Kategorie-Archiv: Geschichte

Rhythmus und Schematismus

Wie organisiert man eine sinnvolle Musikstrecke?

Ein hypothetischer Ansatz, mit dem wir schon im Tierreich ins Dilemma kämen: ein Vogel z.B. kann sich durch einzelne Rufe erkennbar machen, Kontakt zu anderen aufnehmen und scheinbar immer dasselbe sagen: schau mal – „ich, ich, ich“. Oder die Artgenossen durch eine Kette von Tönen und Motiven beeindrucken. Vielleicht alles, was ihm in den Sinn kommt, abwandeln, fortwährend Neues erfinden oder das Einzelne favorisieren und das Prinzip der Wiederholung entdecken. (Nebenfrage: produzieren die Tiere auch Rhythmen??? Der – unvermeidliche – Rhythmus der Pferdehufe u.dgl. gilt nicht!)

Unter Menschen müsste es nicht anders verlaufen sein. Hier lobt nun der eine das Rhapsodische, Leidenschaftliche, Unberechenbare, schon hält der andere die Verlässlichkeit, die Wiederkehr des Gleichen dagegen, die Stetigkeit, die perfekte Organisation, und schließlich kommt ein Neunmalkluger daher und sagt: man braucht doch immer beides, die Gegensätze und den Ausgleich der Gegensätze. Der eine sagt: es geht um den Puls des Lebens, und der andere: mich begeistert der warme Klang des Sechszylinders, die kraftvolle Motorik der Maschine, der erste: wie im Sport, wir brauchen die Konstanz der Leistung, die Durchhaltekraft und die Steigerung. Der andere: selbst der einfachste Motor kann mit einer Gangschaltung ausgestattet werden, bedenke, wie ein Thermostat die Maschine wechselnden Verhältnissen anpassen kann. Als sei sie sensibel und wetterfühlig. Ich will nicht den Ursprung der Musik überhaupt zum Thema machen, sondern mit dem beginnen, was es nachweislich gegeben hat, in der „Musikgeschichte“. Jagdsignale, Töne, Rhythmen, Lieder, Gesänge, Tänze. Jedes Stichwort ergibt ein Buch des Lebens. Das Lineare, die Fläche, die Vielheit… Homophonie, Polyphonie…  Siehe auch unter dem Stichwort „Bachs barocker Bewegungsmodus“ hier.

Labyrinth Wikipedia 1280px-AmienCathedralLabyrinth Labyrinth Kathedrale Amiens (Wikipedia)

ZITAT

Für die homophone Schreibweise sind charakteristisch: Gliederung durch harmonische und motivische Mittel, Cäsuren durch Halb- und Ganzschlüsse (wobei alle Stimmen gleichzeitig und in gleichem Sinne am Kadenzgang beteiligt sind, zum Unterschied von der Polyphonie, wo im Prinzip ein solcher Vorgang nur am Schluß eines Stückes anzutreffen ist), Bildung geschlossener Gedanken im Sinne der Satz- und Periodenbildung, Erzielung typischer Formstrukturen durch Gegenüberstellung kontrastierender Elemente, schärfere Herausarbeitung des Gegensatzes von „fest“ und „locker“ gebauten Abschnitten. Hierher gehört auch der grundsätzliche Unterschied zwischen der Überleitung im homophonen Aufbau und dem Zwischenspiel in der Fuge. Die polyphone Gestaltung läßt ja an sich die scharfe Gegenüberstellung von „fest“ und „locker“ gebauten Teilen im Sinne der homophonen Gliederung nicht zu, weil sie einerseits durch das ständige Vorwärtstreiben der Bewegung, wie es eben der Polyphonie eigentümlich ist – das ständige Fließen und Nicht-zur-Ruhe-Kommen ist ja ein charakteristisches Merkmal – an und für sich eher die Kennzeichen des „Lockeren“ aufweist, andererseits wiederum, besonders in der Fuge, das unveränderte festhalten des Themas den ganzen Aufbau wie eine Art Knochengerüst durchzieht, so daß trotz der modulatorischen Bewegung im Mittelteil der Fuge dieser wiederum „fester“ wirkt als entsprechende Teile in den homophonen Formen. Das Zwischenspiel unterscheidet sich nun von der Überleitung dadurch, daß die Darstellung gleichsam in eine andere Ebene gerückt erscheint durch die Abwesenheit des Themas. Beim Wiedererscheinen des Themas wird gewissermaßen der frühere Zustand wieder fortgesetzt. Bei der Überleitung hingegen handelt es sich um Darstellung in einer Ebene; sie führt aus einem ursprünglichen Zustand zu einem neuen inhaltlich und strukturell verschiedenen Zustand. Diese scharfe Trennung soll hier nur dazu dienen, den grundsätzlichen Unterschied klarzumachen. Es soll dabei nicht übersehen werden, daß gerade die motivische Arbeit in den Zwischenspielen, besonders bei Bach, in hohem Maße vorbereitend auf die Technik der motivischen Entwicklung in der Wiener Klassik gewirkt hat, wobei auch der Technik der Sequenzbildung (die ja im Grunde genommen bereits im Widerspruch steht zum Prinzip der polyphonen Darstellung) gerade in den Zwischenspielen Bachs eine große Bedeutung zukommt.

Weiters tritt in der homophonen Darstellung das Prinzip der Wiederholung (wörtliche und variierte Wiederholung, Sequenz, Beantwortung) in entscheidender Weise in den Dienst des formalen Aufbaues.

Quelle Erwin Ratz: Einführung in die musikalische Formenlehre / Universal Edition Wien 1968 (Seite 38f)

ZITAT

In dem Maße, in dem die musikalischen Fortschreitungen im Sinne der neuzeitlichen Taktbewegungen habitualisiert werden, bestimmen einförmige Progresse die musikalische Temporalstruktur. Schon Printz beobachtet dies 1668. Später empfiehlt er, die Stimmen eines polyphonen Satzes so aufeinander abzustimmen, daß – mit Riemann zu sprechen – ein komplementärer Rhythmus und damit ein Einheitsverlauf aus Viertel-, Achtel- oder Sechzehntelnoten entsteht […]. Mattheson beschreibt einen Kompositionstypus, dessen Erfindungskern eine Notengattung ist, wo sich also eine Stimme – oft der Baß – einförmig in Achtel- oder Viertelnoten bewegt. In Purcells Arie „Wondrous machine“ (An Ode on St. Cecilia’s Day, 1692) schreitet der Baß einförmig in Achtelnoten fort. Es ist die Figur des Mechanismus, der die Orgel, die wunderbare Maschine, in Gang hält […]

Quelle MGG (neu) Lexikon „Musik in Geschichte und Gegenwart“ Sachteil 8 Bärenreiter Kassel, Basel etc. (1998) Artikel „Rhythmus, Metrum, Takt“ Sp. 291 (Autor: Wilhelm Seidel)

Dasselbe Stück (im externen Fenster) mit fortlaufender Partitur: HIER.

In dem Artikel „Barock“ des alten (!) MGG-Lexikons (Musik in Geschichte und Gegenwart 1994-1951) lassen sich versteckte Wertungen erkennen, die mit den Begriffen „mechanisch“, „lebendig“ oder „mechanisch pulsierend“ in Verbindung gebracht werden können.

ZITAT (rote Hervorhebung immer von mir)

Da überdies die Notenwerte der Stimmen des polyphonen Satzes einander überschneiden und nur an beabsichtigten Zäsuren zu gemeinsamer Kadenz zusammentreten, bietet der Satz der ars perfecta dem heutigen Ohr keine rhythmische Orientierung, ja, er setzt sogar der Taktstrichziehung in moderner Partitur unüberwindliche Hindernisse entgegen. D.h. die Renaissance hat keinen „Takt“ im Sinne der mechanisch pulsierenden Wiederkehr von rhythmischen Einheiten gekannt , oder vielmehr: sie hat ihn bewußt vermieden; denn im Tanz und in einfachen Liedbildungen wie Frottolen, Lauden, Villotten, Villanellen, Chanson usw. liegt oft genug ein moderner Takt zutage.Wenn mit dem Beginn des Barock der moderne „Takt“ in die Kunstmusik einzieht so bedeutet dies also, wie bei so vielen Stilelementen des Barock, eine Umwertung: was früher Eigentümlichkeit niederer Musikgattungen war, steigt in die Kunstmusik auf (ein Vorgang, der sich übrigens in gewissem Sinne in der Frühklassik wiederholt). Mit der Neigung zu rhythmisch-taktlicher Verfestigung, d.h. zur mechanischen Wiederkehr von Schwer-Leicht-Gruppierungen, trafen die Bemühungen der Humanisten zusammen, die metrischen Schemata der antiken Dichtung in der Musik zur Geltung zu bringen, und im strengen homorhythmischen Vortrag solcher metrischen Verse in der musique mesuréeà la’antique traten von selbst Maßeinheiten zutage, die gleichfalls zum „Takt“ strebten; ihre Nachwirkung in rhythmischer beziehung ist im frühen Florentiner Rezitativ deutlich zu spüren.Nicht nur im italienischen „balletto“ Croces und Donatis [etc.], überall ist eine der modernen taktmäßigen Ordnung mindestens sehr nahekommende mechanisch pulsierende Ordnung schon um 1600 vorhanden. Ihr fügt sich auch die Polyphonie ein: […].

