Kategorie-Archiv: Kultur

Bartóks Blaubart und polyfusion

Vormerken!

Bartóks Oper https://de.wikipedia.org/wiki/Herzog_Blaubarts_Burg hier

https://operlive.de/judith/

Hier nach dem „Konzert für Orchester“ ab 39:57

bis 26. März 2020 12:00 h !!! (Zu spät, ich habe die Frist versäumt)

Unbedingt kennenlernen:

https://www.ensembleresonanz.com/resonanzen/polyfusion/ HIER

Bildung, Kultur und darüberhinaus

Wie ein fruchtbares Gespräch verlaufen könnte

ZITAT zur heutigen Situation

Die Kulturmaschine fordert die Enthierarchisierung der Kulturformate. Während die klassische Moderne eine klare Hierarchie zwischen Hochkultur und Massen- beziehungsweise Populärkultur sowie öffentlicher und privater Kultur sah und kultivierte, bauen sich diese Hierarchien in der digitalen Welt der Spätmoderne ab. Sämtliche Kulturelemente sind nun auf die gleiche Weise zugänglich und unterliegen den selben Mechanismen der Aufmerksamkeits- und Valorisierungsmärkte. In der digitalen Welt befinden sich die Kulturformate alle auf einer Ebene, die hochgradig plural ist; nur wenige Klicks führen die Rezipienten aka [also known as] User von ihren privaten Urlaubsfotos zu Klassikern der Filmgeschichte, von den Nachrichten ihrer Freundezum Bericht vom Parteitag, vom Porno zu Shakespeares The Tempest oder Innenansichten der Suiten eines Pariser Nobelhotels.

Anmerkung 35

Die formale Gleichheit der Kulturelemente geht mit ihrer Entkontextualisierung einher. Klassische Kulturhierarchien wurden auch über die eindeutige Differenzierung stabilisiert: Bücher in der Bibliothek, Nachrichten im Fernsehen, klassische Musik im Konzerthaus, private Mitteilungen im Brief oder am Telefon. Nun sind jedoch alle diese heterogenen Kulturformate über den „gleichen Kanal“ zugänglich.

Zugleich konkurrieren diese Kulturformate gewissermaßen objektiv auf der gleichen Ebene miteinander: Es findet ein Wettbewerb um Sichtbarkeit und Anerkennung statt, konkretisiert in der Anzahl der Klicks und der Verlinkungen, der Likes und der Rangfolge, den die Suchmaschinen ihnen zuordnen. In diesem Wettbewerb stehen die Urlaubsfotos ebenso wie die Shakespeare-Sonette, das Hotel, der Parteitag oder der Tweet in gleicher Weise. Enthierarchisierung heißt natürlich nicht, dass alles gleich viel wert wäre, im Gegenteil: Mit Blick auf ihr Aufmerksamkeitsprestige sowie ihre valorisierte Qualität unterscheiden sich die Kulturformate drastisch voneinander. Den wenigen äußerst sichtbaren Elementen steht die große Masse der nahezu unsichtbaren gegenüber. Wie in der Ökonomie der Singularitäten herrscht auch im Internet eine ausgeprägte Sichtbarkeitsasymmetrie; und beide Asymmetrien, die ökonomische und die medientechnologische, verzahnen sich miteinander.

Quelle Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten / Zum Strukturwandel der Moderne / Suhrkamp Verlag Berlin 2017 (Seite 240f)

Wo bleibt der Wille zur Bildung durch Bücher?

Eine Merkwürdigkeit: dass diese ganze Diskussion, die um die letzte Jahrhundertwende stattfand, vergessen ist. (Über Dietrich Schwanitz hier).

Was ich früher mal zum Thema notiert habe

  zur Blogseite HIER

Zur Bildung gehört meines Erachtens nicht nur das Lernen (und das heißt eben nicht einfach: der einzelne Mensch vor dem Computer), sondern auch das Gespräch, die Diskussion, – nicht die konfrontative, in der die Teilnehmer letztlich nur die jeweils eigene Position ausbauen und verstärken, sondern die konstruktive, einander ergänzende, durchaus latent competitive Unterhaltung mit einer anderen Person (oder mehreren, ich glaube, nicht mehr als um einen kleinen Tisch passen). Die Runde bei Markus Lanz (eine zur Kamera hin aufgebrochene!) ist etwas anders, weil der Moderator Sonderrechte genießt, die im Gespräch schwer erträglich wären. Trotzdem ist es möglich, dank seines persönlichen Geschicks und seiner Fähigkeit zuzuhören. Vielleicht eher nach dem Muster der Precht-Sendung, in der durchaus drei oder vier kommunizierende Teilnehmer denkbar wären, die sich unterhalten.

  Screenshots ZDF-Sendung

Gesprächstext ausschnittweise

Lanz ab 32:42

So hängt alles mit allem zusammen, und es ist auch klug, die Argumente auszutauschen. Harald Lesch ist bei uns, der ein interessantes Buch mitgebracht hat, eigentlich ist es eher son Streitgespräch, und eigentlich ist es, so hab ich das gelesen, eher die Aufforderung, ein Herzensthema von Ihnen, nämlich Bildung, und die Frage, wie schauen wir auf Wissen, mal wirklich auf den Kopf zu stellen. Was läuft denn, wenn wir ne kleine Analyse mal machen, was läuft denn (..) wenn Sie mal versuch müssten, die fünf wichtigsten Punkte kurz ma skizzieren, – Was läuft grundlegend und prinzipiell nicht gut in unserem Bildungssystem, Ihrer Meinung nach?

33:25 LESCH Also ich glaube, dass insgesamt zu wenig in Zusammenhängen unterrichtet wird. Also wir haben zuviel Schubladen und zu wenig Motivation für alle diejenigen, die alle diejenigen, die irgendwo unterrichtet werden: Warum soll ich mich mit einem bestimmten Thema überhaupt auseinandersetzen? Und dadurch, dass die Fächer so stark voneinander getrennt sind, anstatt sie wirklich zusammenzuziehen, und anhand von einem Phänomen, einem bestimmten Thema sollten möglichst viele Schulfächer sollten daran arbeiten, Klimawandel wäre zum Beispiel son wunderbares Thema, wo man zeigen kann, da sind nicht nur die Naturwissenschaften, sondern natürlich auch Literatur, wie gehen Menschen in den Ländern mit den Gefahren eines verwandelten Klimas um? Was bedeutete das, wenn (Geschichte!) genau, Geschichte natürlich, das Anthropozän als Begriff, der Dirk [Steffens] was ja neulich hier und hat das erzählt, durch den Menschen, ich benutze gern das Wort Kapitalozän, nicht wahr, das Erdzeitalter, das durchs Geld geprägt ist, aber das hats noch nicht so weit gebracht (ML Sie kriegen heute wieder Ärger nach dieser Sendung, Herr Lesch, aber das kriegen wir schon hin. HL ja das ist schon o.k.)

Der Hauptpunkt ist einfach, dass durch diese Klassifikation in einzelne Fächer in unserm Kopf etwas entsteht, das gar nicht der Welt entspricht. Der Welt entspricht nämlich etwas ganz anderes, dass wir nämlich über grundlegende Fähigkeiten verfügen müssen, wie wir uns mit ihr auseinandersetzen müssen. Und ein wichtige davon, die im Abendland sich entwickelt hat, ist eben: zu schreiben, zu lesen und zu rechnen. 34:55 Das heißt: wir können etwas quantisieren, (zu Juli Zeh, die lacht) nicht quantisieren, Pardon, wir haben vorhin über Dekurenz (???) gesprochen, also wir können etwas quantitativ erfassen, in Zahlen nämlich, – Mathematik spielt für uns ne wichtige Rolle: in allen Lebensbereichen ist es wichtig, die Relationen einschätzen zu können, aber wir müssen auch mit Texten umgehen können, also wir müssen den Text lesen können, verstehen können, interpretieren können, also wir müssen auch verstehen, was zwischen den Zeilen steht, und wir müssen natürlich auch selber Texte produzieren können, und diese drei wesentlichen Fähigkeiten im Zusammenhang gebracht mit dieser unglaublichen Informationsmenge, die uns ja heute über die verschiedenen Medien zur Verfügung stehen, das macht heute einen gebildeten Menschen aus 35:33 und dafür sind die Schulen in Deutschland einfach nicht gemacht… ML mal ganz so ganz holzschnittartig runtergebrochen, wer geht da so mit fünf, sechs Jahre in so ne Schule herein, und wer kommt am Ende raus? HL Also das ist interessant, ich glaube, man sollte n Film drehen, so die erste Woche in so ner ersten Klasse, die sind noch total begeistert, das ist so ne Freude, denen zuzugucken usw. – natürlich gibt’s auch den einen oder anderen, der sagt: hm, hier geh ich nicht mehr hin. Aber dann, merkt man… und wenn man jedes Jahr so ein Video von der Klasse machen würde, wie die Lust etwas zu lernen systematisch in die Knie geht (Lauterbach nickt), und dann kommt die Phase, wo vor allem bei Jungen hier vorne (zeigt auf die Stirn) steht: „under construction“, ja? das ist die Pubertät – „Baustelle!“

