Kategorie-Archiv: Leben

Eine zierliche Fresse zeigst du mir da

Die Schönheit des Vielfraßes

Gleicht sie nicht einem freundlichen Emoji?

Unterbrechung beim abendlichen Gang durch den Garten 22. Juni 2022 (Ist es ein Braunwurz-Mönch? Vgl. auch hier )

Was ist sonst noch zu sehen? Schmale graue Flächen = Treppenstufen, eine gelbe Linie = Gartenschlauch, der eine bestimmte, sehr großblättrige Pflanze am Wasserloch in Trockenzeiten versorgt, sonst verkümmert sie. Sie ist auf dem nächsten Foto im Hintergrund zu sehen; es lohnt sich, ihre kraftvollen Blütenstände mitzuerleben. Sie gehören nicht in dieses Habitat, ebensowenig wie der Lorbeer, fremdländisch, aber natürlich liebenswert.  Die Pflanzen, an denen ich jetzt die Raupen beobachte, habe ich in früheren Zeiten als „Unkraut“ entfernt. Einheimisches…

Hintergrund!

Der Titel dieses Beitrags bezieht sich auf Siegfrieds Begegnung mit dem Lindwurm Fafner. Ein Größenunterschied ist nicht zu leugnen. (Es ist die Szene mit dem Waldvogel: unvergesslich, und auch der Wurm verdient unser Mitleid, zumal er nur auf der Bühne Menschen frisst.)

(Fotos JR mit Handy Oppo)

Was mir fehlte

(Was braucht man überhaupt?)

… die Ruhe vielleicht. Der Blick auf nichts. Genau! Alles ohne Bedeutung. Aber die Augen und Ohren offen zu halten. Wenn’s geht. Rumsitzen. Rumstehen.

z.B. am Meer oder bei Mondlicht.

Mehr braucht es wohl doch nicht. (Korrektur folgt.)

(Fotos : E.Reichow)

Tatsächlich ist der neuerliche Aufenthalt auf Texel vollständig grundiert von der Lektüre des Buches Phantom Afrika (1931/32). Die wissenschaftliche Ideologie des Rätsellösenmüssens steckt an, verbindet sich mit der Meeres-, Wald- und Dünenlandschaft und fordert Widerspruch heraus. Die unglaubliche Stille: nur eine  einsame Drossel im fernen Busch hinter den Feldern und die „syllabischen“ Frösche im nahegelegenen Graben, der längs des ganzen bunten Gräserfeldes durch Schilfrohr bezeichnet ist; ein kleines Meer aus verschiedensten Halmen und Blüten, das durch fächelnden Wind in beständiger Bewegung gehalten wird. Dennoch weichen die Gedanken aus, dorthin, wo Ausflügler aus Dakar auftauchen und kleine schwarze Kinder, die „Sonntag! Sonntag!“ rufen, weil sie Geschenke erwarten. Die meisten tragen noch kleinere auf dem Rücken. Und der Autor schreibt: „Jetzt endlich liebe ich Afrika. Die Kinder machen auf mich einen Eindruck von Munterkeit und Leben, wie ich ihn nirgendwo sonst gehabt habe. Das geht mir unendlich nahe.“ (Michel Leiris – sonntags – 7. Juni 1931)

19. Juni 2022

Derselbe Tag, dieselbe Blickrichtung, letzter Abend 22.15 h

Große Gefühle, türkisch

Wo war eigentlich der Orient? (Begegnungen)

Teheran im Lauf der Tournee April 1967

Der östlichste Punkt der „Orient-Tournee“ 1967

Istanbul 1967

Istanbul, unser Hotel & die Umgebung

Was schlimm war: fast einen Monat getrennt zu sein von der gerade erst entstandenen Familie (Marc *1.4.66). Und was malte er 5 Jahre später? Eine orientalische Stadt…

