Kategorie-Archiv: Natur

Gräfrath in Solingen

Schöne Tristesse

 

8. Oktober 2019 13:00 Uhr Fotos JR Huawei

Ich liebe nasse, graue Tage (nach einem über Wochen aufgeheizten Sommer) und ganz besonders, wenn es in greifbarer Nähe ein Kaffeehaus gibt.

Im übrigen unterscheide man bitte diesen Ortsteil von Solingen ein für allemal von Grafrath im Landkreis Fürstenfeldbruck und Grefrath im Kreis Viersen, eben, wie der Name schon sagt: Gräfrath!

Gibt es die Natur?

Der neue Ansatz

Man kennt vielleicht zur Genüge die Argumentation: die Natur ist doch nicht da draußen, ich selbst gehöre dazu, wir alle, – egal, wie wir uns abschirmen. Es beginnt mit der Subjekt-Objekt-Spaltung, aus der sich automatisch („natürlicherweise“) eine Distanzierung ergibt. Aus der Distanzierung (Abgrenzung) ergeben sich Feindbilder, aber auch verlockendes Neuland. Usw. usw., andererseits verwandelt sich alle Natur, mit der wir uns abgeben, – wohlgemerkt: ohne jeden Vorsatz, sie in gefühlloses Material zu verwandeln -, in Kultur. Es gibt also keinen Gegensatz zwischen Natur und Kultur? Was sagt die Philosophie? Aufs neue begegnet mir als Helfer Bruno Latour, wie damals, nachzulesen hier, und zwar im Gewand einer neuen (oder neu gestalteten) Zeitschrift der Philosophie. Beginnen wir doch damit, offen für alles zu sein, auch wenn es im Video daherkommt wie eine Werbekampagne, die irgendwie im Ansatz verfehlt erscheint, weil… weil… Philosophie doch irgendwie anders daherkommen sollte … nicht wie das modische Produkt eines garantiert jungen Teams … dabei gibt es viele Philosophen, die mindestens oder ungefähr so alt sind wie ich, Bruno Latour zum Beispiel, oder Alain Badiou, ganz zu schweigen von Jürgen Habermas.

Jedenfalls hat Bruno Latour in diesem Philosophie-Magazin Gelegenheit gehabt, seine Gedanken über das Anthropozän darzulegen, das manchen Anhängern einer romantischen Auffassung von der Allmutter Natur keine Freude machen wird. Und er bemüht dafür das Kunstwort „Nat/Cul“, das die unlösbare Verschränkung von Natur und Kultur akzeptiert oder sogar voraussetzt. Er bezieht sich auf die alte Gaia-Hypothese, die James Lovelock in den 70er Jahren entwickelt hat, und er distanziert sich zugleich davon.

ZITAT

Die Abkürzung „Nat/Cul“ steht für „Nature/Culture“. Mein Gedanke ist, dass wir ein anderes Konzept als das problematische Konzept der Natur brauchen. Wenn man sagt, dass ein Phänomen natürlich ist oder man „in der Natur“ ist, schließt man sich selbst aus, man zählt sich nicht selbst zur Natur. Erstes Problem. Andererseits geht man bei der Natur von einer Entität aus, die seit dem Big Bang vermeintlich unveränderlichen Gesetzen gehorcht; man wirft den Entwicklungszyklus der Raupe, die Wolkenbildung oder die Entstehung der Sterne in denselben Topf. Zweites Problem. Auf der einen Seite schließt die Natur also die Kultur aus. Auf der anderen Seite hat der Begriff den Anspruch, alle Phänomene zu vereinheitlichen, die seit 14 Milliarden Jahren an allen Orten des Universums stattgefunden haben, was zu viele Dinge über einen Kamm schert. Und dann wird der Naturbegriff oft politisch missbraucht, zum Beispiel wenn man sagt, dass Homosexualität widernatürlich sei oder dass es eine natürliche Ungleichheit zwischen den Rassen gäbe. Wir brauchen einen Begriff, der sowohl Natürliches als auch Menschliches bezeichnet: wie Nat/Cul. Mit diesem Wort können Sie das bezeichnen, was von der Natur oder von der Kultur abhängt oder von beidem. Nehmen wir den Fall einer außergewöhnlichen Dürre oder starker Regenfälle, die durch den Klimawandel verursacht wurden, also durch menschliche Aktivitäten. Ist das ein Naturphänomen? Nein! Ist es ein Kulturphänomen? Nein! Es ist typisch Nat/Cul.

Dementsprechend heißt es in dem Magazin, für den Philosophen sei die Natur kein Gegenstand, über den es zu verhandeln gälte, kein passives Etwas, das der Mensch sich zunutze macht. Warum, fragt Bruno Latour, sitzen eigentlich bei Klimakonferenzen nur Repräsentanten der Länder am Tisch und nicht Vertreter der Wälder, der Gewässer, der Gletscher? Er vertritt – im Anschluss an den Biophysiker James Lovelock – die sogenannte Gaia-Hypothese: Die Erde ist ein Lebewesen, mächtig und gebärend wie die Große Mutter der griechischen Mythologie. Latour fordert mithin nicht weniger, als dass der Mensch sein Verständnis der Natur radikal überdenke: Für den französischen Philosophen ist sie weder klar von der Kultur zu trennen, noch ist sie an sich gut, wie Umweltschützer gern glauben. Wie aber wäre dann mit ihr umzugehen? Ein Gespräch über eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.

Um nicht weiter abzuschreiben aus dem Artikel, der ja als Ganzes nachzulesen ist, nämlich hier, verweise ich lieber noch einmal auf das Buch von Emanuele Coccia, auch mich selbst aufrufend, da ich es ja mehrfach programmatisch behandelt habe. Um es ja nicht zu vergessen. Ich glaube, es hatte hier angefangen, hatte hier eine Fortsetzung gefunden, wurde hier einbezogen und kehrt hier assoziativ wieder. Und nun heute, während ich vordergründig Bruno Latour im Interview erlebe:

Philosophisch stelle ich den Gegensatz zwischen Natur und Kultur infrage. Gestatten Sie mir, konsequent zu sein und die politischen Schlüsse zu ziehen, die sich daraus zwingend ergeben: In meinen Augen ist es nicht normal, dass in der Politik nur die Menschen vertreten werden beziehungsweise die Kultur. Es braucht also außer einem Rat, der die Menschen vertritt, einen Rat, der die Nichtmenschen vertritt, zumal das Leben der einen aufs Engste mit dem Leben oder dem Zustand der anderen verknüpft ist! Um ein Parlament der Dinge einzusetzen, müsste man im Prinzip damit beginnen, die Gebiete zu kartografieren, die sich im Konflikt befinden, eine Aufgabe, für deren Umsetzung sich viele mit mir gemeinsam engagieren. Man muss also erkennen, welche entgegengesetzten Kräfte es gibt und welche Gebiete ihnen zugehören. Und dann die Sitzverteilung festlegen.

 Wie gesagt: aufzufinden HIER 

Zur Diskussion des technologischen Arguments:

Der Harvard-Professor David Keith schlägt vor, jedes Jahr 250 000 Tonnen Schwefelsäure in der oberen Atmosphäre zu versprühen, um das Klima für das gesamte 21. Jahrhundert zu stabilisieren.

Wir können die Nebenwirkungen solcher Operationen nicht vorhersehen. Aber das Schlimmste ist: Geo-Engineering gibt der Industrie und der Politik Argumente dafür, nichts verändern zu müssen. Verschmutzen wir die Umwelt ruhig weiter und stoßen Treibhausgase aus, Business as usual! Denn die Technik hat am Ende eine Lösung. Ich halte das für eine Strategie, um uns nicht die richtigen Fragen stellen zu müssen, nämlich solche, die uns zu Veränderungen in der Energiepolitik oder in unserer Art des Konsums führen könnten.

 Foto ZDF / Link zum Anklicken folgt:

Achtung: zum eben angerissenen Thema (Mehr Technologie statt Umkehr) sollte man auch einen Vertreter des Managements hören, der hinreißend spricht; gerade der Widerstand kann davon lernen: siehe LANZ ZDF am 24. September (Frank Thelen und Anja Kohl) HIER ab 36:50 (wenn es um Greta Thunberg geht – und um technische Innovationen).

Wer war Laurin?

