Kategorie-Archiv: Medien

Humor und Tragik

Die Tageszeitung als Katalysator

Ein Beispiel: man wacht am Morgen auf und ist gut gelaunt, – ohne zu wissen warum. Man ist halt lebendiger als in der Nacht um eins, als man einschlief. Und noch beim Lesen der Zeitung sucht man nach Stoff, der zum Lebendigerfühlen passt, man bleibt hängen bei bestimmten Punkten der Synapsenbildung. In der SZ beginnend bei dem Namen (und dem Gesicht) „Glucksmann“, wie war der Vorname? André, das war der, dessen Buch ich damals nicht gelesen habe, es steht im Keller, am Klavier muss ich mich nur um 180 Grad drehen, um es aus dem Regal zu greifen. Über die Dummheit. Ich las es nicht, es war mir zu rechts (? – ein Geigenschüler hatte es mir geschenkt, um mich von Adorno zu lösen). Und nun der Sohn namens Raphaël (den ich bis dato nicht kannte).

Mit einer Ästhetisierung der Politik suche Macron den realen Machtverlust des Staatslenkers, der zusehends den Spielregeln der Märkte ausgesetzt ist, mehr zu überspielen als zu bekämpfen. Hinter seinem „enthusiastischen Konformismus“ werde paradoxerweise ein Mangel an politischer Ambition erkennbar.

Aus dieser kritischen Position heraus strebt Glucksmann ein linkes Gegenprogramm ökologischer Ausrichtung an. Das vorliegende Buch steckt dafür das Ideenfeld ab. Mit seinem Plädoyer für eine „tragische Ökologie“ beispielsweise will der Autor die Klima- und Umweltfrage aus der Perspektive abstrakter Hypothesen in den Horizont des „Tragischen“ überführen, in dem das Ende unserer Welt die höchstwahrscheinlich auf uns zukommende Lebensrealität ist.

Hat das mit der seltsamen Ästhetisierung des Katastrophischen zu tun, die ich vor einigen Tagen verwundert zur Kenntnis nahm, siehe Rauterberg hier? Mein Missverständnis wahrscheinlich, ich brauche mehr Text; es erinnerte mich eben noch an die Parade in Paris, auch YoYo Ma spielte, und zwar die tragische Sarabande aus der Bach-Suite C-moll:

Macron wollte die in Frankreich blockierten Energien freisetzen, sein Land aus dem rebellischen Abseits holen und den Gegebenheiten der Welt anpassen, ist nach Ansicht Gluckmanns aber unfähig, die von der Globalisierung verunsicherten Bevölkerungsschichten anzusprechen.

„Ihr seid  Zehntausende und ich sehe nur ein paar Gesichter“ – dieser vom jungen Präsidenten in der Wahlnacht vor zwei Jahren im Louvre an sein Publikum gerichtete Satz machte für Glucksmann Macrons Volksblindheit offensichtlich. Er spreche zu einer Vielzahl von „Ichs“, sei als Sprössling der individualistischen Revolution aber zu keiner anderen Vorstellung des „Wir“ fähig als jener, die spiegelbildlich aus der Eigeninszenierung  seiner Macht und aus der Beschwörung historischer Mythen hervorgehe.

Quelle Süddeutsche Zeitung 6. August 2019 Seite 11 Die leere Menge Jenseits von intellektueller Überheblichkeit und moralischer Rechthaberei: Raphaël Glucksmann versucht, den Gesellschaftsvertrag neu zu begründen / Von Joseph Haniman

Der andere „Stoff“ stand im Tageblatt und erinnerte mich merkwürdigerweise an das vor einigen Tage gesehene Youtube-Video, das Henryk M. Broder bei einer Rede vor der AfD zeigt und mir als eine von prekärem Witz gezeichnete Veranstaltung in Erinnerung blieb. Wie er, im peinlichsten Einvernehmen badend, die Klimakatastrophe ironisierte. Diese unkenntliche Vermischung von intellektueller Arroganz und André-Glucksmannscher Dummheit. Man möchte es vergessen, aber es bildet ein Schleife des Erinnerns. (Damals vor 40 Jahren im WDR, als eine Kollegin den offenbar undankbaren Broder als ihre „Entdeckung“ reklamierte.) Schließlich ein fast therapeutisches Thema – als Frucht der Sommerlocherntezeit – „Der Witz als Forschungsobjekt“.

Worüber gelacht wird, hängt sehr stark mit dem kulturellen Repertoire, dem kollektiven Gedächtnis und dem Selbstbild einer Gesellschaft zusammen. Deshalb könne der Humor auch ganz schnell kippen und etwas Beleidigendes und Verletzendes bekommen, wenn Beteiligte einen anderen kulturellen Hintergrund besäßen. Als Beispiel nennt der 45-Jährige den Karikaturenstreit. „Im Westen gehört es mittlerweile meist zum Standard, selbst religiöse Autoritäten zu verlachen. In muslimischen Ländern ist das aber ganz und gar nicht so.“ Da die Menschheit in einer globalisierten Welt lebe, würden die unterschiedlichen Humorkulturen heute sehr viel schneller aufeinanderprallen als noch vor 100 Jahren: „Dann wird aus Humor ganz schnell Verletzung, weil man selbst andere Tabutoleranzen hat.“

Doch in vielen Fällen lache die Welt gemeinsam über dieselben Sachen, meint Koch. [Beispiele Charlie Chaplin oder Mr. Bean].

Quelle Solinger Tageblatt 6. August 2019 Seite 23 Der Witz als Foschungsobjekt Humor kann durchaus eine ernste Sache sein. An der TU Dresden widmet sich ein Forscher Witzen mit viel Ernst. Für ihn [Lars Koch] gehören Humor und Lachen zum Menschen wie das Herz oder der Verstand. / Von Jörg Schurig.

Auf die Unterschiede kommt es letztlich an. Ob man eher über Mario Barth lacht oder über Olaf Schubert. Slavoj Žižek ist für mich erledigt, seit ich seine Witze kenne bzw. das ganze enthemmte Interview im SZ-Magazin vom 2. August; dabei nehme ich ein paar heikle Stellen aus, z.B. über die Korrektheit in der Sexualität, wo er verständlicherweise dem Mainstream vor den Kopf stoßen will. Ich meine auch nicht seinen leicht pöbelhaften Ton; dergleichen hat seltsamerweise Nietzsche salonfähig gemacht. Unerträglich eher, dass er die Kategorie „geschmackloser Witze“ bedient, selbst zu der Frage „Wo war Gott in Auschwitz“. Andererseits habe ich sein „Parallaxe“-Buch wieder vorgenommen (das einzige von Žižek, das ich besitze, aber nur kursorisch gelesen habe), – ich bin nicht sicher, ob er wirklich was von Musik versteht, oder nur das, was sich in zugeordneten Texten als „Narrativ“ anbietet. Seine Assoziationsketten und Gedankensprünge, scheint mir, suggerieren neben souveräner Themenbeherrschung die Neigung zu bloßer Selbstinszenierung.

Ende der 80er Jahre las man an manchen PKWs ein Spruchband, das witzig sein sollte: „Mein Auto fährt auch ohne Wald“. Wer weiß, ob sich das heute noch jemand trauen würde. Ich studiere als Korrektiv zu widersprüchlichen Zeitungsberichten parallel die beiden Büchlein von Paech (und Eppler), die später zum Thema werden sollen, aber angesichts des Hitzerekordes und des vertrocknenden Waldes macht man keine Witze mehr (außer vielleicht Henrik M. Broder), man greift wieder einmal nach dem Strohhalm, oder ich darf sogar sagen: Strohbaum. Zitat aus der NZZ:

In der langen Lebensdauer eines Baumes von 150 Jahren wechselten sich immer wieder schlechte mit guten Jahren ab. So war zum Beispiel 2017 ein sehr gutes Jahr für das Wachstum. Und auch 2018 konnten viele Bäume nach einer «Sommerpause» noch Holz bilden. Sanders [Tanja Sanders, Leiterin des Arbeitsbereichs Waldökologie und Biodiversität am Thünen-Institut in Eberswalde]   mag jedenfalls nicht von einem Waldsterben sprechen, sondern nennt es ein Baumsterben.

Baumsterben statt Waldsterben

Der Wald wird in Mitteleuropa nicht grossflächig verschwinden. Trotzdem sei die Lage vieler Waldeigentümer angespannt, gibt Peter Elsasser vom Thünen-Institut für internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie in Hamburg zu bedenken. Er erklärt das an einem Beispiel: Wenn in einem Wald Bäume im Mittel hundert Jahre alt werden, kann jedes Jahr 1 Prozent geerntet werden, damit er im Gleichgewicht bleibt. Wenn nun wie letztes Jahr rund 0,5 Prozent der Bäume absterben oder geschädigt werden, ist das für den Wald selbst noch verkraftbar. Für die Waldbesitzer heisse dies aber, dass sie auf die Hälfte des kompletten Jahresumsatzes verzichten müssten.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung 6.8.2019 Deutschland beklagt das «Waldsterben 2.0», aber wie schlecht geht es dem Wald wirklich? In Mitteleuropa nehmen die Waldschäden zu. Deutsche Waldbesitzer sprechen bereits von einer «Jahrhundertkatastrophe», ihre Schweizer Kollegen sind nervös. Experten sprechen jedoch lieber von einem Baum- statt einem Waldsterben. / Von Christoph Eisenring, Berlin.

Nachtrag: siehe dazu auch: DIE ZEIT 8. August 2019 (online hierSelbst ist der Wald Die aktuelle Forstpolitik droht alte Fehler zu wiederholen / Von Fritz Habekuss

Sie erraten es, inzwischen habe ich im Keller Klavier geübt (Brahms op.117 Nr.2) und bin mit dem Buch von André Glucksmann zurückgekehrt. Es war damals (1985) eine Dummheit, es nicht zu lesen, oder jedenfalls nur in Stichproben. Seite 167 sehe ich einen wunderbaren Vorspruch, der von Immanuel Kant stammen soll:

Voltaire sagt, der Himmel habe uns zum Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge gegeben: die Hoffnung und den Schlaf. Er hätte noch das Lachen dazu rechnen können; wenn die Mittel es bei Vernünftigen zu erregen nur so leicht bei der Hand  wären, und der Witz oder die Originalität der Laune, die dazu erforderlich sind, nicht eben so selten wären, als häufig das Talent ist, kopfbrechend wie mystische Grübler, halsbrechend wie Genies, oder herzbrechend wie empfindsame Romanschreiber (auch wohl dergleichen Moralisten) zu dichten.

Glucksmann hat das Zitat aus der Kritik der Urteilskraft, dank Google leicht zu finden: hier.

Vorgestern, am Sonntagmorgen habe ich mein Elternhaus (seit 1954) in Bielefeld wieder aufgesucht, stark verändert durch den metallenen Zugang, aber praktischer als damals (wir betraten das Haus von der Giebelseite her durch den Keller). Mein Zimmer ganz oben links, das Fenster ist durch Blätter verdeckt. Gern hätte ich die junge Dame dort gefragt, ob im Mai die Nachtigall noch oben im Garten singt, aber die Antwort hätte wohl nicht in ihr Handy-Gespräch gepasst.

