Kategorie-Archiv: Kultur

Erinnerung 1987

Festival auf dem Bonner Marktplatz

Eine Überraschung, die heute über Facebook (Manfred Bartmann) kam, ein Stück WDR-Folkfestival (später „Weltmusikfestival“ genannt) auf Youtube : die irische Gruppe Patrick Street mit Andy Irvine, dazu das Tanzpaar mit den unaussprechlichen Namen (der Tänzer erzählte, auch ein irischer Moderator habe sie im Fernsehen kurzerhand Donnicken o‘ Monnicken genannt), bei uns gab es die bewährten Moderatoren Bettina Böttinger und Tom Schroeder , die alle Namen und noch mehr gelernt hatten (Begrüßung bei 4:25). Redakteure der Sendung waren Dieter Kremin (TV WDR) und Jan Reichow (Hörfunk WDR). Angeschlossen waren Sender wie Radio bzw.TV Moskau, Lissabon, Helsinki, Amman, live: Sofia, ČSSR, UDSSR. Und auf diesem Wege kam auch wohl dies irische Fragment ins Netz.

Kürzlich waren wir mal wieder dort, am Tatort:

Bonn Rathausplatz Markt 170709 Bonn Beethoven am Rathaus

Niemand wusste, ob es im jeweils nächsten Jahr weitergeht, und erst recht nicht, dass es noch 16 Jahre erfolgreich weitergehen würde. (Das unwiderruflich letzte, ich glaube: 27. Festival, seit den 90er Jahren umbenannt in „WDR Weltmusikfestival“, fand im Jahre 2003 statt).

1981 auf dem Domplatz in Köln   1986 auf dem Marktplatz in Bonn

Festival Köln 1983 Festival Bonn 1986 Plakat

Ich kann es bei den Namen der Irish Dancers nicht so belassen; hier sind die beiden in einer noch 15 Jahre älteren Aufnahme: Celine Hession und Donncha O’Muineachain:

Clip from 1972. Celine Hession & Donncha O Muimhneacháin *(R.I.P) dance two slip jigs: Fig for a Kiss & Kid on the Mountain. The fiddle player is Paddy Glackin. The young lad sitting beside Seamus Ennis is the one & only Noel Hill. The greatest concertina player to ever grace this earth.

Über Celine H. siehe hier. *Abschied von Donncha M. hier

Gerhaher gestern

Schmerztherapie Schubert in Düsseldorf

Gerhaher Titelbild Gerhaher Editorial

Christian Gerhaher gibt beeindruckende Interviews (mich erinnert er merkwürdigerweise an Matthias Brandt). Ich zitiere hier aus der Süddeutschen (Magazin 4/2015), das ich zu lesen empfehle. Von wegen „Trösterin Musik“:

Kann Musik Sie trösten?
Tut mir leid, aber diesen Zweck sehe ich für mich nicht. Wohl aber kann sie mich aufregen, ja sogar nerven. Wenn ich zum Beispiel frühe Symphonien von Tschaikowsky höre, kriege ich Beklemmungen, und meine Kehle zieht sich zusammen. Es gibt in dieser Musik keine Luftlöcher. Jede Sekunde ist ausgefüllt, alles tönt übervoll. Ich möchte aber niemanden ärgern und kann umgekehrt gut damit leben, dass nicht viele Menschen meine Begeisterung für Mendelssohns Reformationssymphonie teilen.

Finden Sie es banal, wenn andere Menschen sich von Musik trösten lassen?
Nein, aber ich höre Musik eben weder um getröstet noch um unterhalten zu werden. Musik von Bach, Beethoven, Schubert, das ist keine Vergnügung, genauso wenig wie Musik von Velvet Underground oder The Cure. Es geht um Tod, Verlust und Einsamkeit, um das Fehlen des ideal Vollkommenen, um problematische Seelenzustände und Defizite, die ich interessant finde, und das nicht unbedingt wegen ihrer Nähe zu meinem Leben. Musik schafft oft erst die Erschütterung, die einen dazu bringt, sich nach Trost zu sehnen – und den kann sie dann wunderbarerweise auch noch selbst spenden.

Na, also doch! Wenn Sie unbedingt woanders weiterlesen wollen, bitte hier.

Gerhaher Programm Tonhalle Nov 2017

Am Schluss, nach einigen „Vorhängen“, sagt er: das letzte Lied – von Schubert, leises Lachen im Saal: das letzte Lied des Schwanengesangs soll heute auch sein letztes sein: die Taubenpost. Gibt es eigentlich Leute, die dieses Lied als das schwächste der späten Sammlung bezeichnen? Vielleicht nur, wenn man es noch nicht von Gerhaher gehört hat. Was ist das für eine Epiphanie! Sie heißt – die Sehnsucht. Kennt ihr sie?

*  *  *

„Schwanengesang“ Christian Gerhaher & Gerold Huber 1999 HIER Taubenpost bei 47:42

Organik

Eine neue Übepraxis? (Ungeordnete Notizen)

Zwei Zitate

Alles beginnt damit, dass ich Anfang der 80er Jahre erkennnen muss, dass weder die Schulmedizin noch die Alternativmedizin noch die Musikpädagogik noch die angebotenen Bewegungsverfahren, wie z.B. Alexandertechnik, Feldenkrais oder Yoga, in der Lage sind, mich von den Schmerzen in meinen beiden Armen zu befreien.
Die Schmerzen sind durch das Geigespielen entstanden.
Und ich stehe als Musiker quasi vor dem Aus.

*  *  *

Technische Bewegungen erkennen Sie daran, dass irgendetwas im Körper festgestellt wird, um gegenüber dem festgestellten Körperteil ein anderes Körperteil zu bewegen und vor allem in der Bewegung zu kontrollieren.
Ein typisches Beispiel dafür ist z.B. bei Streichern, Bläsern und Pianisten, dass der Rumpf fixiert wird, um demgegenüber die Bewegungen der Arme und Hände zu kontrollieren.
Das technische Prinzip ist das Training von isolierten Bewegungen. Das technische Prinzip stammt aus der Maschinen- bzw. Motorenwelt. In einem Automotor macht dieses Prinzip Sinn: Es gibt einen festen Motorblock mit Zylindern, und demgegenüber bewegen sich die Zylinderkolben. Was in einer Maschine Sinn macht, ist aber in einem Organismus sehr ungeeignet.

Diese Zitate stammen (mittelbar) aus einem Lehrgang, den ich nur vom Hörensagen* kenne, den ich aber so weit wie möglich aus den schriftlichen Vorgaben erschließen möchte. Zum Verlinken dieser Vorgaben soll dieser Blogbeitrag dienen. Es geht nicht allein um Geigespielen, das Üben eines Instrumentes überhaupt, oder um die Behandlung der Stimme. Es geht um den sinnvollen „Gebrauch“ des eigenen Körpers.

Da ich immer gern an etwas anknüpfe, was ich schon kenne, und sei es aus alter Zeit, als ich noch wenig damit anfangen konnte, wodurch aber eine tiefer sitzende Motivation geweckt wird, nenne ich die Worte, die mir etwas bedeuten. Selbst wenn ich zwischenzeitlich eine Opposition dazu gebildet hatte: „Gebrauch des Körpers“ (Alexandertechnik) und „Organische Stadtbaukunst“ (eine Theorie meines Onkels).

*Mailzitat Teilnehmerin S.R.: (…) Besonders inspirierend war die umfassende Wirkung! Also die nicht nur aufs reine Kursgeschehen, auf Körperübungen und Instrumentalunterricht begrenzte Erkenntnis, sondern die veränderte Wahrnehmung, die von Wertung, von Zwang, Kritik oder angespanntem Wollen befreite Wechselwirkung mit der Außenwelt – eben Resonanz ! – beim Spazieren durch Berlins Straßen, beim Zugehen auf Menschen, beim Nachdenken über die Elastizität des Lebendigen!

Korrektur: Bei Alexander heißt es anders, nämlich: „Gebrauch des Selbst“. Auf die  „Organische Stadtbaukunst“ folgte später „Die autogerechte Stadt“. Man las dazu irgendwann nur noch die wohlfeile Kritik, eine Stadt solle bitte nicht auto- sondern menschengerecht sein.

Ich persönlich muss mich hüten, bei allen „lebensreformerischen“ Gedanken, die in meinen 50er Jahren grassierten, einschließlich dem eigenen jugendlichen Eifer (von Nietzsche bis Rilke oder Zen, viel später noch Hugo Kükelhaus) einen verborgenen nationalsozialistischen Kern zu argwöhnen. Es handelt sich einfach darum, die Welt der Körper, des Körpers nicht im Auswärts – gegen das „zersetzende“ Reflektieren –  zu isolieren. Das Wort Wechselwirkung im letzten Zitat ist wichtig. In diesem Sinne mache ich mich also an die Web-Seite, die letztlich „nur“ eine Anleitung zum sinnvolleren, bewussteren Geigeüben (Laufen, Atmen, Am-Schreibtisch-Sitzen etc.) bieten soll.

Das Stichwort also lautet ORGANIK oder auch RESONANZ. Man studiere die näheren Ausführungen HIER. (Autor: Thomas Lange)

ZITAT Thomas Lange im Kapitel Audiomotorik

Das Ohr und das Gleichgewichtsorgan bilden eine räumliche Einheit und sind direkt miteinander gekoppelt. Das Gleichgewichtsorgan ist über Nervenbahnen mit allen Muskeln im Körper verbunden. Der Nerv vom Hörorgan und der Nerv vom Gleichgewichtsorgan laufen als achter Hirnnerv in einem Strang zusammen zum Gehirn. So gibt es über das Hören bzw. den Klang einen Weg in das gesamte Bewegungssystem des Menschen. (weiter: hier)

(Fortsetzung folgt)

Gewogen und zu leicht befunden

Was wiegt denn schon ein falscher Ton bei Bach?

Ach! Unermesslich viel, wenn er in einem so vollkommenen Notengebilde steckt. Er raubt einem den Schlaf. Unmöglich, dass es sich nur um die Verletzung einer alten Gewohnheit handelt. Andererseits: Die Gewalt des Faktischen in einem gedruckten Text… (Es geht in Takt 10 um den zweiten Ton im Bass: DIS oder nicht vielmehr – EIS?)

Bach WTC Fis Prael falsches DIS

Zudem bin ich ein gebranntes Kind: bei dem Versuch, eine große Geigerin (siehe hier) zu überzeugen, dass Bach selbst ein Vorzeichen in den „Urtext“ einzutragen vergessen hat, bin ich einfach „aufgelaufen“. Sie hält den falschen Ton für eine Frage des künstlerischen Ermessens. Und das wirkt nach, als Enttäuschung, als Widerhaken im Fleisch – nicht als Verletzung der Eitelkeit, sondern der Logik. Wer bin ich denn, dass ich protestiere wie ein Hund, der den Mond anbellt?

