Kategorie-Archiv: Märchen

Bloße Meinungen

Was einem ohne Begründung durch den Kopf geht

(ergänzende oder kontrastierende Fotos eingefügt)

Sympathie?

Zum Beispiel, dass die Kultursendung des ZDF eine von A – Z kontraproduktive, diskulturelle Sendung ist. Aspekte, die man zu Schmiedings Zeiten etwas überanstrengt fand, etwas sympathisch, aber auch etwas künstlich auf Niveau getrimmt. Und heute die schiere hochtiefkulturelle Verlegenheit, eine Wagner-Sängerin als Entdeckung präsentieren, aber sich nicht trauen, eine einzige Zeile Walküre voll auszukosten. Dann Wolfgang Niedecken, weil sie glauben, was in Köln eine Rolle spielt und nach Pop klingt, müsste auch vor großem Publikum funktionieren. Und dann nicht einmal versuchen, eine einzige seiner kölschen Strophen per Untertitel inhaltlich zu übermitteln, nur sein fortwährendes Gelaber über Klima, Kinder und Enkelkinder, man müsse nun die Verantwortung übernehmen, dass man denen eine solche Welt hinterlässt. Stimmt! Sowas kann man endlos produzieren, beliebig, sinnlos, – Köln wird überschätzt. Niedecken wird überschätzt, seit er sich einmal im Fernsehen mit dem überschätzten Heinrich Böll unterhalten durfte.

Dokumentarfilm: „Ich bin Greta“ – Die Klimaaktivistin kommt ins Kino / „XES“ Ein Comic über Sexsucht – Von der Einsamkeit des Süchtigen / Vernichtung der Indianer – Ein Chief aus Kanada spricht Klartext / Gast: Luisa Neubauer; Live: BAP /

Man könnte endlos meckern und schimpfen, was einem da zugemutet wird. Sogar Luisa Neubauer, porzellanig-schön wie eh und je, spricht ungeschickt und papieren brisante Inhalte. Wie die ganze Sendung: unzulänglich präsentiert, ungenau, und inwiefern Greta persönlich? weniger gescheitelt? also nur wie sie wirklich ist? Sie ist – wie könnte es anders sein: anders. Aber will das jemand wissen, wenn der Arsch brennt, und nicht nur das ferne Australien, oder Californien. Und diese unbedarfte Moderatorin, Katty, natürlich nicht Kathi. Ist mit Niedecken per du. Köln ! Was hat sie eigentlich gelernt. Französisch. Um auch in dieser schönen Sprache notfalls den gleichen Unsinn zu produzieren, den sie schon auf Deutsch von sich gibt? Sie hat nichts gelernt, wie Freund Jo, immer nur Medien, irgendwas mit Medien, solche Leute kommen meist aus Karlsruhe, und dann haben sie bei Viva moderiert, und dann bei EinsLive, zur Not einen Medienpreis für Volksnähe eingeheimst, und dann darf man mal Igor Levit auspressen, der auch nichts zu sagen hat, oder Lang Lang in Arnstadt, weil er nun auch mal die Goldberg-Variationen auf den Markt hat werfen wollen. Nein, das weiß er ja medienwirksam auch, nein, um Glenn Gould kommt keiner herum, denkt ja fast jeder, ich zum Beispiel nicht. Und diese schreckliche Lang-Lang-Demut im heiligen Bach-Ambiente, Kultur aber soll doch eher leicht sein, daher das ewig-kindliche Grinsen und Gänsehautgerede. Ich will’s nicht mehr hören.

Dumont Kunstführer s.a. hier

Foto: E.Reichow

Aufbruch zum Völser Weiher. Ohne Eile, das darf Stunden dauern, das schönstmögliche Panorama, wie heißen noch die letzten Spitzen des Schlern-Massivs? „Die 2.413 m hohe Santnerspitze und die 2.394 m hohe Euringerspitze“. Vorgelagert bis zum Waldsaum in der Tiefe diese unglaublichen, abgründigen Rundungen, die weichen und weiten Mulden und Wölbungen in sattem Grün, wenige Kühe in der Tiefe des Raumes verteilt. Wie in einem vielfach verbogenen Amphitheater.

Liegen sie tatsächlich  wie Violinschlüssel hingestreckt, oder hat Musil nur das Wort und das Zeichen übermitteln wollen, das ich nun nie mehr  von den Almen lösen kann. Grigia. Die Portugiesin – war schon schwieriger – und Tonka, bei der Wiederbegegnung wie schon 1965 etwas ärgerlich. Mein Fehler, es als Darstellung der problematischen Überlegenheit des männlichen Protagonisten zu lesen. Warum diese hohe, halb theoretisch-rationale, halb expressionistische Sprache, ohne als Psychoanalyse zu funktionieren. Draußen auf den Bänken diese Quo-vadis-Sprüche, sie wollen uns nachdenklich machen, ungebeten. Mit Gauguin und Nachfolgedenkern. Woher kommen wir, wohin gehen wir. Wer sind wir. Ein großer Maler zweifellos, irgendwie altägyptisch. Ausgerechnet der fragt sich das, im damals nicht so recht funktionierenden Paradies Tahiti.

Woher kommen wir?