 Foto: E.Reichow

Es ist nicht die Veränderung, die mich schlagartig traurig stimmt, es ist die Erinnerung an das Glück der 50er Jahre, das auf letztlich ganz unbegründeten Hoffnungen beruhte. Mein Vater starb, aber die Zukunft schien glänzend.

Lieber will ich – näher an der Realität – weiterlesen:

Wer je das Wort „Tragik der Allmende“ richtig begriffen hat (siehe auch hier), wird erschrecken, wenn er allenthalben einer ähnlichen Aporie bei scheinbar aussichtsreichen Neuerungen begegnet. Gleich folgt eine Beispielseite aus dem danach abgebildeten Buch. Es geht um Nebenwirkungen innovativer, durchaus intelligenter Entwürfe, nach deren Umsetzung es plötzlich für Korrekturen zu spät ist: [ZITAT] erstens weil die bereits eingetretenen ökologischen und gesundheitlichen Schäden nicht mehr rückgängig zu machen sind, zweitens [und nun lesen Sie bitte im Scan weiter: insbesondere den Satz von den Verwertungsinteressen, die sich herausgebildet haben und sich bestens zu verteidigen wissen, sowie von der unverzichtbaren Symbolik für individuelle Selbstdarstellung! Es ist völlig klar, dass sich auch hier das Wort TRAGIK einstellen wird:]

Ich hatte in einem früheren Blogbeitrag bereits einen erhellenden Vortrag von Niko Paech verlinkt und tue es hier noch einmal, um an einem allzu selbstgefälligen Kulturbewusstsein zu rütteln, das auch mir – so fürchte ich – nicht fremd ist; und neuerdings bedient es sich argumentativ bei Niko Paech, wenn ich mich nicht irre. Ich lese bei dem hochgeschätzten Hanno Rauterberg:

Kann eine Kunst, die das Gute und Richtige propagiert, mehr sein als ästhetischer Ablasshandel?

Niemand der die Biennale in Venedig besucht, die gerade ganz im Zeichen des Klimawandels steht, muss erst davon überzeugt werden, dass Plastik im Meer nichts zu suchen hat. […]

Wenn sich aber Künstler und Publikum so wunderbar einig sind, entwickelt die Kunst weniger eine aufklärende als eine besänftigende Wirkung. Der Besucher investiert Geld und Zeit, um die Werke zu betrachten, und bekommt im Gegenzug das gute Gefühl vermittelt, selbst keiner der geschmähten Touristen zu sein, sondern etwas ganz anderes, etwas Besseres: ein Reisender in Sachen Kultur, der garantiert auf der richtigen Seite steht. Gerade dieses Wohlgefühl ist natürlich die beste Voraussetzung dafür, dass alles schön beim Alten bleibt.

Wie wirkungslos eine sozial und politisch gepolte Kunst in der Regel ist, zeigt sich bereits daran, dass Künstler-Appelle grundsätzlich nur die anderen meinen. Diese anderen sind es, nicht die Künstler selbst, auch nicht die Museen, Theater oder Filmstudios, die sich ganz dringend ändern sollen. Es gilt die alte Regel: Je moralisierender das Pathos der Kunst, desto schwächer die Bereitschaft zur Selbstkritik.

(Bemerken Sie, wie schlau ich vor diesem Zitat Selbstkritik habe aufleuchten lassen, um ja nicht selbst in die Schusslinie zu geraten!? Und nun folgt die Quelle des Zitates, danach aber gleich die Fundstelle im Paech-Vortrag, an der der Mechanismus mit der Selbstreinigung durch Ablasshandel studiert werden kann.)

Quelle DIE ZEIT 1. August 2019 Seite 33 Die Kunst der Scheinheiligkeit Natürlich ist die Kulturwelt ganz entschieden für den Klimaschutz – und produziert doch Treibhausgase in gigantischem Ausmaß. Ist das der Preis der Weltläufigkeit? Von Hanno Rauterberg.

Und nun noch einmal – Stichwort Ablasshandel – der Link in den Paech-Vortrag HIER , gehen Sie dort aber gleich auf den Punkt 24:12, Textbeginn „Vor 500 Jahren hat Martin Luther den Anschlag zu Wittenberg verübt“.

Nachtrag zum Rebound-Effekt 

Der wurde schon 1865 von einem britischen Wirtschaftswissenschaftler entdeckt. Die Wirkungsweise ist simpel: Alles, was eingespart wird, wird woanders investoiert. Unternehmen steigern ihren Umsatz, die Profite stecken sie in die Entwicklung neuer Produkte oder in die internationale Ausdehnung, was wiederum mehr Nachfrage zur Folge hat. Und Konsumenten sparen durch Effizienzsteigerung Kosten: Wer ein Elektroauto fährt, spart Benzin. Und was macht er oder sie mit dem Gesparten? Es wird höchstwahrscheinlich in ein anderes Konsumgut gesteckt. Effizienzsteigerung führt zu noch mehr Konsum. (…)

Niemand weiß, wie Wohlstand ohne Wachstum aussähe. Allerdings weiß auch niemand, wie eine durch Erhitzung der Atmosphäre veränderte Natur sich auf die Wirtschaft auswirken wird. Tatsache ist, dass Effizienzsteigerung bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum allein nicht zur Reduktion von CO²-Emissionen geführt hat, und wenn es in der Vergangenheit nie funktioniert hat, taugt es vermutlich auch nicht ohne Weiteres als Zukunftsmodell.

Quelle DIE ZEIT 8. August 2019 Seite 3 Der Schein trügt Die Grünen nennen ihre Politik gern radikal. Wer das glaubt, sollte mal ihr Programm lesen. Wenn es verwirklicht wird, ändert sich: Nicht viel / Von Elisabeth Raether

Anschließend wäre noch zu empfehlen: das Gespräch zwischen Cem Özdemir und VW-Chef Herbert Diess, – der in einzigartiger Logik darlegt, weshalb er möglichst viele SUVs verkaufen muss, um sich die Entwicklung des extrem klimafreundlichen Elektroautos leisten zu können.

Quelle DIE ZEIT 1. August 2019 Seite 20 Ist das Auto schuld am Klimawandel ? Der Grünen-Politiker Cem Özdemir und VW-Chef Herbert Diess über SUVs, das Ende des Verbrenners und die dreckige Seite der E-Mobilität. [Online abzurufen hier.]

Heute, am 7. August 2019, lese ich noch etwas anderes, an die Stelle des oben erwähnten Vitalprotzes Žižek tritt eine Frau, deren Namen ich bisher nicht kannte, 1937 als Tochter jüdischer Eltern im algerischen Oran geboren, seit 1955 in Paris lebend.

Natürlich ist es wichtig, dass Frauen schreiben. Aber, und das ist etwas, das ich schon im Lachen der Medusa schrieb, jede große Literatur hat Merkmale dieser Weiblichkeit, egal ob sie von einer Frau oder einem Mann unterschrieben ist. Das ist das Geheimnis des Schreibens. Meine persönliche Bibliothek ist voller lebender Toter, sie schreiben alle, sie erschaffen alle Figuren, die so kraftvoll menschlich sind. Sehen Sie zum Beispiel Dostojewski an: Im echten Leben war er ein Mann mit allen Schwächen des Mannes, der vollkommen von seiner Frau abhängig war, die sein Überleben gesichert hat. In seinem Schreiben wird dieser Mann Nastassja Filippowna – eine Frau unter Frauen, mit all dem Begehren und der Verzweiflung echter Frauen. Das ist das Wunder des Schreibens. Aber es gibt nur wenige Schreibende, die dieses Menschliche schaffen können, die diese vollständige Öffnung vollziehen können, der immer eine Weiblichkeit zugrunde liegt.

Quelle DIE ZEIT 8.August 2019 Seite 37 Ist die Frage nach der Frau noch wichtig? Ein Gespräch mit der Pariser Philosophin und Schriftstellerin Hélène Cixous. Von Anna Gien. [Über Das Lachen der Medusa siehe hier]

In derselben Viertelstunde lese ich in der Süddeutschen den Text einer Schriftstellerin, die 1981 in Petersburg geboren ist und als Kind nach Deutschland kam.

 Eine schwäbische Kleinstadt, die vierte Klasse, Mai 1992: Ich verstehe Mathe – die Zahlen – und Musik – die Noten. Sonst verstehe ich nichts. Deutsch, Heimat- und Sachkunde, und was man sonst in der Grundschule so lernt, sind keine Fächer, weil sie Farben sind. Das sehe ich, erst verwundert, dann bewundernd. Jedes Fach scheint einen andersfarbigen Heftumschlag zu haben. (…)

In Mathe schreibe ich geliebte Zahlen, sie ergeben einen Sinn. Ich schreibe die Lösungen so schnell herunter, dass es dem Lehrer auffällt, der mich an die Tafel ruft. Dorthin schreibt er eine Aufgabe, die schwieriger ist, als was wir bis eben gerechnet haben. Das Ergebnis weiß ich, ich grabe in meinen Deutschkenntnissen nach den deutschen Zahlen. „Fünfunddreissig“, sage ich, ich flüstere es. Die Sprache muss ich noch lernen, und die Lautstärke muss ich noch lernen. Und erst recht „ich“ in dieser Sprache sagen. Der Lehrer sagt nichts. Ich sage auch nichts, ich rechne noch einmal im Kopf. Und noch einmal, obwohl das Ergebnis stimmt. Da drückt er mir die Kreide in die Hand, ich soll die Zahl an die Tafel schreiben.

Es ist klar, wie die Geschichte endet. ich schreibe das richtige Ergebnis, die Dreiundfünfzig an die Tafel, das soll mal einer verstehen, warum die Deutschen die Zahlen richtig herum schreiben, aber falsch herum aussprechen. Da klatscht der Lehrer, dann klatschen sie alle, die Deutschen klatschen, für mich. Die Deutschen, unter denen mehrere türkisch-, polnisch-, kroatisch- und so weiter-stämmige Schüler und Schülerinnen sitzen, aber auch das verstehe ich noch nicht. Der Lehrer schickt mich von Tisch zu Tisch, ich soll den anderen beim Rechnen helfen. Er nennt mich Matheexpertin. Er fragt herum, ob jemand dem Schriftstellerklub beitreten will, den er heute mit mir begründet habe.

Quelle Süddeutsche Zeitung 8. August 2019 Seite 9 Vierte Klasse, keine Deutschkenntnisse Wie ich eine schwäbische Grundschule überstand und Schriftstellerin wurde. Von Lena Gorelik.

 SZ 6. August 2019 Seite 12 (Sofia Glasl)

Gestern fragte ich C.A. per Mail, was sie von diesem neuen Buch über Tango halte, heute antwortet Hélène Cissoux in der ZEIT (Quelle s.o.):

In den letzten Jahren, wenn mich eine Arbeit – und es ist immer die ganze Arbeit, nicht ein einzelnes Buch – aufgewühlt hat, waren es leider immer Werke von Männern. Der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes war eine Offenbarung für mich. Er ist mir nicht so nahe wie Clarice. Antunes ist ein Psychiater, und seine Welt ist nicht meine Welt. Es ist eine Welt voller Gewalt und Sex, aber sein Schreiben ist absolut herausragend.

