Kategorie-Archiv: Tägliches

Lieblingslieder, bipolar

Aufgelesen

Natürlich wieder Zufall. Und bipolar ist der falsche Begriff, der eigentlich nur bei bestimmten Störungen gebraucht wird. Nachts kam über Whatsapp der Link zur Russischen Romanze. Von jemand zwischen 50 und 60, dessen Musikalität ich schätze. Merkwürdig diese Gefühlskundgabe. Ich bin ein Sammler, der jede authentische Äußerung schätzt und reflektiert. Drunter steht geschrieben: „Hat leider inzwischen Schlagerkarriere gemacht. Aber dies war sehr schön.“ Und ich schreibe zurück: „Das ist jetzt mein Gutenacht-Lied.“

Heute per Fahrrad in die Stadt (Post der Nachbarin einstecken, die nach dem Tod der Mutter in die Stadt gezogen ist). Dort sprechen mich überraschend zwei kleine Mädchen an. Vielleicht 9 oder 10 Jahre alt. „Der ist toll!“ sagt eine und hält mir ein Smartphone entgegen. Ich frage: „Ist das mein Handy?“ und denke, es sei mir beim Post-Einstecken aus der Jacke gefallen. „Nein, das Bild meine ich! Der ist toll, den musst du hören!“ Ich fühle mein Huawei in der Tasche. – „Wer ist das denn?“ – „Chebnassri, der ist ganz berühmt! Ein Sänger!“ – Ich hatte sie für türkische Schülerinnen gehalten, sie sprechen akzentfrei. „Wie schreibt man das denn? Nazri?“ – „Nein, Nassri mit 2 s, hör dir den mal an“. – „Ja, wenn ich zuhaus bin. Chebmami?“ – Sie lachen, sagen es richtig und buchstabieren auch den Anfang. Die eine hält mir eine Tüte hin: „Willst du ein Gummibärchen?“ – „Danke, gern.“ Ich überlege, während ich es herausfriemele, ob ich was sage, z.B. dass es nicht gut ist für sie, so ein Gespräch mit Fremden zu führen, und mache Anstalten, loszufahren. Sie fragen, wohin ich will, ich sage „hierdurch“ und zeige auf den Fahrrad- und Fußweg neben der Kirche, „Richtung Bahnhof!“. – „Da fährst du besser über die Düsseldorfer Straße!“ (ich denke: sie ziehen das Gespräch niedlich in die Länge), „Fußgängerzone!“, sagt die mit den Bonbons, und weiter: „Macht nichts, da fahren alle!“ – „Ja, aber ich heute lieber nicht!“ Wie grüßen uns noch, als ich losfahre, an der Kirche vorbei, ich bin seltsam gerührt, biege dann hinter der Kirche doch zur Düsseldorfer Straße und kurve ganz langsam zwischen den Fußgängern, Kinderwagen und an den Auslagen des türkischen Gemüseladens und der Blumenhandlung vorbei, stoppe hier und da, mit einem Fuß am Boden, die haben alle Zeit der Welt hier, denke ich, und wie gut sich das macht, die „Fremden“ im Straßenbild! – dann um die Ecke, zum Buchhändler, das Buch bestellen, das gestern in der NZZ besprochen wurde.Von Roman Bucheli. Habe mein Notizbüchlein dabei, in dem der Titel steht: „Zen in der Kunst der Vogelbeobachtung“, und ich notiere, während Herr Keller den Computer konsultiert, das Wort „Chebnassir“. Es ist nicht türkisch, denke ich, sondern arabisch, nordafrikanisch. Arnulf Conradi heißt der gesuchte Autor. Und der Titel von Bucheli selbst: „Wohin geht das Gedicht?“ – Kollateralkauf, sowas kann passieren. Ich bin heute prima gelaunt. Keinesfalls werde ich etwas gegen diesen Popsänger äußern. Und Sie bitte auch nicht! So eine verfremdete Stimme… (War es nun Nassri oder Nassir?)

Von alten Zeiten

Kein Zufall, nur Koinzidenz

In unserer Schulzeit zitierte man gern: „Mir ist, als ob ein Rauschen im Wald von alten Zeiten spricht“, und das war nicht romantisch gemeint, sondern bedeutete in etwa: „Das ist mir Hekuba“. (Bezogen allerdings nicht auf Shakespeare, sondern auf die Ballade von Theodor Fontane „Archibald Douglas“.) In diesem Fall aber meine ich etwas ganz anderes und erwähne vorsichtigerweise, was Wikipedia über das Wort Koinzidenz sagt:

Von der Koinzidenz zweier oder mehrerer Ereignisse auf einen kausalen (ursächlichen) Zusammenhang zu schließen, stellt logisch betrachtet einen Fehlschluss dar, der cum hoc ergo propter hoc (lat.) genannt wird. Dessen ungeachtet wird der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch manchmal dazu verwendet, einen vermuteten kausalen Zusammenhang koinzidenter Ereignisse anzudeuten.

Ich stelle aber keinen Zusammenhang her, er ist offensichtlich gegeben und nicht weiter verwunderlich, wenn man länger als – sagen wir – 20 Jahre lebt. Jetzt kamen auf wunderbare Weise die folgenden CDs ins Haus (wunderbar, aber kein Wunder, wenn man sie mit dem folgenden Blogbeitrag zusammensieht: hier.)

 Fran O’Rourke

Doch nicht genug… Die CDs und einige andere Dinge waren gerade bei mir eingetroffen, als mich kurzfristig Siegfried Burghardt zu seinem 90. Geburtstag einlud; dieses Datum hatte ich mir nie notiert, obwohl wir einst zusammen in Tunesien, Marokko und Irland gewesen waren und auch bei vielen WDR-Aufnahmen in Köln (er als Toningenieur, ich als Redakteur) weit mehr als das Nötigste miteinander geredet haben. Zudem war seine Frau Ortrud über viele Jahre mit dem Collegium Aureum verbunden, sobald Tourneen oder Auswärtskonzerte zu organisieren waren. Und so traf ich beim Geburtstag auch andere alte (bzw. immer noch junge) Freunde, Prof. Werner Neuhaus und seine Frau Keiko sowie Prof. Gerhard Peters, die ebenfalls als Geiger(in) im Collegium mitgewirkt haben.

Aus Siegfrieds Fotoalbum:

Oben: Fran O’Rourke und Gruppe im WDR-Studio, 80er Jahre, rechts: Siegfried Burghardt.

Von links nach rechts bzw. oben nach unten: Irland (1983) mit Fiddler John Kelly vor dem Kursteilnehmer JR, Fran beim Interview, Szenen im Konzert und auf dem Friedhof /  Rabat Marokko (1981) mit Ensemble Sequentia (Crawford Young, Barbara Thornton, Benjamin Bagby), ganz links Siegfried Burghardt.

 

Karikatur zu Bach-Kantaten des Collegiums im Heilsbronner Münster: Rudolf Mandalka /  Die Grabinschrift vom Ritter Tanto spielt an auf den Leiter des Windsbacher Knabenchors, der eine spezielle Art hatte, das Wort „Ritardando“ auszusprechen. Wenn ich mich nicht irre, waren die Solistinnen der Kantaten Elly Ameling und Maureen Lehane. (Man erkennt es nicht sofort.)

