Kategorie-Archiv: Gesellschaft

Eine Frage der Perspektive

Ist es sinnvoll, das Fernrohr umzudrehen?

Ein nützlicher Ratschlag von Bruno Latour beschäftigte mich beim Anblick des offenen Meeres vor Texel. Er warnte davor, unsere Erde vom Sirius aus zu beurteilen, einem doch ziemlich imaginären fernen Standpunkt. (Ich glaube, er hat nicht an Stockhausen gedacht, der von dort kam und auch dorthin zurückkehrte, – wenn diese selbstbiographischen Angaben irgendeine Verbindlichkeit haben.) Aber ein durchaus ähnlicher Standpunkt gehört ja zur abendländischen Philosophie und ihrer theologischen Vorgeschichte. Zweifellos ist es verständlich, dass der nachdenkende Mensch Abstand gewinnen will, um nicht alltäglichen Kleinkram in jedes Problem einzumischen, vor allem, wenn er gerade Kopfschmerzen hat. Aber schon bei Liebeskummer hilft es nicht, sich damit zu trösten, dass in 50 Jahren sowieso alles vorbei sei. Man muss die Sachen also z.B. voneinander trennen, vor allem auch zwischen Gegenwart und Zukunft unterscheiden, Gegenwärtiges nicht einfach sub specie aeternitatis entwerten: warte ab, es wächst Gras drüber, – obwohl auch dieses Phänomen nicht geleugnet werden kann. Aber existenziellen Problemen kann man damit nicht beikommen. Und sie bewegen den Menschen seit Jahrtausenden. Ich zitiere wieder einmal Rüdiger Safranski:

Düstere ‚Wahrheiten‘ zirkulieren auch in der griechischen Antike. „Das Beste wäre, nicht geboren zu sein“, lautete der Spruch des Silen, eines Gefährten des Dionysos. Die griechische Metaphysik aber kam ja gerade deshalb auf, weil solchen dunklen Wahrheiten der Mythologie hellere entgegengesetzt werden sollten, Wahrheiten, die das Leben lebbar und den Tod als nicht tödlich erscheinen lassen sollten.

Aber am Ende ihrer zwei Jahrtausende währenden Geschichte ist die Metaphysik von der Verzweiflung, die sie überwinden wollte, selber überwältigt worden. Der Blick auf die monströse Gleichgültigkeit leerer Räume und auf eine Materie, in der ein blinder Wille tobt, wird, bei Schopenhauer etwa, eine ihrer letzten Pointen sein: „Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwa ein Dutzend kleinerer beleuchteter sich wälzt, die, inwendig heiß, mit erstarrter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt.“ (Schopenhauer)

Schon wieder entsteht die Frage: ist dieser Blick aus dem unendlichen Raum eigentlich gestattet? Wie nun, wenn ich von ganz tief innen, aus dem Mikrobereich oder unserem eigenen Herzen umherschaue, ist es nicht ganz respektabel, was da um uns her aufgebaut ist, ein substantieller Körper und ein Geist, der ihm aus allen Poren quillt, wenn ich das so frech behaupten darf? (Besser nachzulesen unter „das moralische Gesetz in uns“ hier!) Doch weiter bei Safranski:

Aber diese Verzweiflung, in der antiken Metaphysik niedergerungen, hatte sich bereits in der frühen christlichen Metaphysik gerührt.

Die antike Metaphysik hatte über das in sich ruhende, abgeschlossene Sein nachgedacht. Die christliche Metaphysik, die von der biblischen Schöpfungsgeschichte ausging, begann bei Augustin damit, über das beängstigende Nichts zu meditieren. Gott hat die Welt aus dem Nichts geschaffen, und deshalb kann sie auch wieder nichtig werden.

Augustin stellt in seinen „Bekenntnissen“ die fast komische Frage: „Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf?“ und gibt am Ende einer ausführlichen Betrachtung die fast noch komischere Antwort: „Ehe Gott Himmel und Erde machte, machte er nichts.“ Der untätige Gott entschied sich „irgendwann“ einmal dazu, das Sein sein zu lassen; und er kann dieses Sein jederzeit in einem anderen Sinne „sein lassen“, nämlich verschwinden lassen.

Quelle Rüdiger Safranski: Wiewiel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare. Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 1993 (Zitat Seite 103)

Wir lachen wahrscheinlich, weil wir es ohnehin verschroben finden, die menschliche Philosophie unbedingt bei Gott ansetzen zu wollen (wie es noch Hegel tat). Aber wenig später erläutert Safranski:

Man sollte nicht vergessen, daß die christliche Metaphysik mit ihren Gottesspekulationen zugleich ins Zentrum der menschlichen Erfahrung vorstoßen wollte. Der Umweg über die Gottesspekulation bewahrte sie davor, zu niedrig vom Menschen zu denken.

An dieser Stelle wird es sehr interessant, zumal auch gleich die Liebe ins Spiel kommt, – und niemand ist heute gefeit vor der Gefahr, „zu niedrig“ von der Liebe zu denken, indem er sie mit der Assoziation Sex energetisch auflädt. Überraschenderweise kommt vielleicht ein Konsens auf, wenn wir vom „Zentrum der menschlichen Erfahrung“ sprechen. Da pocht heute jeder auf Unmittelbarkeit, was gern mit dem dürftigen Wort „Bauchgefühl“ angedeutet wird. Leider ist es nicht viel wert. Abgesehen davon, dass man sich plötzlich als Musiker wieder voll zuständig fühlen darf. Stichwort Thrill-Erlebnis. Mir ging es jedenfalls mit einem Aufsatz über Wagner so, den ich eigentlich bei Strandspaziergängen am Meer mit Bach verbinden wollte. Zusätzliche Motivierung kam durch den Essay von Martin Geck. Ja, sagte ich mir, es ist wohl diese unselige Arbeitsteilung: dass ein wesentlicher Teil der Inszenierung bestimmter Opern bei einer Person liegt, deren Lebensziel nicht in der Musik liegt, sondern in der Realisierung ganz eigener (auch abwegiger) Ideen. Mit der einzigen Beschränkung, dass die Musik selbst unangetastet bleibt. Ihre Wirkungen blieben im Dunkeln. Es ist aber nicht müßig, sich über die vielfachen Wurzeln des Gesamtkunstwerkes kundig zu machen, wenn es am Ende als solches gedacht war. Wobei niemand bezweifelt, dass Wagner lediglich als Musiker überlebt, nicht als Dramatiker, als Initiator überwältigender Bühnenbilder oder als Schöpfer unvergleichlicher Rahmenbedingungen. Z.B. Leute dazu zu bringen, stundenlang freiwillig, unter Schweigezwang, nahezu bewegungslos, in einem geschlossenen Raum zu sitzen. Es wäre ein unlösbares Rätsel, gäbe es nicht die Partituren des Tristan, der Götterdämmerung, des Parsifal. (Da musste erst ein Außenseiter kommen wie Navid Kermani, der den Vorschlag machte, endlich das Bayreuther Orchester auf die Bühne zu setzen, als unumstrittenen Hauptakteur.) Aber was ins Auge fällt: ist die primäre, gewaltige Außenwirkung, die religiösen Charakter hat.

Vor der großen realen Aktion (Foto Wiki)

Ich erinnere mich – wieder einmal – an eine Langspielplatte meiner Jugend: Lohengrin, Vorderseite: Vorspiel, Rückseite: 2.Szene „Elsas Traum“ . Damit fing unsere Begeisterung an, – im Vorspiel geduldig dem Höhepunkt mit den Becken- bzw. Paukenschlägen zugeführt zu werden, und in der Szene das Wechselspiel zwischen Sologesang und Chor der Männer zu erleben: wir merkten nicht, wie wir von ihnen die gläubige Haltung des Zuhörens übernahmen. Man beachte Elsas zunächst pantomimisches Verhalten, die Regieanweisungen, die wir nicht kannten – („Elsa neigt das Haupt bejahend“, „Elsas Mienen gehen von dem Ausdruck träumerischen Entrücktseins zu dem schwärmerischer Verklärung über“), die verbalen Reaktionen der Männer ringsumher (flüsternd): „Wie wunderbar! Welch seltsames Gebaren!“ DAS SIND WIR (mein Bruder und ich als LP-Hörer). Rührend und geheimnisvoll, speziell für uns, Elsas Worte: „Mein armer Bruder.“

Mir scheint heute, dass Elsa sich unschicklich verhält und dass ihr Verhalten, ihr „Wahnsinn“, zur wahren Natur umgedeutet werden soll, und zwar so, dass wir alle als Zuschauer umgewendet werden sollen, genau so, wie die zuschauenden Männer auf der Bühne. Ich komme darauf durch einen wahrhaft augenöffnenden Vortrag über Medien, Melodramen und ihr(en) Einfluß auf Richard Wagner von Mathias Spohr. (In den folgenden Zitaten werden Anmerkungen weggelassen oder in den fortlaufenden Text mit Kennzeichnung eingefügt.)

Obwohl sie etymologisch die Kunst des Nachahmens ist, wird die Pantomime zum Urmedium des Ausdruckshaften. Was an ihr allerdings naturhafter Ausdruck und was bloß naturnachahmende Affektdarstellung ist, bleibt unklar. Oft werden Gesten nur deshalb für ausdruckshaft gehalten, weil sie nicht schicklich sind (etwa bei den groteken Manierismen des Bühnenwahnsinns seit Ende des 18. Jahrhunderts) oder weil sie sportlich wirken. Ohne das Schickliche als Gegenmodell gibt es offenbar auch keinen Ausdruck, deshalb wandelt sich das Höfische zum Höflichen. Wo Schickliches und Natürliches übereinstimmen oder sich widersprechen, ist Ansichtssache, und die Neudefinition dieser Grenze stellt ein Mittel dar, sich von älteren Generationen zu unterscheiden, was sich in der Geschichte des Gesellschaftstanzes zeigt.

Die Theatererfahrung lehrt, daß auch bloße Technik natürlich und ausdrucksvoll wirken kann. Dieses von Denis Diderot erstmals formulierte Paradox [siehe auch in diesem Blog hier] ist meines Erachtens die Grundlage der sogenannten Mediengesellschaft: Seit dem Ausklang des Aufklärungszeitalters bildet sich die Überzeugung, daß Natur mit technischen Medien nicht bloß nachgeahmt, sondern hergestellt werde. Natürliches und Künstliches kann deshalb synonym sein, weil natürlich als Gegensatz zu schicklich gilt. Evident ist nur der ausgelöste Reflex, und seiner Wiederholbarkeit wegen kan man sich an ihm [sic] halten. Durch Drill, Dressur, Technik, also die willkürliche Vermehrung automatisierter Assoziationen nach dem Modell des Reflexes, wird Fiktion zu Natur, als funktionierende Gegenwelt zum schicklichen Alltag, wo nicht alles funktioniert. Physisch erlebte Reflexe scheinen den „lebendigen“ Ausdruck gegenüber der „toten“, distanziert begutachteten Naturnachahmung aufzuwerten.

In Wirklichkeit ist es umgekehrt; hier beginnt die traditionelle Verwechslung der automatisch vollzogenen Regel mit dem „Objektiven“, das wiederum für naturgesetzlich gehalten wird: Das durch schickliches Verhalten überforderte Bewußtsein hat ein Bedürfnis, bloß technisch zu funktionieren und schafft sich technische Medien, um sich mit ihnen zu identifizieren. Die Evidenz der eigenen Reflexe läßt das medial Vermittelte natürlich erscheinen, als sei es die Wirkung einer gleichermaßen physikalischen wie moralischen Kraft. Was nun als Schärfung der Sinne oder Vertiefung des Gefühls für dieses Natürliche verstanden wird, ist vielmehr eine verstärkte Identifikation mit den Medien, die diese Reflexe verfügbat machen, und erscheint der Außenwelt als Zwangsdenken oder Suchtverhalten.

Anm.: Überidentifikation mit Medien scheint mir die einzig plausible Erklärung für die Vielfalt zivilisatorischen Suchtverhaltens, vgl. Werner Gross, Sucht ohne Drogen. Arbeiten, Spielen, Essen, Lieben…, Frankfurt am Main 1990

Rückverweis vorher: Der unwillkürliche Reflex als Grundlage eines „natürlichen“ Erlebens und Verhaltens wird unter dem Motto der „sensibilité“ von den französischen Aufklärern diskutiert. Der Nimbus des Natürlichen, mit dem reflexartiges Verhalten seither umgeben wurde, führte im 19. Jahrhundert zu Versuchen, erlernte „Reflexe“ nicht nur als Technisierung des Handelns, sondern als rein physiologische Vorgänge zu erklären; der einflußreichste ist der von Iwan Petrowitsch Pawlow (ab 1903), von dem auch die Begriffe „bedingter“ und „unbedingter“ Reflex sowie „Konditionierung“ stammen (….).

