Kategorie-Archiv: Natur

Wie sich die Welt öffnet

Nach oben und nach unten

Man sieht und hört

Fotos ER 13.11.2022

Zug der Kraniche in Europa HIER

Zu ihren Rufen:

Beim Duett-Ruf handelt es sich um eine zeitlich koordinierte Tonfolge beider Partner eines Paares. Das Männchen beginnt in der Regel z.B. mit ein bis zwei Tönen, und das Weibchen gibt zwei, drei oder vier höhere Töne dazu. Beim Rufen nehmen die Partner dabei eine typische Haltung ein, indem sie Kopf und Schnabel aufwärts richten. Zudem stehen beide eng beieinander oder bewegen sich während der Rufreihen langsam nebeneinander fort. Das Duett ertönt besonders zur Brutzeit, wird aber auch bei verschiedenen Situationen der Erregung an Sammel- und Rastplätzen vorgetragen.

Hören: siehe hier

Ihre weiten Flugbahnen:

Ein Bruchteil des Weges über Solingen

Fotos JR 13.11.22 gegen 12:45 h Botanischer Garten

Es geht kein Weg dran vorbei: wieder einmal fällt mir das alte Kinderbuch ein, 1948 erschienen, 450 Seiten lang. Darin habe ich eine lange Zeit gelebt. Und vielleicht zum erstenmal stellte sich die Frage, was es bedeutete, ein Mensch zu sein oder in eine andere Perspektive versetzt zu werden, verwunschen und verzaubert. Ein Zwerg oder ein Tier. Aber nicht vergessen: es waren Wildgänse, bei Selma Lagerlöf, keine Kraniche.

Der Anfang und auf Seite 451…

… das Ende der Geschichte.

Selma Lagerlöf

P.S.

Gerade heute wurde ich auf eine schöne Arbeit über Gustav Mahlers Vierte Sinfonie aufmerksam gemacht, worin ich an einer bekannten Passage hängenblieb, die Natalie Bauer-Lechner vom Komponisten überliefert:

Was mir hier vorschwebte, war ungemein schwer zu machen. Stell dir das ununterschiedene Himmelsblau vor, das schwieriger zu treffen ist als alle wechselnden und kontrastierenden Tinten. Dies ist die Grundstimmung des Ganzen. Nur manchmal verfinstert es sich und wird spukhaft schauerlich: doch nicht der Himmel selbst ist es, der sich trübt, er leuchtet fort in ewigem Blau. Nur uns wird er plötzlich grauenhaft, wie einen am schönsten Tage im lichtübergossenen Wald oft ein panischer Schreck überfällt [→ 2. Satz: Scherzo] (…) Doch werdet ihr im Adagio darauf, wo alles sich auflöst, gleich sehen, daß es so bös nicht gemeint
war. (NBL, 162)

Ich versichere, dass es Zufall ist, wenn ich auf dem Foto oben vorwiegend blau gekleidet erscheine, und wenn man auf meine vor 15 Jahren (?) angelegte Website schaut, so muss man sich über die Farbgebung nicht wundern. Es ist kein Bekenntnis. Im täglichen Leben bevorzuge ich eher Grün, für Rot muss ich Begründungen finden. Bei Gelb denke ich wiederum an Mahler, an das letzte der „Lieder eines fahrenden Gesellen“. Der Freund aber, der mir u.a. wegen Mahler schrieb, – Zwillingsbruder eines Musik-Freundes aus alter Zeit -, schickte mir zugleich ein düsteres Bild, das vom Gelb lebt, mich aber zutiefst an Phasen des Kölner Studiums erinnert, als diese Busse längst nicht mehr im Einsatz waren. (Siehe auch hier). Und der regenschwere Himmel über dem Rhein, nicht weit von der Hochschule, wich doch oft genug einem gewaltigen Blau…

Jürgen Giersch (2018)

Nicht nur im Frühling

Was aufs neue zu lesen und zu hören wäre …

Was war denn im April 1968? – „Die Amsel“

Ging es überhaupt um das Tier? Oder um einen mystischen Zustand?

