Archiv für den Monat: Februar 2020

Ockeghem aufs neue

Seine Lieder mit Blue Heron (Erste Schritte)

Anders als damals (hier), ist der aktuelle Anreiz, dem Phänomen Ockeghem näherzurücken, nicht eine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein Klangerlebnis, eine reale CD, und keine heiligmäßige, strenge Missa, sondern „Songs“, die leicht überschaubar sind und inhaltlich einen menschlichen, affektiven Ansatz bieten. Ein Hemmnis bleibt, dass kein deutscher Text vorliegt und dass der Text wegen des vorgegebenen CD-Maßes so klein geschrieben ist, dass man eine Teleskopbrille brauchte, um ihn zu entziffern. Ich werde ihn in einer leicht vergrößerbaren Kopie folgen lassen. Das Youtube-Video verspricht, dass die Interpreten uns vermitteln, was an Ockeghems Kompositionen so faszinierend ist. Und auch das bloße Anhören der CD (ohne besondere Vorkenntnisse) hat seinen besonderen Reiz, es kommen nicht nur fremde Kadenzformeln vor, sondern auch scheinbar vertraute Terzparallelen. Ich empfehle, jedes einzelne Stück sofort mehrfach zu hören und die Wiederkehr des Gleichen zu vermerken, man braucht diese musikalische Orientierung, auch wenn man den Text mitliest auf strophischen Gleichlaut oder refrainartige Zeilen zu achten. Oder einfach im Video darauf zu achten, wie die Mitwirkenden ihre Liebe zu dieser Musik begründen. Alles andere, das wissenschaftliche Quellenstudium, die Aufführungspraxis u.dgl., kann uns erstmal völlig egal sein. Wir wollen etwas vom Lebensgefühl jener frühen Zeit um 1480 in uns nachbilden. So wie wir es auch bei – sagen wir – Dante Alighieri halten würden, für den wir noch mehr als 150 Jahre weiter zurückgehen würden. Es wäre zum Beispiel ganz absurd, dieser Dame preziös dreinblickenden ins Antlitz zu schauen und zu sagen: „Ich möchte sie um keinen Preis kennenlernen“.  Man erlebt es doch täglich, dass man sich vollständig irrt in der Deutung von Gesichtern, gerade in den gängigen Talkshows, wo Leute lange schweigen, ehe sie ins Gespräch gezogen werden und gewissermaßen eine Umwendung unserer Einschätzung um 180 Grad bewirken. „Sprich, damit ich dich sehe!“ hieß es bei Sokrates. Man könnte auch sagen: „Singe, damit ich weiß, wer du bist.“ Man könnte noch für sich selbst hinzufügen: „Gut zuhören, sonst verstehe ich gar nichts.“

Wer ist denn nur diese Dame?

 hier mit Text zum Bild

Lesen Sie den Text und vergrößern Sie das Bild, während Sie es lange anschauen.

 und hier mithören…

Erste Hinführung zu Ockeghem’s Songs:

Blue Heron’s Ockeghem@600 project — to perform all the works of Ockeghem over the next few years (through roughly 2020) — is explained. The video includes interviews with Project Advisor Sean Gallagher (New England Conservatory) and Music Director Scott Metcalfe and generous musical excerpts from Blue Heron’s performances of works of Johannes Ockeghem (c.1420-1497) in early 2015. Gallagher and Metcalfe explain what is captivating and brilliant about Ockeghem’s compositions.

Was haben die Vertreter des Ockeghem-Projekts (Gallagher und Metcalfe) sonst noch zu sagen? Ich habe aus Gründen der Lesbarkeit ihre Texte gescannt und vergrößert. Hier Teil 1:

Der folgende Song im externen Fenster, damit Sie beim Hören den Text mitlesen können: hier.

(Fortsetzung folgt)

Ferne Zeiten

Nach einer traurigen Nachricht

Es fühlt sich an wie ein eigenes Versäumnis, aber die Zeit ist „von selbst“ vergangen. Seit damals, jenen dreieinhalb Wochen, die unauslöschliche Spuren zu hinterlassen schienen. Die große gemeinsame Konzertreise begann in Meknes (29.03.1967), führte durch alle südlichen und östlichen Mittelmeerländer, über Beirut nach Zypern (14.04.1967), gegen Ende noch nach Kabul und Teheran (25.04.1967) – und wenn man nach einem so strapaziösen Monat nicht zerstritten ist, ist man befreundet. Bei uns war es anders. Wir hatten bleibenden Respekt voreinander und ließen einander aus der Ferne grüßen. Ich kannte kaum mehr von ihm als sein aufbrausendes Temperament und diese „Zwei Miniaturen“, die ich mit Begeisterung mitgespielt hatte. Jahrzehnte später – nach seinen großen Erfolgen – schien mir eine gewisse Bitterkeit durchzuschimmern, die Generationen wechselten früh, sobald die 60er vorüber waren. Auch die auf der Reise entstandene Freundschaft mit Rainer Moog hatte sich nicht recht aufrechterhalten lassen, zumal er die Entwicklung der Alten Musikpraxis, der ich folgte, unerträglich fand. Nur Gerhard Peters blieb, wenig später waren wir beide Mitglieder des Collegium Aureum, weitere Orient-Reisen ergaben sich und – weit wichtiger – über Jahrzehnte gemeinsame Konzerte und Aufnahmen für die deutsche Harmonia Mundi.

Der Ohrwurm jener ersten großen Reise war eine Melodie, die wir nicht identifizieren konnten, bei jedem tauchte sie unversehens auf, der eine pfiff sie, der andere summte sie. Hier ist sie. Ich kannte sie aus einem russischen Ballett-Film, den ich in Berlin 1960 mehrmals gesehen hatte. Aber das wusste ich nicht mehr. Das Thema des bösen Zauberers.

In Volker David Kirchners Wikipedia-Artikel (hier) findet sich die Zeile:

Konzertreisen mit dem Kehr-Trio führten ihn nach Südamerika, Nordafrika und in den Vorderen Orient. Diese Tourneen regten ihn zu einer intensiven Beschäftigung mit außereuropäischer Musik an.

Prof. Günter Kehr hatte gute Beziehungen zum Goethe-Institut, so kam auch unsere Tournee zustande. Johannes Hömberg, der ebenfalls in unserm Programm vorkam, hatte einige Jahre in Brasilien dirigiert, war jetzt auf dem Sprung nach München („Goethe“), dann nach Köln und arbeitete schon mit uns an seinen lateinamerikanischen Rhythmen für den Orient. Wenn ich Günter Kehr, bei dem ich auch einige Jahre Kammermusik studiert hatte, später im „Carlton“-Bürohaus des WDR wiederbegegnete (er arbeitete des öfteren mit der Cappella Coloniensis), spielte er gern darauf an, dass ich u. a. durch seine Vermittlung im Libanon (am 16.04.67!) auf eine Stelle im Goethe-Institut reflektieren konnte, – zumal mich die arabische Musik reizte, die wir – vorwiegend auf langen Taxifahrten – kennengelernt hatten. Sein wirklicher Schützling und großer Schüler war allerdings Volker David Kirchner, und sie  blieben lebenslang in künstlerischer und menschlicher Verbindung. Auf der Wikipedia-Seite ist das dokumentiert (hier).

