Kategorie-Archiv: Gesellschaft

Aktuelles in Kürze

Heute wurde der Beitrag Indische Musik in der Elbphilharmonie (Hier) um 1 Foto und 2 Links mit Raga Jog ergänzt.

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Heute Nacht habe ich zu später Stunde im WDR-Fernsehen die Gruppe CAN gesehen. Eine skurille Vorstellung von Anfang der 70er Jahre, eine Form von Anti-Musik, einziges Rückgrat: das unerbittlich durchgezogene Schlagzeug. (Heute Morgen eruiert: da saß der soeben verstorbene Jaki Liebezeit in seinen frühen Jahren.) Das Exotischste nicht der japanische Sänger oder Solo-Zeilen-Schreier, dessen Gesicht hinter senkrecht verklebten langen Haarsträhnen verborgen war, sondern das jugendliche Publikum: sofern die Trauergestalten nicht vom Veitstanz (oder von Drogen) geschüttelt waren, standen sie in lethargischer Haltung herum, verlegen, als seien sie hier zwangsverpflichtet. Die Lustlosigkeit des Lebens in Perfektion. Ein schrecklicher Ernst, wie mitten im Krieg…

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Oder??? Ich lasse hier gleich die spontan gemailte Kritik von Freund BS folgen und bin bereit umzuschwenken: ich war schon ziemlich müde letzte Nacht):

Deinen Absatz zu Can finde ich allerdings etwas hart. Das war schon eine o.k.e Gruppe, im Nachhinein betrachtet, ich konnte damals (da war ich ja noch ein Teenager) nicht viel damit anfangen, wie mit der ganzen deutschen Popmusik der 1970er Jahre, ich habe mal Amon Düül in Oberbayern im Wald auf einem kleinen Festival gesehen, das fand ich sehr merkwürdig, Kiffermusik, die mich vor Rätsel stellte. Klaus Schulze und den Hamel fand ich furchtbar. Und Can hab ich auch nicht goutiert. Aber in den letzten Jahren doch allmählich kapiert. Liebezeit und Czukay haben ja bei Stockhausen studiert und einer war auch sein Assistent, und mit ihrer Gruppe haben sie zusammen mit dem Japaner, der Autodidakt war, versucht, einiges davon in die Rockmusik einzubringen, was sie im (WDR?)Elektronik-Studio in Köln gelernt hatten. Das ist, aus heutiger Sicht, nicht alles schlecht und manchmal sogar interessant. Es ist eben auch immer eine Musik gegen die (Nazi-)Väter-Generation, und gleichzeitig gegen die britische Popmusik dieser Zeit. Und als „Krautrock“ einer der wenigen Beiträge der bundesdeutschen Popmusik zum internationalen Pop- & Rock-Katalog (neben Kraftwerk, mehr ist da ja nicht…). Ich glaube Dir sofort, wie die Tanztypen aussehen mit ihrem Ausdruckstanz, ich finde es aber ungerecht, das so zu schreiben – die Armen, sie konnten ja nichts (wenig?) dafür, so zu sein, wie sie waren. Und wie die Leute mit ihren Batik-T-Shirts bei Folkfestivals tanzen, ließe sich leider im Großen und Ganzen ähnlich beschreiben. I don’t blame them. Ich hoffe, es gibt keine Aufnahmen davon, wie ich in den 1970 „frei“ getanzt habe. Grins.

Ja!! sehr guter Einwand. Ich war selbst einer, der Nachsicht brauchte. Oder immer noch braucht. (JR)

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Auch merken: im Nacht-Gespräch V.D.Precht (mit BILD!-Chef Nikolaus Blome) gab es von ihm eine gute Prognose in Kurzfassung. Aufsuchen im ZDF HIER. Seltsam am Verlauf des Gesprächs: wie nachdenklich ein BILD-Journalist werden (oder sein?) kann.

Richard David Precht (betr.: Angst) a.a.O. 7:44 bis 9:23

[Wir stehen] vor einem Umbruch, der strukturell der größte seit 250 Jahren ist. Also vor 250 Jahren entstand in England die liberal-demokratische, kapitalistische Gesellschaft, die langfristig, über einen langen Weg auch von Korrekturen durch die Arbeiterbewegung usw. zur sozialen Marktwirtschaft geführt hat und zu den bürgerlichen Gesellschaften, die wir heute kennen. Das war die Grundlage, die erste industrielle Revolution. Und diese industrielle Revolution hat aus Ländern, aus Bauernländern, Länder(n) von Fabrikarbeitern gemacht, hat den Handel explodieren lassen, die Industrialisierung vorangetrieben usw., wir ernten heute sehr weitgehend die Früchte dieser Entwicklung.

Und jetzt haben wir wieder eine technische Revolution, die genauso einschneidend ist, wie die, die [es] damals gab. Und in den nächsten 20, 30 Jahren wird sich unsere Leistungsgesellschaft, unsere Industriegesellschaft, wie wir sie kannten, vollständig auflösen zugunsten einer anderen Gesellschaft, die sehr übel sein kann, die vielleicht auch gut sein kann, und das ist es, was die Leute überall spüren, dass es eben nicht mehr weiter geht wie bisher. Business as usual ist nicht mehr möglich angesichts der gewaltigen Umbrüche. [Blome: …aber das wissen die Deutschen! Das weiß die Mitte! Jeder zweite Deutsche, der arbeitet, arbeitet in einem Beruf, den er nicht erlernt hat, er hat schon mal den Job gewechselt. Der hat schon einmal komplett sein Leben eingerichtet.] Wir reden da von Szenarien, die im Augenblick da in Davos besprochen werden, die die Oxford-Studie zur Zukunft der Arbeit und viele andere nahelegen, dass in 20 Jahren mutmaßlich – genaue Zahlen gibt’s nicht, aber mutmaßlich – jeder Zweite in Deutschland keiner Lohnarbeit mehr nachgehen wird. 9:23

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Kürzlich eine Passage von Dariusz Szymanski aufgeschrieben (und dabei gegrinst):

ich hab jetzt was von Goethe gelesen, das war so ein Theaterstück, das war die Iphigenie, glaube ich, genau, und die wurde irgendwo aufgeführt, und dann habe ich in der Zeitung gelesen, mein Gott, das ist ein furchtbares Stück, das kann man überhaupt nicht mehr auf die Bühne bringen. Wann würde man bei uns sagen, mein Gott, die Neunte von Beethoven, die ist furchtbar, die kann man eigentlich gar nicht mehr spielen. Das wird bei uns nicht gemacht, also wir machen eigentlich immer Beweihräucherung, wir machen sozusagen…

(siehe hier)

Dazu folgender Text:

In der Märchenwelt der Klassik werden die Mächte des Bösen verzaubert. Alles Verzerrte, Verquälte, Unproportionierte, Unorganische, Unproduktive, Subversive, Chaotische erscheint hier nicht ausgeschlossen, sondern – gebannt. Unter den magischen Auspizien ihrer unheilsam heilsamen Erklärungszwanghaftigkeit entwickelt das zugleich rationale und magische Denken der „Klassik“ ein Weltbild mit autonomen Gesetzen: so gesehen, als skurille, versponnene Träumerei, wäre selbst Iphigenie möglicherweise noch einmal spielbar.

Quelle Jürgen Wertheimer: Goethes Glück und Ende, oder: Vom verhängnisvollen Schicksal, Klassiker zu sein / in: Über das Klassische Herausgegeben von Rudolf Bockholdt Suhrkamp Taschenbuch Materialien Frankfurt am Main 1987 / Seite 101-109

Bei dieser Gelegenheit entdeckt (Wikipedia Jürgen Wertheimer), über JWs Standpunkt:

Ein-Deutigkeit sei artifiziell und werde im Konfliktfall konstruiert und inszeniert, um Vielfalt zu negieren, zu tarnen, zu verstecken oder beiseitezuschieben, so Wertheimer in einem Beitrag von 2002. Im Normalfall, den es zu verteidigen und zu emanzipieren gelte, seien unspektakuläre Sätze wie jene möglich, die der Bekleidungskonzern Benetton den Jugendlichen Yussef sagen lässt, in einem Kollektionskatalog vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konfliktfeldes: Er sei froh, ein Mischling zu sein. Wertheimer argumentiert, Benetton wolle keine Heile Welt- oder Multikulti-Idylle verkaufen, sondern es gehe darum, en passant „ein Gefühl für die innere Vielfältigkeit und Komplexität normaler Lebensläufe in Konfliktfeldern herzustellen.“

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Heute muss ich an „Khor Halat“ (Kurdistan / Kobane) weiterarbeiten. Eine interessante Frage ist aufgetaucht: gibt es dort „enharmonische Verwechslung“ oder eine Arte von Collagetechnik in der Kombination zweier (!) Melodien? Vielleicht ist es eine Idee des Komponisten (!) Sohrab Pournazeri.

13:05 Uhr Arbeit an diesem Stück (Skizze inzwischen ausgetauscht) beendet. Es fehlt allerdings noch der Clou, den ich erhoffe (siehe dort).

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Beim Klavierüben – wieder mal das Wohltemperierte Cl. I Praeludium e-moll – neu überdacht, was es mit dem rollenden Bass der linken Hand auf sich hat, der aus einer Übung für Friedemann hervorgegangen ist. (Siehe im gescannten Text HIER Seite 415 ab vorletzte Zeile und weiter). Dieser Bass hat zweifellos etwas zu bedeuten – soll Bach die wunderbare Melodie für nichts erfunden haben – oder nur, um uns parallel dazu wissen zu lassen „Übung macht den Meister“? Niemals. Der Bass weiß doch gar nichts mehr von der Übung, er übermittelt vielmehr etwas Ähnliches wie der Anfangschor der Johannespassion! Und wie ist die rollende Figur dort zu deuten? Sicher nicht als Wehen des Heiligen Geistes, wie es angeblich Martin Geck vermutet. (Dieser unfassbare Geist weht eher so ähnlich wie in der Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“, also durchaus nicht wie ein Donnergrollen.) Mit anderen Worten: es dürfte ein neuer Blog-Artikel daraus werden. Ich habe einen plausiblen Hinweis gefunden, der vielleicht sogar bei der nachfolgenden Fuge weiterhilft, der spitzigen, zweistimmigen Fuge, die vom Teufel reden mag, aber nicht vom Heiligen Geist.

Und damit endet dieser etwas zusammengewürfelte Blog-Artikel, der seit dem 5. Februar ein paar zufallsgebundene Aktivitäten festhalten sollte. Es ist 20:45 Uhr, 7. Februar.

Kein Beziehungswahn!

Aber ja kein PC-Syndrom versäumen!

Achtung: PC heißt nicht mehr – wie in den alten Zeiten – Personal Computer, sondern Political Correctness. Und was ich – „intern“ – mit dem Wort Beziehungswahn vorsorglich unter Verdacht stelle, entbehrt der wahnhaften Beziehung auf mich selbst als Zentrum alles Geschehens. Ich lese die ZEIT, und beziehe einen Artikel, den ich plötzlich gründlicher als alles andere, was mich viel mehr anginge, auf einen anderen (Artikel) und dann, ja dann erst auf mich selbst. Zufall. In dieser Woche z.B. den Artikel über eine Gummipuppe als Geliebte. Er erinnert mich an eine böse Replik im Internet, die ich vor vielen Jahren erntete, als ich glaubte, die Gummipuppe bei Roxy Music abschätzig behandeln zu dürfen. Vor vielen Jahren? Kaum viel mehr als ein Jahrzehnt! Eine Sendung der WDR Musikpassagen am 16. März 2006: Kulturgüter, Pop und „Cultural Turns“ Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, Roxy Music, Ladysmith Black Mambazo, Hossein Alizadeh und Vilayat Khan, der Text ist archiviert:  HIER.

Einschub aus Wikipedia zum Beziehungswahn (nennen wir ihn BW):

Der Betroffene bezieht Dinge und Ereignisse in seiner Umgebung auf sich, die nach rationalen Kriterien gar nichts mit ihm zu tun haben können; er glaubt beispielsweise, dass Fernsehnachrichten versteckte Botschaften an ihn persönlich enthalten. Der Beziehungswahn ist besonders bei paranoischen Formen zu beobachten, bei denen er oft das Fundament des übrigen Wahngebäudes bildet.

Um ehrlich zu sein: bevor ich dieses Zitat hierher übertrug, hatte ich – trotz der maskulinen Grammatik – statt „Formen“ noch das Wort „Frauen“ gelesen und innerlich durchaus zugestimmt. Jetzt lehne ich allerdings jede Verantwortung für diesen Lapsus ab!

