Kategorie-Archiv: Gesellschaft

Kampf ums Abendland?

Was hat El Cid denn mit der Klassik zu tun?

SZ Klassikkampf Süddeutsche 15. Januar 2018El CID Burgos El Cid (Foto: Wikipedia)

Was den SZ-Redakteur Thomas Steinfeld dazu getrieben hat, angesichts des Buches „Klassikkampf“ von Berthold Seliger mit dem Denkmal des Reconquista-Helden „El Cid“ in Burgos aufzuwarten, verliert sich ins Blaue hinein. Zur Marseillaise passt es ebensowenig wie zum Musikliebhaber (Titelzeile „Auf in den Kampf“ – dieser fliegende Reiter hat seine Lanze schon 700 Jahre früher abgegeben) . Aber muss man denn schon wieder den Begriff „Klassik“ abklopfen? Die meisten SZ-Leser wissen, dass er nicht nur eine kurze Wiener Musik-Epoche kennzeichnet, sondern nahezu beliebig auswählbare Kultgegenstände nobilitieren soll, von der Antike bis zur Hudson Reed Toilette oder den Triumph Classics, nur keine wirklich „innovativen“. Anders liegt der Fall, wenn intelligente Journalisten musikalischen Nonsense produzieren. Es klingt doch noch irgendwie bedeutend:

War nicht Felix Mendelssohn Bartholdy, kein geringer, aber gewiss kein „innovativer“ Komponist, auch einer der Begründer der historischen Musikpflege und also eines durch und durch konservativen Unterfangens – eines Vorhabens zudem, welches das klassische Repertoire, das bis heute die Konzertsäle beherrscht, überhaupt erst entstehen ließ? Und ist umgekehrt nicht Ludwig van Beethovens Huldigung an den Fortschritt, nämlich der vierte Satz der Neunten Symphonie („Freude, Freude treibt die Räder / in der großen Weltenuhr“), ein Werk, das mit seinem hämmernden Rhythmus und in seiner Insistenz auf der Tonika für empfindliche Ohren kaum zu ertragen ist? Es fällt schwer zu glauben, dass Beethoven dieses Umschlagen von Jubel in Qual nicht mit Absicht betrieben hätte.

Was tun, wenn man diese eine Zeile von den Rädern in der großen Weltenuhr nie als die programmatische Huldigung des Komponisten an den Fortschritt verstanden hat? Einfach aus dem Grunde, weil die Zeile bei ihm überhaupt nicht vorkommt, sondern nur bei Schiller und, wie einem beim Nachschlagen auffallen kann, auch bei diesem nicht mit dem Räderwerk des Fortschritts zu tun hat, sondern eher mit dem unbeirrbaren Gang der Natur.

Immerhin hat sich der Autor die Mühe gemacht, die Menge der Tonika-Takte abzuschätzen, um sie abschätzig zu beurteilen, während ein ausgewiesener Musikkenner über den Schluss der Neunten (das „Ausatmen“ im Tonikabereich nach der Dominante) positiver denkt. Gewiss könnte man den ganzen letzten Satz der Neunten heute vielleicht kritisch sehen, aber sicher nicht wenn man ihn, immer noch von revolutionärem Geist erfüllt, in Beethovens Zeit gerade selbst komponiert hätte. In diesem Sinne lohnt es, die dabei sorgfältig ausgewählten Texte wirklich zur Kenntnis zu nehmen. Und auch ihre musikalische Deutung ernst zu nehmen, weil sie von Beethoven ohne jeden Zweifel ernst gemeint war. Und weil er in seiner Taubheit auf jeden Fall besser hörte als alle unsere zeitgenössischen Journalisten zusammengenommen.

Freude Text der Neunten Riezler über Schluss der Neunten Walter Riezler

Quelle Beethovens Text nach Schiller und ein Text aus Walter Riezlers Beethoven-Buch (Atlantis Verlag 1936 Seite 231).

Und nun zu dem für empfindliche Ohren – ehrlich gesagt – doch ziemlich holprigen Statement über einen der „Begründer der Historischen Musikpflege und also eines durch und durch konservativen Unterfangens“. Was könnte man – wenn man böswillig genug ist – selbst ausgewiesenen musikalischen Revoluzzern wie Wagner und Liszt nicht alles anhängen, wenn es um die durch und durch konservativen Unterfangen einer Lohengrin- oder Tristan-Partitur und all die Klavierbearbeitungen rückwärtsgewandter Schubert-Lieder geht. Die Geschwister Mendelssohn sind – nicht anders als der junge Beethoven – mit Bachs Wohltemperiertem Klavier aufgewachsen und haben diese verstaubten Werke sehr zeitgemäß gefunden. Beethoven hat an diesem Fugendenken sogar sein innovatives Spätwerk orientiert, das wiederum der Knabe Mendelssohn mit großem Eifer studierte und zum Vorbild nahm.

Heute erinnert man sich natürlich auch, wie eine neue Renaissance der Alten Musik seit unseren 60er Jahren das zeitgenössische (!) Lebensgefühl beflügelt hat (zumal es sich nicht gegen Lachenmann, Rihm und alles Neue richtete, wohl aber gegen den eingeschliffenen „Klassik“-Konzertbetrieb). Man erinnert sich sogar, dass damals das Musik-Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erst nach Jahrzehnten begriffen hat, was eigentlich in Wien und Köln passiert war.

Es hat also auch wieder eine gewisse Logik, dass ein solcher Artikel über Berthold Seligers Musik-Buch zum „Klassikkampf“ gar nicht erst in die Musikredaktion wandert, obwohl sie inzwischen über aufgeschlossene Köpfe verfügt, sondern zu einem vornehmlich Schrift-Kundigen, der allerdings mit seinem Stichel auf allzu hohem Rosse sitzt und ins Blaue hinein schwadroniert.

Quelle Süddeutsche Zeitung 15. Januar 2018 Seite 14 Zu den Waffen,  Musikliebhaber Berthold Seliger versucht in seinem Buch „Klassikkampf“ den Stand der „ernsten“ Musik zu bestimmen und sie gegen den Kommerz zu verteidigen. Von Thomas Steinfeld.

Ein abschließender Blick in Beethovens Vorlage (Ausschnitt incl. Räder & Weltenuhr):

Beethoven Schiller Freude

… und in Heinrich Schenkers Form-Übersicht des letzen Satzes der Neunten:

Schenker Beethoven Neunte

Quelle Beethovens Neunte Sinfonie / Eine Darstellung des musikalischen Inhaltes von Heinrich Schenker / Universal Edition No. 2499 Wien Leipzig 1912 / Seite 244

Zu Berthold Seligers Buch „Klassikkampf“ hier und hier. (Printausgabe zur Zeit ausverkauft, Neuauflage in Vorbereitung).

Ein interessantes Gespräch mit Berthold Seliger über einige Aspekte der „Klassik-Krise“ und über musische Bildung finden Sie im Deutschlandfunk Kultur HIER (dort lieber hören als lesen, – oder beides).

Seliger Opernpublikum Screenshot 2018-01-18 23.31.40

Das Neue Jahr mit Mozart!

Die Süddeutsche Zeitung macht’s möglich bzw. nötig oder sogar notwendig: das dort besprochene Buch muss man (?) besitzen. Autor Laurenz Lütteken. Ich bin kein Mozartforscher, aber wenn ich die wichtigsten Menschen in meinem Leben aufzählen sollte, würde dieser Komponist zu den ersten fünf gehören. (Gewiss, darin folge ich Hildesheimer, der mir die Sinne dafür geöffnet hat und der selbst Shakespeare und Mozart an erster Stelle genannt hat.) Und ich habe nicht vergessen, wie mich Così fan tutte im Jahr 2004 begleitet hat, – angeleitet, über „Lug und Trug“ nachzudenken.

ZITAT Radiosendung 2002 WDR 3 (Skript)

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich gleich mit der Tür ins Haus fallen: das schönste, innigste und hintergründigste Drei-Minuten-Stück, das je geschrieben wurde, stammt von Mozart: ein Abschiedslied – man wird den Ruf „Addio“ hören, zwei Frauen und zwei Männer verabschieden sich voneinander, ein dritter ist Zeuge, die Frauen weinen und stammeln: „Ich sterbe. Schwöre, mir jeden Tag zu schreiben!“

1) Così fan tutte / Jacobs CD I Tr. 11 Di scrivermi 2’57“ [oben – weil auf youtube leichter erreichbar – in einer anderen Aufnahme als in der Radio-Sendung damals; enthält leider auch Werbung]

Das Traurige ist eigentlich nicht, dass diese Menschen, die sich lieben, Abschied voneinander nehmen müssen, – die Männer hier täuschen die Frauen, der Zeuge, der alles eingefädelt hat, meint: „ich platze gleich, wenn ich nicht lache“, und die nichtsahnend betrogenen Frauen werden sich bald trösten lassen. Wie ehrlich aber meint es die Musik in all ihrer Schönheit???

Wäre es nicht schöner, alles stimmte überein? Der Text, das Gefühl, der Mann, die Frau, die Situation, die Musik?

Es ist spät, das Dorf liegt im Dunkel und die Welt schweigt; der Bursche gibt der Geliebten das Geleit nach Haus und redet von seiner Liebe. „Solltest du meinetwegen Schwierigkeiten bekommen, dann ist es mir recht, wenn wir uns sofort trennen.“ So etwa spricht der Bursche. Aber nun das Mädchen — wie das schon angekündigt wird: „Spricht das Mägdelein, Mägdelein spricht“! Josef Wenzig ist der Dichter, Johannes Brahms der Komponist. Ja, und was sagt sie nun? Marmor, Stein und Eisen…NEIN! das nun grade nicht! Aber es ist wie ein Traum, – vergessen wir nur nicht: geträumt von den Herren Wenzig und Brahms!

2) 5046 920 1 Tr. 14 „Von ewiger Liebe“ Brigitte Fassbaender 4’25“

Brigitte Fassbaender sang, am Klavier Irwin Gage.

Was für ein Aufschwung! Kann man sich ewig, ewig auf dieser Höhe halten? Der junge Mann, so kleingläubig kann er nicht gewesen sein, wie er vorgab; er hat nur dies hören wollen! „Unsere Liebe muss ewig bestehn!“
Dann ist das Lied zuende. Und der Bursche geht überglücklich ins Dorf zurück. Oder? Was meinen Sie? Kommt ihm nicht irgendwann der Gedanke: Sie hat „muss“ gesagt, sie wünscht es sich und zwar mit aller Energie, – aber warum hat sie nicht „wird“ gesagt? „Unsere Liebe wird ewig, ewig bestehn!“ Sie ist sich also nicht ganz sicher? Eines Tages könnte sie sagen: ich habe es gewollt, habe es gehofft, aber das Leben hat es nicht zugelassen. Ich kannte dich ja kaum, – usw., was dann eben alles so gesagt wird.
Nein, das wollen wir nicht weiterspinnen. Gönnen wir uns diesen schönen Traum noch einmal. Aus paritätischen Gründen singt jetzt ein Mann.

3) Brahms op.43 Nr.1 (1864) „Von ewiger Liebe“ Dietrich Fischer-Dieskau 4’39“

Dunkel, wie dunkel in Wald und in Feld, Abend schon ist es, nun schweiget die Welt.
Nirgend noch Licht und nirgend noch Rauch, Ja, und die Lerche, sie schweiget nun auch.

Kommt aus dem Dorfe der Bursche heraus, Gibt das Geleit der Geliebten nach Haus,
Führt sie am Weidengebüsche vorbei, Redet so viel und so mancherlei:

„Leidest du Schmach und betrübest du dich, Leidest du Schmach von andern um mich,
Werde die Liebe getrennt so geschwind, Schnell wie wir früher vereiniget sind.“

Spricht das Mägdelein, Mägdelein spricht: „Unsere Liebe, sie trennet sich nicht!
Fest ist der Stahl und das Eisen gar sehr, Unsre Liebe ist fester noch mehr.

Eisen und Stahl, man schmiedet sie um, Unsere Liebe, wer wandelt sie um?
Eisen und Stahl, sie können zergehn, Unsere Liebe muß ewig bestehn!“

*** *** ***

Die WDR-Sendung von damals kann man im nachfolgenden Link weiterlesen, aber ich vergesse nicht: das war in meinem anderen Leben. 24.04.2002 – WDR 3 Musikpassagen 15.05 – 17.00 Uhr
Gespaltene Gefühle: Von Lug und Trug (und ewiger Liebe) / Lieder von Johannes Brahms und Hugo Wolf / Ausschnitte aus Così fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart / Aufnahmen des indischen Ragas Lalita mit dem Flötisten Hariprasad Chaurasia und dem Sänger Bhimsen Joshi  / Moderation: Jan Reichow / Skript der Sendung HIER.

In der SZ-Besprechung des neuen Mozartbuches schrieb Helmut Mauró u.a. über die Situation Mozarts, auch – und das ist ein sehr wichtiger Aspekt! – in steter Auseinandersetzung mit den Ideen seines Vaters:

Wie die Musik so aus ihrer untergeordneten Kunstrolle als unvollkommene Naturnachahmerin herausfand und sich über die bis dahin führende Malerei erhob, wie sie schließlich zur Leitkunst des 19. Jahrhunderts wurde, auch diesen Aspekt diskutiert Lütteken im Zusammenhang mit Mozart oder „den Mozarts“, wie man nach der Lektüre des Buches sagen muss.