 

Unten: Sigrid Forsman und Rainer Moog, Zwischenstation in Tripoli (Libyen)

 Gurgi-Moschee

JR zum ersten Mal in Afghanistan April 1967 (Wiederkehr zu WDR-Aufnahmen April 1974)

Rainer Moog hatte, glaube ich, gerade einen Vertrag bei den Berliner Philharmonikern bekommen; es war keine Frage, wer von den Bratschern das Telemannkonzert während der Tournee spielte. Eine lustige Diskussion mit Kehr gab es mehrfach über einen Lagenwechsel-Ton im langsamen Satz („bitte ohne Rutscher“!), und dann zelebrierte Moog ihn doch wieder mit Schmalz und schenkte dem Dirigenten ein breites Lächeln.

Und plötzlich lag das alles in fernster Vergangenheit. Und es war mir fast entfallen, dass Günter Kehr, den ich als kritischen Geist, als Lehrer und Mitreisenden in lebendiger Erinnerung habe, schon 1989 gestorben ist. Da war er 10 Jahre jünger als ich heute. Und demnächst, am 16. März 2020 würde er 100 Jahre alt werden. Aber Kirchners Tod geht mir näher.

Unerhört – elitär!

Weiteres zum Wuppertaler Klavierkonzert

250 mal Beethoven und mehr

 Fotos hier und unten: David Kremser

 Gehört es zum Kanon?

Op.57 Zweiter Satz. Zum Rückerinnern hier hören (Achtung, am Anfang Werbung weg!). – Natürlich gehören zahlreiche Werke Beethovens, wenn nicht alle, zum Kanon der klassischen Musiktradition des Abendlandes, gerade weil sie in einer ungeahnten Weise revolutionär mit dem „Erbe“ umgingen. Liegt in diesem Satz ein innerer Widerspruch? Ich halte mich einstweilen an George Steiner:

Das Kanonische gilt als Ergebnis eines dynamischen, allmählich zur Kongruenz führenden Prozesses erlebter Wahrheit. Menschen mit normalen (normativen) Fähigkeiten zu Rezeption und Reaktion legen über die Zeiten hinweg Zeugnis ab von einem gemeinsamen Gefühl für überragende Qualität. Jede Generation ist aufs neue dazu aufgerufen. Langsam, aber letztlich doch sicher bildet sich ein Gewirk gemeinsamer Werte und geistiger Bedürfnisse heraus. Es verbleiben Nischen von Dissens, Reste von Zweifeln. Doch die allgemeine Achse ist deutlich.

Entspricht dieses liberale, evolutionäre Modell der Wirklichkeit?

Die Anzahl der Menschen, denen zu einem gegebenen Zeitpunkt in einer bestimmten Gesellschaft Literatur, Kunst und Musik ein tiefes Anliegen ist, für die ein solches Anliegen eine wahre persönliche Investition und eine Erweiterung des Daseins bedeutet, ist klein. Oder um es genauer auszudrücken, wo Genauigkeit essentiell ist: der gewöhnliche Museumsbesucher, der gelegentliche Leser von Dichtung, von anspruchsvoller Prosa, das Publikum klassischer und moderner Musik, ob sie nun aufgeführt, gesendet oder mitgeschnitten wird, hat an einem Ritual von Begegnung und Reaktion teil, das nach der Phase der Ausbildung an höherer Schule und vielleicht auch an der Universität, in der solche Begegnung in ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Funktion geprägt worden sein mag, weniger zur Sphäre echten Engagements gehört als zur Etikette. Bei freier Wahl wird der Großteil der Menschheit dem Fußball, der Fernsehserie, dem Bingospiel den Vorzug geben vor Aischylos. Etwas anderes vorzuspiegeln, also etwa Programme für eine humanistisch hochstehende Zivilisation zu entwickeln, die aus Verbesserungen der Erziehung der Massen hervorgehen könnte – derartige didaktische Projektionen sind im Liberalismus à la Jefferson oder Arnold nicht weniger im Schwange als im Marxismus-Leninismus – ist scheinheiliges Gerede. Diejenigen, die konkret und tatsächlich den Syllabus entwickeln, die das ererbte Bildungsgut an literarischem, künstlerischem und musikalischem Schaffen erkennen, erhellen und vermitteln, sind wenige, sind immer nur wenige gewesen.

So ist schon die Annahme selbst, es gebe eine heranreifende Mehrheit, eine breit fundierte Universalität der Wahrnehmung und der Wahl, auf die sich das liberale, auf Konsens abhebende Modell für die Festlegung und Einstufung von Werten gründet, weitgehend trügerisch. Die Statistiken über die Verbreitung von Kulturprodukten verschleiern den stark beschränkten Status der wenigen, die tatsächlich die vorherrschenden Strömungen und Kriterien initiieren und formulieren. Alle Wertung, alle „Kanonisierung“ (man beachte die durchgehenden theologischen Analoga) ist Produkt einer Geschmackspolitik. Und diese Politik ist ihrem Wesen nach oligarchisch.

Quelle George Steiner: Von realer Gegenwart / Hat unser Sprechen Inhalt? / Edition Akzente Hanser / Carl Hanser Verlag München Wien 1990 / Seite 94 f

Warum ich dies zitiere? Weil ich plötzlich befürchtete, dass die Sympathie für neue, inhaltlich gemischte, grenzüberschreitende Konzertprogramme mich vergessen lassen könnte, dass Kultur uns fordert. Auch überfordert. Daran ändert die Einfügung leichter Stücke in den Ablauf überhaupt nichts; im Gegenteil, man könnte sich aufgerufen fühlen, den Focus auf sie genau so intensiv zu richten, wie auf die schwierigen. Entsprechend kann ich die Schaufenster draußen unter dem Motto anschauen: „dem kreativen Auge wird alles Kunst“, – oder auch: „jedes Mittel, das die Aufmerksamkeit bindet, ist dem Konsum willkommen“.

Ein Konzert ohne Zeigefinger UNERHÖRT Neue Kirche Wuppertal 21.02.2020

 Susanne Kessel mit Eberhard Kranemann

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 Programmfolge

Jan Kopp war also in der Reihe der anwesenden Komponisten der erste, der auch selbst etwas zu seinem Stück sagen konnte (sollte); ich freute mich, zumal ich mich mit dem Werk schon vor Monaten mal intensiver beschäftigt habe, als ich noch plante zur Uraufführung nach Bonn zu fahren; siehe hier. Die Fahrt fiel wegen Unwetters aus. Aber das Werk mit dem Titel „Ahnen“ ließ mich nicht los. Es gab da ein Geheimnis, das mir verschlossen blieb, obwohl die Tonrepetitionen mich immerhin auf die „Appassionata“ lenkten. Und jetzt – erhielt ich einen schweren Dämpfer, weil ich in einem wesentlichen Punkt versagt hatte: mir war der Akkord entgangen, der mit einer entscheidenden, geradezu  programmatischen Bedeutung aufgeladen war. Jan Kopp erzählte von Kirschtorte und gedecktem Apfelkuchen, klar, er führte uns offenbar listig in die Irre, um dann plötzlich die sorgfältig ausgewählte Spezerei von zwei Takten Beethoven vorzuweisen: sie waren es, die ihn vor Jahren als Ohrwurm verfolgten und die er nun gebannt habe. So ähnlich muss er es gemeint haben, und ließ die Pianistin vorführen, was daran besonders sei. Er habe zunächst einmal die Takte umgeschrieben, so, wie sie von einem mittelmäßigen Komponisten hätten stammen können:

Und nun sollte das kommen, was Beethoven stattdessen geschrieben hat, – es sind im wesentlichen zwei expressive Akkorde und der „nachklappernde“ Bass (Vorzeichen bitte wie im Beispiel vorher dazudenken):

„Sie sehen,“ sagte Kopp, „da sind ein paar Kleinigkeiten verändert, aber genau diese Kleinigkeiten, sind es, die Beethoven ausmachen, die für ihn absolut charakteristisch sind. Das hat mich verfolgt, das ist für mich zu einem Ohrwurm geworden. Ich habe das auskomponiert, nichts weiter getan, als dass ich nun über 49 Takte immer wieder diese Kadenz umkreiste, ohne dass es praktisch gelingt, zum letzten Akkord zu kommen … nur ganz am Ende … ganz kurz … und dann ist das Stück auch schon vorbei.“ Leises Gelächter im Publikum.

