Kategorie-Archiv: Medien

Klimaziele: Zenit überschritten

Wir wissen es längst

ZITAT aus einem Interview über die bisher (nicht) geleistete Arbeit:

Ich glaube, der eigentliche Punkt ist, dass beim Klimaschutz eine völlig andere Logik, eine völlig andere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung auf unsere heutige Realität trifft und man eigentlich das bis heute nie richtig verarbeitet hat, wie man damit umgehen muss.

Armbrüster: Dann haben die Politiker die Bürger 20 Jahre lang angelogen?

Müller: Die Bürger haben sich auch was vorgemacht. Man muss hier einfach sehen: Das Grundprinzip, nach dem moderne Gesellschaften funktionieren, ist die Logik von Wachstum, schneller, höher, weiter, oder historisch der Linearität, also der permanenten Vorwärtsbewegung. Klima ist aber was anderes: Es ist der Umgang mit Grenzen.

Ich will damit nichts verteidigen. Ich will nur klarmachen, man sollte es sich auch nicht so einfach machen, als ob es da um die Ergänzung der bisherigen Politik geht. Es geht schon um was fundamental anderes, und das ist zu wenig begriffen. Mich ärgert – und das ist für mich das zentrale Versagen -, dass das nie richtig debattiert wurde.

Armbrüster: Was hat denn die SPD daran gehindert, das zu debattieren?

Müller: Was hat alle gehindert daran, dies zu debattieren?

Armbrüster: Na ja! Ich spreche jetzt mal mit Ihnen, weil Sie ja Einfluss vor allen Dingen in der SPD hatten oder haben.

Müller: Ist ja klar. Ich will das überhaupt auch nicht relativieren. Aber ich meine, beispielsweise auch ein Jürgen Trittin hat damals die deutschen Klimaschutzziele aufgegeben. Aber da haben sie nicht so genau hingeguckt mit der Öffentlichkeit.

Armbrüster: Da würde Ihnen Jürgen Trittin jetzt wahrscheinlich deutlich widersprechen.

Müller: Nein, das kann er nicht, weil selbst mein damaliger grüner Kollege, der umweltpolitische Sprecher Reinhard Loske der Grünen, damals erstaunt war, wie er das Ziel aufgegeben hat. – Ich will das aber jetzt gar nicht thematisieren. Ich will nur klarmachen, dass es um keine Kleinigkeit geht. Es geht um unheimlich viel und meines Erachtens hat die SPD nicht begriffen, dass sie eine unglaubliche Chance hätte, gerade dieses Thema zu bewältigen, weil es nämlich im Kern wie nie zuvor die Gerechtigkeitsfrage thematisiert. Wir werden mit Grenzen nur umgehen können, wenn wir zu mehr Gerechtigkeit kommen, und das ist eigentlich ihr eigenstes Thema und ich bedauere deshalb, dass sie das bis heute nicht richtig begriffen hat.

Quelle Deutschlandfunk, Tobias Armbrüster (DLF) im Gespräch mit Michael Müller / Radiosendung und Printversion des ganzen Interviews HIER

Dank an JMR!

Nachtrag in der Nacht zum 12.02.18

Der Beitrag in ttt (Titel, Thesen, Temperamente) kam wie gerufen, unbedingt hören, sehen, notieren! THEMA:

Kampf den Umweltlügen – Film und Buch „Die grüne Lüge“

HIER

Zitat zur „Nachhaltigkeit“:

„Mittlerweile benutzt diesen Begriff jeder, weil der natürlich auf keine Art und Weise geschützt ist“, erklärt Kathrin Hartmann. „Das kann alles Mögliche sein. Es gibt Gründe, warum man von nachhaltigen Palmöl spricht und nicht von ökologisch und sozial gerechtem Palmöl. Denn: Das gibt es nämlich nicht.“

Ich erinnere mich an eine Seite 2 – in der ZEIT oder in der Süddeutschen Zeitung – zum Thema Palmöl, darunter ein Artikel, dass jedes für Palmölplantagen gerodete Gebiet in Indonesien die Lebensgrundlage für 20 000 Kleinbauern sichert. Eine Art Erpressung? Morgen früh werde ich auf die Suche gehen. Die „guten“ Zeitungen bleiben für ein bis zwei Wochen auf dem Stapel der ZEIT, die bei uns Monate oder sogar 1 Jahr überdauert…

Morgen!

Rosen am Rosenmontag Morgens am Rosenmontag

Die Rosen habe ich aus privaten Gründen besorgt, habe die nette Blumenverkäuferin gefragt, wo die denn herkommen. Sagte sie Costa Rica oder Puerto Rico? Andere kommen aus Kenia. Viele auch aus Holland, natürlich. Nicht nur Tulpen. Ich weiß, und in Spanien nur Tomaten unter Folien, die Pflänzchen kommen in Töpfen aus (ich weiß es nicht mehr), sie werden nie Kontakt mit dem „normalen“ Erdreich haben. Wenn Sie das Foto anklicken, können Sie auch die Schlagzeilen meiner oben angekündigten Zeitung lesen. Ich bin die Seite inzwischen mit Rotstift durchgegangen. Im Fernsehen ein Moment Frohsinn aus Köln. Kein Missverständnis: ich spiele nicht den Savonarola! Für die Rosen aus Mittelamerika habe ich das Auto bewegt. Inzwischen scheint die Sonne. „Meine“ Schlagzeilen folgen, für den Fall, dass jemand die SZ-Artikel im Internet suchen will.

Süddeutsche Zeitung 3./4. Februar 2018 Seite 2 Thema der Woche Fluch des Biokraftstoffes Palmöl galt rinst als saubere Alternative zum Diesel, es sollte das Klima schützen und wurde gefördert. Doch dann zeigten sich gravierende Nachteile. Nun plant die EU eine Kehrtwende. Wird das der Umwelt helfen?

Europas Brandspur Regenwälder müssen oft Palmöl-Plantagen weichen. Nun will die EU den Biodiesel für Autos verbieten. Aber das ist nur ein erster Schritt, denn der Rohstoff steckt auch in vielen anderen Produkten. Von Michael Bauchmüller. Hier

Gute Pflanze, böse Pflanze „Ich wüsste nicht, wie ich sonst mein Geld verdienen soll“: Kleinbauern in Südostasien protestieren gegen die Europäer, denn Millionen Menschen leben vom Plantagengeschäft. Von Arne Perras. Hier

Gestern

6. Februar 2018

Der Tag war ziemlich gelungen. Morgens Quartett-Probe in Refrath mit Beethovens Streichquartett op.130 (Sätze 1-3). Ein (doch gar nicht so selten wiederkehrendes) Erlebnis, wie anders es ist, die Stimme eines Quartetts geübt zu haben, alternierend mit dem Hörvergleich (CD Auryn-Quartett), auch mit einigen Versuchen, den Zweite-Geigen-Part mit Knopf im Ohr synchron zur Aufnahme zu spielen. Und dann zu vergleichen, wie man es in Wirklichkeit bei der Realisierung erlebt oder erarbeitet, bzw. das Erarbeiten erlebt. Es ist nicht einfach Begeisterung, die sich einstellt, zugleich auch „Befremdung“; das liegt an Beethoven, es liegt an der Komplexität des Werkes, der konsequenten Verteilung auf vier Individuen. Von der CD gehört, verläuft es ja nun mal in einer nicht irritablen Perfektion. Ich denke an das Gespräch zwischen vier vernünftigen Personen, – Goethe hat wohl ein damals geläufiges Diktum abgewandelt -, die Vernünftigkeit der anderen Teilnehmer braucht Toleranz, weil sie in der Musik ja gleichzeitig reden wollen, und man kann ihre Geltung nicht in Zweifel ziehen. Die Bewunderung für den Komponisten wächst mit dem Gelingen.

Ich hatte mir vorgenommen nachzuforschen, was eigentlich Basil Lam mit der Anspielung auf den langsamen Satz der Jupiter-Sinfonie gemeint hat (vielleicht mein kleines Lieblingsthema, weniger ein Thema als eine Abschiedsformel vor dem Doppelstrich, dachte ich, hatte es schon Ende der 80er Jahre unterstrichen. Ohne am Ort gründlich nachzuschauen).

Lam Mozart bei Beethoven

Was Basil Lam meint, ist folgende harmonische Sequenz (übrigens in den Triolen grifftechnisch verteufelt schwer in der zweiten Geige, auch rhythmisch als Geige-Bratschen-Uhrwerk) :

Beethoven 130 3 Beethoven

Mozart Jupiter 3 Mozart

Als ich gegen 14 Uhr nach Hause kam, war die sehnlich erwartete Guinea-Postsendung eingetroffen. Die Chance, an das Erlebnis der 90er Jahre mit dem Ensemble Famoudou Konaté anzuknüpfen, damals dank Johannes Beer und der CD mit seinem Analyse-Booklet. Es muss sich im Blog wiederfinden. Auch die Website-Verbindungen zur Arbeit des Autors Thomas Ott und Famoudou Konaté. Auch die Frage: was macht eigentlich Johannes Beer? Damals bei der Veranstaltung in der Essener Zeche Carl plante er eine Ausbildung für die Waldorfschule. Im Ernst, ich war enttäuscht: Afrika und Anthroposophie, das schien mir dermaßen absurd, – jedenfalls nicht vorstellbar, wenn man je Eurythmie gesehen hat.

