Kategorie-Archiv: Arabische Welt

Delacroix – der Film

Ein Orient

.    .    .    .    .    .

HIER den Film ansehen (bis 1.Mai 2021)

Was ich eigentlich gesucht hatte: eine  Möglichkeit den folgenden, langen Film mit demselben Thema aus einer Mediathek oder einem anderen Speicherort abzurufen, außerhalb meines privaten, den ich leider nicht weitervermitteln kann. Genau diesen Film, keinen nur thematisch ähnlichen, über den ich allerdings auch schon ganz froh bin. Merkwürdig, wieviele Versuche fehlschlagen, – es gibt ihn also nicht in der Mediathek. Mit solchen Bildern und Szenen! Oder? Eine halbe Stunde vergeht…

Und: ein Wunder! ich habe ihn doch gefunden, abrufbar bis 14. März 2021 !  HIER

Die oben abgebildete Szene „Jüdische Hochzeit in Marokko“ (Tanger) im Film ab 37:59

Sehen Sie, hören Sie, vergleichen Sie Realität und Imagination, z.B. ab 1:16:00

Was für ein Monat, der März, was für eine Entdeckung! Gerade dieser Film, alles ist gut, der Ton des begleitenden Textes, speziell die Experten. Und die Musik! Die Identifikation: meine erste Berührung mit dem Orient in Marokko, wann war das? Die Ankunft auf dem Flughafen Rabat, wir mit unsern Geigenkästen, – überwältigend die laue Abendluft, beneidenswert die unter Orangenbäumen ruhenden, palavernden Männer…

Eugène Delacroix – Ein Maler im Farbenrausch

Jahrzehntelang hat dieser 3 kg schwere, 579 Seiten starke Band aus dem Nachlass meines kunstliebenden Schwiegervaters ein Schattendasein bei mir im Foliantenregal geführt, jetzt kann ich stundenlang darin blättern; zum erstenmal frage ich mich, aus welchem Jahr er stammt (1967 – was für ein Zufall!) und was für einen Stellenwert der Verfasser René Huyghe hatte:

Es überrascht vielleicht, in welcher Hinsicht sich der junge Delacroix mit Deutschland befasst hat. Im Kopf eines solchen Künstlers geht halt mehr vor als eine flüchtige Anmerkung hergeben kann. Das Werk ist entscheidend. Das gilt hier genauso wie in Marokko oder Algier. Man lese unten die Sätze über Musik. Und oben die Kapitelüberschriften Seite 191 und 197.

Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, sobald ein Anflug von Orient-Schwärmerei aufzutauchen scheint, mit erhobenem Zeigefinger Edward Said zu zitieren, so auch ich; verweise dabei aber ganz besonders auf die Tatsache, dass Delacroix nur 1 einziges Mal und dann sehr pauschal einbezogen ist, inklusive ein Satz in Klammern, der Platz gibt für eigene Gedanken: „(worauf ich hier leider nicht näher eingehen kann)“.

Licht aus Oberägypten

Was ist aus Scheich Hans geworden?

Wir kennen uns seit Mitte der 50er Jahre, er wohnte wie ich in Bielefeld und ebenfalls unweit der Pauluskirche; er war in der Klasse meines älteren Bruders und fiel dort durch größte Belesenheit auf. Wir kamen im Landschulheim auf Langeoog ins Dauergespräch, wo in den Sommerferien auch Schüler aus verschiedenen Altersgruppen aufeinandertrafen. Wir lasen Hermann Hesse und Gottfried Benn, er studierte Romanistik in Paris und Freiburg (bei Hugo Friedrich), fasste Fuß in der Schweiz, wo er später jahrzehntelang als Gymnasiallehrer arbeitete, lebte auf dem Land in der Toscana, und später – halbjährlich wechselnd – in Oberägypten, um sich mit der arabischen Sprache eine neue Welt zu erschließen.

Also schrieb er am 10. Dezember 2020

„… vorgestern bin ich von einer viertägigen Reise nach Aswân (Assuan) zurück nach Luxor gekommen, und weil ich mit der Bahn gefahren bin, liess ich den Laptop daheim. Aber ich hatte das Handy mit, und so kann ich Dir anstelle eines langen Berichts einfach eine Serie von Fotos schicken, die vielleicht unmittelbar zeigen, was diese Region und die Menschen so faszinierend macht.“

„Der Aufenthalt in Aswân hat mir sehr gut getan. Diese Stadt ist viel schöner als Luxor, sie heißt Al-Nuba und ist noch sonniger und milder, weil sie 200 km weiter südlich liegt und noch näher am Rand der Wüste. Ich habe bei nubischen Freunden gewohnt, in einem Häuschen auf Klippen und Sand, ihre überschäumende Lebensfreude erlebt und ihre würzigen kulinarischen Köstlichkeiten genossen. Weil dieses Haus recht weit von der Stadt entfernt liegt (dort wo man die Nubier bei der Überflutung ihrer Dörfer angesiedelt hat. Diese liegen seit dem Bau des Hochdamms ja tief unten im Schlamm des Nassersees), fährt man mit dem Boot auf dem Nil ins Zentrum hinein, etwa eine Stunde lang, zwischen Felsen und Inseln hindurch, und freut sich an einem traumhaft schönen Panorama.“

Scheich Hans im Gespräch

 

   

In der Tat, die Bilder wecken zumindest das Verlangen, mehr über das Land zu erfahren, hier ist der Wikipedia-Artikel. (Alle Fotos oben: Hans Mauritz)

Foto-Quelle Wikipedia hier

Den Namen „al-Nuba“ hatte ich in den obigen Text eingefügt und trage gern eine Korrektur nach:

P.S. Ein kleines Missverständnis, das aber nicht weiter schlimm ist: al-Nuba ist eigentlich nicht der Name der Stadt Aswân, sondern des Siedlungsgebietes der Nubier südlich der Stadt, dort wo heute der Nassersee liegt, und weiter bis in den Sudan hinein. Ich habe al-Nuba auch benutzt für die Inseln und Hänge am Nil, auf denen man die Nubier angesiedelt hat, und die liegen tatsächlich in felsigen und sandigen Gebieten, die zur Stadt Aswân gehören. Einige Orte sind zu Anziehungspunkten der Touristen geworden, andere sind irgendwie Elendsquartiere, aber sauber, bunt bemalt und von nubischer Fröhlichkeit beseelt. Wer weiss, vielleicht geschieht ein Wunder: Und Ihr könnt nicht widerstehen und reist eines schönen Tages mit mir nach al-Nuba !?! (HM)

Darüberhinaus er erfahre ich, dass Dr. Hans Mauritz wieder einmal ein interessantes Buch übersetzt und durch einen Essay ergänzt hat, – aufschlussreiche Aspekte des gesellschaftlichen Lebens, weitgehend unbekannt im Westen, auch in der arabischen Welt mental ausgeblendet oder in den Untergrund verbannt. Im Abseits. Ich warte mit Spannung.

Es ist schon da:

www.kubri.ch

(Weiteres folgt)

Melodie & Rhythmus

Iran – Südindien

(Vorweg: lassen Sie sich nicht irreführen durch die Mimik des Protagonisten auf den Videos weiter unten, es handelt sich nicht um einen Komödianten, sondern um einen kenntnisreichen Rhythmiker…)

Um einzelne Parameter aus dem Gesamtblock der musikalischen Möglichkeiten herauszuarbeiten – was können wir da tun? Bescheiden bleiben, Pausen einlegen, sich nicht überfordern? Nein, man muss anfangen, an jedem Tag, ab Neujahr und bis Silvester – nicht zu bescheiden, vor allem nicht kleinmütig, aufs Ganze gehen, ziemlich hoch pokern, ja, nach den Sternen greifen, ich sage: alles was ich will ist alles! Ich will teilhaben an allem, was ich greifen (begreifen) kann, ein Stück Holz bearbeiten, einen Fußball auf der Zehenspitze jonglieren, und alles amalgamieren, was Menschen kreativ hervorbringen. Und jeden beobachten, der etwas Unbegreifbares lernt. Ich sage das, aber es gilt für alle.

