Kategorie-Archiv: Ethnologie

Wann ist Musik?

Schwer zu lösende Fragen

Es ist eine große Hilfe, die richtigen Fragen zu stellen und nicht die unlösbaren zu forcieren. Wenn mich die Musik selbst zum Nachdenken bringt und ich nicht nachbeten will, was ich als emphatische Aussage dazu angeboten bekomme, genügt es zunächst einmal, alles abzulehnen, was sich im Allgemeinen bewegt und in hundert konkreten Fällen nichts Triftiges sagt. Beispiel einer emphatischen Aussage: „Bachs Kunst der Fuge ist ein Mysterium“, daraus kann ich gar nichts Produktives folgern; als angemessene Reaktion bliebe nur, auf die Knie zu fallen. Auch was Schopenhauer sagt, mag für Wagner noch so viel bedeutet haben, es bleibt wolkig und würde sich erst dann bewähren können, wenn er es auch in Wagners Musik wiedererkannt hätte. Aber er bevorzugte Rossini. Eine Ästhetik, die aus der Neuen Musik kommt, kann ich nicht akzeptieren, wenn sie im Angesicht der Wiener Klassik belanglos wird; wenn sie etwa über die bewegenden Motive der Musik Mozarts oder Beethovens nichts Neues aussagen kann und auch über das alte Wissen nicht mehr differenziert verfügt. Und in einer wirklich neuen Ästhetik der Musik wäre aus meiner Sicht erst dann Vertrauen möglich, wenn darin ein Satz wie der folgende zu finden ist:

Richtet man den Blick auf Musikformen außerhalb der europäischen Tradition oder auch in die historische Vergangenheit dieser Tradition selbst, so werden Verallgemeinerungen zunehmend schwierig.

Christian Grüny sagt dies schon in der Einleitung seines Buches über „Die Kunst des Übergangs“ und fährt fort:

Die historische und interkulturelle Reflexion mag zur Folge haben, daß man die Frage insgesamt für verfehlt erklärt und sich auf die sozusagen historistische Untersuchung beschränkt, was zu bestimmten Zeitpunkten an bestimmten Orten als Musik praktiziert und verstanden wurde – eine aus philosophischer Perspektive unbefriedigende Situation. Es ist eine typisch philosophische Reaktion darauf, die Frage radikal situativ umzuformulieren: Wann ist Musik?

So zu fragen, nimmt die historische Reflexion und auch die Erfahrung der Entgrenzungsbewegungen in den Künsten des 20. Jahrhunderts gleichermaßen beim Wort und geht philosophisch dennoch aufs Ganze. Die Frage geht von einer radikalen Kontextabhängigkeit aus, zugunsten derer jede Wesensbestimmung fallengelassen werden muß. Die Antwort müßte dann letztlich lauten: Musik ist dann, wenn wir etwas als solche hören. „Wir“ kann hier Chiffre für eine gesellschaftliche Institution sein, für eine auf andere, losere Weise bestimmte Praxis oder auch für die bloße Willkür einzelner Hörer.

Mit dieser Definition bin ich vorerst ganz glücklich und lasse mich gern auf alles weitere ein. Oder bescheide mich, nunmehr alles zur Kenntnis zu nehmen, was sich für den Autor aus diesen Praeliminarien ergibt. Und seien es die alternativen Fragen: „Wie ist Musik? Auf welche Weise artikuliert sie sich? Und auf welche Weise wird etwas als Musik erfahren? So zu fragen, nimmt die Musik nicht als Vorliegendes, an das sich Wesensfragen adressieren lassen, läßt sie aber auch nicht situativ immer wieder auf dem Spiel stehen.“ (Grüny S.8f)

Quelle Christian Grüny: Kunst des Übergangs / Philosophische Konstellationen zur Musik. / Velbrück Wissenschaft / Weilerswist 2014 [farbliche Hervorhebungen: JR]

Ich belasse es dabei, nehme die in diesem Zusammenhang genannten Autoren zur Kenntnis – unter ihnen alte Bekannte: Adorno, Dahlhaus, Bergson, Susanne K. Langer, Hegel, Husserl u.a. – und versuche irgendwo anzuknüpfen, um später hierher zurückzukehren. Neu ist für mich Lydia Goehr und ihr schöner Satz: Music is marvellous, but not mysterious. Das folgende Bild kann man durch Anklicken vergrößern, das Video abrufen jedoch nur Hier .

Gesetzt ich hätte es zweimal abgehört und angeschaut: Damit hätte ich für heute genug getan und arbeite im stillen Kämmerlein weiter, bis ein neues Bedürfnis nach Verschriftlichung entsteht…

Nachtrag:

Music has no secrets, and yet its form and meaning elude our most earnest attempts to describe them.

(Roger Scruton)

Ästhetik ist aber keine angewandte Philosophie, sondern philosophisch in sich.

(Theodor W. Adorno)

Vorspiel:

… ein Stück,

das gerade kein Musikstück ist: der Tanzperformance Both sitting duet von Jonathan Burrows und Matteo Fargion. An diesem Stück kann man meines Erachtens Entscheidendes über musikalische Zusammenhänge lernen. [Seite 15]

Die Interaktion zwischen den beiden Akteuren ist als komplexes Geflecht von Parallelen, Wiederholungen, subtilen Verschiebungen, gegenseitigem Aufgreifen von Bewegungen, rhythmischen Anschlüssen und Kontrasten organisiert. Was man vorgeführt bekommt, ist höchst stimmig und in sich überzeugend, unterscheidet sich aber in mehrfacher Hinsicht fundamental von dem, was man als Tanz zu sehen gewohnt ist.  [Seite 19]

(Christian Grüny)

Hier

Siehe auch hier

Gauguins Illusion

Auch ich?

 SZ 12.Nov 2019

Warum frage ich? Weil ich mich direkt betroffen fühle. Das Noa-Noa-Buch, wahrscheinlich in Ost-Berlin bei unserer Klassenfahrt im Jahr vor dem Abitur gekauft, mit gutem Grund, die Paradies-Phantasien begleiteten mich seit Jahren, auch bei der Lektüre (Bildbetrachtung) der Kunstbücher meines Vaters. Aus meiner Sicht war es keine blinde Schwärmerei, – ich nahm Gauguins kritische Haltung verdrießlich zur Kenntnis:

Quelle Paul Gauguin: NOA NOA Mit einem Nachwort von Kuno Mittelstädt Henschelverlag Berlin 1958

Und weiterhin über Jahrzehnte nachwirkend, alle ethnologischen Interessen waren so getönt, was ich später allerdings einigermaßen differenziert aufzuarbeiten versuchte. Siehe hier (zum immer wiederkehrenden Thema Paradies). Und so elektrisierte mich auch jetzt der ausgezeichnete Artikel von Sonja Zekri in der Süddeutschen hier.

ZITAT

Der französischen Regierung hatte er in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung ethnologisches Interesse vorgespielt, aber in Wahrheit benutzte er die Farben und Bräuche der Südsee immer mit Blick auf die westliche Kunstszene. (…)

Selbst wenn Gauguin sein Bild als kritischen Kommentar zum westlichen Einfluss auf sein Südseeparadies gemalt hatte, so führt seine Darstellung scheinbar naturhaft dargebotener weiblicher Blöße doch zum Kern des Dilemmas. Dieses liegt nicht in seinem Leben. Bei einem Künstler, der seine Frau mit fünf Kindern sitzen ließ und auf Tahiti zwei Minderjährige, eine davon 13 Jahre alt, „heiratete“ und schwängerte, kommt man ohne die Trennung von Künstler und Werk ohnehin nicht weit. Gewiss, er setzte als weißer Kolonialherr alle Hebel in Bewegung, um seine sexuellen Fantasien auszuleben. Aber er benahm sich in vielerlei Hinsicht nicht schlimmer als seine Zeit.

Lässt man all das beiseite, bleiben dennoch: die Bilder.

Quelle Süddeutsche Zeitung 12. November 2019 Seite 11 Auch ich in Ozeanien Kann man Paul Gauguins Südsee-Mädchen heute noch zeigen? Eine Londoner Ausstellung zu seinen Porträts versucht es. Allerdings verzichtet sie weitgehend auf Gemälde nackter Frauen. Von Sonja Zekri (Artikel abrufbar siehe unmittelbar vor dem Zitat.)

Zur Londoner Ausstellung  → → → Hier 

Frühe Sehnsuchtsregionen? Klassenfahrt 1958

 

Quelle Noa Noa s.o. / unten: Klassenfahrt Berlin 1958

Hatte ich „Noa Noa“ in der Jackentasche?

Johnny Clegg

Erinnerung an einen bedeutenden Künstler und Menschen

Das war vor etwas mehr als einem Monat auf Facebook. Es gab doch Leute, die sich gut erinnerten, und heute habe ich den Handzettel von damals wiederentdeckt. Bei dieser Gelegenheit erneuere ich auch die Links:

Johnny Clegg auf Wikipedia hier

Der Text der Musikpassagen-Sendung vom 13. April 2006 auf WDR 3 hier

Und der Handzettel unseres Festivals am 30. Mai 1981:

Nebenbei: ich fand diesen Handzettel in dem Buch „The Music und Musical Instruments of Southern India and The Deccan“ von C.R. DAY (1891 Reprint Delhi 1974), und auf der Rückseite stand die Ansage für eine Südindische Radiosendung, an deren Inhalt ich mich bis heute gern erinnere: Aufnahmen mit dem wunderbaren Geiger Lalgudi G. Jayaraman.

Das hier angekündigte Festival fand vom 4. bis 6. Oktober 1982 im Sendesaal des Deutschlandfunks statt. Mit Amjad Ali Khan, Rajeswari Padmanabhan und Sulochana Brahaspati. Auch diese drei Konzerte werde ich nie vergessen.

Ethnopluralismus

Ein unschuldiges Wort?

Die Betrachtung zweier Dinge möchte ich lebenslang im Zentrum wissen, auch wenn es widersprüchlich klingt: die Natur, wie sie [ohne uns] existiert. Und: wie wir leben oder wie wir in Zukunft leben können. Wie aber all dies sich anfühlt, zeigt fortwährend die Musik.