Eine Spurensuche

Viel wichtiger: Wem gehörte er? Mir oder meinem Bruder? Wir spielten die Heldentaten nach, und er übernahm – schon wegen seines Namens – den Dietrich von Bern, ich musste Zwerg Laurin sein, dessen Tarnkappe meine Phantasie enorm beflügelte. Später war ich auch Wittig oder Siegfried, wir ahmten die Sprache der Helden nach, und die Tatsache, dass ihnen beim Kampf oft vor Ingrimm die Lohe aus dem Halse schlug, hatte für uns auf geheimnisvolle Weise mit dem Ortsnamen „Lohe“ zu tun, dem Heimatdorf unserer Großeltern, bei denen wir nach dem Krieg zu Anfang unserer Schulzeit aufwuchsen. Im nächsten Bild, auf der zweiten Seite rechts oben ist als unterste Schicht der Name unserer Mutter zu erkennen, Gertrud Arnhölter. Die Übergabe der Besitzrechte hat sie offenbar nicht geregelt, weiß der Himmel wo mein Bruder das herrschaftliche Ex libris aufgetrieben hatte, ich arbeitete mit quasi offiziellen Stempeln dagegen an; sie hatten bewegliche Lettern, die er allerdings mühelos austauschen konnte. Lächerlich der kleine Zusatzstempel „Kinderpost 1948“, das machte den ganzen Mythos kaputt. Und eines fernen Tages mag die Mutter eine Entscheidung zugunsten des jüngsten Bruders (*1950) getroffen haben, die wir aber nicht akzeptierten. Wie hätte das Buch denn sonst in meinem Bücherschrank zur Ruhe kommen können?

Die Heldensagen blieben jahrelang „virulent“, wenn auch parallel jede Menge Tierbücher konsumiert wurden, später auch Entdecker (Cook, Magellan) und historische Romane (Sienkiewicz, Mereschkowski). Die Sagenhelden gingen nahtlos über in die Wagner-Welt (anhand des Victrola Opera Book, das einem der Care-Pakete aus USA beigegeben war), wobei auch die Klavierauszüge im Notenschrank meines Vaters eine Rolle spielten. In der Erinnerung mischten sich manche Sagen, Alberich und Mime gesellten sich zu Laurin, – oder auch der folgende, mit dem es Dietrich einmal gut meint:

Vor allem fesselten mich solche Bilder, die es allein in diesem einen Buche gab, für mich eine stilistischer Fortschritt gegenüber den süßen Illustrationen der Grimmschen Märchen: diese strengen schwarzen Silhouetten, die alles zu erzählen vermochten, was ich brauchte. Erst seit gestern weiß ich, dass der Maler Arnold Dahlke, den heute kaum noch jemand kennt, ein Problem mit der Farbe hatte (siehe hier).

Dies sollte meine erste Oper werden. Der erste Aufzug war recht kurz. Ich musste meiner Mutter und ihrer Freundin bei der Häkelstunde daraus vorlesen; den großen Lacher ergab der (hier nicht wiedergegebene) Zweizeiler: „Da hieb ich in wildem Triumphe / das gräßliche Haupt ihm vom Rumpfe!“  (War aber nicht lustig gemeint, sondern hochdramatisch.) Wenn ich die Vorlage im Sagenbuch heute wiederlese, kann ich gut begreifen, weshalb meine sogenannte Oper ein Fragment geblieben ist: die Geschichte ist hirnrissig. Das einzige, was mich heute berührt, ist die Rolle des Sängers Horand. Ich bezweifle allerdings, dass sie mich damals motiviert hat.

Zwerg Laurin dagegen blieb für mich ein Archetyp, der bis heute nachwirkt, so dass ich ihn gern nach 70 Jahren wiederbelebe durch Quellenstudium… Eine Einführung in den Originaltext fand ich hier. Eine Nachdichtung aus dem Mittelhochdeutschen von Ludwig Bückmann (1890) hier, einen alten Druck aus Straßburg (1500) mit interessanten Holzschnitten hier.

Wikipedia-Artikel „König Laurins Rosengarten“ hier. Daraus folgendes Bild:

 „Rosengarten“

Unser Berlingo durfte mit dem Rosengarten wetteifern (am 17. September 2019 auf der Fahrt von St. Katharina in Breien nach Valdifossa): die Farbe heißt „luciferrot“!

 

Fotos: JR Huawei

Was Fernsehen vermag

Bauern im Hitzestress

Es ist leicht, auf die Landwirtschaft zu schimpfen, vor allem, wenn man glaubt, man müsse nur den Schalter umlegen und schon habe man den naturnahen, umweltschonenden Betrieb, verbraucherfreundlich und nebenbei auch noch tourismusaffin. Man muss nicht nur schleunigst lernen, wie Klimawandel funktioniert, und was wir alle in den vergangenen 50 Jahren – sehenden Auges, klaren Verstandes – falsch gemacht haben. Man muss zur Kenntnis nehmen, welche Wege uns bleiben. Wir haben es doch gewusst! Wenn wir uns erinnern, was in den 50er Jahren mit DDT geschah (siehe hier); warum dauert es jetzt im Fall Glyphosat wieder so lange, ehe wir reagieren? Und weiterhin bei jedem neu auftauchenden Gift?

Aufklärung! Bewusstseinsveränderung! Es handelt sich nicht um Philosophie oder Esoterik. Es geht ums Überleben. Um unsere physische Zukunft.

Und wenn man dann erlebt, dass unser tägliches Medium, das Fernsehen, eine phantastische Aufklärung betreibt, ohne uns durch schrille Kassandrarufe in die Reserve zu treiben. Man muss davon reden! Oder schreiben! Diese Sendung, die vor einer halben Stunde zuendeging, ist für jeden und jede Verbraucher(in) jederzeit abrufbar, ein volles Jahr lang. Man trifft auf lauter vernünftige Menschen, keine wütenden Eiferer! Was will man denn noch mehr?! Es geht um die Nahrung, feste und flüssige, um unsere Äcker – und Weinberge.

Hier ist der direkte Link: HIER.

https://www.zdf.de/dokumentation/planet-e/planet-e-bauern-im-hitzestress-100.html

Ich kann nicht sagen: Ich bin Musiker, ich bin in anderen Sphären zu Hause. In der offenen Landschaft draußen wie in der umgrenzten oder unbegrenzten Landwirtschaft hilft uns weder Klavier noch Alphorn. Dort sind wir vollständig physische Naturen, Fleisch und Blut, Haut und Haar, Pflanze, Koralle, biologische Struktur. So einfach ist das.

Und wenn Sie die 30 Minuten nicht opfern wollen, weil Sie nun mal mehr Augenmensch sind, bitte: es lohnt sich auch die Text- und Bildseiten zu überfliegen, ehe Sie sich auf den Rest einlassen, der mit dem Klick verbunden ist. Der Klickpunkt ist 10 cm weiter oben!

Erinnerung

Der Tag beginnt mit einem Leitartikel

Die Süddeutsche beziehe ich rein zufällig für zwei drei Wochen (jemand ist im Urlaub und hat die Zeitung freundlicherweise umgeleitet). Also, ich lese, – die Gedenkminuten und -stunden im Fernsehen waren unübersehbar – , also: wie war das mit Woodstock? Habe ich damals überhaupt was mitgekriegt? Da steht es (anders als online): Vom Ich zum Wir und drüber: 50 Jahre Woodstock.

Seltsamerweise denke ich als erstes an meine Tante, die mir bei der Feier zu ihrem 104. Geburtstag als Begrüßung ein Wort von Martin Buber ins Ohr flüsterte („das ist das wichtigste, was ich verstanden hab: Vom Ich zum Du“, siehe hier), und tatsächlich sehe ich heute (!), was es für Buber bedeutete (siehe hier), – ist es nicht das gleiche, was mir als „Subjekt-Objekt-Spaltung“ oft in der philosophischen Lektüre begegnet ist, zuletzt auch wieder in der erweiterten Form des Herr-und-Knecht-Bildes bei Hegel? Oder verwechsele ich was? Wie die Wechselseitigkeit zwischen Freiheit und Freude, Woodstock & Freedom. Vielleicht nur eine dumme Assoziation.

Und dann dieser Leitartikel, der so beginnt:

Richie Havens wäre an jenem Freitag im August 1969 eigentlich noch gar nicht dran gewesen. Da aber niemand außer ihm da war, der sich imstande sah, das Festival zu eröffnen, ging er auf die Bühne. „3 Days of Peace & Music“ waren angekündigt, Ungeduld vor, Ungeduld hinter der Bühne. Also eröffnete Havens kurzerhand Woodstock, eröffnete das koordinierte Chaos, in dem eine halbe Million Ichs zu einem Wir werden sollten.