Also beginne ich doch lieber mit dem anderen Artikel, der sich als letzter einstellte – um nicht gleich jede Aufmerksamkeit von Leserseite einzubüßen (betr. Gummipuppe = Ende der Toleranz). Zumal er von einer Frau stammt, die sich eines beeindruckenden Selbstversuches unterzieht. Nein, ausschlaggebend dafür, nun auch noch diesen Artikel zu lesen, zu studieren, in Beziehung zu setzen, war die Hoffnung, von fremder (?) Seite etwas sehr Unbefangenes über das Phänomen Melodie zu hören, zumal über eine Melodie, die aus nichts (?) als einer Dreiklangsbrechung besteht…

ZEIT Walzer Beziehung

Vorgewarnt und zu tieferer Anteilnahme verführt war ich spätestens bei den Zeilen:

Kann man am kreiselnden Führen-und-Geführtwerden etwas über das Mann-Frau-Verhältnis ablesen? Wie es sich verändert hat – auch im Dreivierteltakt?

Davon hatte ich schon gehört, – BW! BW! -, durch ein junges Paar in der Verwandtschaft, das von bewegenden Erfahrungen beim Tango-Kurs erzählt hatte, sie sind also offenbar nicht taktgebunden.

Die Musik spielt wieder, sein rechtes Bein drückt irgendwie fordernd gegen mein linkes, meinen erschrockenen Rückwärtsschritt lässt er als unseren Tanzbeginn gelten und verhilft mir sogleich zu einer kompletten Rechtsdrehung um die eigene Achse, ganz leicht, völlig magisch. Noch eine und noch eine, seine Hand im Rücken stützt mich, seine Hüfte dirigiert mich durch den leeren Saal. So also ist das, wenn der Mann führt. Nicht schlecht. Eigentlich sogar ganz und gar nicht.

Denke ich schon wieder an etwas anderes? Lässt sich meine PC schon wieder schamlos vom BW überrollen? Ich füge vorsorglich an diesem Punkt die genaue Quellenangabe ein, und sei es nur um Zeit zu gewinnen:

Quelle DIE ZEIT  2. Februar 2017 Seite 53 Erkennen Sie die Melodie?* Sie feiert gerade 150. Geburtstag. Die Schriftstellerin Ulla Lenze ist zur Walzersaison nach Wien gereist, um darauf zu tanzen – auf dem ersten Ball ihres Lebens. [Das Sternchen hinter dem Fragezeichen führt zu: „*Donauwalzer, Johann Strauss, 1867“, eigtl. aus Gründen der PC zu ändern in „Strauß“, bitte!]

Klar ist mir nun auch, warum der Wiener Walzer zunächst nur vom einfachen Volk getanzt, bei der Hofgesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts verpönt war. Der richtige, echte Wiener Walzer ist tatsächlich ein extremer Tanz. Wie eine Vorübung zum Sex. Erst mit dem Wiener Kongress 1814/15 und dem flankierenden Unterhaltungsprogramm wurde der Walzer salonfähig, und man erkannte, was durch ihn möglich wurde: ungestraft Intimität mit fremden Damen und Herrn zu erleben.

Den Grund für die Beliebtheit des Walzers sieht der Strauss-Experte [Strauß-Experte] Professor Helmut Reichenauer aber auch in etwas anderem: Die Drehbewegung erzeuge einen Schwindel, man gerate außer sich, ja in einen Rausch, erklärte er mir bei meinem Besuch im Museum der Johann Strauss Dynastie, das er leitet. Außerdem bedürfe ein Dreivierteltakt stets einer Ergänzung, man könne nicht stehen bleiben – und fühle sich wie ein Perpetuum mobile, wolle immer weiter.

Quelle a.a.O. (s.o.)

Zur Sicherheit zitiere ich jetzt doch erstmal das, was ich damals zitiert habe bzw. mich selbst, um zu verdeutlichen, dass ich damals nicht bereit war, eine Gummipuppe als Lebensersatz ernst zu nehmen, ob mit oder ohne Geleitschutz von Adorno:

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht eine fortlaufende historische Diskothek der Popmusik von 1955 bis 2004, für jedes Jahr ein Album, im Fall 1973 mit 20 Titeln. Ich wurde aufmerksam, als ich im SZ-Magazin einen hochgestochenen Kommentar zu diesem Titel von Roxy Music las. Es beginnt mit dem Hinweis auf das Buch Die Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer – korrekt zitiert hieße es ohne Artikel: „Dialektik der Aufklärung“ -, jedenfalls: darin gebe es einen Riesenfehler!
Ich zitiere:

“ Pop und Jazz sind nämlich keineswegs bloße Verdummungsinstrumente der Kulturindustrie. Nicht nur, dass Pop mitunter dieselbe höhere Wahrheit erreicht, die bürgerliche Musikliebhaber allein in Bachs Fugen und Beethovens Streichquartetten finden; auch das Störpotenzial, das Adorno Arnold Schönbergs Zwölftonmusik zuschreibt, lässt sich ohne weiteres im Pop lokalisieren – zum Beispiel im Roxy Music-Stück In Every Home … , das von der spirituellen Leere einer vom Konsum geprägten Existenz handelt. „

Eine aufblasbare Gummipuppe symbolisiert, so heißt es, „Liebe im Zeichen der Gefühlsindustrie.“ Und dann wörtlich:

“ Fast will es scheinen, als hätte der Komponist Bryan Ferry vor der Niederschrift des Liedes bei Adorno nachgeschaut, so präzise vertont er hier kulturkritische Lehrsätze. Spätestens wenn im Herzen des Erzählers ein diffuser Schmerz auftaucht, das ‚heartache‘ des Titels, weiß man: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. „

Das ist die aufgeblasene Sprache der Popexperten, die versuchen, mit schlechten Klassikexperten gleichzuziehen. Auch ohne Adorno hätte man gewusst, dass es mit der Gummipuppe kein richtiges Leben gibt, selbst wenn das Leben da draußen kein falsches wäre. Und es kann auch wohl nicht ernst gemeint sein, dass der Sänger Bryan Ferry wirklich kulturkritische Lehrsätze vertont hat, allenfalls könnte er sie bei der Vertonung beherzigt haben, gemeint ist aber: bei der Textniederschrift.

Und völliger Quatsch ist es, den bürgerlichen Musikliebhabern zu unterstellen, dass sie in Bachs Fugen oder Beethovens Streichquartetten nach höherer Wahrheit suchen, und womöglich derselben, die auch in manchen Popstücken zu finden ist.

Das ist großmäuliges, verdinglichtes Gerede, das gleiche, das auch auf hohe Kulturgüter pocht, die womöglich von einer Leitkultur gehütet werden.

Man hört Musik, man beschäftigt sich mit Musik, man setzt sich ihren Wirkungen aus, man lebt mit ihr, aber man geht am Ende nicht mit einer höheren Wahrheit nach Hause. Sondern … von Musik erfüllt.

CD 1973

Die Quelle des Zitates und der beiden Zitate im Zitat finden sich, wie schon vermerkt –  im Musikpassagen-Skript vom 16. März 2006, ganz am Ende, Hier.

In Every Dream Home A Heartache (Text hier)

Roxy Bass

Was mich wundert: weder der Schreiberling, der seine Adorno-Puppe zur Abwehr der Verdächtigung niederen Geschmacks einsetzt, noch ich als Kritiker haben versucht, das feine, schillernde Gewebe der Gitarren-Obertöne über dem ostinaten Bass zu würdigen. Oder die zugleich sanfte wie auch angespannte Sprechstimme, die mit magisch fixierter Melodik dem Bass folgt, stattdessen war man mit gedanklicher Nobilitierung des Textes beschäftigt, der zweifellos an ein Tabu rührte. In einer Zeit, in der Tabubrüche zum Ausweis kreativer Originalität gehörte. Der sexuelle Tabubruch, den man einst wie eine Vorübung psychotherapeutischer Selbstbefreiung feierte, passte ganz gut zur permanenten Erweiterung des kapitalistisch befreiten Marktes. (Ich las damals Arno Plack: Die Gesellschaft und das Böse / Eine Kritik der herrschenden Moral, 1968). Und es war keine 10 Jahre her, dass man über bestimmte Lehrer, Schauspieler oder Mitschüler in diskriminierender Absicht tuschelte, sie seien 175er. Es treibt einem nachträglich die Schamröte ins Gesicht. Ich erinnere mich aber an erbitterte Diskussionen der 70er Jahre, wenn die Begriffe „normal“ oder „natürlich“ durchaus noch als Keulen gebraucht wurden. Heute, im Zeichen der grassierenden PC, neigt man dazu, Varianten menschlicher Körperlichkeit oder menschlichen Verhaltens bereits für schützenswert zu halten, noch ehe man von ihnen weiß. Andererseits ist man doch überrascht, wenn das 1973 leicht peinliche oder auch trotzig hochgespielte Roxy-Music-Thema in der angesehenen „Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Wissen und Kultur“ behandelt wird, als sei es endlich – wie man heute gern sagt – in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Natürlich kennt Tom die Vorbehalte, mit denen die Welt auf Beziehungen wie die seine blickt. Er ist ein kluger Mann, 49 Jahre alt. Als Anwalt hält er Woche für Woche Plädoyers in Gerichtssälen, behauptet sich gegen Manager und Aufsichtsräte – deshalb steht in diesem Text auch nicht sein echter Name.

Tom sagt, durch Brigitte sei er zu einem besseren Menschen geworden: souveräner, gelassener, heiterer. Wenn er von ihr spricht, klingt er immer noch leicht erstaunt, wie einer, der so oft enttäuscht wurde, dass er nicht mehr mit einem Happy End gerechnet hatte.

Darf nicht jeder Mensch lieben, wen er will? Auch wenn dieser „Wen“ ein „Was“ ist? Kein Mensch, sondern eine Puppe?

Quelle DIE ZEIT 2. Februar 2017 Seite 50 -51 Nur Du und ich Im Gerichtssaal hält Tom überzeugende Plädoyers – zu Hause teilt er sein Leben mit Brigitte, einer Puppe aus Silikon. Von Constantin van Lijnden und Christel Mitchell (Fotos)

Ich bin gespannt, ob es heute noch Diskussionen zu solchen Themen gibt. Sie sagen, es sei kein relevantes Thema? Dann haben Sie noch nie – dank ZEIT-Lektüre – eine Online-Community Doll Forum angeklickt. Eine Summierung von Autisten, die keine zweite Persönlichkeit aus Fleisch und Blut neben sich ertragen? Ich erinnere mich an die Kinderzeit: was habe ich eigentlich in einem Stofftier gesehen, wenn ich ihm in die Augen schaute. Hat es etwa nicht gelebt? – Ich schwöre: heute ist das anders!

ZITAT

Am Anfang war alles gut, richtig und notwendig. Ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten mussten aus dem Ghetto der Ausgrenzung befreit werden – so durch Abschaffung des Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte. Das war 1968. Es geht aber auch ohne staatlichen Eingriff. Wer würde heute noch „Nigger“ oder „Kanake“ sagen? („Fuck“ oder die deutsche Variante dazu sind fast okay.) Eine wachsende Emanzipationswelle rollte erst durch Amerika, dann durch Europa.

In diesem Sinne bezeichnet der oft ironische oder spöttisch benutzte PC-Begriff kein Phantom, sondern ein gesamtwestliches Phänomen, das von San Francisco bis Stockholm obsiegt. Seit den US-Bürgerrechts- und -Wahlrechtsgesetzen von 1964 und 1965 kamen allerlei Gleichstellungsinitiativen von Amerika bis Europa hinzu. Einst durch Herkunft definierte Staatsangehörigkeit wich der „Naturalisierung“: Jeder, der die Auflagen erfüllt, die nichts mit „Blut und Boden“ zu tun haben, kann Bürger werden, und das ist gut so. Diskriminierung verwandelte sich in affirmative action, in die verordnete Förderung von Frauen und Minderheiten. Dieser stete Trend zeigte, wie sehr die Kultur des Korrekten sich durchgesetzt hat.

Universitäts-Curricula, erst in Amerika, dann hier, schworen dem „Eurozentrismus“ ab und stürzten die DWEM, die „dead white Europeans males“ (Platon und so), vom Piedestal. Erfindung der Medien, Agitprop von rechts? Es ist eine veritable Kulturrevolution, die sich quer durch die westliche Welt zieht.

Vor knapp zehn Jahren blies ein kluger Beobachter, der Stanford-Professor Hans Ulrich Gunbrecht, dennoch Entwarnung: „Das Ende der Political Correctness zeichnet sich ab.“ Das Phantom habe sich nach dem langen Marsch durch die Institutionen gleichsam totgesiegt. Jetzt dürfe man sich wieder entspannen und das Beste aus dem „Kanon“ heraussuchen, den die Korrekten als Machtinstrument der DWEM in den Reißwolf werfen wollten.