http://www.janreichow.de/sdg_abgehoert_vogelstimmen_1992.htm

Die CDs sind hier im Regal immer noch greifbar, und viele andere sind dazugekommen. Aber im Radio war es wohl in einer Musikreihe die erste Vogelstimmensendung dieses Umfangs.

dies aber ist wirklich neu: 14.10.22

oder eine Hoffnung auf Erneuerung. Wie im folgenden Hörspiel, der alten Erzählung, kennengelernt im April 1968 – jetzt: HIER

Hörspiel „Die Amsel“ Von Robert Musil

Und als Ausklang – selber lesen:

https://taz.de/Was-singen-die-Amseln/!764970/ hier (Autor: Cord Riechelmann) oder Vinciane Despret:

Der Ethnologe Daniel Fabre sagte über seinen Beruf, er interessiere sich für das, was die Menschen am Schlafen hindere. Der Anthropologe Eduardo Viveiros de Castro gibt eine ähnliche Definition von der Anthroplogie: Sie sei das Studium varierender Dringlichkeiten. Weiter schreibt er, »[w]enn es etwas gibt, das der Anthropologie von Rechts wegen zukommt, dann ist es nicht die Aufgabe, die Welt des anderen zu erklären, das heißt zu explizieren, sondern die, unsere Welt zu vervielfachen«. Die Verhaltensforscher, die Tiere beobachten und analysieren, wie es vor ihnen die Naturforscher getan haben, verfolgen meiner Meinung nach meist ein vergleichbares Vorhaben: Sie wollen dokumentieren und die Seinsweisen vermehren, sprich »die Weisen zu empfinden, zu fühlen, Sinn zu geben und den Dingen eine Dringlichkeit zu verleihen«. Wenn der Verhaltensforscher Marc Bekoff sagt, jedes Tier sei für sich genommen eine Art, die Welt zu erfahren, meint er nichts anderes. Natürlich können die Wissenschaftler nicht auf Erklärungen verzichten, doch das Erklären kann darin bestehen, komplexe Geschichten, wahre Abenteuererzählungen über das Leben und die hartnäckig von ihm erprobten Möglichkeiten zu ersinnen; es kann die Probleme zu erhellen versuchen, für die dieses oder jenes Tier eine Lösung gefunden hat, oder aber nach einer allgemeingültigen Patenttheorie streben. Kurzum, es gibt Erklärungen, die die Welten vervielfachen und unzählige Seinsweisen berücksichtigen, und es gibt solche, die sie bändigen und auf ein paar Grundprinzipien beschränken.

Die Amsel hatte zu singen begonnen. Etwas Dringliches beschäftigte sie, und in diesem Moment zählte nichts anderes als das, was sie um jeden Preis zu Gehör bringen wollte.

Quelle Vinciane Despret: Wie der Vogel wohnt (aus dem Französ. von Nivola Denis) Matthes & Seitz Berlin 2022 (Zitat Seite 14f)

Elisabeth von Thadden schrieb darüber (ZEIT Literatur Oktober 2022 Seite 34) :

Die Biologie ist hier nur ein Bezugspunkt unter anderem. Vinciane Desprez sucht nicht nach universellen Gesetzmäßigkeiten des Vogelverhaltens, sie möchte wissen, wie Vögel durch Menschen verstanden wurden: Warum setzt sich der Begriff des Territoriums von Vögeln erst im 17. Jahrhundert durch, im Zuge der Entstehung des Eigentum-Begriffs in England? Warum entwickelt Darwin ein Faible für des dramatische Potenzial des männlichen Vogel-Wettkampfs um ein Revier, und warum wundert ihn der Gesang kaum? Wie kommt es, dass der Soziologe Zygmunt Bauman starke Thesen zur Gesellschaftlichkeit der Vögel hatte, aber keine beobachtende Neugier für deren faktisches Verhalten? Umd warum verknüpft der Philosoph Michel Serres das Verhalten der Tiere mit dem Naturrecht, um die Vögel wie kleinbürgerliche Besitzfetischisten erscheinen zu lassen?

