Kategorie-Archiv: Medien

Erinnerung 1987

Festival auf dem Bonner Marktplatz

Eine Überraschung, die heute über Facebook (Manfred Bartmann) kam, ein Stück WDR-Folkfestival (später „Weltmusikfestival“ genannt) auf Youtube : die irische Gruppe Patrick Street mit Andy Irvine, dazu das Tanzpaar mit den unaussprechlichen Namen (der Tänzer erzählte, auch ein irischer Moderator habe sie im Fernsehen kurzerhand Donnicken o‘ Monnicken genannt), bei uns gab es die bewährten Moderatoren Bettina Böttinger und Tom Schroeder , die alle Namen und noch mehr gelernt hatten (Begrüßung bei 4:25). Redakteure der Sendung waren Dieter Kremin (TV WDR) und Jan Reichow (Hörfunk WDR). Angeschlossen waren Sender wie Radio bzw.TV Moskau, Lissabon, Helsinki, Amman, live: Sofia, ČSSR, UDSSR. Und auf diesem Wege kam auch wohl dies irische Fragment ins Netz.

Kürzlich waren wir mal wieder dort, am Tatort:

Bonn Rathausplatz Markt 170709 Bonn Beethoven am Rathaus

Niemand wusste, ob es im jeweils nächsten Jahr weitergeht, und erst recht nicht, dass es noch 16 Jahre erfolgreich weitergehen würde. (Das unwiderruflich letzte, ich glaube: 27. Festival, seit den 90er Jahren umbenannt in „WDR Weltmusikfestival“, fand im Jahre 2003 statt).

1981 auf dem Domplatz in Köln   1986 auf dem Marktplatz in Bonn

Festival Köln 1983 Festival Bonn 1986 Plakat

Ich kann es bei den Namen der Irish Dancers nicht so belassen; hier sind die beiden in einer noch 15 Jahre älteren Aufnahme: Celine Hession und Donncha O’Muineachain:

Clip from 1972. Celine Hession & Donncha O Muimhneacháin *(R.I.P) dance two slip jigs: Fig for a Kiss & Kid on the Mountain. The fiddle player is Paddy Glackin. The young lad sitting beside Seamus Ennis is the one & only Noel Hill. The greatest concertina player to ever grace this earth.

Über Celine H. siehe hier. *Abschied von Donncha M. hier

Loop Aspekte

Ad infinitum bis genau 26. Oktober 2018 23:59 Uhr

Eine Fernsehsendung, in die ich dank der HEUTE-Show geriet und die ich sonst nur sporadisch sehe, hat mich heute vom ersten bis zum letzten Beitrag fasziniert. Und mehr noch: es war, als ob sie mich gemeint hat. Das geht einem aber oft so, wenn man bemerkt, dass man all dies möglichst bald wiederholen will, und zwar nicht nur einmal. Hoffentlich ist das weiter abrufbar, sagt man dann. Das ist wie bei einem Kind, dem man eine Geschichte erzählt: es schaut mit großen Augen, schaut und schaut, und am Ende sagt es: Nochmal erzählen! Und dann muss alles noch einmal kommen, möglichst mit genau denselben Worten!

Manches kannte ich: z.B. Jan Wagner, Dorothee Oberlinger, manches müsste ich schon viel länger gekannt haben, z.B. Mia Couto aus Mozambique, anderes wird mich noch länger beschäftigen, z.B. die Loop-Ausstellung in Wolfsburg. Es soll sich mit meinem alten Thema der Wiederholung verbinden und vor allem in genau dieser Zusammenstellung noch oft wiederholen: diese Sendung.

Aspekte Screenshot 2017-10-28 Hier im externen Fenster öffnen!

Oder zunächst nur etwas lesen?

Was bedeutet Loop? Siehe Wikipedia hier.

Und Loop in Wolfsburg (château de loup)? HIER.

Die neue CD, noch ungeöffnet, der Plan: sie oft zu hören. Wie auch die Pariser Quartette mit „The Age of Passion“ (Karl Kaiser)

Oberlinger Telemann ***Oberlinger Cover Inhalt ***

Dorothee Oberlinger in der Aspekte-Sendung ab 35:43

Wagner, Jan Cover Wagner, Jan rück 2014

Jan Wagner in der Aspekte-Sendung ab 18:43

Die nun folgende Mail, mit der es vor zwei Jahren begann, ist nicht an ihn, sondern an mich gerichtet:

Am 16.11.2015 um 12:11 schrieb Klaus G.:  Lieber Jan, meinem verbliebenen religiösen Bruder hatte ich zu seinem (und meinem) Geburtstag den Gedichtband „Regentonnenvariationen“ zukommen lassen, worüber er sich sehr angetan geäußert hat und mir, der ich den Band gar nicht selbst besitze, daraus das Gedicht „die Etüden“ in Kopie zugesandt. Nun weiß ich nicht, ob du das kennst, egal: ich schicke diese Kopie, denn das Werk ist zu schön, als dass man es nicht kennen sollte.
Ich hoffe es geht dir gut, ich kann über mich zumindest nicht wirklich klagen. Ich habe kürzlich meinen auch ziemlich alt gewordenen Geigenbauer aufgesucht, um die (neue) Geige etwas richten zu lassen, klingt jetzt schön, aber das Unwägbare alter Instrumente fehlt. Vielleicht kauft er mir einen Bogen ab, ich habe zu viele.
Sei freundlich gegrüßt von
Klaus

Wagner Jan Etüden

Immer wieder merkwürdig: der Klavierunterricht als Kindheits(alp)trauma, zumal es doch bei diesen Etüden offenbar um boogie-woogie-Figuren ging. Kinder lieben Loops, Reime, Verse, Formeln, warum nicht am Klavier? „all die zweiviertel- und dreisechstel etüden“ – kaum vorstellbar – aber vielleicht entsteht gerade aus diesem Gebräu ein Gedicht wie dieses, „jene schimmernde lampe tee auf dem tisch“. Versinkt „das schwarzlackierte ungetüm“ – der Flügel – in dem sie (die Klavierlehrerin ist angeredet) etwas hören konnte, was ich nicht verstand. Und wird hier hörbar.

Im Aspekte-Beitrag spricht Jan Wagner abschließend (ab 24:05 bis 24:40) das Gedicht „selbstporträt mit bienenschwarm“ aus dem neuen Band, der auch diesen Titel trägt:

Aspekte Beitrag Jan Wagner Screenshot 2017-10-28

In seiner Arbeit geht es um größtmögliche Freiheit auf dem engsten Raum! (Felicitas Hoppe über Jan Wagner)

Zitat (J.W.): Lyrik war immer schon eine Sache, die sozusagen eher im Halbdunkel stattfand. Oder in einer Nische existierte. Die gute Nachricht ist: sie existiert seit Jahrtausenden, und sie ist immer noch da! Das Wahrnehmen von Welt durch Sprache. Und das … probieren zu verstehen, was uns umgibt, indem man Vergleiche benutzt. Etwas ist wie etwas anderes. Das macht ja jedes Kind. Oder der ganz natürliche Zugang zu Metaphern. Der Donner hat große Füße. Das sagen Kinder. – Bei mir war das mit 15,16, wo ich Georg Heym und Georg Trakl zum Beispiel las, auch noch andere Dichter, und dachte: das ist unendlich faszinierend. Aber .. nein, man fällt nicht vom Himmel, und.. und .. man arbeitet sich lange ab an solchen Vorbildern,  probiert sehr lange…  herauszufinden, wie das überhaupt geht. Und man muss auch lange lesen, um auch Klischees zu vermeiden. Es wimmelt da von Fallen, und ein Gedicht ist so kurz, und manchmal nur 10 oder 6 Zeilen lang, es reicht ein winziger Fehler, und alles ist kaputt. (23:27)

Beitrag über (mit) Jan Wagner endet bei 24:40

***

Zu klären wäre, was Dorothee Oberlinger beiläufig erwähnte, dass die Melodie, die sie spielen werde, – der Mittelsatz eines Bach-Cembalo-Konzertes, ich hätte jederzeit behauptet: „eine der schönsten Melodien von Bach“ – auf Telemann zurückgeht! Ich schaue nach im BWV-Schmieder (sicher veraltet), also BWV 1056, da steht: Den 2. Satz der Nr. 1056 (5. Konzert) übernahm Bach in die KK „Ich steh‘ mit einem Fuß im Grabe“ (vgl. Nr. 156) . Und dort steht: Der Instrumentaleinleitung liegt der 2. Satz des f-moll-Violinkonzertes, das nur in einer Klavierbearbeitung überliefert ist und dessen ursprüngliche Tonart wohl g-moll gewesen ist, zugrunde.

Bach - Telemann

Also: was ist genau mit Telemann? Erster Hinweis auf Ulrich Siegele hier. Oder lieber Steven Zohn hier.

This middle movement closely resembles the opening Andante of a Flute Concerto in G major (TWV 51:G2) by Georg Philipp Telemann; the soloists play essentially identical notes for the first two-and-a-half measures. Although the chronology cannot be known for certain, Steven Zohn has presented evidence that the Telemann concerto came first, and that Bach intended his movement as an elaboration of his friend Telemann’s original.

Und nun – hören Sie: HIER.

Soviel Zeit musste sein (eine sehr beliebte Redewendung, wenn man sich thematisch verzettelt). Aber für Bach ist keine Stunde zuviel! Übrigens habe ich die obige CD vor allem bestellt, weil mich die Telemann-Interpretation im Blick auf Bachs Solissimo-Werke für Geige interessiert.

LOOP Über die Endlosschleife in der Aspekte-Sendung ab 24:45

Zur Shibuya-Kreuzung in Tokyo 29.10.2017 kurz vor 12 Uhr (s.u.) und: LIVE 

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ZITAT Aspekte-Text:

Dazu hören Sie eins der bekanntesten Popmusikstücke, das gänzlich aus Loops besteht: „I feel love“, gesungen von Donna Summer.

Zitat Aspekte-Text:

Zusammen ergeben Bild und Ton die Quintessenz des Loops. Der Loop, die Endlosschleife, entsteht nicht durch die Menschen oder die Autos, denn es sind ja immer neue Menschen und Autos, die die Kreuzung passieren, sondern durch die sich pausenlos wiederholende und scheinbar nicht zu unterbrechende Ampelschaltung. Sie gibt den Rhythmus vor, nach dem Menschen und Autos sich richten. Für den Wechsel der Ampelsignale gibt es viele Entsprechungen: Ein- und Ausatmen, Tag und Nacht, die Jahreszeiten, Werden und Vergehen, also all das, was man den Rhythmus des Lebens nennt; etwas, das beruhigend und beunruhigend zugleich ist, wie Donna Summer’s Gesang zugleich tröstlich und nervtötend sein kann. Chaplins Film zeigt wie kein zweiter Film, worum es geht. Die endlose Schleife der Fabrikarbeit mit ihren sich wiederholenden Vorgängen, und das Individuum, das versucht dennoch seine Pirouetten zu drehen. Eine Ausstellung in Wolfsburg erkundet jetzt alle Erscheinungsformen der nicht endenden Wiederholung. Und zwar in einem ziemlich großen Bogen, der vom tibetischen Rad des Werdens mit seinem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburt bis zu Stanley Kubricks „2001“ und zu apples neuem Hauptquartier reicht: überall sich drehende Räder, Kreise, Schleifen.   Es ist als wären das harmonisch Runde und die grenzenlosen Räume Merkmale eines Jahrtausende alten Exorzismus, eine Methode, sich irgendwie gegen die Zeit zu behaupten. (Gregor Schneider, Künstler:) „Mit diesem Begriff Unendlichkeit kann ich eigentlich gar nichts anfangen. Aber woher kommt die Faszination von Unendlichkeit? Vielleicht weil wir sterben, vielleicht weil wir wissen, dass wir e-n-d-l-i-c-h sind?“ Eine Fraktion der Künstler, die in Wolfsburg zu sehen sind, geht das Problem von der anderen Seite an. Etwa ??? Norman. Sie hängen kleine und kleinste Teile aneinander, statt Harmonie: Irritation. Und vielleicht ist die zunächst simpel erscheinende Wiederholung manchmal sogar das raffiniertere Mittel, nämlich eins, das die Sinne schärft. – Im Zentrum der Ausstellung: Gregor Schneiders Installation BAD. Eine begehbare Serie, ein Parcours von 21 Badezimmern-Nachbauten, durch die man sich nahezu unbegrenzt lange bewegen könnte. Jedes Badezimmer im 70-ger, 80-er Jahre Styling, also aus der Zeit, in der Gregor Schneider Kind war, gleicht dem nächsten, sogar bis zum Schmutz in der Steckdose. (Gregor Schneider:) „Das ist meine Erfahrung, dass ich nur bestimmten Dingen Aufmerksamkeit schenke – und dass durch eine Wiederholung, also durch eine Quantität auch eine Qualität entstehen kann. In der Art und Weise, wie ich Dingen Aufmerksamkeit schenke, und für mich, der auch die Welt verrückt oder verrutscht, wahrnimmt, – es ist ein Versuch, sich diese Welt begreifbar zu machen.“ – Einer der ersten verbürgten Film-Loops aus dem Jahr 1896 von Thomas Edison. Nur aus praktischen Gründen wurde der Kürzestfilm im Kino im Dauer-Loop gezeigt. Das Publikum reagierte bei jeder Wiederholung anders. Zuerst gespannt, dann immer lauter johlend, was zeigt, dass jemand, der sich wiederholende Dinge ansieht, nicht immer denselben Gedanken denkt. (Ralf Beil, Museumsdirektor Kunstmuseum Wolfsburg:) „Es geht eigentlich um das Gegeneinander von Linearität, linearem Zeitbegriff und dann wirklich zyklischem Zeitbegriff. Das was ich mir eigentlich wünsche, dass Besucher/innen, die in die Ausstellung kommen, dass die mal nachdenken über diese Zyklen, die sie nicht ändern können, in die sie einfach eingespannt sind, und dann natürlich in die vermeidbaren negativen Loops, die sie in ihrer privaten Beziehung, die sie im Alltag erleben, und dass da etwas passieren kann.“ War der Loop, trotz seiner Allgegenwart, bisher ein unterschätztes Phänomen, dann ändert sich das vielleicht mit der Ausstellung in Wolfsburg. (Ende 28:48) (Autorin des Aspekte-Beitrags: Miriam Böttger).

