Kategorie-Archiv: Antikes Griechenland

Erinnerung an Sokrates

sz-sokrates

Die Wochenendausgabe der Süddeutschen

gibt unversehens Anlass, eine Stunde dem Sokrates zu widmen, ausgehend von seiner Todesstunde, ist das etwa zu viel verlangt? Aber es hört nicht auf und erinnert an den ersten bescheidenen Anfang mit der Philosophie. Ich glaube, begonnen hat es auf Langeoog, angeregt durch ältere Mitschüler: sie lasen sorgfältig, markierten Zusammenhänge und schrieben an den Rand des gelesenen Textes Stichworte zur Gliederung. Das hatte ich noch nie gesehen. Sie lasen „Einstein Mein Weltbild“, und mein Exemplar sah bald ähnlich aus:

einstein-weltbild

Es war die Stunde und das Jahr der Taschenbücher, Einsteins Weltbild, das ging aufs Ganze, nichts war mir groß genug. Julian Huxleys „Entfaltung des Lebens“ war ein Schlüsselbuch 1955, ein Älterer (Langeoog!) nannte mir dazu noch den Namen und das Hauptwerk des Bruders Aldous, für mich ein Ritterschlag, ich vermerkte später die erneute Besitznahme im Jahre 1962… (Fischer „Bücher des Wissens“ gab es seit 1952, rde seit September 1955. Sehr wichtig weil erschwinglich! 1,20 oder 1,90 DM?)

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Die nächste Stufe: Sokrates im Gespräch („Vorschule“ auf Langeoog)sokrates-im-gespraech . . . . sokrates-autogr . . . .

Besitzer 1955 (Besetzer 1981) Beide genau 15 Jahre alt!

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Im März 1957 war endlich auch die Schule bei Plato (Sokrates) angelangt:

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Ließ die Begeisterung nach? ich fürchte: ja. Jetzt wäre wieder der rechte Augenblick!

schule-sokrates-datum  Fernziel Re-Lektüre bis März 2017 ?

Fortsetzung folgt oder – Enkelgeneration: wäre diese Art Zugang heute noch denkbar?

Übrigens: das Bild, das mich heute aktivierte (ganz oben), kannte ich damals nicht. In unserm „Bilderbuch“ gab es nur „Die Ermordung des Marat“. Heute kann man ALLES kennen. Siehe HIER. (Tut mans? Will mans?) Es heißt also „Der Tod des Marat“, und es gibt nicht nur das Bild von Jacques-Louis David. Siehe HIER. (Vor allem ganz unten!)

Die (durchaus nachvollziehbare) Bild- und Bildungsverdrossenheit könnte ein Thema sein. Sie ist vielleicht viel brisanter als die vielbeklagte Politikverdrossenheit.

Es war damals leicht, weil klar war, dass man sich darum bemühen muss. Und wo es keinen Sinn hat. Heute ist es leicht, darum schiebt man die eigentliche Mühe auf. Sokrates ist zum Greifen nah, z.B. HIER. Oder sein berühmtester Satz HIER. (Interessant u.a. wegen Popper, dem „Stückwerk-Ingenieur“. Ein gutes Wort. Kann ich mir aneignen.) Neben Platons „erinnernden“ Dialogen (HIER ! Übersetzung und Originaltexte!) sind auch die des Xenophon leicht erreichbar, in Wielands Übersetzung HIER.

Interessantes Nebenergebnis ein ganz anderer Satz:

Muße beschreibt also einen Zustand, in dem Menschen sich wirklich auf etwas einlassen können. Dabei ist es egal, ob es die Gartenarbeit ist, ein interessantes Buch oder eine kreative Tätigkeit. Wichtig ist, dass niemand ein Ergebnis erwartet. Diese Ziel- und Ergebnislosigkeit erlaubt es, ohne Druck und Erwartung Neues auszuprobieren. (Figal)

Die Jugendlichen heute haben den leichten Zugang und versäumen ihn, indem sie lieber spielen und „daddeln“, vermeintlich vorläufig.