Rechnung Guinea

Guinea Ott + CD Institut für Didaktik populärer Musik 1997

Abends Live-Übertragung des Gürzenich-Konzerts ONLINE. Ich wollte in meinem Arbeitszimmer ausharren und nicht im Wohnzimmer das Spiel Leverkusen gegen Bremen sehen. Ohne verhehlen zu wollen, dass ich mir oft den Spaß mache, beim Fussball-Fernsehen an die Team-Arbeit des Orchesters zu denken (wo allerdings die Gegnerschaft der Mannschaften kein Spiegelbild findet). Und: Musik ist natürlich kein Sport, nur der „Ernst“ ist von ferne vergleichbar. Auch das Können der Einzelnen. Nur nicht das Gesamtergebnis und der Ertrag. (Siehe auch hier.) Es geht um etwas völlig anderes.

Orch & Indiv 46 Screenshot 2018-02-06 21.58.06 Screenshot Gürzenich-Orchester

Am späten Abend bleibt noch genügend Zeit für die Verlängerung des DFB-Spiels. Toll. Aber würde ich jetzt den Rest des Spieles, das ich nicht gesehen habe, in der Aufzeichnung nachholen? Nein. Das Konzert jedoch werde ich – wenn es weiterhin abrufbar ist – mindestens noch einmal hören. Wahrscheinlich erst, nachdem ich mich mit einzelnen Aspekten näher beschäftigt habe. Und insbesondere den Boulez, bei dem ich noch nicht aufs „bloße“ Erfassen des Werkes eingestellt war, alles andere kannte ich ja als „Werk“ seit Jahrzehnten. Und das bedeutet seltsamerweise, dass man um so aufmerksamer zuhört. Um nochmal den Sport zu erwähnen: da interessieren anschließend die Tore und die Kabinettstückchen, auch die emotionalen Probleme, ein bisschen natürlich auch die Strategie, aber alles andere ist vergangen und gewissermaßen bedeutungslos – was interessiert mich der DFB-Pokal??? Oder diese lächerlichen Welt-Dopingveranstaltungen? Am Sport interessiert mich eigentlich nur, inwieweit und warum er die Enkel interessiert. In ihrem Alter hat es mich ja auch zeitweise sehr beschäftigt. Und wenn sie jetzt mit mir im Stadion sitzen, ärgert es mich doch, wenn sie insgeheim mit dem Gegner halten, nur weil dessen Heimat näher bei München liegt…

Nachtrag 15.02.2018

Falls ich mal weiteren Stoff suche zu Goethes ewig zitiertem Vergleich „Streichquartett / Gespräch“. Heute (gestern 14.2.) im VAN-Magazin, das Kuss-Quartett:

William Coleman: Und warum man grundsätzlich im Quartett spielt: Irgendwas ist am Quartett offenbar faszinierend. Es ist kein großes Orchester und trotzdem hat man die gleichen Komponisten, die gleichen Gefühle. Es sind nicht vier Solisten, sondern ein Gespräch, ein Kampf unter vier Menschen. Alle müssen eine eigene Meinung haben. Und der Versuch, das zusammenzubringen – irgendwas muss dran sein, das es faszinierend macht.

Text: Merle Krafeld

Warum ich wieder Wagner höre

Ein Ring – ohne Gesang!

Vor vielen Jahren habe ich einmal einen Puccini ohne Gesang sehr schön gefunden (Harald Banter hatte die CD in WDR3 vorgestellt), habe mir die Aufnahme gekauft und dann einem Puccini-Liebhaber geschenkt. Der schrieb mir ungerührt: Aber ich liebe doch Puccini wegen des Gesangs! Und er hat sie – aus Höflichkeit? – dennoch behalten, die geschenkte CD, und ich ärgere mich bis heute. Wagner ohne Gesang (mit Maazel) hätte ich auch gern gehabt. Und jetzt las ich eine Kritik, die ich als Verriss empfand, einen derart unbedarften, dass ich mich nicht scheute, die CD gerade deswegen zu bestellen. Hier ist die Kritik (deren Quelle ich absichtlich verschweige), und weiter unten die Abbildung der CD, die ich mit den urteilenden Worten vergleichen will.

Kritik Wagner a Kritik Wagner b

Nein, „unbedarft“ ist nicht das richtige Wort für einen Verriss in diesem Ton, es ist eine dilettantische Argumentation, die hochtrabend daherkommt, man könnte sie blindlings auf Werke völlig anderer Provenienz übertragen. Sie passt immer und nie. Sie lässt sich nicht recht widerlegen, weil sie gar nicht auf realen Eindrücken beruht.

Die Töne  wirken in manchen, gerade getrageneren Passagen nur aneinandergereiht, was an den speziell in langen Linien oft fehlenden oder abbrechenden Spannungsbögen liegt; die Musiker gehen zu sehr von einem Ton weg, sodass die Verbindung zum nächsten fehlt – etwa in „Wotans Abschied“ und „Feuerzauber“.

Was für ein pauschales Daher-Gerede! Ganz am Schluss der Rezension kommt es ans Licht, wie man diese CD im Auto hört („das könnte unfallträchtig sein“). Mein Rat: zunächst das Fortissimo prüfen (Tr.5 Gewitter), dann erst ab Anfang der CD: die Kontrabässe auf dem Meeresgrunde an der Grenze zum Unhörbaren, – und siehe da! das Fagott in Takt 5 wird nicht „dominant“ erscheinen, es wird auch nicht erst mit den Hörner in Takt 17 einsetzen, wie das kritische Ohr behauptet. Ein Blick in die Partitur könnte helfen. Wenigstens wenn man – als seriöser Kritiker – endlich nicht mehr im Auto sitzt.

Rheingold Partitur

Kritik an Wagner Instrumental (bitte anklicken)

Nehmen wir’s mal genauer und schauen ein wenig in den Klavierauszug: Wotans Abschied will hier (s.u.) zum Feuerzauber übergehen, Zeile 2, dies ist bereits der Anfang von Tr.10. Dort aber, wo das Feuer voll zur „immer helleren Flammenglut anschwillt“ und  schließlich „Wotan mit wildem Flackern“ beleuchtet, so dass sein Zauber Wirkung zeigen könnte (s. u. die zweite Klavierauszug-Seite), da hat die CD-Auswahl längst den Sprung in den „Siegfried“ geschafft, und zwar in diesem Tr.10 genau bei 1:50. Man muss das mal hören und sehen, um beurteilen zu können, ob die von der Kritik gedroschene Phrase vielleicht doch einen Hauch von Sinn hat: „die Musiker gehen von einem Ton weg, sodass die Verbindung zum nächsten Ton fehlt“. Nein, nichts fehlt, es ist ein leeres Klischee!

Wotans Abschied Feuer Loge Wotans Feuerzauber Noten

Unsinn und Klischee allenthalben. Auch wenn eine Art Lob kommt, es ist ein vergiftetes:

Zu loben sind die durchaus schönen Solistenleistungen der Musiker und die meist recht gute Intonation. Gleichwohl spielt die Staatskapelle wenig durchhörbar, sehr flächig; oft kann man einzelne Register etwa der Streicher kaum voneinander unterscheiden. Das scheint gerade für Wagners so (im wahrsten Sinne des Wortes) vielschichtige Musik ungeschickt und erzeugt einen kompakten, etwas dumpfen, aber immerhin stets warmen Klang.

Die Register der Streicher – wer bisher dachte, dass sie möglichst homogen spielen sollten, liegt falsch, – er lernt einen kompakten Klang kennen, der stets sehr warm ist, aber leider auch dumpf. Das kann eigentlich nur an den Ohren liegen. Verbunden mit dem denkbar musikfeindlichsten Ansatz der Kritik, nämlich – eine „Referenzaufnahme“ mit den Berliner Philharmonikern als absoluten Maßstab anzulegen, bevor man sich überhaupt den Lautsprechern zuwendet. Ohne einen weiteren Ton gehört zu haben, kann man risikofrei konstatieren:

Nichts ist wirklich schlecht, viel wirklich schön.

Wenn das kein Lob ist! Ein vernichtendes. Bis hin zu dem erwähnten (heuchlerischen) Ratschlag, man solle die CD  sicherheitshalber nicht im Auto hören, da die dynamische Bandbreite der Partitur von Hansjörg Albrecht und seinem Klangkörper voll und durchaus fein ausgeschöpft wird, – „voll und durchaus fein“. Ansonsten kann der Klangkörper aber gar nichts dafür, denn die Bandbreite kommt weniger von der Interpretation, es handelt sich um eine „natürlich schon von Wagner entsprechend angelegte“. Wer hätte denn das gedacht!?