WDR-Aufnahmen in Heilsbronn (Windsbacher Knabenchor, Hans Thamm)

Das Neueste von Fran:

ISBN 978-1-911024-23-1

 

Schlusskapitel: James Joyce and Aristotle / vgl. die CD oben: „Joyce Songs“ / Ich hebe das hervor, weil wir damals – 1983, unabhängig von der Summerschool in Miltown Malbay – auch in Dublin herumgewandert sind und zwar auf den Spuren von James Joyce. In einem Music Pub in Dublin haben wir auch Tommie Potts getroffen. Nach langem Zögern ließ er sich überreden, ein paar Tunes zu spielen, ich vergesse nie, wie expressiv er sich dabei bewegte. (Auch ich musste was vorführen, habe den 3. Satz der Bach-Solosonate a-moll zumindest zur Hälfte gespielt. Ob gut oder nicht: Bachs Technik, zur betörend schönen Melodie zugleich eine perfekte Begleitstimme auf einer  Violine zu realisieren, erregte besondere Verblüffung.) In einem anderen Pub hörten wir zwei junge Frauen mit Fiddle und Klavier; habe sie mit Recorder aufgenommen, bezahlt und oft im WDR gesendet. Ich muss die Aufnahme (und die Namen) wiedersuchen: wahnsinnig gut! wahnsinnig lebendig! Sie können unmöglich von der Bildfläche verschwunden sein…

Kleinigkeiten am Klavier

Stolpersteine im Bach glätten

Es sind nur ein paar Beispiele für das, was eigentlich beim Bach-Üben Zeit kostet; und man muss sie sich nehmen. Das Fingersatz-Austüfteln übergehe ich. Ich halte mich vorwiegend an die Fingersätze meiner alten Kroll-Ausgabe, in der ich allerdings immer Stellen korrigiere, wo Triller und Praller mit der Hauptnote beginnen, statt von oben; denn letzteres halte ich für verbindlich (außer beim durchstrichenen Praller: mit der unteren Note, siehe Bachs eigene Auflösungen in Friedemanns Notenbuch). Auf der letzten Seite der Fuge in Fis BWV 882 verweile ich bei Takt 64, wo das Thema im Bass beginnt:

In Bachs Handschrift (London), zweieinhalb Takte früher beginnend. Achtung: er notiert die rechte Hand im Sopranschlüssel (also eine Terz tiefer lesen!)

 Thema im Bass Takt 64, 2. Hälfte

Wenn ich dieses Thema von Anfang der Fuge an mit dem Vorhaltton fis „angetrillert“ habe, könnte ich mich hier bestätigt sehen: der Achtelgang dis – ais – dis – eis im Bass könnte elegant zum Trillerbeginn auf fis gehen, den Rest in Sechzehntel mit den beiden ausgeschriebenen Nachschlagtönen auflösend, die zum fis des nächsten Taktes führen. Wo liegt das Problem?

Ganz einfach: Bach hatte ja leider (?) die Inkonsequenz, das Thema (als Variante) im Takt 70 anders auszuschreiben: dabei hätte es so schön funktioniert, wenn er es mit cis begonnen hätte (nach den Tönen eis – dis – eis – gis). Es hätte anstandslos normal verlaufen können, wenn er nur nicht die beiden Achtel am Ende der Figur ausgeschrieben hätte. (Am Anfang der Fuge standen im Thema immer Sechzehntel!) Er wollte es hier also anders. Und schon einmal in Takt 20! Warum? – Hat es mit dem Triller der linken Hand zu tun? (Den gab es in Takt 20 nicht.)

Jedenfalls trillere ich in Sechzehnteln, nicht schneller, zumal das Gesamttempo flüssig sein soll. Was ist mit dem Schönheitsfehler?

Ich meine den Schritt in die Quinte eis/his auf der zweiten Takthälfte. Aber alles was man tun kann, ihn zu vermeiden, ist schlimmer. Im Tempo nimmt man das Ziel des Trillers ins Visier, nicht den Anfangsklang. Es gibt nur einen Triller, den ich in der Alten Musik immer furchtbar finde: den Fahrradklingel- oder Heuschrecken-Triller der Virtuosen.

Da ich kein Klaviervirtuose bin, sondern ein relativ begabter Handwerker, mache ich zunächst mal aus jedem Thema-Einsatz (incl.Triller) eine Fingerübung. Diese Punkte dürfen keine Anstrengung signalisieren, sondern einen „lockeren Wurf“.

Frühere Artikel – zumindest teilweise – über dieselbe Fuge hier und hier.

(Forstsetzung folgt)

Nach dem Aufwachen

Provisorische Konstruktionen

Als erstes fiel mir morgens eine alte Beobachtung ein, die vielleicht universale Bedeutung hat: dass Bach (bzw. jeder Barockkomponist) nie oder selten ein Stück schreibt, indem er nicht zu allererst die Tonika mit einer Kadenz festigt. Das Fundament muss stehen. Ganz genau so verfährt der indische Musiker: die ersten – sagen wir – 20, 30 Sekunden dienen dazu den Grundton Sa zu etablieren (auch wenn dies durch das Einstimmen eigentlich bereits geschehen ist), ihn zu einem Nukleus weniger Töne zu erweitern und ausdrücklich zu ihm zurückzukehren. Dies festzustellen ist eine Banalität, beruhigt mich aber und erweitert augenblicklich meine Perspektive.

Beispiel Bach (BWV 1007):

In beiden Beispielen ist der Status des Anfangs in Takt 4 wiederhergestellt, oder besser gesagt: begründet und mit einer minimalen Variante versehen, die den Status in einen Motus verwandelt. Im ersten Beispiel dadurch, dass anstelle des zweiten Tones D ein G tritt und vor allem dadurch, dass als letzter Ton dieses vierten Taktes ein Fis auftritt, das hinausweist, und es will nicht nur hinaus, sondern zum E. Und nun geht es „los“.

Im zweiten Beispiel ist es die Wiedergewinnung  des Tones H, der am Anfang stand, sowie der Abstieg zum tiefsten Ton G, und dies in Zweiergruppen, also einer neuen Bewegungsart, einem Motus der Unruhe; dass er weiterstrebt, weitertreibt, erfährt man spätesten auf dem Dis, dem nächsten Halteton nach dem tiefen G; und vor allem durch das „Echo“ der wiederum absteigenden Zweiergruppen in Takt 6. (Das lockere Versprechen, dass dies ein bleibendes Motiv sei, wird nicht eingelöst…)

Ähnlich geht es mit den Phänomenen, die ich des öfteren – nicht ohne mich gleichzeitig zu distanzieren – benenne: Stichworte wie „Assoziation“ oder „Koinzidenz“. Ich muss ihnen kurz nachgehen, weil sie Zusammenhang schaffen, und sei es ganz provisorisch: die Vorstellung, jeder Punkt des Wissens (um die Welt) stehe für sich und die Hoffnung, jemals alle Mosaiksteinchen zu einem wenn auch vorläufigen Muster nebeneinanderzulegen, sei kindlich und diene der Illusion eines vergangenen, harmonischen Weltbildes, – das mag so sein, behindert andererseits aber nicht die Arbeit an einzelnen Themen. Im Gegenteil, es beflügelt und motiviert. Und sei es nur zu einem Ausflug ins Internet, verschiedenen Wikipedia-Punkten, fast so wie man sich früher ins Lexikon vertiefte und am Ende kaum noch wusste, wo der Ausgangspunkt war. Zum Beispiel hätte ich der folgenden punktuellen Erinnerung nie ein besondere Bedeutung beigemessen:

