Archiv für den Monat: Januar 2022

An die Sonne

Wer war Rudolf Eucken?

Er erhielt 1908 den Nobelpreis für eine große philosophische Leistung. Nein: für „Literatur“. Was mich beim Lesen bestach: Seite für Seite erleuchtet und einleuchtend formuliert, wieso wird er nicht als Pflichtlektüre empfohlen, als Einführung ins Philosophieren überhaupt, was hat er falsch gemacht? Biederes, bürgerliches Denken zum falschen Zeitpunkt, im Anfang des Jahrhunderts der Katastrophen? Ich war neulich schon gefesselt, als es um „Idealismus“ ging, und jetzt stieß ich darin auf den bekannten Vierzeiler von Goethe, der inhaltlich auf Plotin zurückgeht und als Vers in Goethes „Farbenlehre“ vorkommt: „Wär nicht das Auge sonnenhaft…“ Oder? Ich gebe die Zeile bei Google ein und kann mich von einem bestimmten Ergebnis nicht trennen: Ingeborg Bachmanns Gedicht „An die Sonne“, interpretiert von Peter von Matt, aber: gesprochen von ihr selbst, und das ist es, was mich ergreift. Etwas unsicher (?), etwas zögerlich (?), niemanden ins Auge fassend, wenig oder kaum kommunikativ deklamierend. HIER.

Ich kann mich davon nicht lösen, es muss noch mal von vorn beginnen. „Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein…“ – kenne ich das nicht von Walter Jens? lange bevor er ins Dunkel abtauchte. (Ja! siehe hier, er zitiert Ingeborg Bachmann!) Und dann lese ich die Peter-von-Matt-Interpretation, über die systematisch wechselnde Verszahl der Strophen, lese auch „wegen dem Mond“ – ist das mundartlich? – höre noch einmal, gewöhne mich an den österreichischen Sound und bleibe an der Schlusszeile hängen:  „Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst / Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.“

Es dauert eine Weile, ehe ich zu Rudolf Eucken zurückkehre, dessen Werk ich in Buxtehude aus einer Telefonzelle mit Büchern zum Nulltarif mitgehen ließ. Ingeborg Bachmann? Daran hätte ich nicht gedacht, an alte Zeiten schon. (Ich erinnere mich an einen Film, in dem es um ihren Vater ging, am Ende liefen Tränen, viel Musik aus „Verklärte Nacht“, Haneke! endlich wiedergefunden, wenigstens den Titel hier.)

Springen wir nur mitten hinein, in dieses Werk, wie könnten es versuchsweise dort beim Wort nehmen, wo es die WAHRHEIT zum Thema nimmt, Plato und kurz Goethe (Plotin) streift, um dann zur Stoa weiterzugehen; da ist kein Satz, den nicht jeder versteht:

Der Mensch unterscheidet sich (= einen eigenen Gedankenkreis) von der Welt der Dinge.

So entsteht eine Kluft und damit: das Problem der Überbrückung. Das griechische Altertum… Beseelung der Weltumgebung. Wesensverwandtschaft des Geistes mit dem All. Unerträgliche Vermengung von Bild und Sache. Plato…

Das Selbständigwerden der wissenschaftlichen Forschung bei Aristoteles. Neu: die Stoa. (Siehe auch bis Marc Aurel: „Dabei dürften die Grundlagen der dort formulierten Überzeugungen bereits frühzeitig gegolten haben, denn sie fußten auf einer bald 500-jährigen, fortlebenden Tradition stoischen Philosophierens.“ Wikipedia)

Plotin und das Christentum (Theologe Eucken – „Katze aus dem Sack“?) So etwa war der Verlauf der üblichen Geschichtsdeutung bis in meine Schulzeit. Ich erinnere mich an meinen triftigen Einwand in Religion: Hinweis auf Marc Aurel. (Wozu noch Christentum…) Aber bei Eucken nicht zu vergessen: die Wende mit KANT (ab Seite 182 – nach Aufklärung, Spinoza).