Im Melodrama äußert sich das so: Die ausdruckvolle Gebärde wird oftmals ins Extrem geführt, um sie im Gegensatz zur schicklichen Gebärde als Übertragung überwältigender Energie zu kennzeichen, die das Publikum „in Schwung“ bringen soll. Dessen Bereitschaft, sich mit physischen Reaktionen „Resonanz“ vorzuspiegeln, wie mit kollektiven Automatismen, Klatschen, Stampfen, aber auch Weinen, erschrockenem Schreien oder „hysterischer“ Begeisterung, bestätigt das scheinbar. Diese physischen Reaktionen sind aber nicht wirklich spontan, sondern gehören zur Selbstinszenierung des Publikums, im Bewußtsein der Kausalität von Reiz und Reflex, die nicht angelernt, sondern naturgesetzlich erscheinen soll. Jene Verhaltensmuster haben sich seither auf Sportanlaß, Popkonzert oder Filmmelodram übertragen und sind bei politischen Veranstaltungen oder in religiösen Gemeinschaften geblieben, die sich des Melodrams bedienen. Die vormoderne Vorstellung einer Beseelung und Versittlichung durch Ausdrucksenergie wird hier weiterhin kultiviert, weil sie das Gefühl von Zusammengehörigkeit, also Identität in einer kollektiven Illusion, ermöglicht. Doch was sie als Energieübertgragung kundtut, ist nur die Faszination verfügbar gemachter Reflexe.

Etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts schafft sich das Publikum in ganz Europa mit „spontanem“ Weinen über rührende Situationen bei noch erleuchtetem [damals noch nicht verdunkeltem] Zuschauerraum ein Gemeinschaftserlebnis als Mensch unter Menschen. Kinderpantomimen ritualisieren, durch kollektive Rührung der Erwachsenen, ein Generationenverhalten jenseits von Standesunterschieden. Die Herkunft dieser Selbstinszenierungen vom höfischen Zusammenwirken gesellschaftlichen und theatralischen Rollenspiels ist hier am besten zu greifen.

Auf den folgenden Seiten wird exemplarisch an Jean-Jacques Rousseau und seiner melodramatischen Szene Pygmalion (1762) gezeigt, wie die Statue „vom pantomimischen Ausdrucksdrang des Künstlers in Resonanz versetzt“ wird. Die Übertragung „beseelender“ Energie lasse aus dem Zeichen das Bezeichnete werden. Rousseau reflektiere hier, „was er auf den Jahrmärkten gesehen hat, und macht es durch seine Autorität als berühmter Verfechter des Natürlichen salonfähig.“ Interessant, wie die neuen Geschlechterrollen definiert werden.

Der wirkliche Mann ist seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nicht mehr männlich im Sinne einer ständisch differenzierten „virtus“, sondern er ist ein Medium, das Ideen realisiert. Eine solche Idee ist die „Natürlichkeit“ der Frau; das Weibliche ist Wirkung der männlichen Energie. Die „holde Kunst“ ist nicht mehr als allegorische göttliche Macht selbst aktiv, sondern wird vom männlichen Gesang als das reflexhaft Liebende definiert. Als heilendes Medium macht der Magnetiseur, später der Psychiater, die hysterische Patientin natürlich. Allseitige Bereitschaft, auf das Pygmalion-Rollenspiel einzugehen, garantiert die (auf bewußtes Erleben scheinbarer Resonanz reduzierte) Katharsis.

Als typisches Beispiel fungiert der berühmte Kampf zwischen Armida und Rinaldo. Ein nach Tasso frey bearbeitetes Melo-Drama in vier Aufzügen mit Chören und Tänzen vermischt. Burgtheater Wien, 1793 (Text: Josef Marius Babo, Musik: Peter Winter).

Armida ist als rächende Königin der klassizistischen Tragödie nicht „weiblich“ im Sinne des modernen Rollenverhaltens. Ihre vorübergehende, einem filmischen Zwischenschnitt ähnliche Wandlung zur „liebenden Frau“, von ihr selbst als Sieg der „Natur“ verstanden, wird von melodramatischer Musik begleitet. Der Musikeinsatz trennt zwei aufeinanderfolgende Arten von Gestik: das Unnatürliche, Irreale, bloß Heroische der Rache (dargestellt durch das herkömmliche „noble“ Bewegungsrepertoire) vom Natürlichen, Realen, Ausdruckshaften der Liebe (dargestellt durch das moderne „schlichte“ Bewegungsrepertoire).

Hier läßt sich exakt beschreiben, wie der Kurzschluß zustandekommt, der dem Medium „Macht“ verleiht: Musik wird, rein technisch, als reflexauslösendes Signal eingesetzt. Das Publikum projiziert die Ursache der Wandlung zur „Natürlichkeit“ in das unsichtbare Medium, da es die natürliche Gestik als Wirkung einer moralischen Kraft verstehen will, die von dem betrachteten Mann ausgeht – umso mehr als „Ausdruck“ hier zur Abwehr gegen das Schickliche älterer Generationen instrumentalisiert ist. Die Selbsttäuschung hat zur Folge, daß das Medium im Medium Ursache für Wirkungen wird, die es nicht hat. Die Musik an sich, bloß weil sie Reflexe auslöst, scheint als Symbol jener moralischen Kraft die Figur natürlich und weiblich zu machen, bekommt also ein imaginiertes Eigenleben als unsichtbare, bewegende Seele.

Da der Autor diesen Mechanismus im Folgenden an Mozarts Bildnisarie nachzeichnet, sei der Text zur Erinnerung eingefügt:

Dies Bildnis ist bezaubernd schön
Wie noch kein Auge je geseh’n.
Ich fühl‘ es, wie dies Götterbild
Mein Herz mit neuer Regung füllt.
Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen,
Doch fühl‘ ich’s hier wie Feuer brennen;
Soll die Empfindung Liebe sein?
Ja, ja! Die Liebe ist’s allein.
O wenn ich sie nur finden könnte!
O wenn sie doch schon vor mir stünde
Ich würde – würde – warm und rein –
Was würde ich? –
Ich würde sie voll Entzücken
An diesen heissen Busen drücken,
Und ewig wäre sie dann mein!

Wie in der Bildnisarie der Zauberflöte stellt die Musik eine scheinbare Kausalität zwischen dem „Betrachteten“ und dem „natürlichen“ Verhalten her. Das überlagerte [übergelagerte? überlagernde?] Medium, die Musik, scheint vom darunterliegenden, dem Bildnis oder dem Schlafenden als lebendem Bild [Rinaldo], reproduziert zu werden, sein Reflex zu sein; hier wird besonders klar ersichtlich, daß technische Reproduktion ihr Vorbild im Reflex hat und dessen Verlängerung ist. Das überlagerte Medium wird nun automatisch als das „innerliche“ wahrgenommen. Demnach ist die Fiktion in der Fiktion das Innerliche des Innerlichen, wie in der Bildnisarie das Besingen der Abbildung auf dem Theater. Überlagerte Information wird scheinbar zu inniger Ausdrucksenergie, Ausdruck ist die „Kraft“ der technischen Objektivierung.

Das Medium Musik ist nun nicht mehr parallel zum Optischen, sondern scheint die innerste der Fiktionen zu sein. Das Publikum glaubt demzufolge, selbst ein „inneres“ Medium zu haben: Die scheinbar natürliche Kausalität zwischen innerer und äußerer Fiktionsebene führt zur Illusion des „Unterbewußtseins“.

Anm.: Etwa seit dem 17. Jh. erfolgte auf vielen Ebenen des gesellschaftlichen Verhaltens ein planmäßiger Aufbau eines „Unterbewußtseins“ (um es später zu „Natur“ zu verklären). In die systematische Pflege reflexhaften Handelns, wie sie in Pantomime und Rührstück, im „bürgerlichen Konzert“ und im Sport zum Ausdruck kam, fügt sich auch die von Norbert Elias beobachtete Entwicklung des Scham- und Peinlichkeitsverhaltens ein, das zunehmend vom Bewußten ins Unbewußte verlegt wurde. (Quelle Elias)

An dieser Stelle kommen ernste Zweifel auf, ob der Autor wirklich den gesicherten Stand der Forschung reflektiert, ebenso im folgenden Absatz (JR):

In diese allseitige Identifikation mit technischen Medien ist Sigmund Freud hineingeraten, der das seinerzeit Unschickliche für wahren Ausdruck hielt und von daher auf die Existenz eines Unterbewußtseins schloß – während seine Patientinnen bloß auf eine Art, die sie im Melodrama lernen konnten, gegen das Schickliche rebellieren.

Quelle Mathias Spohr: Medien, Melodramen und ihr Einfluß auf Richard Wagner. In: Richard Wagner und seine „Lehrmeister“ Hrsg.: Christoph-Hellmut Mahling und Kristina Pfarr. Are Edition Mainz 1999 (Seite 49-80)

Ich bin konsterniert und zugleich in meinem Element. Um in Bildern zu sprechen:

.     .     . .     .     . .     .     .

Das übliche Missverständnis: der eine spricht – wie so oft – von dem einsamen Pferd da hinten auf der Weide; der andere aber von dem Insekt auf der Scheibe. Die Optik der beiden Augenpaare ist unterschiedlich eingestellt, schwer verständlich wenn man die Fotos sieht. Im Reich der Ideen ist das an der Tagesordnung, und es bedarf einiger Worte, klarer zu sehen. Ist es innen oder außen, Imagination oder Projektion, Phantasie oder Fata Morgana? Gibt es denn ein Unterbewusstsein oder nicht? Ich wusste doch seit langem, dass Freud und C.G.Jung kaum mit alldem vereinbar war, was z.B. in Thomas Metzingers „Bewusstsein“ (1995) zu lesen ist. Aber es lief gewissermaßen parallel, sooft ich wieder Adorno las und etwa sein Wagner-Buch (1952) nach wie vor richtungweisend fand. Der Perpektivwechsel als zweite Natur!

Und dieses Wagner-Buch, das ich gerade lese, beruht auf einer Tagung von 1997 und rührt in meinem Fall an tiefgehende Musikerlebnisse, die etwa 1957 begannen und jetzt plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. So als habe mir jemand erklärt, dass ich das Opernglas damals falsch herum gehalten habe. Daher die Überwältigung durch das, was ich hörte und innerlich sah oder dank der LP mir lebhaft als Realität vorstellte. – Und jetzt überspringe ich alles, was es da an Wissenswertem über Pantomime, Melodramen usw. zu lernen war, um zu meinem Lohengrin-Wagner von 1957 zurückzukommen, auch wenn hier letztlich vom Tristan die Rede ist:

Wagner entfernt die Ensembles, die dem Publikum mit synchronen Aktionen Resonanz vorspiegeln, von der Bühne, macht gestikulierende Dirigenten und Instrumentalisten unsichtbar und verschleiert die Taktmetrik als Merkmal veräußerlichter Resonanz: Die naivste melodramatische Wirkung, den Ausdruck, der malend auf sich selber zeigt, soll es im Musikdrama nur innerhalb der Musik geben. Reflexe sollten nicht vorexerziert, sondern unauffällig konditioniert und dann direkt und differenziert ausgelöst werden, damit das Publikum glaubt, sie stammten aus dem eigenen Bewußtsein, das sich als verschlungenes, vielschichtiges und doch logisches Ganzes wie von außen betrachten läßt und damit den zivilisierten Glauben an eine Zerlegbarkeit der Welt in objektivierte Funktionselemente bestätigt. Wagner versucht, die Faszination der Objektivität, die von Medien wie Technik oder Photographie ausging, für sich zu nutzen. So wird der vom Melodrama beförderte Glaube an eine Kausalität moralischer Kräfte wieder glaubwürdig.

Mit der Hingabe an den Ausdruck, erlebt als physische Energie, verbindet sich lustvoll das Bewußtsein seiner technischen Beherrschtheit; diese gleichzeitige Distanz und Distanzlosigkeit gegenüber den erzeugten Emotionen, das genießerische Betrachten der verfügbar gemachten Reflexe, kennzeichnet die Katharsis im Melodrama. In derselben gesteigerten Ausdruckshaftigkeit, mit technisch virtuoser, aber nicht sichtbar veräußerlichter, sondern ins unsichtbar Musikalische verlagerter Gebärde, schafft das Musikdrama soziale Identitäten. Tristan und Isolde bekommen durch komplexes Ineinandergreifen chromatischer „Schmerzens“-Figuren (also einer melodramatischen Übersteigerung des barocken „Pathos“ zu modernem „Ausdruck“) ein „Unterbewußtsein“, als großartiges und von selbst ablaufendes Innenleben. So ein Unterbewußtsein möchte auch das Publikum gern haben, deshalb glaubt es naiv wie das Publikum der Melodramen an die Magie des Mediums. (…)

Quelle Mathias Spohr: Medien, Melodramen und ihr Einfluß auf Richard Wagner. In: Richard Wagner und seine „Lehrmeister“ Hrsg.: Christoph-Hellmut Mahling und Kristina Pfarr. Are Edition Mainz 1999 (Seite 49-80)

Fortsetzung hier

Von den frühen Freimaurern

Persönlichkeit, Selbstanalyse, Unterwerfung

ZITAT (Hans-Josef Irmen)

Die Illuminaten bildeten einen politischen Geheimbund, dem das Ideal eines humanistischen Weltbürgertums außerhalb christlicher Institutionen zugrundelag. Die Ordensmitglieder sollten in die wichtigsten Staats- und Kirchenämter gelangen, auf eine gewaltlose Reform des Staates hinwirken und den Einfluß der Jesuiten zurückdrängen. Der Bund breitete sich seit Beginn der achtziger Jahre rasch aus und zählte 1785 schätzungsweise 2500 Mitglieder unter bürgerlichen und adligen Verwaltungsbeamten, Weltgeistlichen, Professoren, Juristen und Literaten. In Wien, einem wichtigen Illuminatenzentrum, arbeiteten führende Männer wie Kaunitz, Cobenzl, Kollowrath, Sonnenfels und Born für den Orden, in Braunschweig, Gotha und Weimar traten die Herzöge dem Bund ebenso bei wie Goethe, Herder und Knigge, in Neuwied erwuchs eine Illuminatenhochburg, die in die rheinischen Lande wirkte und den Aufbau einer Minervalkirche in Bonn unterstütze.