Also bitte keine Rechthaberei, wenn es um Bachs Notentext geht, – aber erst recht keine Duckmäuserei. Es darf kein Druckfehler stehenbleiben in Heiligen Texten wie den „Sei Solo“ oder dem Wohltemperierten Clavier von Bach, auch nicht von Gottes eigner Hand.

Ich war gestern zu Besuch in Bonn, und da der Flügel dort, verglichen mit meinem alten „Schimmel“, ein Klangwunder ist, übe ich das vertraute Praeludium in Fis – zudem aus anderen (neueren)  Noten – wie ein fremdgewordenes, „neues“ Stück. Und stolpere genau über die oben abgebildete Stelle, aber erst nach dem achten oder neunten Durchspielen. Der Oktavengleichklang – das Dis in der linken Hand, nachschlagend zum gleichen Ton in der rechten – erscheint mir allzu schwach in einem ansonsten sehr starken Bass-Verlauf, es muss eine Vorhaltwirkung hinein. Oder ist es bloße Gewohnheit, die mich das empfinden lässt? Herrührend aus meinen alten Noten, der Kroll-Ausgabe, die mir immer durchaus zuverlässig erschien. Ich muss das zuhaus überprüfen. Da sitze ich nun. Und finde zuerst in der Studien-Partitur aus Budapest – genau die gleiche (falsche?) Schreibweise, Selbstzweifel beginnen:

Bach WTC I Fis-dur

Und nun die Überraschung: in meinen Übe-Noten, der alten Kroll-Ausgabe, steht es wirklich so, wie ich es mir wünsche… Guter Instinkt oder bloße Gewohnheit?

Bach WTC Fis Kroll

Meine Kopie des Bachschen Urtextes stammt aus den 80er Jahren, wer weiß, wie genau man damals überhaupt kopieren konnte … (Ausrede… denn:) die Kopie ist gerade an der fraglichen Stelle (oben rechts, letzter Takt der Zeile) im Bass nur zu gut lesbar:

Bach WTC Fis Faksimile Fis-dur-Praeludium Faksimile ab Takt 7

Aber doch vielleicht nicht lesbar genug… sieht man nicht um das Dis herum den Hauch eines Kreises, – eines Korrekturzeichens gar? Da kann nur Leipzig oder Berlin helfen. Oder soll ich es zuerst mit einer genauen musikalischen Analyse versuchen, gewissermaßen einer Abschätzung der Wahrscheinlichkeit. Und wie kam Kroll überhaupt dazu, die Stelle anders als andere zu lesen? Wer ist überhaupt dieser Kroll? Nur mein Riemann-Lexikon (10. Auflage Alfred Einstein Berlin 1922), ererbt von meinem Vater, gibt eine Auskunft („lobende Anerkennung“):

Kroll bei Riemann

Um es kurz zu machen: Ich habe nicht herausgefunden, wo Kroll den Ton gelesen hat, der mir jetzt so zu schaffen macht. In den alten Handschriften, die ich bisher in den wunderbaren Digitalisaten des Bach-Archivs durchgesehen habe, ist nicht eine einzige, die den von mir gewohnten und gewünschten Ton in Takt 10 rechtfertigen könnte; hier eine Auswahl:

Bach Quelle a ab Takt 7, 2.HälfteBach Quelle b ab Takt 7Bach Quelle c ab Takt 9Bach Quelle d ab Takt 8, 2.Hälfte

Jetzt habe ich nur noch den Wunsch zu klären, weshalb ich partout dem Ton Eis anstelle des Dis den Vorzug geben wollte und auf welchem Wege ich jetzt mit dem wahren Text Frieden schließen kann – außer durch blinde Unterwerfung.

*  *  *

Um ein wenig in die Praxis zu tauchen: die Pianisten, die ich gehört habe, – Gulda, Koroliov, Schiff -, spielen alle das „Handschrift“- Dis, während das „Kroll“-Eis bei renommierten Cembalisten wie Ton Koopman und Gustav Leonhardt zu finden ist. Ich befinde mich also nicht in schlechter Gesellschaft, staune aber, dass der inkriminierte Ton beim bloßen Hören weniger störend ins Ohr fällt als beim Selberspielen oder beim Durchhören der Einzelakkordfolgen. Auffällig dagegen, dass nach den verschiedenen Klavieren Ton Koopmans Cembalo „unsauber“ klingt. Wahrscheinlich aufgrund der originalen Temperierung. Fis-dur als Tonart ist gewollt heiklen Charakters, wobei allerdings zu bedenken ist, dass Bach hier vielleicht ein Ur-Praeludium in F-dur fortgeschrieben hat…

Was mich eigentlich stört an der Dis-Fassung? (Siehe nochmals das Notenbeispiel ganz oben, Takt 10.) Gewogen und zu leicht befunden! Das Dis, der 2. Ton im Bass, schlägt dem Dis, dem dritten Ton der Oberstimme, hinterher. Der 3. Ton im Bass, ein Cisis, schlägt dem zweimal gehörten Cisis der Oberstimme hinterher. Also: eine (kaum noch) latente Oktavparallele, jedenfalls ein Hauch von Schwäche. Während das Eis als 2. Ton im Bass das Dis der Oberstimme zur Dissonanz macht, die in das Cisis aufgelöst werden will; dieses bleibt dann in dem gebrochenen Akkord aufwärts gegenwärtig, zumal es im Basston Cisis und Fortgang  zum Ais (Gegenbewegung zur Oberstimme) bewahrt und gesteigert wird (als Basis eines Dominantseptimakkords). So dass die Entspannung in der Grundkadenz des Taktes 11 von perfekter Wirkung ist!

NB: Das Doppelkreuz (Cisis) gab es in der Bach-Zeit noch nicht: da das Vorzeichen für Cis ohnehin in die Gruppe der Vorzeichen am Anfang der Zeile eingeschlossen ist, wird es durch ein direkt vor die Note gesetztes Kreuz noch einmal erhöht, – so verstanden ist ein Zeichen für Doppelkreuz eben nicht unbedingt nötig.

Wegen der komplexen Bearbeitungsgeschichte des Stückes lasse ich hier eine Seite aus dem Buch von Alfred Dürr folgen, das ich ohnehin jedem Clavieristen wärmstens empfehlen kann. In diesem Fall gibt es auch Einblick in eine typische Urtext-Problematik und ist sprachlich nicht unbedingt leichte Kost:

Dürr Praeludium in Fis

Quelle Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach Das Wohltemperierte Klavier / Bärenreiter 1998 ISBN 3-7618-1229-9

Ich lasse es bei dieser imperfekten Auflösung. Das Leben geht weiter. Und ich gestehe: in Zukunft spiele ich den Takt 10 manchmal so, dass ich das tiefe Eis einem höheren Eis als Vorschlag vorangehen lasse und dann in Oktaven weiterspiele (Eis – Dis – Cisis – Ais), auch den ganzen Takt 11, und erst ab Takt 12 wieder original. Ich mache die Schwäche zur Stärke! Und wenn Sie dann aus symmetrischen Gründen auch den Bass der beiden Schlusstakte in Oktaven spielen wollen: ich weiß von nichts…

Mystisches Hören?

Nichts für Zweifler

HÖREN Farmer Zitat

Quelle Musikgeschichte in Bildern Band III: Musik des Mittelalters und der Renaissance / Lieferung 2 / Henry George Farmer: ISLAM VEB Deutscher Verlag für Musik Leipzig / ohne Jahr (JR Juni 1967 nach der Orient-Tournee + Wechsel der Studienrichtung). Zitat aus Einleitung Seite 8.

Ich habe in frühen WDR-Sendungen häufig daraus zitiert (z.B. ab „Wir Europäer“), um anzudeuten, dass orientalische Musik eines besonderen Hörens bedarf. Eine gute Ermahnung zweifellos, aber zugleich eine, die zu einer völlig falschen Hörerwartung führen kann (indem sie den Verstand auszuschalten sucht). Das wusste ich auch damals schon, aber ich dachte, es kann nicht schaden darauf hinzuweisen, dass man fremder Musik keinesfalls mit einem Spontan-Urteil begegnen sollte. Im Grunde habe ich vor allem an Geduld, Gewöhnung und Wiederholung (Übung) geglaubt. Mit anderen Worten: an kulturelle Prägung. Nicht mystische Einweihung oder Erleuchtung. Und erst recht keine Trunkenheit. Aber was nur soll denn das sein: Musik per se ???

Was fällt Ihnen zu dem Thema ein – innerhalb unserer Kultur? Vielleicht das berühmte Miserere von Gregorio Allegri.

Eine Zwischenfrage also: macht Sie das folgende Video (samt Audio-Anteil) frömmer … oder musikalischer? Oder beides? Oder beides nicht?

Stichworte:

Suggestion des Raumes und des Lichtes (Vorstoß in höchste Höhen, räumliche Entsprechungen, Koordinaten), mittleres Predigerparlando, Wiederholungen, Erfahrungen des Christentums, Hoch und Tief, Irdische und Himmlische Musik, Ek-stase, Bachs „Musik für die Himmelsburg“… Mozarts, Mendelssohns frühe Begegnung mit dem Miserere von Allegri, Entzauberung = Entschlüsselung der Harmoniefortschreitungen. Mysterium der Geheimhaltung.

Kürzlich erhielt ich eine Mail von Peter Pannke , in der sich der Indien- und Sufi-Kenner kritisch zu einem Blogartikel äußerte und zur Erläuterung ein Gespräch beifügte, das Hinweise zum Musikhören enthält. Zu meiner Überraschung begegnete ich hier auch dem Mystiker wieder, den ich aus  Henry George Farmer’s oben wiedergegebenem Islam-Text kannte: Al-Hujwiri.

ZITAT

Wie weit ist es den außerhalb der Sufi-Tradition Lebenden und mit ihren Inhalten nur wenig oder gar nicht Vertrauten überhaupt möglich, diese Musik und Gesänge „richtig“ hören?

