Kategorie-Archiv: Leben

Ich habe genug

Eine Assoziation

 Quelle ZEIT-Magazin 3.8.2020 Nr.37 Seite 61

Es ist nur die eine, die Frage-Hälfte der Rubrik, zu der im Original die Antwort des Psychotherapeuten Wolfgang Schmidbauer gehört; beides ist immer interessanter Lesestoff. (In diesem Fall gibt er der Frau namens Nadine recht, aber seine schöne Begründung will ich hier nicht verraten.) Ich benutze die Gelegenheit, um eine eigene Assoziation anzuknüpfen. Ich gebe Nadine ebenfalls recht, bin aber irritiert, weil da steht, diese Kantate – es ist  BWV 82, eigentlich „Ich habe genung“ , – werde von einem Countertenor gesungen. Ich habe die Eingangsarie selbst einmal bei Frau Becker-Überhorst studieren müssen und zwar in Bassbariton-Lage, kannte also das Stück ganz gut, als wir es in Esslingen aufgenommen haben. Das muss ganz früh gewesen sein, um 1965, Collegium Musicum des WDR. Mit Barry McDaniel, Bariton, und Helmut Winschermann, Solo-Oboe. Der Sänger war erfrischend unkompliziert, sang lebendiger als es damals in der Kirche üblich war, und als Winschermann die letzte Arie („Ich freue mich auf meinen Tod“) anstimmte, machte McDaniel im Altarraum Hula-Hoop-Bewegungen mit der Hüfte und scherzte: „Ja, man muss das tanzen!“

Also war mein erster Griff nach dem Smartphone um nachzuprüfen, ob es diese Kantate auch mit Countertenor gibt, und in der Tat: nach einer Version mit Peter Kooy (Bass) und Herreweghe ( hier ) wurde auch eine mit Andreas Scholl (Countertenor) und dem Kammerorchester Basel angeboten. Dieselbe Tonart, wie ich höre, also im Gesang eine Oktave zu hoch. Ist das erlaubt? Mir passt es nicht, – kann man sagen, dass es darüberhinaus auch noch zu wenig „tanzt“?

Ein Auswahl-Album, – hat er überhaupt je die ganze Kantate gesungen? Es sind ja doch die anderen Sätze, die einen so ergreifen. Aber eher mit Peter Kooy.

Mein Gott, wie weit bin ich abgedriftet von Fragen der Ehe, erst recht von Tod und Leben. Es tut mir leid, dass Barry McDaniel im Juni 2018 gestorben ist, immerhin mit 87 Jahren. Er war aber auch 10 Jahre älter als ich. Und nun muss ich mit einer gewissen Betroffenheit die Antwort des Psychotherapeuten studieren. Da steht u.a.: „Wer sich Gedanken über die Musikstücke macht, die auf seiner Beerdigung gespielt werden sollen, ist sehr lebendig. Nadine kann Thomas Mann und Sigmund Freud anführen, die beide betont haben, dass Vergänglichkeit den Wert des Schönen in unserem Leben nicht mindert, sondern erhöht.“

Ich hatte mir ja auch schon mal ein solches Stück ausgesucht (Mahlers „Trinklied vom Jammer der Erde“), kam aber mit dem Gedanken nicht klar, dass ich es dann selber nicht mehr werde mithören können, nicht einmal – was mir eigentlich noch wichtiger wäre – die Wirkung auf die kleine Trauergemeinde überprüfen könnte. Wer sich dabei offensichtlich langweilt oder über die Lautstärke aufregt oder über den Affen, der da hundert Jahre … oder wie war das? Jedenfalls hätte gerade der mein größtes Mitleid!

Und jetzt wieder frustriere ich meine Leser:innen, weil unklar bleibt, ob ich eine Person oder den Affen meine. Zugegeben: ich neige zu Scherzen an den unpassendsten Stellen.

Orchester in Corona-Zeiten

Ein Leserbrief

Quelle Zeitschrift „das Orchester“ Magazin für Musiker und Management Rubrik „Intermezzo“ Seite 55 September 2020

Siehe auch HIER im Blog am 1. Juni 2020

Es geht weiter: Solinger Tageblatt am 31. August 2020

Tiere sehen (Bücher lesen)

  Blick ins Land

aus der sicheren Höhle,

die offene Weite

und die absolutistische Wirklichkeit . . .

Das Dilemma der Höhle

Blumenbergs Gegenbegriffe „Lebenswelt“ und „Absolutismus der Wirklichkeit“ sind Grenzbegriffe, die einander entgegengesetzten Polen einer kontinuierlichen Skala gleichen. Sie sind theoretische Konstrukte, die gegensätzliche Welten bezeichnen, in denen noch nie ein Mensch lebte. Denn einerseits ist der Mensch immer schon aus der Geborgenheit stiftenden Lebenswelt wie aus einem Paradies herausgefallen, andererseits muss er immer schon den Absolutismus der Wirklichkeit ein Stück auf Abstand gebracht haben, um überhaupt leben zu können. Der Mensch bewegt sich also zwischen beiden extremen Polen: Der absolutistischen Wirklichkeit ausgesetzt, versucht er eine selbstverständliche Lebenswelt aufzubauen, und das heißt: die bedrohliche Fremde der Welt in eine Stätte behaglicher Vertrautheit zu verwandeln, in der es sich einigermaßen leben lässt. Obwohl der Mensch ein in vieler Hinsicht armseliges Wesen ist, besitzt er dennoch eine Reihe von Talenten, mit deren Hilfe er lebensweltähnliche Sachverhalte zu schaffen vermag.

Ursprünglich hat sich der Mensch auf ganz praktische Weise vor der übermächtigen Wirklichkeit in Sicherheit gebracht: Er floh von der ungeschützten Erdoberfläche in Höhlen, in denen man allerdings nicht ewig bleiben konnte. Denn das Dilemma der Höhle besteht darin, dass sich zwar in ihr leben, nicht aber der eigene Lebensunterhalt darin finden lässt.

 Jedoch trauten sich vorerst nur die Jäger, also die Starken und Mutigen, aus der Höhle heraus. Die Schwachen und Ängstlichen wurden die Wächter der Höhlen, später die Hüter der Tempel, Kirchen und Moscheen, denen die Aufgabe zufiel, Geschichten über Leben  und Welt zu erfinden und dadurch die bedrohliche Befremdlichkeit der Wirklichkeit auf Distanz zu bringen und sie auch dort zu halten. Sie nahmen der fremden Außenwelt ihre Übermacht durch bilderreiche Geschichten, die sie den Jägern erzählten. Auf diese Weise bemächtigten sie sich der Welt da draußen durch Phantasie und Einbildungskraft. Dabei verlor die absolutistische Wirklichkeit allmählich ihre Fremdheit. Die Menschen begannen, sich in der Welt heimischer zu fühlen. Zwischen den Absolutismus der Wirklichkeit und die Menschen hatte sich eine Bilder- und Geschichtenwelt geschoben, so dass das Heraustreten aus den Erd- und Gebirgshöhlen nun einem Eintritt in Sinn- und Kulturhöhlen gleichkam.