– da müsste man etwas tun in der Schule, was in Deutschland viel zu wenig gemacht wird – man muss sie tatsächlich dann in den Wettbewerb schicken, Theater spielen, Musik machen, Sport, Kunst, Werken, woran sich eine Person ausprobieren kann, und dann später – weil Sie vorhin gesagt haben, mit der Pubertät hört die Mathematik auf – um später dann wieder einzusetzen – o.k. jetzt bist du so weit, dass du auch mit Abstrakterem, mit abstrakteren Begriffen und Themen auseinandersetzen kannst, alles woran sich eine Person ausprobieren kann und dann später – weil Sie gesagt haben, in der Pubertät hört die Mathematik auf – und dann später wieder einzusetzen und dann zu sagen: o.k., jetzt bist du so weit, dass du dich auch mit abstrakteren Begriffen, mit abstrakteren Themen auseinandersetzen kannst, – dazwischen muss Schule die Gelegenheit geben, dass Persönlichkeiten entstehen, die an ihrer … an ihrer Findung ihrer Identität viel intensiver beteiligt sind, als das momentan der Fall ist. Wir sind einfach zu viele (Beifall) zu viele Kinder, also: das Leben vieler Jugendlicher findet nur zweidimensional statt, also entweder auf dem digitalen Diktator in der Hand oder auf dem Flachbildschirm, auf dem irgendwelche Spiele gespielt werden. Aber das Dreidimensionale, das Leben, das riecht, das anders klingt, wo es dreckig ist, wo irgendwas passiert, was einem möglicherweise nicht gefällt, und wo vor allem die Auseinandersetzung da ist, – bei Aristoteles ist es im Grunde so schön definiert: Der Mensch ist das Tier, das mit andern Menschen zusammenlebt, das zoon politikon, dieses Zusammensein, das ist natürlich der große… der große Punkt, wo man Schule viel stärker machen muss, und das ist auch der Gegenstand unseres Buches, „Wie Bildung gelingen könnte“, hat natürlich damit zu tun, wie diejenigen sich fühlen könnten, die in der Schule sich Tag für Tag treffen, nämlich die, die unterrichten, und die, die unterrichtet werden. 37:46 Exakt“ ML Wenn wir nun zunächst mal den Blick auf die richten, die unterrichtet werden. Eh … Sie plädieren für die Waldorfisierung der Schule (ja), sagen auch, es könnte mal n bisschen gemütlicher zugehen (na klar), sollte n bisschen mehr Raum geben … auf diese Nachricht habe ich 15 Jahre gewartet (HL lacht laut) und habe sie nicht … und Mathe abschaffen in der Pubertät, und morgens um 9 erst anfangen (aber unbedingt!)… Unbedingt??? Einmal kurz: warum? HL der Biorhythmus der meisten Menschen ist tatsächlich so, vor allem der Kinder ist tatsächlich so, dass ab 9 Uhr ist der Organismus ganz anders wach, aufmerksam und in der Lage, auch für längere Zeit ja dann recht heftig zu arbeiten, diese erste Stunde in der Schule ist für viele Kinder einfach (Geste der Müdigkeit) schwierig. ML Steht da nicht die Sorge, dass man so das Leben einfach verschiebt, also dass das eine große Zeitverschiebung wird, HL Aber man sieht es ja in Spanien, in Frankreich, in Italien, überall fängt die Schule später an Karl Lauterbach es gibt ja auch medizinische Hinweise da drauf, dass … es gibt also Studien darüber, wie der Biorhythmus funktioniert, mindestens die Hälfte der Menschen hat genetisch einprogrammiert, dass über Jahrtausende und Jahrtausende, insgesamt über 30.000 Jahre hat sich das entwickelt, also für die Hälfte der Menschheit ist der Biorhythmus so entwickelt, dass man vor 9 Uhr überhaupt die volle Denkfähigkeit noch nicht hat, leider für mich auch so und … (Lachen und Beifall) ML Also der perfekte Schultag, wie sieht der dann aus? 39:28 (….) Sechsjähriger in die Grundschule, dann lernt der erstmal Lesen und Schreiben, Rechnen wichtig, Sie sagen es, mit der Hand schreiben HL Mit der Hand schreiben ist ne ganz wichtige Sache (weil?) ist für unser Gehirn extrem wichtig, also diese Verbindung zwischen Hand und Kopf, ist über die Handschrift eine ganz wichtige Sache, die zur Vernetzung dieses jungen Kopfes sehr stark beitragen. Der nächste Punkt ist die Frage, mit welcher Geschwindigkeit eigentlich die Inhalte präsentiert werden, und Kinder mögen nichts mehr als zu spielen, also sollte man ihnen zum Beispiel Mathematik – Mathematik – Kopfrechnenwettbewerbe als dieses schnelle — Einmaleins zackzackzack  das ist inzwischen aus der Schule fast verschwunden, es gibt ja fast niemanden mehr, der richtig mit dem Kopf rechnen kann, man weiß es … ich weiß nicht, wann der Taschenrechner seine Tür in die Schule gefunden hat, aber damit war klar: muss ich nicht mehr wissen, und heutzutage geht es ja noch viel weiter, weil: das muss ich nicht mehr wissen ist selbst gesellschaftsfähig geworden weil, man kuckt einfach so automatisch bei der Suchmaschine, deren Name nicht genannt werden muss, bei irgendeinem Lexikon, deren Name auch nicht genannt werden muss, und dann weiß man’s und dann hat mans auch schon wieder vergessen. Aber diese grundlegende Fähigkeit, das was ich eben meinte mit diesen drei Dimensionen Schreiben, Lesen und Rechnen, die spielerisch und mit etwas – was an den Musikschulen zum Beispiel das Thema ist (ML Fokussierung!), nämlich: Üben – Üben – Üben – einfach immer, aber diese Übung macht natürlich nur dann Sinn, wenn die Motivation an erster Stelle steht, also: was kann man damit machen? Ich hab mit Gudrun Mebs n kleines Büchlein geschrieben, das hieß „Mit Mathe kann man immer rechnen“, da gehen Kids mit einem Proff, also mit einem Professor, los und ziehen durch die Welt und kucken, wo gibt es überall Mathematik und wo muss man und die sind bei einem Schreiner und der erklärt ihnen, ohne Mathematik kann ich keinen Tisch bauen, kann keinen Stuhl bauen, und sie gehen in den Supermarkt , das kostet so viel und das kostet so viel, aber das ist ja viel teurer usw. und sie gehn auch in ne Bank und wollen dann aber sehen, dass der Bankmitarbeiter im Kopf rechen kann und dass er nicht alles auf seiner Kassenmaschine – also es ist großartig, so, was ich damit sagen will, die Möglichkeit, die Fähigkeit derer, die da unterrichten, auch mal wahrzunehmen, ich meine, wir bilde Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland aus, in allen möglichen fachlichen Inhalten, aber ihnen die Gelegenheiten, die Gestaltungsspielräume zu geben, mit dem Inhalt in der Schule wirklich zur Persönlichkeitsbildung beizutragen, die schlagen wir wieder kaputt, weil wir sie, weil wir diese Schulsysteme so stark beschleunigt haben 42:10 so stark verdichten, von den ganzen Inhalten her, die da präsentiert werden, dass die armen Leutchen, die da unterrichten da, „du ich kann nichts… du, ich würd ja gerne, ich hab gar keine Zeit, am Ende einer Schullaufbahn stehen irgendwelche Zentralprüfungen, ich kann keine Rücksicht darauf nehmen, dass ich bei jedem einzelnen mit verschiedenen Tempi eigentlich arbeiten muss.“ ML Menschen haben unterschiedliche Geschwindigkeiten… HL Es gibt ja auch ne Reihe von Schulen in Deutschland, die das schon machen, es gibt in Jenaplan-Schulen zum Beispiel, die Waldorfschulen sind – da will ich gar nicht auf den anthroposophischen Hintergrund ko…“ ML Die Waldorfisierung der Schulen, – erklären Sie das mal… Was ist damit gemeint? 42:44 HL Es geht darum tatsächlich zunächst einmal für lange Zeit ganz darauf zu verzichten, Kinder zu beurteilen in irgendwelche Zahlen; denen erstmal die Gelegenheit zu geben, irgendwelche grundlegenden Fähigkeiten, also meine großen Drei, dass die die alle erstmal können. Das ist das allerwichtigste. Die müssen richtig schreiben, lesen und rechnen können. Und dann kann man allmählich tatsächlich beginnen, über Wettbewerbssituationen, die man in der Schule ja ständig schaffen kann, tatsächlich sowas zu machen wie Tabellen und Ranking, aber es geht vor allem darum, dass allmählich zu tun und zu sehen, wie Kinder sich entwickeln, diese große Neugier, dieser Enthusiasmus, den man in dem ersten Video in der Grundschule im ersten Schuljahr noch sieht, das ist der eigentliche Schatz, den diese Kinder mitbringen. 43:31 Wenn wir denn in der Schule kaputtmachen, dann (…)

49:49 ML Infrastruktur, öffentlicher Nahverkehr, alles wichtig, keine Frage, aber, Herr Lesch, ich hab Ihr Buch – es ist ja kein wirklich dickes Buch – aber ein sehr interessantes, sehr inspirierendes Buch – schon als etwas anderes verstanden, da geht es schon auch um n bisschen mehr. Es geht auch um die Frage, wie schaffen wir es, kreative, neugierige menschen da rauszukriegen am Ende, die auch in der Lage sind, sich z.B. zu konzentrieren, das ist etwas was mir immer wieder auffällt, wie erleben Sie das , als Professor, wie erleben Sie das bei Ihren Studenten, ich hab neulich ne Untersuchung gelesen, wir waren im Jahre 2000 im Schnitt noch in der Lage, uns 12 Sekunden noch auf eine Sache zu konzentrieren, mittlerweise sind wir bei 8 und Goldfische sind bei 9, das ist ja keine wirklich gute Nachricht… ML Ja, ich unterrichte gern im Aquarium, (Lachen) also es ist in der Tat so, und da hat man natürlich als Hochschullehrer hat man ja, so wie alle Lehrer diese irre Situation, jedes Jahr kommen wieder Menschen aus dem gleichen Alter, man hat so im Laufe der Jahrzehnte dann so ne Erfahrung, man sieht natürlich, also ich hab – da bin ich mit vielen völlig einig – wir erleben eine Reduktion der Aufmerksamkeitsspanne. (Ist so, nicht?) Ist ganz klar, ist ganz klar, und zwar unter anderem mit dem Hinweis: ich muss das in der Vorlesung ja gar nicht so… weil, das kann ich mir ja alles nochmal ankucken, weil: es gibt das Skript digital, es gibt alles mögliche digital, und wenn ich es digital hab, dann habe ichs ja auch alles schon hier oben irgendwie drin. Gut, ich muss noch dran arbeiten, aber das sind Details. Das mach ich so irgendwie nebenher, das kann man auch im Stehen machen, (Handy-Gesten, Lachen ) die Aussicht, man könne ja alles, wenn man nur wolle, dann könne man ja, verursacht Aufmerksamkeitsprobleme, weil man dann braucht man sich ja jetzt nicht zu konzentrieren, weil da gibts vielleicht ganz andere Dinge, auch schon wieder irgendwelche Informationen, also Ruhe zu haben, sich zum Beispiel einem Text zuzuwenden und den laut vorzulesen, also für alle anderen im Saal mal laut vorzulesen, was man da ….. an Deutschlands …. Universitäten … das ist schon interessant. Ne? 51:58 Einen Text so vorzulesen, dass alle gut zuhören und auch vor allen Dingen am Ende nicht nur eine Inhaltsangabe zu machen, sondern eine Zusammenfassung, wo der oder diejenige, die das dann präsentiert hat, auch tatsächlich mal sagen, wie haben sie denn den text verstanden und was ist ihre Position dazu. Das ist z.B. ne Sache, die mir auffällt, und das andere, was mir auch auffällt, ist: die fast flächendeckende Unfähigkeit, über das Theme oder über das Fach, das man studiert, zu sprechen. Im Sinne von: warum mach ich das? und was fasziniert mich daran eigentlich? Als was ist der Grund gewesen, weshalb ich     warum habe ich angefangen Physik zu studieren, und was mach ich denn jetzt so grade? Es gibt nach wie vor diese Top 10 Prozent, die können das, aber ein erheblicher Teil der Studierenden hat überhaupt… also ist gar nicht in der Lage … ich bin jetzt grade mitten in der Prüfungsphase, also, und ich mache mündliche Prüfungen in Physik, das ist für viele Studenten … hnnnyyh… 52:56

(Fortsetzung folgt)

Nicht lachen wollen

Und doch müssen.