Quelle DIE ZEIT 2. Februar 2017 Seite 17 Im Wunderland der Korrektheit Warum Political Correctness eine reale Gefahr für die freie Gesellschaft ist – und keinesfalls nur ein konstruierter Vorwurf der Rechten. Eine Entgegnung auf den Beitrag von Christian Staas vom 19. Januar. Von Josef Joffe.

Ich kann nicht den ganzen Artikel abschreiben (und den von Staas dazu), aber hervorzuheben ist doch die Anti-Trump-Volte gegen Ende, zumal ich Joffe bisher als USA-Freund um jeden Preis eingestuft hatte.

Martin Walser, das Aufblitzen des Ressentiments, war gestern. Heute tobt die Revolte gegen die Deutungshoheit der „liberalen Klasse“. Die schrecklichen Vereinfacher hantieren nur am Rande mit „Volk und Vaterland“. Welche Ironie! Die Trumpisten aller Nationen bedienen sich inzwischen ebenfalls aus dem Arsenal des Korrekten – wie sie es definieren. Sie haben die strategischen Vorteile des Opferstatus entdeckt. Sie sehen sich als Leidtragende der Globalisierung, der Einwanderung, des Multikulti-Kultes – und der Bevormundung durch die „Elite“, die ihnen das Maul verbieten und die Würde raube.

Wobei die Wähler von Trump und seinen europäischen Genossen noch das geringste Problem sind, fordern sie doch Macht auf dem verfassungsgemäßen Wege. Wer wissen will, wie die echten Außenseiter denken, begebe sich in die digitalen Kommentarteile der Medien – oder zu den Websites, die vor Fake-News und „alternativen Fakten“ strotzen. Wie bei Humpty Dumpty [Alice in Wonderland] und George Orwell geht es um die Macht über die Sprache, die Denken und Handeln bestimmt.

Fortsetzung?

(hier müsste noch ein Abschnitt über die Problematik der Toleranz und des Selbstbetruges folgen)

Individualist op hoge See

Rainer Prüss

Prüss Hardanger gr … …Prüss individualisierte Gesellschaft … …Pruess Denkzettel 12 Screenshot 2017 … …Pruess Web Screenshot 2017-02-02 HIER anklicken! Bio extra.

(Alle Fotos ©Rainer Prüss, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung, JR)

Ich kenne wenig Leute (genauer: keine) von dieser Kreativität, und zwar schon sehr lange, nur dass ich es vor 40 Jahren noch nicht erkannt habe. Da sah (hörte) ich nur 1 Facette, und in seiner Bio-Trilogie gehöre ich innerhalb der Musik wohl in die Radio-Sparte: „Auftragskompositionen und Produktionen für RB, NDR, WDR, tätig als Rundfunk-Moderator (WDR), Sprecher (RB), Juror (WDR, mdr).“ Da gibt es bestimmte Musiktitel, die ich durch die drei Moderatoren von „Liederjan“ kennengelernt habe und die bis heute weiterwirken. Unvergessen: „Jimmy Clay“ von Patrick Sky (aber die Fassung mit Fiddle). Wahrscheinlich gab es wenig Überschneidungen in unseren Plattenschränken, gerade das war gut so! Begonnen hatte es jedenfalls mit der „Zupf-Streich-Zieh und Drückmusik“ im Rheinischen Landesmuseum, als mir der sympathische Sprecher der Gruppe auffiel, mit seinem schönen friesischen Akzent. Wann war das? Muss bald nach meiner Festanstellung im WDR (1976) gewesen sein. Ein „Flensburg Journal“ hat das merkwürdige Original-Genie 2014 zu würdigen gewusst:

Rainer Prüß – Was noch?

ZITAT (privat)

soso, Du warst also auf Spurensuche und bist im Flensburg Journal fündig geworden… ja, das ist wirklich nett geschrieben und faktisch fast korrekt, nur dass ich, weil ich englisch Skinny Minny singen konnte, bei Paul A. Grimmke anfangen durfte, der selber stattdessen eine gute Ronny-Stimme hatte…
und die Zupf- Streich- Zieh- und Drückmusik muss zwischen 76 und 78 gewesen sein. Den Ort Rheinisches Landesmuseum hätt‘ ich gar nicht mehr gewusst, aber ich weiß, dass wir beeindruckt waren, dass Du unser einfaches Zeugs sogar für den „Rundfunk“ haben wolltest. Das hat uns in unserem musikalischen Tun sehr bestätigt! Dafür kommt hier noch mal ein verspätetes Danke! Manche Einflüsse werden einem ja erst später bewusst.
R.P.
Und das Neueste:
Prüss facelook Screenshot 2017-02-03

Knochen & Asche (Magisches Denken)

Alte Geschichten

Humboldt und die Knochen des ausgerotteten Volkes, sowie: Heiliger Aquilin! Heute kommt die Reliquie aus Milano!

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr es mich befremdet. Die Titelzeile zu lesen: „Eine Rippe geht auf Reisen nach Würzburg. /  Eine Mailänder Delegation bringt den 1000 Jahre alten Knochen des heiligen Aquilin morgen in dessen Geburtsstadt. Dort wird er dann als Reliquie verwahrt.“ Dazu ein großes Buntfoto, das einem historischen Gemälde gleicht: „Offizielle des Erzbistums Mailand begutachten die mumifizierte Leiche des heiligen Aquilin, bevor ihm eine Rippe entnommen wird“.

Eine späte Operation gewissermaßen. Ich kann nicht anders als an die letzte Lektüre betreffend Knochenfunde am Orinoco zu denken, auch an den Streit um das Humboldt-Museum in Berlin, wo ein Freundeskreis der indianischen Völker vehement dagegen anging, die vielleicht hochverehrten Gebeine der Vorfahren als Schau-Objekte in einer Ausstellung ausgebreitet zu sehen. Ich malte mir aus, dass die Knochen von Stämmen zurückgefordert würden, deren Vorfahren selbst für die Ausrottung des Volkes verantwortlich waren, dessen Relikte nun dank Humboldt in Berlin liegen. Oder haben sie sich gewissermaßen posthum mit den Nachfahren „menschenfressender Kariben“ geeinigt? Siehe unten. Ich weiß zu wenig darüber, aber es gibt einiges zu lernen, wenn man sich über das Projekt im Internet kundig macht (die von mir verehrten Herren Parzinger und Bredekamp sind unmittelbar beteiligt: ein Stichwort ist Vanuatu – Südsee – wo man froh sei, dass in Europa Zeugnisse der Kolonialzeit aufbewahrt werden, von denen am Ort keine Spur mehr zu finden sei, da niemand eine Sorgfaltspflicht entwickelte). Als Ansatz für gründlicheres Studium siehe „Der Tagesspiegel“ 7.7.2015 hier.

Und nun Aquilin. Ich lese seine Legende – zugegeben mit wenig wohlwollenden Augen: hier. Was hat er zum Wohle der Menschheit geleistet? „Mit der erneuten Übergabe der bedeutenden Reliquie einer Rippe des Heiligen ehrt die Erzdiözese Mailand die Geburtsstadt Würzburg 1000 Jahre nach seinem Martyrium“, betont Dompfarrer Domkapitular Dr. Jürgen Vorndran. Biblisch gesehen stehe die Rippe symbolisch für die Erschaffung des menschlichen Lebens. So das Solinger Tageblatt (auch z.B. das Main-Echo berichtete). A propos „Erschaffung des menschlichen Lebens“: Ging es dabei nicht „nur“ um die Erschaffung Evas aus Adams Rippe? Gut, dankbar genug dürfen wir sein. Aber was war mit Aquilins Martyrium? O.k., er ist durch einen Dolchstoß ermordet worden. Aber dergleichen passiert doch immer wieder. Was ist am vorliegenden Fall bemerkenswert? (Siehe im zuletzt gegebenen Link, aus dem auch das folgende Zitat stammt):

Die Hauptstadt der Lombardei war in den Jahren vor 1018 Schauplatz heftiger politischer und religiöser Auseinandersetzungen. Arianer und Neumanichäer verbreiteten gnostisches Gedankengut und predigten – ganz im Gegensatz zur katholischen Kirche – eine totale Leibfeindlichkeit. Sie negierten die Trinitätslehre und bekämpften Kirche, Priestertum und Sakramente. Aquilin wandte sich voller Elan und Beredsamkeit gegen den Unglauben, Jesus sei nur Mensch, aber nicht Gott. Zwar bekehrte er auf diese Weise viele, machte sich aber zugleich auch erbitterte Feinde.

Ich frage mich, wer damals wirklich für Leibfeindlichkeit zuständig war und was sich hinter den Worten „voller Elan und Beredsamkeit“ verbirgt: wieviel Friedfertigkeit auf dieser und auf jener Seite? Was bedeutete eine Bekehrung? Den Leib ernstnehmen: kann das in anderen Zeiten auch bedeuten, einen Knochen oder die Mumifizierung einer Leiche maßlos zu überschätzen, ja, – vorsichtig gesagt – auch darüber hinauszugehen: in der Wahrheitsproduktion am lebenden Menschen sogar strenge körperliche Maßnahmen gutzuheißen?

In der Zeitung las ich auch, „dass mit Reliquien viel Schindluder getrieben wird wie mit T-Shirts von Michael Jackson. Es gibt Heilige, von denen gibt es 28 Beine, sagte der Kölner Kirchenexperte Manfred Becker-Huberti.“

Ich kann mir gut das listige, aufgeklärte Lächeln vorstellen, das diese Bemerkung begleitet haben mag. Es lässt mir keine Ruhe. Wie nun, wenn jemand fragte, was denn von Ascheresten zu halten sei, etwa Asche der Märtyrer, die auf Scheiterhaufen gestorben sind?  Ist nicht gerade die Asche durch Bibelwort geheiligt? Ashes to ashes – gilt das nicht auch viceversa? Wo beginnt „magisches Denken“? Wo habe ich gelesen, dass wir alle aus Sternenstaub bestehen? Nicht metaphorisch, sondern real, in Fleisch und Knochen. Es war ein naturwissenschaftliches Werk, durchaus glaubwürdig, vielleicht populärer Ausrichtung, möglicherweise von Hoimar von Ditfurth. Ashes to ashes. Ich höre das in einer bestimmten aufsteigenden Tonfolge, aber nicht von David Bowie…

So, jetzt hab ich’s! Die Oysterband in einer WDR-Matinee der 80er Jahre, ohrenbetäubend: Ashes to ashes!!! Es rumort immer mal wieder in meinem Kopfe, seit damals. Ich werde es auf magischem Weg bannen, ein Link muss her. HIER (bitte erschrecken Sie nicht!).

Und die Sache mit dem Sternenstaub will ich auch noch in anderer Richtung überprüfen: Oum Kalthoum „Rubayat-el-Khayyam“. Er liegt unter unseren Füßen…während wir unsere Augen zum nächtlichen Sternenhimmel erheben.

Doch zunächst Alexander von Humboldt:

ZITAT (Quelle am Ende des Textes)

Der hintere Teil des Felstals ist mit dichtem Laubholze bedeckt. An diesem schattigen Orte öffnet sich die Höhle von Ataruipe: eigentlich nicht eine Höhle, sondern ein Gewölbe, eine weit überhangende Klippe, eine Bucht, welche die Wasser, als sie einst diese Höhe erreichten, ausgewaschen haben. Dieser Ort ist die Gruft eines vertilgten Völkerstammes. Wir zählten ungefähr 600 wohlerhaltene Skelette, in ebenso vielen Körben, die von den Stielen des Palmenlaubes geflochten sind. Diese Körbe, welche die Indianer Mapires nennen, bilden eine Art viereckiger Säcke, die nach dem Alter des Verstorbenen von verschiedener Größe sind. Selbst neugeborene Kinder haben ihr eigenes Mapire. Die Skelette sind so vollständig, daß keine Rippe, keine Phalange fehlt.

Die Knochen sind auf dreierlei Weise zubereitet: teils gebleicht, teils mit Onoto, dem Pigment der Bixa Orellana, rot gefärbt, teils mumienartig zwischen wohlriechendem Harze in Pisangblätter eingeknetet. Die Indianer versichern, man grabe den frischen Leichnam auf einige Monate in feuchte Erde, welche das Muskelfleisch allmählich verzehre; dann scharre man ihn aus und schabe mit scharfen Steinen den Rest des Fleisches von den Knochen ab. Dies sei noch der Gebrauch mancher Horden in der Guyana. Neben den Mapires oder Körben findet man auch Urnen von halbgebranntem Tone, welche die Knochen von ganzen Familien zu enthalten scheinen.

