Kategorie-Archiv: Religion

Falsche Welt: Bach trau ich nicht!

Diskussionsstoff oder Skandalfall?

(Zitate aus dem obigen Trailer)

PK „Diese Beschäftigung mit Bach als Regisseur ist seit einigen Jahren mein liebstes Kind.“

PK „Es ist doch etwas ganz anderes, zu diesen Kantaten etwas hinzuzuerfinden, was die Kantate wieder lebendiger macht, als wenn man sie nur so musikalisch absingt.“ (Kantate 52 )

Falsche Welt, dir trau ich nicht!
Hier muss ich unter Skorpionen
Und unter falschen Schlangen wohnen.

 Gott mit mir, und ich mit Gott,
Also kann ich selber Spott
Mit den falschen Zungen treiben.

Gott ist getreu!
Er wird, er kann mich nicht verlassen;
(Will mich die Welt und ihre Raserei
In ihre Schlingen fassen,
So steht mir seine Hilfe bei.
Auf seine Freundschaft will ich bauen
Und meine Seele, Geist und Sinn
Und alles, was ich bin,
Ihm anvertrauen.)

Die folgende Szene (ohne Musik), in der die Sängerin eine andere Frau zum Stuhl führt, auf den diese niedersinkt, während die Sängerin sich mit ihrer Hand beschäftigt, vielleicht besonders mit dem Ring an ihrem Finger (?) / Schnitt / dann bricht die Frau in Tränen aus, die Sängerin versucht ihr Trost zu spenden (?). Das Cembalo beginnt mit der Arie „Wie freudig ist mein Herz“.

PK „Das ist sehr gut, dass da so ne Weinwelle kommt… Und ihr seid wunderbar, das ist so…(er schüttelt die gefalteten Hände) es ist so menschlich, wie ihr das … so zusammen macht. (sie lächeln glücklich). Die gleiche Stelle. Und wir gehen weiter. (Kantate 199 Nr. 6 )

Wie freudig ist mein Herz,
Da Gott versöhnet ist
Und mir auf Reu und Leid
Nicht mehr die Seligkeit
Noch auch sein Herz verschließt.

PK „Das Thema …ist: was passiert mit uns nach unserm Abgang…“

PK „Da sind wir gestoßen auf Kantate 52, 199 und 26. Das ergibt sozusagen einen Bogen unserer Existenz. Und da gibt es natürlich eine harsche Mischung von Ernst und Spaß … oder besser gesagt von Tragik und Komik.“

(JR) Ja, und ich lasse mit Absicht offen, was ich davon halte.

Ein Freund, auch Freund und Kenner klassischer Musik, dessen Meinung ich schätze, schrieb mir:

Verrückter Fund übrigens, „Falsche Welt, dir trau ich nicht!“ Ich habe das
Video nach anderthalb Minuten anhalten müssen, weil mir regelrecht
schlecht wurde. Aber so ist es eben in unseren Zeiten: Musik hat nichts zu
bedeuten, wenn sie nur „einfach runtergesungen“ wird, da muß ein
bescheuerter Regisseur die Sängerin, die von Bach (wie sie selbst zugibt)
und mithin auch sonst wenig Ahnung hat, mit Zahnbürste durchs Badezimmer
hoppeln lassen, damit Bach Bedeutung erhält. Mon dieu! Laß Hirn regnen -
aber bitte nicht wieder nur daneben…

An anderer Stelle las ich folgendes (die Quelle folgt unten):

Eine Kernfrage politischer Musik, ob einfaches Lied oder große Oper, lautet: Inwieweit ist ihr Politisches Substanz, gehört damit unabdingbar zum Wesen der Komposition, oder doch nur Akzidens? Unter welchen zum Teil paradoxen Bedingungen sich das entscheidet, zeigen paradigmatisch die beiden folgenden Fälle. Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben heißt eine Kirchenkantate von Johann Sebastian Bach aus 1726 (BWV 102). Ihr Text, der zum Teil auf Bibelstellen beruht, ruft die Seele zur Buße auf:

»HERR, deine Augen sehen nach dem Glauben / DU schlägst sie [die Menschen], aber sie fühlen es nicht / DU plagest sie, aber sie bessern sich nicht / Sie haben ein härter Angesicht denn ein Fels und wollen sich nicht bekehren.«

Peter Konwitschny hat diese jahrhundertelang unschuldig aufgeführte geistliche Kantate am Theater Chur gegen den gewohnten Strich gebürstet und ins Heute transferiert. Allerdings, ohne auch nur eine Note oder auch nur einen Buchstaben zu verändern! Einzig einen stummen Schauspieler, an dem der Glaube durch Folter ausgelebt wird, hat er hinzugefügt. Dabei ist ihm das eindrucksvolle Kunststück gelungen, die Nähe von Gnade und Folter im christlichen Fundamentalismus zu zeigen, indem er die Gesamtanlage des geistlichenWerks als »Inquisitionsveranstaltung« gelesen hat, in der die Aussichtslosigkeit, den Menschen zu ändern, mit der Verzweiflung, dass eine solche Änderung nicht möglich ist, korrespondiert. Die Solisten sprechen mit ihren vom musikalischen Gestus her aggressiven Arien auf die Gläubigen ein, als ob es sich um ein Lehrstück handle. Und auch der Herr wird musikalisch äußerst aggressiv angesprochen, wie es später Janáček in seiner Glagolitischen Messe (1926) getan hat, um den Menschen zu zeigen, wie man mit Gott zu sprechen hat.

Quelle  Bernhard Kraller: Idealtypen politischer Musik oder: Was verbindet Andreas Gabalier mit Arnold Schönberg? / MUSIK HAMMER – Die Zeitung der Alten Schmiede Nr.73, 02.15 (pdf hier)

Zum obigen Zitat:

Dass „diese jahrhundertelang unschuldig aufgeführte geistliche Kantate am Theater Chur gegen den gewohnten Strich gebürstet und ins Heute transferiert“ worden sei, kann man nicht sagen, es sei denn, es genügt, die Musik zu ignorieren und den Text so umzudeuten, dass er etwas Zeitgemäßes sagt (etwa: Glaube und Folter gehören zusammen). Uns könnte aber interessieren, was denn die MUSIK aus dem Text macht (samt ihren „vom musikalischen Gestus her aggressiven Arien“). Vielleicht ist sie so bedeutend, dass wir uns ihr zuliebe sogar mit dem Bachschen Pietismus beschäftigen, ohne ihn als Glaubensmöglichkeit für uns in Erwägung zu ziehen, – ebensowenig wie das damalige absolutistische System.

Nebenbei: eine „jahrhundertelang unschuldig aufgeführte geistliche Kantate“ von Bach gibt es gar nicht! (Die Matthäus-Passion war ein Sonderfall.) Sie waren allesamt im Orkus verschwunden, und erst die Alte-Musik-Renaissance unserer Zeit hat sie wieder zum Leben erweckt, ja, „ins Heute transferiert“. (Siehe unten das Zitat J. E. Gardiner!)

Eigentlich bin ich etwas erschüttert, wie unbedarft es wirkt, wenn PK sich über Bach und die eigenen Inszenierungsideen äußert. Hat er denn weiter gar nichts gelesen, nur in den Kantatentexten geblättert, um etwas Brauchbares zu finden? Ohnehin scheint mir, dass die Avantgarde (?) nicht zur Kenntnis nimmt, die Authentischen (?) an Einsichten zutage gebracht haben.

Zur weiteren Einordnung der Bach-Projekte von Peter Konwitschny siehe hier. (KlassikInfo.de „Der Krampf mit dem Hosenstall“ 12. Juni 2011 von Eva Blaskewitz). Zwei Zitate:

Bach-Vergewaltigung und Blick in ein seelisches Labyrinth: Der dritte Teil des Bach-Projektes von Peter Konwitschny an der Leipziger Oper verknüpft die Kantate „Selig ist der Mann“ mit einem musikalisch-szenischen Porträt Alma Mahlers (…)

Dass für Konwitschny die Inszenierung der Bach-Kantaten eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit sein sollte, wie er kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung zu Protokoll gab, mag man nicht glauben; und dass er, der doch ein ausgewiesener Musikkenner ist, die Diskrepanz zwischen dem Reichtum der Kantate und dieser platten szenischen Interpretation nicht registrieren sollte, eigentlich auch nicht.

Zur weiteren Betrachtung der Bach-Inszenierungen Konwitschnys, folgt, von ihm selbst kommentiert, eine frühere Arbeit zu „O Ewigkeit, du Donnerwort“, kombiniert mit Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ (Musik: Manuel Durao).