*     *     *

Heute 16.10.22 – Gehört / gesehen: MAHLER (ziemlich kritisch) danach gefesselt von A bis Z durch: WESTART (warum ist eine solche Sendung um so viel packender als ein Mahler-Film oder ein abgefilmtes Orchester? Oder gar ein „Lied von der Erde“ mit Klaus Florian Vogt???) siehe HIER Westart 15.10.2022 29:39 Min.,erfügbar bis 15.10.2023 WDRu Besuch im Von der Heydt-Museum „Die erste der drei aktuellen Ausstellungen mit dem Titel ‚ZERO, Pop und Minimal‘ zeigt provokative Kunst der 60er und 70er Jahre. Die zweite Ausstellung ‚Fremd sind wir uns selbst‘ visualisiert anhand von Porträts aus über 100 Jahren die Spannung zwischen Außen- und Selbstwahrnehmung. Und die gerade eröffnete Ausstellung ‚Eine neue Kunst‘ stellt Fotografie und impressionistische Malerei nebeneinander – zwei Genres, die sich nah und doch erstaunlich fremd sind.“

Kennen Sie Stéphane Mandelbaum? Da wir gerade bei der Kunst sind, möchte ich eine tolle Empfehlung von Berthold Seliger festhalten, die einer wichtigen Frankfurter Ausstellung gilt. In seinem Artikel macht ein Link auch das Booklet zugänglich; darin wiederum findet man u.a. einen lesenswerter Artikel von Diedrich Diederichsen. Alldies also auf diesem Wege online:

https://www.jungewelt.de/artikel/436713.kunst-wimmelbilder-der-halbwelt.html

Widmung (Skizze)

Zu Bachs Partiten

betr. auch die Violin-Partiten (siehe „Loure“ hier in E-dur und in der Französischen Suite in G-dur)

Quelle Hermann Keller: Die Klavierwerke Bachs  / Edition Peters Leipzig 1950

Die Partiten / Titel-Wiedergabe in meiner Henle-Urtext-Ausgabe (1970/1979), deren Vorwort von Rudolf Steglich stammte, – dessen frühe Schrift (s.u.)  wiederum für mich erst im Jahre 1985 eine verlässliche Perspektive eröffnete, die eigentlich durch viele Begegnungen vorgezeichnet waren: Gustav Leonhardt, Franzjosef Maier, Sigiswald Kuijken und seine Brüder, Anner Bylsma, Jörg Demus, Paul Badura-Skoda, Reinhard Goebel, Rachel Podger, Isabelle Faust, die CDs von Christian Tetzlaff („Sei Solo“ = „ich bin allein“?) u. das wiederkehrende Phänomen, dass jemand die eigene  Referenz-Aufnahme nach Jahrzehnten durch eine neue ersetzt, als sei alles im Fluss.

Sonderdruck Möseler 1962

Jahresgabe 1960 der Internationalen Bach-Gesellschaft Schaffhausen (JR 10.4.86)

(Fortsetzung folgt)

Der schwebende Wald

Morgens um Neun (Bos en Duin 19.09.22)

9.01 h

9.04 h 9.09 h (Handy-Fotos JR)

Am Tag danach um 19.09 h

Und der Sonnenaufgang am darauf folgenden Morgen

Bos en Duin (JR) 21.09.2022 um 29 Minuten vor 9

Ein letztes Mal frühmorgens am 23. September 2022 (3 Fotos E.Reichow)

Wir verlängern um einen Tag.

Abschied

  letzte Bilder (ER)

24.09.22 8.35

Blinder Alarm?

