Kategorie-Archiv: Medien

Bloß keine Talkshow!!!

Was bedeutet dieser Überdruss?

Man hört es im Freundes- oder Bekanntenkreis und fragt sich: wie kommt das zustande? Vielleicht nur, weil da andere Meinungen vertreten werden, als man sie selbst äußern würde? Oder weil sie geschickter vorgetragen werden, als man es selber könnte? Oder genau das Gegenteil? Aber man könnte doch in jedem Fall die Technik des Ablaufes analysieren, die Gedankenführung oder-verwirrung, die Reaktionen aufeinander, das Nachhaken oder das Schweigen der Betroffenen. Dieses eher zufällig (auf Hinweis eines Medienfreundes) eingeschaltete Gespräch verblüffte mich durch das Misslingen der Verständigung. Das wird gleich zu Beginn eingefädelt, durch die Frage des Moderators, warum denn die Autorin sich auf ihrem Buch-Cover nicht mit einem freundlicheren Gesicht präsentiere. Sie soll offenbar lächeln? Was soll sie dazu sagen? Sie kommt in Kürze darauf, dass diese Frage durch Gender-Erwartungen geprägt ist: Frauen die uns etwas verkaufen wollen, sollen gefälligst lächeln. Mit diesem Geplänkel werden mindestens 2 Minuten verbraucht, und schon sind die Weichen so gestellt, dass man das ganze Gespräch als unterschwelligen Geschlechterkampf deuten kann. (Ich denke an eine Beethoven-Sonate, „die Schöne und das Biest“.) Das ist dumm, aber es könnte einem auch Spaß machen, wenn man ohnehin vorhat, das Buch zu lesen und vorweg den Widerstand gegen vernünftige Ideen begreifen will. Das geht von 5:03 bis etwa 8:03 ! Schon das nächste Thema „Was ist Natur?“ wurde ja schon 1000fach diskutiert. Warum nicht hier nochmal? Und danach, finde ich, kann man auf den Schluss springen ab 29:07 und es genießen, wie die Wissenschaftlerin unmissverständlich zum Ausdruck bringt, dass ihre Geduld am Ende ist. Bloß keine solche Talkshow!!! könnte man sagen. Aber andererseits: zwischenmenschlich hat man viel gelernt. Und das Buch wird man sich aus rein sachlichen Gründen leisten und mit Leidenschaft lesen, – dafür braucht man keinen moderierenden Klotz am Bein.

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Fr 20.11.2020 | 00:30 – 01:00 PRESSETEXT rbb 

Talk aus Berlin: Maja Göpel – Transformationsforscherin

Moderation: Jörg Thadeusz

„Weitermachen wie bisher ist das am wenigsten Sinnvolle“, sagt die Transformationsforscherin Maja Göpel. Im Rahmen der ARD-Themenwoche „Wie wollen wir leben?“ erklärt sie im „Talk aus Berlin“, warum gerade jetzt das Fenster der Möglichkeiten für eine nachhaltige Veränderung offen ist.

PRESSETEXT rbb ENDE

Zum Video der Sendung hier

ENDE der Sendung (es sind doch politische Forderungen? fragt er, als sei das unbillig.) ab 29:07

Maja GöpelHerr Thadeusz, noch einmal: möchten Sie das nun ernst nehmen mit der Umweltkrise, oder möchten Sie das insgesamt in Frage stellen? Haben Sie den Eindruck, uns Wissenschaftlern macht das Spaß? Meinen Sie nicht, dass ich das nicht supergeil fände, ey, jeder soll 14 Häuser haben, 20 SUVs, 434 Mobiltelefone? Wenn es diese Probleme nicht gäbe, wär ich doch die Allerletzte, die nicht sagen würde: alles raus damit, für alle immer mehr! Ich frag mich immer: was ist das Motiv, was Sie uns unterstellen wollen, es ist doch einfach erstmal Naturwissenschaften ernst nehmen, und dann sich zu fragen: was mache ich mit diesem Befund. Und zu gucken: wie können wir – und wenn wir in die Geschichte gucken, sind typischerweise Kriege über Ressourcenengpässe entstanden, sind Sicherheitsfragen durch ein Versorgungsunsicherheit entstanden. Was ist das Motiv? Sie tun immer so, als wollte ich den Leuten den Spaß verderben oder irgendwas. Hier geht es um darum, einfach das, was die Wissenschaft und die Beobachtung, und da haben wir auch durch die Digitalisierung ziemlich gute Datenbasen und sagt, was sich verändert und was nicht positiv ist. Und dann versuchen wir daraus – im Auftrag der Bundesregierung im übrigen, die die politischen Ziele gesetzt hat, das zu verhindern, diese Konsequenzen, – Lösungen zu formulieren und Möglichkeiten zu formulieren, und dann gucken wir ran, was sind möglicherweise die Treiber, Überkonsum, und das ist ein Wort, da wird wahrscheinlich wieder die Hälfte der Republik aufschreien, was das überhaupt ist, aber es ist ein Begriff in der Wissenschaft, wenn wir uns angucken, wie die Verteilung dessen ist, was Menschen unterschiedliche Menschen auf diesem Planeten – jeder für sich ein Individuum – pro Kopf für sich in Anspruch nehmen auf diesem Planeten, und dann gibt es da so etwas wie Überkonsum, weil eine Grundversorgung, im Sinne von tatsächlich „ich bin gut versorgt“ längst erreicht ist, und dieses hohe Konsumniveau in einem Teil des Planeten dazu führt, dass wir nicht genug Ressourcen haben, um denjenigen auf diesem Planeten genug zu geben, die noch nicht genug materiell versorgt sind. Entweder wir wollen das ernst nehmen mit diesen physikalischen Größen oder wir lassen es!

Jörg Thadeusz: Frau Göpel, wir nehmen das ernst, Leute lesen Ihr Buch, tun das weiterhin, „Unsere Welt neu denken“ von Maja Göpel. 31:06

 Screenshots rbb Sendung

Das Buch können Sie sich hier besorgen, aber Ihr Buchladen in der Stadt ist ebenso schnell! (Und ich habe überhaupt nichts von dieser Empfehlung. Es geht um die Sache.)

Verschwörung X

Kondensstreifen und anderer Zauber

Die folgenden Fotos habe ich im September 2019 in Südtirol gemacht, in diesem Jahr habe ich vergeblich Ausschau gehalten, – Corona hat den Flugbetrieb minimiert.

Ich hatte damals noch nicht davon gehört, dass sich auch Verschwörungstheoreriker dieses Phänomens annehmen, heute gab es mal wieder allerhand Aufklärung bei Lesch & Steffens, allerdings findet man im Fall der Kondensstreifen in einer anderen Quelle ein etwas anderes Ergebnis: HIER.

Ich will kein Misstrauen säen, aber etwas hat sich in den Sendungen der beiden Autoren verändert. Sie versuchen die Inhalte anders zu „verkaufen“, vermutlich im Bemühen um noch größere Volksnähe, sie inszenieren sich, bemühen sich in kurzen Dialogen als Selbstdarsteller. Unnötig. Schon glaubt man ihnen nicht mehr aufs Wort und schaut zur Kontrolle – ins Internet. (Nein, Quatsch!) Die Forscherin Giulia Silberberger (ab 17:30) blieb natürlich, Pluspunkt, dass sie beiläufig ihre private Erfahrung mit Zeugen Jehovas einbrachte. (Unter Verschwörern werden Neulinge mit Liebe überschüttet, Zweifler mit „hate bombing“. Ich denke zurück an unsere Begegnung am Völser Weiher hier . Die eigene Anfälligkeit für wirre Fakten, wenn die Übermittlerinnen „nett“ sind, aus Ostberlin kommen und Angst haben.

Gestern sah ich ein Buch ihres Vordenkers Sucharit Bhakdi als Nr.1 Sachbuch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste). Ein anderes (von Harari) würde ich sofort kaufen; es ist nicht etwa schlecht, weil es auf dieser Liste steht. Ansonsten sehr aufschlussreich auch die Reaktionen der Zuschauer im Anhang des obigen Youtube-Videos. Viele „überlegene“, leicht gönnerhafte Konsumenten. (Extern hier)

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Heute Lektüre beendet: Charles Taylor. „Multikulturalismus und die Kultur der Anerkennung“. Hervorragend! Problematik der Rechtslage von Minderheiten auch in vernünftigen Demokratien. Einleuchtendes Beispiel Kanada (Quebec). Man ist begierig die anschließenden, im Buch abgedruckten Kommentare zu lesen. Und am Ende Jürgen Habermas. Siehe hier „Mensch und Menge“. Und nochmals – eingedenk der Anregung – Süddeutsche Zeitung / Thomas Steinfeld vom 23. September.

Nachtrag 22.10.2020

Zitat aus dem abschließenden Essay des Taylor-Buches von Jürgen Habermas (S.149):

Juristen haben den Vorzug, normative Fragen im Hinblick auf Fälle zu diskutieren, die zur Beschlußfassung anstehen; sie denken anwendungsorientiert. Philosophen entziehen sich diesem dezisionistischen Druck; als Zeitgenossen klassischer Gedanken, die sich über mehr als zweitausend Jahre erstrecken, verstehen sie sich ungeniert als Teilnehmer am ewigen Gespräch. Um so mehr fasziniert es, wenn dann doch einmal einer wie Charles Taylor versucht, seine Zeit in Gedanken zu fassen und philosophische Einsichten für politisch drängende Fragen des Tages fruchtbar zu machen. Sein Essay ist ein ebenso seltenes wie brillantes Beispiel dieser Art, obwohl (oder besser: weil) er nicht die modischen Pfade einer „angewandten Ethik“ beschreitet.