ZITAT

Die lange, von Ende Mai bis Ende November andauernde Trinitatiszeit war im lutherischen Lektionar von einem hartnäckigen Schwerpunkt auf Sünde und Krankheit an Leib und Seele gekennzeichnet. „Die ganze Welt ist nur ein Hospital“, erklärt der Tenor an einer Stelle in Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe (BWV 25): Adams Sündenfall hat „jedermann beflecket / Und mit dem Sündenaussatz angestecket“. (Anm.) Detailliert und ohne Rücksichtauf zartbesaitete Gemüter werden im Text dieser Kantate „Krankheit“, „hitziges Fieber“, „Sündenaussatz“ und der „häßliche Gestank“ der Sünde geschildert. Zwar gipfelt die Textvorlage des unbekannten Dichters in einem leidenschaftlichen Appell an Christus als „Arzt und Helfer aller Kranken“, sich gnädig zu erweisen und uns zu heilen, doch es ist Bachs Musik, die diese Kantate zu einer wahren spirituellen Reise macht. Als Zuhörer spüren wir das, aber es ist schwer zu sagen, wie Bach unsere Wahrnehmung dessen, was die Worte aussagen, verändert. Nehmen wir zum Beispiel den Eingangschor, mit seiner düsteren Beschreibung einer durch und durch sündigen Welt: „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe vor deinem Dräuen und ist kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde“ (Psalm 38,3). Nachdem er die Botschaft des Textes mit allen verfügbaren Mitteln bekräftigt hat (zweistimmige Kanons, Seufzermotive und instabile, abwärts modulierende Harmonien), könnte man denken, Bachs Arsenal an Ausdrucksmöglichkeiten sei erschöpft; aber weit gefehlt. In Takt 15 lässt er einen eigenständigen „Chor“ aus drei Blockflöten, einem Zink und drei Posaunen einsetzen, die Zeile für Zeile den bekannten „Passionschoral“ (Anm.) intonieren. Damit pflanzt Bach dem Satz einen persönlichen Kommentar ein, der nach und nach seine Magie entfaltet: die Idee der Hoffnung und Versöhnung. Er streckt seinen Zuhörern an dieser Stelle die Hand hin, und seine Musik ist wie eine seelische Bluttransfusion – bei der die entscheidende Rolle für den Heilungsprozess nicht den Worten zukommt, sondern der Musik.

Immer wieder fällt an diesen frühen Leipziger Werken auf, wie Bachs Kantaten dort am überzeugendsten sind, wo sie den Blick des Zuhörers dafür schärfen, vor welcher Wahl er im Leben steht. Sie stellen ihm ein Ideal vor Augen (den „Himmel“)und konzentrieren sich dann auf die reale Welt und die Frage, wie man ihr im Hinblick auf Einstellung und Verhalten begegnen soll. Das erklärt, weshalb seine Kantaten ihre historischen und liturgischen Ketten offenbar sprengen und uns noch heute ansprechen. Bach drückt Gedanken und Gefühle aus, die wir auch schon gehabt haben, aber er tut es sehr viel offener und unverblümter, als wir es je vermöchten.

Quelle John Eliot Gardiner: BACH Musik für die Himmelsburg / Carl Hanser Verlag München 2016 (Zitat Seite 376f – die Anmerkungen habe ich weggelassen)

Der erwähnte Bläsereinsatz („Passionschoral“ O Haupt voll Blut und Wunden“ bzw. Wenn ich einmal soll scheiden) auf 0:55 ! Wenn Sie es identifiziert haben, bitte noch einmal von vorn, und jetzt nicht nur auf die Seufzer hören, sondern auf den Bass: es ist die erste Zeile des „Passionschorals“! Und nach dem Zitat in den Bläsern kommt er wieder im Bass! (Es ist die Wiederholung der ersten Zeile.) Und wie ist es später? Eine Fangfrage, – damit Sie lernen, auch auf den Bass zu hören, nicht nur auf die Oberstimmen… Er findet vorerst keinen Fried mehr, wenn es im Text heißt „…und ist kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde“.

Nachtrag

Alternativ-Aufnahme zu „Falsche Welt“ Hier (Sigiswald Kuijken)

Ein Fallrückzieher, der wie ein Gebet wirkt

„Ich kam als König und ging als Legende“ (Ein Vorbild)

Zuerst ein Märchen und dann? Ja, eine Heiligenlegende zweifellos. Wer bisher geglaubt hat, dass Fußball und Religion nur auf Schalke ineinandergreifen, und lächelt, wenn spanische (oder auch andere) Spieler sich beim Auflaufen bekreuzigen, der hat noch nicht Gunter Gebauers „Poetik des Fussballs“ gelesen. Darin wäre er auf das faszinierende Kapitel gestoßen: „Bewegte Gemeinden / Über das Heilige im Fußball“. (Seite 98 bis 116) Ich zitiere:

Wenn eine Gemeinschaft des Fußballs oder der Popkultur ihre Gesellschaftsvorstellung in den Rang eines religiösen Phänomens zu erheben vermag, dann ist dies ein untrügliches Indiz für ihre soziale Wirksamkeit, so dass ihre eigenen Mitglieder, von der Wirkung, die sie selbst mit hervorgebracht haben, beeindruckt, inbrünstig an sie glauben. Sie ist es, die als Quelle des religiösen Lebens wirkt und Zugang zum Heiligen verschafft.

Im Ernst, es lohnt sich, dort noch einmal nachzulesen (Seite 105)

Und doch war ich erstaunt (und, zugegeben, zunächst belustigt), als ich heute morgen die neue ZEIT durchblätterte, Christine Lemke-Matweys Ausführungen über die Lage der Musik in der aktuellen Weltsituation und eine Buchbesprechung zur sprachlichen Schönheit des Korans gelesen, da verhakte ich mich nolens volens in die folgenden Sätze (Achtung, der Ich-Erzähler wechselt):

Ich weiß nicht, wie oft ich mir dieses Tor schon angesehen habe, Zlatan. Es wirkt bei mir wie ein Gebet: Ich schau es an und schöpfe neue Hoffnung. Der Ball kommt aus Eurer Hälfte. Er fliegt. Du sprintest, Du siehst den Ball in der Luft. Der Ball fliegt und fliegt. Der Torwart stürmt aus dem Strafraum. Hat er Angst? Du stoppst. Der Torwart köpft den Ball weg, viel zu schwach, kleiner Bogen. Du drehst Dich, Rücken zum Tor, 25 Meter Entfernung. Du lässt Deinen Körper nach hinten kippen, Fallrückzieher. Du triffst den Ball, liegst quer in der Luft. Taekwondo: das linke Bein angewinkelt, das rechte gestreckt. Diesen Moment habe ich Dir zu verdanken, Zlatan Ibrahimović, dem schwedischen Fußballspieler mit kroatisch-bosnischen Wurzeln. (….)

Es gibt Menschen, die sagen, Du seist arrogant. Als Du Paris verließest für einen besseren Vertrag bei Manchester United, da hast Du gesagt: Ich kam als König und gehe als legende. Zlatan, ehrlich: Wie lange hast Du nachgedacht für diesen Spruch? (…)

Was hast Du gedacht, als der Ball diesen Bogen machte? Als Du gesprintet bist, der Torwart köpfte? Was hast Du gedacht, als Du am Boden lagst? Als das Stadion leise wurde, für eine Schweigesekunde staunender Ungläubigkeit. Hast Du es geglaubt? Wenn ein solches Tor möglich ist, dann ist fast alles möglich. (…)

Und dieser Blog macht es möglich, alles nur Mögliche nachzuempfinden, sofern es uns gegeben ist. Sofern wenn wir nur religiös musikalisch genug sind. Wir springen im folgenden Film auf Time 4:34 – „Nachspielzeit. Und jetzt passen Sie auf!“

Quelle des Zitates: DIE ZEIT 5. Januar 2016 Seite 20 Wehrhaft und stolz Die Tore von Zlatan Ibrahimović sind wie Kunstwerke. Besonders für einen seiner Treffer gilt das. Als dieser Treffer fiel, hielten die Zuschauer ungläubig inne. Von Felix Dachsel.

Der Artikel gehört zu einer ZEIT-Serie mit dem Titel: Was ist heute noch ein Vorbild? Elf Geschichten von Menschen, die für andere zum Maßstab geworden sind. Schlagzeile, links und rechts Fotos von Brad Pitt über Helmut Schmidt bis Jesus Christus.

Differenziert oder radikal denken

Keine Frage

Es gibt eine geheiligte Logik, die mich ärgert. Ich zitiere:

Neulich hat Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Alle sind sauer geworden, weil sie Emckes Rede über das Leiden der Homosexuellen- und Transgender-Community so wohlfeil fanden. Sie soll sich mal nicht so anstellen, wissen wir doch alles, sagten die Kommentatoren. Halt’s Maul, Emcke. Wir sind doch längst heilig.

Wir sind es nicht.

Wir sagen: Trump will nichts fürs Klima tun – und buchen eine Stunde später einen Wochenendflug nach London. Wir sagen: Trump betrachtet Frauen als Objekte – und glotzen ein paar Bier später einer vorübergehenden Frau aufs Hinterteil. Wir sagen: Trump ist xenophob – und haben Angst, wenn ein arabisch aussehender Mann mit Rucksack zu uns in die Bahn steigt.

Wir sagen: Trump will den Sozialstaat abbauen. Aber die von uns an die Regierung gewählten Parteien lassen die soziale Schere unerbittlich aufgehen.

Wir haben ein Riesenproblem: Wir sind nicht ehrlich mit uns. Wir sind nicht mehr unaufgeklärt. Wir kennen uns selbst nicht mehr. Wir haben, würde der Analytiker sagen, ein zu dominantes Über-Ich.

