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Ums Leben lesen

Wie sich die Lektüre von selbst vereinfacht: sie geht mich an, – oder nicht; sie bildet Zweiergruppen, die sich ergänzen oder widersprechen; sie begleitet mich eine Weile, – oder verschwindet in der Warteschleife.

Leben Wilson 1Leben Wilson Klappentext Leben Wilson rück

(Texte bitte anklicken)

Hätte ich den Klappentext gelesen, hätte ich mir das Buch vielleicht nicht gekauft. Ausschlaggebend war tatsächlich der Titel mit dem Zusatz „menschlichen“, denn Bücher mit dem Titel „Der Sinn des Lebens“ habe ich schon in ausreichender Zahl (z.B. Christoph Fehige u.a., Julian Baggini, Terry Eagleton). Man könnte mich einen Spezialisten für den Sinn des Lebens halten, wenn man nicht wüsste, dass ich sowieso gleich zur Musik übergehe. In Sachen Religion, von beiden Großmüttern mehr oder weniger intensiv bearbeitet, bin ich allerdings – mit Sigmund Freud zu sprechen – ziemlich unmusikalisch, der Sinn für Bach und – sagen wir – Monteverdi ist davon völlig unbeeinträchtigt. Aber unter meinen neueren Büchern ist keins, das den Lebenssinn von biologischer Seite angeht. Das kann ja auch nicht gutgehen, meine ich, Leben will einfach leben, das ist alles. Leider. Selbst wenn es sehr komplex dabei zugeht. Siehe Ameisen. Damit gibt sich Ameisenforscher Wilson offenbar nicht zufrieden. Will der kluge, alte Mann auch noch Philosoph sein? Plötzlich sehe ich eine Verbindung zu dem, was gerade in der ZEIT von Thomas Assheuer an KANT exemplifiziert wurde. Übrigens auch einen polemischen Bezug des Neodarwinisten Wilson auf den Naturwissenschaftler Richard Dawkins, darüberhinaus sehe ich den Vorsatz, die alte Kontroverse zwischen Natur- und Geisteswissenschaften beizulegen, die ich kürzlich von Thomas Nagel so glänzend bestätigt gefunden hatte, in dem Buche:

„Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.“

Ein eher humoristisch formulierter Gedanke, aber sehr erhellend ausgeführt. Siehe auch den stellvertretenden Gegensatz in der Frage, was zur Bildung gehört: hier am Beispiel Schwanitz / Fischer.

(Fortsetzung folgt)

Paarweise die anderen derzeit (für mich) aktuellen Bücher:

Alan Rusbridger „:PLAY IT AGAIN:“ Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten / Secession Verlag für Literatur, Zürich 2015

WILLIE NELSON mit David Ritz „Mein Leben: Eine lange Geschichte“ / Wilhelm Heyne Verlag München 2015

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„Man braucht ein ganzes Leben, um jung zu werden“ Ausgewählt von Ursula Gräfe / Insel Verlag Berlin 2010 / 2013

Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend. Bibliothek der Lebenskunst. Suhrkamp Frankfurt am Main 2003

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Goethe Lieder

Bemerkung zur Evolution

Soll man Rémy Chauvin vertrauen?

Ehrlich gesagt: ich glaube nicht! Andererseits kommt es gar nicht darauf an, ihm Glauben zu schenken oder nicht; ich habe keinerlei Mittel, ihn wirklich zu überprüfen, weder sprachlich noch wissenschaftlich. Ich bin nur ziemlich sicher, dass er etwas ganz anderes sagt als die heutigen Vertreter der Darwinschen Evolutionstheorie. Und denen „glaube“ ich, wobei es sich meiner Meinung nach um mehr als „Glauben“ handelt, zumal ich vor 10 Jahren mit stetig wachsender Überzeugung die „Geschichten vom Ursprung des Lebens – Eine Zeitreise auf Darwins Spuren“ von Richard Dawkins gelesen habe. Während die Lektüre des allerersten Buches, das ich zu diesem Thema durchgearbeitet habe, schon 60 Jahre zurückliegt: „Die Entfaltung des Lebens“ von Julian Huxley. Also ein bisschen Erfahrung habe ich in dieser Thematik durchaus gesammelt. Es hat mich allerdings noch längere Zeit unter Schock gesetzt, als ich begriff, dass diese neue Biologie nicht mehr in Einklang zu bringen war mit der schönen, anschaulichen Naturforschung Goethes, die sich in bestimmten alternativen Büchern zu spiegeln und fortzusetzen schien, – vor allem solchen der Anthroposophie.