PANNKE: Es geht immer um kulturelle Muster, Hörgewohnheiten und Hörerziehung. Je mehr man durch ständiges Hören mit einer Musik vertraut wird, desto mehr kann man entschlüsseln. Ich habe häufig indische oder pakistanische Musiker zu Gast und gehe mit denen auch in die Philharmonie oder zu Pop-Konzerten und bin jedesmal überrascht, was sie dabei wahrnehmen oder wie sie das entschlüsseln. Es gibt eine Ebene von Hören, die kulturell und lernbedingt ist. Aber gleichzeitig besteht noch eine andere Ebene. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass es innerhalb jeder Kultur Menschen gibt, die einen spontanen Zugang haben zu dieser Musik und sie entschlüsseln können, also die kalligrafische Bewegung der Töne in einem dreidimensionalen Raum wahrnehmen. Anderen gelingt das nicht. Sie hören nur eine Monotonie. Dieser Unterschied ist nicht kulturell bedingt, sondern hängt vom Einzelnen ab.

Als Europäer sollte man in Erwägung ziehen, dass es Formen der Vermittlung von Traditionen, von Wissen, von Erkenntnis gibt, die anders sind, als die ihm vertrauten und die eben durch das Hören funktionieren. Wenn mir in Europa jemand eine Geschichte erzählt, stelle ich dabei einen qualitativen Unterschied fest zu dem Empfinden, wenn mir in Pakistan ein Musiker eine Geschichte erzählt, die er wirklich glaubt und die er auch so erzählt, als ob er sie selbst erlebt hätte und in der er lebt und die deshalb eine andere Form von Energie vermittelt. Man spürt das existenzielle Interesse. Die Kommunikation ist in der pakistanischen Kultur, wo Literatur immer als etwas Klingendes betrachtet wird, viel mehr auditiv als in unserer. So ist es zum Beispiel bei uns kaum mehr üblich, Gedichte zu lernen und zu rezitieren. Aber indem wir diese Fähigkeit nicht mehr entwickeln, verlieren wir auch einen gewissen kulturellen Zugang. In Pakistan sind die Texte von Shah Latif ein lebendiges Gut, das die Menschen jederzeit abrufbar haben.

Würden Sie sagen, dass das Hören in der östlichen Kultur generell einen höheren Stellenwert besitzt als in der westlichen?

PANNKE: Es war für mich eine sehr interessante Erfahrung, mich mit dem Phänomen des Hörens und der Einsicht, wie man durch Hören zu Erkenntnis kommt, innerhalb der islamischen Kultur auseinanderzusetzen. Ich machte dabei eine ganz ungewöhnliche Entdeckung. Ali al-Hujwiri, der Stadtheilige von Lahore, dem ein gigantischer Schrein gewidmet ist, den jährlich Millionen Besucher aufsuchen, schrieb ein Buch mit dem Titel „Kashf-al-Mahjub“. Dieses Buch wird in der Literatur häufig zitiert, weil Hujwiri darin viele Details erläutert wie etwa die Bedeutung der Flicken auf dem Derwischgewand und Ähnliches. Unter anderem wird Hujwiri mit der Aussage zitiert, dass es keine Etymologie für das Wort Sufismus gibt. Schlägt man nämlich irgendein Buch über den Sufismus auf, kommt man bereits nach wenigen Seiten an eine Stelle, wo es heißt, Suf bedeute Wolle, das verweise auf das Gewand der Asketen und daher stamme der Begriff Sufismus. Diese Erklärung existierte bereits im 12. Jahrhundert und Hujwiri kritisiert diesen etymologischen Ansatz. Seiner Darstellung zufolge liegt der Ursprung des Begriffs vielmehr auf klanglichem Gebiet. Entscheidend ist also die Klangzusammenstellung des Wortes Suf und nicht seine Bedeutung.

Diese Aussage weckte mein Interesse und so ließ ich mir das Buch über Fernleihe kommen. Es gibt in Deutschland nur ein einziges Exemplar, eine Übersetzung von Nickelsen, die 1923 erschien. Als ich das Buch in Händen hatte, stellte ich fest, dass es vor mir noch niemand gelesen hatte. Die Seiten waren nicht einmal aufgeschnitten. Ich stellte aber auch fest, dass es eines der faszinierendsten Bücher ist, die ich je gelesen habe. Die ursprüngliche Fassung ist in Persisch geschrieben, in einer sehr verschlüsselten Sprache mit vielen Bedeutungsebenen. Offensichtlich geht es um die Vermittlung eines Codes innerhalb eines Ordens. Im Schlusskapitel setzt Hujwiri sich mit dem Erlebnis des Hörens auseinander. Er erörtert das gemeinsame Hören von Tönen als spirituelles Erlebnis der Sufi-Zusammenkunft. Aus dem Indischen kenne ich die ungeheuer komplexe Philosophie über die Entstehung von Gedanken und Sprache durch Hören. Aber ich wusste nicht, dass es eine Entsprechung im islamischen Bereich gibt. Genau wie die Inder klassifiziert Hujwiri das Hören als höchste Sinneserfahrung. Sein Buch ist für mich ein zentraler Text der Menschheitsgeschichte, der eigentlich in jedem philosophischen Seminar gelesen werden sollte. Aber leider kennt ihn niemand.

Quelle privat, ©Peter Pannke

*  * *

Als ich dieses Interview las, schien es mir zunächst wie eine Bestätigung meiner schlichten These von der kulturellen Prägung des Hörens. Um so mehr interessierte es mich, als es dann in eine andere, subjektiv orientierte Richtung weiterging:

 Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass es innerhalb jeder Kultur Menschen gibt, die einen spontanen Zugang haben zu dieser Musik und sie entschlüsseln können, also die kalligrafische Bewegung der Töne in einem dreidimensionalen Raum wahrnehmen. Anderen gelingt das nicht. Sie hören nur eine Monotonie. Dieser Unterschied ist nicht kulturell bedingt, sondern hängt vom Einzelnen ab.

Um welche Musik es sich handelt, wird nicht weiter spezifiziert. Die interkulturellen Begegnungen finden in der Philharmonie statt, oder (!) es sind Popkonzerte. Handelt es sich „in der Philharmonie“ um differenzierte Werke der klassischen westlichen Geschichte? Ein Sinfonie-Konzert zum Beispiel? Auf der einen Seite indische (oder pakistanische) Musiker, die keine Erfahrung mit dem Hören westlicher Klassik haben, auf der anderen Seite – ein typisches Werk dieser Tradition, nehme ich an – sagen wir: die vierte Sinfonie von Brahms, und schon möchte ich schwören: es gibt keinen spontanen Zugang, keine „Entschlüsselung“ durch den fremden Rezipienten. Unmöglich. Könnte es sich nicht um eine allzu euphemistisch projizierte Deutung von Seiten des „Versuchsleiters“ handeln? Zumal schon etwas wolkig von einer kalligrafische[n] Bewegung der Töne in einem dreidimensionalen Raum statt von einem komplexen Musikwerk die Rede ist. Man verzeihe mir, wenn ich gerade von einem erfahrenen Wanderer zwischen den Welten detailliertere Beschreibungen seiner Erfahrungen und Beobachtungen erhoffe.

Im Fall eines Popkonzertes könnte man die Äußerungen, sofern sie sprachlich eindeutig sind, wahrscheinlich positiver einordnen: da gibt es vom Gestischen über den Rhythmus bis zu formal auffälligen Momenten der Musik (Refrains) zahlreiche überkulturell identifizierbare und deutbare Eigenheiten. Zumal die harmonischen Eigenarten der Popmusik – verglichen mit Klassik – zumeist klischeehafter in Erscheinung treten und selten bedeutungstragend sind.

Über das Hören jedoch, das Hudjwiri in seinem Buch offenbar zum Thema macht, kann ich mir kein Urteil erlauben. Ich würde zumindest unterscheiden wollen, ob es sich um Einzeltöne als akustische Erscheinung (von außen) handelt oder ob man sie selbst hervorbringt, vielleicht sogar mit eigenen Körperbewegungen verbindet. Wiederum anders läge der Fall, wenn (s.o.) „das gemeinsame Hören von Tönen als spirituelles Erlebnis der Sufi-Zusammenkunft“ gemeint ist. Daran ist vermutlich fast alles in langen Jahren eingeübt und aufeinander abgestimmt!

Das Hören im westlichen Konzertsaal, in einer gleichgestimmten (?) Gemeinschaft, ist ja ebenfalls eine mit den gesellschaftlichen Konventionen eingeübte Erfahrung, aber wiederum eine andere als etwa das einsame (?) Musikhören mit Kopfhörern, zuhaus in einem stillen Zimmer, nicht unbedingt „völlig losgelöst“, aber vielleicht im verschärften Elitebewusstsein, – wie auch der Eremit. Und all dies ist vorgeprägt durch Erziehung, fremde Einwirkung, durch erworbene oder durch teilweise bzw. weitgehend selbstgesteuerte, ja: erarbeitete Rahmenbedingungen.

So auch die ebenfalls westliche Hörweise, die im nachfolgenden Zeitungsartikel (heute, 6. November) zum Ausdruck kommt. Sie hat mit einer restriktiven Popmusik-Sozialisierung zu tun – die klassischen Erfahrungen fehlen, trotz der studienbedingten Fähigkeit, sie zu etikettieren, – was ich schon aus Fairnessgründen unkommentiert lassen möchte. Hat also wiederum mit einem Gemeinschaftsgefühl zu tun, mit dem jugendlichen Bewusstsein, einer Neuen Welt anzugehören und die klassische Welt mit einem sterilen Akademismus gleichzusetzen, also: auszuschließen. Verständlich die nicht weiter reflektierte Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, „in der tobenden Menge eines Rockkonzerts“ abzugehen. Es geht überall ums Leben.

Rheinische Post Klassik bzw Gegw a

Mallarmé in Musik

Ein Gedicht lesen und hören

Dieser Artikel dient aktuell der Vorbereitung auf ein Konzert mit Christian Gerhaher am 15. November 2017 in der Tonhalle Düsseldorf.

Mallarmé Soupir

Quelle Stephane Mallarmé: Sämtliche Gedichte / Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1984 (Verlag Lambert Schneider Heidelberg) Übersetzung: Carl Fischer.

Das folgende Youtube-Beispiel beginnt mit „Soupir“! Falls extern gewünscht, s.u.!

Obiges Video im externen Fenster (zum Mitlesen der Musik unten): HIER

Debussy Soupir a

Soupir

Mon âme vers ton front où rêve, ô calme sœur,
Un automne jonché de taches de rousseur
Et vers le ciel errant de ton œil angélique
Monte, comme dans un jardin mélancolique,
Fidèle, un blanc jet d’eau soupire vers l’Azur!
– Vers l’Azur attendri d’Octobre pâle et pur
Qui mire aux grands bassins sa langueur infinie
Et laisse, sur l’eau morte où la fauve agonie
Des feuilles erre au vent et creuse un froid sillon,
10 Se traîner le soleil jaune d’un long rayon.