 Unsere Werte sind streng und universal. Sie sind so groß, dass wir beständig an ihnen scheitern. Der Komiker Louis CK, der genial ist, weil er immer über das spricht, was niemand aussprechen will, attestierte sich neulich „milden Rassismus“. Er nannte als Beispiel den Besuch in einem Pizzaladen, der von fünf schwarzen Frauen geführt wird. CK gab zu, dass ihm das aufgefallen sei. Milder Rassismus.

Das Problem ist, dass uns solche Beobachtungen unangenehm sind. Das Problem ist, dass diese Geschichte nur ein Komiker erzählen darf. Das Problem ist nicht, dass wir in einer Welt leben, in der uns die Hautfarbe des Gegenübers noch nicht einmal auffällt. Dieses Ideal ist richtig. Das Problem ist, dass wir über unser ständiges Scheitern daran eisern schweigen. Dass wir immer wieder so tun, als würde das Propagieren von Idealen schon bedeuten, dass man ihnen gerecht wird.

Ich breche mein Schweigen. Mir fielen bei diesen Sätzen eines ZEIT-Artikels zwei Erinnerungen ein, die ich immer schon mal zum Thema machen wollte. Das eine: wir (unser Ensemble Collegium Aureum) befanden uns auf einer Japan-Tournee, und gegen Ende – letzte Station: ein Konzert in Sapporo – hatten wir uns an die japanischen Gesichter auf den Straßen und in den Konzertsälen dermaßen gewöhnt, dass sie uns nicht mehr „japanisch“ vorkamen, sondern „normal“. Als schöner sowieso, aber wir differenzierten bereits. Der Moment, an den ich mich erinnere, war in einer überfüllten Bar, in der ich gerade noch etwas trinken wollte: ich kämpfte mich zur Theke durch und konnte meinen Wunsch vorbringen, dabei schaute ich zufällig in den Spiegel hinter der Bedienung und sah zwischen den zusammengedrängten Personen mein eigenes Gesicht – und erschrak heftig: das ist nicht möglich, das kann nicht sein, dieser eine hässliche Typ da, das bin ICH. Ich brauchte einen Moment der Verarbeitung…  Was war geschehen? Ich war in die Falle getappt, – schwerer Rassismus in eigener Sache!

Die andere Geschichte handelt nicht von mir, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinne. Zitat:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre. Es ist auch gesagt: „Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief geben.“ Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Ehebruchs, der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.

Ich weiß nicht, ob über den letzten Satz sich nur die ärgern, die „eine Geschiedene“ geheiratet haben. Letztlich ist alles ärgerlich, und zwar im wörtlichen wie im irgendwie erweiterten Zusammenhang oder in abgemilderter Form. Diese Logik der Übertreibung gehört zu den übelsten Eigenarten unter Menschen, – wenn jemand zu mir sagt „ich fürchte, das stimmt nicht ganz“, ihm entgegenzuschleudern: „willst du behaupten, dass ich lüge?!“ Die Logik der Emser Depesche, – eine Aussage durch Verkürzung oder Verschärfung ins Extrem zu wenden. Sie ist damit nicht nur überspitzt, sondern eine andere geworden. Wer so zitiert, der lügt, – es sei denn, er macht nur einen Spaß, wie Louis CK (den ich nicht kenne, bzw. kannte).

Meine Zitierweise des ZEIT-Artikels könnte darüber hinwegtäuschen, ob es sich nun um einen Artikel handelt, den ich empfehlen oder kritisieren möchte. (Durchaus empfehlen!) Es geht ja um das Scheitern unserer Ideale, vielmehr: um unser Scheitern an den Idealen. Was nicht bedeutet, dass wir sie nun schleunigst abschaffen müssten. Umgekehrt heißt es in diesem Artikel:

Das Problem ist, dass wir über unser ständiges Scheitern daran eisern schweigen. Dass wir immer wieder so tun, als würde das Propagieren von Idealen schon bedeuten, dass man ihnen gerecht wird.

Fragwürdig. Doch zunächst zur

Quelle DIE ZEIT 24. November 2016 Seite 80 Rubrik: ANSAGE Der Trump in uns / „Es heißt, Trump sei xenophob – aber wenn ein arabisch aussehender Mann mit Rucksack in die Bahn steigt, haben wir alle Angst. Wir sind nicht ehrlich mit uns“ Von Alard von Kittlitz.

Ich kritisiere nur das „idealistische“ Übertreiben, – wenn einer auf meine Bemerkung, das Konzert habe mir nicht gefallen, antwortet: es war grauenhaft, unerträglich! Gern gebe ich mich postwendend noch päpstlicher und fordere: Für den langsamen Satz wäre zwei Wochen Kerkerhaft die rechte Bestrafung.

Ehrlich gesagt: das maßlos übertreibende Eiferertum ärgert mich auch an der Bergpredigt. Nennt man das denn im Ernst Idealismus?

Mit anderen Worten: Muss ich jetzt in den Kerker? Oder wäre erst die genannte Höllenstrafe angemessen?

P.S. 1.12.2016

Man könnte und sollte viel radikaler widersprechen! Heute ärgert mich der kleine Klammereintrag: / (Durchaus empfehlen!) / Denn diese Selbstanklagen, sobald einer der Tatsache innewird, dass man irgendwelchen Idealen nicht entspricht, sind bloße Augenwischerei. Auch das larmoyante Ringen um „unsere westlichen Werte“ ist oft schwer zu ertragen. Es geht um Selbstverständlichkeiten, nicht nur in „unserer Kultur“, sondern innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft überhaupt. Dass dies kein leerer Begriff ist, dafür sorgt glücklicherweise ein ausführlicher und für alle verbindlicher Schriftsatz: das Grundgesetz.

Was ich ebenfalls empfehlen kann, ist der Gegenartikel in der neuen ZEIT, Schlusspassus:

Was zählt, ist das Vermögen, die Existenz eines Gegners auszuhalten. Es ist auch eine Krankheit unserer postmarxistischen, emanzipatorisch weichgespülten, politisch entmutigten Linken, dass sie meint, alle Aufgaben mit den Mitteln der Aufklärung und Pädagogik lösen zu können – mit dem Gespräch. Deshalb versucht sie so verzweifelt, irgendwelche Brücken zu bauen, und sei es, durch Selbstanklage und Selbstdemütigung. So tief hinunterbeugen kann man sich aber gar nicht, dass man auf das Niveau von Trump und AfD käme. Nicht wir – hier hat das Wir sein Recht – haben das Gespräch schuldhaft unterlassen, sondern die Rechtspopulisten haben das Gespräch abgebrochen. Sie haben den Konsens der Gleichheit und Brüderlichkeit verlassen. Sie sind unsere Gegner. Wir müssen sie nicht therapieren, sondern klein halten.

Quelle DIE ZEIT 1.12.16 Seite 66 Ansage / Kampfansage „Es ist eine Krankheit unserer postmarxistischen, emanzipatorisch weichgespülten, politisch entmutigten Linken, dass sie meint, alle Aufgaben mit den Mitteln der Aufklärung und Pädagogik lösen zu können“ Von Jens Jessen.

Der dreifache Dionys in St.Denis

Irrtum oder Betrug? (Zu den Grundlagen der Gotik)

Ich zitiere aus dem historischen Standardwerk „Die gotische Kathedrale“ von Otto von Simpson (Anmerkungen weggelassen, Links hinzugefügt):

Wir erinnern uns: die Abtei von St. Denis verdankte ihre Bedeutung ursprünglich der Tatsache, daß sie die Reliquien des Heiligen und Märtyrers barg, der Frankreich im dritten Jahrhundert zum Christentum bekehrt hatte und daher als Schutzpatron des Königshauses und Reiches galt. Diesen heiligen Dionysius nun hielt man für identisch mit einem Theologen der Ostkirche, der einer der großen Mystiker der christlichen Überlieferung ist. Diesen zweiten Dionysius, den Pseudo-Areopagiten, haben wir bereits kennengelernt: sein Werk war die Hauptquelle der im zweiten Kapitel besprochenen mittelalterlichen Lichtmetaphysik. Über seine Person wissen wir fast nichts. Er war vermutlich Syrer und lebte im späten fünften Jahrhundert. Merkwürdig, wenigstens für unser Empfinden, daß sich mit seinen tiefen mystischen Einsichten ein Hang zur Mystifikation verbindet. So will er den Leser durch mancherlei Anspielungen und Hinweise glauben machen, daß er Zeuge der Sonnenfinsternis beim Tode Christi gewesen sei, das Ende der Jungfrau Maria selbst miterlebt und den Evangelisten Johannes gekannt habe, kurz, daß er kein geringerer als jener vornehme Athener Dionysius gewesen sei, der nach der Apostelgeschichte 17, 34, „Paulus anhing und gläubig wurde“. Alle diese falschen Behauptungen fanden im Mittelalter Glauben, und es scheint unmöglich, den Verfasser von dem Verdacht freizusprechen, er habe mit Absicht jene Verwirrung geschaffen, die lange nach seinem Tode die erstaunlichsten Folgen haben sollte. Die Schriften des Dionysius galten bald als in apostolischer Zeit verfaßt. Sie wurden mit der Andacht gelesen, die man den verehrungswürdigsten Darstellungen des christlichen Glaubens vorbehielt, nur ein weniges schien sie von den inspirierten Schriften der Bibel selbst zu trennen. „Unter den Kirchenschriftstellern“, schreibt Johannes Saracenus in seiner dem Nachfolger Sugers, Odo von St. Denis gewidmeten Übersetzung des Areopagiten, „gilt Dionysius als der erste nach den Aposteln“.