ZITAT

(…) Man muss vielleicht daran erinnern, wofür der Karneval unter anderem da ist: Er erteilt die befristete Lizenz, die Fassung zu verlieren. Auch muss man sich klarmachen, dass sich die meisten Witze gegen irgendjemanden richten und oft gegen Minderheiten: gegen Manta-Fahrer, Blondinen, Polen, Schwule, Priester, Schotten und so fort. Manche dieser Witze sind verschwunden, weil sie veraltet sind oder erschöpft.

In seiner Abhandlung Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905) unterscheidet Sigmund Freud zwischen „harmlosen“ und „tendenziösen“ Witzen. „Der tendenziöse Witz braucht im allgemeinen drei Personen, außer der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Objekt der (…) Aggression genommen wird, und eine dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu erzeugen, erfüllt.“ Warum aber kann ein Witz Lust erzeugen? Freud begründet das mit der „ursprünglichen Natur des Witzes, sich einer hemmenden und einschränkenden Macht entgegenzustellen“.

Aber gibt es diese Mächte überhaupt noch? Kann heutzutage nicht nahezu alles gesagt und geschrieben werden? In gewisser Hinsicht schon. An die Stelle der staatlichen Bevormundung jedoch ist die gesellschaftliche getreten. Je mehr personale Identitäten mit dem Ziel der Anerkennung betont werden, um so mehr wachsen die hemmenden Mächte im Sinne Freuds.

Ja, das ist ein heikles Gelände. Mark Twain hat einmal gesagt, im Himmel werde nicht gelacht. Das könnte stimmen. Denn der Lachende fühlt sich nicht selten zurückgesetzt, gehindert, eingeschränkt. Indem er lacht, befreit er sich von wirklichen oder eingebildeten Fesseln. Im Himmel hätte er das nicht nötig. Aber da wir (jedenfalls die meisten von uns) keine Engel sind, ist das Lachen eine relativ unschädliche Form, sich schadlos zu halten. So hat der Witz auch die Funktion eines Ventils. Mächtige haben es nicht nötig, Witze zu machen. Zuweilen gestatten sie sich grausame oder zynische, wobei die Pointe lediglich darin besteht, dass die Zuhörer, wenn ihnen das Leben lieb ist, lachen müssen. (…)

Quelle DIE ZEIT 20. Februar 2020 Seite 12 Auf sie mit Gelächter Ein Witz, der allen gefällt, ist keiner. Ein ernstes Wörtchen zum Karneval. Von Ulrich Greiner.

Dies ist nur ein kleiner Teil des Artikels, den man notfalls auch online lesen kann, sofern man gewillt ist, die Verzögerungsschranke zu überwinden. Man muss vielleicht noch erwähnen, dass über dem Artikel ein Foto wiedergegeben ist, das „Rassisten in der Fankurve“ zeigt, untertitelt: „Nach seinem Siegtor in der 60. Minute hat er genug. Fans beleidigen ihn, machen Affengeräusche und werfen Sitzschalen aufs Spielfeld. Moussa Marega, FC-Porto-Profi und malischer Fußballnationalspieler, verlässt das Spielfeld – und zeigt seine Meinung.“ (Mit beiden hochgereckten Mittelfingern.)

Also: die pöbelnde Menge gegen einen (schwarzen) Einzelnen, der allerdings ein Star ist und darüberhinaus den Fehler gemacht hat, das Siegtor für den Gegner geschossen zu haben. Die Skala der Beleidigungen kennt wenig Abstufungen, auch gegenüber eigenen Spielern, von „Lahm-Arsch“ bis „Du Zigeuner“ (habe ich selbst in der BayArena Leverkusen miterlebt), und die Hautfarbe ist für Dummköpfe natürlich am leichtesten fassbar, Auslöser primitivster Affekte, die man als eigenes Kraftpotential missdeutet. In der Grundschule spielten wir auf dem Schulhof in der Pause: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? – Wenn er aber kohommt? – Laufen wir!“ Merkwürdigkeit: Damals hielt ich auch alle Katholiken irgendwie für schwarz. Zumindest dunkelhaarig.

Kleine Erinnerung aus dem Berufsleben: Ein belgischer Kollege versuchte mich vor vielen Jahren zu erheitern, indem er abfällig über die Holländer sprach, da ich dem leicht erregbaren Flamen, der sich gern von den Wallonen distanzierte, eine (aus meiner Sicht) „normale Sympathie“ für das Nachbarland unterstellt hatte. Weit gefehlt. Er reagierte mit Beispielen von Holländerwitzen, von denen ich nur den harmlosesten behalten habe: sie seien übers Meer geschwommene Schotten (geschwommen natürlich aus Kostengründen).

Zum Hintergrund dieser Witze gehört jedoch die Tatsache der niederländischen Belgierwitze. Zweifellos allesamt Beispiele der „tendenziösen“ Witzkategorie Freuds, die den negativ markierbaren Anderen braucht. Auch wenn da viel Ähnlichkeit ist. Übrigens gehören auch alle Witze über das andere (oder das noch anders andere) Geschlecht dazu, ja auch über das eigene, denn die Selbstironie kann eine trickreich fabrizierte sein.

Noch trickreicher ist es, sich das Lachen zu verbieten, weil die Zeiten zu ernst sind. Oder nur über Kinder und kleine Tiere … zu schmunzeln. Warum wird bei dem Gedächtnis-Essen nach der Beerdigung unweigerlich gelacht? Spannungsabbau, sagt man. Oder: wir leben noch.

Leicht vorstellbar sind allerdings Situationen, wo es keinen Trost gibt. Und auch kein Lachen, keinen Spannungsabbau. Galgenhumor hilft nur, wenn es um einen selbst geht, nicht um nahestehende, liebe Menschen.

Experiment mit Così

Zwiespältige Hörerlebnisse

Es hat einen dreifach autobiographischen Hintergrund, aber eigentlich tut der nichts zur Sache. Mozarts Oper „Così fan tutte“ beunruhigt jeden, der sie zu ergründen sucht, vielleicht auch nur, wenn er dieses gesunde Misstrauen in die Illusionen des Theaters zu pflegen geübt hat. Ich erinnere mich an meinen Versuch im Jahre 2002, da hatte ich die neue Gesamtaufnahme der Oper unter René Jacobs gerade bekommen, nahm sie mit in den Urlaub an der Algarve und spielte sie fortwährend auf unseren Fahrten entlang der Küste, zum wachsenden Vergnügen der Mitfahrerinnen. Im Hotel saß ich und studierte das Textheft. Und ausgerechnet jetzt, nach so vielen Jahren, als hätte ich nicht genug zu tun, kamen all die Erinnerungen zurück: und zwar mit einer neuen CD, wiederum während der gleichzeitigen Lektüre des schönen neuen Booklets, das eigentlich die Formation des Bläsertrios ins rechte Licht rücken wollte. Und ich erschrak, weil ich manche Stücke, die ich glaubte, seit 18 Jahren „im Blut“ zu haben, jetzt bei der Neubegegnung überhaupt nicht wiedererkannte. Eine böse Stimme in mir flüsterte: habe ich etwa zuviel indische Musik parallel gehört? Oder habe ich nur eine doppelte Psychologie und eine zwiespältige Emotionslage beobachtet und die Musik, den Mantel dieser seltsamen Gefühle, als weniger wesentlich verkannt? Nie und nimmer! Hier der entsprechende Abschnitt des Booklettextes von Andreas N. Tarkmann:

 CD Dabringhaus und Grimm (s.u.)

Nach dem Urlaub 2002 erhielt ich ein schönes Geschenk, einen Klavierauszug, und da mich das Thema weiter beschäftigte, – zumal es sich zwanglos mit der indischen Musik verbinden ließ, die ich jederzeit im WDR3-Programm präsent halten wollte -, habe ich alles in einer Radiosendung zusammengefügt. Ich hoffe, das psychologische Risiko, die Sendung heute noch einmal anzuhören, dürfte ich nach dieser langen Zeit kühnen Auges (coolen Ohres) meistern. HIER ist der Text. (Die CDs stehen im Regal hinter mir.)

 

Über die Youtube-Aufnahmen, die gleich folgen, ließe sich streiten, ABER: nicht über die Reihenfolge. Da habe ich mich nämlich strikt an eine Vorgabe gehalten, die ich gleich ablichte, und das hat rein hör-taktische Gründe. Genau dazu muss ich auch noch eine Geschichte erzählen. Wie man dann zur neuen CD übergeht, ist mir im Prinzip ganz egal, nur: man denke sich etwas dabei! Nehmen Sie wahr, was auf der Bühne geschieht. Nicht das Jahr und die Aufnahmetechnik, sondern vielleicht: Was erzählt die Musik? Was bewirkt die Szene, das Bühnenbild, die Mimik und Gestik der Ausführenden? Was ist musikalische Substanz? Was geht davon in das später folgende Hör-Erlebnis über?

Dieselben (die gleichen?) 11 Titel sind nämlich im folgenden als Opernbestandteile abzurufen (nicht die Bilder anklicken, sondern die jeweils darunter oder daneben  stehende Zahl):

 1) „Una bella serenata“

 2) „Ah guarda sorella“

 3) „Sento, o Dio“

 4) „In uomini“

 5) „Come scoglio“

 6) „Un‘ aura amorosa“

 7) ab 2:02 „Prenderó“

 8) „Secondate“

 9) ab 1:43 „Tradito, schernito“

 10) „Ah lo veggio“

 11) ab 5:21 „Fortunato l’uom“

Jetzt kommen wir zum geheimen Sinn des Experimentes. Wenn Sie nun die soeben gegebene Liste der Stücke aus „Così fan tutte“ in einer Bearbeitung für die – sagen wir – kleinstmögliche Besetzung hören: wie hören Sie das? Als neu oder als vertraut? Vielleicht fragen Sie auch jemanden, der nicht weiß, dass alle Titel aus einer einzigen Mozart-Oper stammen (damit gäbe man dem Gehör sofort eine bestimmte Ausrichtung).

Klicken Sie mit dem folgenden Link zu jpc, wo sie jeden Track der CD zumindest anspielen können, und wechseln Sie hin und her zwischen jpc dort und Youtube hier. Das ist der ganze Sinn der Übung. Das Spiel beginnt also: HIER bei ipc!