Der Blick (aus dem Kinderzimmer) auf die Pauluskirche in Bielefeld, gegenüber der Kindergarten, weiter hinten das Gemeindehaus, in dem die Kirchenchorproben stattfanden; es muss etwa um 1952 gewesen sein. Jemand von dort drüben hat mir ein einfaches, für mich hochkompliziertes Filmvorführgerät ausgeliehen, dazu eine Reihe kleiner Spulen mit Filmen. Mir sind Szenen mit Charlie Chaplin in Erinnerung geblieben, die wir unglaublich lustig fanden, also Stummfilmszenen, z.B. Chaplin als Kellner: er versucht  dem feingekleideten Gast ein gebratenes Hähnchen in einem Gartenrestaurant zu servieren, was aber nicht ohne weiteres gelingt. Der Gast reklamiert, es lasse sich nicht schneiden. Chaplin will demonstrieren, dass es sehr wohl möglich ist, dabei macht sich aber das Hähnchen selbständig und landet im hohen Bogen am Nebentisch auf dem Schoß einer vornehmen, sehr beleibten Dame, die heftig erschrickt, sich vom Tisch abstößt und rücklings in den Büschen landet. Wie auch immer, Szenen dieser Art, damals von meinen Eltern als unter Niveau behandelt – heute würde ich es nicht bei der punktuellen Erinnerung belassen, sondern nach ihnen auf Youtube fahnden. Es war nicht einfach „Stummfilm“, sondern Kindheitserinnerung (mit eigener imaginärer „Akustik“). Nebenbei hätte ich mich an Marcel Marceau erinnert, den meine Eltern auf der Bühne erlebten und lobten (ohne eine Verbindung anzudeuten oder zuzulassen). Usw. – aber nie hätte ich geahnt, das all dies damals einen Zusammenhang mit Richard Wagner offenbaren könnte, was mir erst jetzt, aufgrund des Aufsatzes von Mathias Spohr, in den Sinn kam. Pantomime! Melodram! Natürlich kannte ich das inzwischen alles, aber die Worte motivierten mich nicht. Die erste Reaktivierung fand statt durch die alten Noten, die Freund Konrad auf den Flügel gelegt hatte, er konnte damit nichts anfangen konnten; ich auch nicht, behandelte sie aber mit Vorsicht, weil es sich um eine späte Komposition von Robert Schumann handelte. Was hatte er nur daran finden können? Was hat er sich vorgestellt? Balladen von Hebbel, als Melodramen, Klaviermusik, die zur Rezitation der Texte gespielt werden soll. Bedeutend fand ich das nicht. Erste motivierende Idee: Vielleicht gab es damals noch eine völlig andere, „übertriebende“ Kunst des gesprochenen Wortes, mit notwendigem Pathos, mit aufgerissenen, rollenden Augen und übertriebenen Gesten, uns völlig fremd, aber authentisch, ähnlich wie die rekonstruierte Aufführung der Lully-Oper, die ich auf DVD bestaunt hatte.

Und nun die dringlichen Stichworte aus dem Aufsatz über Wagners „Lehrmeister“, interessant weit über Wagner hinaus, zu dem, was in der Zeit vor und um 1800 eine Riesenrolle gespielt hat (ich denke an die seltsamen Gesellschaftsspiele bei Schubert „Tableaux vivantes“), dann allmählich zurücktrat und dann völlig in der Versenkung verschwand, mit der Folge, dass wir auch nicht mehr im geringsten ahnen, welche Bedeutung diese Phänomene einmal hatte, Vor- und Nebenformen des Bühnen-Dramas, sagen wir: zur Verlebendigung des Lebens.

Und nun auch: meines Leben …

Huawei-Fotos JR Texel 16.10.2018

Was niemand lesen mag

Abmahnung

Was niemand lesen mag, will ich wenigstens gespeichert haben. Es gab schon viele Meldungen dieser Art, man kann es leicht googeln, Stichworte Klima, Ignoranz, Vogel-Strauß-Reaktion, ich weiß nicht was alles… Aber will man es auch lesen?

SZ Klima Gegen die Wand 180515 (2) Foto: DPA

Quelle Süddeutsche Zeitung Dienstag 15. Mai 2018 Seite 11  Gegen die Wand Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber über das Irrsinnstempo, mit dem die Menschheit gerade auf die Katastrophe zusteuert. (Interview: Alex Rühle)

Lesen bedeutet auch: lesen wollen. Nicht nur  das Bild loben und die Tatsache, dass dieses Thema mal wieder angepackt wird. Oder die Fernsehsendung, die darüber Auskunft gibt, weshalb wir ausweichen. Angenommen sie läuft schon: werde ich durchhalten? Was steht im Teletext? Dauert ca 60 Minuten. Die Zeit habe ich nicht. Nicht jetzt. Nicht HIER.

Selbstsabotage
Warum tut der Mensch nicht das, was gut für ihn ist?: Wir wissen durchaus, was gut für uns ist – für unsere Gesundheit, die Umwelt und die Gesellschaft – dennoch handeln wir nicht danach. Warum?

HIER

Aus. Schon vorbei. Niemand muss es lesen. Auch nicht anklicken. Und mir ist genug, es notiert zu haben. Leben Sie wohl.

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Nachtrag 25. Mai 2015 Leuchtzeichen aus Langeoog

Langeoog Klima Familie Recktenwald!!! (Solinger Tageblatt  25.05.18)

Zur Erinnerung: in die Suchleiste (oben rechts) „Langeoog“ eingeben, u.a. hierher

Langeoog News Screenshot 2018-05-25 20.33.00

Screenshot Langeoog News, – mehr zur Initiative Recktenwald: HIER.

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Alles übertrieben?

Man könnte die Situation mit einem leckgeschlagenen Schiff auf hoher See vergleichen. Natürlich gibt es auch neben dieser Havarie Probleme: Das Essen in der dritten Klasse ist miserabel, die Matrosen werden ausgebeutet, die Musikkapelle spielt deutsche Schlager, aber wenn das Schiff untergeht, ist all das irrelevant. Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, wenn wir das Schiff nicht über Wasser halten können, brauchen wir über Einkommensverteilung, Rassismus und guten Geschmack nicht mehr nachzudenken.

Quelle siehe ganz oben: Gegen die Wand Schlussabschnitt

Bilanz zu Ostern

Eiche am Boden, Bäume überhaupt, Bach b-moll und der Gesang im Schrein

Schrein Darbarsharif Pakistan Schrein Pakistan Punjab Shrine_of_bahu Sind die Gebäude identisch?

Eiche im Dezember 2017 Die umgestürzte Eiche Dez. 2017

Eiche nach drei Tagen Bearbeitung a Und heute, am 28. März 2018

Coccia cover Auf dem Schreibtisch liegt dieses Buch

Coccia Umschlag 1a  Coccia Umschlag 1b Der Autor

Dieses Buch ist kein romantischer Wunschtraum. Veranlassung, wieder Martin Seels „Eine Ästhetik der Natur“ vorzunehmen und daneben zu legen. Oder auch nicht: ich kann nicht aufhören, in dem neuen Buch zu lesen; leider ist es kurz, was sonst oft genug ein Vorteil ist, aber in dieses möchte ich eintauchen, ja, soll ich sagen: ohne Wiederkehr?  Kein Wunder, dass mein eben gewähltes Wort im Text gleich wiederkehrt. „Von den Pflanzen, oder vom Leben des Geistes“, so die Überschrift des dritten Kapitels.