In etwa dies. Und morgen etwas anderes. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie es mich enthusiasmiert hat, als ich die folgende Sammlung entdeckte, das war 1996. Konnte ich ihr als Mensch genügen? Nein, aber immer wieder werde ich darauf zurückkommen, werde mich begeistern für alles, was es in der Musik gibt und was mir etwas gibt. Bis an mein Lebensende, sage ich ohne Übertreibung. Oder soll ich etwa sagen: nein, jetzt ist zu spät? Oder: (noch viel schlimmer): kenn ich schon…

französisch

englisch

Kürzel unter den Artikeln: J.D.= Jean During, J.L.= Jean Lambert

Habe ich an dieser Stelle (Anmerkg. Libanon) nicht damals doch gesagt: kenn ich schon? Gottseidank! Mein gutes Jahr 1969! (Es begann eigentlich 1967.) Das hätte also sein können, – der Name, der da unten in roter Schrift steht, findet nähere Erklärung in dem Blog-Artikel „Arabisches Melisma“ hier.

Ginge es um iranische Musik, hätte ich sicher den Ausdruck „Tahrir“ darübergesetzt, der lexikalisch immer nach Kairo führt, für mich aber vor allem den unvergesslichen iranischen (fast gejodelten) Triller bezeichnet, der also gesungen wird. Ich schreibe es hierher, um mich daran zu erinnern (und an Ali Attar, der vor vielen Jahren eine WDR-Sendung darüber gemacht hat). Merkwürdig, dass diese sehr auffällige und ausdrucksvolle Technik oft sehr beiläufig behandelt wird, wie hier bei dem besten westlichen Kenner iranischer Musik Jean During:

Wichtig: die Ornamentation gehört zum wesentlichen Bestandteil der traditionellen iranischen Kunstmusik. Man kann sie nicht auf punktuell definierte Melodien reduzieren, selbst wenn jeder einzelne Ton manuell angerissen wird, wie bei den Langhalslauten TAR (zwei Klangkörper) und SETAR (ein Klangkörper).

Quelle Jean During: La Musique Iranienne. Tradition et Evolution / ISBN 2 86538-087-4  Institut Français d’Iranologie de Téhéran Bibliothèque Iranienne No.29 [den Autor kennenlernen? Radiosendung in frz. Sprache hier]

Dank für die Links an Manfred Bartmann!

Noch nicht alles verstanden? Vielleicht zuviel verpasst? Also: weiter zurückgehen!

Zur Entspannung:

Sinnenleben oder: Die Entdeckung des Spiegels

Wie wieder eins zum andern kam: das Buch, das Bild, der Film, die Musik, der Belting …

Aber wieso auch die Musik?

Noch einmal: die Musik? Wir werden es sehen und hören (Video extern hier) :

Und die Entdeckung des Spiegels? Siehe im folgenden Film ab 38:12 oder ab 47:05 „… durch Beobachtungen mit einer Spiegellinse … wie sollte das ohne optische Hilfsmittel gehen?“

Alhasen im Film schon ab 43:01: „im Bereich der Optik beschäftigte sich Jan van Eyck wissenschaftlich und technisch mit den Theorien Al-Hasins und allgemein mit den arabischen Lehren der Optik, die im 11. Jahrhundert in Kairo entstanden waren; im 15. Jahrhundert waren diese Texte vermutlich schon so weit verbreitet, dass Jan van Eyck sie kannte. Zugang zu ihnen hatte er möglicherweise in seiner Heimat Flandern oder auch auf seinen Reisen nach England, Portugal und Spanien erhalten.“ Das folgende Bild stammt aus dem Buch von Hans Belting:

 Wer ist Alhazen? Siehe Wikipedia HIER

DER FILM

Der Genter Altar

Dokumentation Frankreich / Belgien 2019 | arteMEDIATHEK

Nach achtjähriger Restaurierung hat die „Anbetung des Lammes“, ein Meisterwerk der Malereigeschichte, seinen ursprünglichen Glanz wiedergewonnen. Das 1432 eingeweihte Monumentalgemälde der Gebrüder Hubert und Jan van Eyck fesselt den Betrachter bis heute durch seinen erschütternden Realismus. Mit einer spektakulären Inszenierung, ergänzt durch Beiträge renommierter Kunsthistoriker und angesehener Maler wie David Hockney, deckt der Film die Hintergründe dieses revolutionären Werkes auf, das den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markiert.

 Abrufbar Hier

Versuche folgendes zu verstehen:

ZITAT Coccia

Ein Bild kann seine Ausmaße vergrößern oder verkleinern, es wird sie aber niemals in Einzelteile aufteilen, zerteilen, scheiden lassen. Das Sinnliche ist das Unteilbare, ein Intensivum, das sich rein akzidentell an die Extension koppelt. Eben darum, weil die Bilder die Fähigkeit besitzen, sich nicht nach dem Modus der Extension niederzulassen, sind sie überall: in der Luft, auf dem Wasser, auf Glas, auf Holz. Sie leben an der Oberfläche der Körper, ohne sich mit ihnen zu vermischen. Eine Melodie verharrt in der Luft, deckt sich in gewisser Hinsicht mit einer ihrer Eigenschaften, mit einer ihrer Vibrationen, aber darauf reduzieren lässt sie sich nicht. Die Existenz des Sinnlichen wird nicht durch das Vermögen einer spezifischen Materie determiniert, sondern durch das Vermögen der Form, außerhalb ihres natürlichen Habitats existieren zu können.

Diese Eigentümlichkeit verleiht dem Bild-sein einen weiteren paradoxen Wesenszug: Auch wenn ein Bild ut in puncto in seinem Substrat verharrt (also auf nichtextensive Weise), das heißt im Spiegel existiert, als würde es nur einen einzigen Punkt darin einnehmen, behält es die Form oder Erscheinung der Ausmaße eines natürlichen Körpers bei. Es ist weder lang noch breit noch tief, aber es behält die Erscheinung dieser Ausmaße bei, es ist deren ratio cognoscendi  oder Erkenntnisgrund. Auch deswegen kann ein Spiegel die Gestalt von Dingen in sich fassen, die viel größer sind als er selbst.

Das Leben der Spiegelbilder, argumentieren schließlich die Scholastiker, determiniert eine vollkommen substanzlose Existenzform: Der Spiegel, der Bilder aufnimmt, verändert weder seine Identität noch seine Natur noch seine Substanz. Er verwandelt sich nicht. Das Sein des Spiegels bleibt unveränderlich, stabil, identisch. Die im Spiegel reflektierte Form hingegen ist immer noch etwas. Aber welchen Seinsmodus hat sie? (…)

Quelle Emanuele Coccia: Sinnenleben Eine Philosophie Edition Akzente Hanser München 2020 (Seite 36f)  ISBN 978-3-446-26572-1

Zum Spiegel-Motiv siehe auch hier !

Bartóks Blaubart, indisches Grabmal, Polyfusion

Vormerken!

ZITAT arte

„Das Grabmal einer großen Liebe“ beschreibt den romantischen Werdegang einer Prinzessin in einem sagenumwobenen Land: Indien. Die große Liebesgeschichte spielt dabei fast ausschließlich hinter den Toren eines riesigen Fürstenpalasts. Eine beeindruckende Kulisse, die der Regisseur bewusst ins Blickfeld rückt.

 Trailer HIER  Film s.a. ganz unten

*    *    *

Bartóks Oper https://de.wikipedia.org/wiki/Herzog_Blaubarts_Burg hier

https://operlive.de/judith/

Hier nach dem „Konzert für Orchester“ ab 39:57

bis 26. März 2020 12:00 h !!! (Zu spät, ich habe die Frist versäumt)

ERSATZ (auf deutsch): https://www.youtube.com/watch?v=FSFFR9lSVJc HIER

über diese Film-Aufnahme hier !!!

Unbedingt kennenlernen:

https://www.ensembleresonanz.com/resonanzen/polyfusion/ HIER

Nachtrag Etwas Neues bei Resonanz (8. April 2020 Deryas Songbook) hier

*    *    *

 .    .    .    .    .    .