Solche Sinn- und Kulturhöhlen bilden mythische Erzählungen, religiöse Lehren, kultische Rituale, metaphysische Summen und Systeme, literarische Geschichten, wissenschaftliche Modelle und technische Errungenschaften. Deren besondere Leistung besteht nach Blumenberg in der Eindämmung archaischer Ängste, der Bannung des Schreckens, den die nackten Tatsachen der Wirklichkeit den Menschen einflößten und einflößen. Im Laufe der Kulturgeschichte wurden immer neue Kunstgriffe entwickelt, Vertrautes an die Stelle des Fremden zu setzen, Unerklärliches durch Erklärungen zu ersetzen und Benennungen für das Namenlose zu erfinden. Es entstand ein Kosmos von Bedeutungen, die den Absolutismus der Wirklichkeit wie mit einem Vorhang verhängten und dadurch auf Abstand hielten. Wie das Kind, das aus dem dunklen Keller etwas heraufholen soll und dabei laut singt, um seine Angst vor der bedrohlichen Stille und Dunkelheit zu vertreiben, so erzählen etwa Mythen faszinierende Geschichten, welche die Urängste der Menschheit vor der übermächtigen, schrecklichen, namenlosen Wirklichkeit fernzuhalten suchen. Blumenberg deutet die gesamte Kultur als Abwehr der absolutistischen Wirklichkeit, kurz, als Schutzschild. Mithin besteht die wichtigste Aufgabe der Kultur in der „Leistung der Distanz“.

Quelle Franz Josef Wetz: Gelehrte Notwehr / Blumenberg – der unermüdliche Kopfarbeiter / Essay als Nachwort zu Hans Blumenberg: Nachahmung der Natur Zur Vorgeschichte der Idee des schöpferischen Menschen / Reclam Stuttgart 2020 (Zitat Seite 82ff)

Ich bin – nicht auf Blumenberg – sondern auf dieses Buch (Heft) von ihm gekommen, weil in der Süddeutschen Zeitung davon die Rede war, und ich wusste, dass ich dieses Thema „brauchte“. Ich bin nicht enttäuscht, begeistert allerdings zunächst nur von dem als Nachwort folgenden Essay von Franz Josef Wetz. Und die SZ-Kurzbesprechung, würde ich sagen, ist für wohlmeinende, der Kultur zugewandte Menschen (Leserinnen & Leser), eine Irreführung. Es ist schwieriger Stoff, in gedanklicher Askese zu studieren, man kann keinesfalls davon sagen, er sei „spannend“ nachzulesen. Ich glaube, dass nicht einmal der Rezensent das Werk durchgearbeitet hat; um den Namen Parmigianino zu zitieren, muss er im Original nur bis Seite 2 gekommen sein, danach etwas Aristoteles, und dann schauen, wie man die Atombombe als Werk des Menschen unterbringen kann. Man muss sich allerdings vor allem auf das Mittelalter einlassen wollen, oder den Hiatus beim Sprung in die Neuzeit, Nikolaus von Kues etwa, der 1450 den löffelschnitzenden „Idiota“ (Laien) gegen den Kleriker setzt, der noch beharrt auf einer Kunst als Nachahmung der Natur, wie schon Aristoteles. Aber ich spare mir die Worte, ich warne nur: das alles geht nicht schnell, die „knapp fünfzig Seiten“ brauchen ein paar Wochen Zeit und viel eigenes Denken und vor allem: bereits vorhandenes Problembewusstsein, um nicht zu sagen: Vor-Wissen. Man muss Ähnliches gelesen haben. Das darf man nicht verschleiern.

  

Parmigianino: Selbstportrait im konvexen Spiegel 1524 (Quelle: Wikipedia hier)

Da nun in dem Spiegel alle naheliegenden Gegenstände sich vergrößern und die fernen kleiner werden, malte er eine Hand, welche zeichnet, ein wenig groß, wie sie im Spiegel erschien, so schön, als ob man sie in der Wirklichkeit schaue. Francesco war schön und hatte sehr anmutige Gesichtszüge, mehr einem Engel als einem Menschen ähnlich, deshalb war sein Bildnis auf dieser Kugel etwas Göttliches, ja das ganze Werk gelang ihm so herrlich, dass Vorbild und Nachbild sich nicht unterschieden, da auch der Glanz des Glases, jeder Widerschein, und Licht und Schatten so eigentümlich und treu nachgeahmt war, dass man von menschlichem Geist nicht mehr hätte erwarten können.

ZITAT: Vasari 1567 (Wikipedia hier)

Hans Blumenberg (Seite 14):

… die Flugmaschine ist gerade dadurch wirkliche Erfindung, dass sie sich von der alten Traumvorstellung der Nachahmung des Vogelflugs freimacht und das Problem mit einem neuen Prinzip löst. Die Voraussetzung des Explosionsmotors (der seinerseits eine wirkliche Erfindung repräsentiert) ist dabei noch nicht einmal so wesentlich und charakteristisch wie die Verwendung der Luftschraube, denn rotierende Elemente sind von reiner Technizität, also weder von imitatio noch von perfectio herzuleiten, weil der Natur rotierende Organe fremd sein müssen.

KATZE wachsam, in sich ruhend, die Umwelt lesend

Jetzt habe ich dies tolle Büchlein mit allerhand neuen Themen am Bein und wollte mich doch eigentlich nur um Tiere kümmern… jaja, aber jetzt war ich gerade an dem Punkt angekommen, an dem das Vestehen entgleisen kann, und man sollte der sich im eigenen Innern meldenden Kritik Raum geben (doch davon vielleicht später). Man erinnere sich immer wieder an das seit der Antike geradezu dogmatisch behandelte Thema „Nachahmung der Natur“. Alles was der Mensch kann, ist Nachahmung der Natur. Vom Fliegen ist hier die Rede, weil der Vogelflug im Detail gerade nicht zum Ansporn einer praktizierten Nachahmung wurde und dennoch (deswegen) folgerichtig zum perfekten Fluggerät des Menschen führte.