Ob Havens nun drei Stunden durchspielte, da Sweetwater wegen des Staus eingeflogen werden mussten, oder es doch 45 Minuten waren, darüber existieren einige Mythen. Wie ja ganz Woodstock ein Metamythos ist. 50 Jahre später sind diese wilden Tage im August 1969 noch immer Teil des kollektiven Rebellions- und Musikgedächtnisses. Woodstock und die Hippiebewegung, die Studentenproteste und die Kämpfe der 68er erscheinen umso aktueller, je entschiedener die Klimakinder von 2019 ihre Gegenwelt einfordern. Havens gingen damals jedenfalls langsam die Songs aus. So entstand aus Not und Improvisation „Freedom“ – und der Untertitel für diese Flower-Power-Weltflucht-Veranstaltung.

Und zeichenhaft sehe ich den Vornamen Zoe zwischen Friederike und Grasshoff stehen, eine bestimmte Gegenwart zwischen Vergangenheit und ich weiß nicht was, sagen wir: einer Unausweichlichkeit. Welcher Generation mag die Autorin angehören? Irgendwo stoße ich auf den Satz:

Ein halbes Jahrhundert später hat nun eine neue Jugendbewegung die Weltbühne betreten. Faktisch ist sie im Frieden aufgewachsen, nicht minder faktisch glaubt sie nicht, dass dieser halten wird, wenn demnächst die ersten Staaten untergehen. „Fridays for Future“ hat gute Chancen, als Protestgruppen wie „Occupy“ oder „March for Our Lives“ mediale Aufmerksamkeit zu erhalten und Bilder zu kreieren, die es in ihrer Vehemenz mit dem Woodstock-Schlamm aufnehmen können.

Die Gegenwart wird aufgeladen durch Erinnerung und diese durch eine gewaltige Akkumulation. Es ist der ständige Blick in die krasse Realität. Da ist nichts Nostalgisches beigemischt, die Blumen(enkel)kinder sind nicht mehr das, was sie in früheren Zeiten waren. Zum erstenmal höre ich von der Generation Y, habe ich das verschlafen? nein, die Geburtsjahre 1998, 2002, 2004 und 2008 sind mir vielleicht fester ins Bewusstsein eingegraben als die Daten der größten Komponisten. Sagen wir 1685, 1756, 1770, 1797. Aber das geht schon zu weit:

In diesem Punkt unterscheiden sich die Klimakinder von 2019 auch sehr von der Generation Y, deren Ruf so schlecht ist wie ihr Name. Zwischen den frühen Achtziger- und den späten Neunzigerjahren geboren, schauen sie nun den Jüngeren dabei zu, wie die die Arbeit machen. Nach dem Schock von 9/11 und unter dem Eindruck von Angst und Unsicherheit wurde Freiheit für diese Generation eher zum Imperativ des biografischen Funktionierens. Der vermeintliche Ausbau von Individualität wurde zum einzig logischen Lebensentwurf einer auch lähmenden Leistungsgesellschaft.

Quelle Süddeutsche Zeitung 10./11. August 2019 Seite 4 Vom Ich zum Wir Von Friederike Zoe Grasshoff / online hier.

Sehr lesenswert. Was ist mit den Generationen der letzten Buchstaben X, Y, Z ? Wikipedia weiß wie immer Rat: HIER. Gehöre ich zur Generation der Boomers? Das wäre großartig!

Durch die zeitliche Einordnung gilt sie [die Generation Y] als Nachfolgegeneration der Boomers (bis 1965) und der Generation X (bis 1980). Der Buchstabe Y wird englisch why („warum“) ausgesprochen, was auf die teils als charakteristisch für die Generation Y beschriebene Neigung zum Hinterfragen verweisen soll. Die nachfolgende Generation wird von denen Generation Z genannt, die keine Probleme damit haben, in den 1980er oder 1990er Jahren Geborene als Generation Y zu bezeichnen. Sie umfasst nach Auffassung einiger Wissenschaftler die Geburtsjahre 1995 bis 2010; andere lassen die „Generation“ erst mit jüngeren Geburtsjahrgängen beginnen (vor allem diejenigen, denen zufolge Menschen des Jahrgangs 1999 noch zur Generation Y gehören).

Eigentlich wollte ich mir über etwas ganz anderes Gedanken machen. Es ist die Neigung zur Erinnerung, die meiner Generation, nein, meiner Altersklasse nachgesagt wird; gemeint ist ein fruchtloses Aufwärmen der Vergangenheit, als sei damals alles schöner gewesen. („Opa, erzähl nochmal vom Krieg!“ In der Tat, mein Opa, der auf dem Lande lebte, hatte die erzählbarste Zeit seines Lebens in Frankreich um 1916 verlebt. Seine kleine Tochter daheim war drei Jahre alt (meine spätere Mutter). Und zu meiner Zeit um 1955 hob er gern hervor, er könne leicht 100 Jahre alt werden. Er schaffte leider nur 83). Ich wollte anfangen mit der Erinnerung, wie es war, wenn ich sein Haus betrat. Von der Rückseite, dort war immer offen, durch den Kuhstall. Das Rasseln der Ketten, das heftige Schnaufen, gewiss, aber es ist vor allem dieser Geruch, der heute noch schlagartig jene Zeit heraufruft, ob ich in Westfalen aufs Land komme oder auch in Südtirol auf einen Bergbauernhof. Aber nun habe ich ein neues Buch, das mich ergreift, und da kann ich genauso gut mit dem Bildersehen beginnen wie mit dem Geruch, der eine andere Erinnerung evoziert (oder ein anderes Buch, nämlich:) „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?

 2019

 1971

Das eine Buch erinnert an das andere und beide an die täglich wiederkehrenden Erinnerungen, die manches mit (der Wirkung von) Kunstwerken gemeinsam haben. Hier ist noch das Inhaltsverzeichnis des Buches „Anderswohin“ und der Link zu den Seiten der Künstlerin, die ab Seite 89 eine Rolle spielt.

 Randa Mdah hier

Ich finde es so bewahrenswert, wie John Berger in diesem Brief an die palästinensische Bildhauerin – über die Zeit, deren es bedarf, eine Skulptur zu betrachten, – zu dem schönen Begriff „Zeit eines Liedes“ kommt.

Kunstwerke bewohnen und bieten uns eine Erfahrung der Zeit, die sich von dem Erleben der meisten Tagesereignisse unterscheidet. Vor und in einem Kunstwerk betreten wir eine andere Gestalt der Zeit. In nenne sie die „Zeit eines Liedes“, obwohl sie sich genauso auf visuelle, stille Kunstwerke beziehen lässt.

Die Dauer eines Liedes schiebt sich als Zwischenraum in die fortlaufende tägliche Zeit, und beide, Sänger und Zuhörer, betreten dieses Dazwischen, wo nichts erwartet wird und nichts mehr nötig ist, als dass man sich dieses Lied teilt. Und dieses Lied ist gleichzeitig Vorschlag wie Ergebnis, Bitte wie Antwort, Schmerz wie Trost. Deine Skulpturen existieren in dieser Dauer, der Zeit eines Liedes.

Quelle John Berger „Woandershin“ darin: Randa Mdah Die Zeit eines Liedes (Seite 91) Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hans Jürgen Balmes / Wallstein Verlag 2. Auflage 2019

Ich habe die Beiträge in folgender Reihenfolge zu lesen begonnen, aus welchem Grunde so und nicht anders, weiß ich nicht: Die vertikale Linie Seite 106, Stillleben. Ein offener Brief an Marisa Seite 9, Claude Monet. Woandershin Seite 64.

 Monet „La pie“ (1860)

Aber dass die Elster auf dem Gatter, der Fluchtpunkt des Bildes, einer Note gleicht, darauf hat mich erst der Prospekt des Musée d’Orsay gebracht (hier); es fasziniert mich nicht dank der „Notenlinien“, sondern weil ich es mir als Einzelton vorstelle, der nicht unbedingt dem Warnruf des realen Vogels gleicht.

Ziemlich am Anfang des Buches geht John Berger auf seine typische Art ins Grundsätzliche:

Warum besuchen Menschen Museen und betrachten Bilder? Vermutlich gibt es auf diese Frage so viele Antworten wie Menschen. Eine weitere naive Frage könnte lauten: Wenn sie ein Bild wirklich gesehen haben, wo behalten sie es im Gedächtnis? Sitzt diese Erinnerung gleich neben denen an andere Orte? Gleich bei den spektakulären Sehenswürdigkeiten? Oder irgendwo ganz woanders? Du würdest das wissen, Marisa, aber du bleibst stumm.

Und dann folgt der Passus, der auf dem rückseitigen Cover des Buches (siehe oben) wiedergegeben ist. Und aus dem „woanders“ wird später der Titel des Monet-Essays: „Woandershin“. Was soll das bedeuten?

