Kategorie-Archiv: Film

KONGO AFRIKA WELT

Der Film MAKALA

Eine Dokumentation oder vielmehr: ein Kunstwerk?

Im Gespräch über diesen Film fällt unweigerlich sehr bald der Name Sisyphos. Ein Mythos von der Vergeblichkeit aller menschlichen Anstrengungen. „Eine Odyssee im Alltäglichen“ – alltäglich in einer für uns unvorstellbaren Welt. Die Zerstörung der kargen Umwelt des Dorfes, dargestellt an einem einzigen Beispiel: Ein mittelloser Mensch mit Familie draußen in der „Pampa“ baut eine Hütte, ist angewiesen auf die Umwandlung von naturgegebener Ware und eigener Arbeitskraft in Geld, er braucht z.B. Medikamente für ein krankes Kind. Man sieht, wie seine Frau auf der Feuerstelle eine Ratte zubereitet. Elend und Zerstörung der Umwelt. Das Fällen eines Baumes, die Umwandlung des Holzes in Holzkohle, der lange Weg zum Ort der Verwertung, wo man die Kohle zum Kochen braucht; wo es keine anderen Energiequellen gibt. Befremdend und erschütternd: die Größe dieses Lebens. 30 km, 50 km von der nächsten Stadt, Kolwesi, Walemba in der Provinz Katanga im Süden der Demokratischen Republik Kongo (früher einmal Belgisch-Kongo). Und dann fällt der Satz: „hier gibt es keinen funktionierenden Staat“ .

Ich würde zuerst 40 Minuten Film sehen, dann ein Pause machen und das Gespräch mit dem Filmemacher Emmanuel Gras anhören, um dann zurückzukehren und den Rest des Filmes wahrzunehmen. Bis er gegen Schluss in eine Art Gottesdienst mündet, einen Gemeindegesang, zum Weinen hoffnungslos. Aber auch die Musik, die den ganzen Film begleitet, sparsam, rätselhaft – ist es ein Cello, elektronisch aufgesplittert, auf der Suche nach dem Innenraum der Töne?

hier (bis 25.02.2022)

Aus dem Pressetext:

Emmanuel Gras begleitet im Kongo einen jungen Mann, der in einem Dorf im Süden des Landes ein größeres Haus für seine Frau und seine beiden Kinder bauen möchte. Die Kamera begleitet ihn auf seinem Weg und fängt die Landschaft und die wunderschöne Naturkulisse ein. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erleben jeden Schritt, jede Begegnung hautnah mit. Die Botschaft der Dokumentation ist eindeutig: Sie prangert die soziale Ungerechtigkeit an. Der klare Aufbau der Dokumentation lässt viel Raum für ausdrucksstarke Aufnahmen. Sei es in ästhetischer, emotionaler und politischer Hinsicht – „Makala“ ist der Beweis, dass man auch mit einfachsten Mitteln einen ausgezeichneten Film drehen kann.

(Der Pressetext gefällt mir nicht. Es geht nicht um diesen Beweis. Hier wird auch nichts angeprangert, es wird gezeigt. JR)

Interview mit dem Filmemacher Emmanuel Gras hier (bis 31.05.2027)

Musik: Gaspar Claus (hier) Frappierend für mich: plötzlich wird mir klar, dass ich zwar ihm, dem Cellisten, nie begegnet bin, wohl aber mehrfach seinem Vater, dem Flamenco-Gitarristen Pedro Soler, seit Anfang der 80er Jahre (WDR-Matinee u -Festival?). Frage: Hieß dessen Manager nicht mit Nachnamen Claus? War dessen Schwester etwa … (schon wieder eine Recherche-Aufgabe)?

Der Effekt des Zeitunglesens

Über Komik

Mich interessiert, wie Witz funktioniert, – nicht weil ich unbedingt witzig sein will, sondern weil ich wissen will, warum ich wann lache (oder auch jemand anders). Die Unwillkürlichkeit, das ist es. Es kann ja kein Zufall sein, dass ich selbst überrascht bin, was alles zutage tritt, sobald ich oben in das Suchfenster die Worte Humor oder Lachen eingebe. Dabei weiß ich doch, wie anstrengend Leute sind, die ständig witzig sein wollen. (Das Wort wollen zeigt, woher der Überdruss kommt.)

So las ich auch am 29. Juni die Süddeutsche, darin insbesondere ein Interview mit Otto Waalkes anlässlich seines neuen Films „Catweazle“, amüsiert (gerührt) natürlich, mich erinnernd („Großhirn an Faust: Ballen!“). Und dann dies:

Quelle Süddeutsche Zeitung 29. Juni 2021 Seite 11 „Ich bin konfliktunfähig“ Otto Waalkes erzählt, warum gute Komödien wie Pornos funktionieren, zitiert aus der Bibel und verteidigt seine alten Filme gegen den Vorwurf, sie seien rassistisch. (Interview: David Steinitz) / hier online (mit veränderten Titelzeilen und Bezahlschranke)

Das Feuilleton lag noch zur Erinnerung im Regal, als heute der Briefträger klingelte und mich von der Tageszeitung aufschauen ließ. Das Päckchen war nicht besonders groß, passte jedoch nicht in den Briefkastenschlitz, vor allem war es enorm schwer. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Hier sieht es wie das normale Titelbild eines Buches aus, aber sein spezifisches Gewicht übertrifft das jenes Bandes, den ich immer zum Beschweren von widerspenstigen Taschenbüchern auf den Scanner lege: „Sound des Jahrhunderts – Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute“ (Gerhard Paul/Ralph Schock).

Mit dem Foto beweise ich meinen Besitz des Buches, das Otto noch nicht besitzt und das er sich auch nur von einem Freund entleihen will. Ich will an dieser Stelle lediglich notieren, was es mir für die Erkundung des Phänomens Witz gebracht hat. Vielleicht. Irgendwann. Oder auch nicht.

Bisher habe ich es unwillkürlich beim Film „Manche mögen’s heiß“ aufgeschlagen, aber als ich den im Kino gesehen habe, befand ich mich in einer umwälzenden Lebenslage, in der mir absolut nicht zum Lachen zumute war. Es muss im Herbst 1965 gewesen sein. Heute sehe ich das anders.

(Vorläufiges Ende)

P.S. Was mich irritiert: ich habe dies womöglich geschrieben, um mich abzulenken, es sind ja zur Zeit eher bedrohliche Verhältnisse und Todesfälle, die einem zusetzen. Und trotzdem noch mehr das Dauerthema:  was bedeutet Musik? Die Frage meines Lebens. Wobei es nichts bringt, 100 Seiten vollzuschreiben. Sondern: die Antwort plausibel zu exemplifizieren, z.B. an der Fuge, die ich übe. Gis-moll, BWV 863. (Oder anhand des kürzlich gelesenen Essays von Alessandro Bertinetto, siehe – folgt- hier). Das Fugenthema:

Da ist dieses Kreisen um sich selbst (wie im Präludium), der Widerspruch im Tritonussprung und der lapidare Abschluss mit den Doppeltönen. Wieviel Worte müsste man verlieren, um zu beschreiben, was damit avisiert wird. Ein Mühlstein, der sich im Kopfe dreht? Was bedeutet das alles, wenn man am Ende ankommt? Irreführend: ich denke unwillkürlich an Schuberts „Der Wanderer an den Mond“ (hier). Bloß nicht lachen!