ZITAT Blumenberg

Aber die Berufung auf den schon vorhandenen und das Fluggeschäft gottgegebenerweise ausübenden Vogel hat gar nicht so sehr die Funktion einer genetischen Erklärung. Sie ist vielmehr der Ausdruck für das mehr oder weniger bestimmte Gefühl der Illegitimität dessen, was der Mensch da für sich beansprucht. Der Topos der Naturnachahmung ist eine Deckung gegenüber dem Unverstandenen der menschlichen Ursprünglichkeit, die als metaphysische Gewaltsamkeit vermeint ist. [eingeschätzt wird] Solche Topoi fungieren in unserer Welt, wie in modernen Kunstausstellungen die naturalistischen Titel unter abstrakten Bildern. Das Unformulierbare ist das Unvertretbare. Das Paradies war, für alles einen Namen zu wissen und durch den Namen sich geheuer zu machen. Wo das lógon didónai [bei Bl. in griech. Schrift, s.dazu auch hier] (in seinem Doppelsinn!) versagt, neigen wir dazu, von „Dämonie“ der Sache zu sprechen, wie die vielgebrauchte „Dämonie der Technik“ für unsere Thematik belegt. Eine solche Problematik wie die der modernen Technik ist dadurch gekennzeichnet, dass wir zwar ein „Problem“ empfinden, es zu formulieren aber in unausgesetzter Verlegenheit sind. Diese Verlegenheit eben soll hier auf die Geltung der Formel von der „Kunst“ als Nachahmung der Natur zurückgeführt werden, indem ich zu zeigen versuche, dass und weshalb diese Idee unsere metaphysische Tradition derart beherrscht hat, dass für die Konzeption des authentischen Menschenwerkes kein Spielraum blieb. Das schöpferische Selbstbewusstsein, das an der Grenze von Mittelalter und Neuzeit aufbrach, fand sich ontologisch unartikulierbar: als die Melerei nach ihrer „Theorie“ zu suchen begann, assimilierte sie sich die aristotelische Poetik; der schöpferische „Einfall“ metaphorisierte sich als entusiasmo und in den Ausdrücken einer säkularisierten illuminatio. Verlegenheit der Artikulation angesichts des Übergewichts der metaphysischen imitatio-Tradition und der Renaissancegestus der Rebellion gehören zusammen. Das ontologisch fraglos Gewordene bildet eine Zone der Legitimität, in der sich neue Veständnisweisen nur gewaltsam durchsetzen können. Man denke an den „Ausbruch“ des Originalgenies noch im 18. Jahrhundert, der im Idealismus sozusagen systematisch aufgefangen wurde.

Erst im historischen Nachhinein sieht man, was der Versuch des Cusaners hätte bedeuten können, mit der Ironie seines löffelschnitzenden Idiota die bestürzende Idee vom Menschen als einem seinsoriginären Wesen so zu formulieren, dass sie als notwendige Konsequenz und legitime Explikation der theologischen Auffassung vom Menschen als dem gottgewollten Ebenbild Gottes, als dem (in der Hermetik vorformulierten) alter deus, hervortrat. An seiner geschichtlichen Wirksamkeit gemessen, ist dieser Versuch, die Neuzeit gleichsam als immanentes Produkt des Mittelalters heranzuführen – ein Unternehmen, innerhalb dessen die metaphysische Legitimierung des Attributes des Schöpferischen für den Menschen nur eine Komponente darstellt-, nicht gelungen. Wir haben den Idiota des Cusaners als historisches Indiz, nicht als geschichtsbildende Energie zu betrachten. Denn das Fazit der neuzeitlichen Geistesgeschichte ist der Antagonismus von Konstruktion und Organismus, von Kunst und Natur, von Gestaltungswillen und Gestaltgegebenheit, von Arbeit und Bestand. Das menschliche Schaffen sieht seinen Wirkungsraum sich durch das Gegebene benommen.

Quelle Hans Blumenberg a.a.O. Seite 14f

Nachbemerkungen

letztes Wort „benommen“? im Sinne von „eingeschänkt“, „untergraben“…

Zu dem Satz: „denn rotierende Elemente sind von reiner Technizität, also weder von imitatio noch von perfectio herzuleiten, weil der Natur rotierende Organe fremd sein müssen.“ Inzwischen liegt dieser Fall anders; bei Richard Dawkins kann man nachlesen, dass diese rotierenden Organe dank neuer Wissenschaft doch noch im Mikrobenbereich gefunden wurden (Quelle wird hier nachgetragen: Dawkins Seite 826 u 757). Was aber nichts an dem Gedanken ändert.

Es wird nicht wenige Leserinnen und Leser geben, die an der Diskussion über den Naturbegriff, die Nachahmung und die Rolle der „Idee“ bei Plato und Aristoteles nichts Spannendes finden können und daher die Kapitel III und IV im Gegensatz zu dem SZ-Rezensenten nicht durchstehen, so dass ihnen entscheidende Punkte für immer entgehen. Ausgerechnet wenn es um so einfache Dinge wie Tisch und Bett (im Gegensatz zu „wahren“ Kunstwerken geht). Ihnen will ich zur Ermutigung eine in den Anmerkungen (Nr.10 Seite 56) von Blumenberg gegebene Mahnung in roten Großbuchstaben einschärfen:

HIER ZEIGT SICH, WIE DIE GESCHICHTE DES MENSCHLICHEN GEISTES DURCH DEFINITIONEN (UND DAS HEIßT: DURCH DEN ANSPRUCH AUF ENDGÜLTIGKEIT) KANALISIERT WERDEN KANN.

Es ist mühsam und fast schmerzhaft, diese Kanäle freizulegen und neue Verbindungen zu entwerfen. Man kann leider nicht einfach auf eigene Faust bei Punkt Null anfangen. Der gesuchte Punkt liegt ja bereits bei Plato und Aristoteles.

Aber es begeistert auch, zumal wenn man wie ich heute – nach der Rückkehr aus Texel – wieder in dem einzigartigen Buch von Richard Dawkins landet oder besser versinkt: Geschichten vom Ursprung des Lebens (Berlin 2008). Darin die „Geschichte des Rhizobiums“ Seite 757. Also doch auch eine Geschichte von der Erfindung des Rades durch die Natur … (siehe oben).

Nono & Sciarrino / Hören & Lesen

Zum Weiterarbeiten (einige vorläufige Notizen)

 .    .    .    . .    .    .    . .    .    .    .