Und jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen, vielmehr: endlich öffneten sich auch die Ohren, sobald das reale, neue Stück begann, mit den ersten Tönen und den Disharmonien, Farben, Wirbeln, Flageoletklängen, bis hin zum finalen Verschwinden. Diese Beethovensche Akkordfolge hatte den Komponisten die ganze Zeit im Verborgenen bewegt, der vierte Akkord des oben im Druck wiedergegebenen Notenbeispiels: der den fünften heraufbeschwört, der wiederum zwingend in den Dominantseptakkord führt, der nun endlich die zögerliche Auflösung in den Grundakkord zur Folge hat. „Zögerlich“ sage ich, weil sich der Bass erst nachträglich in Richtung Grundton bewegt, das tiefe DES im letzten Takt. Und genau dieser Ton ist es, den Jan Kopp dann letztlich nur noch imaginieren lässt: wir AHNEN ihn in Takt 49 auf der letzten Pause mit Fermate. („Der Rest ist Schweigen“…)

 Handschrift Jan Kopp

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ZITAT George Steiner

Wie eine elementare Einsicht besagt, wissen wir weder etwas über unser Kommen in diese Welt noch etwas über unseren Abtritt. Wir sind Insassen unseres Lebens, nicht seine Erzeuger oder Meister. Dennoch pocht die undeutliche Ahnung einer verlorenen Freiheit oder einer wiederzugewinnenden Freiheit – Arkadien hinter, Utopia vor uns – an die ferne Schwelle der menschlichen Seele. Dieser unbestimmte Pulsschlag regt das Herz unserer Mythologien und unserer Politik. Wir sind Geschöpfe, die zugleich gequält und getröstet werden von den Rufen einer Freiheit, die gerade außerhalb der Reichweite liegt. Doch in einem Bereich kann sich die Erfahrung der Freiheit entfalten. In einer Sphäre der menschlichen Verhältnisse heißt zu sein, frei zu sein. Es ist die unserer Begegnung mit Musik, Kunst und Literatur.

Das ist auf der negativsten Ebene der Fall. Wir haben die äußerste Freiheit, authentische ästhetische Erscheinungsformen gar nicht aufzunehmen, ihnen überhaupt nicht zu begegnen. So wie die überwältigende Mehrheit der Menschen die prägenden Triebkräfte der Kindheit vergisst oder verdrängt, erlebt sie auch die Erfahrung der Verlockung durch Literatur und Kunst nur sehr selten. Oder sie reagiert auf solche Verlockungen nur in ihrer ephemersten, narkotischen Gestalt (narkotisch in genau dem Sinne, in welchem Schund eben selbst kalkuliert, profitorientiert, interessengeleitet und damit unfrei ist). Nichts ist im Alltäglichen näherliegend als am Gedicht, am Gemälde vorüberzugehen, es überhaupt nicht wahrzunehmen. Jedweden Geschmack zu haben oder ebenso sich den Geschmack betäuben zu lassen und die von der Qualität gestellten Anforderungen gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, ist ein universelles menschliches Recht – wobei „Recht“ hier die essentielle Antithese zu „Freiheit“ darstellt. Bei freier Abstimmung, das heißt, wenn man die Wahl hat, mit seiner Freizeit und seinen wirtschaftlichen Ressourcen so zu verfahren, wie man will, wird die überwältigende Mehrheit der Menschen wie schon gesagt Bingo oder einer Plaudershow im Fernsehen gegenüber Aischylos oder Giorgione den Vorzug geben. Es ist das das absolute Recht der Unfreien. Und es ist eine der lähmendsten Notwendigkeiten liberaler und demokratischer Theorien, da sie nun einmal an die Freiheit des Marktes gebunden sind, daß sie dieses Recht schützen und institutionalisieren müssen.

Die Crux liegt auf einer anderen Ebene. Wo in den ontologischen und ethischen Räumen des Interesselosen Ernst auf Ernst trifft, Anspruch auf Anspruch, wo Kunst auf das Dichterische, deren eigener Eintritt ins Dasein und in eine dem Verstehen zugängliche Form unabdingbar kontingent ist, dem rezeptiven Potential eines freien Geistes begegnen, da findet eine existenzielle Verwirklichung von Freiheit statt, soweit wir diese überhaupt kennenlernen können.

Quelle George Steiner: Von realer Gegenwart / Hat unser Sprechen Inhalt? / Edition Akzente Hanser / Carl Hanser Verlag München Wien 1990 / Seite 203 f

Große Worte zweifellos. Ein Buch, das wie aus allen Zeiten gefallen scheint. George Steiner ist am 3. Februar dieses Jahres 91jährig in Cambridge gestorben.

In diesem Sinne sei es erlaubt – ihm und Beethovens Geburtstag angemessen – etwas pathetisch zu werden. Ich bin voller Bewunderung für dieses einzelne Klavierwerk mit dem Titel „Ahnen“, für die Leistung der Bonner Pianistin, für das riesige Projekt , und würde nicht überrascht sein, wenn eines Tages eine umfangreiche Dissertation über diese ungewöhnliche Beethoven-Ehrung geschrieben würde.

Wie wäre es, wenn Sie als geduldige Leser dieses Blogs Beethovens Appassionata  hören würden? Sie beginnen damit, den Ton abzuschalten, die Werbung am Anfang zu überspringen – im Namen des Geistes und der Freiheit – und erleben dann Mauricio Pollini bei der Arbeit, 24 Minuten lang, in der Hoffnung, dass der Markt nicht ein weiteres Mal mit Werbung zuschlägt. ODER: ohne Bild, aber im Klang etwas befriedigender HIER.

Beethoven in Wuppertal

Unerhört, aber gut besucht

Die Überraschung war, wie unterhaltend der Ablauf des „Klavierkonzertes“ sich gestaltete, manches grenzte zweifellos an „Unterhaltungsmusik“, obwohl dieses Wort innerhalb der „Neuen Musik“ schon vor Jahrzehnten obsolet war (um es mit einer Lieblingsvokabel der Adornoadepten von einst zu belegen). Schon der Weg zur Kirche und aufwärts in deren Konzertetage ist ein Erlebnis, für das Luisenviertel in Wuppertal sollte man sich Zeit nehmen, selbst wenn man mit den karnevalsbedingten Polizeikontrollen im Umfeld nichts zu tun hat.

 Der WDR spiegelt sich:

 

Alle Fotos: JR / Letztes Bild: Susanne Kessel in der Reihe der Komponisten, davor, ganz unten links: der Kopf des Veranstalters Martin Stürtzer, in der Mitte unterm Kreuz Jan Kopp, neben ihm Martin Wistinghausen. Ganz links Dietmar Bonnen, dann Eberhard Kranemann; ganz rechts Heinz-Dieter Wilke.