Abrufbar noch bis Ende Juni 2020 HIER

*    *    *

Das Mädchen Wajdah

Ebenfalls noch abrufbar bis Ende Juni 2020 HIER

ARTE-Text zum Inhalt:

Die zehnjährige Wadjda (Waad Mohammed) träumt von einem eigenen Fahrrad. Doch in Saudi-Arabien gilt das Fahrradfahren für Frauen als unschicklich und so hofft sie vergebens auf die Unterstützung ihrer Mutter. Doch Wadjda, die Jeans und Turnschuhe trägt, gibt ihren Traum nicht so leicht auf …  – Ein berührender Film (2012) der ersten saudi-arabischen Regisseurin Haifaa Al Mansour

Die zehnjährige Wadjda lebt in einem Vorort von Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. Obwohl sie in einem konservativen Umfeld aufwächst, trägt das rebellische und selbstbewusste Mädchen Jeans und Turnschuhe, hört Rockmusik und träumt nur von einer Sache: das grüne Fahrrad zu besitzen, das in einem Spielzeugladen zum Verkauf angeboten wird und an dem sie tagtäglich vorbeiläuft. Denn mit dem Fahrrad könnte sie es endlich mit ihrem Freund Abdullah aufnehmen und ihm davonflitzen. Im wahabitischen Königreich ist das Fahrradfahren allerdings Männern vorbehalten; auf die Unterstützung ihrer Mutter hofft sie vergebens. Doch so einfach gibt Wadjda ihren Traum nicht auf! Sie setzt alles daran, die Kaufsumme aufzutreiben, und versucht sich in verbotenen Geschäften auf dem Schulhof. Rasch fliegt sie auf und es droht ein Schulverweis. So bleibt ihr nur noch eine Möglichkeit: ein von der Schule organisierter Koran-Rezitationswettbewerb mit einem ausgesetzten Preisgeld. Wadjda versucht mit viel Eifer und Erfindungsgeist, vermeintlich fromm zu werden. Wird sie es schaffen, den Wettbewerb zu gewinnen? Während Wadjda alles unternimmt, um das sehnlich erwünschte Fahrrad zu bekommen, hat ihre Mutter ganz andere Probleme: Sie versucht zu verhindern, dass sich ihr Mann eine zweite Frau nimmt …

Wenn Sie unschlüssig sind, beginnen Sie – um der Musik willen – beim Wettbewerb im Koransingen, am besten schon bei der Vorübung (während des Bügelns) hier → 1:07:20 und versuchen Sie, ab 1:20:20 auszusteigen. (Es geht nicht.)

In diesem Abschnitt wird die Sure 2 „Die Kuh“ eine Rolle spielen, hier sind zwei Textwiedergaben aus einer Koranausgabe, die ich mir angeschafft habe, als mir die Studienausgabe von Rudi Paret zu abweisend erschien. Also nur der Anfang – es ist die längste Sure des Korans – und die Stelle, nach der sie „Die Kuh“  benannt ist:

Seite 22  Seite 27

Zitiert aus „Der Koran“ Nach der Übertragung von Ludwig Ullmann neu bearbeitet und erläutert von L.W.-Winter / Wilhelm Goldmann Verlag München 1959 ISBN 3-442-0521-3

Hommage an die großen Diven des Orients

Ein ARTE-Konzert sondergleichen – noch abrufbar bis 29.03.2020

 bitte anklicken und auch die kleinen Bilder rechts zur Kenntnis nehmen. Es bleibt interessant ! Zur Originalsendung jedoch nur über den folgenden Link:

HIER

https://www.arte.tv/de/videos/081568-000-A/hommage-an-die-grossen-diven-des-orients/

Ich habe es zum zweiten Mal gehört und gesehen / siehe die Reaktion damals hier im Blog. Jetzt haben wir die Sendung aufgezeichnet, um sie auch nach dem 29. März nicht mehr zu verlieren, und betrachten sie immer aufs neue: Arabische Musik als große Kunst. Man braucht die reale Länge, den Ernst der Aufführung, auch das Erlebnis der allmählichen Abflachung, es gibt keinen unüberwindlichen Graben zwischen hohem Ernst und spielerischer Leichtigkeit, bis hin zu den Dabke-Rhythmen und den Bändern der Terzparallelen am Schluss.

Um an die damaligen Analysen anzuknüpfen und zugleich den fachlichen Anspruch zu dämpfen, würde ich heute sagen: es genügt, mit großer Ruhe dem Verlauf der Melodie-Entwicklung zu folgen und zu versuchen die tonalen Bereiche liebzugewinnen, keinen (!) Ton für unsauber zu halten, es handelt sich gerade um die wunderbarsten Eigenarten des arabischen Tonsystems. Im dritten Teil des Abends werden nur die Skalen verwendet, die „zufällig“ der Dur- oder Mollskala der westlichen Musik entsprechen, auch weiß man natürlich wie eine gefällige, fassliche Melodik dem westlichen Verständnis entgegenkommt, und es ist kein Zufall, dass es dann ein wenig nach Balkan klingt (die „mazedonischen“ Terzen). In den großen Gesängen des Abends , z.B. „Al-Atlal“ nach Oum Kalthoum, genügt es empathisch mitzuerleben, wie der Schwerpunkt sich allmählich verlagert, vom Grundtonbereich aufwärts, welche Tonfiguren bevorzugt werden, wie die Ornamente wirken. Als würden mit ihrer Hilfe erst die Farben der Töne, ihre Charakteristik erzeugt. Manches ist nicht anders als bei Beethoven: bestimmte Entwicklungen, obwohl durch kompositorische Skizze und etwa durch Oum Kalthoums kongeniale Interpretation für immer minutiös festgelegt, erscheinen diese Tongebilde so frei und großartig, als würden sie erst heute, wie am ersten Tag der Schöpfung, erfunden und in den ahnungslosen akustischen Raum gezeichnet. Ahnungslos? Viele Menschen im Publikum könnten mitsingen, zumindest die Orchester-Refrains, sehr eigenartige Melodien des Komponisten Riad Al Sunbati. ( JR)

Pressetext:

91 Min. Länge / Nächste Ausstrahlung am Dienstag, 24. März um 05:00 (!)

Fairuz, Umm Kulthum, Leila Murad, Warda al Djazairan, Asmahan, Mayada Alhenawy – die Namen dieser Diven lassen die Herzen in der arabischen Welt höherschlagen. Im Westen sind diese in ihrer Heimat durchweg berühmten Künstlerinnen dagegen kaum bekannt. Drei junge arabische Sängerinnen interpretieren die Lieder ihrer großen Vorbilder in einem außergewöhnlichen Konzert.

Göttinen, Diven, Idole, Mythen – Seit den 1940er Jahren hat die arabische Welt zahlreiche Frauenstimmen hervorgebracht, die die Herzen von Männern, Frauen und Kindern haben höherschlagen lassen. Ob Umm Kulthum oder Leila Mourad aus Ägypten, Warda al Jazairia aus Algerien, Fairuz aus dem Libanon, Mayada El Hennaway aus Syrien oder die syrisch-ägyptische Diva Asmahan: Die Grandes Dames arabischer Populärmusik haben ganze Kulturkreise fasziniert. Zugleich verkörperten sie die Aufbruchsstimmung eines sich modernisierenden Volkes. Doch bis heute sind die orientalischen Diven und ihre Stücke in Europa kaum bekannt. Um dem entgegenzuwirken, veranstaltete die Pariser Philharmonie im Zuge der Ausstellung „Al Musiqa“ des Musée de la musique, die vom 6. April bis 19. August 2018 stattfand, zwei Wochenenden, die ganz im Zeichen arabischer Musik standen. Dazu lud sie am 12. Mai 2018 drei Sängerinnen dazu ein, im großen Saal die schönsten Stücke der arabischen Legenden neu zu interpretieren: Die libanesische Sängerin und Musikwissenschaftlerin Abeer Nehme, die im religiösen Register ebenso bewandert ist wie im populären, Dalal Abu Amneh aus Palästina, die seit ihrem sechzehnten Lebensjahr von ihren Musikerkollegen gefeiert wird, und Mai Faruk, eine der schönsten Stimmen Ägyptens. Begleitet wurden die drei Sängerinnen vom Orchestre du monde arabe unter der Leitung des palästinensischen Dirigenten Ramzi Aburedwan. Die Lieder handeln von Liebe, Poesie und vom Leben der arabischen Frauen.

  • Regie : Olivier Simonnet

    Mit :
  • Abeer Nehme (3) 01:02:30 bis 01:09:00 bis 01:21:39 / danach alle drei

  • Dalal Abu Amneh (1) 1:30 bis 30:55

  • Mai Faruk (2) 31:03 bis 01:01:01

  • Dirigent:
  • Ramzi Aburedwan

  • Orchester :
  • Arab World Orchestra
  • Land : Frankreich
  • Jahr : 2018

Beethoven 2020

Alles neu?

