Kategorie-Archiv: Irland

Memorandum zweier Filme zur Moderne

Oder: was ich aus ARTE memorieren will

Kalter Sandsturm

Ich liebe es, Heterogenes in Zusammenhang zu bringen oder einfach nebeneinander zu setzen. Das muss nicht mit langen Kommentaren verbunden sein, es geschieht im Kopf und spielt im täglichen Leben eine permanente Rolle. Man hört eine Musik, die durch Leichtigkeit bezaubert, oder auch durch feierliche Gedankenentwicklung, man genießt einen „sinnfreien“ Urlaub und liest zugleich eine Analyse der Pest und des Krieges, geschrieben vor 2450 Jahren und denkt dabei unwillkürlich an die gegenwärtigen Krisen, die ähnlich ins Leere laufen. Oder auch nicht. Man kann und soll sich nicht „adäquat“ verhalten (als ob das möglich wäre!), sondern (vielleicht) die eigenen Gedanken entwickeln oder schärfen. Der Kampf gegen eine irregeleitete Spiritualität in Indien ist uns so nah oder fern wie die fatale Rolle der Kirche in Irland, wenn man James Joyce glauben will – und ernsthaft seiner grandiosen Mystik einer neuen „Odyssee“ durch die Straßen Dublins folgt. Wenn dann von Nationalimus die Rede ist. Zugleich von der Moderne, entwickelt im fremdartig mondänen Milieu der Weltstadt Triest. Oder: in Indien ein mittelalterlicher, betrügerisch ausgenutzter Aberglauben – im Kontrast zur Idee des Rationalismus, angewandt in abgelegenen Dörfern ebenso wie in den Slums von Mumbai. Dieser Artikel entsteht also im Kopf und betrifft a) Indischen Rationalismus in der heutigen Lebenspraxis und b) Irisch-europäische Moderne nach 100 Jahren.

*     *     *

Indien ist das Land der Spiritualität – doch es gibt Widerstand gegen gefährlichen Aberglauben. Gefahren reichen von harmlosen Trickbetrügereien bis zu schweren seelischen Misshandlungen und ruinöser Abhängigkeit. Die Rationalisten, eine Organisation von fast 10.000 Mitgliedern, fahren deshalb mit ihrem Science-Van im Dienst der Wissenschaft durch das ganze Land und klären auf. Indien – Geburtsland des Hinduismus und Buddhismus, das Land der Spiritualität. Heiler und Gurus, sogenannte Babas, Tausende im ganzen Land und einige berühmt und reich, berufen sich auf höhere Mächte. Doch es gibt Widerstand gegen den gefährlichen Aberglauben – und die Geschäftemacherei mit der Hoffnung. Die Rationalisten haben sich zusammengeschlossen, mit ihrem Science-Van fahren sie im Dienst der Wissenschaft durch das ganze Land und klären auf. Rationalist zu sein ist eine Weltanschauung, eine Haltung zum Leben. Rationalisten glauben nicht an Götter und Geister, sondern an Vernunft und Wissenschaft. Die Organisation hat fast 10.000 Mitglieder, alle arbeiten ehrenamtlich, sind aufgeklärt und arbeiten als Anwälte, Lehrer, Handwerker oder Hochschulprofessoren. Von harmlosen Trickbetrügereien bis zu schweren seelischen Misshandlungen und ruinöser Abhängigkeit reicht das Spektrum der Opfer. Frauen sind durch ihre minderwertige Position in der Familie und auch im gesellschaftlichen Leben dankbare Opfer, mangelnde Bildung ist fast immer der Grund dafür, dass die Menschen den Vorführungen oder Sitzungen der Gurus blind vertrauen. Das Roadmovie zeigt eine beeindruckende Reise mit mehreren Rationalisten, das Kamerateam ist mit ihnen in den Slums von Mumbai sowie auf dem Land unterwegs, sieht Erschreckendes und auch Positives. Reportage von Holger Riedel (D/F 2022, 32 Min) 

Video auf Youtube verfügbar bis zum 16/12/2022

*     *     *

ARTE FILM

100 Jahre Ulysses / James Joyce’ Meisterwerk

Vor 100 Jahren wurde James Joyce‘ „Ulysses“ erstmals in einer kleinen Buchhandlung in Paris veröffentlicht. Das Werk, an dem Joyce sieben Jahre lang schrieb, sollte für die Literatur und Kultur des 20. Jahrhunderts neue Maßstäbe setzen. Zunächst aufgrund seines Schockfaktors in Amerika und Großbritannien verboten, hat kein anderer Roman dieser Epoche eine ähnliche Tragweite.