An dieser Stelle unterbreche ich die wiederholte Lektüre des Textes, um sie in meine persönliche Arbeitssituation einzubeziehen. Der Name Scherchen bedeutete mir etwas, seit ich mein Studium in Berlin begann, Frühling 1960, und – aus meiner optimistischen Sicht – wie immer in die wichtigste Phase meines Lebens eintrat. Dazu gehörte unbedingt die wirklich „Neue“ Musik, markiert durch die intensiv fortgesetzte Lektüre der „Philosophie der Neuen Musik“ von Theodor W. Adorno im Café Kranzler, verbunden mit halbstündlichen Kaffee-Bestellungen, eine Art Rausch. Der in Berlin beheimatete Mitstudent L.K., der die Uraufführung der Oper „Moses und Aron“ auf Band mitgeschnitten hatte (Skandal, Ansprache Scherchens an das randalierende Publikum), gemeinsamer Besuch mindestens zweier weiterer Aufführungen. Studium des Klavierauszugs „Moses und Aron“, dazu das Buch „Gotteswort und Magie“ von Karl H. Wörner 29.Nov.60, „Schöpfer der Neuen Musik“ von H.H.Stuckenschmidt 5.Dez.60, Begeisterung für Anton Webern, für „Wozzeck“ mit FiDi, Enttäuschung über Serielle Musik, die auch durch stetes Wiederholen (= „Einübung“) nicht attraktiver wurde usw. Nach dem Wechsel Richtung Köln alle Interessen fortgesponnen, u.a. Hermann Scherchens Buch „Lehrbuch des Dirigierens“ 8.Okt.61, LP Schönberg „Erwartung“ (durch stetes Wiederholen amalgamiert) und LP Violinkonzert mit Marschner, bei dem ich begann (u.a. Ursache für den Wechsel nach Köln). All dies hatte mit meinem eigentlichen (als vorläufig empfundenen) Studium „Schulmusik“ und „Germanistik“ wenig zu tun, bedeutete aber die wesentliche Motivation.

Was mich am obigen Booklet-Text und an der ganzen Produktion so affiziert, beginnt mit dem Titel „Leben in Anachronismen“, was in diesen Wochen zusammentrifft mit der eigenen Arbeit am Bartók-Text und dem Phänomen Bartók-Rezeption (schon in Berlin markiert s. folgende Seiten aus Adorno 1960, Gräter 1955).

(Fortsetzung folgt)

 der erste Leitfaden (mit Protestnotizen!) s.a. hier Blatt 40/96

 lebenslange Folgen

(Fortsetzung folgt)

Zurück zum oben wiedergegebenen Booklettext Seite 6, rechte Spalte, der Zeile 10/11 angegebene Link „polifonica-monodia-ritmica“ ist hier abzurufen. Er beginnt so:

Vor, während und nach unserer Produktion von Luigi Nonos Polifonica-Monodia-Ritmica (am 7.-9.Februar 2005 im HR Frankfurt) ergaben sich unvorhergesehene, doch aus heutiger Sicht produktive Schwierigkeiten mit der Textform und Gestalt des Werkes.

Zu einem Teil erklären sie sich aus der relativ kurzfristig – nämlich noch im Aufführungsmaterial – von Hermann Scherchen, dem Dirigenten der Uraufführung 1951 in Darmstadt vorgenommenen Kürzung des ca. 18-minütigen Gesamtwerks auf ca. 8 Minuten Spieldauer, zum anderen waren sie Folgen des ersten großen Publikumserfolgs dieser Aufführung für den jungen Nono, aber wohl auch der Drucklegung durch Hermann Scherchen selbst bei seinem ars viva Verlag (später von SCHOTT übernommen).

(weiterlesen im vorher angegebenen Link)

Stichworte zur griechischen Vasenmalerei:

https://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Vasenmaler

https://de.wikipedia.org/wiki/Lieblingsinschrift

Comics auf griechischen Vasen? von Gesine Manuwald hier

Zitat:

Faßt man die Ergebnisse der vorgetragenen Überlegungen zusammen, ergibt sich, daß die griechischen Vasenmaler das szenische Sprechen ihrer Figuren mit den aus den Mündern entströmenden Buchstabenketten nicht quasi als Notlösung ‚naiv‘ gehandhabt haben. Die besprochenen Vasenbilder belegen, daß die Maler mit diesem formalen Mittel überaus kunstfertig umzugehen wußten. Sie konnten unterschiedliche Arten von Äußerungen optisch differenzieren, sie gestalteten die Buchstabenketten graphisch so, daß sie mit ihrer Form in die Interpretation des Bildmotivs eingehen, und sie haben sich durch die Verteilung der Texte auf die dargestellten Figuren die Möglichkeit geschaffen, im Einzelbild wie in einer Bilderfolge einen in der Zeit stattfindenden Handlungsablauf zu erzählen. Die dadurch erreichte narrative Qualität der Bilder ist in vieler Hinsicht mit der
eines Comic vergleichbar, wie die ausgewählten Beispiele zeigen. Im Unterschied zu
solchen Vasenbildern, die sich auf Ereignisse aus dem Mythos beziehen, erzählen diese Bilder mit ihren sprechenden Figuren ihre kleine Geschichte weitgehend selbst.

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/furtwaengler1924/0009/scroll

Furtwängler, Adolf ; Reichhold, Karl ; Huber, Alois
Griechische Vasenmalerei: Auswahl hervorragender Vasenbilder aus dem gleichnamigen großen Werke (Tafeln) — München, 1924

Luigi Nono: Eunice hier

ZITAT: Iemanjá, Yemayá (andere Schreibweisen u. a. YemanjáYemojaIemoja) ist in der Religion der Yoruba, in der kubanischen Santeria und im brasilianischen Candomblé die Göttin (Orisha / Orixá) des Meeres und der Mutterschaft.

Quelle Wikipedia hier

Vorsicht, vielleicht irreführend dies hier

ZITAT (Scan):

Quelle: Struktur und Freiheit in der Musik des 20. Jahrhundertszum Weiterwirken der Wiener Schule / Hartmut Krones / Böhlau Verlag Wien 2002 

Cover

Biblioteca Marciana hier … „Marciana“

Schweigen aus Feuer (Pavese) hier (Quelle?)

 

… in Erinnerung an die Arbeit des Freundes Christian Schneider

Der Geist der Tiere

Serengeti-Film „Helden der Savanne“

Dieser Film der Reihe terra x hat mich besonders beeindruckt, und da er bis 2030 abrufbar ist, möchte ich auch dafür sorgen, dass ich ihn in den kommenden 10 Jahren  jederzeit per Knopfdruck wieder auferstehen lassen kann. Muss ich dazusagen: falls ich dann noch…? Ich tue es ja nur für den Fall, dass die Erinnerungsmaschine weiterhin Stoff braucht, aber im Prinzip doch lebensähnlich funktioniert. Bis heute erinnere ich mich an mein allererstes Kino-Erlebnis. Das war „Lied der Wildbahn“, also ab 1949, – wobei mir damals egal war, wer ihn gemacht hat, von Grzimek und seinem Kampf um Serengeti wusste ich noch nichts, aber es war immerhin der erste Film, den Heinz Sielmann gedreht hat. Da hatte die Musik in meinem Leben noch nicht die Tiere in den Hintergrund gedrängt. Ich habe erst vor wenigen Momenten entdeckt, dass ich das „Lied der Wildbahn“ (zumindest tendenziell ein Lied?) heute – nach etwa 60 [Korrektur: 70!] Jahren – noch einmal ansehen könnte und tue es nicht, weil ich darauf besser eingestellt sein müsste (ich will mich nicht drüber lustig machen müssen). Ich habe noch gerade die Anfangsmelodie wahrgenommen (Hörner: „Im Wald und auf der Heide“, ich würde das heute vielleicht schwer durchstehen), und aus!!!