1971 1972

20 Jahre später:

Wir waren gewarnt worden: die massentaugliche Präsenz von Theodorakis würde den feinen Musiker Livaneli erdrücken. Und noch viel mehr, aus ganz anderen Gründen, wurden wir vor Ibrahim Tatlises gewarnt. Das entspreche einem deutschen Konzert in Istanbul, bei dem Fischer-Dieskau gemeinsam mit Heino auf der Bühne stehen müsste. Wir kannten das unten zitierte Verdikt von Fazil Say noch nicht. Und es hätte uns auch nicht irritiert. Ich persönlich war es gewöhnt, von Freunden, denen ich meine liebste arabische Musik vorspielte, ausgelacht zu werden. Ich wusste, dass solche Geschmackswelten nicht einfach durch gute Worte überbrückt werden können. Das „Gefühl“ spielt nicht mit. Bzw. der Schritt vom „ganz großen Gefühl“ zur Lächerlichkeit ist winzig. In der Show von Harald Schmidt wird all dies listigerweise zur Unkenntlichkeit vermengt. Man kann schlecht sagen, dass ein vor Begeisterung rasendes Publikum sich irrt. Jedenfalls nicht, wenn man Chef der Show ist. Man fühlt sich unbehaglich und weiß nicht warum…

55 Jahre später in Solingen: Konzert der Bergischen Symphoniker 7.6.22 (vorige Woche)

siehe hier

Istanbul Sinfonie beim hr mit Einführung des Komponisten Fazil Say:

Hilfe auf Youtube, wenn man Einzel-Sätze anklicken will (Helfer: Ath Samaras vor 8 Jahren)

For better accessibility: Fazil Say – Istanbul Symphony (1. Sinfonie) 00:00 Intro by Fazil Say
07:10 I. Nostalgie 17:20 II. Der Orden 21:25 III. Sultan-Ahmed-Moschee 28:55 IV. Hübsch gekleidete junge Mädchen auf dem Schiff zu den Princess-Inseln 33:10 V. Über die Reisenden auf dem Weg vom Bahnhof Haydarpaşa nach Anatolien 37:16 VI. Orientalische Nacht 44:18 VII. Finale 50:42 Applause
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*    *    *
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Fazil Say Wikipedia / Zitat:

Ebenfalls für heftige Diskussionen sorgte seine offen zum Ausdruck gebrachte Ablehnung des in der Türkei bei bestimmten Gesellschaftsschichten populären Arabesk-Pops. Arabesk-Musik sei „eine Last für Intellektualität, Modernität, Führungskraft und Kunst“ und weiter: „ich schäme, schäme, schäme mich für das Arabesk-Proletentum beim türkischen Volk“.

Über Arabeske hier / Wikipedia über Ibrahim Tatlises hier Harald-Schmidt 1998

Wie lautet noch eine der größten menschenfreundlichen Lügen? „Ich liebe euch alle!“

Eine frühe Radio-Sendung über kulturelle Relativität; heute würde ich wohl anders herangehen:

usw. Was aber hätte ich als erstes lesen sollen?

Licht aus Indien? 1997 (Foto E.Reichow)

Und es ward Laut im Mesozoikum

VORSPIEL ZITAT aus Wikipedia

Das Mesozoikum begann nach einer ökologischen Katastrophe (Perm-Trias-Grenze) am Ende des Perms (zugleich das Ende des Paläozoikums), deren Ursache noch nicht eindeutig aufgeklärt ist. Bei diesem größten bekannten Massenaussterben der Erdgeschichte starben zwischen 75 % und 90 % aller Tier- und Pflanzenarten aus. Dies ermöglichte die Evolution einer neuartigen Fauna und Flora.

Die Dinosaurier entwickelten sich während der Trias aus den Kriechtieren und sollten die Ökosysteme der Erde bis zum Ende der Kreidezeit dominieren. Aus der Gruppe der Theropoden entwickelten sich die Vögel. Darüber hinaus erschienen die ersten kleinen Säugetiere, Blütenpflanzen und die meisten Bäume, die wir heute kennen.

Hinweise deuten darauf, dass am Ende des Mesozoikums ein Meteorit nahe der Yucatánhalbinsel (Mexiko) einschlug. Dieser sogenannte KT-Impakt wird vielfach für das Aussterben von 50 % aller Tier- und Pflanzenarten verantwortlich gemacht – darunter alle größeren Wirbeltiere (einschließlich der Nicht-Vogel-Dinosaurier), viele Pflanzengattungen sowie ein Großteil der Meeresfauna/-flora (Ammoniten, Belemniten).