Das Projekt ist also weitergelaufen, über die Grenzen Bonns und Beethovens hinaus; ich hatte damals die Dimensionen nicht geahnt: nicht 250 Stücke sind es geworden, sondern 261, aber nun sollte auch Schluss sein, sehr respektabel. Und live für mich eine nachträgliche Bestätigung: die Komposition von Jan Kopp  (siehe im Blog hier) hat auch nach drei Jahren ihre Faszination behalten, ja sie ist gewachsen. Leider ist das Stück auf der ersten CD des Klavierprojektes noch nicht enthalten:

Aber was auch immer man hört, gerade in der Zusammenstellung des Wuppertaler Konzerts: es ist – wie gesagt – ein ungemein kurzweiliges Programm, ohne stilistische Grenzen, zwischen wilden Ausbrüchen, Rätselcharakter, Pop, Ironie und Schmalz. Am Ende natürlich „Für Elise“. Sehr angenehm: die unprätentiöse Art der Darbietung durch Susanne Kessel, gleichwohl höchst virtuos, eine uneitle Künstlerin, deren Empathie für jedes einzelne Werk unverkennbar ist, auch wenn es aus dem (fälschlich) vermuteten Rahmen fällt, – gute Idee, auch schon mal drei Stücke aneinanderzufügen, die Einführungen der anwesenden Komponisten signalisierten Respekt vor dem Hörvermögen Nichteingeweihter, – so dürften Konzerte sein, durchaus heiter, was dem klassischen Ritual nicht schaden kann. Einerseits mit eingebauten Überraschungen, etwa als amüsante Performance, so zum Beispiel nach der Pause, – per Zufallsfund oder per Stichwahl: hinein in einen Band Beethoven-Sonaten, die Seite herausgerissen – zum Glück keine Urtext-Ausgabe -, auf den Kopf gestellt und vom Blatt gespielt – das war „Beethovenamstück“ von Harald Muenz, ganz zuletzt als Zugabe noch einmal: ein anderes Blatt, ein anderes Stück.

Andererseits ist alles, was man gehört hat, zuhaus am Computer perfekt nachvollziehbar. Nehmen wir das erste Stück des Konzertes nach dem einleitenden ersten Satz der Mondschein-Sonate: „A little moonlight music“ von Kai Schumacher. Im Programm steht dahinter „Vol.3“, d.h. Sie gehen Sie auf die Website www.250-piano-pieces-for-beethoven.com , vielleicht klappt’s auch schon hier, Sie sehen dort das folgende Bild und klicken oben links auf „audio/video“ (dort „Vol.3“) oder auf „Komponisten“.

In jedem Fall stoßen Sie auf Informationen und eine Möglichkeit, das Stück ihrer Wahl im Vimeo zu hören, ohne es gleich downloaden zu müssen oder eine CD zu kaufen. Ein wunderbares Angebot. Einzigartig (glaube ich) auch in der Webtechnik als Einführung in die Vielseitigkeit der Neuen Musik – mithilfe eines einzigen Instrumentes, des Wunderkastens Klavier.

Im Fall Peter Michael Hamel (in der Ansage ließ mich der Name Tyagaraja aufhorchen) hätte unter „Vol. 9“ zum Beispiel folgendes erfahren:

Peter Michael Hamel über sein piano piece „Freude für Beethoven“:

„Umrahmung mittels des klassischen indischen Tala RUPAK 7/8.
Zitat aus der karnatischen Musik des Beethoven Zeitgenossen Tyagaraja aus Madras am Anfang und am Ende.
Zwischendrin: Beethoven Allusionen Anklänge an die seit der Kindheit erinnerten Melodien.“
„Ich liebe dich so wie du mich
am Abend und am Morgen
Noch ist kein Tag wo du und ich
nicht teilten unsere Sorgen“

Und dann – mehr über Hamel als über Beethoven:

Über Ludwig van Beethoven:

„In Kindheitstagen die Gesangsstimmen der Eltern noch vereint: „Ich liebe dich, so wie du mich, am Abend und am Morgen…“ Die knackende LP: der 10-Jährige hört bei der Oma die Siebte unter Furtwängler. Unvergesslich. op.10 Nr 1 cmoll, wenigstens den ersten Satz erlernt, fast alle Klaviervariationen auf das c-moll Thema. Und dann die letzten Streichquartette als Lebensessenz …“

(Peter Michael Hamel, 20.10.2019)

*    *    *

Es hat mich gefreut zu sehen, dass der WDR die ganze Sache unterstützt, lauter Leute, die ich aus meinem früheren Leben kenne und schätze:

Nachwort 24.02.2020

Ich habe keine Kritik geschrieben, sondern subjektive Gedanken zu einem Konzert wiedergegeben, – leicht zu erkennen, was hätten sonst Fotos aus dem Wuppertaler Luisenviertel damit zu tun: für mich gehörten sie dazu. Ebenso die nicht erwähnte, kurze Begegnung mit dem Kollegen Michael Rüsenberg, der sich wunderte, dass ich nicht gehbehindert bin. Wie kam er darauf? Vielleicht weil ich seit dem Besuch seiner Veranstaltung am 4. Mai 2017 in Bonn bei ihm nicht mehr aufgetaucht bin? (Siehe hier). Vielleicht nur weil ich fürchtete, dass ich es dort wieder so interessant finden würde, dass ich mich zu ganz viel Nacharbeit bemüßigt fühle? Dabei muss man nämlich lange am Schreibtisch sitzen, während ich in Wirklichkeit sehr gerne laufe, vor allem am Strand einer Nordseeinsel oder bei Domburg. Es gibt im täglichen Leben viele kleine Missverständnisse, die der Rede nicht wert sind. Zum Beispiel in der Zeit, als ich noch für den WDR Festivals auf der Kölner Domplatte oder auf dem Marktplatz in Bonn betreute. Weltmusik, wertvolle (welthaltige) Musik verschiedenster Regionen oder Kulturen. Und immer wieder geschah es, dass Ensembles oder Solisten – bevorzugt aus dem Ostblock – nachfragten, wann denn Preisverleihung sei. Leichte Enttäuschung, wenn sie erfuhren, dass es hier um Nebeneinanderstellung des ideell Gleichwertigen gehe, verbunden mit bewussten Kontrasten, auch im Niveau oder in der Komplexität.

So kommt es, dass ich lieber auf  (subjektive) Vertiefung des Verständnisses ziele, und Kritik mit Vorliebe an Kritiken übe, ohne damit eine Art Gutmenschentum hervorkehren zu wollen. Deshalb würde ich auch gern über die Wuppertaler Besprechung meckern, die ich aber nur teilweise mit Hilfe eines Screenshots mehrere Momente lang vor der niedergehenden Leseschranke retten konnte.

  Zitat WZ 22. Februar 2020

Da werden die spektakulären Dinge herausgegriffen, die auch von musikfremden Besuchern auf der nächsten Party erzählt werden könnten. Wenn das Ereignis ausschließlich in den Tönen stattfindet, ergibt das halt ein blasseres Narrativ als wenn der Pianist unter dem Flügel liegt. Das bekannteste Klavierstück von Cage (oder überhaupt, wenn man von „Für Elise“ absieht) ist dasjenige, in dem kein einziger Klavierton erklingt, sondern Stille. Warum auch nicht?

Was mich besonders positiv beeindruckt hat, ist übrigens die Art und Weise, wie Susanne Kessel mit dem Stück eines philippinischen Komponisten umgegangen ist.

Nicht lachen wollen

Und doch müssen.

