Schlagwort-Archiv: Richard David Precht

Wie wichtig ist Wählen?

Hilfe zur Meinungsbildung

Warum ich Markus Lanz empfehle? Auch ich finde ihn manchmal unerträglich, und ganz besonders wenn er Politiker in die Enge zu treiben versucht. Mögen sie es verdient haben oder nicht. In vielen anderen Fällen ist anerkennenswert, dass er intelligenten Leuten die Gelegenheit gibt, ihre Gedanken in Kürze, aber nicht zu kurz darzustellen und ohne sie gleich in Kontroversen zu verwickeln. Oder ihnen ständig in die Parade zu fahren. Gut also, wenn es nicht um Politik geht. Oder? Ein hilfreiches Beispiel gestern: Richard David Precht (ich nehme ihn als Stimme der Vernunft) und der Pädagoge Josef Kraus. Der Link zur schnellen (oder auch gründlichen) Orientierung: HIER ! Beginnen bei 4:31: die drei langfristig größten Probleme werden beim Wahlkampf überhaupt nicht angesprochen,von keiner Partei! Weiß jemand, WARUM? Ab 29:48 Themenwechsel: BILDUNG (mit Josef Kraus, Pädagoge, er ist „der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Seit Juli ist Kraus im Ruhestand. In der Sendung sagt er, warum Schule nicht zur Spaß- und Verwöhnschule werden darf.“)

ZDF Screenshot 2017-09-01 09.42.29 Screenshot ZDF-Sendung

Andererseits notiere ich den Wortlaut des Gesprächs, um im Nachhinein zu prüfen, ob es hier nicht zu pauschal zugeht. Die großen Entwürfe sind leicht gemacht, der politische Alltag kann jede Initiative, wenn sie denn  zustandekäme, im Keim ersticken. Nehmen wir Entwicklungspolitik: ist überhaupt Vertrauensbildung möglich, gibt es die kleinste Chance, der Korruption Herr zu werden? Verlaufen nicht alle (demokratischen) Prozesse so langsam, dass die übergeordneten Ziele schon Jahrzehnte vor ihrer Realisierung ausgehöhlt erscheinen? Man muss nur ins Detail gehen, also stehenbleiben, um die Gesamtbewegung aus den Augen zu verlieren. Vielleicht nicht „wir“, die wir problembezogen diskutieren, aber „die Leute da draußen“, die schwerfällige Masse, um die es sich dreht. Was für eine Hybris… (Spielen Sie mit mir den Advocatus Diaboli!)

Precht: Wahlkampf ist ein zu großes Wort. Eigentlich handelt es sich um Verweigerung, wirklich n Wahlkampf zu machen. Was mich am meisten stört, dass die wirklich langfristig größten Probleme, alle drei im Wahlkampf nicht angesprochen werden. Das erste sind die gesamten gesellschaftlichen Umbrüche durch die Digitalisierung, die unsere Gesellschaft nicht einfach nur n bisschen moderner machen, sondern eine völlig neue Gesellschaft erzeugen werden. Auf die wir überhaupt nicht vorbereitet sind, in der Arbeitswelt nicht, politisch nicht vorbereitet, gesellschaftlich nicht vorbereitet, wird von den Parteien nicht ernsthaft thematisiert. Das zweite, was nicht thematisiert wird: unsere Art zu wirtschaften geht auf Kosten unserer Enkel, das wissen wir alle. Wir denken jeden Tag daran, das Land zukunftsfähig zu machen, aber nicht, es enkeltauglich zu machen. Wenn alle so wirtschaften würden wie wir, – und immer mehr Ländern sind in der Lage, ähnlich zu wirtschaften, wird dieser Planet in wenigen Jahrzehnten unbewohnbar sein. Das gesamte große ökologische Thema ist selbst bei den Grünen in den falschen Händen, es wird nicht ernsthaft diskutiert, der Klimawandel ist schon wieder vergessen, wenn Wahlkampf ist, also das zweite Problem. Das dritte Problem: das Migrationsthema. Also es ist im Augenblick so, dass Frau Merkel sich mit Herrn Macron sich geeinigt, dass wir, damit das gar nicht all diese Bilder vom Mittelmeer weiter gibt, oder von Menschen die in der Sahara umkommen, dass wir in Afrika ansetzen, südlich der Sahara, durch sogenannte Partnerschaften, was ein sehr euphemistisches Wort ist, dass letztlich keiner mehr in der Lage ist, das Land nach Norden hin zu verlassen. Das ist natürlich von allen Lösungen, die es gibt, die schlechteste, weil – ich weiß nicht, wie weit die horizontale Entfernung quer durch Afrika ist, aber wir reden hier über 3000 oder sowas Kilometer, das ist natürlich eigentlich nicht möglich, und stattdessen bräuchten wir eine Entwicklungshilfepolitik, die flüchtlingspräventiv mit den Ländern zusammenarbeitet und hilft, ihre Not zu lindern, diesen Ländern hilft, auf die Beine zu kommen, und statt soviel Geld für Rüstung auszugeben, wie es im Augenblick geplant ist, sollte man dieses Geld in die Entwicklungshilfe stecken. 6:35 (Beifall)

Lanz: Warum greift man diese Themen nicht an? Warum traut sich keiner, sich wirklich mal hinzustellen und zu formulieren, was Sache ist. (…) Hat man Angst, dass den Leuten die Wahrheit nicht zuzumuten ist?

Precht: Ja! Und da gibt es mehrere Gründe für. Also der erste Grund ist: Jeder Politiker, der sich in einem Wahlkampf befindet, hat Angst, den Leuten Angst zu machen. So, und bei den drei Themen, die ich gerade genannt hab, und das wird dem Fernsehzuschauer nicht anders gehen, dem wird erstmal mulmig. Ja, und dass man sowohl denkt, was die Ökologie anlang, und was die Migrationsprobleme anbelangt, wie was die Digitalisierung anbelangt, ojeh, es kommt etwas Riesiges auf uns zu, und die Politik hat für diese Sachen keine Lösung, keine Antworten, und ich werfe ihr vor, sie versucht auch nicht ernsthaft, langfristig ernsthafte Antworten zu generieren. Das ist das, was mich daran stört. Sie hat also keine Visionen, keine Ideen, wie man diese Probleme lösen könnte.

Lanz: Das klingt wahnsinnig desillusionierend (…) 7:53

Gaus: Ich würde zu Prechts Liste noch zwei Themen dazunehmen, die auch nicht aufgegriffen werden: Was kostet die Energiewende? Was kostet das Erneuerbare- Energie-Gesetz (usw. 8:16). Was ist mit Griechenland los?  Meinungsinstitut: dass 39 % der jetzt Wahlberechtigten nicht mehr wissen, was sie 2013 gewählt haben. … am Rande der politischen Amnesie (lachen). Ich glaube, es gibt ne Erklärung dafür: es haben sich damals schon die Parteien nicht mehr voneinander unterschieden. (…) jetzt wieder 48 % Unentschiedene (…)

Precht: Der Witz ist, es geht in erster Linie gar nicht darum, dass man den Menschen in Deutschland das gar nicht zumutet, sondern dass man es erstmal seiner eigenen Partei nicht zumutet. Da fängt das ganze Problem schon an. Und das Problem hatte Macron nicht. (…) musste er nicht auf Parteibefindlichkeiten Rücksicht nehmen.Also einer der Gründe, warum grade die SPD im Hinblick auf die Digitalisierung nichts anderes versucht als die sterbenden Arbeitsmärkte nochmal zu zementieren, statt sich darauf einzulassen: was sind die sozialen Herausforderungen? was könnte an die Stelle bosheriger Gewerkschaften treten in einer digitalen Welt? Darauf kann sie sich nicht einlassen, weil sie dann riesigen Ärger mit den Gewerkschaften kriegt, 11:46 so dass ich im Zweifelsfalle gar nicht weiß, ob dieser ideenlose Wahlkampf, den die SPD macht, auf Martin Schulz zurückzuführen ist, was ich weniger glaube, als auf die Rücksichten, die er gegenüber der eigenen Partei nehmen muss, (??? Lanz spricht hinein) auch nicht einschränken kann, und das haben wir ziemlich ähnlich: die Grünen sind nicht bereit, in Bezug auf das, was ökologisch auf uns zukommt, den eigenen Wählern reinen Wein einzuschenken. Da wird irgendwie die Vorstellung genährt, man könnte, wenn man in nem Energiesparhaus lebt, man könnte mit n paar Energiesparbirnen den Klimawandel aufhalten. Also im Grunde genommen ist das ja so die Idee, also n bisschen mehr davon, und dann geht das. 12:19 kann man also übern ganzen Globus hinwegfliegen. Wenn Sie mal die Frage stellen: Wieviel CO² sparen Sie eigentlich durch ein Energiesparhaus ein, wie oft können Sie dafür nach Amerika fliegen? Dann stürzen Sie schon im Atlantik sofort ab. Die Antwort ist: wir müssen unser Lebensmodell umstellen, wenn wir wirklich ökologische Politik machen. Das erzählen die Grünen ihren Wählern nicht, und das erzählen die auch einander nicht. (Beifall) 12:46 LANZ: Autoindustrie, Elektromotor. Ein Auto ist kein Statussymbol mehr! Wir werden uns anders fortbewegen müssen. Warum reden wir nicht über solche Dinge?

PRECHT: Weil natürlich das alte Geschäftsmodell wunderbar funktioniert hat. Also die deutsche Automobilindustrie ist die beste der Welt, sie trägt sehr zum deutschen Wohlstand bei, – also hat man versucht, dieses alte Geschäftsmodell auf ewig zu zementieren und daran festzuhalten, weil man wusste, die neuen Entwicklungen, die führen weg vom Status-Auto. 13:58 Das Status-Auto bedeutet aber eine diversifizierte Palette von lauter Mittelklassewagen herzustellen, die eigentlich keiner braucht, aber von dem die Automobilindustrie lebt. Wenn am Ende nur noch son paar uniformierte Kleinwagen da sind, dann geht das ganze Geschäftsmodell kaputt, deswegen hat man versucht, das Elektroauto zu blockieren. Aber man muss noch einen Satz dazusagen, ich bin kein großer Freund des Elektroautos, das Elektroauto ist auch nicht die beste Lösung. nach wie vor: in den Batterien sind seltene Erden, die in Afrika unter katastrophalen Umständen gewonnen werden. Wir können bis heute Elektromotoren nicht recyclen, die Herstellung einer Batterie ist wahnsinnig energieintensiv, so, die eigentliche Lösung ist die Brennstoffzelle. Aber da ist genau dasselbe (- also Wasserstoff, nicht?)  genau: mit Wasserstoff angetriebene Brennzelle, das ist umweltmäßig, ökologisch mit Abstand das beste Modell, Toyota baut solche Autos!, also das geht, (sehr energieintensiv, Wasserstoff herzustellen! muss man auch sagen), ja, aber wenn Sie insgesamt die Bilanz sehen, zwischen Diesel – ist das Schlimmste – und Benzin und Elektroauto halten sich ungefähr die Waage, und dann ist das mit Abstand die beste Lösung. Aber: da hat keiner reininvestiert, die Japaner haben dareininvestiert, und (versuchen das, Mercedes) Mercedes, der Gedanke ist alt! die Lobby dahinter, wir hatten kein Interesse, es zu machen. Das ist (vor zehn Jahren wurde dieses Team, das diese Brennstoffzelle entwickelt hat, eingestellt) ja! die hatten Angst, dass das das Geschäftsmodell verhagelt! 15:20 (Lanz: Also, nochmal die Frage: Wie, warum mutet man uns solche Wahrheiten nicht zu? Die Leute merken doch, wie sich solche Unternehmen, VW und viele andere, da sitzen doch unglaublich fähige, gute Leute, die verstehen doch und spüren doch, dass da was stattfindet, da draußen, d.h. dieses Keine-Antworten-Kriegen von politischer Seite führt doch im Zweifel zu mehr Verunsicherung als weniger. Was wäre denn Ihrer Meinung nach der Entwurf, die Vision, die große Rede, die jemand halten müsste?) 15:55

