Archiv für den Monat: September 2021

Sind wir eine „Kulturnation“?

Das klingt schön, jeder möchte vielleicht dazugehören und wäre damit engstirniger nationalistischer Vorurteile kaum verdächtig. Allerdings muss man nur an die neue Rolle des Islam denken, die sich seit der Zeit der „Türkenkriege“ ziemlich geändert hat. Nur aus historischen Gründen verübeln wir es unserm „fünften Evangelisten“ Johann Sebastian Bach kaum, wenn in seinem Kantatentext Satan, Türke und Papst gleichermaßen gebrandmarkt wurden. Andererseits ist vielen Menschen nicht klar, aus welchen Gründen man bei uns ein besonderes Problem mit der Einwanderung hat, das sich nicht mit dem Hinweis auf Kultur und Sprache lösen lässt. Wir sind keine „Nation von Volksgenossen“.  Jürgen Habermas hat das mit Blick auf unser Nachbarland erläutert:

Als Franzose gilt, wer in Frankreich geboren und die Rechte eines französischen Staatsbürgers besitzt; bei uns hat man noch bis zum Ende des letzten Krieges feine Unterscheidungen zwischen »Deutschen«, also Staatsbürgern deutscher Abstammung, »Reichsdeutschen«, d.h. Staatsbürgern anderer Abstammung, und   »Volksdeutschen« – den Deutschstämmigen im Ausland.

Es lohnt sich, in dem berühmten Artikel, den Habermas im Anschluss an Charles Taylor schrieb, weiterzulesen:

In Frankreich hat sich das Nationalbewußtsein im Rahmen eines Territorialstaates ausbilden können, während es sich in Deutschland zunächst mit der romantisch inspirierten und bildungsbürgerlichen Idee einer »Kulturnation« verbunden hat. Diese stellt eine imaginäre Einheit dar, die damals in den Gemeinsamkeiten der Sprache, der Tradition und der Abstammung Halt sichern mußte, um über die Realität der bestehenden Kleinstaaten hinausgreifen zu können. Noch folgenreicher war, daß sich das französische Nationalbewußtsein im Gleichschritt mit der Durchsetzung demokratischer Bürgerrechte und im Kampf gegen die Souveränität des eigenen Königs entfalten konnte, während der deutsche Nationalismus, unabhängig von der Erkämpfung demokratischer Bürgerrechte und lange vor der Durchsetzung des kleindeutschen Nationalstaates von oben, aus dem Kampf gegen Napoleon, also gegen einen äußeren Feind, entstanden ist. Aus einem solchen »Befreiungskrieg« hervorgegangen, konnte sich das Nationalbewußtsein in Deutschland mit dem Pathos der Eigenart von Kultur und Abstammung verbinden – ein Partikularismus, der das Selbstverständnis der Deutschen nachhaltig geprägt hat.

Von diesem »Sonderbewußtsein« hatte sich die Bundesrepublik nach 1945, nach dem erst allmählich verarbeiteten Schock über den Zivilisationsbruch der nationalsozialistischen Massenvernichtung, abgewendet. Dem kamen der Souveränitätsverlust und die Randlage in einer bipolaren Welt entgegen. Die Auflösung der Sowjetunion und die Wiedervereinigung haben diese Konstellation gründlich verändert. Deshalb legen die Reaktionen auf den wieder aufgeflammten Rechtsradikalismus – und in diesem Zusammenhang auch die verlogene Asyldebatte – die Frage nahe, ob die erweiterte Bundesrepublik heute den Weg der politischen Zivilisierung fortsetzen wird oder ob sich das alte »Sonderbewußtsein« in anderer Gestalt erneuert.

Quelle Jürgen Habermas: Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat / in: Charles Taylor: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung / Mit Kommentaren von Amy Gutmann, Steven C. Rockefeller, Michael Walzer und Susan Wolf. Mit einem Beitrag von Jürgen Habermas (Seite 123 – 163) suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2009

Siehe in diesem Blog auch hier und hier

Flaubert

Zum Abrufen

https://www.arte.tv/de/videos/100271-000-A/der-fall-emma-bovary/

HIER bis 14.3.22

Pressetext:

Der Fall Emma Bovary

„Madame Bovary“ ist der Debütroman von Gustave Flaubert und sorgt bei seinem Erscheinen 1856 für einen Sturm der Entrüstung. Die kritische Zensur macht dem Autor den Prozess. Der Anklage zufolge verherrliche der Roman den Ehebruch. Die Verteidigung argumentiert, dass er den Schrecken der Sünde darstelle. Eine Ikone der Literaturgeschichte wird geboren: Emma Bovary.

Das Leben von Madame Bovary ist bis zum letzten Atemzug ein Skandal: Mit ihren Seitensprüngen, ihren Schulden, ihrer Liebeslust und ihrem Selbstmord widerspricht sie allen Stereotypen der (Ehe-)Frauen ihrer Zeit. Gustave Flauberts erster Roman beschert ihm sogleich einen Prozess wegen Unsittlichkeit vor dem Pariser Kriminalgericht.
Der Staatsanwalt Ernest Pinard argumentiert, dass der Roman durch die Darstellung des unmoralischen Lebens einer Frau zur Sünde anstifte und eine Gefahr für Leserinnen darstelle. Vor Gericht liest er die skandalösesten Ausschnitte vor und untersucht sie minuziös auf die Absichten des Autors. In den außerehelichen Eskapaden sieht er eine Verherrlichung des Ehebruchs. In Emma Bovarys Versuchen der Rückkehr zur Religion, in der das Heilige mit dem Fleischlichen einhergeht, erkennt er eine blasphemische Dimension. Neben Flaubert sitzt auch Madame Bovary auf der Anklagebank.
Flauberts Anwalt führt die intensive, fünf Jahre währende Arbeit des Schriftstellers ins Feld. In Croisset, am Ufer der Seine, bei seiner Mutter und fernab von der übrigen Welt, von seinen Geliebten und allen Frauen, die ihn inspiriert hatten, hatte sich Gustave Flaubert mit Leib und Seele seinem Werk gewidmet, war nur selten zufrieden, oft von Angstzuständen gepeinigt.
Zum Missfallen von Pinard gewinnen der Schriftsteller und seine Heldin den Prozess. „Madame Bovary“ ist mehr als 900 Mal übersetzt worden und zählt zu den meistgelesenen Romanen der Welt, der Filmschaffende rund um den Globus immer wieder inspiriert hat. Mit vielen Filmausschnitten und Zitaten erzählt die Dokumentation die Geschichte des Falls Bovary. Schriftsteller und Schriftstellerinnen, Verleger und Verlegerinnen sowie Regisseure und Regisseurinnen beschäftigen sich mit dem Schicksal jener leidenschaftlichen Heldin, deren Leben zwischen Auflehnung gegen gesellschaftliche Konventionen und Eskapismus so leichtfertig wie tragisch verläuft.

Regie : Audrey Gordon

Der Film https://www.arte.tv/de/videos/029911-000-A/madame-bovary/

HIER  bis 5.10.21

Madame Bovary (Film)

Pressetext (ARTE):

Frankreich um 1850: Die unglücklich verheiratete Emma Bovary stürzt sich aus Langeweile in Liebesabenteuer und zerbricht an der provinziellen Enge ihres Lebens. – Mit „Madame Bovary“ hat der französische Filmregisseur Claude Chabrol 1991 den gleichnamigen Roman (1856) von Gustave Flaubert verfilmt.