Doch im Ernst: auch die dürftigste Kritik kann einen etwas lehren. Betrachten wir doch nochmals die schon zitierte Phrase: dass die Töne in manchen, gerade getrageneren Passagen nur aneinandergereiht wirken usw., siehe oben. Schon als Erstsemester an der Hochschule lernt man, was bei der Melodiegestaltung zu beachten ist, die Linie besteht nicht aus toten Punkten, die Linie soll leben:

Wagners melodische Spannung

Ich kann den ersten Takt, wenngleich er absteigt, auf den zweiten hin spannen, ja, mit einem Crescendo und ganz dichtem Anschluss über den Taktstrich hinweg, mit leichtem Druck auf dem hohen A, diminuendo auf der dann absinkenden Linie. Die nächsten Takte genauso, aber um eine dynamische Stufe angespannter. Es muss allerdings noch Luft bleiben, für weitere Steigerungen. – Ich könnte es auch anders gestalten, nämlich den ersten Takt stärker beginnen und abfallen lassen, den zweiten jedoch, der durch die Tonhöhe schon stärker wirkt, so hauchzart ansetzen, als sei er viel zu verletzlich für diese Welt; dann erst wachsen lassen zum dritten Takt mit dem Fis. Und dieses weiterdenken – über den Abgrund der Pausen hinweg! Es gehört ja zu den Binsenwahrheiten des klassischen Unterrichtes: immer über den Taktstrich hinweg spannen! Nie die Melodie abfallen lassen, immer beobachten, wo ihr dynamisches Ziel liegt! Dann aber kam die neue barocke, historisch informierte Interpretation, und man musste diese Marotte mühsam zurückbilden: nun galt eine Betonungsordnung innerhalb des Taktes, er hatte starke und schwächere Zeiten. Der Geiger, der mit Inbrunst weiterhin von der letzten Zählzeit des Taktes zur ersten des nächsten Taktes crescendiert, war plötzlich fehl am Platze.

Da dies aber nicht unbedingt auch für die romantische Musik gilt, darf man das Klischee weiterhin ungestraft propagieren. Und so geschieht es auch hier. Falsch ist es ja nicht, es ist – wie gesagt – eine Binsenweisheit. Die Töne dürfen doch nicht einfach aneinandergereiht werden!! Genau! Oder man schaut einfach mal, was der Komponist selbst notiert hat. Vielleicht hat er die dynamische Gestaltung gar nicht so sehr den Interpreten überlassen?

Wagner Brünhildes Motiv

Sie sehen, welche Möglichkeit der Melodiegestaltung Wagner gewünscht hat: piano beginnen, crescendo zum Beginn des nächsten Taktes und wieder zurück ins piano. Und was für ein Ungestüm in dem Zwischenraum der Pause, molto cresendo bis hin zum fortissimo! Und den (damals?) geübten Brauch hat mein Vater beim Dirigierstudium eingetragen: „accellerando“ und eine Fermate auf dem letzten Achtel des Taktes. Die neue Phrase der Melodie dann genau wie die erste, die Pausenfüllung ebenfalls. Dann aber die weiterführenden Phrasen über alle Taktstriche hinweg, bis unten auf die Seite, piano – crescendo rallentando – forte, a tempo – più forte – und weiterhin wachsen bis zum fortissimo (auf der nächsten Seite). Hören Sie doch die Stelle im „Original“ der Weimarer: Tr.9 ab 0:51 (bis etwa 2:17), dann haben Sie des Rätsels Lösung: die Kritik versteht nicht, weshalb Wagner in dem Moment, wo die Melodie den dritten Takt der Phrase erreicht, jeweils wieder im piano ansetzen lässt (der „Abgrund der Pause“ s.o.) und nach dem erreichten fortissimo noch einmal! Jaja, das klingt wie ein Anfängerfehler, das wollen wir mal in die Kritik schreiben. Die Solo-Oboe macht es dann zwar richtig, und überhaupt es geht über mehrere Takte hinweg zum ff Höhepunkt, tut mir leid, jetzt steht es schon anders da in meiner Kritik und macht sich doch recht fachkundig. Im übrigen weiß man doch, dass dieser Dirigent von Haus aus Organist ist und außerdem das Münchner Bach-Orchester leitet: da hat man halt so eine starre, barocke Melodieauffassung.

Typisch für eine Kritik, die soviel Überflüssiges aneinanderreiht (z.B. dass eine Symphonie von Wagner ein „Desiderat“ der Dirigenten war, die nicht an Opernhäusern tätig waren), typisch, den schönen Text nicht zu erwähnen, den man im sorgfältig gestalteten Booklet findet. Wer selber glaubt, schreiben zu können, hält sich mit anderen Schreiberlingen nicht auf. Darum sage ich: sehr lesenswert! Und diese Autorin ist ohnehin bemerkenswert (s.a. hier!). Beginnen Sie einfach hier mit der ersten  von siebeneinhalb spannenden Seiten!

Wagner Weimar Text Text von Dr. Eva Gesine Baur

Ich freue mich über diese CD. Auffindbar bei OEHMS CLASSICS. Oder hier: niemand muss die Katze im Sack kaufen (oder mit Nachhilfe einer Kritik). Einfach reinhören!

Kampf ums Abendland?

Was hat El Cid denn mit der Klassik zu tun?

SZ Klassikkampf Süddeutsche 15. Januar 2018El CID Burgos El Cid (Foto: Wikipedia)

Was den SZ-Redakteur Thomas Steinfeld dazu getrieben hat, angesichts des Buches „Klassikkampf“ von Berthold Seliger mit dem Denkmal des Reconquista-Helden „El Cid“ in Burgos aufzuwarten, verliert sich ins Blaue hinein. Zur Marseillaise passt es ebensowenig wie zum Musikliebhaber (Titelzeile „Auf in den Kampf“ – dieser fliegende Reiter hat seine Lanze schon 700 Jahre früher abgegeben) . Aber muss man denn schon wieder den Begriff „Klassik“ abklopfen? Die meisten SZ-Leser wissen, dass er nicht nur eine kurze Wiener Musik-Epoche kennzeichnet, sondern nahezu beliebig auswählbare Kultgegenstände nobilitieren soll, von der Antike bis zur Hudson Reed Toilette oder den Triumph Classics, nur keine wirklich „innovativen“. Anders liegt der Fall, wenn intelligente Journalisten musikalischen Nonsense produzieren. Es klingt doch noch irgendwie bedeutend:

War nicht Felix Mendelssohn Bartholdy, kein geringer, aber gewiss kein „innovativer“ Komponist, auch einer der Begründer der historischen Musikpflege und also eines durch und durch konservativen Unterfangens – eines Vorhabens zudem, welches das klassische Repertoire, das bis heute die Konzertsäle beherrscht, überhaupt erst entstehen ließ? Und ist umgekehrt nicht Ludwig van Beethovens Huldigung an den Fortschritt, nämlich der vierte Satz der Neunten Symphonie („Freude, Freude treibt die Räder / in der großen Weltenuhr“), ein Werk, das mit seinem hämmernden Rhythmus und in seiner Insistenz auf der Tonika für empfindliche Ohren kaum zu ertragen ist? Es fällt schwer zu glauben, dass Beethoven dieses Umschlagen von Jubel in Qual nicht mit Absicht betrieben hätte.

Was tun, wenn man diese eine Zeile von den Rädern in der großen Weltenuhr nie als die programmatische Huldigung des Komponisten an den Fortschritt verstanden hat? Einfach aus dem Grunde, weil die Zeile bei ihm überhaupt nicht vorkommt, sondern nur bei Schiller und, wie einem beim Nachschlagen auffallen kann, auch bei diesem nicht mit dem Räderwerk des Fortschritts zu tun hat, sondern eher mit dem unbeirrbaren Gang der Natur.

Immerhin hat sich der Autor die Mühe gemacht, die Menge der Tonika-Takte abzuschätzen, um sie abschätzig zu beurteilen, während ein ausgewiesener Musikkenner über den Schluss der Neunten (das „Ausatmen“ im Tonikabereich nach der Dominante) positiver denkt. Gewiss könnte man den ganzen letzten Satz der Neunten heute vielleicht kritisch sehen, aber sicher nicht wenn man ihn, immer noch von revolutionärem Geist erfüllt, in Beethovens Zeit gerade selbst komponiert hätte. In diesem Sinne lohnt es, die dabei sorgfältig ausgewählten Texte wirklich zur Kenntnis zu nehmen. Und auch ihre musikalische Deutung ernst zu nehmen, weil sie von Beethoven ohne jeden Zweifel ernst gemeint war. Und weil er in seiner Taubheit auf jeden Fall besser hörte als alle unsere zeitgenössischen Journalisten zusammengenommen.

Freude Text der Neunten Riezler über Schluss der Neunten Walter Riezler

Quelle Beethovens Text nach Schiller und ein Text aus Walter Riezlers Beethoven-Buch (Atlantis Verlag 1936 Seite 231).