Debussy Soupir b   Debussy Soupir c

Dasselbe Gedicht in der Vertonung durch Maurice Ravel (1913):

Seufzer

Mon âme vers ton front où rêve, ô calme sœur,
Un automne jonché de taches de rousseur
Et vers le ciel errant de ton œil angélique
Monte, comme dans un jardin mélancolique,
Fidèle, un blanc jet d’eau soupire vers l’Azur!
– Vers l’Azur attendri d’Octobre pâle et pur
Qui mire aux grands bassins sa langueur infinie
Et laisse, sur l’eau morte où la fauve agonie
Des feuilles erre au vent et creuse un froid sillon,
Se traîner le soleil jaune d’un long rayon

Zu Deiner Stirn, o stille Schwester, wo verträumt
ein Herbst bestreut mit roten Sommerflecken säumt,
und hin zum Himmel Deiner Engelsaugen hebt
sich schweifend meine Seele, wie ein Strahl aufschwebt
weiß im schwermütigen Park zum Blau, Seufzer der Treue!
– zur zartern, des Oktobers blasser reiner Bläue,
die endlos Schmachten aus dem großen Becken scheint
und auf dem stehnden Wasser, wo vom Wind vereint
todfalbe Blätter eine kalte Furche schneiden,
der gelben Sonne Strahl lang schleppen läßt im Scheiden.

Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-8032/7 (hier) Übersetzung: Richard von Schaukal / Verlag Karl Alber Freiburg im Breisgau

*  *  *

Die youtube-Aufnahme mit Sandrine Piau (s.o.) weiterlaufen lassen, ab 2:55 folgt:

Placet futile

Placet futile

Belanglose Bittschrift

Princesse! à jalouser le destin d’une Hébé
Qui poind sur cette tasse au baiser de vos lèvres,
J’use mes feux mais n’ai rang discret que d’abbé
Et ne figurerai même nu sur le Sèvres.

Fürstin! Das Schicksal einer Hebe zu beneiden,
die zu der Lippen Kuß auf dieser Tasse steigt,
verbrauch ich meine Glut, doch ist mein Rang bescheiden,
nackt selbst wird ein Abbé auf Sèvres nicht gezeigt.

Comme je ne suis pas ton bichon embarbé,
Ni la pastille ni du rouge, ni jeux mièvres
Et que sur moi je sais ton regard clos tombé,
Blonde dont les coiffeurs divins sont des orfèvres!

Ich kann mich nicht in deinen bärtigen Schoßhund kleiden,
und weil auch Naschwerk, Schminke, Spieltand von mir schweigt,
doch deine Blicke mich geschloßnen Lids nicht meiden,
Du Blonde, der ein Gott als Goldhaarschmied sich neigt:

Nommez nous… toi de qui tant de ris framboisés
Se joignent en troupeau d’agneaux apprivoisés
Chez tous broutant les vœux et bêlant aux délires,

Laß mich… von der so zahlreich himbeerfarbnes Lachen,
zu zahmer Lämmer Trupp vereint, bei allen grast,
in Wünschen weidend, blökend, wann Begierde rast,

Nommez nous… pour qu’Amour ailé d’un éventail
M’y peigne flûte aux doigts endormant ce bercail,
Princesse, nommez nous berger de vos sourires.

laß mich… daß Amor ihn auf seine Fächerschwinge
mal‘, wie er Flöte fingernd es zum Schlafen bringe,
Fürstin, laß mich dein Lächeln als sein Hirt bewachen!

Quelle wie oben / oder hier Übersetzung: Richard von Schaukal / Verlag Karl Alber Freiburg im Breisgau

*  *  *

Französische Perspektive

Ein Blick auf das Sprachvermögen

Ich stelle mir vor, ich hätte kürzlich an einen Freund geschrieben, z.B. an den, der damals mein Interesse an der französischen Sprache beflügelt hat, nachdem er in Freiburg bei Hugo Friedrich zu studieren begonnen hatte, ich (zwei Jahre jünger und noch vor dem Abitur) ihn besuchen und zu einer der Vorlesungen begleiten durfte. Sagen wir so:

Seit 14 Tagen bin ich nun hier [sagen wir: in Concarneau oder – auf Texel], und wenn auch nicht von ausgelassener Fröhlichkeit, so komme ich doch ein wenig zur Ruhe. […] Ich bin weder Christ noch Stoiker. Bald werde ich XX. In diesem Alter fängt man sein Leben nicht neu an, ändert man seine Gewohnheiten nicht. Die Zukunft hat mir nichts Gutes zu bieten, und die Vergangenheit frisst mich auf, und ich denke an die verflossenen Tage und an die Menschen, die nicht wiederkommen. Ein Zeichen von Alter und Verfall.

Liebe Leserin, lieber Leser: setzen Sie doch in diesen Brief bei XX Ihr eigenes Alter ein. Könnten Sie ihn geschrieben haben? Und stellen Sie sich vor, dass Sie an einem bedeutenden Kunstwerk arbeiten, von dessen Endzustand Sie jedoch noch wenig wissen. Wie fühlen Sie sich?

Ich bin leider noch nicht alt genug, also außerstande, mir das vorzustellen. Andererseits kann ich nicht beschwören, dass ich jetzt ganz ehrlich bin. (Sie sollen nachdenken, nicht ich!) Ich habe – trotz bester Vorsätze und Anregungen – nicht einmal ordentlich Französisch gelernt. Ich kann es einigermaßen lesen („La musique arabe“), auch praktisch fehlerfrei vor-lesen (Vortrag im Goethe-Institut Algier 19xx), – aber nicht frei sprechen. Gern füge ich hinzu: auch Latein und Griechisch kann ich nicht mehr gut,  und auch früher nicht besonders, würde aber den Namen Menander ähnlich vertraut finden wie den des Mannes, der den obigen Brieftext geschrieben hat.

Und wer war es?

Abu Simbel

Abu Simbel in Ober-Ägypten. Mein Freund, von dem zu Anfang die Rede war, lebt dort, wenn nicht gerade in der Schweiz oder in der Toskana, was keineswegs bedeutet: auf großem Fuße. (Sie müssen nur seinen Namen in das Suchfenster oben rechts eingeben: z.B. „Scheich Hans“.) Auf großem Fuß so wenig wie dieser Mann, der immerhin auf dem Haupt des Ramses steht oder sitzt (falls Sie ihn erkennen):

Gustav Flaubert. In dem oben zitierten Brief, der vom 3. Oktober 1875 stammt, hieß es tatsächlich: „Bald werde ich 54“, – und wenn es uns heute unfassbar scheint, dass man in diesem Alter nichts mehr von der Zukunft erwartet, so muss man doch zur Kenntnis nehmen, dass er recht hatte: er hatte keine 5 Jahre mehr vor sich. Und war im Begriff, sein kleinstes und vielleicht bedeutendstes Werk in Angriff zu nehmen.

Ich rekapituliere gerade dieses Werk, an dem ich in jungen Jahren gestrandet bin. Nicht aus Nostalgie, denn romantisch war es nicht, das eigene Ungenügen zu fühlen und nicht begründen zu können. Ich wollte Zugang zu einer fabelhaften Sprachform finden und ärgerte mich zunehmend am Inhalt, durchaus wahrnehmend, dass gerade diese Texte sich nicht im Ablauf der Geschichten erschöpfen. Besonders unausstehlich die Sage von Sankt Julianus dem Gastfreien, nichts als eine besonders detaillierte christliche Heiligenlegende.

Flaubert 1962 Die Suggestion der Übersichtlichkeit 1962

Flaubert Notiz Die Liste und die Essenz

Ich weiß nicht mehr, welche Bedeutung ich meiner eigenen Notiz auf dem hinteren Deckblatt beimaß, ob es sich vielleicht um eine abschließende Distanzierung handelte: „Flaubert hat allen Dingen gegenüber die gleiche wissenschaftliche Haltung. Dramatische Wendungen (Ereignisse) habe keine suggestiven Entsprechungen im Stil. Sie werden eher abgekühlt, auf Einheitstemperatur gebracht.“ Dann der Hinweis auf den Maler Leibl. Mein Hauptmanko war damals, – in einer Zeit, als es noch kein Internet gab -, dass ich nicht genug über Flaubert wusste, mich sowieso in erster Linie für Proust interessierte, und das Einfachste und Wichtigste unterließ, nämlich das Nachwort zu lesen. Ich wollte an das Original heran, an die Sprache. Und so wurde alles zu schwer, ohne dass ich recht wusste warum. (Und vor allem: ich hatte nicht die Zeit, mir Zeit zu lassen. Im Vordergrund ging es nur um Musik und die ganz normale emotionale Unordnung.) Das Nachwort, das ich heute so schätze – weil eine Rezension der neuen Übersetzung der „Trois Contes“ deren Nachwort und die Hinzufügung des ausgewählten Briefwechsels rühmt – stammte von Walter Boehlich, der – was ich nicht wusste – bei Ernst Robert Curtius studiert hat, von dem ich immerhin schon grundlegende Bücher besaß, z.B. „Französischer Geist im Zwanzigsten Jahrhundert“. Kurz und gut: dies Nachwort mache ich mir heute erst zueigen – 55 Jahre später -, während ich gleichzeitig den neuen Band studiere, die Übersetzung von Elisabeth Edl (ohne den französischen Originaltext, – den ich aber gleichzeitig auf dem Bildschirm vor mir habe).