Was ein Paläontologe erzählt (Zitat aus SZ)

Frage: So richtig laut wurde es dann aber erst später, im Mesozoikum?

Ja, das Mesozoikum ist das Erdmittelalter. Es begann vor 250 Millionen Jahren und endete vor 66 Millionen Jahren. Im Mesozoikum bricht der Superkontinent Pangäa auf, Amphibien wir Frösche erobern schrittweise das Land und entwickeln ein großes Repertoire an Gesängen. Auch die ersten Fossilien von Säugetieren stammen aus dieser Zeit. All diese Tiere erzeugen Laute mit einem Kehlkopf, der ihre Stimmbänder umgibt und durch den sogenannten Stimmnerv gesteuert wird. Da der Kehlkopf aus Knorpel besteht – einem Material, das schlecht fossiliert – können wir leider nicht ganz genau sagen, ab wann sie in der Lage waren, auch komplexere Laute zu erzeugen. Da aber alle heutigen Reptilien, Amphibien und Säugetiere einen Kehlkopf haben, können wir darauf schließen, dass er vom letzten gemeinsamen Vorfahr aus dieser Zeit stammt.

Frage: Auch die ersten Fossilien von Vögeln sind etwa 150 Millionen Jahre alt. Warum können Vögel so gut singen?

Vögel profitieren von einer anatomischen Besonderheit. Während Säugetiere und die meisten anderen Wirbeltiere Laute mit einem Kehlkopf erzeugen, nutzen Vögel dafür ihren sogenannten Stimmkopf. Der Stimmkopf befindet sich – anders als der Kehlkopf – nicht am oberen, sondern am unteren Ende der Luftröhre, also weiter entfernt vom Schnabel und näher an der Lunge. Das bietet Vögeln zwei Vorteile: Einerseits können sie dadurch die Luftröhre selber als Resonanzkörper nutzen, ähnlich wie eine Orgel, was eine klangverstärkende Wirkung hat. Auch kleine Vögel können daher sehr laut singen. Andererseits sitzt der Stimmkopf so genau dort, wo sich die Luftröhre aufgabelt, zum rechten und linken Lungenflügel hin. Diese Position ermöglicht es Vögeln, den Luftstrom der jeweiligen Lungenflügel unterschiedlich einzusetzen – und mehrere Töne gleichzeitig zu singen. Die Begabtesten unter ihnen können Harmonien mit sich selber singen.

Quelle Süddeutsche Zeitung 9. Juni 2022 Seite 15 „Tyrannosaurus hupte“ Paläontologe Michael Habib erklärt, welche Tiere in der Erdgeschichte die ersten Töne erzeugten und woran man merken würde, dass man in der Kreidezeit gelandet ist: an der Dino-Blaskapelle / Interview: Maximilian von Klenze.

Weiteres über den Stimmkopf, auch Syrinx genannt: HIER

Und noch einmal (wie schon hier) sei erinnert an die ganz große Vogelstimmensammlung und eine kleine ZEIT-Sammlung mit ebenfalls echten Vogelstimmen, dazu auch lesenswerten Kommentaren von Fritz Habekuß: hier.

Zum Titel dieses Blogbeitrags: Ich habe es nie verstanden, dass schon im dritten Vers der Bibel steht: „es ward Licht“ – und zwar unabhängig von Sonne und Mond, die erst in Vers 16 erscheinen. Noch komplizierter wäre es gewesen, von der Erschaffung des Schalls und des Widerhalls zu sprechen, ohne auch das Gehör in Betracht zu ziehen. Und wie das klingt, wenn etwas wüst und leer ist. Die Wechselwirkung der Dinge. Daran dachte ich, als ich diesen Zeitungsartikel las:

Fossilien zeigen, dass das Leben vor ungefähr 3,7 Millionen Jahren im Ozean seinen Anfang nahm. Doch die ersten Organismen wie Mikroben oder Quallen waren wohl eher ein ruhiger Haufen. Mit dem Evolutionsschub im Kambrium, der sich zwischen 541 und 484 Millionen Jahren vor unserer Zeit ereignete, entwickelten sich dann Krustentiere und Gliederfüßer mit einer harten äußeren Schale, dem Exoskelett. Und diese harte Hülle machte Geräusche, wenn ein Tier sich bewegte, etwa um Futter zu suchen. Die Stille unter Wasser wurde also wahrscheinlich durch seltsame Schleif- und Klickgeräusche unterbrochen, durch ein gelegentliches Knirschen oder Klopfen. Vielleicht könnte man auch hören, wie ein Krake eine Muschel oder einen Krabbenpanzer knackte.