Weshalb ich (JR) mich für Themen interessiere, die nicht unmittelbar damit zu tun haben, ist schnell gesagt: es gibt bestimmte Worte, auf die ich nicht verzichten möchte, ohne aber Gefahr laufen zu wollen, mit völlig absurden Tendenzen in Verbindung gebracht zu werden. Zum Beispiel die Worte Heimat, Vielfalt, Globalisierung. Auch die Wortungetüme Multikulturalität oder Bi- (bzw. Multi-) Musikalität. Etwa hier, die „Alte Heimat“ Lohe betreffend; oder hier, die neuere Heimat Solingen. Überhaupt mehrere „Heimaten“, die mir viel bedeuten. Themenkreise überpersönlichen Charakters (aber amalgamierbar). Urlaubsorte, die mir ans Herz wachsen. Dann z.B. das alte Thema Globalisierung bzw. Vielfalt hier. Daher bin ich dankbar für klärende Texte wie den folgenden von Philipp Krüpe.

ZITAT

Wenn auf [bestimmten Internet-] Seiten ein Europa zelebriert wird, das aus rein weißen Menschen besteht, die in traditionalistischen Gebäuden wohnen, geht es den Verantwortlichen vordergründig nicht um einen White-Supremacy-Rassismus, sondern um das neurechte Konzept des „Ethnopluralismus“.

Der Historiker Volker Weiß sieht in diesen Argumentationen den bekannten Rassismus im modernisierten Gewand. Wenn die Rede vom Ethnopluralismus ist – also das angebliche Recht jedes Volkes (in diesem Fall gar eines europäischen), seine ethnokulturelle Identität bewahren zu dürfen -, wird das Bild einer Vielfalt suggeriert, die auf der „Gleichwertigkeit homogener Völker in ihren angestammten Lebensräumen“ 05 basiert. Das klinge „zunächst wesentlich menschenfreundlicher als die üblichen Ungleichheitslehren“, so Volker Weiß, berge „aber im Glauben an ethnische Homogenität und der Verbindung von Volk und Raum dieselben Ausschlussmechanismen“. 06

Eine Vielzahl vornehmlich junger Menschen scheint Gefallen an den dramatischen Bildern zu finden, bei denen aus einer romantisch-nostalgischen Verklärung Europas geschöpft wird. Dass hier rechtes Gedankengut vermittelt wird, fällt oft erst auf den zweiten Blick auf, da durch geschickte Formulierungen vorbelastete alt-rechte Vokabeln umgangen werden. Eine kleine Gruppierung, die in dieser Hinsicht – und auch außerhalb des virtuellen Raumes – produktiv agiert, ist die sogenannte Identitäre Bewegung (IB), deren Hauptkennzeichen neben Ethnopluralismus Islamfeindlichkeit und die vehemente Verteidigung der „eigenen“ kulturellen Identität sind. Sie pflegt eine starke Vernetzung zu rechtspopulistischen bis rechtsextremen Organisationen, von denen sie sich jedoch durch ihr junges Alter und den sicherlich damit zusammenhängenden geschickten Umgang mit sozialen Medien abhebt. Wie Kai Biermann und andere in der ZEIT darlegten, sind die Identitären „keine ‚Bewegung‘ , ihre Distanzierung von der rechten Szene ist Taktik. Ihre Führungsfiguren kommen aus der NPD-Jugend, aus radikalen Burschenschaften und sogar aus der verbotenen Neonaziorganisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ). Die Identitären bieten ihnen eine neue Heimat und eine frische Corporate Identity, unter der sie alle Ziele weiterverfolgen können.“ 07 Die Identitären schaffen es, mit relativ einfachen Mitteln große Aufmerksamkeit zu erzielen, indem sie gut inszenierte und aufgebauschte Videos ihrer Guerilla-Aktionen verbreiten. 08 Es verwundert kaum, dass die Mehrzahl ihrer Protagonist*innen den oben beschriebenen Seiten wie European Beauty und Architectural Revival folgen, auf denen in kulturell-ästhetischer Hinsicht ziemlich genau ihre Ansichten verbreitet werden.

Das Beharren auf kultureller Identität – in den sozialen Medien visualisiert durch das Verbreiten regionaler Trachtengewänder und alter Gemäuer – geht mit dem Bezugauf die in den USA entstandene Internet-Kultur, die in Teilen die Alt-Right-Bewegung 09 hervorbrachte, einher, Akiv*istinnen wie der Österreicher Martin Sellner 10 , der sich als Kopf der Identitären Bewegung versteht, beziehen sich immer wieder auf kulturelle Phänomene wie beispielsweise Pepe the Frog – eine ursprünglich unpolitische Comic-Zeichnung, die im Verlauf des US-Präsidentschaftswahlkampf[s] 2016 von der US-amerikanischen Rechten mit rassistischen, antisemitischen und antifeministischen Botschaften gespickt wurde und Trumps Wahlkampf begleitete.

Um zu verstehen, wie diese Phänomene eine solche Popularität in rechten Kreisen gewinnen konnten, muss ein Blick in die beschriebene Online-Welt geworfen werden.

(Fortsetzung folgt)

Quelle Reaktionäre Architektur-Memes in den sozialen Medien / Von Paul Schultze-Naumburg zu 4chan  [Autor:] Philipp Krüpe / in: ARCH+ Zeitschrift für Architektur und Urbanismus Nr. 235, 2019 / RECHTE RÄUME Bericht einer Europareise / Seite 38-39

Aus den Anmerkungen:

06 [Volker Weiß: Die autoritäre Revolte – Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017 siehe auch bei Perlentaucher hier]

07 Kai Biermann et al.: [Link ist bereits eingefügt]

08 2016 erklärten sie das Brandenburger Tor für besetzt, nachdem sie es mit Leitern erklommen hatten […]. Viele Medien bezeichneten die Gruppierung […etc…]

09 Alt-Right (Kurzform von Alternative-Right) ist eine Bezeichnung für die extreme Rechte in den USA, die rassistische, antisemitische, antimuslimische und antifeministischePositionen vertritt.

10 Nach dem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland, durch den rechtsextremen Australier Brenton Tarrant, bei denen er 50 Menschen tötete, wurde bekannt, dass der Attentäter an Sellner gespendet und ihm bewundernde E-Mails geschrieben hatte. [Siehe Wiki Martin Sellner auch dazu.]

Die Karte Online Culture Wars (2018-19) der Künstlergruppe disnovation.org ordnet mithilfe eines politischen Koordinatensystems die unüberschaubare Anzahl einflussreicher politischer Figuren, Memes und Symbole. Links: „Economic Left“ / Rechts: „Economic Right“ / Oben: „Authoritarian“ / Unten: „Libertarian“

Siehe ausführlich HIER.

Zur Netzkultur, – was man kennen sollte: Begriffe wie Meme (spr. mi:m) – siehe anschließend auch unter Mem (Zusammenhang mit Dawkins) – und Troll. Nerd, Noob (Neuling), Image-Board (dort auch 4chan). Safe Space. Triggerwarnungen in Internetforen und Universitäten.

Der Autor Mattathias Schwartz vergleicht in einem Artikel in der New York Times die erwähnten Plattformen mit einem „Blog ohne Beiträge und mit Kommentaren voller Slang“, womit er den dadaistischen Wesenszug dieser Sphäre charakterisiert.

(Fortsetzung des schon oben zitierten Artikels gegen Schluss:)

Wie ist auf die identitären kulturellen Angriffe zu reagieren? Gibt es eine progressive Alternative, die eine direkte Entgegnung auf die nreaktionäre Bildsprache eröffnen kann?

Wie Angela Nagle in Die digitale Gegenrevolution feststellt, wurde es den Rechten einfach gemacht, kulturelle Hegemonie in Teilen der Online-Welt zu erlangen und damit einen Beitrag zu leisten, dass Donald Trump ins Weiße Haus einziehen konnte. Nun ist aber das Internet in seiner partikularistischen Form nicht nur mit rechten Troll-Posts gefüllt. Nagle zufolge besetzen auch Linke identitäre Online-Räume, wenn immer mehr um Sprechverbote, Triggerwarnungen und Safe Spaces gestritten wird. Aber es würde sicherlich zu kurz greifen, der rechten Meme-Flut einfach nur linke Memes entgegenzusetzen. Nagle beruft sich in ihrer Kritik an der Linken auf den marxistischen Kulturtheoretiker Mark Fisher, der der britischen, in den 1990er-Jahren gegründeten Cybernetic Cultural Research Unit entstammt. Das linke Kollektiv setzte sich mit Themen wie Cyberfeminismus, Akzelerationismus und Rave-Kultur auseinander. Fisher illustriert die problematischen Dynamiken innerhalb der linken Szene, indem er sie als „priesterhaftes Verlangen zu exkommunizieren und zu verdammen“ charakterisiert.

Es bleibt weiterhin offen, wie sich die Linke ihren traditionellen Dynamiken der Mikro-Lagerbildungen und damit der Selbstzerfleischung entziehen kann. Klar ist jedoch, dass Identitätspolitik – mag sie noch so emanzipatorisch gemeint sein – nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Schließlich ist „Ethnopluralismus“ in letzter Konsequenz eben das: Identitätspolitik* einer männlich-weiß-heterosexuellen Mehrheit.

Quelle: Siehe oben „Reaktionäre Architektur-Memes“ etc. [Schlussteile]

*wichtiger Wikipedia-Artikel, zwei Zitate daraus:

Nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten im November 2016 betonte die Historikerin Nell Irvin Painter, das Weißsein habe sich jetzt von einer unmarkierten Kategorie, die bis dahin wie selbstverständlich das gesellschaftliche Zentrum besetzt gehabt hatte, in eine Kategorie gewandelt, die zielgerichtet mobilisiert werde, um eine politische und gesellschaftlich privilegierte Position zu sichern. Identitätspolitik sei keinesfalls nur Sache von Afroamerikanern, Latinas, Frauen und LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender), sondern auch eine der weißen, heterosexuellen, protestantischen Männer, die damit ihren verloren geglaubten Platz im gesellschaftlichen Zentrum wieder zu festigen suchten.[5] Damit, so Frank Furedi, sei Identitätspolitik „mittlerweile zur Karikatur ihrer selbst geworden“.