Sie haben keine Hände, um sie an die Welt zu legen, und doch ließen sich nur schwer Akteure finden, die sich bei der Konstruktion von Formen geschickter anstellen als sie. Die Pflanzen sind nicht nur die kunstfertigsten Handwerker unseres Kosmos, sie sind es auch, die dem Leben die Welt der Formen eröffnet haben, die Lebensform, die die Welt zum Ort der endlosen Figurabilität gemacht hat. Über die höheren Pflanzen hat sich das Festland als Raum und kosmisches Experimentierlabor für die Erfindung von Formen und die Gestaltung der Materie durchgesetzt.

Das Fehlen der Hände ist kein Zeichen des Mangels, sondern vielmehr Folge eines restlosen Eintauchens in eben die Materie, die sie unentwegt gestalten. Die Pflanzen werden eins mit den Formen, die sie erfinden: Alle Formen sind für sie Abwandlungen des Seins und nicht lediglich des Tuns und Handelns. Eine Form zu erschaffen, bedeutet, sie mit seinem ganzen Wesen zu durchschreiten, so wie man Zeitalter oder Phasen seines eigenen Lebens durchschreitet.

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt ISBN 978-3-446-25834-1 (Seite 25)

Siehe auch den Artikel nach der ersten Begegnung HIER.

Woran erinnert mich das?

Sennett Hand Richard Sennett: Handwerk

Das Buch von Sennett ist 2008 erschienen, 2012 habe ich es gekauft und mit Rotstift die (auf google verweisende) Bemerkung hineingeschrieben. Bei Sennett steht im Anhang: „So sagt es jedenfalls Raymond Tallis, The Hand: A Philosophical Inquiry in Human Being, Edinburgh 2003 S.4.“ Er weiß also auch nicht, wo die Aussage bei Kant selbst steht. Heute finde ich im Internet eine kompetente Erläuterung aus dem Jahre 2014, und zwar in der Reihe „gutefrage“ unter dem Link hier, „David Katz (1884 – 1953) scheint die Aussage in Umlauf gebracht zu haben. Er gibt dabei aber nie an, woher bei Kant er dies hat.“

Siehe auch in diesem Artikel ganz unten Darwin über das Hirn der Pflanze.

Natürlich denke ich im Zusammenhang mit den Pflanzen sogleich an die Kunst der Fuge und die floralen Muster, die Bach im Druck hinzufügen ließ, und an Peter Schleunings Interpretation, seine Rede vom Urwald des Werkes.

Bach Blumenmuster Ende von Contrapunctus IV

Ein Eldorado freier Abschweifung, aber im Rückblick passt alles zusammen. Was mir noch fehlt, – was noch zu tun wäre, ist eine Abschrift der Bach-Fuge BWV 891 im Blick auf die musikalische Verinnerlichung der Engführungen, nämlich alles Beiwerk wegzulassen und nur diese ineinandergeschachtelten Themen-Zitate zu spielen, die Zwischenspiele aber vollstimmig, als seien es die Hauptteile. Das Ganze als Hör-Übung am Klavier. Spielen geht leichter als hören! Ach, und der mühsame Text über den Qawwali-Gesang, bzw. über die Problematik des mystischen Hintergrundes. Der Gesang stammt aus Schreinen wie denen, die oben zu sehen sind. Wer ihn erleben will, könnte sich den 27. April in der Alten Oper Frankfurt vormerken: HIER.

Ich erinnere mich gern an das Projekt EE2018, das zwar nicht gescheitert ist, aber auch nicht plangemäß weitergeht: die Bach-Fuge hat mich verleitet, einfach denselben Stoff weiterzuüben und zu beobachten, wie er sich kontinuierlich öffnet. Dabei die vorigen Stufen im Auge zu behalten: hier und hier .

Bach b-moll Skizze Bach b-moll Skizze 2

Es handelt sich also um die Durchführungen IV und V, die Themeneinsätze sind durch T, S, A und B, also Tenor, Sopran, Alt, Bass in blau gekennzeichnet, wobei eben nur die Themen notiert sind, nicht die „begleitenden“ Stimmen, und wir beginnen erst ab Takt 70 , weil erst ab dort das Üben (Hören, Mitsingen) der Themen schwierig wird aufgrund der Engführung (plus Umkehrung bzw. Spiegelung). Nur die Zwischenspiele sind – gewissermaßen als Hauptsache – im vollen Satz ausnotiert und der Länge nach grün gekennzeichnet. (Die Fingersätze sind so notiert, wie sie im vollständigen Notensatz stehen, damit man nicht eine spieltechnisch abweichende Version einübt.)

Am Ende fehlt nur noch der Höhepunkt:

Bach b-moll Skizze Höhepunkt

Habe ich genug getan? Karfreitag Haydn Duo E-dur (noch nicht geklärt, was das wirklich ist, dieses angebliche op. 109, ob vielleicht Bearbeitung, Verlag Litolff?). Besuch der Enkel, Fahrt nach Bonn.

Nein, es fehlt noch die theoretische Einordnung (das erst hieße EE2018 weitertreiben) des Buches von Coccia. Sie fehlt nur in dem Sinne, weil sie sich so gut in den Gesamtkontext (incl. Frühling und Weiterarbeit an der Eiche) einpassen ließe. Und allenthalben Anknüpfungspunkte liefert, z.B. wenn ich die Zeitschrift LANDLUST aufschlage, darin der Verweis auf Darwin, der Mitte des 19. Jahrhunderts gefolgert habe, dass sich „das Hirn der Pflanze in der Wurzelspitze“ befinden müsse:

Landlust Wurzeln links . . . . .

Landlust Wurzeln rechts  Landlust siehe hier.

Wurzel Mango Exposed_mango_tree_roots Foto: Aaron Escobar 2007 (Wikimedia)

Ich hatte weiter oben das Wort „Eintauchen“ fast zufällig gewählt und sehe erst allmählich, in welchem Maße es alles zusammenfließen lässt, was hier nebeneinander oder nacheinander steht. Ich lese mal hier, mal da, am Ende auch alle Anmerkungen, schließlich kapitelweise rückwärts und noch einmal kontinuierlich von A bis Z, überall verweilend, schreibe Musik! an den Rand und sehe auf der nächsten Seite dasselbe Wort Musik im Text auftauchen, und lediglich die Klammer hinter der lokalen Bestimmung in einem Raum „(zum Beispiel einem Club)“ sagt mir, dass der Autor nicht von meiner Musik spricht, Bach, aber … überflüssigerweise … in zufälliger Metaphorik (paradigmatisch) dann doch wieder:

 Der Fisch ist damit nicht mehr nur eine der Etappen der Evolution der Lebewesen, sondern paradigmatisch für alle Lebewesen. Genauso darf das Meer nicht mehr lediglich als eine für bestimmte Lebewesen spezifische Umwelt betrachtet werden, sondern als Metapher der Welt an sich. Das In-der-Welt-Sein alles Lebendigen wäre demnach aus der Welterfahrung des Fischs heraus zu verstehen. Dieses In-der-Welt-Sein, das also auch unseres ist, ist immer ein Im-Meer-der-Welt-Sein. Es ist ein Form des Eintauchens. (S.47)

Die Welt als Eintauchen betrachtet, wirkt wie ein surreales kosmologisches Modell, und doch machen wir diese Erfahrung häufiger, als man meinen möchte. So erfahren wir die Welt des Fischs zum Beispiel jedes Mal, wenn wir Musik hören. Wenn wir das Universum, das uns umgibt, nicht ausgehend von dem Stück Wirklichkeit konstruieren, zu dem der Sehsinn uns Zugang gibt, sondern die Struktur der Welt von unserer musikalischen Erfahrung ableiten, dann müssen wir die Welt als etwas beschreiben, das nicht aus Objekten besteht, sondern aus Strömungen, die uns durchdringen, aus Wellen unterschiedlicher Intensität und in ständiger Bewegung. (S.49)

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt / Eine Philosophie der Pflanzen / Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke / Carl Hanser Verlag München 2018.

