Kategorie-Archiv: Religion

Musik und Religion

Ein Selbstversuch

Bruckner IX Adagio 1 Die Musik im externen Fenster HIERBruckner IX Adagio 2

Der Anlass, das Adagio aufs neue zu hören und auch den Mythos zu (r)evozieren:

Musik & Ästhetik April 2018 Bruckners Gott Stolzenberg Titel Musik & Ästhetik HIER

Entscheidend war für mich, dass es ein ausgewiesener Philosoph ist, der sich hier offenbar kompetent zur Musik äußert: Jürgen Stolzenberg. In einer Schlussanmerkung dankt er Johannes Menke (siehe obiges Titelblatt) für harmonietechnische Erläuterungen. Ich bin froh über die Lektüre und die erneute Begegnung mit Bruckners letztem Werk, kann aber letztlich den Ergebnissen der Arbeit über „Bruckners Gott“ am Ende vielleicht weniger abgewinnen, als ich erhofft habe.

Der Autor nennt eine semantische Analyse (mit der man etwa tonsymbolische Bedeutungen dingfest machen kann, die auf einen religiösen Gehalt verweisen) unreflektiert. Zitat:

Sie geht stillschweigend davon aus, dass bei einem Transfer von Motiven oder Themen aus einem Werk mit einem durch den Text vorgegebenen religiösen Gehalt in den Kontext einer textlosen Symphonie die begrifflich bestimmbare Bedeutung dieser musikalischen Elemente unverändert bleibe. Von dieser Prämisse kann jedoch nicht ausgegangen werden. Ein Motiv oder ein Thema etwa aus dem  Miserere oder dem Dona nobis pacem einer Messe kann schon aufgrund des Umstandes, dass es in einer textlosen Symphonie erscheint, nicht dieselbe Funktion des Ausdrucks des emotionalen Gehalts einer religiösen Bitte um Erbarmen oder um Frieden wie in dieser Messe haben. In einer textlosen Symphonie gibt es keine Korrelate, auf die sich solche Bitten beziehen könnten, und so gibt es auch keinen musikalisch darstellbaren Gehalt einer Bitte. Damit wird die Rede von einer Bitte oder einem Gebet selber obsolet. [Seite 10]

Wissen wir denn, ob der Textgehalt in einer Messe auch wirklich ein stimmiges Korrelat in ihrem musikalischen Gehalt findet? Oder wird nur erwartet, dass wir es hineinlegen und akzeptieren, weil der Wortlaut und das gesamte Umfeld nichts anderes nahelegen? Was bedeutet es denn, wenn ein Komponist wie Bartók die Satzbezeichnung „Religioso“ wählt? Garantiert sie einen religiösen „Gehalt“? Oder will sie uns eine emotionale Haltung nahelegen, die dem Charakter der Musik zugutekommt? Was sagt denn die Musik wirklich, für sich selbst genommen? Was sagt uns ein bestimmtes Parsifal-Motiv, wenn wir das „Dresdner Amen“ nie gehört haben? Weniger oder mehr?

Der Autor problematisiert indessen auch die Distanzierung von semantischen Analysen:

Mit der Konzentration auf die Analyse formaler Zusammenhänge eines Werks wird der subjektive Erfahrungs- und Resonanzraum weitgehend abgeriegelt, der für Aussagen über den expressiven Gehalt eines Werks unverzichtbar ist. Es trifft nicht zu, […], dass sich nur über formale und kompositionstechnische Tatsachen auf eine intersubjektiv nachvollziehbare Weise sprechen lässt. Der expressive Gehalt eines musikalische autonomen Kunstwerks wie einer Symphonie lässt sich durchaus, im Ausgang von den formalen und kompositionstechnischen Tatsachen und gestützt auf sie, musikhistorisch informiert und mit einer hinreichend sensiblen Reflexion auf die subjektive Resonanz des musikalischen Geschehens, auf eine intersubjektiv nachvollziehbare Weise zur Darstellung bringen, ohne damit den Anspruch auf eine begrifflich fixierbare Eindeutigkeit und alternativlose Ausschließlichkeit zu verbinden. Das gilt auch für die Frage eines möglichen religiösen Gehalts. [Seite 11]

Das klingt nicht nur etwas schlimm, sondern lässt  auch erahnen, dass es nicht plausibler wird, den Weg zu „Bruckners Gott“ in seinem letzten Adagio finden zu wollen. (Zudem wird in einer Anmerkung als informative Quelle ein Autor empfohlen, der 2010 ein Buch über „Die Expressivität in der Musik“ herausgebracht hat, mir aber in „Musik, Emotionen und Ethik“ 2011 jede Lust auf weitere Lektüre vergällt hat. Siehe hier.)

Ich kann die Skepsis nicht leugnen, die mich erfasst beim Überhandnehmen der Worte „erlebbar“, „durchlebte Prozesse“, „Vollzug des Lebens“, eines „musikalisch gestalteten Lebensweges“ auf den letzten Seiten des Essays, als stünden wir nun bald leibhaftig vor Bruckners Gott.

Es ist eine abgeklärte , erhabene Ruhe, die Schmerz, Not und Leiden durchlebt und überwunden hat. [Seite 27]

Oder auch nicht! Da ist von „naturreinen [!] Quarten und Quinten“ die Rede. Der Satz ende, so heißt es,  „auf einem erlösenden Einklang, der ins Unendliche fortzutönen scheint.“ Für mich ist es ein vollständiger E-dur-Dreiklang, wenngleich die Hörner auf dem hohen h verklingen, der Quinte des Grundtones, anders als es hier gesagt wird: „Dieser Einklang ist nicht der Grundton e, sondern der ins Offene weisende Dominantton h.“ Es ist und bleibt aber die Quinte des real erklingenden Tonika-Dreiklangs.

Dieser Aufstieg ist doch kein Aufstieg der Seele zu Gott. Es ist vielmehr ein Ausblick oder auch, wenn man will, ein Aufbruch in eine Freiheit, eine Freiheit, die ohne Grenzen, aber nicht ohne Gesetz ist. Das Gesetz ist die im Zuge der Erinnerung sichtbar gewordene, von Anfang an waltende Ordnung. Da sie eine alles umfassende Ordnung ist, ist sie unbedingt. Als solche ist sie der Grund einer Kohärenz, in der der Prozess der Erfahrung einbegriffen ist und der auch für das, was noch kommen kann, verbindlich ist. So geschieht der Ausblick oder Aufbruch in eine Freiheit ohne Grenzen im Horizont und unter der Leitung der Idee eines sich selbst affirmierenden, sinnstiftenden Unbedingten, dessen Wirklichkeit zuvor in höchster Not und tiefster Verzweiflung beschworen worden war. [Seite 27]

Mein Gott! Aber nur „wenn man will“ ! Wie schon eine Seite vorher formuliert, „nachdem die zum Ausdruck kommende Verzweiflung auf eine nicht mehr zu steigernde Weise dargestellt und, wie man vielleicht sagen darf, bis auf den Grund durchlebt worden ist…“ Bleibt nur noch eine faustische Frage: Wie steht’s denn mit der Religion?

Wenn Religion – Religion im allgemeinsten Sinn – dadurch bestimmt ist, den Vollzug des Lebens unter der Idee des Unbedingten zu begreifen, so die Erklärung Paul Tillichs, dann hat die Musik Anton Bruckners einen religiösen Gehalt. Mehr ist hier nicht zu sagen. Dessen Verfassung entdeckt sich aber erst vom Ende des musikalisch gestalteten Lebensweges her, nach der Katastrophe. Das ist ihr Sinn. [Seite 27f]

Quelle Jürgen Stolzenberg: Bruckners Gott, in: Musik & Ästhetik Heft 86, April 2018 Klett-Cotta Stuttgart, Seite 8-29.

Ich beginne ganz von vorn. Oder jedenfalls: das Adagio ganz von vorn. Mein Selbstversuch ist noch lange nicht am Ende.

*   *   *   *   *

Bruckners ADAGIO – wie es ein wahrer Jünger seiner Zeit beschrieb: Max Auer (1923)

Bruckner Adagio Max Auer

Bruckner Adagio Max Auer f

Das hier gegebene Formschema, auf die Aufnahme mit Celibidache bezogen:

ab 0:06 B ab 5:31 A ab 10:35 B ab 16:45 A ab 18:23 B ab 22:14 Koda ab 28:51        

Die Notenbeispiele, auf „Celi“ bezogen: 18 0:07 bis 1:01 / 19 ab 1:59 / 20 ab 3:27

Bruckner Adagio1

21 ab 5:31 22 ab 7:40 / 8:47 / 10:36 23 ab 12:36 / 24 ab 20:06

Bruckner Adagio 2

25 ab 28:51 (Ende 30:38)

Bruckner Adagio 3

Formschema??? Sonatenform??? Rondo??? Was habe ich denn davon!? Zu wissen, in welcher „Abtheilung“ ich mich befinde? Deutlicher als Bruckner in diesem Adagio kann man ja die Bereiche gar nicht aufeinanderfolgen lassen, bzw. durch Zäsuren gliedern. Man braucht keine Hörhilfen, um die Übersicht zu wahren. Und der obige Text, den Max Auer am Geschehen entlang geschrieben hat, ist inhaltlich an Peinlichkeit nicht zu überbieten und animiert nur zum offenen Widerstand. Aber ist der strenge (?) „musikanalytische“ Weg zu Bruckners Gott auch nur einen Deut akzeptabler?

Am besten, man lauscht der Musik so offen wie möglich, wie ein kluges Kind.

(Hat Bruckner zum Adagio der Achten, das natürlich auch nur mit dem Allerhöchsten in Verbindung gebracht wurde, nicht den Wink gegeben: „da habe ich wohl zu tief in ein Mädchenauge geblickt“…? Als metaphysischer Hinweis eigentlich unbezahlbar.)

Bilanz zu Ostern

Eiche am Boden, Bäume überhaupt, Bach b-moll und der Gesang im Schrein

Schrein Darbarsharif Pakistan Schrein Pakistan Punjab Shrine_of_bahu Sind die Gebäude identisch?