Neue Musik liest Zeichen der Zeit

Eine Übernahme von Materialien des KlangForum Heidelberg

(…was die Musik fragt, wenn sie quasi-literarisch zwei Zitate dazu bringt, sich zu durchdringen und neu, nämlich kritisch zu erklären…)

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Stefan Litwin (*1960)
„Among Friends“
für 6 Solo-Stimmen und präpariertes Klavier
(2014)

J. Marc Reichow (Klavier)
SCHOLA HEIDELBERG

Peyee Chen (Sopran)
Clémence Boullu (Mezzo)
Juliane Dennert (Alt)
Sebastian Hübner (Tenor)
Luciano Lodi (Bariton)
Martin Backhaus (Bass)

Walter Nußbaum (Leitung)

Auftragswerk des KlangForum Heidelberg e.V.
zum Literatursommer BW 2014, UA Heidelberg 14.09.2014
Ersteinspielung ZKM Karlsruhe, August 2020
Tonmeister: Benjamin Miller

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„Among Friends“, gesungene Texte

Oh beautiful for spacious skies
America
Oh beautiful for patriot dream
America
God shed his grace on thee
America
God mend thine every flaw
Confirm thy soul in self-control
Thy liberty in law

(aus America, the Beautiful von Katharine Lee Bates)

Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,
gehorchen gern, weil sie uns gern betrügen,
sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
und lispeln englisch, wenn sie lügen.
(aus Faust von Johann Wolfgang von Goethe)

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Stefan Litwin, Analecta Varia (statt eines Einführungstexts, 2014)

„Wer die Wahrheit ausspricht, begeht kein Verbrechen.“
– Edward Snowden*

“In God we trust, everybody else we monitor.”
– Geheimdienstspruch nach der Abhöraffäre

„Der Datenverkehr liefert uns die internen Video-Telefonkonferenzen der UNO (yay!)“
– Aus einem NSA-Bericht über Spionage gegen die Vereinten Nationen

„Die NSA und der britische Nachrichtendienst haben der Bundesregierung schriftlich versichert, dass sie Recht und Gesetz in Deutschland einhalten.“
– Ronald Pofalla, Kanzleramtschef (2009-2013)

„Alle Verdächtigungen, die erhoben wurden, sind ausgeräumt.“
– Hans-Peter Friedrich, Bundesinnenminister (2011-2013)

„Es ist wichtig, dass wir im Rückblick nicht allzu selbstgerecht sind mit Blick auf den harten Job, den diese Leute hatten. Viele dieser Leute (…) sind wahre Patrioten.“
– Barack Obama zum CIA-Abhörskandal 2014

“We can be a little more informal among friends!”
– Barack Obama neben Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor

„Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht.“
– Angela Merkel

SelectorType PUBLIC DIRECTORY NUM
SynapseSelectorTypeID SYN_oo44
SElectorValue 49173948XXXX
Realm 3
RealmName rawPhoneNumber Subscriber GE CHANCELLOR MERKEL Ropi S2C32
NSRL 2002-388*
Status A
Topi F666E
Zip I66E
Country Name
CountryCode GE

– Digitaler Eintrag zu Angela Merkels Mobiltelefon / Spionageauftrag der NSA

„Die größte Angst, die ich habe, wenn ich an das Ergebnis dieser Enthüllungen für Amerika denke, ist, dass sich nichts ändern wird.“
– Edward Snowden

* Addenda (im Juli 2020)

»Among Friends« wurde 2014 aus Anlass des NSA-Skandals geschrieben.

Heute, 6 Jahre später, lebt Edward Snowden immer noch versteckt in Moskau, und Russland mischt sich in die US-Politik ein.

S.L. im Juli 2020

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J.Marc Reichow
Sind Worte Taten?

Während der Projektvorbereitung wurde die – auch durch ihre anfängliche Bagatellisierung – empörenden Schändung grundgesetzlich garantierter Rechte durch NSA, GCHQ &. Co. publik, ein millionenfacher systematischer Eingriff auch in die schriftliche Privatsphäre also, der auf fast ironische Weise den Bogen zurück zu ‚Worten als Taten“ schlägt [vgl. „Worte sind Taten“, Motto des Literatursommers BW 2014]: als offenbar staatlich geduldete vorgebliche Motivfindung, Beweissicherung und präventive Aufdeckung mutmaßlicher Verbrechen unter Verletzung von Post- und Fernmeldegeheimnis – de facto strafbar nach §206 StGB.
Die Anführungsstriche um Stefan Litwins Werktitel » Among Friends « sind nicht nur Satzzeichen, sondern bezeichnen auch die überfällige Frage nach dem Wert der politischen Floskel von Freundschaft – zwischen Völkern? zwischen Geheimdiensten? zwischen Mächtigen? (Explizit fragt das nur die Musik, die quasi-literarisch zwei Zitate dazu bringt, sich zu durchdringen und neu, nämlich kritisch zu erklären.)

(aus dem Programmheft zum Literatursommerkonzert 2014)

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(jmr 05.03.2021)

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Das folgende Video im externen Fenster hier für den Fall, dass Sie während des Abspielens Texte im Zusammenhang nachlesen wollen.

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Und noch etwas – ein Werk für Violine solissimo von René Leibowitz

René Leibowitz (1913-1972):
Fantaisie pour violon seul op.56 (1961)
– Ersteinspielung nach dem Autograph –

Ekkehard Windrich (Violine)

Aufnahme im ZKM Karlsruhe, August 2020
Tonmeister: Benjamin Miller

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Visuelle Gestaltung: J. Marc Reichow

Das im Video verwendete Gemälde „Le Parloir de la Prison“ von André Masson (1961) aus dem Besitz von René Leibowitz nach der Reproduktion im Katalog (Livres-Correspondances-Estampes-Peintures des bibliothèques René Leibowitz et Henri Michaux) des Auktionshauses Eric Couturier (Paris 1999).

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Die Ersteinspielung der Fantaisie pour violon seul op.56 nach der autographen Reinschrift knüpft an die langjährige Auseinandersetzung des KlangForum Heidelberg unter Leitung von Walter Nußbaum mit dem kompositorischen Oeuvre von René Leibowitz an, deren Höhepunkt die Produktion der CD „Leibowitz – Compositeur“ zum 100. Geburtstag des Komponisten 2013 (divox) war.

Ekkehard Windrich führte die Fantaisie op.56 erstmals (in Deutschland?) beim Veranstaltungswochenende „Nah, jetzt fern – Stimmen, Musik und Gesellschaft zur Zeit von Corona“ am 2. August 2020 in Heidelberg auf.

Wie Goebel in Frankreich

1975 und heute

das früheste Cover (Detail)

.    .    .    .    . der Goebel-Text 1975

das Programm 1975

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Le Parnasse Français

.    .    .    .    . .    .    .    .    . der Goebel-Text 1978

Archiv LP 1978 (Ausschnitt)

das Programm 1978 (LP Cover Ausschnitt)

Reinhard Goebel und königliche Meister

was das nun wieder ist? … ein kleiner Umweg über Innsbruck HIER

TEXT 2015 ©RG

Pars pro toto: welch eine wundervolle Idee, unter dem 1978 zweifellos recht großmundigen Titel meiner ersten „französischen“ Aufnahme für die Archiv-Produktion – Le Parnasse Français – heute die Sammlung sämtlicher französischen Musiken, die ich in den folgenden 25 Jahren dann für das Label machte, zusammenzufassen.