Kapitelüberschrift: Immigration, Staatsbürgerschaft und nationale Identität.

 

Aus dem Kommentar von Michael Walter (Seite 93) stammt die zusammenfassende Beschreibung der zwei Liberalismus-Formen:

Meine Frage gilt den beiden Arten von Liberalismus, die Taylor beschrieben hat und die ich hier noch einmal kurz skizzieren möchte. Die erste Art von Liberalismus („Liberalismus 1“) setzt sich so nachdrücklich wie möglich für die Rechte des Einzelnen ein und, gleichsam als logische Folge hiervon, auch für einen streng neutralen Staat, also für einen Staat ohne eigene kulturelle oder religiöse Projekte, ja sogar ohne irgendwelche kollektiven Ziele, die über die Wahrung der persönlichen Freiheit und körperlichen Unversehrtheit, des Wohlergehens und der Sicherheit seiner Bürger hinausgingen. Die zweite Art von Liberalismus („Liberalismus 2“) läßt zu, daß sich ein Staat für den Fortbestand und das Gedeihen einer bestimmten Nation, Kultur oder Religion oder einer (begrenzten) Anzahl von Nationen, Kulturen und Religionen einsetzt – solange die Grundrechte jener Bürger geschützt sind, die sich in anderer Weise (oder gar nicht) engagiert oder gebunden fühlen.

Taylor gibt der zweiten Art von Liberalismus den Vorzug, auch wenn er diese Wahl in seinem Essay nicht ausführlich begründet. Man muß beachten, daß der Liberalismus 2 permissiv und nicht in jeder Beziehung festgelegt ist: Liberale der zweiten Art, so schreibt Taylor, „sind bereit, die Wichtigkeit bestimmter Formen der Gleichbehandlung abzuwägen [ohne dabei irgendwelche Grundrechte in Frage zu stellen] gegen die Wichtigkeit des Überlebens einer Kultur, und sie entscheiden dabei bisweilen [Hervorhebung von mir] zugunsten der letzteren“. Dies bedeutet offenbar, daß Liberale der zweiten Art sich manchmal auch für den Liberalismus der ersten Art entscheiden. Der Liberalismus 2 hält sich verschiedene Optionen offen, und eine von ihnen ist der Liberalismus 1.

Das scheint mir richtig zu sein. (…)

[Taylor] würde, so vermute ich, die Ausnahme machen, die die Bewohner von Quebec verlangen: er würde Quabec als „eine Gesellschaft mit besonderem Charakter“ anerkennen und zulassen, daß sich die Provinzregierung für den Liberalismus 2 entscheidet und dann (innerhalb bestimmter Grenzen: sie kann Plakatwerbung in französischer Sprache verlangen, aber sie kann englische Zeitungen nicht verbieten) im Sinne der Bewahrung der französischen Kultur aktiv wird. Aber genau das bedeutet ja eine Ausnahme machen; die kanadische Bundesregierung würde sich das Projekt von Quebec oder ein anderes ähnliches Projekt nicht zu eigen machen. Gegenüber allen ethnischen Gruppen und Religionen in Kanada bleibt sie neutral; sie verteidigt also einen Liberalismus der ersten Art.

Ich habe so ausführlich zitiert, weil ich eine andere Form des Sonderweges im Sinn habe, die mich anhand einer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt: Prinzip „Breton Girl“ Folk mit impliziter Ideologie dessen, was schottisch ist, Cape Breton, Nova Scotia. (JR)

Nach dem Waterloo der politischen Diskussion

Trump und 1 Ende der Geduld (eine Sternstunde)

hier kein Start, nur Scan-Foto !

ZDF-Sendung gestern: MARKUS LANZ [aus Südtirol, gesehen in Südtirol, Völs, Moarhof ]. Zu Gast: Journalist Elmar Theveßen, Politiker Jürgen Trittin, Autorin Julia Ebner und Zukunftsforscher Matthias Horx (in wiki auch Fehlprognosen), website hier

HIER (Sendung abrufbar bis 30. Oktober)

3:35 Wie reagiert denn Amerika auf das, was da gestern passiert ist? Man sagte: „brennende Müllkippen“, „die würdeloseste Präsidentschaftsdebatte, die ich je gesehen habe“ (E.Th.)

9:16 Jürgen Trittin über die Widersprüchlichkeit der USA

10:12 Wer sind die „Proud Boys“? J.Ebner: „rassistisch, frauenfeindlich, homophob“

19:57 Matthias Horx über den Zustand Amerikas: für uns sehr lehrreich, weil unsere Populisten ein Schatten dieser Bösartigkeit sind, diese negative Energie wird dort [offen] sichtbar.

22:23 Trittin über John Biden, „den Platzhalter, der keinen Schaden anrichtet“ Florida als entscheidender Staat 26:42 Verabschiedung Elmar Theveßen

26:58 „Proud Boys“ Was ist „QAnon“? Bewegung, jetzt auch in Deutschland 29:32 (J.Ebner) 39:57 Bodo Schiffmann mit 2 Ausschnitten (komplett umgedreht) „Quarantäne-Lager hat man früher als KZ bezeichnet“ 43:11 Darüber M. Horx 44:55 Ebner: soziale Medien, die verschwörungstheoretische Inhalte derart pushen, dass sie zu dieser Bedeutung kommen…

(Für mich besonders interessant nach der Begegnung am Völser Weiher hier „Bloße Meinungen“.)

45:24 Dazu Trittin / Wann beginnt dieser Niedergang des Amerikas, das wir in unserer Kindheit erlebt haben? Verschwinden der Mittelklasse. Beispiel Kanada ! Verhältnis zu Autoritäten. EUROPA. 59:30

59:30 Horx „in die Zukunft schauen“ Beispiel: Tourismus in Venedig. Erlebnisse in dieser Krise, „stresshafte Zeit VOR Corona“, Überbeschleunigungsphänomene.

1:07:44 J.Ebner: Verhalten mit Corona ändern… Makroeinflüsse / Horx: der allzu große Technologieglauben – was kommt letzten Endes: Solidarität. Re-greening. Rückschau vom Jahr 2050 aus… China (bis 2030) – den Planeten wirklich wieder ernsthaft begrünen? das ist das wahrscheinlichste Szenario, darauf läuft das hinaus? Horx: Ja!

Gruß aus Südtirol – Zwei Seiten eines Dings

20. September 2020 Blick morgens von Obervöls/Moarhof auf den Schlern

1. Oktober 2020 Blick mittags von der Seiser-Alm auf den Schlern

Fotos: JR & E.Reichow

Zu den Standorten der Fotos:

Bloße Meinungen

Was einem ohne Begründung durch den Kopf geht

(ergänzende oder kontrastierende Fotos eingefügt)

Sympathie?

Zum Beispiel, dass die Kultursendung des ZDF eine von A – Z kontraproduktive, diskulturelle Sendung ist. Aspekte, die man zu Schmiedings Zeiten etwas überanstrengt fand, etwas sympathisch, aber auch etwas künstlich auf Niveau getrimmt. Und heute die schiere hochtiefkulturelle Verlegenheit, eine Wagner-Sängerin als Entdeckung präsentieren, aber sich nicht trauen, eine einzige Zeile Walküre voll auszukosten. Dann Wolfgang Niedecken, weil sie glauben, was in Köln eine Rolle spielt und nach Pop klingt, müsste auch vor großem Publikum funktionieren. Und dann nicht einmal versuchen, eine einzige seiner kölschen Strophen per Untertitel inhaltlich zu übermitteln, nur sein fortwährendes Gelaber über Klima, Kinder und Enkelkinder, man müsse nun die Verantwortung übernehmen, dass man denen eine solche Welt hinterlässt. Stimmt! Sowas kann man endlos produzieren, beliebig, sinnlos, – Köln wird überschätzt. Niedecken wird überschätzt, seit er sich einmal im Fernsehen mit dem überschätzten Heinrich Böll unterhalten durfte.

Dokumentarfilm: „Ich bin Greta“ – Die Klimaaktivistin kommt ins Kino / „XES“ Ein Comic über Sexsucht – Von der Einsamkeit des Süchtigen / Vernichtung der Indianer – Ein Chief aus Kanada spricht Klartext / Gast: Luisa Neubauer; Live: BAP /

Man könnte endlos meckern und schimpfen, was einem da zugemutet wird. Sogar Luisa Neubauer, porzellanig-schön wie eh und je, spricht ungeschickt und papieren brisante Inhalte. Wie die ganze Sendung: unzulänglich präsentiert, ungenau, und inwiefern Greta persönlich? weniger gescheitelt? also nur wie sie wirklich ist? Sie ist – wie könnte es anders sein: anders. Aber will das jemand wissen, wenn der Arsch brennt, und nicht nur das ferne Australien, oder Californien. Und diese unbedarfte Moderatorin, Katty, natürlich nicht Kathi. Ist mit Niedecken per du. Köln ! Was hat sie eigentlich gelernt. Französisch. Um auch in dieser schönen Sprache notfalls den gleichen Unsinn zu produzieren, den sie schon auf Deutsch von sich gibt? Sie hat nichts gelernt, wie Freund Jo, immer nur Medien, irgendwas mit Medien, solche Leute kommen meist aus Karlsruhe, und dann haben sie bei Viva moderiert, und dann bei EinsLive, zur Not einen Medienpreis für Volksnähe eingeheimst, und dann darf man mal Igor Levit auspressen, der auch nichts zu sagen hat, oder Lang Lang in Arnstadt, weil er nun auch mal die Goldberg-Variationen auf den Markt hat werfen wollen. Nein, das weiß er ja medienwirksam auch, nein, um Glenn Gould kommt keiner herum, denkt ja fast jeder, ich zum Beispiel nicht. Und diese schreckliche Lang-Lang-Demut im heiligen Bach-Ambiente, Kultur aber soll doch eher leicht sein, daher das ewig-kindliche Grinsen und Gänsehautgerede. Ich will’s nicht mehr hören.