Eiche im Dezember 2017 Die umgestürzte Eiche Dez. 2017

Eiche nach drei Tagen Bearbeitung a Und heute, am 28. März 2018

Coccia cover Auf dem Schreibtisch liegt dieses Buch

Coccia Umschlag 1a  Coccia Umschlag 1b Der Autor

Dieses Buch ist kein romantischer Wunschtraum. Veranlassung, wieder Martin Seels „Eine Ästhetik der Natur“ vorzunehmen und daneben zu legen. Oder auch nicht: ich kann nicht aufhören, in dem neuen Buch zu lesen; leider ist es kurz, was sonst oft genug ein Vorteil ist, aber in dieses möchte ich eintauchen, ja, soll ich sagen: ohne Wiederkehr?  Kein Wunder, dass mein eben gewähltes Wort im Text gleich wiederkehrt. „Von den Pflanzen, oder vom Leben des Geistes“, so die Überschrift des dritten Kapitels.

Sie haben keine Hände, um sie an die Welt zu legen, und doch ließen sich nur schwer Akteure finden, die sich bei der Konstruktion von Formen geschickter anstellen als sie. Die Pflanzen sind nicht nur die kunstfertigsten Handwerker unseres Kosmos, sie sind es auch, die dem Leben die Welt der Formen eröffnet haben, die Lebensform, die die Welt zum Ort der endlosen Figurabilität gemacht hat. Über die höheren Pflanzen hat sich das Festland als Raum und kosmisches Experimentierlabor für die Erfindung von Formen und die Gestaltung der Materie durchgesetzt.

Das Fehlen der Hände ist kein Zeichen des Mangels, sondern vielmehr Folge eines restlosen Eintauchens in eben die Materie, die sie unentwegt gestalten. Die Pflanzen werden eins mit den Formen, die sie erfinden: Alle Formen sind für sie Abwandlungen des Seins und nicht lediglich des Tuns und Handelns. Eine Form zu erschaffen, bedeutet, sie mit seinem ganzen Wesen zu durchschreiten, so wie man Zeitalter oder Phasen seines eigenen Lebens durchschreitet.

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt ISBN 978-3-446-25834-1 (Seite 25)

Siehe auch den Artikel nach der ersten Begegnung HIER.

Woran erinnert mich das?

Sennett Hand Richard Sennett: Handwerk

Das Buch von Sennett ist 2008 erschienen, 2012 habe ich es gekauft und mit Rotstift die (auf google verweisende) Bemerkung hineingeschrieben. Bei Sennett steht im Anhang: „So sagt es jedenfalls Raymond Tallis, The Hand: A Philosophical Inquiry in Human Being, Edinburgh 2003 S.4.“ Er weiß also auch nicht, wo die Aussage bei Kant selbst steht. Heute finde ich im Internet eine kompetente Erläuterung aus dem Jahre 2014, und zwar in der Reihe „gutefrage“ unter dem Link hier, „David Katz (1884 – 1953) scheint die Aussage in Umlauf gebracht zu haben. Er gibt dabei aber nie an, woher bei Kant er dies hat.“

Siehe auch in diesem Artikel ganz unten Darwin über das Hirn der Pflanze.

Natürlich denke ich im Zusammenhang mit den Pflanzen sogleich an die Kunst der Fuge und die floralen Muster, die Bach im Druck hinzufügen ließ, und an Peter Schleunings Interpretation, seine Rede vom Urwald des Werkes.

Bach Blumenmuster Ende von Contrapunctus IV

Ein Eldorado freier Abschweifung, aber im Rückblick passt alles zusammen. Was mir noch fehlt, – was noch zu tun wäre, ist eine Abschrift der Bach-Fuge BWV 891 im Blick auf die musikalische Verinnerlichung der Engführungen, nämlich alles Beiwerk wegzulassen und nur diese ineinandergeschachtelten Themen-Zitate zu spielen, die Zwischenspiele aber vollstimmig, als seien es die Hauptteile. Das Ganze als Hör-Übung am Klavier. Spielen geht leichter als hören! Ach, und der mühsame Text über den Qawwali-Gesang, bzw. über die Problematik des mystischen Hintergrundes. Der Gesang stammt aus Schreinen wie denen, die oben zu sehen sind. Wer ihn erleben will, könnte sich den 27. April in der Alten Oper Frankfurt vormerken: HIER.

Ich erinnere mich gern an das Projekt EE2018, das zwar nicht gescheitert ist, aber auch nicht plangemäß weitergeht: die Bach-Fuge hat mich verleitet, einfach denselben Stoff weiterzuüben und zu beobachten, wie er sich kontinuierlich öffnet. Dabei die vorigen Stufen im Auge zu behalten: hier und hier .

Bach b-moll Skizze Bach b-moll Skizze 2

Es handelt sich also um die Durchführungen IV und V, die Themeneinsätze sind durch T, S, A und B, also Tenor, Sopran, Alt, Bass in blau gekennzeichnet, wobei eben nur die Themen notiert sind, nicht die „begleitenden“ Stimmen, und wir beginnen erst ab Takt 70 , weil erst ab dort das Üben (Hören, Mitsingen) der Themen schwierig wird aufgrund der Engführung (plus Umkehrung bzw. Spiegelung). Nur die Zwischenspiele sind – gewissermaßen als Hauptsache – im vollen Satz ausnotiert und der Länge nach grün gekennzeichnet. (Die Fingersätze sind so notiert, wie sie im vollständigen Notensatz stehen, damit man nicht eine spieltechnisch abweichende Version einübt.)

Am Ende fehlt nur noch der Höhepunkt:

Bach b-moll Skizze Höhepunkt

Habe ich genug getan? Karfreitag Haydn Duo E-dur (noch nicht geklärt, was das wirklich ist, dieses angebliche op. 109, ob vielleicht Bearbeitung, Verlag Litolff?). Besuch der Enkel, Fahrt nach Bonn.

Nein, es fehlt noch die theoretische Einordnung (das erst hieße EE2018 weitertreiben) des Buches von Coccia. Sie fehlt nur in dem Sinne, weil sie sich so gut in den Gesamtkontext (incl. Frühling und Weiterarbeit an der Eiche) einpassen ließe. Und allenthalben Anknüpfungspunkte liefert, z.B. wenn ich die Zeitschrift LANDLUST aufschlage, darin der Verweis auf Darwin, der Mitte des 19. Jahrhunderts gefolgert habe, dass sich „das Hirn der Pflanze in der Wurzelspitze“ befinden müsse:

Landlust Wurzeln links . . . . .

Landlust Wurzeln rechts  Landlust siehe hier.

Wurzel Mango Exposed_mango_tree_roots Foto: Aaron Escobar 2007 (Wikimedia)

Ich hatte weiter oben das Wort „Eintauchen“ fast zufällig gewählt und sehe erst allmählich, in welchem Maße es alles zusammenfließen lässt, was hier nebeneinander oder nacheinander steht. Ich lese mal hier, mal da, am Ende auch alle Anmerkungen, schließlich kapitelweise rückwärts und noch einmal kontinuierlich von A bis Z, überall verweilend, schreibe Musik! an den Rand und sehe auf der nächsten Seite dasselbe Wort Musik im Text auftauchen, und lediglich die Klammer hinter der lokalen Bestimmung in einem Raum „(zum Beispiel einem Club)“ sagt mir, dass der Autor nicht von meiner Musik spricht, Bach, aber … überflüssigerweise … in zufälliger Metaphorik (paradigmatisch) dann doch wieder:

 Der Fisch ist damit nicht mehr nur eine der Etappen der Evolution der Lebewesen, sondern paradigmatisch für alle Lebewesen. Genauso darf das Meer nicht mehr lediglich als eine für bestimmte Lebewesen spezifische Umwelt betrachtet werden, sondern als Metapher der Welt an sich. Das In-der-Welt-Sein alles Lebendigen wäre demnach aus der Welterfahrung des Fischs heraus zu verstehen. Dieses In-der-Welt-Sein, das also auch unseres ist, ist immer ein Im-Meer-der-Welt-Sein. Es ist ein Form des Eintauchens. (S.47)

Die Welt als Eintauchen betrachtet, wirkt wie ein surreales kosmologisches Modell, und doch machen wir diese Erfahrung häufiger, als man meinen möchte. So erfahren wir die Welt des Fischs zum Beispiel jedes Mal, wenn wir Musik hören. Wenn wir das Universum, das uns umgibt, nicht ausgehend von dem Stück Wirklichkeit konstruieren, zu dem der Sehsinn uns Zugang gibt, sondern die Struktur der Welt von unserer musikalischen Erfahrung ableiten, dann müssen wir die Welt als etwas beschreiben, das nicht aus Objekten besteht, sondern aus Strömungen, die uns durchdringen, aus Wellen unterschiedlicher Intensität und in ständiger Bewegung. (S.49)

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt / Eine Philosophie der Pflanzen / Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke / Carl Hanser Verlag München 2018.

Toleranz und Gewalt

Nach einem Blick in die Tageszeitung

Lütz Tageblatt 180227 Solinger Tageblatt heute!

Nun wird er wiederkehren, der Talkshow-Dauergast, mehr als genug, wie auch der Papst-Enthusiast namens Englisch. Vielleicht nicht so oft wie der Förster Wohlleben, der immer wieder von der Natur spricht, was ja auch schön ist, wenn die Leute dann liebevoller mit der Natur umgehen. Aber die, die es vor allem sollten, hören dann schon nicht mehr zu. Manfred Lütz war – glaube ich – zuletzt mit einem Buch über GOTT hervorgetreten, und mir hat – leider Gottes – völlig missfallen, dass die Musik dabei eine Schlüsselrolle spielen sollte. Am Anfang mit Elton John an Dianas Sarg, am Ende mit Bach und Mozart bei den Engeln und an Mutter Teresas Sarg. Dazu immerfort dieser flockig muntere Verkäuferton. Nein, sollen die Gläubigen doch lieber mit ihren eigenen Mitteln haushalten! Ohne die Musik als Lückenbüßer. Und jetzt wundert es mich, wer sich alles für die Propagierung des neuen Buches einsetzen wird, in Berlin: Gregor Gisy, Jens Spahn; in Köln: Volker Beck und Günter Wallraff; und in Wien werden sich zwei Leute von Rang zumindest dazu äußern: der Bundeskanzler und ein Kardinal.