An rhythmischer Freiheit ist wohl kaum eine Zeit der Musikgeschichte so weit ins Rhapsodische und das Rubato vorgestoßen wie das Frühbarock. Monteverdi gebraucht das „senza battuta“ und verlegt den Rhythmus vorwiegend in den freien, affekthaften Vortrag des Sängers, den den stile recitativo unter Grimassen, Gesten, Schreien und Seufzen vorzutragen hatte, und der Vortrag eines Violonsolos von Marini oder einer Toccata von Frescobaldi, eines der frühen Solomadrigale Peris oder Saracinis ist, auch abgesehen von den zahlreichen notierten Kontrasten und Abwechslungen des Rhythmus, äußerst frei zu denken. Erst im Verlauf des Barock erfolgte eine Verfestigung auch im Rhythmischen, indem der Komponist ein bestimmtes rhythmisches Motiv zugrundelegte, wie es etwa in den Opernarien Cavallis oder Cestis, Lullys oder Blows, in den Suiten von Chambonnières und Froberger zu beobachten ist. Und erst der Spätbarock entwickelte jene Motorik, die innerhalb eines Satzes die einmal zugrundgelegte rhythmische Bewegung unablässig (nötigenfalls mit eingelegten Kontrastabschnitten oder, im polyphonen Sartz, mit simultan kontrastierenden, aber ebenfalls durchlaufenden Bewegungsformen der verschiedenen Stimmen) wiederkehren und durch ihre unbarmherzige Einprägsamkeit den Hörer überwältigen. Bach, Händel u.v.a. bieten Beispiele auf Schritt und Tritt. –

Quelle Artikel „Barock“ in Bd. 1 des Lexikons MGG (alt) Sp. 1275 bis 1338 (Autor: Friedrich Blume) Bärenreiter Verlag Kassel und Basel 1949-1951

Der Titel dieses Blog-Beitrags hatte darauf aufmerksam machen wollen, dass der „durchgehende Rhythmus“ in der heutigen Pop-Musik bereits einen Sinn hypostasiert, – wie dürftig auch immer; die Musik bewegt sich allein schon dank der rhythmischen Grundlage vorwärts, nicht so sehr dank einer melodischen Spannung, die weiterführt oder aufgelöst werden müsste. Man muss es aber nicht pejorativ beurteilen, nur weil man die Überflüssigkeit einer Rhythmus-Unterfütterung bei Bach konstatiert. (Weil sie kontrapunktische Phänomene verschleift, die man in aller Klarheit erfassen will.) Der Perpetuum-mobile-Charakter nimmt dem (selbsterzeugten) rhythmischen Drive seine Selbstverständlichkeit und „führt die Sache vor“. Es ist einfach nur simpel, nicht etwa raffiniert.

Man vergleiche die geniale Kombination aller rhythmischen und melodischen Raffinessen in der indischen Musik, vom breitesten Rubato im Alap bis zur letzten „wirbelnden“ Phase des Gat. Von der Selbstverständlichkeit zur Artistik. Wobei allerdings auch dieses Prinzip eine gewisse Stereotypie des Ablaufs nicht leugnen kann. Die bedauernswerte Rolle des Tabla-Spielers während eines sehr langen Alaps…  Andererseits: wieso ist eine sporadische Rückkehr zum Alap-Prinzip (ein erneutes Schweigen der Tabla) prinzipiell ausgeschlossen?

(Fortsetzung folgt)

Was ist Rhythmus?

Jemand stellt mir diese Frage, und es scheint ganz einfach, darüber Auskunft zu geben. Aber dann stellt sich heraus, dass es nicht um Rhythmus in der klassischen Musik geht. Es heißt, sie habe gar keinen Rhythmus (im gemeinten Sinn), was natürlich Quatsch ist. Aber da die Meinung ziemlich verbreitet, muss man sie (erstmal) berücksichtigen, um überhaupt im Gespräch zu bleiben. Also: zumindest jeder Tanz hat Rhythmus, sagen wir, in Form einer Betonungsordnung. Es gibt auch unter den bekannten Volksliedern eindeutige Tanzlieder, denen man Rhythmus im modernen Sinn nicht absprechen kann, – man hat Lust, sich dazu zu bewegen. Also einer Bewegungsordnung zu folgen, auch wenn man nur regelmäßig mit einem Fuß aufstampft, nein, vielleicht auch mit beiden abwechselnd, aber durchaus kunstlos. Sie wissen, wovon ich spreche. Ein gleichmäßiger Rhythmus ist eben auch ein Rhythmus. Das Rattern eines Güterzuges, das Klappern der Mühle am rauschenden Bach, darüber müssen wir nicht diskutieren: es ist Rhythmus, wenn wir ihn als solchen wahrnehmen. (Er muss nicht einer Intention gehorchen; wir legen diese vielleicht einfach hinein. Und schon meint sie UNS!)

Ich ahne, mein Gegenüber wird müde, will jetzt nicht noch endlos über Versfüße debattieren, allenfalls über die eigenen Füße, und nur in der echten Bewegung, selbst beim Wandern oder Marschieren. Ein wichtiger Faktor ist allerdings beim Tanz, dass er nicht dazu dient, sich auf ein Ziel zuzubewegen, sondern sich auf eine bestimmte Fläche zu beschränken und sich im Kreise zu drehen. Oder jede Vorwärtsbewegung durch eine Rückwärtsbewegung aufzuheben.

Nun gibt es eine urtümliche Musik, die nicht nur klappert oder klatscht: Musik mit Flöte und Trommel, Einhandflöte vielleicht, mit wenigen Tönen, aber man könnte von Melodie sprechen, – und nur die andere „Einhand“ traktiert die Trommel, die am langen Band herabhängt. Die Melodie könnte sich derart wiederholen, dass man gut ihre Akzente erkennt und sich leicht danach bewegen könnte. Noch leichter allerdings, wenn die Akzente von dem separaten Schlaginstrument verdeutlicht und mit eigenen leichteren Schlagfolgen überbrückt werden. Man kommt darauf, dass Rhythmus ein eigener „Parameter“ ist, neben der Melodie, die ihrerseits ebenfalls rhythmische Eigenschaften hat, während sie zugleich in der Lage ist, melodisch auszuufern, sobald der Rhythmus pausiert.

Man könnte darüber sprechen, dass die ältesten erhaltenen Instrumente der Menschen Flöten sind, und zwar solche aus besonders haltbarem Material (Knochen oder Elfenbein), solche aus Holz sind womöglich vermodert, — wie auch die Trommeln, die vielleicht von Anfang an beteiligt waren, für die aber aus akustischen Gründen gar kein anderes Material als Holz in Frage kam.

Einhandflöte und Trommel

Jetzt wäre zu klären, warum es im christlichen Abendland keine Trommeln (oder andere Rhythmusinstrumente) mehr gegeben hat. Obwohl in der Bibel ausdrücklich davon die Rede ist: „(Sie) Kommt mit Pauken, kommt im Festesreigen, zu dem Ton der Pauke hüpft sie fröhlich, wie einst Mirjam, hüpft entgegen Jephta…“

Es hat sie sehr wohl gegeben: aber nur bei den Spielleuten, und die waren neuerdings verfemt. Sie waren allesamt des Teufels.

Wenn die Kirchenväter gegenüber der wortverkündenden Musik der jungen Kirche die heidnischen Kulte verteufeln, dann sind es gerade die dort verwendeten Instrumente, deren satanischer Charakter immer wieder warnend betont wird. Waren doch Instrumente von Anfang an rigoros vom christlichen Gottesdienst ausgeschlossen. So lehnt Clemens von Alexandria am Ende des 2. Jahrhunderts die Verwendung von Syrinx und Aulos strikt für den Gottesdienst ab. Ephrem der Syrer weist im 4. Jahrhundert den Psalmengesang den Engeln und das Citharaspiel den Teufeln zu. Auch für Johannes Chrysostomus (4.Jh.) gehört der Klang von Aulos, Kithara und Syrinx zur pompa diaboli, der er die christlichen Psalmen- und Hymnengesänge gegenüberstellt. Abrosius wiederum identifiziert den Hymnen- und Psalmengesang mit dem Heil, die Instrumente Cithara, Psalterium und Tympanum mit Unheil und ewigem Tod: (…).

Eine beträchtliche Schwierigkeit ergab sich angesichts dieses Verdikts der Musikinstrumente für die Kirchenväter wie auch für spätere Theologen aus der Tatsache, daß in der Bibel, vornehmlich in den Psalmen, sehr wohl Instrumente des Gotteslobs genannt werden. Als Ausweg aus diesem Dilemma bot sich die allegorische Deutung an, das heißt, man interpretierte die Instrumente als Zeichen oder Symbol für Anderes, Außermusikalisches. Diese allegorischen oder symbolischen Erklärungen werden durch das ganze Mittelalter tradiert und verwendet. Das aber bedeutet, daß ihnen nur höchst bedingt und differenziert eine volle Realität im Sinne zeitgenössischer Instrumentenwirklichkeit oder gar historischer Aufführungspraxis zugebilligt werden kann. Das gilt sowohl für sprachliche Quellen, vornehmlich die Psalmenkommentare, als auch für bildliche Darstellungen.

Quelle Reinhold Hammerstein: DIABOLUS IN MUSICA Studien zur Ikonographie der Musik im Mittelalter / Neue Heidelberger zur Musikwissenschaft Band 6 / Francke Verlag Bern und München 1974 / Seite 23 (Anmerkungsziffern für Lit.nachweise sind in der Abschrift weggelassen. JR)

David Himmel & Hölle Anklicken & Musiker im unteren B-Bogen studieren!