(Fortsetzung folgt)

Am Wannsee

Zur Erinnerung

Von Greifswald nach Litzmannstadt, Anfang 1942: „ Jan hat herrliche Tage “ (Familien-Album) Jahre des Unwissens (was ist Krieg?). Zweiter Bericht ca. 50 Jahre danach. („…die Polen…“ )

Zur gleichen Zeit:

Am 20. Januar 1942 treffen sich in einer Villa in Berlin-Wannsee hochrangige Vertreter des NS-Regimes zu einer Besprechung, die als Wannsee-Konferenz in die Geschichte eingeht. – (Sie wussten es alle.)  Der Film darüber im ZDF 24. Januar 2022 Bilder (Screenshots) aus dem Film:

Über den Film: Wikipedia hier (u.a. Personenliste + Darsteller) die realen Teilnehmer hier

Video verfügbar bis 17.01.2024, in Deutschland, Österreich, Schweiz

https://www.zdf.de/filme/die-wannseekonferenz/die-wannseekonferenz-104.html

HIER Der Film

Pausengespräch. Zwei Männer mit Blick auf den Wannsee (ab 01:00:25)

1 „friedlich . . .“

2 „sehr . . .“

1 „Heinz Rühmann lebt hier irgendwo. Ebenso Minister Speer. Da runter … liegt die Villa von Max Liebermann. … Der Maler!“

2 „ich weiß … jüdischer Impressionist.“

1 „… Sie sind ein Mann von Bildung…“

2 „… und das überrascht Sie … angesichts meiner Aufgaben im Osten…“

1 „… das hören Sie wohl häufiger…“

2 „… gelegentlich.“

1 „…hätten Sie sich träumen lassen, dass Sie von heute auf morgen Ihren Schreibtisch in Berlin mit so einem Einsatz in Lettland tauschen müssen?“

2 „so erlebt man aus eigener Anschauung, was an den Schreibtischen beschlossen ist. Was ist daran verkehrt?“

1 „diese Vorgänge da im Osten … man hört von Entgleisungen … Brutalitäten … Erschießungsgräben …“

2 „das gehört zum Handwerk. Entweder man lernt’s. Und irgendwann kommt’s. Die einen besser, die anderen schlechter.“

1 „Wie halten Ihre Männer das aus? Jeden Tag diese Aktionen. Ganze Dörfer.“

2 „Wir betonen die Notwendigkeit des Auftrags.“

3 (hinzustoßend) „Und den Rest erledigen Gewöhnung und eine Extra-Ration Schnaps. Schnaps verwischt die Eindrücke des Tages. Nur wenn sie schon während der Arbeit saufen, muss man einschreiten. Zu viele Fehlschüsse, und dann arbeiten sich die Halbtoten bei Nacht wieder aus den Gruben, und man muss sie am nächsten Morgen wieder erschießen.“

1 „Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“

3 „Sie lagen doch selber im Schützengraben.“

1 „Wir haben auf Soldaten geschossen. Nicht auf Frauen und Kinder.“

3 „Ich habe einen Mann, der schießt bevorzugt auf Kinder. Weil die ohne ihre Eltern sowieso nicht überleben können. Er findet, er tut den Kindern einen Gefallen. Hat seine Logik, finden Sie nicht?“

Pause (1 entfernt sich in Richtung Haus)

Jemand tritt heraus: „Die Besprechung wird fortgesetzt!“

01:03:03

1 Dr. Rudolf Lange 2 Wilhelm Kritzinger 3 Dr. Eberhard Schöngarth

 *    *    *

Jahre des Vergessens (in der Schule gibt es kein Thema „Drittes Reich“)

Klassenfahrt nach Berlin (Ausflug zum Wannsee) Sommer 1958

… bald beginnt das Leben, ich will nach Berlin.

Psychophysisch

Übungen + Gedanken

Folgender Artikel in der ZEIT 27. Januar 2022 Seite 34f

Wie hält man das aus? Vier Leistungssportler und Profimusiker sprechen über Druck, ihre Ängste und mentale Stärke (ZEIT-Interview: Christiane Grefe, Stefanie Kara)

(Musik: Andre Schoch, 34, Trompeter Berliner Philharmoniker / Tabea Zimmermann, 55, Bratschistin)

Was machen Sie, wenn die Anspannung vor einem Spiel zu groß wird?

THOLE (Beachvolley): Mir helfen Bewegung und Atmung. Beim Aufwärmen bewege ich zum Beispiel meine Beine richtig schnell, in ganz kleinen Schritten, das verringert meine Nervosität. Und ich atme besonders tief, um in der Brust nicht fest zu werden. Für einenTrompeter wie Sie, Herr Schoch, muss Nervosität ja die absolute Katastrophe sein!