Für Emma Bovary wird eine Einladung auf einen rauschenden Ball zum schönsten Moment ihres Lebens. Doch am nächsten Morgen holt sie der Alltag wieder ein. Charles weiß die Sehnsucht seiner jungen Frau nicht zu deuten: Hat sie nicht alles, um glücklich zu sein? Vielleicht fehlt ihr das Stadtleben mit seinen Abwechslungen und Zerstreuungen. Das Paar zieht schließlich nach Yonville, einem Vorort von Rouen, wo in der Tat mehr Geschäftigkeit herrscht und wo Emma neue Menschen kennenlernt, so den stets dozierenden Apotheker Homais und den jungen Léon Dupuis, der Musik und Gedichte liebt. Auch Emma schwärmt dafür, vor allem aber fühlt sie sich in Léons Gesellschaft wohl. Doch Léon reist nach Rouen, um dort seine Notarausbildung abzuschließen. Nun fühlt sich Emma noch einsamer. Auch die Geburt ihrer Tochter gibt ihr keinen neuen Lebensinhalt; sie kümmert sich kaum um das Kind. Der treu ergebene Charles geht ihr auf die Nerven, auch von Pfarrer Bournisien fühlt sie sich unverstanden. Auf der Bauernmesse lernt sie den leichtlebigen Gutsherrn Rodolphe Boulanger kennen und lässt sich von ihm verführen. Die junge Frau träumt von einem neuen Lebensglück – mit Rodolphe. Doch der denkt nicht im Entferntesten daran, sondern verlässt sie. Emma tröstet sich mit verschwenderischen Einkäufen über den Verlust hinweg und lässt sich vom Stoffhändler Lheureux teure Ballkleider fertigen. Bei einem Theaterbesuch in Rouen trifft sie zufällig Léon und wird seine Geliebte. Doch inzwischen ist sie hoch verschuldet und Lheureux droht, ihre Habe und das Haus des völlig arglosen Charles Bovary zu pfänden. In ihrer Not fleht Emma Rodolphe und Léon um Hilfe an, doch vergeblich. Völlig verzweifelt beschafft sie sich bei Apotheker Homais Arsen.

Regie : Claude Chabrol / Drehbuch : Claude Chabrol / Musik : Matthieu Chabrol / Wiki

  • Isabelle Huppert (Emma Bovary) / Jean-François Balmer (Charles Bovary)

Dokument aus Gohfeld 1902

Familiengeschichte

 

Oben: Konfirmation 1902 in Gohfeld ; das Siekertal kann nicht weit sein, oben rechts: Stammvater Siekmann im hohen Alter. Unten: Seine Tochter als Mutter. Meine Mutter als Kind.

Während des ersten Weltkrieges 1914-1918 und (unten) danach, dieselben Kinder mit Tante Jette (Henriette Arnhölter) im Kurpark Bad Oeynhausen.

Aus der guten alten Zeit… der Junge wollte wohl auch so eine Mütze tragen wie sein Vater, oder … wenn man an die familiären Machtverhältnisse denkt: er musste.

(und wie gings weiter? so!)

Die Erwähnung des Wortes Weltkrieg verleitet beim Betrachten der Fotos dazu, die ernsten Gesichter mit einer fatalistischen Zeitstimmung in Verbindung zu bringen. Wahrscheinlich entsprach es dem notwendigen Fotografierverhalten: man musste stillhalten und brauchte ein Mimik, die Dauer verträgt. Lächeln ist flüchtig, verwackelt die Mimik und ist gesprächsabhängig, es wirkt bei willentlicher Fixierung leicht künstlich (dann lieber künstlich ernst). Und ein Foto war damals  kostspielig, man machte nicht beliebig viele. Hieß es: „Bitte recht freundlich“ – oder „Bitte lächeln“ – stets recht zweischneidige Ermahnungen. Es ist im übrigen anzunehmen, dass religiöse Menschen und besonders Frauen bestrebt sein mussten, nicht leichtfertig zu wirken. Gott hat die Lippen geschaffen, um die Zähne zu bedecken, – die zudem oft schadhaft waren. Dass Tante Jette einen Anflug von Lächeln zeigt, passt zu ihr: sie hat nie geheiratet und soll einige Jahre in Köln gelebt haben, was unterschwelligen Argwohn nährte: vielleicht ein allzu lebenslustiges Pflaster dort (katholisch!), jedenfalls im Vergleich zur ländlichen Region rund um Bad Oeynhausen. Die kleine Familie trat folgerichtig über zu den „Ernsten Bibelforschern“ (!) und hielt Versammlungen (mit Harmonium + 1 Geige) im eigenen Hause ab. Nur der Vater fiel irgendwann vom Glauben ab und setzte allein auf gute Ernährung. Seine Frau las heimlich „Erwachet!“ und „Der Wachturm“.

Vgl. auch die Psychologie der Portraitkunst in der Malerei – hier. (Nicholas Jeeves: The Serious and the Smirk The Smile in Portraitur.)

Ein Portrait der weiter gefassten Familie (d.h. inklusive Nachbarhaus):

Familienfoto ca.1920

Der düstere Mann auf der Bank ist der Bruder des hinter ihm stehenden Herrn, den wir oben schon in Uniform gesehen haben. Nach links hin dessen Frau, dann seine Schwester („Tante Jette“), offenbar im gleichen Outfit wie oben, ebenso die Kinder (ganz links meine spätere Mutter). Der jüngere Mann mit Hut (ganz rechts) ist der Schwiegersohn Karl B. mit seiner lieben Frau „Lenchen“, Tochter des auf der Bank sitzenden Paares: des bärtigen Mannes und seiner Frau Elise. Er hat die Augen geschlossen, als wisse er von seinem Schicksal; man munkelte übrigens, sie sei schuld gewesen […]. Und die Witwe, von uns 25 Jahre später nur die „alte Elise“ genannt, lauerte, solange ich denken kann, am Gartenzaun und flüsterte ihrem Schwager böse Gerüchte zu, oft zu unserem Nachteil. Die kleine Oma Anna sah das gar nicht gern. Aber es ist eine kindliche Perspektive, der ich weiterhin folge. Wir hatten hier – nach dem zweiten Weltkrieg – eine schöne Kindheit, unsere Mutter zu ihrer Zeit definitiv nicht. (Und wir – nach heutigen Maßstäben – wohl auch nicht. Aber unvergesslich.)

Die kleine Oma Anna (unten links außen, also die mit dem Konfirmations-Denkspruch) kam aus der Familie Siekmann, neben ihr, sitzend, ihr Mann Heinrich Arnhölter, daneben ihre jüngste Schwester Martha (später verh. Pospiech in Brackwede), hinten in weißen Blusen die anderen Schwestern, vermutlich waren sie noch zu „haben“. Eine von ihnen hieß Lina (später genannt „aus Löhne“, ich glaube, es war die mit dem seltsamen Auge), der Vater in der Mitte, – möglicherweise derselbe, der auf dem Einzelfoto ganz oben als Uropa übriggeblieben ist, genannt „Tiktak-Opa“ -, und schließlich noch ganz in schwarz die Mutter der 5 Geschwister.

Ein Sprung ins Jahr 1928 – das Dokument betr. den  obigen Heinrich, der sich nach dem Weltkrieg als Möbeltischler etablieren konnte (hier mit einer Spiegelung heutiger Bäume):

unten die Eltern des Meisters:

zurück also zum Ursprung,

benannt vom Enkelkind (1993 – 80jährig)

Josquin heute

Klangeindrücke

Vox Luminis LIVE – La Déploration sur la Mort de Jean Ockeghem – Josquin Desprez

Auswahl verschiedener Interpretationen durch Florian Vogt in dem Artikel Wie klingt Josquin heute? Neue Einspielungen zum 500.Todesjahr (Musik&Ästhetik Heft 100 Oktober 2021 Klett-Cotta Stuttgart / Seite 116-120)

Josquin Desprez (1440-1521)
Le Septiesme Livre de Chansons.. jpc HIER
Ensemble Clément Janequin
Marianische Motetten & Instrumentalstücke
„Stabat Mater“…………………………..jpc HIER
Cantica Symphonia, Giuseppe Maletto
Missa Pange Lingua
The Golden Renaissance……………..jpc HIER
Stile Antico
Josquin
Motets & Mass Movements………..jpc HIER
Brabant Ensemble, Stephen Rice
Josquin
Chansons – „Adieu mes Amours“…jpc HIER
Dulces Exuviae, Romain Bockler
Johannes Ockeghem (1430-1497)
Les Chansons……………………………..jpc HIER
Cut Circle, Jesse Rodin
Josquin Desprez (1440-1521)
Chansons – „Se Congie Prens…….jpc HIER
Musica Nova, Lucien Kandel
Songs of Songs
Werke von Palestrina, Gombert, Josquin.. jpc HIER
Cappella Mariana
Josquin Desprez
Stabat Mater. Motets…………………….YouTube HIER

La Chapelle Royale, Philippe Herreweghe 

 Aus dem Artikel von Florian Vogt folgt hier die Seite, die mich motiviert hat, in alle angegebenen CDs hineinzuhören:

Quelle s.o. unter YouTube-Video

Precht zitiert Tocqueville

… und wir zitieren Precht:

Die ständige Fokussierung auf Geld prägt die US-amerikanische Gesellschaft wie nichts anderes und ist… (siehe weiter im Text):

…nehmen. Gesichert muss nur sein, dass das Eigentum geschützt wird, wobei sehr vieles zu Eigentum werden kann, von Rohstoffen und Ressourcen über Geld bis hin zu geschützten Ideen. In dieser Logik ist Umsatz und Gewinn zu steigern grundsätzlich gut, und das inwendige Gesetz zwingt zu einem Schneller, Höher, Weiter und Mehr. Die dazugehörige Mentalität ist der Egoismus, der jeden Marktteilnehmer gegenüber anderen abgrenzt, ihn stärkt und das Wachstum antreibt.