Flaubert neu Edl-Übersetzung Hanser 2017

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Aus dem Nachwort von Boehlich, das ich damals offenbar gar nicht gelesen habe, – meine jugendliche Beschränktheit! – zitiere ich jetzt, was ich bei verspätetem Nachsitzen unterstrichen habe:

(…) Man weiß, unter welchen Mühen er arbeitet, mit welcher Sorgfalt er sein Material sammelt, wie oft er streicht, aufgibt, verändert. (…)

„Bis dahin werde ich mich daran begeben, die Legende des Heiligen Julian zu schreiben, nur um mich etwas zu beschäftigen, um zu sehen, ob ich noch einen Satz machen kann, woran ich zweifle…“ [Oktober 1875]

Unleugbar hat die religiöse Thematik eine Rolle dabei gespielt. Nie sonst hat sich Flaubert Fragen des Glaubens so unkritisch genähert; und doch war er nicht gläubig. Aber er war fähig, den Glauben zu schildern, fähig, an der Beruhigung teilzuhaben, der [sic!] von ihm ausgehen kann. (…)

Aber es geht ihm diesmal keineswegs um Religion, schon gar nicht um Erbauung, sondern um Geschichte, um den Punkt, an dem Rom, das Judentum und das Christentum zusammenstoßen, auf der Burg des Herodes Antipas, während eines einzigen Tages. (…) Die Beruhigung schwindet, die Angst, in die Salammbô-Manier zu verfallen, erwacht, die Technik des Stils droht, über das Mitzuteilende zu siegen. (…)

Man hat beobachtet, daß die kleinsten Einheiten bei Flaubert die vollkommensten sind, daß die Komposition des Untergeordneten der Komposition des Übergeordneten regelmäßig überlegen ist. Der Satz ist ehern, der Abschnitt unauflöslich, das Kapitel kunstvoll zusammengeschlossen – das Ganze aber zerfließt leicht. Dieser Gefahr ist Flaubert bei den kurzen, überschaubaren Erzählungen entgangen. jede für sich ist eine Einheit, wie sie gemeinsam wieder eine Einheit bilden, jede für sich ist dreigeteilt, wie sie gemeinsam eine Dreieinigkeit bilden. Das Grundelement des Flaubertschen Stils ist die Triade; wir wissen das seit 40 Jahren. [Durch wen?] Die Gesetze dieses Kunstmittels sind genau erforscht und analysiert worden, und es hat sich gezeigt, daß Flauberts Triade weit eher eine Triade der Variation als eine solche der Analogie ist. Ihre Glieder sind unterschieden durch Länge, durch Tempus, durch Syntax oder auch nur durch Rhythmisierung. In der einfachsten Form sieht das etwa so aus: „Sie trafen sich im Dunkel der Höfe, hinter einer Mauer, unter einem einsamen Baum.“ Oder in dreifacher Variation: „Er ging voran in der Glut der Sonne, unter dem Regen, durch den Sturm, trank das Wasser der Quellen aus seiner Hand, aß im Laufen wilde Äpfel, ruhte sich, wenn er müde war, unter einer Eiche aus; und kehrte mitten in der Nacht zurück, bedeckt von Blut und Schmutz, mit Dornen in den Haaren und den Geruch wilder Tiere verströmend.“ (…)

Immer wieder begegnet man dieser triadischen Gliederung. Dreiteilig ist die Geschichte von Herodias, dreiteilig auch die Legende von Julian, und die fünf Teile von Felicité können nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich bei dem ersten und letzten, die sich schon durch ihren Umfang von den anderen unterscheiden, nur um Einleitung und Abschluß handelt, die die generelle Dreiteiligkeit nicht zerstören.

Flaubert hat dieses Stilprinzip, dem wir im Kleinen in jedem seiner Werke, im Großen vor allem in der ‚Madame Bovary‘ begegnen, nicht erfunden, aber vor ihm hat es die französische Literatur in dieser Vollkommenheit nicht gekannt. Nach ihm ist es in die Weltliteratur eingegangen und hat dreißig Jahre später eine direkte und große Folge gehabt, die am Beginn unserer Moderne steh und diese recht eigentlich eingeleitet hat: die ‚Three Lives‘ der Gertrude Stein.

Quelle Nachwort (Walter Boehlich) zu: Flaubert Trois Contes Drei Erzählungen Fischer Bücherei EC 44 Dezember 1961 (Flaubert-Übersetzung: Ernst Hardt 1904 bzw. 1912, 1913).

Soweit die Rekapitulation der eigenen Versäumnisse, – hatte ich gedacht und finde weitere in dem Buch von Hugo Friedrich, das ich mir bald darauf (11. Nov. 1963) zulegte: Drei Klassiker des französischen Romans / Stendhal – Balzac – Flaubert. Und gerade im Flaubert-Teil fehlt jegliche Lesespur, stattdessen jede Menge roter Unterstreichungen im Balzac, von dem ich nie Buch gelesen habe.

Es hat tiefere Gründe, wenn Flaubert vom modernen zum orientalisch-historischen Thema wechselt. Der Anstoß zu dieser Wahl geht gewiß von seiner Faszinierung durch Exotisches aus, – dafür gibt es hinreichend Belege in der Korrespondenz. Aber erlaubt hat er sich die Verwertung des exotischen Bildes darum, weil in diesem alle Gegenwartssensation ausgetilgt ist, und weil hier der Haß auf die aktuelle Welt schweigt, der den in dieser disziplinierten Kunst gesuchten Akt der Entselbstung und Reinigung erschwert. Das erstrebte Erlöschen des Autors vor dem Gegenstand, das Heraustreten des reinen Seins ist hier in der Tat vollkommener, feierlicher und unheimlicher verwirklicht als in den anderen Romanen. (S.127)

Die in der Sehweise des Fatalismus begründete Technik der unkausalen Situationsabfolge erfordert eine besondere Füllung der Romane mit Tatsachen und Ereignissen, mittels derer der Ablauf vergegenwärtigt wird. Daher die außerordentliche Arbeit Flauberts an der Stoffbeschaffung, die Besessenheit, im „exakten“ Material die Massen zu gewinnen, die das pausenlose , immer neue, vorübertragende Dahinströmen darstellen. (…) Die Stoff-, Szenen- und Situationsanhäufung hat etwas Betäubendes; es gehört zu den bezeichnendsten Wirkungen der Flaubertschen Romane, daß man von ihnen benommen wird wie von einem Narkotikum, – eine Wirkung, die durchaus zur Wirkung des Schicksalsablaufs auf die Gestalten der Romane stimmt. Denn diese Vielzahl ist keine freundige Fülle wie bei Balzac, sondern sie ist die Variation des bloß Erscheinenden, hinter dem die Leere und Geschehnislosigkeit gähnt, die Wiederholung der ewig gleichen Unfruchtbarkeit alles Menschlichen. (S.146 f)

Quelle Hugo Friedrich: Drei Klassiker des französischen Romans / Stendhal – Balzac – Flaubert / Vittorio Klostermann Frankfurt a.M. 1961

(Fortsetzung folgt)

Loop Aspekte

Ad infinitum bis genau 26. Oktober 2018 23:59 Uhr

Eine Fernsehsendung, in die ich dank der HEUTE-Show geriet und die ich sonst nur sporadisch sehe, hat mich heute vom ersten bis zum letzten Beitrag fasziniert. Und mehr noch: es war, als ob sie mich gemeint hat. Das geht einem aber oft so, wenn man bemerkt, dass man all dies möglichst bald wiederholen will, und zwar nicht nur einmal. Hoffentlich ist das weiter abrufbar, sagt man dann. Das ist wie bei einem Kind, dem man eine Geschichte erzählt: es schaut mit großen Augen, schaut und schaut, und am Ende sagt es: Nochmal erzählen! Und dann muss alles noch einmal kommen, möglichst mit genau denselben Worten!

Manches kannte ich: z.B. Jan Wagner, Dorothee Oberlinger, manches müsste ich schon viel länger gekannt haben, z.B. Mia Couto aus Mozambique, anderes wird mich noch länger beschäftigen, z.B. die Loop-Ausstellung in Wolfsburg. Es soll sich mit meinem alten Thema der Wiederholung verbinden und vor allem in genau dieser Zusammenstellung noch oft wiederholen: diese Sendung.

Aspekte Screenshot 2017-10-28 Hier im externen Fenster öffnen!

Oder zunächst nur etwas lesen?

Was bedeutet Loop? Siehe Wikipedia hier.

Und Loop in Wolfsburg (château de loup)? HIER.

Die neue CD, noch ungeöffnet, der Plan: sie oft zu hören. Wie auch die Pariser Quartette mit „The Age of Passion“ (Karl Kaiser)

Oberlinger Telemann ***Oberlinger Cover Inhalt ***

Dorothee Oberlinger in der Aspekte-Sendung ab 35:43

Wagner, Jan Cover Wagner, Jan rück 2014

Jan Wagner in der Aspekte-Sendung ab 18:43

Die nun folgende Mail, mit der es vor zwei Jahren begann, ist nicht an ihn, sondern an mich gerichtet:

Am 16.11.2015 um 12:11 schrieb Klaus G.:  Lieber Jan, meinem verbliebenen religiösen Bruder hatte ich zu seinem (und meinem) Geburtstag den Gedichtband „Regentonnenvariationen“ zukommen lassen, worüber er sich sehr angetan geäußert hat und mir, der ich den Band gar nicht selbst besitze, daraus das Gedicht „die Etüden“ in Kopie zugesandt. Nun weiß ich nicht, ob du das kennst, egal: ich schicke diese Kopie, denn das Werk ist zu schön, als dass man es nicht kennen sollte.
Ich hoffe es geht dir gut, ich kann über mich zumindest nicht wirklich klagen. Ich habe kürzlich meinen auch ziemlich alt gewordenen Geigenbauer aufgesucht, um die (neue) Geige etwas richten zu lassen, klingt jetzt schön, aber das Unwägbare alter Instrumente fehlt. Vielleicht kauft er mir einen Bogen ab, ich habe zu viele.
Sei freundlich gegrüßt von
Klaus

Wagner Jan Etüden

Immer wieder merkwürdig: der Klavierunterricht als Kindheits(alp)trauma, zumal es doch bei diesen Etüden offenbar um boogie-woogie-Figuren ging. Kinder lieben Loops, Reime, Verse, Formeln, warum nicht am Klavier? „all die zweiviertel- und dreisechstel etüden“ – kaum vorstellbar – aber vielleicht entsteht gerade aus diesem Gebräu ein Gedicht wie dieses, „jene schimmernde lampe tee auf dem tisch“. Versinkt „das schwarzlackierte ungetüm“ – der Flügel – in dem sie (die Klavierlehrerin ist angeredet) etwas hören konnte, was ich nicht verstand. Und wird hier hörbar.