Und hier in rostigem Blech noch ein Seneca-Spruch. Wie tief das alles, angesichts der gewaltigen Natur, die man nicht verleugnen kann. Im Dumont-Kunstbuch gestern früh der großartige Bericht über die gotischen Fresken in Burg Runkelstein, intensive Beschwörungen des höfisch-ritterlichen Lebens, Maximilian I. der letzte Ritter hat es schon restaurieren lassen, fand es wertvoll. Was, wenn man dies weiterhin überall propagiert hätte, über die Jahrhunderte hinweg – Tristan und Isolde – statt der schrecklichen Märtyrer-Geschichten in all den alten Kirchen? Die Drohung mit Fegefeuer, Abschneiden von Körperteilen, die allgegenwärtige Todesangst, das Sterbenmüssen und Menschenquälen als vorbeugende Maßnahme allüberall praktiziert, um jeden gefügig zu halten. Nicht Minne und stolze Sitte. Hier in diesen Bergen ist die Sagenwelt meiner Kindheit zuhaus, Zwerg Laurin, Meister Hildebrand, Dietrich von Bern, Bern soll Verona bedeuten, der böse Erzbischof von Trient, auch in Musils „Portugiesin“ gemeint? Im Restaurant am Völser Weiher die Reproduktionen (vonwegen!!! Ignaz Stolz! siehe Textfoto oben aus Kunstführer) der heldischen Ölschinken des 19. Jahrhunderts, Hildebrand und Dietrich beim Hinmorden der Zwerge, deren Rosengarten sie zerstört haben, per Pferd der Raub einer Frau, deren Namen (Isenhilde? recherchiert: sie hieß SIMILDE) ich nie gehört hatte. Hier gibt es genau die Spaghetti al pesto, die ich vom Vorjahr in Erinnerung habe, mit satt ausreichend Öl. Am Nebentisch zwei Frauen, jung und mittelalt, keine Engstfreundinnen, wie wir erst dachten, sondern eher Mutter und Tochter, sie zischeln abwechselnd, dass in der Politik nur noch Homos und Lesben zu Amt und Würden kämen, schon der abfällige Ausdruck Greta Thunfisch hätte uns vorwarnen müssen, die weiß nix über lebensnotwendiges CO2, die lächerliche Genderisierung allenthalben, dann der Vergleich der beiden Demonstrationen in Berlin, das Unrecht in der Berichterstattung, obwohl die Klima-Typen alle unmaskiert und viel zu dicht beieinander usw., Corona sowieso alles Fake, wie man an SARS beweisen kann. Niemand habe das in den Medien moniert, die sind ja auch durchweg unterwandert! Aber all dies kam von Tisch zu Tisch vielleicht nicht so geballt rüber wie in meiner Rückerinnerung. Ganz viele Fakten, die wir nie gehört hatten, wir Ahnungslosen, und hier sozusagen aus erster Augenzeugenquelle, die beiden kommen aus Ost-Berlin. Ich fange an, mir was zu notieren, und sie helfen mir auf die Sprünge. Man hilft mir gern. Die Damen sind auch derart beschlagen, zudem enorm mitteilungsfreudig. Und sehr aufgeschlossen, fast freundlich zugewandt. Sie haben Corona-Angst, Test-Angst, Zwangsteste, vor allem, dass die Grenzen bald zu sind, „nein, meine DNA geb ich doch nicht her“. Slowenien war zu, die Tschechei, jetzt Luxembourg. Jetzt Tirol, das macht doch hier im Süden nicht halt! Die jüngere zeigt mir im Smartphone Dokumente der Bundesregierung, Heiko Maas hat das noch mit ausgearbeitet und dann hat man es aus dem Blickfeld verschwinden lassen, denn wir sind alle auf dem Weg in die absolute Gedankenkontrolle. Die wichtigsten Fakten werden schon gelöscht. „Was, das haben Sie nicht mitbekommen?“ Ich staune über das Detailwissen, sage aber probeweise das warnende Wort „Verschwörungstheorie“, ohne es anklagend zu meinen, nur als Versuchsballon, keine beleidigte Reaktion, ja, überhaupt keine, was etwas auffällig ist. Als ob sie das schon kennen. Das Wort Atlantikpakt. Claus Kleber! Ja, da stimme ich zu, – dessen unangenehme Berichterstattung, wie er bebend vor kaum verhaltener Erregung seine Nachrichten übermittelt. Ich sage „Kassandra“. Das mögen sie nicht, vielleicht weil es femininum ist. Oder zu positiv. Ich habe auch Bill Gates gesagt. Nein, sagen sie, Bhakti hat uns die Augen geöffnet, ja mit B-H am Anfang, Virologe, indonesischer Name. Servus-TV am 9. September, kann man bestimmt noch abrufen. Vor allem Thorsten Schulte, „fremdbestimmt“, grundlegendes Buch. Wer hat am Zweiten Weltkrieg verdient? Und jetzt? Alle einschlägigen Fakten im Internet werden automatisch gelöscht. Aber keiner will davon gewusst haben.

Völser Weiher

Faktencheck zuhaus. Jedes Stichwort gibt auf Anhieb die entscheidende Information frei: in allen Punkten sehr umstritten. Es dämmert uns, – lupenreine AfD-Nähe, aber absolut getarnt und abgedichtet. Wir haben nicht erkannt, dass wir darüber doch schon allerhand Berichte gehört haben. Da ging es um die Löschung volksverhetzender Beiträge in Facebook.

Zur speziellen Meinungsbildung:

Wer ist Sucharit Bhakdi: hier. Und in Servus TV (50 Minuten) hier. Atlantikbrücke hier . Thorsten Schulte („Fremdbestimmt“) hier. 2012 Risikoanalyse Pandemie durch Virus 17/12051 hier (Seite 5 und Seite 88)

Netzwerk Durchsetzungsgesetz hier. Oder auch hier (Heiko Maas).

Fazit: Achtung AfD-Nähe Weiteres über die Hintergründe hier bei LANZ.
Neutraler Ausklang

Nicht ohne beachtliches Fegefeuer

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Eine Wiederholung (als Übung, aus dieser Thematik rauszukommen): HIER (26.11.2019)

Eine spätere Lehrstunde über Verschwörungstheorien bei LANZ: Hier (erstellt 1.10.2020)

Träume der späteren Generation

CORONA-ZEITEN / ZITAT aus dem Twitter-Traum-Tagebuch JMR

Bei meinem Urgroßvater kolportiere ich ja gerne, er habe sich beim Anbringen der Antenne auf dem Dach den Tod geholt. Aber immer wieder wird das bestritten.

Jedenfalls heute war es so:

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#24 – 8:51 vorm. · 17. Apr. 2020·Twitter Web App

M. ist da, in seiner Rolle als Intendant entsteigt er den orangen Bahnen von Soundcloud – obwohl gestern die Spuren von Final Cut Korridore meines Home Office gewesen waren -, um mich hinzuweisen, ich müsse auch #hören. Eine nicht zur Kränkung gemeinte Frage, aber

(1/11) leicht kränkend. Ob ich die ? kenne – sagt er wirklich „Vögel“, so platt wie selbstverständlich? Da er als Intendant hier ist, bestätige ich, jaja natürlich, und wie zum ersten Mal bemerke ich, wirklich träume ich mich das erkennen, #Coronaträume müssten ja nicht verbal

(2/11) geschehen, sondern könnten sehr wohl #Gehörtes sein. Und warum hätte „ausgerechnet ich“ das nicht gewusst, träume ich. – Dabei ist der Hauptschauplatz – Schnitt? – ein mehrstöckiges, nur oben angemietetes Haus mit einem von abschüssigen Dächern umrahmten Innenhof. Römi-

(3/11) sche Villa? Über diese Dächer muss man (muss ich) rutschen, um ohne Störung der Besitzerfamilie, eines Vaters und eines Sohns, unseren Teil zu verlassen. Eventuell wissen sie noch nicht beide von der Vermietung und ich möchte niemanden (den Sohn nicht?) erschrecken oder

(4/11) verärgern. Wobei: deswegen Dachrutschen? Spielt mein Urgroßvater Heinrich Arnhölter eine Rolle, und sein Haus auf der Lohe mit der Werkstatt unten und der Wohnung im nur über die zentrale Dielentreppe erreichbaren Obergeschoss, es ist nur ein Frühkindheitsbild, und sein

(5/11) legendärer #Tod infolge winterlicher Dachkletterei zu Radioantenneninstallationszwecken, mit über 80, an der Lungen (sic) Entzündung? – Es sind mehrere Menschen dort versammelt, im Obergeschoss des jetzigen Traums, wie zu einer Festivaleröffnung doch in typischer Baumarkt-

(6/11) besucherkleidung. Ist das das von M. kuratierte Festival? Ich begegne P., die mich mit vorwurfsvollem Blick – und nicht aus „ihren“ Augen, sie passen nicht in das Gesicht, – begrüßt; sie hätte „etwas von mir spielen können“, ich hätte mich „aber“ gemeldet haben müssen. Ich

(7/11) wundere mich, dass sie, früher meine Instrumentallehrerin, mich ausschließlich als Komponisten oder irgendwelchen Urheber anzusehen scheint. Ist das eine Verschiebung durch #HomeOffice und #Quarantäne? #Verschiebung also sowohl in der Zeit, vom Damals in eine verpasste

(8/11) Zukunft, wie eine Verschiebung des Arbeitsfeldes (sic)? Ein klassischer Ratgebertraum, Selbsthilfe insofern, und ich erwache vor sieben an den Überlegungen, ob es stimme, dass die Verbalisierung (in Echtzeit, während Genese!) ein Problem für (!) die Träume sei. (Bei

(9/11) Tageslicht würde ich sagen: genau das Gegenteil ist wahr, aber selbst „genaue Gegenteile“ sind reine Sprachkonstrukte.) – „7:45 – Anstehender Weckruf“, steht um 7:43 auf der Oberschicht meines Handys, aber es war ohnehin geknebelt und stumm, auch die SONY DREAM

(10/11) MACHINE hatte noch mit keinen Coronazahlen geweckt. Später beim Aufschreiben, jetzt, sind es die Dunkelziffern aus Wuhan.