Das heißt: wenn gleich geöffnet sein wird, rufe ich meine Buchhandlung an: bitte gleich zweimal für mich (und meine Tochter XX). Siehe hier.

 das Bielefelder Elternhaus am 4. August 2019

Die Holzwand müsste tiefbraun sein, nicht schmutzig-weiß. Da oben, hinter den Rosen, am Hang der Promenade, die bis zur Sparrenburg führt, sang im Frühling die Nachtigall. Im Verandazimmer starb 1965 meine Loher Großmutter in den Armen meiner Mutter.

 Handy-Fotos: JR

Der Garten, der weiter oben schon in Wildnis überging, am vergangenen Sonntag noch wie vor 60 Jahren, gehörte zu den prägenden Erinnerungen. Was ich heute hier bei uns sehen will, ist nichts anderes als eine erweiterte Reminiszenz der Verhältnisse damals. Entscheidendes Kriterium, – was ich höre: wieviel Vögel singen. (Die Nachtigall fehlt in Solingen.)

 die Loher Großeltern 1964

An der Wand der Sohn, seit 1944 in Russland vermisst. Sie warteten immer noch auf ihn. Eines Tages in den 50ern hatten sie jemand bestellt, der einen Ring über dem Foto pendeln ließ, das Ergebnis war positiv… (die Realität nicht).

Vom Imperiengeschäft

… nicht nur zu anheimelnden Kulissen

Editorial von Cecilia Aguirre (Folker Juli 2019)

Sommerzeit ist Lektürezeit. Gerade amüsiere ich mich mit dem durchgeknallten A&R-Manager Steven Stelfox aus John Nivens Roman Kill ’em All. Die bissige Satire ist nichts für zarte Gemüter und leuchtet das Musikbusiness mit all seinen Schattenseiten grell aus: Koks, Geldgier, Geil- und Dumpfheit. Parallel blättere ich in Nivens Erstlingswerk Music from Big Pink. Der Autor verlegt die Szenerie nach Woodstock, wo sich diverse Musiker um den in der Nähe lebenden Bob Dylan gruppieren. Es entsteht The Band! Stilistisch ist Nivens Debüt unbeholfener, aber es steckt voller Musikzitate aus den Endsechzigern und eignet sich wunderbar zum akustischen Rekapitulieren: Levon Helms handfestes Folkwerk Dirt Farmer (2007) oder Bob Dylans sprödes Album John Wesley Harding (1967) mit Textzeilen wie „I pity the poor immigrant who wishes he would’ve stayed home“.
„Jeder zieht jeden über den Tisch“, kommentiert John Niven in seiner Nachschau lapidar die Musikindustrie, und Berthold Seliger belegt dies in seinem aktuellen Buch Vom Imperiumgeschäft: Konzerte – Festivals – Streaming – Soziales. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören (Edition Tiamat, 2019). Schon Das Geschäft mit der Musik – ein Insiderbericht (Edition Tiamat, 2013) las sich wie ein Krimi, trotz der nüchternen Akkumulation von endlosen Zahlen und Fakten. Seliger schließt an, und weiter geht’s mit den Machenschaften der drei Großkonzerne, die das weltweite Live-Geschäft krakenförmig einkreisen: AEG, CTS Eventim und Live Nation. Das Imperium schlägt zu und verschlingt seine Kinder. Dabei verweist Seliger – wie Niven in seinen Romanen – auf die Parallelen zwischen der Musikindustrie und dem Drogenhandel: Bei beiden heiligt der Zweck die Mittel. Die sind auch illegal recht. Wie anheimelnd wirken da unsere Folker-Kulissen, zum Beispiel in Bremen, bei einer Irish Session (S. 56-58). Da blinkt die Gemütlichkeit durch die Butzenscheiben eines Gasthauses, während virtuos beschwingte Fiddletunes erklingen. Der Multiinstrumentalist Albin Brun begibt sich mit seinem Schwyzerörgeli ins schnuckelige Altdorf (Kanton Uri, Schweiz) zum diesjährigen Alpentöne-Festival (S. 38-40). Und die vier Jungs von Bukahara haben sowieso nur den Weltfrieden im Sinn (S. 26-29). Was sonst?
Entspannte Lektüre

Cecilia Aguirre

(Foto: Luisa Aguirre) Weiter zur Zeitschrift Folker hier.

 Hier (der erwähnte Titel)

Zum SPIEGEL-Gespräch mit John Niven hier.

Zu Berthold Seligers Buch „Vom Imperiengeschäft“ hier.

Nachtrag 27. Juli 2019 Ein Interview mit Berthold Seliger über sein Buch auf Telepolis – Statt „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“ nun „Private Equity & Hedgefonds & Brands’n’Sponsoring“ HIER

Qui saura, Ruanda?

Ein Tag wie jeder andere

Fängt an mit Zeitunglesen, und wenn das Tageblatt durch ist, dann liegt da immer noch die ZEIT seit letzter Woche, vieles ungelesen, vorgemerkt der Artikel „Wenn künstliche Intelligenz Musik macht“, Obertitel irgendwas mit Sinatra. Aber dann bleibe ich hier hängen, wegen Ruanda, höre jedoch nach ein paar Minuten auf, weil ich es nicht so extrem narrativ haben möchte und begebe mich in mein Arbeitszimmer bzw. das obere, wo der Computer steht (nicht in das untere, wo die Bratsche liegt und … die Tür in den Garten hinausführt). Aber was mir nachgeht, ist der Liedtitel, der mir nicht ganz unbekannt war. Soll ich mir das „in echt“ anhören? HIER. Gut, sogar zweimal, ich versuche den Text zu verstehen, der Leo-Sprachdienst liefert das ganze Lied auf einen Schlag, und zwar akzeptabel. Und der Ohrwurm für den Rest des Tages hat sich schon eingehakt. Wer wird es wissen, wer wird es wissen, wer wird es wissen, wer wird es wissen, wer wird es wissen? Wer wird mich dazu bringen, es zu vergessen? Sag es mir. Mein einziger Grund zu leben. Versuch es mir zu sagen. Wer wird es wissen, wer wird es wissen, ja, wer wird es wissen? Es-dur für 2 oder 3 Strophen, Rückung: F-dur, Rückung: Fis-dur, Rückung: A-dur – und dies bleibt bis Ende (mit Blende).

Dann Ruanda, Wikipedia, ein langer Artikel, ich denke an die Trommler von Burundi, soll ich mich damit noch einmal befassen? aber zunächst mal weiter: zum Kern der Sache, wie kam es zu dem Völkermord? Ein gigantischer Artikel – was für ein Inhalt, und nicht zu begreifen! Oder doch, wenigstens in den Einzelschritten? HIER.

Am Ende lese ich auch:

Der Roman Hundert Tage des Dramatikers Lukas Bärfuss befasst sich mit den Ereignissen aus der Sicht eines Schweizer Entwicklungshelfers (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) in Ruanda und der Rolle der Entwicklungshilfe; diese habe über Jahrzehnte das Regime Habyarimanas ungeachtet der Korruption und der menschenrechtlichen Defizite unterstützt und damit den Völkermord mitermöglicht.

Gestern hörte ich, dass Lukas Bärfuss den Büchner-Preis erhält. Ich kannte nicht einmal den Namen.

Die Schriftstellerin Nora Bossong erinnert sich bei dem Schlager Qui saura an einen anderen französischen Satz, der ihr immer wieder in den Sinn kommt: Dans ces pays-là, un génocide n’est pas très important. ZITAT:

Der Satz über den Genozid stammt vom damaligen Präsidenten François Mitterrand, und das Chanson wurde von Mike Brant gesungen. Dass Moshe Brand der eigentliche Name des Sängers ist und er zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurde als Sohn einer Auschwitz-Überlebenden, lese ich am nächsten Vormittag, meinen Laptop auf den Knien, über mir läuft der Fernseher. Ruanda sei eine Familie, erklärt Präsident Paul Kagame vor den Kameras im Kongresszentrum, dessen Kuppel ich in der Ferne durch mein Fenster sehen kann. Aus dem Nachbarzimmer dringt lautes Stöhnen, Sex gegen die staatlich verordnete Pflicht des Erinnerns, ein schmaler Riss in der Trauerflagge, die über dem ganzen Land hängt. „Existieren in einem Zustand anhaltenden Gedenkens“, so nennt Kagame es in seiner Rede, und er spricht von der jungen Generation, die den Völkermord nicht mehr selber erlebt hat, von den fast 60 Prozent der Ruander, die erst nach den 100 Tagen auf die Welt kamen, in denen sich das Land in eine menschengemachte Hölle verwandelte. Die Einigkeit über alle Gräben hinweg, über das Schweigen der einen und die Verzweiflung der anderen hinweg, das ist es, was in diesen Tagen wie ein Mantra wiederholt und beschworen wird, als Grundlage dafür der Generationenwechsel nach einem Vierteljahrhundert, aber was sind schon zweieinhalb Jahrzehnte. Etwas mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Befreiung von Auschwitz, im Jahre 1972, wurde Brants Chanson zu einem großen Erfolg. Drei Jahre später sprang der Sänger aus dem sechsten Stock eines Pariser Hauses und nahm sich so das Leben.

Quelle DIE ZEIT 4. Juli 2019 Seite 39 Was sind schon 25 Jahre? Im Juli 1994 endete der Völkermord in Ruanda. Wie schaffen es Opfer und Täter, heute miteinander zu leben? Eine Reise durch ein Land, das geradezu unheimlich gut funktioniert. Von Nora Bossong.

Harald Schmidt ohne Schnitt

Warum vermisst man ihn?