Vieles brauche ich nicht, sage ich mir, ich beschäftige mich mit Beethoven genau so lange wie mit Bach. Und immer wieder neu, dank neuer Biographien: nach Paul Bekker und vor allem Riezler kamen Dahlhaus, Solomon, Lockwood, Kropfinger (MGG), Geck und viel Analytisches zu den Klaviersonaten (Uhde), Sinfonien (Schenker), Streichquartetten (Kerman), dann die Zeit, als der Reihe nach alle Klaviertrios drankamen (eigene Texte für Intercord bzw. Tacet). Es gäbe keine schlimmere Aufgabe für mich, als jetzt alles das zu beurteilen, was anlässlich BTHVN2020 zu sehen und zu lesen war. Vor allem alles sehen und lesen zu müssen! Der 3sat-Tag ist als Ganzes in sechs Teilen noch in der ZDF-Mediathek abzurufen, ich bin oft im Laufe des Tages hängengeblieben, Jan Cayers ist ein kompetenter Erzähler, auch Buchbinder erreicht spielend, dass man dabeibleibt, während der Sprecher der Beethovenschen Originaltexte, die man  ohnehin schon irgendwoher kennt, Widerstand erzeugt, weil er als Schauspieler so tut, als erfinde er sie im Augenblick. Unglaubwürdigkeit ist auch die Crux jedes Beethoven-Spielfilms. Und nichts verträgt Beethoven weniger. Deshalb braucht man auch kein Mienenspiel bei Beethoven-Pianisten. Man ist als Interpret ein erlebender Mensch, aber kein Darsteller. Übrigens: Wenn man – wie ich – im Zusammenhang mit Beethovens Zauberformel „Menschheit“ darauf besteht, dass auch andere Kulturen auf der Welt existieren als die von Beethoven repräsentierte, erwähne ich als erstes, dass ich den Film „Diesen Kuss der ganzen Welt“ ganz furchtbar fand, ein Pseudokunstprodukt, das von Beethoven nur die Klischees benutzte (Ta-ta-ta-taaaa und Für Elise , die Schiller-Hymne oder im Fall Japan die gesamte Neunte als Dauerbrenner). Interessanter war die Buntheit des Angebotes in der Wochenzeitung DIE ZEIT, Titelthema „Beethoven, der Rebell“.  Das beginnt sehr schön mit Thea Dorn, und gerade die Nichtmusiker(innen) bestechen oft durch ihre seltsamen Ideen. Aber kein Musiker dürfte es wagen, öffentlich so über Literatur daherzureden wie zum  Beispiel Maxim Biller über Musik: ausgerechnet „im Arbeitszimmer der großen Eleonore Büning“  so unverhohlen seine Inkompetenz  zu entfalten.

„Frau Büning“, sage ich, „ich verstehe diese ganze Beethovensache nicht. Und deshalb verstehe ich auch mich selbst nicht. Wieso kann ich eigentlich nicht wie alle anderen den größten Komponisten aller Zeiten lieben?“

Mit diesem Einstieg will er offenbar selbst als der große Rebell auftreten, der alles ignoriert und gern von der Übermutter heimgeführt würde, wenn er nur könnte. Und sie soll tatsächlich versucht haben ihn einzufangen, indem sie freilaufende Einzelstücke wie die Egmont-Ouvertüre zum Abschuss freigibt: „Beethoven hat auch eine Menge schreckliches Zeug geschrieben. Vielleicht meinen Sie nur das.“ Als ob er ausgerechnet sowas kennte!

Nein, jetzt muss er prophylaktisch mit Weltoffenheit auftrumpfen, die in der Prominenz gern durch Verweis auf eine Weltstadt oder deren sattsam bekanntes Publikum, auf eine(n) andere(n) Prominente(n)  oder einen Taxifahrer bekundet wird. So auch hier:

Es war Sonntagmorgen, drei Tage vor Weihnachten, viele schliefen noch. Als ich kurz vorher mit dem Taxi durch die verlassenen, nebligen Straßen Berlins, der hässlichsten Stadt der Welt, die heute etwas weniger hässlich war als sonst, von Mitte nach Kreuzberg gefahren war, hatte ich den Fahrer gefragt, ob er Beethoven mag. Er kannte nicht einmal seinen Namen, er kannte nur Mozart, und den mochte er nicht. „Mein Herr“, sagte er, „ich bin Araber. Ich höre morgens Fairuz, das macht mich wach. Und abends höre ich vor dem Einschlafen Umm Kulthum, dabei kann ich immer sehr weit denken.“

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin: Erwachsen werden von Maxim Biller

Und er fährt fort:

„Ach, wie schön“, sagte Eleonore Büning, als ich ihr das erzählte, und jetzt spielte sie mir auf ihrem alten CD-Player den letzten Satz der Sturmsonate vor, damit ich auch mal etwas Gutes von Beethoven hörte und richtig weit denken konnte. Während wir zuhörten und ich leider nur dachte, zu viele Noten, zu viel Vergangenheit, zu viel Ernst und keine einzige Blue Note, schloss die große Büning glücklich die Augen. „Was soll ich machen?“, sagte sie, als sie nach ein paar Minuten auf die Stopptaste drückte, „Beethoven ist mein Leben.“

Manches klingt wie Ironie, abgesehen von „die große Büning“, was ja auch nicht witzig ist, sofern es nicht eine Anspielung ist (aber auf wen?), – etwa wie im Fall Joseph II., der zu Mozart gesagt haben soll, “ (…) gewaltig viel Noten, lieber Mozart“ (Mozarts Antwort: „Gerade so viel Noten, Eure Majestät, als nötig sind.“) – nein, das hat Maxim Biller garantiert nirgendwo gelesen, aber ein „zu viel Vergangenheit“, – wie kann man dies Zuviel besser ausdrücken als durch Hinweis auf den Mangel an Blue Notes, während man in Wahrheit die Zuhörerin meint, die bei so wenig action schon glücklich die Augen schließt. Nein, dieser Schlauberger wird sich Ironie nicht leisten:

„Kann es sein“, sagte ich und sah an der großen Büning vorbei aus dem Fenster, „dass Beethoven für mich das Ancien Régime ist und mich deshalb nicht interessiert?“

So kann er der kindliche Rebell bleiben, der mit Beethoven brach, als er ihn nicht verstand. Ein immerwährendes Trotzalter.

Beethovenhaus Bonn, Geburtszimmer mit Büste (Wiki Leonce49)

*    *    *

Etwas sehr Merkwürdiges ist mir passiert, während ich diesen Beitrag schrieb und über die Äußerung des arabischen Taxifahrers stolperte: da erinnerte ich mich an eine Aufnahme mit dem ägyptischen Sänger und Komponisten Mohammed Abdel Wahab, der auch der Komponist des Werkes „Enta Omri“ ist, das oben beim Namen Oum Kulthum angeklickt werden sollte (jetzt findet man dort – nach der Reklame ! – „Al-Atlal“ von Riad as-Sunbati), von Abdel Wahab gibt es jedoch auch eine bestimmte Aufnahme, die mit dem Zitat des Anfangs der Fünften von Beethoven beginnt. Sie müsste sich heutzutage im Internet recherchieren lassen. [Erste Spur: z.B. hier ab 1:51] Bei der Suche geriet ich allerdings ins Abseits, da ich auf eine Arbeit stieß, die mir bekannt vorkam, ja, und vielleicht lohnt es sich, diesen alten Vortrag noch im Blog zu veröffentlichen … das Beethovenjahr 2020 wäre kein schlechter Anlass, auch mich im großen Stil zu profilieren (Achtung: Selbstironie!), siehe hier. Oder, wenn’s nicht funktioniert, ⇒ ⇓

*    *    *

Jonas Kaufmann über eine Schlüsselstelle im „Fidelio“:

Nicht der körperliche Verfall eines Langzeitgefangenen darf hier zu hören sein, sondern der Seelenzustand des Verzweifelten, seine ekstatische Vision von Rettung und Befreiung. Genauso ist der allererste Ton dieser Szene, das aus dem Nichts kommende, immer stärker und immer dringlicher werdende „Gott!“, der Aufschrei einer gequälten Seele aber eben kein naturalistischer Schrei, sondern ein musikalischer Schrei, der die größte gesangstechnische Kontrolle erfordert. Ich weiß nicht, wie viel ich an diesem Crescendo gearbeitet habe. Jedenfalls hat es lange gedauert, bis es so klang, wie ich mir es vorgestellt habe. Das Publikum sollte bei solchen Phrasen nicht denken: „Toll, wie der das macht!“, sondern immer mit der dargestellten Person fühlen. Das ist die große Herausforderung: ganz in eine Figur hineinzuschlüpfen und trotzdem das nötige Quantum an Kontrolle darüber zu haben, was man da als Sänger und Darsteller tut.