Glauben Sie, es handle sich um ein Lob der Musik (wie vielleicht oben in der Miniatur der Cantigas, die einen Sonderfall der Begegnung zwischen christlicher, jüdischer und und islamischer Kultur darstellen)? Zeigt etwa deswegen der Trommelschläger unten rechts ein so grässliches Gesicht? Hier ist Hammersteins Lesart:

In den beiden durch den Buchstabenkörper B geteilten Partimenten sieht man zwei Musikszenen. Die obere Szene zeigt, wie David im Angesicht des Volkes vor dem Allerheiligsten tanzt, das durch einen Vorhang halb verborgen ist. In der linken Hand trägt er ein Buch, auf das er mit der rechten weist, wobei sein Blick auf das Bild Christi gerichtet ist. Die Szene darunter zeigt Sänger und Spielleute, einen Harfenisten, einen Rebecspieler, eine weibliche Figur und eine eine Trommel schlagende Tiermaskengestalt.

Die Elemente beider Bilder stammen aus der traditionellen Davidikonographie, so der Tanzschritt Davids vor der Bundeslade, die Stadtarchitektur (Jerusalem) im Hintergrund, die musizierenden und tanzenden Spielleute, die seit alters zum Gefolge des Königs gehören. Doch hat hier eine Differenzierung stattgefunden. Sie zielt auf Kontrastierung der musikalischen Ebenen. Das Buch in der Hand Davids meint zweifellos den Psalter, er weist ihn als dessen Autor aus. Die Psalmen selbst aber sind wesentlicher Bestandteil der Liturgie, vornehmlich des gesungenen Stundengebets. Das Buch steht damit nicht nur für liturgische Musik, beide zugleich Erscheinungsformen der lex Dei, von der der erste Psalm spricht. Die Spielleute der unteren Szene sind von der Davidszene abgetrennt. Sie versinnbildlichen das consilium impiorum, den Rat der Gottlosen. Darauf deute bereits die Tiermaske. Die Maske gilt seit der Antike als Attribut des Todes. In christlicher Zeit wird sie zum Symbol der Hölle, und zwar nicht zuletzt im Zuge der Verteufelung heidnischer Totenfeiern, wie sie in mittelalterliche Volksbräuchen fortleben. Noch im 9. Jahrhundert tadelt Hincmar von Reims solche Totenfeiern, die mit Maskentänzen verbunden waren. Die von der Maskenfigur auf unserem Bilde geschlagene Trommel ist ein uns bereits bekanntes Teufelszeichen. Sie gehört zu den Tympanuminstrumenten, die auf Vergänglichkeit, Tod und Teufel weisen. So interpretiert dieses Bild in seinen beiden Hälften den Gegensatz des beatus vir und des consilium impiorum als Kontrast von liturgischer Davidsphäre und teuflischer Spielmannswelt. Mit dem Kontrast von liturgischer und spielmännischer Musik spielt der Miniator aber auch zugleich auf den wertmäßigen Unterschied von ars und usus, von musicus und cantor, d.h. von geordneter, theoriebezogener und ungeordneter, theorieferner Praxis an, die sich über ihr Tun keine Rechenschaft zu geben vermag. In der oberen Hälfte das Buch, Sinnbild für Sprache, Schrift und Ratio, in der unteren das sprachlose Instrument, Zeichen für irrationalen Klang, Vertreter des Dumpfen und Bösen.

Quelle Reinhold Hammerstein a.a.O. Seite 58f.

Ich stelle dieses Thema vorläufig zurück und möchte mich der gleichmäßig durchgehenden Bewegung widmen, wie wir sie aus Bachschen Werken kennen. Jazzmusiker haben sie zuweilen dahingehend verstanden, dass man einen entsprechenden, gleichmäßig swingenden Rhythmus drunterlegen kann. Ein Missverständnis:

HIER (The Swingle Singers mit Contrapunctus ? aus der „Kunst der Fuge“ / Ich würde nur vom Anfang bis 2:15 anhören / von einem Sakrileg würde ich nicht sprechen; es ist nach heutigen Maßstäben vor allem nicht sauber genug)

(Fortsetzung folgt)

Den abschließenden Link verdanke ich Frank Timpe (dem hervorragenden Saxophon-Spieler). Aus seiner Sammlung. Recorded Dec. 20, 1937. (Ich dachte, es passt nicht schlecht in unsern teuflischen Zusammenhang!)

Collegium aureum 1982

Zur Erinnerung an Haydns „Schöpfung“

Haydn Schöpfung Collegium aureum

Aufnahme von der Probe (oben) zur Fernsehübertragung ORF 31. März 1982

Haydn Schöpfung Mitwirkende a Haydn Schöpfung Mitwirkende b

Deinzer Screenshot 2018-01-22 21.38.25

Hans Deinzer, Klarinette (neben ihm Christian Schneider)

Schöpfung Screenshot 2018-01-22 21.17.34

Screenshots aus der obigen youtube-Aufnahme

Im Vordergrund von links: Walter Berry, Peter Schreier, Arleen Augér

Im Hintergrund links Günther Höller, rechts Christian Schneider

Ich (Jan Reichow) bin auch dabei, aber man sieht das nur im Film und genau genommen auch nur, wenn man mit mir identisch ist.

Nachtrag 25.01.2018 Die DVD ist angekommen:

Haydn Schöpfung DVD Cover rück Haydn Schöpfung Cover JR

Ist es nun klar? Für mich war auch der pure Zeitsprung wichtig. Nicht (nur) die immerwährende Gültigkeit… Übrigens ist es eine phantastisch gemachte DVD. Ich habe erst hier und da hineingeschaut, auch in den Film-Essay über Haydn, ich bin absolut glücklich, dass es diese Aufnahme gibt, von der ich bis vor zwei Tagen nichts wusste, und dass ich sie nun besitze, nicht nur den kleinen youtube-Ausschnitt (s.o.), über den ich mich schon sehr gefreut hatte. Alle Kollegen „in der Blüte ihrer Jahre“, viele leben schon nicht mehr. Franzjosef Maier in Aktion! Günther Höller, Helmut Hucke, Jann Engel, Horst Beckedorf, Rudolf Mandalka. Und die wunderbare Arleen Auger.

Melodram der NS-Ästhetik

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Die aufdringlich-sentimentale Filmmusik fiel mir auf als Wagner-„Plagiat“, bis hin zum Tristan-Zitat. (Und dann – musste ich zuschauen, bis zum bitteren Ende. Und lange darüber hinaus.) Komponist: Hans-Otto Borgmann. Wikipedia hier.

Immer mal wieder gibt es unverhoffte Gelegenheit, den Geist der NS-Zeit zu rekonstruieren. Kürzlich geriet ich also in den obigen Film, dessen Titel – bei Information im Teletext – mich sofort an meine Mutter denken ließ: sie geriet ins hohe Pathos, wenn sie vom „Opfergang“ sprach. Binding! Ihre erste Schwiegertochter bekam 1962 die dem Film zugundeliegende Novelle geschenkt, die auch seit Urzeiten im Bücherschrank zu finden war. Ich habe nie reingeschaut, weil es für mich der Kitschthematik angehörte, die mir suspekt war. (Wie ein Buch von Emil Peters: „Strahlende Kräfte“. Nicht unbedingt als Nazi-Literatur kenntlich. Aber als Gedanken-Kitsch, samt der handgeschriebenen Widmung darin.) Aber seit wann denn? Vielleicht seit der ersten Nietzsche-Lektüre, „Jenseits von Gut und Böse“ (1956). Allmählich ordnete ich auch die von meiner Mutter oft beschworene Szene vom „Gang nach Canossa“ ins entsprechende Generationen-Fach ein, ebenso bestimmte Lieder („Waldeslust“) und Lebensweisheiten („Lernen durch Leiden“). Frühe Demütigungen durch ihren wilhelminischen Vater, die jahrelangen Krankheiten, so traurig sie waren. Und ähnelte sie nicht auch den Schönheiten ihrer Zeit: Ingrid Bergmann, Kristina Söderbaum? Wohl nur in den Augen des mit Begeisterung kritischen Jugendlichen, der ganz andere Idole entdeckte und vom eigenen Vater zum erstenmal das amerikanische Wort „Sex Appeal“ hörte, das ihn – aufgrund eines Missverständnisses – beunruhigte. Später sah ich überall politisch-gesellschaftliche Hintergründe. Und nun dieser ARTE-Abend am 11. Dezember!

Hitlers Hollywood Screenshot 2017-12-14 13.56.34

Davon später mehr. Denn inzwischen ist die DVD eingetroffen, die ich unbedingt besitzen musste.

Hitlers Hollywood DVD

Aus dem ARD-Text zum Programm:

„Hitlers Hollywood“ erzählt von einer der dramatischsten Epochen deutscher Filmgeschichte, dem Kino des Nationalsozialismus. Etwa 1.000 Spielfilme wurden 1933-1945 in Deutschland hergestellt. Nur wenige waren Propagandafilme, die meisten waren aber auch nicht harmlose Unterhaltung. Das NS-Kino verstand sich als Alternative zu Hollywood. Intendiert war eine deutsche Traumfabrik auf höchstem technischen Standard, deren Produkte gleichermaßen unterhalten wie erziehen sollten. Wie wieviel daran war Wunschvorstellung der Machthaber, was wurde eingelöst? Wieviel Hollywood steckt in Hitlers Traumfabrik?

Das NS-Kino war ein staatlich gelenktes, rigider Zensur unterworfenes Kino. Zugleich wollte es „großes Kino“ sein; eine deutsche Traumfabrik, die Hollywood in jeder Hinsicht Paroli bieten wollte. So entstand ein staatliches Studiokino, das sein eigenes Starsystem etablierte und das sich nach modernsten Mitteln vermarktete. Auch im Ausland sollte der deutsche Film ideologisch wirken und kommerziell erfolgreich sein, wie mit Blockbustern à la „Münchhausen“.