In der Tat ist das, was Musica Antiqua Köln und ich innerhalb eines Vierteljahrhunderts für die Archiv-Produktion aufnahmen, so etwas wie die die Blütenlese der französischen Instrumentalmusik unter dem Sonnenkönig und seinem Nachfolger Louis XV. Und sehr schwer nur, ja kaum noch kann man sich heute vorstellen, mit welchem Befremden das Publikum der 1970er Jahre dieses Idiom selbst in Frankreich zur Kenntnis nahm, wurde doch Barockmusik grundsätzlich mit maschinell ratternden Abläufen „à l’italien“ gleichgesetzt.

Nun also ein verstörend neuer Ton von Diskretion & Leichtigkeit & gespreizter Verfeinerung, eigentlich unbarocker Zurückhaltung und gezügelter Affekte. Selten wird diese Musik so elementar traurig oder auch so mitreißend jubelnd, wie die von Bach, Telemann und Heinichen, immer bleibt sie dem Theater, dem Rollenspiel und verklausulierter Gestik verpflichtet – evoziert augenblicklich bei aller Bewunderung immer auch freundliche Distanz. Weder reißt sie uns in die Tiefen tränenüberströmten Leidens hinab, noch katapultiert sie uns auf direktem Weg in den Himmel…

Schwer vorstellbar im digitalen Zeitalter ist auch, unter welchen Bedingungen man vor dieser Zeitenwende unveröffentliche Musik aufarbeitete! Filme und Fotos von Musikalien herzustellen, dauerte Wochen, manchmal Monate, – und so fuhr ich anfangs mit dem Nachtzug nach Paris und deckte mich im Lesesaal der Bibliothèque Nationale in der Rue de Richelieu mit billigen, schnell verblassenden Fotokopien der Stimmbücher ein, die gleichwohl noch in moderne Partitur übertragen werden mussten: eine extrem zeitaufwendige, aber ebenso befriedigende und vor allem beruhigende Arbeit, die mich mein gesamtes Musica-Antiqua-Leben hindurch an den Schreibtisch fesselte.

Damals, als sich die Laden-Regale der Musikalien-Handlungen in aller Welt noch nicht unter der Last hunderter überflüssiger Faksimiles bogen, als die bizarrsten Repertoire-Wünsche und sämtliche Autographe Bachs noch nicht nur einen mouse-click und ein download entfernt waren, entwickelten wir in unserem Ensemble zu jeder Komposition eine persönliche Beziehung – und wir waren enorm stolz auf unser wirklich einzigartiges Repertoire, welches Bewunderung, Neid, manchmal aber auch – besonders bei jenen hardlinern, die nach wie vor glaubten, Musik sei „die deutscheste der Künste“ – Unverständnis und Häme hervorrief.

Für meine Kollegen und mich vergrößerte sich mit jeder neuen Komposition französischer Provenienz sowohl die Liebe zu unseren lateinischen Nachbarn und ihrer wunderbaren Kultur – gleichzeitig änderte sich auch der Blickwinkel auf den heute so grotesk überbewerteten Kultur-Transfer zwischen Frankreich und Deutschland: veritable Frankreich-Begeisterung gab es zwischen 1680 und 1690. Um 1700 waren die Wellen der Begeisterung längst abgeebbt und all die Neuigkeiten, die die französische Staatsmusik den verarmten Nachbarn vermittelt hatte, bereits derartig inkorporiert und amalgamiert, daß man nur noch von einem „vermischten Geschmack“ sprechen kann.

Le Parnasse Français – ein kaum über das Stadium der Kopfgeburt hinausgekommener Plan eines Denkmals für Louis le Grand, zu ihm als Apollo seines Zeitalters aufblickend u.a. die Dichter Moliere, Corneille, Quinault , Racine und als einziger Komponist Jean Baptiste Lully – wurde im Laufe des langen Lebens seines Schöpfers Titon du Tillet (1677 – 1762) fortwährend in Buchform weiter entwickelt ( „Suite du Parnasse Français“ 1727/32/43 und 1755 ) und personell bereichert: trat Lully noch in Person auf, so wurden die Nachkömmlinge nur noch in Form von Porträt-Medaillons an den Felsen Parnass gehängt und das Projekt entzog sich durch Übervölkerung und zu erwartender Kosten-Explosion einer finalen Realisierung.

Es versteht sich, daß in den exklusiven Zirkel zu Füßen des großen Königs nur Schüler und Epigonen des bereits 1687 verstorbenen Lully aufgenommen wurden – immerhin mit Elisabeth Jaquet de la Guerre auch ein Frau !! – und alle diejenigen lange, bzw. für immer ausgeschlossen blieben, die sich irgendwelcher Italianismen verdächtig oder sogar schuldig gemacht hatten. Überhaupt fand man erst nach dem Tode Aufnahme in den Parnass – wobei für Voltaire dieses eherne Gesetz selbstverständlich gebrochen wurde.

All denjenigen Komponisten, die die Stagnation des französischen Musikgeschmacks beklagt und die Öffnung hin zum italienischen Idiom gefordert oder gar praktiziert und somit für Wandlung und Fortschritt gesorgt hatten – wie den Musikern des „Style Palais Royal“ Forqueray, Blavet, Leclair und Couperin – blieb der Parnass ebenso verschlossen wie dem im Dresdener Orchester spielenden Pierre Gabriel Buffardin. Der vermeintlichen Preisgabe veritabler französischer Werte folgte die Damnatio Memoriae als gerechte Strafe.

Unser „Parnass Français“ aus deutschem Blickwinkel ist also im Wesentlichen von Dissidenten bevölkert – Komponisten, die man noch nicht einmal aus Gnade in die zweite Reihe stellte, wie den in Rom ausgebildeten, in Paris zeitlebens marginalisierten Charpentier. Erstaunlich aber ist, daß der „Paix du Parnasse“ – ein auf enormer Stilhöhe gewähltes Kompositions-Emblem des François Couperin „le Grand“ – nur zwischen den Lateinern Lully und Corelli besiegelt wurde und die Leistungen deutscher Komponisten überhaupt nicht zur Sprache kamen. Unüberbrückbar tief waren die jahrhundertelang ausgehobenen Gräben zwischen den Franzosen und den Deutschen, die sich dennoch beide auf Charlemagne, Karl den Großen als Reichsgründer beriefen: Telemanns Gastspiel 1737/38 in Paris und Voltaires Aufenthalt in Potsdam 1750/53 blieben rühmliche Ausnahmen in einem ansonsten immer frostigen Klima zwischen den beiden Völkern.

Ohne sentimentale Übertreibung darf ich sagen, daß es meine Nachkriegs-Erziehung war, die diese anhaltende tiefe Liebe zur französischen Kultur auslöste – durchaus mitvollzogen von meinen internationalen Kollegen im Ensemble Musica Antiqua Köln. Uns alle hat die lange Beschäftigung mit der französischen Musik vor allem im ersten Jahrzehnt unserer Bühne-Präsenz ungeheuer bereichert, unsere Telemann-Interpretation bestimmt, sowie Ohren und Herz für das geöffnet, was man im 18. Jahrhundert hierzulande „vermischten Geschmack“ zu nennen pflegte.

Nach 15 Jahren Abstinenz – nach 1985 befassten wir uns fast ausschließlich mit dem Erbe deutscher Musik – dann im Jahr 2000 den Soundtrack für Gérard Corbiaus Film „Le Roi danse“ beisteuern zu dürfen, war weitaus mehr als nur ein Engagement unter vielen, es war mehr als nur die Rückkehr zu den Wurzeln, mehr als nur ein déjà-vue: ich fühlte mich veritablement in den „Parnasse Français“ erhoben – und es war eine fabelhafte Zusammenarbeit, an die ich immer mit größter Freude zurückdenken werde.