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 53: Nicht einfach so nach links von Jonas Kaufmann

*    *     *

Eine so seltsame Begründung dafür, fast nichts von Beethoven zu kennen, habe ich noch nie gehört: es sei sozusagen nur ein Fitzelchen, „denn jedes zweite Fitzelchen Beethoven überfordert mich emotional derart, dass ich Jahre brauche, um es zu verarbeiten.“

Was heißt denn dann „verarbeiten“? Ich kenne die Sonate op. 26 nicht, op. 27 Nr.1 und Nr. 2 nicht, op. 28, – nein, warum denn die? Op. 31 Nr.1 und Nr. 3 wiederum nicht, warum soll ich ausgerechnet diese zwei Sonaten kennen?? Nach op. 28 hat Beethoven gesagt:  „Ich bin mit meinen bisherigen Arbeiten nicht zufrieden, von nun an will ich einen anderen Weg beschreiten“. Wenig später folgte op. 53, die „Waldstein“-Sonate, aber all das gilt für null und nichtig, nein, es überfordert mich unmäßig, nur eine einzige Sonate soll mir für Jahre (fürs Leben?) als emotionale Nahrung dienen, – nennen wir es so -, die siebzehnte, op. 31 Nr. 2, nichts von denen, die vorausgingen, nichts von denen, die ihr folgten? Es sind zweiunddreißig!!!

Und das sollen wir ernst nehmen? Wäre es nicht ebenso vernünftig, dieser Schriftstellerin zu erwidern: Ich lese vorläufig lieber kein Buch von dir, ich werde mich auf dein Spätwerk beschränken, das wird bestimmt emotional ausgeglichener? (Als Musiker kann man schließlich nicht alles Geschriebene lesen, man muss es auch noch spielend wiedergeben.)

Zugegeben: wenn man den ganzen Artikel von Eva Menasse liest, wird man nachsichtiger. (Die Sonate, die sie meint, heißt – mit Bezug auf Shakespeare – Sturmsonate, ohne dass dieser Titel viel bringt. Jede Beethovensonate ist ein Drama.)

ZITAT:

Das Leben ging über die Sturmobsession hinweg. Doch als ich begann, einen Roman zu schreiben, kam ich auf die Idee, wieder Klavierstunden zu nehmen. Bis heute ist Musik für mich die beste Art, das Gehirn zu dopen. Nur damit fährt mein Gehirn wie ein Computer runter und auf andere, geheimnisvolle Weise wieder rauf. Ich quälte mich täglich mit Bachs Inventionen, eine Stunde lang, dann ging ich schreiben. Bach ist faszinierend wie Mathematik, glasklar und vertrackt, aber für mich, in Wien auf Mozart großgezogen, praktisch unspielbar. Die Bach-Qual half fraglos dem Schreiben: Man beginnt den Tag mit etwas, von dem man Knoten im Kopf und Schreikrämpfe bekommt, danach geht fast alles andere leicht von der Hand.

Nur reichte es irgendwann der Lehrerin. Sie fand etwas Temperamentvolleres, Melodiöseres müsse her. Ich sei viel zu verspannt, Schulter beim Ohr, Bach ganz der Falsche. Mit einem Ruck zog sie den Sturm heraus, dritter Satz. Ich fiel fast in Ohnmacht. Sie spielte mir die linke Hand vor. Ist doch schön, sagte sie, gefällt dir das nicht? Aber man muss es nicht so schnell spielen.

Erst dachte ich, es sei Schändung, aber bald wurde mir klar, dass es die vollkommene Einverleibung war. Besser könnte man es niemals durchdringen, als sich Takt für Takt durchzuschlagen wie durch einen faszinierenden Urwald. Fragen Sie bitte nicht, wie es klang. Glauben Sie bitte nicht, ich hätte es je ohne hundertzwanzig Fehler geschafft.

Ich breche ab, es ist absurd. Nicht Bach war „ganz der Falsche“, sondern die Lehrerin. Und die Schülerin bleibt lebenslang bei ihrem absurden Ansatz: nämlich Erleuchtung von der scheinbar einzig wahren Interpretation zu erwarten, auch wenn sie endlich mal eine andere Sonate aus dem Beethoven-Angebot herausgreift. Die letzte Klaviersonate op. 111, die letzte muss ja die beste sein, da spielt dann auch Thomas Mann mit seinem Doktor Faustus hinein…

Meine 111er-Geschichte aber ist ganz kurz, denn nach Prüfung vieler Aufnahmen legte ich mich fest, auf die merkwürdigste und exzentrischste Interpretation: die von [Anatol Ugorski]

Ich will es gar nicht wissen, mag sein, dass sie herausragt, aber mit dieser Einführung braucht man den Interpreten eigentlich nicht vorzumerken: die Prüferin hat den gewählt,

der für den zweiten Satz zehn Minuten länger braucht als alle anderen! Keine andere! So muss man das spielen! Nur dann hört man atemlos, dass Beethoven den Boogie erfunden hat.

Ach bitte, lesen Sie doch noch einmal „Thomas Mann, Doktor Faustus und so.“ Gewiss, da spürt man vor allem die gewaltige Adorno-Kompetenz. Und am Ende schreibt man dann, total abgesichert: „Es gibt nur einen Gott, und der heißt Ludwig von Beethoven.“ Auch wenn man nur zwei Werke von ihm kennt, die siebzehnte Sonate und die zweiunddreißigste.

Aber das, was man hätte lernen können, hängt mit dem Wort „üben“ zusammen, das im Text nicht vorkommt. Die Bach-Qual wäre gemindert, wenn man sich von allen Inventionen nur 4 Takte vornähme und diese auf Perfektion bringt. In dem Beethovensatz würde man sich nicht Takt für Takt durchschlagen „wie durch einen faszinierenden Urwald“, mit 120 Fehlern,  sondern mit kontrollierten Fingern durch vier sonnenklar notierte Takte mit null Fehlern.

Zur Erfindung des Boogie Woogie an anderer Stelle ein paar Worte. So ist es Quatsch!

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 53: Die vollkommene Einverleibung von Eva Menasse.

Nachwort: Ich kenne die Aufnahme mit Anatol Ugorski nicht, aber ich glaube blind, dass sie hervorragend ist (ohne Eva Menasse auch nur ein Wort zu glauben). Nebenbei sei erwähnt: ich habe die letzten Beethovensonaten mit der leider kürzlich verstorbenen Tochter des Pianisten, Dina Ugorskaja, live hier in Solingen erlebt: schöner und gewaltiger kann ich mir keine Interpretation dieser Werke vorstellen. (Obwohl solche Komparative und Superlative vor allem eins sind: Rhetorik. Denn im selben Moment möchte ich andere Aufnahmen nennen, die ebenso unübertrefflich sind, und zugleich anders…)

Ich komme jetzt zu dem Artikel, den ich als Musiker von der ersten bis zur letzten Zeile mit Spannung gelesen habe. Und sein Titel hat wirklich mit der Sturm-Beziehung der Sonate überhaupt nichts zu tun,

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 49: Sturm der Stille „Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort“: War Beethoven trotz oder wegen seiner Taubheit so einzigartig? Von Florian Zinnecker

Der Autor bezieht sich vor allem auf die Forschungen von Prof. Eckart Altenmüller (Hannover), die deutlich gemacht haben,

dass es nicht die Hände, die Ohren oder die Seele sind, die einen Menschen zum Musiker machen, sondern sein Gehirn. Weil außerhalb des Schädels Musik nichts anderes ist als Muskelbewegungen und schwankender Luftdruck.