Lütz ist ehrlich genug hervorzuheben, dass er die hervorragende Arbeit eines seriösen Historikers zum Thema gelesen und auf Verwertbarkeit geprüft hat. Er musste sie nach bewährter Methode endlich ins Volk tragen. Nach 10 Jahren war es an der Zeit, sie als Sensation zu servieren! In roten und schwarzen Lettern: DER SKANDAL der Skandale, dazu das Bild einer Bombe mit Zündschnur. Brisanter als jeder Wink mit dem antiislamischen Zaunpfahl. Schlau anknüpfend an die gängigen Skandalblätter ebenso wie an das bei Theologen beliebte Paulus-Wort vom Skandalon. Die unbekannteste Religion der westlichen Welt? Es handelt sich immerhin – wenn wir die dunklen Jahrhunderte ausklammern – um mindestens ein Jahrtausend westlicher Kultur, die offensichtlich eng  mit der Macht der Kirche verflochten ist. Jeder Dom, die gesamte Kunst- und Musikgeschichte steht in pro und contra dafür ein. Wer es ernst meint, braucht also keine Lautsprecherdurchsagen mehr und schreckt auch nicht zurück vor dem gewaltigen Umfang des Originals, das Arnold Angenendt in einer präzisen und gelassenen Sprache geschrieben hat. Es verbreitet eine aufklärerische Freude, wo auch immer man das 700seitige Buch aufschlägt. Man muss es nicht Zeile für Zeile von Anfang bis Ende lesen, aber es ist eine Anschaffung fürs Leben. Für Manfred Lütz genügt die Talkshow heute Abend bei Markus Lanz. (HIER Ab 1:08:10) An dieser Stelle – stattdessen oder gleichzeitig – ein Blick ins Buch von Angenendt:   

Angenendt Toleranz Inhalt 1 Angenendt Inhalt 2 Angenendt Inhalt 3 Angenendt Inhalt 4 Angenendt Inhalt 5 Angenendt Inhalt 6 

Angenendt Cover vorn Angenendt Cover rück

Vielleicht halten Sie sich für längst ausreichend versorgt durch Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“? Auch er ist Thema des Buches.

Deschner Kriminalgeschichte Bitte anklicken!

Keine Gewähr: die Preisangabe ist bestimmt an die 15 Jahre alt. Lesen Sie aber auch zu Deschner im Angenendt ab Seite 78 Kapitel 5 „Das ‚elende‘ und ‚kriminelle‘ Christentum“. Nichts wird ausgespart, hier nur eine Kostprobe:

Angenendt über Deschner

Es lohnt sich, hier nicht stehenzubleiben. Nicht an dieser Stelle des Buches.

Andererseits muss es heute wohl um ganz andere Dinge gehen als um Judentum und Christentum; auch nicht um den Islam, dessen Präsenz plötzlich die alten Themen hervorzaubert. Der Buddhismus vielleicht? Der „leere Himmel“ des Zen-Buddhismus? Die Philosophie? Das Denken… Braucht man überhaupt die Diskussion über Prioritäten? Oder dient sie wiederum der Sicherung von Machtstrukturen, die wir loswerden wollten?

Heiliger Bimbam

Ist „Gotteslob“ heute noch möglich?

Ich meine mit allem, was dazugehört. Vor allem: mit Glaubwürdigkeit, Überzeugungskraft und auf „künstlerischem Niveau“?

1993, vor 25 Jahren habe ich Hans Zenders Büchlein gelesen oder sogar durchgearbeitet, gerade den geistlichen Teil (im Hintergrund das Thema: „Tradition heute“), und kann das immer noch dringend empfehlen. Leider gibt es das Werk regulär wohl nirgendwo mehr zu kaufen.

Zender Cover  Zender Inhalt Freiburg i.Brsg. 1991

Ich möchte 4 Seiten aus dem Überblick zur Geistlichen Musik als Scans wiedergeben, weil sie zeigen, was mich damals beeindruckt hat. Z.B. die Einschätzung der Orgelmusik als triumphalistisches Getöse, das im liturgischen Kontext grundsätzlich vermieden werden sollte; zugleich die Warnung vor dem unbeschreiblichen Seelenkitsch einer sich so nennenden „Meditationsmusik“.

Zender Inhaltliches a Zender Inhaltliches b

Schlimm ist es, dies zu rekapitulieren, wenn man bedenkt, dass sich der musikalische Ungeist heute in den Kirchen viel schlimmer eingenistet hat, als man es früher befürchtet haben konnte. Denn inzwischen sind selbst die Passionsaufführungen in den „normalen“ Städten eingestellt worden, wo es in den 90er Jahren noch üblich war. Die Mittel fehlen, – reichen aber aus, um die Räume mit volksnaher „Gegenwartsmusik“ über Lautsprecher zu beschallen. Heute ist zudem die Erklärung des Glaubens schwieriger denn je, da die Auseinandersetzung mit anderen Religionen plötzlich nicht nur die Christen, sondern auch die säkularen Vertreter der „Leitkultur“ herausfordern, zumal sie vielleicht nicht mehr die theologischen Inhalte von einst verteidigen wollen, wohl aber die Passionen Johann Sebastian Bachs. Als (indirekten) Beleg zitiere ich aus einem SZ-Bericht über die GLORIA in Augsburg, eine Ausstellung für Kirchenbedarf.

 (…) Die Gloria ist heiliger Bimbam in den unterschiedlichsten Klangvarianten. Der Stand von Turmuhrenbauer übertönt mit seiner Glocke alles. Wer durch die benachbarte Priesterberufungsabteilung wandelt, nimmt die Darbietung einer Harfenistin wahr, die CDs mit „Seelenklängen“ verkauft. Und die Orgeln geben nie Ruhe. Irgendein Angeber ist immer unterwegs, der mal eben so die zwei Manuale mit Lieder aus dem Gotteslob durchdudelt. „Gehegrüüßet seist du Königin, ohohoo Maria.“

Nichts gegen Orgeln, aber Lukas Di Nunzio verfügt über Lautsprecher, die er sehr laut drehen kann, um das Gepfeife zu übertönen. Herr Di Nunzio, 51, bezeichnet sich als wiedergeborenen Christen und Komponisten und er vertritt die Firma CCLI, die Lizenzen für neue christliche Lieder anbietet. Zwischen den Klosterlikör-, Kräuter- und ParamenteFieranten steht Di Nunzio an einer schmucklosen Theke. er handelt mit Daten, die „die Leute wieder in die Gottesdienste bringen“. Mit Noten und Texten christlicher Popmusik. Wer als Abonnent einsteigt, kann die komplette Datenbank und die regelmäßigen Updates mit den neuesten Anbetungs-Hits abrufen, ja sogar beliebig transponieren. Die Firma garantiert Zugriff auf ein Repertoire in sechsstelligen Dimensionen, das regelmäßig mit neuen Songs ergänzt.

Viele Lieder klingen nach Schlager, wie die Schlagerkünstlerinnen Helene Fischer und Andrea Berg sie darbieten. Allerdings haben sie eine transzendentalere Adresse: „Ich lieb dich, Herr, keiner ist wie du. anbetend neigt sich mein Herz dir zu. Mein König Gott, nimm dies Lied von mir! Lass mich, Herr, ein Wohlklang sein vor dir!“ Lukas Di Nunzio sagt, das sei die Sprache, die die Menschen heute verstehen. Es gehe um Verständlichkeit. Das ganze Liedprogramm mit E-Gitarre, Keyboard und Schlagzeug läuft unter der Formel „Lobpreis“. Wie fulminant sie ankommt, hätten auch schon einige katholische Bischöfe erkannt. Die Katholische Kirche wird evangelikaler.

Drüben bei den Orgeln spielt einer „Freut euch, ihr Kerubim, lobsingt, ihr Serafim“. Kerubim? Serafim? Das ist dann wohl die Sprache, die die Menschen nicht mehr verstehen.

Aber hat die Kirche nur eine Sprach- und Verständigungskrise? Gregor Henckel-Donnermarck, erfolgreicher Buchautor und Altabt des österreichischen Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz, erzählt auf dem Messepodium eine Geschichte, die sich in Wien zugetragen haben soll. Eine Gruppe katholischer Pfarrgemeinderäte trifft sich mit Vertretern des Islam zu einem Glaubensgespräch. Die Muslime haben sich vorbereitet, die Katholiken nicht. Dan erläutern die Muslime ihren Gesprächspartnern, was sie an deren Glauben für beachtlich halten, man könnte auch sagen: für unglaublich. Die Transsubstantiation zum Beispiel, also die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, und die unbefleckte Empfängnis. Die Katholiken runzeln die Stirn. So etwas Wunderliches kann doch keiner ernsthaft glauben, sagen sie. Die Muslime stehen auf und gehen: „Wenn ihr euren eignen Glauben nicht kennt, hat es keinen Sinn, mit euch weiterzureden.“ (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung 20. Februar 2018 Seite 9 Sakrament ex machina Uhudler Saft statt Messwein, Kirchen als Hotspot, Missionare aus Indien: Auf der Gloria, der Ausstellung für Kirchenbedarf in Augsburg, zeigt sich, wie Zeitgeist und Glaube zusammenfinden. Von Rudolf Neumaier.