Wolfsburg Never Ending Stories Screenshot

(Fortsetzung folgt)

Über Insekten

Skandalöse Zustände und Reaktionen

Letzte Woche empörte es mich in den Nachrichten (Tagesschau oder Heute?): am Ende, nach der Meldung über das Insektensterben, hatte wieder der Vertreter aus der Landwirtschaft das letzte Wort: Es fehlen noch die beweiskräftigen Studien! Wir kennen das als notorisches Aufschiebe-Argument. Wir kennen das seit langer Zeit:

Bauernverband sieht weiteren Forschungsbedarf

Der deutsche Bauernverband pocht hingegen auf weitere Untersuchungen. „In Anbetracht der Tatsache, dass die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand, verbieten sich voreilige Schlüsse in Richtung Landwirtschaft“, sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken. „Die neue Studie bestätigt und betont ausdrücklich, dass es noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt.“

Siehe den Link im Artikel „Hummeln zuhaus“ HIER.

Siehe auch in der Süddeutschen des Wochenendes:

Insekten Süddeutsche 21. Oktober 2017 Detail: Insekten Süddeutsche

Quelle Süddeutsche Zeitung 21./22. Oktober 2017 (Seite 4 MEINUNG) siehe HIER.

Ich habe bei CAMPACT folgenden Appell unterzeichnet:

*** TEXT ZUM WEITERLEITEN PER MAIL ***

Hallo,

Kanzlerin Merkel könnte noch schnell das wahrscheinlich krebserregende Glyphosat durchwinken, bevor die Grünen mit am Kabinettstisch sitzen. Schon am Mittwoch geht es in Brüssel um die Zukunft des Ackergiftes.

Stimmt Deutschland nicht mit Nein, landet Glyphosat für zehn weitere Jahre auf unseren Feldern. Dabei ist das Gutachten, mit dem die EU für die Zulassung wirbt, zu großen Teilen von Monsanto abgeschrieben.

Die Jamaika-Parteien könnten die Glyphosat-Zulassung verhindern. Gerade die Grünen müssen Merkel jetzt klarmachen: Eine Jamaika-Koalition gibt es nur mit einem Nein zu Glyphosat. Campact hat deshalb einen Eil-Appell gestartet – ich habe ihn gerade unterzeichnet. Bitte unterschreibe auch Du.

https://www.campact.de/Roundup

Beste Grüße
Jan Reichow

s.a. HIER

Nachtrag

Lese-Empfehlung: DIE ZEIT 26. Oktober 2017 

ZEIT Insekten HIER!!!

Es ist eine Schande, dass gerade dieser Artikel online noch nicht freigeschaltet ist! (Ich werde es an dieser Stelle vermerken, sobald es passiert ist.)

Ist es ein Kampf?

Im Ernst? 

Berthold Seliger Cover a Klassik Berthold Seliger Cover b Klassik

Ich finde das Buch hervorragend, belebend, begeisternd, bei Zustimmung und Widerspruch gleichermaßen anregend und zu neuen Gedanken ermutigend. Gewiss: ich bin befangen. Und ich bin es gern, und gebe den Dank ebenso gern zurück:

(Seite 493)

Berthold Seliger JR Christian von Borries

(Seite 494)

Berthold Seliger Bio Mehr von ihm HIER !

Und die im folgenden anklickbare Tournee-Liste zeigt die Orte und Daten, wo man den Autor persönlich erleben kann:

Berthold Seliger Tournee

Zitat:

Seliger fordert nichts weniger als die Rettung des revolutionären Glutkerns der „Klassik“, die nur über ihre breite gesellschaftliche Wiederaneignung gelingen kann und die wie Bildung und Kultur in den letzten Jahrhunderten immer wieder aufs Neue erkämpft werden muss. So ist seine schonungslose Kritik an der gegenwärtigen Misere am Ende nichts weniger als eine flammende Liebeserklärung an die „klassische“, an die Ernste Musik.

Zu einer Besprechung in der Frankfurter Rundschau hierErnsthaft offene Ohren für ernste MusikDer Konzertagent Berthold Seliger legt ein höchst anregendes Buch zum „Klassikkampf“ vor.

Und im SPIEGEL: hier.

Kurzgespräch mit Berthold Seliger in WDR 5 hier.

WDR 5 screenshot 25 Okt 2017

(Fortsetzung folgt)

Vom Wert einer Zeitung

Um einmal einiges aufzuzählen…

Vielleicht ist es kein Tag wie jeder andere. Und es hätte auch eine andere Zeitung sein können, die Frankfurter Allgemeine, die Neue Zürcher Zeitung, die ich beide sporadisch im Internet lese, die ZEIT, die ich wöchentlich in Papierform auf dem Tisch ausbreite, beginnend mit dem Feuilleton, fortfahrend mit dem Teil Wissen, und zum vorläufigen Ende die ersten 3-4 Seiten. Heute aber ist es die Süddeutsche Zeitung, die per Ferien-Umleitung dank einer Freundin für zwei Wochen täglich bei uns hereinschaut. (Auch sonst ziemlich regelmäßig, aber immer verbunden mit einer Fahrradfahrt zur Bahnhofskiosk, also nicht „immer“.) Vorübergehend im Wechsel mit Claus Klebers sehr lesenswertem Büchlein „Rettet die Wahrheit“, das in meiner Buchhandlung Jahn an der Kasse lag und bei ZDF-Lanz mit dem Autor durchgesprochen worden war, als ich den neuen Fabiou abholte: „Philosophie des wahren Glücks“, weil mich sein „Versuch, die Jugend zu verderben“ seit Monaten (vor dem Einschlafen) beschäftigt hat.

Also die Süddeutsche heute, Freitag, den 29. September 2017. Endlich eine volle Seite über das Phänomen „Referendum in Katalonien“, und zwar derartig in Schwerpunkte aufgeteilt, dass man keinen auslässt. Und den Leser, der die Problematik aus der Ferne mit Befremden verfolgt hat, merkwürdig verändert daraus hervortauchen lässt.

Seite 13 Hirngespinste! Stierkämpfer und Kolonialherren die einen, Akrobaten und Händler die anderen. Über die historischen Wurzeln des Konflikts zwischen Spaniern und Katalanen. / Referendum in Katalonien 300 Jahre Streit, drei Schriftsteller, ein Abgrund. Von Thomas Urban.

Aber es ist auch die Konfrontation von zwei politischen Kulturen. Der Wohlstand der Katalanen beruhte auf Handwerk und Seehandel. In den Städten entwickelt sich ein selbstbewusstes Bürgertum, vergleichbar den Hansestädten und italienischen Stadtrepubliken. Eine Tradition des politischen Kompromisses und ein ausbalanciertes Machtsystem entstanden.

Spanien hingegen war eine Monarchie mit klarer Machthierarchie: König, Adel, Klerus und Bauern, die Frondienste leisten mussten. Nach der Entdeckung Amerikas beruhte die spanische Wirtschaft nicht auf Handel und Erfindergeist, so stellen es mit Vorliebe katalanische Historiker dar, sondern auf der Ausplünderung der Reiche der Azteken und Inkas. Die Gestaltung der Politik blieb bis in die Neuzeit einer kleinen Elite vorbehalten. Nach Meinung links-liberaler Politologen lebt dieses hierarchische Politikmodell in der PP fort.Dort sei, so sagen sie, die innerparteiliche Demokratie rudimentär ausgebildet. Auch gelte für sie die Devise: „Der Gewinner nimmt sich alles.“ Vor allem wenn es um die Verteilung von Posten und Haushaltsmitteln geht. Es ist kein Zufall, dass PP-Politiker in Korruptionsaffären verwickelt sind.

Nach katalanischer Ansicht verstehn die Spanier in Madrid Politik nur als Konfrontation. Symbolisch dafür stehe der Stierkampf. In Katalonien ist das Spektakel verboten, zum Ärger des Traditionalismus in Madrid. Stolz verweisen die Katalanen auf ihre (Gegen-) Tradition: die Castells. Türme aus Menschen, mehrere Etagen hoch, Ergebnis eines Höchstmaßes an Konzentration und Koordination. In Spanien aber amüsiert man sich über diesen „komischen“ Sport, bei dem es nicht um das unmittelbare Kräftemessen geht.

Lügen und Rechtsbruch Das Referendum ist illegal. Von Juan Cruz.

Spanien ist tot Wir müssen wählen dürfen. Von Albert Sanchez Pinol.

Ihr spinnt alle beide! Der Hass vergiftet uns. Von Almudena Grandes.

Seite 14 Rastlose Flucht nach vorn Vorbei? Seid euch da bloß nicht so sicher: Gerd Koenen erzählt die Geschichte der kommunistischen Weltbewegung. „Die Farbe Rot“ ist ein unvollkommenes Meisterwerk der historischen Analyse. Von Jens Bisky.

ZITAT

Was war der Kommunismus? Laut Brecht das Einfache, das schwer zu machen ist. Gangchanzhuyi – die chinesische Umschreibung des höchsten Ideals und endgültigen Ziels der Partei, bedeutet etwa „die gemeinsame Wiedergeburt der Herrschaft der Gerechtigkeit“. Der Ökonom John Maynard Keynes vermutete, „die subtile, beinahe unwiderstehliche Verlockung des Kommunismus“ bestehe darin, „dass er verspreche, die Dinge schlimmer zu machen“. Es handele sich um einen „Protest gegen die Hohlheit des Wohlergehens“, also einen „Appell an den Asketen in uns“. Kommunisten in vielen Ländern sahen in ihrer Bewegung die Avantgarde einer „menschheitlichen Selbstbeauftragung“ zur vernünftigen Neuordnung aller Verhältnisse im Handstreich.

In Gerd Koenens monumentaler Studie über die „Ursprünge und die Geschichte des Kommunismus“ findet man all diese Bestimmungen, Aphorismen, Selbstbeschreibungen – und noch viele mehr. Ein Charakteristikum des Kommunismus sieht Koenen, angeregt vom Roman „Der stille Don“, für den Michael Scholochow den Literaturnobelpreis erhielt, in der „extremen Spannung zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten, zwischen Humanismus und Terror“. Aber auch das bleibt nicht das letzte Wort der analytischen Erzählung. Koenen misstraut der wohlfeilen, allzu oft mit liberaler Selbstzufriedenheit verbundenen Formel vom „Ende des Kommunismus“. Er schreibt im kritischen Handgemenge, widerspricht beliebten Deutungen, etwa denen von Ernst Nolte oder Eric Hobsbawm. Von der ersten Seite an enttäuscht er alle Erwartungen an ein Handbuch, einer konventionellen Darstellung in antiquarischer Absicht. (…)

Was war der Kommunismus?

Gewiss war er weder eine bizarre Idee deutscher Stubengelehrter noch eine große Utopie, die leider falsch umgesetzt wurde. Er lebte und lebt von kulturell tief verwurzelten Sehnsüchten. Religiöse und philosophische Erzählungen schildern das Heraustreten der Menschheit aus einem mythischen Urzustand als Schrecken eigener Art. „Schuld- und fluchbeladen“ erscheint der Verlust ursprünglicher Einheit, gleichviel ob man in deren Beschwörung Erinnerungen oder Fiktionen sehen will.

Koenen rekapituliert die Erzählungen von Gilgamesch, die biblische Schöpfungsgeschichte, Hesiods „Werke und Taten“, asiatische Lebenslehren, christliche Reichtumskritik. Er gewinnt der eindrücklichen Revue eine wichtige, Max-Weber-Lesern plausible Pointe ab: die Herkunft des modernen Sozialismus und Kommunismus aus der christlich-abendländischen Gedankenwelt sei leichter zu verstehen, als die Frage zu beantworten, warum in diesem neuzeitlichen Europa eine Wirtschafts- und Lebensweise entstand, die sich um Ursprünge, Gemeinschaft, Herkommen wenig schert, tradierte Bindungen sprengt und heute summarisch „Kapitalismus“ genannt wird.

Nachdem ich fleißig abgeschrieben habe, was mir persönlich behaltenswert erschien, entdecke ich beim Recherchieren des Wortes „Gangchanzhuyi“, dass dieser ganze Artikel im Internet auffindbar ist: Hier. Bitteschön, doppelte Empfehlung!

Seite 14 Wer sind eigentlich diese Deutschen? Seine Geschichte des Dritten Reiches ist ein Standardwerk. Ein Treffen mit dem britischen Historiker J. Evans, der an diesem Freitag siebzig wird. Von Alexander Menden.

Als er in den Sechzigerjahren begann, in Oxford Geschichte zu studieren, hatte der deutsche Historiker Fritz Fischer gerade eine Debatte über die Gründe für den Ersten Weltkrieg eröffnet. „Fischer war ein Held für mich“, sagte Evans. (…) Wie viele gleichaltrige Geschichtsstudenten fand Evans Fischers These aufregend, der Weltkrieg und auch der Nationalsozialismus seien ein Folge der gesellschaftlichen Entwicklung im deutschen Kaiserreich gewesen – zumal 1968 gerade eine Wiederbelebung neonazistischer Ideen in ganz Europa stattfand. (…)

Evans selbst studierte eingehend die Hamburger Archive, publizierte unter anderem über feministische Bewegung in Deutschland und über die „völlig in Vergessenheit geratene“ Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: „Deutschland war ja bis zum Wirtschaftswunder, das die berühmte nivellierte Mittelstandsgesellschaft hervorbrachte, eine zutiefst gespaltene Klassengesellschaft“ sagt er. Deshalb finde er die Generalisierung deprimierend, die immer wieder gerade von britischen Historikern vorgenommen werde, wo einfach von „den Deutschen“ die Rede sei: „Es gibt keine Differenzierung, die auf diese klassenbedingte Spaltung, auf den Dissens mit den Nazis eingeht.“ Er bezog auch Stellung gegen Daniel Goldhagen, der die nach Evans‘ Einschätzung unzulässig vereinfachende Behauptung aufstellte, „eliminatorischer“ Antisemitismus sei der deutschen Kultur eingeschrieben.

Seite 16 Im Wellnesstempel der Könige Deutsche Archäologen restaurieren die Stätten von Meroe – einst Herz eines riesigen Reiches im Sudan. Von Hubert Filser.