Weitere ZITATE

„Hört man Beethovens Werken an, dass ihr Schöpfer zunehmend ertaubt war?“ – „Ja und nein“, sagt Altenmüller. – „Hat die Taubheit Beethoven beim Komponieren beeunflusst?“ – „Eindeutig ja“. – „Nein, sogar im Gegenteil. Ich habe die Theorie, dass die visionäre Unabhängigkeit seiner Musik nurso entstehen konnte – diese Kantigkeit, das Nichtgefällige, die Autonomie. Beethoven musste sich nicht mehr in erster Linie darum kümmern, dass seine Musik dem Hörer genehm ist. Er konnte sich innerlich von der Gesellschaft und ihren Erwartungen entkoppeln – und er musste sich den Mist seiner Kollegen nicht anhören.“

Allerdings:

Angehende Musiker werden schon dadurch besser, dass sie anderen hochtalentierten Musikeren zuhören, das zeigen Altenmüllers Studien – weil sich das Gehör verfeinert und sich das Klangvorstellungsspektrum im Schläfenlappen anreichert. Beethoven dagegen wäre nivelliert und auf ein niedrigeres Niveau zurückgezogen worden, hätte er sich mit den Werken seiner Kollegen beschäftigt.

Die Annahme, Beethoven habe nur gewusst, wie seine Werke klingen, er habe sie aber nicht gehört, hält Altenmüller für falsch. „Wir können davon ausgehen, dass er das alles innerlich sehr präzise gehört hat. Er hatte eine reiche innere musikalische Welt, wie die meisten anderen Musiker auch. Eine Melodie mit dem inneren Ohr zu hören- das geht mithilfe von Spuren, die in den Schläfenlappen beider Hirnhälften liegen.“ Hier, so Altenmüller, befinde sich das musikalische Langzeitgedächtnis, die Musikbibliothek im Kopf. Tausende Stücke, und oft genügten schon wenige Takte, um sie zu erkennen: „Das war Beethovens Schatz. Hieraus konnte er sich bedienen. Nichts anderes ist Musikalität als das Neu-Kombinieren von musikalischen Gestalten. Das kann man in völliger Stille machen, auch dann, wenn es keinen zusätzlichen Input von außen gibt.“ Und oftmals sogar besser. „Unser Gehirn besteht aus Billionen von Verbindungen, über die Nervenzellen mit anderen Nervenzellen kommunizieren. Unser Gehirn spricht überwiegend mit sich selbst – und genau so entstehen auch diese musikalischen Welten, ohne dass es Einflüsse von außen gäbe.“ Jede Erinnerung im Schläfenlappen ist mit dem limbischen System vernetzt und also mit Emotionen belegt, auch deshalb sind akustische Erinnerungen sehr präsent und langlebig.

Eine so einleuchtende Beschreibung der Physiologie des Ohres wie in diesem Artikel ist mir bis heute noch nicht begegnet; daher will ich keinen Satz weglassen (mit der roten Hervorhebung bezeichne ich die mir wichtigste Stelle):

Die Erforschung des Gehörs, des empfindlichsten und schnellsten Sinnesorgans des Menschen ist so komplex wie das Hören selbst. Außerhalb des Schädels ist Musik nur periodisch schwankender Luftdruck, wahrgenommen über ein hochempfindliches Häutchen im Mittelohr, das Trommelfell. Es reicht schon eines Auslenkung vom Durchmesser eines Wasserstoffatoms, um aus der Stille einen Ton herauszuhören. Weitergetragen wird er von den drei kleinsten Knochen des menschlichen Körpers – Hammer, Amboss, Steigbügel. Über ein raffiniertes Verfahren im Innenohr wird aus der mechanischen Energie ein Nervenreiz: Das Innenohr ist mit einer Lymphflüssigkeit gefüllt, jeder Schallreiz verursacht eine kleine Welle, die von Tausenden Haarzellen vermessen wird; die Ausmaße der Welle werden über den Hörnerv weitergemeldet. Die äußeren Haarzellen lassen sich mit Willenskraft ausrichten; so ist es möglich, sich in einem Orchestersatz auf die Holzbläser zu konzentrieren odere in einem vollen Raum die Aufmerksamkeit von einem Gespräch zum nächsten wandern zu lassen – eines von mindestens zwei Phänomenen, die auch Ohrenärzte noch zum Staunen bringen.

Das andere hat mit der Sensibilität der Haarzellen zu tun: In beiden Ohren sitzen jeweils nur runf 3500 innere Haarzellen, der Mensch aber kann bis zu 5000 Töne unterscheiden. Jeder Reiz im Innenohrnwird mit einer Vielzahl von Gehirnzellen ausgelesen, aufbereitet und analysiert.

Über den Hörnerv gelangt das Signal in den Hirnstamm – und von dort aus in mehrere Regionen zugleich. Bewusst wird das Signal erst im Schläfenlappen der Großhirnrinde; bevor es aber dort ankommt, ist es schon in der Amygdala und im Hippocampus repräsentiert. Mit anderen Worten: Ein Klang kann schon Glück oder Angst auslösen, bevor er überhaupt wahrgenommen wird. „Akustische Signale werden extrem schnell emotional bewertet“, sagt Altenmüller. Das ist evolutionär bedingt: Es war wichtig, den Charakter eines Geräuschs rasch einzuordnen, um rechtzeitig angreifen oder fliehen zu können.

An dieser Stelle erwartet man vielleicht eine Auskunft darüber, was dies alles für Beethoven bedeuten soll, aber mir scheint, dass dieser Bezug etwas gewaltsam hergestellt wird, nämlich so, wie es für jeden anderen guten Komponisten gelten würde:

Diesen Effekt machte sich Beethoven auch in seinen Werken zunutze: Die rhythmische Klarheit und die einfach strukturierten Themen in vielen seiner Werke sorgen dafür, dass beim Hören die Formatio reticularis im Hirnstamm anspringt – jener Bereich, der für Herzschlag und Atmung zuständig ist und dafür, dass uns bestimmte akustische Signale aus dem Schlaf reißen.

Ein Teil der Reaktionsmuster sei angeboren, sagt Altenmüller, schrille, unharmonische Laute gälten auch im Tierreich als Warnsignal. Und Kinder lenten schon im Mutterleib, welche Klänge den Herzschlag der Mutter beschleunigen – das Hörenlernen beginne um die 20. Schwangerschaftswoche.

Das ist interessant, hat aber mit Beethoven nichts Spezifisches zu tun. Zu Anfang des ganzen Essays wurde zitiert, wie der 31jährige Komponist an einen Freund geschrieben habe: „Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort (….)“. Wenig später darauf bezogen das vom Autor gegebene Stichwort „Hyperakusis, eine Überempfindlichkeit für bestimmte Frequenzen, aus gelöst von einer Lähmung der Gehörknöchelchen.“ (Man weiß heute wohl, dass die Beeinträchtigung auch vom Bleigehalte des Weines stammte, den Beethoven zeitlebens genoss.) Und jetzt, am Ende des Artikels nur noch dies:

Weiß man, wo im Kopf das Komponieren stattfindet? „Nicht so genau. Diese Prozesse sind hochkomplex. Jeder Komponist prüft und verwirft unzählige Varianten, bevor er sich für einen Weg entscheidet, eine Vielzahl neuronaler Netzwerke ist beteiligt, andere – etwa die Kontrollinstanz im Stirnlappen – sind gezielt deaktiviert. Erst dann kommen neue Gedanken, Ideen und Kombinationen. „Das ist ja das Tolle an der Kreativität: dass ich die neuen Möglichkeiten nur finde, wenn ich die Kontrolle abgebe“, sagt Altenmüller.

Wie sich die Welt für Beethoven anhört, nachdem das Sausen und Brausen verstummt war – darüber lässt sich nur mutmaßen.

War da Stille? Oder Musik?

Genau an dieser Stelle, so scheint mir, verlegt sich der wissenschaftliche Artikel auf ein merkwürdiges Mutmaßen:

„Beides ist möglich“, sagt Altenmüller. Bei Menschen, die im Alte schwerhörig werden oder taub sind, träten häufig musikalische Halluzinationen auf. Man spreche dann von einem „Enthemmungsphänomen“: Wenn die Nervenzellen, die musikalische Gedächtnisinhalte codieren, keine Anregungen mehr von außen erfahren, begännen sie selbst Melodien zu produzieren – unaufhörlich und ohne Rücksicht auf Konventionen.

Gut möglich, dass ein paar der auf diese Weise entstandenen Themen und Melodien seit zwei Jahrhunderten zum Kern der europäischen Musikkultur gehören.