Erkennen Sie alles wieder? Sie werden vielleicht auch die Fragestellung im oben abgedruckten Booklet bemerkt haben: „wie viel an besetzungstechnischer Minimalisierung in so einer Mozart-Harmoniemusik überhaupt möglich ist“: d.h. die Überlegung, ob der Arrangeur einer solchen Musik überhaupt den ganzen Reichtum des Originals „zu einer konsequenten Dreistimmigkeit“ reduzieren kann; er „muss ja in der Lage sein zu entscheiden, was von dem Mozartschen Originalsatz weggelassen werden kann, ohne dass dies vom Hörer als Verlust bemerkt oder als solcher empfunden wird“.

Aber wie war es möglich, dass ich einige der Stücke überhaupt nicht wiedererkannt habe? Es macht mich ja wohl noch nicht zu einem Versager. Zum Beispiel hat Adorno ganz glaubwürdig ein Genie wie Schönberg verteidigt, dem nachgesagt wird, er habe einmal nicht bemerkt, dass ein Klarinettist versehentlich das falsche Instrument benutzte und die ganze Partie in einem Kammermusikstück des Komponisten – sagen wir –  um einen Ton versetzt spielte.

Ich habe einmal folgendes erlebt: eine ausgezeichnete Musikerin wurde zu einem runden Geburtstag geehrt, und jemand sang für sie am Klavier einen selbstgebastelten Text zu einer Melodie, die dazu passte. Nicht nur das: die Künstlerin selbst hat diese Melodie oft genug als großes Solo in einem Kammermusikwerk vorgetragen – und hat sie jetzt nicht wiedererkannt; die anwesenden Kollegen aber durchaus, es lag also nicht an der unzulänglichen Wiedergabe. Es handelte sich zweifellos  um dasselbe Phänomen wie bei mir: die Melodie hat sich durch die Veränderung mehrerer Parameter subjektiv vollkommen verwandelt, jedenfalls aus einer nicht-analytischen Perspektive, wenn etwa der Text, der Interpret und die gesamte Szenerie sich so in der Vordergrund schieben, dass die abstraktere Wahrnehmung der melodischen Linie samt charakteristischen Harmoniefolgen nicht mehr automatisch funktioniert. Im übrigen fehlten ja meine absoluten Lieblingsstücke, die ich vielleicht sogar erkennen würde, wenn sie rückwärts gespielt würden: „Di scrivermi ogni giorno“ (Quintett) oder das darauffolgende „Soave sia il vento“ (Terzettino).

Eine andere Frage wäre: muss man, um diese CD zu würdigen, überhaupt einen blassen Schimmer vom Inhalt der Oper haben? Was fehlt mir, wie auch immer ich es drehe? Nicht nur die beiden genannten Stücke, sondern die Devise der Oper, die „Kernaussage“:

 Die Devise am Anfang der Oper und dieselbe Formel gegen Ende . . .

Damit befinden wir uns am Rand einer Inhaltsästhetik, die uns in der Musik zu großen und interessanten Problemen führt. Das ist auch ein Grund für mich, diese CD einmal in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Zudem lohnt es sich sehr, es sind ja exzellente Künstler/innen, die hier spielen. Und es klingt so durchsichtig, dass man mit Freude die Chance wahrnimmt, drei Stimmen gleichzeitig als glückliche Einheit und als individuelles Linienspiel zu verfolgen. – Ich habe an dieser Stelle die beiden Divertimenti derselben Mozart-CD vernachlässigt: sie sind aus einer Reihe von Einzelstücken zusammengestellt, die Mozart für die (Bassett-) Klarinetten der Gebrüder Stadler komponiert hatte; der ältere war bekanntlich auch Adressat des Konzertes, das Mozart als letztes Werk einen Monat vor seinem Tod vollendete. Hier haben wir nun also noch eine bezaubernde Musik, die für die meisten Musikfreunde in dieser Form ein absolutes  Novum bedeuten wird… abgesehen von bestimmten „Kernaussagen“ Mozarts, von denen zwei noch folgen sollen.

Zum Thema „Harmoniemusik“ lese man bei Wikipedia hier.

Mehr zur Entstehungsgeschichte der Divertimenti KV 439b aus 25 Einzelsätzen gibt es im Booklet, aus dem ich noch ein Fragment zitiere:

  Dabringhaus und Grimm

Zum Ausklang (oder: Was fällt Ihnen zu diesen beiden Musikstücken ein?)

Das eine kenne ich: nein, es erinnert nur an die „Kleine Nachtmusik“. Das andere hat ebenfalls einen Aha-Effekt: nach vier Takten erklingt Mozarts „Kernformel“, die man vor allem aus dem Finale der Jupiter-Sinfonie kennt.

Und sonst? Zuviel C-dur, zuviel Kadenzen? (Fortsetzung des Exkurses von hier). Genauer gesagt: instrumentengerecht bearbeitet und gespielt in B-dur. Hören Sie  Tr. 17 und Tr. 12 der eben abgebildeten CD. Es gibt viel daran zu lernen. Zum Beispiel: der Dreiklang am Anfang ist niemals banal, er dient einer verbindlichen Aussage, einem Statement. Die Differenzierung geschieht mit neuen Elementen und deren Kombination. Meine Frage ist immer: an welchem Punkt genau weiß man wohl, dass es nicht einfach Zeitstil ist, sondern eben – Mozart?

Zumindest vom zweiten Beispiel sei hier noch der weitere Notentext gegeben, um eine besondere Lösung hinsichtlich der Form hervorzuheben. Ich habe keine gründlichen Quellenstudien betrieben, sondern nur die Ausgabe von 1905 ausgedruckt. Im Vorwort schreibt ein gewisser E.Lewicki:

Er bezieht sich auf den Sprung, der durch das vi-de angezeigt ist. Das Trio Roseau triff an dieser Stelle eine gute Entscheidung und macht den Sprung beim ersten Durchgang dieses Teils, spielt aber bei der Wiederholung den vollen Notentext, so dass die Reprise an dieser Stelle mit dem Anfang des ganzen Stücks identisch ist.

Weitere Überlegungen zu diesen Stücken könnten ausgehen von dem schönen Text, den man bei Villa Musica Rheinlad-Pfalz findet, nämlich hier.

Welche Visionen brauchen wir?

Angenommen: einzig Untergangsszenarien sind realistisch

Dann kommt man gern mit Luthers Apfelbäumchen daher, – ein Spruch dieser Art ist aber bei dem großen Reformator gar nicht nachweisbar. Wir müssen eigene formulieren. Angenommen im Herbst des Jahres 79 n. Chr. hätte ein wohlhabender Bürger Pompejis die Weissagung bekommen: in Kürze wird diese Stadt untergehen, es grummelt schon bedrohlich aus der Tiefe des Vesuvs. Würden wir ihn bewundern, wenn er furchtlos seinen Garten bestellt hätte statt sich außer Reichweite zu begeben?

Einerseits ist Optimismus hoch im Kurs, weil zukunftsorientiert. Andererseits wissen wir, dass nur die Wahrnehmung maximaler Gefahr eine echte Kehrtwendung veranlassen kann. Und nicht die Formel: es wird schon wieder werden…

Wir können uns nicht mehr außer Reichweite begeben, abgesehen davon, dass wir nicht einmal wohlhabend sind. Bei Markus Lanz habe ich kürzlich erfahren, dass man in San Francisco, „der reichsten Stadt dieses Planeten“, laut Statistik als arm gilt, wenn man weniger als 115.000 Dollar pro Jahr verdient. Und noch nie konnte man dort soviel Obdachlose sehen wie heute. Also: es sind hochinteressante Zusammenhänge, mit denen wir konfrontiert werden, und man sollte sich unbedingt um die Zukunft kümmern, – quia absurdum est, sagte man im alten Italien. Nein, auch dieser Satz ist nie so formuliert worden, wie man ihn zitiert. Dabei ist das Fazit, wie man lesen kann, ziemlich genau so, wie es gleich im Gespräch mit einem unverbesserlichen Optimisten zutage tritt.

ZITAT

Aber das ist nicht der Grund zum Aufhören und schon gar nicht das Ende von allem. Wir sollten uns vielmehr neu darauf besinnen, was uns wichtig ist. Deshalb, so Franzen, wird es jetzt Zeit, sich auf die Folgen vorzubereiten, zum Beispiel auf Brände, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme. Es geht aber auch darum, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um unsere Gesellschaften, unsere Demokratien zu festigen.

Ich weiß nicht, ob dieser Autor zu den Untergangspropheten gehört, die in der Markus-Lanz-Sendung vom 4. Februar 2020 apostrophiert wurden. In diesem Blog wurde er schon als bedenkenswert zitiert, als es die kleine Schrift noch gar nicht ohne weiteres zu kaufen gab. HIER.

Hier ist ein Protokoll dessen, was Harald Welzer in der Sendung gesagt hat. Vielleicht kann man alles in seinem Buch systematischer nachlesen, aber manches wirkt gerade in den locker (und engagiert) hingesprochenen Beiträgen inspirierender.

ZDF Sendung Markus Lanz 5.2.2020, nachzuhören bis 5.3.2020 HIER.

Zum Text (noch nicht vollständig lektoriert)

Lanz (ML)bei der Vorstellung der Gäste:

Wir müssen, schreibt er, endlich den Untergangspropheten ihre Uhr wegnehmen, die seit 40 Jahren auf 5 vor 12 steht, für diese – Achtung! – Lamentierökos richten wir eigene Nöhlreservate ein, und da gehen wir dann alle hin, wenn wir mal versehentlich gute Laune kriegen. Herzlich willkommen, Harald Welzer!