Und nun zu dem für empfindliche Ohren – ehrlich gesagt – doch ziemlich holprigen Statement über einen der „Begründer der Historischen Musikpflege und also eines durch und durch konservativen Unterfangens“. Was könnte man – wenn man böswillig genug ist – selbst ausgewiesenen musikalischen Revoluzzern wie Wagner und Liszt nicht alles anhängen, wenn es um die durch und durch konservativen Unterfangen einer Lohengrin- oder Tristan-Partitur und all die Klavierbearbeitungen rückwärtsgewandter Schubert-Lieder geht. Die Geschwister Mendelssohn sind – nicht anders als der junge Beethoven – mit Bachs Wohltemperiertem Klavier aufgewachsen und haben diese verstaubten Werke sehr zeitgemäß gefunden. Beethoven hat an diesem Fugendenken sogar sein innovatives Spätwerk orientiert, das wiederum der Knabe Mendelssohn mit großem Eifer studierte und zum Vorbild nahm.

Heute erinnert man sich natürlich auch, wie eine neue Renaissance der Alten Musik seit unseren 60er Jahren das zeitgenössische (!) Lebensgefühl beflügelt hat (zumal es sich nicht gegen Lachenmann, Rihm und alles Neue richtete, wohl aber gegen den eingeschliffenen „Klassik“-Konzertbetrieb). Man erinnert sich sogar, dass damals das Musik-Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erst nach Jahrzehnten begriffen hat, was eigentlich in Wien und Köln passiert war.

Es hat also auch wieder eine gewisse Logik, dass ein solcher Artikel über Berthold Seligers Musik-Buch zum „Klassikkampf“ gar nicht erst in die Musikredaktion wandert, obwohl sie inzwischen über aufgeschlossene Köpfe verfügt, sondern zu einem vornehmlich Schrift-Kundigen, der allerdings mit seinem Stichel auf allzu hohem Rosse sitzt und ins Blaue hinein schwadroniert.

Quelle Süddeutsche Zeitung 15. Januar 2018 Seite 14 Zu den Waffen,  Musikliebhaber Berthold Seliger versucht in seinem Buch „Klassikkampf“ den Stand der „ernsten“ Musik zu bestimmen und sie gegen den Kommerz zu verteidigen. Von Thomas Steinfeld.

Ein abschließender Blick in Beethovens Vorlage (Ausschnitt incl. Räder & Weltenuhr):

Beethoven Schiller Freude

… und in Heinrich Schenkers Form-Übersicht des letzen Satzes der Neunten:

Schenker Beethoven Neunte

Quelle Beethovens Neunte Sinfonie / Eine Darstellung des musikalischen Inhaltes von Heinrich Schenker / Universal Edition No. 2499 Wien Leipzig 1912 / Seite 244

Zu Berthold Seligers Buch „Klassikkampf“ hier und hier. (Printausgabe zur Zeit ausverkauft, Neuauflage in Vorbereitung).

Ein interessantes Gespräch mit Berthold Seliger über einige Aspekte der „Klassik-Krise“ und über musische Bildung finden Sie im Deutschlandfunk Kultur HIER (dort lieber hören als lesen, – oder beides).

Seliger Opernpublikum Screenshot 2018-01-18 23.31.40 NOCHMALS: Extern HIER.

Filmmusik oder „SCORE“

Warum ich Musik im Film nicht ganz ernst nehme

Natürlich spüre ich eine Wirkung, aber es ist zugleich so, als ob mir während des Films gesagt wird: „Pass auf! Das ist jetzt Sehnsucht. Und hier kommt Fröhlichkeit. Gleich die Geigen, das ist Liebe, und die Liebe sollst du bitte schmachtend finden. Szenenwechsel: Achtung Volksfest! Karussell, Trubel, Lebenslust, warte auf das, was sich darin ankündigt! Das wird böse enden“ usw. usw.

Manchmal muss ich einräumen, dass einige Einfälle, Effekte (da wird meist das Geigen-Kreischen aus „Psycho“ erwähnt), Melodien, Rhythmen (Pferdehufe in „Spiel mit das Lied“) auch über die akustische Illustration hinaus bemerkenswert sind und sich sogar im Konzert oder im Hörfunk gut ausnehmen würden, vor allem, wenn man den Film noch im Kopf hat, als Emotionsverstärker gewissermaßen. Ich spreche nicht über den „Titanic“-Song, – die irische Flöte, die hauchige Stimme, den Dreiklang, den Oktavsprung -, bin aber sicher, dass niemand über den Song zum Film kommt, sondern nur umgekehrt. Die Simplizität wird durch die Fülle der Erinnerungsbilder ausgewogen.

Aber was mich stört ist die Holzhammermethode. Ich würde gern die Funktion der Stille loben, (selbst in Form des Zikadengesangs), aber auch hier kann man nicht sicher sein, ob sie sich nicht nur deshalb ausbreitet, weil ein Knalleffekt folgen soll. Das verdirbt die Stille! Es ist üblich geworden, die Musik des Filmes „Spiel mir das Lied vom Tod“ als vorbildlich zu rühmen. Und ich habe mich da gern eingereiht. Obwohl mir von Anfang an die Sopran-Melodie zu dick aufgetragen schien: allein schon die drei Sextsprünge aufwärts. Sie wirkt nur, weil die Frauenstimme mühelos die Höhe schafft, und die Emphase der hohen Töne ist es, die uns ergreift. Dass die Vision des Schönen in einer grausamen Welt gelingt! Von einer Violine gespielt, mit Start auf dem a der G-Saite und erstem Ziel auf dem fis der E-Saite, wäre die Melodie banal und wirkungslos. Frappierend ist auch die Verwandlung des zugleich sehnsüchtigen und unheilkündenden Mundharmonika-Motivs zu einem großen Thema, dessen ostinate Begleitung es übernimmt; schließlich der Ursprungs- und Enthüllungsmythos des Motivs im Röcheln eines Gefolterten, das wiederum in einer großen Synthese verbunden wird mit dem finalen Verstummen im Munde des erschossenen Folterers. Der Schrei, das Röcheln. Die Lösung des Geheimnisses – „Wer bist du?“ – in Koinzidenz mit der musikalischen Aussage. Auch hier ist alles überdeutlich (wie im Bild: die unerbittlichen Augen in Nahaufnahme). Das Schnarren der Zikaden. Die plumpe verbale Polarisierung Mann – Frau. Der Schuss und der fast synchrone Schnitt mit dem Rasiermesser. – Vor allem: der einzige (mir bekannte) Film, in dem ein musikalisches Motiv (emblematisch) die Hauptrolle spielt.

Zum Schrei als MOTIV: siehe auch hier. (Ebenso nicht zu vergessen: Klaviertrio g-moll Smetana, der Tod seines Töchterchens.)

10:56 / Der folgende Filmausschnitt in separatem Fenster HIER

Ich komme auf dieses Thema durch eine Rezension von Jan Kedves in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Januar 2018. Es geht um den Film „Score – Eine Geschichte der Filmmusik“. Zitat:

[Der Film] widmet sich, jenseits des „Blade Runner“-Einzelfalls, ganz diesem merkwürdigen Zwitter aus Kompositionskunst, Dienstleistung und kalkulierter Wahrnehmungsmanipulation namens Filmmusik. Der Film fragt: Wie wirkt sie im Kopf? Wie ändert sie das Verständnis von Leinwandbildern? Wirkt die Duschszene aus „Psycho“ auch ohne schreiende Geigen? Nein, sie wäre dann ganz harmlos. (…)

Auch Quincy Jones, der unter anderen den Score für „Die Farbe Lila“ komponiert hat, ließ sich interviewen. Er sagt: „Wir nennen es ‚motion lotion‘. Wir können den Zuschauer mit Musik alles fühlen lassen, was wir wollen.“

Das klingt toll, nach Geheimwissenschaft und ein bisschen Zauberei, und den Part der rationalen Erklärerin übernimmt dann Siu-Lan Tan, Psychologie-Professorin am Kalamazoo College in Michigan. Sie betont, dass Musik hochkomplex auf das menschliche Gehirn wirke. Harmonik und Rhythmik werden in verschiedenen Regionen verarbeitet und bewirken unterschiedliche physiologische Reaktionen. Wenn dann noch bewegte Bilde dazu kommen, dann explodiert das Gehirn regelrecht. Der Film zeigt Nahaufnahmen von Gänsehaut.