PRECHT: Also, ich glaube, wir sind uns auch in der Frage einig, – zunächst mal sich ehrlich zu machen, ich glaube, damit würde man in Deutschland ähnlich gut punkten können, wie Macron das in Frankreich… ich glaube, dass das funktionieren würde, sie trauen sich nicht aus der Deckung, gerade auch der eigenen Partei gegenüber. Das ist wichtig, schon die eigene Partei hemmt die Erdigkeit der Politiker, nicht nur die Angst vorm Wähler im allgemeinen. Das ist der Grund, weshalb das nicht passieren wird. Das zweite ist, ich meine, wir reden über sehr komplexe Themen, also die Frage, wie man dies gewaltige Thema MIGRATION in den Griff kriegt 16:27 Da gibt’s nicht mal so eben ne kleine Formel, die man aus der Tasche ziehen kann und sagen kann: damit ist das Problem gelöst. Sondern das ist eine ganz große gesamtgesellschaftliche Anstrengung, wo sehr viele Sachen von berührt sind. Ökonomische Fragen berührt sind: wir bräuchten zum Beispiel ein einseitiges Freihandelsabkommen mit der Dritten Welt. Wir machen ein Abkommen und sagen, ihre dürft alles was ihr herstellt zollfrei in die Europäische Union verkaufen, aber ihr dürft auf jedes Produkt, das aus der Europäischen Union kommt, den Zoll eurer Wahl machen. Das wäre zum Beispiel optimale Entwicklungshilfe. Da haben wir in der Doha-Runde mehr als 10 Jahre drüber geredet, war die Europäische Union, waren die europäischen Staaten nicht zu bereit, und jetzt muss man fragen: die Bananen aus Tansania und was weiß ich ist ja nicht mal 1 % unseres Marktes, d.h. da denkt jeder kleinklein an das jeweilige Problem, denkt nicht im großen Maßstab, denkt nicht langfristig, denkt nicht, was das alles am Ende kostet, und zwar kostet an Menschenleben, kostet an Geld, kostet an politischer Unruhe und alles was damit einhergeht. Wir müssen eine ganz andere Entwicklungshilfepolitik machen, das Entwicklungshilferessort ist glaube ich unter 1 %, also das müsste n ganz anderen Stellenwert haben. Und zwar um das Leben all dieser Menschen, die damit ihr Leben verlieren, und um unseretwillen. 17:38 JOSEF KRAUS: (Neo-Kolonialismus) LANZ: Hilft es wirklich der AfD, wenn wir über Migration sprechen? Precht: Ja, das ist ne Antwort, die versteht jeder. Und die andere Antwort, wie sieht eine Entwicklungshilfepolitik aus, die diesen Ländern hilft, auf die Beine zu kommen, die also wirklich flüchtlingspräventiv ist, und die sagt, die Welt ist durch die Globalisierung kleiner geworden. Wir haben überall in der Welt davon profitiert, dass wir die seltenen Erden aus dem Kongo kriegen, dass Leute in Bangladesh unsere T-Shirts zusammennähen usw., so, aber wenn wir die alle für unseren Wohlstand nutzen, dann müssen wir uns auch in irgendeiner Form für deren Leben verantwortlich fühlen. Und das ist der Schritt, den wir machen. Wenn ich jetzt sehr pathetisch formuliere: im 18. Jahrhundert ist durch die Erklärung der Menschenrechte ja zum erstenmal die Idee, dass das Leben eines jeden Menschen gleichviel wert usw. formuliert worden. Im 19. und 20. Jahrhundert ist es sehr mühselig in Europa durchgesetzt worden. Und im 21. Jahrhundert müssen wir begreifen, dass es nicht nur für Europäer gilt. (Beifall) 19:29

LANZ: Trotzdem nochmal die Frage: Ist es den Menschen nicht zuzumuten, wenn man ihnen sagt: Pass auf, das, was da grade passiert, dass Menschen an die Grenze kommen und einfach sagen: Asyl! Und gleichzeitig sagen: Ich hab meinen Pass irgendwo unterwegs verloren, um dadurch zu ermöglichen oder sicherzustellen, dass man einfach in dieses Land reinkommt, das können wir so nicht weiter machen.

PRECHT: Da sind sich alle einig, das will ja gar keiner! Also ich kenne überhaupt keinen, der das für ne gute Lösung… LANZ: …weit und breit keinen Plan, der mal sagt: da gibt es ein ordentliches Einwanderungsgesetz beispielsweise. Da gibts ne Idee: wir formulieren klipp und klar und deutlich,    für jemanden, die nicht Asyl benötigt, – das ist nochmal was ganz anderes, Asyl ist etwas, was wir zu gewähren haben! Menschen… PRECHT: Lassen Sie mich nochmal an das Argument von Herrn Kraus, das nicht falsch ist, aufgreifen, dass er gesagt hat: ist ja komisch: wen wollen wir reinlassen, – Ärzte aus Syrien: JA, Ungelernte aus Syrien: NEIN. Weil klar ist: der Arzt aus Syrien wird sich hier wunderbar integrieren, und den können wir im Zweifelsfall auch gut gebrauchen. Aber der wird eben genau so in Syrien gebraucht! Das ist kein uninteressantes Argument, wir wollen eine Politik machen, die nur denjenigen Migranten erlaubt zu uns zu kommen, die in den Heimatländern ganz besonders dringend gebraucht werden. (…)  Machen wir uns nichts vor: Wenn Sie jetzt Kanzlerkandidat einer Oppositionspartei wären, von wem lassen Sie sich beraten? Sie beauftragen eine PR-Agentur. So, und die kuckt, die fragt die Leute in der Fußgängerzone, oder im Telefon-Interview: was assoziieren Sie mit der Sozialdemokratie? Da wird dann son Mindmapping gemacht, und am häufigsten kommt das Wort Gerechtigkeit, und so wird n Wahlkampfthema gemacht. Und das ist das, was mich stört: also das sind synthetische Formen, mit denen man versucht, auf eine Marktforschungsart und – weise ein Thema zu finden, und dann ist ja völlig klar, dass so ein Thema immer ein Gegenwartsthema ist und nie ein Zukunststhema (Lanz spricht rein: es geht um Angebot und Nachfrage sozusagen) Genau! wie das Thema geschaffen wird. KRAUS: kleine Korrektur: es ist ja keine Oppositionspartei, es ist ja ne Regierungspartei! PRECHT: Aber die sind jetzt im Wahlkampf  (Ja!) wie eine Oppositionspartei und sagen: wir wollen an die erste Stelle treten. 22:43

(Fortsetzung folgt)

s.a. hier Precht in ttt

Hier Info Hannes Jaenicke (facebook) nur zur Kenntnis (wird wieder gelöscht).

 

Das Spiel im Konzert und auf dem Fußballfeld

Ein Drama – vergleichbar oder nicht?

Sternstund SRF Screenshot 2017-04-09 11.59.31 HIER anklicken! Vorfahren auf 16:39!

NIEDERSCHRIFT (JR)

(16:39) Barbara Bleisch: Was findet man auf dem Fußballfeld, was Sie im Orchestergraben nicht finden?

Daniel Barenboim (lacht laut): Soll man nicht vergleichen. Das soll man nicht vergleichen, nein. Ja man hat soviel gemacht, ja ein Dirigent ist wie ein Trainer, beim Fußball, ehhh, nein, man soll das nicht vergleichen, das sind zwei total unterschiedliche Dinge, und der Dirigent ist nicht wie der Trainer, in dem Moment, wo die Mannschaft spielt, hat er seine Arbeit gemacht und kann nichts mehr tun, der Dirigent kann Gottseidank im Konzert noch etwas bewirken, also ist er wie ein Regisseur, in der Oper oder im Theater, (richtig, da stimmt’s) die Regisseure haben es sehr schwer, die arbeiten wochenlang, in der Oper, im Theater manchmal monatelang, und dann kommt die Generalprobe, und dann ist AUS. Dann sind sie geliefert, was die Sänger oder Schauspieler machen, sie können das nicht mehr beeinflussen, sie können alles vorprogrammieren, aber dann …, ich kenne auch ganz große Regisseure, die nie in die Premieren gegangen sind, nicht, wie man denken könnte, weil sie unsicher waren oder weil sie wollten nicht sehen, wie das Publikum reagiert, sondern dieses Gefühl von Nichts-mehr-tun-können , diese Impotenz, diese reaktive (kreative?) Impotenz, die Arbeit war schon gemacht und jetzt sind die Leute geliefert und sie, diese Regisseure, sind abhängig davon, von dem Willen und den Möglichkeiten eh eh der Schauspieler oder Sänger. Der Dirigent ist auch ein bisschen so, ich meine, ich kann ja als Dirigent eine sehr klare Idee haben, wie ich eine bestimmte Phrase in der Oboe mir vorstelle, aber wenn der Oboist entweder nicht in der Lage ist, so zu spielen, oder er will nicht, oder fühlt es anders …., kann ich nichts tun. Man spricht immer von der Macht der Dirigenten, des Dirigenten, der Dirigent hat keine Macht, der Dirigent kann bestimmen, vielleicht, manchmal, wann das Konzert anfangen soll und Zeichen geben, wie laut oder leise das gespielt (wird), aber das Orchester – das dürfen weder die Dirigenten noch die Orchestermusiker vergessen – die Töne, die Musik wird vom Orchester gemacht. Der Dirigent kann soviel wirken und tun und so … aber es ist wichtig, dass sie das nicht vergessen, dass es sind die Orchestermusiker, die wirklich das musizieren und die Töne spielen, dass es gut ist für das Ego des Dirigenten kleinzuhalten, aber die Orchestermusiker müssen auch daran denken, weil sonst reagieren sie nur, sie müssen agieren, da sie spielen, müssen sie agieren, und deswegen ist es sehr wichtig, daran zu denken, dass es sind die Musiker im Orchester, die spielen. (Aber Sie bleiben ja mit dem Orchester auf der Bühne, sie sind nicht wie der Trainer, der dann nur am Rand steht.) Genau! (20:07)

ENDE DES ZITATES

Und was sagen Sie?  

Ich finde den Vergleich sehr anregend. Genau so wie den Vergleich zwischen dem Drama auf der Theaterbühne und im Leben. Und es ändert sich, sobald ich von Performance spreche. Oder von Ritual.