Ich komme auf Remy Chauvin durch den Booklettext zu Georges Aperghis (hier), demgemäß die Autoren Gilles Deleuze und Félix Guattari sich auf ein Beispiel eben dieses französischen Biologen beziehen, nämlich auf das Phänomen der eigenartigen Verbindung zwischen Wespe und Orchidee (wobei mich bereits stört, dass weder „Wespe“ noch „Orchidee“ wissenschaftlich präzise bezeichnet sind, vermutlich handelt es sich zumindest um eine Schwebfliege). Mir scheint die Sache ähnlich obskur aufgefasst, wie ich es aus einer Schrift anthroposophischer Provenienz kenne:

Das Insekt, welches sich auf die Blüte zubewegt, scheint etwas von seiner Tierhaftigkeit zu verlieren und dafür Charaktereigenschaften der Blumenwelt in sich aufzunehmen; die Pflanze andererseits steigert sich über sich selbst hinaus und klingt in vieler Hinsicht an Tierverwandtes an, wenn sie auch das Tierhafte stets nur äußerlich wie im Bilde nachzuahmen vermag. Wäre wohl ein Schmetterling denkbar, wenn es keine Blumen gäbe? Nicht etwa nur, weil er vom Nektar lebt, sondern weil er – selbst blumenhaft – seinem ganzen Wesen nach ein Gegenbild fordert, könnte es ihn allein niemals geben. Umgekehrt aber muß von der Blüte Entsprechendes gesagt werden. Auch sie ist Spiegelbild – dasjenige des Schmetterlings nämlich -, und so empfinden wir das Hin und Her wie ein wechselseitiges Ineinanderweben.

Quelle Gerbert Grohmann: Die Pflanze – Ein Weg zum Verständnis ihres Wesens. Band 1 Verlag Freies Geistesleben Stuttgart 1981 ISBN 3-7725-0503-1 (Seite 43)

Im oben erwähnten Booklettext wird dann (mit Bezug auf die genannten Autoren) gesagt: „Dieses Bild erinnert entsprechend der Terminologie von Chauvin an eine Evolution von ‚zwei Wesen‘, wovon das eine mit dem anderen absolut nichts zu tun hat.“

In der „echten“, wissenschaftlich abgesicherten Evolutionslehre dagegen haben die „zwei Wesen“ sehr wohl miteinander zu tun, die Evolution hat sie wechselseitig aufeinander abgestimmt.

Diese Bemerkung unterminiert nicht die Wahrheit dessen, was der Booklettext über die Relation des Komponisten Aperghis zu dem Poeten Wölfli zum Ausdruck bringen will, aber der Umgang des Autorengespanns Deleuze/Guattari mit der Wissenschaft verliert durchaus an Vertrauenswürdigkeit. Und diesen Stachel (der gedachten Wespe) wollte ich aus meiner Haut entfernen (ohne selbst – auch nur im übertragensten Sinn des Bildes – einer Orchidee zu gleichen, die natürlich nicht gestochen, sondern nur ausgesaugt würde).

Einen Verdacht werde ich jedoch nicht ganz los: dass es in der Neuen Musik eine Tendenz zu mystisch verdrehten Theoremen gibt (wie man an Anton Weberns Naturbild studieren kann, von Messiaen und Stockhausen zu schweigen); sie sagen nichts gegen die Qualität der Musik, halten aber in sich einer kritischen Prüfung kaum stand.

Zudem erinnere ich mich – nicht ohne ein gewisses Vergnügen – an die berühmte Affäre „Eleganter Unsinn“.

