Kategorie-Archiv: Melodie

El cant dels ocells

Identität musikalisch und verbal (es weihnachtet bald)

Wikipedia über das katalanische Weihnachtslied hier

Ungefähre Notation (JR) der Casals-Version (1 Oktave höher und auf Grundton D):

Soweit wäre alles klar, das Tempo, das Sentiment und dass es dauert, einzelne Töne sind kaum berechenbar. Mit Recht. Aber angenommen, jemand singt oder pfeift unverhofft den Anfang dieser Melodie, würde man – je nach Herkunft oder aufgrund persönlicher Begegnungen – möglicherweise sofort sagen: Aha, das ist doch von Pablo Casals, nicht wahr? Vielleicht aber auch: Kenn ich! Die Moldau! Wunschkonzert. Jemand anders: Ach Värmeland! Ein schöner Urlaub war das… Und eine vierte Reaktion wäre möglich: Das habe ich doch bei einer Israel-Tournee gelernt. Heißt es nicht Hava Nagila? Das verwechselt man leicht. Hat es denn einen Auftakt!? Bloß nicht werten! Man verletzt patriotische Gefühle. Ein Plagiat? Aus einer aufsteigenden Tonleiter kann man kein Besitzrecht ableiten. Aber: von welchem Ton an ist die Melodie unverkennbar? Unverwechselbar?

So kann man im Schnellverfahren zum Musikethnologen werden. Manches klingt ganz einfach und bedarf doch einer Interpretation. Als Interpretation könnte man schon die Fortsetzung nach den 6 aufsteigenden Tönen des Melodieanfangs betrachten. Und wie arbeitet Casals an den Tönen dieser Fortsetzung? Man könnte meinen, er erfinde sie gerade. Das könnte beim Värmland-Lied nicht passieren.

Das Värmland-Lied

Diese Melodie schießt (schießt? besser: steigt) über den Ton A hinaus, um dann nach dem nächsten Takt doch auf diesem Ton zu verweilen. Nur eine Variante der Casals-Melodie? Aber dann… vorzeitiger Abgang zum Grundton … und weiter …? Nur nicht doktrinär werden!

Die Moldau (Smetana) orig. in E

Die Melodie ist in der ersten Zeile enger gefasst,- im Kern ein Aufstieg und ein Abstieg -, damit sie stufenweise weiter (als die anderen) entfaltet werden kann.

„haTikwa“ Israel Hymne (vgl. auch Wikipedia hier)

Die Melodie habe ich aus dem Reclam-Buch der Nationalhymnen (Stuttgart 2007). Was mich stört, ist die Variante der Zeile 4 in Zeile 5, zweiter Takt. Der Ton H (anstelle B) ist ohne inneren Sinn. Eine Nationalhymne dürfte keine Spielerei enthalten. Sie muss in jedem Ton verbindlich sein (mein Dogma). Es ist allerdings möglich, dass eine an dieser Stelle übliche Harmonisierung die alterierte Melodik dringlicher erscheinen lässt. (In der unten wiedergegebenen harmonisierten Chorfassung gibt es diese Variante nicht, ebensowenig in der Melodiefassung des Wikipedia-Artikels. Also wohl eher ein Druckfehler des Reclam-Buches.)

*    *    *

Wir alle gehen so ähnlich mit Worten um: nehmen wir das Wort Dogma, das man normalerweise nicht interpretieren muss. Es hat seine harte Bedeutung und unverwechselbare Farbe durch den Zusammenhang mit der katholischen Theologie bekommen. Daran ist nicht zu rütteln. Punkt. Und dann höre ich von einem Kammerorchester dieses Namens, „dogma chamber orchestra“, das durchaus nicht dogmatisch wirkt. Eine Interpretation wird fällig. Ist auch zu finden:

 usw.

So kam ich auf das Wort „Doktrin“, das man vielleicht auch nicht dogmatisch verwenden muss. Eine Melodie-Doktrin? Vielleicht bei Hugo Riemann. Aber ich will nicht päpstlicher sein als der Papst. In der Tat gibt es dafür einen markanten Satz, der gewiss nicht aus der katholischen Dogmatik stammt: „Doctrina est ingenii …“ Achtung, der Satz ist noch nicht fertig, dient aber sicher der Aufwertung des Wortes Doctrina. Ich vervollständige: „…naturale quoddam pabulum“. Wenn ich nur wüsste, was „pabulum“ heißt. Im Internet finde ich eine aufmunternde englische Übersetzung:

Doctrina est ingenii naturale quoddam pabulum.

Learning is a kind of natural food for the mind.

Ich bin perplex: ein Satz, den ich mir gerne ins Stammbuch schriebe. Nie hätte ich gedacht, dass mit „Doctrina“ auch der Vorgang des Lernens bezeichnet werden kann. Nun wollen Sie aber vielleicht wissen (von mir belehrt oder indoktriniert werden?), wie man in der heutigen Welt auf einen so beherzigenswerten Satz aus alter Zeit stößt, – ob er etwa heute noch eine sinnvolle Funktion ausübt. Aber ja doch, und nichts leichter als das (verzeihen Sie, dass diese Aufklärung mit Werbung verbunden ist):

So fällt er einem ins Auge (oben), und so (unten) beginnt man bei näherer Betrachtung etwas vom Rotwein zu lernen; mehr noch, wenn man geneigt ist, die Flasche zu öffnen.

Das Wort „Cicerone“ allerdings irritiert, – denn offenbar irrt der Schreiber. Kennt er seinen Cicero nicht, der einmal auf Sizilien Quästor war? Auch für den Winzer also möge des Lernens kein Ende sein…

Zurück zur Melodie und der Doktrin ihrer Unverwechselbarkeit!

Von wem stammt diese Hymne? Das Reclam-Buch der Nationalhymnen (Stuttgart 2007) sagt folgendes:

Wikipedia (siehe hier) sagt es differenzierter:

Die Melodie der haTikwa geht auf ein unbekanntes europäisches Volkslied zurück, das unter anderem in der spanischen und polnischen Volksmusik auftaucht und ins Liedgut vieler europäischer Länder (z. B. La MantovanaAck Värmeland, du sköna) übernommen wurde. Auch das Hauptthema der sinfonischen Dichtung Vltava („Die Moldau“) von Bedřich Smetana weist Ähnlichkeiten mit dieser Melodie auf. In die heute gebräuchliche Fassung wurde die Musik vermutlich 1888 von Samuel Cohen gebracht.

(Fortsetzung folgt)