(11/11) 20200417 #Coronaträume

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Erinnerung JR

Ich kenne das Haus und den Ursprung dieser Traum-Geschichte. Es handelt sich um meinen Großvater, der vielleicht aber auch so erhalten bleiben will, wie ich ihn gesehen habe. Alles hat mit dem Ende des Krieges zu tun und mit meinen Anfängen, der allmählichen Erweiterung des Bewusstseins. Auch besorgniserregende Fieberträume müssten darin vorkommen. Todesängste, mit Märchen vermischt, nicht genau datierbar, aber etwa zwischen 1943 und 1948. Reisen, zuerst nur, um im Haus der Großeltern sicher zu sein, satt zu werden (der Krieg rückte näher), den Onkel kennenzulernen, ohne zu wissen, dass dies erste auch das letzte Mal war; später – fluchtähnlich – in 7 Tagen von Greifswald nach Bad Oeynhausen, eine endgültige Schwerpunktverlagerung von Ost nach West, Nord nach Süd.

Der engere Lebensraum, der verlorene Sohn, das Enkelkind, die erste Urenkelin…

 1943

 1963

 sein Haus, seine Fabrik sein Mist, sein Viehstall

Er igelte sich ein, hörte intensiv Radio und hoffte auf die Wiederkehr seines Sohnes, der auch Tischler sein sollte.

Wie kam der eigensinnige Mann ums Leben? Manchmal hatte er blaue Lippen. Er wollte hundert Jahre alt werden, sie aber wollte ewig leben (sie wusste: „Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben“, vielleicht auch nur 144.000, er jedenfalls sollte nicht unbedingt unter ihnen sein…)

Seine Frau (*10. Juli 1887) war am 9. September 1965 gestorben. Was in ihrem Leben schlimm war: der Tod des Sohnes (wohl bei Witebsk im Sommer 1944), und wie ihr Mann im Laufe der Jahre das schöne Haus verschandelt hat. Er – als geborener Eigenbrötler (*3. Januar 1882) – schien am Ende gut allein zurechtzukommen, starb aber überraschend schon vier Monate nach ihr, am 14. Januar 1966. Die hungrigen Kühe hatten durch ihr Gebrüll die Nachbarn alarmiert. Meine Mutter fand ihn rücklings auf seiner Schlafstelle. Er hatte sich zuletzt mit der Anlage (und „Erdung“?) einer neuen Antenne für sein Radio beschäftigt, das wohl diesen neuen Platz neben ihm einnehmen sollte. Es war sein Fenster zur Welt, seit vielen Jahren verfolgte er die WDR-Sendungen („Zwischen Rhein und Weser“). Offenbar war er mehrfach zum Dachboden hinaufgestiegen (oder in den Keller hinunter) und hatte sich irgendwann zum Probehören aufs Bett gesetzt. Oder einfach um Kraft zu schöpfen.

Weitere 4 Monate später wurde übrigens in Solingen der Urenkel geboren, der jetzt seine seltsamen Coronaträume notiert, in denen der alte Vorfahre und das verkommene Haus mit Werkstatt verfremdet auferstehen und mich mit merkwürdiger Gewalt an die real erinnerten Schauplätze meiner Kindheit zurückzerren.

(JR) Als meine Kindheit schon einige Jahre zurücklag, war ich des öfteren noch bei den Großeltern, insbesondere wenn die Sklavenarbeit anlag: in der Flutmulde der Werre das Heu zu wenden oder pedantisch langsam zusammenzuharken, aufeinanderzuhäufeln, einzuladen und heimzutransportieren. Es lag noch immer – wie in früheren Ferien – ein Bann über der Tätigkeit (die wachsamen Augen des Großvaters), und wenn man dann zuhaus im Wohnzimmer (Herd und summender Wasserkessel integriert) saß und las, stundenlang, – es musste nach Arbeit aussehen -, war es wie in Quarantäne. Ich kannte niemanden „da draußen“, jedenfalls niemanden, den (die) ich hätte besuchen können, ohne langwierige Erklärungen. Ich könnte heute noch genau sagen, was ich damals gelesen habe (ich wollte gründlicher Französisch lernen): Baudelaires Übersetzungen der Geschichten von Edgar Allan Poe. Gekauft in Paris, am 1. September 1963 ! Darin hauchdünnes Schreibpapier (japanisch?). Einige eigene Übersetzungen und ein aus unbekannten Gründen abgeschriebener Text. Ich kann es kaum glauben. Warum war ich dort? Ein Wust von Erinnerungen, die ich nicht rekonstruieren möchte. Warum saß ich jetzt alleine? Freiwillig ausgeliefert der Welt des Großvaters, den Predigten der Großmutter. Die Lohe bei Bad Oeynhausen gegen Paris, Köln, Japan. Quarantäne ist das Stichwort. 

  

Mit anderen Worten: ich verliere mich in eigene Tagträume. Und bin reif für eine Fortsetzung der aktuellen Geschichte, ohne meinerseits eine Deutung zu versuchen. Der Keim der Zwietracht unter Brüdern, der nach Jahrzehnten aufging (nicht zwischen den neuen Generationen). Merkwürdig, dass Brand’s Busch auftaucht, wo ich mich meiner verwitweten Mutter entzog, die Waldterrasse, wo ich endlos Musils „Mann ohne Eigenschaften“ las, wo Ende der 90er Jahre letzte Familienfeste gefeiert wurden, scheinbar harmonisch, wie auch im Berghotel Quellental und im Stillen Frieden.

ZITAT JMR (Ansätze einer Erläuterung, work in progress)

zu dem Urgroßvater: ein typischer Fall von Vermischung des Traummotivs selbst und seiner Deutung, die meiner Theorie nach gar nicht voneinander zu trennen sind. Vielmehr geht beim Träumen, zumal morgens gegen Ende, das Träumen und die Analyse – oft schon während des Träumens (!) Hand in Hand und oft an der Hand des Wortlautes, über Assonanzen, Assoziationen und Verleser auf rein verbalem (!) Niveau. Wohl eine Gehirnfunktion. Insofern der – selbstanalytische – Befund des „Intendanten“ im heutigen Traum besonders aufschlussreich, der diese Verbalität in Frage stellt. Aber das führt jetzt zu weit.