Heute geht es mir so, dass ich glücklicher bin mit jeder naturwissenschaftlichen Erklärung, die dem aktuellen Konsens der Wissenschaft entspricht, egal, ob mir das „sympathisch“, im Gegenteil, wenn es „gefühlsmäßig“ etwas schmerzt, bin ich dankbar für den Hinweis, da ich mich nicht gleich einer heimlichen Voreingenommenheit verdächtigen muss. (Bitte keinen Umkehrschluss! Es gilt so, wie ich es sage.) Ich lese z.B. folgendes – mit welchem Gefühl?

Aber die Zoologie hat noch viel vor sich. Bisher lässt sich aus dem Körper einer neu entdeckten Spezies nur so viel „ablesen“, dass wir ein grobes, qualitatives Urteil über ihre vermeintliche Umwelt und Lebensweise abgeben können. (…)

In seltenen Fällen ist der Körper eines Tieres sogar eine Beschreibung der Welt im buchstäblichen Sinn einer bildlichen Darstellung. Ein Insekt, das wie ein Zweig aussieht, lebt in einer Welt aus Zweigen, und sein Körper ist das Abbild eines Zweiges mit den Ansatzstellen abgefallener Blätter, Knospen und so weiter. Ein Rehkitz trägt auf seinem gefleckten Fell das Muster der Sonnenstrahlen, die zwischen den Blättern auf den Waldboden fallen. Ein Birkenspanner ist das Abbild der Flechten auf der Baumrinde. Aber wie Kunst, die nicht naturalistisch abbilden muss, so geben auch Tiere ihre Welt häufig auf andere Weise wieder, beispielsweise impressionistisch oder mit Symbolen. Ein Künstler, der dem schnellen Fliegen dramatischen Ausdruck verleihen will, schafft das kaum besser als ein Mauersegler mit seinem charakteristischen Körperbau. Vielleicht ist das der Grund, warum wir die Stromlinienform intuitiv begreifen; vielleicht haben wir uns deshalb an die pfeilförmige Schönheit moderner Düsenflugzeuge gewöhnt; vielleicht besitzen wir aus diesem Grund Kenntnisse über die Physik von Turbulenzen und die Reynolds-Zahlen, sodass wir sagen können, die Form des Mauerseglers enthalte verschlüsselte Aussagen über die Viskosität der Luft, in der seine Vorfahren unterwegs waren.

Quelle Richard Dawkins: Der entzauberte Regenbogen. Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie. Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2000 (2007) ISBN 978 3 499 61337 1 ( Seite 311 f.)

Mit einem dankbaren Gefühl. Insbesondere auch für das dreimalige „vielleicht“ in den letzten Sätzen.

Nachtrag 28. Juli 2015

ZITAT

Da die Produktion von Nektar für Pflanzen sehr aufwändig ist, gingen im Lauf der Evolution viele Blumen dazu über, ihren Nektar zu verbergen, damit nur diejenigen Insekten ihn erreichen konnten, die sie am zuverlässigsten mit Pollen belieferten. Viele Bienen entwickelten immer längere Rüssel, um besser an den in der Blüte verborgenen Nektar zu gelangen; inzwischen haben manche Bienen Saugrüssel, die länger sind als ihre Körper.*

*Die diesbezügliche Rekordhalterin ist allerdings keine Biene, sondern ein Nachtfalter, Xanthopan morganii, der einen Saugrüssel von etwa 30 cm Länge hat (der Falter selbst misst nur 6 cm). Dieser Falter ernährt sich von der Sternorchidee Augraecum sesquipedale, deren Nektar am Grund 30 cm tiefer Röhren verborgen liegt, und ist ein sehr schönes Beispiel für Koevolution. Als man Charles Darwin im Jahr 1862 einige Exemplare dieser Orchideenart zusandte, prophezeite er, dass es einen Falter geben müsse, dessen Rüssel lang genug sei, sich von ihrem Nektar zu ernähren. Doch erst 1903 wurde dieser Falter dann endlich entdeckt.