ZITAT

(…) Man muss vielleicht daran erinnern, wofür der Karneval unter anderem da ist: Er erteilt die befristete Lizenz, die Fassung zu verlieren. Auch muss man sich klarmachen, dass sich die meisten Witze gegen irgendjemanden richten und oft gegen Minderheiten: gegen Manta-Fahrer, Blondinen, Polen, Schwule, Priester, Schotten und so fort. Manche dieser Witze sind verschwunden, weil sie veraltet sind oder erschöpft.

In seiner Abhandlung Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905) unterscheidet Sigmund Freud zwischen „harmlosen“ und „tendenziösen“ Witzen. „Der tendenziöse Witz braucht im allgemeinen drei Personen, außer der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Objekt der (…) Aggression genommen wird, und eine dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu erzeugen, erfüllt.“ Warum aber kann ein Witz Lust erzeugen? Freud begründet das mit der „ursprünglichen Natur des Witzes, sich einer hemmenden und einschränkenden Macht entgegenzustellen“.

Aber gibt es diese Mächte überhaupt noch? Kann heutzutage nicht nahezu alles gesagt und geschrieben werden? In gewisser Hinsicht schon. An die Stelle der staatlichen Bevormundung jedoch ist die gesellschaftliche getreten. Je mehr personale Identitäten mit dem Ziel der Anerkennung betont werden, um so mehr wachsen die hemmenden Mächte im Sinne Freuds.

Ja, das ist ein heikles Gelände. Mark Twain hat einmal gesagt, im Himmel werde nicht gelacht. Das könnte stimmen. Denn der Lachende fühlt sich nicht selten zurückgesetzt, gehindert, eingeschränkt. Indem er lacht, befreit er sich von wirklichen oder eingebildeten Fesseln. Im Himmel hätte er das nicht nötig. Aber da wir (jedenfalls die meisten von uns) keine Engel sind, ist das Lachen eine relativ unschädliche Form, sich schadlos zu halten. So hat der Witz auch die Funktion eines Ventils. Mächtige haben es nicht nötig, Witze zu machen. Zuweilen gestatten sie sich grausame oder zynische, wobei die Pointe lediglich darin besteht, dass die Zuhörer, wenn ihnen das Leben lieb ist, lachen müssen. (…)

Quelle DIE ZEIT 20. Februar 2020 Seite 12 Auf sie mit Gelächter Ein Witz, der allen gefällt, ist keiner. Ein ernstes Wörtchen zum Karneval. Von Ulrich Greiner.

Dies ist nur ein kleiner Teil des Artikels, den man notfalls auch online lesen kann, sofern man gewillt ist, die Verzögerungsschranke zu überwinden. Man muss vielleicht noch erwähnen, dass über dem Artikel ein Foto wiedergegeben ist, das „Rassisten in der Fankurve“ zeigt, untertitelt: „Nach seinem Siegtor in der 60. Minute hat er genug. Fans beleidigen ihn, machen Affengeräusche und werfen Sitzschalen aufs Spielfeld. Moussa Marega, FC-Porto-Profi und malischer Fußballnationalspieler, verlässt das Spielfeld – und zeigt seine Meinung.“ (Mit beiden hochgereckten Mittelfingern.)

Also: die pöbelnde Menge gegen einen (schwarzen) Einzelnen, der allerdings ein Star ist und darüberhinaus den Fehler gemacht hat, das Siegtor für den Gegner geschossen zu haben. Die Skala der Beleidigungen kennt wenig Abstufungen, auch gegenüber eigenen Spielern, von „Lahm-Arsch“ bis „Du Zigeuner“ (habe ich selbst in der BayArena Leverkusen miterlebt), und die Hautfarbe ist für Dummköpfe natürlich am leichtesten fassbar, Auslöser primitivster Affekte, die man als eigenes Kraftpotential missdeutet. In der Grundschule spielten wir auf dem Schulhof in der Pause: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? – Wenn er aber kohommt? – Laufen wir!“ Merkwürdigkeit: Damals hielt ich auch alle Katholiken irgendwie für schwarz. Zumindest dunkelhaarig.

Kleine Erinnerung aus dem Berufsleben: Ein belgischer Kollege versuchte mich vor vielen Jahren zu erheitern, indem er abfällig über die Holländer sprach, da ich dem leicht erregbaren Flamen, der sich gern von den Wallonen distanzierte, eine (aus meiner Sicht) „normale Sympathie“ für das Nachbarland unterstellt hatte. Weit gefehlt. Er reagierte mit Beispielen von Holländerwitzen, von denen ich nur den harmlosesten behalten habe: sie seien übers Meer geschwommene Schotten (geschwommen natürlich aus Kostengründen).

Zum Hintergrund dieser Witze gehört jedoch die Tatsache der niederländischen Belgierwitze. Zweifellos allesamt Beispiele der „tendenziösen“ Witzkategorie Freuds, die den negativ markierbaren Anderen braucht. Auch wenn da viel Ähnlichkeit ist. Übrigens gehören auch alle Witze über das andere (oder das noch anders andere) Geschlecht dazu, ja auch über das eigene, denn die Selbstironie kann eine trickreich fabrizierte sein.

Noch trickreicher ist es, sich das Lachen zu verbieten, weil die Zeiten zu ernst sind. Oder nur über Kinder und kleine Tiere … zu schmunzeln. Warum wird bei dem Gedächtnis-Essen nach der Beerdigung unweigerlich gelacht? Spannungsabbau, sagt man. Oder: wir leben noch.

Leicht vorstellbar sind allerdings Situationen, wo es keinen Trost gibt. Und auch kein Lachen, keinen Spannungsabbau. Galgenhumor hilft nur, wenn es um einen selbst geht, nicht um nahestehende, liebe Menschen.

Was ist Populismus?

Das wahre Volk

 s.a. hier

Der Begriff „Populismus“ leitet sich vom lateinischen Wort populus (= „Volk“) ab. Aber um welches Volk geht es dabei? Damit ist nicht dasjenige Volk gemeint, das aus Staatsbürgern besteht, die ihr Wahlrecht wahrnehmen – das entspräche eher dem demos, dem Staatsvolk. Es geht auch nicht um das „Proletariat“, also nicht um eine bestimmte Schicht oder Klasse, die einen empirischen Teil des Volkes ausmacht. Um welches Volk geht es dann im Populismus?

(Rückseite des Kalenderblattes:)

Der Volksbegriff, um den es im Populismus geht, ist kein empirischer, sondern ein symbolischer: es geht dabei immer um ein „wahres Volk“, dessen legitimer Vertreter der Populist zu sein vorgibt. Jeder, der sich gegen dieses Volk stellt, gehört überhaupt nicht dazu und ist sowohl in moralischer als auch in politischer Hinsicht ausgeschlossen. Das „wahre Volk“ artikuliert nicht einfach eine Meinung unter vielen Möglichen [möglichen], sondern die wahre und authentische Volksmeinung, die sich nicht dadurch relativieren lässt, dass es empirisch gesehen nur ein Bruchteil des Staatsvolkes ist, der diese Meinung hat.

Der Populismus hat also eine antipluralistische Schlagseite: jeder, der nicht an ein „authentisches“, „wahres“ Volk glaubt, gehört automatisch nicht zum Volk, sondern mitunter sogar zu den „Volksfeinden“. Von einer Demokratie unterscheidet sich der Populismus vor allem dadurch, dass ein Demokrat akzeptieren muss, dass es andere Meinungen innerhalb des Staatsvolkes gibt, so kritikwürdig sie auch sein mögen. Für einen Populisten hingegen gibt es nur eine „Wahre Volksmeinung“, und alle, die davon abweichen, können nicht Teil des Volkes sein, sondern müssen als Gegner bekämpft werden.