SCHOCH: Die Atmung ist für mein Spiel natürlich extrem wichtig. Ich kann sie aber auch nutzen, um mit Nervosität zu umzugehen. Für die Kondition mache ich ohnehin regelmäßig Ausgleichssport… ZIMMERMANN: Ich glaube, ich bin die Einzige in diesem Raum, die keinen Sport treibt. SCHOCH:…und vor dem Konzert mache ich gezielte Atemübungen, um eine bessere Körperkontrolle zu entwickeln und ein bisschen herunterzukommen. Die kann keiner sehen. ZIMMERMANN: Wie gehen die? Schoch: Ich atme zum Beispiel ganz simpel länger aus. Acht Schläge aus, vier Schläge ein, durch die Nase. Nach einer Weile beruhigt mich das. BREMER (25) Fußballerin: Das habe ich früher auch gemacht, als ich vor dem Spiel noch nervöser war. ZEIT: Kann sich der Büromensch davon etwas abgucken, wenn er zum Beispiel vor einer Präsentation aufgeregt ist? THOLE: Auf jeden Fall! Durch solche Atemtechniken verändert sich sofort etwas. Zum Beispiel bei hoher Anspannung kurz die Schultern hochziehen und dann fallen lassen. Das ist eine Blitzversion der progressiven Muskelentspannung, das ist so eine Entspannungstechnik. Mir hilft das, den Muskeltonus runterzufahren. BREMER: Ich glaube, bei einer Präsentation oder einem Referat an der Uni kommt es genauso wie bei einem großen Spiel darauf an, bei sich zu bleiben; also nicht auf das Außen, auf die Leute zu schauen, sondern seinen eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Wir machen zum Beispiel Meditationsübungen, um diese innere Stärke zu entwickeln. ZIMMERMANN: Bei Musikern finde ich es problematisch, wenn sie »ganz bei sich« sind. Wenn ich als Erstes an mich denke, hat der arme Beethoven schon verloren. Ich sage meinen Studenten deshalb: Lenk dich ab, indem du das tust, was du zu tun hast – nämlich das Stück spielen. Übrigens finde ich, dass auch Routine ein wichtiges Werkzeug für mentale Stärke ist, vor allem am Konzerttag. (…) Früh aufstehen, gut frühstücken, viel spielen. Mittags schlafen. Dann diese eine Stunde Einspielzeit vor dem Konzert, die ist absolut heilig. Da arbeite ich ein Werk rückwärts durch. Letzte Seite, vorletzte Seite … So wie ein Chirurg sein Operationsbesteck bereitlegt. Das alles hilft, nicht daran zu denken, was bei dem Stück schon mal schiefgelaufen ist. Solche Gedanken sollte man absolut vermeiden. THOLE: Das kriegen Sie hin? Wenn ich versuche, nicht an etwas zu denken, geht es erst richtig los! ZIMMERMANN: Ich weiß genau, was Sie meinen! Es gab Phasen in meinem Leben, da fand ich schon den Gang von der Bühnentür zu meiner Position vor dem Orchester so schlimm, dass ich das Gefühl hatte, ich stolpere. Es gibt ja tausend Sachen, die passieren können: Die Saite kann reißen oder der Bogen zittern, besonders wenn man einen langen Ton ganz, ganz leise spielen soll. Da fühlt man sich, als müsse man auf einem dünnen Faden in hundert Metern Höhe laufen. Womöglich ist es auch noch ein Livemitschnitt, und man weiß: Das Mikrofon verzeiht nicht mal den kleinsten Kratzer. Mittlerweile habe ich gelernt, in solchen Situationen kurz die Augen zu schließen und mir ein gelungenes Konzert vorzustellen. Das gibt ein gutes Bühnengefühl. SCHOCH: Mir hilft es, am Konzerttag alles was langsamer anzugehen und Hektik zu vermeiden. Wenn mir der Erwartungsdruck trotzdem zu viel wird, suche ich mir im Publikum eine Person und denke mir: Für sie will ich jetzt ein schönes Konzert spielen. …