ZITAT Fortsetzung der Traumgeschichte

***

#25

„Um die Szene (=Inszenierung) zu bewältigen, müssen Sie 20% GO AHEAD LIVE gehen,“ erfahre ich, in einer Mischung aus Hören und Sehen. Diese Versalien-Titel, – „Titel“, wie das in der Filmbearbeitungssprache von FINAL CUT PRO heißt -, sehe ich dabei als Einblendung. Es

(1/9) ist dies bereits retrospektive oder „grenzwertige“ Reflexion zwischen Rückschau/Deutung und vorangegangenem Traumabschnitt, Abschnitt oder Schnitt des vorangegangenen Traums selbst also. Dieser hatte zwei szenische Komponenten gehabt, nämlich ein wohl fernmündliches

(2/9) Gespräch mit J., meinem Vater, dem ich leichtfertig zugesagt hatte, ihn „nun doch … aus dem Hotel“ abzuholen, einem Waldhotel irgendwo „oben“, etwa an Brand’s Busch in Bielefeld erinnernd. Ich komme aber gar nicht hin, denn die nächste Szene spielt, zweitens, im Eingangs-

(3/9) bereich eines „prekären“ (?) Supermarkts, etwa WalMart, über 800m2 groß und nur aus Not geöffnet, gegen „die Verordnung“. Verwirrungen beim verpflichteten Schuhwechsel, in der Nähe der ineinandergeschobenen Einkaufswagen (oder -wägen, wo bin ich denn?). Meine Füße fühlen

(4/9) sich zu warm an und jetzt sehe ich, warum: in ihren Socken, im Traum also, stecken sie schon in den geforderten (?) Wechselschuhen (!), je zwei ineinandergeschobenen alten Herrenschuhen, an der Ferse zu Pantoffeln heruntergetreten. Diese Notlösung wundert mich etwas, ich

(5/9) sehe sie aber auch an den Füßen anderer älterer Herren in grauen Jacketts und mit Schnauzbärten, von mir (ausgrenzend?) einem Soziotop zugeordnet, die mit der Situation und Schuhprovisorien mehr Erfahrung zu haben scheinen. Von Gesichtsmasken keine Spur oder Rede, aber um

(6/9) dieses Provisorium „scheint“ es mir, – we’re all in these together, #Coronaträume, – eigentlich zu gehen, als eine für den Supermarkteinkauf notwendig zu erfüllende Bedingung. Hier nun fällt mir ein, das Abholen beim Waldhotel vergessen zu haben. J. wird noch immer wartend

(7/9) dort sitzen und der Zeitpunkt meines Versprechens liegt schon „so 10, 20 Minuten“ zurück, es dürfte ihm inzwischen aufgefallen sein. So kommen die Überlegungen zu 20% GO AHEAD LIVE ins Spiel, wohl als Ausrede oder zur Erklärung meiner Versäumnis. Ich habe aber auch so viel

(8/9) zu erledigen, lächle ich wie in mich hinein.

(9/9) 20200418 8:31 vorm. · 18. Apr. 2020·Twitter Web App

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Quelle: https://twitter.com/jmarcreichow/status/1251397815663804422

Der Traum geht weiter: ein Haufen vieler Gepäckstücke…  (27. April 2020)

Aufwind im Odenwald

Von Michelstadt nach Reichelsheim

Manchmal genügt ein radikaler Szenenwechsel, sagen wir: eine Drei-Tage-Reise, vielleicht verbunden mit einer kleinen Aufgabe, um der Trübsal oder dem Trott des Alltags nachhaltig zu entrinnen. Allerdings: Trübsal ist ebenso übertrieben wie Trott untertrieben, Tristesse wäre näher dran, andererseits war ich zuhaus ja bestens gelaunt, umgeben von aktueller Musik und einer Reihe neuer Bücher. Jedenfalls, – unterhalb dieser imaginären Wolkendecke in einer Zeit, nennen wir sie „Herbst“ oder „Oktobernovember“, wenn nunmal nicht mehr die Sonne der Jugend alles, was vor uns liegt, verklärt; Mut oder Übermut den Erwachenden am frühen Morgen unwillkürlich beflügeln, ach, wie hätte es Hölderlin gesagt? Damals in Darmstadt 1965 hatte ich seinen späten Zweizweiler oft auf den Lippen, wohlwissend, dass er mich nicht wirklich betrifft: „April und Mai und Junius sind ferne / ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne“, – rezitierte ich, weil ich so gerne lebte (glaube ich heute…). Jetzt passt es besser. Also weiter: ich bringe die Bilder in eine ungefähr dem Ablauf entsprechende Reihenfolge, beginnend mit dem Anlass der Reise, den ich schon hier gewürdigt hatte.

Vortrag Prof. Dr. Rosemarie Tüpker

 

 Ehrung

Die Fahrt hierher von Michelstadt aus:

Odenwald-Parkplatz: nicht weit von hier die Stelle, wo Siegfried von Hagen niedergestochen wurde. Sagt man. Extra-Inschrift: „Ab sofort wird dieser Ort videoüberwacht“. Erschreckt fahre ich weiter, man soll mich nicht filmen, für meine Zwecke genügt ein Holzstoß…

Michelstadt!

  

 

 

 Hotel 3 Einohrhasen?

An unserem Lieblingstisch

 .    .    .     . .    .    .    .

Oben Fotos E.Reichow / Unten Handy JR

  

(Fortsetzung folgt)

Wie die Musik entstand

Das Märchen von der Erschaffung der Geige

Ich kannte die hier – gleich unter dem Foto – wiedergegebene Geschichte noch nicht oder wusste davon nur das, was in der Anmerkung auf der hier folgenden Scanseite steht. Erst die persönliche Begegnung mit Rosemarie Tüpker in Reichelsheim und ihr Vortrag dort machten mich wirklich neugierig. Freundlicherweise erhielt ich wenige Tage danach den Text, da das Buch offenbar längst vergriffen ist und nicht wieder aufgelegt wurde. (Inzwischen habe ich mich ernsthaft bemüht: ein neuwertiges Exemplar von „Medimops“ ist per Post an mich unterwegs, der Preis lag bei sage und schreibe 0,89 €, ich werde es nach dem Eintreffen dankbar ablichten.) Zum hier und in vorhergehenden Artikeln gebrauchten Wort „Zigeuner“ siehe das Nachwort.

Aus dem Buch „Musik im Märchen“ von Rosemarie Tüpker / Foto : Am Abend nach der Preisverleihung an die Autorin, – die Stimmung war gut!

Der verzauberte Kasten

Dort, wo der dichte Tannenwald in einen lichten Buchenhain übergeht, lebten den Sommer über arme Zigeuner.
Zum Winter begaben sie sich mit Sack und Pack zu einer alten, verlassenen Mühle, um während der kalten Tage ein Dach über dem Kopf zu haben. Im Frühling kehrten sie an ihren Platz zwischen Tannenwald und Buchenhain zurück und schlugen dort auf der Lichtung ihr geflicktes, windgezaustes Zelt auf.

Es waren ihrer zwei: ein Zigeuner und eine Zigeunerin, die Frau des Zigeuners. Obwohl bereits sieben Winter und sieben Frühlinge, Sommer und Herbste ins Land gegangen waren, hatten sie keine Kinder, und dabei wünschten sie sich so sehr ein Söhnchen. So manche Tage ging die Zigeunerin zum Zapfensammeln in den Tannenwald. Sie sammelte die Zapfen von der Erde auf in ein großes Tuch, sammelte und schaute, sammelte und schaute. Dabei sah sie, wie auf Pfaden, zierlich und schmal wie ein Fingernagel, in langer Reihe Ameisen krabbelten und weiße Bündelchen trugen, in denen ihre Kinder – kleine Ameislein – schliefen. »Glückliche Ameisen … «, seufzte die Zigeunerin und sammelte weiter ihre Zapfen. Sie sah, wie in einem Wacholderstrauch ein Fink seine Jungen mit schwarzen Fliegen fütterte. »Glücklicher Fink … «; seufzte die Zigeunerin und sammelte weiter ihre Zapfen. Sie sah den Igel vier Igelkinder spazieren führen. »Glücklicher Igel!« seufzte noch einmal die Zigeunerin, schulterte ihr Zapfenbündel und kehrte zu ihrem Zelt zwischen Tannenwald und Buchenhain zurück. Dort schüttete sie die Tannenzapfen aus und zündete ein Feuer an; denn es begann kühl zu werden. Wind war aufgekommen, der Tannenwald rauschte, der Buchenhain rauschte; die Zigeunerin ließ sich am Feuer nieder, und neben sie setzte sich der Zigeuner.