Zehn Jahre vor Camilles [Claude Monets Frau] frühem Tod hatte Monet die Ecke eines von Schnee bedeckten Feldes gemalt. In der Ferne sieht man ein kleines Gatter, auf dem eine Elster sitzt. Nach ihr benannte er das Bild La Pie. Unsere Augen werden von dem kleinen schwarz-weißen Vogel angezogen, zum einen, weil er den Fluchtpunkt der ganzen Komposition bildet, zum anderen, weil wir wissen, dass er jeden Moment auffliegen könnte. Er ist kurz davor, zu verschwinden. Er ist dabei, woandershin zu fliegen.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau arbeitete Monet an einer Serie von Leinwänden über den starken Eisgang auf der Seine. Einige Jahre zuvor hatte er sich dem Sujet schon einmal gestellt, damals nannte er das Bild La Débacle. Er war fasziniert von dem Auseinanderbrechen, dem sich Übereinanderschieben der Eisschollen, die vor dem Tauwetter noch fest und massiv eine einzige Fläche gebildet haben. Und nun werden sie von der Strömung flussab getragen.

Manche der zerbrochenen weißlichen Rechtecke der Eisschollen lassen mich an unbemalte, treibende Leinwände denken. Hatte er vielleicht das gleiche gedacht? Wir werden es nie wissen.

Quelle John Berger „Woandershin“ darin: Claude Monet Woandershin (Seite 66) Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hans Jürgen Balmes / Wallstein Verlag 2. Auflage 2019

Monet hat einmal erklärt, dass er nicht die Dinge an sich malen möchte, sondern die Luft, die die Dinge berührt. Die Luft, die sie umhüllt. Die alles umhüllende Luft besitzt Kontinuität und unendliche Ausdehnung. Und wenn Monet die Luft malen kann, kann er ihr folgen, als ob sie ein Gedanke wäre. Natürlich mit der Ausnahme, dass die Luft ohne Worte auskommt, und, falls sie gemalt wird, nur als Farbe, Berührung, Schicht, Palimpsest, Schattierung, Zärtlichkeit, Kratzer sichtbar gegenwärtig wird. In dem Moment, da er sich der Luft weiter und weiter nähert, führt sie ihn zusammen mit dem ursprünglichen Sujet woandershin. Das Fließen ist nicht mehr das der Zeit, sondern das der Substanz und der Ausdehnung.

Quelle a.a.O. (Seite 67)

Man erkennt schnell, dass dies keine kunstwissenschaftlich, sondern poetisch motivierte Arbeit ist, und ich darf vielleicht erwähnen, dass ich beim Lesen fortwährend Musik im Sinn habe, genauer: an das denke, was Susanne K. Langer als Inhalt der Musik zu erfassen suchte; das eben nicht mit Worten gesagt werden kann und doch nicht weniger real ist. Und so verstehe ich gern, weshalb hier im Zusammenhang mit der Luft, die ein Bild umhüllt, auch von Substanz und Ausdehnung die Rede ist. Es handelt sich nicht nur um die Luft, die das Bild um die Elster erfüllt oder mit den Eisschollen, es kann sich wohl auch um die Luft des Kuhstalls handeln oder das Klirren der Ketten.

In dem Moment, da ich dieses schreibe (13. August 2019 16:15 h), meldet sich Facebook mit einem Signal, das mich auffordert, eine bestimmte Seite mit einem Like zu versehen. Ich liebe es weder daran erinnert zu werden noch der Ermunterung Folge zu leisten. Dass ich die Störung nicht ausgeschaltet habe, ist ärgerlich genug. Ich gebe den Namen bei Google ein und stoße auf folgende Musik, die mich fasziniert, noch mehr aber die Tatsache: dass ich dazu einen detaillierten Text lesen kann oder soll. Steht dieses In-Worte-fassen einer Musik, beziehungsweise: dass sie einem wortreichen Sujet folgt, nicht in einem vollkommenen Widerspruch zu dem, was ich die ganze Zeit gedacht habe? Aber – warum nicht. Ich bin gegen solche Einbrüche nicht versichert.

Ob sich die Musik nun hier verlinken lässt oder ob das facebookbedingt nicht gelingt, – ich mache den Versuch: HIER. Deutlicher kann ja wohl der Finger der Vorsehung mir nicht den Weg weisen… (so entstehen Legenden!) ich zitiere den Text, der vielleicht alles klärt, und dieselbe Musikaufführung mit einem zweiten Zugang:

L’Ange du morbide (2015) by Antonio Covello gathers the suggestions of the text of the same name written in 1922 by Jean Paul Sartre. In the story the main character, Louis Gaillard, a well-read provincial professor, but also a mediocre man attracted to morbidity and to the idea of illness, goes on a holiday in the Vosgi region. Here, after having imagined loving an ill woman, in reality he meets Jeanne, who suffers from tuberculosis and whom he is never able to posses, because during his advances she is stricken with a bout of cough. At this very moment, Louis abandons her. It seems he has finally become aware of the tangibility and reality of illness, from which he now understands he wants to escape due to his fear of being infected; so much so that “he forgot all about this woman’s real sweetness, her true character; it seemed to him that another being, mysterious and terrifying, had slipped into her, something like the Angel of Morbidity, that morbidity he had looked so hard for”. The man’s negativity and bad faith collide with reality, in which illness is the angel of morbidity, which is firstly latent in his thought and later clear to his eyes, and is also a threat for the reassuringly bourgeois way of life. This same reassurance appears in the clarinet’s opening melody, which is interrupted and then overcome by the impact with the shrill and jarring reality of the other high-pitched instruments, which is every bit as violent as the way Sartre “portrays” things. Indeed, the piece’s texture continually changes colour through the use of timbre and register and, although it develops over a tripartite scheme, does not allow us while listening to recognize figures that have already appeared, where and if these figures are re-proposed: we can only perceive their perpetual changing, which is similar to that of the body assaulted by an illness. In the same way, both the “blocked” sounds of the piano and the extended techniques of the flute are references to the manifestation of “something” acting in that body from the inside, such as a cough and labored breath. Roughly halfway through the piece, an attempt to recover the middle register – by re-proposing part of the opening solo’s material, using however augmented rhythms – and achieve the deep register, mainly with the bass clarinet, is again rejected by the high sound of the other instruments. Just as the body is worn out by the illness, and on a psychological level by a life-pervading nostalgia, the piece’s unity is worn out by variation, which ultimately leads it to crumble apart: like Louis, we too forget everything that could reassure us at the beginning, albeit with a melancholic acceptance. Much like the text, in which the prose itself clashes with reality by representing a rejection of anything in literature that represents a compromise with the truth – such poetic or other attitudes which merely aim at creating an effect – in this music nothing is left to rhetoric: the changing colours of the sonic texture make the piece a sort of single gesture and the writing leaves no more than an echo of the Sartre’s text, refusing to offer us the possibility of recognizing the story’s characters in the musical figures, and centering on the sound, which is presented in an extremely strong and direct way, not in the least toned down, but brought to life by the angel within, that is, variation. – Mariachiara Grilli

Der Tag begann mit einem Leitartikel und endet mit einem verbalen Geleit. Damit es auch zum Ziel führt, folgt hier noch einmal dieselbe Aufnahme auf Youtube:

Nachtrag 16.08.2019

Der Anlass, noch einen John-Berger -Text nachzutragen, liegt in einem SZ-Artikel den ich heute in der Süddeutschen Zeitung gelesen habe („Augen auf“ von Edgar Reitz); ich erinnerte mich, dass ich mich erinnert hatte, bei bestimmten Fotos über die Verschönerungen von Dingen in ihrer visuellen Isolierung nachgedacht hatte:

Auf einem Stillleben lassen sich sämtliche Objekte mit der Hand greifen und halten. Sie besitzen den gleichen Maßstab wie die Hand, man kann sie alle berühren. Das ist vielleicht der Grund, warum sich der Maler mit ihnen auf eine unmittelbar gestische Art identifizieren kann. Sie werden zu Gliedern seines eigenen Körpers. Auf den Stillleben Frida Kahlos oder den Blumenbildern Georgia O’Keefes ist das deutlich zu erkennen. In einer zutiefst körperlichen Bedeutung des Wortes gehen eine Flasche, eine Frucht oder eine Blume mit der Malerin oder dem Maler eine intime Beziehung ein.

Marisa, du zeichnest oder beobachtest aus einer solchen Nähe, dass du denkst, die von dir auf das Papier gesetzten Spuren würden von einer traumwandlerischen Erinnerung gespeist. Es ist, als ob jedes Ding und seine Teile, jedes Blütenblatt, jede Falte, jeder Griff einen Geruch besäße, durch den du in deinem Körper eine vergangene Erfahrung wiedererkennst. Nur ist es weniger eine Frage des Geruchs als der Form, der Textur, des Gewichts, der Temperatur, der Dichte, der Farbe. Jede dieser Eigenschaften stößt etwas im Gedächtnis deines Körpers wach, gewinnt die Kraft der Erinnerung.