(…) Die antike Stadt Meroe war mehr als 1000 Jahre die Hauptstdt eines großen Reichs im Mittleren Niltal, das sich von der Südgrenze des mächtigen Ägypten bei Assuan bis ins Herz Afrikas erstreckte. Die Könige von Meroe waren die Nachfolger der legendären „Schwarzen Pharaonen“, die im 7. Jahrhundert vor Christus in Ägypten geherrscht hatten. Am Königshaus herrschte offenbar ein ziemlich weltoffenes Klima, denn viel der Bauten vereinen verschiedene Kulturen der damaligen Zeit. Die Bilder im Bad zeigen ägyptische und einheimische Götter, der Flötenspieler belegt den griechischen Einfluss, er ist dem Kult um den griechischen Weingott Dionysos zugeordnet. „Auch die sprudelnde Säule ist ein Beleg für den Kulturtransfer“, sagt DAI-Forscherin Simone Wolf. „Solche Säulen standen zur gleichen Zeit auch in Pompeji“.

Sudan_Meroe_Pyramids_2001_numbered

Sudan Meroe Pyramiden, nummeriert (Foto: Francis Geius – Mission SFDAS 2001 Photographer: B N Chagny, hier nach Wikipedia).

Über nubische Pyramiden hier.

(Fortsetzung folgt)

Reisenotiz zu Bach privat

Eine neue CD in SWR2

Ich nenne den Sender, weil ich dankbar bin: gute Präsentation (Katharina Eickhoff), viele und ausführliche Musikbeispiele, sachkundige Beurteilung von Stimmen; was erzählt wird, kann man auch wirklich hören, kein Sachverständigen-Geschwätz, in der Tat: einzigartige Bach-Interpretationen in einer Compilation, die unwiderstehliches Verlangen erzeugt, genau diese Musikfolge oft zu hören. (Die CD werde ich zuhaus vorfinden!) Man kann auf jpc einen Eindruck davon gewinnen: HIER.

Übrigens war auch der Rest der Sendung von A – Z hörenswert, dank der Auswahl und dank der ohrenöffnenden Moderation, und vor allem: ZEIT, ZEIT, ZEIT, – nichts erinnerte an die heute üblichen Kurz-Rezensionen mit den grässlichen Qualifizierungsklischees unglaubwürdiger „Fachleute“. Natürlich gefällt nicht jedem jedes Wort (die Sofa-Assoziation kann ich entbehren), aber der Text ist perfekt individualisiert: ich nehme alles wohlwollend auf. Ein Lernen ohne Vorsatz. Hier der Moderationsbeginn (zum Namenmerken!):

Bei Bachs unterm Sofa hätte man ja gern mal Mäuschen gespielt. Die CD „Bach privat“ bietet zwar keine neuen Erkenntnisse über das geheime Leben der Bachs, aber sonst ist sie ziemlich schön. Vorneweg hat sie schon mal ein optisch originelles und inhaltlich feinsinniges Cover mit lauter Klingelknöpfen aus Messing, darunter polierte Namensschilder, die obersten zwei zeigen ein vertrautes Wappen: Es ist das Familienwappen der Familie Bach, darunter, auf den weiteren Schildern, die Namen der Musiker, die sich da sozusagen bei Bachs aufs Sofa gesetzt haben: Die Sänger Anna Lucia Richter und Georg Nigl, die Geigerin Petra Müllejans, der Cellist Roel Dieltiens, und der spiritus rector des Ganzen am Cembalo: Andreas Staier.

(zur Fortsetzung HIER)

Man kann übrigens die ganze Sendung (auch der Rest lohnt sich!) nachhören: HIER. Besonders hörenswert die „Behandlung“ der Sängerin der Mahler-Lieder, gerade weil auch die vorsichtige Distanzierung völlig nachvollziehbar ist.

Kein Personenkult, – aber man kann sich auch über die Moderatorin Katharina Eickhoff per google in SWR2 kundig machen: sie erzählt – ohne Selbstbeweihräucherung – wie es dazu kam, dass sie sich auf Stimmen „kaprizierte“. Zunächst also ganz allgemein vormerken: SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs 08.09.2017. Und in diesem Sinne weiter so, Neues erkunden: hier.

Südtirol Ausblick Prackfiederer 170913 Foto JR Ausblick Prackfied 13. Sept. 2017

18.09.2017 

Nach der Rückkehr aus Südtirol finde ich tatsächlich, wie erhofft (und bestellt), die CD vor, die ich auf der Hinreise im Auto kennengelernt habe:

Bach privat cover BACH PRIVAT bei ALPHA CLASSICS 2017

Und entdecke, dank eines Berichtes im Solinger Tageblatt vom September 2014, dass die mir unbekannte Sängerin sich – zumindest damals gerade – in Solingen niedergelassen hatte, von mir aus gesehen gewissermaßen auf dem Nachbarhügel: im Stadtteil „Aufderhöhe“. Den Cembalisten Andreas Staier kenne und schätze ich aus seiner Zeit bei Musica Antiqua Köln, wo ich in den 80er Jahren als Geiger mitwirkte. Später begegnete ich ihm wieder, als er mit unserem Collegium Aureum als Fortepiano-Solist Mozart spielte, – eine unglaubliche Rubatopraxis, die ich nie mehr vergaß.  Andreas Staier ist hier für das Gesamtkonzept des BACH PRIVAT – Programms verantwortlich. Des weiteren möchte ich hervorheben, dass auch das Booklet der CD, – das in der SWR-Sendung, wie in solchen Fällen weithin üblich, gar nicht erwähnt wird -, dem überragenden Niveau der Interpretation entspricht: der Autor ist Prof. Dr. Peter Wollny.  Einen Eindruck vom Umfang und Ziel seiner Arbeit in Leipzig erhält man am eindrucksvollsten anhand der Interviews des Projektes L.I.S.A., dokumentiert →  HIER

BEISPIEL zur Behandlung von „Privatangelegenheiten“ in Bachs Zeit (Abschrift aus Episode 10):

Warum wissen wir so wenig über die Person J.S. Bach?

Peter Wollny antwortet (a.a.O. ab 4:40 bis 6:23):

Im frühen 18. Jahrhundert waren die Leute insgesamt viel privater als wir das heute sind. Die haben davor zurückgeschreckt, Privates mitzuteilen, etwas aus ihrem Denken und Fühlen unmittelbar preiszugeben. Das ändert sich dann: im späten 18. Jahrhundert hat man ja diese wirklich endlosen Folgen von Tagebuchaufzeichnungen und wirklichen Privatbriefen. Aber zur Zeit J.S. Bachs ist es noch anders. Das ist der eine Grund, also die generelle Reserviertheit. Ich glaube, jemand wie Bach würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn er sähe, wie heute mit Reality Soaps und den sozialen Medien, also mit Privatem umgegangen wird, also das war alles ne ganz andere Zeit. Und das zweite ist, dass Bach speziell anscheinend überhaupt sehr ungern Briefe geschrieben hat, sehr ungern Persönliches notiert hat, und nur ganz selten erfahren wir mal so zwischen den Zeilen, was ihn bewegt hat. Und das dritte ist, dass es eine Überlieferungssituation [gibt], dass eben aus dem frühen 18. Jahrhundert überhaupt nur amtliche Schriftzeugnisse erhalten geblieben sind, Schriftstücke mit offiziellem Charakter, in denen man ja ohnehin wenig oder gar nichts Privates preisgibt.

Peter Wollny LISA Projekt

Wir neigen ja dazu, uns Bach – wenn nicht droben auf der Orgelempore – als einsamen Mann in seinem Komponierstübchen vorzustellen, wo er gewaltige Werke konzipierte. In Wahrheit begegnete er unzähligen Menschen, er wirkte im Zentrum einer Messestadt, in der es seit 1701 – nach Amsterdamer Vorbild – Straßenbeleuchtung gab.

Ich liebe den Hinweis, den sein Sohn Carl Philipp Emanuel in einem Brief vom 13.1.1774 an den Biographen J. N. Forkel gab:

Bey seinen vielen Beschäftigungen hatte er kaum zu der nöthigsten Correspondenz Zeit, folglich weitläuftige schriftliche Unterhaltungen konnte er nicht abwarten. Desto mehr hatte er Gelegenheit mit braven Leuten sich mündlich zu unterhalten, weil sein Haus einem Taubenhause u. deßen Lebhaftigkeit vollkommen gliche.

(Hervorhebung JR)

Körpergefühl oder – Geschriebenes lesen

Die folgenden beiden Büchlein haben den Tag gemeinsam, der mich in ihren Besitz gebracht hat, und so lese ich sie abwechselnd, von schwankender Neugier getrieben, und beziehe sie aufeinander oder auf anderes, das ich gelesen oder versäumt habe. Paul Valéry zum Beispiel, den Reuß gleich zu Anfang zitiert, samt dem titelgebenden Begriff „Die perfekte Lesemaschine“. Was hat das Stichwort „Körper“ damit zu tun, das ich auf Seite 52 entdecke? In dem Taschenbuch mit Valérys Gedichten und Dialogen, übersetzt von Rainer Maria Rilke, schlägt sich der „Eupalinos“ wie von selbst auf; viele Unterstreichungen seit 1962. Ich muss es mit veränderter Lebensperspektive aufs neue lesen, damals war ich zweifellos jung, halb so alt wie Valéry, als er es schrieb (1923). Jetzt bin ich um die gleiche Zeitspanne älter. Ein Misanthrop bin ich nicht geworden, aber eine Tendenz zum Einsiedlertum kann ich nicht leugnen, soweit ich auch zurückdenke. Andererseits weiß ich, dass der Überdruss an bestimmten Themen (auch an Büchern? an Menschen? frage ich heimlich) durchaus ein guter Ratgeber sein kann. „Eupalinos“ aber liest sich immer neu, und ich wundere mich, im Netz eine Rezension zu finden, als sei er erst 1995 herausgekommen (doch: bei Suhrkamp, 1962 war’s bei Rowohlt). Und der Rezensent war Martin Seel, der schon in „Eine Ästhetik der Natur“ (1991) darauf zu sprechen kam (Seite 252).

Buch Reusz     Misanthrop Sorg

Zur Anregung:

Ziel der Ergonomie ist es, die Arbeitsbedingungen, den Arbeitsablauf, die Anordnung der zu greifenden Gegenstände (Werkstück, Werkzeug, Halbzeug) räumlich und zeitlich optimiert anzuordnen sowie die Arbeitsgeräte für eine Aufgabe so zu optimieren, dass das Arbeitsergebnis (qualitativ und wirtschaftlich) optimal wird und die arbeitenden Menschen möglichst wenig ermüden oder gar geschädigt werden, auch wenn sie die Arbeit über Jahre hinweg ausüben.

Quelle: Wikipedia hier.

Im übertragenen Sinne wird in den Geisteswissenschaften unter Genealogie eine historische Methode verstanden, welche die geschichtliche Entwicklung verschiedener Sachverhalte der Gegenwart [?] untersucht.

Quelle: Wikipedia hier.

Valéry Eupalinos ua

Martin Seel, im Anschluss an eine frühere Documenta (vor 20 Jahren):

Ein Jahr nachdem die allenthalben wegen ihrer Unsinnlichkeit getadelte oder auch gepriesene documenta X ihre Pforten geschlossen hatte, wurde im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Ausstellung eröffnet, die allenthalben wegen ihrer Sinnlichkeit gepriesen oder auch getadelt wird. Die derzeit unter dem programmatischen Titel Sensation präsentierten Werke junger britischer Künstler aus der Sammlung Saatchi haben nach den Kasseler Strapazen ein weithin hörbares Aufatmen hervorgerufen. Der Eindruck konnte entstehen, als sei die gegenwärtige Kunst von einem Schisma geprägt. Hier eine wilde, drastische und derbe, dort eine asketische, intellektuelle und moralische Kunst. Hier eine Kunst des Körpers, dort eine Kunst der Ideen.

Aber dieser Anschein trügt. Keine gelungene künstlerische Operation hat je mit der Trennung von Körper und Geist paktiert. Warum das so ist, hat niemand klarer gesagt als Paul Valéry in seinem Dialog Eupalinos oder Der Architekt aus dem Jahr 1923.

Quelle DIE ZEIT 30.12.1998 Künstler, Körper, Sensationen (Link s.o. Martin Seel)

Zwei ähnlich schmale Bücher, aber keine sogenannten Taschenbücher, sind also auf den Plan getreten, unplanmäßig, unangemeldet, handlich und unwiderstehlich. Und sie evozieren am Ende alte Assoziationen, die sich heute anders anfühlen als vor vielen Jahren (Körper, Sinnlichkeit, neue Medien). jedoch: das zu überprüfen, soll Aufgabe eines anderen Artikels sein.

Roland Reuß: (Seite 53) [„Lesen als Körpertechnik“]

Der Dinghaftigkeit der Buchstaben gibt das Buch, selbst Ding, ein Zuhause. Lesen ist eine Körpertechnik, die ihr Spiel in den Koordinaten eines aufgespannten dreidimensionalen Raums hat (diese Formulierung gebraucht in jenem Sinn, in dem man von einem Keilriemen sagt, er müsse „Spiel haben“). Und das Buch ist in diesem Koordinatensystem der Ort, auf den hin das Spiel der Lektüre sich sammelt. Von Menschen für Menschen Hergestelltes. Körpersprache. Der zweidimensionale Bereich der Bildschirmschrift dagegen zerstreut.

Seite 25 [„Haptisch erfahrbare Körperlichkeit.“]

Es hat seinen genauen Grund, warum Schrift auf dem Schirm – im spezifischen Unterschied zu ihrer Präsenz im Buch – immer den Eindruck des Abphotographierten erweckt. Ihre Dimensionalität ist verkürzt. Für das pathologisch planimetrische Lesen am Schirm reicht das eine Auge des Kyklopen.