Dumont Kunstführer s.a. hier

Foto: E.Reichow

Aufbruch zum Völser Weiher. Ohne Eile, das darf Stunden dauern, das schönstmögliche Panorama, wie heißen noch die letzten Spitzen des Schlern-Massivs? „Die 2.413 m hohe Santnerspitze und die 2.394 m hohe Euringerspitze“. Vorgelagert bis zum Waldsaum in der Tiefe diese unglaublichen, abgründigen Rundungen, die weichen und weiten Mulden und Wölbungen in sattem Grün, wenige Kühe in der Tiefe des Raumes verteilt. Wie in einem vielfach verbogenen Amphitheater.

Liegen sie tatsächlich  wie Violinschlüssel hingestreckt, oder hat Musil nur das Wort und das Zeichen übermitteln wollen, das ich nun nie mehr  von den Almen lösen kann. Grigia. Die Portugiesin – war schon schwieriger – und Tonka, bei der Wiederbegegnung wie schon 1965 etwas ärgerlich. Mein Fehler, es als Darstellung der problematischen Überlegenheit des männlichen Protagonisten zu lesen. Warum diese hohe, halb theoretisch-rationale, halb expressionistische Sprache, ohne als Psychoanalyse zu funktionieren. Draußen auf den Bänken diese Quo-vadis-Sprüche, sie wollen uns nachdenklich machen, ungebeten. Mit Gauguin und Nachfolgedenkern. Woher kommen wir, wohin gehen wir. Wer sind wir. Ein großer Maler zweifellos, irgendwie altägyptisch. Ausgerechnet der fragt sich das, im damals nicht so recht funktionierenden Paradies Tahiti.

Woher kommen wir?

Und hier in rostigem Blech noch ein Seneca-Spruch. Wie tief das alles, angesichts der gewaltigen Natur, die man nicht verleugnen kann. Im Dumont-Kunstbuch gestern früh der großartige Bericht über die gotischen Fresken in Burg Runkelstein, intensive Beschwörungen des höfisch-ritterlichen Lebens, Maximilian I. der letzte Ritter hat es schon restaurieren lassen, fand es wertvoll. Was, wenn man dies weiterhin überall propagiert hätte, über die Jahrhunderte hinweg – Tristan und Isolde – statt der schrecklichen Märtyrer-Geschichten in all den alten Kirchen? Die Drohung mit Fegefeuer, Abschneiden von Körperteilen, die allgegenwärtige Todesangst, das Sterbenmüssen und Menschenquälen als vorbeugende Maßnahme allüberall praktiziert, um jeden gefügig zu halten. Nicht Minne und stolze Sitte. Hier in diesen Bergen ist die Sagenwelt meiner Kindheit zuhaus, Zwerg Laurin, Meister Hildebrand, Dietrich von Bern, Bern soll Verona bedeuten, der böse Erzbischof von Trient, auch in Musils „Portugiesin“ gemeint? Im Restaurant am Völser Weiher die Reproduktionen (vonwegen!!! Ignaz Stolz! siehe Textfoto oben aus Kunstführer) der heldischen Ölschinken des 19. Jahrhunderts, Hildebrand und Dietrich beim Hinmorden der Zwerge, deren Rosengarten sie zerstört haben, per Pferd der Raub einer Frau, deren Namen (Isenhilde? recherchiert: sie hieß SIMILDE) ich nie gehört hatte. Hier gibt es genau die Spaghetti al pesto, die ich vom Vorjahr in Erinnerung habe, mit satt ausreichend Öl. Am Nebentisch zwei Frauen, jung und mittelalt, keine Engstfreundinnen, wie wir erst dachten, sondern eher Mutter und Tochter, sie zischeln abwechselnd, dass in der Politik nur noch Homos und Lesben zu Amt und Würden kämen, schon der abfällige Ausdruck Greta Thunfisch hätte uns vorwarnen müssen, die weiß nix über lebensnotwendiges CO2, die lächerliche Genderisierung allenthalben, dann der Vergleich der beiden Demonstrationen in Berlin, das Unrecht in der Berichterstattung, obwohl die Klima-Typen alle unmaskiert und viel zu dicht beieinander usw., Corona sowieso alles Fake, wie man an SARS beweisen kann. Niemand habe das in den Medien moniert, die sind ja auch durchweg unterwandert! Aber all dies kam von Tisch zu Tisch vielleicht nicht so geballt rüber wie in meiner Rückerinnerung. Ganz viele Fakten, die wir nie gehört hatten, wir Ahnungslosen, und hier sozusagen aus erster Augenzeugenquelle, die beiden kommen aus Ost-Berlin. Ich fange an, mir was zu notieren, und sie helfen mir auf die Sprünge. Man hilft mir gern. Die Damen sind auch derart beschlagen, zudem enorm mitteilungsfreudig. Und sehr aufgeschlossen, fast freundlich zugewandt. Sie haben Corona-Angst, Test-Angst, Zwangsteste, vor allem, dass die Grenzen bald zu sind, „nein, meine DNA geb ich doch nicht her“. Slowenien war zu, die Tschechei, jetzt Luxembourg. Jetzt Tirol, das macht doch hier im Süden nicht halt! Die jüngere zeigt mir im Smartphone Dokumente der Bundesregierung, Heiko Maas hat das noch mit ausgearbeitet und dann hat man es aus dem Blickfeld verschwinden lassen, denn wir sind alle auf dem Weg in die absolute Gedankenkontrolle. Die wichtigsten Fakten werden schon gelöscht. „Was, das haben Sie nicht mitbekommen?“ Ich staune über das Detailwissen, sage aber probeweise das warnende Wort „Verschwörungstheorie“, ohne es anklagend zu meinen, nur als Versuchsballon, keine beleidigte Reaktion, ja, überhaupt keine, was etwas auffällig ist. Als ob sie das schon kennen. Das Wort Atlantikpakt. Claus Kleber! Ja, da stimme ich zu, – dessen unangenehme Berichterstattung, wie er bebend vor kaum verhaltener Erregung seine Nachrichten übermittelt. Ich sage „Kassandra“. Das mögen sie nicht, vielleicht weil es femininum ist. Oder zu positiv. Ich habe auch Bill Gates gesagt. Nein, sagen sie, Bhakti hat uns die Augen geöffnet, ja mit B-H am Anfang, Virologe, indonesischer Name. Servus-TV am 9. September, kann man bestimmt noch abrufen. Vor allem Thorsten Schulte, „fremdbestimmt“, grundlegendes Buch. Wer hat am Zweiten Weltkrieg verdient? Und jetzt? Alle einschlägigen Fakten im Internet werden automatisch gelöscht. Aber keiner will davon gewusst haben.

Völser Weiher

Faktencheck zuhaus. Jedes Stichwort gibt auf Anhieb die entscheidende Information frei: in allen Punkten sehr umstritten. Es dämmert uns, – lupenreine AfD-Nähe, aber absolut getarnt und abgedichtet. Wir haben nicht erkannt, dass wir darüber doch schon allerhand Berichte gehört haben. Da ging es um die Löschung volksverhetzender Beiträge in Facebook.

Zur speziellen Meinungsbildung:

Wer ist Sucharit Bhakdi: hier. Und in Servus TV (50 Minuten) hier. Atlantikbrücke hier . Thorsten Schulte („Fremdbestimmt“) hier. 2012 Risikoanalyse Pandemie durch Virus 17/12051 hier (Seite 5 und Seite 88)

Netzwerk Durchsetzungsgesetz hier. Oder auch hier (Heiko Maas).