Ökonomisch ist das in sich schlüssig. Allerdings … (Seite 132)

Quelle Richard David Precht: Von der Pflicht / Eine Betrachtung / Goldmann München 2021 (siehe auch hier)

Als Ergänzung lese man über Tocqueville weiter bei Wikipedia, über das Tocqueville-Paradox etwa im Journal21.ch hier, z.B. auch über das Phänomen des „Wutbürgers“, dem wir fast täglich irgendwo in den Nachrichten begegnet sind..

Meine Kurzversion: Jeder hat die Freiheit zu sagen, was er will, aber nicht: komplexer zu denken, als ihm gegeben ist. Wenn der Wutbürger im Straßenverkehr darauf bestehen würde, Einbahnstraßen in Gegenrichtung zu benutzen und grundsätzlich auch im absoluten Halteverbot zu parken, und bei Bestrafung behauptet, der Verkehr in Deutschland sei also faschistisch geregelt… Er wird schneller begreifen, wenn Führerschein oder Auto bei Fehlverhalten konfisziert werden. Ihm muss nicht die Komplexität des ganzen Verkehrssystems erläutert werden, er begreift ohnehin nur das ganz Naheliegende (das unmittelbar sein Ego betrifft) und verwechselt Individualismus mit Solipsismus. Das Individuum lebt in und dank einer Gemeinschaft, und die notwendige Konstruktion eines Staates für eine große Gemeinschaft berechtigt noch nicht zu der Behauptung, ihn als Gefängnis zu betrachten.

Kein Thema: Geigen vergleichen

Warum ich diesen Artikel nicht schreibe

Ich habe nur 3 CDs bereitgelegt, werde aber (vielleicht) eine Stoffsammlung anfertigen, aus der man sich etwas zusammenreimen kann, und zwar über die Überflüssigkeit des Stradivari-Kults.

Am liebsten als erstes die Heifetz-Anekdote: wie er auf eine Dame reagiert, die ihn nach dem Konzert fragt: „Ihre Geige hat einen wundervollen Ton. Ist es eine Stradivari?“ Er hält die Geige an sein Ohr und sagt: „Ich höre nichts.“

Oder so ähnlich. Was er damit sagen wollte ist klar: Ich bin es, der das Instrument so klingen lässt, – und Sie verstehen vielleicht gar nichts vom Geigenton und noch weniger von Musik. Oder so ähnlich.

Man kann ja alles lernen, aber vieles davon ist auch überflüssig… (Fertig!)

Anlass zum Schreiben wäre diese neue CD – und die Tatsache, dass Janine Jansen für mich zu den besten und musikalischsten Geigern und Geigerinnen überhaupt zählt:

Und: ich versichere, das kommt von Inhalten, nicht von Fotos. Eine geläufige Irritation des Urteils, auch bei Landschaftsaufnahmen, die angeblich zur Musik passen. Es lohnt sich also, zuerst die Originalität des Programms zu studieren –

(es sind also nicht einfach Zugabestücke, oder sogenannte „Reißer“).

Fotos: Una Burnand / Cover Design: Fred Münzmaier // Hineinhören (Kaufen?) HIER

Natürlich erleben Sie schon beim bloßen Anspielen der einzelnen Titel eine herrliche Kollektion von Klangfarben und Emotionen, aber sind das wirklich die unterschiedlichen Instrumente und nicht vielmehr die persönlichen Nuancen des Geigenspiels einer herausragenden, wandlungsfähigen Interpretin? Darüberhinaus im Spiegel sehr unterschiedlicher Musikstücke?

Man muss dieses Vergnügen nicht kritisieren, nur eben den didaktischen Effekt relativieren. Ich würde niemandem verübeln, der konstatiert: wenn ich nichts über den Wechsel der Stradivari-Geigen gewusst hätte, wäre es für mich immer dieselbe gewesen. Obwohl ich gern glaube, dass sich für die Spielerin jede ganz unverwechselbar „angefühlt“ hat.

Mehr Gelegenheit zu einer Objektivierung des schwankenden Urteils bietet das Nacheinander ein und desselben Stückes, mit immer gleichem interpretativen Ansatz und wechselnden Instrumenten. So im Fall der folgenden Gitarren-CD Tr. 19 bis 25 mit demselben Tárrega-Preludio zu je 1’31, und der Klavier-CD Tr.1 bis15 mit 5 mal drei verschiedenen Blacher-Sätzen von sehr überschaubarer Länge.

Gitarre / Klavier

Diese Anordnung macht die beiden TACET-CDs zu einem spannenden Arbeitsfeld, und selbst vor Ermüdung ist man geschützt, da es zu jedem Instrument auch noch längere Werke gibt, die man nach Bedarf einschieben kann, so dass der Eindruck, der sich jeweils aus dem direkten Vergleich ergibt, in jedem Einzelfall vertieft werden kann. Und dies nebenbei: es handelt sich auch hier um erstklassige Interpretationen: Wulfin Lieske, Gitarre. Gerrit Zitterbart, Klavier.

Bei den Gitarren wird für den Laien am meisten ins Ohr fallen: die unterschiedliche Höhe des Kammertones, von 415 Hz bis 440 HZ. Ich würde zuerst die gleichen Stimmungen aufeinander folgen lassen, also  beginnend Tr.20 und 21, Tr.23 und 24, und von den anderen zuerst Tr.19 (421 Hz), dann Tr.22 (435 Hz), also die tiefere zuerst. Im Fall der Klaviere ist zu empfehlen, die absolut gleichen Stücke zu vergleichen, also von Tr.1 zu Tr.4, 7, 10, 13 überzugehen; oder von 2 zu 5, 8, 11, 14

Gitarren-Vergleich Klavier-Vergleich

Und wer steht hinter TACET? siehe hier

Ich würde übrigens empfehlen, auch noch den Beitrag über Mozarts Costa-Violine zu lesen, zumal der Text größtenteils nicht von mir ist, sondern von Prof. Leisinger aus Salzburg, nebenbei der meistabgefragte Artikel in diesem Blog, bitteschön: hier. Am Ende erzähle ich dort kurz von Stefan Blum und meiner eigenen Geige. Dazu hier eine weitere private Geschichte, da es ja gerade um die Ojektivität des Hörsinnes geht: als ich diese Maggini-Kopie noch nicht lange besaß, traf ich bei einer Probe der Cappella Coloniensis im WDR-Sendesaal den Geiger Jörg-Wolfgang Jahn, den ich noch aus seiner Hochschulzeit kannte. Herr Blum hatte mir wohl erzählt, dass der auch eine Maggini-Kopie besitze, und wir trafen uns nun, um in einer Cappella-Pause die beiden Instrumente zu vergleichen. Man spielte mehrfach hintereinander und im Wechsel den Anfang des Bruchkonzertes, der mit der leeren G-Saite beginnt und in ausdrucksvollen Bögen zum dreigestrichenen D aufsteigt. Das klang in beiden Versionen glücklicherweise verblüffend ähnlich, obwohl Jahns Kopie – so hieß es – das Vierfache von meiner gekostet hatte, sie stammte nämlich von dem bedeutenden Geigenbauer Vuilleaume; meine dagegen war anonymer Provenienz und hatte meine arme Mutter immerhin „nur“ 3000.- DM gekostet. Und dementsprechend fühlte ich schon aus Respekt, dass mein Instrument mindestens gleichrangig war, ja, zum Verwechseln ähnlich klang, und die beiden Geigen sind sich nie mehr wiederbegegnet. Die Spieler auch nicht, trotz einer gewissen Sympathie gehörten sie – dank der wiederentdeckten historischen Aufführungspraxis – verschiedenen Welten an. Nur deshalb neige ich heute wohl mehr zum Typ „Costa“ als zu den „Kanonen“, die im 19. Jahrhundert zum Nonplusultra wurden. Warum? Weil sie am besten die übliche Corpus-Umrüstung für die neuen, immer größeren Säle vertrugen.