Quelle Roland Reuß: Die perfekte Lesemaschine / Zur Ergonomie des Buches / Wallstein Verlag Göttingen 2016

Auch das andere Buch weckt gleich zu Anfang fordernde Assoziationen:

Bernhard Sorg: Seite 1 [„Empirie und Geist“]

Fünf literarische Darstellungen von Misanthropie, fünf Menschenfeinde, aber nur eine Geschichte: die von seiner allmählichen Verwandlung in eine Künstlergestalt, genauer: eine Vorstellung von Kunst und Künstler, die ihr Zentrum hat in der konstitutiven Opposition von Empirie und Geist. Von Anfang an (und das heißt in diesem Kontext: von Shakespeares Timon an) ist der literarische Misanthrop durch Eigenschaften gekennzeichnet, die ihn, zu Ende gedacht, prädestinieren zum Künstler – durch den Glauben an eine dichotomische Welt, der die Fülle der Erscheinungen abwertet gegenüber einer apriorischen Idee vom Menschen und den Dingen.

Quelle Bernhard Sorg: Der Künstler als Misanthrop / Zur Genealogie einer Vorstellung / Max Niemeyer Verlag Tübingen 1989

Welche Forderungen? Etwa folgende Werke zu kennen oder zu lesen: Shakespeare: Timon of Athens Molière: Le Misanthrope /  Schiller: Der versöhnte Menschenfeind / Arno Schmidt: PHAROS oder von der Macht der Dichter / Thomas Bernhard: Das Kalkwerk / Werde ich sie wirklich lesen? Ich glaube nicht. Vorläufig nicht. Wie kam ich nur drauf? Durch einen Mail-Hinweis vom Stuttgarter Schauspiel:

Stuttgart Moliière Screenshot Zum Lesen bitte anklicken!

Zugegeben: man könnte sich in diesen etwas labyrinthischen Gedankengängen verfangen. Auf der einen Seite (Sorg) die

Vorstellung von Kunst und Künstler, die ihr Zentrum hat in der konstitutiven Opposition von Empirie und Geist.

Auf der anderen Seite (Seel) die Behauptung:

Keine gelungene künstlerische Operation hat je mit der Trennung von Körper und Geist paktiert. Warum das so ist, hat niemand klarer gesagt als Paul Valéry in seinem Dialog Eupalinos oder Der Architekt aus dem Jahr 1923.

(Fortsetzung folgt hier)

Hamburg – nach dem Desaster

Was DIE ZEIT kurz vorher schrieb (hellsichtig)

KapitalismuskritikDie linke Lust am Untergang

Die Protestbewegung beim G20-Gipfel ist gespalten. Die einen wollen den Kapitalismus reformieren, die anderen warten auf seine Selbstzerstörung. Eine Vorschau auf die Denkmuster des kommenden Aufstands.
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All dies dient keinesfalls dazu, Sie, liebe Blog-Leserinnen und -Leser, zu überreden, mit einer bestimmten Ansicht zu sympathisieren, eine andere zu verabscheuen.
Sondern vor allem dazu, mich selbst (und andere) in eine innere Bewegung zu versetzen, die man zuweilen als Denken erfährt. Auch wenn man geneigt ist, mit Spontan-Reaktionen vorlieb zu nehmen und diese für authentische Meinungsäußerungen zu halten. (Wie es mir zum Beispiel oft passiert.)
***
Und nun? Wieder zurück zum Artikel: Kapitalismuskritik (s.o.). Einfach gründlicher lesen!
***
Nachtrag 13.07.2017
Zur weiteren Meinungsbildung zu empfehlen:
Maischberger (gestern und in verschiedenen Wiederholungen) siehe HIER 

Ebenso erste Berichte über die Sendung: hier (Spiegel) und hier (FAZ).

Heterogenes im Hör-Urlaub (in nuce) 2004

Pressetext zu den Musikpassagen am 22. September 2004

In diesen Musikpassagen geht es um groß angelegte Werke und die Möglichkeit, sie überschaubar zu machen. Oft geben uns die Schöpfer bereits kleine Hilfen mit auf den Weg, Übersichten „in nuce“, – aber was hilft es, wenn wir nichts davon wissen? Oder die Kenntnis der Tradition wird vorausgesetzt. Aber selbst wenn wir die Tradition der Sonatenform verinnerlicht hätten, – ein bloßes Formschema ist, streng genommen, nicht viel wert, wenn wir den Geist eines Werkes oder auch einer Improvisation erfassen wollen. Perspektivische Massnahmen könnten hilfreich sein, nicht nur zurückschauen und vorausahnen, sondern den eigenen Standort einbeziehen, ohne vor Rührung zu zerfließen.

Bretagne a JR

22. Sept. 2004 WDR 3 Musikpassagen 15.05 bis 17.00 (Skript)

mit Jan Reichow

Perspektivische Verkürzung

I. Raga Shuddh Sarang Kala Ramnath, Violine, Kumar Bose, Tabla

II. “Frau Jenny Treibel – oder Wo sich Herz zum Herzen find’t“

Von Theodor Fontane

III. Schostakowitsch Sinfonie Nr. 10 op.93; WDR Sinfonieorchester Köln, Leitung Rudolf Barshai

(Jingle)

Am Mikrofon begrüßt Sie Jan Reichow, – vor einigen Jahren war unsere Mitarbeiterin Barbara Wrenger in Kamerun; sie kannte schon einiges von Afrika und wusste, was für eine Verwirrung die unüberschaubare Vielfalt der Musikstile auslösen kann, und nun hatte sie in diesem vielfältigen kleinen Land einen Schlüssel für Seiteneinsteiger entdeckt: „Kamerun – ganz Afrika in einem Dreieck“ hieß ihre Sendung, ein besonders plastischer Titel, weil der ganze Kontinent Afrika ja auch irgendwie als eine Dreiecksform gesehen werden kann, die sich – auf den Kopf gestellt – in Kamerun wiederholt.

Mir fiel das erst wieder ein, als ich mir für die heutigen Musikpassagen das Thema Perspektivische Verkürzung vornahm. Ich wollte an sich nur ein altes Thema mit dem Titel „in nuce“ wieder aufnehmen: unsere Neigung oder Fähigkeit, ein komplexes Gebiet überschaubar, oder im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“, „erfassbar“ zu machen, indem wir es auf eine kurze plastische Aussage bringen.

Ganz ähnlich funktioniert der umgekehrte Vorgang, den die Philosophie betreibt, die Abstraktion: sie abstrahiert von allen zufälligen, konkreten Begleiterscheinungen, um das Wesen, eine Grundfigur zu erfassen. Ist aber schwerer zu behalten, und sie weiß sehr wohl, dass sie sich letztlich am Konkreten bewähren muss.

Mit dem folgenden kleinen Thema haben wir eigentlich sehr, sehr wenig in Händen, gerade weil es im Alltag längst zu Tode geritten ist, aber wenn man den ganzen Satz noch einmal gründlich studiert, erkennt man tatsächlich das ungeheure Potential:

1) Beethoven: 5. Sinfonie Kopfthema

Denken Sie an andere Formeln: B-A-C-H, oder Mozarts C-D-F-E, – sie sagen viel, aber im Grunde nur, weil wir ihre konkrete Entfaltung in einer Fuge oder einem Sinfoniesatz kennen.

Dmitrij Schostakowitsch verwendet die Formel der Anfangsbuchstaben seines Namens D – eS – C – H, zwar noch nicht am A n f a n g seiner zehnten Sinfonie, sondern erst vom dritten Satz an, aber der Anfang ist eine Vorahnung: nur eins würde man nicht so leicht ahnen: dass dies der Anfang eines bedeutenden modernen Werkes ist.

2) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Anfang bis 0’29“

Mir ging all dies durch den Kopf, als ich kürzlich in die Bretagne fuhr. Wohin genau? Sie wissen vielleicht, dass die Bretagne insgesamt die Form eines gewaltigen Drachenkopfes hat, aus dessen geöffnetem Rachen die mehrfach gespaltene Zunge ragt: die Halbinsel Crozon. Unser Ziel! Und was lese ich nichtsahnend in dem guten, alten bretonischen Reisebuch von Günter Metken?

„Die Halbinsel Crozon enthält in der Abkürzung die ganze Bretagne.“

Wissen Sie, was das bedeutet?

Es ist genau der rechte Platz, über perspektivische Verkürzung nachzudenken, ganz besonders beim Blick aufs Meer: von der Inselgruppe der Tas de Pois, dem Erbsenhaufen, ist nur die letzte zu sehen, sie gleicht keineswegs einer Erbse, sondern einer abgerundeten kleinen Pyramide, – wie würde sich wohl an ihrer Stelle die Cheops-Pyramide ausnehmen?

3) Triskell Tr. 5 „Enez venan“ (Pol Queffèléant) 4’36

ab 2’04” (Geige) folgender Text drüber:

„Die Halbinsel Crozon enthält in der Abkürzung die ganze Bretagne. Morgat mit seinem halbmondförmig geschwungenen breiten Sandstrand, seinen phantastisch in phosphoreszierenden Farben aufleuchtenden Grotten – ochsenblutrot, lila, braun – , seinem heiteren Klima, in dem Palmen, Mimosen, die üppige Blumenpracht milder Breiten gedeiht, ist der Inbegriff sommerlicher Ferienfreuden, des Gesundwerdens im Wasser, an der Sonne. Aber man braucht nur die paar Meter zur Hochfläche des Inneren hinauffahren, und schon erstreckt sich die melancholische, tieflila aufleuchtende Heide. Nach der Heiterkeit der Villen, Hotels und hellgestrichenen Gasthäuser mit verlockender Speisekarte versetzt der erste Weiler auf dem Weg zum Cap de la Chèvre, zum Ziegenkap, fast in die Steinzeit zurück. Wie Montourgard war ursprünglich die ganze Halbinsel gebaut: fast fensterlose, würfelförmige Häuser aus Granit, zum Teil noch strohgedeckt, besonders die Ställe. (…)

Das Cap de la Chèvre ist dann [Finstère – Finis terrae] Land’s End im Wortsinn. Wie das knochige Rückgrat einer picassoschen Ziege greift diese unheimliche, sich zur Spitze verjüngende Felsmasse ins Meer aus. Steil fällt sie Dutzende von Metern ab. Am besten steht man hier oben bei Sonnenuntergang. Das Wasser wird altsilbern, dann stumpf bleifarbig, wie flüssiges Metall, durch das ein Zittern geht, das dann schuppig wird, dunkel schattend, wenn die Sonne im Westen verschwindet, genau dort, wo 4000 Kilometer weiter wieder eine Küste auftauchen muss: Amerika. Rasch sinkt die Dunkelheit herab, nachdem es so viel länger hell war als anderswo, und dann streifen die bleichen Finger der Scheinwerfer von Brest die Wolken…“ (Metken: Bretonisches Reisebuch München & Zürich 1962/1977 S. 78f)

Musik hoch (ab 3’18“ Pipes – Schlusston 4’36“ leicht verlängern, Hall)

folgende Musik unmittelbar anschließen

4) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 Anfang bis 2’09”

Was bedeutet es für Sie, diese Musik zu hören? Von der sicher vertrauteren bretonischen zur vielleicht fremderen indischen überzugehen? Sie haben gerade die magische Formel des Ragas Shuddh Sarang gehört, und vielleicht hat der Zauber unmittelbar gewirkt:

In der Helle und Hitze des tropischen Nachmittags genießen Sie Ruhe und Kühlung unter schattigen Bäumen, die Füße eingetaucht ins Wasser eines vorüberplätschernden Baches. (nach: Dhruba Ghosh „Bowing Sounds“ S.6)

Vielleicht wirkt es auch erst in einer anderen Tonlage und von der sanften Flöte gespielt? Allerdings mit denselben Tönen bzw. Ton-Relationen, denselben Tonverbindungen, derselben zauberhaften Stimmung.

5) Hariprasad Chaurasia Shuddh Sarang Tr. 3 Anfang bis 2’10“

Wiederum der Raga Shuddh Sarang.

Und jetzt noch einmal, in einer gesungenen Fassung, – es ist derselbe Raga, obwohl der Grundton unterschiedlich hoch angesetzt ist. Der richtet sich nach der Stimmlage der Sängerin oder auch dem Tonumfang des Instrumentes.

6) Raga Guide CD 4 Tr. 11 Shruti Sadolikar singt: Anfang bis 1’00“

Ein Charakteristikum ist, dass die vierte Stufe in zweierlei Gestalt vorkommt: denken wir uns als Grundton C , so gibt es als 4 Stufe sowohl ein Fis als auch ein F, das Fis im Aufstieg, das F im Abstieg, es ist aber auch eine Besonderheit dieses Ragas, dass Fis und F auch aufeinanderfolgen können, es ist also eine chromatische Tonfolge, die zudem noch etwas ineinandergeschliffen wird, was – für meine Begriffe – den verführerischen, vielleicht sogar lasziven Charakter dieser Tonfolge ausmacht.

7) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 1’36“ bis 1’57“ (blenden)

Würden wir diese wunderbare Geigerin selbst fragen, – und wir können sie bald fragen: sie kommt nach Köln und spielt in der Philharmonie -, Kala Ramnath, Schülerin des großen Sängers Pandit Jasraj, wir fragen sie also: umfasst diese Formel wirklich das Wesen des Ragas Shuddh Sarang? Wahrscheinlich würde sie antworten: Nein, nicht vollständig, – dafür müsste ich einen längeren Alap spielen, also solch eine frei-rhythmische Einleitung, die sich ganz dem melodischen Wesen des Ragas widmet. (Musik Alap) Aber wenn Sie gleich weiterhören, werden Sie entdecken, dass ich tatsächlich weiter Alap spiele, auch wenn die Tabla-Trommel einsetzt. Für Sie entsteht vielleicht das Problem, dass Sie durch den Rhythmus abgelenkt werden, aber tatsächlich beschäftige ich mich weiterhin völlig frei mit dem melodischen Wesen des Ragas und seinem Ausdruck. Naja, „völlig frei“ …. in Grenzen! Hören Sie nur mal genau hin.

Die Geigerin Kala Ramnath – in wenigen Sekunden mit Kumar Bose an den Tabla-Trommeln.

8) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 hoch ab ca. 1’40“ bis 5:51

Meine Damen und Herrn, Sie haben bemerkt: hier wurde der Tiefenraum des Ragas ausgelotet, – dass die indische Geige zudem auffällig tief gestimmt ist, hat nicht mit diesem Raga zu tun, sondern gehört einfach zur speziell indischen Handhabung des westlichen Instruments. Man hat es sich dort schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zueigen gemacht, d.h. auch angepasst und verändert.