Freimaurerischem Bildungsstreben gemäß arbeiteten die Illuminaten an der planvollen Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit. Voraussetzung für jegliches Fortkommen im Orden war eine gründliche psychologische Selbstanalyse. Jeder Illuminat war verpflichtet, ein Charakterbild seiner selbst zu entwerfen und der Initians hielt für diese „Generalbeicht“ des Recipienden einen hundertfältigen Fragenkatalog parat. Auf Neefes Lebenslauf folgt im Manuskript denn auch der „beigefügte Karakter“, er entspricht Punkt für Punkt dem vorgegebenen Muster. Dieses Psychogramm erfaßt seine Persönlichkeit im Detail, ihren physischen Zustand und ihre politischen und moralischen Eigenschaften. Wer die Aufnahme in die Führungskader des Illuminatenordens begehrte, mußte sich schamlosen Blicken bis hinter den Lendenschurz bloßstellen. NOSCE TE IPSUM (= Erkenne dich selbst) hieß dieses Dokument, dessen Ideologie in Neefes Illuminatenblättern erläutert wurde: „Richtige unpartheiische Prüfung und Kenntniß seiner selbst, führt zur wichtigsten unpartheiischen Prüfung anderer, wenn’s darauf abkommt, Menschenwerth“; seiner Selbstbiographie „beigefügten Karakter“ nannte Neefe „Resultat der Beobachtung meiner selbst“ und stellt einen Katalog von Selbstenthüllungen zusammen.

Neben Neefe boten auch andere Adepten als Konvertiten solch seelischen Exhibizionismus und entblößten sich vor den Startlöchern ihrer Illuminatenlaufbahn stehend „in unterwürfig-zerknirschten, oft peinlich wirkenden Beichtformeln“. Was in diesen Dokumenten positiv aufscheint, ist situativ erpreßt, bewußt inszeniert, subjektiv eingefärbt und nur mit Abstrichen zitierbar. Unangebracht, solchen vom totalitären System der Illuminaten verlangten Bekenntnissen einer mehr oder weniger schönen Seele objektiven Charakter beizulegen. Sie sind situationsgebunden und zweckorientiert, denn Neefe wollte im Orden die obersten Grade erklimmen.

Quelle Hans-Josef Irmen: Neefe als Freimaurer und Illuminat / in: Christian Gottlob Neefe / Eine eigenständige Künstlerpersönlichkeit / Tagungsbericht Chemnitz 1998 /  Herausgegeben von Helmut Loos / Gudrun Schröder Verlag (Laaber)  Chemnitz ISBN 3-926196-34-3

Diese aufschlussreichen Bemerkungen über die restriktive Praxis in Freimaurerorden waren mir inhaltlich neu, auch wenn man aus dem Zeremonial der Zauberflöte einige Rückschlüsse ziehen kann. Interessant ist auf jeden Fall der große Artikel über FREIMAURERMUSIK, in dem es zwar auch eine allgemeine Einführung zur Freimaurerei gibt, sehr kompetent, wobei jedoch die oben angesprochenen Aspekte völlig fehlen. Die großen Komponisten werden ausführlich behandelt – Haydn, Mozart und Beethoven, aus dessen Abschnitt im folgenden ein Spalte zitiert sei.

 MGG 1995 Sp. 885

Quelle Musik in Geschichte und Gegenwart MGG neu SACHTEIL Bd. 3 „Freimaurermusik“ (Autor: Hans-Josef Irmen) Bärenreiter Kassel Basel London New York Prag Metzler Stuttgart Weimar 1995.

Der Autor ist derselbe, der darüber in der Neefe-Monographie geschrieben hat. Aber was im MGG-Lexikon noch fehlt, ist der Hinweis auf die negative Seite, das totalitäre System, den Anspruch des Systems auf völlige Unterwerfung. Ich denke in diesem Zusammenhang nicht an den Islam und das ehrerbietige Niederfallen, aber an den Pietismus, an die endlosen Demütigungen, die der Roman Anton Reiser (Karl Philipp Moritz 1785) ausbreitet. Und an die katholische Litanei des „Herr, ich bin nicht würdig“, an all die Übungen, die keinen Gläubigen jemals vor Selbstüberschätzung bewahrt haben.

Und dann bin ich schnell bei Michel Foucault.

Wieviele werden kommen?

„Sie werden aus Saba alle kommen“

ZITAT (ein syrischer Komponist, der seit 18 Jahren in Deutschland lebt)

Zuerst ist es die logische Folge, die ich gerade sehe; vor 15 Jahren oder so habe ich es von meinem Vater gehört, er meinte, das wird so sein: Die werden kommen, die werden alle kommen, so wie bisher funktioniert’s nicht, die werden alle kommen. Es geht nicht mehr um Flüchtling und Asyl oder so, es wird eine Völkerwanderung geben. Er meinte, so wird’s nicht bleiben, die werden kommen. Das ist keine Prophezeiung, das ist wie gesagt eine logische Folge. Eins.

Das zweite Gefühl ist: was kann man mit diesen armen Menschen jetzt anfangen? Ich weiß es wirklich nicht, ich sehe sie überall. Es gibt diese Art unsichtbare Verbindung zwischen den Leuten, die aus Syrien, Libanon und Irak kommen und mir, obwohl ich jetzt seit mehr als 18 Jahren weg bin von der Heimat.

Und das dritte … es ist peinlich zu sagen – aber: Ist das wahr, dass wir auf diesem Niveau landen [müssen]? Denn ich kann jetzt nicht darüber sprechen, dass sie nur Opfer sind. Auch über mich, ich spreche jetzt auch über mich, obwohl die Umstände verschieden sind, damals und jetzt, aber … in einer Kette. Und ich schäme mich ein bisschen. Ist das wahr, dass wir auf diesem Niveau landen? Dass wir so zerstreut sind überall hin … dass es bei uns an sehr vielem fehlt und wir wirklich keine Basis für eine Heimat, ein internationales Gefühl haben, überhaupt kein nationales Gefühl… Und allmählich verstehen wir mehr und mehr, aber leider immer zu spät. Wir sind keine Philosophen, um das Ganze zu verstehen.

Ich habe das Interview, das Wolfgang Hamm 2015 mit Saad Thamir geführt und in einer WDR-Sendung veröffentlicht hat, im Dezember 2016 aufgeschrieben und  in einem Artikel festgehalten (hier), einiges ist mir für immer ins Gedächtnis gegraben, gerade in dem schwermütigen Tonfall des Mannes, den ich bei einem Dreiergespräch im Café des Kölner Museums Ludwig auch persönlich kennengelernt hatte.

Später habe ich die Bach-Kantate 62 „Sie werden aus Saba alle kommen“ rekapituliert und in den neuen Zusammenhang hineinphantasiert: hier.

Und es jetzt fiel mir all dies wieder ein, als ich in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ den Artikel „Wir schaffen es nicht“ las (27. September 2018). Der Autor Stephen Smith, der an der Duke-Universität in den USA Afrikanistik lehrt, hat ein Buch geschrieben, das Emanuel Macron zur Pflichtlektüre erklärte: „Nach Europa! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent“. Es wird in diesen Wochen auch in Deutschland erscheinen.

Dem ZEIT-Interview nach sagt er – ausgehend vom Asylkompromiss der großen Koalition in Berlin -, Europa müsse schon innerhalb der nächsten 30 Jahre mit 150 bis 200 Millionen neuen Einwohnern mit afrikanischem Migrationshintergrund rechnen.

ZITAT (Stephen Smith)

Die Lage lässt sich einfach beschreiben. Es gibt heute 500 Millionen Westeuropäer, auf der anderen Seite des Mittelmeers leben 1,3 Milliarden Afrikaner. Schon im Jahre 2050 werden es 2,5 Milliarden Afrikaner sein. Und zwar sehr junge Afrikaner, zwei Drittel von ihnen werden unter dreißig sein. Die Westeuropäer werden dagegen sehr alt und nur noch 450 Millionen sein. Schon die nackten Zahlen lassen also einen ungeheuren Migrationsdruck erkennen.

Quelle DIE ZEIT 27. September 2018 Seite 50 „Wir schaffen das“ Millionen kommen, doch es kümmert niemanden: Der US-amerikanische Afrikanist Stephen Smith über den bevorstehenden Ansturm afrikanischer Flüchtlinge auf Europa /  Interview: Georg Blume.

Um diese Zahlen bedrohlich zu finden, muss man nicht der AfD angehören. Natürlich sieht Smith das nicht anders als jeder Mensch, die die Zukunft nicht rassistisch, sondern realistisch ins Auge fasst. Stephen Smith:

Ich glaube mit Hans Magnus Enzensberger, dass man sich nicht vor Applaus vn der falschen Seite fürchten darf. Aber Marine Le Pen hätte meinem Buch einen anderen Titel gegeben: „Die schwarze demografische Bombe“ zum Beispiel. Sie hätte damit Angst schüren wollen. Das liegt mir fern. In Frankreich lebten in den 1920er Jahren nur 3000 Schwarzafrikaner, heute sind es Millionen. Trotzdem sage ich: Frankreich ist immer noch Frankreich.

Angst zu schüren ist ein probates Mittel der rechten Politik. Und ich sage auch nicht, was schert mich das Jahr 2050, dann bin über 100 Jahre und werde, auch wenn ich Glück habe (oder wie soll ich das nennen?), nicht mehr viel bewegen. Aber eins weiß ich heute schon: nicht die Schwarzafrikaner in Europa werden unsere Enkel beunruhigen (nebenbei: die beiden besten Freunde meines Enkels haben schwarzafrikanische Eltern), sondern die globalen, klimatisch bedingten Katastrophen werden die Menschheit insgesamt in Schrecken versetzen.

Ich werde überhaupt keine Analyse, kein Buch mehr ernst nehmen, das den Klimawandel ignoriert, jedoch die Bevölkerungsverschiebungen durch Migration als Hauptproblem der Zukunft beschreibt.

Bevor ich mich weiter dem Smith-Interview widme, registriere ich eine andere Sicht der gleichen Probleme, eine „linke“ Sicht (wobei zu vermerken ist, dass die „bürgerlichen“ Zeitungen zumeist eine Zahl-Schranke vor dem online-Portal präsentieren), nämlich hier.

Im übrigen nehme ich ein neues Buch sehr ernst, das sich als „terrestrisches Manifest“ begreift. ZITAT:

Migrationen, Explosion der Ungleichheiten und Neues Klimaregime ein und dieselbe Bedrohung. Die meisten unserer Mitbürger unterschätzen oder leugnen, was der Erde widerfährt, sind sich aber der Tatsache, dass die Migration ihre Träume von gesicherter Identität gefährdet, vollkommen bewusst.

Zur Zeit sehen sie, von den sogenannten „populistischen“ Parteien stramm bearbeitet und aufgewiegelt, nur die eine Dimension der ökologischen Mutation: dass sie Menschen über ihre Grenzen treibt, die sie nicht wollen. Also denken sie sich: „Machen wir die Grenzen dicht, damit entgehen wir der Invasion!“

Die andere Dimension dieser Veränderung haben sie noch nicht so deutlich zu spüren bekommen: Das Neue Klimaregime fegt seit Langem schon über alle Grenzen hinweg und setzt uns allen Stürmen aus. Und gegen diese Invasoren sind unsere Mauern machtlos.

Wenn wir unsere Zugehörigkeiten und Identitäten verteidigen wollen, müssen wir auch diese form- und staatenlosen Migranten identifizieren, die da heißen: Klima, Bodenerosion, Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit, Habitatzerstörung. Selbst wenn ihr die Grenzen vor den zweibeinigen Flüchtlingen dicht macht, die anderen werdet ihr nicht aufhalten können.

„Ist denn niemand mehr Herr im eignen Haus?“

Nein, in der Tat. Weder die Souveränität der Staaten noch die Undurchlässigkeit der Grenzen sind noch in der Lage, Politik zu ersetzen.

„Aber dann ist ja alles offen; dann müssen wir draußen leben, vollkommen schutzlos, von Sturmwinden gebeutelt, vermischt mit allen, gezwungen, um alles zu kämpfen, ohne irgendwelche Sicherheiten, müssen pausenlos den Ort wechseln, auf jede Identität, allen Komfort verzichten? Wer kann denn so leben?“

Niemand, ganz richtig. Kein Vogel, keine Zelle, kein Migrant und kein Kapitalist. Selbst Diogenes hat Anrecht auf eine Tonne, der Nomade auf sein Zelt, der Flüchtling auf sein Asyl.