Ich habe das Gefühl, mich dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erkenntlich zeigen zu müssen. Denn ich bin sehr froh über diesen Augenzeugenbericht von der GLORIA, versichere zugleich, dass ich nicht mehr als ein Achtel des gesamten Berichtes abgeschrieben habe und dass es sich lohnt, den Zugang zum Rest des Artikels auch noch zu erwirken. Was möglich ist, indem man den Titel bei Google eingibt usw., während ich dies alles und die ganze Zeitung im Papierformat konsumiert habe, so auch das Streiflicht, das ich nie versäume. Den Clou aber werde ich nicht verraten, denn der erscheint erst im Anschluss an das folgende Zitat (und zwar in Gestalt des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu):

Die alte Philosophisch-Theologische Hochschule Passau ist längst verschwunden, aber ein paar Erinnerungen daran haben sich erhalten. So gab es dort einen Philosophie-Dozenten, der für die Zeichenhaftigkeit seines Vortrags berühmt, ja fast berüchtigt war. Er wusste, dass die Wahrnehmung eines Zeichens bei den Studenten im Glücksfall die Vorstellung des diesem Zeichen zugeordneten Gegenstandes hervorruft, und da er es mit vorwiegend ländlichen Jungmännern zu tun hatte, wählte er klare, schlichte, auffällige Zeichen. Das Thema „Sein und Nichtsein“ pflegte er damit einzuleiten, dass er bei „Sein“ aufrecht stand, bei „Nichtsein“ aber hinter seinem Stehpult abtauchte. Die Studenten genossen die listige Pantomime und waren für ihr weiteres Leben in ontologischer Hinsicht gut abgesichert. (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung 20. Februar 2018 Seite 1 Das Streiflicht.

Es war diese Geschichte, die mir bekannt vorkam, ohne dass ich mich rühmen könnte,  mit einer Philosophisch-Theologischen Überlieferung je in Berührung gekommen zu sein. Aber ich habe nicht geruht, bis ich eine mir näher stehende Quelle aufgetan hatte: es handelt sich um einen Band der von meinem Vater geerbten Reihe „Handbuch der Musikwissenschaft“, nämlich der Band „Aufführungspraxis“ von Robert Haas, Wildpark Potsdam, Athenaion, 1931. Die Seitenzahl ist auf dem Scan wiedergegeben:

Beethoven dirigiert Wie Beethoven dirigierte!

Die Quelle dieser Quelle wiederum hat mich sehr neugierig gemacht, die Eipeldauerbriefe, die vielleicht an anderer Stelle des Bücken-Bandes näher beschrieben sind. Ich habe mir die Suche dort erspart und bin bei Google fündig geworden, schauen Sie doch hier und forschen Sie weiter! Es gibt weiß Gott viel zu lesen, wenn man nur will!

Eipeldauer Briefe 1805

Und erst heute bin ich auf eine Quelle aufmerksam gemacht worden, die meine eigene Person betrifft. Ich kann nur staunen, was so alles gespeichert wird. Dabei hat es in dieser Zusammenstellung vielleicht nur für mich besonderen historischen Wert!

HIER.

Aus meiner Sicht ist schwerwiegender, dass niemand die drei Spohr-Duos op. 38 aufnehmen will, die wir nun bald vollständig erarbeitet haben. Jetzt hört uns wieder kein Schwein!

Bilder der Seele

Anbetung

Ich habe Pech: meine Seele entwickelt fortwährend Widerstände. Zumal wenn ich zur Weihnachtszeit die ZEIT lese, die mich ganz offensichtlich auf den Weg der freien Entscheidung führen will. Aber doch die Suggestiv-Frage stellt (als gehe es nur um den Wohnsitz der Seele):

ZEIT Titel Seele Dez 2017

Und gleich darunter: „Muss die Kirche immer voll sein?“ Ein Pro und Contra zu einer nicht nur spirituellen Frage. –  Ein Satz von Evelyn Finger (contra) bleibt mir in Erinnerung: „Alle, die je aus Glaubensgründen gehasst wurden, wissen, dass sie mit weniger Frömmigkeit sicherer leben. Das belegt auch eine aktuelle Studie der deutschen Kirchen zur Religionsfreiheit: Diese ist ein rares Gut – und in frommeren Regionen unbekannt.“

Und dann hake ich mich fest auf der Seite „Glauben & Zweifeln“, einer Rubrik, die selber die Dichotomie festschreibt. Nein, das gilt wiederum nicht für mich, wenn das Zeichen & besagt, dass beide Begriffe zusammengehören. Es ist das Gemälde, das mich innehalten lässt, nicht nur das farbige Bild vielleicht, sondern auch die Idee, es mit Einzel-Stichworten zu umrahmen: Der Monfort-Altar – Der Maler – Die Details – Die Szene – Die Hände – Die Augen – Die Gaben – Die Farben.

ZEIT Goes Weihnachten 2017

Zu allererst die Bemerkung, dass auf der ZEIT im Querformat das Gemälde von Hugo van der Goes sich tatsächlich im ORIGINALformat wiedergeben lässt. Dann die Sache mit den Farben:

Als van der Goes lebte, konnte man noch keine Farben künstlich herstellen. Rot wurde aus einer Art Schildlaus gewonnen, Blau aus zerriebenem Lapislazuli. Die hier verwendeten Farben kosteten ein Vermögen. Hinter Josef erhebt sich eine seltene blaue Schwertlilie. Sie ist ein Sinnbild der Reinheit Marias.

Seltsam, ich dachte – die Lilie! Aber schon vorher las ich: „Die Akelei ist Symbol der Jungfrau Maria und der Anbetung Gottes.“ Gleich beides? Und dann: die AUGEN!

Alle Blicke treffen das Jesuskind. Trotz seiner Nacktheit und des nur zarten Strahlenkranzes [Ich sehe ihn ausschließlich bei Maria!] herrscht es über die mit Tuch und Pelzmützen, also mit den Zeichen von Macht und Reichtum ausgestatteten Männer. Der Blick des Kindes richtet sich auf uns, die Betrachter.

Stimmt das denn? Es schaut neben mich, weiter unten, ich könnte auch behaupten: weiter vorn, auf  das glänzende Goldgefäß. Und schaut etwa Josef auf das Jesuskind? Nein, er schaut nach rechts, an dem dunkelhäutigen König vorbei, als nahe aus dem Hintergrund eine vierter König, dem er das Gefäß zeigen möchte, auf das seine linke Hand weist. Und auf ihn, nicht auf das Jesuskind, schauen auch die anderen zwei Könige.  Ich verstehe: Offenbar gehöre ich nicht zu den Menschen guten Willens, den wahrhaft gläubigen Bildbetrachtern. Aber ich kann nicht davon ablassen, es zu betrachten. Ich lade mir die Wikipedia-Wiedergabe hier in den Beitrag (bitte zum Vergrößern anklicken):

Hugo_van_der_Goes_-_The_Adoration_of_the_Kings_(Monforte_Altar)_-_Google_Art_Project Hugo van der Goes (um 1470)

Wohnt hier vielleicht die Seele? Ich liebe die kleinen Darstellungen des Lebens im Hintergrund, auch die Schwertlilie und die Akelei. Und vieles andere. Oder wohnt sie eher auf dem Titelbild der ZEIT, das mir kitschig erscheint (aber auch von einem alten Meister stammt). Ich soll ins ZEITMAGAZIN schauen. Wenn es von Sabine Rückert geschrieben ist, lese ich es sehr gern:

Die Seele ist der letzte unverwechselbare und unverfügbare Kern eines Menschen. Die Wissenschaft versucht die Seele als biochemischen Vorgang im Gehirn und Körper (weg-) zu definieren. Google und Facebook bemühen sich, die Seele des Einzelnen durch Dauerbeobachtung all seiner Regungen zu durchschauen und zu erfassen. Damit wird aber nicht klar, was die Seele ist. Jeder Mensch trägt von seinem innersten Wesen nur einen Bruchteil nach außen. Wir zeigen unsere Individualität, unsere Unteilbarkeit, besonders dort, wo wie sie (mit)teilen: in der Liebe. In ihr äußert sich die Seele. In Beziehungen, lebendigen, guten, starken, ehrlichen Beziehungen, wird die Seele erkennbar. Anderen helfen, anderen etwas bringen, nicht nur für sich selbst da sein, das ist nach christlicher Vorstellung der Sinn des Lebens und gut für die Seele. Denn sie ist etwas, das von sich selbst weiter aufs Ganze verweist und das ein Zeichen der Dankbarkeit ist für den geschenkten Lebenshauch.

Und wo wohnt die Seele? An vielen Orten. „Es waren die Augen“, beschreibt der Schriftsteller Jack London einen Mann, „die die Seele unter tausend Verhüllungen verbargen und die sich mitunter, bei seltenen Gelegenheiten, öffneten und ihr erlaubten, hervorzustürzen, als wolle sie sich nackt und bloß auf ein wundervolles Abenteuer in die Welt begeben.“

Quelle: ZEIT MAGAZIN 20. Dezember 2017 Was ist die Seele? / Seite 20 „Vom Wesen der Seele“ (Sabine Rückert)

Das ist wunderschön gesagt, aber dann wird es weiter und weiter gefasst: im Gesicht, wie du lachst, wie du redest oder schaust, wie jemand geht oder die Brille hochschiebt. Vergangenheit, Kindheit, Eltern usw. usw.

Dann glaube ich am Ende doch lieber gar nichts mehr, und kehre glücklich zur Philosophie zurück, bzw. glaube lieber mit Immanuel Kant, dass wir über die Seele keine sichere Erkenntnis gewinnen können, weil wir aus der Tatsache, dass wir denken, nicht auf ein „denkendes Ding“ schließen können, also auf eine eigenständige Substanz.

Der traditionelle Seelenbegriff verlor seine Bedeutung, und an seine Stelle traten schließlich Bewusstsein und Selbst. Zugleich hat die moderne Philosophie den Dualismus von Descartes [Körper und Seele] grundlegend erschüttert. Nur noch wenige Denker glauben heute, dass Geist und Körper wesensverschiedene Substanzen sind, die unabhängig voneinander existieren können. Damit ist aber der Vorstellung einer immateriellen Seele der Boden entzogen. Die moderne Neurobiologie schließlich hat unsere Seelenvorstellungen ein weiteres Mal grundlegend verändert. Aus ihrer Sicht brauchen wir die Vorstellung einer immateriellen Seele schlicht nicht, um geistige und psychische Vorgänge zu erklären. Wir sind demnach nichts anderes als unser Gehirn.

Quelle Thomas Vašek: Philosophie! die 101 wichtigsten Fragen / Theiss/ Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2017 / Artikel SEELE Seite 53

Der Körper ist das beste Bild der Seele.

Ludwig Wittgenstein / Philosophische Untersuchungen, 1953

Spirituelle Bedenken?