Quelle Dave Goulson: Und sie fliegt doch / Eine kurze Geschichte der Hummel / Carl Hanser Verlag München 2014 (Seite 74 f) ISBN 978-3-446-44039-5

Hummeln Cover

Organisches Denken?

Ich kann den Schock einigermaßen datieren, an dem ich vom Glauben abfiel, der mit einem gewissen Vertrauen in DIE NATUR zusammenhing. Dies hatte den Zweifel überdauert, den ein älterer Mitschüler mir in den 50er Jahren eingepflanzt hatte: die Philosophie sagt, dass Du nicht einmal sicher sein kannst, ob dieses Haus aus Klinkersteinen dort wirklich vorhanden ist, ob die Dünenkette dahinten wirklich existiert, ob das Meer, das wir rauschen hören, Realität hat. Ich war sicher, dass dieser Irrtum sich bald aufklären würde, aber die Diskussion lief sich tot. Der andere erinnerte an die Formel „Cogito ergo sum“, so heiße es korrekt, „ich denke, also bin ich“, und nicht „Sum ergo cogito“: ich bin nicht etwa zu allererst einmal da, und nur deshalb kann ich überhaupt anheben zu denken. Abgesehen von der Frage: ist es wirklich das Denken oder ist es der Gedanke der Eigen-Präsenz? Die Selbstgewissheit – und ist genau dies nicht „Sum“? Oder geht es um das nach außen gerichtete Denken, das die Objekte erfasst, nach Innen zieht, zu begreifen sucht und dadurch sich selber erfährt: das denkende Ich.

All dies kam mir jetzt in den Sinn, als ich einen bestimmten Satz bei Byung-Chul Han las und an den Schock zurückdachte, den ich weiter unten datieren werde. Aber zunächst der Satz:

Der Organismus ist für die moderne Biologie, wie auch Luhmann bemerkt, „nicht mehr ein beseeltes Wesen, dessen Seelenkräfte die Teile zu einem Ganzen integrieren, sondern ein adaptives System, das auf wechselnde Umweltbedingungen und -ereignisse durch Einsatz eigener Leistungen sinnvoll kompensierend, substituierend, blockierend oder ergänzend reagiert, um auf diese Weise die eigene Struktur invariant zu halten […].“

Han bezieht sich hier auf Luhmanns Soziologische Aufklärung I. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen 1984 S. 38f. Und er kommt – da es in diesem Kapitel um „Metaphysik der Macht“ geht – auf vorher behandelte Gedanken zur Macht bei Hegel zurück:

Die moderne Vorstellung des Organismus stellt Hegels Konzept der Macht jedoch nicht gänzlich in Frage. Der Organismus verdankt seine strukturelle Invarianz gerade jener Macht, die dafür sorgt, daß der Organismus bei wechselnden Umweltbedingungen und -ereignissen sich behauptet, d.h. sich invariant hält.  Sie erzeugt auch in diesem Fall eine Kontinuität des Selbst, befähigt den Organismus dazu, trotz der von seiner Umwelt erzeugten negativen Spannung bei sich zu bleiben.

Quelle Byung-Chul Han: Was ist Macht? Reclam Stuttgart 2005 S. 76

Es war ein Urlaub vom 26.7. bis 15.8. 1987 in Visperterminen / Wallis, für den ich mir das Thema Natur vorgenommen hatte. Insbesondere ein Band Goethe sollte mich „ganzheitlich“ leiten. Aber auch eine neuerworbene Grundsatzlektüre: „erforschtes leben“ , ein sachbuch der modernen biologie von barbara hobom (herder freiburg basel wien 1980 ISBN 3-451-18666-7), und schon im Vorwort stieß ich auf ein Denken, das sich mit Goethe durchaus nicht vertrug (bitte anklicken):

leben hobom

In dem Buch finde ich auch eine Abschrift aus dem Jahre 2003 (dazwischen lag das Jahrzehnt der Auseinandersetzung mit dem „Computerdenken“):