Ich glaube, bei Gelegenheit muss ich noch Christian Tetzlaff zitieren, der aus Prinzip heute gebaute Geigen vorzieht (hier)… und sehr vollkommene Töne hervorbringt. Oder soll ich zur Provokation Yehudi Menuhin zitieren, der von seiner Stradivari wie von einer Geliebten spricht (ja, aus „Fleisch und Blut“, falls man das geschmacklich in Ordnung findet). Ob man sowas heute noch so schreiben dürfte? Jedoch auch weiterhin Il violino – wie geschaffen für homoerotische Realitäten… oder nur peinlich berührt beiseitelegen?

usw.*

Quelle Yehudi Menuhins Musikführer (mit William Primrose) : Violine und Viola / Fischer Taschenbuch 1982

usw.* – damit ist aber der Höhepunkt noch nicht erreicht, die nächste Seite bringt weitere Parallelen bis zur Peinlichkeit (F-Löcher) und auf der übernächsten kommen unverdächtigere Körperteile in Betracht, – Klavierspieler(innen) und Cellist(inn)en werden sich freuen:

Dann ist allmählich alles überstanden, obwohl auf Seite 19 eine neue Überschrift droht: Raum und Gefühl – der Geiger und sein Körper.

Frauen spielen also nur vorübergehend und metaphorisch eine Rolle. Ich wundere mich, dass ich mich früher darüber nicht wirklich aufgeregt habe. Vermutlich hat die MeToo-Bewegung uns alle so empfindlich gemacht. Affen und Äffinen hätte es weiter oben natürlich heißen müssen. Allerdings entdeckte ich in einem großen Bildband von Menuhin zum Thema Violine, worin lobenswerterweise auch Zeugnisse anderer Kulturen mit ihren Streichinstrumenten zu sehen sind, dass im Begleittext plötzlich nicht mehr von Indern, sondern von Indianern die Rede war. Menuhin selbst sprach ja gut deutsch, und man kann ihm nur vorwerfen, dass er aus lauter Nettigkeit einfach zuviel geschrieben hat, ohne dann die deutschen Übersetzungen zu kontrollieren oder einen Lektor zu beauftragen. Eigentlich schade, da dieser Prachtband doch sehr vielseitig angelegt ist.

Quelle Die Violine / Kulturgeschichte eines Instruments / von Yehudi Menuhin unter Mitarbeit von Catherine Meyer (aus dem Französischen) / Metzler/Bärenreiter Kassel Stuttgart 1996

Zum Ausklang: Ein schöner Hinweis von Spazio Folk auf Facebook:

Selbstverpflichtung

Heute…

muss an dieser Stelle folgen, koste es was es wolle, dies: welche zwei ZEIT-Artikel mich oder wen auch immer als erstes in Bewegung gesetzt haben (weil sie passten). Rauterberg  und Raether/Schnabel. Soetwas kommt nicht unbedingt aus gerade diesem Feuilleton, könnte aus jedem anderen kommen, das über die lokale Berichterstattung hinausgeht. Die Lektüre beginnt ja auch (nach frohem Überfliegen des Leitartikels) mit Gemecker, weil der Blick übers Inhaltsverzeichnis ergeben hat: schon wieder nichts – in dem Riesenblatt – nichts über Musik! Ich brauche das zwar weniger denn je (mein Quantum wird ausreichend „belastet“ durch eine Kammermusikprobe, die den Morgen (er)füllt, dabei noch lange nicht genug an bereitliegendem Stoff weg arbeitet), aber vor allem zeugt dieser Mangel im Feuilleton von zu geringer Wertschätzung des Themas da draußen!

Dennoch: die Themen Völkerkunde (Museum Berlin) und VERÄNDERUNG sind Geschenke! Trotz der Gedanken an die Eltern, an die 50er Jahre, weshalb ich den Konservativismus so oft ungerechterweise anklage: es war direkt nach der Zeit der katastrophalen Umwälzungen (die buchstäblich zu nichts geführt hatten). Mein Vater wählte immer FDP. Unglaublich. Klar: die ZEIT betont das Thema, weil die Wahl ansteht, die für einen Kipppunkt sorgen könnte… Kipp-Punkt – das Wort sorgt zuverlässig für latente Panik. Klima. Kein Zufall, dass die Beschäftigung mit op.111 hineinspielt. Variationen. Metamorphosen. Und die Erinnerung an den gestrigen, sehr geruhsamen Spaziergang. Nichts bleibt wie es ist.

ZITAT

Damit Gesellschaften sich ändern, braucht es keinen Persönlichkeitswandel der Mehrheit oder gar aller. Das ist sowohl eine gute als auch eine schlechte Nachricht. Gut, weil es bedeutet, dass Gesellschaften sich bewegen können, selbst wenn der einzelne Mensch ziemlich unbeweglich ist. Und schlecht, weil gesellschaftliche Veränderungen keineswegs immer das Resultat eines wohlüberlegten, wohlmeinenden Plans Einzelner sind, einer Regierung beispielsweise. Viele Veränderungen passieren einfach, ohne dass jemand darüber entscheiden würde – und oft genug, ohne dass man es zunächst mitbekommt. Beziehungsweise: Wenn man es mitbekommt, ist es meist schon geschehen.

Jürgen Kocka ist 80 Jahre alt, ein mit dem Bundesverdienstkreiz erster Klasse ausgezeichneter Historiker, emeritierter Professor an der freien Universität Berlin. Wandel finde immer schrittweise statt, auch heute noch, trotz aller subjektiv wahrgenommenen Beschleunigung, sagt er. Eine echte Veränderung von Mentalitäten vollziehe sich langsam. Als Beispiel nennt Kocka, dass es jüngeren Menschen heute viel leichter falle, eine globale Perspektive einzunehmen – ob es nun um Postkolonialismus oder um die Klimakrise gehe -, was seiner Generation damals nicht in den Sinn gekommen sei.

Selbst singuläre Ereignisse wie der Fall der Mauer sind oft das Ergebnis eines langen Prozesses. Dem Mauerfall war eine lange Phase vorausgegangen, in der die Legitimität der staatssozialistischen Systeme gelitten hatte. Die Spannung zwischen ökonomischem Wandel, wie er international stattfand, und den sozialen und politischen Herrschaftsverhältnissen im Ostblock baute sich langsam auf. Dann trat Michail Gorbatschow auf den Plan, der die neuen Zeiten begriff. Es kam noch ein verlorener Krieg in Afghanistan hinzu: Da brachen die Dämme beziehungsweise stürzten die Mauern ein. Schleichender Wandel führte abrupt zu sichtbaren Veränderungen.

Quelle DIE ZEIT 23. September 2021 Seite 31 Und wir ändern uns doch Ein Einzelner tut sich schwer, ein anderer zu werden. Wie es Gesellschaften gelingt, sich zu wandeln / Von Elisabeth Raether und Ulrich Schnabel

Die globale Perspektive…

Die noch globalere Perspektive:

ZITAT

Gerade ist ein kleiner Führer erschienen, der akribisch davon berichtet, wie rücksichtslos viele Sammler vorgingen, wie verächtlich sie auf jene Kulturen herabschauten, deren Artefakte sie an sich rissen – um sie dann in europäischen Museen verstauben zu lassen. 1400 Objekte kamen so aus der deutschen Kolonie im heutigen Namibia nach Berlin, über Jahrzehnte waren sie weggesperrt im Depot. Erst kürzlich durften sieben Forscher und Forscherinnen aus Windhuk anreisen, um sich über die ungeklärte Herkunft und Bedeutung der Dinge auszutauschen. Und um mit den Berliner Kollegen darüber zu beraten, was nun geschehen soll. In solchen Gesprächen geht es tatsächlich um das »Gelingen der Globalisierung«, wie Merkel es anmahnte, um Austausch, um Erinnerung und auch darum, einzelne Objekte zurückzugeben, Schlachten müssen dafür nicht geschlagen werden. Es ist eine tastende Arbeit, die Zeit braucht, mehr Zeit, als es die Großdebatten erlauben.