Sie spüren sicher ganz genau, dass da – bei aller Freiheit der Melodie – eine bestimmte Korrespondenz zwischen Rhythmus und Melodie zu beobachten ist, – aber welche?

Ich hoffe, Sie halten mich nicht für einen zwanghaften Pedanten, wenn ich mal versuche mitzuzählen; den Ablauf des rhythmischen Zyklus zu fühlen ist wirklich wichtiger als in unserer Musik den Dreier- oder Vierer-Takt zu erkennen. Im Zusammenhang mit diesem unbeirrbaren Zyklus ergibt sich ja auch eine besonders schöne Spannung in der Melodie, denn – so frei sie sich gibt – ihr ist bewusst, an welchem Punkt der Energiekurve sie sich im Tala-Zyklus befindet, und genau nach 12 in Vier unterteilten Zählzeiten landet sie auf dem… nein, nicht auf dem Grundton, sondern auf dem Ton darunter, auf dem Leiteton, wenn Sie so wollen. Das ist charakteristisch für diesen Raga.

Es geht ziemlich langsam, wir stehen ja am Anfang einer großen Entwicklung.

Ein einzelner Abschnitt des 12er-Zyklus dauert ungefähr 1 Minute. Also los!

12 mal 4, ich zähle von 1 bis 12, die Vierergruppen markiere ich nur.

Wenn wir nebenbei auf die Melodie achten: wir erschließen uns hier noch einmal den tiefen Tonraum des Ragas Shuddh Sarang. Auch der Tabla-Spieler fühlt mit, darf sich aber nicht in der Präzision seiner Zeitgebung beirren lassen.

9) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 2’14“ bis 5’51

Bretagne JR b

Während das Violinspiel Kala Ramnaths mit seinem fast leitmotivisch wiederkehrenden Leiteton noch in uns weitertönt, wenden wir uns einem anderen Aufbau zu: dem eines literarischen Werks. Es gibt ja in Romanen durchaus Leitmotive, formale Elemente, die wiederkehren und nicht immer nur das bedeuten, was sie an und für sich sind, sondern auch den Stoff gliedern.

Der Wasserstrahl eines Springbrunnens oder ein grauer Papagei z.B. tauchen mehrfach auf, nicht weil sie immer wieder etwas Bemerkenswertes zur Handlung beitragen, sondern weil sie dem Schriftsteller helfen, seinen Text zu strukturieren.

Ich spreche von Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“ oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“.

Das baut sich ähnlich langsam auf wie die indische Musik. Und während sie in jeder Wendung wie eine exotische Miniatur zu fesseln vermag, könnte man fragen: Was tut eigentlich der große Erzähler Fontane am Anfang seines Romans, um uns zu fesseln? Ich möchte sagen: nichts oder wenig. Wenn ich jemanden, der sonst John le Carré liest, für Fontane gewinnen wollte, oder etwa einen Jugendlichen, dessen Leseverhalten durch Harry Potter geprägt ist – ich glaube, Fontane ist ja immer noch Pflichtlektüre an Höheren Schulen – , was könnte man tun?

Aus welchem Grunde sollte er oder sie sich für diese Frau interessieren, die auf Seite 1 einer Kutsche entsteigt und einen gewissen Professor Willibald Schmidt besucht? Professor bedeutet in diesem Fall Gymnasiallehrer. Er ist, wie wir später erfahren, ihr Jugendfreund, aber es geht um seine Tochter Corinna, die zu einer Gesellschaft bei den Treibels eingeladen werden soll.

Beginnt es nicht ziemlich langweilig? Und bleibt es nicht so? Genau genommen bis Seite 44, im 5. Kapitel, wenn Marcell, der in Corinna erfolglos verliebt ist, zu ihr sagt: „Ich bin verstimmt“.

Wie bitte? Das soll ein Spannungsmoment sein? Das Buch besteht aus 16 Kapiteln, d.h. ein Viertel des Buches ist bereits vorüber, ehe es – nach 4 Kapiteln – zu dieser spannenden Stelle kommt.

Meine Damen und Herren: Sie merken, dass ich Sie (oder sagen wir: diese imaginären Jugendlichen) mit etwas Ironie bei Laune zu halten suche. Das tut übrigens Fontane auch, aber ich muss gestehen, dass ich gerade an dieser Stelle auf Seite 1 seinen Scherz nicht recht verstehe: da stieg Frau Treibel, „so schnell ihre Korpulenz es zuließ, eine Holzstiege mit abgelaufenen Stufen hinauf, unten von sehr wenig Licht, weiter oben von einer schweren Luft umgeben, die man füglich als eine Doppelluft bezeichnen konnte.“

Wieso denn? Aus wenig Licht unten und schwerer Luft oben ergibt sich doch keine „Doppelluft“? Eine Insider-Anspielung für Physiker? Ich weiß es nicht.

Sie werden diesen Romananfang gleich hören, vielleicht mit musikalisch, motivtechnisch gespitzten Ohren. Ich füge vorsorglich hinzu, dass es sich mit diesem langweiligen Anfang merkwürdig verhält: wenn man ihn nach der Lektüre des ganzen Romans noch einmal liest, gibt es keine uninteressante Zeile mehr. Man bemerkt auch, wie die Position des Erzählers aufgebaut wird: Zunächst irritiert es ja vielleicht, dass er gewissermaßen in einer Kameraposition von außen beginnt, dann aber immerhin weiß, dass die Frau „trotz ihrer hohen Fünfzig“ noch sehr gut aussieht und dass der Vorflur ihr „übrigens von langer Vorzeit her bekannt“ ist. Schließlich ist er – mit der Wahrnehmung des Küchengeruches – ganz in ihre Person eingetaucht und kann mit ihr „weit zurückliegender Tage“ gedenken.

Meine Damen und Herren, es wäre schön, wenn Sie ihn dabei begleiten würden, mit der gleichen Aufmerksamkeit, die Sie den Girlanden einer scheinbar exotischen Raga-Entfaltung gewidmet haben… Sie können gar nicht anders, denn Bodo Primus wird lesen.

10) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 6’34“ bis 8’02“

11) Bodo Primus liest Fontane (I):

An einem der letzten Maitage, das Wetter war schon sommerlich, bog ein zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und dann in die Adlerstraße ein und hielt gleich danach vor einem, trotz seiner Front von nur fünf Fenstern, ziemlich ansehnlichen, im Uebrigen aber altmodischen Hause, dem ein neuer, gelbbrauner Oelfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit, aber keine Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hatte, beinahe das Gegenteil. Im Fond des Wagens saßen zwei Damen mit einem Bologneserhündchen, das sich der hell- und warmscheinenden Sonne zu freuen schien. Die links sitzende Dame von etwa Dreißig, augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin, öffnete, von ihrem Platz aus, zunächst den Wagenschlag, und war dann der anderen, mit Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer hohen Fünfzig noch sehr gut aussehenden Dame beim Aussteigen behülflich. Gleich danach aber nahm die Gesellschafterin ihren Platz wieder ein, während die ältere Dame auf eine Vortreppe zuschritt und nach Passierung derselben in den Hausflur eintrat. Von diesem aus stieg sie, so schnell ihre Corpulenz es zuließ, eine Holzstiege mit abgelaufenen Stufen hinauf, unten von sehr wenig Licht, weiter oben aber von einer schweren Luft umgeben, die man füglich als eine Doppelluft bezeichnen konnte. Gerade der Stelle gegenüber, wo die Treppe mündete, befand sich eine Entréethür mit Guckloch, und neben diesem ein grünes, knittriges Blechschild, darauf »Professor Wilibald Schmidt« ziemlich undeutlich zu lesen war. Die ein wenig asthmatische Dame fühlte zunächst das Bedürfnis, sich auszuruhen und musterte bei der Gelegenheit den ihr übrigens von langer Zeit her bekannten Vorflur, der vier gelbgestrichene Wände mit etlichen Haken und Riegeln und dazwischen einen hölzernen Halbmond zum Bürsten und Ausklopfen der Röcke zeigte. Dazu wehte, der ganzen Atmosphäre auch hier den Charakter gebend, von einem nach hinten zu führenden Corridor her ein sonderbarer Küchengeruch heran, der, wenn nicht alles täuschte, nur auf Rührkartoffeln und Carbonade gedeutet werden konnte, beides mit Seifenwrasen untermischt. »Also kleine Wäsche,« sagte die von dem allen wieder ganz eigentümlich berührte stattliche Dame still vor sich hin, während sie zugleich weit zurückliegender Tage gedachte, wo sie selbst hier, in eben dieser Adlerstraße, gewohnt und in dem gerade gegenüber gelegenen Materialwarenladen ihres Vaters mit im Geschäft geholfen und auf einem über zwei Kaffeesäcke gelegten Brett kleine und große Düten geklebt hatte, was ihr jedesmal mit »zwei Pfennig fürs Hundert« gut gethan worden war. »Eigentlich viel zu viel, Jenny,« pflegte dann der Alte zu sagen, »aber Du sollst mit Geld umgehen lernen.« Ach, waren das Zeiten gewesen! Mittags, Schlag Zwölf, wenn man zu Tisch ging, saß sie zwischen dem Commis Herrn Mielke und dem Lehrling Louis, die beide, so verschieden sie sonst waren, dieselbe hochstehende Kammtolle und dieselben erfrorenen Hände hatten. Und Louis schielte bewundernd nach ihr hinüber, aber wurde jedesmal verlegen, wenn er sich auf seinen Blicken ertappt sah. Denn er war zu niedrigen Standes, aus einem Obstkeller in der Spreegasse. Ja, das alles stand jetzt wieder vor ihrer Seele, während sie sich auf dem Flur umsah und endlich die Klingel neben der Thür zog. Der überall verbogene Draht raschelte denn auch, aber kein Anschlag ließ sich hören, und so faßte sie schließlich den Klingelgriff noch einmal und zog stärker. Jetzt klang auch ein Bimmelton von der Küche her bis auf den Flur herüber, und ein paar Augenblicke später ließ sich erkennen, daß eine hinter dem Guckloch befindliche kleine Holzklappe bei Seite geschoben wurde. Sehr wahrscheinlich war es des Professors Wirtschafterin, die jetzt, von ihrem Beobachtungsposten aus, nach Freund oder Feind aussah, und als diese Beobachtung ergeben hatte, daß es »gut Freund« sei, wurde der Thürriegel ziemlich geräuschvoll zurückgeschoben, und eine ramassierte Frau von Ausgangs Vierzig, mit einem ansehnlichen Haubenbau auf ihrem vom Herdfeuer geröteten Gesicht, stand vor ihr.

»Ach, Frau Treibel … Frau Commerzienrätin … Welche Ehre …«

»Guten Tag, liebe Frau Schmolke. Was macht der Professor? Und was macht Fräulein Corinna? Ist das Fräulein zu Hause?«

»Ja, Frau Commerzienrätin. Eben wieder nach Hause gekommen aus der Philharmonie. Wie wird sie sich freuen.«

Und dabei trat Frau Schmolke zur Seite, um den Weg nach dem einfenstrigen, zwischen den zwei Vorderstuben gelegenen und mit einem schmalen Leinwandläufer belegten Entrée frei zu geben. Aber ehe die Commerzienrätin noch eintreten konnte, kam ihr Fräulein Corinna schon entgegen und führte die »mütterliche Freundin«, wie sich die Rätin gern selber nannte, nach rechts hin, in das eine Vorderzimmer.

Dies war ein hübscher, hoher Raum, die Jalousien herabgelassen, die Fenster nach innen auf, vor deren einem eine Blumenestrade mit Goldlack und Hyacinthen stand. Auf dem Sophatische präsentierte sich gleichzeitig eine Glasschale mit Apfelsinen, und die Porträts der Eltern des Professors, des Rechnungsrats Schmidt aus der Heroldskammer und seiner Frau, geb. Schwerin, sahen auf die Glasschale hernieder – der alte Rechnungsrat in Frack und rotem Adlerorden, die geborene Schwerin mit starken Backenknochen und Stubsnase, was, trotz einer ausgesprochenen Bürgerlichkeit, immer noch mehr auf die pommersch-uckermärkischen Träger des berühmten Namens, als auf die spätere, oder, wenn man will, auch viel frühere posensche Linie hindeutete.

»Liebe Corinna, wie nett Du dies alles zu machen verstehst und wie hübsch es doch bei Euch ist, so kühl und so frisch – und die schönen Hyacinthen. Mit den Apfelsinen verträgt es sich freilich nicht recht, aber das thut nichts, es sieht so gut aus … Und nun legst Du mir in Deiner Sorglichkeit auch noch das Sophakissen zurecht! Aber verzeih‘, ich sitze nicht gern auf dem Sopha; das ist immer so weich, und man sinkt dabei so tief ein. Ich setze mich lieber hier in den Lehnstuhl und sehe zu den alten, lieben Gesichtern da hinauf. Ach, war das ein Mann; gerade wie Dein Vater. Aber der alte Rechnungsrat war beinah‘ noch verbindlicher, und einige sagten auch immer, er sei so gut wie von der Colonie. Was auch stimmte. Denn seine Großmutter, wie Du freilich besser weißt als ich, war ja eine Charpentier, Stralauer-Straße.«

Unter diesen Worten hatte die Commerzienrätin in einem hohen Lehnstuhle Platz genommen und sah mit dem Lorgnon nach den »lieben Gesichtern« hinauf, deren sie sich eben so huldvoll erinnert hatte, während Corinna fragte, ob sie nicht etwas Mosel und Selterwasser bringen dürfe, es sei so heiß.