Als abstrakte Erkenntnis war all das höchst bemerkenswert: Die Natur, die noch bei Goethe ihr Wissen um die Prinzipien in verborgenen Urformen und in Tausenden von Ausprägungen sinnlich erfahrbar vorwies, hatte nunmehr die Halbbrille auf der Nase und arbeitete sich, wenn sie das Geheimnis der lebendigen Materie vollzog, durch einen drögen Buchstabensalat, eine Art überlanges Lochband von einigen Milliarden Elementen. Für Schöngeister und Naturfreunde war dieses neue Wissen keine weltanschauliche Kränkung (wie ein Jahrhundert zuvor die Theorie von Darwin), sondern eine bürokratische, die kein Federfuchser sich hätte penibler ausdenken können.“

Quelle DIE ZEIT 20.02.03 Seite 31 Autor Jens Reich

Jetzt wäre die Farbe Grün eine Wohltat, nicht wahr? Auch dieses Buch stammt aus der Zeit vor dem „systemischen Schock“, vom 23.7.1987 (3 Tage vor der Abfahrt nach Visperterminen):

Leitfaden Pflanzen

(Fortsetzung folgt) siehe Weiteres hier!

Höchstes Glück der Erdenkinder…

… ist doch die … (nun?) … sei nun … (nein!) … sei nur …

Ja, „sei nur die Persönlichkeit“, so steht es da. Und zwar im Zeichen der Suleika. Aber wie kam ich heute nacht drauf? Heute Nacht? Weil ich vorm Einschlafen über Hamlet gelesen hatte. Und spottete noch, dass es wohl „Enkelkinder“ heißen müsste, frühmorgens vor Heiligabend, und „Persönlichkeit des Großvaters“. Erinnerte mich aber , dass ich Adornos „Glosse über Persönlichkeit“ Ende der 60er Jahre noch nach einer auf Tonband genommenen Radiosendung mit eigner Hand aufgeschrieben habe, von Anfang bis Ende, aber letztlich allein durch das Ende derart motiviert:

Wäre er ein richtiger Mensch, so wäre er nicht länger Persönlichkeit, aber auch nicht unter ihr, kein Reflexbündel sondern ein Drittes. Es blitzt auf in der Hölderlinschen Vision des Dichters: „Drum, so wandle nur wehrlos / Fort durchs Leben, und fürchte nichts!“

Shakespeare Titel  Shakespeare Text Cover gr Shakespeare Text Cover kl

Vielleicht erscheint diese geträumte Bildergeschichte im Nachhinein haltlos übertrieben, selbst mir, denn es ging vorerst nur um Hamlet (nein, zuerst über den Mohren von Venedig, nein, den „Mohren“ von Venedig). Wie kam ich in diesem Zusammenhang noch auf den Buchtitel „Wer bin ich und wenn ja wie viele“? Noch zu behandeln: Wie kam eigentlich Monteverdi in seiner Marienvesper auf „Nigra sum“? Wie schwarz ist Clorinda in seinem Combattimento? (Natürlich ist sie weiß! Aber das ist nicht selbstverständlich, sie musste von Tasso weiß gemacht werden.) Es gibt Arbeit! Lese- und Schreib-Arbeit.

Frank Günther zitiert einen Text von Jacob Burckhardt (1860) über die Renaissance, als man in Italien sämtliche Dinge dieser Welt objektiv betrachten lernt; wobei sich zugleich „mit voller Macht das Subjektive erhebt, der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.“ Und fügt hinzu:

In diesem alten Text schwingt selbstbewusster Jubel über das Geleistete und Erreichte: der Glaube an die unwiderruflichen Werte des abendländischen Individualismus. Sie gehören, wie ein fernsehtauglicher Mode-Philosoph kürzlich sagte, längst in die Mülltonne der Geschichte. Die Begriffe Identität und Individualität, unsere Ich-Konstitution, sind nicht zuletzt durch Performanz-Theorien und Neurophysiologie pulverisiert – sie sind Chimären: Ich ist ein anderer. Ich bin viele. Und die numerische Mehrheit der Weltbevölkerung hat sie nie nachvollzogen; sie sind eine westliche Erfindung ohne Nachfolge.