Und am Ufer?

Nein, an Land blieb es noch lange still. Wir müssen mehr als 200 Millionen Jahre vorspulen, bevor Insekten anfingen, zu summen und zu zirpen – und damit eine völlig neue Akustik erschufen. Fossile Überreste von Laubheuschrecken und Zikaden aus der Zeit vor 250 Millionen Jahren deuten darauf hin, dass diese Tiere erstmals über eine Art Trommelkopf mit Hohlraum an ihrem Hinterleib verfügten. Das rapide An- und Losschnallen dieser Trommel erlaubten ihnen, extrem hohe Rasselgeräusche zu erzeugen. Ähnlich wie ein ratschender Rasensprenger an einem Sommertag oder eine surrende Starkstromleitung. Damit konnten die Insekten über Distanzen kommunizieren und um Partner buhlen – eine Revolution.

Quelle siehe oben: Michael Habib im Interview mit Maximilian von Klenze (Süddeutsche 9.6.22)

Die zitierten Texte, ob sie nun wörtlich so im Interview formuliert wurden oder in der redigierenden Arbeit des Interviewers entstanden, sind ein Beispiel, wie guter Journalismus funktioniert. Man wird durch vertraute Stichworte hineingelockt und interessiert sich für Fakten, bei denen man normalerweise ausgestiegen wäre. Die tolle Vorstellung eines „ruhigen Haufens“ aus Mikroben und Quallen über Millionen Jahre etwa – klingt nicht missglückt, sondern arbeitet in einem weiter. Die Genese einer Wechselwirkung zwischen Kommunikator und Rezipient wird zum spannenden Gedankenexperiment, gerade weil sie so nicht benannt wird. Mich z.b. „thrillt“ die Vorstellung vom ratschenden Rasensprenger. Dies nebenbei: ich habe drei gleichzeitig arbeitende Geräte in der Gartenanlage eines Herrenhauses in Völs am Schlern als Tondokument gespeichert, ein Rhythmus, der mich dort immer wieder vergnüglich beschäftigte. Aber ich wäre nie darauf gekommen, ihn auf ein Phänomen vor 250 Millionen Jahren zu beziehen. Jetzt „sitzt“ es.

Andererseit: die Neigung, solche Assoziationen mit einer gewollten Metaphernsprache herzustellen, kann auch das Gegenteil bewirken, – das richtige Maß ist entscheidend. Vermutlich gelingt es hier so gut, weil der Autor nicht nur seine Profession als Wissenschaftler ausübt, sondern auch psychologische Erfahrungen mit Film und Computerspielen einbringt… Die Zeitung tat ein übriges, indem sie über die ganze Seite ein realistisches Bild des furchteinflößenden, zähnefletschenden „Tyrannosaurus“ ausbreitete, und zwar mit dem Zusatzwort: dass er – an uns vorüberstampfend – „hupte“.

Formen des Lebens

Ein Gang durch die Botanik

Japanischer Blumenhartriegel

Geschlitztblättrige Rotbuche (hinter dem Zaun: der Gesang des Zaunkönigs)

Drüben, der weiße Strauch, dort hatte unser Weg begonnen. Pflanzenformen. Und insgesamt nur 2 Menschen, 2 Tiere und 1 Taubenhaus? Siehe auch hier. Auch hier. Des weiteren?

Der Zaunkönig hier klang anders als zuhaus.