Ein Irrtum zog den zweiten nach sich. Mag der große Syrer auch den ersten verschuldet haben, so gewiß nicht den zweiten. Zwischen 757 und 767 nämlich übersandte Papst Paul I. Pippin dem Kurzen die Handschrift des corpus Areopagiticum. Es ist durchaus möglich, daß der Papst selbst an die Identität des Verfassers mit dem Apostel von Frankreich geglaubt hat. Kaiser Ludwig der Fromme beauftragte den Abt Hilduin von St. Denis, alles Material über „unseren besonderen Schutzheiligen“ zu sammeln, das er in den griechischen Schriftstellern und anderswo zu finden vermöchte. Hilduin unterzog sich dieser Aufgabe mit Begeisterung. Er verfaßte eine Biographie, in welcher der durch Paulus Bekehrte, der Apostel von Frankreich und der Verfasser des corpus Areopagiticum als ein und dieselbe Person geschildert wurden.

Nicht, daß die Schriften des Dionysius solch falscher Beglaubigung bedurft hätten, um Beachtung zu finden. In großartiger Synthese von neoplatonischen und christlichen Anschauungen wird hier eine mystische Schau mit hinreißender Beredsamkeit vorgetragen. Aber so sehr das Mittelalter den Philosophen Plato auch bewunderte, und soviel ihm die christliche Theologie tatsächlich verdankt, die christlichen Theologen haben sich seinem Werk doch nur mit Zurückhaltung genähert. Das gleiche Schicksal hätte dem Pseudo-Areopagiten blühen können. Aber als Schüler des heiligen Paulus wurde er ohne Bedenken in die theologische Tradition des Mittelalters aufgenommen, und als angeblicher Apostel Frankreichs gewann er mit seinem Werk die Herrschaft über die gesamte geistige Kultur dieses Landes. Im zwölften Jahrhundert nahm die Heiligenverehrung im öffentlichen Leben eine so überragende Stellung ein, daß sie sogar die Richtung der Politik, zum mindesten ihren Stil, beeinflußte. Die besondere Verehrung, die man dem Apostel Frankreichs nicht nur als Märtyrer, sondern gerade auch wegen seiner angeblichen philosophischen Werke entgegenbrachte, ist verständlich. Damals erlebte die Scholastik ihre erste Blüte. Ein Zeitalter, das, so fest es auch im Glauben verwurzelt war, schon im Bann der philosophischen Spekulation stand, verlangte nach einem Schutzpatron, der sowohl ein großer Heiliger wie ein bedeutender Denker war. Jedenfalls hat die Verehrung des Heiligen im zwölften und noch im dreizehnten Jahrhundert auch auf die Entwicklung des französischen Denkens einen außerordentlichen Einfluß ausgeübt.

Quelle Otto von Simson: Die gotische Kathedrale /  Beiträge zu ihrer Entstehung und Bedeutung / (1956) deutsche überarbeitete Ausgabe: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1968 und 1972 / ISBN 3-534-04306-5 (Zitat Seite 147 ff)

Mit aller Vorsicht kann man eine solche Aufklärung über die drei Identitäten des Dionysius schon in Stadlers Heiligen-Lexikon (1858-1882) lesen, siehe hier über das Lexikon und hier über Dionysius, wobei wohl nicht nur der Satz vom „Feldgeschrei der Franzosen“ dem Stil der damaligen Zeit geschuldet ist. (JR)

Von den Jüden

Rassismus und Verwandtes

Wolfgang Schreiber berichtete in der SZ über die Ausstellung im Bachhaus Eisenach, die hier an lässlich der Hagedorn-Rezension (siehe hier am Ende des Beitrags) schon erwähnt wurde:

Den Begriff Antisemitismus gibt es erst seit 1860, er gilt etwa für Richard Wagner und dessen fatale Schrift über „Das Judentum in der Musik“. Ins Zentrum trifft dagegen hier der Terminus „Antijudaismus“. So zeigt die Ausstellung in einer Vitrine das Faksimile der Lutherbibel des zeitgenössischen Theologen Abraham Calov, die Bach nachweislich benutzt hat. In ihr hat Herausgeber Calov zwischen die Bibeltexte Auszüge aus Luthers Schriften eingestreut. Und Bach hat in dem Buch ein halbes Dutzend Stellen angestrichen, in denen von der „Schuld“ der Juden die Rede ist: Martin Luther hält die Juden für „verworfen“, weil sie in ihrem „Unglauben“ Jesus nicht als den Erlöser anerkennen. Zu Recht seien sie aus Israel „vertrieben“ worden.

Luthers theologisch begründeter Judenhass ist mit seiner 1543 gedruckten Hauptschmähschrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ dokumentiert. Sie gipfelt in der Aufforderung „Drumb Jmer weg mit jnen“. Das erlebte seine furchtbare Wiederaufnahme 1938 im Traktat des Thüringer Landesbischofs Martin Sasse: „Martin Luther. Über die Juden. Weg mit ihnen“. Sasse ist hier so präsent wie der Hamburger Pastor Johannes Müller und dessen Buch von 1707, „Judaismus und Jüdenthum. Das ist: Ausführlicher Bericht, von des jüdischen Volcks Unglauben, Blindheit und Verstockung“.  Das Buch befand sich in der mit 81 theologischen Schriften recht solide ausgestatteten Bibliothek des Leipziger Thomaskantors Bach.

Quelle Süddeutsche Zeitung, 13. September 2016 Seite 12 Sie wollten alle Ungläubigen vertreiben Wie sich Johann Sebastian Bach für Luthers Antijudaismus begeisterte, zeigt eine Ausstellung in Eisenach.

Ob Begeisterung das richtige Wort ist für Bachs Haltung, bleibe dahingestellt. Begeisterte sich Luther für den Teufel, als er mit dem Tintenfass nach ihm warf? Was „böse“ genannt wurde und was nicht, gehörte zu den verpflichtenden Glaubensinhalten. Stand es so in der Bibel oder nicht?! Konnte, musste man es so und nicht andes lesen?

Darüberhinaus gilt jedoch: dass man als Künstler aller Ausdrucksmittel bedurfte; dazu gehörte unabdingbar auch – sagen wir – das Toben der Feinde. Da spielte z.B. das Gebot der Feindesliebe keine Rolle. Würden wir auf einen Chor wie „Sind Blitze, sind Donner“ verzichten wollen, wenn der „falsche Verräter“ in Wahrheit der wäre, der es gut mit uns meint?

Der entscheidende Punkt ist aber der Bezug auf die Realität. Gilt dieses Wüten gegen den Feind auch als Ermutigung für den Alltag? Welchen Beweis hätten wir für Bachs Verhalten im täglichen Leben? Absurde Frage: welcher Partei hätte er sich angeschlossen?

Vielen von uns ist es sicher erst aufgefallen, als in der Neuen Bachausgabe auch die alten Schreibweisen der Texte berücksichtigt wurden: Nun war in den Passionen plötzlich von „Jüden“ die Rede, und beim Hören erschrak man, ob das nicht abfällig gemeint sein könnte; was man keinesfalls begünstigen wollte. Aber niemand ging ernsthaft dieser Frage nach, – glaubte man sich doch bei Bach und Luther in sicheren Händen. Wieso eigentlich? Sie waren beide Kinder ihrer Zeit, und Luther war für ein neues Zeitgefühl erheblich verantwortlich, aber auch, so scheint es heute, für das Überdauern vieler mittelalterlicher Relikte. Wer weiß, in welchem Maße sich Reformation und Gegenreformation die Waage hielten, wenn es um die Mittel des Machterhaltes ging.

Luthers kapitale Fehler ließen sich mit Argumenten der viel späteren Aufklärung vom Halse schaffen, Bachs Matthäuspassion allerdings nicht: zu groß war ihre künstlerische Überzeugungskraft, man konnte sie nicht durch korrigierende Maßnahmen, die jeder in ihrer Verkrampftheit erkannte, hoffähig auf theologischer Ebene machen. Noch einmal Wolfgang Schreiber:

Der Protestantismus habe sich zwar vom Antijudaismus Luthers befreit, heißt es in einem Begleittext der Ausstellung, nur Bachs Passionen gäben dem „unaufgeklärten Luthertum des Barock“ noch immer eine Stimme. Das führt ins Zaudern und ins Schwanken: „Soll man sie nur noch wie Opern aufführen, im Konzertsaal, nicht in der Kirche?“ Vielleicht könne man eigens im Beiblatt zu einer Aufführung vor Fehlinterpretationen warnen, wie es der Leipziger Superintendent 1989 tat. Oder sollten Musiker gar dazu aufgefordert werden, „die verfänglichsten Stellen weniger engagiert darzubieten?“ Das Problem werde nur mit Bachs Musik gelöst, sie gewinne gerade aus den Gegensätzen ihre Überzeugungskraft – durch das Mit- und Gegeneinander der hasstriefenden Turba-Chöre und der Choräle kollektiver Glaubensstärke, dazu der Arien als subjektiv-individueller Zuneigung zu Christi Opfer.