Die größeren dieser Urnen sind 3 Fuß hoch und 5½ Fuß lang, von angenehmer ovaler Form, grünlich, mit Henkeln in Gestalt von Krokodilen und Schlangen, an dem oberen Rande mit Mäandern und Labyrinthen geschmückt. Diese Verzierungen sind ganz denen ähnlich, welche die Wände des mexikanischen Palastes bei Mitla bedecken. Man findet sie unter allen Zonen, auf den verschiedensten Stufen menschlicher Kultur: unter Griechen und Römern, wie auf den Schildern der Otaheiter und anderer Inselbewohner der Südsee, überall, wo rhythmische Wiederholung regelmäßiger Formen dem Auge schmeichelt. Die Ursachen dieser Ähnlichkeiten beruhen, wie ich an einem andern Orte entwickelt habe, mehr auf psychischen Gründen, auf der innern Natur unserer Geistesanlagen, als daß sie Gleichheit der Abstammung und alten Verkehr der Völker beweisen.

Unsere Dolmetscher konnten keine sichere Auskunft über das Alter dieser Gefäße geben. Die mehrsten Skelette schienen indes nicht über hundert Jahre alt zu sein. Es geht die Sage unter den Guareca-Indianern, die tapferen Aturer haben sich, von menschenfressenden Kariben bedrängt, auf die Klippen der Katarakten gerettet; ein trauriger Wohnsitz, in welchem der bedrängte Völkerstamm und mit ihm seine Sprache unterging. In dem unzugänglichsten Teile des Raudals befinden sich ähnliche Grüfte; ja es ist wahrscheinlich, daß die letzte Familie der Aturer spät erst ausgestorben sei. Denn in Maipures (ein sonderbares Faktum) lebt noch ein alter Papagei, von dem die Eingeborenen behaupten, daß man ihn darum nicht verstehe, weil er die Sprache der Aturer rede.

Wir verließen die Höhle bei einbrechender Nacht, nachdem wir mehrere Schädel und das vollständige Skelett eines bejahrten Mannes, zum größten Ärgernis unsrer indianischen Führer, gesammelt hatten. Einer dieser Schädel ist von Blumenbach in seinem vortrefflichen kraniologischen Werke abgebildet worden. Das Skelett selbst aber ging, wie ein großer Teil unsrer Naturaliensammlungen, besonders der entomologischen, in einem Schiffbruch verloren, welcher an der afrikanischen Küste unserem Freunde und ehemaligen Reisegefährten, dem jungen Franziskanermönche Juan Gonzalez, das Leben kostete.

Wie im Vorgefühl dieses schmerzhaften Verlustes, in ernster Stimmung, entfernten wir uns von der Gruft eines untergegangenen Völkerstammes. Es war eine der heiteren und kühlen Nächte, die unter den Wendekreisen so gewöhnlich sind. Mit farbigen Ringen umgeben, stand die Mondscheibe hoch im Zenit. Sie erleuchtete den Saum des Nebels, welcher in scharfen Umrissen, wolkenartig, den schäumenden Fluß bedeckte. Zahllose Insekten gossen ihr rötliches Phosphorlicht über die krautbedeckte Erde. Von dem lebendigen Feuer erglühte der Boden, als habe die sternenvolle Himmelsdecke sich auf die Grasflur niedergesenkt. Rankende Bignonien, duftende Vanille und gelbblühende Banisterien schmückten den Eingang der Höhle. Über dem Grabe rauschten die Gipfel der Palmen.

So sterben dahin die Geschlechter der Menschen. Es verhallt die rühmliche Kunde der Völker. Doch wenn jede Blüte des Geistes welkt, wenn im Sturm der Zeiten die Werke schaffender Kunst zerstieben, so entsprießt ewig neues Leben aus dem Schoße der Erde. Rastlos entfaltet ihre Knospen die zeugende Natur: unbekümmert, ob der frevelnde Mensch (ein nie versöhntes Geschlecht) die reifende Frucht zertritt.

Quelle Alexander von Humboldt: Ansichten der Natur / Seinem teuren Bruder Wilhelm von Humboldt in Rom / Berlin, im Mai 1807 /  Philipp Reclam jun. Stuttgart 1999 ISBN 3-15-002948

Abrufbar hierhttp://gutenberg.spiegel.de/buch/ansichten-der-natur-4756/9

Nachtrag I

Die Augen und der Staub unter unseren Füßen

Oum Kalthoum Braune

Was für eine wunderbare Gedankenkonstellation! Die Gestirne, die dort oben ihre Bahn ziehen, und unter uns die zauberhaften Augen, die zu Staub geworden sind. Die roten Zahlen beziehen sich auf die CD mit der Aufnahme von Oum Kalthoums „Rubayat-al-Khayyam“, Übersetzung Gabriele Braune.

Durch „Zufall“ bin ich inzwischen auf die Gedichte Al-Khayyams (alias Omar der Zeltmacher) gestoßen, von denen also Ahmed Rami, der Textdichter Oum Kalthoums, ausgegangen ist, viel direkter, als ich bisher geglaubt hatte.

XV.
Der Töpfer in der Werkstatt stand
Und formte einen Krug gewandt,
Den Deckel aus eines Königs Kopf,
Den Henkel aus eines Bettlers Hand.
XVI.
O Töpfer, nimm dich etwas mehr in acht,
Behandle deinen Ton mit mehr Bedacht !
Du hast vielleicht den Finger Feriduns
Und Cyrus‘ Hand mit auf dein Rad gebracht.
XVII.
Einst schwebte dieser Krug, wie ich, in Liebesbangen,
In dunkler Locken Netz war er, wie ich, gefangen;
Und was am Hals des Krugs als Henkel du erblickst,
War eine Hand einst, die der Liebsten Hals umfangen.
XVIII.
Gestern zerschlug ich meinen Krug mit Wein
In meiner Trunkenheit an einem Stein.
Da sprach des Kruges Scherbe: „Wie du bist,
War ich, und wie ich bin, wirst du einst sein.“
XIX.
Was predigst du vom Fasten und vom Beten?
Statt zur Moschee laß uns ins Weinhaus treten,
Füll Krug und Becher, eh‘ sie deinen Staub,
Khayyam, zu Krügen und zu Bechern kneten.
XX.
O komm, Geliebte, komm, es sinkt die Nacht,
Verscheuche mir durch deiner Schönheit Pracht
Des Zweifels Dunkel! Nimm den Krug und trink,
Eh‘ man aus unserm Staube Krüge macht.
XXI.
Dort auf dem Wiesengrün, vom Bach umflossen,
Sind tausend prächt’ge Blumen aufgeschossen.
Tritt leise auf das Grün! Wer weiß, ob’s nicht
Aus einer Blumenwangigen Staub entsprossen!
XXII.
Wo aus der Erde Tulpen rot entsprossen,
Ist sicher eines Königs Blut geflossen.
Und wo ein Veilchen aus der Erde blickt,
Hat einst ein holdes Auge sich geschlossen.

Gefunden hier / Aber: ich muss in meinen eigenen Ausgaben nach dem Übersetzer fahnden (Rückert?). Fehlanzeige bei Stefanie Gsell, bei Jala Rostami und Ludwig Verbeek, und dann endlich Rosen (marix verlag), Rosen (Insel-Bücherei).

Es ist Friedrich Rosen! Das Digilisat der Originalausgabe fand ich hier. Ein Beispiel daraus als Screenshot:

Omar Übersetzung Rosen

Und als Zugabe eine Nachdichtung von Hans Bethge  1921 (Yin Yang Media Verlag Kelkheim 2001 Seite 66):

DER TÖNERNE KRUG

Du, Krug aus Ton, warst einstmals ein Verliebter

Wie ich. Du hast geseufzt in Liebesnächten

Nach deiner Freundin aufgelösten Flechten.

Um eines Mädchens Nacken, hold und warm,

Lagst du, o Henkel, zärtlich einst als Arm.

NACHTRAG II (5.2.17)

ZITAT

Die moderne Kosmologie hat dem Menschen eine seiner großen narzisstischen Kränkungen zugefügt. Der Homo sapiens befindet sich nicht im Zentrum der Schöpfung, sondern rast auf einem unbedeutenden Planeten in einem Sonnensystem unter unendlich vielen anderen durch einen Weltenraum ohne Sinn und Verstand. Schrotts Epos kommentiert dies kühl: „sonnenstaub also sind wir – aus stoff, der in sternen entstand“. Das dergestalt pulverisierte „Ich“ mag sich als Seele auffassen, mag mit Stolz auf seine zivilisatorischen Leistungen oder seine Arbeit blicken, eigentlich aber lässt er sich auf einen Rohstoffwert von etwa 40 Cent reduzieren: „mein körper die zwei kilo asche die von mir übrig bleiben: vom kohlenstoff über spuren von blei und gold bis zum radium“. Für das Leben auf der Erde wäre es ohnehin besser gewesen, wenn der Mensch das Sonnenstaubstadium nie verlassen hätte. Die Natur bracht uns nicht. Für ihr Gefüge sind ganz andere Tiere von Bedeutung. Ohne Mensch würde die Artenvielfalt schlagartig ansteigen; ohne Insekten wären die komplette Fauna und Flora unseres Blauen Planeten schon nach 50 Jahren erledigt.

Quelle DIE ZEIT 2. Februar 2017 Seite 39 Wir stehen alle im selben Wind Raoul Schrott hat ein Epos von der Entsehung des Universums gedichtet – streng auf der Grundlage der Naturwissenschaften. Von Steffen Martus.

Nachtrag III (11.2.2017)

Man kann es sich nicht deutlich genug machen: die große Wende um das Jahr 1000 (siehe zu Anfang dieses Artikels) bedeutete den Anfang unserer Zivilisation. Es war

für die Völker des abendländischen Europas die Zeit eines allmählichen Aufstiegs aus der Barbarei. Damals befreiten sie sich von den Hungersnöten, sie traten eines nach dem anderen in die Geschichte ein und begaben sich auf den Weg eines kontinuierlichen Fortschritts. Erwachen, Kindheit. In der Tat fiel besagter Teil der Welt seit eben diesem Zeitpunkt keinen Invasionen mehr zum Opfer – und das sollte hinfort sein einzigartiger Vorteil gegenüber allen anderen Regionen sowie die Bedingung seines fortschreitenden Aufstiegs sein. Jahrhundertelang hatte sich die rastlose Unruhe der wandernden Völker fast pausenlos über das Abendland ergossen; jahrhundertelang harre sie die Ordnung der Dinge immer wieder aus den Fugen gebracht, zerschlagen, beschädigt und zerstört. Zwar war es den karolingischen Eroberungen vorübergehend geklungen, einen Anschein von Disziplin und Frieden im kontinentalen Europa wiederherzustellen; doch kaum war Karl der Große verschwunden, näherten sich von allen Seiten, von Skandinavien, den Steppen des Ostens und den inzwischen vom Islam beherrschten Mittelmeerinseln wieder unbezwingbare Banden und stürzten sich auf die römische Christenheit, um sie zu plündern. Die allerersten Keime dessen, was wir als romanischen Kunst bezeichnen, lassen sich genau in dem Moment erkennen, in dem diese Einfälle aufhören, in dem die Normannen seßhaft und gesellig werden, der ungarische König sich bekehrt und der Graf von Arles die sarazenischen Piraten, die die Alpenpässe in der Hand und den Abt von Cluny gerade noch um ein Lösegeld erpreßt hatten, aus ihren Schlupfwinkeln vertreibt. nach 980 sieht man keine ausgeraubten Abteien mehr, und die Scharen aufgeschreckter Mönche, die sich mitsamt ihren Reliquien und Schätzen auf die Flucht gemacht hatten, verschwinden von den Wegen. Wenn hinfort Brandschaden am Horizont der Wälder aufsteigen, sind es Zeichen der Rodung und nicht mehr der Plünderung. (…)

[Die] Unterschiede waren nirgends so scharf ausgeprägt wie an den Grenzen der lateinischen Welt. Gegen Norden, Westen und Osten zog sich im weiten Halbkreis eine vergleichsweise dichte Zone der Barbarei um die christlichen Länder, in der das Heidentum fortlebte. Dort hatte sich vor nicht allzu langer Zeit die skandinavische Expansion entwickelt, die der dänischen und norwegischen Seefahrer und der gotländischen Händler, aus der sich dauerhafte, über die Flußmündungen stromaufwärts führende Schiffsverbindungen ergeben hatten. Dieser ganze Raum wurde immer noch häufig durch überfallartige Verwüstungen verunsichert, doch allmählich beruhigten sich die Rivalen unter den Stämmen und wichen dem friedlichen Handel. Von weit her kamen Missionare, von den sächsischen Zufluchtsstätten in England, den Ufern der Elbe, aus den thüringischen und böhmischen Wäldern und aus Niederösterreich, um die letzten Idole zu zerstören, das Kreuz zu errichten. Viele von ihnen endeten als Märtyrer. Doch die Fürsten dieser Gegenden, in denen die Völker sich nun langsam niederließen, Dörfer bauten und Gebietsabgrenzungen schufen, waren schon eher bereit, ihre Untertanen zur Taufe zu bringen; sie hießen mit dem Evangelium ein wenig Zivilisation willkommen. In deutlichem Gegensatz zu diesen noch sehr rohen Randgebieten standen die südlichen Marken, die Marken Italiens und die der iberischen Halbinsel. Hier erfolgt die Begegnung mit dem Islam, mit der byzantinischen Christenheit, das heißt mit sehr viel zivilisierteren Welten.

