Auf Wiedersehen & Auf Wiederhören!

Wie kam ich darauf? Ich hatte im Hotel in Bad Krozingen ein Bild mit einer Felsformation gesehen und fotografiert, bei der ich an eine seltsam abweisende Landschaft von Cézanne gedacht habe; diese wiederum war mir vor vielen Jahren in  einem Buch begegnet, in dem sie als Vergewaltigung der Natur gedeutet wurde. Und das suchte ich eilig (warum nur?) hervor, bevor ich heute morgen zur Quartettprobe abgeholt wurde. Nein, die Landschaften hatten keinerlei Ähnlichkeit, aber dann schlug sich plötzlich wie von selbst dieses ebenfalls nicht ganz angenehme (und dadurch faszinierende) Porträt auf, das ich vor einiger Zeit rekapituliert habe: nämlich hier. Ich ließ es aufgeschlagen … sagen wir … im Badezimmer liegen.

Gainsborough a Gainsborough b

Beethovens Quartett op. 127 ist von seinen späten Werken das, was ich am wenigsten kenne, nein: das ich sogar verdrängt habe, obwohl ich den langsamen Satz besonders liebte; damals, als ich alle Quartette dank des Zyklus mit dem Alban-Berg-Quartett mit Partitur und CDs studierte. Aufführung am 8. März 1989 in der Philharmonie. Es löste sich wahrscheinlich auf hinter meinem absoluten Lieblingswerk, das damals nach der Pause folgte: op. 59 Nr. 1. Jetzt habe ich manches nachgeholt und im Blick auf die Probe während der Krozingen-Reise unentwegt im Auto gehört (CD Auryn Quartet TACET 2004 Vol. 3), und je mehr es mir wieder näherrückte, desto besser verstand ich, weshalb es mir fremd geblieben war. Ich Esel! Ich habe trotz des langsamen Satzes den Gesang, das fortwährend singende Parlando, nicht verstanden. Und die vollkommene Leichtigkeit, den „Frohsinn“. Erst beim Spielen ging mir allmählich ein Licht auf. Und dann durch die Hinweise in der Literatur. Merkwürdig, dass man ohne die verbale Benennung dessen, was geschieht, oft sich selber im Wege steht. Es ist aber wie bei der Bildbetrachtung: man sieht vieles nicht. Sehen Sie zum Beispiel, was ich nie gesehen habe: sehen Sie, dass die vornehme Dame auf dem Bild von Thomas Gainsborough einen toten Vogel im Schoße hält?  (Vorsicht, vielleicht ist dies eine listige Falschinformation; benutzen Sie doch die Klickfunktion!)

Übrigens handelt es sich um ein durchgehendes Bild, die Unterteilung in der Mitte hat nur drucktechnische Gründe.

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Zu Beethovens Streichquartett op.127: Es gibt so viele lesenswerte Interpretationen, dass ich jedes Resümee vorläufig unterlasse. Zu verarbeiten sind neben Gerd Indorfs beiden Veröffentlichungen zu Beethovens Quartetten (abgesehen von den Kapiteln der Monographien von Riezler, Dahlhaus, Solomon) vor allem William Kinderman, Martin Cooper, Basil Lam (!), Joseph Kerman.

Gute Zusammenfassung im Text zu „Auryn’s Beethoven“ von Thomas Seedorf:

In keinem seiner vorangegangenen Quartette hat Beethoven jedoch dem langsamen Satz ein solches Gewicht und eine solche Ausdehnung gegeben wie in den Variationen in op. 127; nie zuvor hatte Beethoven im Kopfsatz eines Streichquartetts auf äußere Dramatisierung des musikalischen Geschenehens zugunsten einer alle Stimmen des Ensembles erfassenden Kantabilisierung verzichtet; kein anderes Scherzo war bislang aus so minimalistisch miteinander verstrickten Kleinstelementen erwachsen, kein Schlusssatz schließlich hatte je eine solche innere Ruhe bei äußerer Bewegtheit.

Nebenentdeckung: die Behandlung von op.128 „Der Kuss“, – ausgerechnet nach Lektüre der heutigen ZEIT betr. Sexualstrafrecht-Diskussion („Nein bedeutet Nein“), sehr besonnen: Sabine Rückert -, woraus folgen könnte: jetzt aber Schluss mit lustig, auch bei der Werk-Betrachtung!!! Wenn es nicht auch lustig wäre, sich dergestalt abzulenken. Bedenken wir doch Beethovens „strukturelles Konzept“.