ZIMMERMANN: Ich gehe davon aus, dass jeder seine Ängste und schwachen Momente hat. Wir haben in der Musik aber noch eine Herausforderung, die ihr im Sport überhaupt nicht kennt. THOLE: Welche denn? ZIMMERMANN: Wir müssen ganz anders mit Gefühlen umgehen und von einer Minute auf die andere Fröhlichkeit, Trauer oder Verspieltheit ausdrücken. Es erfordert große mentale Stärke, den besonderen Ausdruck des Werkes mit seinen persönlichen Gefühlen in Einklang zu bringen, während man zugleich mit handwerklichen Problemen zu tun hat. ZEIT: Und was macht man mit seinen eigenen Gefühlen? Kann man zum Beispiel seine Freude zeigen, wenn etwas gelingt? Das könnte einem ja auch mentale Kraft geben, ein gutes Gefühl fürs nächste Mal. ZIMMERMANN: Ein tolles Konzert muss schon nachklingen können, vielleicht bei einem Bier mit Kollegen oder Freunden. Aber jubeln? BREMER: Also, mir hilft das Jubeln nach einem Tor schon, mentale Stärke aufzubauen, gerade mit dem Team. ZEIT: Wie ist das bei Ihnen, Herr Schoch? Ein gelungenes Solo im Orchestere ist ja ein bisschen wie ein Tor, aber Sie können sich dann nicht das Smokinghemd vom Leib reißen und feiern. SCHOCH: Natürlich freut ich man sich. Nur: Wenn man eine Stelle gut gespielt hat, kommt gleich die nächste. Ich versuche lieber, in der Musik zu bleiben.

THOLE: Wir nutzen Gefühle sogar bewusst, wenn wir Probleme im Spiel haben. Wir jubeln dann absichtlich über Kleinigkeiten, um uns aus dem Tief rauszuholen. ZEIT: Wird man eigentlich mental stärker, wenn man älter wird? SCHOCH (34): Schon, wenn man mehr Erfahrung hat, kann man mit bestimmten Erfahrungen besser umgehen. ZIMMERMANN (55): Für mich werden jetzt verschiedene Dinge körperlich schwerer. Das kann auch auf die Psyche drücken. ZEIT: Als Laie denkt man bei Musikern nie so recht an körperliche Probleme… ZIMMERMANN: Oh – das ist das, was mich jeden Tag stundenlang beschäftigt: Nacken, Arme und Hände beweglich zu halten! Um diese feinsten Nuancen spielen zu können.

Nachwort (JR)

Die Aussage Tabea Zimmermanns über Gefühle könnte zu der Fehleinschätzung veranlassen, dass man als Musiker fortwährend die in der Musik ausgedrückten Gefühle auch wirklich empfinden müsse. Das ist leicht gesagt, aber unmöglich zu realisieren, wäre auch nicht einmal im Blick auf „Realismus“ wünschenswert. Z.B. eigene Todesangst, Schmerz über das Sterben eines Kindes, Ekstase beim Anblick einer entsprechenden Rodin-Plastik: natürlich ist nicht die Realisierung eines solchen Gefühls verlangt, noch weniger die Simulation: ich muss nur wissen, wie das reale Gefühl „sich anfühlt“, um es ausdrücken zu können. Nein: einfließen zu lassen. Ich kann das leidende Gesicht einer Pianistin missverstehen, indem ich glaube, dass sie wirklich leidet. Ich konzediere aber, dass sie dieses Gesicht annimmt, weil sie sich das Gefühl vorstellt, vorstellen will, und dazu gehört es, dass sie die Miene, die gestische Form des Ausdrucks mimetisch nachbildet, wobei die reale Imagination sich unwillkürlich einstellt bzw. hinzugesellt.

Es ist nicht anders bei einem Komponisten wie Bach, der die „Erbarme dich“-Arie schreiben will und wenig später „Gebt mir meinen Jesum wieder“: er liest den Text und kennt die dem entspechenden Affekte, die Ausdrucksmittel. Er muss nicht weinen oder rasen, er muss wissen wissen, wie das ist. Selbst wer einen Betrunkenen auf der Bühne darstellen will, darf nicht betrunken sein. Ich habe einen Fehlgriff des großen Sängers (und Darstellers) Fischer-Dieskau in Erinnerung, wenn er in Haydns Jahreszeiten das Wort „fahl“ mit irgendwie hohler Stimme intoniert, es ist und bleibt aber – nur das Wort, ein Symbol, nicht das Symbolisierte selbst.

Ich denke an das „Paradox des Schauspielers“, schaue auch nach, wo ich es selbst zu verstehen gelernt habe (glaube gelernt zu haben): hier.

Und noch zwei Rückblenden, die mit Gefühl und – Atmen zu tun haben: hier und hier.

Stern über China

Was ist eine Pipa?

was eine Pipa wirklich ist: hier.

Quelle Isaac Stern (mit Chaim Potok): Meine ersten 79 Jahre / Gustav Lübbe Verlag  Bergisch Gladbach 2000

Der große Geiger war 1979 in China, er berichtet darüber in Kapitel 24 (Seite 353 bis 365), und der Film über seine musikalische Reise wurde weltberühmt, man kann ihn auf Youtube abrufen: hier.