Somit erneut enthousiasmiert für die französische Kunst widmeten wir uns dem instrumentalen Schaffen Marc Antoine Charpentiers, dessen Todestag sich 2004 zum 300. Male jährte. Diese Aufnahme war der Schwanengesang des Ensembles: ich verabschiedete mich vom Parnass herab und erklomm stattdessen die Treppenstufen zur „Salle des Suisses“ im Palais des Tuileries. Aus meinem alten Leben nahm ich die Liebe zur französischen Kunst in mein neues Leben mit – und habe im Repertoire des „Concert Spirituel“ einen neuen Forschungs-Mittelpunkt gefunden.

rg

Texte wiedergegeben mit freundlicher Erlaubnis von Prof. Reinhard Goebel ©2021

Delacroix – der Film

Ein Orient

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HIER den Film ansehen (bis 1.Mai 2021)

Was ich eigentlich gesucht hatte: eine  Möglichkeit den folgenden, langen Film mit demselben Thema aus einer Mediathek oder einem anderen Speicherort abzurufen, außerhalb meines privaten, den ich leider nicht weitervermitteln kann. Genau diesen Film, keinen nur thematisch ähnlichen, über den ich allerdings auch schon ganz froh bin. Merkwürdig, wieviele Versuche fehlschlagen, – es gibt ihn also nicht in der Mediathek. Mit solchen Bildern und Szenen! Oder? Eine halbe Stunde vergeht…

Und: ein Wunder! ich habe ihn doch gefunden, abrufbar bis 14. März 2021 !  HIER

Die oben abgebildete Szene „Jüdische Hochzeit in Marokko“ (Tanger) im Film ab 37:59

Sehen Sie, hören Sie, vergleichen Sie Realität und Imagination, z.B. ab 1:16:00

Was für ein Monat, der März, was für eine Entdeckung! Gerade dieser Film, alles ist gut, der Ton des begleitenden Textes, speziell die Experten. Und die Musik! Die Identifikation: meine erste Berührung mit dem Orient in Marokko, wann war das? Die Ankunft auf dem Flughafen Rabat, wir mit unsern Geigenkästen, – überwältigend die laue Abendluft, beneidenswert die unter Orangenbäumen ruhenden, palavernden Männer…

Eugène Delacroix – Ein Maler im Farbenrausch

Jahrzehntelang hat dieser 3 kg schwere, 579 Seiten starke Band aus dem Nachlass meines kunstliebenden Schwiegervaters ein Schattendasein bei mir im Foliantenregal geführt, jetzt kann ich stundenlang darin blättern; zum erstenmal frage ich mich, aus welchem Jahr er stammt (1967 – was für ein Zufall!) und was für einen Stellenwert der Verfasser René Huyghe hatte:

Es überrascht vielleicht, in welcher Hinsicht sich der junge Delacroix mit Deutschland befasst hat. Im Kopf eines solchen Künstlers geht halt mehr vor als eine flüchtige Anmerkung hergeben kann. Das Werk ist entscheidend. Das gilt hier genauso wie in Marokko oder Algier. Man lese unten die Sätze über Musik. Und oben die Kapitelüberschriften Seite 191 und 197.

Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, sobald ein Anflug von Orient-Schwärmerei aufzutauchen scheint, mit erhobenem Zeigefinger Edward Said zu zitieren, so auch ich; verweise dabei aber ganz besonders auf die Tatsache, dass Delacroix nur 1 einziges Mal und dann sehr pauschal einbezogen ist, inklusive ein Satz in Klammern, der Platz gibt für eigene Gedanken: „(worauf ich hier leider nicht näher eingehen kann)“.

Vorgemerkt (aktuell)

A propos Irish Fiddle, Dürer, Mozart

IRLAND-Filme abrufbar bis 11-02-2021

https://www.3sat.de/dokumentation/reise/irlands-kuesten-1-5-100.html

Dublin und der Osten

https://www.3sat.de/dokumentation/reise/irlands-kuesten-2-5-100.html

Die Irische Riviera

https://www.3sat.de/dokumentation/reise/irlands-kuesten-3-5-100.html

Der wilde Westen / Cliffs of Moher [doch weiterhin abrufbar: hier]

https://www.3sat.de/dokumentation/reise/irlands-kuesten-4-5-100.html

Der stürmische Nordwesten *** [doch noch abrufbar: hier]

https://www.3sat.de/dokumentation/reise/irlands-kuesten-5-5-100.html

Belfast und der Norden

*** ab 8:38 Donegal Fiddler Vincent Campbell bis 12:50 mehr über ihn (†) hier

Anderes Beispiel: John Doherty  Wie John Doherty 1965  „The Broken Pledge and The Repeal of the Union“ spielte:  HIER !

Die Geschichte von „The Black Mare of Fanad“ – zuerst verschriftlich:

Quelle: The Northern Fiddler von Allen Feldman & Eamonn O’Doherty

Die obige Geschichte in Wort und Ton, John Doherty erzählt und spielt „The Black Mare of Fanad“ – https://www.youtube.com/watch?v=ujjcW-kiMBo hier

In „The Hare and the Hounds“ demonstriert John Doherty 1971 seine programmatisch eingesetzten Fiddle Techniken hier. Nie wäre ich darauf gekommen, das Schriftbild war mir ein Rätsel, ich kannte ja die Transkription seit langem aus „The Northern Fiddler“: ohne das Bellen des Hundes, das Entwischen und Hakenschlagen des Hasen zu erkennen. Ein Stück Programmmusik. Heute – nach fast 4 Jahrzehnten – wird also das Buch um eine neue Dimension erweitert: durch die Youtube-„Realität“.

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Allerhand Erinnerungen werden wach: sehen Sie hier http://s128739886.online.de/ist-es-tommy-potts/ und hier http://s128739886.online.de/the-sailors-bonnet/ .

Übrigens war ich dabei, als Allan Feldman, der Autor von „The Northern Fiddler“, bei unserer Aufnahmereise 1983 in Miltown Malbay, im Haus des Festival-Organisators dem „Papst“ der irischen Musikforschung vorgestellt wurde, Brendan Breathnach, und von diesem herutergeputzt wurde. Seine Buch sie gezeichnet von einer Verfälschung der Folk-Geschichte, und der andere verteidigte sich schwach, er hatte keine Chance. Ich weiß nicht mehr genau, was der Gegenstand der Konfrontation war, vielleicht latent politisch (rechts gegen links), aber ich glaube, ein wesentlicher Punkt war, dass B.B. sich darüber aufregte, dass Feldman sozusagen einen Nachruf auf die alte Volksmusik geschrieben habe, während er, der alte Mann, sie als unvergänglich sehen wollte.

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https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/albrecht-duerer-superstar-100.html

Albrecht Dürer – Superstar hier verfügbar bis 2029

Ein willkommener Vorwand, um mich an meine Rasenstücke zu erinnern: Hier.

Wer ist das?

Nicht Melanchthon, natürlich auch kein Selbstbildnis, siehe hier.