Im Aspekte-Beitrag spricht Jan Wagner abschließend (ab 24:05 bis 24:40) das Gedicht „selbstporträt mit bienenschwarm“ aus dem neuen Band, der auch diesen Titel trägt:

Aspekte Beitrag Jan Wagner Screenshot 2017-10-28

In seiner Arbeit geht es um größtmögliche Freiheit auf dem engsten Raum! (Felicitas Hoppe über Jan Wagner)

Zitat (J.W.): Lyrik war immer schon eine Sache, die sozusagen eher im Halbdunkel stattfand. Oder in einer Nische existierte. Die gute Nachricht ist: sie existiert seit Jahrtausenden, und sie ist immer noch da! Das Wahrnehmen von Welt durch Sprache. Und das … probieren zu verstehen, was uns umgibt, indem man Vergleiche benutzt. Etwas ist wie etwas anderes. Das macht ja jedes Kind. Oder der ganz natürliche Zugang zu Metaphern. Der Donner hat große Füße. Das sagen Kinder. – Bei mir war das mit 15,16, wo ich Georg Heym und Georg Trakl zum Beispiel las, auch noch andere Dichter, und dachte: das ist unendlich faszinierend. Aber .. nein, man fällt nicht vom Himmel, und.. und .. man arbeitet sich lange ab an solchen Vorbildern,  probiert sehr lange…  herauszufinden, wie das überhaupt geht. Und man muss auch lange lesen, um auch Klischees zu vermeiden. Es wimmelt da von Fallen, und ein Gedicht ist so kurz, und manchmal nur 10 oder 6 Zeilen lang, es reicht ein winziger Fehler, und alles ist kaputt. (23:27)

Beitrag über (mit) Jan Wagner endet bei 24:40

***

Zu klären wäre, was Dorothee Oberlinger beiläufig erwähnte, dass die Melodie, die sie spielen werde, – der Mittelsatz eines Bach-Cembalo-Konzertes, ich hätte jederzeit behauptet: „eine der schönsten Melodien von Bach“ – auf Telemann zurückgeht! Ich schaue nach im BWV-Schmieder (sicher veraltet), also BWV 1056, da steht: Den 2. Satz der Nr. 1056 (5. Konzert) übernahm Bach in die KK „Ich steh‘ mit einem Fuß im Grabe“ (vgl. Nr. 156) . Und dort steht: Der Instrumentaleinleitung liegt der 2. Satz des f-moll-Violinkonzertes, das nur in einer Klavierbearbeitung überliefert ist und dessen ursprüngliche Tonart wohl g-moll gewesen ist, zugrunde.

Bach - Telemann

Also: was ist genau mit Telemann? Erster Hinweis auf Ulrich Siegele hier. Oder lieber Steven Zohn hier.

This middle movement closely resembles the opening Andante of a Flute Concerto in G major (TWV 51:G2) by Georg Philipp Telemann; the soloists play essentially identical notes for the first two-and-a-half measures. Although the chronology cannot be known for certain, Steven Zohn has presented evidence that the Telemann concerto came first, and that Bach intended his movement as an elaboration of his friend Telemann’s original.

Und nun – hören Sie: HIER.

Soviel Zeit musste sein (eine sehr beliebte Redewendung, wenn man sich thematisch verzettelt). Aber für Bach ist keine Stunde zuviel! Übrigens habe ich die obige CD vor allem bestellt, weil mich die Telemann-Interpretation im Blick auf Bachs Solissimo-Werke für Geige interessiert.

LOOP Über die Endlosschleife in der Aspekte-Sendung ab 24:45

Zur Shibuya-Kreuzung in Tokyo 29.10.2017 kurz vor 12 Uhr (s.u.) und: LIVE 

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ZITAT Aspekte-Text:

Dazu hören Sie eins der bekanntesten Popmusikstücke, das gänzlich aus Loops besteht: „I feel love“, gesungen von Donna Summer.

Zitat Aspekte-Text:

Zusammen ergeben Bild und Ton die Quintessenz des Loops. Der Loop, die Endlosschleife, entsteht nicht durch die Menschen oder die Autos, denn es sind ja immer neue Menschen und Autos, die die Kreuzung passieren, sondern durch die sich pausenlos wiederholende und scheinbar nicht zu unterbrechende Ampelschaltung. Sie gibt den Rhythmus vor, nach dem Menschen und Autos sich richten. Für den Wechsel der Ampelsignale gibt es viele Entsprechungen: Ein- und Ausatmen, Tag und Nacht, die Jahreszeiten, Werden und Vergehen, also all das, was man den Rhythmus des Lebens nennt; etwas, das beruhigend und beunruhigend zugleich ist, wie Donna Summer’s Gesang zugleich tröstlich und nervtötend sein kann. Chaplins Film zeigt wie kein zweiter Film, worum es geht. Die endlose Schleife der Fabrikarbeit mit ihren sich wiederholenden Vorgängen, und das Individuum, das versucht dennoch seine Pirouetten zu drehen. Eine Ausstellung in Wolfsburg erkundet jetzt alle Erscheinungsformen der nicht endenden Wiederholung. Und zwar in einem ziemlich großen Bogen, der vom tibetischen Rad des Werdens mit seinem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburt bis zu Stanley Kubricks „2001“ und zu apples neuem Hauptquartier reicht: überall sich drehende Räder, Kreise, Schleifen.   Es ist als wären das harmonisch Runde und die grenzenlosen Räume Merkmale eines Jahrtausende alten Exorzismus, eine Methode, sich irgendwie gegen die Zeit zu behaupten. (Gregor Schneider, Künstler:) „Mit diesem Begriff Unendlichkeit kann ich eigentlich gar nichts anfangen. Aber woher kommt die Faszination von Unendlichkeit? Vielleicht weil wir sterben, vielleicht weil wir wissen, dass wir e-n-d-l-i-c-h sind?“ Eine Fraktion der Künstler, die in Wolfsburg zu sehen sind, geht das Problem von der anderen Seite an. Etwa ??? Norman. Sie hängen kleine und kleinste Teile aneinander, statt Harmonie: Irritation. Und vielleicht ist die zunächst simpel erscheinende Wiederholung manchmal sogar das raffiniertere Mittel, nämlich eins, das die Sinne schärft. – Im Zentrum der Ausstellung: Gregor Schneiders Installation BAD. Eine begehbare Serie, ein Parcours von 21 Badezimmern-Nachbauten, durch die man sich nahezu unbegrenzt lange bewegen könnte. Jedes Badezimmer im 70-ger, 80-er Jahre Styling, also aus der Zeit, in der Gregor Schneider Kind war, gleicht dem nächsten, sogar bis zum Schmutz in der Steckdose. (Gregor Schneider:) „Das ist meine Erfahrung, dass ich nur bestimmten Dingen Aufmerksamkeit schenke – und dass durch eine Wiederholung, also durch eine Quantität auch eine Qualität entstehen kann. In der Art und Weise, wie ich Dingen Aufmerksamkeit schenke, und für mich, der auch die Welt verrückt oder verrutscht, wahrnimmt, – es ist ein Versuch, sich diese Welt begreifbar zu machen.“ – Einer der ersten verbürgten Film-Loops aus dem Jahr 1896 von Thomas Edison. Nur aus praktischen Gründen wurde der Kürzestfilm im Kino im Dauer-Loop gezeigt. Das Publikum reagierte bei jeder Wiederholung anders. Zuerst gespannt, dann immer lauter johlend, was zeigt, dass jemand, der sich wiederholende Dinge ansieht, nicht immer denselben Gedanken denkt. (Ralf Beil, Museumsdirektor Kunstmuseum Wolfsburg:) „Es geht eigentlich um das Gegeneinander von Linearität, linearem Zeitbegriff und dann wirklich zyklischem Zeitbegriff. Das was ich mir eigentlich wünsche, dass Besucher/innen, die in die Ausstellung kommen, dass die mal nachdenken über diese Zyklen, die sie nicht ändern können, in die sie einfach eingespannt sind, und dann natürlich in die vermeidbaren negativen Loops, die sie in ihrer privaten Beziehung, die sie im Alltag erleben, und dass da etwas passieren kann.“ War der Loop, trotz seiner Allgegenwart, bisher ein unterschätztes Phänomen, dann ändert sich das vielleicht mit der Ausstellung in Wolfsburg. (Ende 28:48) (Autorin des Aspekte-Beitrags: Miriam Böttger).

Wolfsburg Never Ending Stories Screenshot

(Fortsetzung folgt)

Von der Kette der Anregungen

Betrifft: Schubert-Lieder

Jeder, der mich kennt, (Entschuldigung, so spricht die wichtigtuerische Viertel-Prominenz, besser:) manch eine/r weiß wohl, wie sehr mich interessiert, was einen Sänger / eine Sängerin beim Singen bewegt, aber auch, was ein Gedicht eigentlich ausmacht, wenn es nicht  gesungen wird. Wie es gesprochen werden sollte oder gar: wie es stumm gelesen und verstanden wird. Was eine verbale Analyse ausmacht. Ich kenne Leute (Studienräte z.B.), die es strikt ablehnen, eine Gedicht-Interpretation zu lesen, die aber doch antworten, wenn man sie fragt: was will uns der Dichter denn an dieser Stelle sagen? Was versteht er unter „Zwielicht“? Was unter „Freund“? Natürlich muss der Skeptiker selbst solche Zeilen interpretieren:

Hast du einen Freund hienieden / trau ihm nicht zu dieser Stunde,

freundlich wohl mit Aug und Munde, / sinnt er Krieg im tückschen Frieden.

Trau ich einem Freund, der singt? Trifft er den zwielichtigen Ton, wenn es sein muss? Wie kritisiert man ihn, wenn es einem unbehaglich wird? Oder: was tun,  wenn der andere peinlich berührt schweigt, während man ihm tiefbewegt eine bestimmte Aufnahme nahebringen möchte, fast unter Tränen, und er lächelt nachsichtig, sogar ein bisschen ironisch…

Es bleibt nur eins: darüber reden. Auch wenn es „Gefühlssachen“ sind.

Ausgangspunkt war z.B. das Schubert-Lied „Herbst“. Der Sänger Christian Gerhaher. Die Überraschung, wenn jemand vorsichtig wird (als müsse man mich schonen). Er singe sehr distanziert, auf Kunst bedacht, ja: geradezu museal. Und ein Gegenkandidat wird genannt: Werner Güra. Da sei mehr Menschlichkeit zu spüren, Innigkeit. Ich kenne ihn, werde aber auf eine neue Spur gebracht, es gebe „ein schönes, egoloses Interview“. Zur „Winterreise“. In der Tat, das ist lesenswert:

ChB Man hat immer Wehmut und Schmerz im Kopf. Aber wenn man die Gedichte liest und etwas über Wilhelm Müller – da ist ganz viel Rebellion drinnen. Bis zum Schluss. Ein Sichauflehnen gegen das Schicksal. Nicht einfach nur Versinken in Melancholie. WG Die größte Inspiration war die Platte mit – wie heißt er? ChB Westphal. WG Genau, Westphal. Weil wir zum ersten Mal gespürt haben, dass es keinen weinerlichen Hauptklang braucht. Da wird das Ding so was von aggressiv, so hart, so… ChB Schonungslos. WG Ja, schonungslos. Das fanden wir richtig beeindruckend. Er spricht oft über Sätze drüber und schafft eine ganz gruselige Stimmung. ChB Hat sehr geholfen, diese automatischen Verbindungen zu beseitigen. SMG Wie ist das, wenn ihr miteinander arbeitet? WG Na, traditionell schaut man sich einmal den Text an, am Anfang war das Wort 🙂 ChB Der Pianist sollte auch über den Text Bescheid wissen, und dass der nicht nur störend ist 🙂

Die Kürzel bedeuten: WG = Werner Güra, CHB = Christoph Berner, SMG = Sabine M. Gruber. Sie ist die Interviewerin und Editorin des Gesprächs, das auf einer insgesamt sehr bemerkenswerten Web-Seite zu finden ist: HIER.