Kein anderer Roman des 20. Jahrhunderts hat eine ähnlich imposante Tragweite: Joyce‘ „Ulysses“. Inspiriert von Homers „Odyssee“ beschreibt Joyce detailreich einen Tag von Leopold Bloom im verarmten Dublin. Seine „Odyssee der Gosse“ ist ein offener Angriff auf den göttlichen Anstand, geprägt von Chaos und Obszönität. Weltweit als Meisterwerk des Modernismus gefeiert, wurde „Ulysses“ in Amerika und Großbritannien wegen seines Schockfaktors zunächst verboten.
In Irland wird Joyce des Verrats beschuldigt, weil er mit tief verankerten Traditionen der irisch-katholischen Kirche bricht. Dabei geht aus jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungen hervor, dass sein Krieg gegen die Kirche durch ein tiefes Verantwortungsgefühl gegenüber seinem Volk und seiner Kultur motiviert war. „Ulysses“ kann durchaus als prophetischer Text gelten, der eine bessere Zukunft nicht nur für Irland, sondern auch für Europa und die Welt vorzeichnen wollte. Joyces beispielloses Genie inspirierte seither Künstler und Künstlerinnen wie Eileen Gray, Sergej Eisenstein, Man Ray und Bob Dylan.
Nach der Vorlage des Historikers und Joyce-Experten Frank Callanan und unter Regie von Ruán Magan bringt „100 Jahre Ulysses“, uns eines der fesselndsten und brisantesten Bücher der literarischen Moderne näher. Interviews mit Schriftstellern und Wissenschaftlern wie Eimear McBride, Paul Muldoon, John McCourt und Margaret O’Callaghan sowie aufschlussreiches Archivmaterial und Werke von Jess Tobin, Brian Lalor und Holly Pereira bereichern die Dokumentation. In Kombination mit einem eindrücklichen Soundrack von Natasa Paulberg wird „100 Jahre Ulysses“ zu einer erkenntnisreichen Reise in das Herz dieses maßgeblichen und überaus aktuellen Romans.

Regie : Ruán Magan / Land : Irland / Jahr : 2022 / Herkunft : ARTE / RTE

Abrufbar bis 19.12.2022 HIER

*     *     *

Wie geht’s weiter? Fang an mit Wikipedia hier / Text lesen hier beginnen / auch den folgenden Film (1967) beachten hier bzw. auf Youtube ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=h7xAM_eXuuk hier Kapitel I ? bis etwa 8:00  /  ab 11:39 Schule Kapitel „Nestor“ im Buch Seite 35 / dann Kapitel II ? (Katze) im Buch Seite 77  Kapitel „Kalypso“ / Briefe Seite 87 / ab 21:35 Kutschfahrt Buch Seite 123 „Hades“  25:50 Ankunft Friedhof Sarg 27:38 / Setzerei  Redaktion 27:58 Buch Seite 164ff  – – –  neue Leseerfahrung: Lästrygonen (hier) Buch Seite 210 und weiter in „Scylla und Charybdis“ National-Bibliothek Buch Seite 259 du musst schnell und wach lesen (zum Gedankenstrom werden) hatte ich mir gesagt, / ACHTUNG: zur Motivation Wollschläger lesen hören! hier! / aber in diesem Skakespeare-Kapitel verstehe ich gar nichts. Vielleicht mehr im nächsten: „Simplegaden“ – „Irrfelsen“, Zitat: „In 19 Episoden werden Erlebnisse unterschiedlicher Bürger von Dublin erzählt, teilweise überschneiden und durchdringen sich diese Begebenheiten wie auch die Bewusstseinsströme der Protagonisten.“ Aha! Buch Seite 305. „Das Kapitel widmet sich den anderen Bürgern Dublins und ihrem Alltag.“ – – –  SIRENEN-Kapitel Buch Seite 355. „Bloom speist mit Stephens Onkel Richie Goulding im Ormond-Hotel, während Blazes Boylan, der gerade auf dem Weg zu Molly ist, vorbeigeht. Blooms Gedanken sind von seiner Eifersucht geprägt, weshalb er seine Umwelt und auch die Reize der Bardamen Miss Douce und Miss Kennedys nur bedingt wahrnimmt. – In diesem Kapitel steht die Musik im Vorder- und Hintergrund…“

Oder ein anderer (Film-)Ansatz: „Ulysses“ (1987)

Written and adapted by Nigel Wattis / Gillian Greenwood / Leopold Bloom – David Suchet / Stephen Dedalus – John Lynch / Molly Bloom – Sorcha Cusack / James Joyce – Bryan Murray / Citizen – T.P. McKenna / Narrator – Tony Doyle / Joe Hynes – Dermot Crowley /  Frank Budgen – James Aubrey / Bella Cohen – Patricia Quinn / Mey Dedalus – Patricia Mort / Nora Joyce – Deirdra Morris / Zoe Higgins – Francesca Folan with ANTHONy BURGESS  Novelist / CLIVVE HART Professor of English, Essex University / Music ALAN BENSON / Soprano MARY HEGARTY / Produce and directed by NIGEL WATTIS

Die deutschen Untertitel sind haarsträubend.