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Mozart – ein hervorragend gemachter Konzert-Film:

Mozart schreibt… Cara sorella mia! – Briefe und Musik

Szene die Interpreten

Weiteres zu Prof. Leisinger finden Sie hier (die dort behandelte Costa-Violine begegnet auch im Verlauf dieses Films!)

https://www.3sat.de/kultur/musik/cara-sorella-mia-102.html

HIER verfügbar bis 13.02.2021

Dies ist der zuerst vorgelesene Brief (Nachschrift zum Brief des Vaters) 14. April 1770,

… und hier die vorangehenden Briefseiten des Vaters Leopold (mit der Geschichte um das Miserere von Allegri):

Wenn Sie nur wenig Zeit haben (???), hören Sie wenigstens den Schluss ab 1:08:46, ich finde, das ist sensationell gespielt. Und es ist sensationell komponiert (1788!). KV 526 (lesen!)

Hermann Abert nannte den Satz „the super-virtuoso Rondo of Mozart’s Sonatas“. Gleichzeitig ist er ein ununterbrochener kontrapunktischer Schlagabtausch der Instrumente.“ (Villa musica)

Aber Vorsicht! wenn Sie im Film erst dort beginnen, betrügen Sie sich ganz nebenbei um die bezauberndsten Texte: die Mozart-Briefe, so wie sie von Adele Neuhauser gelesen werden; ein Tatort ist nichts gegen diese charmante Sprechkunst.

Es erinnert mich an ein frühes Buch von Ortheil, entdeckt in den 80er Jahren; seine Interpretation habe ich nie vergessen. Mozarts Briefe als Sprachkunstwerke. Die Erinnerung an diese eindringliche, sensible Interpretation hatte mich viele Jahre später bewegt, mir die 7 Bände der Gesamtausgabe zuzulegen, – nicht der Werke Ortheils, sondern der Mozart-Briefe.

… es hätte der Beginn des Mozart-Lesens werden können: ohne die Erinnerung an dieses Buch hätte ich die Brieflesung mit Adele Neuhauser gestern nicht so ernst genommen (ich erinnere mich an eine erfolgreiche Bielefelder Klavierpädagogin, die bei der Erwähnung der Mozartschen Briefe nie vergaß, sich vor Entsetzen zu schütteln. Das war eine verbreitete Haltung. Natürlich genoss die junge Musikergeneration längst seine verbalen Emanationen, insbesondere die Bäsle-Briefe – aber noch ohne sie als speziellen Ausdruck derselben Kreativität zu werten, die man in seiner Musik wahrnimmt.)

Angesichts dieses Buchanfangs ist es interessant nachzulesen, was Hannah Schmidt in der ZEIT über das Instrument des Jahres 2021 schreibt … indem sie auf Mozart verweist und seinen Brief aus dem Jahr 1777 zitiert (hier).

Aber man kann fast beliebige Seiten aus Ortheils sensiblen Brief-Analysen auswählen um zu begreifen, wie Mozart zu verstehen ist, in seiner Suche nach einer anderen Ausruckswelt; das habe ich nirgendwo sonst so gefunden wie hier. Eine Erklärung, was in ihm vorgegangen ist, was für ein Reifungsprozess, als er wenige Jahre nach den sicherlich schönen Violinkonzerten die Sinfonia Concertante für Violine und Bratsche schreiben konnte (1779), ein so unbegreiflich tiefes und menschlich, kommunikativ erschütterndes Werk.

Zum Vergleich mit der oben hervorgehobenen Version an dieser Stelle noch das große „Nebenwerk“ aus der Zeit des Don Giovanni 1788, also KV 526 und zwar mit Noten (Szeryng/Haebler / Finale ab 17:42) HIER

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Über Radikalisierung (Spiegel-TV Attila H.)

https://www.spiegel.de/panorama/leute/attila-hildmann-spiegel-tv-ueber-den-absturz-des-fernsehkochs-a-a939bb37-84d8-45dc-8d24-75f720af39ab

HIER

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Übrigens:

Die Probleme des Lockdowns sind längst bekannt!

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Ein Sprichwort zum Abschied

(aus dem „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung am 11. Februar 2021 Seite 1)

Fliegen, sagte der junge Pinguin, ist eine reaktionäre, diskriminierende Unart alter weißer Albatrosse.

Krimi Kurzkritik

Notizen nach einem dürftigen Tatort

Spontanes Urteil am Ende (die vorübergehend spannenden Momente zählen nicht mehr):

Hanebüchen!

( Das gilt im Nachhinein für alles, nach den Vorschusslorbeeren, auch für die Einzeldarsteller, die Musik, die Handlung, das Drehbuch, die Regie, die Insel, die Logik, – alles …)

Irreführendes in der Presse nachher:

Vorher Infos hier + Zuschauer-Echo

Vorab-Werbung im Kölner Treff HIER ab 42:50

W.W.Möhring ab 44:50: „Die Musik ist Hauptdarsteller und die Insel. Norderney.“ Meint er das Kleine-Terz-abwärts-Glissando, das derart bedeutungsvoll tut? Und das hüfthohe Wasser bei steigender Flut, das glücklicherweise keinerlei Sog entwickelt. Am Ende liegt man am Strand, die Handschellen haben sich wundersam aufgelöst, nur die eine lästige Frau ist verstorben. Die andere jedoch ist im Dunkel der Nacht genau hier zur Stelle.

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Fundstücke aus dem Programm

Hat nichts damit zu tun, aber: Ein ähnlicher Schock heute Mittag im Auto, offenbar ein neuer Trailer für Sendehinweise: WDR3 Kultur-Ambulanz.

Erste Reaktion: O Gott, dahinter steckt eine nagelneue Programmreform. Ja?! Es macht mich krank! Spontan, nach 25 Jahren oder nach 18 Jahren? Wird daher die Ambulanz als Vorhut geschickt?

Ein Missverständnis: man hilft der notleidenden Kultur. Kulturambulanz geht in eine neue Runde. „Wir streamen Kultur in Zeiten von Corona – Online, im Radio und über Facebook präsentiert WDR 3 Konzerte aus NRW, die wegen der Corona-Pandemie nicht öffentlich stattfinden können.“

Aber warum ein Etikett aus dem Krankenhaus-Bereich? Stopp, durchaus nicht, warum denn so negativ: wir beziehen uns auf den Bereich „Gesundheit, Bildung, Kultur“. Wie hier. Eine aussagekräftige Kombination. Wird so in Zukunft auch negative Musik gemieden? Zu ungesund! Nur noch gesundheitsfördernde Klänge. Vergleichbar der Aktion: Mozart im Kuhstall!

Bei dieser Gelegenheit stoße ich auf eine noch gar nicht so lang zurückliegende Reaktion auf Reformen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von Richard David Precht. Bemerkenswert! Habe ich damals nicht mitbekommen, hier also nachzuholen: HIER

Noch etwas über die Geschichte von WDR 3 hier (Wikipedia)

Ich sollte mal wieder WDR 3 hören…

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ARTE Indien hier ein ungeschickter Film, die Musik Rajasthans – Fehlanzeige… so unbedarft präsentiert man auch bei uns gern „Wunderkinder“. Auch hier ist es dilettantisch in den Wind geschossene Sendezeit. Mit dem Anschein der Weltoffenheit.

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Natürlich kenne ich die Argumente mancher Cineasten: in diesem Film gibt es die besten Dialoge, in jenem die hinreißendsten Autorennen oder die gelungensten Hochgebirgsabstürze, dort die unheimlichsten Szenen mit Türeknarren, hier Mondschein in der Sahara oder wilde Stürme um Helgoland. Es interessiert mich alles nicht, wenn die Geschichte nicht stimmt! Der Faden von A bis Z. Siehe Mozart: il filo.