»Nein, Corinna, ich komme eben vom Lunch, und Selterwasser steigt mir immer so zu Kopf. Sonderbar, ich kann Sherry vertragen und auch Port, wenn er lange gelagert hat, aber Mosel und Selterwasser, das benimmt mich … Ja, sieh‘ Kind, dies Zimmer hier, das kenne ich nun schon vierzig Jahre und darüber, noch aus Zeiten her, wo ich ein halbwachsen Ding war, mit kastanienbraunen Locken, die meine Mutter, so viel sie sonst zu thun hatte, doch immer mit rührender Sorgfalt wickelte. Denn damals, meine liebe Corinna, war das Rotblonde noch nicht so Mode wie jetzt, aber kastanienbraun galt schon, besonders wenn es Locken waren, und die Leute sahen mich auch immer darauf an. Und Dein Vater auch. Er war damals ein Student und dichtete. Du wirst es kaum glauben, wie reizend und wie rührend das alles war, denn die Kinder wollen es immer nicht wahr haben, daß die Eltern auch einmal jung waren und gut aussahen und ihre Talente hatten. Und ein paar Gedichte waren an mich gerichtet, die hab‘ ich mir aufgehoben bis diesen Tag, und wenn mir schwer ums Herz ist, dann nehme ich das kleine Buch, das ursprünglich einen blauen Deckel hatte (jetzt aber hab‘ ich es in grünen Maroquin binden lassen) und setze mich ans Fenster und sehe auf unsern Garten und weine mich still aus, ganz still, daß es niemand sieht, am wenigsten Treibel oder die Kinder. Ach Jugend! Meine liebe Corinna, Du weißt gar nicht, welch‘ ein Schatz die Jugend ist, und wie die reinen Gefühle, die noch kein rauher Hauch getrübt hat, doch unser Bestes sind und bleiben.«

»Ja,« lachte Corinna. »die Jugend ist gut. Aber ›Commerzienrätin‹ ist auch gut und eigentlich noch besser. Ich bin für einen Landauer und einen Garten um die Villa herum.«

12) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Anfang bis 1’30“

Nach dem Anfang des Romans „Frau Jenny Treibel“ von Theodor Fontane – Bodo Primus hat ihn gelesen – hörten Sie den Anfang der 10. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch.

Als ich das zum ersten Mal gehört habe, dachte ich: daraus kann eigentlich kein großes modernes Werk werden. Das könnte ja fast so bei Haydn stehen. Allerdings gibt es ja die Möglichkeit mit einem ganz altmodischen Statement oder Understatement zu beginnen… Aber selbst, wenn ich dann mit verschärfter Wachsamkeit weiterhöre…

Wie ist es mit der Klarinettenmelodie?

Können wir ganz sicher sein, dass es sich um ein echtes Thema handelt? Oder ist es nur der lyrische Habitus einer irgendwie bekannten Melodie?

Dann kommt ein Forte, das sehr dringlich wirkt, aber mit seinen Terzen auch ziemlich nach Brahms klingt… es ist allerdings kein Brahms, sagt da vielleicht jemand mit leiser Ironie.

13) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie ab 2’00“ bis 5’58“

Ich weiß nicht, ob man das, was danach folgt, als Thema bezeichnen kann; es ist eigentlich nur die Idee des Zögerns und Schwankens. Aber sie entwickelt sich, und plötzlich spürt man, dass es ein Motiv mit unbegrenzten Möglichkeiten ist.

14) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie ab 5’58“ bis 7’30“ (Ziffer 24)

Es ist merkwürdig, irgendwann begreift man, dass man sich in einem großen Prozess befindet. Dass man nicht in ein bürgerliches Ambiente eingeführt wird, in dem uns schöne, vielleicht auch schon mal heikle Begegnungen erwarten, – hier wird es ungemütlich.

Akkorde, die schwer einzuordnen sind, unerhörte Klangfarben blitzen auf, es beginnt zu rumoren, und eine gewaltige Steigerung, in der die 3 Themen oder Motive, die wir bis jetzt nur flüchtig kennengelernt haben, übereinandergetürmt werden. Sind wir denn so beschaffen, dass wir erst ein dreifaches Forte brauchen um zu begreifen, dass hier nicht umsonst 100 Leute auf der Bühne sitzen. Es geht ums Ganze! Um ein Ganzes. Im Verhältnis zum Publikum und zu jedem Einzelnen.

15) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr. 1 ab 8’53“ bis 13’58“

Der erste Satz ist natürlich längst noch nicht vorbei, aber hier ist der Punkt erreicht, wo man sich fragt, – wie konnte es dazu kommen? Hatten wir nicht gesagt, es beginnt wie eine Haydn-Sinfonie? Dann eine Brahms-Geste usw. – das muss man revidieren.

Man möchte alles noch einmal hören, – mit dem Wissen um die Bedeutung, die es nun bekommen hat. Die Perspektive hat sich vollkommen verändert.

Mit „Frau Jenny Treibel“ wird es Ihnen so ähnlich gehen, sofern Sie einmal alle Personen näher kennengelernt haben. Aber eine solche sinfonische Dramatik bleibt uns natürlich in einem gutbürgerlichen Haus, für das Theodor Fontane einsteht, erspart.

Der Bürger geht ja gerade ins Konzert, um von den kleinen häuslichen Dramen entbunden zu sein und einmal an den ganz großen Dramen teilzuhaben.

Das gilt vielleicht nicht für die Frau Kommerzienrätin Jenny Treibel, die so innig an das Ideale im Menschen glaubt.

Wenig später wird die wohlhabende Dame über Corinnas Vater sagen: „… er weiß, dass Geld eine Last ist, und dass das Glück ganz woanders liegt.“ (Und dann schweigt sie einen Moment und seufzt leise.) „Ach, meine liebe Corinna, glaube mir, kleine Verhältnisse, das ist d a s, was allein glücklich macht.“ Und Corinna, die im Gegensatz zu ihr, darin lebt, antwortet: „Das sagen alle, die drüber stehen und die kleinen Verhältnisse nicht kennen.“

Aber natürlich kennt Frau Treibel die sogenannten kleinen Verhältnisse; sie hat ja alles drangesetzt um da rauszukommen. Corinnas Vater durchschaut sie, eingedenk seiner frühen, fehlgeleiteten Liebe zu ihr: „Ach,“ sagt er, „ihre Mutter, die gute Frau Bürstenbinder, die das Püppchen immer so hübsch herauszuputzen wusste, sie hat in ihrer Weiberklugheit damals ganz richtig gerechnet. Nun ist das Püppchen eine Kommerzienrätin und kann sich alles gönnen, auch das Ideale, und sogar ‚unentwegt’. Ein Musterstück von einer Bourgeoise.“ (S. 13)

Was wir von dieser alten Liebesgeschichte erfahren, ist eigentlich, in perspektivischer Verkürzung, genau das, was sich – wiederum als fehlgeleitete Liebe – über den Roman hin zwischen Corinna und dem Treibelschen Sohne Leopold abspielt.

Corinnas Vater, Professor Schmidt, wird nachher – ebenfalls in perspektivischer Verkürzung – eine Darstellung der alten Geschichte aus seiner Sicht geben und zugleich im Kern den Verlauf dieser neuen Geschichte vorhersagen.

Es ist verblüffend, wie kunstvoll Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander verschränkt sind, und doch haben wir den Eindruck, dass hier ein vollkommen realistischer Erzähler am Werk ist. Fontane bekannte, dass ihn Liebesgeschichten an sich wenig interessieren, auch die Ehebruchsgeschichte der „Effi Briest“ ist, so sagt er, eine „wie hundert andre mehr“. Sie beruht auf einer wahren Begebenheit, die er von einer Dame bei Tisch gehört hatte, und die Geschichte hätte ihn nicht besonders beeindruckt, erzählt Fontane, „wenn nicht die Szene bzw. die Worte: ‚Effi komm!’ darin vorgekommen wären. Das Auftauchen der Mädchen an den mit Wein überwachsenen Fenstern, die Rotköpfe, der Zuruf und dann das Niederducken und dann das Verschwinden machten solchen Eindruck auf mich, daß aus dieser Szene die ganze lange Geschichte entstanden ist.“

Das ist typisch für den großen Erzähler: in einem einzigen kleinen Detail mehr Realität zu entdecken als in der großen, tausendfach wiederkehrenden Geschichte.

Heinrich Heine hat das einmal mit der ihm eigenen lyrischen Präzision auf den Punkt gebracht: „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ – Sie kennen es? Das Gedicht endet mit der Strophe:

„Es ist eine alte Geschichte / doch bleibt sie immer neu; / und wem sie just passieret, / dem bricht das Herz entzwei.“

Dazu muss ich Ihnen nachher noch eine kleine Geschichte erzählen: weil ich am vergangenen Freitag in der Kölner Philharmonie war, habe ich endlich, nach mehr als 40 Jahren, dieses einfache Heine-Gedicht verstanden. Sowas von Spätzündung!!! Nur weil Michael Heltau es soviel deutlicher betont hat als Robert Schumann.

In Fontanes Roman Frau Jenny Treibel verläuft die Geschichte im Kern genau so wie im Heine-Gedicht, – aber niemandem bricht das Herz entzwei.

Es ist kein Psycho-Drama; was uns in den Bann zieht sind die Charaktere. Und mit den Worten Fontanes (Brief vom 30.Mai 1993 an Friedländer): „Der Zauber steckt immer im Detail.“

Und das gilt auch für die Musik, jedenfalls für die Kammermusik und nirgendwo mehr als in der indischen. Stellen wir uns vor, die Geigerin habe im Hintergrund weitergespielt. Sie hat den Aufbau des Ragas weitgehend geleistet und kann nun ein neues Tempo anschlagen, es ist derselbe Zyklus, nämlich Ektal mit seinen 12 Schlägen, aber ein leichter Wind kommt auf. Sie erinnern sich? Es ist ein tropischer Nachmittag, wir sitzen unter schattigen Bäumen, lassen uns die Füße von einem vorüberrieselnden Gewässer kühlen; wir lauschen der uralten Geschichte des Ragas Shuddh Sarang, und sie ist ständig neu…

16) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 16’53“ bis nach 19’07“

Von jenem tropischen Platz zurück in den Berliner Salon um 1890. Theodor Fontane. Die Gesellschaft bei den Treibels neigt sich dem Ende zu. Aber etwas fehlt noch: das Lied. Die Verse, die der Gastgeberin einst ihr Jugendfreund Schmidt gewidmet hatte.

17) Bodo Primus liest Fontane S. 43 (II):

Eine Pause trat ein, und einige Wagen, darunter auch der Felgentreu’sche, waren schon angefahren; trotzdem zögerte man noch mit dem Aufbruch, weil das Fest immer noch seines Abschlusses entbehrte. Die Commerzienrätin nämlich hatte noch nicht gesungen, ja war unerhörter Weise noch nicht einmal zum Vortrag eines ihrer Lieder aufgefordert worden, – ein Zustand der Dinge, der so rasch wie möglich geändert werden mußte. Dies erkannte niemand klarer, als Adolar Krola, der, den Polizeiassessor bei Seite nehmend, ihm eindringlichst vorstellte, daß durchaus etwas geschehen und das hinsichtlich Jenny’s Versäumte sofort nachgeholt werden müsse. »Wird Jenny nicht aufgefordert, so seh‘ ich die Treibel’schen Diners, oder wenigstens unsere Teilnahme daran, für alle Zukunft in Frage gestellt, was doch schließlich einen Verlust bedeuten würde …«

»Dem wir unter allen Umständen vorzubeugen haben, verlassen Sie sich auf mich.« Und die beiden Felgentreu’s an der Hand nehmend, schritt Goldammer, rasch entschlossen, auf die Commerzienrätin zu, um, wie er sich ausdrückte, als erwählter Sprecher des Hauses, um ein Lied zu bitten. Die Commerzienrätin, der das Abgekartete der ganzen Sache nicht entgehen konnte, kam in ein Schwanken zwischen Aerger und Wunsch; aber die Beredtsamkeit des Antragstellers siegte doch schließlich; Krola nahm wieder seinen Platz ein, und einige Augenblicke später erklang Jenny’s dünne, durchaus im Gegensatz zu ihrer sonstigen Fülle stehende Stimme durch den Saal hin, und man vernahm die in diesem Kreise wohlbekannten Liedesworte:

Glück, von Deinen tausend Losen,
Eines nur erwähl‘ ich mir,–
Was soll Gold? Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier.

Und ich höre Waldesrauschen
Und ich seh‘ ein flatternd Band –
Aug‘ in Auge Blicke tauschen,
Und ein Kuß auf Deine Hand.

Geben nehmen, nehmen geben,
Und Dein Haar umspielt der Wind,
Ach, nur das, nur das ist Leben,
Wo sich Herz zum Herzen find’t.

Es braucht nicht gesagt zu werden, daß ein rauschender Beifall folgte, woran sich, von des alten Felgentreu Seite, die Bemerkung schloß, »die damaligen Lieder (er vermied eine bestimmte Zeitangabe) wären doch schöner gewesen, namentlich inniger«, eine Bemerkung, die von dem direct zur Meinungsäußerung aufgeforderten Krola schmunzelnd bestätigt wurde.

Mr. Nelson seinerseits hatte von der Veranda dem Vortrage zugehört und sagte jetzt zu Corinna: »Wonderfully good. Oh, these Germans, they know everything ... even such an old lady.«

Corinna legte ihm den Finger auf den Mund.

Kurze Zeit danach war alles fort, Haus und Park leer, und man hörte nur noch, wie drinnen im Speisesaal geschäftige Hände den Ausziehtisch zusammenschoben und wie draußen im Garten der Strahl des Springbrunnens plätschernd ins Bassin fiel.

Fünftes Kapitel

Unter den Letzten, die, den Vorgarten passierend, das commerzienrätliche Haus verließen, waren Marcell und Corinna. Diese plauderte nach wie vor in übermütiger Laune, was des Vetters mühsam zurückgehaltene Verstimmung nur noch steigerte. Zuletzt schwiegen beide.

So gingen sie schon fünf Minuten nebeneinander her, bis Corinna, die sehr gut wußte, was in Marcell’s Seele vorging, das Gespräch wieder aufnahm. »Nun, Freund, was gibt es?«

»Nichts.«

»Nichts?«

»Oder wozu soll ich es leugnen, ich bin verstimmt.«

»Worüber?«

»Ueber Dich. Ueber Dich, weil Du kein Herz hast.«

»Ich? Erst recht hab‘ ich …«

»Weil Du kein Herz hast, sag‘ ich, keinen Sinn für Familie, nicht einmal für Deinen Vater …«

»Und nicht einmal für meinen Vetter Marcell …«

»Nein, den laß aus dem Spiel, von dem ist nicht die Rede. Mir gegenüber kannst Du thun, was Du willst. Aber Dein Vater. Da läßt Du nun heute den alten Mann einsam und allein und kümmerst Dich so zu sagen um gar nichts. Ich glaube, Du weißt nicht einmal, ob er zu Haus ist oder nicht.«

MODERATION

Vonwegen Vater, – es ist klar, der Vetter liebt sie und ist eifersüchtig. Denn Corinna ist vom neureichen Glanz des Hauses Treibel geblendet, zumal in Gestalt des Sohnes Leopold.