Mir scheint, dass es was bringt, die Rollen der Mitwirkenden auf beiden Seiten ganz naiv durchzusprechen, damit die Unterschiede klar zutage liegen, die sonst nur „selbstverständlich“ sind.

Natürlich, ein Fußballspieler, der spielt, der eine Rolle spielt, ist erledigt. Außer er spielt trotzdem effektiv (macht Tore). Schön sein hilft hier noch weniger als nur schön spielen: es macht den Spieler lächerlich. („Du hast die Haare schön, du hast die Haare schön!“)

Aber in dem Film über Karajan gestern haben wir mit Interesse auch die Wellen seiner Fönfrisur betrachtet und mussten lachen, als plötzlich der Friseur als Zeitzeuge im Bild auftauchte (ohne dass die Frisur zum Thema wurde). TITEL-ZITAT:

Bewegendes Karajan-Filmporträt von Robert Dornhelm

Ein außerordentlicher Abend für einen außerordentlichen Mann. Anlässlich des bevorstehenden 100. Geburtstags von Herbert von Karajan (*5. April 1908)  feierte Robert Dornhelms feinfühliges Filmporträt „Karajan oder Die Schönheit wie ich sie sehe“ in der Wiener Staatsoper Premiere. 2010 (!) s.a. HIER.

Übrigens habe ich aus Karajans großer Zeit deutlich in Erinnerung, wie seine filmtechnische Ästhetik analysiert wurde: er setze die Instrumente seines Orchesters gern so in Szene, als spielten sie von selbst (der Trichter und die Windungen des Horns, allenfalls die Finger auf den Ventilen). Auf die Frage, warum er die Musiker ausklammere (die Hauptrolle übernahm sein eigenes Gesicht – vornehmlich mit geschlossenen Augen –  und die alles lenkenden Hände) sagte er (zumindest sinngemäß): sie sind zu hässlich. Ich erinnere mich daran so genau, weil es mir später als Äußerung eines Fernsehregisseurs (beim Domplatzfestival in Köln) auffiel: „der singende Mensch ist nicht ästhetisch!“ Es war die gleiche Zeit, als der junge Kevin Volans in einer unserer Radiosendungen zum erstenmal die Technik der Weichzeichnung in Karajans Tonaufnahmen beschrieb: man hört die Einsätze nicht, den „Glottisschlag“. (Zu Volans im WDR damals siehe auch – im letzten Teil- hier.)

***

In dem immer wieder lesenswerten Buch von Gunter Gebauer „Poetik des Fussballs“ (Campus Verlag Frankfurt New York 2006) finde ich kein Kapitel über den Trainer (so dass ich seine Rolle mit der des Dirigenten oder des Regisseurs vergleichen könnte). Ich beschränke mich auf ein allgemeineres Zitat, das aber auch – trotz des hochfliegenden Wortes „Poetik“ im Buchtitel – heilsam ernüchternd wirkt:

Die Poesie des Fußballs entsteht nicht aus einem freien Spiel der Einbildungskraft, sondern ist an einen Standpunkt gebunden. Sie ist parteiisch und wirkt unmittelbar auf ihre Liebhaber. (…)

Auch wenn Fußball von Menschen gespielt wird, entsteht seine Poesie nicht durch menschliche Handlungen allein. In die unvergesslichen Spiele mischt sich etwas ein, was über Menschen hinausgeht. Der Zufall lässt unfassbare Dinge entstehen: übermenschliches Gelingen, aber auch unbegreifliches Versagen. Eine geheimnisvolle Dramaturgie kann einen Spielverlauf hervorbringen, der die menschliche Phantasie übersteigt. Fußball ist freilich nicht mit den Schönen Künsten verwandt. Er ist ein rohes Geschehen und vollzieht sich im Augenblick, wie der Einschlag eines Meteoriten.

Und doch:

 Im Drama des Fußballs findet man Elemente, die wir von anderen Dramen kennen, von den Dramen des Theaters, des Films, der Politik. Anders als in diesen entsteht seine Poesie aus einem gemeinen Spiel, das sich von der hohen Kultur abkehrt. Die Abwehr gegen den hohen Ton, den guten Geschmack, die vergeistigte Haltung lässt sich nicht mit Begriffen beschreiben, die der Hochkultur entnommen werden.

Quelle Gunter Gebauer a.a.O. Seite 8 und 9

Ein bisschen abweichend von dem, was Barenboim oben gesagt hat, kann der Dirigent dem Oboisten sehr wohl klarmachen, dass er eine Phrase anders gespielt haben will und auf welche Weise. Er kann erwarten, dass der Oboist ihn versteht und darauf eingeht; er kann in der Probe (!) darauf beharren, ihm zur Not vorsingen, wie es sein soll, und ihn, wenn er es in der Aufführung doch anders macht als verabredet, zur Rede stellen bis hin zur Abmahnung, falls er sich störrisch zeigt. Der Dirigent ist gerade in diesen Fragen nicht machtlos! Aber er kann den Part nicht selber spielen, das ist klar, und der Oboist erkennt natürlich auch, wenn der Chef Unmögliches verlangt und ihn vielleicht nur „vorführen“ (eine Schwäche offenlegen) will.

Im Fußball spricht man von Standard-Situationen, für die man Absprachen treffen kann. Und die Spieler haben das umzusetzen. Sie müssen die Rollen spielen, die er ihnen vorgeschrieben hat (sonst nimmt er sie aus dem Spiel). Aber es gibt keine Partitur, und er kann nur einen ungefähren Schlachtplan entwerfen, denn es gibt – anders als auf der Konzertbühne – nicht einfach noch andere Menschen mit unterschiedlichen Einfällen und Begabungen, sondern es gibt eine gegnerische Mannschaft (mit gegnerischem Trainer), die die Arbeit unserer Mannschaft (samt Trainer) zunichte machen will.

Fast alle Konflikte auf dem Konzertpodium jedoch sind werkimmanent. Wieviel Querelen auch zwischen den Menschen auf und hinter der Bühne bestehen oder zwischen denen im Publikum, während der Aufführung müssten sie alle ausgeschaltet sein. Zugunsten des einen Ziels einer guten Aufführung.

Das Ziel einer Fußballmannschaft aber ist nicht, ein gutes Spiel zu machen, sondern ein siegreiches. Und wenn sie dabei viel riskiert und die andere auch, wird es sehr spannend, aber nicht unbedingt ein mustergültiges, ästhetisch bewertbares Spiel.

***

Man spürt deutlich, dass es sich genauso verhält, wie Barenboim nahelegte, als er das Thema ohne weiteres blockierte: „Man soll es nicht vergleichen“! (Immerhin hat er dann den Fehler gemacht, den Dirigenten allzu streng vom Trainer abzusetzen, obwohl der Dirigent in der Zeit des Einstudierens vor dem Konzert eben doch auch ein Trainer ist.) Die Quelle der Fehler in solcher Diskussion liegt aber darin, dass man für die verschiedensten Tätigkeiten immer dasselbe Wort benutzen darf, nämlich SPIEL, ein Wort, das durch eine bestimmte philosophische Tradition eine unglaubliche Aufwertung erfahren hat. Zugleich eine unglaubliche Abwertung, wenn es – offen oder verborgen – dem Begriff der ARBEIT entgegengesetzt wird.

Beispiel aus dem Alltag: der Mann kommt vom Klavier und fragt, was hast du denn eigentlich getan? Und die Frau antwortet: Ich habe die ganze Zeit gearbeitet, während du dich deinem Hobby gewidmet hast. Du weißt, entgegnet er, es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Arbeit am Klavier einen enormen Umsatz geistiger Energie verlangt. Ja, sagt sie, dafür möchte ich auch Zeit haben. Er: Die nähmst du dir ganz sicher, wenn du in deiner Jugend nur ein bisschen Zeit ins Üben investiert hättest, statt in das endlose Geschwätz mit deinen Freundinnen. Sie: Dafür bin ich heute im Umgang mit andern Menschen geschickter als du. Das hast du oft genug selbst feststellen können. Soziale Kompetenz nennt man das. Etc. etc. ad infinitum.

(Ich schwöre: das Beispiel ist frei erfunden!)

Es lohnt sich, den Ursprung der Diskussion über das Spiel und das Spielen aufzusuchen. Letztlich bei Plato, aber vielleicht genügt es, dem berühmten Satz Friedrich Schillers nachzugehen, meist unvollständig zitiert: der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Schiller macht es sich im Originaltext durchaus nicht so einfach, wie es hier klingt, in Wahrheit ist es ein Doppelsatz, und dann vergisst er auch nicht hinzuzufügen, dass er uns eigentlich paradox erscheinen müsste:

Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Dieser Satz, der in diesem Augenblicke vielleicht paradox erscheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhalten, wenn wir erst dahin gekommen sein werden, ihn auf den doppelten Ernst der Pflicht und des Schicksals anzuwenden; er wird, ich verspreche es Ihnen, das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwierigern Lebenskunst tragen.

In der Tat handelt es sich um einen gedanklichen Zusammenhang, den man kennen müsste, und um ein Hauptwerk von Schiller, das vielleicht wichtiger ist als Wilhelm Tell oder alle Balladen zusammengenommen.

Ich nehme mir Zeit dafür, es anhand der eingefügten Links zu rekapitulieren, spielerisch natürlich. Und erst danach Johan Huizinga neu zu bedenken, dessen Buch Homo Ludens uns Anfang der 60er Jahre aufgenötigt wurde, als sei es der Inbegriff einer neuen Musikpädagogik, – gleichzeitig mit dem täglich verschärften Übepensum und einem Sonderfach mit dem Namen „Methodik“.

Huizinga und andere

Huizinga Ludens Zum „Homo Ludens„.

Es ist bemerkenswert, wie Huizinga in seinem frühen Buch (deutsch bei rde seit Juli 1956) mit dem Sport verfährt. Nach seiner Ansicht

geht mit der stets zunehmenden Systematisierung und Disziplinierung des Spiels auf die Dauer etwas von dem reinen Spielgehalt verloren. Dies offenbart sich in der Scheidung der Spieler in Professionelle und Liebhaber. Die Spielgruppe scheidet diejenigen aus, für die das Spiel kein Spiel mehr ist, und die, obwohl von hoher Kapazität, im Range unter den echten Spielern stehen. Die Haltung des Berufsspielers ist nicht mehr die richtige Spielhaltung; das Spontane und Sorglose gibt es nicht mehr bei ihm. Nach und nach entfernt sich in der modernen Gesellschaft der Sport immer mehr aus der reinen Spielsphäre und wird ein Element sui generis; nicht mehr Spiel und doch auch kein Ernst.  Im heutigen Gesellschaftsleben nimmt der Sport einen Platz neben dem eigentlichen Kulturprozeß ein, und dieser findet außerhalb von ihm statt. (…)

Diese Auffassung widerstreitet geradewegs der geläufigen öffentlichen Meinung, für die der Sport als das im höchsten Grade bezeichnende Spielelement in unserer Kultur gilt. Das ist der Sport keineswegs, hat er doch im Gegenteil das Beste seines Spielgehalts verloren. Das Spiel ist allzu ernst geworden, die Spielstimmung ist mehr oder weniger aus ihm gewichen. Es verdient beachtet zu werden, daß die Verschiebung nach dem Ernst zu auch die nicht athletischen Spiele betroffen hat, besonders die Spiele, bei denen verstandesmäßige Berechnung alles ist, wie beim Schach oder beim Kartenspiel. 

