Kategorie-Archiv: Antike der Römer

Lebenslust Mozart

Die Quintette

Ich glaube, dass diese Worte, für sich genommen, selten gepaart werden. Seltsamerweise. Daher dieser Blogtitel. Bei Mozart vergisst inzwischen kaum noch jemand, von Melancholie oder Todesahnung zu sprechen. Ganz besonders, wenn es sich um „späte“ Werke handelt. Und die Werke, die mir dank dieser Aufnahme in kürzester Zeit unentbehrlich geworden sind, stammen aus seinen beiden letzten Jahren. Zum Glück wusste er das nicht, als er sie schrieb. Und zu meinem späten Glück gehört noch etwas anderes: ein neues Buch, das ich ab sofort zu meinen schönsten zähle, das mich am Computer immer wieder  zwingt, Namen einzugeben, die das Glück des Südens evozieren, meinetwegen auch das von Untergang und Tod, Pompeji, Herculaneum, Paestum – nein, der letzte  Name passt nicht ganz. Oder nur so wie die Ballons zu den Schnecken der Streichinstrumente. Paestum verschwand nicht sang- und klanglos, ein griechisches Kleinod in Kampanien. Es versandete und versumpfte erst 500 Jahre nachdem der Vesuv die anderen Städte ausradiert hatte. Es wurde nur etwa zur gleichen Zeit wiederentdeckt, ein Wunder der Archäologie und der antiken Mittelmeerkultur.  Paestum 1752. (Mozart war noch nicht geboren.)

(siehe hier)

Wie der Taucher mir auf die Sprünge half…

Und was beim Mozart-Hören erst recht zu denken gab:

Zunächst natürlich die schiere Musik, aber das frühere Quintett KV 593 vor dem späteren, sobald ich begriff, warum es auch in der 3-teiligen CD-Folge den abschließenden Höhepunkt bildet (Tr.5-8). Der Ideenreichtum liegt auf der Hand, aber das rauscht nicht in vollkommenem Gleitflug vorüber, als opake Gestalt, sie ist vielfältig durchbrochen, gruppiert und aufgefächert. Um das Offensichtliche noch einmal hervorzuheben, hier 2 Seiten aus dem langsamen Satz, die die „gruppendynamischen“ Verhältnisse ins Licht rücken:

Alldies vermischt sich in der täglichen Lektüre merkwürdigerweise mit der eigenen Biographie (die Neigung zum Griechischen, die von meinem Vater stammt, leider auch die Vernachlässigung der neuen Sprachen), die frühe Begeisterung für Nietzsches „Geburt der Tragödie“ mit dem Sprung zu Wagners „Tristan“. Die verrückte Möglichkeit einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen „. Als Steigerung einer „ewigen Wiederkehr“ !

*    *    *   

Der Autor des Paestum-Buches, Tonio Hölscher, zieht Parallelen von dem griechisch besiedelten Ort Paestum im antiken Kampanien zu der griechischen Insel Thasos, wo es uralte steinerne Belege über bestimmte Treffpunkte der Jugend gibt:

Auf Thasos, an der Südküste der Insel, weit von dem städtischen Hauptort entfernt, stürzt die Küste bei der Örtlichkeit Kalami mit einer Felsterrasse in das Meer ab (…). Zum Wasser hin sind in die Felswand Dutzende von Inschriften in Buchstaben des 4. Jahrhunderts v. Chr. eingeschrieben, die mit einem ungewöhnlich reichen Vokabular schöne Epheben preisen: kalós und hōraíos, schön; hēdýs, süß; eúcharis, anmutig; euprósōpos und kalliprósōpos, von schönem Gesicht; euschémōn, von guter Haltung; eúrythmos, von schöner Bewegung; chrysoús, golden; argyroús, silbern glänzend, und so fort. Es sind emphatische Zeugnisse homoerotischer Beziehungen: geschriebene Komplimente erwachsener Liebhaber an ihre favorisierten jungen Geliebten, nicht nur flüchtig ausgesprochen oder aufgeschrieben, sondern in anspruchsvoller Schrift, in aufwändigen technischen Akten des Eingravierens mit Meißel und Hammer zum Ausdruck gebracht. Teils waren die Inschriften von der Terrasse aus zu lesen, teils aber nur vom Wasser aus, mit ihren großen Buchstaben sogar aus einiger Entfernung: also entweder für Insassen von Booten oder für Schwimmer im Meer. Die sorgfältig in den Fels gehauene Schrift, sicher durch Farbe in ihrer Lesbarkeit verstärkt, lässt erkennen, dass es ein etablierter Adoleszenz-Treffpunkt der höheren Gesellschaft war: ein Ort, an dem die städtische Jugend, zusammen mit ihren Bewunderern, sich auf den Klippen am Meer traf, in weiter Distanz zum Zentrum der städtischen Lebensordnung. Die Terrasse bot Raum zur Anknüpfung von Beziehungen, an einzelnen Stellen konnten die Jugendlichen vom steilen Felsen ins Meer springen und die trainierte Eleganz ihrer nackten Körper zeigen, andere konnten mit Booten auf spielerischen Fischfang gehen – und die erwachsenen Liebhaber konnten ihre Zuneigung in Inschriften am Felsen manifestieren. Alles erinnerte an die Tomba della caccia e pesca. Es wird sich zeigen, dass dies nicht nur spielerischer Zeitvertreib, sondern eine bezeichnende Situation der antiken Jugendkultur war, in der homoerotische Beziehungen eine starke, heute der Erklärung bedürfende Bedeutung hatten.