Glaubt denen keine Sekunde, die von der großen weiten Welt faseln, davon, aufs „Risiko zu setzen“, alle Sicherheitsnetze sausen zu lassen, und die weiter mit großer Geste auf den endlosen Horizont der Modernisierung für alle zeigen; diese scheinheiligen Apostel nehmen selbst dann nur Gefahren auf sich, wenn Komfort garantiert ist. Statt zu lauschen, was sie nach außen von sich geben, schaut lieber, was da auf ihrem Rücken glänzt: der sorgfältig gefaltete goldene Fallschirm, der sie vor allem Unbill der Existenz schützt.

Quelle Bruno Latour: Das terrestrische Manifest / edition Suhrkamp Berlin 2018 (Zitat S.18f)

(Fortsetzung folgt)

Ohrwurm

Eine fast sexistische Analyse

Natürlich will ich nur mich selbst entlarven und tarne mein Anliegen gleich doppelt investigativ. Die allzu früh ausgeblendete Musik verfolgte mich, je öfter ich sie hörte. So kurz vor den Nachrichten.  Von der Bikini-Frau, die mir am Strand entgegeneilte, kein Wort! Nichts von der muskelgeschmückten Bademeister-Konkurrenz. Nein es geht mir allein um die Musik. Ein winziger Gedanke vielleicht, bildungsgesättigt: ob nicht auf diese Weise die Venus von Milo, der marmorsaubere Praxiteles – stellvertretend für die alten Griechen – Jahrtausende posthum – das kränklichdünn moderne Model-Modell besiegt. „Es ist doch die Natur, die sich durchsetzt!“ Scheinheiliges Argument. Im externen Fenster (der Blog soll hintergedankenfrei bleiben) nur für allzu Neugierige hier. (Achtung: enthält Werbung!)

 Screenshot Youtube-Video

Worum geht’s überhaupt? Auch wissenschaftlich veranlagte Menschen sind neugierig, ja, diese sogar ganz besonders. Eine Anregung etwa für eine anthropologische Seminararbeit: analysieren Sie die Youtube-Kommentare!

Wie gesagt, mir geht es nur um die Musik. Ich vermute, dass ich explizit nach ihr frage, weil sie gerade dort ausgeblendet wird, wo ein harmlos-verspieltes Moment hinzutritt. Die Phantasie aber kennt kein Ende. Gewiss, schon die Gitarre am Anfang und die Stimme mit dem wiederholungsfreundlichen Motiv sind angenehm, das Zielwort „tonight“ gräbt sich ein, man folgt alldem unterhalb des Störmoments Sprechstimme, wenigstens alle 2 sec Wechsel der Blickrichtung , 0:14 – 0:17 dann das Sechzehntelmotiv, das einen neuen Horizont öffnet: „everybody“, – was hier verheißen wird, gilt nicht nur „tonight“, sondern jetzt und immerdar und für jeden, freut euch!

Ich lese die Kommentare um zu erfahren, ob ich allein stehe, mit meiner Neugier; ich brauche Namen und Texte, erfahre eher nebenbei: ich bin wie jedermann. Soll ich mich entrüsten? Schwer zu entscheiden angesichts der anonymisierten Absender, ob Mann oder Frau sich äußert, zumal heutzutage aus verschiedenen Gründen jede(r) für jede(n) sprechen kann, z.B. auch, um sich liebkind zu machen oder (sich selbst oder anderen) zu zeigen, dass man über der Geschlechterrolle steht.

Die einen sagen, dies sei Katie Ball, von der es noch ein Super-Video gebe, die andern, es sei schade um das tolle Lied von Ingrid Michaelson, das kommt mir gerade recht, hier; es ist mir dann allerdings doch zu lang.

Vielleicht noch ein Blick auf den Text: hier. Und noch einmal das Lied.

Das „Oh, oh, oh“ beginnt schnell zu nerven. Das Lied hört auf, ein Ohrwurm zu sein.

Eine gute Erfahrung. Almased sei Dank!

Koinzidenz

Zufall und Fügung

 Viehbach-Holzweg

Ich erwähne des öfteren Koinzidenzen, die sich aufdrängen, und fürchte, dass ich vergesse zu betonen: ich glaube keineswegs an ihre tiefere Bedeutung. Es handelt sich um irgendwie passende gedankliche Synapsen, die helfen, dem Nachdenken eine gewisse Richtung zu geben, wie dem Unerfahrenen durch das Handlaufseil  an leichteren Hochgebirgspfaden. Dadurch werde ich noch kein Kletterkünstler wie Reinhold Messner – ich überquere gewöhnlich nur den Viehbach in Solingen-Ohligs -, hätte aber gern in Höhenluft ein ähnliches Sicherheitsgefühl. Es ist bloße Autosuggestion. Würde ich meinen täglichen Schritten oder Eingebungen nicht trauen, wäre ich schon auf dem Weg in die Stadt absturzgefährdet.

Wenn mir jemand erzählt, dass er an Zahlenhinweise glaubt (Vorsicht bei Kilometerstein xy!), so fällt mir ein, dass die Kombination 754 mir in meiner Jugend eine Zeit lang bedeutungsvoll erschien, selbst in anderer Reihenfolge (wodurch sich die Begegnungen vervielfachten), und ich registriere die entsprechenden Zahlen immer noch, um dann jedoch um so stärker zu betonen, dass ich es seit damals für groben Aberglauben halte. Genauso wie die manische Takt- und Notenzählerei bei Bach.  Sobald ich eine Zahl für bedeutungsvoll oder gar schicksalhaft erkläre, tritt sie mir überall wie von selbst entgegen – so scheint es. In Wahrheit verhalte ich mich wie ein abgerichteter Hund. Welcher Vorgesetzte war es nochmal, der „zielführendes“ Handeln anmahnte?

Wenn ich also heute die ZEIT aufschlage und den Artikel „Lob der Blase“ von Jens Jessen sofort kurzschließe mit den Texten und Figuren, die mich seit Tagen beschäftigt haben, so hat das innerlich vielleicht gar nichts zu sagen. Aber dies überprüfen zu müssen, kann bereits als hilfreicher Leitfaden dienen. Man braucht Motivationen, um kontinuierlich zu denken, auch wenn diese zunächst wie unnütze Ablenkungen wirken. Kein Wort weiter.

 Ist Josefine Günschels Idee „zielführend“?

Aktuelle Quelle DIE ZEIT 27. September 2018 Feuilleton Seite 43  Lob der Blase Für die Polarisierung der Gesellschaft wird stets den „Filterblasen“ im Netz die Schuld gegeben. Aber ist wirklich die Abschottung von anderen Meinungen das Problem? Oder ist es nicht vielmehr die ständige Sichtbarkeit der Gegner?

(JR) Ich frage: wirklich die ständige Sichtbarkeit der Gegner, oder vielleicht doch ihre Unsichtbarkeit, verstanden als Anonymität? Ihre Ungreifbarkeit? Unangreifbarkeit, geschützt auch durch das latent allgegenwärtige Gebot totaler Schein-Toleranz. Sakrosankte Meinungsfreiheit! (Auch für Teufel.)

(JR) Ist es möglich, dass es keinen Unterschied macht, anonym zu sein, ein Ameisenmensch in einer unübersehbaren Menschenmasse, oder vom Räderwerk der totalen Registrierung erfasst zu sein und als einzelnes Genom-Konstrukt aufzugehen in einer Statistik.

ZITAT

Es ist kaum zehn Jahre her, aber gefühlt eine ganze Epoche, da wurde das Internet als Instrument der Freiheit gepriesen, mehr noch: der Befreiung und Demokratisierung der Welt. Im Netz gibt es keine Zensur, Anonymität schützt seine Nutzer, die Meinungsfreiheit schien unbegrenzt und das probate Mittel zu sein, lügengestützte Diktaturen und Totalitarismen zu stürzen. Man wundert sich heute sehr, wenn man die Utopien von gestern liest.

Die Hoffnung auf Weltverbesserung durch die Netzgemeinde (man dachte sie sich im Singular und ahnte ihre destruktive Pluralität noch nicht) ist gründlich verflogen. Das Internet und seine sozialen Netzwerke sind heute ein vermintes Gelände, von Schützengräben durchzogen. Jede Bewegung und Äußerung – das Emporstrecken eines Kopfes – provoziert feindliche Artillerie. Schmutzfontänen spritzen empor wie auf den Bildern des Ersten Weltkrieges. Der Begriff des Shitstorms, der sich dafür eingebürgert hat, bezeichnet die Sache im Effekt genau.

Das ist das eine. Zum anderen habe ich den im vorigen Beitrag (hier) erwähnten Artikel von Shoshana Zuboff ausfindig gemacht und empfehle ihn in der FAZ online vollständig aufzuschlagen: hier. (Überwachungskapitalismus: „Wie wir Googles Sklaven wurden“.)

Dann wurde Christian Schwägerl erwähnt mit dem Buch „Die analoge Revolution“ (München 2014) Wenn Technik lebendig wird und die Natur mit dem Internet verschmilzt. Folgender Klappentext und Rezensionen sind bei Perlentaucher nachzulesen:

Die „digitale Revolution“ hat in jüngster Zeit ihre dunkle Seite gezeigt. Droht eine Zukunft, in der jeder Mensch lückenlos von Google und Geheimdiensten überwacht wird, in der Maschinen die Natur ersetzen und Online-Konsum die Umweltzerstörung anfacht? Christian Schwägerl beschreibt konkrete Gefahren, wenn die analoge Welt von Mensch und Natur durch die falschen Kräfte kontrolliert wird. Vor allem aber entwickelt er in diesem Buch Alternativen und eröffnet neue Perspektiven. Bei der „analogen Revolution“ geht es darum, die Macht über Daten demokratisch zu verteilen und Menschen mit der ganzen Fülle des Lebens auf der Erde zu verbinden.

Zu H.G.Wells „The Invisible Man“ siehe Wikipedia „Der Unsichtbare“ hier.

(Fortsetzung folgt)

Unser „Point of no return“

Was der Natur-Aktivist Dirk Steffens dazu sagt

In der ZDF-Sendung Markus Lanz am 11.9., hier abrufbar bis 11.10. 2018 (Niederschrift  JR unkorrigiert; ohne Gewähr.) Siehe auch Harald Lesch hier.

Ab 42:45 Es geht zunächst um den Hambacher Forst. [Mehr dazu in der ZEIT HIER.]

 Screenshot ZDF-Sendung 41:39

MARKUS LANZ: Da passiert etwas, wir setzen da auf eine Energieform, von der wir eigentlich alle wissen, das ist nicht die Zukunft, sondern im Gegenteil, im Zweifel auch unser Untergang.

DIRK STEFFENS: Man muss für den Hintergrund vielleicht kurz erwähnen, in Berlin tagt gerade die sogenannte Kohle-Kommission. Das ist ne Kommission, da sitzen auch Umweltorganisationen drin und die verschiedensten Verbände und Interessengruppen, und die sollen darüber reden, wie man verträglich aus diesem Braunkohleabbau aussteigen kann, weil jeder Mensch auf der Welt weiß, das ist nicht die Technik der Zukunft, weil sie extrem klimaschädlich ist. Jetzt wissen wir alle: Deutschland hat sich lange als Klimaweltmeister gefeiert, aber Deutschland ist inzwischen – das war es früher nicht – Deutschland ist inzwischen der größte Braunkohleverfeuerer der Welt. Wir verfeuern mehr Braunkohle als China, das ist total verrückt (weil die Steinkohle verfeuern? Oder warum?), ja weil die andere Energieformen auch nutzen, die haben natürlich fürchterlichen Smog da (Braunkohle ist vom Wirkungsgrad noch schlechter), wir verfehlen ja krachend alle unsere Klimaziele in Deutschland, und Deutschland hat in den vergangenen 9 Jahren genau gar nichts an CO²-Emissionen eingespart, trotz all der Bemühungen, denn gefühlt, sein wir doch mal ehrlich, jeder von uns hat das Gefühl – die Autos werden immer sparsamer, ich dämme meine Fenster, die Heizung, alles wird immer besser, (die Windräder werden mehr), genau, die Windräder werden mehr, aber was ist passiert, wir haben genau NICHTS erreicht, und das Resultat ist NULL. Und jetzt beantragt ein Energiekonzern genau in den Wochen, in denen diese Kohlekommission in Berlin sitzt, um einen verträglichen Ausstieg zu verhandeln, JETZT RODEN WIR. Und das lockt jetzt natürlich all die radikalen Umweltschützer, die natürlich schlecht sind für die Umweltschützersache an. Also wenn ich jetzt n G20-Radikalinski wäre und hätte mal wieder Lust auf richtig Randale, dann würde ich sagen „Danke, RWE, ich weiß jetzt, wo ich hinfahren muss.“ Denn ab Oktober darf da gerodet werden. Und es ist einfach politisch unverantwortlich, RWE hat rechtlich natürlich alles auf seiner Seite, denn das ist n rechtlich klarer Fall, die dürfen das! Aber politisch ist es wirklich unverantwortlich. 44:44 (Du sagst: das ist wie n Honigtopf…)