Quelle Johan Huizinga: Homo Ludens Vom Ursprung der Kultur im Spiel / rowohlts deutsche enzyklopädie rde Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek bei Hamburg 1956 (März 1961) Seite 187 f

Heute Abend, 11. April 2017,  ist – während ich dies schreibe – vielleicht zu einem fatalen Datum für den Fußball oder den Sport überhaupt geworden: durch den dreifachen Sprengstoff-Anschlag auf den Bus der BVB-Mannschaft bei der Anfahrt zum Dortmunder Stadion, wo das Spiel Dortmund gegen Monaco stattfinden sollte. Dem Vernehmen nach ist es auf morgen verlegt, aber wie kann ein sogenanntes Spiel  überhaupt noch durchgeführt werden, wenn die kleinste Wahrscheinlichkeit besteht, dass sowohl die Spieler wie eine riesige Zuschauermenge um Leib und Leben fürchten müssen?

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Themenwechsel 14.04.2017

ZITAT

Richard David Precht über John Dewey, ästhetische Erfahrungen und Fußball (HIER) ab 15:32

Dieses Werk „Art as Experience“ (1934) versucht herauszufinden, wann und wo machen wir ästhetische Erfahrungen? Und eins der wichtigsten Dinge ist, dass die alte Kategorisierung –  Was würde Kant sagen: wo machen wir ästhetische Erfahrungen? im Naturschönen und im Kunstschönen. Und Dewey stellt sich die Frage: Stimmt das? machen wir nicht pausenlos ästhetische Erfahrungen. Ich bin der Überzeugung, dass der größte Teil von Ihnen, der gestern Abend Fußball geguckt hat, dabei eine große ästhetische Erfahrung gemacht hat. Selbst eine Robben-Schwalbe ist in gewisser Hinsicht ein ästhetisches Ereignis, ja, und ich meine das ganz im Ernst. Und auch die Gefühle, die Sie dabei gehabt haben, ja, also diese vielleicht parareligiösen Gefühle, die Sie empfunden haben, anhand von einem unüberschaubaren Ornament , ja, aus etwas … ich meine, Fußball ist insofern schon wahnsinnig ästhetisch, als dass es wie die moderne Kunst den ganzen Reiz aus dem Nicht-Gelingen zieht. Fußball ist eine Artistik des Misslingens, Sie versuchen tausendmal ein Tor zu schaffen und schaffen es am Ende ein Mal in der Verlängerung, nicht, also eine wunderbare Parabel für das, was ein zentrales Thema der Avantgarde ist, Adorno – das ist ein Gelingen, in der modernen Kunstwelt eigentlich im Sinne von Harmonie und Vollendung, also was wir schon von den alten Griechen kannten, gar nicht geben kann, und Dewey sagt: wir können ästhetische Erfahrungen machen, indem wir eine riesige Maschine, einen riesigen Kran sehen, der irgendetwas schleppt, ein Seil zieht oder dergleichen, also: ästhetische Erfahrungen an Dingen machen, die [nicht] kein Naturschönes sind, die aber auch nie zum Zweck, Kunstschönes zu sein, in irgendeiner Form je etabliert worden sind. Was gar nicht der Sinn der Übung ist. Aber wir machen trotzdem an ihnen ästhetische Erfahrungen. Genauso wie Dewey überhaupt kein Problem damit hätte, ein Weltmeisterschaftsspiel, oder ein Fußballspiel überhaupt als eine ästhetische Erfahrung zu begreifen. Adorno hätte damit ein Problem. Für Adorno war das, was Sie da massenhaft gesehen haben, ein Verblendungszusammenhang innerhalb einer degenerierten Kulturindustrie. (Lachen) Brot und Spiele und so weiter, furchtbar! Und die Tatsache, dass Sie sich mit 11 Leuten identifizieren und sich dann anschließend als Weltmeister fühlen usw. wäre so unterirdisch, dass man sich damit gar nicht beschäftigen müsste. Dewey würde in dieser Form gar nicht werten, sondern er würde von Anfang an sagen: es ist eine ästhetische Erfahrung, Feierabend! Und ästhetische Erfahrung muss nicht eingehegt werden. Wir müssen also keine Reservate für ästhetische Erfahrungen schaffen. In Form von Landschaften, oder in Form eben von sogenannten Kunstwerken, denen wir das Etikett Kunstwerk ankleben. Damit weicht der Kunstwerkbegriff auf, und dieses Aufweichen des Kunstwerkbegriffs war eben enorm einflussreich im Hinblick auf die ästhetische Entwicklung der amerikanischen Avantgarde und damit der Avantgardekunst überhaupt. Also bis hin zur Konzeptkunst und Fluxusbewegung und alles was dazugehört, Happenings, ja, ein Happening, das ist im Grunde genommen eine Weiterentwicklung von dem, was Dewey sagt. Es ist ja das Gegenteil von Einhegen in Kunst. Es war dann auch Kritik an dem Werk, ja, was soll denn überhaupt ein Werk sein? Der große Kran, der da so majestätisch über den Hafen auslädt, ist kein Werk. Aber ich mache an ihm eine ästhetische Erfahrung.(18:47)

Quelle Richard David Precht – Vorlesung Ästhetik – Leuphana Universität Lüneburg. Vorlesungen seit dem Wintersemester 11/12. Veröffentlicht am 28.07.2014. (Niederschrift JR 14.04.2017).

Den folgenden Text fand ich heute (16.04.2017) bei ZEIT online HIER, nachdem ich bei Martin Seel in dem Buch „Die Macht des Erscheinens“ (Suhrkamp 2007) einen Abschnitt gelesen hatte, in dem er über einen Aufsatz von H. U. Gumbrecht berichtet: „Die Schönheit des Mannschaftssports“ in G.Vattimo / W.Welsch (Hg.), Medien – Welten – Wirklichkeiten 1998 (Seite 201-228).

Der Zuschauer im modernen Sport, das ist Gumbrechts positive These, nimmt an einer Produktion unwahrscheinlicher Ereignisse teil. Im Fall des American Football geschieht dies durch das sekundenschnelle Erzeugen und Zerstören von Spielzügen, mit denen die angreifende Mannschaft Raum zu gewinnen, die gegnerische dagegen ihren Raum zu verteidigen versucht. So kommt es zu der plötzlichen Entstehung einmaliger Formen aus körperlichen Bewegungen, die im nächsten Augenblick auf der Leere des Spielfeldes wieder ausgelöscht sind. Das ausgefeilte Kalkül der wechselseitigen Spielstrategien bringt unkalkulierbare Handlungsfolgen hervor. In den geordneten Bahnen eines geregelten Wettkampfs erleben die Zuschauer eine permanente Vereitelung von Ordnung. Sie werden nicht eines höheren Sinnes teilhaftig, sie berauschen sich an Mysterien der Kontingenz.

Die existentielle und kulturelle Bedeutung dieses Rituals freilich wird so noch nicht deutlich. Was sich in den Stadien und an den Bildschirmen ereignet, sagt Gumbrecht, ist eine „Produktion von Präsenz“. Eingeschüchtert durch die philosophische Kritik an der sogenannten „Präsenzmetaphysik“, will er diese Gegenwart jedoch vorwiegend als ein räumliches Verhältnis verstanden wissen. Im Rhythmus von Aktion und Gegenaktion, Anspannung und Lethargie seien die Zuschauer dem Geschehen des Spiels besonders nahe, weil sie nicht zur Imagination von etwas anderem entführt würden. Mit räumlicher Nähe aber hat diese Involviertheit nichts zu tun. Das entscheidende Merkmal ist vielmehr ein zeitliches. Weil die sportliche Performance keinen über sich selbst hinausweisenden Sinn vermittelt, lenkt nichts von der Zeit ihrer Darbietung ab. Das erlaubt es den Zuschauern, eine kollektive Auszeit von den Kontinuitäten ihres Lebens zu nehmen – eine Auszeit, die sie nicht, wie diejenige der Kunst, über das Spiel ihres Lebens zu reflektieren zwingt. Trotzdem kriegen die Leute etwas für ihr Geld: die Gelegenheit zu einer – je nach Ergebnis – jubelnden oder verzweifelten Affirmation der Zufälligkeit ihres Lebens.

In jeder vernünftigen Stadt finden sich deshalb zahlreiche Hinweisschilder zum Ausgang aus dem Gehäuse des garantierten Sinns – jenem Ausgang, den der Held in Peter Weirs Film The Truman Show so mühsam suchen muß. Er liegt am Eingang zu den Stadien. Auch die überdachten unter ihnen sind für eine Feier der prinzipiellen Obdachlosigkeit des menschlichen Daseins da.

Quelle DIE ZEIT, 14/1999 Mysterien der Kontingenz Von Martin Seel (31. März 1999)

Und zum Schluss kann ich nun (Dank an JMR!) doch noch einen Text von Gumbrecht vermitteln, der nicht umsonst von Freunden mit dem berühmten Vornamen Sepp angeredet wird, einen Text, der sich direkt auf Fußball bezieht. DIE ZEIT 21. März 2016 Die Zuhandenheit im Sport  – „Im Fußball gibt es immer neue Lösungen, aber keine definitiven Wahrheiten – ein sporthistorisches Essay“. Von Hans-Ulrich Gumbrecht. HIER.

ZITAT

Im Team verwirklicht sich eine flexible Modalität erfolgsorientierter Sozialbeziehungen, für die wir keinen alltagssprachlichen Begriff haben, sondern eben nur die Anschauung des Sports. (…)

Wie schwer es uns fällt, auf die Rede vom Team zu verzichten, verstärkt darüber hinaus die Intuition, dass die sich immer verändernden, von genialen Spielern verkörperten Choreografien längst schon einen prägenden und inspirierenden Einfluss auf die soziale Wirklichkeit genommen haben. Diese Denkmöglichkeit macht die intellektuelle Herausforderung des Fußballs – und des Sports überhaupt – in unserer Gegenwart aus, weil erst sie das Vorzeichen von der schönsten Nebensache hinter sich lässt. Sie muss nicht unbedingt zu dem Versuch führen, den Sport entschlossener als eine Quelle von Variationen in unserem Weltverhältnis zu nutzen – weil ja gerade in der Distanz zum Alltag der praktischen Ziele und Funktionen eine[r] seiner Stärken liegt.

(Gumbrecht a.a.O.)

Aktuelles in Kürze (2)

Zukunftsperspektive

Ich beziehe mich auf den vorigen Beitrag mit gleichem Titel (hier).

Dort hatte ich u.a. eine längere Passage von Richard David Precht zur aktuellen gesellschaftlichen Lage wörtlich zitiert (dargelegt in einem Gespräch mit Nikolaus Blome).