Musik und Weltanschauung

Vor ein paar Tagen hat mich aufs Neue karnatische Musik aus Südindien bezaubert. Und es war für mich immer selbstverständlich, dass die berühmtesten „klassischen“ Werke dieser Kunst auf drei Dichter-Komponisten zurückgehen, die auch als „Heilige“ bezeichnet werden. Was nicht bedeutet, dass ich sie als solche verehre. Wenn ihre heute noch lebendige Musik mich nicht faszinierte, würde ich die überlieferten Texte und Gebete kaum beachten. Wissen Sie, wovon die Rede ist? Einen ersten Eindruck gibt der Wikipedia-Artikel hier , eine ausführliche Darstellung findet man hier.

Selbstverständlich respektiere ich die Bedeutung des weltanschaulichen Hintergrundes der indischen Musik; für mein eigenes Leben würde ich ihm aber keine besondere Stellung einräumen. Die Musik selbst ist es, die mich interessiert, alles andere bedürfte einer sorgfältigen Prüfung, die eher philosophischer Natur wäre. Wer von mir zu allererst Hingabe verlangt, Unterwerfung oder auch nur GLAUBEN, hat keine Chance auf Beachtung. Das schließt aber – wie gesagt – nicht aus, dass die Musik, die dabei zu hören ist, mich fesselt. Die Leidenschaft eines Sängers wie Nusrat Fateh Ali Khan hat tiefen Eindruck auf mich gemacht, ohne dass je ich den Wunsch gehabt hätte, in seine Refrains einzustimmen. Die Suggestion der Wiederholung stört mich, das missionarisch Betäubende.

Trotzdem interessiert mich die Wirkung, die von den Musikern persönlich und ihrer Selbst-Inszenierung ausgeht. Sie mag beabsichtigt sein, Teil der Aufführung – oder nicht.

Wenn ich Johann Sebastian Bach in einer Kirche höre, ergreift mich auch dieser Zusammenhang, aber ich leide nicht als reuiger Sünder und fürchte mich nicht vor der Hölle, wenn der Text davon spricht. Es wundert mich nur, warum der so ferne Bach mir so nahe kommt. Es hat auch nicht mit dem System da draußen zu tun. Trotzdem will ich alles wissen, was ihn bewegte, was er gelesen hat und was er erlebte.

Und wenn ich nun ein wunderbares, großes Konzert mit karnatischer Musik höre, studiere ich natürlich auch die Rahmenbedingungen, unter denen es stattfindet, soweit ich sie erkennen und beurteilen kann. Ich habe selbst viele Stunden verbracht im Festzelt, nahe beim Tempel von Tiruvayaru, wo er gewirkt hat.

Das war kein so glänzender Ort wie der, wo das folgende Konzert stattgefunden hat.

Klicken Sie auf das Bild – oder falls es ein externes Fenster sein soll – Hier.

Das Konzert beginnt nach dem Einschalten des Bordunklanges und dem Einstimmen der Instrumente etwa bei 4:00. Man hat vorher die Künstler ihren Platz einnehmen sehen, sie wurden von einem offiziellen Redner vorgestellt, man hatte das hinter ihnen und seitlich von ihnen versammelte Publikum gesehen und zuletzt unverwandt in Richtung einer Art Altarwand geschaut, auf die hin auch das Podium gerichtet ist. Die Künstler schauen auch in diese Richtung, ebenso das gesamte Publikum in ihrem Rücken. Ich werde mich auch noch der ausschließlichen Betrachtung dieses Publikums widmen, unter den Jugendlichen zur Rechten erkenne ich ausschließlich weißgewandete junge  Männer. Im Zentrum der Altarwand sieht man eine mächtige Gestalt im orangefarbenen Kleid thronen, die rechte Hand zum Gruß oder Segen erhoben. Die Haarpracht würde ich in einer anderen Umgebung als Afrolook kennzeichnen, hier könnte ich nicht einmal entscheiden, ob es ein  Herr oder eine Dame ist, ob er oder sie lebt oder nur überlebensgroß  von einem Bildhauer geschaffen ist. Zu meiner großen Überraschung sieht man im letzten Abschnitt des Videos bei einem Kameraschwenk (59:29) plötzlich die gleiche oder eine ähnliche Person auf einem breiten Sofa sitzen, das an blumengeschmückten Seilen hängt und vor- und zurückschwingt. Und diese Person lebt, jedenfalls hebt sie die rechte Hand, zeigt einzelne Finger, drei Finger, vier Finger, später noch einmal die gespreizten Finger. Vielleicht heilige Zeichen an die Menschen im Saal.

Wo befinden wir uns? Unter dem Youtube-Video ist es näher bezeichnet: Classical Instrumental Music Programme on Guru Poornima – 2017 at Prashanthi Nilayam, Puttaparthi. Und der Mann, der es eingestellt hat, könnte derselbe sein, der anfangs die Einführungsrede gehalten hat: Saikrishna Ravikanti. Wenn man seinen Namen bei google eingibt, findet man viele Videos dieser Art, und überall schaut auch das mächtige Haupt des orangegewandeten Herrn hervor.

Ich konzentriere mich zunächst auf Guru Poornima und erfahre auf einer Yoga-Webseite, dass es sich um einen spirituellen Feiertag handelt. Prashanti Nilayam führt zu einem bestimmten Ashram; der Wikipedia-Artikel besagt, dass es der Ashram eines berühmten Gurus ist, vielleicht vergleichbar mit Bhagwan oder Mahesh Mahesh Maharishi Yogi, die im Westen vor vielen Jahren allzu bekannt geworden sind: Sathya Sai Baba. Man erfährt viel über ihn im Wikipedia-Artikel hier, man ahnt all das Unerfreuliche, das sich hinter einer solchen Organisation, solchen Machtstrukturen verbirgt. Zweifellos ist er derselbe, der in unserm Video 2017 als Bild oder als lebende Person (in der Schaukel) zu sehen ist, laut Wikipedia aber schon 2011 verstorben ist. Vielleicht wurde bei 59:29 im Video oder im Konzert selbst ein Film eingespielt, das ihn zu Lebzeiten am selben Ort zeigt?

Das folgende Beispiel zeigt eine ganz andere Form karnatischer Musik und karnatischer Violine vom 4. Sept. 2017, aber wiederum unter derselben Schirmherrschaft, abrufbar HIER.

Guru in Prasanthi Nilayam Ansicht

Dieser Blog-Beitrag dient nicht der weltanschaulichen Werbung, sondern der Aufklärung. Die Ausdrucksformen der indischen Frömmigkeit unterscheiden sich nicht prinzipiell von solchen, die man an den betriebsamen christlichen Wallfahrtsorten etwa in Lourdes, Fatima oder Altötting erlebt. Aber sobald ich eine Musik höre wie die zu Beginn des Artikels, so versinken alle Bedenken. Die Grundbedingung wurde erfüllt: es war möglich, alle störenden Momente wirklich auszuschalten. Die Dummheit, die überall lauert, darf ein kluges Ereignis nicht überlagern. Was auch immer vom Hintergrund zu halten ist: Eine so schöne Aufnahme karnatischer Musik in dieser Länge und Klarheit wird man so leicht nicht wieder finden.

Aus der Frühzeit des Christlichen Abendlandes

Woher stammen die berühmten „Werte“?
(Eine Antwort in Zitaten, ergänzt durch Bilder aus dem Süden, der das Licht für uns erfunden hat.)

JR Ausblick 5

Seit meiner Schulzeit (altsprachlich, mit Cäsar, Vergil, Catull, Homer, Thukydides, Sokrates alias Plato, Aristoteles) habe ich – ohne darüber nachzudenken -, unsere Geschichte beim Kampf um Troja beginnen lassen, vielleicht ergänzt durch Eindrücke aus dem Alten Testament. Wieso hat man mir nicht das Einfachste beigebracht? Meine geliebten „Deutschen Heldensagen“ enthielten wohl mehr reale Vorgeschichte als ich je geglaubt hätte. Die edlen Recken – das Zeitalter von Mord und Totschlag. Eins der wichtigsten Bücher, das ich jetzt mit ständig wachsendem Eifer lese, besitze ich seit Juli 2005, angeschafft im Zuge meiner Gotik-Begeisterung auf Anraten von Freund BS, angelesen und versehentlich in den Wartestand versetzt, nach 12 Jahren wiederentdeckt, aus unerfindlichen Gründen mit einem neuen Bewusstsein. Nicht dank eines bestimmten Kapitels, sondern dank des gewaltigen, „sprachmächtigen“ Zugriffs eines großen Geistes. Plötzlich öffnet sich ein Riesen-Portal, und immer aufs neue, in jedem Kapitel, immer wieder dieser weite Ausblick in die gesamte Geschichte, die uns bis heute angeht. DAS BIST DU, DAS SIND WIR ALLE. Mit unsern zweifelhaften, christlich-abendländischen Wurzeln, die uns jetzt helfen sollen, die Gefahr aus dem Orient zu bannen, – statt endlich den Rest der Geschichte zu lernen. Es beginnt um das Jahr 1000, alles andere ist Rekonstruktion, Aufarbeitung, Verdrehung und Ausbau der vorherigen Jahrtausende, die ohne uns stattgefunden haben. Wobei im Mittelpunkt nicht die Frage steht, was wir glauben sollen, sondern wie wir denken gelernt haben und wie es weitergehen kann.