Fazit: Achtung AfD-Nähe Weiteres über die Hintergründe hier bei LANZ.
Neutraler Ausklang

Nicht ohne beachtliches Fegefeuer

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Eine Wiederholung (als Übung, aus dieser Thematik rauszukommen): HIER (26.11.2019)

Eine spätere Lehrstunde über Verschwörungstheorien bei LANZ: Hier (erstellt 1.10.2020)

Polarisierung, rassistische Codes und Medien

Statements aus einer Lanz-Sendung

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-25-august-2020-100.html

HIER ab 6:12 bis 10:22 (Video verfügbar bis 24.09.2020

Rushdie: „Make America great again“ meint eigentlich „make America white again“

Lanz: Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass da überhaupt nochmal irgendjemand miteinander ins Gespräch kommt, und wo ist dieser amerikanische Optimismus geblieben? Wir waren doch immer die Deutschen, die an allem rumzumeckern haben. Aber das, dieses Destruktive, der Hass, der da zum Teil die Zweifel, die da gesät werden…, das hat doch mit dem Amerika, das wir kennen, nichts mehr zu tun…

MELINDA CRANE (6:36) : Richtig, diese Polarisierung ist nicht alleine Schuld von Donald Trump. Die Polarisierung (ein guter Punkt!) ist mindestens seit 20, 30 Jahren (wann hat das begonnen, für Sie, und wo?) – eigentlich in der Zeit der 80er Jahre unter Ronald Reagan. Er hat zum Teil die gleiche Sprache benutzt wie Donald Trump, zum Beispiel auch eine Code-Sprache, die versucht Angst zu erwecken. Und zum Teil auch Angst, die mit Rassen-Ressentiments zusammenhängt, und das haben wir gestern Abend auch gesehen und gehört, wenn einige Redner davon sprechen, dass der Mob in die Vororte drängt, da[s] ist implizit in dieser Aussage: der schwarze Mob dringt in die weißen Vororte. (Genau!) Mit genau solchen Vorurteilen spielte auch Ronald Reagan. (Entschuldigen Sie, weil Sie das gerade sagen: Salma Rushdie saß mal hier, fällt mir grade ein, und er sagte damals: wenn er sagt „make America great again“ meint er eigentlich „make America white again“, und das versteht auch jeder so.) Und es ist auch so, dass die Republikanische Partei in den letzten Jahren immer weißer wird, schwarze Amerikaner wählen überwiegend demokratisch, die Republikanische Partei wird auch immer älter, christlicher und männlicher. Das heißt, die Demokratische Partei – das haben wir auch letzte Woche gesehen bei deren Parteitag – wird wirklich sehr divers, und es gab auch wirklich sehr viel verschiedene Stimmen auf diesem demokratischen Parteitag, insoweit, – es gibt auch die Botschaft der … Einigung, der Wunsch nach einem Ende dieser Spaltung, das wurde sehr stark formuliert von Joe Biden auf dem demokratischen Parteitag, auch von Menschen aber, die bisher als spaltend galten, z.B. Bernie Sanders, oder Elizabeth Warren, sie haben sehr klar gesagt in dieser letzten Woche: wir müssen uns einigen, wir müssen unsere Demokratie schützen (Ja, aber das Verrückte ist, wenn man denen zuhört, offensichtlich versteht darunter jeder etwas anderes!). So ist es, und das ist gerade die Bedeutung von Polarisierung. Polarisierung heißt nicht nur: Republikaner gegen Demokraten, sondern Polarisierung heißt: zwei vollkommen unterschiedliche Weltanschauungen, die (genau!) aufeinanderprallen. Und dies hat leider auch mit Medienpolarisierung zu tun. Viele Amerikaner konsumieren nur die Medien, die ihre bevorstehenden Ideen und Urteile bestätigen. (Leben im Klischee, ja?) bei Republikanern, ja, Fox News ist das Beispiel dafür, und diese Vision, die wir gestern Abend gehört haben auf dem Republikanischen Parteitag, eine sehr sehr düstere Vision, das ist genau die Vision, die sehr stark von Fox News zum Beispiel propagiert wird. Und deswegen kann es sein, dass ein Republikaner, der in der letzten Zeit seinen Job verliert oder das Gefühl hat, sein Job steht in Gefahr wegen der Coronakrise, dass der trotzdem sagt: die Wirtschaft blüht! Weil die Aktienmärkte stark sind. Und das ist gerade der Barometer von Donald Trump und auch von Fox News, dafür wie gut die Wirtschaft läuft. Von daher kann es sein, dass wir im November sehen, dass Menschen, die selbst hart betroffen sind von dieser Krise, sagen: ja, aber die Wirtschaft, die wird schnell wieder zurückkommen, und dafür ist Donald Trump verantwortlich, und deswegen wähle ich ihn. (10:22)

10:47 St. Louis 26.06.2020: bewaffnetes Ehepaar vor dem Haus

Lanz: … weil Sie gerade sprachen über den Mob, Sie sagten, da wird aber insinuiert: der schwarze Mob zieht in die weißen Vorstädte… wir erinnern uns an diese Szene des Ehepaares, ich glaube St. Louis war es, die McCluskies (?) vor ihrem Haus standen ehm bewaffnet, und es ziehen die Demonstranten an ihrem Haus vorbei, und es war lange unklar, was es mit dieser Szene auf sich hatte. Und die beiden werden jetzt genutzt und gezielt eingesetzt. Wir hören mal rein: (Film läuft)

Melinda Crane: das war der absolut erstaunlichste Moment.

FILM-UNTERTITEL (Frau spricht): Machen Sie keinen Fehler, egal wo Sie leben. Ihre Familie wird unter den radikalen Demokraten nicht sicher sein. (Mann spricht): Präsident Trump wird das gottgegebene Recht eines jeden Amerikaners schützen, ihre Häuser und ihre Familien zu verteidigen.

Lanz: So, diese Sprache wieder, – wir haben hier vor ein paar Wochen schon mal zusammen gesessen: Demokraten sind nur noch Linksradikale, aus Prinzip, das hat sich etabliert! (11:36) Melinda Crane: Später spricht er von den Marxisten. In der Demokratischen Partei. er spricht davon, dass diese Partei den Menschen die Waffen wegnehmen will. Dass diese Partei den Mob in die Vororte dann lässt, damit der Mob Billigwohnungen dort macht und praktisch die Menschen dort – sie haben gesagt: die Vororte abschaffen. Das alles ist eine Codesprache für den Rassismus. Und dieses Paar wurde sogar strafrechtlich angezeigt dafür, dass sie ihre Waffen auf friedlich Protestierende gerichtet haben. Sie wurden angezeigt, und sie bekommen einen prominenten Platz am ersten Tag des Republikanischen Parteitags. Das war für mich der absolut erstaunlichste Moment von dem ganzen Abend. (12:31)

Lanz: Aber es zeigt, wie Propaganda funktioniert.

(Fortsetzung folgt)

16 Minuten Weg zwischen den Generationen

Coccia, Plessner, Gehlen, Adorno

Es war die aufgeschriebene Vision eines alten Mannes, die mich am vergangenen Donnerstag stark berührt hat, heute die eines jungen Mannes, dessen munteres Daherreden auf youtube genau meine Themen betraf. Zum Beispiel die Linie zwischen Außen und Innen, die mich schon oft beschäftigt hat.

Zwischen David Johann Lensing (*1989) und Edgar Reitz (*1932)

Private Höhle und öffentlicher Raum

 Direkt vom Papier ins Medium:

 Quelle: DIE ZEIT

DIE ZEIT 4. Juni 2020 No.24 Seite 50 Warum wir das Kino brauchen / Die Coronakrise zeigt, dass das Kino als Ort der Zuflucht und des Rückzuges umso wichtiger wird. Aber dafür muss es sich verwandeln. Von Edgar Reitz.

Das Innen und das Außen  13:13 / Anthropologie der Sinne

 Zum Nachlesen HIER

(Fortsetzung folgt)

Museum und integrales Konzert

Wie es – wohl oder übel – begann

Aus der Anfangszeit in Greifswald (um 1943) habe ich ein Püppchen aufbewahrt: es befand sich lebenslang in einem durchsichtigen Plastikkästchen – wie Schneewittchen im gläsernen Sarg – und gab mir immer wieder Rätsel auf:

Eine Radio-Sendung am 16. Dezember 1959 im III. Programm NDR (Autor: Hans Otte): „Das imaginäre Konzert“. Die ganze Mitschrift (auch zur vorhergehenden Literatur-Sendung) folgt später in diesem Blog. Für mich ein kleines Zeit-Dokument.

Mit diesen Kladden meinte ich es ernst. Einige Zeit vorher gab es die Jugendbücher „Das Neue Universum“ und „Durch die weite Welt“, das eine für mich, das andere für meinen Bruder; wir stritten uns über die Vorzüge des einen gegenüber dem anderen. Seit früher Kindheit aber gab es eine zweite Art von Bibel, das REALIENBUCH. Meine Oma gebrauchte sogar, ohne den Fehler zu bemerken, für das Wort Regal ein anderes und sagte: „Hol dir doch das Buch da aus dem Real!“ Es wurde ganz allmählich meins, und sobald ich einen Stempel mit beweglichen Lettern besaß, setzte ich meine Initialen hinein:

 1947 1999 2001

Ich habe diese Bücher gar nicht planmäßig studiert, eher ironisiert, aber sie haben mich durch ihr Outfit fasziniert. Sie demonstrierten mir überzeugend den Wert der Bibliothek hinter mir und um mich herum. Diese existiert ja und erweitert sich womöglich zur letztendlichen Selbstfindung. Genau so die Bilder des Museums: vor allem die Idee des Imaginären Museums, die ich André Malraux verdanke. Vielleicht irrtümlich.

 André Malraux (1947) 1961

 John Berger 1974

Was hier noch fehlt, ist die Aufnahme einer Schulfunksendung etwa 1959, in der ein Japaner (in seinem besonderen Deutsch) aus seiner Kindheit erzählte, dabei immer wieder in voller Stärke das Gagaku-Stück „Etenraku“ anspielte, das mich restlos begeisterte. Später war es die Protokollierung einer Radiosendung 1960/61, die Musik „aller Zeiten“ präsentierte (aber nicht aus aller Welt), vielleicht von Hans Otte… (habe ich eben eingefügt, richtiges Datum 16.Dez.1959)

Quelle NZZ 2.9.2014 „Das totale Museum für daheim“ Bernhard Dotzler über Walter Grasskamp über „André Malraux und das imaginäre Museum“ (2014).