Das nationalsozialistische Kino dachte groß und war technisch perfekt gemacht. Die Filme weckten Sehnsüchte und boten Zuflucht; das Kino der NS-Zeit gab sich volkstümlich. Breite Massen fühlten und fühlen sich weiterhin von diesen Filmen angesprochen. Nur so ist die Wirkungskraft des NS-Kinos zu erklären. Wie funktionierten diese Filme im Sinne des Systems? Was verraten sie über das Publikum und seine Träume?

Rüdiger Suchsland nimmt sich die Spielfilmproduktion der Jahre 1933-45 vor. Von den 1.000 hergestellten Filmen waren ca. 500 Komödien und Musik-Filme, ca. 400 Melodramen, Abenteuer- und Detektivfilme. Zum unheimlichen Erbe der NS-Kinos gehören auch die Propagandafilme, die heute noch unter Vorbehalt stehen.
„Hitlers Hollywood“ erzählt Geschichten von Tätern und Opfern, Rebellen und Überläufern. Der Film zeigt Stars wie Zarah Leander und Veit Harlan, wie auch diejenigen, die unfreiwillig zu Ikonen des NS-Kinos wurden wie Hans Albers, Gustaf Gründgens und Ilse Werner. Vorgestellt werden Filme, die voll auf Linie lagen, wie auch Regisseure, die untypische Filme inszenierten wie Helmuth Käutner, Werner Hochbaum und Peter Pewas.

Quelle hier.

Bach und die Raumakustik

Eine Abschweifung

Jeder Bachkenner hat das gelesen: Ende 1774 schickte Carl Philipp Emanuel Bach an den Bach-Biographen J.N. Forkel in Göttingen einige Ergänzungen und Berichtigungen zum Lebenslauf seines Vaters. Und darin findet sich unter vielen interessanten Einzelheiten die folgende Bemerkung, die gern zitiert wird, wenn es um Bachs Kenntnis der physikalisch-praktischen Konditionen der Musik ging.

Bach Raumakustik

Es ist aber durchaus möglich, dass dieses Wissen damals unter Musikern allgemeiner verbreitet war, als man heute annimmt. Zumindest unter solchen, die von den Forschungen des gelehrten Athanasius Kircher gehört oder sogar ein Werk von ihm erstanden hatten. Und zwischen Fakten und Fantasien unterscheiden konnten, – obwohl dies unwahrscheinlich war angesichts eines erdrückend universalen Geistes.

Kircher Raumakustik a *   *   *Kircher Raumakustik b *   *   *

Kircher Raumakustik c *  *  *Kircher Raumakustik d *  *  *

Kircher Raumakustik e *   *   *

Quelle: Athanasii Kirchers Neue Hall= und Thonkunst Reprint nach dem Original aus dem Jahre 1684 aus dem Bestand der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel / Wieder aufgelegt im Jahre 1983 von der Edition „libri rari“ Th. Schäfer GmbH Hannover. ISBN 3-88 746-0 72-3 / Wikipedia Athanasius Kircher siehe hier.

Kirchers Universum – und Bachs Glaubensgebäude

Kircher Universum  Kircher Weltorgel die Weltenorgel…

Rolf Dammann beschreibt und deutet diese Bilder detailliert in seinem grundlegenden Werk „Der Musikbegriff im deutschen Barock“ (Laaber-Verlag 1984) auf den Seiten 406 bis etwa 427.

1. die himmlische, übernatürliche (supranaturale) Welt, 2. die des Makrokosmos, also die außermenschliche Natur mit der wiederum höchsten Rangstufe der Gestirnwelt und 3. der Mikrokosmos, d.h. die Welt des Menschen.

Und fügt hinzu (Seite 411):

Diese Gliederung entspricht offensichtlich auch dem Aufbauplan von J.S.Bachs Clavierübung III, der möglicherweise ein praktisches Gegenbild dieser Weltstruktur liefert.

„offensichtlich“? „möglicherweise“? Das ist durchaus nicht geklärt, soweit ich weiß. Um einmal bei der älteren Deutung zu bleiben (Dammann beruft sich auf R. Steglich 1935), sei hier noch ein Absatz aus Hermann Kellers „Die Klavierwerke Bachs“ (Edition Peters 1950) angefügt, woraus nur andeutungsweise dergleichen zu entnehmen ist:

Bach Clavier Übung III

China und wir

Einige Beispiele zum Thema Vertrauen

Zitat aus dem Spiegel 48/2017

In der Geschichte der Menschheit hat es einen derart rasanten Aufstieg – eher ist es eine Rückkehr – wie den chinesischen der vergangenen 30 Jahre noch nicht gegeben. Längst finanziert China andere Staaten, ohne Fragen nach Demokratie und Menschenrechten zu stellen: Der alte „Washington Consensus“ wird durch den „Peking Consensus“ ersetzt. Das chinesische Modell fasziniert Nachahmer, weil die Partei so geschlossen entschlossen wirkt und die chinesische Gesellschaft so jugendlich, beweglich, Start-up-gierig. Die westlichen Gesellschaften altern; viele Bürger sehen, dass ihre Löhne nicht mehr steigen, dass Bildung, Wohnraum und Gesundheit unerschwinglich werden, dass die alte Lehre, ein steigendes Bruttoinlandsprodukt bedeute Wohlstand für alle, nicht mehr stimmt.

Die These, unsere Demokratie sei ein Endpunkt der Entwicklung, war größenwahnsinnig: Solange es etwas zu verteilen gibt, hat es jedes System leicht. Seit elf Jahren hat die Freiheit weltweit abgenommen. Von 195 Staaten sind nur noch 87 frei, 59 teilweise frei, 49 sind unfrei. Die Türkei und Russland haben sich aus dem Kreis der Demokratien verabschiedet, Polen und Ungarn scheinen zu folgen, die USA schlingern. Darum sollte allen in Berlin, nicht nur der FDP langsam klar werden, worum es geht.

Quelle DER SPIEGEL 23.11.2017 Seite 8 Leitartikel Ein Beben im Zentrum Europas Die Berliner Regierungskrise und der Siegeszug der Autokraten. Von Klaus Brinkbäumer

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REDEBEITRAG in einer Talkshow (Wörtliche Niederschrift 1.12.2017 JR)

„CHINA – dieses Land ist instabiler als ihr denkt!“ (Jan-Philipp Sendker)

Davon bin ich überzeugt. Wir müssen keine Angst vor China haben, wir müssen erstmal Angst um China haben. Ich bereise das Land seit ’95, zunächst als Asienkorrespondent des STERN, jetzt aber schon seit über 10 Jahren als Romanschriftsteller. Ich hab eine Trilogie geschrieben, drei Romane, die in China spielen, und bin jedes Jahr zwei, dreimal dagewesen, um für die Bücher zu recherchieren, und natürlich ist es unglaublich überwältigend, wenn Sie da sind Das erste Mal, als ich da war, da gab es kaum Hochhäuser, da fuhren die Leute alle mit dem Fahrrad, die Züge waren langsam und unbequem, heute ist China der größte Automarkt der Welt, es hat die meisten Hochhäuser, (VW macht die Hälfte seines Gewinns in China!) es ist so mächtig geworden, wenn es dort Probleme gibt, dann merken wir das hier auch. Darum müssen wir Angst um China haben, denn wenn es da zur Krise kommt, – und ich bin überzeugt, da kommt es zur Krise -, dann merken wir das hier ganz deutlich. (Warum kommt es dort zu einer Krise?) Ich glaube … wie gesagt, immer wenn ich hinfahre, die ersten zweidrei Tage bin ich überwältigt, weil wieder neue Hochhäuser, wieder neue Flughäfen, unglaublich, was die da schaffen, (die schaffen es wenigstens, so etwas fertig zu kriegen, n Flughafen) also: Und dann rede ich mit Menschen, ich bin ja , ich bin ein Geschichtensammler, ich reise durch das Land mit ner Freundin und nem Freund, und wir treffen Menschen und wir reden, ich höre zu, ich kucke hin, ich erzähle eine kleine Geschichte, die glaube ich sehr viel illustriert 42:33:

Wir hatten auf der letzten Reise … , da habe ich meinen letzten Roman „Am andern Ende der Nacht“ habe ich recherchiert, war drei Wochen unterwegs und wir trafen einen Freund meiner Freundin, wir saßen beim sehr teuren Franzosen, und die Flasche Wein, das ging bei tausend Dollars los. Der bestellte gleich eine, die war so lecker, dass wir dann gleich noch eine getrunken haben, und ein Herr Mitte sechzig, unglaublich freundlich, jovial, und der erzählte mir seine Geschichte, die gar nicht so untypisch war für das heutige China, der hatte vor über 40 Jahren aufm Bau angefangen, als Bauarbeiter, das boomte, es wurde gebaut und gebaut, heute, 40 Jahre später, besitzt er Einkaufszentren, besitzt er Hochhäuser, Hunderte von Eigentumswohnungen, ich weiß nicht, der hatte bestimmt 60, 70, 80 Millionen, das erzählte er, und auch voller Stolz, das war sehr beeindruckend natürlich, und irgendwann, mitten im Gespräch, fragt er mich, ob ich ihm einen Gefallen tun könnte. Ja selbstverständlich, du bist so nett hier, du lädst uns ein, du erzählst, womit kann ich dir behilflich sein? Ja, könntest du mir helfen, nach Deutschland auszuwandern? Was?! Er sagte: ich habe ein großes Problem. Ich bin 65, meine Frau auch, und wir haben ein behindertes Kind, das ist dreißig, ein Sohn, und der ist Autist. Er lebt bei ihnen, sie kümmern sich um ihn; er sagt, er weiß nicht, was mit diesem Kind passieren soll, wenn wir mal nicht mehr da sind. Ich sage: Gibt’s hier keine Heime? Ja, natürlich gibt’s hier Heime, aber keins, wo du dein Kind hingeben kannst. Sagt ich: Ja, du hast viel Geld, was ist mit privater Pflege? Ja, ich könnte meinem Kind 10 Menschen rund um die Uhr, jeden Tag bis an sein Lebensende, in einem kleinen Palast mit goldenen Wasserhähnen, – ich hab aber keinen Menschen, dem ich vertrauen kann. Dass die nichts mit dem Jungen machen, wenn wir nicht mehr da sind. Hat er keine Geschwister, frag ich. Ne, hat er nicht, aber weißt du, aber wenn er welche hätte, denen könt ich auch nicht vertrauen. Wer weiß, in welche Familien die reinheiraten, und was die dann machen. Und er hatte gehört, dass in Deutschland, Schweiz und Neuseeland, das waren die drei Länder, hatte er gehört, denen könne man vertrauen, da könne man sein Kind in eine Institution geben, man weiß, man stirbt vorher, und das Kind wird dann nicht umgebracht wegen des Geldes. Da dacht ich, das ist ja unglaublich, dieser Mann hat soviel Geld und findet in diesem großen Land kein Heim, keinen Menschen, dem er sein Kind anvertrauen kann. (Das heißt, Sie reden über fehlendes Vertrauen, darum geht’s, was ja ein wichtiger Kitt in der Gesellschaft ist…) Ich glaube, ein ganz, ganz wichtiger Kitt. Kein Vertrauen und eine ständige Angst (Zusammenhalt auch) Zusammenhalt! Ich war jetzt in Venedig grad, mit meiner Frau und meiner Tochter, wir drängelten und überholten ständig diese teuren Wassertaxis, da waren lauter Chinesen da drin. Alles, mit diesen teuren Handtäschchen, da ist unglaublich viel Geld mittlerweile, das sieht beeindruckend aus, wieder, und da musst ich an ein Abendessen denken bei einer Recherche, da saß ich mit 10 Chinesen so Mitte fuffzich zusammen, alle kamen in diesen teuren Luxuslimousinen vorgefahren, alle hatten wirklich – ich will gar keine Markennamen nennen – also es war ganz viel Geld im Raum. Und die waren selbstbewusst, die waren in London gewesen, in Paris gewesen, und ich dachte, das ist das moderne China, wie sie sich gerne präsentieren. Und dann habe ich meinen Freund, der das Ganze für mich organisiert hat, das ging mir so durch den Kopf: Sag mal, ihr seid alle so selbstbewusst, ihr seid sehr reich, aber wenn die Regierung es will, dann kann sie euch über Nacht alles wegnehmen, und ihr könnt nichts dagegen tun, ja? Stimmt das jetzt oder übertreib ich? Ne, sagt der, das stimmt!

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Was das für ein Lebensgefühl sein muss: eigentlich immer Angst haben zu müssen. (Hm, Vertrauen, ja! Sie haben auch mal angerissen die Geschichte eines Mannes, der – und da geht’s ja auch um Vertrauen – der letzten Endes seinen eigenen Vater verraten hat. Was ist das für eine Geschichte?)

Ja, das ist eigentlich, nach unsern Maßstäben, würd ich sagen, ein Großteil Chinas ist ein traumatisiertes Land. Also, was haben die in den letzten 60 Jahren miterlebt, an Revolution, Konterrevolution, an politischen Verfolgungen, die ??revolution (furchtbar!), und das ist auch so eine geschicht. Das ist ein Mann, den habe ich kenngelernt, wir fingen uns so an anzufreunden, n bisschen älter als ich, und da habe ich gedacht: das wäre der Botschafter des modernen Chinas. Der war erfolgreich, Rechtsanwalt, der war in der Welt umhergereist, kannte klassische Musik, schätzte er, wusste, was n guter Bordeaux-Wein ist, also – kultiviert, unglaublich! Und dann saßen wir mal zusammen in seiner Kanzlei, in Shanghai, er hatte über dreißig Angestellte, und mein Vater war grad gestorben, ich erzählte von meinem Vater, und plötzlich war dieser große Mann ganz still, und ihm rannen die Tränen über die Wangen. Ich sagte, was ist los? Habe ich was Falsches gesagt oder war…, da sagte er: Mein Vater ist auch tot. Ist er grad gestorben? Mein Beileid. Nee, sagt er, der ist schon lange tot, er ist ermordet worden während der Kulturrevolution von den roten Garden. Weil er heimlich Konfuzius gelesen hat. Aber woher wussten die roten Garden, dass dieser Mann heimlich zuhaus Konfuzius liest? Erzählt mir mein Freund, der Rechtsanwalt: Von mir! Ich war selber Rotgardist, ich hab zu ihnen gesagt – ich war dabei, als sie kamen – ihn abgeholt haben und vor dem Haus auf der Straße totgeprügelt haben. Und das Schlimmste, erzählte er, damals hab ich gedacht: es geschieht ihm recht!

Und mit dieser Scham zu leben – er hat gesagt: du siehst mich hier, erfolgreich, und du würdest nie glauben, es gibt Tage, da bleib ich im Bett, weil ich mich vor lauter Scham nicht aus dem Haus traue. Ich kann meinen eigenen Anblick nicht ertragen. Und das ist so… das erzählt so viel über eine Gesellschaft (absolut!). Das ist natürlich – das muss man dazusagen, das ist jetzt nicht… ähnliche Geschichten hat es hier in Deutschland vor 80 Jahren gegeben, da hat’s auch die Kinder gegeben, die erzählt haben, was der Papa über den großen Führer erzählt hat, und das Ende wissen wir. Aber der Umgang damit! Da darf eben nicht darüber diskutiert werden. 48:24 Da gibt’s keine Talkshow, wo jemand sagte: Ich habe diesen Mann getötet, es tut mir unendlich leid, ich schäme mich dafür! Das ist da alles tabuisiert. Und das macht das so gefährlich. (Und das wird ja restriktiver, nach allem, was ich lese und höre…Man hat von außen das Gefühl, da öffnet sich grade was, die sind unterwegs, man trifft sie in allen Teilen der Welt usw. und ist nicht so wild, und interessanterweise – das fällt mir auch immer auf in der deutschen Außenpolitik – wir entdecken bei Erdogan immer die Menschenrechte, aber in China kucken wir großzügig über viel hinweg. Das passt alles nicht so zusammen, aber das nur am Rande. Und es scheint offenbar immer restriktiver zu werden, weil dort ein Regime ist, das Angst hat vor dem eigenen Volk…?) Natürlich! Sie vertrauen ihren Leuten nicht, und die Menschen vertrauen ihrem Regime nicht. Nein, das ist ja kein Zeichen von Stärke, wenn du anfängst, einen Menschen immer mehr zu überwachen, immer restriktiver zu werden. (Baum: Sie haben ein ganz wichtiges Wort gesagt: Angst müssen wir haben – UM China. Was können wir tun?) Auf jeden Fall müssen wir ganz selbstbewusst unsere Werte verteidigen, weil dafür respektieren sie uns. Dafür beneiden … wie oft ist mir gesagt worden, wie ich beneidet werden kann, dass ich in einem Land lebe, in dem ich keine Angst haben muss. Wo man der Polizei, der Justiz, der Presse vertrauen kann, auch wenn sie Fehler machen, natürlich, aber das sind keine Systemfehler, es sind individuelle Fehler. Vertrauen, das ist mir da erst bewusst geworden, was für ein Privileg das eigentlich ist. Und das versuche ich natürlich, gerade weil wir so wenig über China wissen, versuche ich das natürlich in die Geschichten, die ich sammle, versuche ich in die Romane einzubauen, damit wir da etwas lernen… (Allerletzte politische Frage noch zu China: wie schaut man von China aus auf Donald Trump? Ich hab Kommentare gelesen beim letzten Besuch, da wurden ja unglaubliche Milliarden-Deals besprochen und auch abgeschlossen, und in einem Punkt schrieb dann jemand: In Wahrheit verachten sie ihn.)

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Also ich denke, sie verachten ihn, und sie können natürlich ihr Glück gar nicht fassen, der serviert ihnen ja Asien auf dem Silbertablett, das ist, die müssen ja aus dem Champagnertrinken gar nicht rauskommen! (Also sozusagen die Abkehr dieser pazifischen ??? der mal sagte, unsere Zukunft liegt im Pazific und nicht unbedingt so sehr in Europa / Baum: Aber vielleicht sollten wir fragen: wie sehen sie uns denn? Als Europäer oder als Deutsche?) Also wir werden – was ich erlebt habe – unglaublich respektiert, bewundert als natürlich die Führungsmacht, und die wissen so viel über uns, das war toll, also ich hab mit Chinesen gesprochen, die wussten das Geburtsdatum von Franz Beckenbauer auswendig, und manche konnten Teile unserer Nationalhymne vorsingen, (sprechen Sie Mandarin?) also ich spreche, aber nicht so, dass ich diese Interviews, die unglaublich komplex sind, alleine – deshalb reise ich immer mit chinesischen Freunden, die das übersetzen, aber die mir auch die Kultur übersetzen, weil es manchmal Antworten gibt, die … wo ich denke: wie kann man auf die Frage solche Antworten verstehe ich gar nicht, den kulturellen Hintergrund, die verstehn den, und der wird mir dann erklärt. (Also mein Eindruck ist also in China, die haben einen gewissen Respekt vor uns…) Absolut. (Das ist natürlich auch eine Möglichkeit auch der Einflussnahme, nicht? / Klar!) Ja, die Einflussnahme, und da geht es natürlich über das Geld. Da müssen wir vorsichtig sein, glaube ich. (deswegen .. dem großen Bellheim, den kaufe ich mir einfach mit meinem Geld. Um es mal freundlich zu formulieren. Burma ist so’n Herzensthema von Ihnen, Sie haben gerade so ein grandioses schönes Buch gemacht: „Das Geheimnis des alten Mönchs. Märchen und Fabeln aus Burma.“ Wieso haben es Ihnen diese Fabelmärchen so angetan, und was ist der Unterschied zu dem, was wir von Grimms Märchen so kennen? 52:01)