Es war der 6. Juni 2022, 2. Pfingsttag. Danach zum Griechen „Villa Zefyros“ …

Ich denke das, was Bruno Latour so eindringlich dargelegt hat: wir sind nicht in diesem wunderbaren Planeten, wir leben nur auf einer ganz dünnen Schicht an der Oberfläche.“

Botanik, Lebewesen, Gaia… Was heute Abend noch dazukam:

Aus dem Naturkunderegal im Übezimmer (ein Buch aus dem Jahr 2007)

Bernhard Edmaier: Die Muster der Erde / Mit Anmerkungen von Angelika Jung-Hüttl / Phaidon Verlag Berlin 2007

Zitat aus der Einleitung:

Die Muster der Erde besitzen eine kaum zu beschreibende, geheimnisvolle Ästhetik. Der Grund dafür könnte es sein, dass diese Strukturen ganz nach den Naturgesetzen entstehen. Flüsse zum Beispiel oder auch fließendes Gletschereis suchen – immer der Schwerkraft folgend – den direktesten Weg bergab. Stoßen sie dabei auf Hindernisse, nagen sie solange daran, bis sie sie überwunden oder beseitigt haben. Fels verwittert am schnellsten dort, wo er gebrochen ist oder aufgrund seiner mineralischen Zusammensetzung am leichtesten durch Wasser aufzulösen ist. Der berühmte Fotograf Andreas Feininger schrieb dazu in seinem Buch Die Sprache der Natur (1966): „Ihre Formen sind … funktional gestaltet. Und eben weil sie im besten Sinne des Wortes funktional sind, empfinden wir sie als schön.“

  Von hoch oben

Aus dem Briefkasten (frische Post aus Mühlehorn/Schweiz)

Fernsicht

Insekt sucht Unterkunft

Ich war dabei!

Aber letztlich hat es verzichtet…

An den Nektarquellen im Botanischen Garten 6. Juni 2022

 

Immer dasselbe? Ich konnte mich von keinem Foto trennen und hätte dort gern noch länger gestanden…

(Handy-Fotos JR 1. und 6. Juni 2022)

Und dann fand ich auf Whatsapp ein Bild mit der Kennzeichnung: „Auch ein seltenes Insekt!“

(Foto E.Reichow)

Was meine Mutter sang

Das kindliche Repertoire (und die Geschichten dazu)

Das japanische Püppchen hat mich seit 1943 nie verlassen, in seinem transparenten Behälter überdauerte es die Zeiten.

Seltsamerweise war das erste nicht-europäische Orchesterwerk, das ich etwa 1958 kennenlernte (in einer Schulfunksendung auf Tonband) und unzählige Male hörte, ein Stück japanischer Hofmusik: „Etenraku“. Es elektrisiert mich heute noch. Aber die greifbaren Internet-Versionen sind mir zu „blass“. (Siehe auch hier.)

Aber wie geriet ich neuerdings in das Erinnerungsalbum, das meine Mutter seit 1940 angelegt hat (separat von dem meines älteren Bruders)? Ich wollte wissen, wann ich in der frühen Kindheit auf Kanons gekommen bin, – vielleicht verbringe ich deshalb lebenslang fast täglich eine gewisse Zeit mit Bachs Fugen. Ende 1942 ? ist es möglich, dass man sich bis ins zweite Lebensjahr zurückerinnert? (Das Gruppenbild auf der handschriftlichen Seite 1, unten links, stammt natürlich aus einer viel späteren Zeit (Lohe 1947 oder 48). „Im September fängt er mehr und mehr an zu sprechen. Eine Periode schneller geistiger Entwicklung folgt. (…) Anfang Dezember macht er überraschende Fortschritte im Sprechen.“ Jaja, ich bilde mir ein, dass ich das selbst bemerkt habe. … Ich erinnere mich sogar, dass ich im Kinderbettchen – wenn jemand zur Kontrolle ins Zimmer trat – mich durch Zeitlupenbewegung schlafend gestellt habe, um danach wieder ungestört randalieren zu können. Ein großer Schritt für einen so kleinen Menschen.

Im Arm meiner Mutter unser kleiner Bruder, der schon bald an Meningitis sterben sollte, ich auf dem Schoß meines Onkels (des Bruders unserer Mutter), der bald darauf zurück in den Krieg musste, aus dem er nie mehr wiederkehrte.