Natürlich ist Sokrates nur ein Beispiel. Ich hatte damals auch einmal zwei Bände Kant (Dünndruck, Bielefelder Stadtbücherei) mit auf Langeoog, auch ein größeres Sekundärwerk über ihn, nicht recht verstanden, – wieviel leichter wäre es heute, zunächst einen einfacher gefassten Überblick zu finden, – worum es eigentlich geht, wozu diese Abstraktionen, weshalb die Anstrengung des Gedankens in dieser Form nötig ist. Im täglichen Leben kann man doch offenbar wenig damit anfangen.

Und damit sind wir schon fast beim sogenannten gesunden Menschenverstand. Niemand kann sagen, ob das folgende Buch mir gehört, denn ich war es sicher nicht, der seinen Namen hineingeschrieben hat. Denn warum sollte ich damals meine Schrift verstellt haben, andererseits: warum sollte ein anderer meinen Namen verwendet haben? Vielleicht, um sich vor Aneignung des Büchleins zu schützen? Ich habe einen Verdacht. Das Problem ist nur: es bedeutet nichts, mal mache ich Spaß, mal meine ich es nicht ernst. Aber was wann?

Zum Glück bin ich nicht Sokrates. Und denke dabei nicht nur an den Schierlingsbecher.

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In Haan, beim Italiener Piccolo Sud, habe ich (mit Kindern und Enkeln) auch immer mehrere Epochen und Stilebenen im Blick:

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Griechische Formzahlen

Im Vergleich zu Kreta

Creta Lyra CD OCORA Radio France C 560264

Soweit ich sehe, gibt es im CD-Text, der vom Lyraspieler selbst stammt, keinerlei Hinweis auf „asymmetrische“ Rhythmen in den Tänzen, die er spielt. Tr. 11 – „Pentozalis“ d.h. „Five-step Dance“ – entpuppt sich als Zweier bzw. Vierer, wie es etwa in einem Notenbeispiel aufgeführt wird, das hier zu finden ist. Man vergleiche dagegen die Ausführungen zum (Syrtos) Kalamatianos hier.

Zu bedenken auch der Wikipedia-Hinweis, – betreffend „Chaniotika Syrta“ (siehe obige CD Tr. 3) :

„Sirtaki“ ist das Diminutiv (Verkleinerungsform) zu Syrtos, der traditionellsten Art griechischer Volkstänze. Nahezu jede Insel(gruppe) hat ihren eigenen Syrtos, z. B. den Syrtos Skiros, den Sirtos Silivrianos von Naxos oder den Chaniotiko (Syrtos von Chania, Kreta). Es gibt auch auf dem Festland Tänze, wie den Syrtos der Sarakatsanen, die den Beinamen „Syrtos“ tragen, aber mit dem Syrtos im 2/4-Takt mit dem Tanzrhythmus „lang-kurz-kurz“ nichts zu tun haben.

In Maximilian Hendlers „Atlas der additiven Rhythmik“ findet man unter den 18 Beispielen aus Kreta nur einen einzigen mit der Formzahl 7, und das ist ein Kalamatianos. Während etwa unter dem Stichwort Makedonien schon im ersten Teil der Tabelle ersichtlich ist, dass die Formzahl 7 in ihren verschiedenen Gliederungen eine dominierende Rolle spielt.

Hendler Kreta   Hendler Makedonien

Quelle Maximilian Hendler: Atlas der additiven Rhythmik / Allitera Verlag München 2015

Als Ergänzung möchte ich einen Beitrag festhalten, der vorbildlich auf die metrischen Verhältnisse in einem Tanzlied aus Makedonien eingeht und zu den Ausführungen bei Georgiades (siehe hier) erhellende Aspekte aus der gegenwärtigen Situation beiträgt.

Griechische Makedonia LP

Quelle Greek Traditional Music: 1. Macedonia – Folk Songs of Trilofos / Aristotle University of Thessaloniki School of Musical Studies / Music Transcription, comentary, collection and selection of material: Professor Dimitris Themelis, Assistant Professor Yannis Kaimakis.