Quelle DIE ZEIT 23. September 2021 Seite 49 Und in uns tönt die Welt Endlich! Das neue Berliner Schloss zeigt seine ethnologische Sammlung. Nach allen Debatten spricht jetzt die Kunst / Von Hanno Rauterberg

Ein erster Schritt: hier oder hier

Dann wieder hier ab 10:52 (über Raubkunst aus Benin im British Museum)

Oder einfach hier…

Ohligser Heide 22.09.2021

Was ist ein Kipp-Punkt? Nochmal zum oben zitierten Artikel „Und wir ändern uns doch“, der sich am Ende auf Mark Granovetter bezieht:

Bitte 2x anklicken und wirken lassen!

Verworrener gemeiner Farn

Kl. Fuchs (ER Heidberger Mühle 230921)

Dieses Bild erinnert mich an einen preiswürdigen Artikel in der ZEIT, ein Dossier über den Gelbling, ein Kompendium der Ökologie von Fritz Habekuss. Und eben auch an eine Selbstverpflichtung meinerseits vom 16. September, genau darüber einen Bericht zu machen, der „durchgeschaltet“ werden kann… könnte…

Was mich auch noch schockiert, ist folgendes Habekuss-Statement:

Das mache ich jenseits von meiner Arbeit:

Reisen. Zu elektronischer Musik tanzen. An Ecken stehen.

Hübsch hässlich!

Siehe auch hier und hier.

Manchmal drängt sich dieses Wortpaar auf, dessen Erfindung ich auf den bratschespielenden P.R.-Mann Felix Ney vom Kölner Lufthansa-Büro zurückführe.

Wichtigeres kann ich dagegen nicht mehr dingfest machen, z.B. das lästigste Märchen meiner Kindheit, das „von den blutigen Knien“ (ihre Innenansicht war gemeint!). Man wird es vielleicht erst los, wenn man es wiederliest und einfach doof findet. Das folgende Foto finde ich allerdings gut, einfach gut, ich wäre nicht drauf gekommen, es entstand am Ortseingang von Oudeschild auf Texel:

Foto Texel 11.9.21: E.Reichow

Nicht auszudenken, – man würde dieses Foto einem Chirurgen schicken…

Oder im heutigen Solinger Tageblatt (dpa) der philosophische Satz:

Von einem bösen Foul, das zur roten Karte führte, war u.a. die Rede. Und so kam ich auch auf die unausrottbare Erinnerung mit den Knien, die nur von Innen blutig gedacht werden sollten, – was ich schon als kindlicher Märchenleser unästhetisch gefunden habe, ohne das Wort zu kennen. Aber echt von außen blutige Knie waren mir gut bekannt. Schlimmer noch, wenn man auf Asche statt auf Rasen gestürzt war.

Und auch die heutige (21.9.21) Titelgeschichte von Johannes Bebermeier in t-online gehört dazu (Abkürzungen von mir):

… Mitte Juni auf dem Parteitag der Grünen: ein pennender Tontechniker, ein nicht abgeschaltetes Mikrofon und viel Frust nach einem eher mäßigen Auftritt der Kanzlerkandidatin.

Eigentlich soll B.s Rede dem Wahlkampf neuen Schwung geben. Doch schon, als sie die Bühne verlässt, nach einigen langen Sekunden gequälten Lächelns im Applaus der Parteifreunde, ist vom Schwung nicht mehr viel übrig.

[Sie] sagt ein Wort, das sie in diesem Wahlkampf wohl sehr oft gedacht, aber sonst nie öffentlich ausgesprochen hat. Ein Wort, das die vergangenen Monate alles in allem und gemessen an den hohen grünen Erwartungen ziemlich gut zusammenfasst. A. B. sagt: „Scheiße!“

Ich finde „ziemlich gut“ schon fast „hübsch hässlich“. Vor allem aber die Tatsache, dass man heutzutage dieses eine hässliche Wort endlich ausschreibt. Im Jahre 1960 habe ich es noch nicht einmal ausgesprochen. Das weiß ich so genau, weil es in Berlin bereits untrennbar zu einem Witz gehörte, den man über den Dirigenten Konwitschny erzählte. Der nicht immer ganz nüchterne Mann habe die Fünfte von Beethoven dirigiert und sich bei der Menge der C-dur-Schlussakkorde (daraus hat Loriot offenbar seinen Sketch entwickelt!) verzählt. Er habe zuletzt noch einmal ins Leere geschlagen und gut vernehmlich die wütenden Worte gezischt: „Scheiße! Dann eben nicht!“

Heute erzählt man eher die Geschichte von seiner doppelten Karriere. Und ich zähle natürlich die Akkorde nach und vermute, dass er die Schlussfermate einen Takt zu früh geschlagen hat, die Arme unten ließ, während das Orchester noch auf den allerletzten Schlag wartete.

Meine Partitur aus dem Jahr 1955. Die erste Sinfonie, die ich am Radio mitlas, war allerdings die 8., deren Partitur ich im Bücherschrank meines Vaters konfisziert hatte, wie auch die 7., deren vorangestelltes Beethoven-Portrait ich verehrte. Und die erste Partitur überhaupt, die ich selbst vom Taschengeld erwarb, war die Ouverture zu „Die Ruinen von Athen“, sinnvollerweise sehr preiswert, im Dezember 1954. Und die erste greifbare Melodie, die leider nirgendwo wiederkehrt, übte ich wie verrückt am Klavier, bis meinem Vater, von dem ich eigentlich wusste, was Partiturspiel bedeutete, im Badezimmer nebenan der Geduldsfaden riss. Die Szene, – irgendwie doch unvergesslich, und zweifellos – ein bisschen hässlich.

antiquarisch

Überhaupt eine hochgespannte Zeit, die ich mir gar nicht so sehr zurückwünsche.

Ein Hauch des Unerklärlichen

Die Arietta und das Rätsel eines einzigen Akkordes

Von welchem Akkord soll die Rede sein? Er ertönt genau in der 28. Sekunde. Folgen Sie der Melodie, und achten Sie zugleich genau auf den Verlauf der Bass-Linie, die Töne liegen in der Tiefe nicht „auf der Hand“. Man muss sie mit dem Körper spüren, aber nicht laut… 0:27 – 0:28 – 0:29 – 0:30

Es könnte sein, dass Sie gar nicht viel spüren. Deuten Sie bloß nichts hinein. Es ist nur ein Hauch. Hätte man mich gefragt, – ich hätte auch auf eine andere Stelle gezeigt, nämlich dort, wo mit großer Bedeutsamkeit fast überhaupt nichts mehr passiert, zu passieren scheint, und unter diesem Nichts steht cresc., – wie soll ich da etwas wachsen hören? Hören wir also weiter bis über 1:42 hinaus. Und? Hören Sie was?

Vieles an dem Aufsatz, den ich lese, finde ich schwierig, jedenfalls schwer zu vermitteln, es sei denn, jemand ist kompositionstechnisch gründlich vorgebildet und vor allem: extrem lernbegierig. Trotzdem gibt es darin Grundsätzliches, was alle Menschen interessieren müsste, die Beethoven lieben. Wie leicht ist es, von diesem späten Variationen-Satz bedeutungsschwer zu sagen, es sei ein „Abschied“, leicht, weil es nun mal ein letzter Satz ist, eine letzte Sonate. Aber wusste Beethoven das denn auch??? Der Autor Felix Diergarten ist offenbar anderer Meinung, er hört soviel Hoffnung in den Variationen, mehr noch: für ihn ist es – so die Überschrift – „Ein Strom allgemeinsten Jubels und Frohlockens“. Ich möchte Lust wecken, ihm zu folgen. Und zu hören, was er hört. Anhand seines Notenbeispiels, das ich zum Üben gescannt habe. Zum Hörenüben. Nicht nur in den Noten zu sehen, was geschieht, sondern es wahrzunehmen, ja wachsam darauf zu warten. Auch das Thema als Ganzes durchschimmernd immer zu ahnen. Daher nun die Zeitangaben, die sich auf Brendels Aufnahme beziehen (danach ohne Zeitangabe zu Dina Ugorskaja). „Die neun Auftritte des Seufzers“:

  mit „meinen“ Taktzahlen (EMB Study Scores):

a) T.5f – 0:23 [und 1:03] b) T.23f – 2:56 c) T.41f – 5:05  d) T.58f – 7:00 e) T.75f – 9:18 f) T.83f – 9:53 weiter siehe unten! g) T.124f – 13:12 h) T.141 – 14:35 i) Coda T.172f – 16:51

Unten „Ansehen auf YouTube“ drücken und auf Arietta gehen (ab 9:30).