Quelle Tonio Hölscher: Der Taucher von Paestum / Jugend, Eros und das Meer im antiken Griechenland / Klett-Cotta Stuttgart 2021 / Seite 41f / Weiteres siehe hier, Rezensionen hier.

Die „starke, heute der Erklärung bedürftige Bedeutung“ der homoerotischen Beziehungen in der griechischen Antike war schon in meiner Schulzeit ein Thema, blieb allerdings in Andeutungen und humoristisch gemeinten Bemerkungen stecken. Es wäre eine Chance gewesen, den damals noch geltenden Paragraphen 175 ernsthaft zu analysieren. Unvorstellbar jedoch in einer Zeit, als die Sexualität ganz allgemein unter einem verbalen Tabu stand, das überall wirkte; das Wort „Lebenslust“ hätte man damals gemieden. Dabei buchstabierten wir Platons „Gastmahl“, entzifferten Catulls Verse an Lesbia. Aber ich erinnere mich an einen Tag, als mein Vater (ausgerechnet er, der bekennende Altsprachler) das englische Wort „Sex Appeal“ gebrauchte. Mir stockte der Atem.

*    *    *    *

Riemann-Kauf mit frischer Tinte besiegelt…

Darüber hätte ich mit meinem Vater – glaube ich – reden können. Ich vermute, er hat sich das Quartett im Mai 1921 in Berlin zum Partiturspiel-Üben zugelegt, als angehender Kapellmeister, sein Riemannsches „Handbuch der Orchestrierung“ trägt die unkorrigierte Signatur vom 24.V.1921. Das Lerchen-Quartett. Ob er deren Gesang jemals bei Ausflügen aufs Land identifiziert hat? Er kannte keinen einzigen Singvogel, war aber zweifellos ein begeisterter Schwimmer und erinnerte sich zeitlebens an die Ostsee bei Kolberg oder in Wieck bei Greifswald , nahm später fürlieb mit dem Freibad Wiesenstraße in Bielefeld. Der neueste Stempel mit der Adresse Paderborner Weg 26, weitab dort oben am Waldrand (heute Furtwänglerstraße), galt erst ab 6. Dezember 1957, mein Vater genoss das eigene Haus keine zwei Jahre. 9 Monate nach seinem Tod begann – im Frühling 1960 – mein Studium in Berlin, wo er 40 Jahre vorher das seine begonnen hatte. Muss das denn sein, soviel Geschichtlichkeit in eigener Sache? Natürlich, wenn es ohne Jammern abgeht. Wir bezeichneten uns ironisch und zukunftsfreudig als Epheben. Und empfanden keine Defizite.

*    *    *    *

„Das hat er vom Vater“ war in meiner Jugend eine oft gebrauchte Formel, die ich nicht gern hörte. Ich bewunderte ihn, traute mir aber mehr zu, und zumindest in der Körperlänge erfüllten sich meine Erwartungen früh. Wenn mir gesagt wird, dass Details eines Mozart-Quintetts aus dem „Lerchen-Quartett“ von Haydn abgeleitet seien, ohne dass man freilich die enge Verwandtschaft spürt, bin ich skeptisch. Wie kommt es, dass ein Kenner wie Charles Rosen das Quintett KV 593 seitenlang analysiert (S.321-326), aber eine intime Nähe zu Haydn allenfalls beim letzten Quintett KV 614 konstatiert? Je kleiner die betrachteten Motive, desto ähnlicher, – und desto unmotivierter, sie zu vergleichen.

Quelle Charles Rosen: Der klassische Stil / dtv Bärenreiter 1983

Das inspirierendste Kapitel in diesem Buch ist und bleibt für mich das über Haydns Erschließung des Konversationstons im Streichquartett, der u.a. seine „Erfahrungen als Komponist komischer Opern widerspiegelt“, auch wenn ihm dort der Erfolg versagt blieb (S.131). Hier zunächst wieder ein Blick auf das „Lerchenquartett“:

Inspirierend zugleich beim Blick auf Mozart, den Opernkomponisten auch in seinen Quintetten, deren Lust an der bloßen (?) Musik jedoch Haydns Konversationston überbietet.  Eine Entfaltung psychologischer Netzkonstruktionen – über Abgründe hinweg. Zum Beispiel im ersten Satz KV 593, wenn die Introduktion am Ende wiederkehrt und magisch die ganze Spannweite der Mozart-Musik-Welt aufleuchten lässt. Das mindert nicht im geringsten den Eindruck des „Lerchen“-Quartetts, lässt nur jede Familienähnlichkeit unwesentlich werden.