Diese Meinung habe ich mir also nicht selbst ausgedacht, sondern heute Morgen abgeschrieben, weil ich sie nachts, vorm Einschlafen beruhigend fand. Zufällig aufgeschlagen – ehrlich! – nach der späten Sendung von Markus Lanz. Beim Blättern im abgelaufenen Kalender. So ähnlich habe ich es schon oft gelesen, überrascht hat mich die Betonung des Unterschieds zwischen (lat.) populus und (griech.) demos, auch die zwischen „empirischem“ und „symbolischem“ Gebrauch des Wortes. Dagegen ist meine Korrektur der Schreibung des Wortes „Möglichen“, wo es um die möglichen Meinungen geht, eine Lappalie. Also zur Quelle: der Text stammt aus dem Philosophie-Kalender 2019 (genauer Standort: 21. März), Verlag Harenberg, die Autoren sind Wolfgang Gratzl, Julius Maria Roth, Paul Schulmeister.

Was geschah also nun am Morgen danach? Bzw. am Mittag? 

21.02.2012 ARD Fernsehen, Einstieg nach 13.00 Uhr ins Mittagsmagazin mit Jana Pareigis: hier. Moderation (ab ca. 13:15):  „Wir haben Thüringer befragt, was sie von Neuwahlen halten würden“; aus den darauf folgenden Antworten, die wohl ein gewisses Meinungsspektrum erfassen sollen, greifen wir eine offenbar authentische heraus:

Berlin muss sich raushalten. Das ist ja auch wie ’ne Diktatur. Über DDR ham se geschimpft damals, und jetzt ist Berlin, spricht da soviel rein, das geht den‘ gar nichts an, was da in Thüringen ist, das Volk hat gewählt!

Wer dies nicht verstehen will und eher eine weiterführende Information über die Bandbreite des Begriffs Populismus sucht, könnte bei Wikipedia fündig werden: HIER.

ZITAT (aus dem angegebenen Wikipedia-Artikel):

Oft thematisieren Populisten einen Gegensatz zwischen „Volk“ und „Elite“ und nehmen dabei in Anspruch, auf der Seite des „einfachen Volkes“ zu stehen. So geht Populismus häufig mit der Ablehnung von Machteliten und Institutionen einher, mit Anti-Intellektualismus, einem scheinbar unpolitischen Auftreten, der Berufung auf den „gesunden Menschenverstand“ (common sense), und auf die „Stimme des Volkes“. In der politischen Auseinandersetzung setzen Populisten oft auf Polarisierung, Personalisierung, Moralisierung und Argumente ad populum oder ad hominem. Ebenfalls bezeichnend ist die Ablehnung traditioneller politischer Parteien. Die Funktion von Parteien, an der politischen Willensbildung der Bürger mitzuwirken (siehe Artikel 21 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland), deuten Populisten gern als eine Bevormundung mündiger Bürger und fordern stattdessen unmittelbare Willensartikulation durch direkte Demokratie.

Wie kann ich üben, unterschiedliche Meinungen einzuschätzen und gelten zu lassen? Es ist ja leicht – für den Anfang – , wenn das Gespräch auf hohem Niveau geführt wird. Man wird gefordert und gibt sich Mühe, weil das Thema einen aufwühlt und die Runde intelligenter Menschen aufklärend und beruhigend wirkt. Nicht selten gelingen Gespräche bei Markus Lanz in diesem Sinn. Allerdings sind die Teilnehmer nicht – wie manchmal in anderen Runden – unter dem Aspekt ausgesucht, dass eine leidenschaftliche Kontroverse entsteht, sondern so, dass sie einander ergänzen. Jede(r) mit dem gleichen Ernst.

Der Ausgangspunkt ist allerdings eine Wahnsinnstat mit völlig verwirrter Motivlage, ohne die Scheinlogik des Populismus. Schwer zu verstehen, dass dieser gerade hochgradig Verwirrten das blinde Sendungsbewusstsein und den Schein einer weltweiten Bedeutung signalisiert.

  Abrufbar HIER bis 21.05.2020

Don’t Dont? Au contraire!

Kavaliersdelikte auf der Geige

So zeigt man eine gewisse Weltgewandtheit, aber in Wahrheit geht es um sehr private Schlampereien, die ich nur an mir selber zeige, weil ich von Kritik an anderen in diesem Punkt nichts lernen kann. Je älter man wird (Achtung, so beginnen lästige Ratschläge!), desto mehr kann passieren, – auf dem Griffbrett wie auf dem Bürgersteig. Ich hörte einmal einen freundlichen Laienpianisten (der Streicher begleitete), er sagte hinterher: „Je älter ich werde, desto weniger Pedal benutze ich.“ Ich mochte ihm nicht widersprechen, denn genau so hatte es geklungen. Hölzern. Die Zeiten, da man das Pedal zum Vertuschen verwendet, sollten ja weit zurückliegen, genug Zeit also, irgendwo von einem der Großen den Satz gehört zu haben: „Das Pedal ist die Seele des Klaviers.“ Gemeint ist natürlich das rechte, möglicherweise in einer Mischung mit dem linken.

Ich liebe Dont, Jacob Dont, weniger seine großen Etüden, nein, seine „24 Vorübungen zu Kreutzers und Rodes Etüden“, sein op. 37, sie treiben weniger an die Grenzen, dort wo versuchsweise auch gern Gewalt angewendet wird (Fingerstrecken links, Bogen fixieren im Ricochet o.ä). Ich liebe aber ebenso die spezielle Notenausgabe, die mein neuer Lehrer verlangte, als ich 15 war, die Peters-Ausgabe (inzwischen gibt es Henle u.a.), zumal dort zuweilen ausführliche handschriftliche Anweisungen drinstehen, die mich heute mehr zum Nachdenken bringen als damals (Prof. Raderschatt sei Dank!). Zur Sache:

 

Ich spiele diese Etüde häufig, auch einige andere, eben, weil sie noch in den Fingern liegen und keine Sonderleistungen erzwingen. Oder doch? Plötzlich sagt eine innere Stimme: merkst du nicht, dass kein einziger Saitenwechsel wirklich reibungslos gelingt, immer nur mit Geräusch oder Ruck. Ich übertreibe natürlich, aber das sagte mein Lehrer damals auch. Und das saß. Die Neigung zum pauschalen Zurechthören der eigenen Leistung ist aktiver als die zur Geistesgegenwart und punktuellen Vertiefung. Die zweite Lage ist ohnehin etwas unbequem, in diesem Fall besonders, weil sie gleich den vierten Finger (cis“‘) herausfordert durch den Wechsel mit den Tönen his“ und h“ (wirklich sauber!) und dann durch das Übersetzen desselben Fingers auf die nächsttiefere Saite. Was soll der dilettantische Bruch, bevor du zu derselben Aktion wie eben mit dem vierten Finger übergehst, jetzt auf der A-Saite? Genau darauf bist du fixiert, wenn überhaupt, aber der Ruck rechts ist das Übel, du musst schon unterbrechen… (Wie immer: der Rechtsruck!) Es geht um die Legato-Verbindung zwischen der vorletzten Sechzehntel-Vierergruppe und der letzten: vom gis“ zum fis“. Wenn das nicht schön ist, kannst du die Geige gleich wieder einpacken! Die Legato-Verbindung übt man genau so wie auf dem Klavier: der Ton gis“ auf der E-Saite muss noch zu hören sein, wenn du den Ton fis“ auf der A-Saite anspielst. Die Streckung links ist auch nicht völlig angenehm, aber unentbehrlich, man muss sie nur einmal wahrgenommen haben, egal wie vorübergleitend sie geschieht und sich verflüchtigt. Und am Ende des nächsten Taktes – beim Übergang zur D-Saite – ganz genauso. Und so weiter. So einfach ist das.