Quelle John Berger „Woandershin“ darin: Stillleben Ein offener Brief an Marisa (Seite 9) Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hans Jürgen Balmes / Wallstein Verlag 2. Auflage 2019

Das nächste Bild war mir 1963 in Köln das liebste, – die Spiegelung auf dem Glas -, weniger das darauf folgende. Ob ich wusste, dass ein Stillleben in Frankreich „nature morte“ genannt wurde? Haben mich die beiden menschlichen Gestalten im Hintergrund interessiert? Was ist mit Hahn und Henne (ganz unten rechts), leben sie, sind sie davongekommen? Und der Schwan mit seinem seltsam verbogenen Hals, schaut er die beiden an? Was soll mir der Eberkopf auf dem Pfauenfederkissen sagen? Vergrößere das Bild, es schreit nach Farbe. Soll es vom Tod sprechen? Ich lese noch einmal John Berger…

 vgl. heute hier

 Frans Snyders hier

Quelle Beide Fotos aus: Wallraf-Richartz-Museum der Stadt Köln / Verzeichnis der Gemälde Köln 1959

Versuch, einen Ausschnitt realistischer zu sehen. Zahlreiche Bilder von Frans Snyders in einer Übersicht hier. Bergmann Galerie Kunsthandel. Man kann sogar Kopien anfertigen lassen und erwerben. Das Kölner Bild auf Seite 3, Reihe 6 Bild 3.

Schöne alte Welt im Juni

Im Abendlicht

 Heimat

Von meinem Platz auf der Terrasse sehe ich zahlreiche emsige Meisen, denen der Futterplatz allenfalls von 3 – 5 Exemplaren des Kleinen Buntspechtes streitig gemacht wird. Das Rotkehlchen besichtigt mich persönlich, wenn ich aus dem Haus trete, hält sich dann mit Vorliebe am Boden unter dem Futterplatz auf. Der Kleiber kommt und die Heckenbraunelle, sekundenschnell auch der Zaunkönig, der den ganzen Tag über das Gebüsch am Hang als Privatbesitz markiert. Aber nicht diese Tiere sind mein Thema, sondern zunächst noch einmal Dvořáks Meise, die gar keine war: sehen Sie hier.

Heute kam ich wieder drauf, – denn der Text, an dem ich damals schrieb, ist jetzt samt der Musik, zu der er gehört, in gedruckter Form nach Solingen zurückgekehrt.

 physisch greifbar hier letzter Teil des Booklettextes JR

Da geht es abschließend um persönliche Erinnerungen an einen Aufenthalt in Ungarn, mit dem ich mich immer wieder beschäftigt habe: zum Beispiel hier.

Im Text lesen Sie auch den Hinweis auf den amerikanischen Musikwissenschaftler Michael B. Beckerman und sein Buch „New Worlds of Dvořák“. Zugleich wurde das Youtube-Video erwähnt, das hiermit direkt zugänglich sein soll. Man vergesse nicht: es ist allzu leicht, sich über Dvořáks Musik zu mokieren, weil sie so einfach konsumierbar erscheint. Aber wenn man Einblick in eine derart lebendige Forschungsarbeit bekommen hat, wird es die reine Freude, sich aufs neue dieser herrlichen Sinfonie zu widmen. Selbst wenn sie schon zu den ersten klassischen Werken gehörte, für die man sich in früher Jugend begeistert hat. Sie bleibt.

Dasselbe Video im externen Fenster: hier.

 Da war ich in Sachen INDIEN unterwegs…

 die CD im Buch, ein wichtiger Faktor!

Paradies & Kindheit

Südseeträume

Fast möchte ich behaupten, dass alle meine Interessen auf frühe Kindheitseindrücke zurückgehen. Das soll heißen: zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr, danach begann schon der planmäßigere Ausbau, grob gesagt: von der Tierwelt plus Botanik zur Musik, in jeder Phase spielten Bücher eine zentrale Rolle, auch die großen Figuren der Weltentdeckung (Weltumsegler): James Cook und Fernando Magellan. Nicht zu vergessen: Nils Holgersson (Reise mit den Wildgänsen). Die Kleinheit im Verhältnis zum großen Ganzen schien mir erschreckend, aber auch mit Angstlust besetzt. Das ist mir erst jetzt aufgefallen: wie lange ich selbst der Kleinste war, die meisten waren älter als ich, und nur sie beunruhigten oder lockten mich. Oder es waren Mädchen, oder beides: Älter und Mädchen. Und Machtfragen spielten eine Rolle (mein Großvater), – ohne dass es mir klar war natürlich. Meinen Vater erlebte ich als fern (Krieg) oder trotz Nähe ferngerückt (seelische Distanz, frühe Krankheit und Tod).

Heute, im Zusammenhang mit dem Papua-Thema, kam das alles zurück, wobei nicht von Bedeutung ist, dass die Traumgebiete Papua-Neuguinea, Borneo, Bali u.ä. absolut nicht zum Gebiet Südsee gehören und mir auch laut Verstand nicht mehr verlockend erscheinen. Vergleiche das Paradiesthema hier, und auch die Überblicke bei Wikipedia hier und hier, im letzteren Link insbesondere den Abschnitt „Südseeparadies“.

Ich erinnere mich zwar auch an Eskimogeschichten – an das klein geratene, schwächliche Kind des Seehundjägers: es wurde krank und kränker, eines Tages war ihm so übel, dass es ein Bündel kleiner Knöchelchen erbrach, und siehe da: fortan wuchs es und wurde ein starker Knabe. Auch Märchen kommen mir in den Sinn, etwa „Hans der Tannendreher“. Oder Heldensagen, „Zwerg Laurin“, der leider bösartig war, später natürlich „Siegfried“, mein älterer Bruder durfte sich gern „Dietrich von Bern“ nennen. Wo spielte eigentlich „Dr. Dolittle“? Ich sehe, wie er vom Schiff aufs Wasser blickte und dem Kopf eines Schwimmenden ins Gewissen redete: Sieh einmal, Ben Ali. Das Buch der Bücher: Robinson Crusoe. In „Gullivers Reisen“ aber begeisterte mich als erstes Liliput, erst später die Umkehrung der Verhältnisse oder sogar das Reich der Pferde, deren Sprache mir ganz allmählich sympathisch wurde. (Seite 259 „Die Hauyhnhnms sprechen hauptsächlich durch die Nase und Kehle.“ Also ähnlich wie die alten Solinger, was ich damals noch nicht wissen konnte.)

 Reclam 1948

 Linde Verlag Berlin 1948

Ja, und eben dieser von allen missachtete Knabe Mafatu, aufgewachsen auf dem winzigen Südsee-Atoll Hikueru. Wie er, sich selbst besiegend, alle Gefahren bestand, allein mit seinem Hund und dem treuen Seevogel Kiwi. Am Schluss die große Rehabilitation, im Angesicht des Vaters, ich musste weinen. Natürlich nicht ohne Selbstmitleid, – aber schon öffnete sich mir als weiteres imaginäres Refugium der (halb)wissenschaftliche Anhang: die Geschichte muss also der Wahrheit entsprochen haben.

Noch viel wahrer, gewissermaßen ein Augenzeugenbericht, war für mich die Geschichte von Robinson Crusoe und seinem treuen Geschöpf Freitag…

P.S. Was für ein Zufall!

Zwei Tage nach Beendigung dieser kleinen Rückschau besorge ich mir wieder einmal die Süddeutsche und finde folgenden interessanten Artikel. Die Versuchung ist groß. Oder soll ich bis ans Ende meiner Tage bei Bedarf das Kinderbuch frequentieren? Vielleicht auch öfters – als Übersprunghandlung – bei OBI nach Anregungen fürs praktische Leben Ausschau halten?

Quelle Süddeutsche Zeitung 3. Juni 2019 Seite 12 Aufklärung als Do-it-yourself Zum 300. Geburtstag neu übersetzt: Daniel Defoes „Robinso Crusoe“ / Von Jutta Person hier

Daniel Defoe: Robinson Crusoe. Roman. Aus dem Englischen von Rudolf Mast und mit einem Nachwort von Günther Wessel. Mareverlag, Hamburg 2019. 400 Seiten, 42 Euro.

Alles fließt

Oder – muss es pulsieren?

Es ist ja die Frage, ob Heraklit wirklich „panta rhei“ gesagt hat oder „panta chorei“ (alles geht weiter). Mir wäre lieber: alles scheint fließend zu pulsieren, oder etwas in der Art.