(Fortsetzung folgt)

Nur eine Strophe von Pindar verstehen…

Oder sogar mehrere Strophen?

Es geht um Pindars 12. pythische Ode, die „dem Midas, Aulosspieler von Akragas“ gewidmet ist. Der Anlass für mich, dieses Thema zu behandeln, ist weiterhin das Buch, in dessen Mittelpunkt gerade dieses griechische Gedicht steht: „Musik und Rhythmus bei den Griechen“ von Thrasybulos Georgiades. Ich gebe als erstes die dort abgedruckte erste Strophe der Dichtung, ins Deutsche übertragen von Franz Dornseiff. Sie folgt im Buch auf eine wörtliche Übersetzung, der wiederum der griechische Originaltext und ein Schema des Versmaßes vorangeht, das einem helfen soll, den griechischen Vers im rechten Rhythmus zu lesen. Vorweg sollte man möglicherweise die Frage klären: Wer ist Pindar überhaupt? (Er lebte von 522 v.Chr. bis 446 v.Chr.) Oder vorweg: Was sind die pythischen Spiele? Was hat es mit Akragas auf sich, dem Fluss und der Stadt gleichen Namens, aus der offenbar der Aulosspieler Midas stammt?

Ich lese also den Text. Ich verweile bei jeder Zeile, löse einen Kernsatz heraus: Worum bittet der Dichter?

PINDAR 1 a

Er bittet die Stadt, das Loblied (die „Bekränzung“) anzunehmen und den Midas selbst [ehrenvoll zu empfangen], der bei den pythischen Spielen („aus Pytho“) ganz Hellas besiegt hat in einer Kunst, die dort einst (von Pallas Athene) erfunden wurde.

Hier die Alternativ-Übersetzung eines berühmten Altphilologen, Friedrich Thiersch (1784-1860):

Dir flehen wir, Freundin der Lust, vor Städten des Menschengeschlechts / Herrlichste, Persephona’s Sitz, wohnend an Akragas‘ Bett / Auf Triften der Heerden die schönumbaute Höh‘, o Königin, / Nimm die Bekränzung des Sieges hold an, die, bey Ewigen und / Bey Männern geehret, von Pytho aus dem Midas Ruhm gewährt, / Ihn selber zugleich, der da Hellas weit besiegt durch Kunst, so einst / Pallas erfand und der furchtbaren Gorgonen / trauervoll vortönend Weh darstellt, Athana,

Von ihm stammen auch Erläuterungen, die hier wiedergegeben seien:

Zu „o Königin“:

Er ruft Akragas an, die Nymphe des Flusses, der diesen Namen trug, und die Vorsteherin der Stadt gleichen Namens, die an seinem Bett an einer Anhöhe erbaut war, und mischt die Bezeichnungen, welche ihr als der Göttin und der Stadt zukommen.

Zu Athana:

Athene leitete den Perseus zum Mord der Gorgone Medusa, der Tochter des Phorkos oder Phorkys. Als er dieser das Haupt abgehauen, wehklagten um sie ihre beyden Schwestern Stheno und Euryale, und zugleich erklangen einstimmend aus den Köpfen der Schlangen, die ihre Häupter umgaben, jene feinen Töne, welche auf Rohr nachahmend, die Athene erfand.

Und vorweg zum „Flötenspieler“:

„Dieser siegte in der 24. Pythiade Olymp 72,3 vor Chr. 490. im Jahre der Schlacht bey Marathon) und in der fünfundzwanzigsten.Auch soll er in den Panathenäen gesiegt haben. Man erzählt, dass diesem Flötenspieler ein eigener Zufall begegnete. Denn während er im Wettkampfe blies, brach ihm das Zünglein (Mundstück) doch er flötete auf den Rohren, wie auf einer Syrinx weiter. Die Zuhörer aber ergötzten sich an dem fremden Klang der Töne, und so siegte er.“ Der S c h o l. (Quelle)

Die Flöte nämlich bestand aus einem langen Schaft, aus welchem in einer Reihe kleine Rohrpfeifen hervorragten, die mit den Fingern, wie an unsern Flöten, geschlossen und geöffnet wurden. Dadurch bekam sie Ähnlichkeit mit einer Syrinx, nur daß bey dieser die Pfeifen verschiedner Länge und nicht durch Zwischenräume getrennt waren.