Die folgende Etüde – in Zeitlupe zunächst mit weniger langen Bindungen – gibt Gelegenheit zu beobachten, wieviel Töne auf welcher Saite angestrichen werden und in welcher Tonqualität: in der ersten Vierergruppe 1 Sechzehntel pro Saite, in der zweiten je 2 Sechzehntel pro E- und A-Saite, in der dritten heißt es 1+2+1 (Töne pro Saite). Während der Vierergruppen ist die Bewegung des Oberarmes und die gleichzeitige des Unterarmes zu fühlen. Auch von den Saiten losgelöst „in der Luft“ zu analysieren. (Nur nicht todernst, – man bedenke, wie ein Vogel die Arbeit mit den eigenen Flügeln erleben würde. Oder wie Bobby McFerrin singt: „don’t worry be happy“)

Dieser Blogeintrag begann als bloße Ermunterung für mich selbst (das hilft!!!), denn es gibt heute sicher weniger „private“ Geiger, als es sich der Musiker in optimistischen Stunden vorstellt. Aber natürlich kann man Ähnliches für jedes Instrument und jedes Genre erdenken, auch für handwerkliche oder sportliche Aufgaben, die schrittweise geschmeidiger gelingen sollen. Es geht letztlich um die aufmerksame Hinwendung, der Buddhist nennt es auch Achtsamkeit.

*    *    *

Mehr über Achtsamkeit? Hier.

Klassik Hype

Fünf Jahre Solitär 

25. Oktober 2015

Kampf der Klaviergiganten: Chilly Gonzales meets Igor Levit

Wie hatte es angefangen? 9.8.2013

7. Februar 2020

Hier zur Aspekte-Sendung

abrufbar bis 4.2.2021

ZITAT Hartmut Welscher in VAN

Für Musiker*innen birgt das Singularitätsgebot auch Frustpotential: Jetzt habe ich jahrzehntelang an meinem musikalischen Besonders-Sein gearbeitet – nur um festzustellen, dass es nicht reicht, sondern ich mich auch darüber hinaus permanent inszenieren und performativ selbstentfalten muss.

Nur auf musikalische Qualität zu setzen, war schon immer eine naive Wette. Aber zu warten, bis man jemandem auffällt, ist auch deshalb riskanter geworden, weil es immer weniger gibt, denen man auffallen könnte. Klassische Musik ist in den klassischen Medien weitgehend marginalisiert. »Nur« über (klassische) Musik zu sprechen gilt schon lange als Rohrkrepierer, Kritiken sind Click-mäßig betrachtet ein Totalausfall, der Druck, sich auf die Superstars der Branche zu konzentrieren, ist auch in Feuilletons und Kultursendungen groß.

Weshalb man sich durchaus Gedanken machen sollte: siehe Magazin VAN HIER

Über Andreas Reckwitz: Wikipedia HIER

Lesenswert des weiteren der Artikel über ein Hauptwerk des Soziologen: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne / Suhrkamp 2017 / Inhaltlicher Abriss bei Wikipedia HIER.

ZITAT

Es ist häufig festgestellt worden, dass die Romantik eine Wiederverzauberung der Welt erprobt. Treffender lässt sich dieser Prozess jedoch als eine Kulturalisierung der Welt beschreiben, in deren Folge potenziell alles von der Seite des Profanen auf jene des Sakralen überwechseln kann. Am Ende können selbst ein paar Bauernschuhe oder das Muttermal des Geliebten von kulturellem Wert sein. Ermöglicht wird diese romantische Valorisierung der Welt durch deren umfassende Besonderung; die Welt wird als ein Raum faszinierender Eigenkomplexitäten entdeckt und in eine solche umgestaltet. Das Grundpostulat lautet: Ein Subjekt, das authentisch sein will, muss im Durchgang durch die Singularitäten der Welt seine authentischen Erfahrungen machen. In der Romantik ist der ausdrückliche Kampf gegen die Modernität des Allgemeinen – von der Aufklärungsphilosophie bis zur Industrialisierung – die konsequente Kehrseite der umfassenden Singularisierung der Welt. Diese romantische Besonderheitskultur wirkt sich von Anfang an in durchaus unberechenbarer Weise auf die um Balance bedachte Kultur der Bürgerlichkeit aus. […] (S.99)

Während sich die bürgerliche Intensivierung in erster Linie auf die Sensibilisierung der ästhetisch-hermeneutischen Innenwelt der Subjekte bezog, so richtet sich die fordistische Extensivierung der Kultur primär auf die visuelle Oberfläche der Subjekte und Objekte. (S.102)

Quelle Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten / Suhrkamp Berlin 2019

Anmerkung: zu „fordistisch“ siehe hier.

Reckwitz spricht von der organisierten, industriellen Moderne, „die von etwa 1920 bis Mitte/Ende der 1970 Jahre reicht“;  in einer Fußnote verweist er auf Georg Simmels „Philosophie der Mode“ (1905).

Selbstbezichtigung: Ich erinnere mich an eigene Anwandlungen Ende der 70er Jahre, als ich daran dachte, den alltäglichen Gang in den Garten zu einer sakralen Handlung zu erheben…

Banales beim Frühstück

Wie ich einen Ohrwurm zähmte

Es fing damit an, dass ich ihn für einen eigenen Einfall hielt. Ohne Verwunderung. Sowas ist leicht, am Leitfaden einer Sequenz entsteht assoziativ eine Art Melodie. Da ich Zeitung las, wollte ich sie eigentlich wieder los werden, stattdessen (oder deswegen) notierte ich sie, und schon wurde ein Studienobjekt daraus:

Als die Sequenz fertig dastand, die an sich immer wieder von vorne losging, wusste ich, ein drittes Mal dürfte das so nicht weitergehen, es ist schon simpel genug. Warum wirkt es überhaupt auf mich, als habe es ein Existenzrecht? Die neue Linie ist die gleiche, aber die Intervalle verändern sich, das erhöht das Interesse; da der Grundton erreicht ist, müsste jedoch ein ganz neuer Impuls kommen, ja, die betonte Oktave, und noch mal eine Sequenzformel, das ginge, und damit könnte ich ich es erstmal bewenden lassen. Leichte Irritation, weil die neue Formel eine andere Assoziation weckt, eine Instrumentenfarbe.