»Schade, daß du ein so großes Feuer gemacht hast«, sagte der Zigeuner zu seiner Frau. »Für uns beide hätte ein viel kleineres gereicht.«

»]a, das ist wahr«, erwiderte die Zigeunerin. »Aber wenn wir Kinder hätten, säßen wir um das Feuer herum, und für jeden gäb’s Wärme genug. Dann tät’s mir nicht mal leid, alle Zapfen aus dem Tannenwald auf einmal ins Feuer zu werfen.«

Hell loderten die Zapfen. Die roten Flammen flatterten mit ihren goldenen Flügeln, als wollten sie davonfliegen. Doch das Feuer hielt sie zurück. Als es niedergebrannt war, legten sich der Zigeuner und seine Frau in ihrem Zelt schlafen, und beide träumten den gleichen Traum: den Traum von einem kleinen schwarzhaarigen Jungen, der ihr Söhnchen war.

Im Morgengrauen erwachte die Zigeunerin, und sie ging mit ihrem Tuch in den Buchenhain, um Bucheckern zu sammeln, aus denen sie hübsche Halsketten fertigte, indem sie die Eckern auf Roßhaar fädelte. Die Halsketten verkaufte sie später auf dem Markt; denn dem, der sie um den Hals trug, halfen sie bei Schmerzen in den Knochen. Bucheckern gab es in Hülle und Fülle, doch kaum hatte die Zigeunerin drei Hände voll gesammelt, als sie eine alte Frau erblickte, die aus dem Astloch einer alten Buche herausschaute. Es war Matuja, die Seele des Baums. Sie beugte sich aus dem Astloch und sagte zu der Zigeunerin: »Fürchte dich nicht vor mir, ich bin die Seele des Buchenbaums und verbiete dir nicht, seine Eckern zu sammeln. Sag mir, was du dir wünschst, und ich will dir deinen Wunsch erfüllen.«

»Buchenseele«, rief die erschreckte Zigeunerin, »ich möchte so gern ein Söhnchen haben!«

»Du wirst ein Söhnchen haben«, antwortete Matuja. »Tu, wie ich dir rate: Wenn du zum Wahrsagen ins Dorf gehst, such dir einen Kürbis, und sobald du ihn gefunden hast,
schneide ihn ab und trag ihn in dein Zelt. Nur denk daran, der Kürbis muß groß und reif wie der aufgehende Mond sein. Du höhlst ihn aus und gießt Milch hinein, und dann trinkst du sie restlos, bis zum letzten Tropfen, aus. Tust du das, so wird dir ein schöner, glücklicher Junge geboren. Sobald er herangewachsen ist, möge er in die Welt hinausziehen, das Glück zu suchen, das ihm bestimmt ist. Damit er nicht mit leeren Händen wandern muß, gebe ich dir dieses Buchenholzkästchen hier, das ihm einmal von Nutzen sein kann … «

Mit diesen Worten händigte sie der Zigeunerin einen kleinen Holzkasten aus und einen Buchenstecken und verschwand, die Baumhöhle aber war augenblicklich mit Buchenrinde zugewachsen.

Die erfreute Zigeunerin lief so schnell zu ihrem Zelt zwischen Tannenwald und Buchenhain zurück, daß sie unterwegs die Hälfte der gesammelten Bucheckern verlor. Aus dem Dorf holte sie einen dickbäuchigen Kürbis, höhlte ihn aus, goß einen Topf Ziegenmilch hinein, den sie für eine Halskette gegen Knochenschmerzen erhalten hatte. Sie trank die Milch bis zum letzten Tropfen, wie es die Matuja sie geheißen, und erwartete dann so verträumt ihr Söhnchen, daß sie die Bucheckern auf ihre eigenen Haare fädelte. Sie bemerkte es erst, als die Halsketten zerrissen und die Eckern ins Moos fielen. Also begann sie aufs neue mit dem Auffädeln, aber zerstreut, wie sie war, zog sie die Eckern auf ein Spinnweben, das noch viel dünner und feiner war als ihr Haar. Die Eckern purzelten nach allen Seiten, doch die Zigeunerin kümmerte es nicht; denn große Freude herrschte zwischen Tannenwald und Buchenhain, ein kleines Zigeunerlein war auf die Welt gekommen.

Zigeuner und Zigeunerin wuschen das winzige Knäblein in einem Waldbach, dessen Quelle im Buchenhain entsprang und der durch den Tannenwald floß und weiter bis zum Meer, das hinter dem Tannenwald lag. Dem gebadeten Söhnchen gaben sie den Namen Bachtalo, das bedeutet »Der Glückliche«.

Von da an wärmten sich am Feuer auf der Lichtung ihrer drei – ein Zigeuner, eine Zigeunerin und ein Zigeunerkind. Und für alle reichte die Wärme.

Glücklich waren die Eltern des Jungen, aber arm. Jahr um Jahr verging in Hunger und Kälte. Die Zigeunerin wußte nicht, was sie ihrem Söhnchen in den kalten Wintermonaten, wenn sie wie immer in die alte, verlassene Mühle übersiedelten, anziehen sollte. Die Jahre verrannen, aber die Vorhersage der Matuja wollte und wollte sich nicht erfüllen, und nur der Name des Jungen war glücklich.

So verflossen zwanzig Jahre. Eines Morgens verließ Bachtale das Zelt, nahm Abschied von seinen Eltern und ging in die Welt hinaus, sein Glück zu suchen. Den Buchenholzkasten nahm er als Talisman mit und den Stock, um sich unterwegs die bissigen Hunde vom Leibe zu halten. Seinen Weg nahm er durch den Wald; er wählte verschlungene Pfade, und die Tiere, denen er im Waldesdickicht begegnete, rieten ihm freundschaftlich, wie man am besten in die Welt hinausgelangte. Denn von frühester Jugend auf hatte Bachtalo mit den Tieren in Freundschaft gelebt, und er verstand ihre verschiedenen Sprachen, zum Beispiel Füchsisch, Wölfisch, die Eichhörnchensprache oder auch Dächsisch. Durch Wälder wanderte Bachtalo, doch sein Glück konnte er nirgends finden, obgleich er es auf der Erde, in Baumhöhlen und im höchsten Geäst der Bäume suchte.

Bis ihm eines Tages ein alter Dachs sagte, man müsse nach Süden gehen. Denn im Süden wohne der reiche Waldkönig, der versprochen habe, den zu beglücken, der etwas tat, das die Welt noch nicht gesehen hatte.