*     *     *     *

Man macht sich keine Vorstellung, wie streng, ritualisiert und andersartig die Adoleszenz in andern Zeiten und Kulturen abläuft. Pauschale Begriffe und Urteile sind nicht angebracht. Und genau das haben wir damals nicht gelernt, wenn wir mit sonderbarem Widerstand das Gastmahl von Plato lasen und glaubten,  die Liebe mehr oder weniger „platonisch“ auffassen zu sollen. Allzu „weichlich“ erschienen uns die Gespräche. Was für ein Müßiggängerleben,- wir kannten wohl auch schon das Wort „Sklavenhaltergesellschaft“. Immerhin studierte man gelegentlich Jacob Burckhardts schonungslose Analyse „Zur Gesamtbilanz des Griechischen Lebens“ – seltsamerweise bei den Neusprachlern. 10 von 80 Seiten darin behandeln den Selbstmord… Umso freimütiger folge ich heute Tonio Hölschers „Taucher von Paestum“:

Die Prüfungen waren zum Teil hart, besonders in Sparta. Dort mussten die Epheben lernen, sich in dem weiten Territorium durch Stehlen die Nahrung zu sichern und Mordterror unter der unterworfenen Landbevölkerung zu verbreiten. In Kreta war es etablierter Brauch, dass die Epheben von einem erwachsenen Liebbhaber in die Berge entführt wurden, wo sie zwei Monate lang zusammen lebten, sich von den Produkten der Natur ernährten und sich auf die Anforderungen des Krieges vorbereiteten. Die homoerotischen Aspekte dieser Verbindungen hatten eine prägende gesellschaftliche Funktion: Die Epheben sollten in der Gemeinschaft mit einem erwachsenen Gefährten, der zugleich Partner und Vorbild war, die Kräfte ihres männlichen Körpers kennen lernen und in die Verhaltensformen der volljährigen Männer eingeführt werden. Dabei war man sich sehr wohl der Gefahren und Risiken homosexueller Erotik in frühem Alter bewusst: Es gab streng kontrollierte Normen des gebührenden Verhaltens: Bedrängende Übergriffe auf den jüngeren Partner wurden hart geahndet. Am Ende dieser Zeit machte auf Kreta der ältere Liebhaber dem jüngeren drei symbolische Geschenke für seine künftige Rolle als Mitglied der Gemeinschaft: einen Becher für das Gelage der Männer, ein prachtvolles Gewand für die Teilnahme an den öffentlichen Festen und ein Opfertier für den gemeinschaftlichen Götterkult. In ähnlicher Form müssen die Jugendlichen auch in anderen Stadtstaaten diese Lebensphase als Umherstreifende, perípoloi, und „schwarze Jäger“ in der freien Natur mit Fangen von Kleintieren und Sammeln von Kräutern verbracht haben: Die Ausbildung der Epheben für den Eintritt in die Welt der erwachsenen Männer war überall eine zentrale Aufgabe. Und auch anderenorts war dabei die Führung der Jugendlichen durch erwachsene Männer in homoerotischen Verbindungen von entscheidender Bedeutung. Grundsätzlich war diese Form der Homoerotik keine einseitige sexuelle Disposition, sondern ging in aller Regel mit heterosexueller Einstellung zu Ehe und Familie zusammen.

Quelle Tonio Hölscher: Der Taucher von Paestum / Jugend, Eros und das Meer im antiken Griechenland / Klett-Cotta Stuttgart 2021 / Seite 66f

Es mag uns heute befremden, die griechische Antike von dieser Seite anzugehen, die in früheren Generationen vielleicht verschwiegen, idealisiert, cachiert wurde, so dass wir Jung-Humanisten, „das Land der Griechen mit der Seele suchend“, keine Ahnung hatten, in welcher Weise sie ihre wilde Welt in absolut „körperlichen“ Modellen erfassten, visuell und taktil in Kunst übertrugen, die der Gewalt und dem Chaos abgerungen war. Unser Befremden ist das eines Ethnologen, der von der Universität zur Feldforschung übergehen will und nicht einkalkuliert hat, dass er die neuen Eindrücke nicht einfach „verarbeiten“ kann, sondern dass sie ihm einen Kulturschock verpassen, der ihn lähmt und blockiert.

Wir haben oben von Mozarts Ideenreichtum gesprochen, von der opaken Gestalt, die sich vielfältig durchbrochen, gruppiert und aufgefächert gerade in den Streichquintetten auftut, von den wechselseitigen Einflüssen zwischen Haydn und Mozart nichts mehr weiß. Etwas unglaublich Neues ist in die Welt getreten, und das darf man nicht weglächeln. Martin Geck hat – konventionell beginnend – den Prozess angedeutet:

Auf dem Feld des Quintetts ist Mozart seinem Lehrmeister in der Quartettkomposition, Joseph Haydn, unbedingt voraus: Wird diesem die Äußerung zugesprochen, »daß er die fünfte Stimme nicht finden könne«, so fühlt Mozart sich in der »fünften Dimension« – derjenigen des klangräumlichen Komponierens – ganz zu Hause.