Man könnte sagen: er ist entspannter (oder umgekehrt: steht mehr unter Strom) denn je, hier hat er Heimvorteil, der Vfb ist ihm egal, Nürtingen ist nicht weit, nur was Hegel angeht, hat er nicht richtig aufgepasst: der Satz über die Heimat stammt von Herder („Heimat ist das, wo man sich nicht erklären muss“), aber das weiß ich auch nur aus den (lesenswerten) angehängten Fan-Stimmen. Ich erwähne sie, weil sie den Interviewer nicht aufs Korn nehmen, sondern Geschmack zeigen und ihn auch sehr nett zitieren: „Niemand darf wegen seines schlechten Geschmacks bevorzugt werden.“

1:31 Was bedeutet denn Heimat für Sie? Hegel, Hansi Hinterseer („Heimat ist, wo dich der Nachbar grüßt.“) 2:20 Nürtingen („da kommen ja die Storys her.“) Autokennzeichen NT, LEO, Backnang BK, („niemand darf wegen seines schlechten Geschmacks…“) 4:04 ab September „Echt Schmidt“ im Schauspielhaus, 5:24 Werbung in Late-Night? 5:56 „Gibts etwas aus der Zeit, was Sie vermissen?“ Warm  up! „Mein Gast steht im Mittelpunkt?“ Ja, wo sinmer denn!? Wolln Sie mich fragen, wer mein Lieblingsgast war? 7:11 Vfb Stuttgart. Manuel Andrack, Helmut Zerlett. Kein privater Kontakt: „Es muss alles in der Show kanalisiert werden.“ 9:35 Satz vollenden… 12:00 Polizei. Karneval. 14:30 Anbiederung über Youtube. 14:40 Rezo: „Unfassbar schlecht von der Performance (her)“. Autoindustrie. Über Fernsehen. Durchschnittsalter der Zuschauer. 19:10 Böhmermanns Film mit Sahra Wagenknecht für H.Schm.-Show. „Ich wusste, dass er es als Moderator nie schaffen wird, aber als Krawallschachtel…“ 19:50 Nur ins ZDF nach Mitternacht? Late Night Deutschland oder USA 21:00 nur New York und Los Angeles. Funktioniert nur täglich! „Late Night in D ist tot!“ Sätze, die so’n Format killen. 23:00 Erfolgreichste Quote, die wir jemals hatten. Porsche mit Zerlett. Kreuzfahrtdirektor. „Wenn das E-Auto kommt, ist Schluss mit billigen Kleinwagen.“ 24:54 Parteienveränderung. „Die Grünen sind die neue CDU.“ Kerzenschein? Briefe? Vfb warum? „Game of Thrones hab ich noch komplett vor mir, da weiß ich, muss ich durchkucken. Im Winter mal nachts wird das durchgezogen.“ 30:46 Liebster Gast? Bowie, Iggy Pop, Anne-Sophie Mutter (s.u.) und 31:04 Helmut Berger! 32:25 Angela Merkel-Fan. Wäre vor der Kamera völlig uninteressant. „Ja zu deutschem Wasser.“ 37:30 Schauspielhaus. 39:37 „Der dümmste Satz! Morbus Plasberg (…) Ich freu mich auf Sie!“ 40:55 Fragen aus dem Off: Berge oder Meer? 41:30 „Only jellyfishes this year!“ (Quallen). „Die Leute haben gar nichts zu tun mit dem Klima, weil sie erstmal kucken, wie sie überleben.“ ACHTUNG beim Zuhören!! ab 42:00 Schreckensschrei! 43:20 Nochmals Rezo (= „armseliger Performer“). „Was da inhaltlich neu gewesen sein soll, erschließt sich mir nicht.“ „Nix, was man nicht in der Stuttgarter Zeitung hat lesen können.“ (Auffällig tendenziös in diesem einen Fall. Warum kommt er auf Rezo zurück, um nochmal dasselbe zu sagen?)

*    *    *

Das Rezo-Video hier. (Bis heute 15.507.276 Aufrufe!)

Harald Schmidt 2009 u.a. mit Anne-Sophie Mutter hier (ab 29:39) (übers Üben, nicht jeden Tag! sonderbar, was sie über Mendelssohn sagt: „unterschätzt, weil er im Zweiten Weltkrieg…? …getaufter Jude, der Bach wiederentdeckte…“ waas? will sie nicht Hitlerzeit sagen? Antisemitismus? War es nur der böse Krieg?)

Böhmermanns Beitrag mit Sahra Wagenknecht hier. Nicht zu fassen… Zum Ausgleich die ebenso hastige wie ausführliche Abfrage bei Schmidt: hier, ab 7:25 über Marx: „interessante, hilfreiche Analysemittel“, und: „so wollen wir ihn garantiert nicht wieder umsetzen“. Für alle Fälle gebe ich zu, dass ich gerade ihr Buch über Hegel (missverstanden vom frühen Marx) durcharbeite: ich hatte schon vorher großen Respekt!)

Gut (und richtig), was Harald Schmidt über Jan Böhmermann sagt. Eine „Krawallschachtel“. Ja, und ich füge hinzu: vor allem – dieser ist im Vergleich zu H.S. zu wenig witzig. Ähnlich wie mein Opa, der – wenn er gut aufgelegt war – eher höhnisch wurde und selbst alte Freunde in die Pfanne haute.

Und jetzt folgt Werbung! (Bei mir gratis!) In diesem Sinne:

„Ich freu mich auf Sie!“

*    *    *

Eine kritische Stellungnahme zu diesem Blog-Beitrag kam per Mail von einer Bekannten, Prof. Große-Söhnermann: 

Habe gerade Deine Verarbeitung des Schmidt-Interviews gelesen - das ich
als Württembergerin ja auch amüsant und lehrreich fand. Im Falle der
Bemerkungen über Böhmermann gehst Du aber glaube ich in die Falle des
Outsider-/Insider-Vexierspiels. M.E. ist völlig klar, dass Kollegen in
diesem Metier übereinander - geschweige denn über die Inhalte der
Profession selbst - nichts auch nur annähernd Ernsthaftes öffentlich
verbreiten. Will sagen: die Aussagekraft von "Krawallschachtel"
erschöpft sich völlig in der bizarren, unzeitgemäßen Wortwahl. (Wenn Du
Dich an die Episode mit Oliver Pocher als Sidekick oder wie das heißt
erinnerst, das war ja auch ein ständiges latentes Machtspiel, das seinen
Reiz für die Zuschauer aus sich als solchem bezog und nicht aus dem
tatsächlichen Niveauunterschied - der wäre viel schneller uninteressant
geworden.) Die Äußerungen über Böhmermann - ebenso wie, deutlich
desinteressierter, über Joko & Klaas & Co., sind einfach diskursives
Säbelrasseln, denn was er über die Qualitäten und Ansprüche von
Late-Night-Shows denkt, er (Schmidt), es ist auf der Ebene der
Medienöffentlichkeitsrivalität völlig unerheblich. Er würde sich nicht
die Blöße geben, es "im Ernst" nötig zu haben, einem Kollegen ans Bein
zu pinkeln.

Mit den - ja eigenartigerweise oder bezeichnenderweise? wiederholten -
Bemerkungen über Rezo verhält es sich auch, glaube ich (!), nicht
einfach faktisch im Sinne einer Aussage von A über B. Schmidt weiß doch,
während er es ausspricht, dass sein Urteil ebensowenig wie das von AKK
oder den anderen verschreckten Berufspolitikern die Wirkungsebene überhaupt
berührt, auf der sich "Rezo" als Phänomen abspielt.

Auch das ist Säbelrasseln, aber auf verlorenem Posten; es ist allenfalls
Teil von Schmidts Medieninstinkt zur Sympathiengewinnung durch
("bessere") Formulierung dessen, was jeden nicht
aufmerksamkeitsdefizitären Rezo-Zuschauer auch nervt. Was aber noch
lange nicht heißt, dass Schmidt hier außergewöhnliche Urteilskraft
hätte. Er hat ein Podium, aber (wie ja auch Deine Klickzahl belegt)
ein vergleichsweise kleines.

Die Stärken des Schmidt-Interviews liegen ja, da waren wir uns sowieso
einig, in anderen Punkten. (Ich wollte nur nochmal auf die
Nicht-Aussagekraft der Bemerkungen zu Böhmermann hinweisen, da sie mir
in Deiner Zusammenfassung wie echte Aussagen vorkamen.)

Danke! Zur Klickzahl: Rezo am 8. Juli 15.507.276 Aufrufe, heute (am 21. Juli) 15.605.869. Schmidt heute 183.144 Aufrufe. Dieser Blogbeitrag bis heute: 32, ein anderer („Wozu Musikwissenschaft?“ seit 3. Juli) 56. Das muss den Urheber nicht irritieren: es gibt halt Themen, Inhalte und Tonfälle, die man selbst guten Freunden im Alltagsgespräch nicht zumuten würde. Gründliche (monologische) Erklärungen mögen willkommen sein, wenn die anderen sie lesen können (nicht anhören müssen).  Eine bloße Unterhaltung jedoch sollte eigentlich immer – unterhaltend bleiben. Für beide Seiten!

Im Radio, auf Youtube (und bei Bloglesern) darf man auf Seiten der Rezipienten sowieso Freiwilligkeit voraussetzen. Und die bloße Anzahl der Klicks sagt nichts über Verweildauer und Gründlichkeit des Besuchs…

Nach Harald Schmidts Solo-Auftritt in Stuttgart

ZITAT

(…) Der Abend dient einerseits der Bewältigung (oder Feier) von peinlicher persönlicher Vergangenheit und andererseits der Bewältigung tagespolitischer Zumutungen.

In den stehengebliebenen Bierzeltkulissen der Italienischen Nacht geht Schmidt umher, als sei er ein Dozent, der uns anhand der Ruinen deutscher Geschichte sein Weltbild erläutert. Er assoziiert nicht frei, erweckt aber immer wieder auf geniale Weise den Eindruck, dies sei seine Arbeitsmethode. In Wahrheit, so sagt er selbst, gebe es keine Schlagfertigkeit, sondern nur gute Vorbereitung. Hier gilt ein Satz von Rudi Carrell, den Schmidt voller Ehrfurcht zitiert: „Damit du was ausm Ellenbogen schütteln kannst, musst du vorher was reingetan haben.“ Bisweilen wirkt er wie eine Figur von Thomas Bernhard, die im letzten Monolog angekommen ist: einer, der unsere Gegenwart als etwas tief Vergangenes betrachtet und sie, aus einem idealen Jenseits heraus, mit dem Spott dessen übergießt, der halbwegs heil hinübergekommen ist. Was den Figuren in Bieitos Inszenierung der Italienischen Nacht noch bevorsteht, ist hier schon, wie alles andere, was damals folgte, verschmerzt und verarbeitet: zum Pointenmaterial eines Bildungsmelancholikers, der der Nachwelt zugehört und uns in ihr begrüßt, als wäre er ihr Honorarkonsul.

Quelle DIE ZEIT 2. Oktober 2019 Seite 59 Der magische Ellenbogen Vorwelt trifft Nachwelt: Harald Schmidt mach am Stuttgarter Schauspielhaus Comedy in den Kulissen eines Horváth-Stücks / Von Peter Kümmel

Ach Bach! Schon wieder ein Fall!

Nur eine Kleinigkeit?