JR Ausblick 9

Ich zitiere also (und hebe nach Gutdünken einiges in roter Farbe hervor):

In den Augen Gottes – in den Augen seiner Diener, der Prälaten des 9. Jahrhunderts – bilden die Menschen nur ein einziges Volk. Gewiß, sie unterscheiden sich nach Rasse, Stand, Geschlecht, Herkunft und Funktion. Doch „sie verlangen alle nach einem einzigen Königreich„, wie Erbischof Agobard von Lyon zur Kaiserzeit Ludwigs des Frommen schrieb. Im Gefolge des Königs, der die hohenpriesterlichen und militärischen Funktionen in sich vereint, der die weltliche Macht in Händen hält und die gesamte Verantwortung gegenüber den übernatürlichen Kräften trägt, verfolgt die menschliche Gesellschaft vereint ihre Prozession, dem Lichte entgegen. In Wirklichkeit war sie zerteilt. Dichte Scheidewände trennten die Kleriker von den Mönchen, die Laien von den Männern der Kirche und, innerhalb dieser Welt der Sklavenhaltung, vor allem die freien Menschen von denen, die wie Tiere gehalten wurden. Dennoch hatte sich die kleine Elite der Kirchenfürsten, die einzigen zur Abstraktion fähigen Menschen, deren alleinige Meinung in Texten festgehalten wurde, das Gottesvolk während des ganzen Mittelalters als homogene Schar vorgestellt; und dieses vorherrschende, auf die Institution der Monarchie gestützte Einheitsgefühl hing mit einem zweiten Oberbegriff zusammen, dem der Stabilität des gesellschaftlichen Gebäudes. Ein lateinisches Wort, ordo, drückt die Unveränderlichkeit jener Gruppen aus, denen die Individuen sich zuordneten, um ein jeder nach seinen Verhältnissen der Wiederauerstehung und dem Heil entgegenzugehen. Ordnung, Rangfolge: bei der Schöpfung hat Gott jedem Menschen seinen Platz zugewiesen, ihm eine Stellung gegeben, die ihm gewisse Rechte verleiht und ihm eine bestimmte Aufgabe beim fortschreitenden Aufbau des Reiches Gottes zuweist. Niemand sollte diesen seinen Zustand verlassen. Jede Störung wäre Frevel. Und am Tage der Salbung erteilte der König jedem einzelnen gesellschaftlichen Organ die formelle Garantie seiner Gewohnheitsrechte. Das noch sehr primitive Universum des 9. Jahrhunderts konnte in der Tat unbeweglich erscheinen, erstarrt in den Zyklen des Landlebens, wo die Jahreszeiten sich in ihrer Gleichmäßigkeit ablösen, wo die Zeit einen Kreis beschreibt, der analog zu der Sternenbewegung des Himmels verläuft. Niemand in dieser Welt konnte auch nur die Hoffnung nähren, sich genügend zu bereichern, um seinen Rang zu verlassen und die Sprossen der zeitlichen Hierarchie emporzuklettern. Alle Reichen waren Erben, deren Wohlstand und Ruhm aus der Tiefe der Zeiten kamen, weitergegeben von Generation zu Generation, seit Menschenaltern von den entferntesten Ahnen. Und alle Armen plagten sich auf demselben Boden, den schon die Vorfahren mit ihrem Schweiß befruchtet hatten. Jede Veränderung erschien als Mißgeschick, nahm den Verlauf eines Skandals. Als Herr der Unveränderlichkeit thronte Gott – genau wie die Könige, genau wie der Kaiser – am Nabel der Welt.

In Wirklichkeit veränderte sich die Welt, allerdings auf unmerkliche Art und Weise und nach einem Rhythmus, der sich nur sehr langsam beschleunigte. Kurz vor dem Jahr tausend kamen ganz allmählich neue Sozialstrukturen zum Vorschein, und zwar zunächst in den entwickeltsten Provinzen des Abendlandes, das heißt, im Königreich Frankreich. Die Modernität des 11. Jahrhunderts liegt tatsächlich in dieser tiefgreifenden Umwälzung, die sich schließlich auf alle Aspekte der Zivilisation auswirkte, insbesondere auf die Verteilung von Macht und Reichtum sowie auf die Vorstellungen, die man sich von der Beziehung des Menschen zu Gott machte und folglich auf die Mechanismen der künstlerischen Schöpfung. Ohne Bezugnahme auf diese Veränderungen, das heißt auf die Einrichtung des von uns so genannten Feudalwesens, sind weder das Aufkommen der romanischen Kunst noch ihre spezifischen Züge zu verstehen.

Dies ist so sachlich und so hervorragend prägnant erzählt, dass man gebannt auf das schaut, was da im Schoße der Menschheit heranwächst. Und die zunächst überraschenderweise ins Blickfeld gerückte romanische KUNST wird zum fabelhaftesten Gegenstand der Menschen-Erforschung.

JR Ausblick 4

Und wenn man bedenkt, zu welcher Deutungsdringlichkeit gerade die Frage der Geschwindigkeit im Verlauf der Geschichte des Abendlandes heranwächst, so folgt man beklommen schon den ersten Ansätzen und Motiven dieser Entwicklung. Der Autor fährt fort:

Die Triebfeder dieser Wandlung liegt nicht im Bereich der Wirtschaft, deren Wachstum außerordentlich langsam vonstatten ging und noch keinerlei Veränderung hervorbrachte. Sie liegt vielmehr in einem politischen Umstand: der wachsenden Ohnmacht der Könige. So gesehen kann die Einheit der Macht in den Händen der großen Karolinger als ein Wunder anmuten. Wie war es diesen Bandenoberhäuptern gelungen, den maßlos weitläufigen, dichten, undurchdringlichen Staat, den das Reich des Jahres 800 darstellte, unter ihre effektive Herrschaft zu bringen? Wie hatten sie zugleich über Friesland und Friaul, über die Ufer der Elbe und Barcelona gebieten, wie hatten sie sich in all diesen Provinzen, wo es weder Straßen noch Städte gab, wo selbst das Pferd eine Seltenheit war und die Königskuriere zu Fuß gingen, Gehorsam verschaffen können? Ihre Autorität hatte sich auf den permanenten Krieg gestützt, auf die pausenlos wirkende Antriebskraft der Eroberungen. (Seite 58ff)

Wer möchte hier aufhören weiterzulesen? Ich nur unter der Bedingung, an eine andere Stelle springen zu dürfen, an welche auch immer, es wird ebenso spannend weitergehen. Ich lande 140 Seiten weiter, das macht ungefähr 200 Jahre, und zwar allein aus dem Grund, weil ich mir dort etwas über die Lichterscheinung des rationalen Denkens unter Abaelard angestrichen habe.

Das Instrument des rationalen Denkens vervollkommnete sich schnell; das Abendland übernahm immer mehr intellektuelle Methoden, die es aus Kulturbereichen jenseits der Grenzen der römischen Christenheit schöpfte, aus Kulturen, die sich als sehr viel reicher erwiesen, als die römische Christenheit es je gewesen war: es schöpfte aus dem Wissen der muselmanischen Welt und durch deren Vermittlung auch aus dem Wissen des antiken Griechenland. Als Siegerin über den Islam begann die Christenheit, dessen Reichtümer zu plündern. Im wiedereroberten Toledo hatten Gruppen lateinischer und jüdischer Gelehrter unverzüglich mit der Übersetzung arabischer Bücher und der darin enthaltenen Versionen griechischer Texte begonnen. Die Armeen, die die Heiden Schritt für Schritt zurückdrängten, bestanden vorwiegend aus französischen Rittern. So waren es denn auch französische Priester, die sich als erste um die intellektuelle Ausbeute bemühten. Und es waren die Schulen von Frankreich, zuerst die von Chartres, dann die von Paris, denen die Arbeit der in Spanien tätigen Übersetzer zugute kam: ihre Bibliotheken erweiterten sich um neue Bücher und bald auch um die logischen Abhandlungen des Aristoteles. Letztere stellten den Lehrern ein dialektisches Rüstzeug zur Verfügung, von dem die abendländischen Mönche bis dahin nur über Boëthius eine verzerrte, verarmte, lächerliche Wiedergabe zu Gesicht bekommen hatten. Nach 1150 erklärte Johannes von Salisbury, der in Paris studiert hatte, Aristoteles zu dem Philosophen schlechthin und die Dialektik zur Königin des trivium. Auf sie stützen sich die Fortschritte des Geistes, der mit Hilfe der ratio alle Sinneswahrnehmungen überflügelt und einsichtig macht, und der mit Hilfe des intellectus die Dinge auf ihren göttlichen Ursprung zurückführt, die Ordnung der Schöpfung erfaßt, um endlich zum wahren Wissen, der sapientia vorzudringen. (Seite 200f)

JR Ausblick 8

Die Fotos (E.Reichow) haben nur indirekt mit dem Buch zu tun, das ich lese, – um so mehr mit der liebenswerten Region, in der ich es lese und die nur scheinbar von Menschen verlassen ist. Am äußersten Rand Europas. Von hier aus wurde der Seeweg nach Indien entworfen und 1498 erschlossen.

JR Ausblick 11

(Fortsetzung Seite 287)

Auch ein anderer Traum brach zusammen, der Traum von der bevorstehenden Eroberung des endlich ganz im Glauben an Christus vereinten Universums. Dieser Traum hatte Europa seit seinen ersten Erfolgen gegen desn Islam stets geschmeichelt: nun wacht es erstaunt daraus auf. Aus dieser Desillusionierung entsprang möglicherweise die vergänglichste aller Störungen, jene Bestürzung, die die heitere Ordnung, in deren Rahmen die Kathedralen das Bild der Schöpfung ansiedelten, lächerlich erscheinen ließ. Jerusalem, auf das sich die ganze Hoffnung des Abendlandes gerichtet hatte, entzog sich den Streitern Christi. Ohne den geringsten Erfolg hatten die Kreuzfahrer von 1190 versucht, das Heilige Grab zurückzuerobern. Während der langen Belagerung von Akkon hatten sie sich daran gewöhnt, daß man auch unter den Sarazenen ehrwürdigen Helden begegnen konnte. Dann waren sie jämmerlich, krank und mit leeren Händen abgezogen – um bald wieder aufzubrechen; dieses Mal allerdings mit dem Ziel, christliche Provinzen wie etwa das Narbonnais oder aber unter der Führung italienischer Kaufleute Byzanz zu plündern. Sogar der heilige Ludwig wurde von ihnen gefangengenommen. Er mußte Lösegeld bezahlen. Er konnte seine Pilgerfahrt zum Grab Christi nicht beenden. Im Jahre 1261 vertrieben die Schismatiker die Franken aus Konstantinopel. (…) Die Hoffnung, eines Tages alle Nationen der Welt am Heiligen Grab zu versammeln, war gestorben. Die Heere des Abendlandes kamen nicht mehr vorwärts. Überlegene Kräfte brachten sie zum Stillstand, drängten sie inzwischen sogar zurück und vertrieben ihre Vorposten.Europa selbst war in Gefahr. Ganz Asien, dessen ungeheure Ausmaße es allmählich erkannte, drohte ihm mit seinem vollen Gewicht. Europa spürte erneut die Antriebskraft, die aus diesem Teil der Welt hervorbrach, ähnlich wie die, die einst den Sieg über das römische Imperium davongetragen hatte. Aus der Weite der Steppen sah es mongolische Horden heraufziehen. In den Jahren 1241 und 1243 hatte die Christenheit schon in Polen und Ungarn gegen diese Angreifer mit den fremden Gesichtern kämpfen müssen. In ihrem Schrecken hatte sie geglaubt, in ihnen die Völker von Gog und Magog zu erkennen, die Reiter der Apokalypse, die Vorläufer der Endzeit.