Nicht nur dem Liebhaber, auch dem Kenner ist es immer wieder rätselhaft, wie nichts anderes als eine zweite Bratsche eine neue Welt der Kammermusik für Streicher aufzutun vermag. Und tritt uns im C-Dur-Quintett KV 515 eine unangestrengte, reife Klassizität entgegen, welche die Buntheit der Haydn-Quartette hinter sich lässt, so jagt uns die bittere Süße oder süße Düsternis des Quintetts KV 516 in g-Moll – eine von Mozarts Schmerzenstonarten – Schauer über den Rücken.

Quelle Martin Geck: Mozart Eine Biographie / Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2005 (Seite 161f)

Noch einmal:

ZITAT (Der Taucher von Paestum)

Die Bilderwelt der griechischen Kunst in archaischer Zeit ist erfüllt von einer glanzvoll schönen Lebenskultur – aber im Hintergrund wird immer wieder das Bewusstsein der Vergänglichkeit und Endlichkeit des Glanzes sichtbar. Die überwältigende Diesseitigkeit der Griechen erhält dadurch ihre Tiefendimension. Nirgends wird das so prägnant deutlich wie in der Inschrift für einen jungen Athener, die den vorbeikommenden Wanderer anspricht:

»Sieh an das Grabbild des Kleoitas und klage, Wie schön er war und doch sterben musste!«

Friedrich Schiller, Mozarts Zeitgenosse, schrieb viele Jahrhunderte später seine Nänie, die mit den Zeilen beginnt:

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.

Nachtrag 2. Januar 2022

Nach dem Mozart-Tag gestern – immer wieder mit unverhofften Einblicken (man kann nicht alles konsumieren), zum Schluss vollständig die großen Sinfonien (samt Chor-Einschüben und „Zugabe“ der Arie Donna Anna!!!) mit Currentzis, heute noch einmal zum Tagesbeginn das Streich-Quintett D-dur KV 593, Auryn / TACET – unvergleichlich. Danach entdeckt, dass es einen großartigen Text darüber gibt, wie so oft bei Villa Musica (Dr. Karl Böhmer): besonders treffend die Verbindung zwischen musikalisch nachvollziehbaren Sachverhalten und biographischem Kontext.

All dies – der Abschied von Haydn, die geplante kleine Konzertreihe, der neue Schaffenselan – sind in das D-Dur-Quintett eingeflossen. Es ist ein Werk von höchstem Anspruch zwischen übermütigem Scherz und tiefer Melancholie – eines seiner großen Meisterwerke in der majestätischen Tonart D-Dur.(…)

Auch für den zweiten Satz könnte man eine Äußerung des englischen Mozartforschers zitieren: „Er bringt die wahre Essenz des ersten Satzes zum Vorschein. Die Vermischung von Heiterkeit und Traurigkeit ist deutlicher, das Licht heller, der Schatten tiefer. Die Nachbarschaft von Lächeln und Tränen ist enger, in der Musik wie im Leben, und ihre gemeinsame Wurzel in der Seele des Komponisten sichtbarer.“ In der Tat hat sich Mozart in diesem G-Dur-Adagio rückhaltlos ausgesprochen: im erhabenen Ernst seines Hauptthemas wie in der tiefen Verzweiflung der Molleinschübe, die nicht zufällig an das Andante der „Jupitersinfonie“ erinnern. Zunächst singt die erste Violine eine ätherische Arie, die mit einer Kette von Seufzerfiguren schließt. In der Durchführung werden diese Seufzer durch die Stimmen und durch die Tonarten geführt, um in einer der schönsten Stellen von Mozarts gesamter Kammermusik zu gipfeln: einer Kette zart-schmelzender Vorhalte über Pizzicato, die zur Reprise zurückleiten. Zunächst aber hat Mozart dem Hauptthema einen Molleinbruch gegenübergestellt: Pochende Triolen der Mittelstimmen grundieren ein Geigensolo, das von schierer Verzweiflung kündet. Das Cello antwortet mit Trillern, die wie dumpfe Paukenwirbel klingen. Die Welt des Requiems ist hier nicht mehr weit (…).

Die Lektüre führt zwangsläufig zu erneutem Hören, – intelligenter, musikalischer, olympischer, – ich muss heute auch den „Taucher von Paestum“ zuendelesen. Ich bin reif… vielleicht fast wie der junge Mozart. (Hierher gehört ein belustigtes Emoji.) 🙂 (Danke!)