Üben, üben, üben!

Von der Wiederholung

Eine Übung, die mich in meine frühe Jugend zurückversetzt. Wenn ich will. Oder in den gestrigen Abend. Oder in vorgestern. Diese Standard-Etüde. Oder war’s mal wieder eine der 41 anderen? Oder dieselbe mit einigen der 150 anderen Stricharten?

Nächste Stufe HIER

Die Kunst, die berühmten Studien von Kreutzer in der richtigen Art zu studieren

Kreutzer Massart Vorwort

Kreutzer-Etüden Ausgabe 1898 L.Massart
Kreutzer Massart Noten 2a Kreutzer Massart Noten 3a Kreutzer Massart Noten 4a Kreutzer Massart Noten 5a Kreutzer Massart Noten 6a

Es liegt auf der Hand, dass man diese Auflistung möglicher Übungen nicht anschaut und erfreut ausruft: ja, soviel Übestoff habe mir immer schon gewünscht, ich liebe musikalische Langeweile! Und mehrere Stunden Langeweile wären gesichert, wenn ich das gemäßigte Tempo wähle.

Nein, ich will an dieser Stelle Notizen sammeln, die dazu dienen, die Wiederholung des Immergleichen, die offenbar zum Üben gehört, nicht nur hinzunehmen, sondern liebzugewinnen. Das kann doch nicht schwieriger sein, als wenn ein Jogger mir sein Hobby begründen muss. Gibt es etwas Langweiligeres, als durch den Wald zu laufen und sich keine Zeit für den Wald selbst zu nehmen, der auf die Muße des interessierten Betrachters angewiesen ist (wie ich behaupte)? Stattdessen auf dem Smartphone die physiologischen Daten meines Dauerlaufs zu überprüfen. Beim Geigen erfahre ich mehr über mich. Unter dem Deckmantel der Musik.

Nicht zu unterschätzen ist die Gefahr, dass die Gedanken abschweifen, derweil man mechanisch („gedankenlos“) weiterspielt. Was tun? Zusätzliche kleine Aufgaben („Problemchen“) einflechten: Zum Beispiel jeden Saitenwechsel ernst nehmen, voraussehen und bewusst fassen, in der Bogenhand fühlen und führen. Ihn ins Auge fassen (nicht im letzten Moment „erwischen“, sondern bequem auf den Punkt. (Die Worte sind wichtig.) Links: das Klopfen der Finger erleben. Den 4. Finger mit Bewusstsein, den 1. Finger besonders auf der E-Saite (tiefes f!). Das wichtigste ist der klare Ton. Für jede Unschönheit sofort einen Grund finden (unterbrechen!!). Nenn‘ es nicht üben, auch nicht exerzieren, sondern experimentieren. Sag nicht: ich darf beim Üben an nichts anderes denken als an die Übung, sondern: ich nehme den jeweiligen Moment wahr, ich bin anwesend. Sag nicht so oft nicht. Findest du es unbequem, lange in höchsten Lagen zu spielen? Dann spiele dort so lange, bis es bequem ist und bis es befriedigend klingt. Der Bogen liebt es, ganz dicht am Steg zu sein! Natürlich unterbrechen, wenn die Saite in die Fingerkuppe schneidet. Oder – Flageolets an derselben Stelle üben. Wenn es heute nicht geht, dann eben morgen… Du darfst mit dir wie mit einem kleinen Kind reden. Liebevoll also.

Schau auf die Überschrift dieses Artikels und verstehe sie nicht (nicht?) als Befehl, sondern als munteren Kehrreim. Flow bleibt ein gutes Wort. (Mir ist klar, dass jemand, der den gewaltlosen Bestandteil der Arbeit betont, einmal das Gegenteil erfahren hat. Und später so tut, als sei dies längst überwunden. Er streicht alle Negationen und Verbote aus seinem theoretischen Vokabular. Ja, so könnte es bei mir auch sein. Wobei der emanzipatorische Charakter der Arbeit es war, der sie fortlaufend mehr motivierte und den – selbstauferlegten? – Zwang vergessen ließ. War es so?)

Vertraue auf die unglaubliche Merkfähigkeit der Feinmotorik. (Erste Voraussetzung der Treffsicherheit Geige linke Hand.) Aber langsam hingleiten, statt „springen“. Die ganze Strecke ausmessen. Oktaven flexibel auffassen, als sei man in der Lage, sie beständig zu korrigieren.

(Fortsetzung folgt)

Heiliger Bimbam

Ist „Gotteslob“ heute noch möglich?

Ich meine mit allem, was dazugehört. Vor allem: mit Glaubwürdigkeit, Überzeugungskraft und auf „künstlerischem Niveau“?

1993, vor 25 Jahren habe ich Hans Zenders Büchlein gelesen oder sogar durchgearbeitet, gerade den geistlichen Teil (im Hintergrund das Thema: „Tradition heute“), und kann das immer noch dringend empfehlen. Leider gibt es das Werk regulär wohl nirgendwo mehr zu kaufen.

Zender Cover  Zender Inhalt Freiburg i.Brsg. 1991

Ich möchte 4 Seiten aus dem Überblick zur Geistlichen Musik als Scans wiedergeben, weil sie zeigen, was mich damals beeindruckt hat. Z.B. die Einschätzung der Orgelmusik als triumphalistisches Getöse, das im liturgischen Kontext grundsätzlich vermieden werden sollte; zugleich die Warnung vor dem unbeschreiblichen Seelenkitsch einer sich so nennenden „Meditationsmusik“.

Zender Inhaltliches a Zender Inhaltliches b

Schlimm ist es, dies zu rekapitulieren, wenn man bedenkt, dass sich der musikalische Ungeist heute in den Kirchen viel schlimmer eingenistet hat, als man es früher befürchtet haben konnte. Denn inzwischen sind selbst die Passionsaufführungen in den „normalen“ Städten eingestellt worden, wo es in den 90er Jahren noch üblich war. Die Mittel fehlen, – reichen aber aus, um die Räume mit volksnaher „Gegenwartsmusik“ über Lautsprecher zu beschallen. Heute ist zudem die Erklärung des Glaubens schwieriger denn je, da die Auseinandersetzung mit anderen Religionen plötzlich nicht nur die Christen, sondern auch die säkularen Vertreter der „Leitkultur“ herausfordern, zumal sie vielleicht nicht mehr die theologischen Inhalte von einst verteidigen wollen, wohl aber die Passionen Johann Sebastian Bachs. Als (indirekten) Beleg zitiere ich aus einem SZ-Bericht über die GLORIA in Augsburg, eine Ausstellung für Kirchenbedarf.