20 Minuten später…

Harald Welzer (im folgenden als HW)

20:35 Mich erschüttert, dass bei solchen Aussagen geklatscht wird. Also es ist wirklich irre, wir haben – ML stopp stopp, geklatscht wurde grade, weil Frau Wöhrl sagte, da sind Lobbyisten dahinter, die puschen (ja, aber) (alle durcheinander)

HW – wir haben nun eine ausgebaute Klimawissenschaft aus sehr sehr vielen verschiedenen Disziplinen zusammengesetzt, die seit vielen Jahrzehnten an diesem Thema arbeiten, es gibt eine weit, weit über 90prozentige Übereinstimmung der Befunde, die aus diesen unterschiedlichen Disziplinen kommen, dass wir es mit einem menschengemachten Klimawandel zu tun haben, und wir wissen auch mit einer hinreichenden Sicherheit, wie die Sache sich weiter entwickelt, und wir wissen auch, dass es an Treibhausgasen liegt.Das gibt es in keinem andern wissenschaftlichen Bereich – ich bin selber Wissenschaftler -, dass es einen solchen Konsens gibt. Und wenn es bezahlte[r] Institute usw. gibt, die insbesondere in den USA seit vielen vielen Jahren gegenteilige Dinge behaupten, dann sind es nicht – die Wissenschaftler sind sich nicht einig, sondern die WissenschaftlerInnen, die von dem Thema was verstehen und da arbeiten, sind sich einig. Deshalb gibt es die Berichte vom IPCC (ML: Weltklimarat usw.) usw. usw., und man kann auch nicht sagen, – und deshalb finde ich es hier auch nicht berechtigt an der Stelle zu klatschen – beide werden bezahlt. Ich glaube, es gibt ne ganze Reihe von WissenschaftlerInnen, gerade in dem Umweltbereich, im Klimabereich, die haben eine echte Besorgnis über ihre Forschungsergebnisse, die kommunizieren die nicht deswegen, weil sie dafür bezahlt werden, sondern weil sie als Wissenschaftler sehen, wir haben ein riesiges Problem. Dieses Problem haben wir seit mindestens 1972 erkannt, als „Die Grenzen des Wachstums“ erschienen sind, seitdem wissen wir das (ML: Club of Rome!) ja, ja, und nennen uns selber eine Wissensgesellschaft, aus diesen Wissensbeständen werden kaum Konsequenzen gezogen, das ist der Punkt! (22:50 Einspruch von Heiner Lauterbach über Situation „auf beiden Lagern“, Dagmar Wöhrl über politische Interessen, ML „es geht immer um die Schuldzuweisungen, es geht doch vielmehr um die Frage: wie gehen wir mit dem Klimawandel um in der Zukunft“ ML: „wie gelingt es, diese Polarisierung aufzuheben?“)

22:50 Na ja, ich würde eigentlich – und dann können wir auch harmonischer werden in der Runde – ich glaube, da gäbe es ja eine Übereinstimmung, woran es uns da elementar fehlt, sind tatsächlich Zukunftsbilder, und Gesellschaften, dieses Typs, also der westlich-liberalen Demokratien, sind ja immer erfolgreich gewesen, weil sie immer ne Vorstellung hatten: wer wollen wir sein? Wo soll diese Gesellschaft (ML sie sagen: immer neuer, immer besser, immer mehr, das ist sozusagen unser Mantra) ja, darauf ist es zusammengeschrumpft, ja, aber dass es mal ne Gesellschaft gewesen ist, die gesagt hat, jetzt kommen diese Klischee-Zitate „mehr Demokratie wagen“, aber „Öffnung des Bildungssystems“, großes Programm der 1960er Jahre, ich hab da extrem von profitiert, als Ziel: wir müssen eine andere Gesellschaft sein, mehr sozialen Ausgleich, mehr Partizipation etc. etc. oder auf der symbolischen Ebene solche Dinge wie Apollo-Projekt, Eroberung des Weltraums usw.usw., also Dinge, wo Gesellschaft nicht einfach nur um ihre eigene Gegenwart kreist, sondern wo sie eine Vorstellung hat: da sind Ziele, da wollen wir hin, da wollen wir auch alle mitnehmen. (ML: Heute, also, Apollo ist abgehakt, für mich zumindest, aber – E-Mobilität wär doch so’n Ziel…)

22:50 Aber das ist doch kein identifikationsstiftendes Ziel, das ist doch dasselbe wie jetzt, nur Sie haben n Antrieb ausgetauscht, ist doch nichts, wo man sagt: au, cool!!! 2050 haben wir nur noch E-Autos (ML: also 50 sagen Sie jetzt…ganz cool, ehrlich gesagt, in ner Innenstadt zu leben, die nicht mehr stinkt morgens, nach Abgasen) ich fänd’s ja viel cooler in ner Innenstadt zu leben, wo es keine Autos mehr gibt (auch gut! Beifall können wir uns sofort drauf einigen), aber vielleicht verbirgt sich genau dort der Witz, dass es dort auch so etwas wie Utopien geben, Visionen geben muss, wir könnten uns vorstellen, – dieses Thema, das wir zu Anfang hatten, wir haben keine soziale Ungleichheit in diesem Ausmaß mehr, meine ich keine sozialistische … ja? aber keine soziale Ungleichheit in dem Sinne, dass Menschen zur Tafel gehen müssen, wenn sie was zu essen haben wollen. Wir könnten doch ein Zukunftsbild haben, dass wir eine Gesellschaft haben, in der alle anständig essen können, ich meine, dass man im Jahr 2020 sowas überhaupt sagen muss. Oder das als Ziel ist ja schon bizarr. (ML Oder in die andere Richtung jetzt wenn Sie nach San Francisco gehen, also noch nie konnten Sie in der reichsten Stadt dieses Planeten, wo Sie glaube ich mit 114 000 Dollar mittlerweise offiziell arm sind, wenn Sie ein Jahreseinkommen von 115.000 Dollar haben, sind Sie statistisch arm, nie konnten Sie soviel Obdachlose dort sehen wie im Moment.)

Ja, selbstverständlich, und das ist in allen Metropolen, ehm, aber jetzt wollen wir nicht das Negative sagen, man könnte ja sagen: wir haben die Power, wir haben auch das Bildungssystem, wir haben auch sozusagen theoretische Motivation genug, uns diese Gesellschaft anders vorzustellen, nämlich eine, die viel weniger Ressourcen verbraucht, siehe Frage Mobilität, was ist die Mobilität der Zukunft? Ist das der Ersatz eines Energiegebers gegen einen andern, oder ist es intelligenter Bewegung, also sprich: nicht mit Autos, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die super funktionieren 29:21 weil sie digital orchestriert sind. Ist die Stadt der Zukunft, sieht die aus wie jetzt aussieht? Oder hat die ganz andere Nahversorgungskonzepte? Wird viel mehr Nahrung in der Städten angebaut? Usw. ML Nahrung? Nehmen Sie uns doch mal mit, lassen Sie uns frei denken , auch mal verrückt denken. Welche Ideen gibt’s da? Wie sieht sozusagen der Nahrungsmittelanbau der Zukunft aus?

HW Naja, da gibt es n ganzes Spektrum von Ideen, da geht von den Verical Gardening – das kennen die meisten: dass man Hochhäuser auch dafür verwendet, dass man in bestimmten Etagen die Nutzung der Fassaden, um Nahrungsmittel anzubauen, das gibt es als ganz konkrete Utopie, umgesetzt in Andernach, wo der Grünraumplaner der Stadt vor 10 Jahren auf die famose Idee gekommen ist, dass Stadtgrün auch verwendet werden kann, um Nahrungsmittel anzubauen. Seitdem nennen die sich die essbare Stadt, zeigen stolz vor, dass in ihrer Stadt Flächen usw. anders genutzt werden, die Bürger finden das zum Teil toll (glaub ich) nich? weil die jetzt sagen können, wir sind die mit der essbaren Stadt, ja, die haben viele Preise bekommen, und sowas, das sind so Ansätze, und das geht bis hin, dass man natürlich eh eh im Untergrund bestimmte Formen von Nahrungsmitteln anbauen kann usw. (ML Beispiel? Im Untergrund? Ohne Licht, ohne…) Ja, kann man machen, ich bin kein Biologe, aber da laufen solche Experimente oder in Rotterdam, da machen sie auf Poldern im Fluss sozusagen Kühe, ja, da machen sie Weidewirtschaft, es gibt total verrückte Geschichten, ehm, ich finde an solchen Dingen nur interessant, wir habe eigentlich keine – wie soll man sagen – keine Medienformate, wo solche Zukunftsbilder, die z.T. ja sehr konkret sind, wo die richtig sexy vermittelt werden (ML doch Sie heute grade hier, das ist doch cool / Wöhrl: aber man kann das doch auch immer nur ergänzend sehen, es sind ganz tolle Geschichten, man kann es sich ganz super vorstellen, aber es wird nichts das ersetzen, was notwendig ist, um alle zu ernähren) ML was machen wir mit der mit der mit dem Bevölkerungswachstum, das ja enorm ist, wenn man sich das mal anschaut, (HL das ist das Problem, das wir haben, das mit Abstand größte Problem, das wir habe, ist die Überbevölkerung. Sie sagen ja in einem Artikel, den ich gesehen habe von Ihnen, den ich unterschreiben würde, dass die Menschen durchaus in der Lage sind, 9 Milliarden Menschen zu ernähren, das ist nicht das Problem. Als ich auf die Welt kam, da hatten wir 3,5 Milliarden Menschen, jetzt haben wir mehr als doppelt so viel, man muss ja kein Mathematiker sein, was lässt Sie denn daran glauben, dass es bei 9 Milliarden bleibt?

HW Oh, das wiederum, sagen die Leute, die sich damit beschäftigen, Demographen, die können das relativ gut berechnen, weil sie sehen können, wie die Kinderzahlen sinken, (ML mit steigender Bildung…) mit steigender Bildung und bestimmten anderen sozialen Faktoren sinken die Kinderzahlen, auch heute schon, und dann können Sie hochrechen: wenn Sie weniger Kinder haben, haben Sie entsprechend in der nächsten Generation so und so viel Bevölkerungszuwachs oder -abnahme, und (HL dann muss man aber die Bildung heben, in Afrika zum Beispiel) ja, das kann man ja auch machen bzw. sollte man machen (ML es geht ja um Frauenbildung vor allem) ja, es gibt bei Bevölkerungswachstum keinen unendlichen Anstieg, es wird sich bei 9 – 9 ½ Milliarden irgendwie einpegeln. Da gibt’s sozusagen Übereinstimmung. Das macht das Problem nicht besonders klein, denn das sind immer noch sehr viele, wir haben durch Klimawandel und anderen Umweltstress natürlich immer mehr Probleme, diese Leute zu ernähren, nur über einen Faktor müsste man in dem Zusammenhang auch sprechen: dass natürlich die Menschen in den USA oder wir hier in der Bundesrepublik und so das Zehn- bis Zwanzigfache von dem verbrauchen, was Menschen in andern Teilen der Welt verbrauchen. Das heißt, wir müssen das Bevölkerungsproblem auch mit solchen teilen, und da kann die Lösung nicht sein: alle müssen so viel zuviel verbrauchen wie wir, das ist die Aufgabe…

Markus Lanz: Aber Ihr Buch gefällt mir deswegen so gut, Herr Welzer, ich hab das schon vorm Jahr gesagt, weil das ein optimistisches Buch ist, weil Sie sagen, wir müssen da für diese Öko-Lamentierer müssen wir eigentlich so Nöhlparks einrichten, da sperren wir die alle ein, da können die alle rummaulen von morgens bis abends, und diese Weltuntergangspropheten, bei denen die Uhren seit 40 Jahren auf 5 vor 12 stehen, äh, das kann man ja alles nicht mehr hören. Deswegen: wo ist sozusagen der positive Blick ins Morgen, wie lösen wir das? Wenn Sie sagen, zu recht ja sagen, wie kann das sein, dass wir weiterhin auf dem Niveau Spaß haben und Halligalli machen und CO2 in die Luft pusten, und die andern, die jetzt also grade erst dazukommen, die Schwellenländer, Indien und China usw., die jetzt aber auch partizipieren wollen, – dann können wir nicht einfach so weiter machen, was bedeutet das? Kommen dann tatsächlich die Verbote? Müssen wir runter von unserem Lebensstil? Oder gibt es ein gutes Leben, das nur anders gestaltet wird?