Die Angabe, dass es eine Flöte war (und nicht etwa eine „Oboe“), ist sehr fragwürdig, und offenbar vom Kommentator aus seinem eigenen, einem anderen Umfeld erschlossen. (JR)

Und wie gehts weiter? Die 2. und 3. Strophe erzählt, wie Athene „jene feinen Töne“ (?), den „gewundenen Klagegesang“ [er]fand:

PINDAR 1 b

Phorkos (oder Phorkys) ist der Meeresgott, der gemeinsam mit Keto die Gorgonen Medusa, Euryale und Stheno gezeugt hat. Seriphos (Serifos) = griechische Insel, auf der Polydektes als König herrschte. Danae ist die Mutter des Perseus, sein Vater ist Zeus, der ihn durch „goldenen Regen“ gezeugt hatte. (JR)

PINDAR 1 c

Ich unterbreche die „Intensiv-Lektüre“, um die Ankunft einer neuen CD zu ehren, die möglicherweise zur Arbeit passt. (Kein Zufall!)

Creta Lyra CD (bitte anklicken!)

Fortsetzung PINDAR Strophe IV

PINDAR 2

Ich bringe zum Abschluss die inhaltliche Zusammenfassung, die Georgiades gelungen ist:

Der Gesang beginnt mit der Anrufung der Stadt Agrigent, die PINDAR sich als wirkendes Wesen vorstellt. Sie soll den bekränzten MIDAS empfangen, der Griechenland (das Griechenland im engeren Sinn) im Aulosspiel, jener von ATHENA erfundenen Kunst, besiegte. PINDAR sagt nun, wie das Aulosspiel durch ATHENA erfunden wurde: Als PERSEUS MEDUSA enthauptete, hörte ATHENA das Klagen der Schwestern. Und nachdem sie PERSEUS von seinen Mühen erlöst hatte, erfand sie das Aulosspiel, und zwar eine bestimmte Weise, um jenes herzzerreißende, lauttönende Wehklagen darzustellen. Sie übergab den Menschen diese Modellweise, die, als ruhmvolle Mahnerin, das Volk zu Wettkämpfen zusammenführte und nannte sie die Viel-Häupter-Weise (wohl in Anspielung auf die vielen Köpfe der Schlangenhaare der MEDUSA und ihrer Schwestern.) Diese Weise durchzieht das dünne Kupfer und das Schilfrohr (nämlich das Mundstück) des Aulos – das Schilfrohr, das in der Nähe der Stadt der Chariten mit den schönen Reigenchören, im heiligen Bezirk der Kephisis (am Kopiassee in Böotien) wächst, das Schilfrohr (und somit der Aulos), das ein treuer Zeuge der Tänzer ist. Der Gesang schließt mit einem Rückblick, mit einer Besinnung auf das soeben Vernommene, die sich sowohl auf PERSEUS‘ Tat und die Erfindung des Aulos durch ATHENA als auch auf den Sieg des MIDAS bezieht: Wenn ein Glück den Menschen zuteil wird, so geschieht dies nicht ohne vorausgegangene Mühe. Bringen kann es vielleicht sogleich ein Dämon, denn das Schicksal ist unabwendbar. Die Zeit wird kommen, die, wenn sie einen auch mit Unverhofftem traf, wider Erwarten manches gibt, manches aber noch nicht.

Quelle Thrasybulos Georgiades: Musik und Rhythmus bei den Griechen / Zum Ursprung der Musik / rororo rde Rowohlt Hamburg 1958 (Seite 9)

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Aulos player ca. 480 BC. From tomb 22 of the Gaggera necropolis in Selinunte, Sicily. Wikimedia