Lust auf Latein

SENECA heute

Seneca 50er Cover   *  *  *Seneca 50er   *  *  *

Ich kann mich gut erinnern, wie sich eine Glocke von Langeweile über die Schulklasse senkte, sobald diese Heftchen vor uns auf den Pulten lagen. Und es war doch noch nicht lange her, dass ich mit Begeisterung den Roman „Quo vadis“ gelesen hatte, auch den Kinofilm dann seit 1954  mehrfach gesehen habe, und nicht im Traum daran dachte, dass dieser Seneca identisch sein könnte mit dem, der beim Gastmahl an Neros Tafel saß. Vielleicht im Gespräch mit Petronius, dem „arbiter elegantiarum“… Dies Wort kenne ich ja nur von dort! Sicher hatte ich einen Pons unter dem Seneca liegen, wie etwas Unerlaubtes, ich ahnte aber nicht, dass dies eine interessante „private“ Botschaft aus der Antike werden könnte, wenn man nur mit Phantasie etwas nachhülfe. Nein, ich befand mich ja in der Schule, Ratsgymnasium Bielefeld.

Der richtige Umgang mit der Zeit
SENECA LUCILIO SUO SALUTEM
(1,1) Ita fac, mi Lucili: vindica te tibi, et tempus quod adhuc aut auferebatur aut subripiebatur aut excidebat, collige et serva. Persuade tibi hoc sic esse, ut scribo: quaedam tempora eripiuntur nobis, quaedam subducuntur, quaedam effluunt. Turpissima tamen est iactura, quae per neglegentiam fit. Et si volueris adtendere, magna pars vitae elabitur male agentibus, maxima nihil agentibus, tota vita aliud agentibus.
(1,2) Quem mihi dabis, qui aliquod pretium tempori ponat, qui diem aestimet, qui intellegat se cottidie mori? In hoc enim fallimur, quod mortem prospicimus: magna pars eius iam praeteriit; quidquid aetatis retro est, mors tenet. Fac ergo, mi Lucili, quod facere te scribis, omnes horas conplectere; sic fiet, ut minus ex crastino pendeas, si hodierno manum inieceris.
(1,3) Dum differtur vita, transcurrit. Omnia, Lucili, aliena sunt, tempus tantum nostrum est; in huius rei unius fugacis ac lubricae possessionem natura nos misit, ex qua expellit, quicumque vult. Et tanta stultitia mortalium est, ut, quae minima et vilissima sunt, certe reparabilia, inputari sibi, cum inpetravere, patiantur, nemo se iudicet quicquam debere, qui tempus accepit, cum interim hoc unum est, quod ne gratus quidem potest reddere.
(1,4) Interrogabis fortasse, quid ego faciam, qui tibi ista praecipio. Fatebor ingenue: quod apud luxuriosum sed diligentem evenit, ratio mihi constat inpensae. Non possum dicere nihil perdere, sed quid perdam et quare et quemadmodum, dicam; causas paupertatis meae reddam. Sed evenit mihi, quod plerisque non suo vitio ad inopiam redactis: omnes ignoscunt, nemo succurrit.
(1,5) Quid ergo est? non puto pauperem, cui, quantulumcumque superest, sat est; tu tamen malo serves tua, et bono tempore incipias! Nam ut visum est maioribus nostris, ’sera parsimonia in fundo est‘); non enim tantum minimum in imo sed pessimum remanet.
Vale!
Seneca grüßt seinen Lucilius
(1)  Tue es so, mein Lucilius; rette Dich Dir selbst; sammle und bewahre die Zeit, die Dir jetzt bald geraubt, bald entwendet wurde, bald entschlüpfte. Glaube mir, es ist so, wie ich schreibe: ein Teil der Zeit wird uns entrissen, ein anderer unbemerkt entzogen, ein dritter zerrinnt uns. Doch der schimpflichste Verlust ist der, der aus Nachlässigkeit erwächst; und betrachten wir’s genauer, so verfließt den Menschen der größte Teil der Zeit, indem sie Übles tun, ein großer, indem sie nichts tun, das ganze Leben, indem sie andere Dinge tun als sie sollten.
(2) Wen willst Du mir nennen, der einigen Wert auf die Zeit legte, der den Tag schätzte, der es einsähe, dass er täglich stirbt? Das ist unser Irrtum, dass wir den Tod in der Zukunft schauen: er ist zum großen Teil schon vorüber; was von unserem Leben hinter uns liegt, hat der Tod. Also, mein Lucilius, tue, wie Du schreibst; halte alle Stunden zusammen; ergreife den heutigen Tag, so wirst Du weniger von dem morgigen abhängen.
 *
(3) Indem man das Leben verschiebt, eilt es vorüber. Alles, mein Lucilius, ist fremdes Eigentum, nur die Zeit ist unser. Dieses so flüchtige, so leicht verlierbare Gut, ist der einzige Besitz, in den uns die Natur gesetzt hat; und doch verdrängt uns daraus, wer da will. Und so groß ist die Torheit der Sterblichen, dass sie das Geringste und Armseligste, wenigstens das Ersetzbare, haben sie es empfangen, sich aufrechnen lassen, dagegen niemand sich in Schuld glaubt, wenn er Zeit erhalten, während diese doch das einzige ist, was auch der Dankbare nicht erstatten kann.
 *
(4) Du fragst vielleicht, was ich denn selbst tue, der ich Dir diese Lehren gebe. Ich will es Dir offen gestehen. Es ist bei mir wie bei dem, der viel Aufwand macht, aber sorgfältig Buch führt; die Rechnung über meine Ausgabe ist in Ordnung. Ich kann nicht sagen, dass mir nichts zugrunde gehe; aber was zugrunde geht, und warum und wie, vermag ich zu sagen; die Gründe meiner Armut kann ich angeben. Allein es geht mir wie den meisten, die ohne ihr Verschulden in Dürftigkeit geraten sind: jeder verzeiht, niemand hilft ihnen.
(5) Doch – was ist’s? Ich halte den nicht für arm, dem das wenige genügt, das er übrig hat. Dir aber rate ich, spare was Du hast, und fange bei guter Zeit an. Denn wie unsere Alten meinten: „Zu spät ist es, auf der Neige zu sparen.“ Denn nicht bloß wenig ist es, sondern auch das Schlechteste, was auf dem Boden bleibt.
Lebe wohl!