Natürlich hätte man, statt über den Akkord der 2. Stufe mit Quartvorhalt (d-moll mit verzögerter Terz f) zu reden, über den geistigen „Gehalt“ dieses Satzes ausführlich mutmaßen können. Aber ich z.B. liebe es, zuerst mit den Fingern auf den Tasten zu hören, Klänge wahrzunehmen, als seien es schon Gedanken. Obwohl ich auch ohne Beethoven mit den Grundakkorden der Tonika und der Dominante experimentieren könnte, um dann statt der Subdominante F-dur deren Stellvertreter in d-moll vorzuführen, und dann wie üblich über die Dominante zur Tonika zurückzukehren. Wozu also den einen allbekannten Stellvertreter mystifizieren, als habe Beethoven ihn erfunden? Hat er das etwa? Mitnichten!  Der Autor Felix Diergarten sagt es so:

Die Versenkung in ein mikroskopisches Detail des Satzes ermöglicht es, schließlich doch auch eine neue Geschichte über das Große und Ganze des viel beschriebenen Werks zu erzählen: ein Werk, in dem man statt einem »Abschied« mit guten Gründen ein Werk des Durchhaltens und des Weitermachens hören darf.

Ehrlich gesagt gefällt mir ein so spartanisch begründetes Ziel auch nicht recht, aber der unbekannte Weg dahin reizt mich. Man darf sich auch angesichts der schönsten und größten Werke nur nicht abschrecken lassen. Wer mit Fachbegriffen und fachkundigen Arbeiten weniger vertraut ist, kann sie in ganz kleinen Proportionen genießen. Z.B. der Begriff „Oktavregel“, und „Liegestimme“ (bitte, ich will nicht auf den Dudelsack verweisen), aber Beethoven war garantiert damit vertraut, wenn nicht mit genau diesen Worten, sondern mit den handwerklichen Mitteln. Er hatte lebenslang seine Ausbildung beim musikalischen Handwerker Albrechtsberger im Kopf, und wir – haben immerhin Internet und Wikipedia. Lesen Sie nur – ohne es auswendig zu lernen – etwas über die Geschichte der Oktavregel. Das gab es nicht zu meiner Zeit, und man lernte es nicht im Geigenunterricht, da lernte man staccato und legato. Und wenn Beethoven so einfache Akkorde verwendete wie im Thema der Arietta, so kam das nicht, weil er den „Tristan“ noch nicht kannte!

Bei Felix Diergarten liest man folgendes:

Wie ich im Vorausgehenden zu zeigen versucht habe, lässt sich eine solche Deutung auch aufführungspraktisch und analytisch stützen. Die hohe Metronomangabe bei Czerny und Moscheles ist für die Wirkung des Satzes von grundlegender bedeutung, weil sie kaum Zeit und Raum für Schwere und Abscghied lässt. Hinzu kommt der hier vorgestellte analytische Befund: Der Seufzer in Takt 6 der Arietta zwingt eine bis dahin von Liegestimme, Dezimparallelen und Oktavregel geprägte idyllische Stimmung zum Weichen. Während der Variationen beleuchtet Beethoven diesen Moment harmonisch immer wieder anders, aber immer wieder weicht die Liegestimme zurück, bevor sie kurz vor Ende des Satzes in einem brillanten Triller einen großartigen Moment des Durchhaltens erlebt, wenn sie vom Seufzer nicht mehr verdrängt wird und ganz in C-Dur bleibt.

Man nehme das cum grano salis und nicht als der Weisheit letzter Schluss – darüber lässt auch Diergarten keinen Zweifel – es ist wie mit dem „einfachen“ C-dur und den „einfachen“ Akkorden. Die Realität dieser Musik bleibt so differenziert und vielschichtig, wie sie ist. Wir betrachten nur ein winziges Detail des Geschehens und schärfen daran unsere künstlerische Auffassungsgabe, die das Ganze betrifft.

Die „Abschieds-Deutung“ bleibt virulent, auch wenn sie relativiert wird, sie ist selbst in ihrem historischen Kontext zu sehen. Deshalb ist mir die folgende Bemerkung des Autors so wichtig:

Quelle Zeitschrift Musik & Ästhetik Heft 96 Oktober 2020 Seite 14 bis 29 Felix Diergarten: Ein Strom allgemeinsten Jubels und Frohlockens Ein neuer Blick auf Beethovens Arietta-Variationen aus op. 111

P.S. Die Überschrift des Beitrags ist übrigens Zitat aus einer der ersten Rezensionen der Sonate, 4 Jahre vor Beethovens Tod.

Gulda 1953 Arietta ab 8:30

Was ist Musik?

Vorläufige Notizen zu Fernsehsendungen (keine Rezension)

1) scobel – Die Macht der Musik

Musik ist tief in der Evolutionsgeschichte der Menschheit verankert. Das Geheimnis der Rhythmen und Melodien beschäftigt nicht nur Forschende aus Neuro- und Musikwissenschaften.