Das obige leicht verformte Panoramabild entstand am Strand von Texel eher wegen des Meeres unter Inkaufnahme meiner Person, jedoch unzweifelhaft gerade als ich versuchte, Texte von Susanne K. Langer zu erinnern und mit den hier beobachteten Phänomenen in Verbindung zu bringen. Das folgende Video fand ich später im Hotel am Computer und habe es gegen wachsenden inneren Widerstand eingesetzt, der bei der Suche entstand: die angebotene Funktion der Youtube-Filme ist gewöhnlich genau die, die mir weniger willkommen ist: „Entspannung“ im Sinne von Dösen (Träumen ist der meistgebrauchte Euphemismus dafür). Mich interessiert Konzentration. „Interesseloses Wohlgefallen“.

(Für den Fall, dass Sie einfach weiterlesen wollen, verlinke ich das Video auch noch im externen Fenster: HIER. Der Klang ist mir zu metallisch. Und irgendwie hohl. Andererseits hört man das Geröll kleiner Steine, wenn auch der reale Klang sich unterscheidet von dem, der vom Mikrofon registriert und „verengt“ wird. Näheres dazu unten von Bernie Krause, dessen Aufnahme allerdings ein gewaltigeres Wogengemisch abzubilden sucht. Siehe hier Tr. 1.3)

Vor vielen Jahren habe ich eine WDR-Sendung gemacht, in der ich alles unterbringen wollte, was mir seit der Staatsarbeit über Wagners „Tristan“ zur Wasser-Thematik durch den Kopf gegangen war: „Der Kreis, die Welle und der Geist der Wiederholung“ – war dies der Titel? Ganz sicher bin ich nicht. „Sind es Wellen sanfter Lüfte“ hätte ich zitiert, des weiteren die beinahe letzten Worte Isoldes „In dem wogenden Schwall, in dem tönenden Schall, in des Welt-Atems wehendem All –, ertrinken, versinken –“ all dies hätte ich repetiert und mit den Erfahrungen orientalischer und afrikanischer Musik verbunden. Etwas daran fühlte sich nicht gut an. Eigentlich will ich diesen Ideen heute nicht aufs neue – zum wievielten Male? – nachgehen. Nicht versuchen, ihnen Aspekte abzugewinnen, die ich damals nur geahnt habe, aber letztlich auch loswerden wollte. Von Wagner zu Schopenhauer zur indischen Musik, das schien ebenso verführerisch wie irreführend. Es sollte aber zu neuen Ausblicken führen. Ich habe das Datum wiedergefunden: 16. Januar 1985, die Programmvorlage und sogar den handgeschriebenen Entwurf der Musikfolge. (Neu: siehe nachfolgenden Blog-Artikel hier).

 

Jetzt, nach der Langer-Lektüre, schien mir alles besser mit der Wirklichkeit kompatibel, die Wellen, die ich hörte, und die Wellen in Wagners Tristan, die kurzen chromatischen aus zwei Achteln plus Triole und die Sequenz „Mild und leise, wie er lächelt“, „Seht ihr’s, Freunde, seht ihr’s nicht?“. Oder was ich jetzt auch hörte, innerlich, die Hebriden-Ouvertüre. Ein gegliedertes Kontinuum. Struktur. Rhythmus. In einfachster Form eine Pendelbewegung. Ich versuchte also einen Text von Susanne K. Langer sinnlicher zu verstehen, indem ich ihn draußen – unter freiem Himmel, vorm offenen Meer – rekapitulierte und den Wellen zuhörte.

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Ich hatte tatsächlich zunächst eine Serie von ca. 20 Bildern hier eingesetzt, um den folgenden Langer-Text psychologisch (physisch) zu „vertiefen“, und hatte dann bemerkt, dass nichts Entsprechendes von ihnen ausging, während das Video sofort die gewünschte Reaktion auslöst. Selbst in der Vorbereitung, als ich – durch andere Videos beunruhigt – noch den Verdacht hegte, dass Ton und Film aus unterschiedlichen Quellen genommen und einfach zusammengefügt sein könnten. Die Erinnerung an das echte akustische Erlebnis, die ehemals direkte Beobachtung, war stärker; in meinem Fall dann aber doch wieder nicht der gegenwärtige Texel-Strand, sondern der evozierte Atlantik bei Windstille, eine Erinnerung, ein Strand von damals, in Porto Mos an der Algarve.

Susanne K. Langer (Seite 246)

Das eindrücklichste den meisten Menschen vertraute Beispiel für Rhythmus ist jedoch das Brechen der Wellen in einer gleichmäßigen Brandung. Jede neue auf den Strand zu laufende Woge wird durch die Unterströmung der zurückfließenden geformt und verstärkt ihrerseits durch den Sog das Zurückweichen der vorherigen Welle. Die beiden Ereignisse sind nicht scharf voneinander zu trennen. Dennoch ist eine brechende Welle ein Ereignis, wie man es sich bestimmter nicht wünschen kann: eine echte dynamische Gestalt.

Derartige Phänomene in der unbelebten Welt sind starke Symbole der lebendigen Form, gerade weil sie selbst keine Lebensprozesse darstellen. So betont beispielsweise [der] Gegensatz zwischen dem scheinbar vitalen Verhalten und der offensichtlich anorganischen Struktur von Meereswellen den reinen Schein des Lebens und liefert unserer geistigen Anschauung die ersten Abstraktionen ihres Rhythmus. Darin besteht die wichtigste Funktion von Symbolen. Ihre zweite Funktion soll uns ermöglichen, die gewonnenen Begriffe zu manipulieren. Dazu ist mehr nötig als das Erkennen von sogenannten „natürlichen Symbolen“, nämlich ein überlegtes Herstellen expressiver Formen, die auf verschiedenen Wegen verwendbar sind. Solche von uns produzierten Gestalten, die uns einen logischen Einblick in Fühlen, Vitalität und Gefühlsleben verschaffen, sind die Kunstwerke.

Quelle Susanne K. Langer: Form und Fühlen / Eine Theorie der Kunst / Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christiana Goldmann und Christian Grüny / Mit einer Einleitung, Literaturverzeichnis und Registern herausgegeben von Christian Grüny

Ich bin in diesem Augenblick reif, Musik zu hören, am liebsten übersichtlich, nur zwei Individuen  bei der Arbeit bzw. beim Spiel, dem gegliederten Zusammenspiel, Mozart, Violine / Viola, gerade auch im Wechsel mit Michael Haydn. (Ich werde die ganze lange Rückfahrt damit „ausfüllen“; und so haben wir die CD wohl drei oder vier Mal hintereinander gehört.) Der sonst so eklatante Qualitätsunterschied zwischen Mozarts und M. Haydns Kompositionen – erstaunlich instruktiv, Landschaftsunterschiede, verschiedene „Uferformationen“. – Nicht vergessen: ich werde in Langers Text nachher noch etwas zurückgehen: ihre Beschreibung der Pendelbewegung.

(Fortsetzung folgt)

Der Klang der Wellen stand hier nicht mehr im Zentrum (vielmehr ihr Rhythmus, ihre schiere Abfolge), trotzdem ist interessant, was ein Klang-Fachmann wie Bernie Krause dazu sagt:

Auf den ersten Blick scheint das Vorhaben, akustische Aufnahmen vom Wasser zu machen, unkompliziert: Stell ein Mikrofon auf und drück den Aufnahmeknopf. Aber sosehr ich mich anstrengte, meine ersten Versuche, den Klang des Wassers einzufangen, wollten einfach nicht recht gelingen. Wir sind so visuell orientiert, dass die meisten Menschen, die einigermaßen gut sehen, dazu neigen, zu hören, was sie vor Augen haben. Wenn wir den Blick auf die Wogen weit draußen auf dem Meer richten, filtern Ohren und Hirn in der Regel alles heraus außer dem Donnern und Krachen der Wellen, die Ferne und unglaubliche Kraft suggerieren. Schauen wir hingegen auf die Vorderflanke der Wellen, die an den Strand spülen und im Sand zu unseren Füßen brechen, hören wir die Bläschen knistern und prasseln, während das Geräusch der fernen Brecher in den Hintergrund tritt.

Mikrofone haben jedoch weder Augen noch Hirn. Ohne Unterschied nehmen sie alle Geräusche in ihrer Reichweite auf. Wenn ich also, überlegte ich, die Klänge einer Meeresküste wiedergeben will, muss ich eine ganze Reihe verschiedener Aufnahmen aus unterschiedlichen Distanzen machen: ein paar Hundert Meter vom Ufer entfernt, auf halbem Weg zwischen den grasbewachsenen Dünen und dem Ufer und direkt am Ufer. Mit Hilfe einer Klangbearbeitungssoftware, mit der ich zu Hause alle Aufnahmen auf unterschiedlichen Ebenen kombiniere, kann ich auf diese Weise Tonmaterial erzeugen, das ganz ähnlich klingt wie die magischen Kläne der Meereswellen. Aber was ist es eigentlich, was ich da aufnehme? Was ist Klang?