ENDE DES ARTIKELS

Man sollte diesen irreführenden Suggestionen keinen Raum geben: als ob Nervenzellen nun endlich „von selbst“ produzieren, vielleicht in einer Richtung, wie man sie früher einmal von der Écriture automatique (siehe hier) erwartete: dass hier also gewissermaßen die geheimnisvolle Instanz des Unterbewussten selbst zu sprechen beginnt. In  allerwahrster Authentizität! Ob es nun Halluzinationen oder Phantasien sind, die als „eigene“ Einfälle des Komponisten auftreten oder von fremden Kräften gesteuert erscheinen, entscheidend ist, ob er sie als Arbeitsmaterial gelten lässt. Nur dann haben sie am Ende auch Bedeutung für uns.

Der Artikel von Wolfram Goertz gibt eine gute Einführung in die Tempo-Problematik bei Beethoven. Ich gehe nicht ausführlich darauf ein, weil sie für mich nie so gravierend war; ich habe früh die Analysen der Schönberg-Schule gelesen, also auch Adorno, vor allem das Heft Musik-Konzepte über Tempo (genauer: Musik-Konzepte 76/77 Rudolf Kolisch: Tempo und Charakter in Beethovens Musik 1992). Das Buch von Talsma habe ich bei Freund Klaus Giersch durchgeschaut und keinen Moment als gründliche Lektüre erwogen, die darauf beruhenden Ausführungen von Grete Wehmeyer, die ja persönlich sehr liebenswürdig war, erst recht nicht ernstgenommen, vor allem nicht die in halbem Tempo exerzierten Musikbeispiele.

Im Fall der jetzt enthusiastisch auf den Schild gehobenen Eroica-Interpretation von Hermann Scherchen, die ins andere Extrem gegangen war, nämlich die Metronomzahlen Beethovens buchstäblich umzusetzen, habe ich bei aller Faszination allerdings auch Vorbehalte, – wenn der letzte Satz vorübergejagt ist, frage ich mich, ob nicht „der gestirnte Himmel“ irgendwo hätte aufscheinen können, die Klarheit und Ruhe, die Beethoven an Kant so begeistert hat. (Siehe auch hier.) Letzter Satz im folgenden Dokument ab 33:21. Was geschieht zwischen 38:50 und 42:56?

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 54: Am Tempolimit „An den aberwitzigen Metronomzahlen, die Beethoven seinen Werken verpasst hat, können selbst heutige Musiker noch scheitern. Was wollte der Komponist uns damit sagen?“ Von Wolfram Goertz.

Daraus die Schlussworte als ZITAT:

Zweifellos fühlte sich Scherchen, der in Schönbergs Tradition stand – er hatte die Uraufführung des Pierrot lunaire dirigiert -, als Vollstrecker der Metronomangaben, die er zu ihrer unaufhaltsamen Großartigkeit befreit. Bei Scherchen muss sich der Hörer anschnallen und weiß nicht, ob er die Reise überlebt. Am Ende ist er erledigt, erschöpft, überwältigt, beseelt.

Das Orchester klingt auf der Aufnahme manchmal, als betreibe es seine eigene Implosion. An einigen Stellen klappert es gehörig. Aber dieses Klappern erzeugt nur ein Häufchen Kehricht, das unter Scherchens Feuer sogleich verbrennt. Und da Scherchens Motivationskunst noch größer war als seine Strenge, entstand ein Einzigartiges: das Neue. Ohne Metronom hätten wir es möglicherweise nie erlebt.

*     *     *

Grund genug, eine im Beethoven-Jahr vielleicht weniger angesagte Sinfonie unter die Lupe zu nehmen, die erste, und einfach zu lesen, welche Überlegungen Hermann Scherchen dazu in seinem schönen Buch „Über das Dirigieren“ anstellt. (Ich habe mir das Buch zu Anfang meines Studiums in Köln zugelegt, zugegeben: ohne es gründlich durchzuarbeiten: ich wollte nicht unbedingt Dirigieren lernen, sondern z.B. Beethovens Sonaten für Klavier und Violine und sein Violinkonzert studieren. Aber in einer unserer ersten Methodikstunden, dafür gibt es Zeugen, war ich es, der das Hauptthema der ersten Sinfonie fehlerfrei an die Tafel schreiben konnte und die Erstsemester, die wir unterrichteten, in Staunen versetzte. Objektiv natürlich kein Wunder, wenn man das Stück schon Jahre vorher mit seinem Bruder vierhändig gespielt hatte. Und mit welcher Begeisterung!)

Ich muss in Worte fassen, was für mich später die entscheidenden Punkte wurden bei der Beurteilung einer Eroica-Aufführung:

  1. Erkenne ich die Ideen, die mir das Buch von Martin Geck und Peter Schleuning eingegeben hat? Ich möchte dem „Ernst der Lage“ begegnen und nicht nur die Tempo-Konstanz bestaunen, ich möchte auch den Evolutionsmythos von den Geschöpfen des Prometheus herauswachsen hören.
  2. Spüre ich ähnliche Erschütterungen, wie ich sie bei Aufführungen mit dem Collegium Aureum wahrgenommen habe? Wie subjektiv auch immer. Egal, ob es dieselben Tempi waren. Wir arbeiteten, so hieß es, nach Maßgabe der Pariser Beethoven-Aufführungen, die François-Antoine Habeneck vom Konzertmeisterpult aus geleitet hat. Ich spüre jederzeit, wenn ich daran denke, den wilden Auftakt, den Franzjosef Maier mit Bogen und krachendem Klappstuhl gab, wenn es in den Sechzehntelansturm zu Beginn des Finales ging, dann das Konzentrationswerk der Variationenentfaltung, wartete auf den überirdischen Auftritt der Oboe (Helmut Hucke) und auf den dröhnenden Chor der Naturhörner. Größeres gibt es nicht!

Da ich dies in Domburg an der niederländischen Küste schreibe, gehört der Blick auf das Meer zur aktuellen Rückerinnerung an die Eroica, obwohl diese Landschaft natürlich nichts mit Beethoven zu tun hat. Es ist das Gefühl der physischen Gewalt und des Erhabenen, das einen hier wie dort überwältigt.

(Fortsetzung u. Fotos  folgen)

Basilika und wunderwirkende Knochen

 

 Unsere Pilgerspuren im Sand

 Ausweg

Wer war der Bauherr Einhard? Siehe hier.

ZITAT

Da Einhard befürchtete, ohne eigenen Sohn zu sterben, der nach seinem Tod für ihn beten konnte, hatte er schon 819 das Kloster Lorsch als Erben der Mark Michelstadt eingesetzt, denn den Gebeten der Mönche maß er die größte Kraft vor Gott und seinen Märtyrern zu. Bei seiner Suche nach einem Heiligen wandte sich Einhard an einen Römer namens Deusdona, der sich gerade in Aachen aufhielt und ihm die gewünschten Reliquien versprach. Doch kaum war Deusdona zusammen mit Ratleik, Einhards Vertrautem, in Rom angekommen, da vertröstete er diesen ein um das andere Mal, bis Ratleik selbst eines Nachts in die Katakomben unterhalb der Kirche „inter duos lauros“ an der antiken Gräberstraße Via Labicana eindrang und von dort aus dem mit einer Steinplatte verschlossenen Grab der Heiligen Marcellinus und Petrus die Gebeine des Marcellinus entnahm. Marcellinus und Petrus waren unter Kaiser Diocletian Anfang des 4. Jahrhunderts ihres Glaubens wegen enthauptet worden: Marcellinus hatte als Diakon das Wort Christi gepredigt und die Taufe gespendet, Petrus hatte als Exorzist die vom Teufel Besessenen geheilt. Schon bald nach ihrem Tod waren sie als Heilige verehrt worden, ihr Ruhm war mit der Verbreitung der römischen Liturgie im gesamten Frankenreich unter Karl dem Großen gewachsen und ihre Grabstätten das Ziel zahlreicher Pilger geworden.

Ratleik überkamen schon bald Bedenken wegen seines Handelns, jedoch nicht etwa wegen seines Raubes, sondern weil er die Heiligen voneinander getrennt hatte, die gemeinsam den Märtyrertod erlitten und fünfhundert Jahre lang ihr Grab geteilt hatten. So kehrte er einige Nächte später an ihre Gedenkstätte zurück, um auch die Gebeine des Heiligen Petrus zu entnehmen. Dieses Mal ließ sich die Steinplatte leicht abheben, woraus Ratleik schloss, dass der Heilige sein Handeln billige.