Offenbar referierte er damals aus seinem Buch „Die Zukunft der Arbeit“, das im Gespräch mit Markus Lanz vor zwei Tagen (am 9. März) wieder zu ausführlichen (interessanten!) Erörterungen und Prognosen führte. Wer es also lieber hört statt liest, kann es HIER ab 33:10 nachholen. Auch das vorhergehende Gespräch mit Edzard Reuter (unter Beteiligung von Precht) über die Verhältnisse in der Türkei ist hörenswert.

Übrigens findet man unter dem Titel „Zukunft der Arbeit“ bereits seit dem 19.10.2014 Sendungen (auch auf youtube abrufbar s.u.), z.B. ein Gespräch mit Sascha Lobo:

Wirklich neu erscheint mir das, was ich im folgenden verlinke, um es regelmäßig zu verfolgen (ich verdanke es dem Hinweis im Presserundbrief von Berthold Seliger (s.a. hier), der selbst mit einem schönen Beitrag über Konvention in der Klassik u.a. vertreten ist):

ZITAT

Selbsterwähnungsbusiness III:
In der soeben erschienenen März-Ausgabe der sowieso großartigen und einzigartigen österreichischen Zeitschrift „Versorgerin“ steht mein Artikel „Weltzustimmungsmusik. Über Musik, die gänzlich Konvention sein will und nichts anderes“ (das Schwerpunktthema der Ausgabe ist „Konventionen“). Auch schon online. –

Soweit das Zitat aus dem Presserundbrief von Berthold Seliger, dessen Empfehlung ich mich anschließe, insbesondere auch aufgrund des Artikels von Felix Riedel: Untergangsriten. Zum Relativismusproblem nicht nur in der Ethnologie. Direkt: Hier.

Das private Blog-Angebot von Felix Riedel, das einen durchaus viel Zeit kosten kann, findet man HIER.

Und da auch ich mich ein wenig im Selbsterwähnungsbusiness übe, weise ich – halb incognito – heute noch auf das Festival in der Hamburger Elbphilharmonie hin, das allerdings längst ausverkauft ist:

»Salām Syria«: The Voice of Ancient Syria

HIER Klassische und traditionelle arabische Musik (Einführung JR) oder … besser Hier ?

Ein Beispiel:

WAS TUN?

Hören! Hören! Hören! (Ignorieren Sie die deutschen Infos, die youtube einblendet!)

Das Wort, das der Sänger immer wieder ruft und singt, ist „Sharfadinah“ – „Der heilige Prophet“. (Es geht mir nicht um die Vermittlung einer Religion, sondern um die Wahrnehmung der musikalischen Überzeugungskraft, – wie stark die bloße Musik durch die Rhetorik dieses Sängers ist! Daher zu Beginn nur phonetisch, nicht inhaltlich.)

Versuchen Sie doch, auch den weiteren Text (siehe unten) akustisch zu „entziffern“ und melodisch zuzuordnen, – das erste Wort Makeh beginnt nach den „Auftakt-Signalen“ (0:50) bei 1:18. Nach keniani (Ende 3. Zeile) folgt Sharfadinah, Sharfadinah genau ab 1:28.

Nächste Zeile ab maka (1:33), nächster Komplex 3 Zeilen bis  gazineh (dies Wort 4mal) gefolgt von Sharfadinah, Sharfadinah genau ab 1:44 (sehr leise). Als Refrain bis 2:42 incl. Zwischenspiel. Neuansatz (unvermittelt) mit der Zeile Ayezid kerbo kawnan okara bei 2:43. Ab hier mit Interjektionen, Pausen, Wiederholungen bis detchena (3:30), gefolgt von Sharfadinah, Sharfadinah genau ab 3:31(leise). Wie ein Refrain bis 4:41 incl. Zwischenspiel. Neuansatz mit der (viertletzten) Zeile tchehsbaki jekhawlaia sultan Ayezid ab 4:42. Wiederum mit Interjektionen, Pausen, Wiederholungen (lalesh, lalesh) bis Ende des Textes bei 5:21 (avaya) und Sharfadinah, Sharfadinah plus Text-Wiederholungen (?) und zum Ausklang wieder Sharfadinah, Sharfadinah (kurz), Ende bei 5:57.

Keivo Sharfadinah Text Teil 1 Keivo Sharfadinah Text Teil 2

Wenn die melodisch-textliche Struktur klar geworden ist, kann man fortfahren mit der nächsten Aufgabe (dem nächsten Vergnügen) im folgenden Blog-Eintrag, überschrieben mit Sharfadinah usw. – wobei das usw. besonders interessant wird.

Nachtrag

Natürlich möchte ich nicht im Ernst den inhaltlichen Hintergrund des Liedes unterschlagen: es stammt aus der Überlieferung der Jeziden, über die man sich bei Wikipedia informieren kann. Auch die Bedeutung des Wortes Lalesh oder Lalish wird dort geklärt. Der nächste Beitrag soll sogar mit einer linearen Übersetzung des Liedes enden.

Der lebendige Zugang zu diesen Musiken, ihre Präsenz auf Tonträgern ist letztlich Michael Dreyer zu verdanken, dem Organisator des Morgenland-Festivals in Osnabrück und Kurator des Syrien-Schwerpunktes in der Elbphilharmonie Hamburg. Meine Bemühungen hier im Blog gelten allein der musikalischen Struktur, – ohne jeden Anspruch auf echten Durchblick. Nur ein Versuch mehr zu hören…

Vor allem möchte ich der üblichen Ausrede den Boden entziehen: man müsse erst den Text verstehen, ehe man mit der Musik etwas anfangen kann. Das gilt hier ebenso wenig wie bei Schubert.

Nachtrag post factum

 Die Veranstaltung hat stattgefunden, auch die Einführung. Es fühlte sich aber alles etwas anders an. Eine subjektive Einordung könnte noch folgen, heute nur zwei  Beweisfotos.

JR in HH 170318 In der Elphi, Kleiner SaalHH Aida 170318 Düsterer Blick aus Hotel Hafen Hamburg

Aktuelles in Kürze

Heute wurde der Beitrag Indische Musik in der Elbphilharmonie (Hier) um 1 Foto und 2 Links mit Raga Jog ergänzt.

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Heute Nacht habe ich zu später Stunde im WDR-Fernsehen die Gruppe CAN gesehen. Eine skurille Vorstellung von Anfang der 70er Jahre, eine Form von Anti-Musik, einziges Rückgrat: das unerbittlich durchgezogene Schlagzeug. (Heute Morgen eruiert: da saß der soeben verstorbene Jaki Liebezeit in seinen frühen Jahren.) Das Exotischste nicht der japanische Sänger oder Solo-Zeilen-Schreier, dessen Gesicht hinter senkrecht verklebten langen Haarsträhnen verborgen war, sondern das jugendliche Publikum: sofern die Trauergestalten nicht vom Veitstanz (oder von Drogen) geschüttelt waren, standen sie in lethargischer Haltung herum, verlegen, als seien sie hier zwangsverpflichtet. Die Lustlosigkeit des Lebens in Perfektion. Ein schrecklicher Ernst, wie mitten im Krieg…

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Oder??? Ich lasse hier gleich die spontan gemailte Kritik von Freund BS folgen und bin bereit umzuschwenken: ich war schon ziemlich müde letzte Nacht):

Deinen Absatz zu Can finde ich allerdings etwas hart. Das war schon eine o.k.e Gruppe, im Nachhinein betrachtet, ich konnte damals (da war ich ja noch ein Teenager) nicht viel damit anfangen, wie mit der ganzen deutschen Popmusik der 1970er Jahre, ich habe mal Amon Düül in Oberbayern im Wald auf einem kleinen Festival gesehen, das fand ich sehr merkwürdig, Kiffermusik, die mich vor Rätsel stellte. Klaus Schulze und den Hamel fand ich furchtbar. Und Can hab ich auch nicht goutiert. Aber in den letzten Jahren doch allmählich kapiert. Liebezeit und Czukay haben ja bei Stockhausen studiert und einer war auch sein Assistent, und mit ihrer Gruppe haben sie zusammen mit dem Japaner, der Autodidakt war, versucht, einiges davon in die Rockmusik einzubringen, was sie im (WDR?)Elektronik-Studio in Köln gelernt hatten. Das ist, aus heutiger Sicht, nicht alles schlecht und manchmal sogar interessant. Es ist eben auch immer eine Musik gegen die (Nazi-)Väter-Generation, und gleichzeitig gegen die britische Popmusik dieser Zeit. Und als „Krautrock“ einer der wenigen Beiträge der bundesdeutschen Popmusik zum internationalen Pop- & Rock-Katalog (neben Kraftwerk, mehr ist da ja nicht…). Ich glaube Dir sofort, wie die Tanztypen aussehen mit ihrem Ausdruckstanz, ich finde es aber ungerecht, das so zu schreiben – die Armen, sie konnten ja nichts (wenig?) dafür, so zu sein, wie sie waren. Und wie die Leute mit ihren Batik-T-Shirts bei Folkfestivals tanzen, ließe sich leider im Großen und Ganzen ähnlich beschreiben. I don’t blame them. Ich hoffe, es gibt keine Aufnahmen davon, wie ich in den 1970 „frei“ getanzt habe. Grins.

Ja!! sehr guter Einwand. Ich war selbst einer, der Nachsicht brauchte. Oder immer noch braucht. (JR)

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Auch merken: im Nacht-Gespräch V.D.Precht (mit BILD!-Chef Nikolaus Blome) gab es von ihm eine gute Prognose in Kurzfassung. Aufsuchen im ZDF HIER. Seltsam am Verlauf des Gesprächs: wie nachdenklich ein BILD-Journalist werden (oder sein?) kann.

Richard David Precht (betr.: Angst) a.a.O. 7:44 bis 9:23

[Wir stehen] vor einem Umbruch, der strukturell der größte seit 250 Jahren ist. Also vor 250 Jahren entstand in England die liberal-demokratische, kapitalistische Gesellschaft, die langfristig, über einen langen Weg auch von Korrekturen durch die Arbeiterbewegung usw. zur sozialen Marktwirtschaft geführt hat und zu den bürgerlichen Gesellschaften, die wir heute kennen. Das war die Grundlage, die erste industrielle Revolution. Und diese industrielle Revolution hat aus Ländern, aus Bauernländern, Länder(n) von Fabrikarbeitern gemacht, hat den Handel explodieren lassen, die Industrialisierung vorangetrieben usw., wir ernten heute sehr weitgehend die Früchte dieser Entwicklung.