HIER

Soweit auch die heute fast auf der Hand liegende Kritik. Ich spare mir einen distanzierenden Text zu alldem und füge hinzu: Anfang der 60er Jahre gehörte noch unbedingt hinein: C.G.Jung „Gesammelte Werke“, Sri Aurobindo „Der integrale Yoga“, Simone de Beauvoir und Alfred C. Kinsey.  Alles zielte auf Vollständigkeit oder Vervollständigung. Es ging ums Ganze. Es begann halt so ähnlich, und am Ende stand in aller Bescheidenheit der Text von Wilhelm (nicht Alexander) von Humboldt über mentale Weltaneignung:

Wer, wenn er stirbt, sich sagen kann: ‚Ich habe soviel Welt, als ich konnte, erfasst und in meine Menschheit verwandelt‘ – der hat sein Ziel erreicht.

Zitiert aus dem nach wie vor lesenswerten Buch von Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? (Fischer Taschenbuch 2004)

Ich vergaß zu erwähnen, welchen Eindruck in den 60er Jahren Robert Musil und Marcel Proust in meinem allezeit formbaren Gemüt hinterließen. Und als ich gerade eben den Schreibtisch verließ, um im Schlafzimmer meine fünf oder sechs Morgenübungen zu machen, fiel mir ein schmales Buch ins Auge, das ich heute Nacht an dieser Stelle aufgeschlagen liegen ließ (ich lüge nicht!!!!), weil es perfekt die Situation der Fake-Welt beschreibt, für deren schamlosen Gebrauch sich selbst die Satiriker Joko und Klaas (Heufer-Umlauf) gerade in der Morgenzeitung entschuldigen mussten (nur weil sie ertappt wurden):

Die Lüge ist die Signatur dieser Welt. Sie durchdringt die zwischenmenschlichen Beziehungen jeder Art, die Gesellschaft, die Liebe, die Freundschaft, die Motive des Handelns, ja noch die Vorstellung der Individuen von sich selbst. Wo die Lüge zur universalen Herrschaft gelangt, verfälscht sie nicht nur jedes Ich und jedes Du bis zur Unkenntlichkeit, sondern wird, so paradox es scheinen mag, zum Instrument der Wahrheitsfindung. „Diese Lüge“ – so schreibt Proust – „gehört zu den einzigen Dingen auf dieser Welt, die uns Ausblicke auf Neues und Unbekanntes zu eröffnen, unsere schlafenden Sinne für die Betrachtung von Welten zu erwecken vermögen, die wir sonst nie gekannt hätten.“ Proust hat diese Möglichkeit an vielen Stellen in seinem Roman konkretisiert. Die Lebenslüge schließt die Lüge sich selbst gegenüber, das Nicht-wahr-nehmen-Wollen des Todes und die zur erbärmlichen Mitleidlosigkeit führende Furcht vor der Besinnung über die eigene Existenz mit ein. Viermal – leitmotivisch – hat Proust das Thema von der Ignorierung des Todes eines engen Freundes oder nahen Verwandten verwendet. Der Duc de Guermantes verleugnet den Tod des Vetters, die Duchesse ignoriert die tödliche Krankheit Swanns, die Verdurins verbannen zweimal jede Erinnerung an verstorbene Freunde aus ihrem Kreis. Die Ursache dieses Verhaltens […].

Quelle Erich Köhler / Angelika Corbineau-Hoffmann: Marcel Proust / Erich Schmidt Verlag Berlin 1994 (Seite 33)

Aus dem oben schon zitierten Globalisierungsbuch von Safranski möchte ich noch ein erhellendes Zitat folgen lassen, das sozusagen Humboldt durch Goethe ergänzt:

Goethe, der genau wußte, was für die Bildung eines Individuums erforderlich ist, schreibt in ‚Wilhelm Meisters Wanderjahren‘: Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Ziele vermag er einzusehen und er gewöhnt sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will, noch was er soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde. Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.

Goethe hat, wie so oft, auch hier das Richtige getroffen. Es gibt eine Reichweite unserer Sinne und eine Reichweite des vom Einzelnen verantwortbaren Handelns, einen Sinnenkreis und einen Handlungskreis. Reize, so kann man mit großer Vereinfachung sagen, müssen irgendwie abgeführt werden. Ursprünglich in der Form der Handlungs-Reaktion. Handlung ist die entsprechende Antwort auf einen Reiz. Deshalb sind auch der Sinnenkreis, worin wir Reize empfangen, und der Handlungskreis, in dem sie abgeführt werden, ursprünglich miteinander koordiniert. Aber eben nicht gut genug koordiniert. Auch hierbei sind wir Halbfabrikate. Wir müssen nämlich selbst ein Filtersystem entwickeln, das Reize, auf die man gar nicht angemessen reagieren kann oder auch nicht zu reagieren braucht, wegfiltert. Unsere Sinne sind vielleicht zu offen. Unser diesbezügliches Immunsystem ist nicht ausreichend. Auch das gehört zur Arbeit an unserer zweiten Natur: die Entwicklung eines kulturellen Filter- und Immunsystems.

Mit der globalen Informationsgemeinschaft der Medien aber haben wir diese Aufgabe auf sträfliche Weise vernachlässigt. Denn die globale Informationsgemeinschaft bedeutet in diesem Zusammenhang: daß die Menge der Reize und Informationen den möglichen Handlungskreis dramatisch überschreitet. Der durch Medienprothesen künstlich erweiterte Sinnenkreis hat sich vollkommen vom Handlungskreis losgelöst. Man kann handelnd nicht mehr angemessen darauf reagieren, also die Erregung in Handlung umsetzen und abführen. Während einerseits die individuellen Handlungsmöglichkeiten schwinden, steigert andererseits die unerbittliche Logik des Medienmarktes mit seinen Informations- und Bilderströmen die Zufuhr von Erregungen. Das muß so sein, weil ja die Anbieter von Erregung um die knappe Ressource ‚Aufmerksamkeit‘ beim Publikum konkurrieren. Dieses aber, inzwischen an Sensationen gewöhnt und danach süchtig, verlangt nach einer höheren, jedenfalls neuen Dosis von Erregung. Statt Handlungsabfuhr: Erregungszufuhr.

Quelle s.o. Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? (a.a.O. Seite 77 ff)

Es wird schon schwer, dieses Zitat mit dem zusammenzudenken, das Marcel Proust betraf. Und obendrein liest es sich am Ende schon wie Andreas Reckwitz. Siehe hier.

Man kann sich wohl nicht anders dazu verhalten als: die Widersprüche vorüberziehen zu lassen, ohne zu versuchen sie aufzulösen oder mit einem Schwerthieb zerschlagen.

Die täglichen Entscheidungen

…lassen sich kaum „aus dem Bauch heraus“ treffen

Es sei denn, man hat es oft geübt oder einiges dazu gelesen. Das kann die Einschätzung des Kopftuchtragens ebenso betreffen wie die Fan-Proteste beim Fußball oder die Angst vor dem Corona-Virus. Und wenn man in der Presse etwas gelesen hat, wodurch das eigene Für und Wider umgeschwenkt ist (und wieder zurück), neigt man dazu, der Presse die Schuld zu geben. Am besten, so scheint es dann, greift man das vielgebrauchte (und ungewollt eingeübte) Schimpfwort Lügenpresse auf… Falsch! Nichts ist falscher als das: nicht die andere (von meiner vorgefassten abweichende) Meinung ist schuld, sondern die komplexe Sachlage, die fast immer mehrere Sichten gestattet, und dann wäre es einfach eine davon, auf welche ich mich festlege, ohne noch weitere Argumente hinnehmen zu wollen.

Wenn ich es aber offen lasse, bedeutet das nicht, dass es mir egal wird, ich beobachte die Sache mit hoffentlich klarem Sinn für Ambivalenz und entscheide in dem Augenblick, wo es akut wird, und zwar, als geschehe es  „aus dem Bauch heraus“. Aber nur dann.

Auch heute ging es mir so – natürlich auf Grundlage der Presselektüre: sie gibt mir nicht nur Argumente, sondern auch die Zeit, – einfach so als Muße oder auch zum Strukturieren eigener Gedankengänge, die über das wilde Assozieren hinausgehen, – das ja auch einen Sinn hat oder annehmen kann, wie eine Zettelsammlung oder ein großes Blatt Papier, auf dem man (un)willkürliche Einfälle notiert.

Wenn ich die Namen nenne, höre ich schon die Aufschreie: Waaas? Komm mir nur nicht damit, das ist ja eine ganz Linke (oder Rechte), ein Wirrkopf sondergleichen, dieser gelernte Oberlehrer usw. usw., das wäre genau das, was ich günstigenfalls schon hinter mir habe. Ich könnte also zur Sache drängen. Oder mit Ausweichmanövern reagieren. Zum Beispiel indem ich sage, dass ich nichts gegen den Islam habe, außer wenn die Moslems einen „Ungläubigen“ anders traktieren als einen Gläubigen der anderen Schriftreligionen. Oder: Fußball ist ein Sport für Proleten und Professoren und alles dazwischen.