Bei Musikern geht es nun mal so: sie unterbrechen nicht gern und lassen sich nicht gern unterbrechen. Bei mir ist es nicht anders: sobald ich ein Instrument greifbar habe, spiele ich lieber als dass ich lese. Auch die Noten vor mir spiele ich so, wie es dasteht und will mir lieber nichts erzählen lassen oder ein Vorwort lesen. Aber wenn mir ein Instrument fehlt, lese ich gern, auch Noten. Und erst recht Texte mit Noten drin. So auch den übernächsten (die hier folgende handschriftliche Eintragung am Rande der Noten stammt erst von gestern):

Andererseits kommt es eben zuweilen vor, dass ein Musiker unterbricht und ruft: „da stimmt was nicht!“, ein leises Erschrecken geht durch die Gruppe („Herr, bin ich’s“?), meist geht es um einen Ton, der zum Akkord nicht passt, Druckfehler, man sucht, bis das Problem offenliegt, und korrigiert. So kann es auch gehen, wenn man bloß hört, ein Solostück z.B., von dem man jeden Ton kennt und geübt hat. „Stopp! Das kann doch nicht wahr sein!“ So ging es mir aber erst, als ich gestern in ein altbekanntes Buch schaute und auf der folgenden Seite die letzte Bemerkung las: „Das ist doch… das kann doch nicht wahr sein!“

Quelle Erwin Grützbach: Stil- und Spielprobleme bei der Interpretation der 6 Suiten für Violoncello Solo von J.S.Bach / Verlag der Musikalienhandlung Karl Dieter Wagner Hamburg 1981

Jetzt erst schaute ich in den Anhang der Notenausgabe, aus der ich übe und der ich immer noch blind vertraut habe. (Bärenreiter, August Wenzinger 1950): Da steht hinten im Kritischen Bericht zur Suite I u.a. die Zeile:

T. 26, 3.Viertel Ms, Ke cis, h a b, BG cis, b a b 

MS bedeutet: Abschrift der Anna Magdalena Bach, Ke: Abschrift von J.P. Kellner, BG J.S.Bach, Werke, herausgegeben von der Bach-Gesellschaft, Leipzig, X X L, II.1

Das heißt wohl: Wenzinger hat in diesem Punkt einfach dem Herausgeber der Alten Bach-Gesamtausgabe vertraut, und die meisten historisch interessierten Musiker vertrauten Wenzinger und der Neuen Bach-Gesamtausgabe. Erst 31 Jahre später hätte man lesen können, dass Grützbach in seinem von Cellisten vielgelesenen Buch eine dezidiert andere Meinung propagierte:

Die Linie verläuft hier chromatisch. Das gefühlsbetonte cis‘ b a b einiger Herausgeber ist durch nichts gerechtfertigt.

Eine Kleinigkeit? Ich dachte, mich rührt der Schlag. Und genau aus diesen „gefühlsbetonten“ Gründen hing ich doch an der gedruckten Tonfolge. Beim Spiel auf der Bratsche habe ich sie sogar leicht jammernd herausgehoben. Wer weiß, ob mir da nicht die Erfahrung mit arabischer Musik einen Streich gespielt hat…

 Ms Anna Magdalena (Detail)

Das b kann in dem Takt nicht rückwirkend gelten, auch wenn man Anna Magdalena manche Flüchtigkeiten zutraut. In Kellners Abschrift ist alles undeutlicher, meint aber wohl nichts anderes:

Wieder ein anderer Abschreiber (Schober? Westphal?) schreibt wohl viel später, aber sehr deutlich:

Ich kann also nicht – mit Wenzinger – auf einem anderen Ton beharren!

Zur Sicherheit vergleiche ich einige youtube Aufnahmen: die ganz großen Cellisten spielen so wie ich bisher (haha! ein schwacher Trost), selbst der frühe Harnoncourt hat sich offenbar nicht die ältesten Skripte angeschaut. Anner Bylsma und Sigiswald Kuijken (mit V. da spalla) spielen „korrekt“, Jean-Guihen Queyras „nicht“ (siehe hier  bei 1:43), ohne an der cis-Stelle besonders „gefühlsbetont“ zu agieren. Da mir ansonsten Pieter Wispelwey in der Freiheit des Vortrags besonders zusagt, – wie hält er’s mit dem besagten „arabischen“ Intervall? Was sagen Sie? Hören Sie hier bei 1:24, er spielt alte Stimmung – für unser Ohr in diesem Zusammenhang eine Umstellung – aber: er spielt  den kritischen Ton so beiläufig, dass es nicht leicht zu entscheiden ist. (Man kann es „zurechthören“… ich vermute, er spielt b – aber so, dass es nichts weiter bedeutet.)

ABER: Pablo Casals spielt 1954 genau was dasteht! Hören Sie hier bei 2:11.

Eine Entdeckung nebenbei: Rachel Podger hat die Cello-Suiten (um eine Quinte + Oktave raufgesetzt) mit Geige eingespielt (siehe jpc hier), verständlicherweise befindet sich diese CD jetzt auf dem Weg zu mir.

Zwei kritische Bemerkungen muss ich bei dieser Gelegenheit hinzufügen:

Wenn ich Cello-Suiten höre (ich spreche jetzt nicht von Pieter Wispelwey!), habe ich oft ein mulmiges Gefühl, besonders am frühen Morgen: ich finde alles ziemlich unsauber. Und dieses Gefühl verlässt mich nicht nach – sagen wir – einer Viertelstunde (wie beim Erlebnis eines Schülervorspiels), sondern es gehört offenbar zum Obertongemisch der tiefen Töne…

Noch etwas: Man schaue bitte nochmal in den Artikel „Viola!“ (hier), – damals war mir noch nichts aufgegangen bezüglich des übermäßigen Schrittes cis-b, der mir eigentlich schon hätte „fragwürdig“ erscheinen müssen (ein Klage-Intervall so aus dem Nichts).

An dieser Stelle auch noch ein Hinweis in Sachen Bratsche: es gibt einen sehr lesenswerten Essay von Björn Gottstein über das Instrument, Titel „Tonschönheit Nebensache? Die Geburt der Bratsche aus dem Geist der Neuen Musik“, ab Seite 142 in dem Buch: Kammermusik der Gegenwart, das ich hier präsentiert habe.

A propos Rachel Podger (Nachtrag 4.7.2019 – die CD ist da!!!)

… und den fraglichen Ton spielt sie natürlich „wie es sich gehört“.

*    *    *

Die CD der Trauermusik von Johann Ludwig Bach ist eingetroffen, – wunderbar, großartig! Schöne Idee, das Cover mit dem berühmten Selbstbildnis von Albrecht Dürer zu schmücken, das wie ein Christusbild wirkt (dem nur die Dornenkrone fehlt). ABER: der Text des Oratoriums, den man ja neugierig nun auch mitlesen oder separat studieren will, dieser Text, den der Herzog zu Lebzeiten (natürlich, wann sonst? allerdings ziemlich früh) selbst verfasst hat, ist furchtbar, so farblos wie eine Sammlung von Aktennotizen. Ein Rätsel, wie man dazu eine solche Musik erfinden konnte. Mit Liebe erinnert man sich an die Picander-Texte der Matthäus-Passion, an unvergessliche Sprachgebilde: „Am Abend, da es kühle war, ward Adams Fallen offenbar, am Abend drücket ihn der Heiland nieder, am Abend kam die Taube wieder und trug ein Ölblatt in dem Munde. O schöne Zeit! O Abendstunde!“  Wie gern vermisst man das prosaisch-korrekte Wort Schnabel, wenn das Reimwort Abendstunde sich entfalten kann.

 Dürer Selbstbildnis Wikipedia

A propos Bach

Habe heute erst beim Bayrischen Rundfunk ein Skript zur Solosonate C-dur mit Christian Tetzlaff gelesen. Sicher ist seine Aufnahme der Sonaten & Partiten ein Nonplusultra, aber die Story dazu, die auf seinen Gedanken beruht, ist mehr als zweifelhaft: als sei das Ganze ein Erlebniswerk, das unter dem Eindruck des plötzlichen Todes seiner ersten Frau geschrieben wurde, quasi aus einem Guss, Reinschrift 1720. Unmöglich! (Bach war am 7. Juli 1720 von einer Dienstreise zurückgekehrt, und Maria Barbara war bereits beerdigt worden.) Zitat:

Bach sucht Trost in der Musik. So entstehen seine Sonaten und Partiten für Violine Solo, der Autograph ist auf das Jahr 1720 datiert. Der Geiger Christian Tetzlaff sieht in dieser Komposition eine Art Grabstein für Bachs Frau.

„Da kommt zum Beispiel noch das schöne Indiz hinzu, dass Bach diese Stücke bezeichnet mit ’sei solo‘, also was grob übersetzt heißt ’sechs Solo für Geige‘, oder es heißt tatsächlich ’sei solo“ – ‚du bist allein‘ – wäre damit so ein Titel für dieses Werk.“ (Christian Tetzlaff)

Bach wechselt in seinem Zyklus Sonaten und Partiten einander ab. Die Sonate in C-Dur steht im Gesamtwerk an fünfter Stelle und ist für Christian Tetzlaff im dramaturgischen Aufbau eine Art Wendepunkt. Hier beginnt Bach seinen Schmerz langsam zu überwinden, der die ersten vier Werke, die bezeichnenderweise alle in Moll stehen, überschattet.

Die Solissimo-Werke für Violine – ungeachtet der Frühformen (seit 1708) und jahrelanger Vorarbeit – jetzt als eine Mischung aus Trauerarbeit und Tagebuch seit Juli 1720 zu lesen: psychologisch und biographisch ein Absurdum. Weder die liebe Frau noch das eigene Ego standen damals für einen gläubigen Christen wie Bach im Mittelpunkt des Denkens und Schaffens. Das müssen wir ihm zugestehen.

*    *    *

A propos Trauermusik

Hier ist die erste Seite des Booklettextes von Peter Wollny, damit klar ist, wovon die Rede ist. Bei den Autofahrten mit dieser Trauermusik (Rias Kammerchor) elektrisierte mich gegen Schluss des ganzen Werkes (Tr. 26) eine Motivverkettung, die mir vertraut vorkam. (Die Noten – schon für die erste Aufnahme des Werkes mit der Rheinischen Kantorei – schrieb Christoph Lehmann, sie liegen im WDR und waren mir nicht zugänglich. Daher an dieser Stelle meine unzulängliche Notation nach dem Gehör:)

 Tr.26 ab 1:02

Der Text an dieser fugierten Stelle (eigener Formteil bis 2:04): „und mit entbundner Zung“.

Die Motivik ist „barockes Allgemeingut“, der Passus duriusculus  und ebenfalls der Kontrapunkt dazu; Johann Ludwig Bach muss ihn 1724 also nicht aus der Fuga von Johann Sebastian Bach (Reinschrift 1720) entliehen haben. Aber interessant ist, dass hier von der „entbundenen Zunge“ die Rede ist, das Fugenthema der Sonata in C mit dem Pfingsthymnus in Zusammenhang gesehen wird und das „Zungenreden“ bekanntlich eine „Gnadengabe des Heiligen Geistes“ ist (siehe hier).

Der chromatische Passus bei Johann Ludwig auch in Umkehrung (in der Sonata nicht).

*    *    *

Gestern habe ich einen Film über die Anden, der mich aufgrund der Naturaufnahmen interessiert hätte, ausgeschaltet, weil mich der Sound der Performance ärgerte. Die Musik vor allem, aber auch die Art wie der Text inszeniert war, der Duktus betulicher Zuwendung.

Die Musik macht mich wütend, was ist bloß los mit mir? Der Komponist meint es doch gut. Er beruft sich sogar auf Bach und lobt die Pause, die ich mir über die ganze Länge des Films ausgebreitet wünschte. Nein, ich übertreibe, und ich werde auch nie wieder eine Diskussion mit dem Sender anfangen, wie damals (siehe hier). Ein andermal war ich ganz glücklich, aber kein Filmkomponist hatte mir geholfen, sondern wer? Schauen Sie nur: hier.