Quelle Frank Günther: Unser Shakespeare / dtv München 2014 ISBN 978-3-423-26001-5

Ich finde, dass der Satz von der Mülltonne nicht der bedeutendste ist, den „ein  fernsehtauglicher Mode-Philosoph“ hätte sagen können, aber für seinen Namen und für seinen wirklich bekanntesten Satz wäre wohl noch Platz gewesen. Denn wer sich auf diese neue Philosophie-Mode eingelassen hat, könnte gerade dadurch auch potentieller Leser dieses von Denis Scheck bei Markus Lanz dringend empfohlenen Shakespeare-Buches geworden sein. Und sich selbst als Individuum im Hamlet-Kapitel wiedererkannt haben.

ZITAT

Denn in ihm, in seinem Selbst, meint Hamlet, lebt etwas anderes, „was Schau weit übersteigt“. Was ist das, was da in ihm lebt?

Es ist eine Frage, mit der Hamlet sich, das ganze weitere Stück über, weit mehr beschäftigen wird als mit seinem Racheauftrag. Sie beschäftigt auch uns heute mehrals die zeitgenössischen Verstehenshorizonte und die religiös-metaphysischen Implikationen eines Königsmodes und des Rache-Konzeptes. Die Figur Hamlet gilt als der erste Mensch der Neuzeit auf der Bühne. Wie der Kulturhistoriker Jakob Burckhardt aufgezeigt hat, war die Renaissance die Geburtsstunde der Individualität. Im Hamlet beobachten wir die theatralische Darstellung der Geburtswehen, mit denen jenes neue Etwas in die abendländische Welt geboren wurde, dessen letzte Nachfahren wir Heutigen sind: Hamlet steht als Archetypus am Beginn der Geschichte unseres „Ich“.

Denn der Einzelne war nicht immer ein „Individuum“: Er war im Mittelalter Teil einer paternalistischen, strikt religiös ausgerichteten Gemeinschaft, einem domestizierenden Kollektiv aus Familie, Clan oder Volk, das für ihn eine vorgegebene Rolle bereithielt und deren Einhaltung die soziale Kontrolle der Gemeinschaft überwachte. Vom Einzelnen wurde die Ausfüllung dieser Rolle verlangt, aber nicht etwa zum Wohle seines Selbst, sondern im Dienst an Gott und Gemeinschaft. Auch die christliche Einzelseele war nur in Beziehung zu Gott gesehen, war dienend ausgerichtet auf den „Herrn“. Mit Misstrauen betrachtete man Abweichungen: Ein persönlicher „Stil“, eine eigene „Handschrift“, „Selbstverwirklichung“ war kein kulturelles Ideal – im Gegenteil: Der Abweichler erschien negativ als Störelement im konformen Ganzen.

Quelle (s.o.) Frank Günther: „Unser Shakespeare“ Seite 66 (oben: Seite 76)

Zur Geschichte von weiß und schwarz, zu Monteverdi und Tasso ein andermal.

Radikal kurz…

…die deutsche Literaturgeschichte

Ich kürze sie radikaler als Bismarck die Emser Depesche und schlage zugleich vor, sie später im Original und in Echtzeit zu studieren, vieles ist atemberaubend:

Der von den Literaturgeschichten suggerierte Zusammenhang einer deutschen Literatur vom achten Jahrhundert bis zur Gegenwart ist eine erfundene Tradition. Sie wurde von Germanisten eben in der klassisch-romantischen Periode der deutschen Literatur behauptet, um den nationalen Anspruch auf ein uraltes Fundament zu stützen. So plötzlich trat im 18. Jahrhundert eine deutsche Literatur von höchstem Rang hervor, daß selbst die Zeitgenossen glaubten, es müßten vergessene Vorläufer in der deutschen Vergangenheit zu finden sein.