Dezember 1943: „Zu Weihnachten haben wir aber doch einen schönen Lichterbaum und glückliche Kinderherzen. Am 2ten Feiertag gehen wir ins Theater und sehen ‚Schneeweißchen und Rosenrot‘. Danach wird zu Hause nur noch Theater gespielt; Jan aber in der Hauptsache den Kasperle.“ An diesen Besuch im Theater erinnere ich mich nicht recht, an solche Rollenspiele aber doch. Und auch an den Sommer 1943 in Bad Oeynhausen und an unser Kanonsingen dort; aber das hatte wohl schon eher begonnen, wir müssen es in Greifswald gelernt haben. Ganz deutlich ist mir der Unfall mit der Eisenstange im Januar 45, einen Monat vorher war ich also 4 Jahre alt geworden. Und die Szene habe ich (wie auch einige andere) deutlich aus der Ich-Perspektive abgespeichert: ich war bockig, weil mein Bruder und sein Kumpan mich nicht mitmachen ließen: sie hatten eine tolle Eisenstange am Gartentor ausgehebelt und versuchten, sie gemeinsam hochzustemmen, ein ganz normales Abenteuer, aber sogar für größere Kinder viel zu schwer; sie kreischten „geh da weg!“, und das war der Punkt, wo ich sie abstrafen konnte, indem ich stehen blieb und hochstarrte. Wahrscheinlich mit offenem Mund, denn darin landete zielgenau der Endhaken der Stange. Als ich heulend zuhaus bei meiner Mutter ankam, schimpfte sie, als ob ich wieder einmal nicht richtig mitgespielt hatte, bis sie bemerkte, dass mir Blut aus dem Mund lief. Jawohl, das geschah ihr ganz recht, dass sie jetzt begriff, wie weh mir das tat! Ohne zu ahnen, dass es mir sogar ganz gut schmeckte.

Alle meine Lieder (über jedes könnte ich eine Geschichte erzählen):

Es geht ein Bi- Ba- Butzemann, Hänschen klein u.a.

Das Wandern ist des Müllers Lust

Oh wie wohl ist mir am Abend (Kanon)

Aba heidschi bum beidschi (und lässt das kleins Büable alleine daheim)

Waldeslust (meine Mutter, die liebt mich nicht)

Maikäfer, flieg (dein Vater ist im Krieg, Pommernland ist abgebrannt)

Macht hoch die Tür etc. (Advent, Weihnachten)

Im Frühtau zu Berge

My bonny is over the ocean

Hoch auf dem gelben Wagen (Schulausflug Lohe 1.Klasse mit Busfahrt)

Jesu geh voran auf der Lebensbahn (Kitscherfahrung, frömmelnde Veranstaltung)

Wie wir Kinder fremde Lieder hörten (1945):

„Gar nicht weit von uns hatten die russischen Besatzer ihr Quartier aufgeschlagen, und abends hörten wir aus der Ferne ihre russischen Lieder. Bernd und Jan konnten diese Lieder sehr bald singen, nicht die Worte, aber die Melodie, ganz echt.“ 7 Reisetage von Greifswald nach Bad Oeynhausen: „Auf den Bahnhöfen breitete Artur seine Kriegsdecke (?)  aus und schob ihnen ihren Rucksack als Kopfkissen unter den Kopf. Sie waren trotz aller Strapazen immer bereit, den Mitreisenden ihre Russenlieder vorzusingen.“

Warum ich jetzt alldies in Erinnerung rief:

Magdalena Kožená SONGS MY MOTHER TAUGHT ME – unbedingt reinhören hier besonders Tr. 3, „Jabúcko“, dann 1, 2 ,3 und 23 „Ich träumte, du seist gestorben“. Tr.1 mit etwas verstellter Stimme. [Ich wünschte, es wäre die Stimme meiner Mutter. Aber deren Klang habe ich vergessen, dabei weiß ich doch, dass sie in der frühen Zeit viel mit uns gesungen hat. Wir hatten keine Ahnung, dass sie es gar nicht konnte, wie sie selbst meinte. Und ausgerechnet „Waldeslust“! Sie war später immerhin im Kirchenchor der Pauluskirche Blfld.]

(Fortsetzung folgt)

Von dem Lied „Waldeslust“ gab es (für uns) nur 1 Strophe und diese in abgeänderter (verfälschter) Form: „Waldeslust, Waldeslust, oh wie einsam schlägt die Brust, meine Mutter, die liebt mich nicht, meinen Vater, den kenn ich nicht, und sterben mag ich nicht, bin noch zu jung.“ Die zynische Pointe, die sich aus der falschen Vater-Zeile ergibt, war uns nicht bewusst. Bei der Mutter-Zeile protestierte zuweilen meine Oma. Bei der Vater-Zeile dachte ich: der war es doch, der sie nicht liebte. Das Wort „lieben“ kam uns aber sowieso übertrieben vor. Und das zweimalige „Waldeslust“ am Anfang klang für uns schon etwas parodistisch, zumal unsauber oder unsicher vorgetragen, manchmal auch absichtlich.