Und:

Für Francis Fukuyama fiel der Krise der Linken in den letzten Jahrzehnten mit ihrer Hinwendung zu Identitätspolitik und Multikulturalismus zusammen. Die Forderung nach Gleichheit sei für die Linke weiterhin kennzeichnend, doch ihr Programm legte nicht mehr wie einst den Nachdruck auf die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft, sondern auf die Wünsche eines ständig größer werdenden Kreis ausgegrenzter Gruppen.[10] Für manche Linke sei die Identitätspolitik zu einem billigen Ersatz für ernsthafte Überlegungen geworden, wie der seit 30 Jahren andauernde Trend sozialökonomischer Ungleichheit in den meisten liberalen Demokratien umgekehrt werden könne.[11] Schon 1998 hatte Slavoj Žižek ähnlich argumentiert: Die postmoderne Identitätspolitik der partikularen (ethnischen, sexuellen und anderer) Lebensstile passe perfekt zu einer entpolitisierten Idee der Gesellschaft.[12]

Christoph Jünke betont dagegen, dass Identitätspolitik Schutz vor der herrschenden Mehrheit und Quelle von Selbstbewusstsein sein könne. Damit sei sie ein geradezu notwendiger Ausgangspunkt jeder Politisierung und notwendige Vorbedingung politischer Selbstorganisation und Behauptung: […]

Zurück zum AusgangswortEthnopluralismus(ein zentrales Wort der Neuen Rechten).

Neubeginn: die Ausführungen im Vortrag von Angela Nagle:

Virtual Futures presents Angela Nagle in conversation on her new book, Kill All Normies: Online culture wars from 4chan and Tumblr [siehe hier] to Trump and the alt-right. Angela Nagle untangles the new culture wars raging on the internet: on the one side the “alt right”, which ranges from white separatist movements, to geeky subcultures like 4chan, to more mainstream manifestations such as the Trump-supporting gay libertarian Milo Yiannopolous. On the other side, so-called ‘social justice warriors’, whose progressive, identity politics fuelled campaigns are often seen as little more than virtue signalling and also associated with closing down debate by claiming offence, using the therapeutic language of trigger warnings and safe spaces. She will join us to explore the cultural genealogies and past parallels of these styles and subcultures, drawing from transgressive styles of 60s libertinism and conservative movements, to make the case for a rejection of the perpetual cultural turn.

Als weitere Einführung in die Thematik lese man im DLF Kultur den Artikel HIER.

Die Trommeln der Philosophin

Ein Hinweis bei Susanne K. Langer

Es ist schon erstaunlich genug, dass ein[e] Philosoph[in] wirklich Ahnung von Musik hat und sich nicht auf vage erinnerte Grundlagen einer anspruchsvollen Liebhaberei stützt (Schopenhauer, Nietzsche). Noch bemerkenswerter, wenn daraus einmal nicht (nur) ein Lob der Sonderstellung des Abendlandes resultiert, sondern ein aufmerksamer Blick in die Musikethnologie, die ja oft jenseits des musikwissenschaftlichen und sogar des ethnologischen Horizontes rangiert.

Quelle Susanne K. Langer: Form und Fühlen / Eine Theorie der Kunst / Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christiana Goldmann und Christian Grüny / Mit einer Einleitung, Literaturverzeichnis und Registern herausgegeben von Christian Grüny

Es ist der Herausgeber, der in der Anmerkung dankenswerterweise die Abrufbarkeit des Musikhinweises gesichert hat. Ich füge lediglich eine Erleichterung hinzu, und erspare manchem Leser vielleicht eine Suche, die er gar nicht erst antritt, weil er glaubt, sich afrikanisches Trommeln irgendwie vorstellen zu können. Irgendwie genügt nicht. Hier also gleich zum Lesen, weiter unten zum Aufrufen der Seite und der Möglichkeit, die Trommeln zu hören!

 .    .    .    .    . Zum Aufrufen: HIER

Wenn man sehr neugierig ist, klickt man dort später auch noch auf das Wort Bini Tribe und stößt auf folgendes Bild:

 oder auf direktem Weg HIER

„Bini“ hängt offenbar mit „Benin“ zusammen, bei Wikipedia gibt es aufschlussreiche Landkarten: HIER. Sehr interessant auch die alten Malinke-Aufnahmen und weitere. Zu Malinke und Bambara siehe Wikipedia.

Was ist Schizophonie?

Zurück zur Quelle

Wikipedia Steven Feld daraus folgendes ZITAT:

  1. In 1969, ethnomusicologist Hugo Zemp recorded a Solomon Island woman named Afunakwa singing a popular Solomon Islands lullaby called „Rorogwela“. Then, in 1992, on Deep Forest’s album Boheme, a song called „Sweet Lullaby“ samples Zemp’s field recording of Rorogwela. Furthermore, in 1996, Norwegian saxophonist Jan Garbarek sampled the melody of „Rorogwela“ in his song „Pygmy Lullaby“ on his album Visual World. The field recording is an example of schizophonia, and the placing of this field recording into „Sweet Lullaby“ is an instance of schizophonic mimesis. The sampling of the melody in „Pygmy Lullaby“ demonstrates further schizophonic mimesis.
  2. In 1966, ethnomusicologist Simha Arom recorded a particular style of music from the Ba-Benzélé Pygmies called Hindewhu, which consists of making music with a single-pitch flute and the human voice. Soon after, Herbie Hancock adapted the Hindewhu style by using a beer bottle instead of a flute in his 1973 remake of „Watermelon Man“. Then, Madonna’s song „Sanctuary“ from the 1994 album Bedtime Stories sampled Hancock’s adaptation of Hindewhu. Again, the field recording is an example of schizophonia, and the use of the Hindewhu style in Hancock’s adaptation and „Sanctuary“ are examples of schizophonic mimesis.

Zu 1.) Rorogwela

Dieselbe Aufnahme hier mit folgender Information:

In 1969/1970, ethnomusicologist Hugo Zemp recorded a number of local songs which were released on an LP in 1973, as a part of the UNESCO Musical Sources collection. One of the songs, a lullaby named „Rorogwela“, sung by Afunakwa, a Northern Malaita woman, was used as a vocal sample in a 1992 single „Sweet Lullaby“ by Deep Forest, becoming a worldwide hit, but also causing some controversy over perceived „pillaging“ of the world music heritage by Western musicians. A lesser-known use of the song is in the track „Death Lullaby“ by „Rorogwela“. The artist (whose identity is not certain) obviously took the name from the sample used. As opposed to Deep Forest’s track, „Death Lullaby“ is a harsh noise song with elements of „Rorogwela“ used towards the end. The track appears on Susan Lawly’s compilation album, Extreme Music From Africa In 2005, the song gained renewed exposure when it was featured in Matt Harding’s Where the Hell is Matt? viral video. The video featured the „Nature’s Dancing 7“ Mix of the song. In 2008, Harding traveled to the Solomons island of Malaita to try to find Afunakwa, the woman who is thought to be the performer of „Rorogwela“ on Zemp’s recording. According to Harding’s follow-up video Where the Hell is Afunakwa?, Afunakwa had died in 1998. The lyrics to Rorogwela translate to: Young brother, young brother, be quiet You are crying, but our father has left us He has gone to the place of the dead To protect the living, to protect the orphan child

 Abspielbar im Orig. hier

Zu 2. Hindewhu

Die von Youtuber Diogo Pereira beigefügte Information

Hindewhu is a style of singing/whistle-playing of the Ba-Benzélé pygmies of Central Africa. The word is an onomatopoeia of the sound of a performer alternately singing pitched syllables and blowing into a single-pitch whistle made from the twig of a papaya tree. Hindewhu announces the return from a hunt and is performed solo, duo or in groups. http://en.wikipedia.org/wiki/Pygmy_mu… From the ethnomusicology LP The Music of the Ba-Benzélé Pygmies, recorded by Simha Arom and Geneviève Taurelle in 1965 and released by Bärenreiter-Musicaphon in 1966. Part of the series An Anthology of African Music, in the UNESCO Collection of Traditional Music of the World. http://www.discogs.com/Ba-Benzélé-Pyg… Photo by Simha Arom, taken from the album’s liner notes. Adapted by percussionist Bill Summers (by blowing into a beer bottle) in Herbie Hancock’s Watermelon Man, https://youtu.be/4bjPlBC4h_8, and Michael Harriton in Congo Melody, https://youtu.be/LFMEpOJ7JFQ, from the soundtrack to the turn-based strategy video game Civilization: Call to Power (Activision, 1999).

Neue Welt Papua

Ein Film, der die Perspektive verändert

 Screenshot Wiki

Wie glücklich man sich doch schätzen darf, über modernste Technik zu verfügen, mit deren Hilfe man ohne weiteres eintauchen kann in fernste Vergangenheit. Am Schreibtisch, im halb verdunkelten Arbeitszimmer, während draußen die „heimatliche“ Maisonne lacht. Drei Filme, die auf ARTE zu sehen sind oder waren, nacheinander als einen einzigen zu erleben, eine alternative Welt.

 Der erste von drei Filmen

Ich rekapituliere: seit wann interessiert mich diese Welt? Von der Kindheit zu schweigen, als mich das Buch „Mut, Mafatu!“ begeisterte, psychologisch wichtig, aber auch mit einem natur- und völkerkundlichen Anhang über die Südsee. Die Richtung war da! Ich gehe hier nur zurück bis ins Jahr 2015 im Blog hier. Die Veröffentlichungen von Steven Feld, angefangen mit seiner ersten großen Arbeit „Sound and Sentiment“ 1982, dann die CDs über das Volk der Kaluli, auch die umfangreiche CD-Collection von Artur Simon über das Volk der Eipo und ihre Nachbarn (Irian Jaya),1996 die Begegnung im Berliner Völkerkunde-Museum: Filme und Literatur über die ASMAT. Und vieles andere.