Natürlich ging der Sohn dann viel weiter, richtete seine ganze Existenz auf ein neues Künstlerbild aus, riskierte viel und zwar nicht nur im Bezug auf die eigene materielle Existenz, sondern, und das ist vielleicht doch neu, auch im Bezug auf sein Werk selber. Auch Mozarts menschenfreundlicher und so lebensnaher Musik – selbst für die als Türken verkleideten Ehemänner in seiner „Così fan tutte“ gibt es einen realen Hintergrund – wurde in der Opera buffa auf einmal der schaurige Abgrund einer pragmatischen Realität. So mutig er in seinen Opern die Bedingungen des menschlichen Daseins und die soziopolitischen Bedingungen vorführt, indem er die Labilität moralischer Kategorien aufzeigt, so zielsicher demontiert er auch die eigenen Überzeugungen. Lütteken verweist auf die Schriften des Materialisten Julien Offray de La Mettrie, die in Wien damals kursierten – und verboten waren. Für Mettrie war die Seele keine göttliche Inspiration, sondern das Resultat komplexer Körperfunktionen.

Diese Haltung scheint in Mozarts Opere buffe nicht nur durch, er erweitert, etwa in „Così fan tutte“, das Spiel um Affekte und Erotik gegenüber dem Drama, das schon die Anlage eines radikalen Gesellschaftsexperiments aufweist, um eine entscheidende Komponente: Er stellt nun auch die von ihm geschaffene Musik selber auf die Probe. Er unterläuft die kalkulierte Wirkung auf das Publikum, vor allem durch eine neue harmonische Doppelbödigkeit, die eine einzige musikalische Wahrheit unmöglich macht. Im Moment der größten Wirkung seiner Komposition muss Mozart erkennen, dass seine Musik „keine wahre Seele mehr hat“. Da ist auch die aufklärerische Vernunft bestenfalls nur ein Notanker. Lütteken zitiert einen Brief Mozarts an seine Frau aus dieser Zeit: „Es ist alles kalt für mich – eiskalt. Ja wenn du bei mir wärest, da würde ich vielleicht an dem artigen Betragen der Leute gegen mich mehr Vergnügen finden, – so ist es aber so leer.“

Quelle Süddeutsche Zeitung 27. Dezember 2017 Seite 12 So kalt, so leer Leopolds Meisterschüler – Laurenz Lütteken zeigt Mozarts aufklärerischen Ehrgeiz und sein tragisch-logisches Ende / Von Helmut Mauró

Zu Julien Offray de La Mettrie siehe auch den ZEIT-Artikel von Rudolf Walther: Weder Gott noch Zufall / Das wilde Denken des Julien Offray de La Mettrie / aufzufinden Hier

Die abschließenden Sätze des SZ-Artikels geben wohl eher die Assoziationen des Journalisten als die des Mozartforschers wieder, sind aber durchaus nachzuvollziehen:

Man kann nicht umhin, zu denken, Mozart habe durch sein eigenes Werk psychisch-metaphysischen Selbstmord begangen; der körperliche Zerfall und frühe Tod wären dann nur logische Folge, also Symptome. Lütteken sagt das nicht, aber seine Darstellung erklärt so viel von der tiefen Traurigkeit, die den Komponisten Mozart in einer kalten Dezembernacht aus der Welt hinaustrieb.

Das heißt auch: es gibt in Sachen Mozart nur den Weg, sich auf denselben Wissensstand zu bringen, der durch das neue Buch umrissen ist.

Vielleicht handelt es sich um eine ähnliche Aporie, wie sie sich am Ende des Bachschen Lebensweges einstellte. Man findet sie in dem Buch von Peter Schleuning über die „Kunst der Fuge“ zumindest angedeutet: selbst der vollkommenste Komponist muss gerade an dem Denkrahmen scheitern, dessen Belastungsfähigkeit er bis zum äußersten ausgetestet hatte. Darüberhinaus gibt es nichts. NICHTS.

P.S.

Zweifellos bin ich gestern am Ende übers Ziel hinausgeschossen. Ein Grund mehr, das Buch selbst zu studieren. Oder einstweilen noch die Rezension von Peter Gülke einzubeziehen und zu überdenken: Hier.

Zumal, wenn man sich hier befindet:

Langeoog 29 Dezember 2017 Langeoog (Foto E.Reichow)

„Weltmusik“ der Sängerknaben

Oder: Kitsch und Fake?

Eine Sendung, die man studieren sollte
Der Werbetext:
Die Wiener Sängerknaben: Wege in die Ferne
Die Wiener Sängerknaben sind einer der ältesten Knabenchöre der Welt und wohl der mobilste. Als Gründer gilt Kaiser Maximilian I. Das Kofferpacken gehörte für die kaiserliche Kapelle zum Alltag, die Musiker folgten ihrem Dienstherrn quer durch Europa. Und auch heute sind die Knaben zehn bis zwölf Wochen im Jahr auf Tournee. „Es war immer schon üblich, Musik unserer Gastländer zu singen“, so Gerald Wirth, künstlerischer Leiter. „Wir suchen nach interessanter Musik mit guten Texten, die den Knabenstimmen entsprechen.“
Ausgangspunkt für diesen Film war ein Weltmusikprojekt des Chores mit Liedern von der alten Seidenstraße. Regisseur Curt Faudon begleitete die Wiener Sängerknaben über drei Monate lang auf ihren Auslandstourneen in die USA, Japan, Korea und Australien und erzählt in farbenprächtigen Bildern von Begegnungen mit Musikern und Kindern entlang der Seidenstraße in Usbekistan, Shanxi, Xinjiang und Gansu.
Curt Faudon zeigt die Wiener Sängerknaben während ihrer Ausbildung im Palais Augarten und zeigt die anstrengende Arbeit, aber auch die Abenteuer während der aufwändigen Dreharbeiten zu den Liedern entlang der Seidenstraße. Man lernt viele kleine Persönlichkeiten kennen, die bereits genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft haben.
Dokument über Leben, Arbeit und Träume des Chores

Curt Faudon lässt die Knaben auch in historische Kostüme schlüpfen, um Geschichten aus der Vergangenheit des Chores nachzustellen. Die jungen Sänger zeigen die große Bandbreite ihres Könnens – von der Zeit der Motetten bis hin zur Moderne, von der westeuropäischen Musik bis hin zu den Liedern der Seidenstraße, die aus Feldforschungen verschiedener Musikethnologen von 1911 bis heute stammen. Die Lieder werden von Originalinstrumenten begleitet und in Originalsprache gesungen. 

Der Film ist ein einzigartiges Dokument über das Leben, die Arbeit und die Träume der Wiener Sängerknaben, eine Mischung aus Dokumentation, Musik und Kostümfilm.
Entstanden ist ein prächtiger Bilderbogen, der rund um den Globus bis in den äußersten Winkel der chinesischen Wüste entführt und der von der Gegenwart bis in das 15. Jahrhundert reicht.

***

Regie: Curt M. Faudon siehe Wikipedia hier.

Er lebt seit 1979 in Manhattan, New York und produziert Spielfilme und Dokumentationen vorwiegend für den ORF sowie Werbefilme für multinationale Unternehmen.

Wiener Screenshot 2017-12-26 11.08.03 Abwarten… inzwischen im Netz… siehe oben… aber nur noch zwei Tage… ein Film u.U. mit abschreckender Wirkung… alle Klischees der sogenannten Weltmusik sind erfüllt. Nie und nimmer war ein einziger Musikethnologe verantwortlich beteiligt. Ein Werbefilm nach amerikanischen Mustern, unglaubwürdig in allen Details, übrigens auch in der Behandlung der klassischen Musik. Natürlich – großartige Bilder, eindrucksvolle (bevorzugt exotistische) Portraits, wie eben in Werbebroschüren, aber sobald Musik ins Spiel kommt, wenn jemand singt, erzählt, kommentiert, wirkt es aufgesetzt, dahergefabelt, einstudiert, inszeniert, verlogen. Nicht zwei Minuten authentischer Musik der asiatischen Regionen, nur Staatsmusik. Alles Staffage für eine Weltmusik-Operette. Man kann es nicht milder sagen…

Melodram der NS-Ästhetik

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Die aufdringlich-sentimentale Filmmusik fiel mir auf als Wagner-„Plagiat“, bis hin zum Tristan-Zitat. (Und dann – musste ich zuschauen, bis zum bitteren Ende. Und lange darüber hinaus.) Komponist: Hans-Otto Borgmann. Wikipedia hier.

Immer mal wieder gibt es unverhoffte Gelegenheit, den Geist der NS-Zeit zu rekonstruieren. Kürzlich geriet ich also in den obigen Film, dessen Titel – bei Information im Teletext – mich sofort an meine Mutter denken ließ: sie geriet ins hohe Pathos, wenn sie vom „Opfergang“ sprach. Binding! Ihre erste Schwiegertochter bekam 1962 die dem Film zugundeliegende Novelle geschenkt, die auch seit Urzeiten im Bücherschrank zu finden war. Ich habe nie reingeschaut, weil es für mich der Kitschthematik angehörte, die mir suspekt war. (Wie ein Buch von Emil Peters: „Strahlende Kräfte“. Nicht unbedingt als Nazi-Literatur kenntlich. Aber als Gedanken-Kitsch, samt der handgeschriebenen Widmung darin.) Aber seit wann denn? Vielleicht seit der ersten Nietzsche-Lektüre, „Jenseits von Gut und Böse“ (1956). Allmählich ordnete ich auch die von meiner Mutter oft beschworene Szene vom „Gang nach Canossa“ ins entsprechende Generationen-Fach ein, ebenso bestimmte Lieder („Waldeslust“) und Lebensweisheiten („Lernen durch Leiden“). Frühe Demütigungen durch ihren wilhelminischen Vater, die jahrelangen Krankheiten, so traurig sie waren. Und ähnelte sie nicht auch den Schönheiten ihrer Zeit: Ingrid Bergmann, Kristina Söderbaum? Wohl nur in den Augen des mit Begeisterung kritischen Jugendlichen, der ganz andere Idole entdeckte und vom eigenen Vater zum erstenmal das amerikanische Wort „Sex Appeal“ hörte, das ihn – aufgrund eines Missverständnisses – beunruhigte. Später sah ich überall politisch-gesellschaftliche Hintergründe. Und nun dieser ARTE-Abend am 11. Dezember!

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Davon später mehr. Denn inzwischen ist die DVD eingetroffen, die ich unbedingt besitzen musste.

Hitlers Hollywood DVD

Aus dem ARD-Text zum Programm:

„Hitlers Hollywood“ erzählt von einer der dramatischsten Epochen deutscher Filmgeschichte, dem Kino des Nationalsozialismus. Etwa 1.000 Spielfilme wurden 1933-1945 in Deutschland hergestellt. Nur wenige waren Propagandafilme, die meisten waren aber auch nicht harmlose Unterhaltung. Das NS-Kino verstand sich als Alternative zu Hollywood. Intendiert war eine deutsche Traumfabrik auf höchstem technischen Standard, deren Produkte gleichermaßen unterhalten wie erziehen sollten. Wie wieviel daran war Wunschvorstellung der Machthaber, was wurde eingelöst? Wieviel Hollywood steckt in Hitlers Traumfabrik?

Das NS-Kino war ein staatlich gelenktes, rigider Zensur unterworfenes Kino. Zugleich wollte es „großes Kino“ sein; eine deutsche Traumfabrik, die Hollywood in jeder Hinsicht Paroli bieten wollte. So entstand ein staatliches Studiokino, das sein eigenes Starsystem etablierte und das sich nach modernsten Mitteln vermarktete. Auch im Ausland sollte der deutsche Film ideologisch wirken und kommerziell erfolgreich sein, wie mit Blockbustern à la „Münchhausen“.

Das nationalsozialistische Kino dachte groß und war technisch perfekt gemacht. Die Filme weckten Sehnsüchte und boten Zuflucht; das Kino der NS-Zeit gab sich volkstümlich. Breite Massen fühlten und fühlen sich weiterhin von diesen Filmen angesprochen. Nur so ist die Wirkungskraft des NS-Kinos zu erklären. Wie funktionierten diese Filme im Sinne des Systems? Was verraten sie über das Publikum und seine Träume?

Rüdiger Suchsland nimmt sich die Spielfilmproduktion der Jahre 1933-45 vor. Von den 1.000 hergestellten Filmen waren ca. 500 Komödien und Musik-Filme, ca. 400 Melodramen, Abenteuer- und Detektivfilme. Zum unheimlichen Erbe der NS-Kinos gehören auch die Propagandafilme, die heute noch unter Vorbehalt stehen.
„Hitlers Hollywood“ erzählt Geschichten von Tätern und Opfern, Rebellen und Überläufern. Der Film zeigt Stars wie Zarah Leander und Veit Harlan, wie auch diejenigen, die unfreiwillig zu Ikonen des NS-Kinos wurden wie Hans Albers, Gustaf Gründgens und Ilse Werner. Vorgestellt werden Filme, die voll auf Linie lagen, wie auch Regisseure, die untypische Filme inszenierten wie Helmuth Käutner, Werner Hochbaum und Peter Pewas.

Quelle hier.

China und wir

Einige Beispiele zum Thema Vertrauen

Zitat aus dem Spiegel 48/2017

In der Geschichte der Menschheit hat es einen derart rasanten Aufstieg – eher ist es eine Rückkehr – wie den chinesischen der vergangenen 30 Jahre noch nicht gegeben. Längst finanziert China andere Staaten, ohne Fragen nach Demokratie und Menschenrechten zu stellen: Der alte „Washington Consensus“ wird durch den „Peking Consensus“ ersetzt. Das chinesische Modell fasziniert Nachahmer, weil die Partei so geschlossen entschlossen wirkt und die chinesische Gesellschaft so jugendlich, beweglich, Start-up-gierig. Die westlichen Gesellschaften altern; viele Bürger sehen, dass ihre Löhne nicht mehr steigen, dass Bildung, Wohnraum und Gesundheit unerschwinglich werden, dass die alte Lehre, ein steigendes Bruttoinlandsprodukt bedeute Wohlstand für alle, nicht mehr stimmt.