Sind damit Wirkung und Geschichte der Filmmusik ausreichend erklärt? Kaum. Vielleicht hätte man auch einmal mit der Begriffsverwirrung aufräumen sollen, die in dem Bereich herrscht. Viele sagen nämlich „Soundtrack“, wenn sie eigentlich Score (englisch für: Partitur) meinen. Score ist der Begriff für die Musik, die speziell für einen Film komponiert wurde. Zum Soundtrack hingegen gehört alles, was in einem Film an Musik zu hören ist – auch die Musik, die es vorher schon gab. Der Electro-Song „Fuck The Pain Away“ von Peaches, der läuft, während Bill Murray in „Lost In Translation“ in einer Strip-Bar in Tokio einer gelenkigen Strip-Performerin zuschaut, ist Soundtrack. Möglicherweise die Szene gerade deswegen so gut, weil man den Song vorher schon kannte. „My Heart Will Go On“ wiederum, gesungen von Céline Dion und eingeleitet von diesem schmalzigen Solo auf der irischen Blechflöte, ist ein Score, weil der Song von James Horner (Musik) und Will Jennings (Text) speziell für „Titanic“ komponiert wurde. Es ist sogar der erfolgreichste Score aller Zeiten. Manchen mag diese Unterscheidung kleinkariert erscheinen, aber daran hängt halt der Stolz einer kompletten Berufssparte. Wenn man mit Soundtracks schon zufrieden wäre, müsste ja nichts Neues komponiert werden. Dann wäre die Geschichte der Filmmusik am Ende, die damit begann, dass die Filmprojektoren der Brüder Lumière in Paris im späten 19. Jahrhundert so laut ratterten, dass man mit live gespielter Klavier- und Orgelmusik vom Lärm ablenken wollte. Im Grunde ist „Score“ ein Werbefilm für das Handwerk der Filmkomponisten, weshalb sich ein recht konservatives Verständnis von Komposition in dem Film vermittelt. Es geht fast nur um sinfonische, also mit klassischem Orchester eingespielte Scores.

Quelle Süddeutsche Zeitung 4. Januar 2018 Seite 10 Gänsehaut vom Fließband Der amerikanische Dokumentarfilm „Score – Eine Geschichte der Filmmusik“ zeigt, dass Orchester-Musiker in Hollywood nicht gerade einen Traumjob haben. Von Jan Kedves.

(Fortsetzung folgt) Habe ich es richtig gemacht? Siehe Hier. (Ich gehe gerade in mich…)

Der Fehlversuch, eine Art EPOS der Musik anzupreisen

Namen und Zitate zur Filmmusik (aus dem Trailer zu „SCORE“)

Musik ist das, was wir alle verstehen ohne es zu verstehen.

Leonard Maltin: Musik ist eine enorm treibende Kraft für jede Filmhandlung.

„Bond, James Bond.“

Jon Burlingame: Das Bild ist eine Sache. Aber wenn Musik dazukommt, verändert es sich.

John Debney: Eine ganz andere Erfahrung.

James Cameron: Die Filmmusik (the score) ist der Herzschlag des Filmes.

Rachel Portman.

Quincy Jones: Wir können Ihre Emotionen steuern.

Thomas Newman.

Tyler Bates: Seine Musik ist so eloquent.

Hans Zimmer hat alles revolutioniert.

Hans Zimmer: Wir müssen das drastisch verändern, es neu erfinden.

Mychael Danna.

Der Wunsch sich durchzusetzen treibt einen an.

Danny Elfman.

Bear McCreary: Man ist wie im Rausch. (a chemical hype)

Mitchell Leib: Wie Led Zeppelin, von einem Orchester gespielt.

Filmmusik ist die sinfonische Musik von heute.

Christophe Beck: Wie gibt man dem Zuschauer das Gefühl, nach Hause zu kommen?

Das Gehirn verbindet die Punkte.

Deborah Lurie: Die Filmmusik hat sich radikal verändert.

Eine neue Renaissance.

Sie ist so intuitiv. So unglaublich kraftvoll.

Man kann nicht oft genug sagen, wie aufregend das ist.

SCORE

A FILM MUSIC DOCUMENTARY (2017) | Official Trailer (englisch)  HIER

SPIEGEL-ARTIKEL über den Film SCORE (am Ende Trailer deutsche Fassung) HIER

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Ich erinnere mich an den Film „Außer Atem“, den ich 1960 in Berlin gesehen habe. Mehrfach. Die räselhafte Wirkung des Klarinettenkonzerts von Mozart in diesem Zusammenhang hat mich nie losgelassen. Und nachträglich verstärkt, weil es hier eben nicht nur um die sentimentale Wirkung des herausgelösten langsamen Satzes – wie in „Jenseits von Afrika“ geht. Es geht mit Mozart um Klassik schlechthin – in einer kaputten Realität. (Oder es scheint mir darum zu gehen. Jemand, der nie Klassik hört, wird es anders erleben.)

https://www.thecinetourist.net/a-bout-de-souffle-footnotes-to-the-film.html

Text: http://joerg-kessen.de/Ausser_Atem__3_.pdf

(25) Sie erreichen das Atelier eines Photomodells. Patricia sagt, sie sei sich nicht sicher, wie sie sich jetzt verhalten soll. Sie weiß nicht, ob sie den Weg mit Michel weitergehen will. In den Journalisten sei sie jedenfalls nicht mehr verliebt. Sie legt eine LP mit einem Klarinetten-Konzert von Mozart auf. Michel kennt und mag es, sein Vater sei auch Klarinettist gewesen. Es erscheint nun in Großaufnahme ein Buch von Maurice Sachs “Abracadabra“. Eingeschlagen ist es mit einem Spruch „Wir sind alle Tote auf Urlaub“, darunter Lenin. Erneut eine Kommentierung der Szenerie. Maurice Sachs, als Maurice Ettinghausen geboren, lebte von 1906-1945. Während der Besetzung Frankreichs im 2. Weltkrieg, soll er jüdischen Landsleuten gegen hohe Geldzahlungen zur Flucht verholfen haben, um sie dann dennoch an die Gestapo zu verraten. Godard könnte hier das Thema Verrat als eine Möglichkeit andeuten wollen, u.U. auch auf sich selbst bezogen, denn er verrät seine Hauptperson ja eigenhändig (d.h. als Darsteller seines eigenen Films) an die Polizei (Sequenz 18). Darüber hinaus wurde die Novelle „Abracadabra“ von Sachs niemals mit dem Zitat „Wir sind alle Tote auf Urlaub“ ausgeliefert. Noch schriller wird es, wenn man feststellen muß, daß dieses Zitat keineswegs von Lenin, sondern von Eugene Levine (einem französischen Kommunisten) entlehnt ist: „Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub“. In dieser Einstellung stimmt also gar nichts. Alles ist möglich und nichts ist wirklich notwendig. Die Szenerie entwickelt sich aber eher eindeutig: Auch auf einer Ebene, die Patricia so vertraut ist, die der Musik und der Literatur, begegnen sie sich nun sehr einvernehmlich. Patricia: „Gehen wir schlafen? Schlafen ist wie sterben. Man ist gezwungen sich einer von dem anderen…“ Michel: „…zu trennen.“ – 14 – Patricia (lächelt): „Ja das wollte ich sagen. Man sagt, man schläft zusammen, aber das stimmt nicht.“ (Sie schaut Michel sehr liebevoll an und dann in die Kamera.) Eigentlich ist hier die bisher höchste Form der Nähe zwischen den Beiden erreicht. Die Nähe ist nicht auf einer gestischen, körperlichen Ebene erreicht, sondern auch auf einer intellektuellen. Die Dialoge beziehen sich aufeinander, meinen wirklich den anderen, nur konterkariert durch die Einfügung des Buchtitels. Alles bleibt offen. Der Verrat (26) Am nächsten Morgen wirkt Patricia sehr fröhlich. Sie haben zusammen geschlafen (sind sich sehr nah gewesen) und haben geschlafen (sich also getrennt). Sie holt, auf Wunsch von Michel, eine Zeitung, nimmt vorher aber noch den Zettel mit der Telefonnummer des Kommissars aus ihrem Täschchen. Will das Atelier verlassen, kehrt aber noch einmal einen Moment zurück, um Michel anzusehen. Sie ist sich nicht sicher, was sie tun soll. (27) Sie kauft eine Zeitung, liest darin, geht an einer Losverkäuferin vorüber, die ihr das Glück anbietet, sie geht daran vorbei und betritt ein Bistro. Von dort aus ruft sie den Kommissar an und teilt ihm den Aufenthaltsort von Michel mit. Man kann diese Einstellungen, wenn man die Einstellung mit der Losverkäuferin nicht als völlig zufällig betrachtet, als Flucht vor dem Glück deuten. Es fällt ihr sichtlich schwer diesen Verrat zu begehen und als das Gespräch von seiten des Kommissars so abrupt beendet, scheint sie noch etwas zu erwarten, vielleicht eine Bestätigung für ihr Tun. (28) Patricia kommt in das Atelier zurück. Michel hört erneut das Klarinetten-Konzert von Mozart und träumt der Verbundenheit mit Patricia nach. Es entwickelt sich ein bemerkenswerter Wortwechsel, der perfekt durchchoreographiert ist. M: „Auf nach Italien, Liebling.“ (kreist um einen Pfeiler herum) P: „Ich kann nicht mitfahren, Michel.“ (Jump Cut) M: „Natürlich kannst Du. Ich nehm dich mit…“ P: „Michel, ich habe die Polizei angerufen. Ich habe gesagt, Du bist hier.“ M: „Hast Du nen Knall. Dir geht’s wohl nicht gut!“ P: „Doch es geht mir sehr gut.“ (Schaltet einen Scheinwerfer an und wird von ihm hell angestrahlt.)„Nein, es geht mir nicht gut. (Im Licht betrachtet ist das Gegenteil von dem der Fall, was Sie sagt.) Ich habe keine Lust mehr, mit Dir wegzufahren.“ M: „Ja, ich hab’s gewußt.“ P: „Ich weiß nicht, was mit mir ist…“ (Die Kamera bewegt sich nun vor Patricia, die um den Pfeiler kreist. Hier beginnt eine Plansequenz, die erst kurz vor Schluß des Gespräches endet.) M: „Wir haben geredet und geredet, ich von mir und Du von Dir… P: „…vielleicht ich bin idiotisch… M: „Vielleicht hätte ich von Dir und Du von mir sprechen müssen…“ P: „Ich will nicht in Dich verliebt sein. Und deshalb ich habe die Polizei angerufen. Ich bin nur mit Dir zusammengeblieben, weil ich wollte wissen, ob ich in Dich verliebt bin oder ob ich nicht in dich verliebt bin. Und das ich so gemein zu Dir sein konnte, ist der Beweiß dafür, daß ich nicht in dich verliebt bin.“ (bleibt vor Michel stehen) (Sie betrachtet ihren Verrat wie ein Gottesurteil: Wenn ich ihn verraten kann, dann liebe ich ihn nicht. Sie experimentiert mit ihrem Handeln, eine Entscheidung ist die ihre und auch wiederum nicht. Sie läßt sich leben.) M: „Sag das noch mal.“ (Schaltet die Musik aus.) P: (Kreist wieder um den Pfeiler) „Das was ich getan habe, ist häßlich und gemein; der Beweis dafür, daß ich nicht in Dich verliebt bin.“ M: „Da heißt es immer, es gibt keine glückliche Liebe. Ich war glücklich.“ P: „Wenn ich dich lieben würde…“