Vorrangig

Was heute noch zu lesen wäre:

Hier ( https://www.t-online.de/nachrichten/id_92392508/klimakrise-was-sich-kein-politiker-zu-sagen-traut.html )

ZITAT

Das Grünbuch Öffentliche Sicherheit sagt schon 2030 für Deutschland ein Szenario voraus, wie wir es im vergangenen Sommer in Griechenland gesehen haben: mit massiven Hitzewellen und Waldbränden, sodass man tagsüber kaum noch das Haus verlassen kann, und mit Problemen bei der Trink- und Löschwasserversorgung. Nach allem, was wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, halte ich das für plausibel. Deshalb geht es jetzt darum, uns einerseits so gut wie möglich auf die vorhersehbaren Risiken vorzubereiten und andererseits die Erderhitzung so stark wie möglich zu begrenzen, um unsere Wirtschaft und unsere Infrastruktur an die Veränderungen anzupassen. Beides ist möglich. Wir haben es nur noch nie ernsthaft versucht.

Und was morgen noch zu hören wäre –

eine Diskussion zur „Lage der Nation“ z.B. ab 47:05 (Harald Lesch):

HIER (https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-17-august-2022-100.html)

Oder ein Gespräch auf der Höhe der aktuellen Probleme –

Hier (https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/42148-wie-kann-es-sein-dass-ihr-nicht-mitbekommt-was-hier-passiert.html)

„Wie kann es sein, dass ihr nicht mitbekommt, was hier passiert?“ Die britische Psychoanalytikerin Sally Weintrobe sieht unsere Kultur als Motor für unseren achtlosen Umgang mit dem Klima – und uns selbst. Von

ZITAT

Nehmen Sie die aktuellen Hitzewellen in Europa. Die Mainstream-Medien im Vereinigten Königreich verbinden sie mit dem Klimawandel, aber auf eine Weise, die die Dringlichkeit der Lage unerwähnt lässt. Es wird über die Hitze berichtet und auf künftig notwendige Handlungen verwiesen – obwohl diese genau jetzt stattfinden müssten.

Selten wird die Nutzung von fossilen Brennstoffen als grundlegende Ursache der steigenden globalen Erwärmung erwähnt. Die große Fülle an Ergebnissen zum Weltklima wird nicht einbezogen, über die die Wissenschaft seit Jahrzehnten berichtet. Den Menschen wird nicht geholfen, Verbindungen herzustellen, um die politischen Kräfte und finanziellen Interessen besser zu verstehen, die diese Dringlichkeit befördern.

Grundsätzlich wird heruntergespielt, wie ernst die Situation ist. Klima-Nachrichten werden in Verbindung mit anderen Nachrichten verbreitet, die die Aufmerksamkeit zerstreuen. Auf jede erdenkliche Weise wird verharmlost, wie groß der Druck ist, dem wir uns gegenübersehen, und die Sicht befördert, dass wir einfach so weitermachen können wie bisher. Auch über die Klimazerstörung im globalen Süden wird nicht berichtet, so, als würden die Menschen dort nicht zählen

Sally Weintrobe

Über Klimawandelleugnung siehe Wikipedia HIER

Wasserstoff als Hoffnungsträger? Siehe hier (kurz zu Mobilität) und hier (ausführlich wwf).

Diebstahl oder kulturelle Aneignung?

So geht es mir oft (Stoffsammlung):

Ein Thema beschäftigt mich, oft aufgrund interessanter Lektüre, es übersteigt mich, ich halte das fest, was ich im Hinterkopf behalten will. Der (oder das) Blog ist mein Hinterkopf (-köpfchen), manchmal mehr ES, manchmal mehr ÜBERICH, und das ICH sagt: für alle Fälle aufbewahren, zur eventuellen Aufarbeitung. Es ist nicht von mir. Aber manches wusste ich längst. Anderes wollte ich immer schon gewusst haben. Ich schaue aus dem Fenster: die Sonne geht unter, sie zieht sich aus den Bäumen zurück. Morgen früh wird alles anders aussehen. Allerdings nur, wenn ich dies festgehalten habe.

Fensterplatz SG-Ohligs 5.8.22

Jens Balzer und Hansjörg Ewert

Was ist (dagegen) Zöglingsmusik?