Liebermann

Bilder einer Ausstellung (Düsseldorf Kunstpalast 22.04.22)

auf dem Weg

wer ist wer? Max Liebermann (Wikipedia)

Unten: Der Bürgermeister war verärgert über die realistische Darstellung.

 

 

Liebermann (Lafer?) im Prunkstillleben

der Schafmaler

Liebermann / Slevogt

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Sommerbesuch im Liebermann Garten 2009

Alle Fotos Handy JR

Aus Wikipedia: Wannseegarten, 1926. Das Spätwerk Liebermanns ist geprägt durch Rückzug ins Private und impressionistische Darstellungen seines Gartens.

2022 Noch ein Rundgang im Kunstpalast – sehen und lesen – HIER

Das Buch von Florian Illies gibt ein unglaubliches Panorama des psychologischen Klimas in der Zeit zwischen den Weltkriegen; ich dachte an meine Eltern, die sich 1937 kennenlernten, an die unguten Gefühle meiner kindlichen Welt, deren Hintergrund der Krieg war, auch an das später so ambivalente Idol meiner Primanerjahre, Gottfried Benn, dessen unheilbare Trauer ich liebte und auf seinen politischen Fehltritt bezog. Aber nichts über Max Liebermann, der den Absturz der letzten Jahre kompensierte, indem er sich in die Betrachtung seines paradiesischen Gartens vergrub. Anders als Victor Klemperer, der in seinen Tagebüchern 1937 auch den Tod des Malers bedachte, kurz und akribisch, wie er Seiten zuvor protokollierte, dass die Juden sich ihrer Haustiere zu entledigen hatten. Eine labyrinthische Lektüre, sowohl hier wie dort. Doppelt gespenstisch, da die Welt gerade wieder aus den Fugen geht.

Florian Illies

Victor Klemperer Tagebücher

Es war sehr unwahrscheinlich, dass in jener Zeit zwei Menschen, die aus entfernten Dörfern im Osten und Westen des damaligen Deutschen Reiches stammten, ausgerechnet im Sommer 1938 in Berlin aufeinandertrafen. Aber wo sonst? Artur R., geboren 1901 in Roggow bei Belgard, und Gertrud A., geboren 1913 in Lohe bei Bad Oeynhausen. Und die letztere hat zeitlebens immer wieder ihre Lebengeschichte rekapituliert und für jedes Kind separat noch einmal.

Der zuletzt genannte ältere Bruder Hans „mit seinem VW Käfer“ war schon arriviert.

In Greifswald wurde 1939 Bernd R. geboren und 1940 ich. Es war schon „im Krieg“.  Und niemand hätte gedacht, wie die Jahrzehnte dahingehen, und wie wir eines Tages in unsern Gärten stehen würden und wieder über Krieg nachdenken müssen, ob wir wollen oder nicht. Dies etwa würde ich heute meinen Enkeln erzählen, auch, warum ich den Botanischen Garten liebe, die Musik, die Bilder und natürlich die Blumen am Haus, andererseits dazu neige, in der ebenso nahen Wildnis unterzutauchen oder den ekstatischen Vogelstimmen des Frühlings  zuzuhören. Und wie sich das Autobahngeräusch von fern hineinmischt oder der Flugzeuglärm, der von Düsseldorf nach Köln zeigt – nach Frankfurt – in alle Richtungen der Welt.

Ameisen – Insekten – wilde Tiere

Dem Klang der Natur auf der Spur

Zur genaueren Untersuchung (z.B. die Funktion der Musik im Film):

Dezember 2014

Und gestern dies: HIER „Im Königreich der Ameisen“

Goulson: hier Perlentaucher über seine Bücher (Hummeln, Insekten!), das neue Buch!