Sympathie für Neue Musik

Heute, gestern und vor 15 Jahren

„Musik der Zeit 2“ 1998-2021 herausgegeben von Martina Seeber und Harry Vogt Wolke-Verlag

  Manos Tsangaris: „Funkhaus Blockade“ 2007 hier

Wie die Zeit verging: http://janreichow.de/tsangarisbilder.htm

Gestern 6. März Besuch Truike, am Abend der Weg zum Dreiinselteich in der Ohligser Heide und zweifacher Blick aus der Beobachtungshütte, die Wildgänse schreien.

Fernblick nach Stuttgart → hier

Neu die CD Spektral „Ohrwurm“

Moritz Eggert, Irene Kurka, Martin Tchiba

Was den Ohrwurm (als „Problem“) angeht, lese man in diesem Blog u.a. hier oder hier. Das Tierchen ist nicht einfach lächerlich…

Ich würde aber empfehlen, die CD mit den folgenden Liedern zu beginnen, bzw. mit der Lektüre der Liedtexte. Und sobald man sich vielleicht misstrauisch oder allwissend gefragt hat, wie denn ein Komponist von heute solche Texte vertonen könne, ist man reif für die Musik.

Booklet lesen!

Auf ein Buch wartend:

z.B. Jan Kopp! (Es ist da: 10.3.22)

Auf eine CD wartend (nachdem ich in Berthold Seligers Besprechung die spitze Paraphrase eines Brecht-Satzes gelesen hatte, die wie ein Ohrwurm haften blieb: „Glotzt nicht so barock!“):

der Weg zu jpc hier

Und gerade kam der Postbote (9:15 h) und brachte zu meiner Überraschung dieses Buch (von Freund Fran O’Rourke):

M.Hayes hier (Ja, kenne ich.)

Vom Buch zurück zur CD:

The Gloaming 2011 (griffbereit, aber lang nicht gespielt)

Natürlich muss ich wissen, woher die Bildpostkarte stammt, die Fran beigelegt hat, der Weitgereiste; gewiss hat er, als Aristoteles-Fachmann,  wieder heilige orthodoxe Stätten besucht. Und tatsächlich, es ist so:

links oben, auf dem Berg! weiteres hier : gehen Sie im Wiki-Link auf das Panorama-Foto, man kann es zweimal vergrößern und die Kirche heranzoomen. Bonus-Info: Mehr über Fran.

Irish Music 1983 und heute

Warum Erinnerung nicht lähmt

Das ist nicht selbstverständlich: Erinnerung aktiviert. Warum, will ich jetzt nicht klären. Es ist so lange her, dass ich zuletzt dem Impuls gefolgt bin: hier. Ich war doch einmal nahe dran… Grund genug sich zu freuen. Neues Material gäbe es genug. Trotzdem ist dieses nicht entwertet:

Die Willie-Clancy-Summer-Scool, Miltown Malbay, SSWC, das habe ich nie vergessen; anders hätte ich wohl keine Vorstellung davon bekommen, was ein Fiddler wie John Kelly bedeutet. Es gab auch damals „virtuosere“, seinen Sohn James zum Beispiel. Auch Matt Cranitch, dem man anmerkte, dass er klassische Violine studiert hatte. John Kelly konnte keine Melodie unterteilen, – ich spreche vom Unterrichten -, er spielte für uns immer ganze Melodien oder Anfänge, wir aber hatten unser Leben lang „stückchenweise“ gelernt plus Tonleitern und Akkorde, analytisch, das machte seltsamerweise hier das Lernen so schwer. Gedächtnis … Erinnerung… Aufschreiben oder nicht – das war plötzlich die Frage. Einzelne Bilder bewahren eine Welt, die keineswegs nur in sich ruhte.

Juli 1983 Fotos: Siegfried Burghardt

Und neu ist heute dies zum Beispiel:

This documentary will trace the origins, ethos and impact of one of Ireland’s most important music events — the annual Scoil Samhraidh Willie Clancy (SSWC) held in Miltown Malbay, Co. Clare. ITMA are very proud to be in a position to help fill the void created by the cancellation of the 48th Scoil Samhraidh WIllie Clancy (SSWC) in light of Covid-19. Since its inception in 1973, SSWC, also known as the Willie Clancy Summer School, has had a hugely positive influence on the development of Irish traditional music, song and dance. For thousands of traditional musicians, the first week of July is the highlight of their musical calendar. This documentary will feature archival footage, contemporary interviews and performances from many of Ireland’s leading traditional musicians including: Willie Clancy, Micho Russell, Tommy and Siobhán Peoples, Noel Hill, Cormac Begley, John Kelly, Joe Ryan, Áine Hensey, the McCarthy Family, Mulcahy Family, The Glackin Family, The Friel Sisters and many many more.

Und schon kann ich nicht mehr aufhören, weiter in diese Richtung. Zurück? Und voran! Es ist nie zu spät.

Und hier geht es wirklich weiter: HIER

und sei es für ein paar Stunden.