Die These, unsere Demokratie sei ein Endpunkt der Entwicklung, war größenwahnsinnig: Solange es etwas zu verteilen gibt, hat es jedes System leicht. Seit elf Jahren hat die Freiheit weltweit abgenommen. Von 195 Staaten sind nur noch 87 frei, 59 teilweise frei, 49 sind unfrei. Die Türkei und Russland haben sich aus dem Kreis der Demokratien verabschiedet, Polen und Ungarn scheinen zu folgen, die USA schlingern. Darum sollte allen in Berlin, nicht nur der FDP langsam klar werden, worum es geht.

Quelle DER SPIEGEL 23.11.2017 Seite 8 Leitartikel Ein Beben im Zentrum Europas Die Berliner Regierungskrise und der Siegeszug der Autokraten. Von Klaus Brinkbäumer

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REDEBEITRAG in einer Talkshow (Wörtliche Niederschrift 1.12.2017 JR)

„CHINA – dieses Land ist instabiler als ihr denkt!“ (Jan-Philipp Sendker)

Davon bin ich überzeugt. Wir müssen keine Angst vor China haben, wir müssen erstmal Angst um China haben. Ich bereise das Land seit ’95, zunächst als Asienkorrespondent des STERN, jetzt aber schon seit über 10 Jahren als Romanschriftsteller. Ich hab eine Trilogie geschrieben, drei Romane, die in China spielen, und bin jedes Jahr zwei, dreimal dagewesen, um für die Bücher zu recherchieren, und natürlich ist es unglaublich überwältigend, wenn Sie da sind Das erste Mal, als ich da war, da gab es kaum Hochhäuser, da fuhren die Leute alle mit dem Fahrrad, die Züge waren langsam und unbequem, heute ist China der größte Automarkt der Welt, es hat die meisten Hochhäuser, (VW macht die Hälfte seines Gewinns in China!) es ist so mächtig geworden, wenn es dort Probleme gibt, dann merken wir das hier auch. Darum müssen wir Angst um China haben, denn wenn es da zur Krise kommt, – und ich bin überzeugt, da kommt es zur Krise -, dann merken wir das hier ganz deutlich. (Warum kommt es dort zu einer Krise?) Ich glaube … wie gesagt, immer wenn ich hinfahre, die ersten zweidrei Tage bin ich überwältigt, weil wieder neue Hochhäuser, wieder neue Flughäfen, unglaublich, was die da schaffen, (die schaffen es wenigstens, so etwas fertig zu kriegen, n Flughafen) also: Und dann rede ich mit Menschen, ich bin ja , ich bin ein Geschichtensammler, ich reise durch das Land mit ner Freundin und nem Freund, und wir treffen Menschen und wir reden, ich höre zu, ich kucke hin, ich erzähle eine kleine Geschichte, die glaube ich sehr viel illustriert 42:33:

Wir hatten auf der letzten Reise … , da habe ich meinen letzten Roman „Am andern Ende der Nacht“ habe ich recherchiert, war drei Wochen unterwegs und wir trafen einen Freund meiner Freundin, wir saßen beim sehr teuren Franzosen, und die Flasche Wein, das ging bei tausend Dollars los. Der bestellte gleich eine, die war so lecker, dass wir dann gleich noch eine getrunken haben, und ein Herr Mitte sechzig, unglaublich freundlich, jovial, und der erzählte mir seine Geschichte, die gar nicht so untypisch war für das heutige China, der hatte vor über 40 Jahren aufm Bau angefangen, als Bauarbeiter, das boomte, es wurde gebaut und gebaut, heute, 40 Jahre später, besitzt er Einkaufszentren, besitzt er Hochhäuser, Hunderte von Eigentumswohnungen, ich weiß nicht, der hatte bestimmt 60, 70, 80 Millionen, das erzählte er, und auch voller Stolz, das war sehr beeindruckend natürlich, und irgendwann, mitten im Gespräch, fragt er mich, ob ich ihm einen Gefallen tun könnte. Ja selbstverständlich, du bist so nett hier, du lädst uns ein, du erzählst, womit kann ich dir behilflich sein? Ja, könntest du mir helfen, nach Deutschland auszuwandern? Was?! Er sagte: ich habe ein großes Problem. Ich bin 65, meine Frau auch, und wir haben ein behindertes Kind, das ist dreißig, ein Sohn, und der ist Autist. Er lebt bei ihnen, sie kümmern sich um ihn; er sagt, er weiß nicht, was mit diesem Kind passieren soll, wenn wir mal nicht mehr da sind. Ich sage: Gibt’s hier keine Heime? Ja, natürlich gibt’s hier Heime, aber keins, wo du dein Kind hingeben kannst. Sagt ich: Ja, du hast viel Geld, was ist mit privater Pflege? Ja, ich könnte meinem Kind 10 Menschen rund um die Uhr, jeden Tag bis an sein Lebensende, in einem kleinen Palast mit goldenen Wasserhähnen, – ich hab aber keinen Menschen, dem ich vertrauen kann. Dass die nichts mit dem Jungen machen, wenn wir nicht mehr da sind. Hat er keine Geschwister, frag ich. Ne, hat er nicht, aber weißt du, aber wenn er welche hätte, denen könt ich auch nicht vertrauen. Wer weiß, in welche Familien die reinheiraten, und was die dann machen. Und er hatte gehört, dass in Deutschland, Schweiz und Neuseeland, das waren die drei Länder, hatte er gehört, denen könne man vertrauen, da könne man sein Kind in eine Institution geben, man weiß, man stirbt vorher, und das Kind wird dann nicht umgebracht wegen des Geldes. Da dacht ich, das ist ja unglaublich, dieser Mann hat soviel Geld und findet in diesem großen Land kein Heim, keinen Menschen, dem er sein Kind anvertrauen kann. (Das heißt, Sie reden über fehlendes Vertrauen, darum geht’s, was ja ein wichtiger Kitt in der Gesellschaft ist…) Ich glaube, ein ganz, ganz wichtiger Kitt. Kein Vertrauen und eine ständige Angst (Zusammenhalt auch) Zusammenhalt! Ich war jetzt in Venedig grad, mit meiner Frau und meiner Tochter, wir drängelten und überholten ständig diese teuren Wassertaxis, da waren lauter Chinesen da drin. Alles, mit diesen teuren Handtäschchen, da ist unglaublich viel Geld mittlerweile, das sieht beeindruckend aus, wieder, und da musst ich an ein Abendessen denken bei einer Recherche, da saß ich mit 10 Chinesen so Mitte fuffzich zusammen, alle kamen in diesen teuren Luxuslimousinen vorgefahren, alle hatten wirklich – ich will gar keine Markennamen nennen – also es war ganz viel Geld im Raum. Und die waren selbstbewusst, die waren in London gewesen, in Paris gewesen, und ich dachte, das ist das moderne China, wie sie sich gerne präsentieren. Und dann habe ich meinen Freund, der das Ganze für mich organisiert hat, das ging mir so durch den Kopf: Sag mal, ihr seid alle so selbstbewusst, ihr seid sehr reich, aber wenn die Regierung es will, dann kann sie euch über Nacht alles wegnehmen, und ihr könnt nichts dagegen tun, ja? Stimmt das jetzt oder übertreib ich? Ne, sagt der, das stimmt!

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Was das für ein Lebensgefühl sein muss: eigentlich immer Angst haben zu müssen. (Hm, Vertrauen, ja! Sie haben auch mal angerissen die Geschichte eines Mannes, der – und da geht’s ja auch um Vertrauen – der letzten Endes seinen eigenen Vater verraten hat. Was ist das für eine Geschichte?)

Ja, das ist eigentlich, nach unsern Maßstäben, würd ich sagen, ein Großteil Chinas ist ein traumatisiertes Land. Also, was haben die in den letzten 60 Jahren miterlebt, an Revolution, Konterrevolution, an politischen Verfolgungen, die ??revolution (furchtbar!), und das ist auch so eine geschicht. Das ist ein Mann, den habe ich kenngelernt, wir fingen uns so an anzufreunden, n bisschen älter als ich, und da habe ich gedacht: das wäre der Botschafter des modernen Chinas. Der war erfolgreich, Rechtsanwalt, der war in der Welt umhergereist, kannte klassische Musik, schätzte er, wusste, was n guter Bordeaux-Wein ist, also – kultiviert, unglaublich! Und dann saßen wir mal zusammen in seiner Kanzlei, in Shanghai, er hatte über dreißig Angestellte, und mein Vater war grad gestorben, ich erzählte von meinem Vater, und plötzlich war dieser große Mann ganz still, und ihm rannen die Tränen über die Wangen. Ich sagte, was ist los? Habe ich was Falsches gesagt oder war…, da sagte er: Mein Vater ist auch tot. Ist er grad gestorben? Mein Beileid. Nee, sagt er, der ist schon lange tot, er ist ermordet worden während der Kulturrevolution von den roten Garden. Weil er heimlich Konfuzius gelesen hat. Aber woher wussten die roten Garden, dass dieser Mann heimlich zuhaus Konfuzius liest? Erzählt mir mein Freund, der Rechtsanwalt: Von mir! Ich war selber Rotgardist, ich hab zu ihnen gesagt – ich war dabei, als sie kamen – ihn abgeholt haben und vor dem Haus auf der Straße totgeprügelt haben. Und das Schlimmste, erzählte er, damals hab ich gedacht: es geschieht ihm recht!

Und mit dieser Scham zu leben – er hat gesagt: du siehst mich hier, erfolgreich, und du würdest nie glauben, es gibt Tage, da bleib ich im Bett, weil ich mich vor lauter Scham nicht aus dem Haus traue. Ich kann meinen eigenen Anblick nicht ertragen. Und das ist so… das erzählt so viel über eine Gesellschaft (absolut!). Das ist natürlich – das muss man dazusagen, das ist jetzt nicht… ähnliche Geschichten hat es hier in Deutschland vor 80 Jahren gegeben, da hat’s auch die Kinder gegeben, die erzählt haben, was der Papa über den großen Führer erzählt hat, und das Ende wissen wir. Aber der Umgang damit! Da darf eben nicht darüber diskutiert werden. 48:24 Da gibt’s keine Talkshow, wo jemand sagte: Ich habe diesen Mann getötet, es tut mir unendlich leid, ich schäme mich dafür! Das ist da alles tabuisiert. Und das macht das so gefährlich. (Und das wird ja restriktiver, nach allem, was ich lese und höre…Man hat von außen das Gefühl, da öffnet sich grade was, die sind unterwegs, man trifft sie in allen Teilen der Welt usw. und ist nicht so wild, und interessanterweise – das fällt mir auch immer auf in der deutschen Außenpolitik – wir entdecken bei Erdogan immer die Menschenrechte, aber in China kucken wir großzügig über viel hinweg. Das passt alles nicht so zusammen, aber das nur am Rande. Und es scheint offenbar immer restriktiver zu werden, weil dort ein Regime ist, das Angst hat vor dem eigenen Volk…?) Natürlich! Sie vertrauen ihren Leuten nicht, und die Menschen vertrauen ihrem Regime nicht. Nein, das ist ja kein Zeichen von Stärke, wenn du anfängst, einen Menschen immer mehr zu überwachen, immer restriktiver zu werden. (Baum: Sie haben ein ganz wichtiges Wort gesagt: Angst müssen wir haben – UM China. Was können wir tun?) Auf jeden Fall müssen wir ganz selbstbewusst unsere Werte verteidigen, weil dafür respektieren sie uns. Dafür beneiden … wie oft ist mir gesagt worden, wie ich beneidet werden kann, dass ich in einem Land lebe, in dem ich keine Angst haben muss. Wo man der Polizei, der Justiz, der Presse vertrauen kann, auch wenn sie Fehler machen, natürlich, aber das sind keine Systemfehler, es sind individuelle Fehler. Vertrauen, das ist mir da erst bewusst geworden, was für ein Privileg das eigentlich ist. Und das versuche ich natürlich, gerade weil wir so wenig über China wissen, versuche ich das natürlich in die Geschichten, die ich sammle, versuche ich in die Romane einzubauen, damit wir da etwas lernen… (Allerletzte politische Frage noch zu China: wie schaut man von China aus auf Donald Trump? Ich hab Kommentare gelesen beim letzten Besuch, da wurden ja unglaubliche Milliarden-Deals besprochen und auch abgeschlossen, und in einem Punkt schrieb dann jemand: In Wahrheit verachten sie ihn.)