Und jetzt haben wir wieder eine technische Revolution, die genauso einschneidend ist, wie die, die [es] damals gab. Und in den nächsten 20, 30 Jahren wird sich unsere Leistungsgesellschaft, unsere Industriegesellschaft, wie wir sie kannten, vollständig auflösen zugunsten einer anderen Gesellschaft, die sehr übel sein kann, die vielleicht auch gut sein kann, und das ist es, was die Leute überall spüren, dass es eben nicht mehr weiter geht wie bisher. Business as usual ist nicht mehr möglich angesichts der gewaltigen Umbrüche. [Blome: …aber das wissen die Deutschen! Das weiß die Mitte! Jeder zweite Deutsche, der arbeitet, arbeitet in einem Beruf, den er nicht erlernt hat, er hat schon mal den Job gewechselt. Der hat schon einmal komplett sein Leben eingerichtet.] Wir reden da von Szenarien, die im Augenblick da in Davos besprochen werden, die die Oxford-Studie zur Zukunft der Arbeit und viele andere nahelegen, dass in 20 Jahren mutmaßlich – genaue Zahlen gibt’s nicht, aber mutmaßlich – jeder Zweite in Deutschland keiner Lohnarbeit mehr nachgehen wird. 9:23

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Kürzlich eine Passage von Dariusz Szymanski aufgeschrieben (und dabei gegrinst):

ich hab jetzt was von Goethe gelesen, das war so ein Theaterstück, das war die Iphigenie, glaube ich, genau, und die wurde irgendwo aufgeführt, und dann habe ich in der Zeitung gelesen, mein Gott, das ist ein furchtbares Stück, das kann man überhaupt nicht mehr auf die Bühne bringen. Wann würde man bei uns sagen, mein Gott, die Neunte von Beethoven, die ist furchtbar, die kann man eigentlich gar nicht mehr spielen. Das wird bei uns nicht gemacht, also wir machen eigentlich immer Beweihräucherung, wir machen sozusagen…

(siehe hier)

Dazu folgender Text:

In der Märchenwelt der Klassik werden die Mächte des Bösen verzaubert. Alles Verzerrte, Verquälte, Unproportionierte, Unorganische, Unproduktive, Subversive, Chaotische erscheint hier nicht ausgeschlossen, sondern – gebannt. Unter den magischen Auspizien ihrer unheilsam heilsamen Erklärungszwanghaftigkeit entwickelt das zugleich rationale und magische Denken der „Klassik“ ein Weltbild mit autonomen Gesetzen: so gesehen, als skurille, versponnene Träumerei, wäre selbst Iphigenie möglicherweise noch einmal spielbar.

Quelle Jürgen Wertheimer: Goethes Glück und Ende, oder: Vom verhängnisvollen Schicksal, Klassiker zu sein / in: Über das Klassische Herausgegeben von Rudolf Bockholdt Suhrkamp Taschenbuch Materialien Frankfurt am Main 1987 / Seite 101-109

Bei dieser Gelegenheit entdeckt (Wikipedia Jürgen Wertheimer), über JWs Standpunkt:

Ein-Deutigkeit sei artifiziell und werde im Konfliktfall konstruiert und inszeniert, um Vielfalt zu negieren, zu tarnen, zu verstecken oder beiseitezuschieben, so Wertheimer in einem Beitrag von 2002. Im Normalfall, den es zu verteidigen und zu emanzipieren gelte, seien unspektakuläre Sätze wie jene möglich, die der Bekleidungskonzern Benetton den Jugendlichen Yussef sagen lässt, in einem Kollektionskatalog vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konfliktfeldes: Er sei froh, ein Mischling zu sein. Wertheimer argumentiert, Benetton wolle keine Heile Welt- oder Multikulti-Idylle verkaufen, sondern es gehe darum, en passant „ein Gefühl für die innere Vielfältigkeit und Komplexität normaler Lebensläufe in Konfliktfeldern herzustellen.“

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Heute muss ich an „Khor Halat“ (Kurdistan / Kobane) weiterarbeiten. Eine interessante Frage ist aufgetaucht: gibt es dort „enharmonische Verwechslung“ oder eine Arte von Collagetechnik in der Kombination zweier (!) Melodien? Vielleicht ist es eine Idee des Komponisten (!) Sohrab Pournazeri.

13:05 Uhr Arbeit an diesem Stück (Skizze inzwischen ausgetauscht) beendet. Es fehlt allerdings noch der Clou, den ich erhoffe (siehe dort).

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Beim Klavierüben – wieder mal das Wohltemperierte Cl. I Praeludium e-moll – neu überdacht, was es mit dem rollenden Bass der linken Hand auf sich hat, der aus einer Übung für Friedemann hervorgegangen ist. (Siehe im gescannten Text HIER Seite 415 ab vorletzte Zeile und weiter). Dieser Bass hat zweifellos etwas zu bedeuten – soll Bach die wunderbare Melodie für nichts erfunden haben – oder nur, um uns parallel dazu wissen zu lassen „Übung macht den Meister“? Niemals. Der Bass weiß doch gar nichts mehr von der Übung, er übermittelt vielmehr etwas Ähnliches wie der Anfangschor der Johannespassion! Und wie ist die rollende Figur dort zu deuten? Sicher nicht als Wehen des Heiligen Geistes, wie es angeblich Martin Geck vermutet. (Dieser unfassbare Geist weht eher so ähnlich wie in der Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“, also durchaus nicht wie ein Donnergrollen.) Mit anderen Worten: es dürfte ein neuer Blog-Artikel daraus werden. Ich habe einen plausiblen Hinweis gefunden, der vielleicht sogar bei der nachfolgenden Fuge weiterhilft, der spitzigen, zweistimmigen Fuge, die vom Teufel reden mag, aber nicht vom Heiligen Geist.

Und damit endet dieser etwas zusammengewürfelte Blog-Artikel, der seit dem 5. Februar ein paar zufallsgebundene Aktivitäten festhalten sollte. Es ist 20:45 Uhr, 7. Februar.

Des Philosophen ornamentale Rhetorik

Zur Genese vorkultureller Polemik

Man wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis Herfried Münklers Kritik an den beiden Philosophen Sloterdijk und Safranski eine Erwiderung bekommen würde (siehe auch hier). Verwundern konnte jetzt nur die Länge der Sloterdijk-Suada, die vielleicht nur darin ihren Grund hat, dass die Überschrift bereits inhaltlich erschöpfend wiedergibt, was im Gedächtnis haften bleibt: „Primitive Reflexe / In der deutschen Flüchtlingsdebatte erleben Rüdiger Safranski und ich Beißwut, Polemik und Abweichungshass“.

Das Stichwort Beißwut signalisiert bereits, dass eine feine Unterfütterung möglich wird, Prisen substantiellen biologischen Sandes im Getriebe der philosophisch umgeleiteten Reflexe. Vielleicht auch nur große Metaphern, die man diesem Philosophen mit Vorliebe um die Ohren haut: Beißwut und Reflex gleich „Hund, Pawlowscher“…

Man gewinnt den Eindruck, dass es dem Autor in seinem Artikel quälend lang um die Demonstration des eigenen Niveaus geht, wobei er jedoch auf einige Gags zweifelhaften Geschmacks nicht verzichten mag:

ZITAT

Man darf davon überzeugt sein, Pawlow hätte die Entwicklung der deutschen Debatten mit größtem Interesse betrachtet. Er würde sich in seiner reflexologischen Grundansicht bestätigt fühlen, sofern es tatsächlich oft nichts anderes als Auslöser-Zeichen sind, die bei Teilnehmern an aktuellen Diskussionen den Speichel fließen lassen, sollte es auch bereits digitaler Speichel sein. Bei manchen semantischen Stimuli wie „Grenze“, „Zuwanderung“ oder „Integration“ ist die Futtererwartung des erfolgreich dressierten Kulturteilnehmers so fest fixiert, dass der Saft sofort einschießt. Solange auf Foren genässt wird, darf man vermuten, die Absonderungen blieben harmlos. Pawlows Hund hat nie jemanden gebissen, selbst wenn man ihn mit leeren Signalen abspeiste.

Das geht durchaus in die Nähe historischer CSU-Entgleisungen, die seit Franzjosefs Zeiten vor animalischen Anspielungen nicht zurückschreckten. Der Hinweis, dass Münkler kein kleiner Kläffer ist, im Gegensatz zu einem gewissen Kölner Philosophen, steht noch bevor. Aber die hinrichtende Vokabel für böse Lesarten der von Ornamenten überbordenden Texte liegt schon bereit: Nuancen-Mord.

ZITAT

Man hat zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass in einer alphabetisierten Zivilisation das Lügen eine Variante entwickelt: das absichtliche schlechte Lesen, das heißt die praktische Ausübung des Nuancen-Mords. Es sind naturgemäß politisierte oder politologisierende Intellektuelle, die bei diesem Vergehen die Täterstatistik überproportional bevölkern. Sie fallen dadurch auf, dass sie Ideen umzingeln wie Frauen in Silvesternächten.

Lese ich schlecht? Oder sogar recht und schlecht? Wer hat nun Ideen umzingelt und wer die Frauen in der Silvesternacht? Ist der Mann bei Troste? Wenn er endlich im letzten Viertel seines Textes auf dessen Anlass und Zweck zu sprechen kommt, tut er so, als sei das nur ein beiläufiges Impromptu:

ZITAT

Ein kurzes Wort will ich anfügen zu der Polemik von Herfried Münkler gegen Safranskis und meine Äußerungen über deregulierte Migrationen und übers Ufer getretene Flüchtlings-“Ströme“. Der Fall hat eine aparte Seite, da Münkler kein kleiner Kläffer ist, wie ein Philosophie-Journalist aus der Narren-Hochburg Köln, der offensichtlich immer noch nicht weiß, wer und wie viele er ist. Münkler jedoch hat sich als Autor von Statur erwiesen. Umso erstaunlicher bleibt seine Fehllektüre-Leistung, die er in einem Artikel dieser Zeitung vor wenigen Wochen zum Besten gegeben hat.

Immerhin: anders als bei Precht sieht er hier nur eine Fehllektüre-Leistung und keinen Nuancen-Mord.

Das alles ist unbegrenzt ausbaufähig, jedes Detail kann paraphrasiert werden. Bis endlich die Stretta der letzten Sätze eine natürliche Coda ergibt:

ZITAT

In der Zwischenzeit, denke ich, sollte Herr Münkler die Gelegenheit nutzen, seine okkasionellen Ungezogenheiten zu überdenken. Offenbar stammen seine polemischen Thesen (er war erregt genug, meine und Safranskis Sorgen-Thesen als unbedarftes „Dahergerede“ zu bezeichnen) doch auch zum Teil aus der Sphäre der vorkulturellen Reflexe, nicht zuletzt aus dem Revierverhalten und dem Streben nach Deutungshoheit. Sind unsere Sorgen nicht zu real, als dass sie auf die Ebene von Gezänk zwischen Krisen-Interpreten gezogen werden dürften? Es kann nicht wahr sein, dass ausgerechnet unter Intellektuellen die unbedingten Reflexe gegenüber den bedingten die Oberhand gewinnen.

Bleibt nur noch eine Nacharbeit auf dem Felde der Kläffer-Komplexe: Was unterscheidet nochmal die bedingten von den unbedingten? Man schaue hier. Und was den Hund schlechthin angeht, hier!

Quelle der Zitate DIE ZEIT 3. März 2016 Seite 39-40 Primitive Reflexe In der deutschen Flüchtlingsdebatte erleben Rüdiger Safranski und ich Beißwut, Polemik und Abweichungshass. Eine Antwort an die Kritiker. Von Peter Sloterdijk.

Nachtrag 21. März 2016

Ich hätte mir denken können, dass es nicht bei der Entgegnung des Philosophen bleiben würde, und erst mit der neuerlichen Antwort des Politologen wird aus dem polemischen Wortwechsel ein hochinteressanter Diskurs über strategisches Denken und gedankliche Ausweichmanöver. Stoff genug für ein methodisches Seminar. Ich würde viel darum geben, wenn sich auch Rüdiger Safranski dazu äußern würde.