 (…) Die Gloria ist heiliger Bimbam in den unterschiedlichsten Klangvarianten. Der Stand von Turmuhrenbauer übertönt mit seiner Glocke alles. Wer durch die benachbarte Priesterberufungsabteilung wandelt, nimmt die Darbietung einer Harfenistin wahr, die CDs mit „Seelenklängen“ verkauft. Und die Orgeln geben nie Ruhe. Irgendein Angeber ist immer unterwegs, der mal eben so die zwei Manuale mit Liedern aus dem Gotteslob durchdudelt. „Gehegrüüßet seist du Königin, ohohoo Maria.“

Nichts gegen Orgeln, aber Lukas Di Nunzio verfügt über Lautsprecher, die er sehr laut drehen kann, um das Gepfeife zu übertönen. Herr Di Nunzio, 51, bezeichnet sich als wiedergeborenen Christen und Komponisten und er vertritt die Firma CCLI, die Lizenzen für neue christliche Lieder anbietet. Zwischen den Klosterlikör-, Kräuter- und ParamenteFieranten steht Di Nunzio an einer schmucklosen Theke. er handelt mit Daten, die „die Leute wieder in die Gottesdienste bringen“. Mit Noten und Texten christlicher Popmusik. Wer als Abonnent einsteigt, kann die komplette Datenbank und die regelmäßigen Updates mit den neuesten Anbetungs-Hits abrufen, ja sogar beliebig transponieren. Die Firma garantiert Zugriff auf ein Repertoire in sechsstelligen Dimensionen, das regelmäßig mit neuen Songs ergänzt.

Viele Lieder klingen nach Schlager, wie die Schlagerkünstlerinnen Helene Fischer und Andrea Berg sie darbieten. Allerdings haben sie eine transzendentalere Adresse: „Ich lieb dich, Herr, keiner ist wie du. anbetend neigt sich mein Herz dir zu. Mein König Gott, nimm dies Lied von mir! Lass mich, Herr, ein Wohlklang sein vor dir!“ Lukas Di Nunzio sagt, das sei die Sprache, die die Menschen heute verstehen. Es gehe um Verständlichkeit. Das ganze Liedprogramm mit E-Gitarre, Keyboard und Schlagzeug läuft unter der Formel „Lobpreis“. Wie fulminant sie ankommt, hätten auch schon einige katholische Bischöfe erkannt. Die Katholische Kirche wird evangelikaler.

Drüben bei den Orgeln spielt einer „Freut euch, ihr Kerubim, lobsingt, ihr Serafim“. Kerubim? Serafim? Das ist dann wohl die Sprache, die die Menschen nicht mehr verstehen.

Aber hat die Kirche nur eine Sprach- und Verständigungskrise? Gregor Henckel-Donnermarck, erfolgreicher Buchautor und Altabt des österreichischen Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz, erzählt auf dem Messepodium eine Geschichte, die sich in Wien zugetragen haben soll. Eine Gruppe katholischer Pfarrgemeinderäte trifft sich mit Vertretern des Islam zu einem Glaubensgespräch. Die Muslime haben sich vorbereitet, die Katholiken nicht. Dann erläutern die Muslime ihren Gesprächspartnern, was sie an deren Glauben für beachtlich halten, man könnte auch sagen: für unglaublich. Die Transsubstantiation zum Beispiel, also die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, und die unbefleckte Empfängnis. Die Katholiken runzeln die Stirn. So etwas Wunderliches kann doch keiner ernsthaft glauben, sagen sie. Die Muslime stehen auf und gehen: „Wenn ihr euren eignen Glauben nicht kennt, hat es keinen Sinn, mit euch weiterzureden.“ (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung 20. Februar 2018 Seite 9 Sakrament ex machina Uhudler Saft statt Messwein, Kirchen als Hotspot, Missionare aus Indien: Auf der Gloria, der Ausstellung für Kirchenbedarf in Augsburg, zeigt sich, wie Zeitgeist und Glaube zusammenfinden. Von Rudolf Neumaier.

Ich habe das Gefühl, mich dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erkenntlich zeigen zu müssen. Denn ich bin sehr froh über diesen Augenzeugenbericht von der GLORIA, versichere zugleich, dass ich nicht mehr als ein Achtel des gesamten Berichtes abgeschrieben habe und dass es sich lohnt, den Zugang zum Rest des Artikels auch noch zu erwirken. Was möglich ist, indem man den Titel bei Google eingibt usw., während ich dies alles und die ganze Zeitung im Papierformat konsumiert habe, so auch das Streiflicht, das ich nie versäume. Den Clou aber werde ich nicht verraten, denn der erscheint erst im Anschluss an das folgende Zitat (und zwar in Gestalt des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu):

Die alte Philosophisch-Theologische Hochschule Passau ist längst verschwunden, aber ein paar Erinnerungen daran haben sich erhalten. So gab es dort einen Philosophie-Dozenten, der für die Zeichenhaftigkeit seines Vortrags berühmt, ja fast berüchtigt war. Er wusste, dass die Wahrnehmung eines Zeichens bei den Studenten im Glücksfall die Vorstellung des diesem Zeichen zugeordneten Gegenstandes hervorruft, und da er es mit vorwiegend ländlichen Jungmännern zu tun hatte, wählte er klare, schlichte, auffällige Zeichen. Das Thema „Sein und Nichtsein“ pflegte er damit einzuleiten, dass er bei „Sein“ aufrecht stand, bei „Nichtsein“ aber hinter seinem Stehpult abtauchte. Die Studenten genossen die listige Pantomime und waren für ihr weiteres Leben in ontologischer Hinsicht gut abgesichert. (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung 20. Februar 2018 Seite 1 Das Streiflicht.

Es war diese Geschichte, die mir bekannt vorkam, ohne dass ich mich rühmen könnte,  mit einer Philosophisch-Theologischen Überlieferung je in Berührung gekommen zu sein. Aber ich habe nicht geruht, bis ich eine mir näher stehende Quelle aufgetan hatte: es handelt sich um einen Band der von meinem Vater geerbten Reihe „Handbuch der Musikwissenschaft“, nämlich der Band „Aufführungspraxis“ von Robert Haas, Wildpark Potsdam, Athenaion, 1931. Die Seitenzahl ist auf dem Scan wiedergegeben:

Beethoven dirigiert Wie Beethoven dirigierte!

Die Quelle dieser Quelle wiederum hat mich sehr neugierig gemacht, die Eipeldauerbriefe, die vielleicht an anderer Stelle des Bücken-Bandes näher beschrieben sind. Ich habe mir die Suche dort erspart und bin bei Google fündig geworden, schauen Sie doch hier und forschen Sie weiter! Es gibt weiß Gott viel zu lesen, wenn man nur will!

Eipeldauer Briefe 1805

Und erst heute bin ich auf eine Quelle aufmerksam gemacht worden, die meine eigene Person betrifft. Ich kann nur staunen, was so alles gespeichert wird. Dabei hat es in dieser Zusammenstellung vielleicht nur für mich besonderen historischen Wert!

HIER.

Aus meiner Sicht ist schwerwiegender, dass niemand die drei Spohr-Duos op. 38 aufnehmen will, die wir nun bald vollständig erarbeitet haben. Jetzt hört uns wieder kein Schwein!