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Also ich denke, sie verachten ihn, und sie können natürlich ihr Glück gar nicht fassen, der serviert ihnen ja Asien auf dem Silbertablett, das ist, die müssen ja aus dem Champagnertrinken gar nicht rauskommen! (Also sozusagen die Abkehr dieser pazifischen ??? der mal sagte, unsere Zukunft liegt im Pazific und nicht unbedingt so sehr in Europa / Baum: Aber vielleicht sollten wir fragen: wie sehen sie uns denn? Als Europäer oder als Deutsche?) Also wir werden – was ich erlebt habe – unglaublich respektiert, bewundert als natürlich die Führungsmacht, und die wissen so viel über uns, das war toll, also ich hab mit Chinesen gesprochen, die wussten das Geburtsdatum von Franz Beckenbauer auswendig, und manche konnten Teile unserer Nationalhymne vorsingen, (sprechen Sie Mandarin?) also ich spreche, aber nicht so, dass ich diese Interviews, die unglaublich komplex sind, alleine – deshalb reise ich immer mit chinesischen Freunden, die das übersetzen, aber die mir auch die Kultur übersetzen, weil es manchmal Antworten gibt, die … wo ich denke: wie kann man auf die Frage solche Antworten verstehe ich gar nicht, den kulturellen Hintergrund, die verstehn den, und der wird mir dann erklärt. (Also mein Eindruck ist also in China, die haben einen gewissen Respekt vor uns…) Absolut. (Das ist natürlich auch eine Möglichkeit auch der Einflussnahme, nicht? / Klar!) Ja, die Einflussnahme, und da geht es natürlich über das Geld. Da müssen wir vorsichtig sein, glaube ich. (deswegen .. dem großen Bellheim, den kaufe ich mir einfach mit meinem Geld. Um es mal freundlich zu formulieren. Burma ist so’n Herzensthema von Ihnen, Sie haben gerade so ein grandioses schönes Buch gemacht: „Das Geheimnis des alten Mönchs. Märchen und Fabeln aus Burma.“ Wieso haben es Ihnen diese Fabelmärchen so angetan, und was ist der Unterschied zu dem, was wir von Grimms Märchen so kennen? 52:01)

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BURMA

Also ich fahr auch nach Burma seit 1995, und das hat mich so berührt, bewegt, das Land, die Menschen dort, dass zwei meiner Romane dort spielen, Herzenhören und Herzenstimmen, und während der Recherchen zu meinen Büchern wurden mir soviel Geschichten erzählt, Fabeln, Parabeln, ich hab die immer fleißig aufgeschrieben, dann habe ich eben gedacht, vielleicht kann ich sie für einen meiner Romane verwenden, eins kam dann auch vor, ich hab zwei Notizbücher voll mit solchen Geschichten gehabt. Und dann hat mich im letzten Jahr so eine amerikanische Autorin angesprochen 52:29 , die auch so viel Geschichten hat, ob wir nicht ein Buch daraus machen sollen, dann hab ich meinen Sohn angerufen, der lebte damals in Burma, weil er da mal als Freiwilliger Englisch unterrichtete in zwei Waisenhäusern, und dann hat der sich umgehört, in Klöstern, in Waisenhäusern, in Schulen, dann haben wir gesammelt, und merkt ich, diese Geschichten – ich bin eigentlich kein Märchen-Fan, es gibt ja so Liebhaber, aber das bin ich nicht, die Geschichten sind so anders, sie sind zum Teil so lustig, so voller Zärtlichkeit, (und die kommen nicht so mit dieser Moral!) genau! (ohne diese moralische Keule, sag ich mal), die haben ne ganz andere .. entweder keine Moral oder ganz pfiffige Lösungen (pragmatisch!) …. (nennen Sie mal ein Beispiel!) Ich erzähl Ihnen mal eine meiner Lieblingsgeschichten. Es geht um einen kleinen Jungen, der heißt Pu und seinen Freund, das ist ein Tiger, und die beiden sind so (zeigt: Finger überkreuz = ganz eng), spielen jeden Tag miteinander, aber eines Tages wird der Tiger gefangen, in dem Dorf, wo der Junge wohnt, weil sie Angst vor ihm haben. Er sitzt dann im Käfig und keiner traut sich, ihn zu töten, sie denken: der wird sowieso bald verhungern und verdursten, wir lassen ihn einfach im Käfig. Und jeden Abend geht der kleine Pu zu seinem Freund, und der Freund sagt: Mensch, du musst mich hier rausholen, hier verdurst ich aber, der Junge sagt: Das kann ich nicht, ich werde verhauen, ich werde aus dem Dorf vertrieben, das kann ich nicht. Aber nach ner Woche dann hat er doch Mitleid und macht die Käfigtür auf, das Tier springt raus, baut sich vor ihm auf, ich habe so einen Hunger, ich bin zu schlapp zum Jagen, ich muss dich fressen. Der Junge: das kannst du nicht machen, ich hab dich befreit, du schuldest mir Dankbarkeit. Ach was, Dankbarkeit, sagt der Tiger, also die streiten sich und irgendwann sagen sich die, wir müssen n Richter finden, der das entscheidet. Dann gehen sie in den Dschungel, da finden sie einen Totenkopf, von einem alten Ochsen. Dann reden sie mit dem, also wie ist das, schildern ihren Streit, und der Ochse sagt: Dankbarkeit? Ich hab mein Leben lang für meinen Herrn geackert und mich geplagt, ich hab alles geschleppt, bis ich alt und schwach war, dann hat er mich geschlachtet und gefressen, es gibt keine Dankbarkeit, der Tiger kann den Jungen fressen. Hab ich doch gesagt, sagt der Tiger. Sie gehen weiter und finden einen alten Banyanbaum, wieder schildern sie den Streit, der sagt: Dankbarkeit gibt’s nicht. Die Menschen ruhn sich bei mir im Schatten auf, aber wenn es sein muss, würden sie mich sofort fällen, – der Tiger kann das Kind fressen. Der Tiger will das Kind fressen, kommt n Hase vorbeigehoppelt. Also bitte! Einen letzten Richterspruch, bitte bitte, einmal noch. Der Tiger sagt okay, einmal noch. Sie schildern den Streit, und der Hase ist in den Märchen und Fabeln das schlaue, das weise Tier, der sagt: Hm, das ist ein ganz schwieriger Fall, – zeigt mir, wo er angefangen hat! Da es mitten in der Nacht war, gehen sie zurück zu dem Käfig, der Hase sagt zu dem Tiger: Also, wo, wo warst du? in einem Käfig? da geh mal wieder rein! Der geht wieder rein, sie machen die Tür zu. So, und jetzt zeig mir, Pu, wie du sie aufgemacht hast. Er macht sie dann nochmal zu, dann sagt der Hase: Stopp! Jetzt ist der Tiger drin, du stehst davor, alles ist wie vor dem Streit, also damit – ist er beigelegt. (Lachen, Beifall.) (LANZ: Schöne Geschichte, sehr zu empfehlen: Das Geheimnis des alten Mönchs. Märchen und Fabeln aus Burma.) 55:40

Quelle ZDF bei Markus Lanz zu Gast: Jan-Philipp Sendker 30. November 2017 (noch abzurufen bis 1.3.2018 HIER

Zufriedene Gesichter allenthalben.

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Ich muss sagen: ich wäre als Kind nicht ganz zufrieden gewesen, denn der Käfig ist ja der Ort, in dem der Tiger zugrunde gehen sollte. Die Anfangssituation lag doch zeitlich weiter davor: als die beiden, der Junge und der Tiger, noch draußen miteinander spielten.

Aber ich glaube, hier soll vor allem der schlaue Mechanismus gezeigt werden, wie das gefährlich gewordene Tier überlistet wird.

Nichts gegen die Brüder Grimm: auch dort gibt es ähnliche Mechanismen: wenn z.B. der Bauer mit dem Teufel wettet. Das eine Mal verspricht er dem Sieger alles, was über der Erde wächst – und pflanzt Kartoffeln an, dem andern bleibt das schlappe Grün. Das nächste Mal soll des Teufels sein, was in der Erde reift, – und sät Korn, so dass dem Teufel die Stoppeln und die Wurzeln bleiben.

Und auch Richard Wagner hat seinen Trick aus der Märchenwelt:

Wagner Rheingold Lindwurm Kröte a Wagner Rheingold Lindwurm Kröte b

Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen – Das Rheingold 3. Szene / aus: Richard Wagners Musikdramen / Edmund E.F. Kühn Globus Verlag Berlin W 66 (1914)

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WIE WAR DAS NOCHMAL MIT DEM GLYPHOSAT? Siehe FAZ unten. Sehr sehenswert auch die Behandlung in der HEUTE-SHOW. Siehe HIER. Ab 9:41 !  „Glyphosatan“ Schmidt. „Es geht natürlich um die Stimmen der Bauern in Bayern.“ Bis 15:40.

Und das Deutschland-Märchen aus China? Zum Thema VERTRAUEN in der Politik gab es am 1. Dezember, dem Tag nach der oben behandelten LANZ-Sendung, als sei es abgesprochen, noch einige aufschlussreiche Beiträge, und zwar in der Sendung ASPEKTE. Siehe HIER. Gleich ab Anfang (0:25) !VERTRAUEN! in der Politik? Die Philosophin Rebekka Reinhard ab 1:39 Werbefachmann Stefan Wegner ab 2:00 der Philosoph Julian Nida-Rümelin ab 2:30 und der GRÜNEN-Politiker Hans-Christian Ströbele ab 5:35 live im Studio bis 11:30.

Aber dann schnellstens noch zu FAZ heute hierGLYPHOSAT-STREITDie Wahrheit wird degradiert Von Joachim Müller-Jung / aktualisiert am 

Kurzes ZITAT FAZ

Der politische Alleingang des christdemokratischen Bundeslandwirtschaftsministers in Sachen Glyphosat entwickelte sich im Laufe dieser Woche zu einem gewaltigen Lustkiller. Jetzt hat endgültig keiner mehr Lust aufs Koalieren. Gleichzeitig wünschen sich alle wie närrisch ein „Zukunftsbündnis“, so wie die saarländische christdemokratische Ministerpräsidentin, die damit den Streit um die Zulassungsverlängerung für das Unkrautvernichtungsmittel wenigstens etwas ausbremsen wollte. Der Vertrauensverlust beim Volk, den der Gebrauch solch realitätsferner Phrasen und die strategischen Scharmützel auslösen, wird dabei offenbar billigend in Kauf genommen.

hart aber fair HIER !!! Ranga Yogeshwar bei 19:oo Krefelder Studie u.a., Achtung ab 27:00 Schmidt über Termin 12. Dezember, „Neonicotinoide“ greifen an im Gehirn und verändern die Orientierungsfähigkeit der Bienen. In den Haaren der Kongressteilnehmer Spuren der Gifte!

Insektensterben Screenshot 2017-12-04 22.41.41 Screenshot

Und wenn man noch einmal gründlich studieren will, wie sich Chrsitisan Schmidt aus der Verantwortung seiner Glyphosat (mit Blick auf eine späteres, höheres Ziel?) herauszuwinden sucht, der sehe auch noch den ersten Teil der Lanz-Sendung mit ihm (und Dirk Steffens) HIER.

*   *   *

Privater Blick zurück

Wie begann unser Artikel? So: „In der Geschichte der Menschheit hat es einen derart rasanten Aufstieg – eher ist es eine Rückkehr – wie den chinesischen der vergangenen 30 Jahre noch nicht gegeben.“ Und so auch bei mir (um es scherzhaft zu sagen): 1987-2017

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Vom Wesen der Stadt

Die trügerische Natur der 50er Jahre

Reichowplatz

Dieser Platz ist nach dem älteren Bruder (*1899) meines Vaters (*1901) benannt, der eine Architekt, der andere Musiker, der sich zeitlebens mit Klavierspiel beschäftigt hat, immer auf der Suche nach den natürlichen Grundlagen. (Siehe hier.) Dieses Wort wurde mir erst auffällig, nachdem ich in den Büchern des Architekten Reichow eine Redundanz naturbezogener Begriffe festgestellt habe. In den Jahren nach dem Krieg, in denen mein Vater (zu spät) sein Klavierspiel auf ein neues Niveau zu heben trachtete, auch eine umfangreiche Sammlung mit technischen Übungen niederschrieb, veröffentlichte sein Bruder zwei opulente Bände über „Organische Baukunst“, gewann Preise und machte als Städtebauer Karriere.

Hans Atelier in Rissen Wohnhaus & Atelier in Rissen (60er Jahre)

Hans Bernhard R

Dieses Bild gefiel ihm: der berühmte Sohn an der Seite seiner alten Mutter. Nach dem Frühstück pflegte er zuweilen Geschichten vorzulesen, die er der Zeitung entnommen hatte, z.B. von Thaddäus Troll. Von dieser Oma kommt übrigens die ganze Musik in die Reichow-Familie. Ich werde nie vergessen, wie der Onkel einmal nach meiner Geige verlangte und sich damit niederkrümmend abmühte, die „Air von Bach auf der G-Saite“ wiederzufinden. Er muss es in seiner Jugend mal geübt haben.

Stadtbaukunst Organische Stadtbaukunst Seite 28

Jeder Satz zeigt, dass es ihm um ein harmonisches Ganzes geht, einen einheitlichen Organismus“ geht, er will zeigen, „was alles wir einer gesunden Landschaft als wichtigster Voraussetzung menschenwürdigen Großstadtlebens heute mehr denn je schuldig sind: ihr ihre Reinheit und Ursprünglichkeit wiederzugeben und zu erhalten, wenn wir sie wieder zu dem machen wollen, was sie den Menschen gesunderweise immer war und bleiben muß: zum ewigen Jungborn unserer physischen und geistigen Kräfte!“ Wenig später ist sogar schon (1948) davon die Rede, wohin „die bedenken- und sinnlos weitergetriebene Versteinerung alles städtischen Grund und Bodens, der Höfe, Straßen und Plätze“ geführt habe: „zu bedenklichen Klimaveränderungen.“ Manches scheint vielleicht aktuell und enorm weitsichtig gedacht, wenn nicht die ins Umfassende zielende Wortwahl, der Ruf „nach einer neuen Verinnerlichung“, „einer neuen Beseelung des Kosmos“ viel zu hoch gegriffen wäre, angesichts der allenthalben noch sichtbaren, gigantisch realen Zerstörung, an der doch diese ganze Generation mitgewirkt hatte. Bewusst oder unbewusst? Fatal wird es, wenn dann dem Unbewußten ein Loblied gesungen wird:

Und wie die Verzweckung und Entseelung, Vermassung und Entinnerlichung all unseres Daseins in wechselseitiger Beziehung die Zerstörung jeder menschenwürdigen Lebenseinheit in der Großstadt zuwege gebracht, so vermag auch nur die übersichtliche, lebens- und naturnahe Gliederung der bisher amorphen Großstadtmassen und ihre sinnvolle u n b e w u ß t  wirkende, auf naturnahes Leben zielende Ordnung die Einheit alles Großstadtdaseins planvoll zu begründen.

Gerade das Unbewußte solcher Wirkung ist schließlich das Geheimnis ursprünglich gesunden Lebens!