Ja! es ist so überhaupt nicht notwendig, es in diesem Moment zu tun, also: RWE sagt zwar, uns gehen die Kraftwerke aus, weil wir dann nichts mehr zu feuern haben, aber alle andern sagen: drei bis vier Jahre reichts noch locker, was wir noch auf der Halde haben, und Deutschland exportiert ja sogar Strom. Es ist ja nicht so, dass hier morgen alle Lichter ausgehen würden, und das Unverantwortliche ist natürlich auch dadran, das ist ja ein sehr politisches Thema im Augenblick, Frau Nahles hat ja zum Beispiel gesagt, es sei eine Blutgrätsche gegen die Arbeitskräfte! Aber die eigentlich Blutgrätsche ist ja, dass wir Arbeitskräfte, – von denen jeder weiß, dass sie keine Zukunft haben -, noch ne Zeit lang künstlich am Leben erhalten, aus kurzfristigen politischen Interessen, und den Leuten keine Zukunftsperspektive mehr bieten. Also wenn ich da leben würde und hätte n Job, von dem ich weiß, o.k., jetzt bis zur nächsten Wahl werde ich vielleicht gepempert, aber danach werde ich dann sowieso arbeitslos, dann würde ich doch von Politikern erwarten, dass eine echte Zukunftsperspektive geboten wird. Und in erneuerbaren Energien arbeiten heute sowieso schon viel mehr Leute als in der Braunkohle. (Ja, ….) Volkswirtschaftlich sinnlos, aber für den Betrieb kurzfristig, betriebswirtschaftlich sinnvoll. 45:50

ML Du bist doch häufig auch im Gespräch mit Politik und tauschst dich auch aus mit… was passiert denn da eigentlich. Ich weiß z.B., dass ein großer Konzern wir Daimler, ich meine, deutsche Ingenieure, ich meine, Auto-Ingenieure sind die talentiertesten dieses Planeten (ohne Frage!) ich frage mich immer, wo da dieser deutsche Pioniergeist, den es mal gab, dieser Aufbruch…

DST Man müsste den nur triggern… Nachhaltiges Handeln muss sich auch wirtschaftlich mehr lohnen als nicht nachhaltiges, und sofort würde sich dieser Ingenieursgeist wieder Bahn brechen. Da bin ich mir ganz sicher. (Beifall 46:19) Man müsste politisch dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen wieder so sind, dass man das quasi neu entfacht.

Das ist ja in allen Bereichen: auch in der Landwirtschaft, was ja für unsere Ökologie in Deutschland ganz wichtig ist, du bekommst als Bauer mehr Subventionen, wenn du möglichst große Flächen hast. Du bekommst weniger Subventionen, wenn du nachhaltig wirtschaftest. Also: mit Staatsgeldern wird hier natürlich die Richtung vorgegeben. Und solange einfach großes, industrielles Wirtschaften in der Landwirtschaft gesponsert wird, und nicht das nachhaltige kleinere, müssen wir uns nicht wundern…

ML Also tipping points oder Kipp-Punkte… Das ist auch so’n anderes Schlagwort in dem Zusammenhang. Erklär das mal aus deiner Sicht. Was droht da? 47:00

DST Der Begriff kommt aus der Klimaforschung und gilt aber auch für andere ökologische Zusammenhänge. Also n berühmter tipping point … also das sind so Kipp-Punkte, man muss sich das so vorstellen: es gibt da Entwicklungen, wie auf ner Wippe, man geht da auf einer Seite der Wippe hoch, es passiert lange nichts, außer dass ich hochgehe, und irgendwann bin ich in der Mitte, und dann macht es BAMM. Und das gibt es in der Wissenschaft bei Erdsystemen (?) auch. Wenn wir z.B. durch die Autoindustrie CO² emittieren, wird die Atmosphäre ein bisschen wärmer. Wenn es ein bisschen wärmer wird, taut in den Arktisregionen der Permafrostboden, – also das ist Boden, der das ganze Jahr über durchgefroren ist. Da drin sind aber organische Stoffe, wenn die auftauen, vergammeln die, und dann wird Methan frei. Methan ist n anderes Gas, und Methan ist über 20 mal klimaschädlicher als CO² , und das heißt: man macht n bisschen wärmer, dadurch wird ein natürlicher Prozess angestoßen, der es dann viel wärmer macht und den man dann nicht mehr bremsen kann. Und wenn dieser Methan…turbo mal anspringt, so richtig, in der Arktis, dann würde es auch gar nichts mehr bringen, wenn wir Menschen überhaupt kein Kohledioxyd mehr emittieren, weil dann die Entwicklung von alleine weiterläuft. Die ist dann nicht mehr zu stoppen. (kipping point!) Ja, und dann geht ein stabiles System ins Chaos über, wissenschaftlich betrachtet, und das sind dann die Katastrophen, die wir alle nicht wollen. (Tipping point – das hat sich durchgesetzt, das so zu nennen – es gibt aber noch ganz ganz viele…) Ja, im Regenwald! (Im Regenwald!? Das kannte ich nicht. Erzähl das mal!)

Die großen Regenwälder wie der Amazonasregenwald, die binden unglaubliche Mengen an Wasser. Wenn sich nun aber durch Abholzung, Wasserabbau, die Verdunstung, der Niederschlag, der Verbrauch von Wasser verändert, dann trocknen diese Regionen weitgehend aus. In diesen Wäldern sind unglaubliche Mengen von Treibhausgas gebunden, wenn diese Wälder also sterben, dann werden allein durch das Sterben der Wälder wieder unglaubliche Treibhausgasmengen freigesetzt, und das ist auch so’n Kipp-Punkt: wenn es noch n bisschen wärmer wird, und der Regenwald funktioniert nicht mehr so wie bisher, dann macht es plötzlich bumm, und wir haben plötzlich viel Treibhausgas in der Atmosphäre, dann wieder auch ohne menschlichen Einfluss. 49:00

ML Solche Kipp-Punkte gab es ja in der Geschichte der Menschheit immer wieder… Beispiel?

DST Naja, wir haben ja Warmzeiten gehabt, immer wieder, auf der Erde, wir haben ja auch kalte Zeiten gehabt auf der Erde, wir haben ja auch fünf mal immer wieder Massenaussterben gehabt durch solche Einflüsse. Also das kann zum Beispiel auch n Vulkanausbruch sein, der soviel Schwefel oder andere Stoffe in die Atmosphäre gibt, dass dann was Schlimmes passiert. Das hat es übrigens – und das ist ein großes Missverständnis in der Politik – wir leiten ein Ereignis immer nur zurück auf Frauen und Männer, die irgendwann irgendwelche Entscheidungen getroffen haben. Aber wenn du beispielsweise an ein historisches, ein welthistorisches Ereignis wie die Französische Revolution, dann hat die auch was mit Ökologie zu tun. Die Menschen waren arm, und dann ist am andern Ende der Welt n Vulkan ausgebrochen, es gab vulkanische Winter, es gab, auf die Armut von Menschen draufgesetzt, dann noch Missernten, die ökologische Ursachen hatten. Dann wurde aus Armut fürchterlicher Hunger, und dann explodiert ein politisches Pulverfass.  [Mehr dazu HIER JR]

Auch unsere Flüchtlingskrise hat natürlich etwas mit Ökologie zu tun, Syrien hatte jahrelang Dürre, das hat die wirtschaftlichen Bedingungen vor Ort verstärkt, bevor der Bürgerkrieg ausbrach. Und wenn wir uns mal vorstellen, wieviel Hunderte von Millionen Menschen, die in Indien, in Bangladesh, auf den Malediven, die vielleicht nur ein zwei Meter über dem Meeresspiegel liegen, wenn die Meere ansteigen, wenn die ökologische Katastrophe weitergeht, dann wird das ganz schnell Weltpolitik. Und das wird leider immer ausgeblendet, wir reden über die Themen so, als wäre das nur ne Verhandlungsfrage, als müsste man nur sagen: „na, wir machen jetzt n anderes Einwanderungsgesetz, und dann ist das Problem vorbei.“ Wir müssen jetzt endlich mal lernen, das im Gesamtkontext zu sehen, wo der Mist eigentlich herkommt, der uns jeden Tage vor die Füße fällt. (50:36 Beifall)

ML An welchem Punkt … Dirk, an welchem Punkt kommt in dem Zusammenhang die Rippenqualle ins Spiel?

DST Ja, die Rippenqualle, ein bisschen das Problem, das hört sich dann plötzlich so albern an, die Rippenqualle! Die Rippenqualle ist ne ganz hübsche Qualle, die hat so (du hast so’n paar Bilder mitgebracht) ja, die Bilder kucken wir uns mal an: das ist noch keine Rippenqualle, Quallen gelten als Indikatoren für den Zustand der Meere, wenn es viele Fische gibt und Meeressäuger, die fressen Quallen, also wenn man die Fische zu sehr wegfängt, dann verquallen unsere Meere. Es gibt dann immer mehr. Und Rippenquallen hat es früher – das ist auch noch keine Rippenqualle – (auch schöne Tiere) – hier sehen wir jetzt die erste Rippenqualle in der Ostsee, wo sie eigentlich nicht hingehört. Das heißt, das ist ein Tier, das als Bioinvasor bei uns in eine Gegend nach Deutschland gekommen ist, wo es früher nicht gelebt hat. Durch äußere Umstände, weil es vielleicht im Wasser der Schiffe mitgefahren ist, oder durch Erderwärmung. Und diese Rippenqualle vermehrt sich jetzt, sie kann 15.000 Nachkömmlinge pro Tag erzeugen, das ist ne unglaubliche Zahl, und diese Wissenschaftlerin, die wir da so’n bisschen andeuten, hat hier z.B. Dorscheier in die Nähe der Rippenqualle gebracht, und die Rippenqualle frisst keine Dorscheier, das ist ne gute Nachricht. Aber dann hat sie ganz kleine Dorschlarven – da unten sehen wir eine – zu den Quallen gesetzt, und da sehen wir, was passiert: die Qualle frisst die. Und wenn wir nun n Jäger haben, der unsere sowieso schon bedrohten Dorschbestände noch im Babystadium auffrisst, dann kriegen wir noch n zusätzliches Problem mit Überfischung, auch da kann es natürlich n Kipp-Punkt geben. Wenn es irgendwann so wenig Dorsche gibt, dass die sich zur Befruchtung nicht mehr finden, dann bricht der Bestand von klein auf ganz zusammen.

ML Das ist das, was du meinst, wenn du sagst, du bist hier an dem Punkt, wo es egal ist, (ja!) was wir tun.

DST Und das ist n Missverständnis, es ist kein Gradient, es ist keine Ebene, die man hochgeht, sondern irgendwann an den point of no return, und da wollen wir nicht hin! Keiner kann seriös genau sagen, was dann passiert, egal, ob mit Klima, mit Ökologie, mit Artensterben, es gibt niemand, der sagt, dass er diesen point of no return erleben möchte. (Plastikmüll ist gerade so’n Riesenthema, in dem dieser junge Holländer…) Ja! Boyan Slat. (… der jetzt in der San Francisco Bay, glaube ich, die ersten Experimente macht, ja? Den Versuch sozusagen, Plastik aus dem Meer zu fischen. Ich find’s faszinierend, dass jemand in der Lage ist, … ist n sehr junger Mann …) so Mitte 20 (so: der entwickelt diese Idee, der sammelt Geld von Investoren, das mein ich! Wieder der amerikanische Pioniergeist, sagen o.k., sind wir dabei, unterstützen wir… du sagst aber: dennoch bin ich da eher skeptisch bei dem Versuch auf diese Art da Plastik aus dem Meer…). Ja, da muss ich wissen, dieser Schlauch, den er da hat, mit diesem Vorhang, der soll das Plastik einsammeln, der ist 600 Meter lang, kann man sagen: 600 Meter und die Größe der Ozeane, rein rechnerisch, das bringt gar nichts. Würde er jetzt antworten: wir ziehen das aber in die Regionen, wo sich Plastikinseln, Plastikansammlungen gebildet haben. Aber – das wenigste Plastik treibt an der Oberfläche. Wir haben etwa 140 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen. Das ist … genau! – weil man sichs nicht vorstellen kann …wenn man n Güterzug damit beladen würde, mit diesem Plastik, dann würde der von hier bis zum Mond und halb zurück reichen. So … soviel Müll (da kommt Frau Winterling wieder ins Spiel) genau! Soviel Müll ist in den Meeren und wenn man dann mit nem kleinen Vorhang die oberen drei Meter abfischen… und auch nicht weiß, was das mit der Ökologie an der Oberfläche macht, dann ist das ne gute Show, die Sinn macht, weil sie das Thema in die Diskussion bringt, aber das löst das Problem überhaupt nicht. (Und gibt’s auch da so einen Kipp-Punkt?) Bei Plastik ist das schwer zu sagen, weil wir ja nicht wissen… Plastik zersetzt sich ja dann, wird zu Mikroplastik, Mikroplastik ist alles, was kleiner ist als 5 Millimeter. Das wird aber auch ganz klein, und dann fressen Muscheln das, dann fressen Krebse das, dann die Fische, und wir wissen nicht, was dieser Kunststoff in unsern Körpern macht, Kunststoff selbst ist dann als anorganisches Material nicht so schädlich, aber da sind ja Weichmacher drin, Farbstoffe, und ganz ehrlich: ich möchte das nicht essen. (Fruchtbarkeit der Frauen usw. ganz viele Themen. Wir haben ja auch da immer so subjektiv das Gefühl: Plastik, da sind wir jetzt gar nicht so schlimm, wir Deutschen.) Wir sind der größte Plastikverbraucher in Europa! So wie wir der größte Braunkohleverfeuerer sind, so auch der größe Plastikverbraucher, und bis vor ein paar Jahren hatten wir’s ja bequem, wir haben ja dieses ganze Plastik verbraucht, wir haben n ganz gutes Einsammelsystem, also die Entsorgungsindustrie … oder … Einsammelindustrie … wir haben das nach China exportiert! Also wir haben den Müll, diesen Plastikmüll nicht wirklich recycelt, die Quote ?? gering, sondern wir exportieren dies in arme Länder, die dann daraus mehr oder weniger gut irgendwas machen. Und das ist natürlich ne ganz schwierige wirtschaftliche Verflechtung, ganz sicher nicht umweltfreundlich. Und dann gibt’s noch andere Sachen, die man bisher nicht wusste, das ist Mikroplastik, allein durch Autofahren in Deutschland – Autofahren! Was man ja gewöhnlich nicht aufm Meer tut, sondern auf Straßen irgendwo im Inland – gibt’s Abrieb von den Reifen, das ist Mikroplastik, und das sind ungefähr 100.000 Tonnen im Jahr. Und durch Regen wird das in die Flüsse gespült, und durch die Flüsse geht das ins Meer. Und das sind Probleme, die man vor kurzem noch gar nicht kannte, und hier haben wir wieder den Affen, der im Atomkraftwerk sitzt und russisches Roulette spielt. Intelligent genug, die Pistole zu bedienen, aber wir wissen nicht, was für Folgen das hat.