Wer sind die Korowai? Siehe bei Wikipedia hier.

Den Film I im Internet anschauen (bis 28. Juni 2019) HIER

Den Film II im Internet anschauen (bis 28. Juni 2019) HIER

Den Film III im Internet anschauen (bis 28. Juni 2019) HIER

Bericht bzw. Interview Will Millard hier

Bemerkenswert ernüchternd, ohne jeden Hauch romantischer Verklärung, die Langeweile (!) in der Wildnis, der psychologische Umschlag am Ende in Gier und Erpressung (der weiße Besucher wird verschwinden, man lässt die Maske fallen und will, dass er wenigstens noch eine hohe Summe locker macht), und der ganze Stamm schweigt dazu. (Denn der „gute“ Mann geht, der Erpresser bleibt.)

Mit etwas Abstand sehe ich die Sache aber noch anders. Der neugierige Ethnologe interessiert sich nicht genug für das, was diese Menschen bewegt. Er kann es sprachlich gar nicht leisten. Daher die furchtbare Langeweile bei Starkregen, sie sitzen alle nur rum. Würden sie sich nicht etwas erzählen, irgendwie austauschen, wenn der verdammte Besuch nicht da wäre? Steven Feld hat bei den Kaluli auch die Natur studiert, kannte jeden Vogel, den seine Schützlinge kannten und beachteten, er fragte sie nach ihren Geschichten (Mythen) aus. – Mit welchem Eifer muss Artur Simon sich bei den Eipo um den Ablauf der Feste und der zugeordneten Gesänge gekümmert haben. Hier findet ein Sago-Fest statt, ein Treffen, für das die Leute stundenlang durch den Dschungel laufen müssen, – aber was ist der Sinn dieses Festes, was wird gesungen, welchen Sinn haben die Tänze?

Die einschüchternde Wirkung des Teams, das von uns nur selten in Aktion gesehen wird, außer bei Gepäckbeförderung. Immerhin wird ein Extralager gebaut, es handelt sich um einen Tross, von 20 (oder 40?) Leuten, das vergisst man dort nicht, auch wenn man mit dem Boss allein ist, und viel Händeschütteln und Körperkontakt stattfindet.

Die wenigen gesungenen Passagen im Film finden keinerlei Beachtung seitens des Ethnologen. Ich habe keine einzige Vogelstimme gehört, und auch nie wieder – außerhalb der Arbeiten von Steven Feld über die Kaluli – etwas über die gewiss intensive Naturbeziehung der Papuas gelesen, abgesehen von der Ernährung… Pizza mit Käferlarven, man sieht wie tapfer der Forscher die Tierchen knackt, den Geschmack gebratener Ratten beschreibt, aber wenn sein Freund fischen geht, ist er nicht dabei. Sie besorgen sich Handys, aber es gibt kein Netz, sie hören damit Musik. Batterien sind mit magischen Kräften versehen, die Säure der Batterie wird auch für das Einritzen von Narbenschmuck gebraucht.

*    *    *

Zitat

Einstmals – vor sehr langer Zeit – ging Fumeripits, der „Windmann“, in den Wald und baute ein Festhaus. Dort aber war niemand außer ihm. Um nicht so allein zu sein, fällte er Bäume und schnitzte aus dem Holz Figuren, eine jede mit Kopf, Körper, Armen und Beinen, manche männlich, manche weiblich. Er stellte die Figuren in sein Festhaus, aber dennoch war er dort allein. Die Figuren bewegten sich nicht. Da fällte er noch einen Baum, höhlte ein Stück des Stammes aus und schnitzte daraus eine Trommel. Die eine Öffnung des Trommelkörpers bedeckte er mit Echsenhaut, vermischte Kalk mit seinem eigenen Blut, klebte die Haut damit am Rand des Instrumentes fest und spannte sie mit einem Rotanring. Dann fing er an zu trommeln. Und mit den Trommelschlägen begannen die Holzfiguren sich zu bewegen, zuerst etwas linkisch, aber allmählich lösten sich ihre steifen Gelenke, und sie tanzten und sangen wie Menschen. Dies waren die ersten Asmat.
Später traf Fumeripits auf ein Krokodil, das ihn verschlingen wollte. Er aber tötete das Ungeheuer, zerschnitt es in viele Stücke und warf diese hoch zum Himmel. Sie fielen jedoch wieder auf die Erde zurück und verwandelten sich in andere Menschen. Das sind die Nachbarn der Asmat.

So gibt Klaus Helfrich eine Mythe wieder, die bei den Asmat über die Erschaffung der Menschen erzählt wurde. Während der Kosmos an sich bereits in mythischer Zeit als gegeben erscheint, konzentrieren sich die Mythen hier vorrangig auf die Erschaffung der Menschen und ihre kulturellen Errungenschaften.

Dieses Zitat stammt aus dem interessanten, weiterführenden Artikel „Trommeln der Asmat“ (Volker Beer) HIER

*    *    *

Nicht direkt zu diesem Thema  gehörig, aber ausgehend von Steven Feld Wiki hier, darin „Schizophonic mimesis“. Geschichte der Titel „Rorogwela“ und „Hindewhu“. Näheres dazu im folgenden Blog-Artikel!

Unter neuem Aspekt – aufgedeckt

Ein Skript vom 16. Januar 1985

Der Kreis, die Welle und der Geist der Wiederholung

Damals habe ich die Radiosendungen oft noch mit Tintenkuli geschrieben, so auch hier, ausnahmsweise nicht auf große Bögen, sondern auf 36 kleine Din-A-3-Blätter, von denen Nr. 32 und 33 fehlen. Der Schreibblock stammte aus der Firma eines Solinger Freundes. Ich habe hier alles, was an Text vorhanden war, ins Reine getippt, leider fehlt mir der Wortlaut einzelner Zitate („Glockenbuch“ und einige gute Sätze von Kevin Volans). Trotzdem lag mir daran, wenigstens den Ablauf zu rekonstruieren, weil ich mich auf diese Weise genau erinnere, was ich damals wollte. Und was ich heute anders behandeln würde. Die jetzt verlinkten Musikbeispiele sind nicht unbedingt identisch mit den im Original verwendeten. – Die Sendung war vorproduziert, Länge 89:16, live aus dem Studio kam nur die Kopfansage und die Absage am Schluss. An dieser Stelle folgt vorläufig nur der TEXT der Sendung / Musikbeispiele werden noch genauer gekennzeichnet und ergänzt. Nicht vergessen: es war eine Sendung zum Hören; sie lebte von der  damals noch sehr ungewöhnlichen Musikauswahl.

Obwohl der Geist der Wiederholung uns von der Geburt bis zum Tode fest im Griff hat, obwohl unsere Stunden, Tage und Jahre von unermüdlicher Repetierung der immergleichen Vorgänge geprägt sind, – Puls, Atem, Essen, Verdauung, Schlafen, Aufstehen usw. -, gefällt es uns, dies zu verdrängen und so zu tun, als bewegten wir uns auf ein Ziel zu: eine neue Stelle, die Anschaffung eines neuen Autos, eines Hauses, auf den Zeitpunkt, wo die Kinder in die Schule kommen oder diese verlassen, auf eigenen Beinen stehen können oder selber Kinder bekommen.

Wenn ein Altvorderer daherkommt und weise meint: „Alles schon mal dagewesen“ reagieren wir mit Unwillen; weder die Nostalgie-Wellen noch die fast vollendete Zerstörung unserer Umwelt wird uns an der geheimen, aber unerschütterlichen Überzeugung irre werden lassen, daß wir uns nicht nur reproduzieren, sondern daß wir fortschreiten. Mit Wiederholungen haben wir’s noch ebensowenig wie mit Recycling. Kaum irgendwo ist diese Einstellung so deutlich zu beobachten wie in der Entwicklung unserer westlichen Musik, um es kurz zu sagen: im Verschwinden der Wiederholungszeichen, in den veränderten Reprisen, schließlich in Schönbergs Dodekaphonie, die keinen Ton wiederauftreten läßt, bevor nicht alle anderen erklungen sind, und in der seriellen Musik, die dies Prinzip auf die Spitze treibt.

Wenn wir Werke unserer traditionellen Musik suchen, in denen die Wiederholung eine wesentliche Rolle spielt, müssen wir lange suchen. Mir fällt als erstes Beethovens VII. Sinfonie ein, besonders jener Schluß des ersten Satzes, der C.M.v. Weber zu der bezeichnenden Bemerkung veranlaßte: „Jetzt hat er den Verstand verloren.“

Aber man muß deutlich unterscheiden: diese düster rollende Bassfigur ist kein Exempel des guten Geistes der Wiederholung: sie insistiert mit einer gewissen Verstocktheit oder Hartnäckigkeit, die sich dann um so befreiender in Jubel auflöst.

Dennoch war Beethoven in seiner von Wagner so genannten „Apotheose des Tanzes“ dem ekstatischen Sinn der monomanen Wiederholung so nah wie niemand sonst.

MUSIK Beethovens große Welle [bei Leonard Bernstein hier ab 13:16]

  1955

[Im Jahr 1981 hatten wir mit dem Collegium aureum Beethovens VII. aufgenommen, ein neuer Schub, mich genau damit zu beschäftigen. Begonnen hatte es in der Zeit, als ich anfing, Partituren zu studieren; die erste war Beethovens VIII., die ich vor dem Radio verfolgte.]