Was für gedankliche Verbiegungen! Man sollte noch einmal Nietzsches Sätze zur Matthäuspassion lesen, dann das Buch von Hans Blumenberg und dann auch noch die diesem nicht ganz wohlgesonnene Kritik von Christoph Türcke in der ZEIT 1989: hier.

***

Aus Luthers Original-Übersetzung „Deudsch 1545 / Auffs new zugericht“ (siehe hier):

33 DA gieng Pilatus wider hin ein ins Richthaus / vnd rieff Jhesu / vnd sprach zu jm / Bistu der Jüden König?
34 Jhesus antwortet / Redestu das von dir selbs / Oder habens dir andere von mir gesagt?
35 Pilatus antwortet / Bin ich ein Jüde? Dein Volck vnd die Hohenpriester / haben dich mir vberantwortet / Was hastu gethan?
36 Jhesus antwortet / Mein Reich ist nicht von dieser welt / Were mein Reich von dieser welt / meine Diener würden drob kempffen / das ich den Jüden nicht vberantwortet würde. Aber nu ist mein Reich nicht von dannen.
37 Da sprach Pilatus zu jm / So bistu dennoch ein König? Jhesus antwortet / Du sagsts / Jch bin ein König. Jch bin dazu geboren / vnd in die welt komen / das ich die Warheit zeugen sol. Wer aus der warheit ist / der höret meine stimme.
38 Spricht Pilatus zu jm / Was ist warheit. / VND da er das gesaget / gieng er wider hin aus zu den Jüden / vnd spricht zu jnen / Jch finde keine Schuld an jm.
39 Jr habt aber eine gewonheit / das ich euch einen auff Ostern los gebe / Wolt jr nu / das ich euch der Jüden König los gebe?
40 Da schrien sie wider alle sampt / vnd sprachen / Nicht diesen / sondern Barrabam / Barrabas aber war ein Mörder.
***
Zurück zum Thema:

Es ist gut, zunächst einmal zwischen Antisemitismus und Antijudaismus zu unterscheiden. Aber auch den Rassismus wohl zu unterscheiden vom bloßen Fremdenhass. Der Rassismus kann alle uns nahestehenden Menschengruppen treffen, ja, unsere nächsten Verwandten, sofern wir sie nur als nicht recht zugehörig „dingfest“ machen und so einem Außenbezirk zuordnen können. Man sehe nur, wie es den Juden in Spanien erging.

Aufgrund der langen Dauer der Reconquista und der Tatsache, daß das Judentum bis zum 14. Jahrhundert in Spanien mehr als sonst in Europa ein integraler und kulturell einflußreicher Bestandteil der Gesellschaft gewesen war, konnte nun die Suche nach dem ‚unreinen Blut‘ prinzipiell jeden treffen, die Landbevölkerung ebenso wie den spanischen Adel. Zunächst nur im Blick auf die Conversos und Marranen, sehr bald aber bezogen auf das ganze Judentum sowie auf die zwangsbekehrten Muslime (moriscos), wurde jetzt zum ersten Mal von ‚Race‚ gesprochen. Hatte der noch junge Begriff bis dahin allein in der Pferdezucht und in der Verherrlichung adeliger Geschlechter eine Rolle gespielt, so diente er jetzt der Aufspürung zu bekehrender Gruppen.

[Hier wurden zum ersten Mal] mit Hilfe des Rassenbegriffs neue, scheinbar natürliche Kategorien der Zugehörigkeit erfunden. An die Stelle des Glaubensbekenntnisses trat jetzt die Abstammung als zentrales Merkmal von Zugehörigkeit.

Quelle und Zusammenhang s.a. hier.

Als Einführung in die grundsätzlichen Probleme jeglicher Rassentheorie und auch in die Problematik der pauschalen Ablehnung einer biologistischen Sicht menschlicher Unterschiede verwende (und empfehle) ich die Ausführungen von Jörg Albrecht und Ulf von Rauchhaupt im FAZ-Netz hier („Gibt es menschliche Rassen?“).

Sufis, Mystik und Musik

Von der Süddeutschen Zeitung hätte man sich am 6. August  leicht (allzu leicht) überzeugen lassen können, „Warum der Sufismus gar nicht so friedlich ist“, in einem Artikel von Stefan Weidner, nachzulesen HIER. Und ich erinnerte mich bei der Lektüre, dass ich die Mystik in meinen jungen Jahren für einen unanfechtbaren Bereich gehalten habe, nicht ahnend, welche Bundesgenossen man sich damit unvermerkt einhandeln kann. Sachliche Grundlagen für eine Selbsttherapie, die auch die deutsche Romantik und die eigenen 50er und frühen 60er Jahre einbezog, lieferte erst Rüdiger Safranski mit seinem Buch zur Romantik als „einer deutschen Affäre“. Viel später auch die Behandlung des Themas „Mystik und Totalitarismus“ in den Böhme-Studien des Weißensee-Verlags.

All dies im Sinn, hätte ich mich dennoch nicht auf eine Verdächtigung des Sufismus im oben angegebenen Artikel einlassen dürfen, zumal ich schon an anderer Stelle die Position Stefan Weidners fragwürdig gefunden hatte (siehe hier).

Nun ist glücklicherweise eine Entgegnung aus berufenem Munde erschienen. Ilija Trojanow schrieb in der FAZ über den Sufismus als den größten Feind des islamischen Extremismus; er beschreibt ihn als undogmatisch, friedfertig, künstlerisch: „Der Sufismus ist ein Gegenmittel zu Gewalt und Engstirnigkeit der Orthodoxie. Warum der Westen die noch vielerorts lebhaften Traditionen unterstützen und fördern sollte.“ Man kann auch diesen Artikel, der sich explizit auf Weidners Invektiven bezieht, im Internet nachlesen: HIER.

Ich habe Peter Pannkes 1999 erschienene Dokumentation über die Sufis im Industal und ihre Musik wieder durchgeblättert, finde alles ebenso beeindruckend wie damals und im Text des Nachwortes unverändert gültig, zumal auch Grenzen der Identifizierung angedeutet sind. Und wir haben inzwischen zur Genüge gelernt, dass die lebendige Kraft der Sufis nichts gegen blinde Bombenleger ausrichtet:

Wir allerdings könnten von ihnen etwas lernen. Daß es ein Land gibt, in dem die Lehre der Sufis eine lebendige Kraft darstellt, ist im Westen nahezu unbekannt. Einerseits erscheinen sie in westlichen philologischen und literaturhistorischen Darstellungen als Relikt einer fernen Vergangenheit, die für die Gegenwart nicht mehr relevant ist. Dabei wird vergessen, daß es sich um eine vorwiegend mündliche Überlieferung handelt, die nicht in Büchern weiterlebt, sondern im Gedächtnis der Menschen. Die Verse der historischen Sufi-Dichter haben deshalb keine endgültige Gestalt, sondern verändern sich immer wieder; deshalb sind sie hier auch so wiedergegeben, wie sie gesungen werden. Andererseits ist das Umfeld der Schreine gerade in den letzten Jahren auch in Pakistan mehr und mehr Gegenstand der Kritik geworden. Feudale Strukturen wurden und werden nicht nur von Politikern und Großgrundbesitzern, sondern oft auch von den Nachfolgern der Pirs und Sufi-Heiligen weitergetragen, und diese werden mit recht in Frage gestellt. Doch dies ist nicht das Thema dieses Buches. Eine mißliche Folge dieser berechtigten Kritik ist allerdings, daß westliche Journalisten, ohne den kulturellen und sozialen Hintergrund wirklich recherchiert zu haben, bisweilen die Sufi-Kultur im allgemeinen und die Urs-Festivals im besonderen als eine völlig degenerierte Angelegenheit darstellen, die jede geistige Substanz verloren hat. Ich hoffe, daß dieses Buch dazu beitragen kann, auch dieses Zerrbild zu korrigieren.

Peter Pannke

Pannke Pakistan Sufi

Ilja Trojanow im oben verlinkten Beitrag:

Die sufistischen Meister haben bei aller pluralistischen Differenz stets betont, dass Wissen sich ewig verändert und wandelt und die wahre Natur der Realität hinter dem Sichtbaren zu suchen ist, hinter den herrschenden Annahmen, Urteilen und Regeln. Eine unideologischere Haltung kann man sich kaum vorstellen. Passend dazu die intellektuelle Waffe des Humors, anhand der Lehrgeschichten des Schelms Nasreddin Hodscha etwa, der eines Tages gefragt wurde, wie sein religiöses Dogma laute. „Das hängt davon ab“, antwortete er, „welche Häretiker gerade an der Macht sind.“

Bei der Wendung über „die wahre Natur der Realität hinter dem Sichtbaren“ kommt mir einiges in den Sinn, was ich versucht habe, hier zu thematisieren. Zugleich sei der allerletzte Satz des Trojanow-Artikels hervorgehoben:

Denn die baldige Säkularisierung der islamischen Welt ist eine Fata Morgana.