Damals wurden sich die Männer der Kirche also bewußt, daß der christianisierte Bereich nur einen, und zwar einen kleinen Teil der Welt darstellt, daß es nicht mehr möglich war, an einen baldigen Sieg der Christenheit zu glauben, der die ganze Welt in einen kontinuierlichen Aufstieg zusammenzufassen vermöchte. Diese Männer, denen die Erschließung neuen Wissens und der kulturelle Aufschwung die Augen geöffnet hatten, mußten den offenkundigen Tatsachen ins Gesicht sehen: die Schöpfung war unendlich weitläufiger, als sie ihren Vätern erschienen war, unendlich vielfältiger und längst nicht so gefügig, wie man geglaubt hatte. Sie war voller Menschen, die das Wort Gottes noch gar nicht empfangen hatten, die sich weigerten, es zu hören und sich mit Waffen nicht so leicht besiegen ließen. Damit ist die Zeit des heiligen Krieges für Europa vorbei. Es beginnt die Zeit der Entdecker, der Händler und der Missionare. Warum sollte man sich in der Tat darauf versteifen, gegen all diese Ungläubigen, diese fähigen Kämpfer in den Krieg zu ziehen? Besser, man verhandelt und versucht über Geschäfte und friedliche Predigt in diese unbesiegbaren Königreiche einzudringen. Im Jahre 1271 macht sich Marco Polo auf die große Reise der Seidenstraße, deren Verlauf er aus den Berichten seiner Landsmänner, der venezianischen Kaufleute, und den Erzählungen der Bettelbrüder kennt. Der alten Dynamik der Ritter von Frankreich folgt nun die neue Dynamik der italienischen Händler. Darüber hinaus läßt die Lektüre des Evangeliums Tag für Tag deutlicher werden, wie barbarisch und im großen und ganzen unvereinbar mit der Lehre Christi es doch ist, die Ungläubigen einfach auszurotten oder sie gar, wie zu Zeiten Karls des Großen, gewaltsam mit dem Schwert zur Taufe zu zwingen. Man muß mit ihnen sprechen, ein Beispiel des lebendigen Jesus geben. (Seite287f)

Quelle der Zitate: Georges Duby: Die Zeit der Kathedralen / Kunst und Gesellschaft 980-1420 / Übersetzt von Grete Osterwald / Suhrkamp Frankfurt am Main 1980 / 1992

JR Ausblick 10

Falsche Welt: Bach trau ich nicht!

Diskussionsstoff oder Skandalfall?

(Zitate aus dem obigen Trailer)

PK „Diese Beschäftigung mit Bach als Regisseur ist seit einigen Jahren mein liebstes Kind.“

PK „Es ist doch etwas ganz anderes, zu diesen Kantaten etwas hinzuzuerfinden, was die Kantate wieder lebendiger macht, als wenn man sie nur so musikalisch absingt.“ (Kantate 52 )

Falsche Welt, dir trau ich nicht!
Hier muss ich unter Skorpionen
Und unter falschen Schlangen wohnen.

 Gott mit mir, und ich mit Gott,
Also kann ich selber Spott
Mit den falschen Zungen treiben.

Gott ist getreu!
Er wird, er kann mich nicht verlassen;
(Will mich die Welt und ihre Raserei
In ihre Schlingen fassen,
So steht mir seine Hilfe bei.
Auf seine Freundschaft will ich bauen
Und meine Seele, Geist und Sinn
Und alles, was ich bin,
Ihm anvertrauen.)

Die folgende Szene (ohne Musik), in der die Sängerin eine andere Frau zum Stuhl führt, auf den diese niedersinkt, während die Sängerin sich mit ihrer Hand beschäftigt, vielleicht besonders mit dem Ring an ihrem Finger (?) / Schnitt / dann bricht die Frau in Tränen aus, die Sängerin versucht ihr Trost zu spenden (?). Das Cembalo beginnt mit der Arie „Wie freudig ist mein Herz“.

PK „Das ist sehr gut, dass da so ne Weinwelle kommt… Und ihr seid wunderbar, das ist so…(er schüttelt die gefalteten Hände) es ist so menschlich, wie ihr das … so zusammen macht. (sie lächeln glücklich). Die gleiche Stelle. Und wir gehen weiter. (Kantate 199 Nr. 6 )

Wie freudig ist mein Herz,
Da Gott versöhnet ist
Und mir auf Reu und Leid
Nicht mehr die Seligkeit
Noch auch sein Herz verschließt.

PK „Das Thema …ist: was passiert mit uns nach unserm Abgang…“

PK „Da sind wir gestoßen auf Kantate 52, 199 und 26. Das ergibt sozusagen einen Bogen unserer Existenz. Und da gibt es natürlich eine harsche Mischung von Ernst und Spaß … oder besser gesagt von Tragik und Komik.“

(JR) Ja, und ich lasse mit Absicht offen, was ich davon halte.

Ein Freund, auch Freund und Kenner klassischer Musik, dessen Meinung ich schätze, schrieb mir:

Verrückter Fund übrigens, „Falsche Welt, dir trau ich nicht!“ Ich habe das
Video nach anderthalb Minuten anhalten müssen, weil mir regelrecht
schlecht wurde. Aber so ist es eben in unseren Zeiten: Musik hat nichts zu
bedeuten, wenn sie nur „einfach runtergesungen“ wird, da muß ein
bescheuerter Regisseur die Sängerin, die von Bach (wie sie selbst zugibt)
und mithin auch sonst wenig Ahnung hat, mit Zahnbürste durchs Badezimmer
hoppeln lassen, damit Bach Bedeutung erhält. Mon dieu! Laß Hirn regnen -
aber bitte nicht wieder nur daneben…

An anderer Stelle las ich folgendes (die Quelle folgt unten):

Eine Kernfrage politischer Musik, ob einfaches Lied oder große Oper, lautet: Inwieweit ist ihr Politisches Substanz, gehört damit unabdingbar zum Wesen der Komposition, oder doch nur Akzidens? Unter welchen zum Teil paradoxen Bedingungen sich das entscheidet, zeigen paradigmatisch die beiden folgenden Fälle. Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben heißt eine Kirchenkantate von Johann Sebastian Bach aus 1726 (BWV 102). Ihr Text, der zum Teil auf Bibelstellen beruht, ruft die Seele zur Buße auf:

»HERR, deine Augen sehen nach dem Glauben / DU schlägst sie [die Menschen], aber sie fühlen es nicht / DU plagest sie, aber sie bessern sich nicht / Sie haben ein härter Angesicht denn ein Fels und wollen sich nicht bekehren.«

Peter Konwitschny hat diese jahrhundertelang unschuldig aufgeführte geistliche Kantate am Theater Chur gegen den gewohnten Strich gebürstet und ins Heute transferiert. Allerdings, ohne auch nur eine Note oder auch nur einen Buchstaben zu verändern! Einzig einen stummen Schauspieler, an dem der Glaube durch Folter ausgelebt wird, hat er hinzugefügt. Dabei ist ihm das eindrucksvolle Kunststück gelungen, die Nähe von Gnade und Folter im christlichen Fundamentalismus zu zeigen, indem er die Gesamtanlage des geistlichenWerks als »Inquisitionsveranstaltung« gelesen hat, in der die Aussichtslosigkeit, den Menschen zu ändern, mit der Verzweiflung, dass eine solche Änderung nicht möglich ist, korrespondiert. Die Solisten sprechen mit ihren vom musikalischen Gestus her aggressiven Arien auf die Gläubigen ein, als ob es sich um ein Lehrstück handle. Und auch der Herr wird musikalisch äußerst aggressiv angesprochen, wie es später Janáček in seiner Glagolitischen Messe (1926) getan hat, um den Menschen zu zeigen, wie man mit Gott zu sprechen hat.

Quelle  Bernhard Kraller: Idealtypen politischer Musik oder: Was verbindet Andreas Gabalier mit Arnold Schönberg? / MUSIK HAMMER – Die Zeitung der Alten Schmiede Nr.73, 02.15 (pdf hier)

Zum obigen Zitat:

Dass „diese jahrhundertelang unschuldig aufgeführte geistliche Kantate am Theater Chur gegen den gewohnten Strich gebürstet und ins Heute transferiert“ worden sei, kann man nicht sagen, es sei denn, es genügt, die Musik zu ignorieren und den Text so umzudeuten, dass er etwas Zeitgemäßes sagt (etwa: Glaube und Folter gehören zusammen). Uns könnte aber interessieren, was denn die MUSIK aus dem Text macht (samt ihren „vom musikalischen Gestus her aggressiven Arien“). Vielleicht ist sie so bedeutend, dass wir uns ihr zuliebe sogar mit dem Bachschen Pietismus beschäftigen, ohne ihn als Glaubensmöglichkeit für uns in Erwägung zu ziehen, – ebensowenig wie das damalige absolutistische System.

Nebenbei: eine „jahrhundertelang unschuldig aufgeführte geistliche Kantate“ von Bach gibt es gar nicht! (Die Matthäus-Passion war ein Sonderfall.) Sie waren allesamt im Orkus verschwunden, und erst die Alte-Musik-Renaissance unserer Zeit hat sie wieder zum Leben erweckt, ja, „ins Heute transferiert“. (Siehe unten das Zitat J. E. Gardiner!)