Maximilian Hendler hier Musikästhetik und Grenzen im Kopf. Die politischen
Konsequenzen des Gefühlskults in der Musik

Kaser: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/RDFVYYETUCPFQLDPV64BCT5NFYJSQVWQ HIER

Eine Rezension: HIER

Bach, Vater und Sohn Beispiel: 2 mal Magnificat (s.a. Collegium aureum 1966)

https://www.zeit.de/2022/32/kulturelle-aneignung-kunst-musik HIER (Ewert)

https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/01/Text-Essay-Dieb-oder-Neuerer-neu HIER (Balzer)

Die ganze Oper „Euryanthe“ HIER (Warum? siehe Ewert.)

Rückblick auf Bielefeld

Was bleibt?

Das fragt man sich immer wieder, wenn man an Orte zurückkehrt, die man sehr gut kannte. Diese Stadt ist mit vielen Erinnerungen versehen, die mich bedrücken, obwohl sie vom Jungsein nicht zu trennen sind. Die Einschränkungen, die nicht nur von der Schule ausgingen, sondern vom ganzen System der Gesellschaft, einem „Räderwerk“ der falschen Emotionen. So erscheint es mir heute. Bei der Wiederkehr in späteren Jahren habe ich dort vieles als Erleichterung, als Lockerung, erfahren, und jetzt erst recht: die jugendliche Lebendigkeit einer Universitätsstadt, die man damals allenfalls spürte, wenn man das „wesensfremde“ (katholische) Münster besuchte, was man selten wagte. Es war wie ein Wunder, Jahrzehnte später, beruflich von Köln nach Bielefeld zu fahren, um dort indische Musik zu erleben: zu wissen, dass wir mit der WDR-Redaktion „Musikkulturen“ geholfen haben, diese Möglichkeit von Köln aus zu erschließen, angefangen mit den „Matinee“-Konzerten in der Ravensberger Spinnerei, und später: mit indischen Konzerten im Allerheiligsten der Ostwestfalen-Metropole, der Oetkerhalle. Ich wohnte vornehmer als früher, in unmittelbarer Nähe zum erinnerungsschweren Ort „Ratsgymnasium“. Hotel Mercure, später Golden Tulip. Das musste auch dieses Mal sein, ohne Indien, am 10. Juli 2022.

Der Weg hinaus, mit Blick auf die Neustädter Kirche und vorn die Bavink-Schule (für Mädchen), von deren Umbennung ich erst jetzt erfahre. Dort oben grüßt schon der alte, ockergelbe Sandstein-Bau des Ratsgymnasiums. Dahinter wird sich der Park auftun, auf den wir vom Klassenzimmer aus blickten, Koslowski oder Kaselowsky, ein Name, der auf Dauer auch nicht mehr ging. Und nun die neue Freiheit, die vom Block der Kunsthalle zu uns hinüberstrahlt. Damals schauten wir noch in den „Kaselowsky’schen Garten“ mit der gleichnamigen Villa im Hintergrund. Erst 10 Jahre später begann die große Diskussion… (siehe hier).

Rückblende

Frühlingsraga in Bielefeld

Sitar hören!

Und wenn ich heute zurückschaue, verbindet sich das Konglomerat von Erinnerungen plötzlich mit einem Schreckensbild dieses bevorzugten Hotels am Rand der Altstadt, 10 Tage nach unserer letzten Übernachtung dort (2. Stock, Zimmer 210, Fenster zum Innenhof). Sehr ruhig, von fern Kirchenglocken. Die Zeitungsnotiz (Westfalenblatt) erreichte mich per Post aus Lohe bei Bad Oeynhausen, dem Sehnsuchtsort meiner Kindheit.

https://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/23311179_Feuerwehrleute-am-Limit-Flammen-zerstoeren-Bielefelder-Hotel.html HIER

Es ist genau diese Staße im Vordergrund, die sachte nach links hinaufführt (siehe 2. Foto oben), zum Ratsgymnasium. Am Waldhof. Der Lehrereingang mit der historischen Erinnerungstafel. Dort wurde unsere Klasse nach dem Abitur ein letztes Mal fotografiert: das Foto ist mir verlorengegangen, was kein Zufall sein kann. Ich hatte Berlin im Blick, fernstmöglich, die Aufnahmeprüfung im April 1960, nächstmöglich.