HW Ja, also ich hab ja für den Optimismus dieses Buches erstens subjektiv den Grund gehabt, dass ich dieses Gejammer nicht mehr hören kann, und diese pausenlosen Untergangsphantasien, die sind ja insofern eitel, diese Untergangsphantasien, weil wir heute auf dem allerhöchsten Niveau leben, das es in der Menschheitsgeschichte jemals gegeben hat. Das ist auch nicht pathetisch, das ist einfach so. Alle hier in diesem Saal leben besser als Ludwig der XIV., he? und das ist ja nicht nichts! Und die Lebenserwartung hat sich verdoppelt in den letzten hundert Jahren, alle diese Faktoren, und dann interessiert mich, wow, wenn das möglich gewesen ist, was waren denn die Bedingungen dafür, dass das möglich war? warum geht es heute so gut im Vergleich? Da haben wir n paar Faktoren: wir haben auf der einen Seite wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, wir haben enorme soziale Fortschritte, die haben sehr viel mit Gleichheit zu tun, die haben auch etwas mit der äh äh äh Emanzipation der Frauen zu tun, die haben was mit dem Bildungssystem zu tun, viele solcher Faktoren, und medizinischer Fortschritt natürlich auch, führen dann dazu, dass diese Lebensverhältnisse besser werden, aber – was immer nicht gesehen wird – es gehört auch n Gesellschaftssystem dazu, und wir leben in einem offenen Gesellschaftssystem, in einer Demokratie, die die Eigenschaft hat, sich permanent modernisieren zu können, weil sie Kritik zulässt, weil sie Bewegungen zulässt wie jetzt diese „Fridays for Future“, genau so wie die Grünen, die Öko-Bewegung war eine Modernisierungsbewegung, die brauchte diese Gesellschaft, ha, genau so brauchen wir jetzt die Kids ganz dringend, weil die Modernisierung geht nicht von den Altmaiers dieser Gesellschaft aus. Das muss man einfach mal so ganz schlicht sagen, das ist n Altersphänomen usw., auch das was wir als Realpolitik betrachten, hat ja in dem Sinne keinen Horizont, deshalb verstehen ja viele auch nicht, was wollen die eigentlich damit? Was bedeutet das jetzt, wie sieht denn unser Bildungssystem im Jahre 2030 aus, wie sehen unsere Städte, wie sieht unsere Mobilität 2030 aus? Das ist sozusagen pragmatisch, kurzfristig orientiert, macht aber keinen Horizont auf. Oder wir sehen mal das Beispiel der Autoindustrie: die Autoindustrie wird einen Strukturwandel durchmachen von der Dimension durchmachen, wie es vorher der Bergbau insbesondere im Ruhrgebiet vorexerziert hat. HÖREN WIR ETWAS DAVON? Wie sieht dieses Land nach der Autoindustrie aus? Das muss ja nicht negativ sein, das muss man abfedern, das nennt man Strukturwandelspolitik. Aber wir brauchen doch JETZT Visionen für die Zeit nach dem Auto. Wir brauchen Visionen für eine Zeit, wo diese Form von Emissionen – und übrigens auch Rohstoffverbrauch im ganzen, das ist eine verengte Diskussion, wenn wir nur über Emissionen sprechen. (Klar!) Wir haben – jetzt nach dem Davos-Gipfel wurde verkündet – wir haben jetzt globales Wachstum 2020 3,3 Prozent Wachstum: 3,3 Prozent Wachstum bedeutet 3,3 Prozent mehr Verbrauch – wie soll das auf einem Planeten, der jetzt unter Stress steht, funktionieren? Was haben wir für eine Vision für eine Wirtschaft jenseits des Wachstums? Und das meine ich mit Zukunftsbildern, die muss man nicht immer negativ bestimmen, es ist doch eine Herausforderung zu sagen: wir können’s doch viel besser. Ist doch viel interessanter als immer nur so weitermachen und hier und da herumzubasteln. Oder? 37:52 (Beifall)

*    *    *

Das Buch von Welzer – und zwei Rezensionen: hier.

Quellen und Rezensionen zu Jonathan Franzen in DIE ZEIT 30. Jan. 2020

DIE ZEIT 30.01.2020 Seite 37 Was, wenn es so kommt? Der Kampf gegen den Klimawandeöl ist verloren, sagt der Schriftsteller Jonathan Franzen. Manche Forscher behaupten gar, schon diesem Jahrzehnt breche die Zivilisation zusammen. Es ist Zeit, sich mit der „Kollapsologie“ zu befassen. Von Ulrich Schnabel. S.a. hier (leider mit Zahlschranke).

Kritik zum Begriff „Collapsologie“ siehe hier (Wikipedia Pablo Servigne)

DIE ZEIT 30.01.2020 Seite 53 Werden wir untergehen Jonathan Franzens jüngster klimapolitischer Essay hat spektakuläre Shitstorms ausgelöst. Jetzt kann man ihn auf Deutsch lesen. Von Elisabeth Thadden. S.a. hier (ohne Zahlschranke)

Zur Quellenseite der ZEIT hier = Zugang zu der folgenden Übersicht; dort kann kann man die einzelnen unterstrichenen Texte oder Infos anklicken.

 Screenshot

Der Aufsatz „Deep Adaptation“ („Tiefenanpassung“) von Jem Bendell auf deutsch als pdf. abrufbar hier.

Solingen – Kunst und Leben

Zwei Spaziergänge

Ich liebe das Solinger Industrie-Museum, nicht nur die Maschinen und die didaktische Aufbereitung der ganzen Gesenkschmiede, sondern besonders den Geruch und das Mauerwerk. Und eine neue Dimension öffnet sich, wenn darauf die Bilder eines Meisterfotografen und Menschenfreundes zu sehen sind, wie hier am 2. Februar 2020 (und auch jetzt noch!).

 

Alle auf diesen Amateur-Fotos abgelichteten echten Fotos stammen von Uli Preuss. Ich danke für die Erlaubnis, sie hier wiederzugeben! Zwei Links zu seiner Person – hier und hier.

Natürlich ist es nicht adäquat, solche Bilder quasi im Vorübergehen mit dem Smartphone einzufangen. Ich brenne darauf, einige „Originale“ in der wahren Qualität wiedergeben zu können. Und auch den Meister selbst bei der Arbeit zeigen zu können. Andererseits geht es mir auch darum, quasi nebenbei eine Ahnung von der Weltoffenheit dieser Stadt im Bergischen Land zu vermitteln. Als mein Sohn ganz klein war, hat er mich bei einem Spaziergang mal mit der Frage überrascht: „Wo is einklich die Welt?“ Und ich habe ihn vielleicht nicht auf die Natur da draußen verwiesen, sondern auf all die Bilderbücher. Eins meiner Lieblingsbücher bis heute heißt übrigens „SEHEN. Das Bild der Welt in der Bilderwelt“. Der Autor ist John Berger. Ich weiß nicht, ob es auch schon eine Reisebuch von Uli Preuss gibt. Als ich ihn jetzt anschrieb, kam die Antwort aus Abu Dhabi, Zwischenstopp auf dem Rückflug von Kambodscha… Während ich aus der Ohligser Heide heimkehrte. Und heute in Düsseldorf verabredet war. Immerhin.

In der Ohligser Heide 7. Februar 2010

Alle Fotos JR Smartphone Huawei (Keine Kunst)

Sonntag 9. Februar 2020

Heute sind Originalfotos von Uli Preuss eingetroffen, unfassbar schön und erschütternd. An dieser Stelle nur zwei aus Kabul (bitte anklicken und vergrößern!), die mir unvermittelt eine Welt und eine Zeit vor Augen stellt, die ich vor 45 Jahren selbst intensiv erlebt habe: als habe sich nichts verändert (abgesehen von den Autos) – aber was hat sich dort in der Zwischenzeit alles abgespielt. Großer Dank an den Fotografen!

Fotos ©Uli Preuss Solingen (siehe auch hier)

Ich zitiere aus dem oben – „vor 45 Jahren“ – verlinkten Artikel von Sven Hansen:

 „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“, lautet der bekannteste Spruch der Taliban. Als hätte es dafür noch einen weiteren Beleg gebraucht, ist Ende 2014 auch der Nato, die Afghanistan mit ihrem „Krieg gegen den Terror“ unter Kontrolle bekommen wollte, die Zeit davon gelaufen.

Nietzsche und seine Schwester

Notiz anlässlich eines Filmes

Foto JR Düsseldorf: Edvard Munch malte die Schwester (zu dem nach einem Foto gemalten Nietzsche-Bild siehe hier)

Wikipedia über E. Förster-Nietzsche Hier

Wikipedia über Nietzsche (als erste Orientierung) Hier

https://www.arte.tv/de/videos/062255-000-A/wahnsinn-nietzsche/

Hier  Nietzsche-Film bis 5.3.2020 52 Min.

ZITAT Pressetext

Verfügbar vom 29/01/2020 bis 05/03/2020

Aufklärer, Visionär, Vordenker totalitärer Systeme – ist Nietzsche wirklich der, für den wir ihn halten? Was waren seine Ideen, und was wird dafür gehalten? Und welchen Einfluss hatte seine Schwester auf ihren Bruder? „Wahnsinn! Nietzsche!“ bringt einen Fälschungsskandal ans Licht, der in der deutschen Geistesgeschichte beispiellos ist. Nach einem Zusammenbruch verbringt der bis dahin nahezu unbekannte Philosoph sein Dasein in vollkommener geistiger Umnachtung. Seltsam ist: Nietzsche wird nach seinem Zusammenbruch plötzlich über Nacht berühmt. Seine Bücher finden reißenden Absatz, Millionen erklären Gott endgültig für tot und Nietzsche zum Propheten ihrer schöpferischen Befreiung. Nicht nur das linke, auch das rechte Spektrum beruft sich auf Nietzsche. Der aufstrebende Adolf Hitler beruft sich auf den Philosophen als seinen ideologischen Vordenker. Das prägt das Bild Nietzsches: Bis heute gilt er als der große Blut- und Bodenphilosoph, als Autor des Werks „Der Wille zur Macht“. Doch gerade hier gibt es Zweifel: Wann soll Nietzsche das Buch verfasst haben, das unmittelbar nach seinem Tod auf den Markt kam? Nach seinem Zusammenbruch? Vorher? Oder ist das einflussreiche Werk eine Fälschung? Und ist Nietzsches eigene Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche dafür verantwortlich? „Wahnsinn! Nietzsche!“ ermittelt die Hintergründe und Folgen einer kriminellen Werkfälschung im Stil eines modernen Untersuchungsverfahrens. Die Geschichte führt aber auch in die Abgründe einer ungewöhnlich engen Geschwisterbeziehung und macht den Philosophen Friedrich Nietzsche als Menschen spürbar.