(O.Lafontaine: Die Kernfrage ist ja, ob in unserer Wirtschaftsordnung, die wir jetzt haben, das Problem noch zu lösen ist. Da würde mich ihre Frage [Antwort] mal interessieren!) 56:06

DST Ja, jetzt bin ich ja 50 Jahre alt geworden und hab gelernt, – also einer meiner Vorsätze zu meinem Geburtstag war, dass ich überhaupt nur noch über Dinge rede, von denen ich auch n bisschen was verstehe. Und das ist natürlich unheimlich schwierig. Aber wenn Konzerne Gewinn machen können und die Umweltkosten, die z.B. bei der Produktion eines Gutes herstellen [entstehen], auf die Allgemeinheit übertragen, also wenn ich irgendwas herstelle, dabei n Fluss verschmutze, streiche den Profit ein und die ganzen Steuerzahler müssen dann das Reinigen des Flusses bezahlen, dann läuft in dem Wirtschaftssystem was falsch. Und im Umweltschutz international wird ganz groß dieses Thema der Inwertsetzung von Natur diskutiert, dass also Dinge so bezahlt werden müssen, wie sie auch wirklich (wie hoch der Preis wirklich ist) genau! Auf allen Ebenen, nicht nur die Rohstoffe, sondern auch der Umweltschaden usw. (Beifall 56:52) Wenn ich Wasser aus einem Fluss rausnehme, um damit in meinem Chemiewerk was zu machen, dann muss ich auch die Reinigung dieses Wassers bezahlen, und das kann ich dann nicht den Arbeitnehmern und Steuerzahlern aufbürden. Also das ist die Idee, und am Ende muss man das auch über das Produkt mitbezahlen, sonst … dann würde sich das System von alleine steuern im Idealfall.

LANZ: Hinweis auf Naturfilmfestival in Eckernförde, das größte Europas… (folgt Zusammenschnitt aus Filmen). 12.-16. September. HIER

Wie tot ist klassische Musik?

Ich weiß, dass sie lebt!

Die Frage kann aus meiner Sicht also nur rhetorisch gestellt werden.

Aber es geht offensichtlich um ihre Präsenz im Bewusstsein der Gesellschaft und um die reale Teilnahme der Gesellschaft an ihrer Präsentierung in Konzertsälen und Opernhäusern, bei Festivals und in Schulen. Welche Rolle spielt klassische Musik?

Ich benutze also die Frage, die mir nicht gleichgültig sein kann, obwohl ich persönlich heute mit mehr klassischer Musik aller Genres konfrontiert bin als zu jedem anderen Zeitpunkt meines Lebens, ausschließlich um den Stand der Diskussion zu vergegenwärtigen:

Berthold Seliger hat ein aufsehenerregendes Buch geschrieben, das ich am 4. Oktober 2017 hier vorgestellt und später noch einmal thematisiert habe (hier) ; inzwischen ist man ihm in den Medien immer wieder begegnet. Mich als Fan des Autors interessiert natürlich auch, was an Gegenargumenten gebracht wird und könnte im folgenden FAZ-Artikel ein Beispiel gefunden haben:

 nachzulesen HIER

Ein willkommener Anlass für Berthold Seliger, noch einmal ins Detail zu gehen:

10.08.2018. Fragen Sie mal Abiturienten, was eine Sonatenform ist, oder versuchen Sie, sich von diesen eine Bach-Fuge erklären zu lassen. Und Kinder aus ärmeren Haushalten haben kaum je Chancen, die klassische Musik überhaupt kennenzulernen. Es hat keinen Sinn, die Klassikkrise mit Schönungen der Statistik zu kaschieren.  Antwort auf einen Artikel des FAZ-Kritikers Jan Brachmann. –

Den ganzen Essay NEUE ZÄHLWEISE von Berthold Seliger lesen Sie HIER oder Sie gehen, wenn Sie zugleich einen Überblick über weitere Texte des Autors gewinnen möchten, direkt auf seine eigene Website: HIER.

Brand an Land, Müll im Meer

Ein Memento in der Lanz-Sendung

 Sendung HIER

Die Sendung ist weiterhin abrufbar (bis 14. November) und auch verständlich, sofern wir Ohren haben. Nur die in der Live-Sendung eingespielten Bildsequenzen fehlen. Zusätzlich an dieser Stelle nur die Chance, das Gehörte genauer zu bedenken.

Es folgt also der nach Gehör niedergeschriebene Text (noch nicht abschließend  korrigiert), d.h. in dieser Form ohne Gewähr. Ein paar Links zur Ergänzung wurden eingefügt (JR.)

Ab 4:00 [Plastik im Meer: Manilas Strände siehe hier in GEO]

Markus LANZ: Ein paar Bilder müssen wir mal so aufarbeiten, z.B. diese hier: Waldbrände in Deutschland. Haben Sie in Erinnerung, dass wir die in der Dimension schon mal gesehen haben?

Harald LESCH: Nein! Also das ist jetzt ne ganz neue Entwicklung. Wir haben ja in diesem Jahr eben ne Wettersituation gehabt, wo sehr sehr lange überhaupt kein Regen gefallen ist, was wir da sehen: gerade Ostdeutschland, Brandenburg, haben ja über Monate hinweg überhaupt keine Niederschläge gehabt. Dann passiert eben das, was passieren muss, wenn es warm ist, wenn es trocken ist: dann reicht ein Funke aus, und es muss gar kein Zigarettenraucher gewesen sein, sondern einfach nur ne Scherbe oder sowas, und dann fängt es eben an zu brennen, und wir sehen es ja eben auf der ganzen Welt, also nicht nur hier bei uns, sondern auf der Nordhalbkugel ist es enorm heiß geworden, und es ist ein Zeichen dafür, und – um es gleich in einen größeren Zusammenhang zu stellen – da unsere Atmosphäre also viel mehr Energie speichern kann. Sie kann mehr Energie speichern, weil entsprechende Gase da sind, die dieses Speicherphänomen beschleunigen, und wir sind daran beteiligt. Was wir jetzt sehen – so wie letztes Jahr wenn wir an letztes Jahr denken wollen, da gabs ne Hitzewelle, die hatte den schönen Namen „Luzifer“ (wie passend, ja, der Vorhof zur Hölle), ja, und das ist ausgelöst worden durch „Ophelia“, das war ein Sturm, ein Hurrikan, der eben diesmal nicht in Richtung der USA weggezogen sind, sondern auf die Iberische Halbinsel gezogen ist und die Iberische Halbinsel in Flammen gesetzt hat, ja, das was wir einfach erleben, ist eine hochdynamische Atmosphäre, die wir dynamisiert haben dadurch, dass wir seit rund 200 Jahren Treibhausgase emittieren wie die Weltmeister und das eben weiter und weiter beschleunigen.

LANZ Wir werden darüber noch ausführlich sprechen, was das bedeutet, dass was das für uns konkret bedeutet, was wir heute schon unternehmen, um die Folgen des Klimawandels in den Griff zu über die aber kein Mensch offensichtlich spricht (Genau, genau!)

LESCH Also gerade die Länderregierung, die Regierung der Bundesländer, müssten viel häufiger der Öffentlichkeit mitteilen, was muss jetzt bereits getan werden, um mit den Folgen des Klimawandels klarzukommen. Das betrifft die Landwirtschaft, das betrifft aber auch den Tourismus, das in vielerlei Hinsichten… (läuft das schon? Also was passiert denn da konkret?) Also da wird z.B. Wasser transportiert, es gibt Bereiche z.B. in Bayern, gibt’s Bereiche, wo das Grundwasser sehr niedrig ist, das Grundwasser kann sich ja nur erneuern, wenn es im Winter genügend Niederschläge gibt, im Sommer und im Frühling nimmt die Vegetation das Wasser auf, also es verdunstet, also wenn die Winter zu trocken werden, dann bleibt das Grundwasser niedrig, also muss Wasser dahingepumpt werden. Oder man denke nur an die Probleme, die wir im Alpenraum haben, also dass tatsächlich die Berge instabiler werden, d.h. es gibt mehr Erdrutsche, das Auftauen… das bisschen Permafrost, das es noch gibt, die Verluste an Gletscherflächen innerhalb von Deutschland hat man gerade. Was die Wasserwirtschaft betrifft, große Anstrengungen muss man unternehmen, um das einigermaßen noch in der Balance zu halten, und wenn jetzt z.B. die Bauern danach rufen: wir brauchen Unterstützung, dann kann ich eigentlich nur sagen, das ist genau bei der ganzen Diskussion über Klima sollte man eigentlich mit den Menschen sprechen, die davon leben, was aus dem Boden kommt. Das sind diejenigen, die seit Jahrzehnten ganz genau merken, wie sich das allmählich verändert, also selbst wenn man uns Wissenschaftlern gar nicht glauben würde: Glaubt den Winzern! Glaubt denjenigen, die in den Bergen leben, denjenigen, die davon leben, was da aus dem Boden herauskommt (Beifall), und das sind diejenigen, die uns eben mitteilen: das Klima hat sich dramatisch verändert, und vor allen Dingen: es hat sich sehr sehr stark beschleunigt, und wenn dann noch die entsprechende Wetterlage dazukommt – denn das muss man unterscheiden: Klima ist das über 30 Jahre ermittelte Wetter, – wenn dann noch die entsprechende Wetterlage dazukommt, dann werden die Anstrengungen, die wir von der Infrastruktur her machen müssen, auch die finanziellen Anstrengungen, die werden immer größer. Und im Grunde genommen schreibt uns jedes Jahr die Natur das Menetekel immer deutlicher und deutlicher an die Wand.

LANZ So das ist jetzt sozusagen die eine Seite, die wir grad gesehen haben, die andere Seite, die Kehrseite der Medaille, sind Bilder, wie diese hier. Unglaublich, welche Starkstromregen plötzlich aus dem Nichts kommen; ist das die andere Seite, mit der wir in Zukunft häufiger zu tun haben?