 Textausschnitt zu Beethoven VII 1981

Aber welch ein ungeheurer innerer Abstand zu jenen pulsierenden Zyklen, die das indische und man darf wohl allgemein sagen: das orientalische Zeitgefühl kennzeichnen:

„Trunken kreist das Weltall, / thun wir desgleichen -“

sagte der persische Dichter Hafis. Und das ist nicht einfach poetisch daherphantasiert: die kreisende Bewegung des Tanzes wurde einst und wird als Verbindung mit dem Hintergrund unserer Lebenswirklichkeit aufgefasst. Der Tanz war „ursprünglich und für lange Zeit ein rein religiöser Akt, der oft auf überirdische Ursprünge zurückgeführt wird“, sagt Meyers Lexikon, und weiter: „So gilt im Hinduismus der Gott Schiwa als ‚Tanzkönig‘ und Krischna vollführt mit der geliebten Gopi einen ‚ewigen Tanz‘. Ein Gott des Tanzes war auch der phönikische BAAL MAKOD (=Herr des Tanzes). Nach Klemens von Alexandria tanzen im Himmel die Seligen mit den Engeln. Lukian kennt einen Tanz der Himmelskörper, ebenso Dante, der in den letzten Versen der Divina Commedia von einem Tanz der Sonne und der Sterne spricht, der durch die Liebe bewegt wird.“

MUSIK Sarangi (Ram Narayan) Raga Pilu [Youtube 2002 ! hier ab 14:15]

Trotz Klemens, Lukian und Dante ist die Vergöttlichung des Tanzes nicht gerade ein christliches Phänomen. Das Ziel der Zeit, das Jüngste Gericht, Ewiges Leben, Ewige Verdammnis – all das widerspricht der zyklischen Auffassung der Zeit, die sich im Tanz symbolisiert, aufs schärfste. Das Drehen im Kreis, der Reigen, die Wiederholung, der Kolo, der Horo, der Reel sind Äußerungen eines Lebensgefühls, das dem steten Umgang mit der Natur entspricht.

MUSIK Drei Tänze Bulgarien / Irland

Fast hat man den Eindruck, daß das Prinzip der Wiederholung, welches die barocke Passacaglia erfüllt, seine wahre Bestimmung nur als Negativum findet: indem es den unerbittlichen Lauf des irdischen Schicksals zeigt, an dem der Sterbliche zerbricht, sofern er nicht mit dem Tod seiner wahren Bestimmung entgegengeführt wird, wie im „Crucifixus“ der h-moll-Messe von Bach, wo das chromatisch absteigende Lamento-Motiv 12 Mal wiederholt, beim 13. Mal abgewandelt wird. Der Bach-Forscher Walter Blankenburg weist darauf hin, „daß mit der Zahl 12 die Grenze der Zeit angedeutet ist (Zwölf, das ist das Ziel der Zeit, Mensch, bedenk die Ewigkeit, sagt ein altes Volkslied). Die gedankenlos vulgäre Redewendung Jetzt schlägt’s Dreizehn, welches ein außergewöhnliches Geschehnis meint, findet in der 13. abgewandelten Durchführung des Crucifixus-Ostinato mit der Erinnerung an den Kreuzestod Jesu eine unheimliche Anwendung.“

MUSIK J.S.Bach H-moll-Messe „Crucifixus“ [Youtube mit Herreweghe hier]

Während sonst die formale Aufgabe für den Komponisten einer Passacaglia oder einer Chaconne darin liegt, die fortwährende bloße Wiederholung des Themas oder des Ostinatos vergessen zu lassen, indem er über diesem Grund mit satztechnischen Mitteln von Variation zu Variation eine Steigerung erzielt, ein Gebäude errichtet, tritt in den großen Lamenti der Barockoper deutlicher ins Bewußtsein: das Individuum scheitert am Unabänderlichen. Wie Henry Purcells „Dido“.

MUSIK Purcell: Klage der Dido [Youtube mit Joyce DiDonato hier ab 1:00]

[Anm. Rückseite: Der gelehrte Mattheson hat vor Wiederholungsformen wie Chaconne und Passacaglia ausdrücklich gewarnt.]

Ich habe vorhin ein Zitat aus dem Lied erwähnt „Zwölf, das ist das Ziel der Zeit, Mensch, bedenk die Ewigkeit“ und auch die Redensart „Jetzt schlägt’s Dreizehn“. Wir können uns kaum noch vorstellen, in welchem Maße unser Umgang mit der Zeit und der Zeiteinteilung einst durch Glockentöne geprägt wurde: Frühglocke, Morgenglocke, Tagglocke, Mittagsglocke, Vesperglocke, Betglocke, Totenglocke, Feierglocke usw.

Faszinierend am Geläut der Glocken des christlichen Abendlandes, daß es uns nicht nur mit eherner Wucht den Ablauf der Zeit einhämmert, sondern unser Ohr in wundersamen akustischen Wellen trifft und bei vollem Geläut unsere Phantasie mit wellenförmigen, stetig wechselnden Rhythmen beschäftigt, deren einzelne Bestandteile gleichwohl aus invarablen Repetitionen bestehen: so wie die Schläge von 4 pulsierenden Zeitmessern, die der Musiker „Metronom“ nennt.

MUSIK 4 Metronome (nach Zufallsprinzip) / Hauptgeläut der Kirche von Ftan / Unterengadin (Aufnahme JR)

Die Glocken von Ftan im Unterengadin. – Man ist übrigens auf die Idee gekommen, auch solches Läuten zu reglementieren: „In einigen Orten Thüringens beispielsweise war das Taktläuten mit drei Glocken gebräuchlich, die auf einen Dur-Dreiklang abgestimmt sein mußten. Das Taktläuten, bei dem die Glocken immer in derselben Reihenfolge und im Takt erklingen, unterscheidet sich erheblich vom frei rhythmischen Läuten, in dem die einzelnen Töne durcheinanderwogen. Über der großen Glocke befand sich (….s. Glockenbuch S. 76) ???

Ich weiß nicht, ob die Glocken der Kirche Sainte Geneviève du Mont à Paris im Jahre 1723 in dieser Art geläutet wurden, oder ob der Geist der Aufklärung ihr Geläut rationalisierte: Marin Marais lieferte uns mit dem folgenden Stück „La sonnerie de Sainte Geneviève du Mont à Paris“ für Violine, Viola da gamba und Basso continuo ein Beispiel des Prinzips musikalischer Wiederholung, das wohl bis zu Ravels „Boléro“ in der abendländischen Musikgeschichte ohne Parallele ist. Bemerken Sie, wie dennoch der übermächtige musikalische Geschmack schließlich dem Komponisten gebietet, die Glocken eine Quart abwärts und später wieder hinaufmodulieren zu lassen, um dem Verlangen nach Kurzweil zu genügen. Musica antiqua Köln spielt unter der Leitung von Reinhard Goebel.

MUSIK La sonnerie … [Youtube mit J.Savall !! hier]

„La sonnerie de Sainte Geneviève du Mont à Paris“ aus dem Jahre 1723 von Marin Marais; Musica antiqua spielte unter der Leitung von Reinhard Goebel. Der Bolero von Ravel ist wohl allen Musikfreunden zur Genüge bekannt; ich möchte deshalb nur an jene Stelle erinnern, an der das Prinzip der Wiederholung – ganz ähnlich wie bei Marin Marais mit einer Modulation verlassen wird.

MUSIK Ravel „Boléro“ Modulation + zurück [Youtube mit Gergiev hier ab 13:35]

Noch einmal zurück zu den wirklichen Glocken. In England gibt es seit etwa 1600 die Tradition des Change-ringing: das Wechsel- oder Variationsläuten, dessen Tonketten in verblüffender Weise an afrikanische Repetitionsmuster erinnern, obwohl sie wohl eher auf mathematische als musikalische Prinzipien zurückgehen, und wie der Name Change-ringing schon andeutet, den Wechsel, die Variation wichtiger findet als den gleichbleibenden Rahmen und Tonvorrat, der das ungeübte Ohr zunächst so suggestiv anrührt.

Hier sind 12 Ringer mit Handglocken in action; einer gibt gesprochene Anweisungen.

Musik Change ringing (unter Text)

Das Prinzip des hand ringing kann man verstehen, wenn man sich die Glocken nummeriert denkt und ihre Kombinationsmöglichkeiten errechnet. Bei drei Glocken gibt es sechs mögliche Wechsel, und zwar:

1, 2, 3, / 1, 3, 2, / 2, 3, 1, / 2, 1, 3, / 3, 1, 2; bei 12 Glocken jedoch gibt es schon einige Millionen Wechsel, und geschickte, unermüdliche Change-ringer könnten damit – auch wenn sie Tag und Nacht läuten – 50 bis 60 Jahre auskommen.

Handglocken mögen ursprünglich der Einübung solcher Patterns gedient haben. Hoch vom Turm, wo jeder Ringer ein Glockenseil betätigt, tönt es weit mächtiger.

MUSIK change ringing (im Turm) Mehr darüber HEUTE hier. Beispiel der Aktion: hier.

Es ist wirklich merkwürdig, wie mühsam unsere Suche nach Zeugnissen zyklischen Denkens und Fühlens im abendländischen Kulturkreis ist. Der Typ des barocken Canon perpetuus, so exemplarisch er wirken mag, ist wohl nicht zur Aufführung gedacht, sondern als optisch aufnehmbare Meisterleistung, die akustisch etwa einen zauberisch fluktuierenden C-dur-Klang ergibt, aber keinen Kanon.

MUSIK Bach 14

Der 8stimmige „Canon Trias Harmonica“ von J.S. Bach. HEUTE s.a. hier (Achtung bei Reklame)

Den folgenden Kanon widmete Bach einem Mann namens Faber; den Namen des Adressaten verwertete Bach als Motiv der Bratsche F – A – B – E , das darauf folgende R las er als REPETATUR, d.h. als Anweisung, die Tonfolge zu wiederholen. Über diesem Ostinato erhebt sich ein 7stimmiger Kanon.

Musica antiqua Köln spielt.

MUSIK Bach 15 HEUTE hier.

Erst wenn man den Sinn für die rhythmische Schönheit der Wiederholung, ihre Harmonie mit dem Pulsschlag der Natur und des Weltalls eingebüßt hat, nehmen die physisch notwendigen Wiederholungen Zwangscharakter an, insbesondere der sexuelle Wiederholungszwang scheint groteske und entwürdigende Züge zu tragen, und es ist bemerkenswert, daß Sigmund Freud, der die Sexualität nun wirklich für alle psychischen Gebrechen verantwortlich zu machen suchte, sich mit 40 Jahren von der eigenen Sexualität verabschiedete. („Die sexuelle Erregung ist für einen wie ich nicht mehr zu brauchen.“ Spiegel 52/1984) Wie selbstverständlich aber auch die Erregungsformen der Musik mit denen der menschlichen Physis verbunden sind, kann einem durch Zufall an einem ostserbischen Tanz klar werden, der in aller Unschuld seine Mehrdeutigkkeit provoziert: Er ist ein Fruchtbarkeitstanz und heißt Cuscovac oder Sochits, zu deutsch „Maus“, denn die Maus ist sprichwörtlich fruchtbar und vermehrungsfreudig. Das Vor- und Zurückeilen der Tänzer in Schrittfolgen, die der Melodie entsprechen, wird einerseits auf das eilige Hin- und Herhuschen der Maus bezogen, – hervor aus dem Mauseloch und wieder hinein -, zugleich aber auch auf den Vorgang der Kopulation.