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27.01.2021 Es gibt tatsächlich allerhand Neues im Kulturradio. Am neuesten fand ich aber früher immer die Abschaffung von etwas. Ich mag mich geirrt haben, ich klebte zu sehr am Alten. Aber jetzt verstehe ich um so besser die reformatorische Sprache: es wird ja nichts abgeschafft, alle Inhalte bleiben, sie werden nur konsumentenfreundlicher verteilt.

Zur Info studiere die verbreiteten Vorurteile:

Süddeutsche Zeitung 25. Januar 2021 Thema:  Öffentlich-rechtlicher Rundfunk Verrat am Kulturauftrag / Der WDR streicht sein Literaturprogramm zusammen. Weiß der öffentlich-rechtliche Rundfunk, welchen Schaden er anrichtet? Von Felix Stephan /  Hier (Leider mit Bezahlschranke)

ZITAT

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der immer noch ein paar wichtige Kultursendungen unterhält, hat panische Angst davor, als „elitär“ zu gelten, deshalb entfernt er aus dem Programm immer mehr angeblich Kompliziertes und ersetzt es durch Gefühltes. In Wahrheit aber tritt gerade in diesem Paternalismus eine narzisstische Öffentlichkeitsverachtung hervor. Um als nicht elitär zu gelten, verdunkeln die Verantwortlichen den Himmel und versuchen, dem Publikum die Illusion zu vermitteln, es gebe keine Geisteswissenschaft, keine Kritik, keine Sprachanalyse, nur noch Landschaften, Luft und Laune.

Nun auch noch die FAZ, und zwar: HIER

ZITAT

Wenn etwas abgeschafft wird, geht das oft mit einer Verbrämung einher. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und insbesondere, wenn es um die Abschaffung von Kultursendungen geht, ist man darin besonders geübt. Als der Hessische Rundfunk 2019 plante, seine Kulturwelle HR2 zu einer „durchhörbaren“ Klassikwelle zu machen, nannte er den geplanten Abriss natürlich „Transformationsprozess“ und die Abrissbirne nicht Abrissbirne, sondern „Kultur-Unit“. Als sich starker Protest dagegen regte, musste der Sender erst noch eigens hervorheben, HR2 werde „selbstverständlich nicht ‚wortfrei‘ sein, sondern stärker um die Klassik zentriert“.

Eine ANTWORT:

Mehr Vielfalt für die Literatur

Die Literaturberichterstattung bei WDR 3 steht nicht zur Diskussion. Sie soll vielmehr vielfältiger und innovativer werden und nicht auf einem vereinzelten Sendeplatz am Morgen im immer gleichen Format ausgespielt werden. Wir haben mit WDR3-Programmchef Matthias Kremin gesprochen.

Abrufbar insgesamt hier.

Und in der Tageszeitung heute, am 27.01.2021, ärgert mich ein Bibelwort in der Standard-Rubrik SERVICE. So überflüssig und in sich unwahr wie das Etikett „Kultur-Ambulanz“. Wie auch der vorsorgliche Hinweis, dass der chirurgische Notdienst dies Jahr an Heiligabend, Silvester und Rosenmontag nicht zur Verfügung steht. Wo bleibt die Ambulanz für Nervenzusammenbruch?

„Werk ohne Autor“ (bis 4.1.2021)

Autor: Florian Henckel von Donnersmarck

Biographie bei Wikipedia Hier

Seit gestern: einer der besten (kunstbezogenen) Filme, die ich je gesehen habe. Es gibt ihn schon seit 2018. Warum grenze ich mit dem Adjektiv „kunstbezogen“ die Reichweite meiner Begeisterung ein? Genauso wie mit der Floskel „die ich je“ – weil ich kein Cineast bin, der unendlich viele Filme professionell erlebt hat und somit auf ein umfangreiches Repertoire zurückschaut, das er ständig reflektiert. Mit andern Worten: ohne jede Autorität. Aber ich denke nicht nur an Filme wie die über Vincent van Gogh (1956) oder Toulouse-Lautrec (1952), die mich früh beeindruckt haben und die ich heute als im besten Sinne dilettantisch bezeichnen würde. Sondern solche, die selber Kunst sind (sein wollen). Ich lasse mich nicht beeindrucken durch professionell destruierende Urteile, wie sie z.B. im Wikipedia-Artikel hier auftauchen, – was geht mich das an, wenn ich begeistert bin? Natürlich benutze ich dieses Wort „begeistert“ nicht als Argument, wenn jemand, mir widersprechend, als erstes an die Gaskammer erinnert, die nicht inszeniert werden dürfe. Das Entsetzen dürfe nicht instrumentalisiert werden, um den kritischen Abstand des „Konsumenten“ zu brechen. (Kurz: darüber rede ich nicht.)

Über Gerhard Richter und sein Urteil über den Film: hier. Ich erinnere an Schönberg und die Kontroverse über Thomas Manns „Doktor Faustus“

Keine Nebensache: der Film umspannt auch den größten Teil meines eigenen Lebens. Ein Mitschüler aus Bielefeld studierte an derselben Kunstakademie. Mit dem realen Hintergrund (der ersten Frau des realen Malers Richter) in Düsseldorf hatten wir in den 80/90er Jahren eine äußere Verbindung.

Was erinnere ich seltsamerweise als erstes? Das wogende Kornfeld. (Kindheit, vielleicht deswegen: hier)

Wichtiger Punkt: der gute Einsatz der Musik (überwältigend: Bach BWV208 am Klavier), was mich nach dem Autor dieses Parameters fragen lässt, Max Richter.

DER FILM

HIER

Nur noch bis zum 4. Januar abrufbar. Montag. Hier noch der Trailer, mit dem man nicht einverstanden sein muss:

Und in diesem Moment liegt wieder ein Buch auf dem Tisch, das ich im Dezember 2005 von lieben Kollegen zum Abschied geschenkt bekommen habe: eine geniale Geschichte der Unschärfe. Daraus nur 1 Zitat.

ISBN 9783803151698

Auch hier bestätigt sich die Vermutung, dass interessante Bücher interessante Kritiken produzieren, vgl. hier. (Samt genauer Quellenangabe, falls man dem Buch nähertreten will.) Bemerkenswert besonders diese Sätze zur Rezension von Elke Buhr (FR):

Sie hebt hervor, dass es Ullrich gelingt, die gängige These, wonach die Fotografie der Malerei die Naturnachahmung abnahm und letztere sich darum der Abstraktion zuwenden musste, zu modifizieren. „Auch die Fotografen folgten dem Trend zur Autonomisierung von Fläche und Form, auch sie sahen die entscheidende Herausforderung darin, das reine Abbild der Realität zu transzendieren“, erklärt die Rezensentin. Bedauerlich findet sie nur, dass Ulrich am Ende seines Buches die aktuelle Unschärfeästhetik mit dem Label der „postmodernen Beliebigkeit“ kritisiert, und mit diesem Pauschalurteil seine so sorgfältig entwickelte Differenzierungsfähigkeit wieder zerstört.