Ich nenne etwa die Namen Sonja Zekri (Kopftuch und Islam), Lothar Müller (Epidemie und Journalismus), Bernd Schwickerath (Fußball und Plutokratie) und gestehe, dass ich während der Lektüre einige Male das Smartphone bemüht habe, Stichworte „Gentrifizierung“ und „Spanische Grippe“. Ich könnte auch Sätze zitieren: „Aber um ihn selbst geht es ja nicht. Hopp ist das Symbol. Für einen gentrifizierten Fußball, den sich Milliardäre als Hobby gönnen. Ein chemisch reines Produkt ohne Fankurven.“ Oder selber erfinden: Die schlimmste Seuche der Neuzeit hat mehr Opfer gekostet als der Erste Weltkrieg. Diesen aber haben sich die Völker zusätzlich geleistet. Das Wort „Spanische Grippe“ hat man erfunden, weil Spanien damals das einzige Land mit freier Presse war und über die Krankheit berichtet hat (nicht nur über den siegreichen Kriegsverlauf wo auch immer).

Ich schließe mit den Quellenangaben und Dank an die Presse.

Quellen 

Süddeutsche Zeitung 29.Februar/1.März 2020 Seite 15 Verhüllen, um zu zeigen (Kopftuch-Urteil und Vorurteil) / Von Sonja Zekri

SZ (wie vor) 29. Februar/1.März 2020 Seite 15 Der Seuchen-Reporter Seit es die moderne Öffentlichkeit gibt, erfassen Infektionskrankheiten die Gesellschaften, ehe die physischen Erreger sie erreicht haben. Mit Daniel Defoes „A Journal of the Plague Year“ beginnt das Zeitalter der Prävention in der Weltliteratur / Von Lothar Müller

WZ/Solinger Tageblatt 02.03.2020 Seite 2 Meinung und Analyse  DFB setzt auf Härte – und die Spirale dreht sich weiter Von Bernd Schwickerath

Des weiteren lese ich (im NMZ Newsletter 28. Februar 2020):

Corona-Virus: Deutsche Konzert- und Tourneeveranstalter bangen um ihre Existenz

Nachdem in Norditalien und der Schweiz größere Musik- und Sportveranstaltungen nicht mehr stattfinden dürfen und auch in Deutschland bereits erste Messeveranstaltungen abgesagt wurden, bangen auch die deutschen Konzert- und Tourneeveranstalter um ihre Existenz.

*    *    *

Was bleibt? Einer der wichtigsten Grundsätze „Komplexität aushalten“.

Sonja Zekri: „Nur in einer Gesellschaft, die Muslimen misstraut, weil sie Muslime sind, ganz gleich, ob gläubig oder säkular, kann die demonstrative Verhüllung zu einem Ausdruck der Selbstbehauptung werden. Sie ist eben nicht Unterwerfungsgeste, sondern auch ein Aufbegehren gegen das Urteil der Mehrheit darüber, wer ein Muslim ist und wie er zu sein hat. Dieses Ineinanderspiel von kultureller Identität und politischem Appell, Abgrenzung und Integrationsbemühen ist, zugegeben, etwas verwirrend.“  (Siehe oben angegebene SZ-Kolumne)

Was bedeutet es eigentlich, wenn im Text „Der Seuchen-Reporter“ das Aufkommen von „Print 2.0“ erwähnt wird? Ich empfehle unter dem Stichwort „Web 2.0“ nachzulesen: Wikipedia hier. Dort besonders unter „Hintergrund“, „Verbreitung des Begriffs“ und „Charakteristika“. Es hatte bei mir mit dem Zwang zur Neugestaltung meines Lebens (nach 2005) durch Wegfall bzw. Reduzierung der „Plattform Rundfunk“ zu tun. Nicht zufällig erscheint im Wikipedia-Artikel dieselbe Jahreszahl auf (davon hatte ich damals keine Ahnung, mir half JMR auf die Sprünge):

ZITAT Wikipedia Print 2.0

Folgende Entwicklungen haben ab etwa 2005 aus Sicht der Befürworter des Begriffs zur veränderten Nutzung des Internets beigetragen:

  • Die Trennung von lokal verteilter und zentraler Datenhaltung schwindet: Auch Anwender ohne überdurchschnittliche technische Kenntnis oder Anwendungserfahrung benutzen Datenspeicher im Internet (etwa für Fotos). Lokale Anwendungen greifen auf Anwendungen im Netz zu; Suchmaschinen greifen auf lokale Daten zu.
  • Die Trennung lokaler und netzbasierter Anwendungen schwindet: Programme aktualisieren sich selbstständig über das Internet, laden Module bei Bedarf nach und immer mehr Anwendungen benutzen einen Internet-Browser als Benutzerschnittstelle.
  • Es ist nicht mehr die Regel, die einzelnen Dienste getrennt zu nutzen, sondern die Webinhalte verschiedener Dienste werden über offene Programmierschnittstellen nahtlos zu neuen Diensten verbunden (siehe Mashups).
  • Durch Neuerungen beim Programmieren browsergestützter Anwendungen kann ein Benutzer auch ohne Programmierkenntnisse viel leichter als bisher aktiv an der Informations- und Meinungsverbreitung teilnehmen (siehe User-generated content)

Soweit der Wikipedia-Artikel „Print 2.0“. Ich hatte damals eigentlich etwas ganz Anderes geplant. Nämlich ein System zu nutzen, das eine neue visuell vermittelte Form des Denkens ermöglichte (und mich irgendwie an die Gedankenentwicklung bei der Ausarbeitung von Radio-Sendungen erinnerte: mit Hilfe großer Papierbögen, auf die sich die einzelnen Motiv-Areale verteilen und mit Linien verbinden ließen. (folgt)

*    *    *

Was ich jetzt lieber geschrieben hätte:

Etwas über einen ZEIT-Artikel von Judith Butler (über Hegels „Herr und Knecht“), dann über Philosophinnen von Hypatia (s.a. hier) bis Judith Butler (nach dem Philosophie-Magazin Sonderausgabe 13 / Oktober 2019), etwas Kritisches über Knausgårds Wiedergabe der Kritik eines Kollegen an Munchs Bildnis seiner Schwester Inger Munch in schwarz, denn mir gefällt das Schwarz (weil ich kein Fachmann bin). Dann vor allem – angeregt durch Judith Butler – über Hegels „Herr und Knecht“ anhand anderer Quellen. (Es geht um Selbst-Bewusstsein, jedenfalls mehr als um Selbstbewusstsein.)

Und auch über die dionysische Erregtheit schriller Instrumente des Altertums, die im Vorderen Orient besänftigt wurden und erst in dieser Form bei uns eine modische Begeisterung für ethnisch inspirierte Melancholie auslösten. Aulos in der griechischen Antike und Memet im alten Ägypten, Duduki in Armenien.

 (Wikipedia hier)

Welche Visionen brauchen wir?

Angenommen: einzig Untergangsszenarien sind realistisch

Dann kommt man gern mit Luthers Apfelbäumchen daher, – ein Spruch dieser Art ist aber bei dem großen Reformator gar nicht nachweisbar. Wir müssen eigene formulieren. Angenommen im Herbst des Jahres 79 n. Chr. hätte ein wohlhabender Bürger Pompejis die Weissagung bekommen: in Kürze wird diese Stadt untergehen, es grummelt schon bedrohlich aus der Tiefe des Vesuvs. Würden wir ihn bewundern, wenn er furchtlos seinen Garten bestellt hätte statt sich außer Reichweite zu begeben?

Einerseits ist Optimismus hoch im Kurs, weil zukunftsorientiert. Andererseits wissen wir, dass nur die Wahrnehmung maximaler Gefahr eine echte Kehrtwendung veranlassen kann. Und nicht die Formel: es wird schon wieder werden…

Wir können uns nicht mehr außer Reichweite begeben, abgesehen davon, dass wir nicht einmal wohlhabend sind. Bei Markus Lanz habe ich kürzlich erfahren, dass man in San Francisco, „der reichsten Stadt dieses Planeten“, laut Statistik als arm gilt, wenn man weniger als 115.000 Dollar pro Jahr verdient. Und noch nie konnte man dort soviel Obdachlose sehen wie heute. Also: es sind hochinteressante Zusammenhänge, mit denen wir konfrontiert werden, und man sollte sich unbedingt um die Zukunft kümmern, – quia absurdum est, sagte man im alten Italien. Nein, auch dieser Satz ist nie so formuliert worden, wie man ihn zitiert. Dabei ist das Fazit, wie man lesen kann, ziemlich genau so, wie es gleich im Gespräch mit einem unverbesserlichen Optimisten zutage tritt.

ZITAT

Aber das ist nicht der Grund zum Aufhören und schon gar nicht das Ende von allem. Wir sollten uns vielmehr neu darauf besinnen, was uns wichtig ist. Deshalb, so Franzen, wird es jetzt Zeit, sich auf die Folgen vorzubereiten, zum Beispiel auf Brände, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme. Es geht aber auch darum, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um unsere Gesellschaften, unsere Demokratien zu festigen.

Ich weiß nicht, ob dieser Autor zu den Untergangspropheten gehört, die in der Markus-Lanz-Sendung vom 4. Februar 2020 apostrophiert wurden. In diesem Blog wurde er schon als bedenkenswert zitiert, als es die kleine Schrift noch gar nicht ohne weiteres zu kaufen gab. HIER.