HIER wäre der Weg…

Die Musik in dem heutigen Serengeti-Film fand ich in ihrer Sparsamkeit lobenswert, sie deckte  die Geräusche der Natur nicht zu und persiflierte die Szenen auch nicht in Richtung Komik. Sie gehörte sozusagen zur Erzählerstimme, die auch wohltuend unaufdringlich, aber höchst aufschlussreich kommentierte. Der Film selbst war überwältigend. Hätte es sowas früher gegeben, wer weiß, ob ich nicht lieber Verhaltensforscher geworden wäre. Diese Nähe zu den echten Tieren, die Glaubwürdigkeit der erstaunlichsten Szenen! Die lauernden und jagenden Geparden, ihre Jungen, die lernen müssen, eine erlegte Gazelle (?) zu töten, eine trauernde Giraffe, die scheinbar nicht begreifen kann, dass ihr Nachwuchs tot im Grase liegt. Die Zebras, die mit letzter Kraft einen verschlammten Fluss überqueren, während einige es nicht mehr schaffen. Ich kann nur raten, diesen Film mit Kindern oder Enkeln gemeinsam zu sehen, und sie lieber vor Nachrichten über Tönnies abzuschirmen als vor diesen Wahrheiten aus der Wildnis.

 HIER

Sinnenleben oder: Die Entdeckung des Spiegels

Wie wieder eins zum andern kam: das Buch, das Bild, der Film, die Musik, der Belting …

Aber wieso auch die Musik?

Noch einmal: die Musik? Wir werden es sehen und hören (Video extern hier) :

Und die Entdeckung des Spiegels? Siehe im folgenden Film ab 38:12 oder ab 47:05 „… durch Beobachtungen mit einer Spiegellinse … wie sollte das ohne optische Hilfsmittel gehen?“

Alhasen im Film schon ab 43:01: „im Bereich der Optik beschäftigte sich Jan van Eyck wissenschaftlich und technisch mit den Theorien Al-Hasins und allgemein mit den arabischen Lehren der Optik, die im 11. Jahrhundert in Kairo entstanden waren; im 15. Jahrhundert waren diese Texte vermutlich schon so weit verbreitet, dass Jan van Eyck sie kannte. Zugang zu ihnen hatte er möglicherweise in seiner Heimat Flandern oder auch auf seinen Reisen nach England, Portugal und Spanien erhalten.“ Das folgende Bild stammt aus dem Buch von Hans Belting:

 Wer ist Alhazen? Siehe Wikipedia HIER

DER FILM

Der Genter Altar

Dokumentation Frankreich / Belgien 2019 | arteMEDIATHEK

Nach achtjähriger Restaurierung hat die „Anbetung des Lammes“, ein Meisterwerk der Malereigeschichte, seinen ursprünglichen Glanz wiedergewonnen. Das 1432 eingeweihte Monumentalgemälde der Gebrüder Hubert und Jan van Eyck fesselt den Betrachter bis heute durch seinen erschütternden Realismus. Mit einer spektakulären Inszenierung, ergänzt durch Beiträge renommierter Kunsthistoriker und angesehener Maler wie David Hockney, deckt der Film die Hintergründe dieses revolutionären Werkes auf, das den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markiert.

 Abrufbar Hier

Versuche folgendes zu verstehen:

ZITAT Coccia

Ein Bild kann seine Ausmaße vergrößern oder verkleinern, es wird sie aber niemals in Einzelteile aufteilen, zerteilen, scheiden lassen. Das Sinnliche ist das Unteilbare, ein Intensivum, das sich rein akzidentell an die Extension koppelt. Eben darum, weil die Bilder die Fähigkeit besitzen, sich nicht nach dem Modus der Extension niederzulassen, sind sie überall: in der Luft, auf dem Wasser, auf Glas, auf Holz. Sie leben an der Oberfläche der Körper, ohne sich mit ihnen zu vermischen. Eine Melodie verharrt in der Luft, deckt sich in gewisser Hinsicht mit einer ihrer Eigenschaften, mit einer ihrer Vibrationen, aber darauf reduzieren lässt sie sich nicht. Die Existenz des Sinnlichen wird nicht durch das Vermögen einer spezifischen Materie determiniert, sondern durch das Vermögen der Form, außerhalb ihres natürlichen Habitats existieren zu können.

Diese Eigentümlichkeit verleiht dem Bild-sein einen weiteren paradoxen Wesenszug: Auch wenn ein Bild ut in puncto in seinem Substrat verharrt (also auf nichtextensive Weise), das heißt im Spiegel existiert, als würde es nur einen einzigen Punkt darin einnehmen, behält es die Form oder Erscheinung der Ausmaße eines natürlichen Körpers bei. Es ist weder lang noch breit noch tief, aber es behält die Erscheinung dieser Ausmaße bei, es ist deren ratio cognoscendi  oder Erkenntnisgrund. Auch deswegen kann ein Spiegel die Gestalt von Dingen in sich fassen, die viel größer sind als er selbst.

Das Leben der Spiegelbilder, argumentieren schließlich die Scholastiker, determiniert eine vollkommen substanzlose Existenzform: Der Spiegel, der Bilder aufnimmt, verändert weder seine Identität noch seine Natur noch seine Substanz. Er verwandelt sich nicht. Das Sein des Spiegels bleibt unveränderlich, stabil, identisch. Die im Spiegel reflektierte Form hingegen ist immer noch etwas. Aber welchen Seinsmodus hat sie? (…)

Quelle Emanuele Coccia: Sinnenleben Eine Philosophie Edition Akzente Hanser München 2020 (Seite 36f)  ISBN 978-3-446-26572-1

Zum Spiegel-Motiv siehe auch hier !

16 Minuten Weg zwischen den Generationen

Coccia, Plessner, Gehlen, Adorno

Es war die aufgeschriebene Vision eines alten Mannes, die mich am vergangenen Donnerstag stark berührt hat, heute die eines jungen Mannes, dessen munteres Daherreden auf youtube genau meine Themen betraf. Zum Beispiel die Linie zwischen Außen und Innen, die mich schon oft beschäftigt hat.

Zwischen David Johann Lensing (*1989) und Edgar Reitz (*1932)

Private Höhle und öffentlicher Raum

 Direkt vom Papier ins Medium:

 Quelle: DIE ZEIT

DIE ZEIT 4. Juni 2020 No.24 Seite 50 Warum wir das Kino brauchen / Die Coronakrise zeigt, dass das Kino als Ort der Zuflucht und des Rückzuges umso wichtiger wird. Aber dafür muss es sich verwandeln. Von Edgar Reitz.