Was mir noch dazu einfällt, stammt vom Filmemacher Edgar Reitz. Der Zeitungsausschnitt hängt am nächstgelegenen Bücherregal. Aber man kann ihn auch im Netz-Archiv der Süddeutschen Zeitung abrufen:

Seit ich Filme mache, beschäftigt mich, wie unser Sehsinn funktioniert. Sind unsere Augen kleine biologische Kameras und ist das Gehirn ein Bilderarchiv, in dem optische Wahrnehmungen ähnlich wie in einem Videorekorder gespeichert werden? Diese Annahme erweist sich als rettungslos naiv, wenn man als Filmemacher erlebt, wie unterschiedlich ein Film wahrgenommen wird. Man muss sich damit abfinden, dass der Zuschauer nicht objektiv wahrnimmt, was wir ihm auf der Leinwand erzählen, sondern dass jeder nur sieht, was er mit eigenen Erfahrungen bestätigen kann. Der Satz, dass ein Film im Kopf des Zusehers entsteht, dass also jeder seinen eigenen Film sieht, bewahrheitet sich in immer neuen Formen des Missverstehens. [weiter hier]

Ein ganz anderes Buch habe ich wieder hervorgesucht, das vor 60 Jahren vielleicht ein Meilenstein des Erinnerns war. Vom Gymnasium Bielefeld aus, Fach Religion, hatten wir aber auch schon im Oktober 1956 die Betheler Anstalten besucht und in der Vorbereitung vom Euthanasie-Programm der Nazis erfahren.

  dazu Wikipedia hier

Nachtrag 3. Januar 2021 (Geburtstag meines Großvaters mütterlicherseits)

Es könnte ja sein, dass mich vielleicht eine allzuschnelle Begeisterung über schöne Bilder und Töne hingerissen hat, den oben genannten Film so herauszustellen, auch die „letzte“ Möglichkeit, ihn bis morgen noch einmal abzurufen. Ich muss zur Ergänzung die Meinung eines Freundes zitieren, dessen Perspektive ich schätze, ohne sie deshalb zu übernehmen. (A propos: Kann man Perspektiven überhaupt einfach übernehmen, wie eine fremde Brille beim Lesen?)

Ich war am Anfang von der Introduktion des Films begeistert, fasziniert, angezogen von dieser unglaublichen Geschichte – auch durch die guten Schauspieler! Sebastian Koch eindrucksvoll, der brutale Vollzug der Euthanasie (über die ich später nochmal im Wikipedia-Artikel über Gerhard Richter einiges erfuhr) gut inszeniert, der Werdegang des jungen Künstlers in der frühen DDR … alles durchaus glaubwürdig!

Aber dann: Mit dem Eintritt der Hauptfigur in den Westen und in die Düsseldorfer Kunstakademie leistet sich der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck einen Schnitzer nach dem anderen. 

X.Y., die/der sich intensiv mit der Zeit (ZERO-Künstler), Günther Ücker u.a. befasst hatte, fand das genauso unglaubwürdig und klischeehaft wie ich (dieser aufgebläht „mystische“ Beuys … hab so viel von Beuys auch durch Dokumentarfilme begriffen, zu denen ich in einem Fall die Musik komponierte), dieser lächerliche „Kraftprotz“ von Ücker, die „Fontana“-Leinwandschnitte usw. usf.) 

Es herrschte ein ganz anderer Geist zu dieser Zeit in der Kunst und in der D’dorfer Kunstakademie … Von Donnersmarck bringt es fertig, die dümmsten Klischees zu reproduzieren, die auch noch die dümmsten Vorurteile gegenüber diesen Künstlern mobilisieren (u.a. das Fett & Filz-Klischee bei Beuys).

Es war nur konsequent, dass sich Gerhard Richter von diesem Film distanzierte, der es geschafft hat, meine Biografie zu missbrauchen und übel zu verzerren.“  Aber darüberhinaus eine ganze Künstlergeneration in eine unglaubwürdige Atmosphäre versetzt, um daraus eine „spannende Kinogeschichte“ zu machen 

So schreibt jemand in der Kunstzeitschrift MONOPOL m.E. zu recht:

„… Oliver Masucci als Joseph-Beuys-Verschnitt spachtelt riesige Fettecken und erzählt nochmal die beliebte – bei Donnersmarck nun wieder wahre – Tataren-Legende, während sein Student nach einer schlimmen Schaffenskrise endlich zur fotorealistischen Malerei findet. Zum Heureka erklingt Max Richters wabernde „Rheingold“-Musik. Wenn Kurt schließlich ein Bild malt, mit dem er den Schwiegervater-Schurken entlarvt, ist die Rosamunde-Pilcher-Höchstmarke erreicht. Das Ergebnis zählt? Mit „Werk ohne Autor“ verliert Florian Henckel von Donnersmarck nach Punkten.

Nun ja, es sind wahrscheinlich – Du hast es angedeutet in Deinem Blog – ganz andere Assoziationen, die Dich über diese Schwächen des Films hinwegsehen ließen … Aber was Du geschrieben hast, wollte ich so nicht ohne Kommentar stehenlassen. 

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Was sage ich dazu? Bitte, ohne – weil das letzte Wort – damit recht behalten zu wollen! Ich erinnere nur daran, dass es nicht um die empirische Person Gerhard Richter ging. Auch die andern Künstler waren nicht mit „Echt-Namen“ versehen. Deshalb habe ich an die Auseinandersetzung Arnold Schönberg / Thomas Mann betreffend „Doktor Faustus“ erinnert. Niemand kann sich einen wirklichen Künstler mit allen biographischen und werkimmanenten Details in der bloßen Phantasie ausmalen… Nicht einmal Goethe.

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Heinrich Arnhölter, geb. 3. Januar 1882 zu Solterwisch, Krs. Exter, gest. 14. Januar 1966, Lohe bei Bad Oeynhausen.

Der Geist der Tiere

Serengeti-Film „Helden der Savanne“

Dieser Film der Reihe terra x hat mich besonders beeindruckt, und da er bis 2030 abrufbar ist, möchte ich auch dafür sorgen, dass ich ihn in den kommenden 10 Jahren  jederzeit per Knopfdruck wieder auferstehen lassen kann. Muss ich dazusagen: falls ich dann noch…? Ich tue es ja nur für den Fall, dass die Erinnerungsmaschine weiterhin Stoff braucht, aber im Prinzip doch lebensähnlich funktioniert. Bis heute erinnere ich mich an mein allererstes Kino-Erlebnis. Das war „Lied der Wildbahn“, also ab 1949, – wobei mir damals egal war, wer ihn gemacht hat, von Grzimek und seinem Kampf um Serengeti wusste ich noch nichts, aber es war immerhin der erste Film, den Heinz Sielmann gedreht hat. Da hatte die Musik in meinem Leben noch nicht die Tiere in den Hintergrund gedrängt. Ich habe erst vor wenigen Momenten entdeckt, dass ich das „Lied der Wildbahn“ (zumindest tendenziell ein Lied?) heute – nach etwa 60 [Korrektur: 70!] Jahren – noch einmal ansehen könnte und tue es nicht, weil ich darauf besser eingestellt sein müsste (ich will mich nicht drüber lustig machen müssen). Ich habe noch gerade die Anfangsmelodie wahrgenommen (Hörner: „Im Wald und auf der Heide“, ich würde das heute vielleicht schwer durchstehen), und aus!!!

HIER wäre der Weg…

Die Musik in dem heutigen Serengeti-Film fand ich in ihrer Sparsamkeit lobenswert, sie deckte  die Geräusche der Natur nicht zu und persiflierte die Szenen auch nicht in Richtung Komik. Sie gehörte sozusagen zur Erzählerstimme, die auch wohltuend unaufdringlich, aber höchst aufschlussreich kommentierte. Der Film selbst war überwältigend. Hätte es sowas früher gegeben, wer weiß, ob ich nicht lieber Verhaltensforscher geworden wäre. Diese Nähe zu den echten Tieren, die Glaubwürdigkeit der erstaunlichsten Szenen! Die lauernden und jagenden Geparden, ihre Jungen, die lernen müssen, eine erlegte Gazelle (?) zu töten, eine trauernde Giraffe, die scheinbar nicht begreifen kann, dass ihr Nachwuchs tot im Grase liegt. Die Zebras, die mit letzter Kraft einen verschlammten Fluss überqueren, während einige es nicht mehr schaffen. Ich kann nur raten, diesen Film mit Kindern oder Enkeln gemeinsam zu sehen, und sie lieber vor Nachrichten über Tönnies abzuschirmen als vor diesen Wahrheiten aus der Wildnis.