Nachtrag 8. Sept. 2016

„Faustkultur“ (siehe hier)

Ein sehr interessantes Gespräch in diesem Zusammenhang betrifft die neue Situation in Indien. Die Journalistin und Indienkennerin Claire Lüdenbach (CL) befragt den Schriftsteller Pankaj Mishra (PM):

CL: Wenn ich die Musiker gefragt habe, ganz gleich, ob Hindu oder Muslim, keiner machte einen Unterschied zwischen den Religionen. Sie verstanden sich als Sufis, wurde mir häufig gesagt. Da nun aber ein Sufi-Musiker in Pakistan ermordet wurde, fragt man sich, wie lange diese Einheit noch dauern wird.

PM: Die Welt war immer schon ein Ort, auf dem Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen sich vermischten und Kunsttraditionen gründeten. Der moderne Nationalismus hat neue rassische, ethnische Unterschiede eingeführt und betont mit dem Begriff der Staatsbürgerschaft eine bestimmte Form der Identität. Das ist für manche Leute ein Fortschritt. Aber wenn man sieht, was im 19. Jahrhundert passierte, als die Idee der Staatsbürgerschaft entstand: Die größten Opfer waren die Juden. Obwohl sie eingeladen wurden, Staatsbürger zu werden, wurden sie gleichzeitig stigmatisiert. Denn in dem ganzen Prozess der Nationalisierung wurde die Identität wichtig. Wie wir wissen, baut Identität vor allem auf die Identifizierung des anderen. Erst dann identifizierst Du Dich selbst. Mit diesem etablierten Beziehungssystem, glaube ich, so etwas wie die Sufitradition, die aus Vermischung und unbefangener Beziehung zur Religion und der Welt im Ganzen besteht, diese Traditionen sind unmittelbar bedroht von Fundamentalisten auf beiden Seiten.

Das ganze Gespräch und die Hinführung zu den Büchern des Autors Pankaj Mishra ist höchst aufschlussreich, vor allem was den Blick auf Indien in der heutigen Weltsituation (Beispiel Brexit) betriff. Noch einmal der Link: hier.

Parsifal 25. Juli Live-Stream

Warum nicht ernst machen mit der virtuellen  Real-Präsenz. Oder wie bezeichne ich die Situation rasant genug? Ich hörte zwar, es ist inzwischen leichter, Karten für Bayreuth zu bekommen als in früheren Jahren, Gelegenheit für eine reale Mega-Präsenz also. Warum sollte ich mir nicht diesen Traum erfüllen? Nein, früher war es einer, jetzt gibt es andere Träume. Aber warum nicht nach Essen in die Lichtburg fahren und den Parsifal quasi live im Saal miterleben, – leicht zeitversetzt. Warum denn das? Warum mit Publikum, das mich stört, und mit langen Pausen, die ich nicht selbstbestimmt fülle. Falls es wieder heiß ist, würde ich zwischendurch duschen wollen. Und wenn ich es noch liver (zumindest kaum zeitversetzt) am Arbeitstisch miterleben kann, mit dem Klavierauszug vor mir, den ich bis dahin am Instrument gründlich repetiert haben könnte… Außerdem könnte ich immer wieder in Screenshots festhalten, was ich sehe. Ich hätte bis dahin auch Dahlhaus wiedergelesen, und allerhand, was ich aus meiner Wagner-Zeit noch greifbar habe, incl. dieses damals verschlungene Buch von Curt von Westernhagen, bis ihn  Rudolf Stephan in Darmstadt – als noch Carl Dahlhaus mit uns im Café-Zelt (mit Cognac angereicherten) Kaffee trank – im persönlichen Gespräch einen „Troglodyten“ nannte. Wir fragten: Was ist das? („Ein Höhlenbewohner“). 1933 hatte er schon „Richard Wagners Kampf gegen seelischen Fremdherrschaft“ beschrieben. Nach dem Krieg noch sinnvollerweise als Troglodyt aktiv. Doch Dahlhaus (Friedrich Verlag Velber 1971) bleibt:

Dahlhaus Wagner  Dahlhaus Wagner Dialektik

Ja, so recht: das Christentum philosophisch, und – Klingsors arabische Welt? Ein dialektisches Gegenüber, gewiss, etwa eines, das aufgehoben wird?

Hier ist der Termin:

https://www.br-klassik.de/concert/ausstrahlung-775304.html oder man klickt: HIER !!!

Und in diesem Moment kommt (9:58 Uhr) folgender Hinweis:

Unter dem Titel »Zeitgeist« fördert die Audi AG, die zum Volkswagen-Konzern gehört, laut eigenen Angaben »den Dialog mit kreativen Köpfen aus verschiedenen Disziplinen und schafft Raum für kreative Experimente«. Neuestes Ergebnis dieser zeitgeistigen Marketingaktivität, in der nicht mehr simple Werbefilmchen gedreht, sondern »progressive Kunstfilme geschaffen« werden, ist ein etwa zehnminütiges Video, das von Richard Wagners Parsifal »inspiriert« wurde und so ziemlich jedes Klischee, das zwischen dem Firmensitz Ingolstadt und dem grünen Hügel in Bayreuth auf der Autobahn herumlag, aufgenommen hat.

Koinzidenzen, wie ich sie liebe: nachzulesen HIER .

Fazit von Berthold Seliger:

Einen Vorteil immerhin hat das fiasköse [Audi-]Projekt für den Grünen Hügel: Schlimmer als der Black Mountain-Film kann die Parsifal-Neuinszenierung nicht mehr werden.

Bayreuth Audi Screenshot 2016-07-23 08.07.21

***

Regisseur Parsifal unlesbar

Heute (22.07.2016) im Solinger Tageblatt (Foto dpa), hier kann man den Artikel nicht lesen, aber man sieht, was in der Titelzeile aus dem Interview mit Regisseur Uwe Eric Laufenberg als brisant hervorgehoben wird: die Sicherheitslage. (Frage im Text: Haben Sie Sorge, dass es sich auf die Inhalte auswirkt, wenn man anfängt, Theaterhäuser einzuzäunen?)

Mich interessierte vor allem ein Satz des Regisseurs:

Ich bin großer Wagner-Fan und beschäftigte mich, seitdem ich in die Oper gehe – also sagen wir, seit ich 15 war – mit diesen Stücken.

Er hat nicht den Ehrgeiz, alles noch einmal zu hinterfragen, was auf der (Hinter-)Hand liegt, – weder Christentum noch Islam. Das ist heute eine aufgeklärte Haltung in einer alles hinterfragenden Welt. Auch dafür könnte man ein Wort mit post- finden.

Ich gehe also vieles am Klavier durch, wie damals (als es noch die Noten meines Vaters waren). Ich lasse mir Zeit, jetzt lerne ich es eben anders als vor 50 Jahren, nicht weil die Hände, sondern das Gehirn dazugelernt hat, und jetzt begreifen sie es besser. Und mein Vater vor 100 Jahren, was hatte er noch vor sich?

„Du siehst, mein Sohn, zum Raum ward hier die Zeit.“

Parsifal Musikalienkauf um 1922

Parsifal Titel  Parsifal Klavier 1

Parsifal Klavier 2  Parsifal Klavier 3

Wagner an Klindworth am 14. Februar 1874 (Parsifal 1882 „Erleichterte Bearbeitung“) :

Kein Mensch spielt doch solch einen Klavierauszug, so wie Sie es sich gedacht haben. […] Also: lieber gleich nur Andeutung, während jetzt der gewöhnliche Klavierspieler doch nur durchkommt, wenn er über die Hälfte der Noten ausläßt.

Quelle siehe unter Klindworth-Wikipedia-Link.

***

Vorstellung, man könne das Parsifal-Drama ideologisch retten, wenn man es (gegen Wagner) so auffasst, wie der RING aufzufassen ist (nach Dahlhaus):

Er setzte den Göttermythos musikalisch in Szene; aber er zeigte, durchaus im Geiste Ludwig Feuerbachs, eine Götterwelt, die gerichtet ist, auch wenn sie es noch nicht weiß. Wotan ist ein hilfloser Gott, ein Gott, dessen Zeit vorüber ist. Der Mythos wurde also von Wagner weniger konstruiert als destruiert, oder genauer: er wurde restauriert, um destruiert zu werden. Wenn er die Götter zitiert, so nicht, um sie zu verherrlichen, sondern um sie, wie er es in dem Entwurf von 1848 ausdrückte, der Selbstvernichtung in der Freiheit des menschlichen Bewußtseins preiszugeben. Die toten Götter kehren wieder, um noch einmal zu sterben.

Quelle Carl Dahlhaus: Richard Wagners Musikdramen / Friedrich Verlag Velber 1971 (Seite 111)

Vorweg zur Orientierung: youtube-Gesamtaufnahme Bayreuth 2012 Keine bewegten Bilder, nur Standfotos. HIER Zweiter Akt 1:43:40 Dritter Akt 2:52:37

Kundry 1992 Waltraud Meier, Poul Elming (Barenboim, Kupfer)  HIER (In zweitem Fenster öffnen!)