»Und womit beglückt dieser König?« fragte Bachtalo. Der alte Dachs gab zur Antwort:

»Der König hat versprochen, dem wackeren Jüngling seine Tochter zur Frau sowie das halbe Königreich zu geben. Ich selber hab‘ schon überlegt, ob ich nicht mein Glück versuchen sollte. Gelänge mir der Versuch, bekäme ich die Königstochter und viele Untertanen. Doch dann hab‘ ich’s mir wieder anders überlegt: Ich bin schon zu alt, und meine Ohren sind ganz grau. Du, Bachtalo, bist jung«, fügte der Dachs hinzu, »du solltest es versuchen. Vielleicht gelingt es dir, den Wunsch des Königs zu erfüllen und der Mann seiner Tochter zu werden … Geh nach Süden!«

»Gut. Ich danke dir«, sagte Bachtalo und ging nach Süden. Er durchquerte einen Tannenwald und einen Buchenhain, einen Kiefern- und Ahornwald, bis er zu einer großen Lichtung gelangte, die die Hauptstadt des Waldkönigs war. Mitten auf der Lichtung stand ein großes, rotes Zelt, in dem der König mit seiner Familie wohnte.

Bachtalo betrat das Königszelt und sagte:

»Ich bin der Zigeuner Bachtalo. Ich komme zu dir, König, um dein Begehren zu erfüllen … «

Doch da stießen ihn auch schon die Diener des Königs aus dem Zelt; denn der König war damit beschäftigt, dem Waldesrauschen zu lauschen, er hatte folglich keine Zeit.

»Denk dran«, sagte ein Diener zu dem Zigeuner, »täglich von fünf bis sieben lauscht der König dem Waldesrauschen, und dann darf man ihn nicht stören. Komm morgen früher.«
Bachtalo ging, um sich im Wald ein Lager zu suchen, und er dachte bei sich, daß er sich die Königstochter ansehen sollte, bevor er erneut vor den König trat.

In dem Moment ging über dem Wald ein großer, kürbisrunder Mond auf und erhellte den See, in dem gerade die Tochter des Waldkönigs badete. Bachtalo überlegte, daß sie sehr schön sei, und er irrte sich nicht – sie war wirklich schön.

Tags darauf ging Bachtalo zum König und sprach zu ihm wie folgt:

»Ich habe gehört, König, du willst deine Tochter dem zur Frau geben, der etwas tut, das die Welt noch nicht gesehen hat. Wisse also, daß ich deine Tochter nehmen will, sag mir nur, was ich tun soll.«

Als er diese Worte vernahm, entflammte der König in großem Zorn und schrie:

»Was denkst du dir eigentlich? Du fragst mich, was du tun sollst? Du weißt doch, daß ich nur dem meine Tochter gebe, der eine solche Sache meistert, wie es sie noch niemals gegeben hat! Für eine so dumme Frage gehst du ins Gefängnis!«

Auf der Stelle eilten die Königsknechte herbei und steckten den armen Zigeuner in ein finsteres Loch unter den Wurzeln einer alten Eiche. Das Loch verschlossen sie mit einem großen Stein, und Bachtalo blieb allein in der Finsternis.

Kalt war es unter der Erde; denn kein Sonnenstrahl, nicht einmal ein Mondstrahl, drang herein. Falls es dennoch einen unterirdischen Mond gab, so mußte der schwarz sein; man sah ihn nicht. Zu Bachtalo krochen die Maulwürfe, um ihn mit ihren warmen Pelzehen zu wärmen. Auch sie konnte Bachtalo in der unterirdischen Finsternis nicht sehen, aber er erkannte sie an ihrer Stimme; denn Bachtalo verstand ebenfalls Maulwürfisch.

Keiner weiß, wie lange er da so gesessen hatte, als sich das Loch plötzlich mit einem grünlichen, dann blendend weißen Licht erfüllte und Matuja sich dem Jüngling zeigte. Ihre Haare waren silberschimmernd wie ein Bach.

Sie sprach im Flüsterton, und zunächst wollte es Bachtalo scheinen, daß das gar kein Flüstern war, sondern nur der Wind, oder jemand, der im Wald über ihm Reisig zusammensuchte oder Zapfen. Doch bald begann Bachtalo Matujas geflüsterte Worte zu verstehen. Und die waren die folgenden:

»Sei nicht ängstlich noch bekümmert, Bachtalo. Du wirst noch von hier fortkommen und die Tochter des Waldkönigs freien. Ich bin Matuja und habe, noch bevor du auf die Welt kamst, versprochen, daß du einst glücklich sein wirst. Jetzt bin ich gekommen, um mein Versprechen einzulösen. Du hast doch den kleinen Kasten aus Buchenholz bei dir … «

»]a, den hab ich«, antwortete Bachtalo, ins grelle Licht blinzelnd, »aber er ist mir bisher zu nichts nütze gewesen. Ich hab‘ glückbringende Fledermausknöchelchen gesammelt und sie ins Kästchen getan. Ich hab vierblättrige Kleeblätter gepflückt und sie hineingelegt, aber sie sind vertrocknet und zu Staub zerfallen. Wenn das Glück nicht kommen will, kommt es nicht.«

»Keine Sorge, Bachtalo«, flüsterte Matuja. »Und hast du den Stecken von einem Buchenast?«

»Hab‘ ich«, antwortete Bachtalo. »Doch genützt hat auch der mir nichts; denn ich bin keinem einzigen Hund begegnet, vor dem ich mich hätte in acht nehmen müssen. Und selbst wenn ich einen getroffen und ihn verjagt hätte – wäre das schon das Glück gewesen?«

»Mach dir nichts draus«, entgegnete die Matuja. »Nimm von mir eine Haarsträhne und schneide sie ab.«

Und als das Bachtalo getan hatte, sagte sie noch:

»Und jetzt befestige einen Teil dieser Strähne auf deinem Kästchen, und den Rest binde an den Buchenstecken. Von nun an wird der Kasten die Menschen froh machen oder traurig, wie du es willst.«

Und Matuja nahm den Kasten, drückte ihn an die Lippen und lachte ganz leise hinein. Dann begann sie zu weinen, und ein paar Tränen tropften in den Kasten.

»Nimm jetzt den Stecken und fahr mit ihm über meine Haare auf dem Kasten – hin und her, hin und her … «

Bachtalo versuchte es, und auf einmal strömten die herrlichsten Töne aus dem Kasten hinaus in die Welt.

Die Matuja war fort, im Loch herrschte wieder finstere Nacht, aber Bachtalo spielte und spielte. Zuerst spielte er langsam und traurig. In der Erdtiefe lauschten die blinden Maulwürfe, und sie dachten, der Herbst sei angebrochen, traurige Nebel überzögen die Erde und rote Blätter fielen in große Pfützen. Doch dann wurde Bachtalos Musik hüpfend und heiter, bis es wärmer wurde im Loch und man Flügelschlagen hören konnte und ein Gezwitscher aus Tausenden kleinen Kehlen.

Da auf einmal wurde es hell in der Gefängnishöhle, und Bachtalo dachte, Matuja sei zurückgekommen und erstrahle in ihrem Licht. Doch nein! Das war Tageslicht … Der Waldkönig hatte das Spielen vernommen und seinen Dienern befohlen, den Felsstein von der Öffnung zu wälzen und den Gefangenen aus dem Loch herauszuführen.

So stand Bachtalo erneut vor dem König, und er sagte:

„Sieh her, König, und lausche! Hier ist das Ding, das die Welt noch nicht gesehen, noch nicht gehört hat.«

Und er spielte auf seinem Kasten, zuerst ein trauriges Lied.