Quelle Georges Duby: Die Zeit der Kathedralen / Kunst und Gesellschaft 980-1420 /Übersetzt von Grete Osterwald / suhrkamp taschenbuch wissenschaft / Frankfurt am Main 1980, 1992 (Gallimard 1976). Zitat Seite 17 und 18.

Aktuelle Zwischennotiz

Vergangenheit (Nazi?) und Gegenwart (Big Data?)

Es geht mir darum, einzelne Gesprächsthemen der Markus-Lanz-Sendung von gestern weiterzuverfolgen (Niklas Frank und Ranga Yogeshwar), das eine betrifft die Erinnerung an die eigene Familien-Situation nach dem Krieg, die andere das heutige Verhalten betr. Facebook u.ä., scheinbar harmlose Offenbarungen durch Likes (oder durch die Themenwahl in diesem Blog?). Schließlich noch Trumps explizite Lügen.

HIER

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-26-januar-2017-100.html

Ranga Yogeshwar: ab etwa 39:00

anschließend googeln: Michal Kosinski (oder gleich hier). ZITAT ihn betreffend: 2012 ist seine Methode soweit vorangeschritten, dass er anhand von 68 Facebook-Likes vorhersagen kann, welche Hautfarbe ein Nutzer hat (95% Trefferquote), ob er/sie homosexuell ist (88%) und mit welchem politischen Lager man sympathisiert (85%). Es folgen Dutzende weitere erfolgreiche Prognosen zu Konsumverhalten, ob ein Nutzer bis zum 21. Lebensjahr bei seinen Eltern gelebt hat, Religion, Geschlecht, künstlerischen und musischen Präferenzen, Erkankungen usw.

Niklas Frank über Hans Frank: ab etwa 52:00 (?Einblendung: Bilder dürfen aus rechtl. Gründen nicht gezeigt werden?)

Über Trumps Lügen („Alternative Fakten“): Bei LANZ (a.a.O.) ab 24:05 (die Bilder, die hier aus rechtlichen Gründen jetzt nicht mehr gezeigt werden dürfen, sind unter den unten folgenden Links durchaus zu finden), zu Ranga Yogeshwars Einwänden betr. Uhrzeit (Trump-Foto „ein bisschen zu früh, um es sauber zu vergleichen“ + Einfluss des Wetters: wieviel 100.000 Menschen können denn in letzter Minute auf einen Platz strömen? Wie steht es um die Richtigkeit der Zahlen der Verkehrsbetriebe?)

a) http://www.br.de/nachrichten/trump-pressesprecher-wahrheit-100.html hier

b) https://www.youtube.com/watch?v=9AjjVMAdWm4 hier (ab 1:33:30)

c) http://www.msnbc.com/am-joy/watch/kellyanne-conway-spicer-gave-alternative-facts-860234819559 hier

***

Wie man mit Zahlen lügen kann

Am Beispiel einer Diskussion bei Maischberger (ARD 7.12.2016)

Die ganze Sendung ist bis 7.12.2017 in der ARD Mediathek abrufbar: HIER 

http://www.daserste.de/unterhaltung/talk/maischberger/videos/angst-vor-fluechtlingen-ablehnen-ausgrenzen-abschieben-102.html

Für die Abschrift in diesem Blog ist dessen Autor (JR) verantwortlich, Missverständnisse sind nicht ausgeschlossen, daher ist die Vergewisserung an der Originalsendung empfehlenswert, zumal der Ton, der Nachdruck, das Mienenspiel, die Verzögerungen, die Einwürfe u.a. jeweils die verbalen Aussagen vervollständigen oder auch verharmlosen. Der Link zur BKA-Studie, die in der Diskussion behandelt wird, folgt am Ende dieses Blog-Beitrags. Warum diese Abschrift? Sie soll ermöglichen, den logischen Ablauf der Diskussion zu objektivieren, loszulösen von einem täuschend freundlichen, zuweilen fast „verliebten“ Unterton (im Namen der „correctness“) und die Frage zu klären: Wie ist der Umgang mit der Wahrheit? Wie greifen Analyse, Aufklärung, Verdunklung und Lüge ineinander?

Redende Personen in diesem Ausschnitt: Alice Weidel (AfD), Ranga Yogeshwar ( ARD-Moderator), Paul Ziemiak (CDU), Boris Palmer (Oberbürgermeister/Die Grünen), in Kürzeln: AW, RY, PZ, BP und M = Sandra Maischberger 

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Screenshot: Alice Weidel & Ranga Yogeshwar am 7.12.2016

(Zitate – nach Gehör notiert JR)

Ab 32:00 AW Wir haben durch die ungesteuerte Zuwanderung, haben wir ein strukturelles Problem mit Migrantenkriminalität. Es gibt einen Bericht des Bundeskriminalamtes, so, in diesem Bericht wird dargelegt, dass allein im Jahr 2015, also letztes Jahr, insgesamt 208.000 Fälle belegt sind, die von Migranten begangen wurden. Das heißt eigentlich nichts anderes (BP was für Fälle? von welcher Art?), Gewaltverbrechen …  – Verbrechen! (BP das waren 6,2 Millionen im letzten Jahr, wir haben) … so, also, lassen Sie mich bitte ausreden! (BP ich will nur die Zahl verstehen!) Ich höre Ihnen auch zu. Kriminalität… (BP ich möchte die Zahl verstehen!) … Sie haben darin Drogendelikte, Sie haben darin Körperverletzung, Sie haben Sexualdelikte dadrin, Sie haben Diebstahl dadrin, und was noch alles dazugehört. Lesen Sie doch bitte einfach mal den Bericht … (BP aber das waren 6,2 Millionen letztes … da sind 200.000 viel zu wenig!) … des Bundeskriminalamtes, ich würde das gerne aufführen, das waren 208.000 Fälle. Das heißt eigentlich: letztes Jahr, in den Monaten von Januar bis Dezember, ja, war das pro Tag 570 Fälle, und pro Stunde drei-und-zwanzig Fälle (BP aber was sagt das?), das hat eine Steigerung vom Vorjahr (BP aber wissen Sie, ich bin Mathematiker ) 2014 um 80 Prozent (BP Ich will die Zahlen nur einordnen, das sagt doch nichts, was Sie da sagen!) … Ja, eben! Also: Die Zahlen liegen doch vor, vom Bundeskriminalamt (M aber die Zahlen liegen vor, und die sind ein bisschen anders … BP Ich kann Ihnen das erklären! M Darf ich mal ganz kurz zur Versachlichung beitragen und das erstmal… AW ja gerne! M danke! – und das erstmal dazufügen, was Kriminalisten dazu sagen, das ist einmal das Bundeskriminalamt, – da ist aber auch einer, der sich ausgiebig damit beschäftigt hat, gerade mit dieser Frage: Sind Ausländer überproportional bei Straftaten – ja oder nein? )

EINSPIEL-Video [Hier nur Stichworte] 33:50 (Bild: Kölner Dom) Stimme: Übergriffe in Köln der terroranschlag im Zug nach Würzburg, der Mord in Freiburg, ist Deutschland durch den Zuzug von 1 Million Flüchtlingen tatsächlich unsicherer und krimineller geworden? 34:00 Nein, stellen die Experten einhellig fest. Die Sorge vor Einbrüchen und Diebstahl sei unbegründet.

34:40 M Ich ergänze nur noch soviel, das BKA hat ja auch ne große Studie gemacht, und das BKA sagt genau dasselbe: die Zuwanderer sind nicht krimineller in Deutschland, und sagt noch dazu: eine Million Zuwanderung des letzten Jahres hat nicht entsprechend zu einem Anstieg der Straftaten geführt – das heißt also: entweder zitieren Sie das BKA falsch oder aber (AW Nee!) das BKA lügt in diesem Fall.

alice-w-ranga-y-screenshot-2016 Alice Weidel & Ranga Yogeshwar

AW Nein, das tut es eben nicht!  Es gibt diesen Bericht des BKAs, und die Fallzahlen sind  sogar noch von 2016 angestiegen, wenn Sie  (M …widerspricht dem, was das BKA sagt) statistisch gesehen das … so sehen: Sie haben 80 Millionen, ja, Menschen, so, und Sie haben Zuwanderungen von einer Million, so, und davon begeht ein Bruchteil Straftaten, ja? so! dann führt das nicht zu einer statistisch signifikanten Anstieg der Gesamtkriminalitätsrate – darüber wird ja die ganze Zeit gesprochen – nichtsdestotrotz haben wir einen eklatanten Anstieg der Migrantenkriminalität, ja, auch vor allen in den Großstädten.

35:45 PZ …sagen sie etwas ganz Richtiges, Sie nennen ja , Sie haben einige Delikte genannt, da sagen Sie etwas Richtiges, und ziehen aber eine Schlussfolgerung, die völlig falsch ist. (AW Das tue ich überhaupt nicht!) Nämlich: wir haben tatsächlich in manchen Bereichen von der Kriminalität einen überproportionalen Anteil von Menschen, die nicht deutsche Staatsangehörige sind (AW z.B. in Berlin!), im Betäubungs…, bei der Betäubungsmittelkriminalität, bei der Einbruchskriminalität, auch bei Gewaltdelikten so, (AW hält sich teilweise…) Sekunde! (AW ja?) Sie nennen dann in einem Atemzug (M zu AW Sie wollten doch nicht unterbrechen!) gleich – und das haben Sie grad getan – dann Mord und Sexualdelikte, und dafür gibt es in keiner Statistik irgendeinen Hinweis, dass in diesem Deliktbereich es einen überproportionalen Anstieg und dann noch grade durch Flüchtlinge gibt. Und das ist einfach unseriös. (AW – beiseite: – Unglaublich!)

paul-ziemiak-screenshot-2016 Paul Ziemiak

36:35 RY Also, Sie haben die Zahlen genannt, ne?, die Zahlen stimmen. Das Interessante bei den Zahlen ist: was ist damit gemeint? Weil: die Zahl klingt ja unglaublich gewaltig, aber da sind – Leute, die einfach illegal hier sind, das steht da mit aufgeführt, da werden eine Menge von Delikten aufgeführt, die – ich sage mal – fast formell sind, die man sogar rausgenommen hat, man hat ja die Statistik – wir haben ja natürlich diese Studie alle gelesen – hat man angefangen, wirklich mal rauszuziehen, sehr differenziert geguckt, okay, wie ist es, wie ist das bezogen auf die Gruppe der Menschen, die da ist, und wenn man das alles tut, so Schritt für Schritt, ist – finde ich – das Interessante, dass die vergleichbar sind mit den Deutschen, und dass es einen Unterschied gibt, und das ist – sehr spannend, finde ich – nämlich das Profil ist nicht, dass die gewalttätiger sind, sondern dass die schlichtweg arm sind. Also: es wird mehr geklaut et cetera, was mit Armut zu tun hat (AW organisierte Kriminalität! also…) das ist n anderes Thema, das hat aber wenig mit Flüchtlingen so zu tun, also – jaja klar! -, aber … wenn man sich die Statistik anschaut, ich finde es dann einfach wichtig, dass man wirklich versucht zu verstehen: ist es so, dass es nicht diesen großen Unterschied gibt. Aber das klingt natürlich gewaltig, wenn Sie die Zahl nennen, denkt jeder, okay, soundso viel tausend Morde, Vergewaltigungen durch … (leise Frage an AW, sie beharrt und schüttelt den Kopf).