Das Innen und das Außen  13:13 / Anthropologie der Sinne

 Zum Nachlesen HIER

(Fortsetzung folgt)

Für die Dörfer, mit Beethoven, trotz Corona

Wandelkonzert in Keyenberg

Eine Schwarzdrossel singt betörend, aber wenig ist zu spüren vom Erwachen froher Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande, manchmal bleiben nur Fetzen von der Musik hinter dem Wind, der über die Mikrofone fährt, und doch gibt es eine unbeirrbare Kraft, die das Ganze (fast) synchron weitertreibt. Auf den gelben Schildern liest man die Namen der im Kohlentagebau untergegangenen Dörfer und derer, die noch auf der Liste stehen, maskierte Zuhörer wandern in kleinen Gruppen über Feldwege, beobachten ein Fagott wie ein seltenes Insekt, auf den Wiesen sitzen einzelne Streicher, deren Begleitfiguren für kurze Zeit wie Hauptmotive hervortreten, alles steht im Zeichen einer Vorläufigkeit, einer Brüchigkeit, die auch hinter Scheunentüren bei einem Symposion über die Zukunft der Kultur verhandelt werden könnte. Und niemand von den Repräsentanten städtischer Musikkultur, die sich hier zusammengefunden haben, fühlt sich erhaben und erhoben über die rurale Landschaft, den Duft des Dorfes, den sorglos blauen Himmel, es ist alles anders als das Idealbild, das Beethoven in seiner „Pastorale“ entworfen hat, man muss sie mühsam zusammenfügen, ein fragiles Räderwerk der Gedanken. Es wird mühsam vor dem Zerfall bewahrt, und sollten wir es eines Tages wieder im Konzertsaal erleben, wird man unweigerlich an diese Realisierung auf dem Lande zurückdenken, als sich seltsame Synapsen bildeten und manch einen das Hören neu entdecken ließ.

Zitat (Pressetext)

Am 1. Juni 2020 um 13 Uhr veranstaltet das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ im bedrohten Dorf Keyenberg eines der ersten großen Klassikkonzerte nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Mehr als 50 Musizierende spielen auf einem denkmalgeschützten Hof in einem Wandelkonzert aus Beethovens 5. und 6. Symphonie („Pastorale“). Die Musiker*innen stehen auf dem Gelände des Hofes verteilt und spielen die Werke synchron. Die Besucher können den Klangpfad entlang spazieren und so die Musik Beethovens ganz neu entdecken. Die Besucherzahl ist auf 100 Menschen begrenzt und alle Tickets sind vergeben. Erlebe das Livekonzert als virtueller Besucher. Wandle mit, gleite entlang der Musiker und erlebe den Klangteppich in Stereoton. Das beste Seh- und Hörerlebnis hast du vor einem Rechner mit Kopfhörern auf. Unter http://alle-doerfer-bleiben.de gibt es regelmäßige Berichte zu den Ereignissen in den bedrohten Dörfern. Livestream Produktion: http://fb.com/goove.de

Am Dienstag nach Pfingsten lese ich in meiner Tageszeitung von der Aktion der Orchestermitglieder, und zwar auf der Seite HIER UND HEUTE. Auf der Seite KULTUR dagegen von Igor Levits Klavier-Marathon. Müßig zu fragen, wo Beethoven sich selbst lieber gesehen hätte. Vielleicht auf der Seite POLITIK, wo über Sensationen aus Frankreich berichtet wurde, nicht neben den Kleingärten, aber hier und heute findet durch Corona eben eine neue Durchmischung aller Niveaus und Sphären statt. Und es darf hervorgehoben werden, dass die „revolutionäre“ Veranstaltung in Keyenberg nicht mit der „Pastorale“ begann, sondern mit der „Fünften“, deren hammerschlagendes Kopfthema, das jeder Depp beim Namen Beethoven anstimmt, sogar um einen halben Kopf verkürzt startete. Denn das Schicksal fackelt nicht lange.

    Solinger Tageblatt

Weshalb mir die Aktion in Keyenberg so gut gefällt: man erlebt viele einzelne Menschen, ja, die Aufsplittung einer Gesellschaft, die zeigt, dass diese sich nicht zerlegen lässt, nicht durch Corona und nicht durch RWE, sondern zu Gemeinschaftsaktionen fähig bleibt, hinter denen menschliche Individuen stehen. Nichts anderes hat Beethoven gewollt. Deshalb kann mich ein stellvertretend für alle inszenierter Einzel-Marathon nicht begeistern, auch nicht ein ehrgeiziger Tenor, der in hörbarer Selbstüberschätzung aus dem Weltendrama der Bachschen Johannes-Passion ein gedehntes Kammerstück schneidert, oder ein Streichquartett, das bereit ist, ein Jazzfestival mit Beethovens Heiligem Dankgesang zu garnieren, als gelte es, in all der aufgeblasenen Symphonic mal eben dem Untergang der Klassik ein gnädiges Ohr zu leihen.

3. Juni 2020

Mir ist bewusst, dass ich fortwährend assoziiere, was mit diesem Keyenberg-Event („Event“?) zusammenhängt, und zwar mehr die coronabedingte Seite reflektiere, als die primäre, den Einsatz des Musiker-Kollektivs für die Dörfer und gegen die Garzweiler-Brutalität. Denn dieses Empörungspotential ist bereits hochentwickelt (unsere Enkel haben sich von Anfang an – auch am Ort – mit den Baumbesetzern solidarisiert).

Ich will an dieser Stelle alles notieren, was mir in den Sinn kommt, ohne zu intendieren, Bruchstücke einer angemessenen (oder überflüssigen) Theorie zu sammeln. Nicht angemessen zum Beispiel: dass es eine ideale Voraussetzung wäre, die Pastorale auswendig zu kennen und überall im Gelände („Ende Gelände“!) ergänzen zu können, wie die in der Nähe gehörten Musiker*Innen mit den aus der Ferne vernommenen zusammengehören und hörend Wandlern ständig vervollständigt werden. Das wahre Kontinuum, Beethovens Sinfonie! Die große Musik, die nicht erst durch das neue Buch von Hinrichsen (zusammen mit anderen F-dur-Werken wie dem Streichquartett op. 132) eine Sonderstellung einnimmt, sondern (für mich) schon seit 1997, als ich zufällig das – ideenreiche, aber etwas unordentliche –  Buch von Schmenner las und die Pastorale (im Zuge ihrer repetitiven Momente) in einer WDR-Sendung kombinierte mit afrikanischen Improvisationen, die (zufällig?) auf demselben Grundton F basierten.

   

Und heute im Tageblatt der Beitrag über künstlichen Applaus, der sich auch in Moers auffällig in den Vordergrund spielte. Bei früheren Festivals mit Publikum aufgenommen und hier an den entsprechenden Stellen von der Technik eingespielt, aber nicht als Fake, sondern bewusst auch in der Moderation thematisiert, also mit einem melancholischen Beiklang versehen.