Ich bin elektrisiert durch die Vorstellung einer von Gert Westphal gesprochenen „Winterreise“ und erst recht durch die Entdeckung, dass diese CD zu einem Buch über den Textdichter Wilhelm Müller gehört. Wie konnte mir das genau 10 Jahre lang entgehen? Wozu existiert – streng genommen – das Internet?  Um solche Versäumnisse zu korrigieren. Der Hinweis auf das „egolose“ Interview kam am 17. Oktober per Mail. Heute liegt das Buch mit den zwei CDs in meinen Händen. Erika von Borries: WILHELM MÜLLER Der Dichter der Winterreise Eine Biographie / C.H.BECK München 2007 / ISBN 978 3 406 56212 9 /

Wilhelm Müller Cover a Wilhelm Müller Cover b

In der Tat: „Sie löst seine Texte aus dem Bann der Musik und gibt ihnen ihre literarische Bedeutung zurück.“ So gewagt es klingt, so sehr kommt es doch auch Schubert zugute. Man weiß endlich: es ist ERNST, und nicht nur eine Folge romantisch-dunkler Stimmungen.

Wilhelm Müller CD Westphal

Schubert wahrt natürlich auch im Lieder-Zyklus die Einheit des Liedes, der Strophe, der Zeile. Gert Westphal macht es anders: er lässt die Gedichte unmittelbar aufeinanderfolgen (auch ohne Überschriften) und spricht mit unberechenbarem Temperament, was den Vortrag spektakulär und spannend macht. Etwa so, wie Will Quadflieg den Faust-Monolog gesprochen hat, eben wie im Drama. Darf man so mit einem Gedichtzyklus verfahren? Ja natürlich, würde ich neudeutsch sagen: wenn’s funktioniert!

Gefährlich ist es, wenn man den musikalischen Gegenpol in einer Schubert-Interpretation repräsentiert findet, die nicht auf ihre Weise ins Extrem geht. Es mag sein, dass der Sänger vor allem auf der Bühne zuhaus ist, weniger im scheinbar genügsameren Lied. Er findet keine glaubwürdige Rolle, keine Linie, verweilt zu absehbar auf nett vibrierten Einzeltönen. Und es gab schon in der Vergangenheit so gewaltige Aufnahmen der Schubertschen Winterreise, – während die Rezitation Gert Westphals wohl ohne Vergleich bleibt.

ZITAT

Wilhelm Müller ist nicht mit dem lyrischen Ich der ‚Winterreise‘ gleichzusetzen. Wieder ist der Wanderer auch eine Rollenfigur – oder, wie es in der Charakterisierung Byrons hieß: ein Medium, durch das der Dichter sich ausspricht. Seine Opposition gegen die Metternichsche Restauration und gegen eine Gesellschaft, die dies gleichgültig geschehen läßt, findet in dem Zyklus Ausdruck, ebenso wie seine traumatisch erfahrene Brüsseler Liebe, die indes so verhüllt ist, so wenig konkrete Einzelheiten enthält, daß sie bis heute und für jedermann Identifikation erlaubt; und, obwohl es ‚Zeitlieder‘ gibt, hat Müller es verstanden, in den Liedern ‚ ein von jeglicher Illusion befreites Moderne-Bewußtsein‘ zu artikulieren, das noch heute den Nerv der Zeit trifft.

***

Während Müllers eigene Person in der ‚Winterreise‘ schwer auszumachen ist, zeigt der Dichter in den zeitgleich geschriebenen ‚Griechenliedern‘ offen sein „Gemüt“: Mit flammender Begeisterung setzt er sich für die Sache der Griechen ein, die am 5. März 1821 einen bewaffneten Aufstand gegen die Türken wagten, um sich von der 300jährigen Fremdherrschaft zu befreien. Die Großmächte der Heiligen Allianz, auf den Einhalt des Status quo in Europa bedacht, verurteilten den Aufstand als unrechtmäßige Empörung. (…)

Eine Welle der Sympathie für das aufbegehrende Griechenland begleitete fortan das Kriegsgeschehen, besonders stark in Deutschland, dann auch in der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden, den skandinavischen Ländern, selbst in den Vereinigten Statten. Im „Philhellenismus“, in der Solidarisierung mit den nach nationaler Freiheit strebenden Hellenen, trafen Altertumsbegeisterung, christliches Engagement, humanitäre Anliegen und politische Interessen zusammen. Den liberal Gesinnten in Deutschland bot sich Gelegenheit, die im eigenen Land verbotenen Freiheitsbestrebungen offen zu unterstützen. In allen größeren Städten wurden Griechenhilfsvereine gegründet, in Aufrufen für Spenden und Freiwilligenkorps geworben. (…)

Auch Müllers politische Lieder sind Rollendichtungen; in diesem Fall war es nur opportun, ein fremdes „Kostüm“ anzulegen, um für die Zensur unangreifbar zu sein und dennoch die eigenen Ansichten und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Aus dem Mund eines Aufständischen, der zu seinen Glaubens- und Kampfbrüdern in Griechenkland spricht, läßt Müller Enttäuschung und Zorn über die scheinheiligen Praktiken der verbündeten Großmächte hören, die vorgeben, Ruhe und Frieden inEuropa zum Wohl der Bürger sichern zu wollen. Die Solidaritätspolitik der Heiligen Allianz diente indes allein dem Zweck, die Macht der Monarchen zu erhalten, wobei die Bündnispartner sich zum gegenseitigen Beistand gegen alle bürgerlichen und nationalstaatlichen Unruhen verpflichteten. (…)

Quelle Erika von Borries: Wilhelm Müller a.a.O. Seite 180, 182 und 186.

(Fortsetzung folgt)

Wie Laien über Musik reden

Notizen aus einer Talkshow

(Noch zu ergänzen, siehe hier)

Ab 1:13:23 über Mozart [sehenswert die Gesichter der anderen Gesprächsteilnehmer während Rolando Villazón mit aufgedrehter Emphase über M. spricht ] 1:16:53 … ich glaube, M. ist so wie ein Geist, die bleibt mit uns, wirklich man spürt diese Geist, in den guten Momenten, in den schlechten Momenten, weil in Mozarts Musik, da drinnen gibt es auch die Möglichkeit, von traurig… von den Traurigkeit rauszukommen , und wenn es traurige Musik wird, da drinnen ist es auch die Möglichkeit von einem Lächeln, von Glücklichzusein, von Glücklichkeit zu finden, es ist alles zusammen, es ist ein Spiegel von unserer Seele, trotzdem ist es universell, es spricht zu einem Mexikaner, zu einem Deutschen, einem Österreicher, jemand, die liebt Schnitzel, jemand, die liebt Pacos mit Salsa, den… ] SCHÖNEBERGER: Ja, es ist auch nicht umsonst so, dass für Leute, die immer sagen „ich habe keinen Zugang zur Musik“, Mozart empfohlen wird. Mozart erreicht, wirklich wie du sagst, von Taco bis Schnitzel jeden (Lachen). HUBERTUS MEYER-BURCKHARDT: Jetzt ist Barbara aufgewachsen in einem Haushalt, wo der Vater Musiker ist, klassischer Musiker, du bist mit der Musik groß geworden… SCHÖNEBERGER: Mein Familienerkennungston war (pfeift Mozartthema) , also der Anfang vom Mozartklarinettenkonzert.

[weiter geht’s mit Überflüssigem: wieviel Musikstücke hat Mozart wirklich geschrieben, das ist ja offen usw. usw.]

[Nur dies interessiert mich an dem, was sie sagt: Familienpfiffe! Ich finde den Anfang des Klarinetten-Konzertes nicht besonders geeignet: der dringliche Charakter fehlt. Geeignet allenfalls als leises Erkennungszeichen unter Verschwörern. Wie ein Test, eine Frage. Aber das ist Ansichtssache. Zur Stoffsammlung hier.]

M’barek spricht von seinem „Klassiktrauma“ (1:21:14):

Es ist bei mir wirklich… klingt auch sehr plump, meine Mutter hat immer Klassik-Radio gehört. Und das ist meine einzige Erinnerung, was ich mit Klassik verbinde, ist morgens aufgestanden, immer dunkel, zur Schule gehen, war müde, hatte keine Lust auf Schule, und es lief Klassik im Radio. Und ich saß so beim Frühstück und ich habs gehasst. Es ist jetzt noch so, ich steig manchmal in ein Taxi, – (zu Barbara Sch., die heftig zustimmend reagiert 🙂 es tut mir leid, musste mal kurz weghören – ich sag dem Taxifahrer, wenn er fragt, (SCH: keine klassische Musik!) alles, nur keine Klassik…

SCHÖNEBERGER: Ja aber das ist doch interessant, in der Prägung, Ihr hättet das immer hören müssen, wenn ihr zu McDonald gegangen sei, dann hättet ihr das positiver konnotiert. Wie ist das bei Ihnen, Herr Precht, wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen Mozart und … (Wagner) … 1:21:50 Wagner und Rachmaninow … ?

PRECHT: Ja, also zu Wagner habe ich überhaupt keinen Zugang, meine Lieblings-Klassische-Musik ist Barockmusik. Bei mir ist das so: ich bin leicht überfordert von klassischer Musik. Also wenn Musik so ne gewisse emotionale Komplexität erreicht, so… Beethoven und gar nicht zu reden von Bruckner … oder von Wagner – dann klebt mich das irgendwann zu, und solang das so ne kristallklare Struktur hat, wie Barockmusik, dann beschwingt mich das sehr, und kann ich viel mit anfangen. Also ich mache … Mozart steht so n bisschen dazwischen .. was ja auch noch ne sehr große Verspieltheit hat, aber ab ner gewissen Schwere – Tschaikowski oder sowas, ja? – zieht mich dermaßen runter, dass ich das dann am liebsten ausmache, ja, das stimmt!

THEMENWECHSEL Ist Mozart schwer zu singen? VILLAZÓN: Ganz schwer! Etc. etc.