Zu den Filmen Film Serengeti 1/2 Der große Aufbruch von Reinhard Radke (folgt die Liste der Verantwortlichen, um sie von den Terra-X-Filmen zu unterscheiden), über seinen Serengeti-Film (2011) siehe hier. Dann auch Die große Wanderung (John Downer) .

Zur Erinnerung (Grzimek bzw. Kritik an seinem Film): die Serengeti lebt, und es gibt zur Zeit eine verwirrende Anzahl von Filmen – überall ist man quasi dabei!! z.B. auch Hier bei der unglaublichen Reise der Gnus, – woher kannte ich das schon? ihren Sturz in die Tiefe, die Flußdurchquerung, die Krokodile, der tödliche Irrtum drüben beim Aufstieg, die Geparden, die Elefanten, die narrative Anlage nach dem Prinzip eines Puzzle, die originalen Geräusche und die ihnen angepasste Musik. – Naturfilmer John Downer!

Verwirrend? Wieso? Warum? Das ist doch alles klar, aber seit wann interessierst du dich für Ameisen!? Ich persönlich? Dumme Frage, seit meiner Kindheit! Als es noch Maikäfer gab! Und „im Ernst“: begonnen hat es dann erst mit Bienen. Oder mit den Ameisen im Engadin, den roten Waldameisen? Oder doch früher, – war es Debussy mit seiner Maeterlinck-Mystik? Wahrscheinlich, ja, es war dieser Autor, der den Sinn für das Geheimnis der Insekten weckte.

… das war in Berlin im Januar1961, – und Weihnachten davor:

 

Die Seele der weißen Ameise 1963, und 1989 von Freund Dr. Werner Fuhr, dem Bienenzüchter und Volksmusik-Mitarbeiter – damals noch per Sie – die historische Kurzfassung Maeterlinck:

Noch etwas zur Frage, wie es eigentlich begann: mit einem Kinderbuch „Was mir die Wiese erzählt“. Ein Titel also wie von Gustav Mahler. Damals aber war mir neu, dass die Wiese neben Hobergs Busch so interessant sein könnte. Und der Zufall will es, dass heute Abend sozusagen der entsprechende Film zu sehen ist, allerdings aus der Steiermark: HIER. Ab ca. 11:10 über Heuschrecken und wie sie „singen“. (Man hört einfach nix!) Dazu leider eine etwas alberne Instrumentalmusik als Untermalung oder Einsprengsel. Auch eine überflüssige Frauenstimme, die das Summen der Tiere überlagert, auf den „Ennstaler Iriswiesen“. Ab 20:40 Ameisenlöwe (dazu rhythmisch malende Wild-West-Klänge).

Ein Gang durch den Botanischen Garten Solingen 11. April 2022

Was mir durch den Kopf ging (die falsche Jahreszeit, aber der passend schöne Wort-Klang):

Wir schreiten auf und ab im reichen flitter
Des buchenganges beinah bis zum tore
Und sehen außen in dem feld vom gitter
Den mandelbaum zum zweitenmal im flore.

Was ist das? Siehe unter Strophe (dieses war die erste).

Fotos Handy JR / Strophe: Stefan George

Nachtrag 14. April 2022

ARTE Mediathek „Unsere Wälder – Die Sprache der Bäume“ Ein Film von Petra Höfer und Freddie Röckenhaus  HIER

Achtung: ich sehe nirgendwo im Nachspann einen Hinweis auf wissenschaftliche Mitarbeiter, leichter Kitschverdacht in der Deutung der Phänomene.

Mienenspiel (ein Leben)

Wie wir denken und fühlen

Prinzessin sein

    

10 Jahre später: Übung

Augen, Nase, Mund?

Kein Selbstportrait (Rihanna?)

Wiederum 10 Jahre später: Zum Studium der Anthropologie

HIER 

Was gibt es noch? Weitere Beispiele für „Kultur-Anthropologie“: Hier

Visuelle Anthropologie Hier Weiteres (aus München) Hier

Osteuropa betreffend: hier Wiki hier  Mediathek Osteuropa hier

Großstadt hier

Wie [man] das Leben gestaltet.

Der suggerierte Zusammenhang einer Geschichte in diesem Blog-Verlauf ist ziemlich frei erfunden bzw. assoziiert (JR). Dank an Eos!

Individuum:

2022

Alle Fotos ©

[ Lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische_Anthropologie hier ]