzen Verkehrssystems erläutert werden, er begreift ohnehin nur das ganz Naheliegende (das unmittelbar sein Ego betrifft) und verwechselt Individualismus mit Solipsismus. Das Individuum lebt in und dank einer Gemeinschaft, und die notwendige Konstruktion eines Staates für eine große Gemeinschaft berechtigt noch nicht zu der Behauptung, ihn als Gefängnis zu betrachten.