In the Key of Genius

Klavier und Tastsinn

Auf meinem Flügel liegt ein Klavierstück, das ich zu üben versprach: es ist schön, – 99 Takte, nicht unspielbar, aber auch leicht zu verderben, weil es mit überaus feinen Schattierungen arbeitet. Es stammt von dem Stuttgarter Komponisten Jan Kopp und heißt:

Dann fiel mir Strawinsky ein, für den das Klavier eine besondere Rolle gespielt hat, ich suchte nach entsprechenden Quellen in meinem Bücherschrank und im Internet. Ich blätterte in einer frühen Strawinsky-Monographie, die mich um 1960 beeindruckt hat, Robert Craft war daran beteiligt. Als ich in Berlin zu studieren begann, war er mir deshalb ein Begriff: ein paar helle Köpfe unter meinen Kommilitonen kauften damals seine Gesamtaufnahme der Werke Anton Weberns. Andere helle Köpfe gingen bereits dazu über, diese Gesamtaufnahme massiv zu kritisieren. Und jetzt – nach bald 50 Jahren entdeckte ich einen Youtube-Film, der etwa zur gleichen Zeit entstanden ist, wie hätte mich das damals aufgeregt. In der Oetkerhalle in Bielefeld hatte ich Apollon Musagète (oder „Cantata“?) gehört, ein bestimmtes Motiv wurde mein Klingelton, wenn ich nach Hause zurückkehrte. (Nicht im Handy… an der Wohnungstür.)

 Strawinsky JR

Wiedergefunden nach 22 Minuten (durchaus verständlich, dass mir von damals nur 1 Motiv in Erinnerung blieb, nicht wahr? und die Tatsache, dass im Text eine Nonne von Jesus „in ihrem Bettelein“ sprach, ein Missverständnis zweifellos):

 Cantata 1951

Und heute: Robert Craft im Gespräch mit Strawinsky, über „Agon“, über Webern, am Anfang der Meister allein am Flügel, wie er Einzeltöne anschlägt, Intervalle, es rührte mich: alles, die Situation der Einsamkeit, – wie er die Notenlinien mit einer Schablone zieht, wie er Intervalle anschlägt. Etwas roh, nicht schön, nicht einstudiert. Wie er Robert Craft aus dem Hintergrund herbeiruft, und wie er auf die Taubheit Beethovens kommt.

Als ich mir die Noten für „Tasten Hören“ wieder aufs Notenpult legte, stellte ich mir unwillkürlich Beethoven mit Strawinskys Gesicht vor, wie er – einen Bleistift im Mund – die Vibration einer Taste einfängt. „They have to touch the music, not only to hear it!“ (siehe zweites Video weiter unten bei 2:43!) –  Aber wie kam ich auf das erste Video? Vielleicht über das Wort „key“ ? Das englische Wort heißt Schlüssel, aber auch Taste und Tonart. Und mir fiel ein, dass in einem Bericht über „Inselbegabungen“, wenn es um Musik geht, immer das Klavier auftaucht und die Wirkung einzelner Töne rings umher. Das Gedächtnis der Kinder, die Häufigkeit des absoluten Gehörs. Das Wort „Savants“ fiel mir ein, man sehe fürs erste, was im Wikipedia-Artikel zur Inselbegabung steht,  hier -, und ich erinnerte mich dunkel an die Behandlung des Phänomens bei Douwe Draaisma, da ist schon die Stelle:

Savants spielen Klavier – keine Gitarre, keine Violine, keine Oboe: Klavier. Fast alle Savants haben eine visuelle Behinderung. (…) Alle Savants haben einschneidende Sprachstörungen. Wenn überhaupt eine Sprachentwicklung in Gang kommt, ist diese verzögert. Der Wortschatz bleibt sehr begrenzt. Selbst wenn Savants lange Textstücke oder Unterhaltungen wörtlich wiederholen können (….), verstehen sie ihre Bedeutung nicht.

Damit waren für mich genügend Rätsel angedeutet, und ich saß nun etwas ratlos mit meinem Strawinsky-Buch, in dem ich mir damals schon die jetzt irgendwie passenden Äußerungen unterstrichen hatte. Im Hintergrund immer noch die Frage nach den prinzipiellen Unterschieden musikalischer Begabung und einer Dialektik, die ich seit 13.V.1960 durch erste gründliche Adorno-Lektüre kennenlernte: sie irritierte mich, da es mir nicht passte, Strawinsky als Antipoden Schönbergs aufzufassen (wie „Die Philosophie der Neuen Musik“ nahelegte). Für heute gilt: diese beiden Videos müssen natürlich überhaupt nicht aufeinander bezogen werden, aber der Zufall will, dass das eine im anderen nachwirkt, und mir genügt es, dass das eine Video die Erinnerung an jenes Strawinsky-Buch von 1960 plus Adorno wiederbelebt, das andere aber jenes von Draaisma auf den Tisch zaubert, das im Untertitel „Von den Rätseln unserer Erinnerung“ zu erzählen verspricht. Und dort nun, unter den Namen der musikalischen Savants, die nichts vergessen, was sie einmal gelernt haben, befindet sich eben auch der, der auf dem Video „In the Key of Genius“ mit seinem Mentor zu sehen ist: Derek Paravicini.

Quelle Douwe Draaisma: „Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird. Von den Rätseln unserer Erinnerung“. (Piper Verlag 2006 / 2009)

Die Hervorhebungen in roter Farbe stammen natürlich von mir. Und ich bleibe bei diesem einen Beispiel, weil es auch allgemein Licht auf das Phänomen der musikalischen Begabung wirft:

Ein paar Anregungen für „normal musikalische“ Menschen: bei 4:52 gibt es das Fragment einer Aufnahme des Vierjährigen, er hat das Stück durch Zuhören gelernt. Ab 8:03 wird sein absolutes Gehör demonstriert: er kann jeden beliebigen Ton, den er hört (aber nicht auf der Tastatur sieht), augenblicklich anschlagen. Genau so geht es mit Tonleitern, interessant, mit welchem Fingersatz er die C-dur-Tonleiter nachspielt, nämlich so, wie er ihn wohl einmal „ertastet“ hat: er schlägt den ersten Ton mit dem 2. Finger an und schiebt sofort den Daumen nach, abwärts arbeitet dann der Daumen allein, ab 8:20 –  21 21 21 21 21 21 21 21 1 1 1 1 1 1 1 1 . Wie erfasst er einen „disharmonischen“ Cluster von Tönen? Er identifiziert alle Einzeltöne in einem Moment, ab 8:50, und schlägt sie ohne Zögern als Cluster an. Ab 9:41 noch einmal die ausgedehntere C-dur-Skala wegen des Fingersatzes (genau wie vorher) und ab 10:08 der „Hummelflug“, ab 11:00 kann man die rechte Hand von oben auf den Tasten beobachten.

http://www.derekparavicini.net/index.html bzw. hier

ZITATE Draaisma

Als er [Derek Paravicini] ungefähr zwei Jahre alt war, fiel seine Empfänglichkeit für Klänge auf: was er auch an Geräuschen hörte, im Radio, aber auch das Zwitschern von Vögeln oder das Ticken und Klingen von Gläsern und Besteck, versuchte er mit der Stimme nachzuahmen. Auf einer elektrischen Kinderorgel spielte er nach, was er an Liedern hörte. Ein Jahr später kaufen ihm seine Eltern ein Klavier. Adam Ockelford, Musikdozent an einem Institut für mehrfach behinderte Kinder und Dereks Mentor, hat sein Talent zur weiteren Entwicklung gebracht. Als er neun war, gab Derek Konzerte mit Jazzensembles. Alle Hölzernheit seiner Motorik, schreibt Ockelford, verschwindet in dem Moment, wo er die Tasten spürt. Mit denselben Händen, die noch keinen Knopf oder Gürtel schließen können, spielt er die kompliziertesten Musikstücke.

Das Einstudieren von Stücken kostet Zeit, Derek muß ein neues Stück jeden Tag ein paarmal hören, bevor es in seinem Gedächtnis gespeichert wird. Aber wenn es dort erst einmal ist, wird es nie mehr verloren gehen. (Seite 117)

Derek spricht nicht, er äußert nur Klänge, kann außer Musik kaum etwas lernen. Aber dieses eine Talent ist nicht rein reproduktiv. Derek improvisiert gern. Wenn er jemanden begleitet, der nicht mit der richtigen Note anfängt, kann er sofort die passende Transposition finden, egal wie kompliziert die Begleitung ist. Alle Stücke, die er im Repertoire hat, kann er in jeder gewünschten Tonart spielen. Sein Talent, macht Ockelford deutlich, beruht nicht auf ‚instant recall‘, sondern auf einer gut entwickelten Fähigkeit, musikalische Strukturen zu manipulieren. (Seite 118)

Auch musikalische Savants sind meist männlichen Geschlechts, zeigen Verhaltensmuster, die mit Autismus assoziiert werden, und entwickeln kaum Sprache. Gerade letzteres wird bei musikalischen Savants als entscheidender Hinweis für den Ursprung ihres Könnens gesehen; (….). (Seite 119)

In den Fertigkeiten von Savants liegt eine seltsame, paradoxe Spannung. Auf der einen Seite sind es oft die einzelnen, trivialen Fakten, die so beharrlich memoriert werden. In dieser Hinsicht ist ihr Gedächtnis außerordentlich selektiv. Savants behalten (…) die oberflächlichen Fakten, nicht die Zusammenhänge und Kategorien. Auf der anderen Seite scheinen Savants Zugang zu Regelmäßigkeiten zu haben, die unter der Oberfläche liegen, seien es nun die Einteilung eines Kalenders, die harmonischen Strukturen in einem Musikstück oder die Gesetze der Perspektive. Dieser Zugang scheint eine Fähigkeit zu erfordern, die beim Auswendiglernen gerade so sehr fehlt: Abstraktion. Wie kommt es, daß ein musikalischer Savant Gefühl für die komplexe Ordnung von Akkorden und Tonarten hat, während ihm Sprachstrukturen verschlossen bleiben? (….) (Seite 123)