Hier

Der Film, auf den Scobel gleich zu Anfang rückverweist ist der hier im Artikel als zweiter verlinkte. Ab 1:06 die Aufreihung der Inhalte: Musik als elementarer Bestandteil der menschlichen Kultur. Ihre Kraft: begleitet uns durchs Leben von Geburt bis Tod. Überwindet ethnische Grenzen. Wer ein Instrument spielt, lernt sich zu konzentrieren, zu improvisieren, im Team, allein oder in einer großen Gemeinschaft. Musik beeinflusst unsere kognitiven und sozialen Fähigkeiten, unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Hat eine gewaltige positive gemeinschaftsfördernde Kraft. Kann aber auch für zerstörerischen Zwecke missbraucht werden. Als politisches Instrument, als Foltermethode. Wie wird sich Musikpartizipation in Zukunft verändern? KI-Modelle sind in der Lage, im Stil bestimmter Komponisten neue Musik zu kreieren. Bericht Ramona Sirch. Brauchen wir noch Musiker aus Fleisch u Blut? Ab 3:06 Gäste: Melanie Wald-Fuhrmann, Eckart Altenmüller, Till Brönner (über die dramatische aktuelle Lage) bis 7:16, dann M W-F., E.A. ab 9:18 (Präsenzunterricht etc), Wirkung von Musik auf Gehirn: ab 11:23 Stefan Kölsch: „Good Vibrations“ Evolutionsforschung zu Musik u Sprache, Experiment Musik im Film, Wirkung von Musik: durch 4 Affektsysteme: 1 das Vitalisierungssystem im Hirnstamm, 2 im Zwischenhirn: Schmerz- und Belohnungszentrum, Dopaminausschüttung, Gehirne von Musikern jünger als dem biologischen Alter entsprechend,14:40, 3 Glücksystem im Hippocampus, entstehen bindungsbezogene Emotionen, mit andern, gemeinsames… Musik wird in Glück u Freude umgewandelt, 4 das Unterbewusste, wo Intuitionen entstehen, auch das Immunsystem stärkende, auch irrationale Ängste, positive Effekte nach Erkrankungen. Rätselhaft, dass Musik so universal wahrgenommen wird. Stimme, Kölsch dazu,15:50, Musiktherapie, aber keine Pille, individuelle Prägung, Hassmusik? Melancholie u Musik: das Sich-draufeinlassen ist eine Form der Verarbeitung (Melanie Wald-Fuhrmann) 18:30 Was wissen wir neurophysiologisch Neues? Altenmüller ab 18:35 Gehirne von Musiker/innen unterscheiden sich, Netzwerke größer, weil sie beansprucht werden, klar, aber wie individuell? Jedes Musikergehirn anders! Jazzmusiker anders als Klassiker! Frauen anders: individualistischer ausgeprägt. 20:20. Östrogen oder Testosteron, Gehirnkorrelate…Heute bessere Methoden als vor 15 Jahren. 21:00 an Brönner: Trompete, Lippen, Stimmung: viel Erfahrung mit Aufregung (Adrenalin), keine Belächelung, Trompete mit Sprache? 23:25 „Klang findet im Kopf statt“ SPRACHE Wald-Fuhrmann: unterschiedliche Konzepte versch. Kulturen, Ursprungsmythen, „bei Kindern ist das, was wir Sprache u Musik nennen, noch nicht getrennt“. Erwachsene singen mehr beim Sprechen mit Kindern. Genetisch. Nur scheinbar distinkte Kategorien. Bei Kindern Sprachstörungen mit Musik behandeln? 25:00 E.A. Auditive Mustererkennung, musikalische Gestalten besser klassifizieren können, b und p, t und d, Aufmerksamkeitslenkung. „Olivo-kochleäres Bündel“ = Nervenbahn, die vom Gehirn aus das Innenohr angesteuert, Haarzellen für bestimmte Klänge, Kinder musikalisch therapieren, 27:07. W.-F.: „Es ist nicht die Musik mit ihrer Wundermacht, sondern ein spezifisches Element, was zu diesen Effekten führt… und drumrum ist dann eben noch Musik. Wahrscheinlich machts den Kindern auch noch Spaß…“ 27:30 Religion und Musik – dieselben Wurzeln? Zugang zu einer Wirklichkeit, die wir nicht sehen können. – Gemeinschaft – SINGEN. 28:00 unerklärliche Wirkungen – Knochenflöte 40.000 Jahre alt. Der Homo Sapiens musizierte. Musik muss also evolutionär bedeutsam sein! Für eine bessere Kooperation, für stärkeren Zusammenhalt, fördert die Gesundheit, reguliert Emotionen und kann Konflikte mindern. Weltweit eine Vielzahl musikalischer Systeme. Ziel ist der Aufbau von gemeinschaftlichen Beziehungen. Ist Musik also eine universelle Sprache, über die sich die Menschen weltweit verstehen? Feldstudien in Nord-Kamerun. Thomas Fritz (über Universalien siehe hier) 29:25 bei den Mafas mit Klavierstücken (!). Universalsprache. Aber auch kritische Stimmen, die eher das betonen, was trennt. Melanie Wald-Fuhrmann will mit Klischees aufräumen. Wird Musik missbraucht, lassen sich die positiven Merkmale ins Gegenteil verkehren, machen Menschen unter bestimmten Bedingungen sogar krank. 32:00 Es wäre natürlich schön, aber es stimmt einfach nicht. 18. Jahrhundert, und immer an europäischer Musik nachgewiesen, die übliche Argumentation. Kritisch auf T.Fritz bezogen. Kolonialismus. Fröhlich u traurig wird verwechselt. Es gibt z.B. kein Moll in Kamerun. „Musik ist eine Sprache, die wir genau so lernen müssen wie eine Wortsprache“. 35:20 „Das heißt jetzt nicht, dass nicht Menschen über Länder und Kulturen hinweg erfolgreich miteinander musizieren können, also beim Musizieren in der Form der Interaktion, da scheint mir vieles eher möglich zu sein. Aber Musik verstehen in ihrer Bedeutung, das funktioniert nicht.“ Scobel-These, dass Jazz alle Stile miteinander verbindet. Alles möglich. Ideologie? Brönner: Viel unterwegs gewesen. Musik ist in erster Linie eine Haltung, eine Bereitschaft, nicht abhängig von einer Sprache, die wir vorher im Labor, über einen Lehrer oder ein Lexikon lernen müssen. Instrumente! Ähnliche Ausbildung überall. Funktion des Jazz immer eine verbindende. Scobel: universale Grammatik? Esperanto? Wo alle sich irgendwie einklinken können. Altenmüller: Widerspruch! In Musik Häufigkeitsabfolgen, Kadenzschemata, das ist ja eben gelernt. Es ist nicht, wie z.B. Chomsky sagt, dass wir feste Strukturen im Gehirn haben, diese hochkomplexen Verknüpfungen zwischen den Anteilen der verschiedenen Elemente in der Sprache, das haben wir in der Musik sicher nicht. Aber es gibt schon universale Anteile in vielen musikalischen Werken, die Affektsprache, wie Seufzen, Lachen, Stöhnen, was ja schon lange vor der Erfindung der Sprache da war, wir hatten mal einen Forschungsbereich: „the evolution of emotion and communication in animal and man“ – was können Tiere und Menschen in gleichem Maße kommunizieren? seufzen, knurren (drohen), als Affektgestaltung. Also auch Barockmusik, Renaissancemusik… Scobel: heute Filmmusik. Töne für Angst, der weiße Hai. In gewisser Weise universell, aber: aus dem Brotkorb der Universalienen einige Universalien herausgepickt und die dann künstlerisch gestaltet. 40:15 Wald-Fuhrmann über indische (arabische) Gesangsästehtik („supertraurig“), Scobel an Brönner: China-Oper u über arabische Vierteltonabweichungen, Ibrahim Mallouf, Jazzfestival in den Emiraten schwierig, – Japaner kennen fast jedes Volkslied aus Deutschland – 42:20 Globalisierung  Vielfalt gleichzeitig existierender Formen Musikbeispiel beginnend mit Lohengrin, „Musik ist Sprache der Leidenschaft“, Streaming Spotify, Lukas Linek, Künstliche Intelligenz, Juke Box Mix, 45:00 Beethovens 10. Sinfonie mit KI vollendet, klingt (demnach) vielversprechend – was übrigens Quatsch ist (JR). Matthias Röder: „eine neue Tür geöffnet“. Augmented Reality… Online-Spiele-Welt… Henrik Opperman 3D-Audio-Spezialist, 48:00 „sich aus der Sitzposition im Publikum befreien“, Bericht: Ralph Benz, Scobel: „wenn Musik rel. schematisch ist, kontrapunktisch, kann ich mir vorstellen, dass ne KI das macht…“ Wald-Fuhrmann: „da verspricht man mehr, als man halten kann“ – „hinterm Kunstwerk steht ein Mensch, der ein Problem lösen will oder der etwas kommunizieren will darüber hinaus – und eine KI hat keine Probleme und will mir nichts sagen, also warum…“ – Musikrezeption Musiker verdienen überhaupt nichts durch Streaming Dienste – Till Brönner über Spotify u.a. … nicht adäquat bezahlt. Es muss eine Vergütung gemäß den Abrufen geben! Altenmüller zur 10. Sinf Beethoven KI-Komposition:. „schrecklich. Ich fand die stink-langweilig! „Kunst muss irritieren, muss Regeln brechen, KI kann nur Regeln erfüllen!“ 54:30 (!!) Scobel: „Der nächste Schritt ist natürlich: untersuchen, wann ich denn als erfahrener Musikhörer/in jetzt einen Bruch erwarte, statistisch, nach wieviel Minuten muss der kommen, die Melodie irgendwie transponiert werden oder was auch immer, und das baue ich dann in meine KI ein“. Altenmüller: Nehmen Sie den einfachsten Bach-Choral – Bach verletzt die Regeln! … nicht vorhersagbar! Und das ist der Punkt: dass Sie nämlich im richtigen Moment Nicht-Vorhersagbares produzieren… (Brönner nickt)  Scobel nochmal zu 3D im Wohnzimmer… Brönner: früher: das einzige, was nicht bestechlich war: der Arsch auf der Bühne. Der eigene nämlich. In Pandemie-Zeiten ist das offenbar anders. Und die Menschen konsumieren weiter Musik… Ende bei 57:00

https://idw-online.de/de/news752530 (Frühgeborene Kinder: Musiktherapie fördert die Gehirnentwicklung Nathalie Plüss) hier

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2 Die Kraft der Klänge – Musik als Medizin

HIER

https://amiamusica.ch/author/friederike/ (Haslbeck) hier

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3 Die Kraft der Musik

HIER

Planet Wissen 25.04.2017 58:29 Min.  UT Verfügbar bis 25.04.2022 WDR

Sie rührt zu Tränen, tröstet und weckt Erinnerungen: „Musik ist das Faszinierendste, was die Menschheit je hervorgebracht hat“, sagt der Musikneurologe Stefan Koelsch.