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BURMA

Also ich fahr auch nach Burma seit 1995, und das hat mich so berührt, bewegt, das Land, die Menschen dort, dass zwei meiner Romane dort spielen, Herzenhören und Herzenstimmen, und während der Recherchen zu meinen Büchern wurden mir soviel Geschichten erzählt, Fabeln, Parabeln, ich hab die immer fleißig aufgeschrieben, dann habe ich eben gedacht, vielleicht kann ich sie für einen meiner Romane verwenden, eins kam dann auch vor, ich hab zwei Notizbücher voll mit solchen Geschichten gehabt. Und dann hat mich im letzten Jahr so eine amerikanische Autorin angesprochen 52:29 , die auch so viel Geschichten hat, ob wir nicht ein Buch daraus machen sollen, dann hab ich meinen Sohn angerufen, der lebte damals in Burma, weil er da mal als Freiwilliger Englisch unterrichtete in zwei Waisenhäusern, und dann hat der sich umgehört, in Klöstern, in Waisenhäusern, in Schulen, dann haben wir gesammelt, und merkt ich, diese Geschichten – ich bin eigentlich kein Märchen-Fan, es gibt ja so Liebhaber, aber das bin ich nicht, die Geschichten sind so anders, sie sind zum Teil so lustig, so voller Zärtlichkeit, (und die kommen nicht so mit dieser Moral!) genau! (ohne diese moralische Keule, sag ich mal), die haben ne ganz andere .. entweder keine Moral oder ganz pfiffige Lösungen (pragmatisch!) …. (nennen Sie mal ein Beispiel!) Ich erzähl Ihnen mal eine meiner Lieblingsgeschichten. Es geht um einen kleinen Jungen, der heißt Pu und seinen Freund, das ist ein Tiger, und die beiden sind so (zeigt: Finger überkreuz = ganz eng), spielen jeden Tag miteinander, aber eines Tages wird der Tiger gefangen, in dem Dorf, wo der Junge wohnt, weil sie Angst vor ihm haben. Er sitzt dann im Käfig und keiner traut sich, ihn zu töten, sie denken: der wird sowieso bald verhungern und verdursten, wir lassen ihn einfach im Käfig. Und jeden Abend geht der kleine Pu zu seinem Freund, und der Freund sagt: Mensch, du musst mich hier rausholen, hier verdurst ich aber, der Junge sagt: Das kann ich nicht, ich werde verhauen, ich werde aus dem Dorf vertrieben, das kann ich nicht. Aber nach ner Woche dann hat er doch Mitleid und macht die Käfigtür auf, das Tier springt raus, baut sich vor ihm auf, ich habe so einen Hunger, ich bin zu schlapp zum Jagen, ich muss dich fressen. Der Junge: das kannst du nicht machen, ich hab dich befreit, du schuldest mir Dankbarkeit. Ach was, Dankbarkeit, sagt der Tiger, also die streiten sich und irgendwann sagen sich die, wir müssen n Richter finden, der das entscheidet. Dann gehen sie in den Dschungel, da finden sie einen Totenkopf, von einem alten Ochsen. Dann reden sie mit dem, also wie ist das, schildern ihren Streit, und der Ochse sagt: Dankbarkeit? Ich hab mein Leben lang für meinen Herrn geackert und mich geplagt, ich hab alles geschleppt, bis ich alt und schwach war, dann hat er mich geschlachtet und gefressen, es gibt keine Dankbarkeit, der Tiger kann den Jungen fressen. Hab ich doch gesagt, sagt der Tiger. Sie gehen weiter und finden einen alten Banyanbaum, wieder schildern sie den Streit, der sagt: Dankbarkeit gibt’s nicht. Die Menschen ruhn sich bei mir im Schatten auf, aber wenn es sein muss, würden sie mich sofort fällen, – der Tiger kann das Kind fressen. Der Tiger will das Kind fressen, kommt n Hase vorbeigehoppelt. Also bitte! Einen letzten Richterspruch, bitte bitte, einmal noch. Der Tiger sagt okay, einmal noch. Sie schildern den Streit, und der Hase ist in den Märchen und Fabeln das schlaue, das weise Tier, der sagt: Hm, das ist ein ganz schwieriger Fall, – zeigt mir, wo er angefangen hat! Da es mitten in der Nacht war, gehen sie zurück zu dem Käfig, der Hase sagt zu dem Tiger: Also, wo, wo warst du? in einem Käfig? da geh mal wieder rein! Der geht wieder rein, sie machen die Tür zu. So, und jetzt zeig mir, Pu, wie du sie aufgemacht hast. Er macht sie dann nochmal zu, dann sagt der Hase: Stopp! Jetzt ist der Tiger drin, du stehst davor, alles ist wie vor dem Streit, also damit – ist er beigelegt. (Lachen, Beifall.) (LANZ: Schöne Geschichte, sehr zu empfehlen: Das Geheimnis des alten Mönchs. Märchen und Fabeln aus Burma.) 55:40

Quelle ZDF bei Markus Lanz zu Gast: Jan-Philipp Sendker 30. November 2017 (noch abzurufen bis 1.3.2018 HIER

Zufriedene Gesichter allenthalben.

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Ich muss sagen: ich wäre als Kind nicht ganz zufrieden gewesen, denn der Käfig ist ja der Ort, in dem der Tiger zugrunde gehen sollte. Die Anfangssituation lag doch zeitlich weiter davor: als die beiden, der Junge und der Tiger, noch draußen miteinander spielten.

Aber ich glaube, hier soll vor allem der schlaue Mechanismus gezeigt werden, wie das gefährlich gewordene Tier überlistet wird.

Nichts gegen die Brüder Grimm: auch dort gibt es ähnliche Mechanismen: wenn z.B. der Bauer mit dem Teufel wettet. Das eine Mal verspricht er dem Sieger alles, was über der Erde wächst – und pflanzt Kartoffeln an, dem andern bleibt das schlappe Grün. Das nächste Mal soll des Teufels sein, was in der Erde reift, – und sät Korn, so dass dem Teufel die Stoppeln und die Wurzeln bleiben.

Und auch Richard Wagner hat seinen Trick aus der Märchenwelt:

Wagner Rheingold Lindwurm Kröte a Wagner Rheingold Lindwurm Kröte b

Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen – Das Rheingold 3. Szene / aus: Richard Wagners Musikdramen / Edmund E.F. Kühn Globus Verlag Berlin W 66 (1914)

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WIE WAR DAS NOCHMAL MIT DEM GLYPHOSAT? Siehe FAZ unten. Sehr sehenswert auch die Behandlung in der HEUTE-SHOW. Siehe HIER. Ab 9:41 !  „Glyphosatan“ Schmidt. „Es geht natürlich um die Stimmen der Bauern in Bayern.“ Bis 15:40.

Und das Deutschland-Märchen aus China? Zum Thema VERTRAUEN in der Politik gab es am 1. Dezember, dem Tag nach der oben behandelten LANZ-Sendung, als sei es abgesprochen, noch einige aufschlussreiche Beiträge, und zwar in der Sendung ASPEKTE. Siehe HIER. Gleich ab Anfang (0:25) !VERTRAUEN! in der Politik? Die Philosophin Rebekka Reinhard ab 1:39 Werbefachmann Stefan Wegner ab 2:00 der Philosoph Julian Nida-Rümelin ab 2:30 und der GRÜNEN-Politiker Hans-Christian Ströbele ab 5:35 live im Studio bis 11:30.

Aber dann schnellstens noch zu FAZ heute hierGLYPHOSAT-STREITDie Wahrheit wird degradiert Von Joachim Müller-Jung / aktualisiert am 

Kurzes ZITAT FAZ

Der politische Alleingang des christdemokratischen Bundeslandwirtschaftsministers in Sachen Glyphosat entwickelte sich im Laufe dieser Woche zu einem gewaltigen Lustkiller. Jetzt hat endgültig keiner mehr Lust aufs Koalieren. Gleichzeitig wünschen sich alle wie närrisch ein „Zukunftsbündnis“, so wie die saarländische christdemokratische Ministerpräsidentin, die damit den Streit um die Zulassungsverlängerung für das Unkrautvernichtungsmittel wenigstens etwas ausbremsen wollte. Der Vertrauensverlust beim Volk, den der Gebrauch solch realitätsferner Phrasen und die strategischen Scharmützel auslösen, wird dabei offenbar billigend in Kauf genommen.

hart aber fair HIER !!! Ranga Yogeshwar bei 19:oo Krefelder Studie u.a., Achtung ab 27:00 Schmidt über Termin 12. Dezember, „Neonicotinoide“ greifen an im Gehirn und verändern die Orientierungsfähigkeit der Bienen. In den Haaren der Kongressteilnehmer Spuren der Gifte!

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Und wenn man noch einmal gründlich studieren will, wie sich Chrsitisan Schmidt aus der Verantwortung seiner Glyphosat (mit Blick auf eine späteres, höheres Ziel?) herauszuwinden sucht, der sehe auch noch den ersten Teil der Lanz-Sendung mit ihm (und Dirk Steffens) HIER.