Das Buch ist hochinteressant, nicht nur für alle, die Violine spielen. Ich habe es erst jetzt kennengelernt und mit den letzten Seiten angefangen, erschütternde Zeilen, der Alptraum eines alternden Künstlers, real:

Die wachsenden Schwierigkeiten, die ich in den letzten Jahren mit der Bogenführung hatte, haben mir einige unglückliche und schlimme Situationen beschert. Manchmal konnten meine Finger den Bogen nicht mehr halten und ich mußte die Faust um ihn schließen. Ein- oder zweimal fiel mir der Bogen sogar aus der Hand. Wegen der Schmerzen im rechten Daumen und Zeigefinger hielt ich es für eine Arthritis. […] Mit Erscheinen des Buches werde ich das Ergebnis wahrscheinlich bereits kennen. Ich bete zum Himmel und hoffe von ganzem Herzen, daß es positiv ist.

Das Buch erschien in den USA 1999, 2 Jahre später starb er. Der Wikipedia-Artikel spart auch Schattenseiten nicht aus ( hier ). Ich selbst habe Isaac Stern in der Kölner Philharmonie bei einem Streichquartett-Workshop erlebt, als Vorsitzenden einer Art Jury, fand es furchtbar, wie die jungen Leute behandelt wurden und habe darüber in einer WDR-Sendung berichtet.

Quelle: siehe hier

Kein Wunder, dass diese Musik wie Dvorak klingt, wenn sie mit westlichem Zuckerguss ausgestattet wird, und bei offiziellen Gelegenheiten wird sie Stern nicht anders präsentiert bekommen haben, das ist der Zauber der chinesischen Pentatonik plus Tschaikowsky-Flair. Nicht „ungeachtet der pentatonischen Skalenstruktur“ muss es heißen, sondern dank dieser Struktur, die Dvorak schon im ersten Klaviertrio präsentierte und zwanglos mit der Musik „Aus der Neuen Welt“ amalgamieren konnte. Wäre Isaac Stern ein einziger Ausflug in die alte Chinesische Oper  möglich gewesen (z.B. in Hongkong), hätte er andere Worte über die menschlichen Stimme als Vorbild gewählt. Heute könnte man auch ein Kapitel hinzufügen über die Nachahmung oder Übertreibung der westlichen Mimik und Gestik beim Musizieren. Es hat metaphorischen Wert, wenn der Flügel am Ende die Musik, um die es angeblich geht,  auto-matisch produziert. Erkennen Sie die Ähnlichkeiten und die Unterschiede in den folgenden Musikaufnahmen? Hoffentlich wird es Ihnen am Ende nicht zu bunt bunt oder einfach zu lang lang. Im folgenden Erhu-Solo können Sie die oben wiedergegebenen Noten mitlesen, wenn Sie wollen. Danach folgt dieselbe Melodie, more „colorful“,- oder ist es inzwischen eine ganz andere geworden?

Zur Instrumentenkunde: ab 0:25 die Wölbbrettzithern CHENG, ab 0:44 und 1:11 die Laute PIPA, ab 1:36 die drei Damen vorne links mit der chinesischen „Geige“ ERHU.

Isaac Stern noch einmal, nach 20 Jahren, in China

Delacroix Farbenmusik

Chopin, Salon und Konversation

Zur Aufmunterung: Live (und als „Konserve“ hier) – und Artur Rubinstein hier.

Was den Stein ins Rollen brachte:

Siehe auch hier. Und hier (nach Kleist-Abschnitt).

ZITAT

Zu Chopins Zeit wurden in Paris etwa 850 Salons geführt, halb private, in großen Häusern übliche Zusammenkünfte von Freunden und Kunstsinnigen, die sich mit gewisser Regelmäßigkeit, wöchentlich oder monatlich, zum Abendessen, Gesprächen und Musik trafen. Wer in diesen Zirkeln der Pariser Großbürger verkehrte, der hatte es zu gesellschaftlicher Reputation gebracht. Am wohlsten dürfte sich Chopin in den Künstlersalons gefühlt haben, wo er unter seinesgleichen verkehrte und Musizieren und Gedankenaustausch intellektuelles Niveau sicherten.