Das unbewußte Wirken werden wir deshalb als Grundsatz bei der Ordnung und Gestaltung aller stadtlandschaftlichen Funktionen wiederfinden, weil es aller menschlichen Natur zum Besten dient. Denn der Mensch und seine Gesundheit, die Einheit und Ganzheit seines Daseins steht über allem im Mittelpunkt unseres städtebaulichen Denkens und Trachtens. (Seite 29)

Man begreift es nicht, wie man sich solchen Visionen von Einheit und Ganzheit hingeben kann, wenn man noch vor Augen hat, wie die Welt gerade in Trümmer gelegt wurde. Das Schlusskapitel des ersten Bandes allerdings ist überschrieben: Von der Dauer der Stadtlandschaft, danach folgt ein Motto von Raoul H. France: „Weltgesetz ist, was Dauer sichert.“ Und dann endlich der ganz kurze Blick in die jüngste Geschichte – ich vermute, dass die zwei Jahre nach Kriegsende psychologisch wie eine große Zeitspanne wirkten  und ohnehin der Blick auf eine schönere Zukunft gerichtet war:

Die wir den Aufbau unserer zerstörten Städte planen oder lenken, belasten uns alle mit einer ungeheuren Verantwortung. Noch in fernsten Zeiten wird es uns zur Ehre gereichen, wie wir diese Verantwortung trugen, welche Pläne und Entschlüsse wir faßten. Und niemand wird danach fragen, wer seine Städte zuerst und am schnellsten, am billigsten oder am aufwendigsten, sondern wer sie am weitsichtigsten für ein dauernd menschenwürdiges Dasein, wer sie organisch und gesund für die größte Dauer zu gestalten vermochte.

Die Hervorhebung in roter Farbe stammt von mir. Mein Großvater mütterlicherseits hatte ähnliche Wunschvorstellungen, allerdings bezogen auf sich selbst, seine nächsten Verwandten und ein engeres Leben auf dem Dorfe, bei Rohkostversorgung in guter Landluft, einem Leben nach den Reformvorstellungen Are Waerlands,  schon seit 1935 im Zeichen eines Dr. Malten („So heilt die Natur“). Für ihn war klar, dass er „gut 100 Jahre alt werden würde“ und wir alle für immer frei von Krankheiten sein würden. Politisch war er – nicht erst seit dem Krieg – kontrovers eingestellt, so dass mein Vater, mal in Polen, mal im norwegischen Kirkenes stationiert, besorgte Briefe an meine Mutter nach Hause schickte, sogar einen fast drohenden Ton anschlug (weil wir zuhaus „dem Vaterland in den Rücken fallen“), der sonst sorgfältig bewahrte Briefwechsel meiner Eltern weist hier plötzlich Lücken auf.

Stadtbaukust Trilogie

Mein Onkel richtete sein Augenmerk auf Städte von größter Lebensdauer, er schrieb den dritten Band der Trilogie nicht mehr, stattdessen „Die autogerechte Stadt“, womit er aber – entgegen dem verbreiteten Missverständnis – durchaus eine menschengerechte Stadt meinte. Es gab auch Großstädte, die er gelten ließ.

Stadtbaukunst San Francisco

Siehe auch: HIER (Wikipedia-Quelle)

Fragwürdig an Reichows „autogerechter Stadt“ ist aus heutiger Sicht vor allem sein permanenter Bezug auf biologistische Ideale, die er als „organisch“ und damit „naturwüchsig“ vorstellt. Damit einher ging die Vorstellung von der Großstadt als ungesunder Großeinheit, als Moloch, die es zu heilen, durch Ordnung und Städtebau in übersichtliche Nachbarschaften zu gliedern gelte. Dieser Impuls war bereits bei den Stadtreformern der englischen Gartenstädte und den Städtebauern der 1920er Jahre anzutreffen. Er war im Falle von Reichow anschlussfähig auch an völkisch und führerstaatlich motivierte kleinteilige „Organik“. Durchmischung, Überlagerung und Chaos, die städtisches Leben prägen und attraktiv machen, kommen in einer solchen Argumentation nicht vor.

Die andere Welt (auf der Lohe), die sich quasi „unbewusst“ (ohne Theorie) aufs Familiäre, Persönliche, die eigene Haut zurückzog, verließ sich darauf, dass ein Dr. Malten für den großen Überbau gesorgt hatte.

Malten Natur

Dr. Malten „So heilt die Natur“

Ich glaube nicht, dass mein Großvater den theoretischen Teil des Werkes wirklich durchgearbeitet und verstanden hat, ich selber bin immer drin steckengeblieben, zumal ich seit Mitte 1955 Julian Huxleys „Entfaltung des Lebens“ verinnerlichte und diese seltsame Teleologie des Dr. Malten wohl hätte widerlegen können. Andererseits bemerkte ich erst Anfang der 60er Jahre und später, in welchem Maße die Vorkriegsideologie uns alle im Griff gehalten hat. Der Titel des Buches von Ludwig Klages „Der Geist als Widersacher der Seele“ (das ich nicht besaß) spukte in unseren Köpfen herum, zuweilen in Rilkes poetischer Gestalt. Mit diesem Kalender bewaffnet fuhr ich im April 1960 zur Aufnahmeprüfung nach Berlin. Auch das subkutan wirkende Gegengift des Arztes Gottfried Benn war darin zu finden.

Kalender Rilke 1960 Kalender 1960 Benn

Dazu gehörte „Struktur der modernen Lyrik“ von Hugo Friedrich und Theodor W. Adornos „Philosophie der Neuen Musik“, weitere Gegenströmungen, die Moderne in jeder Form, aber auch die intensive Zuwendung zu fernöstlichen Gedankenwelten. Alles koexistierend. Liebe zur Natur und Skepsis gegenüber Naturschwärmerei. Abkehr vom Vegetarismus als Abwehr des Elite-Denkens. Berlin / Köln / Großstadt erleben.  „Berlin Alexanderplatz“, Jürgen Becker (!), Musil, Proust, Christopher Caudwell. Den Rest besorgten die 68er Jahre.

Nietzsche, mit dessen Zarathustra ich begonnen hatte, ahnungslos, was sein Freund Peter Gast mir im Nachwort einbrockte oder unterjubelte, seriös angehoben durch den Ober-Nazi Alfred Bäumler, – erst mit dem Buch von Karl Jaspers wurde mir klar, dass „wilde“ Nietzsche-Lektüre viel vergeudete Zeit bedeutete. Andererseits – dass Unordnung nicht grundsätzlich vom Teufel war:

Dörfer in der Stadt

*  *  *  *

Mein Motiv, diesen Artikel zusammenzustellen, lag in der These, dass vieles, was in meiner Jugend gut gewesen sein soll, aus der Zeit vor dem Krieg stammte; und nur dieser selbst, wie auch die Hitlerzeit insgesamt wurde weitgehend ausgeklammert, als habe es sich nur um einen Betriebsunfall gehandelt. Man müsse jetzt nur die ewigen Werte wieder ernsthaft beherzigen. Daher erschien es mir wichtig, die Rolle Adornos und die (linke) Studentenbewegung hervorzuheben. Ich hatte die Bände zur Organischen (Stadt-)Baukunst noch nicht gründlich genug gelesen. Im Vorwort des ersten Bandes wird durchaus Bezug auf den Krieg genommen, und es wird klargestellt, dass das Werk in den Grundzügen eben schon vor den großen Zerstörungen geschaffen worden ist. Klar ist immerhin, dass die idealistische Weltsicht keinerlei prinzipiellen Schaden erlitten hat. Weiterhin wird – wenn ich recht verstehe – für die Ewigkeit gebaut.

Organische Stadtbaukunst Vorwort 1948 Organische Stadtbaukunst

Und um meinem Vater, der schon mit 58 Jahren starb, Ehre zu erweisen, möchte ich auch von seinem Werk, an dem er mit Herzblut arbeitete, wenigstens den Anfang wiedergeben. Die klavierspielenden Söhne habe es zu seinen Lebzeiten wenig geschätzt. Wir hielten es für eine Zwangsjacke. Eine Fehleinschätzung natürlich. Übrigens hat er nie von ewigen Werten gesprochen, er war ein Skeptiker und sprach mit Emphase nur von der Pflicht. Wahrscheinlich wären wir uns heute näher als früher.

Artur Reichow Klavier 1a  *  *  *Artur Reichow Klavier 1b  *  *  *

Ich schreibe dies also nicht, um mit den Leitbildern meiner Jugend abzurechnen. Sie erschienen mir nicht als solche, ich war nachhaltig beeindruckt durch einen Vortrag (incl. Diskussion) von Carlo Schmid über „Vorbilder“. Ein älterer Mitschüler im Publikum stand auf und beschwerte sich, dass er Jesus nicht genannt habe! Ich fühlte mich mit der Verehrung Albert Schweitzers auf der sicheren Seite (Arzt in Afrika, Bach-Forscher, bekennender Nietzsche-Leser trotz „Leben-Jesu-Forschung“). Ich schreibe um die unmittelbar mich betreffende Vorgeschichte zu verstehen. Mein „Zarathustra“ ist markiert durch drei Unterschriften, womit drei Generationen gekennzeichnet sind, jeweils im Alter von 17, 16, 15 Jahren, aber auf sehr verschiedenem Bewusstseinsstand. Ich glaube nicht, dass Nietzsche das Problem war (der war geschützt durch seine mythologisch überbordende Schreibart), sondern der schrecklich verständliche Peter Gast mit seinem Nachwort. Diese Kröner-Ausgabe war 1930 gedruckt worden, meine Mutter war Jahrgang 1913.

Zarathustra Signaturen

1981 war das Nietzsche-Thema in der Familie geläufig, das Wagner-Thema sowieso, Adornos „Versuch über Wagner“ lag griffbereit seit 4. April 1966 (da hatte ich meine Staatsarbeit über den „Tristan“ längst geschrieben, und derjenige, der eines Tages als letzter mit roter Schrift Besitzrechte am Zarathustra dokumentieren sollte, war gerade 4 Tage alt ).

Das Nachwort des Nietzsche-Freundes Peter Gast (1854-1918!!) ist heute wohl kaum noch zu finden und soll hier in Auszügen wiedergeben werden. Interessant übrigens, dass der „Instinkt“, der als bedeutsam lenkende Instanz durch Nietzsche zu Ehren kam, die gleiche Rolle spielte wie später das Unbewusste, das in deutschen Kreisen der 30er Jahre durchaus nicht zu dem Konnex gehörte, der von Sigmund Freud und der Psychoanalyse entwickelt worden war.

Nietzsche Peter Gast Nachwort 1 Nietzsche Peter Gast Nachwort 2 Nietzsche Peter Gast Nachwort 3 Nietzsche Peter Gast Nachwort 4 Nietzsche Peter Gast Nachwort 5 Nietzsche Peter Gast Nachwort 6 Nietzsche Peter Gast Nachwort 7Nietzsche bei Kröner

Gescannt aus dem Original Alfred Kröner Verlag Leipzig 1930. In meinen Händen ab November 1956. Bis Ende desselben Jahres besaß ich auch die anderen Werke Nietzsches, die im Anhang annonciert waren, alle weiterhin ausgestattet mit den Nachworten des Propagandisten und Fälschers Alfred Bäumler!!! Man lese die zuletzt wiedergegebenen „Waschzettel“. Um hier auch noch direkt aus Bäumlers Nachwort zur „Fröhlichen Wissenschaft“ (Seite 324) zu zitieren:

Zu dem Thema Deutschland gehört auch der höchst wichtige Aphorismus über Luther (Nr. 358). Der Begriff des „guten Europäers“, der schon in ‚Menschlich, Allzumenschliches‘ auftritt und in ‚Jenseits von Gut und Böse‘ eine Rolle spielt, erfährt im Aphorismus 377 eine ausführliche Darstellung. Im ‚Wanderer und sein Schatten‘ ist den guten Europäern die Aufgabe und Überwachung der gesamten Erdkultur zugewiesen (Aph. 86). Zur Erfüllung dieser Aufgabe ist eine „Verstärkung und Erhöhung des Typus Mensch“ nötig. Nichts steht dem mehr entgegen als die „Religion des Mitleidens“, die seit der Französischen Revolution in Europa vorherrschend ist. Wir guten Europäer, so erläutert Nietzsche im ‚Willen zur Macht‘ (Aph. 117) seinen Gedanken, führen im Grunde einen Krieg gegen das 18. Jahrhundert. Unter dem 18. Jahrhundert versteht Nietzsche immer das Jahrhundert Rousseaus und der Revolution.

Alfred Baeumlers Tendenz ist klar, auch wenn er vorgibt, nur Nietzsches Worte wiederzugeben. Und es scheint ja auch so, als ob er die Einführung von Peter Gast, der noch dem 19. Jahrhundert angehörte, in aller Harmlosigkeit beigefügt hat. Er weiß, dass sie prophetisch gelesen wird, auch wenn gerade von Napoleon die Rede ist:

„Die Menge  b r a u c h t  nicht nur Führer, sie  w i l l  sie selbst, wenn auch uneingestandenermaßen. Sie weiß mit sich nichts anzufangen; sie wird sich auf die Dauer zum Ekel. – Kommt aber der Große, dann fühlt sie mit heiligem Schauer, was sie nie gefühlt: daß über ihr noch sieben Himmel der Übermenschheit ausgespannt sind!“

Siehe oben im Peter-Gast-Text Seite 406. Siehe auch in Wikipedia über Alfred Baeumler HIER. Im Artikel über Peter Gast dagegen fehlt vielleicht der warnende Hinweis, dass dieser Mann ein peinlicher Jünger des vereinsamten Nietzsche war, mit wenig eigenem Denkvermögen.

Um Nietzsches Denken näherzukommen, bedurfte es eines Karl Jaspers, dessen große „Einführung in das Verständnis seines Philosophierens“ 1935 in Heidelberg abgeschlossen wurde  (Walter de Gruyter Berlin & Leipzig 1936). Ich erwarb das Buch im Mai 1965 und erlebte einen völlig neuen, differenzierten Nietzsche. Man kann nur vermuten, dass das Buch auf Grund seiner gedanklichen Akkuratesse in den 30er Jahren unterging oder einfach nicht verstanden wurde.