 03 Juni 2020 Seite 7

Marco Krefting, Jutta Toelle, Herbert Schwaab.

Ein entscheidender Punkt der Moderne, der plötzlich auf Corona bezogen wird, ist die durch das technische Medium erzeugte Illusion der Nähe, und damit könnte ja auch ernsthaft gespielt werden, visuell und auch akustisch: ich könnte als Beobachter beim Streichquartett sozusagen von Griffbrett zu Griffbrett springen, könnte größere Abschnitte oder ganze Sätze aus der Sicht der zweiten Geigerin erleben, unter Hervorhebung auch dieser Stimme, d.h. die Technik versucht nicht sich selbst zu verleugnen, sondern zu reflektieren, zu subjektivieren. So hat es vielleicht Jan Vogler nicht gemeint, aber genau diese Interview-Reihe der NMZ  sollte man sammeln und auf zukunftsfähige Ideen abklopfen.

↑ Oben zum Lesen, unten ↓ zum Hören anklicken:

https://www.nmz.de/media/video/corona-talk-mit-jan-vogler HIER

Nachtrag zu Keyenberg 

Frankfurter Rundschau nachzulesen hier !

Radio Dezember 1959

Als ich das Medium entdeckte

Meine Bibel war damals die eben erschienene Auswahl aus Gottfried Benns Prosa. Sie wurde es seit der Teilnahme an einer Primaner-AG „Moderne Lyrik“ bei Ernst Nipkow, der – was ich nicht wusste – von Haus aus Theologe war und als solcher bekannt wurde (mehrere meiner Mitschüler studierten später dasselbe Fach, z.B. Reiner Preul).

 Ullstein Bücher West-Berlin 1959

Ein Radio-Abend am Mittwoch, 16. Dezember 1959, III. Programm des NDR, 20.00 Uhr Eine Umfrage: „Muß das künstlerische Material kalt gehalten werden?“ These: Kunst und Macht (1934) Ausdruckswelt (1944)

Notizen während der Sendung (JR). Seltsamerweise ist mir wohl der Name eines verantwortlichen Redakteurs entgangen. / Vorweg einiges aus meinem damaligen Benn-Brevier:

 

Antworten von A. Andersch, Heinrich Böll usw.  (Arno Schmidt, Walter Jens)

„Kalt und zynisch muß der Künstler die Welt betrachten, warm ist sie lange genug betrachtet worden.“ These Gottfried Benns.

Fast alle Autoren lehnen Benns These ab ↔ : „Das Material muß erhitzt werden!“

Aus Essay: Kunst und Macht: „Wirklichkeit, Form, Geist“ = 3 Themen / wird gewöhnl. Intellektualismus. Kunstträger ↔ Kulturträger

Kunst ist nicht Kultur.

Kunstträger ist statistisch asozial. ist uninteressiert an Kultur. er macht kalt, verleiht dem Weichen Härte. Ablehnung gegen den Kunstträger seit Plato. Fragwürdiggkeit der Kunst. Sie wächst auf paradoxem Boden. „Ausdruckswelt“

„Das, was lebt, ist etwas anderes als das, was denkt.“ Enge Zusammenfassung, knappe Thesen! Siehe „Prov. Leben“ Seite 177  // ! Sein existentieller Auftrag lautet nicht mehr nat. Natur, sondern Kunst.

A. Andersch (*1914) „Die Kirschen der Freiheit“ (Pazifistische Haltung) „Sansibar oder Der letzte Grund (1958)

Heinr. Böll (*1917) „Wo warst du, Adam“ „Und sagte kein einziges Wort“ „Billard um 1/2 10“ Nichts kann gehärtet werden, was nicht erhitzt wurde. Alles Geformte ist kalt. Thermometer /  Kunstträger – Kulturträger trifft nur im Norden zu. Im Süden ist Form selbstverständlich. Ein Abgrund trennt Künstler und Ästheten. (Man denke: Der blutende Van Gogh verlangt Einlaß in ein Museum seiner Werke!)

Hans Magnus Enzensberger (1928) Lyrik (Assoziativ, kulturkritisch) Polemik gegen den „Spiegel“. Zusammenhang der These. Benn arbeitet mit gezinkten Alternativen. Kunst ↔ Leben interessiert nicht. Kalt halten? E. will (↔ Benn) bei der Sache bleiben. (Pallas usw.) Bild des Schmiedes Was ist Material? Benn läßt im Zweifel, was auf dem Amboß liegt. Material: die Sprache! – Kalt oder heiß?? Gegenstand. Was tue ich mit der lauen Sprache? Ich halte sie an meine heißen Gegenstände. Die Sprache ist durch die ganze Temperaturskala zu jagen, am besten mehrmals. Was oft genug durchs Feuer gegangen ist, wird Härte besitzen.

Wolfgang Koeppen / „Der Tod in Rom“ 1954 Reiseberichte. „Benns Behauptung ist eine Binsenwahrheit“. Zustimmt: Kunstträger asozial. Dennoch existiert er nur in der Kultur. nat. Natur? Gretchen in der Stadt! Ischtar auf dem Parkplatz! „Der Geist macht nicht blind?“ Romanschriftsteller. Benn widerspricht s e i n e m Flaubert u. Heinrich Mann.

Arno Schmidt (1910) Scharfe Äußerung. Benn kannte im Theoretischen keine „Werkstattsprache“ klar und nüchtern. „Unendliches Gemetaphere.“ „Benn schwatzt“. Reduzierte Einmannwelt!! Monologe girren! Hitler!?!? Benn Lyrischer Kurzarbeiter. Voreingenommene Beschränktheit Benn’s. Kulturträger ↔ Lyrik bedarf wenig Geistes. Aber die Romanprosa wird dem tägl. Ablauf mehr gerecht.

Natürlich kalt sammeln. Aber das Zusammenschweißen – Anhitzen, glühend machen. Benn war konstitutionell zu künstlerischen Mikroäußerungen veranlagt. Benn sind ab u zu bemerkenswerte Gedichte gelungen. Gut: „Gehirne“.

Walter Jens (Literaturkritiker) „Nein – die Welt des Angeklagten“. Natur ↔ Kunst usw. in der Wirklichkeit abstrakt. Das Pendel schlägt mal hierhin mal dorthin. Plato: Enthusiasmus der Dichtung im Lichte der Vernunft zweifelhaft.“ Philosophie als höchste Kunst. Denken = Synthese von Nüchternheit und Ekstase. (Platon „Gastmahl“ usw.) „Der Dichter soll in allen Lagen seinen kühlen Kopf behalten“ (Novalis) Poe: „Philosophy of composition“ ! ! ! Baudelaires Bedenken. Ordnung u. Klarheit, Kalkül und math. Klarheit bestimmen die Dichtung unserer Zeit. Valéry’s „Krankheit der Präzision“. Poeta doctus. Kalte Kunst. Intellektualisierung. Romant.-platonische These der Wechselwirkung? Auf dem Höhepunkt der Zerebralisation ein Einbruch des Unbewußten, Überwindung des determin. Weltbildes usw. Eliot: Präzise Emotion. Valéry: Rausch der Nüchternheit. Je abstrakter das Denken, desto stärker der Umschlag ins Unbewußte.