Herr Palmer, kommt man mit Zahlen weiter?

boris-palmer-screenshot-2016 Boris Palmer

BP  Ich glaube schon, die 200.000 klingen viel, und deshalb habe ich eingehakt: was ist gemeint? Das BKA hat auch 6,2 Millionen Straftaten insgesamt registriert – und dagegen – wenn ich das jetzt umrechne pro Stunde, kommt auch ne ganz furchtbare Zahl raus. An der Debatte, die wird ja immer wieder geführt, stört mich, dass beide Aussagen falsch sind: Die Aussage, die Migranten hätten die gleiche Kriminalitätsbelastung wie die Deutschen, ist falsch. Und die Aussage, die Migranten sind ganz furchtbar schlimm kriminell, ist auch falsch. (M: Was ist denn dann richtig, Herr Palmer?) Beides ist falsch. Richtig ist, wenn man statistische Korrekturfaktoren einfügt, also z.B. Alter, Geschlecht, sozialer Status, Armut, Reichtum, dann sind die Menschen, die zu uns gekommen sind, gerade so wie die Vergleichsgruppe der Deutschen. Da aber die Deutschen im Schnitt nicht gleiches Alter haben – sondern es gibt mehr junge Männer bei den Migranten, weil wir nicht das gleiche Einkommen haben, es gibt Ärmere, es gibt viel weniger Gebildete, Kriminalitätsbelastung ohne Korrekturfaktoren bei den Migranten größer. Nur, die Erklärung ist nicht das Ausländerdasein, sondern die gesellschaftliche Position, das erklärt auch, warum so viele Menschen sagen: ich versteh die Kriminalitätsstatistik nicht, da  stimmt entweder die Kriminalitätsstatistik nicht – die AfD sagt dann, das sei Lügenpresse – weil es komplexer ist – es ist ne Scheinkorrelation zwischen dem Ausländerstatus und der Kriminalitätsbelastung. Tatsache ist: ja, Ausländer sind im Schnitt krimineller, wenn man nicht die Korrekturfaktoren einfügt, aber es sind im Schnitt genau die gleichen Menschen wie wir, wenn die gleichen Einflüsse auf sie wirken, haben sie die gleichen Kriminalitätsdaten. (Mehrere Stimmen durcheinander.) Und es ist schwieriger als so ne einfache These 39:35

42:17  RY über Aggression in Flüchtlingsheimen

AW 48:25: „Wir haben ja auch eine große Binnenmigration innerhalb Europas. Gut dann reden wir jetzt einfach nicht davon…“ RY 48:28: „Luxembourg zum Beispiel! Ich bin Luxembourger.“

alice-w-ranga-y-screenshot-48-26-2016 48:25alice-w-ranga-y-lux-screenshot-2016 48:28

Bericht über BKA-Bericht in der „Welt“ HIER (beginnt mit Reklame)

Direkt zum BKA-Bericht (pdf) „Kriminalität im Kontext“ HIER

bka-bericht-anfang-screenshotBKA-Bericht Seite 7 (Achtung: diese Tabelle allein genügt nicht zur Urteilsbildung! Siehe Link davor zu „Kriminalität im Kontext“ und den hier folgenden Link!)

Allgemeine DATEN zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland HIER

Trump und die Zukunft

Erkenntnisgewinn aus der furchtbaren Wahl

Ja, es ist weiß Gott schon genug geschrieben worden über dieses Thema, da muss ich nicht ein zweites Mal nachhalten. Ich tue es nur im eigenen Interesse, nämlich um einen beeindruckenden Artikel zu verinnerlichen: bald wird er zwar im Internet nachlesbar sein, aber wer weiß, ob dann die Bereitschaft, Historisches zu exzerpieren, nicht wieder durch Musikthemen verdrängt ist. Also: der Autor ist möglicherweise kein ausgewiesener Musiker, jedoch außerordentlich vielseitiger Feuilleton-Chefredakteur der ZEIT, Thomas Assheuer. Autorität ist er aber nicht so sehr durch diese Tatsache, sondern weil er große Zusammenhänge erfasst und plastisch darstellen kann. Ich beschränke mich darauf, Kernsätze zu sammeln, im Vertrauen darauf, dass sich der Zusammenhang wieder „von selbst“ einstellt. Die Internetquelle wird folgen, sobald sie erreichbar ist, einstweilen hilft die aktuelle Ausgabe der ZEIT, – wieder einmal ein Artikel, der allein den Preis des ganzen Blattes wert ist. Insbesondere bin ich froh, dass am Ende der Bogen zu Max Weber geschlagen wird, dessen Werk immer wieder eine Rekapitulation verdient. Auch in dieser Richtung will ich Lese-Motive zusammenstellen. Vorweg aber ein schnell geschossenes Handy-Motiv, als Dank beim Abschied im November, keine Kunst, einfach weil es mich an schöne warme Sommerabende auf der jetzt verwaisten Terrasse erinnert, unser Refugium zwischen Solingen und Haan. (Nur für den Fall, dass man mir vorhält, die regelmäßig rettende Muße nur mit Lippenbekenntnissen zu bedenken. Siehe dazu das „Nebenergebnis“ hier.)

heidberger-muehle-a  heidberger-muehle-b November 2016

(Zitat-Auswahl folgt)

Natürlich muss man fragen, welchen Grad an soziomoralischer Zerrüttung eine Gesellschaft erreicht hat, die knapp drei Jahrzehnte nach ihrem Sieg über den Kommunismus einen klassischen Spekulanten zum Präsidenten wählt. Tatsächlich konnte Trumps Revolte nur erfolg haben, weil er zum Putsch aufrief und die rebellischen Energien einer gespaltenen Gesellschaft auf seine Mühlen lenkte. Trump betrieb Ideologiekritik von rechts und traf damit einen Nerv. Er hämmerte dem Wahlvolk ein, die liberale Kultur mit ihrem gottverdammten Kosmopolitismus, mit diversity und Multikulti-Aroma sei nichts anderes als die Ideologie einer politischen Klasse, die die hart schuftenden Arbeiter um ihren gerechten Anteil betrüge. Die herrschende Moral sei die Moral der Herrschenden – die Moral der vaterlandslosen Globalisten, die ihre eigenen Kinder in Privatschulen in Sicherheit bringen, die Wasser predigen und Wein trinken.

***

Es gibt eine neue Konvergenz der Systeme, nämlich eine Konvergenz der Autoritären. Trump fühlt sich Putin nah, und wer weiß, wen er noch so alles bewundert. Denn bei allen Unterschieden verkörpern Trump wie Putin einen neuen Politikertyp, der mit identischem Profil auf die Anarchie der Weltgesellschaft reagiert mit einer toxischen Mischung aus Größen- und Verfolgungswahn. Nachdem die Globalisierung eine Raumrevolution ausgelöst und Grenzen durchlöchert hat, setzen die neuen Autoritären auf den geschlossenen Maßnahmestaat, während sie gleichzeitig eng mit dem Weltmarkt verbunden bleiben.

***

(…) Der neue Typ des Autoritären weiß, dass es allein auf a few dollars more nicht ankommt. Deshalb verspricht er nicht nur Arbeitsplätze (Trump: „Ein Anruf bei Ford Mexico, und die Autos werden wieder bei uns gebaut); er verspricht ein Mehr an Leben, eine existenzielle Intensität jenseits des neoliberalen „Tugendterrors“, der den Leuten einbläut, sie sollen sich gefälligst wettbewerbsfähig halten, mit dem Rauchen aufhören und nicht so fett werden. In Trumps Schmährhetorik verkörpern Liberale wie Hillary Clinton das leblose leben, das sich mit kitschigen Phrasen („hope“) auf eine Zukunft vertröstet, die sowieso nicht kommt.

Mit diesem reaktionären Vitalismus stößt die Neue Rechte in das liberale Sinnvakuum vor und verspricht dem „Volk“ ein Leben, das mehr ist als die Vermeidung von Fehlanreizen, mehr als Investment, mehr als „Werde schlau, dann kannst du es schaffen“ – und mehr als Sozialpolitik sowieso. Rechte Politik ist aktive Schizophrenie. Sie intensiviert den Konkurrenzkapitalismus und verspricht gleichzeitig die Erlösung von seinen Zwängen, und das nicht erst morgen, sondern schon heute. Deshalb erlaubt sie das obszöne Genießen, sie gewährt den kurzen bewachten Ausstieg aus dem gesellschaftlichen Rattenrennen, die kalkulierte Übertretung – wenngleich nur so lange, wie es nicht politisch und gefährlich ist, denn sonst kommt, leider, leider, der Große Bruder und schaut nach dem Rechten.

***

Selbst wenn Amerika unter Trump als treibende ordnungsstiftende Kraft ausfällt: Die einmal errungene Freiheit vergisst sich nicht, sie kommt wieder, sie kann nicht anders. Bis dahin könnte Europa der Welt vormachen, wie man den Kapitalismus zähmt und auf diese Weise den Rechten das Wasser abgräbt. Oder, um Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen: „Will man jetzt über Amerika hinausschicken, so kann es nur nach Europa sein.“

***

Der Soziologe Max Weber hat in seiner Protestantischen Ethik bereits 1904 durchgespielt, was es bedeutet, wenn der Amerikanische Traum als Perversion in Erfüllung geht und sich der kapitalistische Markt ohne Rest in eine kapitalistische Kultur verwandelt: Die „äußeren Güter dieser Welt“ werden eine „unentrinnbare Macht über den Menschen gewonnen“ haben. Der kulturelle Geist der Geschichte ist „aus diesem Gehäuse gewichen, der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf dieser Stütze nicht mehr. Auch die rosige Stimmung ihrer lachenden Erbin: der Aufklärung, scheint endgültig im Verbleichen. (…) Auf dem Gebiet seiner höchsten Entfesselung, in den Vereinigten Staaten, neigt das seines religiös-ethischen Sinnes entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen Leidenschaften zu assoziieren.“ Dann allerdings könnte für die „letzten Menschen“ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

Das war Max Weber Antwort auf Hegels Spekulation über den Gang des Weltgeistes. In Amerika kommt er zur Ruhe, aber nicht in Gestalt von Vernunft und Freiheit, sondern in Gestalt von Zwang und Ökonomie. Doch wie gesagt: Wer glaubt schon an den Weltgeist.

Quelle DIE ZEIT 17. November 2016 Seite 45 Der Dealer als Leader Wenn Donald Trump wahr macht, was er seinen Wählern versprochen hat, dann endet der Liberalismus dort, wo er begonnen hat: In Amerika. Von Thomas Assheuer.

Empfehlung

Es kann nicht ganz falsch sein, jetzt einmal bei Max Weber selbst nachzulesen. Eine der empfehlenswertesten Arbeiten des vergangenen Jahrhunderts: Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus [1904/05; 1920] als pdf  HIER abrufbar. Vielleicht eine drucktechnisch fragwürdige Wiedergabe. Zu vergleichen mit einer anderen Version HIER. (Assheuers Zitat findet sich hier auf den Seiten 83/84.) Aber auch diese Wiedergabe enthält unangenehme, übertragungstechnisch bedingte Druckfehler, z.B. „assozüeren“ statt assoziieren, „Aufsaties“ statt Aufsatzes u.ä.

NEIN, der beste Weg per Internet: über Wikipedia HIER – schon um eine inhaltliche Vorstellung zu bekommen -, dann zum Volltext über die dort am Ende angegebenen Weblinks.

Neues über Trump

Im Tagesspiegel ein Interview mit seinem Biographen David Cay Johnston HIER !

Noch einmal zu Max Weber

Wenn man es ganz genau wissen will, geht man an die Quellen:

max-weber-cd-rom max-weber-rueck

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Oder auch an den sehr gründlichen Sekundärtext „Max Weber Handbuch / Leben – Werk – Wirkung / Herausgegeben von Hans-Peter Müller und Steffen Sigmund WBG : Seite 105 zum Stichwort „Protestantismus, asketischer“; Seite 245 bis 255 Zu „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904-05; 1920)“. Darin unter Fazit (Seite 255):

Die Protestantische Ethik ist entschieden nicht nur eine historische Abhandlung, die eine begrenzte These entfaltet. Sie ist vielmehr eine Summa, ein Ausdruck von Webers Ansichten zu praktisch allen Themen, die ihn interessierten. (…) Wenn wir uns also fragen, von welcher Bedeutung die Protestantische Ethik für das zeitgenössische Denken ist, dann muss die Antwort so lauten, wie Weber diese Arbeit konzipierte und ihre Leser sie kollektiv rezipieren: als offen und praktisch grenzenlos.

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Das Böse

Ist das Böse einfach nur Gewalt?