Aber ich wollte ja den bzw. einen Filmkomponisten zitieren, den von gestern („Die Anden“ können Sie noch abrufen, bis Ende Juli 2019 hier) :

Es macht mich glücklich, gute Musik zu tollen Bildern zu komponieren. Das treibt mich an, dafür bin ich in Bewegung. Überhaupt Bewegung. Sie ist für mich Quelle der Inspiration. Auf dem Fahrrad und beim Laufen kommen mir häufig die besten Ideen. Oder am Klavier, mit der direkten Resonanz des Klangkörpers. Ich komme vom Instrument. Komponieren heisst spielen. Erst dann kommt der Computer, kommen die Sounds, Libraries und Effekte. Darüber hinaus inspiriert mich alles, was ich sehe und erfahre, sei es ein Bild von Caravaggio, ein Film von Almodóvar oder eine Partita von Bach. Er ist für mich die Quelle. Seine Werke sind logisch und emotional zugleich, wecken elementare Gefühle.
Musik sollte bewegen, mal vordergründig, mal subtil. Und manchmal sollte sie mit Pausen arbeiten. Denn Komposition ist auch eine Entscheidung darüber, wann ein Einsatz sich verzögert oder ein Bild keine Musik braucht – um desto stärker zu wirken. Ohne Pause ist Musik ein Irrtum. Denn es ist alles eine Frage von Timing und Rhythmus. Bewegung eben.

Quelle: Website Oliver Hess hier.

Notizen zum Hören

Mana (4. Mai 2019 Kölner Philharmonie)

 Blick in die Kölner Philharmonie Von hier genau der Blick

Das Programm und der Anfang des Textes von Stefan Fricke:

… und Aperghis selbst hat im Werkkommentar geschrieben: „Der Perkussionist ist sowohl der Erzähler einer epischen Geschichte als auch der zentrale Charakter des Stücks. Im einzigartigen Kampf der Fiktion spiegelt sich derjenige Kampf des Musikers mit dem Instrument und mit seinem eigenen Atem wider.“ [Das Wort „derjenige“ muss eine Fehlübersetzung sein. Wahrscheinlich ist vorher auch ein „fiktiver Kampf“ gemeint, kein Kampf der Fiktion. Ich glaube auch nicht, dass er mit seinem Atem kämpft, – auch wenn im Original vielleicht „souffle“ steht – sondern mit der Artikulation, er ringt mit den Worten. JR]

Es gibt zudem auch ein Gespräch mit dem Komponisten in der Mediathek von WDR3:

 bitte hier klicken!

Der Schlagzeuger Christian Dierstein ist ein fabelhafter Interpret der Aperghis-Stücke, ich hoffe man kann sie eines Tages in der Mediathek abrufen. (Im Beitrag kurz zu hören ab 2:53). Aber auch in einem früheren You-Tube-Video bekommt man einen starken Eindruck von „Le corps à corps“, nämlich hier ab 9:58 mit dem Interpreten Jean-Pierre Drouet.

 Das Licht ist aus.

Seit mich Susanne Langer auf neue Gedanken beim Musikhören gebracht hat, bin ich empfindlicher gegenüber Irreführungen (z.B. in Gestalt von Mystifizierungen in der Neuen Musik, nehmen wir nur das Wort „Mana“ ) und ärgere mich unnötig über Kleinigkeiten. Kleinlicherweise. Gerade in Texten, die einem behilflich sein sollen. Warum heißt das Stück „Graffitis“? Ich will nichts über den Plural sagen, der Duden erlaubt’s (siehe hier unter Wortherkunft), aber wie hätte man ohne Programmheftaufklärung darauf kommen können, dass der Titel sich nur von dem Eindruck des Notenbilds der fertigen Partitur ableitet, das ihn [den Komponisten] an Graffitis erinnerte – „deshalb der Titel“? Und wenn man vom Text des Interpreten zuerst gar nichts, dann immer deutlicher den Satz „Es war den ganzen Tag so heiß“ mitbekommt, und endlich begreift, dass sich der Hinweis des Moderators vor dem Stück auf Faust II, das enigmatische Spätwerk, bezog, da ist man auf vieles gefasst, was wenig hilft: vom Klartext und vom Dunkel ist die Rede, und trotz der virtuosen sprechtechnischen und rhythmischen Leistung des Interpreten entsteht die sinnlose Frage, ob die Schreibweise „Es war den ganze Tag“ im Programmheft vielleicht dem Mundartwitz des alten Goethe entspringt. Am PC ist es natürlich leicht, sich kundig zu machen, – leider nur vertane Zeit. Man braucht die Hilfe nicht, man muss nur hören und sehen. Nicht durchschauen und verstehen.

Und jetzt mag man die Äußerung des Komponisten zu Anfang des obigen Beitrags als authentischen Hinweis betrachten („Gerade das Nicht-Verstanden-Werden mag der in Frankreich lebende Grieche. Warum, hat er Raoul Mörchen erzählt“): „Denn es ist ja so, sagt Aperghis, wenn wir meinen, etwas zu verstehen, lässt gleich unsere Aufmerksamkeit nach. Aperghis aber möchte, dass unsere Gedanken und Sinne in Bewegung bleiben, dass sein Publikum mitarbeitet, selber kreativ ist, die Lücken schließt, die er absichtlich lässt. Und so ist die Musik von Aperghis viel, aber eines ist sie nicht: eindeutig.“ Anspruchsvoll! Ich fühle mich planvoll irregeleitet, denn seine Musik möchte ich gern als vieldeutig erleben, – und sie ist so komponiert, dass die Aufmerksamkeit keinen Moment nachlässt, es sei denn, man verleitet die Zuhörerschaft dazu, sich mit irgendwelchen Stolpersteinen zu beschäftigen.

Um es in aller Kürze zu sagen: es war ein großartiges Konzert. Insbesondere nach den  „Études I-VI“ werde ich in Zukunft Ausschau halten, – ohne verstehen zu wollen, wo nichts zu verstehen ist. Es ist bereits in der richtigen Sprache komponiert und es ist unerhört! Die Leistung des „orchesterähnlichen“ Solistenensembles: atemberaubend!

*    *    * 

Der Morgen des Tages hatte ganz anders angefangen: mit den Schubert/Schumann-Aufnahmen aus der Zeit um 1965, als die deutsche Firma Harmonia Mundi  in Schloss Kirchheim (bei Mindelheim) Fuß gefasst hatte; regelmäßige Produktionen und Konzerte veranstaltete mit dem Collegium Aureum und anderen, Kammermusik, Konzerte, Matineen, eben auch mit der „Neuentdeckung“ Elly Ameling, unvergesslich auch für die Mitglieder des Collegiums, die im Cedernsaal gewissermaßen zuhaus waren. Hinter allem stand – als treibende Kraft und Initiator der „historischen Aufführungspraxis“ – Dr. Alfred Krings aus Köln (WDR).

Die CD landete bei uns, weil es auf der Hand lag, und sie kostet fast nichts, entsprechend dürftig ist die Ausstattung, nicht einmal die Liedertexte stehen im Booklet, und doch: was für eine Kostbarkeit, die am Morgen das Wohnzimmer erfüllte. Und wenn mich der Eindruck nicht trügt, war es der Abstand der Aufnahmezeiten 1965 (Schubert) und 1967 (Schumann), der die Stimme der niederländischen Sängerin zur vollständigen Blüte brachte. Es waren Schumann-Titel, die mich so ergriffen wie noch nie. Ich könnte die Gründe genauer beschreiben. – Das Foto entspricht der dürftigen Aufmachung: wer könnte ahnen, in was für einem Prachtsaal die Aufnahmen und Konzerte stattfanden, man sieht die sonntäglich gekleidete Dame vor einer düsteren Hütte stehen, die dem Abgang in den Hades gleicht. Es handelt sich um den herrlichen Kamin, der hier um seinen schönsten Teil, den Skulpturen-Aufsatz, betrogen ist. Ich muss ihn einfach nachliefern, draußen ist Tageslicht, vielleicht sommerliche Temperaturen:

  .   .   . .   .   . .   .   .

Ich muss die Aufnahmen gesondert behandeln. Und auch die folgende, die uns nur des Themas wegen faszinierte, die Interpreten waren uns in der Entstehungszeit völlig entgangen. Für mich spannt sich wieder einmal der Bogen in die 60er Jahre, als die Musik vor Bach kraftvoll in unser Leben trat. Monteverdi mit den Madrigalen des Deller-Consorts oder in großen Aufführungen der Marien-Vesper, die man sich nicht scheute mit Bachs Magnificat zu vergleichen. Die Schütz-Psalmen mit den Regensburgern haben mich in den Urlaub nach Calpe und dort 3 Wochen begleitet (wie auch Beethovens op. 59 Nr.1 und – Udo Lindenbergs „Hoch im Norden“). Später trafen wir uns privat mit Krings (er arbeitete noch als Tonmeister für die Alte Musik des WDR) und fachsimpelten über Aufführungspraxis; ich legte eine Java-LP auf, er kritisierte den Standort des Mikrophons „irgendwo in den Kulissen“. Ich versuchte es mit der Regensburger LP, und er ließ kein gutes Haar an ihr: Lesen Sie doch die Texte! Das muss man doch mit heftigster Erregung singen. Nicht brav wie eine Schafherde!

Vielleicht hätte er sich – mit all seiner akademisch-humanistischen Bildung – lustig gemacht über den Namen „Schütz-Akademie“. Die Berliner „Akademie für Alte Musik“ (Akamus) war noch lange nicht in Sicht, als das Goldene Collegium frühe Lorbeeren erntete.

Und in dem Moment, wo ich dieses Bild eingefügt habe, trifft das Päckchen des Freundes ein, mit dem ich (bzw. der mit mir) eigentlich vorgestern das Aperghis-Konzert in Köln besuchen wollte. Die Idee und die Karten stammten von ihm, er hat sie krankheitsbedingt per Post an mich vorausgeschickt. Ja, nicht nur die Karten, sondern auch allerhand Ideen. Und nun das neue Buch:

Zugleich finde ich (das ist die Wahrheit!) einen Postzugang in der Mailbox, nichts anderes enthaltend als ein pdf., das derselbe Freund in Berlin der NZZ entnahm; ich verwende nur einen Ausschnitt (aus Copyrightgründen), empfehle einstweilen nur, den Namen Bucheli ins Suchkästchen dieses Blogs (oben rechts) einzugeben.

 Versuchen Sie es doch hier

Ich bin diesmal nicht ganz zufrieden mit seinem Artikel: wenn es schon mit dem Geigespielen nichts geworden ist – das kann jedem passieren -, aber mit den Vogelstimmen, das kann jeder lernen. Man kann ja mit den Rufen beginnen, die einem am ehesten auf die Nerven gehen! Aufgabe: unterscheiden Sie die Taube vom Zipzalp, und wenn das klappt, lernen Sie den melodischen Unterschied zwischen Türkentaube und Ringeltaube. Über des letztgenannten Täuberichs Ruf hat schon der Vater der Musikethnologie intensiv nachgedacht. Das muss uns nicht als letztes Ziel vorschweben, wir müssen das Tier eigentlich nur ein bisschen nachäffen können.