Quelle Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur dtv Deutscher Taschenbuch Verlag München 2003 ISBN 978-3-423-34022-9 (Seite 18 f)

Widersprüchlich muß es erscheinen, daß die deutschen zu den alten Kulturvölkern Europas gehören, im Mittelalter als Zentralmacht sich auf die Tradition des Imperium Romanum beriefen, und daß dennoch eine kontinuierlich wirksame literarische Überlieferung erst seit 250 Jahren besteht. Bei anderen europäischen Nationen besteht sie seit 500 Jahren – so in Frankreich, England, Spanien – oder gar seit 700 Jahren – so in Italien, wo sich die Erinnerung an Dante, Petrarca und Boccaccio bis heute nicht verloren hat. Deutsche Texte des Mittelalters und der frühen Neuzeit hingegen stehen wie eine fremde Literatur mehr außer- als innerhalb der literarischen Tradition in Deutschland. Als letzte unter den westeuropäischen Sprachen, lange nach der portugiesischen und selbst nach der niederländischen (die sich von der hochdeutschen getrennt hat), findet das Deutsche, von Gottsched auf den Weg und von Goethe ans Ziel gebracht, zur allgemein akzeptierten Gestalt einer Literatursprache, die dann auch zur grammatischen und stilistischen Norm nicht-literarischer Prosa wird. Traditionen sind in der Geschichte der deutschen Literatur so kurzlebig, daß sie gar nicht Traditionen heißen dürften. Die Kenntnis althochdeutscher Dichtung geht nach 1150 verloren, die der mittelhochdeutschen nach 1450, die der frühen Neuzeit nach 1770. Die Geschichte der deutschen Literatur besteht aus einer Serie verlorener Anfänge, ehe es zu einem Anfang kam, der Bestand haben sollte. Die ältesten deutschen Werke, die das literarische Gedächtnis bis heute behalten hat, sind Lessings Dramen, Goethes Werther, einige Gedichte Klopstocks, Bürgers, Claudius‘ und des jungen Goethe.

Es liegt auf der Hand, Namen zu nennen, die Schlaffers Meinung zu widerlegen scheinen (von Meister Eckhart oder Walther von der Vogelweide bis zu Grimmelshausen), – sie taten keine Wirkung (oder erst bei der Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert), sie gehörten nie zum öffentlichen Bewusstsein, der Gebildete in Deutschland verwendete Latein, die Klöster, der 30jährige Krieg, die Reformation usw. all dies bedeutete nicht eben einen Aufschwung der humanistischen Idee und der Renaissance.

In Deutschland, wo der Buchdruck erfunden wurde und sich das Verlagswesen am frühesten entwickelte, erschien in der frühen Neuzeit weniger weltliche Literatur in der eigenen Sprache als in anderen Ländern, und, was wichtiger ist als die Quantität, darunter keine, die heute noch Leser vergnügen, erstaunen, anrühren können. In der deutschen Literatur gibt es kein Gegenstück zu Villon, Ronsand, Rabelais, Montaigne in Frankreich, zu Sannazaro, Ariost, Tasso in Italien, zu Chaucer und den Elisabethanern in England, die alle zur Weltliteratur zählen. (Seite 36)

Deutschland ist das Land der Verspätung. Sehr interessant z.B. die Einschätzung des Begriffs „Barock“.

Die Serie der Verspätungen setzt sich im 17. Jahrhundert fort. Sie wäre deutlicher sichtbar, wenn man die – mit dem Klassizisten Opitz beginnende und mit dem Manieristen Hofmannswaldau endende – Epoche nicht „barock“ sondern „Renaissance und Manierismus“ genannt hätte. Der Begriff „Barock“ ist der Kunstgeschichte entlehnt, die ihn für Stilphänomene in europäischen Bauwerken und Gemälden des 17. und 18. Jahrhunderts verwendet. Die Eigenheiten dieses Stils sind ohne gewaltsame Interpretation in der deutschen Literatur des „Barock“ nicht wiederzufinden, doch verleihen sie ihr den Nimbus des Zeitgemäßen und gar einer Vorläuferschaft in der europäischen Kunstgeschichte. Durch geschickte Namensgebung hat die Germanistik das Abgeleitete zum Ursprünglichen umgetauft.