Es interessiert mich, fast so lange ich denken kann. Wer darf mich schlagen, mich körperlich oder psychisch tangieren, wen darf ich bestrafen? Wer muss tun, was ich verlange? Wer ist der Stärkste an der Schule? Weshalb haben sich mir bestimmte Demütigungen eingeprägt, wie oft hat meine Mutter den Gang nach Canossa erwähnt? Welcher Held war es, der einem unterlegenen Schurken mit Verachtung (!) das Leben nahm oder (noch überheblicher) schenkte. Urszenen aller Art. Habe ich wirklich als Kind in aller Unschuld Fliegen die Flügel ausgerissen, um sie in Käfer zu verwandeln? Maikäfer jedoch (wie mein Bruder) kunstvoll geköpft? Tiergeschichten bis hin zum Dschungelbuch hatten immer mit Macht zu tun, natürlich auch die Abbildung im Schmeil, zu der ich mir Geschichten ausdachte. Die Liebe zu „meiner“ Katze war mit Erinnerung an die erste Szene aus „Nils Holgerssohn“ getränkt. Die Umkehrung der Machtverhältnisse, als der Junge plötzlich winzig und die Katze riesengroß war. Eine Schlüsselfunktion in allen Bereichen der moralischen Differenzierung hatte die fatal selbsttätige Phantasie. Dann Nietzsches Buch „Jenseits von Gut und Böse“. All dies war gegenwärtig, als ich gestern nichtsahnend in die Sendung mit Markus Lanz hineinschlitterte. Ich werde ein paar Bücher einstreuen, nicht alle habe ich gründlich gelesen, manche aber wie eine Bibel.

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In der ZDF-Sendung Markus Lanz am 16. November war u.a. der Kriminalpsychologe Dr. Thomas Müller zu Gast. Hier folgt eine Nachschrift des Gesprächs (Ausschnitte), die Fragen oder Zwischenbemerkungen von Markus Lanz stehen in Klammern.

Ab 9:00 [Über das Verbrechen von Höxter]

(Herr Müller, wenn man die beiden so sieht vor Gericht, man stellt sich Menschen, die so etwas tun, anders vor. Ist das etwas, mit dem Sie häufig konfrontiert sind, haben wir ne falsche Vorstellung davon, wie jemand, der tatsächlich böse ist, wie der auszusehen hat?)

Wie stellen Sie sich denn böse Menschen vor ? (Das ist die Frage!)

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Man stellt sich vor, dass man ein Gefühl dafür hat und fragt sich wie kann das sein dass Frauen, die aus der ganzen Bundesrepublik kamen, sogar in Tschechien sind ja ganze Anzeigen geschaltet worden, um Frauen in dieses Haus nach Höxter zu kriegen, dass man ein Gefühl dafür hat, dass irgendetwas in diesem Haus nicht stimmt. Aber offenbar war ja das Gegenteil der Fall.

Wissen Sie, ich hab in meiner beruflichen Karriere keine zwei Sätze öfters gehört wie die folgenden: wenn ein komplexes Verbrechen aufgeklärt wird wie jetzt z.B. in Höxter, und die Medien oder der Staatsanwalt präsentieren dann einen Tatverdächtigen, dann gibt’s genügend Menschen, die sagen: „Aber doch nicht der! Das war der liebe nette Nachbar, der hat mit den Kindern gespielt und hat mir geholfen das Dach reparieren, und je nach Komplexität des Verbrechens dauert es 30, 40, 50 Stunden, und dann gibt’s plötzlich genügend viele Menschen, die sagen, der war immer schon irgendwie komisch. Aber was sagt uns denn dieser allgemeine Wandel? Dass wir vollkommen unfähig sind festzustellen, was wir jemand zutrauen und was nicht. Und ich hab mit sehr sehr viel Menschen gesprochen, die hochkomplexe Verbrechen begangen haben, Serienvergewaltiger, Serienmörder und mit Bombenbauern, ich hab keinen einzigen getroffen, der gelbe Augen gehabt hat. Oder mit den Fingernägeln am Boden dahingekratzt…. Aber Sie dürfen das jetzt bitte nicht falsch verstehen, – diese Menschen schauen so aus wie Sie oder ich. (Hmhm.)

Das was sie (genau!) antreibt, das ist der große Unterschied… (genau: dieser Sadismus, diese … wie beschreibt eigentlich der Psychologe Sadismus, was ist das in Ihrer Definition? Wir haben ja nur so ne vage Vorstellung davon.)

Nun da gibt es leider Gottes eine falsche Definition, die sehr gängig ist, dass man sagt, der sexuelle Sadist bezieht aus dem Quälen des Opfers eine Befriedigung, eine sexuelle Befriedigung. Und das geht aber nen Schritt weiter: er bezieht die Befriedigung aus der Reaktion des Opfers auf das Quälen. Das heißt, das Quälen, torture, wie die Amerikaner sagen, ist eigentlich nur Mittel zum Zweck, d.h. verstorbene Opfer sind eigentlich für einen Sadisten völlig wertlos, und deswegen verwenden sie sehr viel Anstrengungen und die gesamte Intelligenz, um die Opfer so gut wie möglich zu verbergen, zu vergraben, zu verstecken, so dass man sie nie mehr findet. Aber das was sie antreibt, sind diese dunklen Phantasien. Sie müssen sich diese Menschen ein bisschen plastisch, wenn Sie gestatten, so vorstellen, als ob die ein Riesen Schwarzes Loch hätten und sie versuchen jetzt andere Menschen zu manipuieren, sie versuchen zu antizipieren, wie sie ihnen Schmerzen zufügen kann, dass sie drauf reagieren können, dass sie irgendeine Reaktion von denen bekommen in der Hoffnung, dass dieses schwarze Loch irgendwie sich füllt, hilft aber nichts, es wird immer größer.

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(Hmhm. Welche Rolle spielt Sexualität dabei?)

Eine sehr sehr große. Natürlich gibt’s auch sadistische Menschen, die abgesehen von der Sexualität etwas ah … sadistische Tendenzen haben, aber die Sexualität und eben die sadistische Rolle in der Sexualität ist eine sehr große, insbesondere dann, wenn es zu schwerwiegenden Straftaten kommt. Also Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir eigentlich … die Basis dafür, – und das wissen wir heute, dass Kinder, denen in früher Zeit in ein außergewöhnlich dramatisches Erlebnis hineinkommen, gibt ihnen die Mutter Natur eine Möglichkeit, um mit diesen schwierigen Situationen umzugehen, das ist die Phantasie. Wenn ich die Augen zumache – die Dunkelheit ist der Freund der Phantasie, da kann ich mit außergewöhnlichen Momenten, mit denen ich nicht zupass komme, mit denen kann ich umgehen. Wenn ich … In der Phantasie kann ich Kampfmaschinen kreieren, ich bin plötzlich mächtig, ich hab Gewaltphantasien oder sowas. und wenn die Mutter Natur nun Sexualhormone über die jungen Körper drüberschüttet, im 12, 13, 14ten Lebensjahr, Tendenz sinkend, dann verbinden sich Gewaltphantasien mit Sexualität,und Sie haben die Basis für jedes Sexualverbrechen. Und es kann Vergewaltigung sein, es kann aber auch soweit gehen, dass die menschen tatsächlich so konditioniert sind, dass sie sagen: ich brauch den Widerstand des anderen, ich brauch die Qual, ich brauch das Mittel, das Mittel zum Zweck, wie der andere darauf reagiert, damit ich … Befriedigung krieg. Es sind eigentlich sehr kalte Menschen.

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(Hm… das heißt, da ist eine Tat, die wahrscheinlich über Jahre in der Phantasie schon immer wieder begangen wird, die genau und minutiös geplant ist, und das einzige, was zufällig ist, ist das Opfer, das dummerweise gerade in dem Moment verfügbar ist.)

Es ist bei diesen Menschen alles geplant! Was sie sagen, wie sie ihre Bunker bauen, welche Gegenstände sie verwenden, wie sie sich selber präsentieren oder sonst irgendwas. Bis auf eine Sache: das Opfer, das ist in der Regel zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Und dieser Planungsgrad, dieser enorme Planungsgrad, so wie Sie sagen: es wacht niemand in der Frühe auf und sagt: jetzt mache ich ein Tötungsdelikt und geht am Abend ins Bett und sagt: Nein, es war heut ein schlechter Tag, ich machs ich nicht mehr wieder. Sondern gerade bei sexuellen Tötungsdelikten war das ein Prozess, ein progredienter Prozess, der über Jahre hinweggeht, und ich kann mich erinnern, ich hab einmal jemand interviewt, der einige Frauen vergewaltigt hat und zum Schluss zwei umgebracht hat, und der hat gesagt: Meine sexuellen Phantasien sind wie ein Schloss mit tausend Räumen und jeden Tag kommen zehn neue dazu. Also diese Menschen fangen in der Frühe schon drüber phantasieren an, was sie noch machen können, und am Abend hören sie auf. Manchmal hab ich (..?..), Sie träumen sogar noch davon, wie sie diese Phantasien ausbauen können.

(14:20 Herr Fenneker, zurück nach Höxter …. was hat das mit der Stadt und den Menschen dort gemacht?) „Nachbarn“? 16:00 bis 18:50 Zwischen Höxter und dem Säuremord in Hamburg gibt es durchaus Parallelen, inwiefern?)

Müller: Planungsgrad. Man kann davon ausgehen, dass Täter, die eigentlich ein Verbrechen begehen, Kernentscheidungen treffen, bevor sie überhaupt an das Opfer denken. 19:00

27:33 Dr. Thomas Müller interviewte den Mörder Lutz Reinstrom mehrfach im Gefängnis.

(Herr Müller, Sie haben den Mann dreimal im Gefängnis getroffen, wie haben Sie diese Begegnungen in Erinnerung. Das erste Mal, das erste Gespräch.) 27:27

Zunächst einmal ein Satz dazu. Warum geht ein Kriminalpsychologe überhaupt ins Gefangenenhaus? Wir ermitteln ja nicht, wir klagen nicht an, sondern unsere Aufgabe ist es für die Organe der Strafrechtspflege die Staatsanwaltschaft, die Kollegen der Kriminalpolizei, ein zusätzliches Hilfsmittel zu sein,Verhalten zu beurteilen. Sie dürfen nicht vergessen, wir beurteilen immer Menschen, die wir noch nie gesehen haben, nur aufgrund der Entscheidungen, die sie in einem Verbrechen begangen haben, warum sie wie Kontrolle aufgenommen haben, warum sie die Opfer längere Zeit behalten haben, wie sie sie behandelt haben. Und um das zu lernen, können wir ja nicht in die Universitäten laufen, es gibt auch keine Bücher darüber, sondern – und das dürfen Sie jetzt nicht falsch verstehen – unsere Experten sitzen in den Hochsicherheitsgefängnissen.

(Jack Unterweger, auch berüchtigter Serienmörder in Österreich sehr bekannt, der Sie manipuliert hat, indem er Sie einfach 25 Minuten … oder 2 Stunden … die Zeit weiß ich nicht mehr…, der hat Sie warten lassen. Und Sie sind dann rein und haben dann so getan, als wär Ihnen das gar nicht aufgefallen, dass der 2 Stunden zu spät kommt.) Fortsetzung?

32:10 Markus Lanz: So hart das auch ist, – das Böse hat auch eine Faszination, und das erlebt man auch grade wieder, wenn man Ihnen zuhört. 32:17

Quelle des Textes: ZDF-Sendung Markus Lanz 16. November 2016 

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De Sade in bester Gesellschaft („das Böse hat auch eine Faszination“):

safranski-de-sade Safranski: „Das Böse“

Man gehört nicht automatisch zu den Guten, wenn man Gewaltdarstellungen vermeidet, also: virtuelle Erfahrungen mit dem Phänomen Gewalt ausspart. Sie gehört zur Realität, ob wir das in Ordnung finden oder nicht. Es ist nicht leicht, das Buch „Überwachen und Strafen / Die Geburt des Gefängnisses“ von Michel Foucault zu lesen, das mit einem mehrseitigen Augenzeugenbericht über die Vierteilung eines Menschen beginnt. Oder das Kapitel „Abenteuergeschichten“ in dem Buch „Soldaten / Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer, Berichte, in denen das Wort „töten“ nie vorkommt, obwohl es sich gerade darum handelt, – jedoch immer wieder die Bemerkung „das hat Spaß gemacht“.

***

Ist auf dem folgenden Bild das Böse dargestellt, oder (nach realen Motiven der Folterpraxis) eine Phantasie des Bösen, die verwandte Phantasien bedienen soll? (Es stammt von einem unbekannten Meister aus einem spanischen Kloster des frühen 16. Jahrhunderts.)

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Dank an B.S. für diese Entdeckung, für einen schönen Artikel über Leonard Cohen und für Lou Reeds „ROCKnROLL ANIMAL“.