DIE ZEIT 10. März 2016 Seite 42 Weiß er, was er will? Der Philosoph Peter Sloterdijk hat sich vorige Woche in der ZEIR gegen die Kritik von Herfried Münkler gewehrt und ihn einen „Kavaliers-Politologen“ der Kanzlerin genannt. Eine Antwort / Von Herfried Münkler.

62 Minuten zur realen Situation

TV: nicht nur konsumieren, sondern nach-denken, analysieren

ttt sendung Screenshot 2016-02-02 07.29.39 Zum AnHÖREN nächstes Wort klicken:

Hier  ttt Titel-Thesen-Temperamente / ab Minute 1:00 bis 6:16 Blom, Leggewie (5 Minuten)

Unser Wohlstand ist immer die Armut von anderen.

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zdf Lanz Screenshot 2016-02-02 07.41.12 Zum AnHÖREN nächstes Wort klicken:

Hier In der Sendung Markus Lanz: Albrecht von Lucke ab 4:26 bis 16:45 (12 Minuten)

Parteien-Strategie / das heißt: die AfP ist ein Gefäß für alle eher autoritär orientierten Menschen aller Parteien. Und für alle jene, die Sorge haben, dass dieser Staat kippen würde.

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zdf prechtScreenshot 2016-02-02 07.46.14 Zum AnHÖREN nächstes Wort klicken:

Hier  Richard David Precht & Alexander Kluge / die ganze Sendung „Komplexe Welten – Ratlose Menschen“ (45 Minuten)

Trotz allem: Orientierung! Narration! Zusammenhang!

Einleitung Precht:
„Wir leben heute in der komplexesten Welt, die es je gab. Das globalisierte und digitalisierte Zeitalter liefert uns eine unüberschaubare Menge an Daten und Informationen über alles. Doch je mehr wir wissen, um so weniger scheinen wir zu wissen, was wir glauben und was wir tun sollen. Wie sollen wir leben? Was sind die richtigen persönlichen und politischen Entscheidungen? Es scheint, als ob wir es nicht mehr schaffen, die Fülle der Informationen zu durchdenken und zu gewichten.
Darüber rede ich mit dem Filmemacher, Fernsehproduzenten und Schriftsteller Alexander Kluge.“

Kongs große Stunde (Kluge 2015): 1. Satz – „Wieder einmal hatte die Menschheit sich übernommen.“

Das erinnert mich sehr an die aktuelle Situation: haben wir uns mit allem übernommen? Leben wir in einer Welt, in der wir zu viele Informationen haben? In der wir keine Zusammenhänge mehr stiften können und verloren zu gehen drohen?
A.K.: Ich glaube, dass das nie anders war.
PR Also, Sie denken jetzt daran, dass in früheren Zeiten die Menschen ihre Lebenswelt als ähnlich überfordernd erlebt haben wie wir heute?
A.K.: Sie haben’s selbst mal geschrieben: im 12. Jahrhundert, also sehr weit zurück, in der Zeit Barbarossas, ist es so, dass das Jahrhundert so schnell vorangeht, so viel Wechsel hat, die Gesellschaft sich dauernd ändert, dass man zweimal im Leben lernen muss, man muss also als 50-, 60-Jähriger nochmal auf die hohe Schule. Das ist der Zeitpunkt, wo die Universität begründet wurde. Ja, ein glanzvolles Jahrhundert, aus Not.

PR Man müsste also umgekehrt fragen: hat es mal Jahrhunderte gegeben, in denen die Menschen mit der Geschwindigkeit, mit der die Welt sich weiterentwickelt, im Einklang waren, nicht überfordert?

A.K.: Eigentlich kenne ich solche Jahrhunderte nicht. Als es mal augusteisch werden sollte, so um 1600, da kam der 30jährige Krieg. Als die Klassik sich mal so richtig einrichtet, kommt die Romantik, kommen Napoleons Kriege, ja, als die vorüber sind, kommt wieder Unruhe, neue…

PR Ist vielleicht so: je statischer, totalitärer, auf Ewigkeit programmiert ein Gesellschaftswurf ist, um so schneller wird er sich wieder ändern.

A.K.: Das können Sie sagen. Oder Sie können umgekehrt sagen: wenn Milch und Honig einfach fließen, und die gebratenen Tauben in den Mund … reisen, dann bewegt sich die Gesellschaft nicht. Hermann Parzinger hat das sehr eindrucksvoll beschrieben: im Süden von Ägypten – wo später die Pharaonen sein werden – gab es diesen Luxus, wo die Natur so reich war, dass die Menschen dort die Bronzezeit versäumten, die Eisenzeit versäumten, und sich überhaupt nicht entwickelten, und später unterjocht wurden durch das, was aus Libyen, aus der Wüste, aus der Not heraus kam.
PR … d.h. der ganze Fortschritt – nicht nur beim Menschen, sondern in der Natur – ist abhängig von sich schnell wandelnden Umweltbedingungen. Wenn die Umweltbedingungen immer gleich bleiben, wie in der Tiefsee, da gibt es Organismen, die dort vielleicht 200 Millionen Jahre überleben, weil nichts passiert… Und da, wo der Umweltdruck besonders hoch ist, ändern sich die Menschen. Das klingt so, als ob ein überfordernder Zustand vor allem positiv zu interpretieren sei, nämlich als Chance der Weiter- oder gar Höherentwicklung.

A.K.: … und da ist ein Fehler noch drin in dem Gedanken, nämlich: sie müssen früher mal Glück gehabt haben, und sozusagen ’n Stück Ruhe gehabt haben, z.B. an der Mutterbrust, ja, oder in einer Gesellschaft, die einen Moment lang Nischen hatte, und dann anschließend kommt die Herausforderung, und jetzt können sie sie beantworten.

PR Weil, das Veränderungspotential entspringt nicht aus der Veränderung, sondern muss vorher da sein und wird dann aktualisiert.
Haben Sie nicht gleichwohl trotzdem den Eindruck, dass wir in einer Zeit leben, die auf enorme Art und Weise mit sich überfordert ist, dass wir eine Politik haben, die es schwer hat, in großen Zusammenhängen zu denken, die vor den Herausforderungen, vor denen wir stehen, beispielsweise vor der Flüchtlingskrise, eigentlich viel zu klein, viel zu überfordert, viel zu eng, viel zu sehr in kleine Sachverhalte verstrickt ist, um dieses Thema auch nur ansatzweise bewältigen zu können? (weiter ab 4:20) Nur noch Stichworte:

7:50 Aufstieg des Kapitalismus. „World com“. Aufflackern von Tribalismen. Energie, die darin liegt. Kulturelle Gleichschaltung durch die Medien – wie Lava über allem. 10:00 Die eine Welt global, die des Kreon, aber die andere, Antigones, bleibt persönlich. Liebesbeziehungen, die den Erdball umspannen, globale Beziehungen, mit denen man Geld verdient. „Autobahnen“ – „Dornröschen“. Welt der kommerziellen Wirklichkeiten – was grenzen sie aus? Pläne – Geschichten, die keinem Plan folgen. Flüchtlinge. 13:00 Lebensläufe immer partikular, plötzlich aber verschränkt mit dem Ganzen. Dieses Lebendige ist das, was man erzählen kann. Internet = neue Öffentlichkeit. Piazza! Reibung. Internet als Maschine der Bestätigung von Vorurteilen. 15:00 Spiegel online, alles in einem Satz sagen müssen, Amazon-Empfehlungen, Wohlfühl-Gesellschaften, Liebesgeschichten, Mensch kein rationales Wesen, Konjunktiv, Optativ im Griechischen, Grammatik der Gefühle, Fiktionsbedürftigkeit des Menschen, dagegen Matrix des Marktes, zugleich wachsendes Bedürfnis nach Geschichten, „das ist absolut wahr, was Sie sagen“, nackte Information kann den Menschen nicht befriedigen, Partisanen in uns, das Anarchische im Menschen ist so stark 20:00 Verschwörungstheorien. Was Menschen empfinden bleibt authentisch. Geburt – nicht digitalisierbar. Menschen erfinden Geschichten nach dem Muster der Medien. Man muss aber „buddeln“, um das Authentische zu finden. 22:40 „Mein Sohn macht in der Schule die Bürgschaft von Schiller“. Hollywood als Schulaufgabe. Das technische Denken als Quelle der Phantasie. „Die Pyramiden bluten“. Was ist Freund? Was ist Versprechen? Schiller als Erzähler, als Illusionist. 25:00  Was ist Tyrann? Der eine menschliche Regung zeigt. Man kann genauso die Bösartigkeit der Welt aus der Geschichte ablesen, denn nichts aus der Ballade „Die Bürgschaft“ ist wahrscheinlich, und dennoch sagt Schiller: das Unwahrscheinliche wird Ereignis, – andernfalls: wäre diese Geschichte uninteressant. Ein so phantasiebegabtes Tier wie der Mensch müsste an der Realität verzweifeln, wenn er sie ernst nähme. Arno Schmidt: Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität und zerschellen dann – wie billig – daran. Wenn sich nun die Fiktionsbedürftigkeit und die Information nicht mehr trennen lassen… Umkippen der Stimmung nach den Ereignissen am Kölner Hbf., im größten Teil der Medienereignisse geht es um Auflösung detektivischer Zusammenhänge, aber wir versuchen nicht mehr, die großen Zusammenhänge zu begreifen, man verwechselt die dramaturgischen Ereignisse mit der realität… A.K. : „Aber war das je anders?“ Gutenberg Druckerkunst Pamphlete mit Aufrufen zum Krieg, also viel Schrott. Luther? Viel Unfrieden gestiftet. 30Jähriger Krieg = die Summe alles Gedruckten – in einer Welt, die völlig überfordert ist mit alldem, und da hat man sich doch auch orientiert: da gibt es plötzlich in 5 Jahren einen Blitzfrieden, plötzlich konnte jeder seine Meinung kundtun, plötzlich wird Öffentlichkeit geschaffen. Die Öffentl. zwingt die Monarchen sich zu vertragen! Die gleiche Öffentl., die vorher den Krieg begünstigt hatte. Vergleich mit Arzt, Körper und Infektion. Ähnliche Überforderung durch Internet? Adorno: Weder von der Macht der Verhältnisse dumm machen lassen noch von der eigenen Ohnmacht. Stichwort „Angst“: 30:00 A.K.: Ich würde versuchen gegenzusteuern, poetisch sehr leicht, ich hol mir den Ovid, den Ossip Mandelstam etc. ich hol mir andere Poeten zu Hilfe. Und kann da wie mit einer Droge durch Illusionstätigkeit, durch Narration, durch Erzählen die Angst eindämmen. 30:30 PR Was wären heute die wichtigsten Narrative, um heute die Angst vor dem Islamisierung oder Überfremdung? A.K. : ZUSAMMENHANG! D.h. Wenn ich den IS sehe, kommt mir schon das Grauen, und ich kann dagegen poetisch nichts ausrichten. Habe mal versucht mit Helge Schneider FILM …ging nicht. Jetzt nehme ich Karl May… „Im Lande des Mahdi“… dadurch dass eine Geschichte erzählt wird, bin ich entspannt. … neben der Realität. Dass diese Realität noch andere Zeichen hat. PR: Über historische Zusammenhänge reden, um Menschen die Angst zu nehmen? Karl May „Durchs wilde Kurdistan“. Reiseroute der Flüchtlinge. Hat aber mit Wirklichkeit gar nichts zu tun, er ist kein Forscher. Deutscher Provinzler, der sich mit der Welt beschäftigt. PR: Inwieweit könnte ein Narrativ in der heutigen Angstkultur helfen? (Viele Menschen haben heute Endzeitphantasien.) 35:00
A.K.: Kants kleines Buch „Sich im Denken orientieren“. Wie ein Horizontwanderer… Vertrauen entwickeln – egal ob durch Wahrheitssuche oder durch Erzählung und Fiktion. Vertrauen! „Die Medien leben von einem Minderwertigkeitskomplex“ der Gesellschaft. Sie dürften sich nicht zentralistisch organisieren, sie müssten Tunnelbau betreiben. PR: dass wir eine impressionistische, pointilistische Art haben, die Informationen aneinanderzureihen, ohne sie in einen Zusammenhang zu bringen.
A.K.: Machen wirs doch mal praktisch: „Nathan der Weise“ von Lessing. Moslem, Christ, Jude. Wenn ich das mit Ihnen zusammen zu dichten hätte… neu schreiben. Die Geschichte selber kann uns immun machen gegen die größten Irrtümer. 1. Weltkrieg, 79 Friedensgelegenheiten. Wo läge der glückliche Ausgang heute, den wir im Moment nicht sehen? Frühere Flüchtlingsbewegungen, Ungarn 1956. USA. 40:00 Emigrant, der die Heimat mit sich fortträgt, um sie in der Ferne wieder zu restituieren. „Wenn wir – Syrien hier erneuern – damit etwas zu tun hätten!“ Unsere Emigranten 1848, die breite Teile der USA mitbegründen, aus Galizien, nationalhymne Deutschlands außerhalb entstanden, in Erinnerung an, Urmythos vom alten Ehepaar Philemon und Baucis, eines Tages kommen Gäste, Götter, was sie nicht wissen, sie opfern etwa, teilen mit ihnen, werden belohnt, dürfen sich wünschen, am gleichen Tag zu sterben und wachsen später als Baum zusammen. Der Preis, dass man glücklich wird, – ist die Gastfreundschaft. Kant: diese Gastfreundschaft ist Naturgesetz. Wenn unser Planet rund ist, Kugel, müssen wir einander begegnen, daraus folgt, dass wir uns freundlich aufnehmen müssen, wenn es uns nicht verletzt. „ein Mensch, der die Grenzen dicht macht, gewinnt vielleicht Ruhe, aber kein Glück.“ Ein letztes Maß an Spontaneität. Keine Mauern zusätzlich zu denen, die es in der Welt schon gibt. Es gibt keinen Ort, an dem soviel Geschichten entstehen, wie dort, wo man mit Gästen zusammensitzt. 44:18 ENDE