 HIER

Ein Paar Sätze möchte ich an dieser Stelle nachtragen, da man sie bei Helmuth Plessner nie wieder vermuten würde:

Im Anwendungsbereich einer Kultiviertheit zeigt der reife Mensch erst seine volle Meisterschaft. Direkt und echt im Ausdruck ist schließlich auch das Tier; käme es auf nicht mehr als Expression an, so bliebe die Natur besser bei den elementaren Lebewesen und ersparte sich die Gebrochenheit des Menschen. Wo finden wir noch solchen Ausdruck reinster Trauer als bei einem Hunde, wo solchen Adel der Haltung als beim Pferd, wo solche göttliche Gewalt als im Haupt des Rindes? Lachen und Weinen des Menschen, sein Mienenspiel erschüttern erst da, wo sie die Eindeutigkeit der Natur und des Geistes hinter sich gelassen haben und von jener Unfaßlichkeit umwittert sind, die den Abgrund ahnen läßt, ohne ihn zu öffnen. Im Indirekten zeigt sich das Unnachahmliche des Menschen.

Quelle Helmuth Plessner: Grenzen der Gemeinschaft / Eine Kritik des sozialen Radikalismus / suhrkamp taschenbuch wissenschaft / Suhrkamp Frankfurt am Main 2001 Seite 106

 

Was bewirkt guter Journalismus?

Er beflügelt

Nie im Leben hätte mich „Vom Winde verweht“ interessiert. Jetzt nach den empörenden Bildern aus Amerika ist der Film (und das Buch) ins Gerede gekommen. Ad acta, denkt man. Aber darüber hinaus bedarf es eines intellektuellen Funkens, der eben aus den ernsthaft arbeitenden Medien kommt, mehr oder wenig durch Zufall: weil man sich plötzlich mehr Zeit nimmt als geplant. Hier und heute zum Beispiel:

   Hier

Ich weiß, dass man über die Verlinkung an eine Bezahlschranke kommt, soweit reicht meine Aktivierung nicht, aber ich habe den Artikel in Papier gelesen (gestern Abend bei REWE gekauft) und werde ihn eines fernen Tages auch digital wiederfinden. Warum er mich beflügelt? Ehrlich gesagt: es liegt am ersten Absatz und an den beiden schönen Menschen.

Nein, an den vielen Denkanstößen.

Ich überlege, wie ein nichtrassistischer Film aussehen müsste, wieviel schwarz, wieviel weiß, wie schwarzweiß dürfte er zeichnen, wie heftig mit dem neutralen Zaunpfahl winken. An welches Publikum müsste er sich richten? Wie ließe es sich motivieren, bei der Sache zu bleiben? Wie langweilig dürfte das Gleichgewicht aller mit allen wirken?

Was habe ich heute getan, ehe ich mich meinen privaten Vorhaben widme? (Beethoven, Kant, Hinrichsen, Gartenarbeit). In Wikipedia über „Vom Winde verweht“ (das Buch) nachgeschaut, was wird dort über Schwarz und Weiß gesagt? Ich muss einiges festhalten:

Anders als das Lesepublikum der 1950er und 1960er Jahre war der deutsche Literatur-Nobelpreis-Träger Heinrich Böll von dem Roman wenig angetan. Das Buch habe „jenen unbestimmbaren flutschigen Inhalt, der sich nicht genau definieren läßt, niemals genau zu definieren sein wird.“[7]

Die Darstellung der historischen Abläufe im Roman erfolgt aus der Perspektive der Protagonisten, also der der besiegten weißen Südstaatler. Alan T. Nolan kritisiert daher in The Myth of the Lost Cause and Civil War History, dass die Darstellung einem einseitig prosüdlichen Narrativ folge. Die Sklaverei und die Rolle des Ku Klux Klan nach dem Sezessionskrieg würden beschönigt, die Reconstruction und die nordstaatlichen Soldaten dagegen negativ dargestellt. Der Roman folge in diesem Sinne den typischen Topoi des Lost Cause und gebe nicht die historischen Tatsachen wieder.[8]

Sonja Zekri beurteilt den Roman als „modern in der Frauenfrage und archaisch im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß“: Mit der repressiven Idealisierung der Südstaatenfrauen habe Mitchell nichts anfangen können, das zeige schon ihre Protagonistin. Scarlett O’Hara habe sie als eine lebenshungrige, unzerstörbare, mehrfach verheiratete, erfolgreiche Geschäftsfrau gezeichnet, habe ironisiert „die übliche männliche Enttäuschung darüber, dass eine Frau über ein Gehirn verfügt“ (so Mitchell). – Auf der anderen Seite sei es ein rassistisches Buch. Entgegen entschuldigender Rede sei die Sklaverei durchaus Thema gewesen. Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Süden die Rassentrennung gesetzlich verankerte, habe Mitchell den Weißen alle Schuldgefühle genommen. In Form einer „Romancing Slavery“ strahle Sklaverei im warmen Licht einer idealen Gemeinschaft. Mammy, Pork und die anderen Sklaven wüssten die Geborgenheit und Fürsorge der weißen Besitzer zu schätzen und fürchteten nichts so sehr wie die Yankees. „Die Besseren unter ihnen verschmähten ihre Freiheit und litten genauso wie ihre weiße Herrschaft“, so Mitchell.[9]

Die französische Autorin Annie Ernaux bezieht sich in ihrem Lebenswerk Die Jahre wiederholt positiv auf den Roman, der wenige Jahre vor ihrer Geburt erschienen war und dessen Lektüre sie immer wieder beeindruckt hat.[10]

Das ist genug Wikipedia-Stoff, um mich beim Rekapitulieren dieses Blog-Artikels zu motivieren. Bölls Wort „flutschig“ ärgert mich ebenso wie seine resignierende Weigerung, genau das genauer zu definieren.

Und es stört mich, dass Annie Ernaux, die mich so beeindruckt hat (hier und hier), von diesem Kitsch-Roman so beeindruckt gewesen sein soll. Ihr Buch „Der Platz“ steckt heute noch zwischen den Papieren auf meinem Schreibtisch, weil ich mich nicht trennen konnte. „Eine lebensverändernde Lektüre“ (Didier Eribon) steht auf dem Umschlag, und ich frage mich, ob ich das eigentlich bestätigen kann. Da muss ich erst wieder ein bisschen rekapitulieren…

Und bei allem Lob des guten Journalismus, muss ich erwähnen, dass die Klassik-Kolumne zum Stichwort Venedig auf der Rückseite desselben Blattes der SZ mich so geärgert hat, dass ich sie auf keinen Fall genauer bezeichne.

Etwas ganz anderes: wenn Sie sich für investigativen Journalismus interessieren und erfahren wollen, weshalb man sich nicht nur ständig über Trump aufregen muss, sondern mindestens ebenso über gewisse Zustände und Vorkommnisse im eigenen Land (Stichworte: FLEISCH und AMTHOR), dann widmen Sie sich doch der Lanz-Sendung von gestern Abend. Die Zeit wäre sehr sinnvoll angelegt: HIER