(Die obige Synopsis verdanke ich der Website www.gottwein.de)

Wäre es möglich gewesen, mich für immer an solche Lektüre zu binden, wenn es damals schon Lehrbücher gegeben hätte wie heute? Nun ist das folgende ganz neu, winkt mit Informationen über Freizeit und gehört vielleicht zu den Glücksfällen. Zudem mindert sich leicht der Anreiz einer Aufgabe, sobald sie zur Pflicht wird. Vor allem auch in der Gruppe, in der immer ein latenter Wettbewerb läuft und die Gefahr, zu unterliegen oder eine schlechte Figur zu machen, nie auszuschließen ist. Immer wieder irritiert es mich, auf welche Weise neugierige, wissbegierige Kleinkinder in der Schule zu verdrossenen Lernern werden, die aus lauter „Coolness“ Front machen gegen sogenannte „Streber“ in ihren Reihen. Wer die winzige Schwelle hinnimmt, – überhaupt zu einer Leistung aufgefordert, zu bestimmten Reflexionen angehalten zu werden, auf die man vielleicht lieber selbst gekommen wäre, der liest mit größtem Vergnügen. Er oder sie kann gar nicht anders. Der Ton ist seriös, und doch locker genug („wer dies liest, ist doof“), das Angebot so verlockend und aktuell (!) – etwa über Zeitmanagement heute und Massenveranstaltungen bei den Römern -, dass man schnell eingefangen ist. Ich überspringe ungern die ersten Seiten, um sofort – oh je: aus didaktischen Gründen – an den schon zu Beginn dieses Artikels angebotenen Text anzuknüpfen:

Seneca heute Cover Vandenhoeck & Ruprecht Leseproben HIER.

Seneca Hengelbrock Seneca Hengelbrock f  *  *  *Seneca Hengelbrock ff Seneca Hengelbrock fff *  *  *

Ein Wort noch zum Autor des Lehrbuchs (für ältere oder sogar – alternde Schüler): Dr. Matthias Hengelbrock. Ich wäre vielleicht nie ohne Facebook auf diese Quelle des Wissens gestoßen. Ich kenne ihn allerdings schon länger als Fachmann für Alte Musik, er besitzt – anders als ich – tatsächlich alle LPs und CDs, die es vom Collegium Aureum gab und gibt, und natürlich alles, was er sonst noch braucht für seine Tätigkeit in der Jury „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“, also unendlich viel, siehe HIER.

Wie war denn Ciceros Witz?

Nichts macht neugieriger als ein Witz, den jemand aus irgendeinem Grund partout nicht erzählen will.

Und so geht es mir mit dem Gerücht, dass der berühmte antike Redner und Politiker Cicero Witze in der Redekunst, die er wie kein anderer beherrschte und beschrieben hat, sehr wichtig fand, dass uns aber angeblich kein einziger davon witzig erscheint.

So schreibt jedenfalls Peter L. Berger (1998), während er sich auf einen Essay von Joachim Ritter (1940) bezieht:

Das Komische hängt immer von der Lebenswelt ab, in der es sich ereignet. Man kann nicht über Witze aus Lebenswelten lachen, die man nicht begreift. Deshalb ist es beispielsweise schwierig für den modernen Leser, irgendeinen Humor in den vorgeblich komischen Episoden zu entdecken, die Cicero schildert. Die besten jüdischen Witze verpuffen in China. Und was einer Gruppe von Bauarbeitern höchst komisch erscheint, amüsiert Mitglieder der anglistischen Fakultät Harvard kaum, und vice versa.