Der König weinte herzzerreißend, und von seinen Tränen schossen – wie nach einem Regenguß – viele, viele Pilze aus dem Boden. Danach stimmte Bachtalo ein fröhliches Liedchen an. Der König lächelte, und mit ihm lächelten die Höflinge, die königliche Familie und der ganze Wald.

Am schönsten aber lächelte die Königstochter, und noch am selben Tage wurde auf der königlichen Lichtung Hochzeit gefeiert.

Bachtalo holte seine Mutter und seinen Vater aus ihrem Zelt zwischen Tannenwald und Buchenhain, und alle aßen sie zusammen und tranken und feierten drei Tage lang. Bachtalo aber stimmte die allerlustigsten Weisen an. Und der Waldkönig hörte auf, von fünf bis sieben dem Waldesrauschen zu lauschen; denn die Musik des Zauberkastens war hundertmal schöner als das schönste Rauschen.

Die Geige war geboren.

Quelle „Ein Zweig vom Sonnenbaum“. Märchen polnischer Zigeuner. Aufgezeichnet und erzählt von Jerzy Ficowski. Erste Sammlung / Neukirchener junge Serie, 1985 (übersetzt von Karin Wolff).

Nachwort über das Unwort

Hier sei nur noch hinzugefügt, dass das Wort „Zigeuner“ seit längerem problematisiert wird, was allgemein bekannt sein sollte. Es ist allerdings auch in früheren Zeiten nicht unbedingt pejorativ gemeint und wird in der Gegenwart zuweilen sogar als Eigenbezeichnung bevorzugt, z.B. von Markus Reinhardt in Köln, weil „Sinti und Roma“ viel zu eng gefasst sei. Zur Sachlage lese man u.a. den Wikipedia-Artikel hier (Antiziganismus) und vor allem hier (Zigeuner). Man kann also das Statement eines einzelnen Musikers, der sich hochgeschätzt weiß, nicht verallgemeinern; ich habe für mich persönlich die Maßgabe getroffen, dass ich das Wort akzeptiere, wo es „unschuldig“ gebraucht wird, d.h. vor allem: ohne negativen Beiklang. Wohlwissend, dass auch die „korrekten“ Bezeichnungen je nach Tonfall als abwertend empfunden werden können.

Nebenbei: Wer den Satz „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“ ohne Ironie verwendet, diskriminiert andere, in meinen Ohren aber vor allem sich selbst. Er ist an den Leistungen, die er meint, gar nicht beteiligt; möglicherweise kennt er sie kaum vom Hörensagen (Goethes „Faust“, Beethovens „Neunte“, Humboldts „Kosmos“, Dürers „Melencolia“).

Post von Momox 5.11.2019

Dank auch an Rosemarie Tüpker!

Nachtrag 14. November 2019

„FAUSTKULTUR“  über ANTIZIGANISMUS HEUTE UND DAS BUCH MARE MANUSCHA HIER

 ⇐ ⇐ ⇐ ⇐ oben unter HIER anklicken & LESEN!

„Musikfest der Zigeuner“

Darmstadt 1979

Es ist genau 40 Jahre her, dass dieses Musikfest in Darmstadt durchgeführt wurde, der WDR Köln war beteiligt, und es wurden Mitschnitte gesendet. Wir trafen uns dort mit Tom Schroeder, der wahrscheinlich sogar die treibende Kraft gewesen war (SWR Mainz).

 

Hier folgt ein Text von Mark Münzel aus dem Programmheft 13. und 14. Oktober 1979. Auf der zweiten Seite beginnt – leicht abgewandelt – das Märchen, das ich bei Rosemarie Tüpker wiedergefunden und zitiert habe. (Es stammt aus der Sammlung Wlislocki 1890, s.u.).

Ich hatte lebhaftes Interesse: im Mai 1979 war ich (mit Herman Vuylsteke BRT Brüssel) in Rumänien unterwegs gewesen, – als Ethnologe nannte man das „Feldaufnahmen“ -, viele Radiosendungen folgten, weitere Aufnahmereisen1980 in Mazedonien, 1984 beim Festival der Blasorchester im serbischen Guča (siehe hier). Im Blog habe ich hier darüber erzählt. Viele Musiker und Ensembles wurden im Laufe der Jahre nach Köln eingeladen, ostserbische Geiger z.B. zum WDR Violinfestival 1980. Wunderbare Aufnahmen wurden auf der World Network CD Romania veröffentlicht.

Da steht’s: Weil der Kölner Sender „hartnäckig“ darauf bestand, eine bestimmte Blaskapelle einzuladen, wurde sogar eine CD-Firma gegründet, die heute noch besteht: Asphalt-Tango. man kann es auf der nächsten Seite nachlesen:

Quellen 

Cartwright, Garth: Balkanblues und Blaskapellen / Unterwegs mit Gypsy-Musikern in Serbien, Mazedonien, Rumänien und Bulgarien / Aus dem Englischen von Jörg Gülden / Koch International / Hannibal  (2008)

Wlislocki, Heinrich von (1890): Vom wandernden Zigeunervolke. Bilder aus dem Leben der Siebenbürger Zigeuner ins Deutsche übersetzt. Hamburg: Hamburger Verlagsanstalt

Rosemarie Tüpker, die das Märchen „Die Erschaffung der Geige“ daraus zitiert (Musik im Märchen / Wiesbaden 2011 Seite 33) schreibt in der Anmerkung dazu: „Eine Darstellung und kritische Auseinandersetzung mit den Forschungen Wlislockis findet sich bei Maria Sass (2007): Märchen und Sagen der transsilvanischen ‚Zigeuner‘ , gesammelt, übersetzt und herausgegeben von Dr. Heinrich von Wlislocki. Ein sinngleiches Märchen findet sich in der Sammlung polnischer Zigeunermärchen von Jerzy Ficowski (dt. von Karin Wolff 1985) unter dem Titel Der verzauberte Kasten“. In wesentlichen Zügen gleich, zeichnet es sich durch viele weiter schweifende Details und eine unterschiedliche Umgebung aus. Die Geige ist hier aus Buchenholz.

Haltezeichen „Stolperstein“

Wie ich in Michelstadt nicht vom Fleck kam

         Fotos JR

Sie wohnten im Haus Nr.16, das nun prächtig restauriert ist. Von deutschen Meistern. In fürsorglicher Treue. Für andere Generationen. Eine Widmung in deutscher Schrift.

Die nahgelegene Stadt Heppenheim als weiteres Beispiel (siehe Wikipedia):

In Heppenheim lebten Juden bereits im Mittelalter. Die Stadt gehörte von 1232 bis 1803 zum Erzstift Mainz. Die Schutzherren der Juden, die Mainzer Kurfürsten und Erzbischöfe, konnten allerdings nicht verhindern, dass es im Mittelalter zu Progromen kam. Bei der Judenverfolgung während der Pestzeit 1348/49 wurde das jüdische Leben in der Stadt vernichtet. Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 17. Jahrhundert zurück. Um 1900 lebten etwa 40 jüdische Familien mit 200 bis 300 Personen in der Stadt. Danach ging die Zahl durch Aus- und Abwanderung bis auf 113 Personen 1933 zurück. Martin Buber, Zionist und Honorarprofessor für Religionswissenschaft an der Frankfurter Universität, lebte ab 1916 in Heppenheim. Im Februar 1938 sah er sich zur Auswanderung gezwungen und emigrierte mit der Familie nach Jerusalem. Beim Novemberprogrom 1938 wurde sein Haus geplündert und dabei die 3000 Bücher umfassende Bibliothek zerstört. Im Mai 1939 lebten noch 37 jüdische Personen am Ort. Im September 1942 wurden die letzten jüdischen Einwohner Heppenheims in Vernichtungslager deportiert. Von den in Heppenheim geborenen oder längere Zeit hier lebenden Personen kamen 53 durch die NS-Gewaltherrschaft ums Leben. Am Standort der ehemaligen Synagoge (Gedenkstätte) befindet sich eine Metallplatte mit den Umrissen der 1938 zerstörten Synagoge. Sie trägt die Inschrift: Hier stand die 1900 erbaute und 1938 zerstörte Synagoge. Auf einer Zusatztafel „Im Gedenken an die Ermordeten“ werden 29 Namen ehemaliger Heppenheimer Juden genannt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine#Kritik

Bedenkenswert: statt „Stolperstein“ das Wort „Denkstein“ zu verwenden.  Es handelt sich um Messing, ich assoziiere Gold, vielleicht motiviert durch „Goldtombak“, wie bei Blechblasinstrumenten und Patronenhülsen.