Godard Film Mozart a Godard Film Mozart b

Soweit das Zitat aus dem Blog von Jörg Kessen. Inzwischen habe ich den Film in Teilen nochmal gesehen (ARTHOUSE Ausgabe Jean-Luc Godard), Mozart bzw. die Klarinette spielt eine Rolle von 1:16:45 bis 1:19:18. Die Musik ist jedoch weniger deutlich als ich sie in Erinnerung hatte. Was soll sie transportieren? Nur die Tatsache, dass der Protagonist die Klarinette erkennt und behauptet, sein Vater sei Klarinettist gewesen? Vielleicht lügt er.

Godard Film

Aus meiner Sicht (heute) bemerkenswert, dass meine Film-Fokussierung in engem Zusammenhang mit dem Mozart-Buch steht, das ich gelesen habe; mit Mozarts Theorie der Oper, so wie sie  von Laurent Lütteken entwickelt wurde. – Über Facebook kam der Hinweis von Uwe U. Pätzold (Musikethnologe) auf die Filme „Der dritte Mann“, „Close Encounters of the Third Kind“ … ? In der Tat, zumindest in dem letzteren spielt Musik (ein melodisches Motiv aus bestimmten Tönen) eine „obligate“ Rolle. John Williams.

Mit diesem Hinweis breche ich einstweilen ab. Höre am heutigen Morgen (14.01.18) Mozarts Klarinetten-Quintett und sein Oboen-Quartett mit „Mitgliedern des Collegium Aureum“ (Hans Deinzer, Helmut Hucke, Franzjosef Maier). Was für eine Wirkung. Ursprünglich wollte ich die „Hochzeit des Figaro“ (René Jacobs) auflegen, was mir aber doch in diesem Moment zu didaktisch motiviert schien. (Und das war gut so!)

EE2018 Thema GOTT (=14) – LIEBE (wegen Godard) Zitat? Ich erinnere mich, was Precht kürzlich im Interview der Berliner Zeitung (?) über Gottesglauben sagte. Bei Philosophen, die ihn setzen, obwohl er in ihrem System nicht vorkommt (Beispiel Spinoza). Es war hier. –  „Liebe“ – bei Vašek hier zu „einseitig“ gefasst (nämlich gingkomäßig). Immerhin: „Das Verschmelzungsmodell steht (…) in einem Konflikt mit unserer modernen Vorstellung von Selbstbestimmung.“ Ich würde dem Artikel entgegenhalten: sehr verbreitet ist der Egoismus zu zweit! Oder der Familien- oder Clan-Solipsismus.

Zu Bach II H-dur Fuge gibt es Stoff für 1 Artikel über Takt 22 f (das „Wink“-Motiv).

Bach Wink Fuge H

Es kehrt am Ende der Fuge wieder (als „Ausruf“), – etwa nur, um seinen Auftritt vorn (Takt 22f) nachträglich zu rechtfertigen? Hatte der Komponist ursprünglich anderes damit vor? Und wählte dann für die zweite Durchführung ein ausführlicheres Kontrasubjekt (Takt 28)? Hier der Schluss der Fuge, mit roter Kennzeichnung des „Wink“-Motivs :

Bach Wink Fuge H Ende

Denkwürdiges Plakat

Nachtmusik im WDR 1971

Nachtmusik im WDR

Die erste Saison der erfolgreichen Konzert- und Sendereihe, erfunden von Dr. Alfred Krings, realisiert gegen allerhand Widerstände. Allein schon die Tatsache, dass am Wochenende gearbeitet werden musste. (Krings arbeitete immer am Wochenende. Aber nun auch die Technik und festangestellte Mitarbeiter des Hauses.) Für mich von größter Bedeutung: die beiden RAGA-Termine, die mein Indien-Lehrer Josef Kuckertz moderierte; ich war noch freier Mitarbeiter des WDR („fester freier“), hatte im Frühjahr bei Prof. Josef Kuckertz promoviert, der auch schon Aufnahmereisen in Indien für den WDR gemacht hatte (mit Toningenieur Siegfried Burghardt; dieser saß daher auch in den indischen Konzerten immer am Mischpult). Für die Probe mit Chitti Babu gab es eine Live-Schaltung ins damals sehr populäre Mittagsmagazin, Hanns Otto Engstfeld als Reporter). Es war ein „Knaller“ im Kleinen Sendesaal. Chitti Babu war vorher auch in Donaueschingen, nur dieser Auftritt blieb in Erinnerung, auch die bei Harmonia Mundi produzierte LP wurde der Öffentlichkeit nicht recht vermittelt, nur im WDR blieb der Künstler über Jahrzehnte unvergessen.

Die nächste Raga-Nachtmusik am 23. Oktober 1971 präsentierte Musik aus Nordindien: Nikhil Banerjee, den vielleicht bedeutendsten Sitar-Spieler in einem hervorragenden Konzert. Nur der damals in Stuttgart wirkende Produzent Gopinath Nag hatte die Energie, dem WDR in den 90er Jahren einige der denkwürdigsten Ton-Dokumente für die Veröffentlichung „abzuringen“.

Nikhil Banerjee 1971

Erinnerung 1987

Festival auf dem Bonner Marktplatz

Eine Überraschung, die heute über Facebook (Manfred Bartmann) kam, ein Stück WDR-Folkfestival (später „Weltmusikfestival“ genannt) auf Youtube : die irische Gruppe Patrick Street mit Andy Irvine, dazu das Tanzpaar mit den unaussprechlichen Namen (der Tänzer erzählte, auch ein irischer Moderator habe sie im Fernsehen kurzerhand Donnicken o‘ Monnicken genannt), bei uns gab es die bewährten Moderatoren Bettina Böttinger und Tom Schroeder , die alle Namen und noch mehr gelernt hatten (Begrüßung bei 4:25). Redakteure der Sendung waren Dieter Kremin (TV WDR) und Jan Reichow (Hörfunk WDR). Angeschlossen waren Sender wie Radio bzw.TV Moskau, Lissabon, Helsinki, Amman, live: Sofia, ČSSR, UDSSR. Und auf diesem Wege kam auch wohl dies irische Fragment ins Netz.

Kürzlich waren wir mal wieder dort, am Tatort:

Bonn Rathausplatz Markt 170709 Bonn Beethoven am Rathaus

Niemand wusste, ob es im jeweils nächsten Jahr weitergeht, und erst recht nicht, dass es noch 16 Jahre erfolgreich weitergehen würde. (Das unwiderruflich letzte, ich glaube: 27. Festival, seit den 90er Jahren umbenannt in „WDR Weltmusikfestival“, fand im Jahre 2003 statt).