 Ausschnitt aus:

Erich Moritz von Hornbostel: Musikpsychologische Bemerkungen über den Vogelgesang (1910)

*    *    *

Dank an Berthold Seliger!

*    *    *

PS:

Noch etwas erfuhr ich vorgestern, es ist nicht ganz privat, aber doch etwas – und das ist wirklich nur für ganz aufmerksame und extrem neugierige Leser (und Hörer, mehr noch „Hörspielhörer“): HIER.

PPS:

Ich wollte mich noch kundig machen, was es mit Mana auf sich hat; und empfehle wie immer, zuerst Wikipedia zu befragen. Man lese hier; es hat also – in unserer Kultur – durchaus mit Populärkultur zu tun. Siehe auch unter „Sackgassen der ethnologischen Religionsforschung“ hier. Was vielleicht nichts gegen den Gebrauch des Wortes bei Christoph Bertrand und erst recht nichts gegen seine Musik sagt.

Ausklang: Probe aufs Exempel (Erkenne ichs wieder? )

Zum Weiterstudieren: Georges Aperghis spricht über seine Etüden für Orchester, hier (ab 2:02 über „Situations“) und hier (er sagt also sehr viel mehr, auch in Worten).

Uninteressant: Radio Eigenlob

Nach außen gerichtet, aber nicht informativ, sondern recht naiv

Natürlich: Radioprogramm ist für die Ohren, nicht für die Leser, die gewohnt sind, gedruckte Reklame wegzuwerfen. Sollte man also Sendungen, die offenbar von wechselnden Inhalten leben, mit einer immergleichen Werbung versehen, die von Klischees strotzt? Vermutlich sind dafür nicht die Zulieferer der Inhalte zuständig, auch nicht die Redaktionen oder deren Bosse, sondern Agenturen von außen. „Die können das besser, wir hier drinnen sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht.“

 bitte anklicken und genau studieren!

Rot umrandet: lauter Werbetexte. Kulturbeflissen. Peinlich zu lesen, vor allem täglich (oder – siehe Scala – sogar zweimal hintereinander). So wirds auch klingen, muss man vermuten. So angeberisch und selbstzufrieden. Ein Text fehlt noch, das „Lunchkonzert“ hatte wohl keinen Platz mehr. Hier ist er:

Was bedeutet nun das blau umrandete Programm? Nur ein Beispiel. Es ist spezifisch und elektrisiert jeden, der genau das sucht: Flamenco. Und schließt niemanden aus. Morgen wird da etwas ganz anderes stehen. Georgische Gesänge zum Beispiel. Oder Jazz. Und man sagt: immer interessant.

Vielleicht bin ich nicht gut informiert: genau diese Programmschiene mit den fabelhaft wechselnden Inhalten wird ab 1. April (!) gestrichen. Man (?) will keine Kästchen-Programme mehr.

Ach, da hat es wohl wieder Hilfe von außen gegeben. In den 90er Jahren hieß die Hilfe Roland Berger. Von Kritik begleitet, und das musste so sein. Und jetzt lese ich in der ZEIT eine Kritik, die sagt, dass die Zeiten der Kritik vorbei sind. Ich glaube das keineswegs, ob innen oder außen. Man muss einfach nur alles zur Kenntnis nehmen. Ab 1. April gibt es bestimmt böse Überraschungen. Aber auch ganz neue schöne Worte für alles, was da angerichtet ist. Und Leute, die es in Klartext übersetzen.

Zum Artikel DIE ZEIT 21. Februar 2019 „Gehirnwäsche in der Anstalt“ hier.

Mehr über FRAMING in 6 Minuten HIER. (ZAPP – Medienmagazin).

Ich finde es allerdings absurd, einen Beitrag über „Framing“ mit dem üblen Sprachgebrauch der AfD zu beginnen. Damit jeder begreife, dass es nicht um diese Art von Umdeutung gehen soll, sondern um eine schönfärbende. Das berühmte halbleere oder halbvolle Glas kommt wieder auf den Tisch, und wir sind natürlich für einen grundsätzlich positiven Blick darauf. (Von wegen!)

Ein lesenswerter Artikel in der Süddeutschen (23./24. Februar) „Sire, geben Sie Begriffsfreiheit!“ Von Gustav Seibt. / ZITAT über das Framing-Denken:

Es teilt die Menschen (…) in unterschiedliche Klassen ein, in die, die das Framen aktiv und bewusst betreiben, sprachliche Vorgaben untersuchen und setzen, und in die anderen, die sich angeblich „ohne dies zu merken“ bei ihren Entscheidungen von vorrationalen Frames leiten lassen. Es soll also Grade des Wissens geben: eine kleine Gruppe von Wissenden, die Sozial- und Gefühlstechnologie betreiben, und eine bestenfalls halbbewusst dämmernde Masse, die davon bestimmt wird. Damit wird Politik zu Propaganda, zur Werbeindustrie oder zum permanenten Wahlkampf, oder sie wird zur Beute der Ängste, der Wut und des Hasses.

Dass es dies als Tendenz gibt, dass Spindoktoren und Wahlkampfmanager, Produktdesigner und Kommunikationsberater oft so denken und sich danach ausrichten, ist nicht zu bestreiten. Doch was bedeutet es für eine Demokratie und vor allem für ein Medienunternehmen, sich dies programmatisch zu eigen zu machen, und zwar auf so plumpe und menschenverachtende Weise?

ZITAT-Ende

P.S. Was ich befürchte: dass mit den schönen Fächern im Radio-Programm auch das Fachwissen verschwindet, das notwendig ist, sie zu füllen. Da hilft dem Publikum keine Kommunikation, die heute so gern von den Machern angeboten wird. Der Service dient nicht der Wahrnehmung kritischer Reaktionen, was nebenbei auch zur Verbesserung der Leistungen führen könnte. Die Selbstzufriedenheit aber darf nicht in Frage gestellt werden.

Nur ein Beispiel:

Habe ich eine Antwort bekommen oder nicht? Ich glaube gern: alle sind überlastet, das gehört ja zum System…

Nachtrag 31.03.2019

Habe ich übertrieben? Morgen ist der 1. April, und ich sehe weiterhin die Sendung „Jazz & World“ im WDR3-Spätprogramm, auch noch bewährte Namen dieser Schiene, wie Babette Michel oder Tom Daun.

Es lohnt sich zuzuhören und wachsam zu bleiben.

Zweiter Nachtrag 

Ich habe mich geirrt, habe geglaubt, online das April-Programm zu sehen; aber es funktioniert nicht, man bleibt im Märzprogramm. Wenn man weitersucht, kommt man nur auf die 4 neuen Moderator(inn)en. Die Hörzu übermittelt das krasse Faktum:

  

Auch für diese Schiene haben wir nun einen Standardtext nach der neuen PR-Praxis. Und er verspricht nicht weniger als „die ganze Bandbreite der Improvisierten Musik sowie der Musikkulturen dieser Welt“; die Bandbreite erwiese sich für mich z.B. in einem indischen Raga von mindestens 45 Minuten Länge. Das wäre mein Maßstab für Weltoffenheit und Kultur. Dazu die entsprechende Einführung, das passt doch alles spielend in diese Stunde. Sollte ich eines Tages dergleichen finden, werde ich es hier mit Staunen vermerken.

Die große Erzählung

Was heute zählt

Habe ich nicht kürzlich vom aktuellen Narrativ erzählen wollen? (Siehe hier.) Vorsichtshalber hatte ich da hinzugefügt „nur für mich“, weil ich schon ahnte, dass von anderen anderes darunter verstanden wird. Das bestätigt sich in der aktuellen Ausgabe der ZEIT (22. November), die der Musik erfreulich viel Raum gibt (hatte ich mich nicht erst kürzlich beklagt? Siehe hier.) Auch dies „nur für mich“, ich fürchte, die Subjektivierung ist meine Marotte.

 DIE ZEIT 22.11.2018 Seite 46

Oder: der im ZEIT-Artikel erwähnte Film in ganzer Länge (10:12 HIER).

Levits Narrativ wirkt bescheiden im Vergleich zu dem Spektakel, das die Deutsche Grammophon mit Daniil Trifonow aufbietet. Trifonow, Jahrhunderttalent und Senkrechtstarter, wagte sich lange nicht an die Werke Rachmaninows, aus Angst, nicht reif genug dafür zu sein. Daraus baut das Label nun ein Musikmärchen, das man kitschig finden kann, in jedem Fall hat das Marketing eine ähnlich Virtuosität und Vehemenz, wie Trifonow sie am Flügel beweist.

So liest es sich in der ZEIT, ich bin anderer Meinung. Ich kann auch nicht glauben, dass Trifonow glaubt, dass man für Rachmaninows Musik besonders reif sein muss. Technisch gewiss. Aber zumindest zum Hören genügt doch die „Reife“ eines gefühlsseligen Studenten. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ein angehender Soziologe traktierte uns damals bei jedem Treffen mit Horowitz-Aufnahmen, kannte jeden Takt und konnte bei bestimmten Stellen sogar echt brillantes Klavierspiel mit hochgereckten Armen in die Luft zeichnen. Ich hielt dagegen mit Svjatoslav Richters Einspielung des Klavierkonzerts Nr. 2, das ich in bester Absicht sogar einer Freundin schenkte, um sie vom „Blockflötengeschmack“ zu lösen. Eigentlich eine Frechheit. Aber wenn ich mich nicht irre, bot das LP-Cover schon damals eine Mondnacht in Farbe als visuelles Narrativ .

Mit filmgerechten Narrativen hat Igor Levits Angebot (abgesehen vom CD-Titel „Life“) zum Glück nichts zu tun, sein intelligentes Programm spricht für sich. Andererseits, so der Rezensent:

Es ist ein andächtiges, stilles, dunkel gefärbtes Programm, in sich gekehrt statt vorwärtsdrängend, ohne rechte Höhepunkte – und das aus einem bestürzenden Grund: Levit hat es zusammengestellt nach dem plötzlichen Tod seines besten Freundes und will jetzt das Leben feiern. Ein trotziges Album mit großer Kraft, aber eines, das den Lebensmut noch nicht vollends zurückerobert hat. Wenn man dann erfährt, dass Levit die Werke in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin auf einem neuen Steinway eingespielt hat, tut einem das doch ein wenig leid. Weil es dem Programm viel mehr genutzt als geschadet hätte, mit einem Instrument konfrontiert zu sein, das selbst auch schon etwas mehr vom Leben gesehen hat.

Ach Gott, Maria, Jesu Christ! Wenn das kein Narrativum ist!!!