In aller Stille und in Angst um sein Leben verließ Ratleik Rom, denn schon zweihundert Jahre zuvor hatte Papst Gregor der Große bei Todesstrafe verboten, Reliquien ohne päpstliche Erlaubnis aus Rom zu entfernen, und mit Höllenstrafen im Fall eines Vergehens gedroht. Erst nördlich der Alpen ließ Ratleik die Reliquien offen vor sich hertragen, und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung erreichten sie im Oktober oder November 827 Michelstadt.

Doch in bedrohlichen Träumen ihrer Bewacher ließen die Heiligen wissen, dass sie hier nicht bleiben wollten, sie forderten, Seligenstadt solle ihre letzte Ruhestätte werden. Nach einigem Zögern gab Einhard ihrem Drängen nach, und nicht einmal drei Monate nach ihrer Ankunft brachte er sie im Januar 828 dorthin. Dieser Entschluss wird ihm nicht leicht gefallen sein, musste er doch alle Pläne für seinen Alterssitz aufgeben, die ihn seit einem Jahrzehnt beschäftigt hatten. In Seligenstadt begannen die Heiligen unverzüglich Wunder zu wirken: Lahme konnten wieder gehen, Blinde wieder sehen, Verirrten wiesen sie den rechten Weg. Ihre Wunder, die man auch als Gleichnis für die Bekehrung der abergläubischen Bevölkerung zum Christentum verstehen kann, waren für Einhand der endgültige Beweis, dass seine Heiligen ihre Übertragungen in das Frankenreich gewünscht hatten.

Für uns heute ist es kaum noch vorstellbar, welche Bedeutung Einhard seinen Reliquien beimaß und wie sein Ansehen durch ihren Besitz wuchs. Mit dem neuen Dienst, den er seinem „großen, wunderbaren Schatz, wertvoller als alles Gold“ schuldete, begründete er seinen Rückzug vom kaiserlichen Hof.

Grabplatten von oben nach unten (Zweierreihen): 1 Äbtissin Elisabeth Lochinger von Arxhofen † 1512, 2 Anna von Bruck † 1370, 3 Nonne Grete (?) Duborn, erwähnt 1345, 4 ???, 5 Name: Osbirn, Propst (?) um 1100, 6 Überblick

Quelle des zitierten Textes Thomas Ludwig: Einhards-Basilika Michelstadt-Steinbach, Broschüre 18 Edition der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen 2016

Zur Baugeschichte siehe Wikipedia HIER / Fotos: E.Reichow & JR

Fremde Ekstasen

Der Einstieg 

Zum Reinhören: bei jpc hier

Es ist wirklich sehr wenig, was man da beim Reinhören wahrnimmt, es entspricht nicht einmal einer flüchtigen Gesichtserkennung. Kaum eine volle Zeile Gesang. Trotzdem kann man es schon als eine Übung betrachten: wie schnell erfasse ich das, was in diesen Sekunden vor sich geht, so, dass ich es eindeutig wiedererkennen kann? Ganz am Ende dieses Artikels möchte ich zeigen, was man (als musikalischer Mensch – das ist die Voraussetzung!) tun kann, wenn man die CD besitzt. Ein Minimum. Man muss (kann) kein Gnawa („Gnaua“) werden. Erwarten Sie keine Ekstase. Ein gutes Ohr und ein wacher Sinn, vielleicht noch etwas Empathie, das wäre schon viel… Oder Sie beginnen weiter unten mit dem Video der Sängerin Asma Hamzaoui.

 Die neue OCORA CD (2017)

Pressetext:

Die Ursprünge der ethnischen Minderheit der Gnawa im nordafrikanischen Marokko liegen im Dunklen. Lange Zeit galt als sicher, dass sie Nachfahren schwarzafrikanischer Sklaven südlich der Sahara sind. Die faszinierende und ausgesprochen rhythmusbetonte Musik ihrer spirituellen Rituale fand Eingang in Jazz, Rock und Reggae. Die Aufnahmen entstanden im Rahmen des Gnawa & World Music Festivals in Essaouira.

Ein SWR-Film (2007) über die Altstadt von Essaouira:

 Gnawa & World Music Festival

Der Text der heutigen CD-Booklets ist so klein gedruckt, dass es mühsam ist, ihn zu lesen. Daher ist hier zumindest der englische Teil so wiedergegeben, dass man ihn leicht vergrößern kann.

     .     .     .      .     .     .

Im obigen Text werden „The Songs of Gnawa Music“ in drei Abschnitten beschrieben, die der nachfolgenden dreigeteilten Liste  „The Recordings“  zugeordnet werden können, obwohl man die einzelnen Titel der Tracks im erläuternden Text nicht wiederfindet. Am Ende des zweiten Blocks, der eine profane, spielerische, vermittelnde Funktion haben soll, wird darauf hingewiesen, dass im dritten Block eine sakrale Stimmung einsetzt, durch Räucherwerk und FARBEN gekennzeichnet. Von diesen symbolisch konnotierten Farben ist auch nach Tr. 02, 05 und 06 die Rede. Schwarz, grün und wieder schwarz. Wobei im dritten Block (Tr. 05 + 06), der im Text „The Mlouk“ überschrieben ist, die 7 Farben zu erwarten sind, die im einzelnen genannt (aber wohl nicht alle gespielt?) werden: weiß, zwei Schattierungen von blau, rot, grün, zwei Arten von schwarz, schließlich noch gelb.

     .      .     .

ZITAT

Der Ritus beginnt mit einer Reihe von Anrufungen in einer festgelegten Reihenfolge, die jedoch von Stadt zu Stadt unterschiedlich sein kann: der Prophet Muhammad, Sidi Bilal und die großen muslimischen Heiligen Abd al-Qadir Jilani … danach kommen die Mlouk-Geister, nach Farben gegliedert: die Weißen (die Luft), die Schwarzen (die Erde), die Roten (das Feuer), die Grünen, die Gelben, die Blauen (das Meer). Ein Besessenheitsgeist wird als Mlek (Singular von Mlouk) bezeichnet, genau so sein musikalisches Erkennungszeichen in Vers, Melodie und Rhythmus. Man sagt „den Mlek des Abd Al-Qadir Jilani spielen“. Während der Anrufung seines Geistes steht der „Besessene“, Mann oder Frau auf, unwiderstehlich angezogen und tanzt in Trance die Jedba. Ein Helfer oder die Seherin bedeckt den Kranken mit dem Schleier in der Farbe des Geistes, der ihm innewohnt, und verbrennt die Art von Rauchwerk, die ihm zugeordnet ist.

Quelle Viviane Lièvre: Die Tänze des Maghreb / Marokko – Algerien – Tunesien / Verlag Otto Lembeck Frankfurt a.M. 2008 (Seite 95 f)

Asma Hamzaoui et Bnat Toumbouctou

siehe HIER – oder direkt in ein Video mit dieser Sängerin (Reklame überspringen):

LIVE  (eine andere Musik, im Zentrum die Zorna, nicht die Laute Guembri)

Vormerken: Stuttgart 19. November 2019 

Zitat Stuttgart Lindenmuseum:

Im Jahr 2001 wurde der Djemaa El Fna, der Platz der Gehenkten in Marrakesch, von der Unesco zum „immateriellen Weltkulturerbe“ ausgerufen. Er ist Schauplatz und Bühne von täglich neu entstehenden, abwechslungsreichen Darbietungen – seien es Akrobatik, Tanz, Gesang, Zauberei oder Wahrsagerei. Der Platz, und besonders die Halqa, der Kreis der Geschichtenerzähler, ist ein Konzentrat der mündlichen und gestischen Überlieferungen, wie sie früher in ganz Marokko verbreitet waren. Doch auch neue Traditionen werden erschaffen und überliefert. Der mehrfach preisgekrönte Film von Thomas Ladenburger dokumentiert dieses verschwindende und doch so präsente immaterielle Erbe. Im Rahmen der Reihe „Mit großen Erzählungen um die Welt“. Hier !

Thomas Ladenburger erzählt über den Film HIER. (Dort folgen auch Ausschnitte und weitere Beispiele aus dem Film.)