Tristan und anderes hören

Lauschen, Verbalisieren, Kritisieren

Schwer zu verstehen, was man heute in Kritiken liest; vielleicht, weil darin immer Triftiges zur Inszenierung  und zur aktuellen musikalischen Interpretation vorkommen soll. Und ein bisschen abgebrüht muss es klingen, sonst entsteht der Eindruck, es sei noch zuviel naives Musikerlebnis drin. Pubertäres.

Spätestens mit dem zweiten Akt zieht Daniel Barenboim das Tempo an, und wer meint, nach allem Reminiszenzennebel setze sich nun doch der alte „Todestrotz“ durch, der täuscht sich. Nichts ist hier mehr äußerlich, und wenn in der Liebesnacht etwas orgiastisch gefeiert wird, dann der Vorgang des Komponierens als solcher. Barenboim musiziert wie unter dem Elektronenmiskroskop, baut einzelne Klangmoleküle auseinander und hält sie gegen das Licht, den Akkord aller Akkorde natürlich, immer wieder – aber auch ganze Szenen wie die König Markes (Stephen Milling) Ende des zweiten Aufzugs, wenn mit der Entdeckung des Liebespaars alle Tongebäude und jeglicher Idealismus in sich zusammenstürzen.

Was eben alles so in der Dunkelheit passiert!

Wagner Tristan Lauschen

Natürlich ist das Tempo in der Einleitung erstmal recht lebhaft, weil Markes Jagdgesellschaft loszieht und die Liebesungeduld der Zurückbleibenden erheblich wächst. Aber steht im Mittelpunkt der Liebesnacht nicht die unendliche Ruhe auf der Blumenbank („löse von der Welt mich los!“)? Oder lässt sich daraus kein Text gewinnen?

Eine Lösung ist es jedenfalls nicht, viereinhalb Stunden Oper hinter einem Gazeschleier spielen zu lassen (dreier überflüssiger Projektionen wegen) oder Tristan in der Liebesnacht – Schopenhauer und Nietzsche lassen grüßen! – ein Buch in die Hand zu drücken, aus dem heraus er Isoldes Begehren für sich, nun ja, drapiert.

Spätestens nach dem Grüßenlassen weiß ich, dass dieser flotte Ton nichts für mich ist. All diese Wortfundstücke: vom „Promi-dichten Premierenabend“, in „leuchtendem, wissendem Mahagonikommodensound“, einer Akustik – „eher streicher- und holzbläserfreundlich als günstig fürs Blech (wenigstens im ersten Rang) – aha! Vielleicht ganz hinten andersherum!? Oder auf der Bühne:

Und auch die Sänger tun ihr Bestes: Zwar hat Anja Kampes Isolden-Debüt mit viel Vibrato und einigen Mühen in der Höhe noch Luft nach oben, ihr Engagement aber ist wie immer bestrickend. Andreas Schager als Tristan hingegen legt stimmlich, mit metallisch-heldischem Tenortimbre, eine solche Unverwüstlichkeit an den Tag, dass man ihm das ganze Weltabschiedsgewese der Figur, den Manne in seinem Dunkel, nicht recht glauben kann.

Die Fraue in ihrer Höhe aber ebenso wenig, sei ihre Mühe auch bestrickend…

Quelle DIE ZEIT 15. Februar 2018 Seite 49 Feier der Klangmoleküle Daniel Barenboim dirigiert Wagners „Tristan und Isolde“ an der Berliner Staatsoper als Gedankengemälde / Von Christine Lemke-Matwey.

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Wie wäre es mit einer Tristan-Essenz heute Abend, samt Debussy, Bartók, Ligeti und Ravel? Nur Musik, nichts als Musik? Siehe HIER  (als Video nicht mehr verfügbar)

Gürzenich 20 Februar live Screenshot 2018-02-20 12.31.29

Nils Mönkemeyer Screenshot 2018-02-20 20.52.43 Nils Mönkemeyer bei der Zugabe

Gürzenich-Orchester Screenshot 2018-02-20 22.05.42 Gürzenich-Orchester bei Ravel (Ende)

Bartok Skizze Anfang der Bartók-Skizzen zum Viola-Konzert

Streng genommen habe ich mich zuletzt nur auf Bartók fokussiert (die Skizzen zum Violakonzert findet man in IMSLP Petrucci), das pentatonische Solo-Stück von Salonen ging unmittelbar über in den Anfang des Viola-Konzerts, Nils Mönkemeyers Zugabe war ein erstaunliches Werk von John Cage (!) für Solobratsche plus Bratschengruppe. Insgesamt eine Programmfolge, die mich auf die verschiedenen Hör-Modi bei Günther Anders verwies. Auch die erratische Abschrift, die folgen wird, setzt voraus, dass ich Tristan-Vorspiel, Fuge, Mozart-Champagner-Arie, Debussy bereits als Prototypen der Hör-Modi verstanden habe (was nur unter Vorbehalt gelingt, zumal Bartók für Mozart u.ä. einstehen müsste ). Trotzdem führen die Ausführungen zum Thema Lauschen auf fruchtbares Gelände, das mit anderen „Sichtweisen“ in Verbindung gebracht werden kann (z.B. Zuckerkandl). – Letztlich haben diese Ausführungen nichts mehr zu tun mit dem Ansatz dieses Artikels: der Fragwürdigkeit journalistisch gelenkten Hörens, das auf wirkungsvolle Verbalisierung gerichtet ist. Eine Wirkung, die (fast) nichts mehr mit der musikalischen zu tun hat.

Notiz u.a. zu Bartók

Programmheft Hier

Zur Vorgeschichte des Manuskripts siehe auch Hier

Bartók: Viola-Konzert, nur Ton + Standbild (mit Tabea Zimmermann) Hier

Bartók: Viola-Konzert samt Partitur (mit Yehudi Menuhin 1966) Hier

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ZITAT Günther Anders:

Selbst das alltägliche Lauschen besteht nicht nur lediglich darin, dass es ein Fernes, kaum Hörbares eben doch noch hörte: es hört seinem Kommen entgegen. Aber wenn auch der erlauschte Ton „von wo“ kommt, wo wir nicht sind, wenn er selbst richtungsmäßig, nicht nur stellemmäßig unlokalisiert bleibt, so kommt er doch nur von einem Ort innerhalb desjenigen Lebensraumes, in dem wir und befinden. Dieses – gleichsam innerweltliche – Lauschen soll und hier nicht beschäftigen, sondern nur dasjenige, in dem das Erlauschte aus einer Sphäre hertönt, die grundsätzlich geschieden ist von derjenigen, in der sich der lauschende Mensch als Mensch in Umwelt  befindet. Der Musik lauscht man, nicht weil sie räumlich ferne wäre, sondern weil sie (selbst bei größter räumlicher Nähe) aus einer Dimension sui generis aufstößt. Dem Schrei des Tieres lauscht man, weil in ihm die uns verborgene Dimension tierischer Existenz zu uns kommt. Man hört Ton, man lauscht einer Stimme. Damit ist das Lauschen die Gegenmöglichkeit zur eigenen Stimme: der Mensch, der sich in die Stimme legen, der in der Stimme, ohne sie schon zu objektivieren, aus sich herauskommen kann, kann auch der Stimme lauschen, ohne dass die Stimme Objekt würde. Man lauscht ihr (oder ihm, der sich in die Stimme legt), das heißt dem Kommen der Gelöstheit, die die Stimme als solche darstellt. Wird nun die Stimme erlauscht, so wird andererseits in der Situation des Lauschens alles zur Stimme; alles jedenfalls, das nun dem Lauschenden entgegentritt – denn die Dingwelt bleibt ungegeben. An ihre Stelle tritt eine Welt von Stimmen. – (…)

Das Lauschen weiß nicht, wohin es lauschen soll. Es lauscht zwar dem Ertönen entgegen, aber wo nichts ertönt, kann noch immer etwas aus dem Nichts ertönen. Dieses Nichts, in das das Lauschen hineinlauscht, ist die Stille: „Stille, aus der Nachricht sich bildet“. Trotz ihrer Negativität ist sie das eigentliche Medium des Lauschens; sie ist greifbar in der Pause, greifbar in der Stille am Anfang oder Ende des Stückes.