Quelle Peter L. Berger: Erlösendes Lachen / Das Komische in der menschlichen Erfahrung / Walter de Gruyter, Berlin New York 1998

Und schon interessiert mich nichts mehr als Ciceros Gelächter, mehr als das Homerische, das wohl nur die Götter betraf und vor allem als laut und nicht enden wollend beschrieben wird. Im altsprachlichen Gymnasium, das ich einst besuchen durfte oder musste, war das Lachen kein Thema; es entstand spontan auf Seiten der Schüler, vorwiegend durch Albernheit und mutwillige Störung des Unterrichts. Oder auch als Scheinantwort, z.B. auf die ernste Frage des Lehrers, was denn die Inschrift „Deo et literis“ (sic!) über dem Eingang bedeute: „Gott und den Litern!“

CICERO Büste Cicero (106 – 43 v. Chr.)

Ich habe mir jetzt wenigstens einige weiterführende Quellen zusammengesucht, so dass ich für eine echte Antwort auf die Frage zu Ciceros Witz gewappnet bin (paratus sum).

Allgemein zu „De Oratore“ bei Wikipedia HIER

Der Text deutsch (und lateinisch) HIER  (Egon und Gisela Gottwein)

Ein anderes Beispiel (am anderen Ort Übersetzung & Kommentar von Dr. Raphael Kühner. Stuttgart, 2. Auflage, 1873) :

240. Es gibt zwei Arten des Witzigen, von denen die eine sich mit der Sache, die andere sich mit dem Wort beschäftigt. Mit der Sache, wenn man etwas als eine Anekdote erzählt, wie du, Crassus, einst von dem Memmius*, er habe dem Largius ein Stück aus dem Arm gebissen, als er sich mit ihm zu Tarracina um ein Mädchen gezankt hatte. Die Erzählung war schneidender Spott, aber ganz von dir selbst erdichtet. Zum Schluß fügtest du hinzu, in ganz Tarracina hätten damals an allen Wänden die Buchstaben L. L. L. M. M. geschrieben gestanden. Auf deine Frage, was das bedeuten solle, habe dir ein alter Mann aus der Stadt gesagt: ‘Largius’ Linke letzt Memmius’ Maulgier **.’ 241. Ihr seht, wie witzig, wie artig, wie rednerisch diese Art des Lächerlichen ist, mag man nun eine wahre Geschichte erzählen können, die man jedoch mit kleinen erdichteten Zügen versetzen muß, oder mag man etwas erdichten. Eine vorzügliche Eigenschaft in dieser Art des Witzes besteht darin, daß man das Geschehene so veranschaulicht, daß die Sitten dessen, von dem man erzählt, seine Sprache, alle seine Mienen ausgedrückt werden, so daß die Zuhörer meinen, die Sache geschehe und ereigne sich eben jetzt vor ihren Augen.

*Gaius Memmius, im Jahr 111 v. Chr. Volkstribun, war ein hämischer Ankläger ein mittelmäßiger, aber beißender Redner sowie auch ein beißender Liebhaber. Siehe Cicero, Brutus 36, 136, und Vom Redner II 70, 283. Günstiger urteilt über ihn Sallustius, lugurtha 27 und 30. Er wurde vom Volkstribunen Saturninus ermordet. – Der hier genannte Largius ist unbekannt. – Tarracina war eine Stadt in Latium, früher Anxur genannt.

**Im Original steht: lacerat lacertum Largi mordax Memmius, d. h. es zerfleischt den Arm des Largius der beißige Memmius. Um in der Übertragung die Anfangsbuchstaben der angegebenen Worte festzuhalten, mußte ich etwas freier übersetzen, indem ich lacerat durch letzt, d. h. verletzt, lacertum durch Linke, mordax durch Maulgier wiedergab.

Darüberhinaus gibt es noch eine im Internet nachlesbare Seminar-Arbeit über Ciceros Humortheorie, die zu weiteren Schritten ermutigt und den Blick auf die vorhandene Sekundärliteratur lenkt:

Die Humortheorie in Marcus Tullius Ciceros “De oratore” von Franziska Scheiner – Universität Duisburg Essen Fakultät für Geisteswissenschaften – Germanistisches Institut WS 2012/2013  – auffindbar HIER

ZITAT (Seite 8)

Cicero ist einer der ersten, der den Witz überhaupt als relevant für die Rhetorik die  [der] Gerichtsrede einstufte. Hierzu muss bemerkt werden, dass sich das antik[e] römische Gerichtswesen wesentlich vom heutigen Gerichtswesen unterschied. In Rom waren direkte Rededuelle vor Gericht oder im Senat nur erfolgreich, wenn die Angriffe auf den Gegner absolut nichts mit dem tatsächlichen Tatbestand zu tun hatten. Die andere Person musste persönlich diskreditiert werden und dies ging laut Cicero, der zu dieser Einsicht aus persönlicher Erfahrung gekommen war, besonders gut dadurch, dass man die andere Person niveauvoll lächerlich machte und mit kleinen Spitzen in der Rede [zu] verunsicherte.