Beethoven Der Kuss

Originalgedicht  hier

ZITAT

Grundlegender für Beethovens strukturelles Konzept und zugleich von essentieller Wichtigkeit für die Interpretation des Gedichts ist die Wortwiederholung, die Beethoven ausgiebig verwendet. (…) Dieser Vorgang der Ausspinnung einzelner Worte des Gedichts im Sinne einer größtmöglichen musikalischen und dramatischen Wirkung setzt sich in der zweiten Gedichthälfte fort. Vielsagend ist beispielsweise, wie grell und schrill die Worte „trotz ihrer Gegenwehr“ vertont sind.

Am wirkungsvollsten aber ist die Behandlung der beiden Schlußzeilen, die im Gedicht als Motto des gesamten Textes dienen. Chloe macht tatsächlich ihre Drohung wahr und schreit, allerdings erst lange, nach dem der Anlaß der Drohung, nämlich der Kuß, vorbei ist. Sie ist, natürlich, genauso erpicht auf den Austausch von Zärtlichkeiten wie der Dichter selbst, kann es sich aber nicht erlauben, auch so zu wirken. Diese Sprödigkeit und die Entlarvung weiblicher Kniffe enthalten ein ordentliches Quentchen Humor – und zugleich ein beträchtliches Problem für den Komponisten, der die Verse in Musik zu setzen versucht. Denn die Pointe des Gedichts wird weniger direkt durch die Worte erreicht, sondern vielmehr durch den Gedankenstrich, durch den der Dichter die vorletzte und die letzte Zeile voneinander trennt.

Quelle Beethoven Interpretationen seiner Werke (Hrsg. Riethmüller, Dahlhaus, Ringer) Wissensch. Buchgesellschaft Darmstadt 1996 Band 2 Seite 294: Ewan West: Klavierlied „Der Kuß“ op. 128

Der Kuß op 128

Für mich besonders bemerkenswert, weil hier der punktierte Auftakt vorkommt, den ich – jetzt ironisch akzentuiert – im Zusammenhang mit der „Marseillaise“ sehen möchte. Wie auch im dritten Satz von op.127. Von dort ein weiterer Gedankensprung: zu Bartóks Streichquartett Nr.VI, Satz II und darin die „Marcia“…

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Makowski Natur & Mensch Kindler 1983

(Vom toten Vogel S. 64 Autor: Bernhard Buderath)

Die verschlungen auslaufenden Beine des Bänkchens, die knorrigen Wurzeln, die sich in die Erde krallen, die Pfoten des Jagdhundes und Roberts Schnallenschuh zeigen das gemeinsame Formgefühl, dem die künstliche Einheit von Mensch, Tier und Landschaft entspringt. In der Art, wie der Hund, ebenfalls im Wechselschritt überkreuzt stehend und nach dem toten Vogel in Frances Schoß witternd, mit den Formen Roberts korrespondiert, verdeutlicht Gainsborough auch die Unterordnung des Tieres unter seinen Herrn. Die Richtung der witternden Hundeschnauze kreuzt die gesenkte Flinte, die äußerlich Robert als Jäger und damit Beherrscher seines Wildbestandes ausweist. Sie stimmt aber auch mit den verklausulierten erotischen Anspielungen des Bildes zusammen. In Verbindung mit den gebündelten Ähren, die ein Sinnbild der Fruchtbarkeit sind, der lässig geneigten Flinte und dem toten, leider nicht ausgeführten Vogel in Frances‘ Schoß mag der Maler auf die vollzogene Ehe anspielen. Dafür spricht auch, wie zwischen den beiden Bäumen rechts, die auffällig als Entsprechung der Vermählten die Balance des Bildes halten, ein drittes kleineres Bäumchen sich mit den beiden verzweigt und als Aufforderung zu oder Voraussetzung von bevorstehendem Nachwuchs gelten darf. Darin wird der Fortbestand der Familientradition gesichert. Denn auch das noch junge Leben der beiden wird einst hinfällig sein, woran Gainsborough durch den toten Vogel und die beiden abgestorbenen Bäume neben den kräftigen Baumgruppen in der Bildmitte gemahnt.

Quelle Henry Makowski / Bernhard Buderath: Die Natur dem Menschen untertan / verlegt bei Kindler, München 1983 / ISBN 3-463-00869-6 /