Es gab einen langen Vorlauf für die simplifizierende Weltanschauung der Hitlerzeit und ein Nachspiel bis in die zweite Hälfte der 60er Jahre, mindestens. Und vieles davon hatte mit meinem Leben zu tun. Jedenfalls, sobald ich genauer hinschaue.

Ein unverbindliches Vielerlei? Durchaus nicht. Ein Wort noch zum Lesen; Karl Jaspers im Vorwort zu seinem Nietzsche-Buch:

Nietzsche zu lesen, gilt manchen als leicht; wo man ihn aufschlägt, kann man ihn unmittelbar verstehen; fast auf jeder Seite ist er interessant; seine Urteile faszinieren, seine Sprache berauscht; die kürzeste Lektüre belohnt. Jedoch entstehen schon Störungen, wenn man, stehen bleibend bei solchen Eindrücken, viel lesen will; die Begeisterung für den unmittelbar ansprechenden Nietzsche schlägt in Abneigung gegen ein scheinbar unverbindliches Vielerlei um; immer anderes bei ihm zu lesen wird unerträglich. So aber wird weder ein wahres Verständnis noch die rechte Schwierigkeit erreicht.

Scherzverwandtschaft

Worüber lacht man im Senegal und warum?

Nachdem ich einmal angefangen habe zu beobachten, inwiefern die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen stimmen müssen, damit Witze funktionieren (siehe über Ciceros Witz hier), muss ich auch diesen schönen Artikel der aktuellen ZEIT (31. August 2017 Seite 7) aktenkundig machen, der glücklicherweise zugleich schon im Internet abrufbar ist. Es begann damit, dass ich nicht lachen konnte, obwohl es eindeutig als Scherz gemeint oder angekündigt war, dieser Einstieg in den Artikel. Gewiss, – ein Scherz ist nicht dasselbe wie ein Witz, trotzdem:

Scherze kennen kein Tabu im Senegal. „Pass auf, morgen schlachte ich dir ein Schwein! Das koche ich dir, das isst du, und du wirst Christin“, sagt der Christ zur Muslimin. „Dein Schwein kannst du selber essen“, schießt die Muslima zurück.

„Ihr wart die Sklaven, wir waren die Könige“, sagt ein Mann aus der Diola-Ethnie zu einem Serer. „Ach was, versklavt wurdet doch ihr!“

Man bespöttelt die angeblich mangelnde Intelligenz des anderen oder sein unvorteilhaftes Aussehen, lacht über religiöse und ethnische Klischees. Jeder im Senegal verspottet irgendeinen anderen. Eigentlich müssten die Menschen hier einander die Köpfe einschlagen. Genau das tun sie aber nicht.

„Eigentlich“? Das Phänomen ist bekannt: mal wirkt es wie eine Neckerei, mal wie eine höhnische Provokation. Die unreflektierte, von Kind an vorgeprägte Einordnung der Äußerungen ist entscheidend. Jeder von uns hat schon mal bemerkt, dass man wissen muss, wie ein Scherz gemeint ist, was dabei mitgedacht wird. Nicht jeder kann jeden Witz erzählen, – der eine wirkt dabei wie ein böser Zyniker, der andere wie ein erwachsener Lausbube (dem man „nichts übelnehmen“ kann). Der Knalleffekt, der zu einem Witz zu gehören scheint, kann ausbleiben. Stattdessen peinliche Stille…

Hätte mein Bruder den Witz erzählt, hätte ich ihn vielleicht nicht auflaufen lassen, aber wenn mein ungeliebter Vorgesetzter ihn eingeflochten hätte, – was wäre wohl meine Reaktion gewesen? Es kommt auf die Konventionen an. Auch auf die Konvention, sich an Konventionen anzupassen oder ihnen, wo immer man sie vermutet, wenigstens zögerlich (prüfend) zu begegnen. Etwa mit der vorsichtigen Distanzierung: … ist mir leider schon bekannt, oder mit der strengen Frage: soll das ein Witz sein? – Der Bruder stand in diesem Beispiel für „Scherzverwandtschaft“: ich weiß intuitiv, ob er es flapsig oder zielbewusst verletzend gemeint hat. Und er weiß, dass ich es weiß. Aber den Fachbegriff gibt es wirklich!  Frz. cousinage à plaisanterie – das Wort (auch paranté plaisantante) kann man googeln:

Outre les groupes ethniques, cette relation peut aussi s’exercer entre clans familiaux, par exemple entre les familles Diarra et Traoré, ou Ndiaye et Diop. Ainsi, un membre de la famille Ndiaye peut-il croiser un Diop en le traitant de voleur ou de mangeur d’arachide sans que personne ne soit choqué, alors que parfois les deux individus ne se connaissent même pas. Il n’est d’ailleurs pas permis de se vexer. Cette impolitesse rituelle donne lieu à des scènes très pittoresques, où les gens rivalisent d’inventivité pour trouver des insultes originales et comiques.

Siehe französische Wikipedia HIER.

Auch die im ZEIT-Artikel gegebenen Beispiele (oder ähnliche) findet man wieder, z.B. hier.

« Il y a toujours un problème de possession en tous cas ! Chacun veut que l’autre soit esclave ! ».

Bref chacun est l’esclave de l’autre, ce qui concilie le sentiment de supériorité et la réciprocité. La hiérarchie proclamée par l’autre groupe est simplement inversée. L’individu ou le groupe ethnique peut toujours se considérer comme le noyau central, l’ego-centre ou l’ethno-centre autour duquel l’autre ne fait que « tourner » : chacun est au centre de son propre point de vue, alors que, par définition, personne ne l’est.

De fait, le cousinage de plaisanterie semble créer un sentiment de « communauté », paradoxalement basé sur la reconnaissance de la différence.

Quelle 

Im ZEIT-Artikel wird eine historische Herleitung gegeben, die an die mittelalterliche Funktion des Hofnarren in Europa denken lässt:

Besuch bei Raphaël Ndiaye, Ethnolinguist, Philosoph und Direktor des Léopold-Senghor-Kulturinstituts in Dakar. Die Scherzverwandtschaft, sagt Ndiaye, gehe auf Soundiata Keïta zurück, den Gründer des legendären Mali-Reiches.

Im Jahr 1235 bestellte dieser anlässlich der Verabschiedung der Reichsverfassung seine Clanchefs ein und beschwor sie, von jetzt an friedlich zusammenzuleben. Vor den versammelten Honoratioren befahl er dem Griot, seinem Hofsänger, ihn zu beleidigen. Der Griot wagte es nicht, alle Anwesenden glaubten, der König wolle seinen Kopf. Keïta aber sagte: „Was kann es meiner Würde anhaben, wenn mich dieser Griot beleidigt, der doch wie ein Verwandter für mich ist?“ Und er forderte seine Gefolgsleute auf, sich als Verwandte zu begreifen, die einander necken, ja sogar beleidigen dürften, ohne dass das zu Streit oder Krieg führe.

„Auch wenn sie die Form des Humors annimmt, hat die Scherzverwandtschaft doch einen ernsten Kern“, sagt Ndiaye. Sie sollte schon damals Schutz bieten vor Krieg, Familienfehde oder gegenseitiger Versklavung. „Wann immer Familien oder Ethnien Frieden miteinander schlossen, erklärten sie sich zu Scherzverwandten“, sagt Ndiaye. „Und das bedeutete: Es soll nie Krieg geben zwischen unseren Nachfahren.“

Quelle DIE ZEIT 31. August 2017 Seite 7 Angela Köckritz: Witz oder Krieg Der Senegal ist stabiler als seine Nachbarländer. Das hat mit einer besonderen Form des Islams und mit Humor zu tun. / Online HIER

Im Wikipedia-Artikel siehe Stichwort „Hofnarr“ HIER unter 3 Hofnarren in Mittelalter und Neuzeit und 4 Narren außerhalb Europas.

Aber wohlgemerkt: der Griot in Westafrika ist alles andere als ein Hofnarr… siehe (außer in Wikipedia) auch beim GOETHE-Institut hier.

Wie wichtig ist Wählen?

Hilfe zur Meinungsbildung

Warum ich Markus Lanz empfehle? Auch ich finde ihn manchmal unerträglich, und ganz besonders wenn er Politiker in die Enge zu treiben versucht. Mögen sie es verdient haben oder nicht. In vielen anderen Fällen ist anerkennenswert, dass er intelligenten Leuten die Gelegenheit gibt, ihre Gedanken in Kürze, aber nicht zu kurz darzustellen und ohne sie gleich in Kontroversen zu verwickeln. Oder ihnen ständig in die Parade zu fahren. Gut also, wenn es nicht um Politik geht. Oder? Ein hilfreiches Beispiel gestern: Richard David Precht (ich nehme ihn als Stimme der Vernunft) und der Pädagoge Josef Kraus. Der Link zur schnellen (oder auch gründlichen) Orientierung: HIER ! Beginnen bei 4:31: die drei langfristig größten Probleme werden beim Wahlkampf überhaupt nicht angesprochen,von keiner Partei! Weiß jemand, WARUM? Ab 29:48 Themenwechsel: BILDUNG (mit Josef Kraus, Pädagoge, er ist „der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Seit Juli ist Kraus im Ruhestand. In der Sendung sagt er, warum Schule nicht zur Spaß- und Verwöhnschule werden darf.“)

ZDF Screenshot 2017-09-01 09.42.29 Screenshot ZDF-Sendung

Andererseits notiere ich den Wortlaut des Gesprächs, um im Nachhinein zu prüfen, ob es hier nicht zu pauschal zugeht. Die großen Entwürfe sind leicht gemacht, der politische Alltag kann jede Initiative, wenn sie denn  zustandekäme, im Keim ersticken. Nehmen wir Entwicklungspolitik: ist überhaupt Vertrauensbildung möglich, gibt es die kleinste Chance, der Korruption Herr zu werden? Verlaufen nicht alle (demokratischen) Prozesse so langsam, dass die übergeordneten Ziele schon Jahrzehnte vor ihrer Realisierung ausgehöhlt erscheinen? Man muss nur ins Detail gehen, also stehenbleiben, um die Gesamtbewegung aus den Augen zu verlieren. Vielleicht nicht „wir“, die wir problembezogen diskutieren, aber „die Leute da draußen“, die schwerfällige Masse, um die es sich dreht. Was für eine Hybris… (Spielen Sie mit mir den Advocatus Diaboli!)

Precht: Wahlkampf ist ein zu großes Wort. Eigentlich handelt es sich um Verweigerung, wirklich n Wahlkampf zu machen. Was mich am meisten stört, dass die wirklich langfristig größten Probleme, alle drei im Wahlkampf nicht angesprochen werden. Das erste sind die gesamten gesellschaftlichen Umbrüche durch die Digitalisierung, die unsere Gesellschaft nicht einfach nur n bisschen moderner machen, sondern eine völlig neue Gesellschaft erzeugen werden. Auf die wir überhaupt nicht vorbereitet sind, in der Arbeitswelt nicht, politisch nicht vorbereitet, gesellschaftlich nicht vorbereitet, wird von den Parteien nicht ernsthaft thematisiert. Das zweite, was nicht thematisiert wird: unsere Art zu wirtschaften geht auf Kosten unserer Enkel, das wissen wir alle. Wir denken jeden Tag daran, das Land zukunftsfähig zu machen, aber nicht, es enkeltauglich zu machen. Wenn alle so wirtschaften würden wie wir, – und immer mehr Ländern sind in der Lage, ähnlich zu wirtschaften, wird dieser Planet in wenigen Jahrzehnten unbewohnbar sein. Das gesamte große ökologische Thema ist selbst bei den Grünen in den falschen Händen, es wird nicht ernsthaft diskutiert, der Klimawandel ist schon wieder vergessen, wenn Wahlkampf ist, also das zweite Problem. Das dritte Problem: das Migrationsthema. Also es ist im Augenblick so, dass Frau Merkel sich mit Herrn Macron sich geeinigt, dass wir, damit das gar nicht all diese Bilder vom Mittelmeer weiter gibt, oder von Menschen die in der Sahara umkommen, dass wir in Afrika ansetzen, südlich der Sahara, durch sogenannte Partnerschaften, was ein sehr euphemistisches Wort ist, dass letztlich keiner mehr in der Lage ist, das Land nach Norden hin zu verlassen. Das ist natürlich von allen Lösungen, die es gibt, die schlechteste, weil – ich weiß nicht, wie weit die horizontale Entfernung quer durch Afrika ist, aber wir reden hier über 3000 oder sowas Kilometer, das ist natürlich eigentlich nicht möglich, und stattdessen bräuchten wir eine Entwicklungshilfepolitik, die flüchtlingspräventiv mit den Ländern zusammenarbeitet und hilft, ihre Not zu lindern, diesen Ländern hilft, auf die Beine zu kommen, und statt soviel Geld für Rüstung auszugeben, wie es im Augenblick geplant ist, sollte man dieses Geld in die Entwicklungshilfe stecken. 6:35 (Beifall)

Lanz: Warum greift man diese Themen nicht an? Warum traut sich keiner, sich wirklich mal hinzustellen und zu formulieren, was Sache ist. (…) Hat man Angst, dass den Leuten die Wahrheit nicht zuzumuten ist?

Precht: Ja! Und da gibt es mehrere Gründe für. Also der erste Grund ist: Jeder Politiker, der sich in einem Wahlkampf befindet, hat Angst, den Leuten Angst zu machen. So, und bei den drei Themen, die ich gerade genannt hab, und das wird dem Fernsehzuschauer nicht anders gehen, dem wird erstmal mulmig. Ja, und dass man sowohl denkt, was die Ökologie anlang, und was die Migrationsprobleme anbelangt, wie was die Digitalisierung anbelangt, ojeh, es kommt etwas Riesiges auf uns zu, und die Politik hat für diese Sachen keine Lösung, keine Antworten, und ich werfe ihr vor, sie versucht auch nicht ernsthaft, langfristig ernsthafte Antworten zu generieren. Das ist das, was mich daran stört. Sie hat also keine Visionen, keine Ideen, wie man diese Probleme lösen könnte.