MUSIK Sochits Tanz aus Ostserbien

Wiederholung muß nicht unbedingt zu einer Akkumulatiobn von Spannung führen; sie kann einen gleichmütigen oder ekstatischen Schwebezustand bewirken, der ebenso gut eine Stunde fortdauern wie jederzeit abbrechen kann. Sie kann aber auch, ohne ihr zyklisches Wesen zu gefährden, mit einer Steigerung verbunden sein, die ein natürliches Ende findet. Natürlich?

Vergleichen Sie einmal die folgenden Schlussminuten zweier Raga-Interprovisationen: die Erregung erreicht hier einen Höhepunkt; Sie können es auch Climax nennen. Und was kommt danach?

Man erinnere sich nur an Beethovens affirmative Schlussakkorde und deren düster rollende Vorbereitung und beobachte dann – ohne sich durch die Stimm-Akrobatik der Ali-Brothers aus Pakistan ins Bockshorn jagen zu lassen – wie eine wellenförmige Entwicklung von ca. 30′ auf den aufregenden Höhepunkt zutreibt und sich anschließend Zeit läßt für das entspannende Abklingen der Erregung. So könnte man etwas über den physiologischen Unterschied orientalischen und europäischen Lebensgefühls erfahren.

MUSIK Raga Darbari Kanarra [Youtube hier] und Raga Rageshwari [Youtube hier].

 1993

Richard Wagner wurde durch Schopenhauer mit der indischen Geisteswelt in Berührung gebracht, und es ist bemerkenswert, wie gerade Wagner, ein Feind jeder Wiederholung in dem von uns gemeinten Sinn, die Wellenbewegung ins Zentrum seiner Tristan-Musik einführt. In der Durchführung des Liebestodthemas erscheinen – wie Ernst Kurth formuliert – allenthalben

ZITAT aus Tristan-Arbeit JR 1964 S.80

Hören Sie die Entwicklung dieses Wellenmotives, dessen Steigerung zunächst in den klassischen Fall eines Interruptus mündet (König Marke überrascht das Liebespaar), während es am Schluß der Handlung den Übergang ins Nirwana andeutet – so wie ihn Richard Wagner verstand.

MUSIK Wagner Tristan

ZITAT Tristan-Arbeit JR S.81

MUSIK Wagner Tristan „Liebestod“

Klaus Theweleit ist in seinem Buch „Männerphatasien“ ausführlich auf den Zusammenhang Frau, Welle, Wasser eingegangen. Unzählige Lieder, Märchen und Mythen beschwörebn die Menschin aus dem Wasser, „Nixen, Nymphen, Najaden, die kleine Seejungfrau, die schöne Lilofee, Undine, Loreleys: der Umschlag, neben der Liebe die Angst: Ich glaube, die Wellen verschlingen, am Ende Schiffer und Kahn; das hat mit ihren Singen die Loreley getan…“ (K.Theweleit S.283)

Ohne jeden Beigeschmack von Angst erscheint dieser Zusammenhang in einem erotischen Lied der Pygmäen: ein junger Mann stößt beim Honigsuchen im Wald auf ein wunderschönes Mädchen, dessen Zauber er mit einem vom Wasser überfluteten oder sumpfigen Terrain vergleicht. „Wie kam es her?“, fragt er sich, „dies ist wirklich schön! Es genügte meine Augen aufzuheben und diese unermeßliche Höhlung mit unendlichen Tiefen zu finden“ —- Vielleicht wird sie mich erfreuen!“ Wenn der Text noch nicht deutlich genug ist, die Gesangsausführung ist es umso mehr: „Schmalhüftiger“, wird der junge Mann im ersten Teil des Liedes angeredet, „durchquere den Sumpf im Lauf. Es geschieht im Eilschritt, daß einer in diesen Ort eindringt!“

Der zweite Teil des Liedes beschränkt sich auf die Repetition weniger Silben, gefolgt von Ausrufen der Erleichterung; worauf der Erzähler mit dem Satz schließt: „Die betreffende Sache ist in der Tat sehr gut.“

MUSIK Pygmäen-Anthologie Disc 3 Tr. 1 and 2: Two song-tales: „The Bird“ (Nyodi) and „Slender Waist“ (Nanga-ningi)

 Anthologie der Musik der Aka-Pygmäen

Wenn man von der berühmten Polyphonie der Pygmäen spricht, suggeriert man dem westlichen Hörer leicht, es handele sich hier um ein der abendländischen Polyphonie vergleichbares Phänomen. Bisweilen taucht sogar die Behauptung auf, Pygmäen sängen Kanons und Fugen. Tatsächlich könnte man die akustische Form der Bach-Kanons, die Sie vorhin gehört haben, im Sinne der Pygmäen-Musik mißverstehen. Wenn man schon nach treffenden Vergleichen sucht, um sie nachher zu entkräften, so müßte man die Pygmäen-Polyphonie mit der barocken Passacaglia-Technik vergleichen, wie es der israelische Musikehtnologe Simha Arom tat, dessen phantastische Schallplatten-Publikation ich hier benutze. Jedoch erinnern wir uns, daß die Anstrengung der Passacaglia-Komponisten dahin geht, das Prinzip der Wiederholung vergessen zu lassen, zu überhöhen oder als „böses“ Prinzip wirken zu lassen, während es in der Pygmäen-Musik das eigentliche Lebenselement, ein gutes und mütterliches Prinzip darstellt. Man täte also besser daran, den Begriff Passacaglia in diesem Zusammenhang fallen zu lassen und stattdessen, wie Simha Arom ebenfalls, von Ostinato mit Variationen zu sprechen. „Jedes ihrer Musikstücke basiert auf der Wiederholung von Perioden gleicher Länge, deren Gegenstimmen nach bestimmten, von der Tradition gegebenen Regeln variiert werden. Das Ergebnis ist eine repetitive Musik, und nicht – wie es dem ungeübten Ohr zunächst erscheinen mag – eine Musik kontinuierlicher Entwicklung. Diese Wirkung kommt dadurch zustande, daß die Kontrapunkte, die fortwährend variiert werden, jene Grenzstellen der Perioden so überlappen, daß der Eindruck eines ungeteilten Kontinuums entsteht.“

Aus dem Schallplattentext von Simha Arom (OCORA 558526/27/28):

MUSIK Pygmäen-Anthologie Disc 3 Tr. 1 and 2: Two song-tales: „The Bird“ (Nyodi) and „Slender Waist“ (Nanga-ningi)

Der südafrikanische Komponist Kevin Volans, der sich eingehend mit der Zulu-Musik seiner Heimat beschäftigt hat, warnt davor zu glauben, daß die repetitive Musik Afrikas für uns leichter zu verstehen sei als die zyklische Musik etwa Indiens; in Wahrheit liege eine ganz unterschiedliche Wahrnehmung zugrunde. Der Ethnologe John Blacking habe festgestellt, daß ein Musiker der Venda aus der von ihm gespielten repetitiven Musik weder ein Muster isolieren könne noch wahrzunehmen scheine, daß Zeitabschitte gegeben sind, wenn ein Muster wiederholt werde. Der Venda-Musiker spricht lediglich von der korrekten Melodie oder dem Rhythmus eines Liedes als „die Weise, in welcher es gesungen“ oder „die Weise, in welcher es gespielt wird“. Volans knüpft einige für seine eigene Musik wichtige Überlegungen an die Beobachtungen Blackings:

Seite 32 und 33 fehlen!!!!!!!!!!!!!!!!!

Es wird nicht leicht sein, unsere seit früher Jugend verinnerlichten Maßstäbe des musikalischen Urteils aufrichtig in Frage zu stellen. Ist denn etwa  der Ruf des Weidenlaubsängers nicht wirklich so langweilig wie sein Spitzname Zipzalp andeutet?

MUSIK

Ist nicht ein solcher Drosselruf hundertmal schöner?

MUSIK Melodischer Ruf aus „Singende Landschaft“ (Traber)

[Es dauerte nur noch ein paar Jahre, ehe ich viel mehr Vogelstimmen wagte, die erste wohl am 8. Mai 1992, man kann sie hier nachlesen. Eine andere Sendung habe ich im Blog kurz zitiert, deshalb hier der Link.)

Warum aber gilt es unter den Eskimos als Tugend, beim Singen mit möglichst wenig Tönen auszukommen, so daß die unsinnige europäische Tonverschwendung für Eskimos wie eine einzige grobe Ungeschicklichkeit wirkt. –

Kevin Volans hat für sich als Komponist und Interpret einen faszinierenden Weg der Begegnung mit der sogenannten Volksmusik des südlichen Afrikas gefunden: er hat sie auf 2 Cembali übertragen, die nach den Tönen der Mbira eingestimmt waren. Die Töne der Mbira erklingen durch das Anzupfen von Metallamellen, die auf einem Holzblock befestigt sind, der wiederum zur Klangverstärkung in einer Kürbishöhlung ruht. Daß Kevin Volans von der Adaption dieser Musik keine Verschmelzung zweier grundverschiedener Musikkulturen erwartet, sondern eher einen Lernprozess auf unserer Seite, machte er unmißverständlich klar:

ZITAT O-Ton Volans (?)

MUSIK Kevin Volans „MBIRA“ WDR-Aufnahme (s.a. jpc hier) auf Youtube hier .