Hinweis (DIE ZEIT 17. November 2016 Dossier Seite 16) betr. USA:

Blutigen Dramen von Shakespeare und anderen Werken der Weltliteratur werden neuerdings Warnungen beigelegt: Diese Schrift könne Menschen verstören, die in ihrem Leben Gewalterfahrungen machen mussten.

Und es gibt noch etwas Passendes zum Thema: Hier.

Strömende Massen

Verteilung der Individuen im Raum

Es ist jedem schon mal aufgefallen, so auch mir: wir setzen uns in einem Restaurant mit vielen freien Tischen selten beliebig: das Fenster spielt eine Rolle, der Ausblick natürlich, aber auch der Abstand zum nächsten Gast. Wir setzen uns nicht unmittelbar neben einen besetzten Tisch, sondern lassen möglichst den allernächsten oder mehrere aus. Wenn der Ausblick unerheblich ist, verteilen sich die Gäste auf die übrigen Tische des Raumes unbewusst nach einem Prinzip der Symmetrie. Ebenso in einem Eisenbahnabteil, einem Wartesaal oder in einem Konzertsaal mit freier Platzwahl: wenn die meisten Plätze frei sind, setzen wir uns nicht eng neben oder hinter einen besetzten Platz (das wird als aufdringlich gewertet), sondern gern im lockeren Abstand oder auf der diagonal entgegengesetzten Reihe. Ein Film von der allmählichen Besetzung der Sitze würde wahrscheinlich wechselnde, aber schöne Muster erkennen lassen. Jeder Zwischenstand ist auf Dauer ausgerichtet. Es ist interessant, dass es eine besondere Forschungsrichtung gibt, die sich mit den Bewegungsmustern von Individuen und Gruppen beschäftigt, die sich über einen Platz bewegen: z.B. HIER. [ https://idw-online.de/de/news663115 ]

Es spielt aber vermutlich eine wichtige Rolle, ob es um die Verteilung auf Ruheplätze geht oder um eine Fortbewegung in unterschiedlicher Richtung oder in eine gemeinsame Richtung.

Ich lese:

„Das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation beschäftigt sich mit der gesamten Vielfalt dynamischer Phänomene, Strukturbildung und Selbstorganisation: von den Wirbeln in turbulenten Strömungen über Netzwerke von Nervenzellen im Gehirn bis hin zu granularer Materie und komplexen Flüssigkeiten. Obwohl sich diese Systeme unterschiedlichen Fachrichtungen zuordnen lassen, folgen sie ähnlichen Gesetzmäßigkeiten und lassen sich mit ähnlichen Methoden beschreiben und erforschen.“

Quelle siehe auf der Web-Seite HIER. Vergleiche dort auch Chaos-Theorie (Artikel über Theo Geisel).

Man vergleiche auch die Untersuchungen von Strömungsverläufen und die Beschreibung des Schwarmverhaltens HIER. Siehe an dieser Stelle auch unter den weiterführenden Begriffen wie Gruppendynamik, Herdenverhalten, Kollektive Intelligenz.

Suzanne

Warum ich heute Leonard Cohen höre

Nicht weil er gestorben ist und ich Trauerarbeit leisten muss. Ich habe ihn ja mein Leben lang nicht beachtet. Nein, es ist banaler: mich interessiert immer, wenn Nicht-Musiker über Musik reden und mehr oder weniger ein Bekenntnis ablegen. Ich versuche, ob ich das nachempfinden kann, und es funktioniert recht oft. Ich nehme dann etwas wahr, was mir vorher nicht bemerkenswert erschien. „Aha, so also bewegt sich ein Lied in das Gehirn und setzt sich fest…“ (Eigentlich müssten die alten LPs wieder knistern, was bei mir aber keinen Sinn hätte.)

Eine ganze Wochenendseite der Süddeutschen für Leonard Cohen, ein großer Beitrag von Kurt Kister, ein kleinerer, mehr auf die Stadt Montreal bezogen, von Thomas Steinfeld. Und beide Artikel kann man im Internet nachlesen (s.u., unter dem Video), und sie sind durchaus von der professionellen Sicht und vom politischen Standort der beiden Journalisten geprägt. Kurt Kister:

Es geht nun, mit Verlaub und der Bitte um Entschuldigung für diesen Ausdruck, eine Scheißwoche zu Ende. Ein Klotzkopf, der in nichts für das steht, was Leonard Cohen war, wird US-Präsident, und Leonard Cohen ist gestorben. Heute Abend möge jeder, der noch einen Plattenspieler hat, die alte „Songs of Leonard Cohen“ auflegen, ja, genau die, die so knistert (streamen ist als schlechter Ersatz erlaubt). Der erste Song auf der A-Seite ist „Suzanne“, tausend Mal gehört. Die letzten Zeilen lauten: And you want to travel with her, and you want to travel blind, and you know that you can trust her, for she’s touched your perfect body with her mind.

So war es. Leonard Cohen hat viele von uns mit seinem Geist berührt. Es ist Zeit zu trauern.

Quelle Süddeutsche Zeitung 12./13. November 2016 Seite 15 Ein Licht erlischt Der Songwriter und Dichter Leonard Cohen ist gestorben, der wie kaum ein anderer die dunklen Seiten der Seele strahlen lassen konnte, ohne die Liebe aus dem Blick zu verlieren. Von Kurt Kister. /   Das Heilige und das Gebrochene Leonard Cohen und Montreal: Eine Stadt, die in seinem gesamten Werk gegenwärtig ist. Von Thomas Steinfeld.

Und in beiden Artikeln spielt „Suzanne“ eine besondere Rolle, kurz: die Liebe. Ich lese den Text hier und finde die zitierten Zeilen wieder. Sogar auf deutsch, wenn ich will. Ich höre das Lied auf youtube (s.u.) und registriere, dass er hier und dort andere Worte verwendet. Macht nichts. Die kritischen Ausgaben werden kommen, auch wenn kein Nobel-Preis nachgeholfen hat.

Kurt Kister also sagt dies: hier.
Thomas Steinfeld sagt das: hier.

Ich finde es gut, dass all dies gesagt wird, und ich werde noch andere Lieder hören.

„Man hat nie einen Sänger erlebt, der in so großer Würde alt geworden ist“. (Kister)

„In dieser Zeit (…) muss Montreal für junge Intellektuelle eine Stadt von grenzenloser Offenheit gewesen sein. Das Blasphemische und wohl auch das Obszöne, das zum Beispiel dem Text der Hymne „Hallelujah“ zueignet (siehe dazu Allan Lights Buch: „The Holy or the Broken“, New York 2012), entsteht aus diesem Zusammenhang, der sich oft in den Werken Leonard Cohens findet.“  (Steinfeld)

Für einen Moment dachte ich an ein anderes Buch („Das Rohe und das Gekochte“ von Lévi-Strauss) und als ich keinen Zusammenhang fand, blieb ich lieber beim Thema. Also: „Hallelujah“. Text hier, Übersetzung hier.

Und dann die Musik. Würde ich dafür ein Buch lesen? Vielleicht. Oder doch nicht.

(Achtung: Werbung am Anfang.)

Was mir Freund Berthold kürzlich (13.11.16) zum Thema schrieb:

Es bleibt das, was wir immer wieder festgestellt haben, wenn wir uns über Popmusik unterhalten haben – mit musikalischen Mitteln ist diese Musik nicht festzunageln (wobei man Cohen immerhin für den Einzug des Dreiertaktes in die Popmusik verantwortlich machen kann, wo sonst ja alles im Vierer- bzw. Zweiertakt ist – alles! auch eine Schwäche des Jazz übrigens, aber davon spricht kaum jemand). Denn rein musikalisch gesehen taugt sie natürlich nichts, die Melodien sind sehr simpel (nun, das kann man manchmal auch bei Mozart oder Beethoven feststellen), die Harmonik ist langweilig, die Rhythmik ebenso. Das, was sie für so viele Menschen interessant macht, ist ihr zeitkultureller Wert.
Dylan oder Cohen haben ja, jeder auf seine Weise, Hymnen komponiert, die viele (meist junge) Menschen sofort nachvollziehen konnten. Die ein Lebensgefühl deutlich machten (und die, würde ich aus heutiger Warte ergänzen, nicht die Mühe machten, sich erst aufwendig mit ihnen beschäftigen zu müssen, wie bei der ernsten Musik eben notwendig ist). Man könnte übrigens auch sagen, daß die Melancholie Cohens, die uns Jüngere in den 1970ern so gefangen nahm, nicht nur mit sowieso vorhandener pubertärer Daseinstraurigkeit zu tun hatte, sondern auch etwas mit unserer Traurigkeit angesichts der Verhältnisse – denn das war ja politisch die „bleierne Zeit“.
Das ist übrigens ein Unterschied zu einem Großteil zeitgenössischer Popmusik, in der es eigentlich nur noch um sinnlose Unterhaltung geht, also nicht einmal mehr das Zeitgenössische, das Lebensgefühl, die Hymnen vorkommen (Ausnahme: US-amerikanischer oder auch afrikanischer HipHop, jedenfalls seine besten Teile, und da wird’s ja auch musikalisch interessanter…).
Ich wills mir nicht einfach machen, aber es ist klar, daß die gesellschaftliche Entwicklung, die der kapitalistische Realismus/Neoliberalismus benötigt, um sich durchzusetzen (z.B. mangelhafte Bildung – es ist einfach so, daß Menschen, je klüger sie sind, desto kritischer werden), eben auch kulturell verheerende Folgen hat.
Dummheit und Konsumismus, alles nur noch dumpfe Unterhaltung. Nur dort, wo es noch um etwas geht,
– (für die Afroamerikaner etwa, die in den USA eben nicht nur marginalisiert sind wie die weißen Arbeiter, sondern auf den Straßen um ihr Leben besorgt sein müssen – lies das todtraurige und aufwühlende „Zwischen mir und der Welt“ von Te-Nehisi Coates, eine der besten Zustandsbeschreibungen der USA unserer Tage) -,
ist die Musik noch nonkonsumistisch und steht für etwas ein. Und es ist ja auch interessant, daß einige junge HipHoper sich der Musikindustrie komplett verweigern und ihre Alben einfach im Netz veröffentlichen (Chance The Rapper z.B.), weil sie um das Problem der Kulturindustrie aus eigener Anschauung (und ohne Adorno gelesen zu haben) wissen.
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Danke, Berthold!

Zur Ergänzung:

Te-Nehisi Coates  :  „Zwischen mir und der Welt“ siehe Perlentaucher HIER
20 Seiten Leseprobe im Perlentaucher-Link zum Hanser-Verlag beachten!!!
Chance The Rapper und über ihn hier.
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Nachtrag 17. November 2016

Erstens muss man heute den Nachruf auf Leonard Cohen in der ZEIT lesen.

Zweitens den Artikel von Gert Heidenreich im Netz-Magazin Faust-Kultur (s.u.). Ich zitiere nur die wunderbaren Zeilen über die hypnotische Wirkung des Plattentellers damals: Ich habe es nicht mit der Cohen-LP erlebt, aber mit anderen. Genau so war es, aber ich hätte es nicht beschreiben können. Erst ab jetzt:

Vielleicht ist das heute gar nicht mehr vorstellbar: Dieses Ritual, wenn man mit einer neuen LP nachhause kam, sie aus der äußeren Hülle nahm, dann vorsichtig aus dem Papierhemdchen zog, sich über ihren schwarzen Glanz freute und sie an den Enden ihres Äquators zwischen den Mittelfingerspitzen in Balance haltend auf den Plattenteller legte, den Tonarm vorsichtig über die Fangrillen am Rand hob und absenkte. Der dumpfe, knackende Laut, mit dem der Saphir in die Spur rutschte, war Auftakt zu einem seltsamen Vorgang: Wie behext starrte man auf die sich drehende Scheibe, als könne man nicht begreifen, wie dieses Karussell der Töne funktioniert. Dabei wusste es jeder … Doch besonders, wenn man allein war und die Musik gefiel oder sogar begeisterte, war es schwer, den Blick vom Plattenteller zu lösen und sich frei zu machen von dieser Klangspirale, die irgend etwas gemein haben muss mit Kaminfeuer, Meereswogen und Sonnenuntergängen, die man ja auch zur Genüge kennt und doch immer wieder unverwandt betrachtet.
Und da sang er nun. Sang von Suzanne. Suzanne takes you down to her place near the river… Sang davon, dass Jesus ein Seemann gewesen sei, als er übers Wasser ging … Sang von dem Fremden, dem Spieler, der trotz der Liebe einer Frau immer wieder aufbrechen und weiterziehen muss …

Gert Heidenreich in Faust-Kultur HIER.