21.00 Das imaginäre Konzert Versuch einer neuen Programmierung

Konzert von Klang überhaupt

Konzert der Kompositionen aller Zeiten

(als Autor der Sendung ist irgendwo im Text mit Rahmen markiert: Hans Otte)

Das Programm: Machaut – Bach (Vier Duette) – Anton Webern (Konzert für 9 Instrumente op. 24)

Bisher: Spezielle Aufführungsmöglichkeiten: Historisch noch nicht genügend erforscht. Jetzt: Technische Medien – Radio, Tonband usw. „Neue Möglichkeiten“.

Antike: Musik als Kult. Nur von Eingeweihten. Mit Aufkommen der Instr. auch nichtklerikale Musikerkreise. Mit Beginn der Aufklärung  jedermann zugängliche Konzerte. Heute: Musikgut der Vergangenheit fast lückenlos. Alte Instrumente nachgebaut, kultische, soziolog, Bezüge alter Musik aber verschlossen. Durch neue Mittel Musik aller Zeiten und aller Arten im gleichen Raum. Die Werke aller Zeiten rücken zusammen!! Der neue Stil: Der Stil der künstlerischen Mittel.

Bisher:

1.) Konzerte mit einheitl. Instrumentarium. „Musik mit …“

2.) Musik aus historischer Sicht „Musik um zu …“

3.) regional „Musik aus …“

4.) Inhaltl. Aspekt (Unterhaltung.., ernst..) „Musik für, aus, wegen … usw.“

Jetzt:

Programmierung musikalischer Kunst als Kunst. Verzicht auf obige Kategorien. „Musik aus Musik zu Musik“

Machaut – das Stück 1 für kirchliche Kreise.

Bach – das Stück 2 für höfische

Webern – das Stück 3 für keinen besonderen Zweck

erstmalig so gebracht Völlig Neuartige Programmgestaltung

Gemeinsam → Ein Mehrstimmiges, Polyphones.

  1. Ton als melodisch-modales Element
  2. Ton als harmonisch – metrisches Element
  3.  Ton als strukturelle Einheit von Zeit, Höhe und Dynamik.

Mannigfache Beziehungen. Vergleich der Kräfte. Vergleich der Werke, der Kunstwerke in ihrem autonomen Mitteln.
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1.) Machaut: (frz. Titel?)

2.) Bach: 4 Duette für Cembalo

3.) A.v. (sic!) Webern: Konzert für 9 Instrumente op. 24

4stimmige Gesänge

Zu 1.)  Zunächst a capella

a) Dann instrumentale Begleitung b) gezupfte Akkorde, dunkles Melodieinstrument c) a capella

Zu 3.) Bruchstückhaft, abwechselnd in den Instrumenten. Motivfetzen. Klavier am meisten, darunterliegend.

Dieser intensive Abend vorm Grundig-Radio – am Paderbornerweg 26: der Apparat stand im Erkerzimmer rechts an der Außenwand, daneben die Couch, darüber das Bild „Die roten Pferde“ von Franz Marc; sie hatten meinem Vater Kraft geben sollen, dessen Bett zur Erleichterung der Pflege zuletzt hier im Wohnzimmer gestanden hatte; er ist am 31. August des Jahres im Krankenhaus Gilead auf der anderen Seite der Promenade gestorben, ich war bei ihm, – aber auch die Inhalte des einen Radio-Abends blieben mir für viele Jahre im Gedächtnis. An die Musik-Sendung habe ich sozusagen ein Jahrzehnt später mit der eigenen Radio-Praxis angeknüpft, ohne mir darüber klar zu sein. Denn das große Buch von André Malraux wirkte als interkulturelle Vision bereits vorbildlich, bevor ich nach 6 Jahren klassischem Musik-Studium die Wende des Jahres 1967 zum Orient vollzog und ab 1969 regelmäßig beim WDR arbeiten konnte oder sollte. Die Festanstellung 1976 hatte ich mir – als Geiger – nicht gewünscht. Die Doppeltätigkeit war schwer zu kombinieren mit ehrgeiziger Programmarbeit. Aus späterer Sicht war mir  übrigens das Konzept des „imaginären Konzertes“ – als bloß abendländisch geprägt und rein historisch – völlig unzureichend. Auch der „Klang“ als wesentliche Orientierung schien mir eher dürftig. Meine eigenen Leitlinien für integrale Musiksendungen (1970 bis 2006) habe ich nie schriftlich dargelegt, aber strikt im Auge behalten. Sie sollten sich sinnlich direkt vermitteln.

 Das Inhaltsverzeichnis der Kladde.

Alles, was mir zu jener Zeit wichtig war. Ich las viel Dostojewski („Die Dämonen“, „Der Idiot“ „Die Brüder Karamasow“, „Schuld und Sühne“), das Sanskrit-Gedicht (?) „Schwarze Ringelblume“ stammte aus dem Buch „Die Straße der Ölsardinen“ von John Steinbeck. Die Seiten 65 bis 91 enthielten noch Abschriften aus Ludwig Klages „Der Geist als Widersacher der Seele“, Jaspers „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“, einiges über die Mystik der Südseevölker, über afrikanische Philosophie („Muntu“ von Janheinz Jahn), ein Langgedicht von Aimé Cesaire und ein paar Sentenzen zur Musikgeschichte. Die Bielefelder Stadtbücherei (Musik!) war ein wichtiger Zufluchtsort. Die Welt stand offen.

   

Oben: Privates Vorspiel in Hannover und Klassenfahrt nach Berlin um 1958/59 / aus dem bürgerlichen Wohnzimmer (meiner Tante, die Hände am Klavier sind die meines älteren Bruders) zum Studium nach Berlin. Unten: ein Sprung nach Afrika – das Buch Muntu (Berlin 7.11.1960) und die Abschrift daraus in die bewährte Kladde. Musica Antiqua Köln (Reinhard Goebel) beim dritten WDR-Festival „West-östliche Violine“ 1989 in der Kölner Musikhochschule. – Jugendlicher Überschwang: Die Idee TOTALEN ZUSAMMENHANGS.

 Afrika im Blick: Aimé Césaire

 Janheinz Jahn: MUNTU (Diederichs 1958) Musica Antiqua Köln (1989)