1981 auf dem Domplatz in Köln   1986 auf dem Marktplatz in Bonn

Festival Köln 1983 Festival Bonn 1986 Plakat

Ich kann es bei den Namen der Irish Dancers nicht so belassen; hier sind die beiden in einer noch 15 Jahre älteren Aufnahme: Celine Hession und Donncha O’Muineachain:

Clip from 1972. Celine Hession & Donncha O Muimhneacháin *(R.I.P) dance two slip jigs: Fig for a Kiss & Kid on the Mountain. The fiddle player is Paddy Glackin. The young lad sitting beside Seamus Ennis is the one & only Noel Hill. The greatest concertina player to ever grace this earth.

Über Celine H. siehe hier. *Abschied von Donncha M. hier

Loop Aspekte

Ad infinitum bis genau 26. Oktober 2018 23:59 Uhr

Eine Fernsehsendung, in die ich dank der HEUTE-Show geriet und die ich sonst nur sporadisch sehe, hat mich heute vom ersten bis zum letzten Beitrag fasziniert. Und mehr noch: es war, als ob sie mich gemeint hat. Das geht einem aber oft so, wenn man bemerkt, dass man all dies möglichst bald wiederholen will, und zwar nicht nur einmal. Hoffentlich ist das weiter abrufbar, sagt man dann. Das ist wie bei einem Kind, dem man eine Geschichte erzählt: es schaut mit großen Augen, schaut und schaut, und am Ende sagt es: Nochmal erzählen! Und dann muss alles noch einmal kommen, möglichst mit genau denselben Worten!

Manches kannte ich: z.B. Jan Wagner, Dorothee Oberlinger, manches müsste ich schon viel länger gekannt haben, z.B. Mia Couto aus Mozambique, anderes wird mich noch länger beschäftigen, z.B. die Loop-Ausstellung in Wolfsburg. Es soll sich mit meinem alten Thema der Wiederholung verbinden und vor allem in genau dieser Zusammenstellung noch oft wiederholen: diese Sendung.

Aspekte Screenshot 2017-10-28 Hier im externen Fenster öffnen!

Oder zunächst nur etwas lesen?

Was bedeutet Loop? Siehe Wikipedia hier.

Und Loop in Wolfsburg (château de loup)? HIER.

Die neue CD, noch ungeöffnet, der Plan: sie oft zu hören. Wie auch die Pariser Quartette mit „The Age of Passion“ (Karl Kaiser)

Oberlinger Telemann ***Oberlinger Cover Inhalt ***

Dorothee Oberlinger in der Aspekte-Sendung ab 35:43

Wagner, Jan Cover Wagner, Jan rück 2014

Jan Wagner in der Aspekte-Sendung ab 18:43

Die nun folgende Mail, mit der es vor zwei Jahren begann, ist nicht an ihn, sondern an mich gerichtet:

Am 16.11.2015 um 12:11 schrieb Klaus G.:  Lieber Jan, meinem verbliebenen religiösen Bruder hatte ich zu seinem (und meinem) Geburtstag den Gedichtband „Regentonnenvariationen“ zukommen lassen, worüber er sich sehr angetan geäußert hat und mir, der ich den Band gar nicht selbst besitze, daraus das Gedicht „die Etüden“ in Kopie zugesandt. Nun weiß ich nicht, ob du das kennst, egal: ich schicke diese Kopie, denn das Werk ist zu schön, als dass man es nicht kennen sollte.
Ich hoffe es geht dir gut, ich kann über mich zumindest nicht wirklich klagen. Ich habe kürzlich meinen auch ziemlich alt gewordenen Geigenbauer aufgesucht, um die (neue) Geige etwas richten zu lassen, klingt jetzt schön, aber das Unwägbare alter Instrumente fehlt. Vielleicht kauft er mir einen Bogen ab, ich habe zu viele.
Sei freundlich gegrüßt von
Klaus

Wagner Jan Etüden

Immer wieder merkwürdig: der Klavierunterricht als Kindheits(alp)trauma, zumal es doch bei diesen Etüden offenbar um boogie-woogie-Figuren ging. Kinder lieben Loops, Reime, Verse, Formeln, warum nicht am Klavier? „all die zweiviertel- und dreisechstel etüden“ – kaum vorstellbar – aber vielleicht entsteht gerade aus diesem Gebräu ein Gedicht wie dieses, „jene schimmernde lampe tee auf dem tisch“. Versinkt „das schwarzlackierte ungetüm“ – der Flügel – in dem sie (die Klavierlehrerin ist angeredet) etwas hören konnte, was ich nicht verstand. Und wird hier hörbar.

Im Aspekte-Beitrag spricht Jan Wagner abschließend (ab 24:05 bis 24:40) das Gedicht „selbstporträt mit bienenschwarm“ aus dem neuen Band, der auch diesen Titel trägt:

Aspekte Beitrag Jan Wagner Screenshot 2017-10-28

In seiner Arbeit geht es um größtmögliche Freiheit auf dem engsten Raum! (Felicitas Hoppe über Jan Wagner)

Zitat (J.W.): Lyrik war immer schon eine Sache, die sozusagen eher im Halbdunkel stattfand. Oder in einer Nische existierte. Die gute Nachricht ist: sie existiert seit Jahrtausenden, und sie ist immer noch da! Das Wahrnehmen von Welt durch Sprache. Und das … probieren zu verstehen, was uns umgibt, indem man Vergleiche benutzt. Etwas ist wie etwas anderes. Das macht ja jedes Kind. Oder der ganz natürliche Zugang zu Metaphern. Der Donner hat große Füße. Das sagen Kinder. – Bei mir war das mit 15,16, wo ich Georg Heym und Georg Trakl zum Beispiel las, auch noch andere Dichter, und dachte: das ist unendlich faszinierend. Aber .. nein, man fällt nicht vom Himmel, und.. und .. man arbeitet sich lange ab an solchen Vorbildern,  probiert sehr lange…  herauszufinden, wie das überhaupt geht. Und man muss auch lange lesen, um auch Klischees zu vermeiden. Es wimmelt da von Fallen, und ein Gedicht ist so kurz, und manchmal nur 10 oder 6 Zeilen lang, es reicht ein winziger Fehler, und alles ist kaputt. (23:27)

Beitrag über (mit) Jan Wagner endet bei 24:40

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Zu klären wäre, was Dorothee Oberlinger beiläufig erwähnte, dass die Melodie, die sie spielen werde, – der Mittelsatz eines Bach-Cembalo-Konzertes, ich hätte jederzeit behauptet: „eine der schönsten Melodien von Bach“ – auf Telemann zurückgeht! Ich schaue nach im BWV-Schmieder (sicher veraltet), also BWV 1056, da steht: Den 2. Satz der Nr. 1056 (5. Konzert) übernahm Bach in die KK „Ich steh‘ mit einem Fuß im Grabe“ (vgl. Nr. 156) . Und dort steht: Der Instrumentaleinleitung liegt der 2. Satz des f-moll-Violinkonzertes, das nur in einer Klavierbearbeitung überliefert ist und dessen ursprüngliche Tonart wohl g-moll gewesen ist, zugrunde.

Bach - Telemann

Also: was ist genau mit Telemann? Erster Hinweis auf Ulrich Siegele hier. Oder lieber Steven Zohn hier.

This middle movement closely resembles the opening Andante of a Flute Concerto in G major (TWV 51:G2) by Georg Philipp Telemann; the soloists play essentially identical notes for the first two-and-a-half measures. Although the chronology cannot be known for certain, Steven Zohn has presented evidence that the Telemann concerto came first, and that Bach intended his movement as an elaboration of his friend Telemann’s original.

Und nun – hören Sie: HIER.

Soviel Zeit musste sein (eine sehr beliebte Redewendung, wenn man sich thematisch verzettelt). Aber für Bach ist keine Stunde zuviel! Übrigens habe ich die obige CD vor allem bestellt, weil mich die Telemann-Interpretation im Blick auf Bachs Solissimo-Werke für Geige interessiert.

LOOP Über die Endlosschleife in der Aspekte-Sendung ab 24:45

Zur Shibuya-Kreuzung in Tokyo 29.10.2017 kurz vor 12 Uhr (s.u.) und: LIVE 

Japan Shibuya Crossing Screenshot 2017-10-29 11.49.17 Japan Shibuya Crossing Screenshot 2017-10-29 Japan Shibuya Crossing Screenshot 2017-10-29 f Japan Shibuya Crossing Screenshot 2017-10-29 ff

ZITAT Aspekte-Text:

Dazu hören Sie eins der bekanntesten Popmusikstücke, das gänzlich aus Loops besteht: „I feel love“, gesungen von Donna Summer.