Hier ist ein Protokoll dessen, was Harald Welzer in der Sendung gesagt hat. Vielleicht kann man alles in seinem Buch systematischer nachlesen, aber manches wirkt gerade in den locker (und engagiert) hingesprochenen Beiträgen inspirierender.

ZDF Sendung Markus Lanz 5.2.2020, nachzuhören bis 5.3.2020 HIER.

Zum Text (noch nicht vollständig lektoriert)

Lanz (ML)bei der Vorstellung der Gäste:

Wir müssen, schreibt er, endlich den Untergangspropheten ihre Uhr wegnehmen, die seit 40 Jahren auf 5 vor 12 steht, für diese – Achtung! – Lamentierökos richten wir eigene Nöhlreservate ein, und da gehen wir dann alle hin, wenn wir mal versehentlich gute Laune kriegen. Herzlich willkommen, Harald Welzer!

20 Minuten später…

Harald Welzer (im folgenden als HW)

20:35 Mich erschüttert, dass bei solchen Aussagen geklatscht wird. Also es ist wirklich irre, wir haben – ML stopp stopp, geklatscht wurde grade, weil Frau Wöhrl sagte, da sind Lobbyisten dahinter, die puschen (ja, aber) (alle durcheinander)

HW – wir haben nun eine ausgebaute Klimawissenschaft aus sehr sehr vielen verschiedenen Disziplinen zusammengesetzt, die seit vielen Jahrzehnten an diesem Thema arbeiten, es gibt eine weit, weit über 90prozentige Übereinstimmung der Befunde, die aus diesen unterschiedlichen Disziplinen kommen, dass wir es mit einem menschengemachten Klimawandel zu tun haben, und wir wissen auch mit einer hinreichenden Sicherheit, wie die Sache sich weiter entwickelt, und wir wissen auch, dass es an Treibhausgasen liegt.Das gibt es in keinem andern wissenschaftlichen Bereich – ich bin selber Wissenschaftler -, dass es einen solchen Konsens gibt. Und wenn es bezahlte[r] Institute usw. gibt, die insbesondere in den USA seit vielen vielen Jahren gegenteilige Dinge behaupten, dann sind es nicht – die Wissenschaftler sind sich nicht einig, sondern die WissenschaftlerInnen, die von dem Thema was verstehen und da arbeiten, sind sich einig. Deshalb gibt es die Berichte vom IPCC (ML: Weltklimarat usw.) usw. usw., und man kann auch nicht sagen, – und deshalb finde ich es hier auch nicht berechtigt an der Stelle zu klatschen – beide werden bezahlt. Ich glaube, es gibt ne ganze Reihe von WissenschaftlerInnen, gerade in dem Umweltbereich, im Klimabereich, die haben eine echte Besorgnis über ihre Forschungsergebnisse, die kommunizieren die nicht deswegen, weil sie dafür bezahlt werden, sondern weil sie als Wissenschaftler sehen, wir haben ein riesiges Problem. Dieses Problem haben wir seit mindestens 1972 erkannt, als „Die Grenzen des Wachstums“ erschienen sind, seitdem wissen wir das (ML: Club of Rome!) ja, ja, und nennen uns selber eine Wissensgesellschaft, aus diesen Wissensbeständen werden kaum Konsequenzen gezogen, das ist der Punkt! (22:50 Einspruch von Heiner Lauterbach über Situation „auf beiden Lagern“, Dagmar Wöhrl über politische Interessen, ML „es geht immer um die Schuldzuweisungen, es geht doch vielmehr um die Frage: wie gehen wir mit dem Klimawandel um in der Zukunft“ ML: „wie gelingt es, diese Polarisierung aufzuheben?“)

22:50 Na ja, ich würde eigentlich – und dann können wir auch harmonischer werden in der Runde – ich glaube, da gäbe es ja eine Übereinstimmung, woran es uns da elementar fehlt, sind tatsächlich Zukunftsbilder, und Gesellschaften, dieses Typs, also der westlich-liberalen Demokratien, sind ja immer erfolgreich gewesen, weil sie immer ne Vorstellung hatten: wer wollen wir sein? Wo soll diese Gesellschaft (ML sie sagen: immer neuer, immer besser, immer mehr, das ist sozusagen unser Mantra) ja, darauf ist es zusammengeschrumpft, ja, aber dass es mal ne Gesellschaft gewesen ist, die gesagt hat, jetzt kommen diese Klischee-Zitate „mehr Demokratie wagen“, aber „Öffnung des Bildungssystems“, großes Programm der 1960er Jahre, ich hab da extrem von profitiert, als Ziel: wir müssen eine andere Gesellschaft sein, mehr sozialen Ausgleich, mehr Partizipation etc. etc. oder auf der symbolischen Ebene solche Dinge wie Apollo-Projekt, Eroberung des Weltraums usw.usw., also Dinge, wo Gesellschaft nicht einfach nur um ihre eigene Gegenwart kreist, sondern wo sie eine Vorstellung hat: da sind Ziele, da wollen wir hin, da wollen wir auch alle mitnehmen. (ML: Heute, also, Apollo ist abgehakt, für mich zumindest, aber – E-Mobilität wär doch so’n Ziel…)

22:50 Aber das ist doch kein identifikationsstiftendes Ziel, das ist doch dasselbe wie jetzt, nur Sie haben n Antrieb ausgetauscht, ist doch nichts, wo man sagt: au, cool!!! 2050 haben wir nur noch E-Autos (ML: also 50 sagen Sie jetzt…ganz cool, ehrlich gesagt, in ner Innenstadt zu leben, die nicht mehr stinkt morgens, nach Abgasen) ich fänd’s ja viel cooler in ner Innenstadt zu leben, wo es keine Autos mehr gibt (auch gut! Beifall können wir uns sofort drauf einigen), aber vielleicht verbirgt sich genau dort der Witz, dass es dort auch so etwas wie Utopien geben, Visionen geben muss, wir könnten uns vorstellen, – dieses Thema, das wir zu Anfang hatten, wir haben keine soziale Ungleichheit in diesem Ausmaß mehr, meine ich keine sozialistische … ja? aber keine soziale Ungleichheit in dem Sinne, dass Menschen zur Tafel gehen müssen, wenn sie was zu essen haben wollen. Wir könnten doch ein Zukunftsbild haben, dass wir eine Gesellschaft haben, in der alle anständig essen können, ich meine, dass man im Jahr 2020 sowas überhaupt sagen muss. Oder das als Ziel ist ja schon bizarr. (ML Oder in die andere Richtung jetzt wenn Sie nach San Francisco gehen, also noch nie konnten Sie in der reichsten Stadt dieses Planeten, wo Sie glaube ich mit 114 000 Dollar mittlerweise offiziell arm sind, wenn Sie ein Jahreseinkommen von 115.000 Dollar haben, sind Sie statistisch arm, nie konnten Sie soviel Obdachlose dort sehen wie im Moment.)

Ja, selbstverständlich, und das ist in allen Metropolen, ehm, aber jetzt wollen wir nicht das Negative sagen, man könnte ja sagen: wir haben die Power, wir haben auch das Bildungssystem, wir haben auch sozusagen theoretische Motivation genug, uns diese Gesellschaft anders vorzustellen, nämlich eine, die viel weniger Ressourcen verbraucht, siehe Frage Mobilität, was ist die Mobilität der Zukunft? Ist das der Ersatz eines Energiegebers gegen einen andern, oder ist es intelligenter Bewegung, also sprich: nicht mit Autos, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die super funktionieren 29:21 weil sie digital orchestriert sind. Ist die Stadt der Zukunft, sieht die aus wie jetzt aussieht? Oder hat die ganz andere Nahversorgungskonzepte? Wird viel mehr Nahrung in der Städten angebaut? Usw. ML Nahrung? Nehmen Sie uns doch mal mit, lassen Sie uns frei denken , auch mal verrückt denken. Welche Ideen gibt’s da? Wie sieht sozusagen der Nahrungsmittelanbau der Zukunft aus?

HW Naja, da gibt es n ganzes Spektrum von Ideen, da geht von den Verical Gardening – das kennen die meisten: dass man Hochhäuser auch dafür verwendet, dass man in bestimmten Etagen die Nutzung der Fassaden, um Nahrungsmittel anzubauen, das gibt es als ganz konkrete Utopie, umgesetzt in Andernach, wo der Grünraumplaner der Stadt vor 10 Jahren auf die famose Idee gekommen ist, dass Stadtgrün auch verwendet werden kann, um Nahrungsmittel anzubauen. Seitdem nennen die sich die essbare Stadt, zeigen stolz vor, dass in ihrer Stadt Flächen usw. anders genutzt werden, die Bürger finden das zum Teil toll (glaub ich) nich? weil die jetzt sagen können, wir sind die mit der essbaren Stadt, ja, die haben viele Preise bekommen, und sowas, das sind so Ansätze, und das geht bis hin, dass man natürlich eh eh im Untergrund bestimmte Formen von Nahrungsmitteln anbauen kann usw. (ML Beispiel? Im Untergrund? Ohne Licht, ohne…) Ja, kann man machen, ich bin kein Biologe, aber da laufen solche Experimente oder in Rotterdam, da machen sie auf Poldern im Fluss sozusagen Kühe, ja, da machen sie Weidewirtschaft, es gibt total verrückte Geschichten, ehm, ich finde an solchen Dingen nur interessant, wir habe eigentlich keine – wie soll man sagen – keine Medienformate, wo solche Zukunftsbilder, die z.T. ja sehr konkret sind, wo die richtig sexy vermittelt werden (ML doch Sie heute grade hier, das ist doch cool / Wöhrl: aber man kann das doch auch immer nur ergänzend sehen, es sind ganz tolle Geschichten, man kann es sich ganz super vorstellen, aber es wird nichts das ersetzen, was notwendig ist, um alle zu ernähren) ML was machen wir mit der mit der mit dem Bevölkerungswachstum, das ja enorm ist, wenn man sich das mal anschaut, (HL das ist das Problem, das wir haben, das mit Abstand größte Problem, das wir habe, ist die Überbevölkerung. Sie sagen ja in einem Artikel, den ich gesehen habe von Ihnen, den ich unterschreiben würde, dass die Menschen durchaus in der Lage sind, 9 Milliarden Menschen zu ernähren, das ist nicht das Problem. Als ich auf die Welt kam, da hatten wir 3,5 Milliarden Menschen, jetzt haben wir mehr als doppelt so viel, man muss ja kein Mathematiker sein, was lässt Sie denn daran glauben, dass es bei 9 Milliarden bleibt?