Nicht nur verspätet gelangt die Nachricht von der Wiederentdeckung der Antike nach Deutschland, sondern auch entschärft und entleert. (Seite 38)

Was ist mit meiner Langversion aus dem Jahr 1964?

LiteraturgeschichteLiteraturgeschichte VI

ZITAT

Erst die Dissertation von Julian Schütt kehrte 1996 hervor, dass de Boor vorbildliche Arbeit für den NS-Staat leistete, indem er zum einen die deutsche Studentenschaft in der Schweiz zur Regierungspropaganda anregte und zum anderen im Auftrag der Kulturabteilung der deutschen Gesandtschaft in Bern die politischen Einstellungen der Berner Universitätsdozenten auskundschaftete. Leider verfiel der Schweizer Bundesrat erst 1945 darauf, de Boor zusammen mit seinem Gesinnungsfreund Richard Newald des Landes zu verweisen, auch wenn den beiden, wie Max Wehrli unterstrich, „wissenschaftlich […] kaum etwas vorzuwerfen“ war. Die Rubrik ‚Literatur‘ (gemeint ist Sekundärliteratur) nennt weder Schütts Monographie, noch Wehrlis Aufsatz, leider; auch wäre im Falle de Boor die Tatsache, dass er 1937 in die NSDAP eintrat, besonders aussagekräftig gewesen, da dahinter weniger Karrierekalkül, denn politische Überzeugung zu vermuten ist, schließlich lehrte de Boer zu diesem Zeitpunkt schon sieben Jahre lang in der Schweiz. Nicht eigens Erwähnung finden im Übrigen de Boors wie auch Burgers Beitrag zum germanistischen Kriegseinsatz-Projekt ‚Von deutscher Art in Sprache und Dichtung‘.

Quelle Geschichte der Germanistik / Mitteilungen herausgegeben von Christoph König in Verbindung mit Michel Espagne, Ulrike Haß, Ralf Klausnitzer, Ulrich Wyss / 2004 Doppelheft 25/26  Wallstein Verlag (Seite 31)

Kritische Worte zum enzyklopädischen Ansatz

Ein Literaturhistoriker, dem in dem vielbändigen Großunternehmen Geschichte der deutschen Literatur (begründet von de Boor und Newald) die Darstellung des 15. und 16. Jahrhunderts zugefallen war, wehrt sich gegen das „Vorurteil“, daß die deutsche Dichtung dieser Epoche „minderwertig sei und die Mühe einer systematischen Beschäftigung nicht lohne“. Er hofft, das Vorurteil dadurch widerlegen zu können, daß er „philologisch sachliche Stofferfassung und -darbietung“ verbindet, an „die Stelle einer Geschichte der poetischen Literatur die Schrifttumsgeschichte treten“ läßt, um auf diese Weise zwei Bände mit mehr als 1400 Seiten zu füllen. Unter den vielen hundert Dichtern, die hier angeführt sind, kennt selbst der Gebildete (falls er nicht professioneller Germanist ist) lediglich den Namen – nicht das Werk – von Hans Sachs, und auch dies nur dank seiner Würdigung durch Goethe und seinen Auftritt in Wagners Meistersingern. Kultur- und Schrifttumsgeschichte läßt sich, da Kultur immer stattfindet und irgend etwas immer geschrieben wird, auch dann betreiben, wenn es an lesens- und erinnernswerter Dichtung fehlt. Wer diese beiden Bände liest, erfährt von der Existenz vieler Schriften, deren Lektüre er sich trotz dieser Unterrichtung dennoch nicht vornehmen möchte. Wie so oft ist das „Vorurteil“ Ergebnis eines vielfach bestätigten Urteils. Es ist nicht sinnvoll, das Urteil über die deutsche Literatur der frühen Neuzeit zu korrigieren, sinnvoll ist es aber zu erklären, weshalb es zutrifft.

Quelle (s.o.) Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur dtv Deutscher Taschenbuch Verlag München 2003 ISBN 978-3-423-34022-9 (Seite 35 f)