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Privater Blick zurück

Wie begann unser Artikel? So: „In der Geschichte der Menschheit hat es einen derart rasanten Aufstieg – eher ist es eine Rückkehr – wie den chinesischen der vergangenen 30 Jahre noch nicht gegeben.“ Und so auch bei mir (um es scherzhaft zu sagen): 1987-2017

China WDR 1987 China WDR 1987 2

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Lenggries vor 44 Jahren

Weihnachtsoratorium mit dem Collegium Aureum

Entscheidender Faktor: der Tölzer Knabenchor unter Gerhardt Schmidt-Gaden. Die quirlige Vitalität in der Polyphonie. Und alle waren verliebt in die samtene Stimme von Andy Stein. Schwer erträglich schon damals: die halbtaktig skandierende Betonung der Choräle. Wohl ein Missverständnis.

WeihnachtsOratorium 1973 Kirche innen a Die Aufnahmesituation

WeihnachtsOratorium 1973 vorn

WeihnachtsOratorium 1973 Mitwirk  WeihnachtsOratorium 1973 Instr

WeihnachtsOratorium NotenWeihnachtsOratorium 1973 Fotos a WeihnachtsOratorium 1973 Fotos b

Autogramme: Barry McDaniel, Andreas Stein, Gerhard Schmidt-Gaden, Franzjosef Maier. Acht Fotos von oben links in drei senkrechten Reihen, 1 Barry McDaniel, 2 Fj Maier, Theo Altmeyer, Hans Buchhierl, 3 Theo Altmeyer, Andy Stein 4 G. Schmidt-Gaden, Wolfgang Neininger, Jan Reichow, Franz Beyer, Karlheinz Steeb, Peter Mauruschat, Heinrich Alfing, 5 Karlheinz Steeb, Hans Buchhierl, Horst Beckedorf, Rolf Schlegel, Franz Lehrndorfer (Orgel), G. Schmidt-Gaden 6 Steeb, Hans-Georg Renner, Bruce Haynes, P. Mauruschat, Robert Bodenröder, 7 gesamt 8 Andy Stein, Hans-Georg Renner, Bruce Haynes.

Alle Fotos: Marianne Adelmann, Zürich / Das Impressum zeigt merkwürdigerweise den wichtigsten Namen der Produktion NICHT: Dr. Alfred Krings. Er war seit 1969 fest angestellt im WDR, blieb aber parallel dazu der – neben Rudolf Ruby – führende Kopf der Harmonia Mundi. Er steckt wohl letztlich hinter dem unten wiedergegebenen musikwissenschaftlichen Kontext (Wolfgang Werner ist mir unbekannt). Ebenso wird er den Beitrag „Wider den Strich“ von Walter Dirks in Auftrag gegeben haben, dessen 80. Geburtstag im Kleinen Sendesaal des WDR vom Bläserensemble des Collegium Aureum mit Mozarts Gran Partita beehrt wurde.

WeihnachtsOr Namen Produktion *  *  *

Der musikwissenschaftliche Stand

WeihnachtsOratorium 1973 Rhetor Über  *  *  *  WeihnachtsOratorium 1973 Rhetor  *  *  *

Der geistige oder auch „geistliche“ Hintergrund *  *  *

WeihnachtsOratorium 1973 Wider den Strich

Aus dem Beitrag „Wider den Strich“ von Walter Dirks.

Übrigens: in demselben Jahr 1973 kam auch das Weihnachtsoratorium unter Nikolaus Harnoncourt heraus (mit den Wiener Sängerknaben), im Jahre 1982 erschien sein Buch „Musik als Klangrede“, wodurch dieses Wort zum meistgebrauchten in der Bach-Praxis wurde.

(wird fortgesetzt)

Entzauberung! Klar denken!

Große Begriffe rekapitulieren?

Es ist vielleicht typisch für dieses Lebensalter, immer wieder zu rekurrieren auf die frühen 60er Jahre (als ich die Franzosen entdeckte – „clarté“ – und den frühen Hang zum magischen Denken durch den Begriff „Entzauberung“ bannte), angefangen mit Musils tagheller Mystik bis hin zu Sartres „Die Wörter“. Aber es ist nicht nur mein Problem: alle machen mit. Die Frankfurter Buchmesse mit Thema Frankreich, die neuen Impulse (dank Macron?), auf hohem Niveau das Sonderheft ZEIT-Literatur Oktober 2017 („Frankreich schreibt wieder“)  bis hinunter zu einer unsäglich schwachen Ausgabe des „Literarischen Quartetts“ (Ausnahme: die immer hellwache Thea Dorn); ein dort besprochenes Buch verliert jeden Appeal (ZDF 13. Oktober 2017). So auch Kehlmanns „Tyll“. Anders bei Jens Jessen (im ZEIT-Heft), wo man wirklich etwas über die Erzählweise erfährt, auch über interessante Gestalten, unter ihnen „der legendäre (und hier unvergleichlich scheußliche) Universalgelehrte Athanasius Kircher“, Grimmelshausen, Gryphius und Fleming, dann vor allem Alfred Döblin mit seinem vergessenen Wallenstein, dem „Nachahmungseifer“ bei Günter Grass und Wolfgang Koeppen, überhaupt dem Dreißigjährigen Krieg (mir unvergessen bleibt die Behandlung in – „Bachs Welt“ von Volker Hagedorn). Damals, Anfang der 60er, las ich Flauberts „Drei Erzählungen“ (Trois Contes), blieb völlig ratlos, jetzt liegen sie wieder auf dem Nachttisch, dank Andreas Isenschmid (aber nicht in der von ihm besprochenen neuen Übersetzung): Revolte gegen sich selbst / Wie der Meister des unempfindlichen Erzählens „empfindsame Seelen zum Weinen bringen“ wollte. Flauberts letzte Geschichten in einer Neuübersetzung von Elisabeth Edel bei Hanser München, mit „einem fabelhaften Nachwort“ und in einer Briefauswahl auch „einen genauen Blick in Flauberts ästhetischen Kampf mit sich selber“ bietend.

Flaubert Flaubert JR- … und doch unverstanden bis heute?

Ich will gar nicht die Gründe darlegen. Es war der Stoff, der mich abstieß, nicht die Sprache, die ich liebte, ohne sie beurteilen zu können. Heute nur wenig mehr.

Was mich an dem Artikel über den Philosophen Tristan Garcia jedoch fasziniert, ist das gleiche, was mich nachträglich skeptisch macht: die scheinbar einfache Lösung, die schon im Titel seines aktuellen Werkes liegt: „Das intensive Leben“. Ijoma Mangold:

Gegen die rationalistische Berechenbarkeit und Entzauberung der Welt war die Intensität ein Antidot, um 1800 herum besonders gern von der aristokratischen décadence gepflegt – die Intensitätswonnen der Grausamkeiten hatte der Marquis de Sade auf den Begriff gebracht.

Natürlich stutzt man: heute gibt es ernstzunehmende Buchtitel wie „Die Kunst und das gute Leben“ (Rauterberg über die Ethik der Ästhetik). Damals las man Adornos Deutung zu Samuel Becketts „Endspiel“. Wie ist das zusammenzubringen? In Safranskis großer Abhandlung über „Das Böse“ gibt es ein tolles Kapitel über die Ästhetik des Schreckens.

Safranski das Böse

Zu fragen wäre: geht es um eine Ästhetik oder um das Leben? Phantasie oder Wirklichkeit? Oder – wenn die Phantasie zu schwache Wirkung zeitigt – um einen Übergang ins Leben? Gestern Abend der Fernsehbericht über einen italienischen Kriegsfotografen, der – mit merkwürdigen Argumenten – in Tschetschenien dem Krieg und damit dem wirklichen Leben (?) näher sein wollte. (Er ist jetzt tot.) Es erinnert mich an die Wende bei Rimbaud, den Badiou in seinem Buch an die Jugend als Muster nimmt. Es sind diese Dichotomien, die mich misstrauisch stimmen. Und wenn einer vom intensiven Leben spricht, frage ich in diesem Sinne: meint er Phantasie oder Wirklichkeit. Oder versucht er die Grenzen durch eine unscharfe Kameraeinstellung zu verwischen? Um es krass zusagen: hat de Sade im Sessel gelehnt und imaginiert oder hat er real Menschen gequält? (Wenn es nach dem Prinzip der Bergpredigt geht, gilt beides für gleich.) In Mangolds Essay über Tristan Garcia erscheinen die „Intensitätswonnen der Grausamkeit“ (s.o.), die „der Marquis des Sade auf den Begriff gebracht“ habe, – auf den Begriff?! –  nach der Kurzdarstellung eines Gedankengangs, den man glaubt, aus Fritjof Capras Zeiten zu kennen:

Während man auf den ersten Blick meinen könnte, Das intensive Leben sei eine Verteidigung der Intensität gegen die konsumkapitalistisch sedierte Lauheit der Gegenwart, ist die Gedankenfigur, die Garcia darin entwickelt, doch deutlich denkintensiver: Dieses ausgesprochen originelle Buch erzählt auf philosophische Weise eine historische Entwicklungsgeschichte. Als Wert nämlich trat die Intensität in jenem Moment in Erscheinung, als mit Newton und Descartes die Welt vollständig physikalisch erklärt werden sollte – und zwar durch ein räumlich-quantitatives Denken. Für spezifische Qualitäten (die qualia* der antiken Philosophie) gab es in der neuzeitlichen Kosmologie keinen Platz mehr, es gab nur noch Raum und Ausdehnung, alles wurde geometrisiert und zählbar.