Ein Blick und einige Klicks führen tiefer in Igor Levits Programm, hier etwa, und fort von den journalistischen Einstiegen, die das mutmaßliche Seelenleben der Künstler flüssig in Erzählung verwandeln. Noch flüssiger im Fall der Pianistin, die für alles selber sorgt: Booklet, Cover, Werkzusammenstellung. Ihr Narrativ ist sie selbst. Das Foto zwar kann kein Selfie sein, alles andere schon, siehe hier. O-Ton Sophie Pacini in der ZEIT:

Ich hatte eine genaue Vorstellung von dem, was ich will, und ich konnte gut argumentieren. Gerade als junger Mensch hat man oft das Image, man sei noch auf der Suche und sozusagen formbares Material. Es sind jetzt 20 Jahre, die ich Klavier spiele, das heißt, ich beschäftige mich seit 15 Jahren damit, mit meinem Instrument etwas auszudrücken. Ich weiß ganz genau, wie ich wirken will. (…)

Ich bin Perfektionistin. Ich will die Musik zu 99 Prozent durchdringen. Ich beiße mich hinein in die Werke und zerlege sie, analysiere sie, bis ich das Gefühl habe, sie haben sich ganz in mir verteilt. Sie sind mit mir eins geworden. (…)

Ich habe jahrelang Cello gespielt, ein Instrument, bei dem man den Ton mit dem Finger [?] auf der Saite formt. Dieser Ton geht in dich über, du schwingst als Ganzes. Mit der richtigen Bogentechnik kann man Farben erzeugen und Spannungsbögen, die am Klavier extrem schwer nachzuzeichnen sind. Sitze ich am Klavier, stelle ich mir immer vor, ich spanne, was ich spiele, auf einen sehr langen Bogenstrich.

Quelle DIE ZEIT 20. November 2018 „Ich weiß ganz genau, wie ich wirken will“ Die 26-jährige Pianistin Sophie Pacini stürmte mit ihrer fünften CD „In Between“ die Charts. Ein Gespräch über die Zwickmühle des Erfolgs, das Problem Mendelssohn – und die Hammerköpfe des Klaviers. (Interview: Hannah Schmidt).

Motivsammler erinnern sich an die CD „Water“ von Helene Grimaud (siehe im Blog hier oder auch auf Youtube hier). Ich weiß gar nicht, ob sich das Booklet der CD „In Between“ mit dem Bade-Foto des Covers näher befasst. Meine Assoziation wäre Ophelia, – sicher nicht im Sinne der Pianistin, der ich ein langes Leben wünsche. Möglicherweise liefert aber das andere „Narramotiv“ der Eheleute bzw. Geschwister Schumann/Mendelssohn Stoff genug; es ist allerdings in der Literatur bereits hundertfach abgearbeitet. Das neue Problem Mendelssohn, das hier behauptet wird (und sich angeblich nur mit Hilfe der Schwester Fanny hat lösen lassen), habe ich beim besten Willen nicht verstanden.

Solche personenbezogenen CD-Besprechungen sind für mich eigentlich ohne Reiz, vor allem ohne Kauf-Anreiz. Zumal ein Booklet, das keine nennenswerten Informationen zu den Werken verspricht, sondern nur vage Einschätzungen durch die Interpreten, mir nicht begehrenswert erscheint.

Korrektur: Was ich mir besorgen werde, ist die Doppel-CD mit Igor Levit.

Koinzidenz

Zufall und Fügung

 Viehbach-Holzweg

Ich erwähne des öfteren Koinzidenzen, die sich aufdrängen, und fürchte, dass ich vergesse zu betonen: ich glaube keineswegs an ihre tiefere Bedeutung. Es handelt sich um irgendwie passende gedankliche Synapsen, die helfen, dem Nachdenken eine gewisse Richtung zu geben, wie dem Unerfahrenen durch das Handlaufseil  an leichteren Hochgebirgspfaden. Dadurch werde ich noch kein Kletterkünstler wie Reinhold Messner – ich überquere gewöhnlich nur den Viehbach in Solingen-Ohligs -, hätte aber gern in Höhenluft ein ähnliches Sicherheitsgefühl. Es ist bloße Autosuggestion. Würde ich meinen täglichen Schritten oder Eingebungen nicht trauen, wäre ich schon auf dem Weg in die Stadt absturzgefährdet.

Wenn mir jemand erzählt, dass er an Zahlenhinweise glaubt (Vorsicht bei Kilometerstein xy!), so fällt mir ein, dass die Kombination 754 mir in meiner Jugend eine Zeit lang bedeutungsvoll erschien, selbst in anderer Reihenfolge (wodurch sich die Begegnungen vervielfachten), und ich registriere die entsprechenden Zahlen immer noch, um dann jedoch um so stärker zu betonen, dass ich es seit damals für groben Aberglauben halte. Genauso wie die manische Takt- und Notenzählerei bei Bach.  Sobald ich eine Zahl für bedeutungsvoll oder gar schicksalhaft erkläre, tritt sie mir überall wie von selbst entgegen – so scheint es. In Wahrheit verhalte ich mich wie ein abgerichteter Hund. Welcher Vorgesetzte war es nochmal, der „zielführendes“ Handeln anmahnte?

Wenn ich also heute die ZEIT aufschlage und den Artikel „Lob der Blase“ von Jens Jessen sofort kurzschließe mit den Texten und Figuren, die mich seit Tagen beschäftigt haben, so hat das innerlich vielleicht gar nichts zu sagen. Aber dies überprüfen zu müssen, kann bereits als hilfreicher Leitfaden dienen. Man braucht Motivationen, um kontinuierlich zu denken, auch wenn diese zunächst wie unnütze Ablenkungen wirken. Kein Wort weiter.

 Ist Josefine Günschels Idee „zielführend“?

Aktuelle Quelle DIE ZEIT 27. September 2018 Feuilleton Seite 43  Lob der Blase Für die Polarisierung der Gesellschaft wird stets den „Filterblasen“ im Netz die Schuld gegeben. Aber ist wirklich die Abschottung von anderen Meinungen das Problem? Oder ist es nicht vielmehr die ständige Sichtbarkeit der Gegner?

(JR) Ich frage: wirklich die ständige Sichtbarkeit der Gegner, oder vielleicht doch ihre Unsichtbarkeit, verstanden als Anonymität? Ihre Ungreifbarkeit? Unangreifbarkeit, geschützt auch durch das latent allgegenwärtige Gebot totaler Schein-Toleranz. Sakrosankte Meinungsfreiheit! (Auch für Teufel.)

(JR) Ist es möglich, dass es keinen Unterschied macht, anonym zu sein, ein Ameisenmensch in einer unübersehbaren Menschenmasse, oder vom Räderwerk der totalen Registrierung erfasst zu sein und als einzelnes Genom-Konstrukt aufzugehen in einer Statistik.

ZITAT

Es ist kaum zehn Jahre her, aber gefühlt eine ganze Epoche, da wurde das Internet als Instrument der Freiheit gepriesen, mehr noch: der Befreiung und Demokratisierung der Welt. Im Netz gibt es keine Zensur, Anonymität schützt seine Nutzer, die Meinungsfreiheit schien unbegrenzt und das probate Mittel zu sein, lügengestützte Diktaturen und Totalitarismen zu stürzen. Man wundert sich heute sehr, wenn man die Utopien von gestern liest.

Die Hoffnung auf Weltverbesserung durch die Netzgemeinde (man dachte sie sich im Singular und ahnte ihre destruktive Pluralität noch nicht) ist gründlich verflogen. Das Internet und seine sozialen Netzwerke sind heute ein vermintes Gelände, von Schützengräben durchzogen. Jede Bewegung und Äußerung – das Emporstrecken eines Kopfes – provoziert feindliche Artillerie. Schmutzfontänen spritzen empor wie auf den Bildern des Ersten Weltkrieges. Der Begriff des Shitstorms, der sich dafür eingebürgert hat, bezeichnet die Sache im Effekt genau.

Das ist das eine. Zum anderen habe ich den im vorigen Beitrag (hier) erwähnten Artikel von Shoshana Zuboff ausfindig gemacht und empfehle ihn in der FAZ online vollständig aufzuschlagen: hier. (Überwachungskapitalismus: „Wie wir Googles Sklaven wurden“.)

Dann wurde Christian Schwägerl erwähnt mit dem Buch „Die analoge Revolution“ (München 2014) Wenn Technik lebendig wird und die Natur mit dem Internet verschmilzt. Folgender Klappentext und Rezensionen sind bei Perlentaucher nachzulesen:

Die „digitale Revolution“ hat in jüngster Zeit ihre dunkle Seite gezeigt. Droht eine Zukunft, in der jeder Mensch lückenlos von Google und Geheimdiensten überwacht wird, in der Maschinen die Natur ersetzen und Online-Konsum die Umweltzerstörung anfacht? Christian Schwägerl beschreibt konkrete Gefahren, wenn die analoge Welt von Mensch und Natur durch die falschen Kräfte kontrolliert wird. Vor allem aber entwickelt er in diesem Buch Alternativen und eröffnet neue Perspektiven. Bei der „analogen Revolution“ geht es darum, die Macht über Daten demokratisch zu verteilen und Menschen mit der ganzen Fülle des Lebens auf der Erde zu verbinden.

Zu H.G.Wells „The Invisible Man“ siehe Wikipedia „Der Unsichtbare“ hier.

(Fortsetzung folgt)

Wie tot ist klassische Musik?

Ich weiß, dass sie lebt!

Die Frage kann aus meiner Sicht also nur rhetorisch gestellt werden.

Aber es geht offensichtlich um ihre Präsenz im Bewusstsein der Gesellschaft und um die reale Teilnahme der Gesellschaft an ihrer Präsentierung in Konzertsälen und Opernhäusern, bei Festivals und in Schulen. Welche Rolle spielt klassische Musik?

Ich benutze also die Frage, die mir nicht gleichgültig sein kann, obwohl ich persönlich heute mit mehr klassischer Musik aller Genres konfrontiert bin als zu jedem anderen Zeitpunkt meines Lebens, ausschließlich um den Stand der Diskussion zu vergegenwärtigen:

Berthold Seliger hat ein aufsehenerregendes Buch geschrieben, das ich am 4. Oktober 2017 hier vorgestellt und später noch einmal thematisiert habe (hier) ; inzwischen ist man ihm in den Medien immer wieder begegnet. Mich als Fan des Autors interessiert natürlich auch, was an Gegenargumenten gebracht wird und könnte im folgenden FAZ-Artikel ein Beispiel gefunden haben:

 nachzulesen HIER

Ein willkommener Anlass für Berthold Seliger, noch einmal ins Detail zu gehen:

10.08.2018. Fragen Sie mal Abiturienten, was eine Sonatenform ist, oder versuchen Sie, sich von diesen eine Bach-Fuge erklären zu lassen. Und Kinder aus ärmeren Haushalten haben kaum je Chancen, die klassische Musik überhaupt kennenzulernen. Es hat keinen Sinn, die Klassikkrise mit Schönungen der Statistik zu kaschieren.  Antwort auf einen Artikel des FAZ-Kritikers Jan Brachmann. –

Den ganzen Essay NEUE ZÄHLWEISE von Berthold Seliger lesen Sie HIER oder Sie gehen, wenn Sie zugleich einen Überblick über weitere Texte des Autors gewinnen möchten, direkt auf seine eigene Website: HIER.