*    *    *    *    *

Damals war manches neu, was heute niemanden mehr besonders überraschen würde. Der neue Aspekt in den „alten“ Musiken schien mir bemerkenswert. Was man heute unter der Rubrik „Grenzüberschreitungen“ anbietet, ist zumeist bieder und willkürlich zugleich. Mir kam es immer auf den Erkenntniseffekt an. Auch in Konzerten wie „West-Östliche Violine“ 1980, 1985 und 1989 (siehe u.a. hier), dem Oboen-Festival „Das Schilfrohr tönt“ oder im jährlichen „Weltmusik-Festival“, das wir aus dem „Folkfestival“ der 70er Jahre entwickelt hatten, zuweilen mit Wagemut, etwa als wir neben dem Kölner Dom die südindische Nagaswaram-Gruppe K.P.Ramu – zum Schrecken der Fernseh-Kollegen – für 30 Minuten ins Programm nahmen. Ostserbien war erst nach einer WDR-Aufnahmereise im Westen präsent, z.B. beim ersten Violinfestival, die Bach-Kanons erst nach der Edition durch Musica Antiqua Köln 1982 (wobei ich als Geiger mitwirken durfte), seit den frühen 90er Jahren gab es die CD-Reihe „World Network“, die Aufnahme Mbira (Volans) – u.a. anderem mit Robert Hill – entstand 1983 im Kölner Funkhaus, die tolle Veröffentlichung „Fandango“ mit dem Klassik-Spezialisten Andreas Staier kam erst 1999 heraus. Die Pygmäen-Anthologie von Simha Arom wurde seit ihrer Anschaffung durch die Volksmusikabteilung immer wieder von Kollegen ausgeliehen – für Sendungen der „Neuen Musik“. In Vlotho (! – mit einiger Anstrengung fußläufig erreichbar von meiner zweiten Heimat Lohe bei Bad Oeynhausen) gab es seit 1981 „Weltmusik“-Kongresse, veranstaltet u.a. von dem Stockhausen-Schüler Johannes Fritsch. Nikhil Ghosh & Söhne  (mit Gert-Matthias Wegner) standen im Mittelpunkt. Dort konnte ich zum ersten Mal über „Methoden des Hörens“ referieren. Später dasselbe Thema in erweiterter Form bei „Musik der Jahrhunderte“ 2003 auf dem Pragsattel in Stuttgart. Beim gleichen Termin erlebte ich – neben interessanten Vertretern der Neuen Musik – den faszinierenden externen Experten Sven Giegold, der gestern (26. Mai) bei der Europa-Wahl gigantische Zustimmung erfuhr. – Ich habe bei der Abschrift dieser alten Sendung mit Erstaunen bemerkt, dass in der ersten Minute von Zerstörung der Umwelt und Recycling die Rede ist…

Der reine Klang in Doppelgestalt

Apropos Mozart und Haydn-Gebrüder

Man muss nur 2 Minuten der Adagios von Michael Haydn (Tr.5) und von Mozart (Tr.2) auf CD I hören, um zu ermessen, dass sie weltenweit voneinander entfernt sind. Im ersten der brave Basso continuo der Viola, die noch nicht zu sich selbst gekommen scheint. Und anschließend bei Mozart die Melodie-Wanderung von der Violine in die Viola und zurück, dann die gemeinsame überirdische Vision des Reichs der Harmonie und Modulation. Das ist so ergreifend und integrierend wie die Liebe, von der gesagt wurde,  sie „höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird.“

(Ich weiß nicht, weshalb ich den Apostel Paulus zitieren musste. Man wird bei Mozart gern überschwänglich; und leider auch mystizistischer als angemessen. Das hat eine lange Vorgeschichte, siehe auch hier.)

Natürlich tut man Michael Haydn unrecht, sobald man Mozart gehört hat. Um so schöner die Geschichte von der Freundschaft der beiden und dass Mozart ihm zuliebe die beiden unglaublichen Duos geschrieben hat. Sie sollten die 4 Duos des anderen zur Sechszahl ergänzen, die vom Erzbischof in Auftrag gegeben worden waren; aufgrund plötzlicher Erkrankung bat Michael Haydn den Freund, ihm auszuhelfen. Eine Hilfe für die Ewigkeit! Und man sollte dies Adagio als erstes hören, um die „Leichtigkeit“ der anderen Mozart-Sätze wirklich ernst zu nehmen. Komponiert 1783, ein Schlüsseljahr, das man sich merken sollte, wie jenes, in dem Mozart mit dem „Hoffmeister-Quartett“ (1786) auf die Leistungen Joseph Haydns antwortete und dieser wiederum auf Mozart.

Aber diesen Mozart gab es eben auch nicht vor 1779, als er (nach der Paris-Reise) die Sinfonie concertante (KV 364) für Violine und Viola mit Orchester komponierte.

Zu den vielen Schönheiten des Werkes gehört […] gerade die Art, wie Mozart im Orchester auf die unterschiedlichen Soloinstrumente eingeht: bei gleichen Melodien wird die Bratsche von tiefen Streichern begleitet, die Violine von hohen ohne Baß. So wie sich die Soloinstrumente abwechseln, gibt es auch zwischen den Violinen und geteilten Bratschen des Orchesters einen subtilen Dialog, der sich zwischen den Bläserpaaren fortsetzt. Dies war Mozarts besonders feinsinnige Interpretation des Begriffs Sinfonia concertante.

Quelle Villa Musica hier.

Noch etwas sollte man in Betracht ziehen, und Sie wissen es spätestens seit Sie die zweite CD (s.o.) betrachtet haben: die Sechs Sonaten für Violine „mit Bratschenbegleitung“ von Joseph Haydn existierten schon (zwischen 1768 und 1773) und waren allen begeisterten Kammermusikern der Zeit bekannt. Und der Bookletschreiber der ersten CD (s.o.), Timothy Jones, geht darauf ein:

Die Vermutung scheint berechtigt, dass der Auftrag des Erzbischofs von dem Wunsch getragen war, wenigstens zu einem Teil, Joseph Haydns erfolgreichen Sonaten etwas gleichwertiges gegenüberzustellen. Gewiss kannte Michael Haydn die Duos seines älteren Bruders, und in gewisser Hinsicht basieren seine eigenen vier auf diesen. Auch sie sind im Wesentlichen Solosonaten für die Violine mit Bratschenbegleitung, beanspruchen die Technik der Musiker übermäßig und fordern vom Geiger, Kadenzen zu improvisieren. Aber im Vergleich zum Geist und zur Sparsamkeit in den Gesten und zum lakonischen Esprit von Josephs Sonaten, zeigen die von Michael eine brillantere, aber redseligere Virtuosität. Das ist besonders überzeugend in den langsamen Sätzen der Nr.1 in C und Nr.2 in D, wo ein Übermaß an Verzierungen das sie tragende Fundament zu überwältigen droht. Das ist Musik, bei welcher die Konzentration auf den Musiker oftmals Vorrang hat vor dem leitenden Geist des Komponisten. Aber die beiden Seiten werden vielfach in einem klugen Gleichgewicht gehalten, nicht zuletzt in den abschließenden Variationen der D-Dur-Sonate mit ihrer raffinierten Mischung von technischer und thematischer Abwechslung.

Quelle Channel Classics 32411 (2011) DUO SONATAS Booklet Timothy Jones (Seite 12) Siehe auch hier (man kann jeden Track anspielen, jeweils von Anfang).

Mit Blick auf die Duos siehe zu Mozart auch im Blog hier. Zu Michael Haydn hier. Zu Joseph Haydn hier.

*    *    *

Wieder eins der merkwürdigen, bipolaren Zusammentreffen, – das gestern georderte Buch ist schon in meiner Buchhandlung Jahn eingetroffen. Veranlassung war eine Rezension im Berliner Tagesspiegel, vermittelt durch JMR. Anknüpfend an den Reisebericht „Schlangenritual“, den ich seit 1995 immer mal wieder konsultiere.

 ISBN 978 3 8031 3685 5

ZITAT

Was „Polarität“ des Symbols für Warburg bedeutet, zeigt sich nirgends deutlicher als im Fall der Schlange: ein vollkommen zweiwertig besetztes Symbol, dessen Terme oder „Pole“ unvermittelt ineinander umschlagen können. Die Schlange ist Ausdruck tödlicher Gefahr – und sie ist „natürlichstes Symbol der Unsterblichkeit und der Wiedergeburt aus Krankheit und Todesnot“. Sie enthält in sich beide Möglichkeiten, und die Macht des Magiers entscheidet darüber, welche zum Zuge kommt (so wie die Macht des Interpreten über die Wirkung der Symbole entscheidet). Die beiden Möglichkeiten, für die das Schlangensymbol einsteht, Heilung und Vernichtung, hat Warburg in zwei komplementär angelegten Figuren verkörpert, diese in Gestalt des Laokoon, jene in der des Asklepios. Laokoon, der heidnische Priester, wird der tödlichen Gewalt der Schlangen nicht Herr und geht zugrunde; Asklepios, der „abgeklärteste antike Gott“, typologisch dem Erlösergott schon ganz nahe, weiß das Gift der Schlange als pharmakon, als Heilmittel, der leidenden Menschheit zuzuführen. Zugleich personifiziert Warburg in diesen beiden Gestalten zwei beherrschende Pole seines Denkens, die weite Teile des Werks und viele seiner Äußerungen strukturieren, den Agon und die Therapie, Kampf und Heilung.

Quelle Ulrich Raulff Nachwort (Zitat Seite 82) zu: Aby Warburg Schlangenritual Ein Reisebericht / Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1995 ISBN 3 8031 3031 X

Was mich aber in dem neuen Buch aufs neue elektrisiert, findet sich hier:

Siehe dazu weiter hier. (Wegen Florenz, und nebenbei auch wegen Marenzio, dessen CD – unabhängig von Aby Warburg! – endlich auf dem Weg zu mir ist. Die CD der Hochzeit 1589 dürfte jetzt noch folgen…

Warburg wurde zum Vertreter einer Kulturtheorie, die keinesfalls eine lineare Aufstiegslinie, sondern ein Sich-Durchdringen ungleichzeitiger Entwicklungsstände voraussetzt.