Eigentlich bin ich etwas erschüttert, wie unbedarft es wirkt, wenn PK sich über Bach und die eigenen Inszenierungsideen äußert. Hat er denn weiter gar nichts gelesen, nur in den Kantatentexten geblättert, um etwas Brauchbares zu finden? Ohnehin scheint mir, dass die Avantgarde (?) nicht zur Kenntnis nimmt, die Authentischen (?) an Einsichten zutage gebracht haben.

Zur weiteren Einordnung der Bach-Projekte von Peter Konwitschny siehe hier. (KlassikInfo.de „Der Krampf mit dem Hosenstall“ 12. Juni 2011 von Eva Blaskewitz). Zwei Zitate:

Bach-Vergewaltigung und Blick in ein seelisches Labyrinth: Der dritte Teil des Bach-Projektes von Peter Konwitschny an der Leipziger Oper verknüpft die Kantate „Selig ist der Mann“ mit einem musikalisch-szenischen Porträt Alma Mahlers (…)

Dass für Konwitschny die Inszenierung der Bach-Kantaten eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit sein sollte, wie er kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung zu Protokoll gab, mag man nicht glauben; und dass er, der doch ein ausgewiesener Musikkenner ist, die Diskrepanz zwischen dem Reichtum der Kantate und dieser platten szenischen Interpretation nicht registrieren sollte, eigentlich auch nicht.

Zur weiteren Betrachtung der Bach-Inszenierungen Konwitschnys, folgt, von ihm selbst kommentiert, eine frühere Arbeit zu „O Ewigkeit, du Donnerwort“, kombiniert mit Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ (Musik: Manuel Durao).

ZITAT

Die lange, von Ende Mai bis Ende November andauernde Trinitatiszeit war im lutherischen Lektionar von einem hartnäckigen Schwerpunkt auf Sünde und Krankheit an Leib und Seele gekennzeichnet. „Die ganze Welt ist nur ein Hospital“, erklärt der Tenor an einer Stelle in Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe (BWV 25): Adams Sündenfall hat „jedermann beflecket / Und mit dem Sündenaussatz angestecket“. (Anm.) Detailliert und ohne Rücksichtauf zartbesaitete Gemüter werden im Text dieser Kantate „Krankheit“, „hitziges Fieber“, „Sündenaussatz“ und der „häßliche Gestank“ der Sünde geschildert. Zwar gipfelt die Textvorlage des unbekannten Dichters in einem leidenschaftlichen Appell an Christus als „Arzt und Helfer aller Kranken“, sich gnädig zu erweisen und uns zu heilen, doch es ist Bachs Musik, die diese Kantate zu einer wahren spirituellen Reise macht. Als Zuhörer spüren wir das, aber es ist schwer zu sagen, wie Bach unsere Wahrnehmung dessen, was die Worte aussagen, verändert. Nehmen wir zum Beispiel den Eingangschor, mit seiner düsteren Beschreibung einer durch und durch sündigen Welt: „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe vor deinem Dräuen und ist kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde“ (Psalm 38,3). Nachdem er die Botschaft des Textes mit allen verfügbaren Mitteln bekräftigt hat (zweistimmige Kanons, Seufzermotive und instabile, abwärts modulierende Harmonien), könnte man denken, Bachs Arsenal an Ausdrucksmöglichkeiten sei erschöpft; aber weit gefehlt. In Takt 15 lässt er einen eigenständigen „Chor“ aus drei Blockflöten, einem Zink und drei Posaunen einsetzen, die Zeile für Zeile den bekannten „Passionschoral“ (Anm.) intonieren. Damit pflanzt Bach dem Satz einen persönlichen Kommentar ein, der nach und nach seine Magie entfaltet: die Idee der Hoffnung und Versöhnung. Er streckt seinen Zuhörern an dieser Stelle die Hand hin, und seine Musik ist wie eine seelische Bluttransfusion – bei der die entscheidende Rolle für den Heilungsprozess nicht den Worten zukommt, sondern der Musik.

Immer wieder fällt an diesen frühen Leipziger Werken auf, wie Bachs Kantaten dort am überzeugendsten sind, wo sie den Blick des Zuhörers dafür schärfen, vor welcher Wahl er im Leben steht. Sie stellen ihm ein Ideal vor Augen (den „Himmel“)und konzentrieren sich dann auf die reale Welt und die Frage, wie man ihr im Hinblick auf Einstellung und Verhalten begegnen soll. Das erklärt, weshalb seine Kantaten ihre historischen und liturgischen Ketten offenbar sprengen und uns noch heute ansprechen. Bach drückt Gedanken und Gefühle aus, die wir auch schon gehabt haben, aber er tut es sehr viel offener und unverblümter, als wir es je vermöchten.

Quelle John Eliot Gardiner: BACH Musik für die Himmelsburg / Carl Hanser Verlag München 2016 (Zitat Seite 376f – die Anmerkungen habe ich weggelassen)

Der erwähnte Bläsereinsatz („Passionschoral“ O Haupt voll Blut und Wunden“ bzw. Wenn ich einmal soll scheiden) auf 0:55 ! Wenn Sie es identifiziert haben, bitte noch einmal von vorn, und jetzt nicht nur auf die Seufzer hören, sondern auf den Bass: es ist die erste Zeile des „Passionschorals“! Und nach dem Zitat in den Bläsern kommt er wieder im Bass! (Es ist die Wiederholung der ersten Zeile.) Und wie ist es später? Eine Fangfrage, – damit Sie lernen, auch auf den Bass zu hören, nicht nur auf die Oberstimmen… Er findet vorerst keinen Fried mehr, wenn es im Text heißt „…und ist kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde“.

Nachtrag

Alternativ-Aufnahme zu „Falsche Welt“ Hier (Sigiswald Kuijken)

Ein Fallrückzieher, der wie ein Gebet wirkt

„Ich kam als König und ging als Legende“ (Ein Vorbild)

Zuerst ein Märchen und dann? Ja, eine Heiligenlegende zweifellos. Wer bisher geglaubt hat, dass Fußball und Religion nur auf Schalke ineinandergreifen, und lächelt, wenn spanische (oder auch andere) Spieler sich beim Auflaufen bekreuzigen, der hat noch nicht Gunter Gebauers „Poetik des Fussballs“ gelesen. Darin wäre er auf das faszinierende Kapitel gestoßen: „Bewegte Gemeinden / Über das Heilige im Fußball“. (Seite 98 bis 116) Ich zitiere:

Wenn eine Gemeinschaft des Fußballs oder der Popkultur ihre Gesellschaftsvorstellung in den Rang eines religiösen Phänomens zu erheben vermag, dann ist dies ein untrügliches Indiz für ihre soziale Wirksamkeit, so dass ihre eigenen Mitglieder, von der Wirkung, die sie selbst mit hervorgebracht haben, beeindruckt, inbrünstig an sie glauben. Sie ist es, die als Quelle des religiösen Lebens wirkt und Zugang zum Heiligen verschafft.

Im Ernst, es lohnt sich, dort noch einmal nachzulesen (Seite 105)

Und doch war ich erstaunt (und, zugegeben, zunächst belustigt), als ich heute morgen die neue ZEIT durchblätterte, Christine Lemke-Matweys Ausführungen über die Lage der Musik in der aktuellen Weltsituation und eine Buchbesprechung zur sprachlichen Schönheit des Korans gelesen, da verhakte ich mich nolens volens in die folgenden Sätze (Achtung, der Ich-Erzähler wechselt):

Ich weiß nicht, wie oft ich mir dieses Tor schon angesehen habe, Zlatan. Es wirkt bei mir wie ein Gebet: Ich schau es an und schöpfe neue Hoffnung. Der Ball kommt aus Eurer Hälfte. Er fliegt. Du sprintest, Du siehst den Ball in der Luft. Der Ball fliegt und fliegt. Der Torwart stürmt aus dem Strafraum. Hat er Angst? Du stoppst. Der Torwart köpft den Ball weg, viel zu schwach, kleiner Bogen. Du drehst Dich, Rücken zum Tor, 25 Meter Entfernung. Du lässt Deinen Körper nach hinten kippen, Fallrückzieher. Du triffst den Ball, liegst quer in der Luft. Taekwondo: das linke Bein angewinkelt, das rechte gestreckt. Diesen Moment habe ich Dir zu verdanken, Zlatan Ibrahimović, dem schwedischen Fußballspieler mit kroatisch-bosnischen Wurzeln. (….)

Es gibt Menschen, die sagen, Du seist arrogant. Als Du Paris verließest für einen besseren Vertrag bei Manchester United, da hast Du gesagt: Ich kam als König und gehe als Legende. Zlatan, ehrlich: Wie lange hast Du nachgedacht für diesen Spruch? (…)

Was hast Du gedacht, als der Ball diesen Bogen machte? Als Du gesprintet bist, der Torwart köpfte? Was hast Du gedacht, als Du am Boden lagst? Als das Stadion leise wurde, für eine Schweigesekunde staunender Ungläubigkeit. Hast Du es geglaubt? Wenn ein solches Tor möglich ist, dann ist fast alles möglich. (…)

Und dieser Blog macht es möglich, alles nur Mögliche nachzuempfinden, sofern es uns gegeben ist. Sofern wenn wir nur religiös musikalisch genug sind. Wir springen im folgenden Film auf Time 4:34 – „Nachspielzeit. Und jetzt passen Sie auf!“

Quelle des Zitates: DIE ZEIT 5. Januar 2016 Seite 20 Wehrhaft und stolz Die Tore von Zlatan Ibrahimović sind wie Kunstwerke. Besonders für einen seiner Treffer gilt das. Als dieser Treffer fiel, hielten die Zuschauer ungläubig inne. Von Felix Dachsel.

Der Artikel gehört zu einer ZEIT-Serie mit dem Titel: Was ist heute noch ein Vorbild? Elf Geschichten von Menschen, die für andere zum Maßstab geworden sind. Schlagzeile, links und rechts Fotos von Brad Pitt über Helmut Schmidt bis Jesus Christus.