Während Newtons Physik alles, was messbar ist, erklären konnte, schloss sie aber das, was nicht zählbar, sondern nur fühlbar ist, aus dem Sein aus. Ihr Prüfstein für Wirklichkeit war das naturwissenschaftliche Experiment, dessen erste Bedingung Wiederholbarkeit lautet. Das Einzigartige, das Unwiederholbare erschient nicht auf dem Bildschirm. Und hier kommt die Intensität als Gegensehnsucht ins Spiel. Garcia schreibt: „Angesichts der nahezu vollständigen Extensionalisierung der Welt hat das vage Gefühl, dass diese Welt unlebbar geworden war oder dass sie, genauer gesagt, keinen ausreichend stimulierenden Grund bot, um gelebt, bewohnt oder erfahren zu werden, den modernen Rationalismus heimgesucht, der außerstande war, der Einbildungskraft ein mitreißendes und erregendes Bild der Realität zu bieten.“

Quelle ZEIT LITERATUR Oktober 2017 (Seite 23 f) Klar denken! Tristan Garcia ist Schriftsteller und Philosoph und in beiden Rollen jemand, der unsere Gegenwart auf den Begriff bringt. Wir haben ihn in Lyon getroffen und viel darüber gelernt, wie durch kluge Unterscheidungen das Emanzipationsversprechen der Moderne gerettet werden kann / Von Ijoma Mangold.

* zu den qualia: ist das wirklich richtig, was Mangold da schreibt? „die qualia der antiken Philosophie“ – in Wahrheit wohl erst ein Problem der neuzeitlichen Philosophie. Siehe auch bei Wikipedia hier.

Ich darf mich auch selbst bezichtigen: ich weiß, dass ich dergleichen Anfang der 60er Jahre in Briefen beschrieben habe, als sei es ein eigener Gedanke, weiß aber auch, dass ich nicht wusste, dass ich es in der Colerus-Biographie über Leibniz gelesen haben musste. Heute weiß ich es (immerhin ein Fortschritt in 55 Jahren) dank Wikipedia (habe allerdings inzwischen auch Ivan Nagels „Fledermaus“-Schrift gelesen, besitze auch seit 1990 Martin Kurthens „Neurosemantik“ sowie Thomas Metzingers Wälzer „Bewußtsein“ und weiß doch schon etwas mehr über die Bedeutung der Qualia):

Leibniz lässt uns durch ein gigantisches Modell des Gehirns laufen. Ein solches Modell wird darüber informieren, wie im Gehirn Reize auf eine sehr komplexe Art und Weise verarbeitet werden und schließlich mittels Erregungsweiterleitung in verschiedenen Körperteilen zu einer Reaktion führen. Aber, so Leibniz, nirgendwo werden wir in diesem Modell das Bewusstsein entdecken. Eine neurowissenschaftliche Beschreibung werde uns also über das Bewusstsein vollkommen im Dunkeln lassen. In Leibniz’ Gedankenexperiment kann man leicht das Qualiaproblem entdecken. Denn zu dem, was man in dem Gehirnmodell nicht entdecken kann, gehören ganz offensichtlich auch die Qualia. Das Modell mag uns etwa darüber aufklären, wie eine Lichtwelle auf die Netzhaut trifft, dadurch Signale ins Gehirn geleitet und dort schließlich verarbeitet werden. Es wird uns nach Leibniz’ Ansicht jedoch nicht darüber aufklären, warum die Person eine Rotwahrnehmung hat. (Wikipedia)

(Fortsetzung folgt)

Die Teilung Indiens

Vor 70 Jahren (nicht vergessen!)

Screenshot Wiki Teilung Indiens Teilansicht

Vollständiger Wikipedia-Artikel über die Teilung Indiens HIER

Flüchtlingsbewegungen

Partition_of_India-en.svg

Quelle: Wikipedia Partage de l’Inde.svg: historicair 17:15, 19 November 2006 (UTC)

DER FILM (26:25)

ZITAT:

On August 15, 1947, the Partition of the Indian subcontinent created two nation states – India and Pakistan.

In this two-part special, 101 East traces the events and conflicting politics that led to the greatest migration of people in human history, and unleashed a wave of communal violence that claimed more than a million lives.

The Partition sparked three wars, the birth of Bangladesh, and transformed Kashmir into the world’s most militarised zone.

As tensions between India and Pakistan persist, 101 East explores the Partition’s troubled legacy and the unresolved geopolitics between the two nuclear powers.

Screenshots aus dem Film:

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Dank an Manfred Bartmann!

Rekapitulation des gut und konzise geschriebenen Buches von Dietmar Rothermund: „Indische Geschichte in Grundzügen“ (Wissenschaftl. Buchgesellschaft Darmstadt 1989). Ich notiere die einst von mir unterstrichenen Zeilen zur historischen Situation:

Indien hat eine lange Himalayagrenze mit China, die den meisten Indern als natürliche Grenze und unüberwindliche Barriere erschien. Die Menschen, die im Gebirge leben, sehen diese Grenze anders, oder besser gesagt, sie sehen sie nicht, wenn sie auf Handelsstraßen und Weidepfaden die Berge durchqueren oder gar nomadisch in einer Jahreszeit hier, in der anderen dort verweilen. Erst die Briten hatten sich systematisch um die Erkundung und Markierung dieser Grenze bemüht, doch auch für sie blieben noch viele weiße Flecken auf der Landkarte, auf der sie oft recht willkürlich die Linien zogen, ohne sie im Gebirge selbst durch Grenzsteine nachziehen zu können. (S.124)

Im Mai 1964 starb Nehru, nachdem er erleben mußte, daß seine Außenpolitik, die zum Ziel hatte, Indien im Rahmen einer globalen Friedenspolitik zu sichern, gescheitert war. (S.127)

Nach der industriellen Revolution in England kam es den Briten nur darauf an, ein möglichst hohes Steueraufkommen in Indien zu erzielen, eigene Industrieprodukte, vor allem Textilien dort abzusetzen und aus Indien Rohstoffe und Agrarprodukte zu exportieren. Um den jährlichen Tribut, die sogenannten Home Charges, und dazu den wachsenden Schuldendienst zu zahien, mußte Indien immer einen Exportüberschuß erzielen. (S.146)

Trotz des Preisverfalls in der Weltagrarkrise exportierte Indien den billigsten Weizen, während in Indien selbst wiederholt Hungersnöte herrschten. (…) Die industrielle Entwicklung Indiens wurde durch die Kolonialmacht nicht nur nicht begünstigt, sondern absichtlich verhindert. Alle Industrieprodukte bis zur letzten Eisenbahnschiene und zum Brückengeländer wurden aus England eingeführt. (S.147)

Eine eigenständige Industrie, die nicht für den Export, sondern für den einheimischen Markt produzierte, entwickelte sich in Indien geradezu gegen den Willen der Briten und ohne wesentliche Beteiligung britischen Kapitals – die Baumwolltextilindustrie Bombays. (…) Das ganze System war restriktiv und nicht dazu geeignet, Indien industriell zu erschließen. (…) Die geringfügigen Entwicklungsansätze unter kolonialer Herrschaft hatten auch den weiteren Nachteil, daß sich alles in den peripheren Wasserköpfen Bombay und Kalkutta konzentrierte, während das Innere des Landes geradezu enturbanisiert wurde. So hatte zum Beispiel die Gangesebene im 17. Jahrhundert einen größeren urbanen Bevölkerungsanteil als im 19. Jahrhundert. (S.148f)

Das unabhängige Indien trat daher eine Erbschaft an, die nicht zu kühnen Hoffnungen Anlaß bot. (S.151)

Nächstes Kapitel: Der überforderte Staat und die traditionelle Gesellschaft. (S.154)

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Aktueller Hinweis (Dank an Kanak Chandresa):

Stenogramm zur „Aida“

Nichts von (über) Netrebko

Nur dieses Statement der Sängerin:

Die Bühne sieht cool aus. Ich denke, es ist interessant. Ich bin froh über den Look von Aida. Sie sieht wie Aida aus. Was sehr gut ist. Und der Rest: Sie werden sehen. Sie werden nicht viel Neues finden. Es ist sehr statisch. Traditionell. Es sieht nur anders aus.

Zur Frage: Eine rassistische Oper? (Antwort der Regisseurin)

Lange wurde ‚Aida‘ von den Intellektuellen des nahen Ostens als orientalisierende Oper betrachtet. Als rassistische Oper“, sagt Shirin Neshat. „Weil darin die Ägypter und Äthiopier wirklich als Barbaren und Wilde beschrieben werden. Und sie hinterfragten die ganze Logik dieser Oper, die vor allem geschrieben wurde, um damals die Europäer in Kairo zu unterhalten.

Quelle Fernsehen Das Erste ttt 6.8.2017 / 23:35 Uhr HIER

Lesen: Süddeutsche Zeitung 5./6. August 2o17 Seite 12 Frau in der Fremde Die amerikanisch-iranische Künstlerin Shirin Neshat inszeniert „Aïda“ bei den Salzburger Festspielen. Giuseppe Verdis Oper hält sie für eine Zumutung / Von Sonja Zekri

Der Artikel endet so:

Im Herbst kommt ihr Spielfilm über die ägyptische Diva Umm Kulthum heraus, für Shirin Neshat „die größte Künstlerin des Nahen Ostens“, die unabhängig lebte, in der männerdominierten Welt der Vierziger- und Fünfzigerjahre ihre eigenen Regeln schuf und, so sieht sie das, im Unterschied zu manchen westlichen Künstlerinnen dieses Ranges, „nicht tragisch endete“. Dem Westen beizubringen, dass sein Bild des Nahen Ostens falsch ist, diese Mission ist noch lange nicht erfüllt.

Zekri Shirin Neshat Quelle s. unter Lesen

Studieren: „Aida von Giuseppe Verdi“ Vortrag von Erhart Graefe am 1.11.2007 in Münster, update 2014 HIER

Weiterhin Lernstoff

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