Lanz: Das klingt wahnsinnig desillusionierend (…) 7:53

Gaus: Ich würde zu Prechts Liste noch zwei Themen dazunehmen, die auch nicht aufgegriffen werden: Was kostet die Energiewende? Was kostet das Erneuerbare- Energie-Gesetz (usw. 8:16). Was ist mit Griechenland los?  Meinungsinstitut: dass 39 % der jetzt Wahlberechtigten nicht mehr wissen, was sie 2013 gewählt haben. … am Rande der politischen Amnesie (lachen). Ich glaube, es gibt ne Erklärung dafür: es haben sich damals schon die Parteien nicht mehr voneinander unterschieden. (…) jetzt wieder 48 % Unentschiedene (…)

Precht: Der Witz ist, es geht in erster Linie gar nicht darum, dass man den Menschen in Deutschland das gar nicht zumutet, sondern dass man es erstmal seiner eigenen Partei nicht zumutet. Da fängt das ganze Problem schon an. Und das Problem hatte Macron nicht. (…) musste er nicht auf Parteibefindlichkeiten Rücksicht nehmen.Also einer der Gründe, warum grade die SPD im Hinblick auf die Digitalisierung nichts anderes versucht als die sterbenden Arbeitsmärkte nochmal zu zementieren, statt sich darauf einzulassen: was sind die sozialen Herausforderungen? was könnte an die Stelle bosheriger Gewerkschaften treten in einer digitalen Welt? Darauf kann sie sich nicht einlassen, weil sie dann riesigen Ärger mit den Gewerkschaften kriegt, 11:46 so dass ich im Zweifelsfalle gar nicht weiß, ob dieser ideenlose Wahlkampf, den die SPD macht, auf Martin Schulz zurückzuführen ist, was ich weniger glaube, als auf die Rücksichten, die er gegenüber der eigenen Partei nehmen muss, (??? Lanz spricht hinein) auch nicht einschränken kann, und das haben wir ziemlich ähnlich: die Grünen sind nicht bereit, in Bezug auf das, was ökologisch auf uns zukommt, den eigenen Wählern reinen Wein einzuschenken. Da wird irgendwie die Vorstellung genährt, man könnte, wenn man in nem Energiesparhaus lebt, man könnte mit n paar Energiesparbirnen den Klimawandel aufhalten. Also im Grunde genommen ist das ja so die Idee, also n bisschen mehr davon, und dann geht das. 12:19 kann man also übern ganzen Globus hinwegfliegen. Wenn Sie mal die Frage stellen: Wieviel CO² sparen Sie eigentlich durch ein Energiesparhaus ein, wie oft können Sie dafür nach Amerika fliegen? Dann stürzen Sie schon im Atlantik sofort ab. Die Antwort ist: wir müssen unser Lebensmodell umstellen, wenn wir wirklich ökologische Politik machen. Das erzählen die Grünen ihren Wählern nicht, und das erzählen die auch einander nicht. (Beifall) 12:46 LANZ: Autoindustrie, Elektromotor. Ein Auto ist kein Statussymbol mehr! Wir werden uns anders fortbewegen müssen. Warum reden wir nicht über solche Dinge?

PRECHT: Weil natürlich das alte Geschäftsmodell wunderbar funktioniert hat. Also die deutsche Automobilindustrie ist die beste der Welt, sie trägt sehr zum deutschen Wohlstand bei, – also hat man versucht, dieses alte Geschäftsmodell auf ewig zu zementieren und daran festzuhalten, weil man wusste, die neuen Entwicklungen, die führen weg vom Status-Auto. 13:58 Das Status-Auto bedeutet aber eine diversifizierte Palette von lauter Mittelklassewagen herzustellen, die eigentlich keiner braucht, aber von dem die Automobilindustrie lebt. Wenn am Ende nur noch son paar uniformierte Kleinwagen da sind, dann geht das ganze Geschäftsmodell kaputt, deswegen hat man versucht, das Elektroauto zu blockieren. Aber man muss noch einen Satz dazusagen, ich bin kein großer Freund des Elektroautos, das Elektroauto ist auch nicht die beste Lösung. nach wie vor: in den Batterien sind seltene Erden, die in Afrika unter katastrophalen Umständen gewonnen werden. Wir können bis heute Elektromotoren nicht recyclen, die Herstellung einer Batterie ist wahnsinnig energieintensiv, so, die eigentliche Lösung ist die Brennstoffzelle. Aber da ist genau dasselbe (- also Wasserstoff, nicht?)  genau: mit Wasserstoff angetriebene Brennzelle, das ist umweltmäßig, ökologisch mit Abstand das beste Modell, Toyota baut solche Autos!, also das geht, (sehr energieintensiv, Wasserstoff herzustellen! muss man auch sagen), ja, aber wenn Sie insgesamt die Bilanz sehen, zwischen Diesel – ist das Schlimmste – und Benzin und Elektroauto halten sich ungefähr die Waage, und dann ist das mit Abstand die beste Lösung. Aber: da hat keiner reininvestiert, die Japaner haben dareininvestiert, und (versuchen das, Mercedes) Mercedes, der Gedanke ist alt! die Lobby dahinter, wir hatten kein Interesse, es zu machen. Das ist (vor zehn Jahren wurde dieses Team, das diese Brennstoffzelle entwickelt hat, eingestellt) ja! die hatten Angst, dass das das Geschäftsmodell verhagelt! 15:20 (Lanz: Also, nochmal die Frage: Wie, warum mutet man uns solche Wahrheiten nicht zu? Die Leute merken doch, wie sich solche Unternehmen, VW und viele andere, da sitzen doch unglaublich fähige, gute Leute, die verstehen doch und spüren doch, dass da was stattfindet, da draußen, d.h. dieses Keine-Antworten-Kriegen von politischer Seite führt doch im Zweifel zu mehr Verunsicherung als weniger. Was wäre denn Ihrer Meinung nach der Entwurf, die Vision, die große Rede, die jemand halten müsste?) 15:55

PRECHT: Also, ich glaube, wir sind uns auch in der Frage einig, – zunächst mal sich ehrlich zu machen, ich glaube, damit würde man in Deutschland ähnlich gut punkten können, wie Macron das in Frankreich… ich glaube, dass das funktionieren würde, sie trauen sich nicht aus der Deckung, gerade auch der eigenen Partei gegenüber. Das ist wichtig, schon die eigene Partei hemmt die Erdigkeit der Politiker, nicht nur die Angst vorm Wähler im allgemeinen. Das ist der Grund, weshalb das nicht passieren wird. Das zweite ist, ich meine, wir reden über sehr komplexe Themen, also die Frage, wie man dies gewaltige Thema MIGRATION in den Griff kriegt 16:27 Da gibt’s nicht mal so eben ne kleine Formel, die man aus der Tasche ziehen kann und sagen kann: damit ist das Problem gelöst. Sondern das ist eine ganz große gesamtgesellschaftliche Anstrengung, wo sehr viele Sachen von berührt sind. Ökonomische Fragen berührt sind: wir bräuchten zum Beispiel ein einseitiges Freihandelsabkommen mit der Dritten Welt. Wir machen ein Abkommen und sagen, ihre dürft alles was ihr herstellt zollfrei in die Europäische Union verkaufen, aber ihr dürft auf jedes Produkt, das aus der Europäischen Union kommt, den Zoll eurer Wahl machen. Das wäre zum Beispiel optimale Entwicklungshilfe. Da haben wir in der Doha-Runde mehr als 10 Jahre drüber geredet, war die Europäische Union, waren die europäischen Staaten nicht zu bereit, und jetzt muss man fragen: die Bananen aus Tansania und was weiß ich ist ja nicht mal 1 % unseres Marktes, d.h. da denkt jeder kleinklein an das jeweilige Problem, denkt nicht im großen Maßstab, denkt nicht langfristig, denkt nicht, was das alles am Ende kostet, und zwar kostet an Menschenleben, kostet an Geld, kostet an politischer Unruhe und alles was damit einhergeht. Wir müssen eine ganz andere Entwicklungshilfepolitik machen, das Entwicklungshilferessort ist glaube ich unter 1 %, also das müsste n ganz anderen Stellenwert haben. Und zwar um das Leben all dieser Menschen, die damit ihr Leben verlieren, und um unseretwillen. 17:38 JOSEF KRAUS: (Neo-Kolonialismus) LANZ: Hilft es wirklich der AfD, wenn wir über Migration sprechen? Precht: Ja, das ist ne Antwort, die versteht jeder. Und die andere Antwort, wie sieht eine Entwicklungshilfepolitik aus, die diesen Ländern hilft, auf die Beine zu kommen, die also wirklich flüchtlingspräventiv ist, und die sagt, die Welt ist durch die Globalisierung kleiner geworden. Wir haben überall in der Welt davon profitiert, dass wir die seltenen Erden aus dem Kongo kriegen, dass Leute in Bangladesh unsere T-Shirts zusammennähen usw., so, aber wenn wir die alle für unseren Wohlstand nutzen, dann müssen wir uns auch in irgendeiner Form für deren Leben verantwortlich fühlen. Und das ist der Schritt, den wir machen. Wenn ich jetzt sehr pathetisch formuliere: im 18. Jahrhundert ist durch die Erklärung der Menschenrechte ja zum erstenmal die Idee, dass das Leben eines jeden Menschen gleichviel wert usw. formuliert worden. Im 19. und 20. Jahrhundert ist es sehr mühselig in Europa durchgesetzt worden. Und im 21. Jahrhundert müssen wir begreifen, dass es nicht nur für Europäer gilt. (Beifall) 19:29

LANZ: Trotzdem nochmal die Frage: Ist es den Menschen nicht zuzumuten, wenn man ihnen sagt: Pass auf, das, was da grade passiert, dass Menschen an die Grenze kommen und einfach sagen: Asyl! Und gleichzeitig sagen: Ich hab meinen Pass irgendwo unterwegs verloren, um dadurch zu ermöglichen oder sicherzustellen, dass man einfach in dieses Land reinkommt, das können wir so nicht weiter machen.

PRECHT: Da sind sich alle einig, das will ja gar keiner! Also ich kenne überhaupt keinen, der das für ne gute Lösung… LANZ: …weit und breit keinen Plan, der mal sagt: da gibt es ein ordentliches Einwanderungsgesetz beispielsweise. Da gibts ne Idee: wir formulieren klipp und klar und deutlich,    für jemanden, die nicht Asyl benötigt, – das ist nochmal was ganz anderes, Asyl ist etwas, was wir zu gewähren haben! Menschen… PRECHT: Lassen Sie mich nochmal an das Argument von Herrn Kraus, das nicht falsch ist, aufgreifen, dass er gesagt hat: ist ja komisch: wen wollen wir reinlassen, – Ärzte aus Syrien: JA, Ungelernte aus Syrien: NEIN. Weil klar ist: der Arzt aus Syrien wird sich hier wunderbar integrieren, und den können wir im Zweifelsfall auch gut gebrauchen. Aber der wird eben genau so in Syrien gebraucht! Das ist kein uninteressantes Argument, wir wollen eine Politik machen, die nur denjenigen Migranten erlaubt zu uns zu kommen, die in den Heimatländern ganz besonders dringend gebraucht werden. (…)  Machen wir uns nichts vor: Wenn Sie jetzt Kanzlerkandidat einer Oppositionspartei wären, von wem lassen Sie sich beraten? Sie beauftragen eine PR-Agentur. So, und die kuckt, die fragt die Leute in der Fußgängerzone, oder im Telefon-Interview: was assoziieren Sie mit der Sozialdemokratie? Da wird dann son Mindmapping gemacht, und am häufigsten kommt das Wort Gerechtigkeit, und so wird n Wahlkampfthema gemacht. Und das ist das, was mich stört: also das sind synthetische Formen, mit denen man versucht, auf eine Marktforschungsart und – weise ein Thema zu finden, und dann ist ja völlig klar, dass so ein Thema immer ein Gegenwartsthema ist und nie ein Zukunststhema (Lanz spricht rein: es geht um Angebot und Nachfrage sozusagen) Genau! wie das Thema geschaffen wird. KRAUS: kleine Korrektur: es ist ja keine Oppositionspartei, es ist ja ne Regierungspartei! PRECHT: Aber die sind jetzt im Wahlkampf  (Ja!) wie eine Oppositionspartei und sagen: wir wollen an die erste Stelle treten. 22:43

(Fortsetzung folgt)

s.a. hier Precht in ttt

Hier Info Hannes Jaenicke (facebook) nur zur Kenntnis (wird wieder gelöscht).

 

Stenogramm zur „Aida“

Nichts von (über) Netrebko

Nur dieses Statement der Sängerin:

Die Bühne sieht cool aus. Ich denke, es ist interessant. Ich bin froh über den Look von Aida. Sie sieht wie Aida aus. Was sehr gut ist. Und der Rest: Sie werden sehen. Sie werden nicht viel Neues finden. Es ist sehr statisch. Traditionell. Es sieht nur anders aus.

Zur Frage: Eine rassistische Oper? (Antwort der Regisseurin)

Lange wurde ‚Aida‘ von den Intellektuellen des nahen Ostens als orientalisierende Oper betrachtet. Als rassistische Oper“, sagt Shirin Neshat. „Weil darin die Ägypter und Äthiopier wirklich als Barbaren und Wilde beschrieben werden. Und sie hinterfragten die ganze Logik dieser Oper, die vor allem geschrieben wurde, um damals die Europäer in Kairo zu unterhalten.