LESCH Ja klar. Das was wir da sehen… das Wort Starkregen gibts ja noch gar nicht so lange in der deutschen Sprache, das haben wir noch nicht so lange, … da lohnt es sich mit 90-Jährigen zu sprechen, und die sagen dann so Sätze wie „Das habe ja noch nie erlebt“, also die Leute mal aus ihrer Lebenserfahrung erzählen zu lassen: „Wann hast du denn das letzte Mal sowas mitgekriegt? Denn solche Ereignisse bleiben tatsächlich im Gedächtnis, es gibt ja aus den letzten Jahren noch so wunderbare Bilder… ja … ja, das sind einfach … die volle Wucht des Sturmes sozusagen, und sowas kennt man im allgemeinen eher aus so amerikanischen Twisterfilmen (Tornado!), ja, das ist doch auch mal ganz nett, wie das Wasser da so stehen bleibt, die Kanalisation es nicht mehr aufnehmen kann. Es gab im letzten Jahr mal son Film, so ein Feuerwehrwagen, der mit Blaulicht an der Kamera vorbeigerauscht ist, der hat noch versucht zu retten, aber die Flut hat ihn mitgenommen, das hat damit zu tun, dass eben diese enorme Wucht der Atmosphäre führt eben nicht nur zu langen Dürreperioden, sondern auch dazu, dass sich eben die Luftmassen sehr sehr stark mit Wasser aufladen, und dann kann ich nur sagen – braucht man kein Physikstudium für – ja, Regen ist Wasser, das von oben nach unten fällt. Ja. Und dann kann man fragen, wie kommt Wasser da oben hin? Erstens – wir wissen alle, dass es durch Verdunstung da hinkommt, aber wann verdunstet mehr Wasser? 1. wenns wärmer wird, b) es wird kälter oder c) Sie möchten jemand anrufen? Ja? Gibt ja so … Sieht man ganz klar: es wird einfach wärmer, dadurch werden auch diese Starkregenereignisse dramatischer. Und son Ereignis wie in Simbach am Inn, [Info siehe hier], das kostet den Freistaat Bayern ne halbe Milliarde, um das wieder hinzukriegen, das sind also auch enorme volkswirtschaftliche Kosten, die da (ist aber immer ein Symptom, im Grunde…) ja, wir glauben ja nicht, dass es so ist, – jetzt muss ich mal so nach links kucken, ich muss nicht mal… ich könnte irgendwohin kucken, (aber SPD ist bei links noch richtiger) ich meine jetzt: in der Politik geht es ja um Interessen, und in den Wissenschaften geht’s um Inhalte. Wenn wir also Inhalte präsentieren, und die werden von den Interessenverbänden … und die werden von den Interessenverbänden, die im politischen Raum tätig werden, nicht akzeptiert, sondern man diskutiert noch darüber, dann kann ich nur sagen: das eine ist Meinung, und das andere ist Ahnung, ja? Ahnung im Sinne von Sachkompetenz. (10:02) (Beifall) Und was wir … wenn ich mich vor meine Studenten stelle und sage: Meine Generation hats total vermasselt, dann meine ich damit, dass wirs nicht geschafft haben, im politischen Raum so stark zu werden, mit dem ökologischen Knowhow, das wir haben, dass Politik sich in Deutschland an dem orientiert, was das Schicksal derjenigen ist, die noch gar nicht da sind. Nämlich ne Ethik, ne moralische Dimension in die Politik einzubauen, die darüber spricht: wie wollen wir, dass Deutschland in 10, 20 oder 30 Jahren aussieht? Was wird mit den Kindern, was wird mit unsern Enkeln, in welchen Lebensräumen sollen da eigentlich dastehen, wir reden über Quartalsberichte in Deutschland, also über Renditeerwartungen, wir reden darüber, dass z.B. Ministerpräsidenten in Deutschland sagen: „Kohle? Aus der Kohle kommen wir vor 2045 nicht raus!“ Dabei geht es um 20.000 Arbeitsplätze, in der Erneuerbaren arbeiten 380.000 Menschen. Das heißt: die Dimensionen, der Art und Weise, wie wir mit dem Klimawandel umgehen müssen, was die Energiewende z.B. betrifft, die haben wir politisch in keiner Weise wirklich verstanden. Es gibt zwar Parteien, die sich dem ökologischen Thema zugewandt haben, aber die großen Volksparteien haben, was das betrifft, meiner Ansicht nach total versagt (wenn sie …), sonst sähe die Bundesrepublik ganz anders aus. (Beifall)

LANZ Wenn Sie so sagen „Volksparteien“ (lacht mit Blick auf Lars Klingbeil), meinen Sie auch noch die SPD, nehme ich an…

LESCH: die Sozialdemokraten genau so wie die CDU und CSU, ja. Mir geht es ehrlich gesagt so etwas auf die Nerven: wir haben seit Ewigkeiten das Thema Klimawandel auf der Agenda (seit wann, Herr Lesch, ist es eigentlich von dem wir sagen, das müssten führende Politiker … und ich bin immer wieder überrascht, was Leute auch wie Sie auf dem Radar haben. Also Ihr wisst wirklich ne Menge, bis ins letzte Detail hinein, ab wann konnte man das eigentlich wissen, global betrachtet, dass da irgendwas in Bewegung geraten ist, 70er Jahre?)

LESCH Also es gibt eine interessante Geschichte: die Münchner Rückversicherung hat 1972 zum erstenmal in einem kleinen Zeitungsartikel auf die Risiken des Klimawandels hingewiesen. Und auch da kann ich nur immer wieder sagen: Wenn Sie uns Wissenschaftlern nicht glauben, – vielleicht glauben Sie den Unternehmen, die Geld verdienen damit, dass eben solche Risiken für die eine große Bedeutung haben, (1972 war das…) 1972, also kurz nach dem Club-of-Rome-Bericht (also; Grenzen des Wachstums, dieser berühmte Bericht) genau! und dann fing die Münchner Rück an und hat also ne Geo-Risikoabteilung gegründet, – wo also die Risiken abgeschätzt wurden… ist ja klar, ne Versicherungsgesellschaft hat n großes Interesse daran.[Info siehe hier] Risiko im Sinne einer Zukunft, die nicht stattfinden soll. Das ist eine Risiko, das ich vermeiden will. Das heißt, dann haben die angefangen, das eben zu sammeln, das ist eine der tollsten Datenbanken für Naturkatastrophen, unheimlich toll, und seitdem ist es alo immer und immer wieder in der Agenda, und man kann dann in der Historie der Klimaforschung kann man sehen: Am Anfang wurde noch gefordert, na so genau wisst ihr das ja noch gar nicht! Da warens nur 75 Prozent Wahrscheinlichkeit, dann warens 95, dann hieß es, ja das sind ja immer noch 5 Prozent, die Politik hat eigentlich, obwohl die Lücken immer kleiner und kleiner wurden, einfach nicht hinreichend schnell reagiert. Ich würde mal gern das Gedankenexperiment nur mal anreißen: was wäre eigentlich gewesen, wenn die Bundesrepublik Deutschland sich 1955 statt für die Kernkraft für die Windkraft entschieden hätte? Denn Wind, das ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, gab es schon, bevor es die Windräder gab, ja? Das ist also schon sehr lange in der menschlichen Geschichte da, und man hätte sich sehr wohl überlegen könne, eine Technologie zu entwickeln, die mit dieser ganz einfachen Art und Weise Energie verteilt. Stattdessen haben wir uns bei der Kernkraft völlig verhoben, denn – das habe ich meinen Studenten übrigens auch gesagt – ihr werdet zweistellige und möglicherweise noch weit höhere Milliardenbeträge dareinsetzen, denn wir bieten euch kein Endlager an, wir haben noch keins, ihr werdet es mit der Asse möglicherweise mit einem Lager zu tun haben, da werdet ihr 15 Milliarden reinstecken müssen, um den ganzen Dreck wieder an die Oberfläche zu holen [Info siehe hier]. Das heißt: das ist ja auch ne Sackgassentechnologie gewesen, die von vornherein, nicht einen Moment mal wirklich drüber nachgedacht hat, wohin mit den strahlenden Abfällen! (Warum eigentlich nicht!?) Und das kann ich nicht verstehen!

 Harald Lesch s.a. Wikipedia hier

Tja, das fragen Sie mal die Herrschaften von damals… die sich ja offenbar ne große Sicherung des Energiebedarfs der Bundesrepublik versprochen haben durch die Kernkraftwerke, und die Volksparteien waren alle sehr beteiligt daran, die Kernkraft in Deutschland auszubauen, aber was das Endlager betrifft, da sind ja zum Teil haarsträubende Entscheidungen gefallen. (Bevor wir gleich über das Politische weitersprechen, rein zur physikalischen, – der Hobbyphysiker in mir stellt sich grad eine wahrscheinlich verwegene Frage: wenn wir Wind benutzen, um Energie herzustellen, gibt’s irgendwann den Punk, an dem Schluss ist?)

LESCH Die erneuerbaren Energien sind keine unerschöpflichen. Die erneuerbaren Energien sind ja alle Energien, die letztendlich damit zu tun haben, dass der Planet Erde sich unter der Sonne dreht, und da kann man sich natürlich die Frage stellen, wenn wir weiter 4 Prozent Steigerung habe, wann wäre denn der Zeitpunkt, wo wir den gesamten Planeten Erde mit Photovoltaik bekachelt hätten? Ja? Wie lange wird es dauern? 823 Jahre. Ja, dann wärs erledigt. Ja, wir sind … in wenigen Jahrhunderten hätten wir das Maximum der Erneuerbaren erreicht… (Und wie ist es mit Wind? Hört der irgendwann auf?) Na klar, wenn wir richtig viel Windpower, na da sind wir noch weit entfernt, wenn wir richtig viel Windpower da reinstecken, dann würden wir auch die atmosphärischen Strömungen verändern, und das ist ja im übrigen (und irgendwann kommt der Wind zum Stillstand) …kommt nicht zum Stillstand, aber nehmen dann soviel Energie raus, dass die Windströmung sich auf der Erde nennenswert verändern werden. (So, diese Windströmungen, über die wir grade sprechen, da gibt’s ja diese berühmten Jetstreams, das sich ja diese starken – atmosphärischen – Strömungen hoch oben in der Luft, die uns sozusagen helfen, sehr schnell von Amerika Richtung Europa zu fliegen, ) ja… (BILDER ?) diese Erwärmung über dem Äquator, d.h. die Ludtströmungen fließen nach Norden und Süden ab, und dann gibt es eben oben in der Arktis dieses große Windsystem, das sind die Jetstreams, und die werden, natürlich auch angetrieben durch den großen Temperaturunterschied zwischen der Arktis und der Umgebung und jde geringer dieser Temperaturunterschied ist, um so langsamer werden diese Windströme. Jeder der zu Hause im Garten, ,an kann das mit dem Gartenschlauch austesten: wenn der Wasserstrahl sehr schnell ist, dann ist der ziemlich schwierig in Schwingung zu setzen, wenn der aber langsam ist, dann braucht man den nur son bisschen zu bewegen, und genau das passiert bei den Jetstreams eben aktuell auch: Je wärmer die Arktis wird, um so geringer sind die Temperaturunterschiede zwischen Arktis und Nichtarktis, die Jetstreams werden langsamer, werden instabiler, das Resultat kann man sehen, sowohl an Starkregenereignissen als auch an solchen Perioden (die dann so lange dauern) die dann so lange dauern, die Strömungen werden nicht schnell genug weggeschoben sozusagen, und es bleibt so lange bei der Wetterlage, die dann so katastrophal endet, wie wir das in diesem Sommer hatten.

LANZ: Interessant. (16:43) Claudia Kade, warum tut sich Politik da so schwer? Das wäre doch eigentlich ne Riesenchance für die SPD etc.

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Meldung von HEUTE, 16.08.2018

Wie Deutschland sein Klimaziel noch erreichen kann

Die neue Fraunhofer-Studie HIER

Noch etwas zur Öko-Hoffnung: Vortrag von Dr. Michael Kopatz „Ökoroutine – Damit wir tun, was wir für richtig halten“,  gehalten am 09. Februar 2017 im Rahmen des Münchner Forum Nachhaltigkeit.

Wer lieber liest als hört, kann das zum gleichen Thema  hier tun (ZEIT online).

Und weiter in DIE ZEIT am 23. August 2018

 Über die Autorin Petra Pinzler hier.

Sehr lesenswert auch der andere (große) Artikel. Zitat:

Die Hoffnung auf die Politik hat Berthold inzwischen aufgegeben. „In der Landwirtschaft lässt sich das Rad nicht zurückdrehen. Die gesellschaftlichen Strukturen lassen das nicht zu“, glaubt er. „Ändern würde sich nur etwas durch eine Art Mais-Aids oder die Afrikanische Schweinepest oder eine Geflügelseuche oder am besten alles drei.“ Darauf wartet Peter Berthold. Auf den großen Knall.

Bis der kommt, engagiert er sich selbst.

Quelle DIE ZEIT 23. August 2018 Seite 6 POLITIK Tschüss, Lerche Heimatverlust: In Deutschland gibt es kaum noch Feldlerchen. Wer den Vogel retten will – und wie die Politik das verhindert / Von Merlind Theile /

Über Peter Berthold: Wikipedia hier.

(Fortsetzung folgt)

Was niemand lesen mag

Abmahnung

Was niemand lesen mag, will ich wenigstens gespeichert haben. Es gab schon viele Meldungen dieser Art, man kann es leicht googeln, Stichworte Klima, Ignoranz, Vogel-Strauß-Reaktion, ich weiß nicht was alles… Aber will man es auch lesen?

SZ Klima Gegen die Wand 180515 (2) Foto: DPA

Quelle Süddeutsche Zeitung Dienstag 15. Mai 2018 Seite 11  Gegen die Wand Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber über das Irrsinnstempo, mit dem die Menschheit gerade auf die Katastrophe zusteuert. (Interview: Alex Rühle)

Lesen bedeutet auch: lesen wollen. Nicht nur  das Bild loben und die Tatsache, dass dieses Thema mal wieder angepackt wird. Oder die Fernsehsendung, die darüber Auskunft gibt, weshalb wir ausweichen. Angenommen sie läuft schon: werde ich durchhalten? Was steht im Teletext? Dauert ca 60 Minuten. Die Zeit habe ich nicht. Nicht jetzt. Nicht HIER.