Quelle Bernie Krause: Das grosse Orchester der Tiere / Vom Ursprung der Musik in der Natur /  Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Sonja Schumacher / Verlag Antje Kunstmann München 2013 / ISBN 978-3-88897-870-8 (Zitat Seite 26) Noch einmal der Link zur Aufnahmensammlung, die zu diesem Buch gehört: HIER.

Susanne K. Langer: Pendel ZITAT

Wo der symbolische Prozess hochentwickelt ist, übernimmt er praktisch den Bereich der Wahrnehmung und des Gedächtnisses und drückt sämtlichen geistigen Funktionen seinen Stempel auf. Doch selbst in seinen höchsten Tätigkeiten folgt der Geist noch dem organischen Rhythmus, der die Quelle der vitalen Einheit ist: Dem Entstehen einer neuen, dynamischen Gestalt in eben dem Prozess, der eine frühere sich auflösen lässt.

Solche echten Rhythmen finden sich auch in der anorganischen Natur. Rhythmus ist zwar das Fundament des Lebens, aber nicht darauf beschränkt. Das Schwingen eines Pendels ist rhythmisch und wird nicht erst durch unsere organisierende Interpretation dazu (obwohl dank ihrer für uns aus einer bloßen Abfolge von Tönen – und mehr nehmen wir ja nicht wahr, wenn wir beispielsweise einer Uhr lauschen – ein Rhythmus entsteht). Die kinetische Kraft, die ein Pendel zum höchsten Punkt schwingen lässt, schafft das Potential dafür, dass es wieder zurückschwingt; das Aufbringen kinetischer Energie bereitet den Wendepunkt und das Zurückschwingen vor. Das allmähliche Abnehmen des Schwingungsbogens aufgrund der Reibung ist normalerweise nicht unmittelbar zu beobachten, daher scheint sich die Bewegung exakt zu wiederholen. Andererseits zeigt ein springender Ball eine rhythmische Bewegung ohne jedes Gleichmaß. Das eindrücklichste den meisten Menschen vertraute Beispiel für Rhythmus ist jedoch das Brechen der Wellen in einer gleichmäßigen Brandung.

(Susanne K. Langer a.a.O. Seite 246. – Fortsetzung siehe ZITAT oben)

Ein besonders schönes Beispiel für nicht-intentional angelegte Rhythmen ist das Läuten der Glocken. (JR)

Kurze Bollenkamerwandeling

Das Wesentliche ist unbeschreiblich

Der kleine Punkt auf dem linken Teil des Weges, ganz hinten, das bin ich:

Aus dem Waldstück dahinten hörte man die ganze Zeit, während wir uns näherten, den Kuckuck. Ohne Ende. Herrlich törichte Töne. Als wir dort ankamen: nichts als Wind und wispernde Kleinvögel.

Unversehens taucht aus den Dünen – mal hier mal dort – die winzige Turmspitze der Kirche von Den Hoorn auf. Wir befinden uns im Territorium der Großen Brachvögel. Mindestens einen hört man unverwandt schreien, manchmal mehrere. Der heftige Glissando-Ruf, aufjagend im Rahmen einer Quarte oder verminderten Quint, lässt sich leicht nachahmen, und wir haben den Eindruck, dass die Vögel bald über uns kreisen, um nach dem Urheber der unbekannten Pfiffe Ausschau zu halten, es wurde auch merklich stiller da oben. Nur vom Boden, aus der Ferne, war noch ein mächtig anschwellender Balzruf zu hören. Unnachahmbar. Ich sollte mich schämen.

Der Abend klingt aus beim Blick auf ein ziemlich aufgewühltes Meer. Wenn ich mich nicht irre, stehen da auch leere Weingläser auf dem Tisch. Verdejo im Paal 9. Meine Tonaufnahmen hatten nur das heftige Geräusch des Windes und vor allem die eigenen Pfeifversuche festgehalten.

Ich habe mir eine neue App aufs Smartphone runtergeladen, die wird mich auch morgen wieder beschäftigen: die App „Flora incognita“. Heute früh hatte sie mir im Handumdrehen den Namen Wiesenkerbel mitgeteilt, den ich vor Jahren hier mühsam erkundet habe. Bei den Zistrosen (?) oben hatte ich kein Glück mehr: der Akku war leer.

vorher nachher

Alle Fotos: E.Reichow

Das folgende Vimeo hier stellt allerdings alles in den Schatten, was man an einem bestimmten Tag des Jahres in einer bestimmten Stunde erleben kann. Und doch ist es genau diese Stunde, die man nicht vergisst.

Die Insel Texel kehrt des öfteren wieder in diesem Blog: wann hat es begonnen? Vielleicht hier? Oder hier? Und u.a. auch noch hier?

Am Tag danach: beim Paviljoen Kaap Noord

Sehen, Hören und

und was als Drittes?

Man stelle sich vor, wenn einem Hören und Sehen vergeht, – was bleibt? (Hoffentlich). Es gibt einen Artikel in diesem Blog, den ich anklicke, um mich zu erinnern. Gestern habe ich allerdings einen Fehler gemacht, und habe oben in das Suchfeld Hariri eingegeben (statt Harari). Und tatsächlich: die Makamen des Hariri wären lesenswert. Hier aber ging es mir um das Atmen, über das ich mich damals im Dezember gründlicher informieren wollte. Nein, ich wollte mir einfach dessen wieder bewusst werden. Hatte ich nicht gelesen, wie es Stockhausen erging? Als er Mary Baumeister mitteilte, er habe eine neue Methode des Atmens gefunden, lebte er nicht mehr lange. Das Risiko muss ich eingehen, zumal ich nicht mit Genialität vorbelastet bin.

Mir genügt es, das Meer zu sehen oder in der anderen Richtung einen hochbegabten Hund, der fotografiert wird, und wenn ich mich selbst auf einem Foto von hinten sehe, denke ich nicht, was Sie vielleicht denken, sondern weiß, dass ich in der Hand mein Huawei-Smartphone halte und den wunderschönen Gesang einer Drossel aufnehme. (Eines Tages werde ich ihn hier, an dieser Stelle, zum Abhören bereitstellen.) An etwa derselben Stelle, im Garten des Restaurants Worsteltent, haben wir zu anderer Jahreszeit schon mal eine Schwarzdrossel beim Beerenverzehr abgelichtet.

Ich schaue und höre, lese und übe, und nun soll ich dabei auch noch meine Atmung kontrollieren? Wer unterbricht mich, wenn ich nur döse, wer hilft mir, wenn ich mich dumm anstelle? Ich könnte sogar störrisch reagieren und behaupten, alles was ich zum Atmen brauche, finde ich genauso im Internet.

Zum Beispiel hier ? oder hier ? – natürlich auf eigene Verantwortung. Und dürfte es anderen nicht einfach weiterempfehlen, als sei ich ein Arzt. Das Buch, das ich lese, erzählt von allen Themen, die mit dem Atmen zu tun haben, und zwar so erschöpfend, dass ich mich schäme, den Atem immer nur mit dem Singen zusammengesehen zu haben. Trotz Yoga. Dabei habe ich vor Jahren mal vergeblich nach kompetenten Büchern gesucht. Eine Art Atemphilosophie. Das Standardwerk von Leo Kofler schien mir zu langweilig. Aber der Anfang war gemacht, damals im Januar 2008, – nur von dem „blöden Organ“, wie Roland Barthes die Lunge nannte, musste ich loskommen, siehe Fundstücke Nr.28 hier. Am Meer begreift man zunächst einmal, dass das Atmen wichtiger ist als das Singen.

Das Buch, von dem ich rede, liegt vor mir auf dem Tisch:

Jessica Braun: ATMEN Wie die einfachste Sache der Welt unser Leben verändert / Kein & Aber AG Zürich – Berlin 2019 ISBN 978-3-0369-5798-2

Auch der oben genannte Kofler kommt drin vor (Seite 180), übrigens: nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Philosophen. Im Anschluss daran die Namen Schlaffhorst und Andersen, die auch mit einschlägigen Übungen auf Youtube zu finden sind.