Zitat Aspekte-Text:

Zusammen ergeben Bild und Ton die Quintessenz des Loops. Der Loop, die Endlosschleife, entsteht nicht durch die Menschen oder die Autos, denn es sind ja immer neue Menschen und Autos, die die Kreuzung passieren, sondern durch die sich pausenlos wiederholende und scheinbar nicht zu unterbrechende Ampelschaltung. Sie gibt den Rhythmus vor, nach dem Menschen und Autos sich richten. Für den Wechsel der Ampelsignale gibt es viele Entsprechungen: Ein- und Ausatmen, Tag und Nacht, die Jahreszeiten, Werden und Vergehen, also all das, was man den Rhythmus des Lebens nennt; etwas, das beruhigend und beunruhigend zugleich ist, wie Donna Summer’s Gesang zugleich tröstlich und nervtötend sein kann. Chaplins Film zeigt wie kein zweiter Film, worum es geht. Die endlose Schleife der Fabrikarbeit mit ihren sich wiederholenden Vorgängen, und das Individuum, das versucht dennoch seine Pirouetten zu drehen. Eine Ausstellung in Wolfsburg erkundet jetzt alle Erscheinungsformen der nicht endenden Wiederholung. Und zwar in einem ziemlich großen Bogen, der vom tibetischen Rad des Werdens mit seinem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburt bis zu Stanley Kubricks „2001“ und zu apples neuem Hauptquartier reicht: überall sich drehende Räder, Kreise, Schleifen.   Es ist als wären das harmonisch Runde und die grenzenlosen Räume Merkmale eines Jahrtausende alten Exorzismus, eine Methode, sich irgendwie gegen die Zeit zu behaupten. (Gregor Schneider, Künstler:) „Mit diesem Begriff Unendlichkeit kann ich eigentlich gar nichts anfangen. Aber woher kommt die Faszination von Unendlichkeit? Vielleicht weil wir sterben, vielleicht weil wir wissen, dass wir e-n-d-l-i-c-h sind?“ Eine Fraktion der Künstler, die in Wolfsburg zu sehen sind, geht das Problem von der anderen Seite an. Etwa ??? Norman. Sie hängen kleine und kleinste Teile aneinander, statt Harmonie: Irritation. Und vielleicht ist die zunächst simpel erscheinende Wiederholung manchmal sogar das raffiniertere Mittel, nämlich eins, das die Sinne schärft. – Im Zentrum der Ausstellung: Gregor Schneiders Installation BAD. Eine begehbare Serie, ein Parcours von 21 Badezimmern-Nachbauten, durch die man sich nahezu unbegrenzt lange bewegen könnte. Jedes Badezimmer im 70-ger, 80-er Jahre Styling, also aus der Zeit, in der Gregor Schneider Kind war, gleicht dem nächsten, sogar bis zum Schmutz in der Steckdose. (Gregor Schneider:) „Das ist meine Erfahrung, dass ich nur bestimmten Dingen Aufmerksamkeit schenke – und dass durch eine Wiederholung, also durch eine Quantität auch eine Qualität entstehen kann. In der Art und Weise, wie ich Dingen Aufmerksamkeit schenke, und für mich, der auch die Welt verrückt oder verrutscht, wahrnimmt, – es ist ein Versuch, sich diese Welt begreifbar zu machen.“ – Einer der ersten verbürgten Film-Loops aus dem Jahr 1896 von Thomas Edison. Nur aus praktischen Gründen wurde der Kürzestfilm im Kino im Dauer-Loop gezeigt. Das Publikum reagierte bei jeder Wiederholung anders. Zuerst gespannt, dann immer lauter johlend, was zeigt, dass jemand, der sich wiederholende Dinge ansieht, nicht immer denselben Gedanken denkt. (Ralf Beil, Museumsdirektor Kunstmuseum Wolfsburg:) „Es geht eigentlich um das Gegeneinander von Linearität, linearem Zeitbegriff und dann wirklich zyklischem Zeitbegriff. Das was ich mir eigentlich wünsche, dass Besucher/innen, die in die Ausstellung kommen, dass die mal nachdenken über diese Zyklen, die sie nicht ändern können, in die sie einfach eingespannt sind, und dann natürlich in die vermeidbaren negativen Loops, die sie in ihrer privaten Beziehung, die sie im Alltag erleben, und dass da etwas passieren kann.“ War der Loop, trotz seiner Allgegenwart, bisher ein unterschätztes Phänomen, dann ändert sich das vielleicht mit der Ausstellung in Wolfsburg. (Ende 28:48) (Autorin des Aspekte-Beitrags: Miriam Böttger).

Wolfsburg Never Ending Stories Screenshot

Heute (29. November) in der SZ

Aufpassen, ab wann der Artikel online steht, sonst: ab zum Kiosk! Der Artikel gibt einiges an Stoff zum Denken, dazu später mehr.

SZ Loop SZ

Quelle: Süddeutsche Zeitung 29. November 2017 Seite 10 das digitale Walross Sounds ohne Ende und die Dominanz des Viervierteltaktes – die Berliner Software Ableton ist weltweit das Standardinstrument des zeitgenössischen Pop / Von Jan Kedves

Über Insekten

Skandalöse Zustände und Reaktionen

Letzte Woche empörte es mich in den Nachrichten (Tagesschau oder Heute?): am Ende, nach der Meldung über das Insektensterben, hatte wieder der Vertreter aus der Landwirtschaft das letzte Wort: Es fehlen noch die beweiskräftigen Studien! Wir kennen das als notorisches Aufschiebe-Argument. Wir kennen das seit langer Zeit:

Bauernverband sieht weiteren Forschungsbedarf

Der deutsche Bauernverband pocht hingegen auf weitere Untersuchungen. „In Anbetracht der Tatsache, dass die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand, verbieten sich voreilige Schlüsse in Richtung Landwirtschaft“, sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken. „Die neue Studie bestätigt und betont ausdrücklich, dass es noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt.“

Siehe den Link im Artikel „Hummeln zuhaus“ HIER.

Siehe auch in der Süddeutschen des Wochenendes:

Insekten Süddeutsche 21. Oktober 2017 Detail: Insekten Süddeutsche

Quelle Süddeutsche Zeitung 21./22. Oktober 2017 (Seite 4 MEINUNG) siehe HIER.

Ich habe bei CAMPACT folgenden Appell unterzeichnet:

*** TEXT ZUM WEITERLEITEN PER MAIL ***

Hallo,

Kanzlerin Merkel könnte noch schnell das wahrscheinlich krebserregende Glyphosat durchwinken, bevor die Grünen mit am Kabinettstisch sitzen. Schon am Mittwoch geht es in Brüssel um die Zukunft des Ackergiftes.

Stimmt Deutschland nicht mit Nein, landet Glyphosat für zehn weitere Jahre auf unseren Feldern. Dabei ist das Gutachten, mit dem die EU für die Zulassung wirbt, zu großen Teilen von Monsanto abgeschrieben.

Die Jamaika-Parteien könnten die Glyphosat-Zulassung verhindern. Gerade die Grünen müssen Merkel jetzt klarmachen: Eine Jamaika-Koalition gibt es nur mit einem Nein zu Glyphosat. Campact hat deshalb einen Eil-Appell gestartet – ich habe ihn gerade unterzeichnet. Bitte unterschreibe auch Du.

https://www.campact.de/Roundup

Beste Grüße
Jan Reichow

s.a. HIER

Nachtrag

Lese-Empfehlung: DIE ZEIT 26. Oktober 2017 

ZEIT Insekten HIER!!!

Es ist eine Schande, dass gerade dieser Artikel online noch nicht freigeschaltet ist! (Ich werde es an dieser Stelle vermerken, sobald es passiert ist.) Jetzt: HIER 5.Dez.17

Nachtrag 5. Dezember 2017 

ARD-Sendung „hart aber fair“ Thema Insektensterben HIER !!!

Ist es ein Kampf?

Im Ernst? 

Berthold Seliger Cover a Klassik Berthold Seliger Cover b Klassik

Ich finde das Buch hervorragend, belebend, begeisternd, bei Zustimmung und Widerspruch gleichermaßen anregend und zu neuen Gedanken ermutigend. Gewiss: ich bin befangen. Und ich bin es gern, und gebe den Dank ebenso gern zurück:

(Seite 493)

Berthold Seliger JR Christian von Borries

(Seite 494)

Berthold Seliger Bio Mehr von ihm HIER !

Und die im folgenden anklickbare Tournee-Liste zeigt die Orte und Daten, wo man den Autor persönlich erleben kann:

Berthold Seliger Tournee

Zitat:

Seliger fordert nichts weniger als die Rettung des revolutionären Glutkerns der „Klassik“, die nur über ihre breite gesellschaftliche Wiederaneignung gelingen kann und die wie Bildung und Kultur in den letzten Jahrhunderten immer wieder aufs Neue erkämpft werden muss. So ist seine schonungslose Kritik an der gegenwärtigen Misere am Ende nichts weniger als eine flammende Liebeserklärung an die „klassische“, an die Ernste Musik.

Zu einer Besprechung in der Frankfurter Rundschau hierErnsthaft offene Ohren für ernste MusikDer Konzertagent Berthold Seliger legt ein höchst anregendes Buch zum „Klassikkampf“ vor.

Und im SPIEGEL: hier.

Kurzgespräch mit Berthold Seliger in WDR 5 hier.

WDR 5 screenshot 25 Okt 2017

(Fortsetzung folgt)