Und während ich weiterlese, denke ich, da kommen auch Worte nach, einzelne Fetzen, vielleicht ist das gar nicht von mir? … Schubert womöglich…? Und dann geht es in die Kinderzeit, Schulzeit, Chor, schäbiges Orchester, Solo der Oboe, das der letzten Sequenzformel gleicht, ich weiß sogar noch den Komponisten, ich mochte ihn nicht, aber dass er es fertigbrachte, sich in einem Quintanerhirn festzuhaken. Unangenehm, aber unabweisbar. Melodie und Text: „Als Joseph von des Hügels Rand das Städtchen liegen sah, gab er Maria leis die Hand und sprach: das Ziel ist nah.“ Oder „da“. Aber warum „leis“? Die Oboe fand ich verehrungswürdig, edel, ich glaube, Ubenauf spielte sie, sein Vorname ist weg. Walter Rein fällt mir ein, diesem Komponisten wollte ich nie wieder begegnen. Mein älterer Bruder sang früher auch gelegentlich ein eigenes Motiv (behauptete er jedenfalls), nervend, und zwar  auf den Text „Im Stadion zu Delphi“, immer und immer wieder, aber Weiteres rückte er nicht heraus. Ich halte mich an Joseph:

Ubenauf. Der Vorname, der mir fehlte, ist Albrecht. Es lebe die Erinnerung. Ich denke an andere, jüngere Ohrwurm-Sequenzen: „Nessun dorma“, die Linien, die einem sofort einfalen, wenn das Wort „Kalaf“ gesagt wird, oder „Turandot“, außergewöhnlich, weil sie stufenweise ansteigen, statt abzusinken; ich schone sie, weil sie ihre Wirkung bewahren sollen, und immer wieder wundere ich mich, weil sie aus dem Nichts auftauchen, um einen Höhepunkt zu schaffen. Oder wie mich kürzlich unvermutet die Klavierfassung eines berühmten Liedes aus dem Handy ergriff: „Ja, du weißt es, teure Seele [usw.] Liebe macht die Herzen krank“, kamen nicht sofort die Tränen? mechanisch, ja automatisch, immerhin wusste ich plötzlich, warum. Das würde mir bei Kalaf nie passieren, da ist es der strahlende Andere, der Tenor. Bloß nicht heulen, meist ist Selbstmitleid im Spiel, also notiere ich eine Art Durchblick. (Wo ist das Blatt?)

Diesen Ohrwurm kann ich abmurksen mithilfe eines anderen, willkürlich erzeugten, „Clair de lune“ von Debussy, da muss ich mir nach den ersten beiden Terzen den großen Septakkord vorstellen, das erfordert mehr Imagination, dann sehr bald die hohe Stelle, die ihren Reiz aus derselben Dissonanz zieht, Impressionisten bringen jedes einprägsame Motiv zweimal, das darf ruhig ein Ohrwurm werden oder bleiben, mit einem doch etwas differenzierteren Klang dahinter. Ich muss das nicht aufschreiben, aber das Banale gehört nun mal zur „Wiederkehr des Gleichen“, es gehört zur Realität und kann jederzeit für „magisch“ erklärt werden. Da muss man gewappnet sein. Moment, geirrt habe ich mich offenbar mit dem großen Septakkord, im Bass steht kein Ges , sondern ein Es, im Grunde habe ich nur die Dissonanz im Ohr, die der Ton f in der Höhe und in der Mittellage mit dem ges bildet. Sind es eigentlich immer melodische Motive, nie Akkordfolgen, die einen Ohrwurm verursachen?

Eine schreckliche Ahnung steigt auf, das Motiv, das ich zu Anfang notierte, könnte doch auch von Mozart stammen. Und ich habe es nicht auf Anhieb identifiziert? Plötzlich scheint mir, das Wort „Liebe“ könnte hineingehören, woher kenne ich das? Und es wird noch peinlicher: womöglich ist es aus „Così fan tutte“ , die Oper die mich kürzlich wieder so beschäftigt hat ? Nein, unmöglich, aber vielleicht dies: Wenn der Freude Tränen fließen… Entführung aus dem Serail.

Nein, keinesfalls! (Die Chromatik und der direkte Gang zum Grundton.)

Es ist nicht zu fassen: nach einen erholsamen Mittagsschlaf erwache ich mit einer glorreichen Idee. Ich hatte am späten Vormittag noch eine Whatsapp-Rundfrage verschickt, samt obiger Notennotiz  und der Frage: „Wer kennt das?“  Die beste Antwort: „Klingt wie die Nachsatzphrase aus einem Schubertmenuett. Aber, tja, aus welchem. Schlimmer noch: es könnte einer der 700 Walzer sein.“ Vor dem Einschlafen las ich in der Süddeutschen über Hölderlin, von „Linien des Lebens“,  und beschloss, den Passus mit dem wunderbaren, mir unbekannten Gedicht abzuschreiben, – wachte nach 25 Minuten auf und beschloss, etwas anderes zu tun, nämlich: alle Titel der Trio-Roseau-CD noch einmal anzuspielen. (Die Erleuchtung war nahe…) Hier die Auslöser in umgekehrter Reihenfolge:

Quelle Süddeutsche Zeitung 15./16.Februar 2020 Seite 15 So dacht‘ er Dauerausstellung in Tübingen, Baustelle in Lauffen, Betreten verboten in Nürtingen: Eine Rundreise zum 250. Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin / Von Alex Rühle

 Ich klicke im CD-Spieler durch: Nr.6 !!!

Bei schwächeren Nerven müsste ich in Ohnmacht fallen: aber im Gedächtnis war mir nur „etwas mit Liebe“. Nicht „Un‘ aura amorosa“…

Nie wieder wird mich dieser alte Ohrwurm von heute Morgen verfolgen. In Wahrheit handelt es sich – wie so oft – um eines der schönsten Stücke, die ich kenne.

  

Eine bedrückende Frage bleibt: wie konnte ich das für banal halten???  Sie gilt allerdings nur zum Schein, denn auf das Motiv an sich, vage erinnert, könnte jeder kommen, der mit klassischer Musik umgeht. Es war ja auch kein Einfall, sondern nur eine Art Déjà-vue, das ungerufen auftauchte, ein fremdes Ding, das sich wichtig tat. Und niemand legte seine Seele hinein, es hatte keinerlei Tendenz, sich in die Realität hinauszuspannen. Usw. usw. – jetzt könnte ich eigentlich Hölderlin abschreiben. Ja, die Verse sollen hier folgen und meinetwegen wiederkehren, so oft sie wollen, wie die, die ich seit der Darmstadt-Zeit 1963 kenne und aufsage: „April und Mai und Junius sind ferne.“ Besser kein weiteres Wort davon…

Man kann ohnehin alles nachlesen, wenn man will, zum Beispiel hier . Aber ob es einen wirklich erreicht, ist eine andere Frage. Man verweist aufs Herz, auf Herz oder Seele. Oder Gänsehaut. Das hat mit Ohrwurm nichts mehr zu tun. Als nächstes muss ich die Notiz zu „Ja, du weißt es“ (Zueignung!) wiederfinden, irgendetwas war brauchbar daran, betr. Rousseau. Vielleicht so brauchbar wie der rote Melodiefetzen da oben, der sich plötzlich in Mozart verwandelte…

An Afghanistan denken

Aus dem Archiv von Uli Preuss (Solingen)

Handwerker in der Chickenstreet, Kabul, Afghanistan, Februar 2012

Handwerker bauen nach dem Sieg gegen die Taliban erste Satellitenschüsseln, Kabul, Afghanistan 2004

Um diese Bilderreihe mit einem Hoffnungsschimmer zu beschließen, wähle ich ein anderes aus der Sammlung: allerdings aus einem anderen Land, einer anderen Zeit: Kambodscha, Basisgesundheitsstation Friedensdorf 2010, siehe auch hier.

Alle Fotos wiedergegeben mit freundlicher Erlaubnis, Dank an ©Uli Preuss Solingen

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19.02.2020 Aktuelles aus dem Leben des Fotografen und Journalisten Uli Preuss:

 Abrufbar HIER !