Unruhe und rasender Stillstand

Unter dem Eindruck der Lektüre des Buches „Die Unruhe der Welt“ von Ralf Konersmann notiere ich mir zum nochmaligen Hören und Sehen die gestrige PRECHT-Sendung mit dem Beschleunigungs-Analysten Hartmut Rosa. Besonders erstaunlich – angesichts der nächtlichen Stunde und des Themas – das unerhörte Sprechtempo der beiden (sehr einvernehmlichen) Gesprächskontrahenten. Ein Grund mehr, das Gespräch nachzuhören mit der Chance, hier und da die Stopptaste zu drücken. Übrigens weigere ich mich, Richard David Precht als Modephilosophen abzutun: wo gibt es sonst so intensive Gespräche mit Themen, die uns interessieren müssten – außer vielleicht auf Youtube (dort aus alten Zeiten aufbewahrt)? Nebenbei gesagt stammt er aus Solingen, und in philosophischem Zusammenhang erlebt man die Stadt, in der gern die angeblich „Schärfste Klinge“ verliehen wird, wohl ansonsten nur 1mal: zu Beginn der Kantschen „Prolegomena“, deren Vorwort in der Neuausgabe unterzeichnet ist mit „Solingen 7. August 1905“ und dem Namen  Dr. Karl Vorländer.

Zitate aus dem oben (und unten) genannten Buch – auch Hartmut Rosa und den großen Anreger Paul Virilio betreffend – sollen folgen.An dieser Stelle nur der Link zur ZDF-Sendung:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/1704486#/beitrag/video/2420740/Rasender-Stillstand

bzw.

HIER (43:17) Prinzipien: Angst abgehängt zu werden / Mehr Welt erreichbar machen / ab 8:50

Wikipedia zu Hartmut Rosas Habilitationsschrift über „Soziale Beschleunigung. Die Veränderung der Temporalstrukturen“.

Die „technische beziehungsweise ökonomisch induzierte Beschleunigung“ zeigt sich in der rasanten Entwicklung der Technik im 19./20. Jahrhundert und der sozialen Beschleunigung der Menschen. Die Geschichte der Moderne sei gleichzeitig die Geschichte von Beschleunigung. Aufgrund des Zeitgewinns durch technischen Fortschritt entstehe eine Zeitnot und kein Zeitgewinn. Laut Rosa führt die Vielzahl der Möglichkeiten dazu, dass ein Mensch die ihm gegebenen Möglichkeiten nicht mehr im Laufe seines Lebens ausschöpfen kann. Die „Steigerungsrate übersteigt die Beschleunigungsrate“, was dazu führt, dass das gerade Erlebte bereits nicht mehr up to date ist und die Individuen keine Chancen haben „lebensgesättigt“ zu sterben, wie es auch schon Goethes Faust erging. Rosa kreiert das „Slippery-Slope-Phänomen“, welches ausdrücken soll, dass der Mensch sich nie ausruhen kann/darf und sich nie zufriedengeben darf, da er sonst einen Verlust oder einen Nachteil erleiden könnte. Rosa sieht keine Steuerungsmöglichkeiten des Lebens für den Menschen mehr, da sich das Tempo der Beschleunigung verselbständigt habe.

ZITAT Konersmann zu Paul Virilio und Hartmut Rosa (Anm.19 Seite 372)

Die Rede vom Ende der Geschichte ist seltsam diffus und bedient sowohl die Kritik des „rasenden“, technikinduzierten „Stillstandes“ (Paul Virilio) als auch den gegenläufigen Befund leerlaufender, aber auch alternativlos scheinender „Beschleunigung“ (Hartmut Rosa). Das Hegel-Interesse Kojèves, des prominenten Stichwortgebers all dieser Deutungen, ist einseitig, und die Zusammenführung der historischen Spekulationen Antoine-Augustin Cournots (1801-1877) mit der  Phänomenologie von 1807 ist für den aufmerksamen Hegel-Leser kaum mehr als eine elegante Überspitztheit. Anknüpfend an das Herr und Knecht-Kapitel der Phänomenologie möchten die von Kojève zwischen 1933 und 1939 vor einer illustren Hörerschaft gehaltenen Vorlesungen die Politik der sozialen Kämpfe fortsetzen, Hegels Kriterium der Vernünftigkeit jedoch fallenlassen. Damit verliert die von Kojève beeindruckte Leserschaft das Problem aus dem Blick, dem sich Hegel mit der Kopplung von Vernunft und Geschichte gestellt hat: das Problem der Unverfügbarkeit des menschlichen Handelns und der historischen Zeit. Für Hegel ist die Vernunft keine Verlegenheit, kein verschämtes Zugeständnis an den Traditionalismus der Vormoderne, sondern das Mittel der Wahl, um die Unruhe aufzuspalten und zwischen bloßem Tumult und regelrechter Entwicklung zu unterscheiden. Hegel hat die Wächterfunktion der Vernunft immer wieder betont: Niemals darf sie schlafen! (Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, a.a.O., S.23).

ZITAT Konersmann zu seinem eigenen Vorhaben (Seite 17)

Was also ist das für eine Kultur, die sich, ohne dies jemals beschlossen zu haben, der Unruhe verschrieben hat? Und wie ist sie zu diesen Vorentschiedenheiten, die in keinem Katechismus, keinem Verfassungstext oder sonstigem Verhaltenskodex festgeschrieben sind, gekommen? Indem ich diese Fragen stelle, sollte klar sein, dass das vorliegende Buch keine Anklage erhebt und weder Gegenwelten entwerfen noch Ratschläge erteilen will. Es will die Aufmerksamkeit schärfen und herausarbeiten, wie kulturelle Konventionen aufkommen und wie sie durchgesetzt werden. Was mich interessiert, ist die Unwiderstehlichkeit der Unruhe, ist der kulturelle Laderaum dieses Prinzips und die Robustheit der von ihm getragenen Vorstellungswelt.

Quelle Ralf Konersmann: „Die Unruhe der Welt“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015

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Nachtrag nach einem Jahr: Stimmgabel und soziale Resonanz

In der ZEIT die Besprechung eines neuen Buches von Hartmut Rosa: „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“. Suhrkamp Berlin 2016.

ZITAT

Das merkwürdige (zweifelhafte) Suggestiv der Metapher von der Stimmgabel: so funktioniere der wünschenswerte Kontakt zwischen Menschen.Dabei will er sich nicht mit einer „metaphorischen Verwendung des Begriffs“ begnügen, sondern die Resonanz als „sozialphilosophischen Grundbegriff“ und als „sozialwissenschaftliche Analysekategorie etablieren“.

Dazu muss Rosa die Vagheit der Resonanz verringern – und so landet er am Ende doch bei der Physik, nämlich bei der Stimmgabel:

„Bringt man zwei Stimmgabeln in physische Nähe zueinander und schlägt eine davon an, si ertönt die andere als Resonanzeffekt mit. Wenn Subjekte also im Sinne der Leitthese dieses Buches auf Resonanzerfahrungen hin angelegt sind, so können sie darauf hoffen, als ‚zweite Stimmgabel‘ von etwas Begegnendem zum Klingen gebracht zu werden – oder aber im Sinne der ‚ersten Stimmgabel‘ so lange zu suchen, bis sie ‚Widerhall‘ finden.“

Das klingt gut und schön – ist es aber leider nicht.

Mit dem Resonanzbegriff handelt sich Rosa eine Vorgabe eib, die er pikanterweise nicht erwähnt: Das Spiel mit den Stimmgabeln funktioniert bekanntlich nur, wenn sie genau gleich gestimmt sind. Resonanz steht eigentlich für öden Gleichklang und bestraft jede Abweichung mit Totschweigen. Passenderweise hat deshalb der hierzulande leider kaum gelesene, von Rosa immer beibeiläufig erwähnte Politikwissenschaftler William Conolly vorgeschlagen, den Kapitalismus mit seiner nivellierenden Wirkung als „Resonanzmaschine“ zu beschreiben.

Quelle DIE ZEIT 16. Juni 2016 Seite 41 Soziologie mit der Stimmgabel / Mehr Resonanz, bitte! Hartmut Rosa will die Gesellschaft, deren Beschleunigung er immer beklagt, durch zwischenmenschliche Anerkennung heilen. Von Dieter Thomä.