Meine Damen und Herren, passt es Ihnen, wenn ich an dieser Stelle zurückkomme auf das Heine-Lied: „Ein Jüngling liebt ein Mädchen…“?

Seit ich es kenne, habe ich es immer nur in der Vertonung Robert Schumanns gehört, ich fand es toll – und habe doch immer verdrängt, dass mir die Logik der Aussage nicht ganz einleuchtete. Um wieviel Personen geht es da eigentlich?

18) Schumann/Heine Dichterliebe Tr. 11 Ein Jüngling liebt… 1’01“

Wieso war jetzt der Jüngling übel dran, er war doch längst aus dem Spiel?

Am vergangenen Freitag war ich in der Kölner Philharmonie, in einem der schönsten Chor-Konzerte, die ich je gehört habe. Mit dem Balthasar-Neumann-Chor. Es war aber nicht nur die Qualität dieses Chores, sondern auch die dramaturgische Gestaltung des Programms, die dichte Kombination von gesprochenen Texten, Chor- und Sololiedern. Michael Heltau sprach, und er sprach unter anderem dieses Heine-Gedicht „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, das ich bisher eigentlich nur in Schumanns Vertonung kannte und dessen zweite Strophe ich deshalb so gesprochen hätte:

Das Mädchen nimmt aus Ärger / den ersten besten Mann, /

der ihr in den Weg gelaufen; / der Jüngling ist übel dran.

So konnte ich das auch derartig falsch verstehen, als ob der Jüngling aus der ersten Strophe gemeint sei. Der war natürlich übel dran, aber warum jetzt schon wieder?!

Und nun las Michael Heltau folgendermaßen:

Das Mädchen nimmt aus Ärger / den ersten besten Mann, /

der ihr in den Weg gelaufen; / der Jüngling ist übel dran.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: dieser „Mann“, der erstbeste, ist natürlich auch der zuletzt genannte Jüngling, natürlich. Auch er ein Jüngling. Und der muss nun lebenslang den ganzen Frust seiner Frau ausbaden, keineswegs der Jüngling aus der ersten Strophe, der hat vielleicht sogar noch einmal Glück gehabt.

Die Personenzahl bleibt gleich, fünf. Zwei Paare und der erste Jüngling

Sehen Sie, so kann man nach Jahrzehnten des Irrtums durch einen einzigen Gang in die Philharmonie messbar klüger werden!

Wem also bricht das Herz entzwei? Na, jedenfalls nicht uns Rechenkünstlern!

19) Schumann/Heine Dichterliebe Tr. 11 Ein Jüngling liebt… 1’00“

Robert Schumann, Heinrich Heine; vorhin mit Olaf Bär, jetzt mit Fritz Wunderlich.

Ich habe vorhin die Kölner Philharmonie erwähnt, und daran möchte ich anknüpfen, denn merkwürdigerweise hat hier fast alles mit diesem schönen Kölner Konzertsaal zu tun: die Schostakowitsch-Sinfonie, die Zehnte, wird dort Ende November zu hören sein, mit dem WDR-Sinfonieorchester unter Semyon Bychkov, am 25. und 26. November. Neu ist, dass den Konzerten in dieser Saison eine Einführung vorangeht, jeweils um 19 Uhr. Sie ahnen, weshalb ich mich besonders gern in Schostakowitsch vertiefe. Aber die Saison hat ja bereits begonnen, und morgen gibt es in der Reihe der Jugendkonzerte „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss, das erste Violinkonzert von Sergej Prokofiew mit der jungen Geigerin Sayaka Shoji, ein Werk von Peter Maxwell Davies und schließlich Leonard Bernsteins Sinfonische Tänze aus der Westside-Story. Der Gast-Dirigent ist Ari Rasilainen. Übermorgen, also Freitag, dasselbe Programm, dann auch live in WDR 3. Die Einführungen allerdings gibt es nur am Tatort, in der Philharmonie. Morgen 19 Uhr mit Christian Schruff, am Freitag mit Helga Kirchner.

Darüberhinaus gibt es übrigens für die Jugendkonzerte eine CD-Rom mit umfangreichem Material zur Unterrichtsvorbereitung, die Lehrerinnen und Lehrern in NRW kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Es gibt auch einen Schreib-Wettbewerb, Schreiben über Musik. Am besten, Sie wenden sich wegen all dieser Informationen an unser Hörertelefon, das allerdings nicht kostenlos ist: 0800 – 5678 333.

Meine Damen und Herren, virtuelles Leben hin und her, Musik aus dem Netz, CD, DVD, – eins steht fest: es gibt nichts Besseres als ein reales Konzert. Das liegt nicht nur an der Anwesenheit der Musiker, sondern auch an der Menge der gleich oder ähnlich gesinnten Konzertbesucher, lassen Sie sie ruhig mal husten: sie alle interessieren sich mehr oder weniger in ganz erstaunlicher Weise für diese abstrakten und zugleich höchst sinnlichen Vorgänge, genannt Musik. Jawohl, genau das ist Kultur!

Ich könnte mir vorstellen, dass es Sie inzwischen auch interessiert, ob es mal wieder eine Gelegenheit gibt, indische Musik live zu erleben. Ja, die gibt es. Wie der Zufall so spielt: ausgerechnet die zauberhafte Geigerin Kala Ramnath wird auf der Bühne sitzen, der hochvirtuose junge Sitarspieler Purbayan Chatterjee ebenfalls, und die Sängerin, deren Name überall auf dem indischen Subkontinent Entzücken auslöst: Shubha Mudgal. Unser Slogan lautet: „Indien leuchtet. Die junge Generation der klassischen Musik.“ Am 2. Oktober, 20 Uhr in der Kölner Philharmonie.

Musikpassagen auf WDR 3. Am Mikrofon begleitet Sie J.R.

Wo mag die Geigerin Kala Ramnath inzwischen angelangt sein, bei ihrem Gang auf schattigen Wegen, mit Blick auf die von der tropischen Nachmittagssonne durchglühte Landschaft, erfrischt von der ständigen Gegenwart des Ragas Shuddh Sarang? (Musik beginnt)

Achtung, gerade bahnt sich eine Tempoänderung an, die Geigerin muss jeden Moment auf ein prägnantes Thema stoßen, das sie mit verspielter Anmut immer wieder in die Höhe steigen lässt.

20) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 26’10“ bis 30’08…

Kala Ramnath, Violine, und Kumar Bose, Tabla. Es fehlt nur noch der letzte Akt, die letzte Tempostufe und die Apotheose des Ragas Shuddh Sarang.

Und Corinna Schmidt hatte inzwischen Erfolg; es ist ihr gelungen, Leopold Treibel an sich zu fesseln. Der Vetter Marcell jedoch, der Corinna nach wie vor liebt, scheint nach der Abendgesellschaft im Hause Treibel chancenlos zu sein, Vater Schmidt allerdings spricht ihm Mut zu und hat offenbar plausible Gründe dafür:

21) Bodo Primus liest Fontane S. 70 (III):

»Nun gut, Marcell, aber das alles kann ich so schlimm nicht finden. Warum soll sie nicht ihren Nachbar zur Rechten unterhalten, um auf ihren Nachbar zur Linken einen Eindruck zu machen? Das kommt alle Tage vor, das sind so kleine Capricen, an denen die Frauennatur reich ist.«

»Du nennst es Capricen, Onkel. Ja, wenn die Dinge so lägen! Es liegt aber anders. Alles ist Berechnung: sie will den Leopold heiraten.«

»Unsinn, Leopold ist ein Junge.«

»Nein, er ist fünfundzwanzig, gerade so alt wie Corinna selbst. Aber wenn er auch noch ein bloßer Junge wäre, Corinna hat sich’s in den Kopf gesetzt und wird es durch führen.«

»Nicht möglich.«

»Doch, doch. Und nicht blos möglich, sondern ganz gewiß. Sie hat es mir, als ich sie zur Rede stellte, selber gesagt. Sie will Leopold Treibel’s Frau werden, und wenn der Alte das Zeitliche segnet, was doch, wie sie mir versicherte, höchstens noch zehn Jahre dauern könne, und wenn er in seinem Zossener Wahlkreise gewählt würde, keine fünfe mehr, so will sie die Villa beziehen, und wenn ich sie recht taxiere, so wird sie zu dem grauen Kakadu noch einen Pfauhahn anschaffen.«

»Ach, Marcell, das sind Visionen.«

»Vielleicht von ihr, wer will’s sagen? aber sicherlich nicht von mir. Denn all das waren ihre eigensten Worte. Du hättest sie hören sollen, Onkel, mit welcher Suffisance sie von »kleinen Verhältnissen« sprach, und wie sie das dürftige Kleinleben ausmalte, für das sie nun ‚mal nicht geschaffen sei; sie sei nicht für Speck und Wruken und all dergleichen und Du hättest nur hören sollen, wie sie das sagte, nicht blos so drüber hin, nein, es klang gerade zu was von Bitterkeit mit durch, und ich sah zu meinem Schmerz, wie veräußerlicht sie ist, und wie die verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hält.«

»Hm,« sagte Schmidt, »das gefällt mir nicht, namentlich das mit den Wruken. Das ist blos ein dummes Vornehmthun und ist auch kulinarisch eine Thorheit; denn alle Gerichte, die Friedrich Wilhelm I. liebte, so zum Beispiel Weißkohl mit Hammelfleisch oder Schlei mit Dill – ja, lieber Marcell, was will dagegen aufkommen? Und dagegen Front zu machen, ist einfach Unverstand. Aber glaube mir, Corinna macht auch nicht Front dagegen, dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters Tochter, und wenn sie sich darin gefallen hat, Dir von Modernität zu sprechen und Dir vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke, dran alles chic und wieder chic ist, zu beschreiben und so zu thun, als ob es in der ganzen Welt nichts gäbe, was an Wert und Schönheit damit verglichen werden könnte, so ist das alles blos Feuerwerk, Phantasiethätigkeit, jeu d'Esprit, und wenn es ihr morgen paßt, Dir einen Pfarramtskandidaten in der Jasminlaube zu beschreiben, der selig in Lottchens Armen ruht, so leistet sie das mit demselben Aplomb und mit derselben Virtuosität. Das ist, was ich das Schmidt’sche nenne. Nein, Marcell, darüber darfst Du Dir keine grauen Haare wachsen lassen; das ist alles nicht ernstlich gemeint …«

»Es ist ernstlich gemeint …«

»Und wenn es ernstlich gemeint ist – was ich vorläufig noch nicht glaube, denn Corinna ist eine sonderbare Person – so nutzt ihr dieser Ernst nichts, gar nichts, und es wird doch nichts draus. Darauf verlaß Dich, Marcell. Denn zum heiraten gehören zwei.«

»Gewiß, Onkel. Aber Leopold will womöglich noch mehr als Corinna …«

»Was gar keine Bedeutung hat. Denn laß Dir sagen, und damit sprech‘ ich ein großes Wort gelassen aus: die Commerzienrätin will nicht

»Bist Du dessen so sicher?«

»Ganz sicher.«

»Und hast auch Zeichen dafür?«

»Zeichen und Beweise, Marcell. Und zwar Zeichen und Beweise, die Du in Deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor Dir siehst …«

»Das wäre.«

»Ja, Freund, leibhaftig vor Dir siehst. Denn ich habe das Glück gehabt, an mir selbst, und zwar als Objekt und Opfer, das Wesen meiner Freundin Jenny studieren zu können. Jenny Bürstenbinder, das ist ihr Vatersname, wie Du vielleicht schon weißt, ist der Typus einer Bourgeoise. Sie war talentiert dafür, von Kindesbeinen an, und in jenen Zeiten, wo sie noch drüben in ihres Vaters Laden, wenn der Alte gerade nicht hinsah, von den Traubenrosinen naschte, da war sie schon gerade so wie heut‘ und deklamierte den »Taucher« und den »Gang nach dem Eisenhammer« und auch allerlei kleine Lieder, und wenn es recht was Rührendes war, so war ihr Auge schon damals immer in Thränen, und als ich eines Tages mein berühmtes Gedicht gedichtet hatte, Du weißt schon, das Unglücksding, das sie seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat, da warf sie sich mir an die Brust und sagte: »Wilibald, Einziger, das kommt von Gott.« Ich sagte halb verlegen etwas von meinem Gefühl und meiner Liebe, sie blieb aber dabei, es sei von Gott, und dabei schluchzte sie dermaßen, daß ich, so glücklich ich einerseits in meiner Eitelkeit war, doch auch wieder einen Schreck kriegte vor der Macht dieser Gefühle. Ja, Marcell, das war so unsere stille Verlobung, ganz still, aber doch immerhin eine Verlobung; wenigstens nahm ich’s dafür und strengte mich riesig an, um so rasch wie möglich mit meinem Studium am Ende zu sein und mein Examen zu machen. Und ging auch alles vortrefflich. Als ich nun aber kam, um die Verlobung perfekt zu machen, da hielt sie mich hin, war abwechselnd vertraulich und dann wieder fremd, und während sie nach wie vor das Lied sang, mein Lied, liebäugelte sie mit jedem, der ins Haus kam, bis endlich Treibel erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch ihrer Sentimentalitäten erlag. Denn der Treibel von damals war noch nicht der Treibel von heut, und am andern Tag kriegte ich die Verlobungskarten. Alles in allem eine sonderbare Geschichte, daran, das glaub‘ ich sagen zu dürfen, andere Freundschaften gescheitert wären; aber ich bin kein Übelnehmer und Spielverderber, und in dem Liede, drin sich, wie Du weißt, »die Herzen finden« – beiläufig eine himmlische Trivialität und ganz wie geschaffen für Jenny Treibel – in dem Liede lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag, ganz so, als sei nichts vorgefallen. Und am Ende, warum auch nicht? Ich persönlich bin drüber weg, und Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie vergessen will. Es ist eine gefährliche Person und um so gefährlicher, als sie’s selbst nicht recht weiß, und sich aufrichtig einbildet, ein gefühlvolles Herz und vor allem ein Herz »für das Höhere« zu haben. Aber sie hat nur ein Herz für das Ponderable, für alles, was ins Gewicht fällt und Zins trägt, und für viel weniger als eine halbe Million giebt sie den Leopold nicht fort, die halbe Million mag herkommen, woher sie will. Und dieser arme Leopold selbst. So viel weißt Du doch, der ist nicht der Mensch des Aufbäumens oder der Escapade nach Gretna Green. Ich sage Dir, Marcell, unter Brückner thun es Treibels nicht, und Koegel ist ihnen noch lieber. Denn je mehr es nach Hof schmeckt, desto besser. Sie liberalisieren und sentimentalisieren beständig, aber das alles ist Farce; wenn es gilt Farbe zu bekennen, dann heißt es: Gold ist Trumpf und weiter nichts.«

»Ich glaube, daß Du Leopold unterschätzest.«

»Ich fürchte, daß ich ihn noch überschätze. ich kenn‘ ihn noch aus der Untersekunda her. Weiter kam er nicht; wozu auch? Guter Mensch, Mittelgut, und als Charakter noch unter Mittel.«

»Wenn Du mit Corinna sprechen könntest.«

»Nicht nötig, Marcell. Durch Dreinreden stört man nur den natürlichen Gang der Dinge. Mag übrigens alles schwanken und unsicher sein, eines steht fest: der Charakter meiner Freundin Jenny. Da ruhen die Wurzeln Deiner Kraft. Und wenn Corinna sich in Tollheiten überschlägt, laß sie; den Ausgang der Sache kenn‘ ich. Du sollst sie haben, und Du wirst sie haben, und vielleicht eher, als Du denkst.«

MODERATION

Das Interessante ist, dass die Geschichte tatsächlich genau so verläuft, wie Professor Schmidt vermutet, dass unsere Aufmerksamkeit aber durch diese Vorwegnahme keineswegs erlahmt, nein, der perspektivisch verkürzte Blick in die Zukunft schärft unseren Sinn für die Details der Realität.

Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel oder ‚Wo sich Herz zum Herzen find’t’, gelesen von Bodo Primus.

Es gibt zwei Welten in diesem Roman: die eine der Besitzbürger à la Treibel, die andere der Bildungsbürger à la Schmidt. Dennoch befinden wir uns gewissermaßen in einem übergreifenden geschützten Raum, in dem bestimmte, allgemeine Spielregeln gelten. Die Titelheldin, Frau Jenny Treibel, die die Fäden zieht, ist ein Ausbund von Heuchelei, aber kein Bösewicht.

Schostakowitsch aber geht es in seiner Sinfonie tatsächlich um die Konstruktion einer ganzen Welt, und in diesem Welt-Bild spielen die destruktiven Kräfte eine zutiefst irritierende Rolle.

Man hat gesagt, dass der zweite Satz der 10. Sinfonie den teuflischen Charakter Stalins zeichnet, und dass das ganze Werk aus dem Jahre 1953 eine dynamische Antwort des mehrfach schwer gemaßregelten Komponisten auf den Tod Stalins war.

Wie dem auch sei: ich finde es frappierend zu entdecken, dass es offenbar in der Musik kein Abbild des Schrecklichen gibt, das nicht auch eine unheimliche Faszination ausstrahlt.

22) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr. 2 Zweiter Satz 4’25“

Der zweite Satz der Zehnten von Schostakowitsch.

So böse ist Frau Jenny Treibel nicht.

Noch einmal Fontane:

23) Bodo Primus liest Fontane S.129 (III): 

Die Commerzienrätin, die für gewöhnlich die politischen Gänge Treibels belächelte, wenn nicht beargwohnte – was auch vorkam – heute segnete sie Buggenhagen und war froh, ein paar Stunden allein sein zu können. Der Gang mit Wilibald hatte so vieles wieder in ihr angeregt. Die Gewißheit, sich verstanden zu sehen – es war doch eigentlich das Höhere. »Viele beneiden mich, aber was hab‘ ich am Ende? Stuck und Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersüßen Gesicht. Treibel ist gut, besonders auch gegen mich; aber die Prosa lastet bleischwer auf ihm, und wenn er es nicht empfindet, ich empfinde es … Und dabei Commerzienrätin und immer wieder Commerzienrätin. Es geht nun schon in das zehnte Jahr, und er rückt nicht höher hinauf, trotz aller Anstrengungen. Und wenn es so bleibt, und es wird so bleiben, so weiß ich wirklich nicht, ob nicht das andere, das auf Kunst und Wissenschaft deutet, doch einen feineren Klang hat. Ja, den hat es … Und mit den ewigen guten Verhältnissen! Ich kann doch auch nur eine Tasse Kaffee trinken, und wenn ich mich zu Bett lege, so kommt es darauf an, daß ich schlafe. Birkenmaser oder Nußbaum macht keinen Unterschied, aber Schlaf oder Nichtschlaf, das macht einen, und mitunter flieht mich der Schlaf, der des Lebens Bestes ist, weil er uns das Leben vergessen läßt … Und auch die Kinder wären anders. Wenn ich die Corinna ansehe, das sprüht alles von Lust und Leben, und wenn sie bloß so macht, so steckt sie meine beiden Jungen in die Tasche. Mit Otto ist nicht viel, und mit Leopold ist gar nichts.«

Jenny, während sie sich in süße Selbsttäuschungen wie diese versenkte, trat ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Straße. Drüben, im Hause gegenüber, hoch oben in der offenen Mansarde stand, wie ein Schattenriß in hellem Licht, eine Plätterin, die mit sicherer Hand über das Plättbrett hinfuhr – ja, es war ihr, als höre sie Mädchen singen. Der Commerzienrätin Auge mochte von dem anmutigen Bilde nicht lassen, und etwas wie wirklicher Neid überkam sie.

Sie sah erst fort, als sie bemerkte, daß hinter ihr die Thür ging. Es war Friedrich, der den Thee brachte. »Setzen Sie hin, Friedrich, und sagen Sie Fräulein Honig, es wäre nicht nötig.«

»Sehr wohl, Frau Commerzienrätin. Aber hier ist ein Brief«

»Ein Brief?« fuhr die Rätin heraus. »Von wem?«

»Vom jungen Herrn.«

»Von Leopold?«

»Ja, Frau Commerzienrätin … Und es wäre Antwort …«

»Brief … Antwort … Er ist nicht recht gescheidt,« und die Commerzienrätin riß das Kouvert auf und überflog den Inhalt. »Liebe Mama! Wenn es Dir irgend paßt, ich möchte heute noch eine kurze Unterredung mit Dir haben. Laß mich durch Friedrich wissen, ja oder nein. Dein Leopold.«

Jenny war derart betroffen, daß ihre sentimentalen Anwandlungen auf der Stelle hinschwanden. So viel stand fest, daß das alles nur etwas sehr Fatales bedeuten konnte. Sie raffte sich aber zusammen und sagte: »Sagen Sie Leopold, daß ich ihn erwarte.«

Das Zimmer Leopold’s lag über dem ihrigen; sie hörte deutlich, daß er rasch hin und her ging, und ein paar Schubkästen, mit einer ihm sonst nicht eigenen Lautheit, zuschob. Und gleich danach, wenn nicht alles täuschte, vernahm sie seinen Schritt auf der Treppe.

Sie hatte recht gehört, und nun trat er ein und wollte (sie stand noch in der Nähe des Fensters) durch die ganze Länge des Zimmers auf sie zuschreiten, um ihr die Hand zu küssen; der Blick aber, mit dem sie ihm begegnete, hatte etwas so Abwehrendes, daß er stehen blieb und sich verbeugte.

»Was bedeutet das, Leopold? Es ist jetzt Zehn, also nachtschlafende Zeit, und da schreibst Du mir ein Billet und willst mich sprechen. Es ist mir neu, daß Du ‚was auf der Seele hast, was keinen Aufschub bis morgen früh duldet. Was hast Du vor? Was willst Du?«

»Mich verheiraten, Mutter. ich habe mich verlobt.«

Die Commerzienrätin fuhr zurück, und ein Glück war es, daß das Fenster, an dem sie stand, ihr eine Lehne gab. Auf viel Gutes hatte sie nicht gerechnet, aber eine Verlobung über ihren Kopf weg, das war doch mehr, als sie gefürchtet. War es eine der Felgentreu’s? Sie hielt beide für dumme Dinger und die ganze Felgentreuerei für erheblich unterm Stand; er, der Alte, war Lageraufseher in einem großen Ledergeschäft gewesen und hatte schließlich die hübsche Wirtschaftsmamsell des Prinzipals, eines mit seiner weiblichen Umgebung oft wechselnden Wittwers, geheiratet. So hatte die Sache begonnen und ließ in ihren Augen viel zu wünschen übrig. Aber verglichen mit den Munks, war es noch lange das Schlimmste nicht, und so sagte sie denn: »Elfriede oder Blanca?«

»Keine von beiden.«

»Also .«

»Corinna.«

Das war zu viel. Jenny kam in ein halb ohnmächtiges Schwanken, und sie wäre, angesichts ihres Sohnes, zu Boden gefallen, wenn sie der schnell Herzuspringende nicht aufgefangen hätte.

MODERATION

Die Ohnmacht dauert nicht lange, Jenny Treibel ergreift die Initiative und sorgt für ein Ende dieser Flausen. Theodor Fontane.

Zurück zu Schostakowitsch.

Im dritten Satz der Sinfonie tauchen die Initialen des Komponisten auf: der Ton D für Dimitri und eS-C-H für Schostakowitsch, D – ES – C – H, was hat das zu bedeuten?

Ein merkwürdig lauernd dahinschlenzender Satz, – bis dieses Motiv erklingt, hell instrumentiert, gleich einem Lichtschein am Himmel. Und dann sinkt es allmählich in die Tiefe und wird in die Gemeinschaft aufgenommen. Oder gehe ich damit schon zu weit?

24) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr. 3 ab Anfang bis 2’02“

Ein weiteres Zeichen taucht auf: ein Hornruf, der sich nunmehr durch den ganzen Satz zieht, wie eine Antwort auf alle Fragen. Mit ihm verklingt der Satz denn auch, nur in den hohen Flöten noch der Ruf des Motivs D-S-C-H.

25) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr.3 ab 11’11“ bis 11’54“

Der letzte Satz ist ein Triumph dieses Motives, selbst die Pauken sind auf diese 4 Töne gestimmt, man hört sie in den letzten 10 Sekunden des Werkes mit solistischer Wucht.

Meine Damen und Herren, es wäre leicht, über diese vordergründige Selbstverklärung des Komponisten die Nase zu rümpfen. Wir werden doch wohl dem Genie den Triumph über den Diktator gerne zubilligen? Ich glaube aber, eine solche Deutung ist ohnehin zu simpel. Denn diese Fröhlichkeit grenzt zugleich an Leichtsinn und Wahnsinn, anders als im Schlusssatz von Beethovens Siebter.

Mir will heute keine Deutung gelingen. Vielleicht bis zum 25. November in der Philharmonie… Wussten Sie schon, dass die neue Saison des WDR-Sinfonieorchesters längst begonnen hat? Also bitte: freuen Sie sich!!!

26) 5026 445 0 Schostakowitsch: 10. Sinfonie Tr. 4 ab 10’28“ bis 12’12“

Das WDR Sinfonieorchester Köln mit dem Schluss der Zehnten Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch, hier unter Rudolf Barshai, demnächst, am 25. und 26. November, unter Semyon Bychkov in der Philharmonie Köln.

Und schon bald, am 2. Oktober gibt es dort eine kleine indische Nacht: „Indien leuchtet. Die junge Generation der indischen Musik“: die Sängerin Shubha Mudgal und Ensemble, der Sitar-Virtuose Purbayan Chatterjee und die Geigerin Kala Ramnath, die uns heute auch durch diese Sendung begleitet hat. (Musik)

Hier erreicht sie gleich den letzten und schnellsten Teil ihrer großen Improvisation im Raga Shuddh Sarang.

27) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 ab 34’36” bis 36:14

Aber vergessen wir nicht die Formel, aus der all dies hervorgewachsen ist: „Perspektivische Verkürzung“ stand über unseren Musikpassagen. (Musik)

In der Technik wirkte Timo Becker (Rheinklang Studio) , die Musikliste fürs Internet schreibt unser Produktionsassistent Johannes Zink, für Nachfragen bezüglich der genannten Konzerte, der Materialien für Pädagogen usw., für Lob, Kritik und Anregung ist unser Hörertelefon da, das zwar nicht kostenlos ist, aber entsprechend fleißig und zuverlässig.

Die Nummer kennen Sie, sie wird aber im Trailer gleich noch einmal genannt.

Am Mikrofon verabschiedet sich Jan Reichow, nicht ohne eine der mehrfach beschworenen Zauberformeln.

28) Kala Ramnath: Raga Shuddh Sarang Tr. 1 Anfang bis 2’09”

+ (wenn Zeit) Schostakowitsch-Anfang (ausblenden bis 1’05)

Bretagne JR c

West-Östliche Violine 1980 (ein Dokument)

Westöstliche Violine 1980 1 sw Das erste Kölner Geigenfestival 1980Westöstliche Violine 1980 2 sw Weitere Festivals 1984 und 1989

Frank GavinScreenshot Frank Gavin (1980) HIER

Westöstliche Violine 1980 3 sw

West-Östliche I Ostserbien b Ostserbische Geiger

Westöstliche Violine 1980 4 sw

West-Östliche I Ostserbien Dragutin Djurdjevic (M.)

Westöstliche Violine 1980 5 sw

West-Östliche Violine I Ägypten Metwally & Hefnawi

Westöstliche Violine 1980 6 sw

West-Östliche I Südindien Ramabhadran & Lalgudi Jayaraman

Schwarzweiß-Fotos: WDR 1980 / Farbfoto: Screenshot youtube (1980)

Die Organisatoren dieses ersten Violin-Festivals waren Herman Vuylsteke (BRT Brüssel), Pierre Toureille (Radio France Paris) und Jan Reichow (WDR Köln).

Violinfestival 1980

Zu El Hefnawi: das WDR-Foto ist offenbar längst auch in der arabischen Welt bekannt. Siehe hier. (Allerdings ohne Quellenangabe.)