Quelle Günther Anders: Musikphilosophische Schriften / Texte und Dokumente / C.H.Beck München 2017 (Musikalische Situationen / Rückfrage nach dem Element des Tones / Seite 113 ff)

Weiteres zum HÖREN siehe auch im Blog-Artikel „Mystisches Hören„.

Gestern

6. Februar 2018

Der Tag war ziemlich gelungen. Morgens Quartett-Probe in Refrath mit Beethovens Streichquartett op.130 (Sätze 1-3). Ein (doch gar nicht so selten wiederkehrendes) Erlebnis, wie anders es ist, die Stimme eines Quartetts geübt zu haben, alternierend mit dem Hörvergleich (CD Auryn-Quartett), auch mit einigen Versuchen, den Zweite-Geigen-Part mit Knopf im Ohr synchron zur Aufnahme zu spielen. Und dann zu vergleichen, wie man es in Wirklichkeit bei der Realisierung erlebt oder erarbeitet, bzw. das Erarbeiten erlebt. Es ist nicht einfach Begeisterung, die sich einstellt, zugleich auch „Befremdung“; das liegt an Beethoven, es liegt an der Komplexität des Werkes, der konsequenten Verteilung auf vier Individuen. Von der CD gehört, verläuft es ja nun mal in einer nicht irritablen Perfektion. Ich denke an das Gespräch zwischen vier vernünftigen Personen, – Goethe hat wohl ein damals geläufiges Diktum abgewandelt -, die Vernünftigkeit der anderen Teilnehmer braucht Toleranz, weil sie in der Musik ja gleichzeitig reden wollen, und man kann ihre Geltung nicht in Zweifel ziehen. Die Bewunderung für den Komponisten wächst mit dem Gelingen.

Ich hatte mir vorgenommen nachzuforschen, was eigentlich Basil Lam mit der Anspielung auf den langsamen Satz der Jupiter-Sinfonie gemeint hat (vielleicht mein kleines Lieblingsthema, weniger ein Thema als eine Abschiedsformel vor dem Doppelstrich, dachte ich, hatte es schon Ende der 80er Jahre unterstrichen. Ohne am Ort gründlich nachzuschauen).

Lam Mozart bei Beethoven

Was Basil Lam meint, ist folgende harmonische Sequenz (übrigens in den Triolen grifftechnisch verteufelt schwer in der zweiten Geige, auch rhythmisch als Geige-Bratschen-Uhrwerk) :

Beethoven 130 3 Beethoven

Mozart Jupiter 3 Mozart

Als ich gegen 14 Uhr nach Hause kam, war die sehnlich erwartete Guinea-Postsendung eingetroffen. Die Chance, an das Erlebnis der 90er Jahre mit dem Ensemble Famoudou Konaté anzuknüpfen, damals dank Johannes Beer und der CD mit seinem Analyse-Booklet. Es muss sich im Blog wiederfinden. Auch die Website-Verbindungen zur Arbeit des Autors Thomas Ott und Famoudou Konaté. Auch die Frage: was macht eigentlich Johannes Beer? Damals bei der Veranstaltung in der Essener Zeche Carl plante er eine Ausbildung für die Waldorfschule. Im Ernst, ich war enttäuscht: Afrika und Anthroposophie, das schien mir dermaßen absurd, – jedenfalls nicht vorstellbar, wenn man je Eurythmie gesehen hat.

Rechnung Guinea

Guinea Ott + CD Institut für Didaktik populärer Musik 1997

Abends Live-Übertragung des Gürzenich-Konzerts ONLINE. Ich wollte in meinem Arbeitszimmer ausharren und nicht im Wohnzimmer das Spiel Leverkusen gegen Bremen sehen. Ohne verhehlen zu wollen, dass ich mir oft den Spaß mache, beim Fussball-Fernsehen an die Team-Arbeit des Orchesters zu denken (wo allerdings die Gegnerschaft der Mannschaften kein Spiegelbild findet). Und: Musik ist natürlich kein Sport, nur der „Ernst“ ist von ferne vergleichbar. Auch das Können der Einzelnen. Nur nicht das Gesamtergebnis und der Ertrag. (Siehe auch hier.) Es geht um etwas völlig anderes.

Orch & Indiv 46 Screenshot 2018-02-06 21.58.06 Screenshot Gürzenich-Orchester

Am späten Abend bleibt noch genügend Zeit für die Verlängerung des DFB-Spiels. Toll. Aber würde ich jetzt den Rest des Spieles, das ich nicht gesehen habe, in der Aufzeichnung nachholen? Nein. Das Konzert jedoch werde ich – wenn es weiterhin abrufbar ist – mindestens noch einmal hören. Wahrscheinlich erst, nachdem ich mich mit einzelnen Aspekten näher beschäftigt habe. Und insbesondere den Boulez, bei dem ich noch nicht aufs „bloße“ Erfassen des Werkes eingestellt war, alles andere kannte ich ja als „Werk“ seit Jahrzehnten. Und das bedeutet seltsamerweise, dass man um so aufmerksamer zuhört. Um nochmal den Sport zu erwähnen: da interessieren anschließend die Tore und die Kabinettstückchen, auch die emotionalen Probleme, ein bisschen natürlich auch die Strategie, aber alles andere ist vergangen und gewissermaßen bedeutungslos – was interessiert mich der DFB-Pokal??? Oder diese lächerlichen Welt-Dopingveranstaltungen? Am Sport interessiert mich eigentlich nur, inwieweit und warum er die Enkel interessiert. In ihrem Alter hat es mich ja auch zeitweise sehr beschäftigt. Und wenn sie jetzt mit mir im Stadion sitzen, ärgert es mich doch, wenn sie insgeheim mit dem Gegner halten, nur weil dessen Heimat näher bei München liegt…

Nachtrag 15.02.2018

Falls ich mal weiteren Stoff suche zu Goethes ewig zitiertem Vergleich „Streichquartett / Gespräch“. Heute (gestern 14.2.) im VAN-Magazin, das Kuss-Quartett:

William Coleman: Und warum man grundsätzlich im Quartett spielt: Irgendwas ist am Quartett offenbar faszinierend. Es ist kein großes Orchester und trotzdem hat man die gleichen Komponisten, die gleichen Gefühle. Es sind nicht vier Solisten, sondern ein Gespräch, ein Kampf unter vier Menschen. Alle müssen eine eigene Meinung haben. Und der Versuch, das zusammenzubringen – irgendwas muss dran sein, das es faszinierend macht.

Text: Merle Krafeld