Es gibt einen Grund, weswegen ich das Buch vielleicht nicht gekauft hätte, wenn ich, in einer Buchhandlung stehend, es hier und da angelesen hätte: ich mag nicht, wenn die Kapitel erzählend beginnen, wie ein SPIEGEL-Artikel (Enzensberger hat diesen Stil schon Ende der Fünfziger Jahre in „Kleinigkeiten“ beschrieben). Etwa wie im Kapitel 4. „Es liegt was in der Luft“ Seite 56:

An einem heißen Tag kurz vor Weihnachten stand ich auf dem Holzsteg, der in den Lake Clifton ragt. Ein Freund hatte mich hingebracht, um mir die Trombolithen zu zeigen: ein scheinbar endloser Uferstreifen perfekt gerundeter Steine, über die blaugrünes Wasser schwappt.

Ich habe lieber ein Sachbuch, das rein sachlich daherkommt, so knapp wie möglich, nicht ausladend einladend, wie ein Abenteuerroman. Aber kurze Zeit später hätte ich nicht mehr losgelassen:

Ich las, was auf der Tafel stand: „Vor Millionen Jahren produzierten die Vorfahren dieser Trombolithen den für das Leben an Land notwendigen Sauerstoff.“ Es war, als würde ich aus dem Bild herauszoomen, könnte einen Blick auf das größere Ganze werfen. Ohne Sauerstoff gäbe es nämlich weder den zwischen den Trombolithen herumstaksenden Reiher noch das im trockenen Uferlaub werkelnde Possum oder den Spaziergänger mit seinem Labrador, der uns auf dem Weg zum Steg gegrüßt hatte. Selbst der Wald, durch den wir zum See gewandert waren, braucht Sauerstoff.

Hier hätte ich nicht mehr stoppen können, vielleicht hätte ich nur noch zwischendurch auf dem Smartphone nachgeschaut, was ein Possum (aha! Australien!) ist, aber dann weiter im Text. Ich fühle mich gern überlistet. Ein anderes Beispiel: in der Frage, was ein Muskelkater ist, hätte ich mich vielleicht zufriedengegeben mit dem alten Vorurteil: ein gutes Zeichen, der Körper merkt, dass er neue Muskeln bilden soll. Hier beginnt die Wahrheit auf Seite 96 mit dem Wort „Adenosintriphosphat, kurz ATP“, und ich lese trotzdem gespannt weiter, es geht darum, wie der Körper ins Meer eintaucht.

Wie schnell die Ermüdung eintritt, hängt von der Sauerstoffmenge ab, die der Körper aufnehmen kann. Kommt Bewegung in die Beine, signalisieren Sensoren dem Atemzentrum: Mehr Luft! Dessen Neuronen treiben die Atemmuskeln an: Zuerst zieht sich das Zwerchfell mit jeder Einatmung stärker zusammen. Genügt das nicht, helfen die Treppenmuskeln mit. Ein Atemzug, der sonst vier Sekunden dauert, kann sich so bis zu eineinhalb Sekunden verkürzen. Obwohl dadurch mehr Sauerstoff in der Lunge ankommt (und in Folge der Anstrengung auch mehr Kohlendioxid), verändert sich der Partialdruck dieser Gase dort erstaunlicherweise kaum, solange wir uns auf Höhe des Meeresspiegels befinden. Möglich ist das, weil jeder von uns mit einem überproportionierten Atmungsapparat herumläuft. Jedes Säugetier, egal ob Igel oder Giraffe, hat zwischen 300 und 500 Millionen Lungenbläschen. Deren Gesamtfläche variiert zwar mit der Körpergröße, ist wie diese aber genetisch bedingt: Sie lässt sich nicht wirklich vergrößern. Luft nach oben ist dennoch, zumindest bei größeren Lebewesen wie dem Menschen. Nicht alle unserer Lungenbläschen nehmen auch am Gasaustausch teil. Etliche sind genügend von ihnen aktiviert, diffundieren im Extremfall pro Minute bis zu sieben Liter Sauerstoff von der Lunge ins Blut. Untrainierte nutzen von dieser Kapazität vielleicht die Hälfte. Selbst nach einer Lobektomie, also wenn Lungengewebe entfernt wurde, kann ein Patient soviel Sauerstoff aufnehmen wie zuvor, wenn er sich ausreichend bewegt. Belastung bedeutet in Bezug auf die Lunge nur, die eigenen Möglichkeiten auch auszuschöpfen. Denn in jedem von uns steckt ein zu Atemhöchstleistungen geborener Superheld.

Das höre ich doch gern, muss aber zugeben, dass ich nach dem „Adenosintriphosphat, kurz ATP“ vergessen habe, die Auflösung zum Phänomen Muskelkater zu liefern. Davon nur noch ein paar Zeilen:

Die Atmung beschleunigt sich – das Kohlendioxyd muss raus – während sich das Laktat bei anhaltender Belastung in Muskeln und Blut anreichert. Früher dachte man, dieses sei schuld am Muskelkater. Heute geht man davon aus, dass die Muskelfasern zwar ermüden, weil sie in dem veränderten Milieu nicht mehr optimal arbeiten können. Die Schmerzen am nächsten Tag rühren aber wohl nicht vom Laktat her, sondern von Minirissen in den Muskelfasern. (a.a.O. Seite 96)

Falls meine Zitate interessierte Blogleser zum Kauf des Buches anregen, – was ich gern in Kauf nehme, aber nicht direkt beabsichtigte -, sollte ich doch nach anmerken, weshalb ich vorsichtig wäre, wenn und ob ich das Buch weiterverschenke und vor allem an wen… Zum Beispiel nicht an einen entfernten Großneffen, etwa zur Kommunion, und auch nicht an meine Patentante zum 85. Geburtstag, selbst wenn sie im Luftkurort Bad Salzuflen lebte und sich ernsthaft für das Thema interessierte: ich möchte nicht, dass mich später jemand streng anschaut, als sei ich persönlich der Verfasser des Kapitels über alternative Sexpraktiken und versehentliche Selbststrangulation (Seite 295 ff). Auch die Seiten über den allerletzten Atemzug sollte niemand als Wink verstehen können, dass es nun bald soweit sei.

Ich kann nicht schließen, ohne die kürzesten Übungen, mit denen das Buch endet, zur täglichen oder nächtlichen Beherzigung folgen zu lassen:

EINSCHLAFEN

Legen Sie sich auf den Rücken. Atmen Sie vollständig durch den Mund aus. Spüren Sie , wie Ihr Körper schwer in die Matratze sinkt. Nun atmen Sie durch die Nase ein, während Sie innerlich bis vier zählen. Halten Sie den Atem an und zählen Sie dabei bis sieben. Lassen Sie bis acht zählend den Atem sanft durch die Nase ausströmen. Setzen Sie die Übung fort, bis Sie eingeschlafen sind. Anfangs kann sich die Atempause auf sieben zu lange anfühlen. Passen Sie diese ruhig an, aber versuchen Sie mit jedem Mal üben, ein bisschen länger zu halten, bis auch die sieben angenehm ist.

ATEMSTILLE ÜBEN

Nutzen Sie den nächsten Spaziergang, um Atempausen zu üben. Gehen Sie dafür hundert Schritte in gleichmäßigem Tempo, während Sie den Atem anhalten. Versuchen Sie den Atemreiz vorbeiziehen zu lassen, indem Sie sich auf die Bewegungen Ihres Körpers fokussieren.

Beides hat sich schon bewährt. Aber als ich gestern Nacht die erste Übung fortgesetzt hatte, bis ich eingeschlafen war, wachte ich auf und fragte mich, ob ich nicht doch zu früh aufgehört hatte und nur deshalb wieder aufgewacht bin. Oder ob ich etwas verwechselt habe und mich nun vor nächtlicher Atemstille fürchtete. Heute werde ich mich früher hinlegen, um mehr Zeit zum Üben zu haben. Morgens will ich auf jeden Fall ein großes Aufatmen erleben. (Das ist meine Erfindung. Die Sache mit Stockhausen werde ich nie vergessen.)

Ein Letztes: Das Hyperventilieren am Strand verleitet mich leider zu Scherzen, wie ich sehe; in Wahrheit lese ich in dem großen Buch vom Atmen immer wieder aufs Neue. Und zwar ernsthaft. Eine Quelle der Anregung!

Nachtrag Ende Mai

Es war an der Zeit, mich eines Buches zu entsinnen, das ich am 19.10.1961 mit dem Vorsatz strengster Beachtung zugelegt habe; allerdings wuchsen im Laufe der Zeit auch die Zweifel, und das konnte auf die Dauer nicht gut enden. So also eine Wiederentdeckung unter neuen Vorzeichen, – welche Überraschung: mussten wirklich erst 50 Jahre vergehen?

Quelle Swami Sivananda Sarasvati: (Übungen zu) Konzentration und Meditation / Otto-Wilhelm-Barth Verlag / deutsche Übersetzung: Ursula von Mangoldt / München Planegg / 2. Aufl. 1959