Selbstsabotage
Warum tut der Mensch nicht das, was gut für ihn ist?: Wir wissen durchaus, was gut für uns ist – für unsere Gesundheit, die Umwelt und die Gesellschaft – dennoch handeln wir nicht danach. Warum?

HIER

Aus. Schon vorbei. Niemand muss es lesen. Auch nicht anklicken. Und mir ist genug, es notiert zu haben. Leben Sie wohl.

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Nachtrag 25. Mai 2015 Leuchtzeichen aus Langeoog

Langeoog Klima Familie Recktenwald!!! (Solinger Tageblatt  25.05.18)

Zur Erinnerung: in die Suchleiste (oben rechts) „Langeoog“ eingeben, u.a. hierher

Langeoog News Screenshot 2018-05-25 20.33.00

Screenshot Langeoog News, – mehr zur Initiative Recktenwald: HIER.

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Alles übertrieben?

Man könnte die Situation mit einem leckgeschlagenen Schiff auf hoher See vergleichen. Natürlich gibt es auch neben dieser Havarie Probleme: Das Essen in der dritten Klasse ist miserabel, die Matrosen werden ausgebeutet, die Musikkapelle spielt deutsche Schlager, aber wenn das Schiff untergeht, ist all das irrelevant. Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, wenn wir das Schiff nicht über Wasser halten können, brauchen wir über Einkommensverteilung, Rassismus und guten Geschmack nicht mehr nachzudenken.

Quelle siehe ganz oben: Gegen die Wand Schlussabschnitt

Von der Zukunft

Digitalisierung und Energieeffizienz

Diese Überschrift klingt abschreckend, das weiß ich. Aber sie kommt ja aus dem Alltag, den ich gern schriftlich „bewältige“. Ob nun – wie heute morgen – im Wartezimmer des Arztes sitzend, wo ich mich durch Flow-Assoziationen abzulenken suche (siehe Foto unten) oder ob ich donnerstags die allzu umfangreiche ZEIT aufschlage, in den Garten gehe oder am Klavier sitze. Und auch dort darauf warte, dass im Praeludium B-dur, das ich übe, endlich die Fingersätze so sitzen, dass ein Flow entstehen kann. Eine Symbiose von Mensch und Klavier (wie Anne-Sophie Mutter in etwa sagte, – Sie erinnern sich? -,  genau, und ihretwegen erwähne bewusst die Geige nicht. Und auch nicht Roger Federer. Noch weniger Jean Biermans‘ Turbo-Levo. Ganz zu schweigen von Michelangelo und der Sixtinischen Kapelle.) Während ich Stinkers Aufstieg studiere (siehe zweites Handy-Foto unten), fällt immer wieder mein Blick auf die Reklame für das neue Buch von Precht (ist er vielleicht mein Federer?), hat er nicht vor ein paar Tagen bei Lanz im ZDF so beispielhaft über die Zukunft gesprochen? … und das Wort Energieeffizienz gebraucht und das Unperfekte am Menschen gelobt, als habe Anne-Sophie Mutter nie existiert? All dem muss ich nachgehen…

Flow Mountainbike April 2018 ZEIT Jessen & Precht 180420 Handy JR

Gespräch bei LANZ ZDF 24. April 2018 (hier), abrufbar nur bis 24. Mai!

Ein Ausschnitt daraus, verschriftlicht:

Philipp Westermeyer (34:03):

Prinzipiell sind wir global gesehen und auch insbesondere in dieser ganzen Digitalisierungsblase auf einem sehr, sehr guten Weg, und so’n bisschen verstellen wir uns grad selber die Sicht und schauen jetzt auf den Datenskandal … und Trump … auf die extremen negativen Auswüchse dessen… Aber: Fundamental wird die Welt … oder ist die Welt dabei, immer besser zu werden, und das finde ich kommt viel zu wenig raus in solchen Gesprächen und auch häufig ehrlicherweise in Ihren Büchern oder so, weil das natürlicherweise auch vielleicht noch spannender anhört, wenn man das alles negativ beschreibt, aber es ist in Wahrheit positiv. (Lanz: Da tun Sie ihm gerade unrecht!)

Richard David Precht:

Also jetzt mal ganz klar, ich hab je eben vorhin versucht zu erklären: Die Vorstellung, dass wir unsere gegenwärtige Arbeitsgesellschaft verändern, hin in eine Gesellschaft, in der keiner mehr existentielle Angst vor Jobverlust haben muss, indem die Menschen durch ein Grundeinkommen abgesichert werden, indem mehr selbstbestimmte Tätigkeit und weniger entfremdete Tätigkeit vorkommt, – das alles sind doch positive Visionen! Das ist doch in keiner Form negativ! Das einzige, wo ich persönlich … es gibt nur einen einzigen Punkt, bei dem ich pessimistisch bin in der ganzen Diskussion, und dieser einzige Punkt ist, dass die Digitalisierung einen wahnsinnigen Energieverbrauch hat und dass diese Energie zu einem erhebliche Teil durch fossile Energien geleistet wird, d.h. also weiterhin durch Kohle, Öl usw., und wenn wir auf diese Weise zulassen, dass sich die Erd[wärm]e noch um zwei, drei weitere Grad erhöhen [wird], dann werden wir die Migrationsströme, die ökologische Katastrophe, den Klimawandel usw. nicht überleben. Und deswegen ist eines der wichtigsten Dinge – und das ist der einzige Punkt, vor dem ich richtig Angst habe – , dass wir die Digitalisierung nicht jenseits der Energiediskussion führen, sondern diese beiden Diskussionen miteinander vertackern, weil es natürlich Möglichkeiten gibt, digital energieeffizienter (achso!) zu arbeiten und Energie zu sparen, aber insgesamt verbrauchen wir bislang durch die Digitalisierung immer, immer, immer mehr Strom.

Philipp Westermeyer:

Aber wenn es eine Chance … oder wenn wir über die nächsten hundert oder tausend Jahre auf dieser Welt leben wollen, und wir werden immer mehr Menschen, wenn das irgendwie klappen soll, dann nur über Technologie! Ohne wird’s eh nicht funktionieren…

Precht:

Ich rede ja nicht gegen Technologie, ich rede… mein ganzes Plädoyer ist nicht gegen Technik zu sein, sondern zu überlegen, was ist der beste HUMANE Ansatz, wie integrieren wir Technologie, wie sorgen wir dafür, dass Menschen nicht irgendwann wie im Silicon Valley in deren Visionen-[?] wir ein defizienter Computer sind in der Wahrnehmung. Wie errechnen wir sozusagen das Mitgefühl, das Menschen ausmacht, das Unperfekte am Menschen, wie lassen wir das in einer Gesellschaft zu, die einem Perfektionswahn unterliegt: Alles das sind die Fragen, die ich habe. Ich möchte die Technik für den Menschen nutzen, und ich will nicht, dass der Mensch irgendwann zum Sklaven der Technik wird. (36:47 Beifall)

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Es haben sich schon viele Leute aufgeregt über den Abgasskandal, ich auch, aber von dieser Seite, die in dem ZEIT-Artikel entwickelt wird, ist er wohl noch nie betrachtet worden. Ich muss mir wenigstens die Sätze notieren, die ich mir – wie man vielleicht oben auf dem Foto erkennt – angestrichen habe. Voller Bewunderung für den Autor Jens Jessen.

Das Ausmaß der Abgaslüge wird im Allgemeinen noch weniger gern berechnet als das Ausmaß der Abgaswolke; wahrscheinlich weil die moralische Katastrophe die ökologische bei Weitem übertrifft. (…)

Im Hintergrund der Dieselaffäre vibrieren Emotionen, die tiefer gehen als der Eindruck von Betrug und Vertuschung. Es sind Gefühle von Kränkung, beschädigtem Stolz, verlorener Unschuld, auch von jäh gestopptem Aufstieg, verflogener Zukunftshoffnung. Sie betreffen tatsächlich nicht nur die Automobilindustrie. Für Deutschland kann man sagen: Sie betreffen die Nation. Es ist interessant zu beobachten, wie nonchalant oder jedenfalls rein juristisch die Verfehlungen der Industrie in Italien und Frankreich behandelt werden. Das liegt nicht daran, dass dort die Empörung in der Sache geringer wäre, sondern dass man den Betrug ohne Verblüffung zur Kenntnis nimmt: Genau so etwas hat man den Konzernen immer zugetraut. Italiener oder Franzosen haben den Schwindel gewissermaßen nicht persönlich genommen, das heißt sich niemals als Teil einer Verheißung gesehen, die dem Dieselmotor Erlösungsqualitäten zumaß.

Wie bitte? Alle Antennen sind aufgerichtet, ich glaube nicht, dass jemand bis hierher gelesen hat, und dann nicht weiterliest bis zum letzten Wort des Artikels. Der Stachel mit dem Nationenvergleich sitzt. Und dann das Wort „Erlösungsqualitäten“, steigt da nicht die Ahnung auf, dass wir als hoffnungslose Romantiker, verkappte Wagnerianer entlarvt werden sollen? Müssen wir uns das gefallen lassen, die wir immer noch als Musterschüler Europas gelten könnten, mit etwas gutem Willen. Und nun – winkt da nicht wieder eine Moralkeule? Ich greife nur noch einzelne Passagen heraus, die also nicht mehr mit logischen Fäden verbunden sein müssen. Man wird den Artikel mit Sicherheit online wiederfinden (mit schönen Leser-Repliken).

Die Hochzüchtung des einst bei allen Völkern verachteten Dieselmotors zu sportwagentauglichen Leistungen spiegelt auf frappante Weise die Zähigkeit, mit der sich Deutschland in der gleichen Zeit zur anerkannten Wirtschaftsmacht Europas hocharbeitete. (…) Alles, was sich über Deutsche sagen lässt, kann man auch über Diesel sagen.

… Denn die gleiche Technik, die den Verbrauch senkte, wurde bald genutzt, um die Leistung nach oben zu treiben. Beides hängt an der sogenannten Literleistung. Wenn man sie steigert, lässt sich bei gleichbleibendem Verbrauch die Leistung erhöhen. Letzteres war der Weg, der den Diesel in die automobile Oberklasse führte und ihn dort die alte Elite der leise und locker laufenden, aber auch fröhlich saufenden Benziner angreifen ließ. So gelang die Veredelung des Unedlen – die Einführung des hemdsärmeligen Proletariers in die bessere Gesellschaft. (…)

So hat der Abgasskandal nicht nur einen Betrug ans Licht gebracht, sondern vor allem etwas, von dem die moderne Gesellschaft niemals hören möchte: die unversöhnbare Widersprüchlichkeit, philosophisch gesprochen die Heterogenität der Zwecke. Man kann nicht alles auf einmal haben, was man jedes für sich gern hätte. Ein auf Leistung oder Sparsamkeit hochgezüchteter Diesel ist nicht sauber, einmal abgesehen davon, dass schon Sparsamkeit und Leistung nicht recht zusammengehen (als absolute Ziele unvereinbar sind). Alles drei auf einmal zu haben aber ist genauso unmöglich, wie es unmöglich ist, alle Mitglieder einer Gesellschaft das gleiche märchenhafte Niveau von Wohlstand und Überfluss erreichen zu lassen, ohne dass die Umwelt zum Teufel geht (und wahrscheinlich schon zuvor das arbeitsteilige Prinzip der Wirtschaft). In dieser übergreifenden Einsicht liegt das gewaltige Entmutigungspotential der Abgasaffäre. (…)

Quelle DIE ZEIT No.18 26. April 2018 Seite 41: Stinkers Aufstieg Warum betrifft die Abgasaffäre eigentlich die ganze Nation? Zur Sozialpsychologie des deutschen Dieselmotors. Von Jens Jessen.

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Und nun müsste dieses Dilemma nur noch mit dem oben aufgetauchten zwischen Digitalisierungsverheißung und Energieeffizienz zusammengebracht – und aufgelöst werden, vielleicht leben wir dann doch einmal in der besten aller möglichen Welten. Oder wollen wir uns etwa auf Voltaires Seite schlagen? (vgl. hier).

Nachtrag 10.05.2018

Weiterführender Ansatz von Philipp von Becker (01.05. 2018) siehe Telepolis HIER. (Dank an JMR!)

ZITAT

Will man die Debatte politisch aufladen, müssten im Kontext von Big Data deshalb nicht allein Fragen der Privatsphäre und des Datenschutzes, sondern auch weitere strukturelle Merkmale und Zusammenhänge der „Datafizierung“ der Welt in den Blick genommen werden. Dabei gilt: Die messbare Seite der Welt ist nicht die Welt, und die Messung der Welt ist auch nicht zwangsläufig ein wertneutrales Abbilden einer „objektiven Realität“, sondern oftmals ein performativer Akt, durch den bestimmte Weltbeziehungen erst neu entstehen beziehungsweise verstärkt und legitimiert werden.

Der Soziologe Steffen Mau hat diesen zentralen Zusammenhang in seinem Buch „Das metrische Wir“ eindrucksvoll analysiert. In den Worten Maus stellen Daten nicht notwendigerweise „Repräsentationen der Wirklichkeit“, sondern vielmehr oft „Repräsentationen von Wertigkeitsordnungen“ dar. Oder anders ausgedrückt: „Zahlen zeigen Wert nicht nur an, sie teilen ihn auch zu.“