HW Oh, das wiederum, sagen die Leute, die sich damit beschäftigen, Demographen, die können das relativ gut berechnen, weil sie sehen können, wie die Kinderzahlen sinken, (ML mit steigender Bildung…) mit steigender Bildung und bestimmten anderen sozialen Faktoren sinken die Kinderzahlen, auch heute schon, und dann können Sie hochrechen: wenn Sie weniger Kinder haben, haben Sie entsprechend in der nächsten Generation so und so viel Bevölkerungszuwachs oder -abnahme, und (HL dann muss man aber die Bildung heben, in Afrika zum Beispiel) ja, das kann man ja auch machen bzw. sollte man machen (ML es geht ja um Frauenbildung vor allem) ja, es gibt bei Bevölkerungswachstum keinen unendlichen Anstieg, es wird sich bei 9 – 9 ½ Milliarden irgendwie einpegeln. Da gibt’s sozusagen Übereinstimmung. Das macht das Problem nicht besonders klein, denn das sind immer noch sehr viele, wir haben durch Klimawandel und anderen Umweltstress natürlich immer mehr Probleme, diese Leute zu ernähren, nur über einen Faktor müsste man in dem Zusammenhang auch sprechen: dass natürlich die Menschen in den USA oder wir hier in der Bundesrepublik und so das Zehn- bis Zwanzigfache von dem verbrauchen, was Menschen in andern Teilen der Welt verbrauchen. Das heißt, wir müssen das Bevölkerungsproblem auch mit solchen teilen, und da kann die Lösung nicht sein: alle müssen so viel zuviel verbrauchen wie wir, das ist die Aufgabe…

Markus Lanz: Aber Ihr Buch gefällt mir deswegen so gut, Herr Welzer, ich hab das schon vorm Jahr gesagt, weil das ein optimistisches Buch ist, weil Sie sagen, wir müssen da für diese Öko-Lamentierer müssen wir eigentlich so Nöhlparks einrichten, da sperren wir die alle ein, da können die alle rummaulen von morgens bis abends, und diese Weltuntergangspropheten, bei denen die Uhren seit 40 Jahren auf 5 vor 12 stehen, äh, das kann man ja alles nicht mehr hören. Deswegen: wo ist sozusagen der positive Blick ins Morgen, wie lösen wir das? Wenn Sie sagen, zu recht ja sagen, wie kann das sein, dass wir weiterhin auf dem Niveau Spaß haben und Halligalli machen und CO2 in die Luft pusten, und die andern, die jetzt also grade erst dazukommen, die Schwellenländer, Indien und China usw., die jetzt aber auch partizipieren wollen, – dann können wir nicht einfach so weiter machen, was bedeutet das? Kommen dann tatsächlich die Verbote? Müssen wir runter von unserem Lebensstil? Oder gibt es ein gutes Leben, das nur anders gestaltet wird?

HW Ja, also ich hab ja für den Optimismus dieses Buches erstens subjektiv den Grund gehabt, dass ich dieses Gejammer nicht mehr hören kann, und diese pausenlosen Untergangsphantasien, die sind ja insofern eitel, diese Untergangsphantasien, weil wir heute auf dem allerhöchsten Niveau leben, das es in der Menschheitsgeschichte jemals gegeben hat. Das ist auch nicht pathetisch, das ist einfach so. Alle hier in diesem Saal leben besser als Ludwig der XIV., he? und das ist ja nicht nichts! Und die Lebenserwartung hat sich verdoppelt in den letzten hundert Jahren, alle diese Faktoren, und dann interessiert mich, wow, wenn das möglich gewesen ist, was waren denn die Bedingungen dafür, dass das möglich war? warum geht es heute so gut im Vergleich? Da haben wir n paar Faktoren: wir haben auf der einen Seite wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, wir haben enorme soziale Fortschritte, die haben sehr viel mit Gleichheit zu tun, die haben auch etwas mit der äh äh äh Emanzipation der Frauen zu tun, die haben was mit dem Bildungssystem zu tun, viele solcher Faktoren, und medizinischer Fortschritt natürlich auch, führen dann dazu, dass diese Lebensverhältnisse besser werden, aber – was immer nicht gesehen wird – es gehört auch n Gesellschaftssystem dazu, und wir leben in einem offenen Gesellschaftssystem, in einer Demokratie, die die Eigenschaft hat, sich permanent modernisieren zu können, weil sie Kritik zulässt, weil sie Bewegungen zulässt wie jetzt diese „Fridays for Future“, genau so wie die Grünen, die Öko-Bewegung war eine Modernisierungsbewegung, die brauchte diese Gesellschaft, ha, genau so brauchen wir jetzt die Kids ganz dringend, weil die Modernisierung geht nicht von den Altmaiers dieser Gesellschaft aus. Das muss man einfach mal so ganz schlicht sagen, das ist n Altersphänomen usw., auch das was wir als Realpolitik betrachten, hat ja in dem Sinne keinen Horizont, deshalb verstehen ja viele auch nicht, was wollen die eigentlich damit? Was bedeutet das jetzt, wie sieht denn unser Bildungssystem im Jahre 2030 aus, wie sehen unsere Städte, wie sieht unsere Mobilität 2030 aus? Das ist sozusagen pragmatisch, kurzfristig orientiert, macht aber keinen Horizont auf. Oder wir sehen mal das Beispiel der Autoindustrie: die Autoindustrie wird einen Strukturwandel durchmachen von der Dimension durchmachen, wie es vorher der Bergbau insbesondere im Ruhrgebiet vorexerziert hat. HÖREN WIR ETWAS DAVON? Wie sieht dieses Land nach der Autoindustrie aus? Das muss ja nicht negativ sein, das muss man abfedern, das nennt man Strukturwandelspolitik. Aber wir brauchen doch JETZT Visionen für die Zeit nach dem Auto. Wir brauchen Visionen für eine Zeit, wo diese Form von Emissionen – und übrigens auch Rohstoffverbrauch im ganzen, das ist eine verengte Diskussion, wenn wir nur über Emissionen sprechen. (Klar!) Wir haben – jetzt nach dem Davos-Gipfel wurde verkündet – wir haben jetzt globales Wachstum 2020 3,3 Prozent Wachstum: 3,3 Prozent Wachstum bedeutet 3,3 Prozent mehr Verbrauch – wie soll das auf einem Planeten, der jetzt unter Stress steht, funktionieren? Was haben wir für eine Vision für eine Wirtschaft jenseits des Wachstums? Und das meine ich mit Zukunftsbildern, die muss man nicht immer negativ bestimmen, es ist doch eine Herausforderung zu sagen: wir können’s doch viel besser. Ist doch viel interessanter als immer nur so weitermachen und hier und da herumzubasteln. Oder? 37:52 (Beifall)

*    *    *

Das Buch von Welzer – und zwei Rezensionen: hier.

Quellen und Rezensionen zu Jonathan Franzen in DIE ZEIT 30. Jan. 2020

DIE ZEIT 30.01.2020 Seite 37 Was, wenn es so kommt? Der Kampf gegen den Klimawandeöl ist verloren, sagt der Schriftsteller Jonathan Franzen. Manche Forscher behaupten gar, schon diesem Jahrzehnt breche die Zivilisation zusammen. Es ist Zeit, sich mit der „Kollapsologie“ zu befassen. Von Ulrich Schnabel. S.a. hier (leider mit Zahlschranke).

Kritik zum Begriff „Collapsologie“ siehe hier (Wikipedia Pablo Servigne)

DIE ZEIT 30.01.2020 Seite 53 Werden wir untergehen Jonathan Franzens jüngster klimapolitischer Essay hat spektakuläre Shitstorms ausgelöst. Jetzt kann man ihn auf Deutsch lesen. Von Elisabeth Thadden. S.a. hier (ohne Zahlschranke)

Zur Quellenseite der ZEIT hier = Zugang zu der folgenden Übersicht; dort kann kann man die einzelnen unterstrichenen Texte oder Infos anklicken.

 Screenshot

Der Aufsatz „Deep Adaptation“ („Tiefenanpassung“) von Jem Bendell auf deutsch als pdf. abrufbar hier.