Quelle Bredekamp a.a.O. Seite 104

Wenn es nicht so wahnsinnig anspruchsvoll klänge, würde ich mit Rilke sagen: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen. Naja, – seit ich das Lieblingslied meiner Mutter nachsingen konnte: „Horch, was kommt von draußen rein“ und wusste, dass es traurig endete: „Wird’s wohl nicht gewesen sein“ oder noch schlimmer… Immerhin ein Tanzlied.

 s.a. hier Marenzios Figuren

Tr.4 Quando i vostri begl’occhi (Übersetzung: Susanne Lowien)

Jeder weiß, dass mit diesem Sterben „der kleine Tod“ gemeint ist.

Philosophischer Ausblick 1966

Abschrift (s.u.) noch nicht korrigiert

Warum ist mir Foucault wichtig?

 

Ja, könnte jemand sagen, auf das „Thema 1“ waren wir alle scharf, besonders als wir jung waren. Nein, würde ich erwidern, mir war es immer schon ein Problem. Und ganz speziell, als es im Religionsunterricht unter dem Namen „Thema 1“ behandelt wurde, diese eigenartigste Form der Heuchelei. Das Wort „Wahrheit“ aber kannte ich schon als 4- oder 5-Jähriger in Greifswald aus dem Mund meiner Mutter, in der Zeit, als ich noch viel gelogen hatte. Verstehen konnte ich das Abstractum nicht, bei aller Liebesmüh.

 1986

Die Ordnung des Diskurses“ ist ein anderer Titel als der im folgenden Text  als „The Order of Things“ bzw. „Die Ordnung der Dinge“ erwähnte!

If Man is dead, everything is possible!’ – an early interview with Michel Foucault

Einleitungstext (Original aeon)

Roughly a decade before publishing his two most famous treatises on power – Discipline and Punish: The Birth of the Prison (1975) and The History of Sexuality, Volume One (1976) – the French philosopher Michel Foucault rose to prominence with The Order of Things: An Archaeology of the Human Sciences (1966). Written as existentialism fell out of favour among French intellectuals, the ambitious work sought to define a new philosophical epoch in which knowledge could be best understood as arising from ‘large formal systems’ that change over time. In this 1966 interview with the French television broadcaster Pierre Dumayet, Foucault discusses ideas from The Order of Things, including why he believed that Jean-Paul Sartre’s emphasis on the individual made him ‘a man of the 19th century’, and why ‘the disappearance of Man’ presented an exciting opportunity for new moral and political systems to arise.

From the Library of Human Sciences we present „The Order of Things“ by Michel Foucault.

Quelle: aeon / abrufbar als Film HIER .

 Screenshot

Das Interview / Abschrift der englischen Untertitelzeilen JR 4. Februar 2019

Pierre Dumayet: Mr. Foucault, you ‚ve done work as an ethnologist, an ethnology of our culture you say. What do you mean?

Michel Foucault: Well, I would like to consider our own culture to be something as foreign for us as, for example, the cultur of the Arapesh, Zuñi, Nambikwara, or Chinese. Of course, we’ve been trying for a long time through the work of historians or sociologists to grasp our culture as an object, as a thing there in front of us. But historians mainly study economic phenomena, sociologist study emotional, political, sexual behaviour. I believe that, until now, we ‚ve never considered our own knowledge a foreign phenomenon. And what I tried to do was deal with it as if it was sonething before us as a phenomenon just as foreign and distant as the culture of the Nambikwara or Arapesh, for all Western knowledge formed since the Greek age. And it’s this ethnological situation of knowledge which I wanted to reconstruct.

Like looking at yourself in a mirror, as if a stranger to yourself?

There is a difficulty here that’s obviously very great, because, after all, how can we know ourselves if not with our own knowledge? It’s only by using our own categories of knowledge that we can know ourselves. And if we wish to precisely know these categories we ‚re in a situation that’s obvously very complex. It takes a complete twisting of our reason of itself to able to re-examine itself as a foreign phenomenon. It requires going outside itself in some way and returning… And it is the beginning of this endeavour I ultimately undertook.

What ethnicity or nationality would the ideal ethnologist be?

Well, we could say a good ethnologist of our own culture might be Chinese, Arapesh or Nambikwara. However, with what category and framework of thought could this Chinese or Arapesh know us if not with frameworks of thought hat are ours? So perhaps we could still do this best. If we could thus twist at ourselves as through a mirror. We might, after all, be capable of doing this task and undertake this ethnology of our own culture. We could obviously dream of a Martian whose thougt would be able to entirely capture our own. This Martian could undoubtedly know us best. But this probably isn’t possible since, as far I know, Martians don’t exist.

You teach philosophy, is this a philosopher’s outlook or the contrary?

It’s quite difficult to define what philosophy is currently. For a long time, I think we can say basically up to Sartre … (Sartre included?) Yes, Sartre included. Philosophy was an autonomous discipline, I was going to say closed in on itself, but that’s not right, since philosophy has always thought about cultural subjects that were proposed to it from elsewhere. It thought about God because theology proposed it. I also thought it about science because the whole system of our knowledge proposed this. Philosophy was an open discipline, but it had iits own methods, its own forms of reasonings and deductions. It seems to me philosophy is now disappearing. When I say it’s disappearing, I don’t mean we are coming upon an age where all knowledge eventually becomes positive. But I believe philosophy is being dissolved and dispersed into a whole series of activities of thought of which it’s difficult to say whether they are strictly scientific or philosophical. We are reaching an age perhaps of pure thought. After all, a discipline as abstract and general as linguistics, a discipline as fundamental as logic, an activity like literature, since Joyce, for exemple… Well, all these activities activities are perhaps of thought and they serve as philosophy. No that they take the place of philosophy, but they’re the very unfolding of what philosophy once was.

What is your idea of Man? 5:36

I believe that Man has been, if not a bad dream, a spectre, at least a very particular figure, very much historically determined and situated in our culture.

You mean it’s an invention?

It’s an invention! In the 19th and first half of the 20th century it was believed that Man was the fundamental reality of our interest. One had the impression that the search for the truth about Man since the Greek age had animated all research, perhaps of science, certainly of morality, and for sute of philosophy. When we look at things more closely, we have to wonder if this idea of Man as basically always existing and as there waiting to be taken up by science, by philosophy, by us. We habe to wonder if this idea isn’t an illusion, an illusion from the 19th century. Actually, until the end of the 18th century, roughly until the French Revolution we never dealt with Man as such. It’s curious that the notion of Humanism that we attribute at the Renaissance is a very recent notion. You can’t find the term ‚Humanism‘ earlier because Humanism is an invention of the 19th century. Before the 19th century, it can be said Man didn’t exist. What existed was a number of problems, a number of forms of knowledge and reflection, where it was a question of nature, a question of trooth, a question of movement, a question of order, a question of imagination, a question of representation, etc. But it wasn’t actually a question of Man. Man is a figure constructed near the end of 18th and beginning of the 19th century, whichb gave rise to what has been and still are called the human sciences. This new notion of Man invented at the end of 18th century also gave rise to Humanism, the Humanism of marxism, of Existentialism, which are the most obvious expressions currantly. But I believe that, paradoxically, the development of the human sciences is now leading to a disappearing of Man rather than an apotheosis of Man. Indeed, this is happening now with the human sciences. The human sciences did not discover the concrete core of the individual, positive kinds of human existence. On the contrary, when you study, for example, the behavioral structures of the family, as Lévy Strauss did, or when you study the great Indo-European myths, as Dumézil, or when you study the very history of our knowledge, you discover not the positive truth of Man. What one discovers are great systems of thought, of large formal structures which are like the soil in which individualities historically appear. This is why thought nowadays has entirely reversed from a few years ago. 9:22

I think we are currently experiencing a great break with the 19th and early 20th century. This break at bottom is experienced as not a rejection, but a distance from Sartre. I think that Sartre, who is a really great philosopher, but Sartre is still a man of the 19th century. Why? Because Sartre’s whole enterprise is to make Man in some way adequate to his own meaning. Sartre’s whole enterprise consists in wanting to find what in human existence is absolutely authentic. He wants to bring Man back to himself, to make Man the possessor of meaning, that could escape him. Nevertheless, Sartre’s thought is situated in philosophy of alienation. Whereas, we wish to do the opposite. We want to show not what is individual, what is singular, what is truly experienced as human, but a kind of glittering surface on top large formal systems and thought must now reconstruct these formal systems on which float from time to time the foam and image of human exístence.

 

Let me ask a question. How can any political outlook stem from your work?

Of course, this is probably the question posed to all forms of reflection that are destroying a myth and haven’t yet reconstructed a new mythology. For example, for a very long time, philosophy and theology maintained a kinship, where the role of philosophy was to define what morality or what policy we can and should deduce from the existence of God. When philosophy and the culture discoveres that God was dead, it was immediately proclaimed „If God is dead, all is permitted“ and „morality isn’t possible“. „If God is dead, what policy should we adopt or hope for?“ But experience has proven that moral and political reflection never had been more alive, more rich and more abundant than it had the moment we kne God was dead. And now that Man is disappearing, the same question is being raised, that had been formerly raised for God’s death: „If Man is dead, everything is possible!“ Or more precisely, we’ll be told that all is necessary. Whart was discovered by the death of God, what was discovered by this great absence of a supreme being was the very spave for freedom. What’s now being discovered by the disappearance of Man is a small gap left by Man which arises in the frame of a kind of necessity, the grat web of systems towhich we belong and are said to be necessary. Well, it’s probable that just there’s a space for freedom left by the death of God for grand political systems, grand moral systems, like Marxism, like Nietzsche, like Existentialism, to be build, so, we may see arise above this grid of necessities we’re now trying to navigate great political options, great moral options. I must say, even if wie don’t see it arise, after all, no one can prejudgethe future, it doesn’t matter if we don’t. It is being discovered in recent years that literature is no longer made to amuse, nor music just to provide visceral sensations. Well, I wonder if we won’t notice that thought can do something other than prescribe to people what they have to do. It would be quite nice if thought could come to entirely think itself, if thinking could unearth what is unconscious in the very depth of what we think.14:14