  

Zuhaus lag schon die entscheidende Nachricht:

Für die Sprech-Prüfung hatte ich einen dreiseitigen Text von Tschuangtse (aus LAOTSE Fischer-Buch) abgeschrieben, auch etwas „redigiert“. Man könnte glauben, es sei als Abschied vom Leben gedacht. Für mich ein ANFANG. Und wohl immer noch gültig.

Woher hatte ich das?

Ohne davon zu wissen, kam Rudi Mandalka 15 Jahre später auf eine seltsame Idee:

„Ich ist ein Anderer“.

Dipesh Chakrabarty

Das neue Buch (in Arbeit)

so fing es an: SZ 22.07.22

Das Buch bei Perlentaucher HIER

„Europa als Provinz“ (Wikipedia), in der NZZ hier, in der FAZ hier (leider mit Sperre)

NZZ: Chakrabarty verkörpert die intellektuellen Tugenden einer zeitgenössischen, globalisierten Generation aus der ehemals Dritten Welt in Reinform…

Ich erinnere mich an meine frühere Idee zur globalen Musikgeschichte: nicht da draußen liegt die „exotische“ Musik, sondern unsere Musik ist der exotische Sonderfall: Wundersamste Blüte der europäischen Provinz.

Statt aber selbst einen Versuch zu unternehmen, Inhaltliches mitzuteilen aus dem Buch, das ich nicht kenne, sondern erst zu lesen beabsichtige, und statt weiter zu beschreiben, was mich bewegt hat, gerade dieses – nicht ganz billige – Buch zu kaufen, referiere ich lieber durch Kopie das, was der Autor selbst uns im ersten Kapitel mit auf den Weg gibt.

Da Chakraborty – wie auch der nachfolgende Blick ins Register zeigt – sich nicht nur im Abschlussgespräch auf Bruno Latour bezieht, habe ich nachgeschaut, wie oft ich diesem Denker im Verlauf meiner Lebenslektüren „notgedrungen“ begegnet bin, und damit glaube ich, auch hier auf dem richtigen Weg zu sein:

s.a. Kant, Heidegger (!) und Marx

Artikel in diesem Blog:

Ohne mir damit selbst auf die Schulter klopfen zu wollen: ich wurde gefragt, warum ich vorweg Sicherheiten suche, wenn ich mir Lesestoff vornehme. Ganz einfach: ich will mich nicht irren. Und damit schließe ich die verbalen Vorbereitungen. Beinahe. Seite 254 seines Buches (Unterkapitel „Latours Weitblick“) schreibt Chakrabarty:

Bruno Latour entwickelte sein kunstvolles Denken bereits lange bevor viele von uns sich des Problems bewusst wurden, auf das er reagierte: das Problem, vor das die unhaltbare Entgegensetzung von Natur und Wissenschaft auf der einen und von Kultur und Gesellschaft auf der anderen Seite das moderne Denken gestellt hat.

Zweite Natur = Kultur?