Kundry Parsifal Kundry Pars Text 1 Kundry Pars Text 2 Kundry Pars Text 3 Kundry Pars Text 4 Kundry Pars Text 5 Kundry Pars Text 6 Kundry Pars Text 7 Die Zahlen bezeichnen Leitmotive

Parsifal Motiv-Tafel Die Leitmotive

Quelle Richard Wagners Musikdramen / Edmund E.F.Kühn / Globus Verlag GmbH Berlin W66 / 1914

Screenshot 2016-07-25 15.55.03 Parsifal  Parsifal Screenshot 2016-07-25 17.17.02

Am Tag danach

Vielleicht ein (vor-) letztes Fazit: Der dritte Aufzug des Parsifal war (und ist) mir schwer erträglich. Und das liegt womöglich weniger am Regisseur als am Komponisten. Mir scheint, dass die Musik, je stärker und positiver sie sich inszeniert, desto weniger überzeugend gelingt. Kein Vergleich zur Götterdämmerung, ganz zu schweigen vom Tristan. Beim Parsifal-Schluss denke ich an die Zukunftsvisionen der Zeugen Jehovas, Titelbilder von „Erwachet!“ oder „Der Wachtturm“, ohne sie diskriminieren zu wollen. Ich erinnere mich an den Film „Das Gewand“: Hollywood – ich muss googeln, es war wohl 1957 etwa, jedenfalls nach „Quo vadis“. Nein, es war 1953 (siehe hier).

Aber ich muss ehrlicherweise betonen: schwach finde ich die Musik, wenn einmal Klingsors Macht gebrochen ist. Und Kundry nur noch ein Schatten ihrer selbst…

Und nun die gute Botschaft

Man kann all dies jederzeit neu überprüfen – der Link „Parsifal“ bleibt aktiv bis Ende dieses Jahres!

Meine Entdeckung bei diesem Anlass: das Wagner-Buch von Claus-Steffen Mahnkopf – ungeachtet der Tatsache, dass ich es schon seit Jahren besitze. Erst jetzt weiß ich es zu schätzen. Doch darüber später mehr.

Nachtrag: Kritik

Ich erlaube mir nicht, das, was ich am Bildschirm gesehen habe, kompetent zu beurteilen. Viel zu selten gehe ich in die Oper, und gerade im Fall Bayreuth habe ich keine Vergleiche, kenne nicht einmal die „klassischen“ Videoaufnahmen ausreichend. Ich verlinke hier also auch eine bemerkenswert kritische Rezension, ohne sie zu kommentieren. Nur im Fall Klaus Florian Vogt würde ich ein großes Fragezeichen setzen. Auch der reinste Tor dürfte stimmlich und gestalterisch nicht so schwächlich wirken. FAZ heute, 27. Juli 2016.

Kritiker(innen) im Nachgespräch: HIER. „Ich fand diesen Abend grauenvoll!“ (Christine Lemke-Matwey)

Haben die Tiere auch Weihnachten?

Man könnte meinen, sie stimmen uns soviel menschlicher als die ärmsten Menschen, und verlocken uns zu weihnachtlich-weichen Zugeständnissen, die wir später dem Realismus zuliebe leicht ad acta legen können. Ochs und Esel gehören zu Stall und Krippe, und nachher muss alles wieder sorgfältig verpackt werden, bis nächstes Jahr zur selben Zeit, alle Jahre wieder. Aber wieviel Zeit habe ich schon in der Kindheit vertan, mit diesen Phantasien der großen Versöhnung, der ewigen Freundschaft zwischen Mensch und Tier, obwohl ich im Grunde mehr von der Wildheit fasziniert war, von der Möglichkeit, dass die vorübergehend domestizierte Gewalt des Löwen oder des Wolfs jederzeit wieder hervorbrechen konnte, denn dies musste der eigentliche Grund für die Dauer-Begleitung durch den Engel, der ich gern gewesen wäre. Man traute dem Frieden nicht. Und deshalb musste ich soviel über das Bild nachdenken, das über dem Bett meiner Großeltern hing, mit der Bildunterschrift: „Friede“. Der Engel, der Palmzweig, das farbige Bild genügten nicht, das Wort musste drunterstehen, damit man die Botschaft glaubt. (Mein blasser Internet-Abzug versagt uns sowohl Farbe wie Wort. Ich gebe jedoch den Namen des Malers und den Link zur Recherche: William Strutt.)

William_Strutt_Peace_1896

Tiere ZEIT

Tiere Titelbild natur

Die Wissenschaft vom wahren Wesen des Tieres ist nicht neu. Das folgende Buch erschien vor 10 Jahren, das weiter unten abgebildete vor mehr als 20 Jahren.

Geist der Tiere 2005

Bewusstsein der Tiere 1994

Gestern noch (22.12.) hätte dieser Beitrag ernst ausgehen können, heute lag die Süddeutsche auf dem Tisch und stimmte mich um, wie so oft mit der Rubrik „Das Streiflicht“. Endlich weiß ich wieder, woher das Bildmotiv eines animalischen Weltfriedens kommt, nicht aus der Offenbarung, sondern aus dem Buch Jesaja.

Auch für die Geistlichen wird’s nun allmählich eng. Wer jetzt noch keine Weihnachtspredigt hat, wird wachen, lesen, lange Briefe… – nein, er wird hauptsächlich lesen, und zwar zweckmäßigerweise in der Heiligen Schrift, die auszudeuten sein Beruf ist. Wo stehen die ergiebigsten Stellen? Bei Jesaja, keine Frage, und wenn unser Mann dort ins elfte Kapitel hineinschaut, wird er auf die Vision stoßen, wonach eines gesegneten Tages die Wölfe bei den Lämmern wohnen und der Pardel [siehe Abbildung ganz oben: rechts, etwas zurück] bei den Böcken [nicht im Bild] liegt, nicht zu reden davon, dass dann die Löwen Stroh essen wie die Ochsen. Von der Sache mit den Löwen wird der Prediger die Finger lassen, erstens, weil er Zweifel daran hat, ob die Ochsen wirklich Stroh essen und ob man das den Löwen empfehlen soll, zweitens aber, weil von dem babylonischen König Nebukadnezar berichtet wird, dass er für seinen Hochmut dem Wahnsinn verfiel und eine Zeit lang Gras fraß wie die Ochsen. Bei solchen Sujets läuft die Predigt schnell aus dem Ruder.

Quelle Süddeutsche Zeitung Seite 1 „Das Streiflicht“ 22. Dezember 2015

Aber zufrieden bin ich dennoch nicht mit Jesaja 11 Vers 6 : Es ist also doch kein Engel, der den Palmzweig führt, sondern – meiner allzu kindlichen Identifikation allzu genau entsprechend – „ein kleiner Knabe“? Und das Stroh fehlt. Ebenso die klar benannten Bären. Und der Löwe ist nicht jung.

Jesaja Tiere

Ich schließe mit einer gewissen Enttäuschung und halte mich schadlos, indem ich – einem Prediger gleich – in den Büchern blättere, die nun einmal auf dem Tische liegen. Wenn nun aber die Bilder und Phantasien meiner Kindheit wieder Besitz von mir ergreifen? Ich werde sie bannen, auch wenn sie quasi archetypisch eingebrannt wurden: meine liebsten Bilder in den Grimmschen Märchen, die ich damals noch vorgelesen bekam, habe ich mit Bleistift nachgezeichnet und mit Hilfe von Kohlepapier durchgepaust auf ein weißes Blatt, wo ich sie wie ein Wunder betrachtete. Von meiner Hand gewirkte Wunder.

Friede (Detail) 20151222_161947   Reh & Kind schlafend

Nachtrag zur spanischen Mystik und Zurbarán

Die Suggestion des Ausdrucks „Siglo de Oro“ (siehe Wikipedia-Artikel), die Blüte von Kunst und Literatur, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass all dies nur mit Hof und Kirche zu tun hatte, nicht mit der breiten Bevölkerung. „Aufstieg und Abstieg Spaniens als Welt- und Großmacht sind (…) eng verknüpft mit Reformation und Gegenreformation. Spanien fühlte sich als stärkste Vormacht des Katholizismus, fand aber zu keinem Zusammenwirken mit der anderen katholischen Großmacht Frankreich. Selbst im Verhältnis zum Papst bestanden Spannungen und Konflikte.“ (…) „Dazu schwächte sich Spanien selbst im Innern durch Massenaustreibungen gerade der ökonomisch aktivsten Teile seiner Bevölkerung.“
So schreibt Imanuel Geiss in seiner „Geschichte im Überblick“ (s.a. weiter unten).
Ich würde gern dem Gedanken nachgehen, ob die bedeutende Entwicklung der spanischen Mystik – die ja auch im Werk Zurbaráns zum Ausdruck kommt – nicht gerade mit den äußeren Zwangsverhältnissen zu tun hat. (Ähnlich wie die Entwicklung der deutschen „Innerlichkeit“ mit den politischen Restriktionen der Zeit nach dem Wiener Kongress und schon vorher im Pietismus der Zeit des Absolutismus angelegt war. Stichworte Fürstenwillkür – Metternich – Geheimdienst – Polizeistaat…)
Merkwürdigerweise finde ich eine unverblümte Darstellung ausgerechnet in einem stark spirituell orientierten katholischen Zusammenhang (Zitat folgt): der Grund ist wahrscheinlich, dass auch die Mystik, der (Aus-)Weg nach Innen, verdächtig erschien und verfolgt wurde.