[ https://www1.wdr.de/mediathek/video-die-kraft-der-musik-100.html hier ]

https://www.tu-chemnitz.de/tu/pressestelle/aktuell/7704 hier

https://en.wikipedia.org/wiki/Glenn_Schellenberg hier

https://de.wikipedia.org/wiki/Urs_Nater hier

https://klinische-gesundheit-psy.univie.ac.at/ueber-uns/urs-nater/ hier

https://www.planet-wissen.de/kultur/musik/index.html hier (darin: „Macht der Musik“)

https://www.mdr.de/wissen/warum-gemeinsames-singen-gluecklich-macht-100.html hier

https://www.buecher.de/shop/musikpsychologie/warum-singen-gluecklich-macht/kreutz-gunter/products_products/detail/prod_id/40838219/ hier

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Und von all diesen Sendungen abgesehen: was ist denn nun eigentlich MUSIK?

Ich würde noch einmal bei Schopenhauer beginnen. Es geht zunächst einmal um den „Willen“ als Kern der Sache. Aber nicht ohne fremde Hilfe, – es gibt ja hervorragende Interpretationen, die einem helfen, den Philosophen nicht misszuverstehen. Neuerdings sah ich eine plausible Einführung bei Andreas Luckner:

Das Phänomen, dass die Musik zu uns spricht, dass sich in ihr etwas uns mitteilt, was wir zudem in größter Klarheit verstehen könnten, was sich aber eben
nicht in Worte fassen lässt, war für den schon zitierten Schopenhauer Grund,
in seiner Metaphysik der Musik zu behaupten, dass wir mit der Musik einen
direkten Zugang zur Welt besäßen, wie sie »an sich« ist, also jenseits unserer
Vorstellungen bzw. Repräsentationen von ihr. Bekanntlich nannte Schopenhauer das, was die Welt an sich, in ihrem Innersten, ausmacht, »Wille«. Dies
hat viele Irrtümer produziert; bei »Wille« handelt es sich zunächst einmal um
einen Namen für das, von dem wir aus notwendigen Gründen keinen Grund
mehr angeben können, weil es als der Grund von allem gedacht werden muss,
ein Name des Absoluten also (Anmerkung). Das Absolute, der Grund von allem, den Willen darf man sich natürlich nicht als einen Gegenstand vorstellen, man kann
und sollte das Absolute eben überhaupt nicht vorstellen, weil eine jede Vorstellung schon in diesem Absoluten gründet.

Die Anmerkung dazu:

Wir können hier freilich nicht in Tiefen und Untiefen der Schopenhauer’schen Willensmetaphysik einsteigen, nur so viel: Die Welt als Vorstellung, also im Prinzip alles das, was wir von ihr systematisch wissen können, steht nicht für sich, sondern hat einen Sitz im Leben, von dem aus diese Welt als Vorstellung zuallererst ihren Sinn bezieht. Dieses Leben, das »An sich« der Welt, ist uns an einer Stelle zugänglich, wo wir nicht nur eine vermittelte Vorstellung von einem Weltgegenstand haben, sondern selbst dieser Gegenstand (und dann eben nicht mehr als Gegenstand, sondern als Subjekt) sind: unsere leibliche Existenz. Unsere jeweils eigene leibliche Existenz können wir gleichsam von zwei Seiten erfahren: einerseits vergegenständlicht als Weltding in der Vorstellung bzw. Repräsentation des Körpers, andererseits als gefühlter Leib, sozusagen »von innen«.
Daher kommt es, dass Schopenhauer die Welt, wie sie jenseits oder vor jeder Vorstellung ist, »Willen« nennt. Dies ist nicht der Wille im Sinne einer Intention qua Gerichtetheit auf einen Zweck; denn insofern Zwecke schon identifizierte (und gewünschte sowie für realisierbar erachtete) Sachverhalte sind, handelt es sich hierbei schon um Vorstellungen. Der »Wille« darf also nicht mit dem Willen in der Vorstellungswelt verwechselt werden; was Schopenhauer mit »Wille« meint,
ist vielmehr ein ungerichteter, intentionsloser, blinder Lebensdrang, eine Art vitales Energiefeld, die Quelle möglicher Bewegung. »Wille« ist aber hier genauso der Name des Absoluten wie in anderen Philosophien »das Sein« oder »die Lebensform«.

Ich überspringe einiges im Text, um auf das zu kommen, was mich überhaupt WAS IST MUSIK fragen lässt, z.B. dort, wo niemand mich auf irgendwelche Emotionen verweisen kann. Sagen wir in einer Bach-Fuge, die ich durchaus mit der Emotion „Begeisterung“ spiele, ohne dies als Argument anführen zu wollen… (sie bedeutet etwas – aber was???).

Musik als »Sprache der Gefühle« darf also nicht in dem Sinne verstanden
werden, dass Musik Gefühle darstellen würde, so dass der Inhalt der Musik
Gefühle seien. Das ist offensichtlich nicht der Fall, denn es gibt unzählige Beispiele hochstehender Musik, die mit bestimmten »Gefühlen« gar nicht in
Zusammenhang zu bringen ist, nehmen wir etwa eine Fuge von Bach oder ein
serielles Stück des frühen Stockhausen. In solchen Stücken stellt die Musik
nichts dar außer sich selbst. Ihr Inhalt ist nichts anderes als die Form, freilich
die tönend-bewegte Form, wie Eduard Hanslick gegen die Gefühlsästhetiker
und Programmmusiker seiner Zeit völlig zu Recht einwandte, d.h. die sich
immer erst bildende Form. Wer den Inhalt einer Musik jemandem darstellen
wollte, müsste ihm die Musik vorspielen. Komponieren ist daher auch nicht
die Übersetzung eines Stoffs in Töne; vielmehr sind die Töne selbst die »unübersetzbare Ursprache«.

Quelle Andreas Luckner: Musik – Sprache – Rhythmus / Bemerkungen zu Grundfragen der Musikphilosophie / in: Musik-Konzepte Sonderband Musikphilosophie 2007 ISBN 978-3-88377-889-1 (Zitate Seite 38f)

Zur Erinnerung: das ist noch lange nicht alles. Zu reden wäre – scheinbar im Widerspruch – auch davon, dass wir Musik eigentlich immer „als spezial bedeutsame Präsenz einer anderen Person hören“ , die eine „virtuelle Person“ ist.  Und damit zitiere ich aus der Arbeit eines anderen Musikphilosophen, der wiederum an andere Philosophen oder Psychologen anknüpft, und da kann ich die Emotionen nicht ausklammern:

Musikalische Gesten werden wie Gesten der Körpersprache als Verkörperung affektiver, emotionaler und kognitiver Inhalte (etwa in Bezug auf soziale Zugehörigkeitsformen) verstanden. Im Falle eines kontemplativen Zuhörens ist diese Interaktion normalerweise offline: Sie ist imaginäre und interpretativ. Da Zuhörer jedoch emotional auf Handlungen und Emotionen reagieren, die durch Musik akustisch dargestellt werden, ist das Musikhören eine Ausübung von Geselligkeit, etwa eine Simulation unserer Sozialisierungsfähigkeit. Die dynamischen Eigenschaften von Musik spezifizieren Prozesse, die wir normalerweise Lebewesen zuschreiben, mit denen wir interagieren. Es ist also plausibel, dass wir Musik als expressiv und bedeutungsvoll hören, wenn wir in der Dynamik der Musik persönliche Merkmale erkennen, d.h. wenn wir Musik als akustisches Zeigen von Lebewesen hören, die sich bewegen, handeln, interagieren, sich ausdrücken und sowoihl miteinander als auch mit den Zuhörern kommunizieren.

Quelle Allessandro Bertinetto: Musikalische Bedeutung / Eine pragmatische Perspektive / in: Musik & Ästhetik Heft 99 Juli 2021 Klett-Cotta Stuttgart (Zitat Seite 29f)

Nachwort (noch einmal zu Schopenhauers „Wille“, jedoch nach Dahlhaus)

Quelle Carl Dahlhaus: Musikästhetik / Musikverlag Hans Gerig Köln 1967