 

Synagoge Michelstadt hier. Lichtigfeld-Museum hier.

Da uns das Thema Märchen hierherführte: Von Martin Buber gibt es eine Sammlung mit „Erzählungen“ , die man auch als „Chassidische Märchen“ bezeichnen kann. Im soeben angegebenen Link kann man das Vorwort nachlesen, z.B. diese beiden Abschnitte zur Form(losigkeit) der Geschichten :

Eine literarische Erzählungsform hat sich im Judentum der Diaspora, das in der volkstümlichen verharrt, erst in unserem Zeitalter auszubilden begonnen. Was sich die Chassidim zum Preis ihrer Meister erzählten, konnte sich an keine schon ausgebildete oder in der Bildung begriffene Form anschließen, aber auch den Anschluss an die Volksdichtung konnte die Legende hier nur teilweise vollziehen. Zumeist war ihr inneres Tempo zu überstürzt für die gelassene Form der Volkserzählung, sie wollte zu viel sagen, als dass sie an ihr hätte Genüge finden mögen. So ist sie formlos geblieben. (…)

Es gibt zwei Gattungen der Legende, die man nach zwei Gattungen der erzählenden Literatur bezeichnen kann, an die sie sich in ihrer Form lehnen: die legendäre Novelle und die legendäre Anekdote. Man vergleiche etwa die Legenda aurea mit den Fioretti di San Francesco oder die klassische Buddhalegende mit den Mönchsgeschichten der ostasiatischen Zen-Sekte. Auch das formlose chassidische Material tendiert zu diesen Formen. Zum größten Teil besteht es aus – angelegten – legendären Anekdoten. Novellen sind hier selten, es gibt auch eine trübe Zwischengattung. Das Überwiegen der Anekdote geht zunächst auf die allgemeine Tendenz des jüdischen Diaspora-Geistes zurück, Vorgänge der Geschichte und der Gegenwart «pointiert» zu fassen: Die Vorgänge werden so berichtet, ja bereits so erlebt, dass sie etwas «sagen», aber nicht dies allein, sondern der Vorgang wird so herausgeschält und angeordnet, dass er in etwas wirklich Gesagtem kulminiert. Das wird nun freilich im Chassidismus durch die Tatsachen selber begünstigt: Der Zaddik äußert die Lehre, unbewusst oder bewusst, in Handlungen, die als sinnbildlich wirken, und sie gehen oft in einen Spruch über, der sie ergänzt oder zu ihrer Deutung beiträgt. Novelle nenne ich die Erzählung eines Schicksals, das sich als eine einzige Begebenheit darstellt, Anekdote die Erzählung eines einzelnen Vorgangs, der ein ganzes Leben erleuchtet. Die legendäre Anekdote geht darüber hinaus: In dem einen Vorgang spricht sich der Sinn des Daseins aus. Ich kenne in der Weltliteratur keine andere Gruppe legendärer Anekdoten, in der dies in solchem Grade mannigfaltig und einheitlich zugleich geschähe wie in der chassidischen.

Soweit Martin Buber selbst im Vorwort der Chassidischen Märchen. Über sein Buch wiederum hat Stefana Sabin einen klugen Text geschrieben; man findet ihn im Online-Magazin Faustkultur hier.

Kein Witz für Kinder (warum?)

Das Märchen vom Froschkönig

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön. Aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich wunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. In der Nähe des Königsschlosses lag ein großer dunkler Wald, und in dem Wald unter einer alten Linde war ein Brunnen. Wenn nun der Tag recht heiß war, ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens. Und wenn es Langeweile hatte, so nahm es eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder: Das war sein liebstes Spielzeug.

Einmal fiel die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen, sondern vorbei auf die Erde und rollte geradezu ins Wasser hinein. Die Königstochter blickte ihr erschrocken nach, aber der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter. Da rief ihr jemand zu: „Was ist mit dir, Königstochter?” Sie sah sich um, woher die Stimme käme. Da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. Sie sagte: „Ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinab gefallen ist.” – „Sei still und weine nicht”, antwortete der Frosch, „ich kann dir helfen, aber was gibst du mir, wenn ich deine Kugel wieder heraufhole?”

(Fortsetzung siehe hier)

Was ich in dieser Version des Märchens vermisse? Ich kenne es sozusagen auswendig, mit der Stimme von Mathias Wiemann, von dem ich als Kind eine 78er Schallplatte besaß. Und da antwortete das Mädchen, als es die Stimme hörte und den Frosch erblickte: „Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher!“ Darauf möchte ich nicht verzichten, und ich würde normalerweise weitersuchen, bis ich die Wasserpatscher-Version gefunden hätte. Aber wenn ich das Märchen selbst erzähle, habe ich natürlich freie Hand, es abzuwandeln, nur ein Kind erlaubt das nicht. (Ich bin weiterhin ein Kind.) An dieser Stelle aber rechne ich nur damit, dass jeder den Schluss schon kennt, wo das Mädchen den angeblich so garstigen Frosch an die Wand wirft. Und als er herunterfällt, steht da stattdessen ein wunderschöner Prinz. Das versteht jedes Kind, reagiert mit Erleichterung, vielleicht mit leisem Kopfschütteln über die Undankbarkeit des Mädchens, da ihm das Tierchen ja nichts zuleide getan hat, im Gegenteil.

Was mich noch interessieren würde, ab wann wohl ein Kind heutzutage den Witz verstehen würde, der gedanklich an das Märchen anknüpft. Ich vermute, ein Kind unter fünf Jahren würde überhaupt nicht lachen:

Der Frosch, den das Mädchen vom Brunnen mit nach Hause genommen hatte, sagte: Ich bin ein verzauberter Prinz, du musst mich an die Wand werfen, dann bin ich erlöst! Da steckte das Mädchen ihn zurück in die Tasche und meinte: Ein sprechender Frosch ist mir lieber als ein Prinz.

Für uns ist es völlig klar, aber auch nicht leicht zu erklären. (Umschlag der Erwartung.) Das kleine Kind wird nicht lachen, sondern auf dem korrekten Ablauf des Märchens beharren.

Eine ganz andere Frage: Warum lachen wir über ein Kind? Schopenhauers Witztheorie (Stichwort „Inkongruenz“). Natürlich lachen wir es nicht aus, wir lachen ja mit Rührung. Hoffentlich.

Kleines Kind, große Welt

(Foto: E.Reichow 2010)