Der philosophierende Mensch in seiner Umwelt

Als die Welt immer fragwürdiger zu werden begann, wurde mir immerhin klar, dass es mir nicht gelingen würde, so einfach in der Natur zu leben, wie es mein kindlicher Plan gewesen war. Ganz allein wie sollte das gehen? Trotzdem behielten solche Lebensentwürfe ihre Anziehungskraft. Ich wollte die Wälder Schwedens kennenlernen, wahrscheinlich wegen Nils Holgerssohn (also dank der poetischen Imagination der Schriftstellerin Selma Lagerlöf), dann kam Hamsun („Pan“ , „Segen der Erde“ ), der Komponist Sibelius. Diese Ära endete mit dem Buch „Kunst, Kitsch und Konvention“ von Karlheinz Deschner. Auch Hesse war damit erledigt („Klingsors letzter Sommer“ – auf Langeoog). Eine Art Rausch tatsächlich, jetzt dank Fernsehgedenkfilm leicht revidierbar, – und unerträglich für immer. Damals auch mit der Lektüre von Adolf Portmann verbunden, die ich auf mich persönlich beziehe, eine biologisch anteilnehmende Perspektive: „Nesthocker und Nestflüchter“, wahrscheinlich wollte ich zuerst fliehen und dann hocken. Die Frage (nach dem Krieg, Jahre auf der Lohe): Was ist Natur, was ist meine wahre Heimat, was kann ich definitiv darüber wissen?

Wikipedia HIER  Man beachte, was hier von Aristoteles gesagt wird, der den Begriff der „zweiten Natur“ erfunden hat; ich zitiere es aus der Nikomachischen Ethik, die ich seit 1966 besaß, ohne ihre Bedeutung zu verstehen:

Natürlich würde ich dies nicht als Hauptentwicklungslinie für mich seit Mitte der 50er Jahre gelten lassen; ich habe damals auch ganz andere Sachen gelesen, und „in echt“, würde ich sagen, wenn ich jetzt renommieren wollte. Platon zum Beispiel, Leonardo, sogar Kant hatte ich in Dünndruckausgabe mit auf Langeoog, – nur leider nicht verstanden. Aber an die oben genannte Lektüre denke ich am ehesten, wenn ich mich für die Anthropologie von Daniel Martin Feige motivieren will: da gibt es etwas Verwandtes, das mich nicht erlahmen lässt. Und vor allem: ich sehe die damalige Zeit mit einer gewissen Sympathie, nicht mit Herablassung, als hätte ich es inzwischen so herrlich weit gebracht. Die Evolution (Darwin nach Julian Huxley) spielte eine wesentliche Rolle, und im Zielgebiet winkt – nach wie vor – ein neuer Blick auf die Musik.

Ich überspringe den 1. Teil, den „biologischen“, der mich mit Verwunderung erfüllt, aber nie ganz ratlos gelassen hat. Dass ich dabeibleiben würde, wusste ich erst im zweiten Teil, nach der Überschrift „Zweitnatürlicher Naturalismus“ (siehe Portmann-Erinnerung und Wikipedia-Artikel). Nun geht es zu Kant und Aristoteles, auch da gibt es Vorerfahrungen, auch dank Blumenberg. Und man ist gewappnet, die große Parabel von den Wölfen zu ertragen, ohne zu lachen. Man macht sich kundig betreffend MacDowell (Wikipedia hier), und liest gründlich, was er uns über den „imaginierten rationalen Wolf“ mitteilen will, auch wenn es noch im Dunkeln bleibt, was mit den Wikipediasätzen gemeint sein soll: dass nämlich …

bereits die Wahrnehmung selbst begrifflich strukturiert sei, bzw. mit ihr schon begriffliche Fähigkeiten in Anspruch genommen werden müssten. Das sich hieraus ergebende Problem, dass Tieren und Säuglingen dann offenbar Wahrnehmung abgesprochen werden müsse, versucht McDowell im Anschluss an Überlegungen von Aristoteles und jüngere Denker außerhalb der analytischen Tradition, wie Karl Marx und Hans-Georg Gadamer, zu lösen. Tiere nähmen keine „Welt“, sondern nur eine „Umwelt“ wahr, in der sie lebten und, ohne Abwägung von Gründen, auf sich unmittelbar stellende biologische Probleme reagierten.