Aus dieser Forderung folgt bereits, dass hier der Witz als Witz nicht „autonom“ behandelt wird, sondern als Mittel zu einem einzigen Zweck, nämlich den Gegner herabzusetzen. Das ist wohl auch der Grund, weshalb Ciceros „Witze“ in unserer Gesellschaft nicht zünden: sie sind meilenweit vom Prinzip der „political correctness“ entfernt, es werden keine unbekannten Fakten präsentiert, keine Widersprüche aufgedeckt, aus denen sich eine humoristische Sich ergäbe, sondern es werden unangenehme Assoziationen ins Spiel gebracht, die ein schadenfrohes Lachen auslösen. Ein wesentlicher Faktor des Witzes fehlt: der befreiende Charakter.

Interessant ist zum Beispiel die Begründung, weshalb ein Witz, der einen körperlich klein geratenen Menschen treffen sollte, als bloße Possenreißerei negativ beurteilt wird:

245. Es trat ein winzig kleiner Zeuge auf. ‘Ist es erlaubt, eine Frage an ihn zu richten?’ sagte Philippus. Hierauf erwiderte der Vorsitzer des Gerichtes, der Eile hatte: ‘Nur mach es kurz!’ Da sagte jener: ‘Du sollst dich nicht beschweren. Ein kleines Ding will ich nur fragen.’ Ein witziger Einfall! Aber zu Gericht saß Lucius Aurifex, der selbst noch kleiner war als der Zeuge. Das ganze Gelächter wandte sich gegen den Richter, und so erschien der Witz als eine Possenreißerei. Also das, was eine Person treffen kann, die wir nicht getroffen wissen wollen, gehört, mag es auch noch so hübsch sein, seinem Wesen nach in das Gebiet des Possenhaften.

Der Übersetzer fügt hinzu, dass der verwendete Ausdruck „perpusillum rogabo“ doppeldeutig ist, da „perpusillum“ sowohl Maskulinum (“Einen winzig kleinen Menschen werde ich fragen”) als auch Neutrum (“Nur eine Kleinigkeit werde ich fragen”) sein kann.

Aber die negative Beurteilung trifft diesen Wortwitz nur deshalb, weil er zufällig auch auf den noch kleineren Richter bezogen werden konnte.

Quelle Raphael Kühner 1873 (wie oben, Seite 189)

***

Humor im frühen Italien

ZITAT

Scherze sind eine weitere Form der Kommunikation; man fängt an, die Geschichte ihrer Konventionen zu schreiben [Buchhinweise]. Sie unterscheiden sich gewiß beträchtlich von Epoche zu Epoche. Wenn wir ins Italien der frühen neuzeit reisen könnten, hätten wir vermutlich große Schwierigkeiten mit einem Humor, der heutzutage praktisch auf Kasernen (und Colleges, ihr zivile gegenstück) begrenzt ist. Sogar am Hof von Urbino, wie er in Castigliones Hofmann – stark idealisiert – beschrieben wird, bewarf man sich bei Tische mit Brotkügelchen. Handfeste Späße der verschiedensten Art waren sehr beliebt. Zahlreiche Quellen bestätigen den Hang für die burle oder beffe. Vergleicht man die Motive der italienischen Kurzgeschichte jener Zeit, der novella, mit denen von Volkssagen und Erzählungen aus anderen Ländern, so zeigt sich, daß die Italiener besonders von Kniffen und Gaunerei fasziniert waren, insbesondere aber vom Thema der Demütigung des Opfers (Rotunda, 1942). Handfeste Späße waren eingebaut in italienische Landhäuser wie die Medici-Villa in Pratolino aus dem sechzehnten Jahrhundert, wo der Gastgeber seine ahnungslos im Garten lustwandelnden Gäste durchnässen, die Zuschauer zum Schauspiel machen konnte. [Seite 17]

***

Castigliones Gespür für die Dramaturgie des Alltagslebens ist bereits erwähnt worden (S.20). Seine Erörterung der Stellung des Lachens in einer kultivierten Gesellschaft, einschließlich seiner Definition des Komischen als „einer gewissen Mißbildung“ (una certa deformità) ist berühmt. Es ist jedoch bekannt, daß Castiglione in diesem Abschnitt Cicero folgt, und daß sein Hauptziel nicht so sehr darin besteht, die Sitten und Gebräuche seiner Welt zu interpretieren als vielmehr, sie zu ändern. Auf jeden Fall bleibt Castiglione ein entscheidender Zeuge für das Verhalten, das er ablehnt. [Seite 27 f]

Quelle Peter Burke: Städtische Kultur in Italien zwischen Hochrenaissance und Barock / Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1986 ISBN 3 803135338

Nachtrag 24. Juli 2021

Ein Artikel im Solinger Tageblatt ist in diesem Zusammenhang interessant (incl. Buchhinweis):

Hinweis auf DENNIS PAUSCH: „Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike“ Verlag C.H.Beck.