Man denkt als Musiker: die reden sich um Kopf und Kragen, um Gottes willen, Villazón nebenbei auch, er ist kein Laie, aber eben Sänger…

Precht beginnt mit dem sympathischen Eingeständnis „ich bin leicht überfordert von klassischer Musik“, kommt aber schließlich zu dem Satz, den tatsächlich nur jeder blutige Laie für ein Argument hält: „das zieht mich dermaßen runter“.

Es geht keineswegs darum, diesem prominenten Menschen, von dem schon soviel Intelligentes zu hören war, sogar in Talkshows, endlich mal eins auszuwischen, sondern anderen , musiknäheren Menschen klar zu sagen: das ist nicht die richtige Art, über das Thema Klassik zu sprechen. (Anderenorts spricht er sehr vernünftig über ästhetische Phänomene, ja, er ist ein begnadeter Erklärer, und ich lerne wirklich gern von ihm. Siehe hier.)

Ich wette, er lobt nur Musik, die ihn beim Lesen nicht stört. Er meint zwar, es sei die „kristallklare Struktur“, die ihm Barockmusik am leichtesten akzeptierbar macht, wahrscheinlich ist es aber nur das gleichbleibende Grundtempo und die wenig ausufernde Dynamik, die es ihm leicht macht, innerlich abzuschalten und sich störungsfrei dem gelesenen Text (oder den eigenen Gedanken) zu widmen. Das ist aber kein Verdienst der Musik! Nehmen wir doch mal eine Musik von kristallklarer Struktur, etwa die Kunst der Fuge von Bach: auch wenn wir nur ganz geringe Ansprüche an unser Hörvermögen stellen wollen, versuchen wir doch bloß, aus dieser gleichmäßigen Textur der Stimmen die relativ auffälligen Themeneinsätze herauszuhören, vielleicht sogar jeweils mitzusingen (das Thema muss Ihnen einfach bekannt sein, jede Fuge beginnt ja damit!). Ich glaube, wir hätten trotzdem alle Ohren voll damit zu tun und könnten keinesfalls dabei ein philosophisches Werk lesen, auch keinen Roman. Sollte es dennoch gelingen, ich schwöre: die Musik rauscht nur so vorüber, wie — jaja — wie ein murmelnder Bach.

Das sollte von vornherein klar sein: ein Werk, das Ansprüche stellt, muss im Mittelpunkt stehen und meine ganze Aufmerksamkeit bekommen (sonst darf ich mir kein Urteil erlauben). Ich gehe ja auch nicht ins Kino, um dort mit der Taschenlampe ein Comic-Heft zu lesen.

Das ist eine Erfahrung, die auch jeder Musiker macht: selbst Stücke, die man gut kennt, – und gerade Beethoven – kann man nicht nebenbei hören, sie fordern uns! Sie fordern uns auf, am Prozess teilzunehmen, nicht: ihn an uns vorüberlaufen zu lassen. Und das kann Arbeit machen, es ist zumindest eine energetische Leistung!

Wenn uns das Abschalten bei Barockmusik so gut gelingt, so kommt das vielleicht daher, dass sie im Zeitalter des Absolutismus entstand. Der Herrscher duldet keine ungenehmigten Ausbrüche. Wagner hatte ein feines Gespür dafür, wenn er meinte, selbst bei Haydn oder Mozart noch das Küchengeschirr klappern zu hören (die gesellschaftlichen Konventionen).

Heute gibt es noch einen zusätzlichen, übermächtigen Aspekt: fast überall, wo über Musik geredet und geurteilt wird, kommt die Kundenmentalität zum Vorschein. Der Kunde kann etwas für sein Geld verlangen, die Musik hat in der Weise störungsfrei zu funktionieren, wie er es erwartet. Und wenn sie zu emotional wird, und so komplex, dass er es nicht mehr durchschauen kann, so beschwert er sich, „dann klebt das irgendwas zu“.

Mozart allerdings hat angeblich die „Verspieltheit“, – die es gerade noch erlaubt, ihn nicht ganz ernst nehmen zu müssen. Auch er läuft unter Umständen so nett vorbei. (Ist er nicht immer ein Kind geblieben – irgendwie?) Daran hat erst Harnoncourt etwas geändert.

So schäme ich mich auch, wenn Villazón – gewiss in bester Absicht – Mozart anpreist. Und dem (ohnehin sexualisierten) Pöbel im weltweiten Publikum auch noch die Bäsle-Briefe empfiehlt. Eine semplice-Melodie von Mozart braucht größtmögliches Feingefühl auf Seiten des Rezipienten und keine simplen Assoziationen. Eigentlich dürfte nur noch Leuten, die den ganzen Beethoven kennen und lieben, erlaubt sein, Mozart zu hören. Oder darüber zu reden…

Nachwort (Sonntagmorgen)

All dies ist übrigens nur ein Aspekt der Sache. Meiner. Momentan. Und in der allmählichen Nachwirkung der Talkshow-Szenen. Ich (man) könnte es auch ganz anders sehen.

Was die Prominenten sagen, deute ich mit Blick auf das Publikum, dessen Irreführung mir nicht passt. Die Leute werden sagen: wenn der Precht, der soviel nachdenkt, sagt: klassische Musik zieht mich herunter, dann wird das wohl erst recht für uns alle gelten. Wir hören ja ohne zu denken! Wir geben uns der Musik hin und können nicht einmal gegensteuern.

Aber wenn ich seine Äußerungen im Blick auf ihn selbst deute, könnte ich vermuten: er nimmt beim Denken (Lesen) genau die Haltung ein, die angemessen ist, und versucht alles auszuschalten, was ihn daran hindert. Z.B. die von ihm etwas unglücklich beschriebene klassische Musik. Was kann er dafür, wenn die Leute jetzt nur wissen wollen, was er von den Hindernissen hält. Er liegt ihm nicht, die Hindernisse selbst in den Fokus zu nehmen: vielleicht beherbergen sie konkurrierende Denk- und Fühlsysteme, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Das ist natürlich leicht gesagt. Die Musik begleitet nicht etwa einen Film, der in unserem Kopf abläuft; die Musik ist der Film selbst, und er besteht allein aus Tönen. Und man hört sie oft nur, wenn man von allem anderen absieht. Sie funktioniert nicht anders als das Denken, – nur ganz anders.

Heute morgen las ich in der Süddeutschen Zeitung ein Protokoll zu bestimmten Stichworten aus Prechts Leben, darunter das folgende:

Anti-Mulitasking Neben meinem Studium arbeitete ich als Nachtwächter auf Messen. Während meine Kollegen Pornos schauten, büffelte ich philosophische Werke. Das wirkt schon ein bisschen nerdig, aber das war eben meine Leidenschaft. Ich war in meiner eigenen Welt, in der ich alles um mich herum ausgeblendet habe. Ich kann stundenlang konzentriert Bücher lesen und wenn mich Texte besonders überzeugen, sie auswendig zitieren. Dafür kann ich kein Auto fahren, weil ich den Verkehr nicht verstehe. Ich habe vorhin zum Beispiel nicht wahrgenommen, wie der Kellner den Kaffee an unseren Tisch gebracht hat und wie zwei Frauen sich an den hintersten Tisch gesetzt haben. Wenn ich so extrem fokussiert bin, achte ich kaum auf meine Umwelt. In einer Beziehung kann das zum Problem werden.

Quelle Süddeutsche Zeitung 21./22. Oktober (Seite 46) Ihm gelingt es wie keinem Zweiten, einem großen Publikum anspruchsvolle Philosophie zu vermitteln. Richard David Precht, 52, hat gerade den zweiten Band von „Erkenne dich selbst“, seiner dreiteiligen Geschichte der Philosophie, vollendet. In einem Düsseldorfer Restaurant spricht der Popstar unter den Philosophen über seine ungewöhnliche Kindheit und seinen plötzlichen Erfolg. (Protokolle: TAHIR CHAUDHRI)

Ich würde empfehlen, im letzten Satz des Zitates, das ich sympathisch finde, auch seine Beziehung zur Musik mitzudenken. Kein versteinertes Manko, – durchaus vergleichbar mit der Beziehung Mozarts zur Philosophie…

Protest 24.10.2017

Mein bester Klassikfreund hat mir geschrieben:

Mit allergrößtem Interesse verfolge ich Deinen Blog. Das weißt Du ja sowieso. Zuletzt aber vor allem Deinen Bericht über die NDR-Talkshow – mal jenseits meines Respekts, daß Du Dir derartige Sendungen antust 😉 aber es war natürlich hochinteressant, das zu verfolgen. Und, verzeih, aber ich finde, Du bist mt Precht da im Nachhinein (also in der Sonntags-Ergänzung) zu gnädig umgegangen. Das Problem ist und bleibt, daß solche eigentlich recht klugen Leute ganz offensichtlich nicht über die Klugheit verfügen, die Musik ernst zu nehmen, und das ist doch einigermaßen bedenklich und zwar privat verzeihbar, aber bei öffentlichen Äußerungen im Grunde unentschuldbar. Mich erinnert das an all die Alt-68er, die ich immer vor mir hatte in den 1970er bis 1990er Jahren, die altlinken Professoren, die ich sehr respektiert habe, die Politiker während meiner Zeit bei den Grünen, von Fischer bis ich weiß nicht wem. Sie konnten alle so kluge Sachen sagen, aber wenn es um ihren Musikgeschmack ging – grauenvoll. – Precht ist ein gutes Beispiel dafür. Und das darf und kann man nicht akzeptieren – und zwar gerade, weil er sonst so klug und analytisch ist. Eigentlich müßte man ihm schreiben und erklären, was an der Ernsten Musik so wichtig ist, und daß seine Einlassungen wirklich Kokolores sind. Giftiger Kokolores, sozusagen.
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Natürlich hat er recht, sobald ich bedenke, dass es um Leute geht, deren dürftige Kompetenz allein dank ihrer Prominenz (in anderen Dingen) eine fatale Wirkung in der Öffentlichkeit zeitigt und nicht als peinliches Defizit erkannt wird. Ich muss nach einem Vergleich suchen: sagen wir, ein Mann wie Barenboim würde in einer Talkshow beiläufig behaupten, klassische Philosophen vom Kaliber eines Immanuel Kant seien Denk-Roboter ohne Seele, und Nietzsche sei nicht umsonst ein Nazi-Vordenker genannt worden. Dürfte er das, ohne dass gebildete Menschen wie Precht ihn gnadenlos korrigierten?  Es ist ja kein Unterschied des Geschmacks, sondern der zwischen Wahrheit und Irreführung. (Und natürlich ist Barenboim das Gegenteil eines  eindimensionalen Fach-Musikers!)