Wiki Wölfe

Daniel Martin Feige spricht über Positionen,

die unsere Form des Lebendigseins mit starken inhaltlichen Bestimmungen eines »Guten« des menschlichen Lebens verbinden [….] ohne unser Lebendigsein und unsere Vernünftigkeit angemessen zusammen zu bekommen,

was ich hier etwas gewagt verkürze. Daher das folgende (garantiert ungekürzte) Zitat zu einem vieldiskutierten Gedankenexperiment von John McDowell:

Tugenden als Ausdruck unserer praktischen Vernunft können nicht derart als Aspekt unserer Lebensform verstanden werden, wie das Jagen im Rudel zur Lebensform des Wolfes gehört. Sein Gedankenexperiment besagt, dass wir uns einige Wölfe als rationale Wölfe vorstellen und dann fragen sollen, welche Autorität Lebensformtatsachen im bislang diskutierten Sinn dann noch haben. Ein vernünftiger Wolf, so seine Antwort, handelt nicht länger der Lebensform des Wolfes gemäß, sondern ist Träger einer anderen Lebensform, in der aus Gründen als Gründen gehandelt wird. Der vernünftige Wolf wäre insofern nicht allein ein Denkender, als er Ereignisse und Zustände als Ereignisse und Zustände der Welt erfassen könnte, sondern er wäre auch ein Handelnder, insofern er Ereignisse und Zustände in der Welt aufgrund der Einsicht in das, was zu tun ist, hervorbringt. McDowell weist zu Recht darauf hin, dass wir einem solchen Wesen Freiheit zuschreiben sollten. Und sein Argument lautet: Die Lebensformtatsache, dass Wölfe im Rudel jagen, hat für den vernünftigen Wolf nun keine unumstrittene Autorität mehr, da sie unabhängig davon, dass Wölfe als Wölfe sich so verhalten, für das Handeln des vernünftigen Wolfes normative Kraft für sein Handeln entwickeln müsste. Das aber ist nicht ausgemacht. Nicht allein könnte er ein lasterhafter Wolf werden, der nicht länger jagt und dennoch die Beute, die die anderen Wölfe herbeigeschafft haben, frisst. Dabei ist auch McDowell der Meinung, dass mit einem solchen Wolf etwas nicht stimmen würde. Aber der entscheidende Punkt ist: Dieser Wolf könnte nun Überlegungen anstellen, ob die Gründe für die gemeinsame Jagd tatsächlich gute Gründe sind. Der Unterschied zwischen einem Wolf und dem imaginierten rationalen Wolf besteht diesbezüglich im Folgenden: »Die Form, in der das, was Wölfe benötigen, auf sewin Verhalten einwirkt, beinhaltet keinen Schluss auf das, was er benötigt. Aber sobald wir uns einen vernunftbegabten Wolf vorstellen, der sich fragt, was er tun soll, macht dieser Gedanke tatsächlich einen Unterschied.«

McDowells Überlegung legt nahe, dass wir Vernunft nicht einfach als natürliche Ausstattung des Menschen verstehen können, da sie seine natürlichen Anlagen derart, wie Tiere sie haben, nicht einfach bestehen lässt. Er schlägt dabei anders als die bislang diskutierten Ansätze vor, die Vernunft des Menschen nicht als dessen erste Natur zu begreifen, sondern vielmehr als seine zweite Natur. Das tut er deshalb, weil sein Gesprächspartner nicht allein Aristoteles ist, sondern auch Kant; er entwickelt das Erbe von Aristoteles nicht zuletzt durch das Prisma der kantischen Philosophie fort.

Quelle Daniel Martin Feige: Die Natur des Menschen / Eine dialektische Anthropologie / Suhrkamp Berlin 2022 / Zitat Seite 117 ff

Ich erinnere mich immer wieder an Kant-Begegnungen, z.B. hier oder hier oder hier. Wandere über die Wikipedia-Brücke hierher und finde dort auch dieses handliche Schema der Erkenntnis:

Weit gefehlt, wenn ich nun glaube, bei Feige auf eine besonders fassliche Darstellung zu stoßen. Er sagt es mit seinen Worten, und die klingen nun mal anders:

(Fortsetzung folgt)