Quelle Fernsehen Das Erste ttt 6.8.2017 / 23:35 Uhr HIER

Lesen: Süddeutsche Zeitung 5./6. August 2o17 Seite 12 Frau in der Fremde Die amerikanisch-iranische Künstlerin Shirin Neshat inszeniert „Aïda“ bei den Salzburger Festspielen. Giuseppe Verdis Oper hält sie für eine Zumutung / Von Sonja Zekri

Der Artikel endet so:

Im Herbst kommt ihr Spielfilm über die ägyptische Diva Umm Kulthum heraus, für Shirin Neshat „die größte Künstlerin des Nahen Ostens“, die unabhängig lebte, in der männerdominierten Welt der Vierziger- und Fünfzigerjahre ihre eigenen Regeln schuf und, so sieht sie das, im Unterschied zu manchen westlichen Künstlerinnen dieses Ranges, „nicht tragisch endete“. Dem Westen beizubringen, dass sein Bild des Nahen Ostens falsch ist, diese Mission ist noch lange nicht erfüllt.

Zekri Shirin Neshat Quelle s. unter Lesen

Studieren: „Aida von Giuseppe Verdi“ Vortrag von Erhart Graefe am 1.11.2007 in Münster, update 2014 HIER

Weiterhin Lernstoff

SAID Titelseite SAID Inhalt

Diskurs vom Alter

Schlaffer Alter a (2003) ISBN 3-518-41492-5

Schlaffer Alter rück

Das Buch hat mich 2015 beeindruckt und ein bisschen frustriert. Während das jüngste Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung, 15 Jahre später, nachwirkt, weil leichter im Ton. Und auch zur Re-Lektüre des Buches animiert.

Schlaffer Screenshot 2017-07-19 Video auffindbar HIER (warten!)

Hannelore Schlaffer, Katja Gentinetta, Eric Gujer (Chefredakteur NZZ) 15.1.2017

Gesprächsverlauf (hier nicht immer absolut wörtlich wiedergegeben):

Alles hat sich verschoben. Deshalb ist dieses Altersbuch wirklich kein Indiz. Jetzt, wo ich, [Hannelore Schlaffer, 77], so langsam wirklich alt werde… man spürt, man ist eigentlich nicht alt. 2:18 Alter schreiben einem die andern zu.  Subjektiv: Alt ist man nicht, heutzutage, man ist höchstens krank. … dass Alter nicht etwas Biologisches ist, sondern etwas Gesellschaftliches. 3:36 Früher war das Alter die Ernte des Lebens. Ich hab nicht den Eindruck, dass heute der alte Mensch würdig ist, dazu gibt’s viel zu viel Alte. Unser Blick aufs Alter ist vollkommen praktisch geworden. 4:30 [Altern die Geschlechter unterschiedlich?] Auch wieder unterschiedlich: Gilt das Biologisch? Oder der Diskurs? Ich rede über das Alter, aber ein Mann würde über sein Geschäft reden. Frauen reden unentwegt vom Alter. Minderwertigkeitskomplex per Erziehung. Ich bin nicht mehr so jung und frisch, wie ich fürs erotische Leben gebraucht werde. Neben jedem fröhlichen Kleidchen steht eine Werbung für die Gesichtspflege. 6:40 Männer haben ihr Äußeres ziemlich statuarisch gebildet, während Frauen ihr Äußeres immer einem ästhetischen Urteil unterwerfen. Der Mann hat den Anzug, der macht ihn zur Statue. Und der Kopf kommt auch gut raus bei so einem Anzug, finde ich (lacht mit Blick auf den Redakteur im Anzug), ich bin ein großer Anhänger des Anzugs (lacht). Die Frauen müssen schon mal spielen mit ihrem Körper, und jedes modische Accessoire ist ein Hinweis auf meinen Körper. 7:30 Trotz aller Emanzipation ein Nachteil. Aber auch ein Vorteil. Ein großer Spaß. – Konvention oder eigene Unterscheidung? Als ich mit 30 Jahren als Studienrätin den Minirock durchsetzen wollte…geht jetzt nicht mehr. Da haben’s jetzt irgendwie einen Schachzug gemacht, wo ich nicht gut drauf antworten kann. (Lachen). Kann man diese Konvention verändern, oder ist sie genetisch fixiert? 9:21 Der Geist hängt ja von der körperlichen Beweglichkeit ab. Wenn man älter wird, wird man auch ruhiger. Vorteil der Männer. Es müsste ein Altersgesicht, einen Altershabitus für Frauen geben. Der große alte Mann, von Goethe geht das bis Adenauer. Die schöne alte Frau (wobei Schönheit etwas anderes meint als die erotische). Es gibt schon eindrucksvolle alte Frauen. Susan Sontag, Juliette Greco. Früher aber nur als Karikatur. – Nun wird auch der alte Mann nicht als Sportler wahrgenommen, als toller Körper, sondern als Weisheit. Alte abendländische Tradition. Sie können sich keinen jungen Sokrates vorstellen. Intelligente, selbstbewusste Frauen, die nichts sind als dies! 14:00 Senioren – ein ökonomischer Faktor, an dem auch die Jungen verdienen. Cum grano salis: im Kulturbetrieb arbeiten Junge für Alte. … es sitzen da nur alte, und die paar Schulklassen, die da reingeschoben werden, an die glaubt ja keiner… zwei junge Leute, die auch Musiker werden wollen, sitzen da im Konzert… geht die Kultur ein? Oder wird Kultur ein Altersrefugium? Was fehlt ist der altersmäßige Mittelstand, also die Leute, die berufstätig sind. Haben gar keine Zeit. Eine zweite Jugend nach der Pensionierung? 18:00 Heute für einen 65-Jährigen, wenn er ein Leben lang eingesperrt war in ein Programm, mit vielen Menschen, ein ungeheurer Schock, mit einem Mal alleine dazusitzen. Da fängt die Kultur etwas auf. „Wenn ich an meine Mutter denke, da habe ich mich immer gefragt: wie bringt die den Tag hin?“ Generation vor der Zeit des Fernsehapparates, Kinder sind weg etc. so ein Problem besteht eigentlich heute nicht mehr. Da spielt die Kultur eine große Rolle. [Früher auch, z.B. Lesekreis, Chor, Kirche. JR ] Man überträgt heute auf die Senioren einen Begriff, der früher für junge Leute gegolten hatte, – den der Selbstgestaltung, der individuellen Selbstfindung, der individuellen Entfaltung. Ein Leben lang behindert, jetzt endlich können wir das. Ein altmodischer Begriff neu verwendet, auf eine Gruppe übertragen, auf die es eigentlich nicht passt, denn mit 65 schafft man sich nicht mehr neu. Früher ein Bildungsideal für die bürgerlichen Jünglinge und… ja, nur Jünglinge, heute übertragen auf die Senioren, die glauben dran und füllen gehörig die Theater. 20:30 Das sagen wir, als die sogenannten Intellektuellen, wir haben ja auch schöne Berufe, aber es gibt ja auch Berufe …(Supermarkt), dass die fliehen wollen, verstehe ich, aber ich glaube die wissen nicht, dass sie in eine Leere fliehen. 21:34 gute Organisation, wenn man gestaffelt rausgehen könnte (aus dem Beruf). Thema Enkel. Folge der Emanzipation, Frauen, die verreisen wollen, Stipendium für Forschungsprojekt haben, Rolle der Großeltern viel bedeutender als früher (50er bis 2000). „Größtes Glücksgefühl“. Wie in nächster Generation? „Ach Gott, die Zukunft!“ (Lachen). Man ist so alt, wie man sich fühlt. (??) Krank ja, aber alt – gibt es nicht. Früher war Alter nie an Krankheit gebunden. Krank war man immer (in jedem Alter). „Wir können sehr lange so leben, als gäbe es dieses schleichende Herunterfahren des Körpers nicht“. Die eigentliche Erschütterung: die Vision des Todes. Eigene Phase etwa wie das Pensioniertwerden. Unterscheiden zwischen Altern und Sterben. Eigene Fachbereiche: Palliativmedizin, in der Antike das Ideal des sanften Sterbens.Gehört nicht zum Alter. 28:00 Sobald man den Tod ins Spiel bringt, gerät man in die Metaphysik. Oder in die Religion. Jedermanns eigene Sache. (Das Metaphysische ist abgeschafft.) Fröhlich weiteraltern können, ohne sich zu fürchten. Sinn?? „Da haben Sie aber nun in mir einen absoluten Atheisten und Ungäubigen gefunden, also da kann ich Ihnen nichts dazu sagen.“ Ich denke, wir müssen’s hinnehmen.  31:00 Welche Macht haben die Alten? (Haben relativ viel Geld, gehen am seriösesten zur Wahl, und sie werden immer mehr.) Welche Wirkung haben Alte? Nur als Kollektiv, als soziales Phänomen mächtig. Nich mehr als einzelne, wie Cicero, der sagte: ich kann zwar keine Kriege mehr führen, aber ich kann euch sagen, wie es geht. Diese Rolle nicht mehr: eher verschüchtert. Renten auf Kosten der Jungen? Wahlgeschenke. Also Einfluss. Kollektivbewusstsein bei den Alten nicht, dass sie Macht haben. Reisen, Stadtfeste. Nicht politisch. Z.B. ist ja auch der Stammtisch ausgestorben. Alte Männer, die räsonnierten. Alterspyramide? 38:04 Nullpunkt der Diskussion. „Weiß nicht“. Generationenkonflikt. Ist das Verhältnis richtig? Die Kosten der Alten? Pyramide falsch rum. Andererseits: was die Alten da kriegen, haben sie ja hergestellt. Der Sohn des Bauern wusste: ich hätte das Gut nicht, wenn ich meinen Vater nicht hätte. Deshalb respektiere ich meinen Vater, und der kriegt ein Zimmer im Haus… Heute: die Theater, die Universitäten, die Straßen, die hat doch der Opa hergestellt. Die Alten kosten viel (sollten ein bisschen länger arbeiten), aber: man muss auch bedenken: was kosten die Jungen! Wie lange kann heute ein junger Mensch studieren! Und er kriegt Stipendien, Auslandsaufenthalte usw., bis einer mal ausgebildet ist, fragen Sie sich mal, was da hineingesteckt worden ist! 48:40 Wird man als Alt-68erin anders älter? Die Welt hat sich so verändert, dass die Strukturen, die durch den Marxismus, den Antikapitalismus analysiert worden sind, gar nicht mehr passen können. Veränderung durch die digitale Umstrukturierung der Welt. „68 ist zu alt für diese Welt!“ Die 68er Generation hat zum erstenmal die Jugend zum Programm gemacht. (Trau keinem über 30.) Resigniert, weil man sich falsche Hoffnungen über sich selbst machte… ich meine nicht direkt mich. Einzige Absicht der 68er eine erotische Emanzipation. Marx? Eine Jugendbewegung, die es nicht gegeben hätte, wenn es nicht die Antibabypille gegeben hätte (seit 1966). Wie schätzen Sie die Jugend heute ein? Prima! Habe gerade in Stuttgart die neuen Cafés entdeckt. Jugend-Cafés, Vintagestil. Da bedienen nur junge Leute, – ein Wiener Ober, wie der „gnädige Frau“ sagen kann, großartig! -, aber die Freundlichkeit dieser jungen Leute, Sie sind wirklich wie in einem lauwarmen Bad… 44:00 Welche Lehren müssen wir aus dem Alter ziehen? Wutbürger, häufig ja ältere Männer, nein, – nicht nur der ältere Herr! Stuttgart 21 … viele jüngere Leute dabei. Neue Verpflichtung, den Bürger heranzuziehen. Bürgerbeteiligung! Aber heute (Cicero!) das Problem auch für mich: es ist eine so andere Welt entstanden als die, in der ich aufgewachsen bin, sie hat so andere Kategorien, auch wir wissen gar nicht genau, welche es sind, individuelle Selbstentfaltung, Kultur usw., diese Leitbilder gelten eigentlich nicht mehr. Welche gebraucht werden, weiß ich nicht, ich verstehe diese neue Welt nicht. Sie versteht sich auch selbst noch nicht. Insofern kann dies: – der Alte kann Weisheit weitergeben – überhaupt nicht mehr stimmen; fängt an beim Smartphone, die Oma weiß nicht, wie man da draufdrückt, der Fünfjährige sagt ihr das, da ist der Fünfjährige der Weise. Was sollen die Älteren dann tun? Ins Theater gehen (Lachen) und ins Konzert. Was sollen sie weitergeben? Gar nichts, still sein! Die geben ja viel Geld weiter… (Lachen). Weisheit wird nicht mehr weitergegeben…

(Ende des Notates JR 48:00)

***

Um gleich beim letzten Beispiel eine Kontroverse anzuregen: man darf nicht unter der Hand „Weisheit“ mit „Bescheidwissen“ verwechseln. Der Fünfjährige ist nicht weise, seine Reflexe sind konditioniert, genau wie auch bei den Alten, die noch Auto fahren, Klavier spielen oder mit einer Nähmaschine umgehen können, und die in ihrer frühesten Kindheit auch sehr schnell gelernt haben, eine elektrische Eisenbahn zu bedienen.

Das Kind lernt heute spielend – d u r c h  S p i e l – genau wie wir früher, nur scheint es wunderbarer und abstrakter (was von fern an abstraktes Denken erinnert), weil die Spielgeräte (Smartphone) derartig verkleinert und automatisiert sind, dass die zuschauenden Erwachsenen die Abläufe nicht mehr beobachten und kontrollieren können. Wenn man es am Computerbildschirm verfolgt, kann man jedoch leicht feststellen, dass diese Spiele das Kind ebensowenig „weise“ machen können wie eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“. Es sei denn, man bezeichnet auch das Würfeln und Figurenversetzen als eine Denktechnik, die weise macht.

***

Da man bei bedeutenden Frauen immer gern nach dem Mann fragt, auch (und gerade) wenn es nur um das Alter geht, will ich sein Buch nicht verschweigen, das mich einmal nachhaltig beschäftigt hat, bis hin zum mehrmaligen Weiterverschenken, – im Nachfassen, nachdem es im bloßen Gespräch meist Widerspruch ausgelöst hat. (Neuerdings auch gern mit beigelegtem Verriss).

Schlaffer Heinz Literatur Schlaffer Literatur b Heinz Schlaffer