Der spanische Hof lebte damals in üppigem Wohlstand und Prunk. Madrid wurde die Hauptstadt des neuen Staates. Trotz der immensen Gold- und Silberlieferungen aus den Minen Lateinamerikas, verarmte die Bevölkerung Spaniens. Im zweiten Teil des 16. Jahrhunderts musste z.B. Getreide aus anderen europäischen Ländern eingeführt werden. Die damalige Vorstellung, dass Arbeit einem adeligen Spanier nicht gemäß sei (sicher nicht nur in Spanien), führte weiterhin dazu, dass die notwendige eigene Wertschöpfung, um den Wohlstand einer Gesellschaft abzusichern, völlig vernachlässigt wurde. Handwerk und Landwirtschaft waren im Wesentlichen in den Händen der konvertierten Mauren. Da diese aber durch Zwangsumsiedlung, Unterernährung, Unterdrückung des Glaubens und damit bedingte Abwanderung immer stärker dezimiert wurden, verarmte Spanien mehr und mehr. Ein spanisches Sprichwort „tiene moro tiene oro“ – „hat man Mauren, hat man Gold“, macht die Bedeutung der Mauren für die Wertschöpfung deutlich. Einige regionale Fürsten z. B. aus Valencia und Aragón, setzten sich deshalb auch für den Verbleib der Mauren in Spanien besonders ein. Jedoch schon vor der endgültigen Vertreibung im Jahre 1609 zogen zahlreiche Handwerker aus den ‚europäischen’ Ländern nach Spanien, um die Versorgung der wohlhabenden Schichten zu ermöglichen und davon zu profitieren. Große Bedeutung hatte die spanische Inquisition, sie kann gewissermaßen als ein ‚staatlicher Geheimdienst’ betrachtet werden. Ihr Auftrag war es, die Macht des altchristlichen Hochadels und des spanischen Großreiches zu sichern. Die christliche Religion (und die damals damit verbundenen Vorstellungen) wurde als einendes Mittel eingesetzt und jegliche Abweichung verfolgt und bestraft. Die bekannten und berüchtigten Autodafés (Ketzerverbrennungen), waren Massenveranstaltungen, die besonders auf die konvertierten Juden und Mauren abschreckend wirken und jegliche Opposition und Solidarität verhindern sollten. Im spanischen Hochadel, im Klerus und in der Bevölkerung gab es trotzdem beachtlichen Widerstand gegen die Unterdrückung der Juden und Mauren. Mit der Inthronisierung Phillips II. 1556 wurde die Rolle der Inquisition noch verstärkt, dies fand zum Beispiel auch Ausdruck in einer Liste der verbotenen Bücher, dem Index Valdés, der auch ein Verbot fast aller mystischen Schriften und die Übersetzungen der Bibel in die spanische Sprache enthielt. Fray Luis de León, ein spanischer Mystiker und Gelehrter, wurde für seine Übersetzung des „Hoheliedes“ aus dem Hebräischen ins Spanische fünf Jahre in einem Gefängnis eingekerkert.

Quelle http://www.johannes-akademie.de unter „Spanische Mystik“.

Zur spanischen Inquisition (bis 1834!!!) siehe Wikipedia HIER

Insofern liest sich auch in einer kurzgefassten, aber zuverlässigen Geschichtschronik die spanische Situation im „siglo de oro“ ziemlich ernüchternd:

Der spanischen Wirtschaft eröffnete sich mit der Massenauswanderung in die Kolonien Amerikas ein riesiges Betätigungsfeld, ähnlich wie den Griechen nach dem Alexanderzug im Vorderen Orient. [vgl. Zurbráns Verkauf von Bildern seiner Werkstatt nach Übersee! JR] Aber die Reichtümer aus der Neuen Welt kamen Spanien am wenigsten zugute. Vor allem das amerikanische Silber floß zur Bezahlung spanischer Söldner für den Kampf gegen die niederländische Unabhängigkeitsbewegung (seit 1572) durch Spanien in den Norden ab und trug dort zur führenden Rolle Hollands in der ursprünglichen Akkumulation bei. Drei Staatsbankrotte Spaniens (1557, 1576, 1596) sprechen für die ökonomische Überanstrengung durch pausenlose Kriege.

Dazu schwächte sich Spanien selbst im Innern durch Massenaustreibungen gerade der ökonomisch aktivsten Teile seiner Bevölkerung. Der Vertreibung der Juden im Epochenjahr 1492 folgte die der seit der Eroberung Andalusiens (1492) gebliebenen Moriskos (1609-14).

(…) In den ständigen Kriegen gegen die einen oder anderen seiner zahlreichen Gegner hatte Spanien nie eine Chance zur inneren Konsolidierung oder gar Homogenisierung seiner heterogenen Besitzungen. (…)

Spanien wurde auch Opfer seines ehrgeizigen Engagements für die Gegenreformation, und hier mißlang so gut wie alles: (…)

Mit Philipps II. Tod (1598)  hatte Spanien bereits seinen Höhepunkt überschritten. Von da an ging es nur noch bergab: (…) … Vertreibung der Moriscos …

Auf dem Papier umspannte Spanien mit dem portugiesischen Kolonialreich nunmehr die gesamte Erde, machte sich damit aber auch verwundbarer, vor allem gegenüber den nachdrängenden Holländern (ab 1598). (…) [JR: Geburtsjahr Zurbaráns!]

Und heute wieder aktuell, – Thema katalanische Unabhängigkeit:

Vorher schon hatte die permanente Überbelastung nach außen interne Spannungen mobilisiert: Der katalanische Aufstand (1640-52) eröffnete das seitdem wiederholte Aufbegehren Kataloniens gegen die zentralisierende Dominanz Kastiliens (1705-14, 1833-40, 1873-76, 1934, 1936-39, ca. 1970-79): Katalonien wurde Republik und unterstellte sich Frankreich.

Quelle Imanuel Geiss: Geschichte im Überblick Daten und Zusammenhänge der Weltgeschichte / Rowohlt Sachbuch Reinbek bei Hamburg 1986 (Seite 272 ff)

Erste Ausbildung des neuzeitlichen Rassismus

(…) Die Folge war nicht nur jenes Edikt von 1492 zur flächendeckenden Zwabngsbekehrung, sondern damit verbunden eine, den späteren Hexenverfolgungen nicht unähnliche Politik des Verdachts. Angesichts der unsicher gewordenen Kriterien der Zugehörigkeit zum Christentum bemühte man sich, den Unglauben im allgemeinen und das Judentum im besonderen noch in seinen verstecktesten und entstelltesten Formen aufzuspüren, um ein einheitliches katholisches Spanien in natürlicher Reinheit herzustellen. besonders im Blick auf jene große, durch die jahrhundertelange Verfolgungspraxis überhaupt erst geschaffene Gruppe der teilweise seit Generationen Konvertierten, die dennoch – wirklich oder angeblich – an den jüdischen Traditionen festhielt, verwandelte sich die klassische Frage nach der ‚Reinheit des Glaubens‘ in die neue, nun aber entscheidende Frage nach der ‚Reinheit des Blutes‘ (limpieza de sangre).

Aufgrund der langen Dauer der Reconquista und der Tatsache, daß das Judentum bis zum 14. Jahrhundert in Spanien mehr als sonst in Europa ein integraler und kulturell einflußreicher Bestandteil der Gesellschaft gewesen war, konnte nun die Suche nach dem ‚unreinen Blut‘ prinzipiell jeden treffen, die Landbevölkerung ebenso wie den spanischen Adel. Zunächst nur im Blick auf die Conversos und Marranen, sehr bald aber bezogen auf das ganze Judentum sowie auf die zwangsbekehrten Muslime (moriscos), wurde jetzt zum ersten Mal von ‚Race‚ gesprochen. Hatte der noch junge Begriff bis dahin allein in der Pferdezucht und in der Verherrlichung adeliger Geschlechter eine Rolle gespielt, so diente er jetzt der Aufspürung zu bekehrender Gruppen.

(…) Historisch wurde hier zum ersten Mal die Bedeutung der christlichen Bekehrung und der Taufe als eindeutiges Kriterium der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft aufgeweicht und untergraben. Um der darauf reagierenden Politik der Zwangsbekehrung ein Objekt zu geben, wurden mit Hilfe des Rassenbegriffs neue, scheinbar natürliche Kategorien der Zugehörigkeit erfunden. An die Stelle des Glaubensbekenntnisses trat jetzt die Abstammung als zentrales Merkmal von Zugehörigkeit.

Quelle Christian Geulen: Geschichte des Rassismus Verlag C.H.Beck München 2007 (Seite 34 f)