Nahezu alle musikalischen Savants haben schwere Sprachstörungen. Damit verfällt eine psychische Funktion, die unter normalen Umständen gerade der wichtigste Kommunikationskanal ist. Das bedeutet auch, daß eine mögliche Blockade für die Entwicklung anderer Funktionen entfällt. Sprache und Musik haben in mancherlei Hinsicht rivalisierende Funktionen, wobei sich Sprache auf einer leicht vorherrschenden Position befindet: wir können sehr wohl lesen und sprechen, während im Hintergrund Musik erklingt, Musik dagegen wirklich zu hören, wenn dazwischen geredet wird, ist viel schwieriger. Savants entwickeln ihre Empfindsamkeit für Musik in einem Alter, das für die Entwicklung von Sprache ein kritischer Zeitraum ist. Die Energie, die normale Kinder in der Erwerb von Wortschatz stecken, das Gefühl für Klang und Intonation, das sie dafür entwickeln müssen, die Entdeckung der impliziten Regeln für Wortbildung und Satzbau, die Steuerung der subtilen Motorik für Lesen, Sprechen und Schreiben, die sie lernen müssen, das Erkennen von Buchstaben und Wortbildern – das alles hält der Savant für die Entwicklung und Verfeinerung seiner eigenen speziellen Begabung zur Verfügung. Wenn er dabei, so wie das fast immer der Fall ist, auch noch ein visuelles Handicap hat, kann das seine akustische Empfindsamkeit noch verstärken. Das Ergebnis ist das musikalische Äquivalent eines Wortschatzes, einer Grammatik und einer akzentlosen Beherrschung der Muttersprache. (Seite 125 f)

Diese kompensative Beziehung zur Sprache ist der Aspekt, der im Fall des musikalischen Savant so interessant ist. Andere Komponenten, die für das Musikverständnis des normal ausgestatteten Geistes wesentlich sind, spielen demnach keine oder nur eine geringe Rolle. Die Relation zwischen linker und rechter Gehirnhälfte hat aufgrund frühkindlicher Fehlentwicklungen eine andere Form angenommen (Forschungen von Galaburda und Geschwind ). Draaisma fasst zusammen:

Das menschliche Gehirn hat die Fähigkeit, selbst nach schwersten Verletzungen ein gewisses Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Verwüstung kann noch so groß sein – es entsteht eine neue Ordnung. Blockaden und Beschädigungen führen zu einem Netz aus Schleichwegen, Umleitungen und Notbrücken. Auf den Malus eines Handicaps folgt oft der Bonus der Kompensation, auf einen Defekt ein heimlicher Profit. Bei Savants kann dieses eine Talent einen Kanal für Kommunikation öffnen. (…) Savanttalente, sobald sie entdeckt und entwickelt sind, werden zu Kontaktstätten, um so wertvoller, wo Kommunikation in Sprache oft unmöglich ist. (…) Ockelford hat in seinem Institut für mehrfach Behinderte manchmal mit Menschen zu tun, die unter derselben Behinderung leiden wie Derek Paravicini, aber ihnen steht keine Musik zur Verfügung. Wenn so jemand aber ein gewisses Maß an Verstand hat und seine Gefühle mit anderen teilen will, führt dieser abgeschnittene Weg zu Enttäuschung, Frustration und Aggression. Für Derek dient Musik „ausschließlich dazu, mit seinen Freunden zu kommunizieren. Er würde sich  nie hinsetzen und sein Herz und seine Seele in einem Stück von Chopin ausschütten oder so. Musik ist für ihn kein Ziel an sich, sie ist ein Mittel, um etwas zu erreichen.“  (Seite 126)

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Fernsehsendung QUARKS WDR 11.02.2020 – noch abrufbar bis 11.02.2025

 HIER 

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Video ab 2:17 …hier sind die Intervalle, man muss die Musik berühren, nicht nur hören, denn Berühren ist – – – zu fühlen – die Vibrationen der Musik. Es ist eine wichtige Sache – Sie erinnern sich: als Beethoven schon vollständig taub war, nahm er den Stift in den Mund (Str. macht es mit einem Bleistift vor), und er spielte die Musik, während er so den Notenständer berührte (schlägt einen tiefen Ton an), um die Vibrationen zu spüren, weil er die brauchte — er musste die Vibrationen genießen – andernfalls wäre die Musik eine abstrakte Sache für ihn gewesen – und dies war es, was er nicht wünschte. Meistens am Klavier, meistens wenn er das Instrument berührte (klopft mit den Fingern auf die Flügelkante) zum Beispiel, wenn ich auf einen bestimmten Abstand zwischen den Fingern schaue, entspricht das Intervallen, und diese Intervalle sind wirklich musikalische Ideen. Manchmal zufällig. Und manchmal mit Absicht (engl. „will“). Und wir haben den Willen nicht geringzuschätzen, der Wille ist eine sehr wichtige Sache, ich denke wieder an Beethoven und seine Skizzenbücher, wie jeder heute weiß: was er mit Willen tat, das ist auch … ein Element des kreativen Prozesses.

Das sagt er in dem Beitrag „Antworten auf 35 Fragen“ (1975). In seinen „Erinnerungen“ (1936) war Strawinsky den Anfängen dieser Neigung nachgegangen:

Als ich neun Jahre alt war, nahmen meine Eltern eine Klavierlehrerin für mich. Ich lernte sehr schnell, Noten zu lesen, und betrieb das so ernsthaft, daß ich bald Lust bekam zu improvisieren. Dieser Tätigkeit widmete ich mich mit Hingabe, und für lange Zeit war sie meine Lieblingsbeschäftigung. Meine Improvisationen waren bestimmt nicht sehr interessant, denn man warf mir häufig vor, ich vertändele meine Zeit, statt regelmäßig zu üben. Ich allerdings war nicht dieser Ansicht, und sie verdroß mich sehr. Heute verstehe ich, daß man sich bei einem Bürschchen von neun Jahren um die Disziplin kümmert, aber dennoch muß ich sagen, daß diese dauernde Arbeit …

Quelle Igor Strawinsky: leben und werk von ihm selbst / Atlantis-Verlag Zürich u B.Schott’s Söhne Mainz 1957

13. Februar 2020 Das Buch ist eingetroffen:

Adam Ockelford: In the Key of Genius

The Extraordinary Life of Derek Paravicini

 Hutchinson London 2007

Menschen bei Munch

Drei Stunden in Düsseldorf

  

26.01.2020 Ankunft 12 Uhr s.a. hier

Es begann damit, dass wir uns in die gewundene Menschenschlange einreihten, die vor der Zugangstür des ersten Saales wartete, wie im Flughafen. Wenn zwei oder drei herauskamen, ging die entsprechende Anzahl hinein. Drinnen werden sie sich traubenförmig sammeln vor einzelnen Bildern. Im Konzertsaal ordnen sie sich als ein Ganzes, und die tönenden Bilder ziehen vorüber. Ginge es auch anders? Hör-Nischen, aus denen jeweils – sagen wir – 30 Takte tönen, sich wiederholend, bis man sie in allen Feinheiten verstanden hat; dann ginge man weiter, um die Fortsetzung zu hören, und am Ende machte man einen Rundgang durch den ganzen Saal, um die ganze Sinfonie im Zusammenhang zu hören. Was tun die Menschen, um die Bilder wahrzunehmen? Wirken sie auch unter sich, aufeinander, verteilt sich eine allgemeine Konzentration des Schauens im Raum? Ich glaube: ja. Obwohl ich nur einen einzigen Satz – abgesehen von einer kundigen Führerin vor dem Bild Nr. 1 mit der riesigen Sonne – gehört habe, der in Baritonlage unmittelbar beim Betreten des Raumes mit den hohen Portraitbildern ertönte und mich irritierte: „… na, das gefällt mir schon besser…“ Übrigens fand ich, obwohl ich allein der Bilder wegen gekommen war, dass alle Menschen, die sich auf ein Bild konzentrieren, in ihrer Körpersprache ebenso interessant wirken wie dieses selbst. Auch in ihrer Gruppendynamik. Und der Punkt, wenn der ägyptische oder nubische Wachmann sich dezent nähert und flüstert: „Dies ist das einzige Bild, das Sie nicht fotografieren dürfen!“ Warum? „Der Besitzer möchte es nicht.“

 

ZITAT Knausgård (Seite 157 f / s.u.)

Munch interessierte sich für das Serielle, sein Leben lang sortierte er Bilder in die Reihe ein und wieder aus, die er Der Lebensfries nannte; ihn beschäftigte, wie die Bilder in Beziehung  zueinander wirkten. Dazu schrieb er Folgendes:

„Am besten habe ich immer an meinen Gemälden über mich gearbeitet. Ich stellte sie zusammen und fühlte, dass einzelne Bilder in einer inhaltlichen Verbindung miteinander standen. Wenn sie zusammengestellt wurden, lief augenblicklich ein Klang durch sie hindurch, und sie waren ganz anders als jedes einzelne für sich. Es wurde eine Symphonie.

So kam ich auf die Idee, Friese zu malen.“

Sieht man in Ekely entstandene Fotos von Munch, ist er meistens von Bildern aus allen Schaffensphasen umgeben, wodurch der Eindruck eines work in progress entsteht, einer zusammenhängenden malerischen Bewegung, in deren Mitte er sich befindet. Als lebte er in seiner Malerei, ähnlich wie Proust, der in seinen letzten Jahren im Roman lebte.

ZITATende

Zur Idee LEBENSFRIES bei Munch siehe Wikipedia  HIER

ZITAT Knausgård (Seite 160 / s.u.)

Munch selbst schrieb über seine Bilde aus den neunziger Jahren:

„Ich malte Bild auf Bild nach den Eindrücken, die mir in bewegten Augenblicken ins Auge gefallen waren – malte die Linien und Farben, die ich vor meinem inneren Auge sah – auf der Netzhaut.

Ich malte nur das, woran ich mich erinnerte, ohne etwas hinzuzufügen – ohne Einzelheiten, die ich nicht mehr sah. Daher die Einfachheit dieser Bilder – die scheinbare Leere.

Ich malte Eindrücke aus meiner Kindheit – die ausradierten Farben aus dieser Zeit.

Indem ich die Farben und Linien und Formen malte, die ich in einer bewegten Stimmung gesehen hatte – wollte ich die bewegte Stimmung wie in einem Phonographen von Neuem vibrieren lassen.

So entstanden die Bilder im Lebensfries.“

   

 

Elisabeth Förster-Nietzsche 1906 und Ludvig Meyers Kinder 1894

Selbstbildnisse 1923-26 und 1888 (?)

Mittsommerabend 1942

 Zurück ins Düsseldorfer Tageslicht

 

 Heimfahrt

Bis 1.3.! Neue Motivation. Vor einem zweiten Besuch werde ich dies Buch durchgelesen haben:

Karl Ove Knausgård: So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche / Edvard Munch und seine Bilder / Aus dem Norwegischen von Paul Berf / Luchterhand Literaturverlag München 2017 ISBN 978-3-630-87589-7

Alle Handy-Fotos JR

Neuer Besuch (mit Rainer Prüss) 8. Februar 2020 11 Uhr

Inzwischen ist George Steiner gestorben, am 3. Februar 2020

oben: Carl Hanser Verlag München Wien 1990

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Exkurs zur Dreizahl

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