Quelle Wikipedia Chopin hier

  … ein kleines, neues, übersichtliches, anspruchsvolles und (trotz allem) praktisch anregendes Buch:  Thomas Kabisch „Chopins Klaviermusik. Ein musikalischer Werkführer.“ C.H.Beck München 2021 128 Seiten. ca. 10,00 €

Eine Vorbemerkung oder sogar Vorwarnung erweist sich jedoch als notwendig: Es gibt kein einziges Notenbeispiel im Buch, wodurch die Lektüre keineswegs erleichtert wird: es ist ganz unmöglich, die Analysen zu verstehen, ohne sie Takt für Takt im Notentext dingfest zu machen. Das ist eine schwere Arbeit, für Laien wohl überhaupt nicht zu leisten. Und ich kann im Augenblick auch für mich nicht entscheiden, ob sich das Unterfangen lohnt. Es ist die Übertragung in ein anderes Denken, das sicherlich auf einer abstrakten Ebene „Sinn macht“, das ich mir aber selbst erst wieder in eine Sprache zurückübertragen müsste, die ich als musikalisch empfinden könnte. Am Ende wäre ich gewiss reicher, würde aber keinem Pianisten je diese Art von Studium zumuten. Ich vermute, dass Chopin selbst den Kopf schütteln würde. (Sobald ich Zeit habe, werde ich die Ausführungen über die Klavierkonzerte im Detail es geht nur um Abschnitte der ersten Sätze! – untersuchen und synchron immer wieder mit den klingenden Ereignissen vergleichen; vielleicht ändert sich meine Meinung. Dann werde ich mit öffentlichen Selbstvorwürfen nicht sparen.)

Und noch einmal Kunst, Farben und alles was Chopin betrifft…

.    .    .    .    .

Im folgenden Text ab Mitte „Die Romantik und alles…“ bis auf nächste Seite „…Zeit und Ewigkeit so eins wie hier.“

Quelle René Huyghe: DELACROIX Beck’sche Verlagsbuchhandlung München 1967

Seite 257

Denn auf der einen Seite sieht sich der Mensch gleich der Barke Don Juans in der Endlosigkeit des Ozeans ausgesetzt, der sein Spiel mit ihm treibt und ihn in die Tiefe zieht, wo alle Leidenschaften über ihm zusammenschlagen. Baudelaire hatte sich eines ähnlichen Bildes bedient:

Und meine Seele trieb, hinfällige Gabarre, haltlos auf grausig- unbegrenztem Meer.

Les Fleurs du Mal (Fischer 1962 S.148ff)

Die Barke Don Juans 1839, Salon von 1841

Chopin, gesehen von Delacroix

Soeben erreicht mich auf wundersame Weise folgende Abhandlung (versehen mit dem Hinweis: 110 Minuten Lesedauer ♥ ) :

Philipp Teriete
Frédéric Chopins Méthode de Piano: eine Rekonstruktion –
Zur Ausbildung der »Pianistes Compositeurs« des
19. Jahrhunderts

 *    *    *

Thomas Kabisch:

Verhängnisvoll ist ein Fehler auf Seite 26, wo zweimal die Mazurka op.33 Nr.4 genannt wird, so dass man eine Weile im Dunkeln tappt: denn das erste Mal ist die Mazurka op.33 Nr.2 (!) gemeint, man merkt es nur nicht gleich, weil die Taktzahl-Angaben in beiden Fällen sinnvoll wirken; denn die bezeichneten Abschnitte beginnen in beiden Mazurken „zufällig“ an denselben Punkten, z.B. Takt 49 und Takt 65. Ärgerlich.

Zugleich hatte ich mich aufgrund des Kabisch-Hinweises (Seite 28) auf die Suche nach der empfohlenen Horowitz-Wiedergabe der Mazurka h-moll op.33 Nr.4 begeben (der Youtube-Link gilt nicht mehr). Man schaue stattdessen hier  beim Klavierabend (1987) „Vladimir Horowitz. Goldener Saal, Wiener Musikverein“, man kann dort die Mazurka 33,4 direkt anklicken oder auf 1:08:10 gehen (bis 1:12:57). Wer will, kann versuchen, sich mit Hilfe der obigen Analyse zu orientieren; oder sich auf den Fragesatz zurückziehen, den ich rot markiert habe, :

Die musikalische Analyse erweist das klangliche Minimum der Mazurka als denjenigen Punkt, an dem sie die größte Fülle musikalischer Bedeutung erreicht. Doch was soll ein Ausführender mit dieser Auskunft anfangen?

Die Mazurka endet folgendermaßen:

Kein Zweifel: die Klavierkunst des alten Mannes ist bewundernswert. Es handelt sich um ein großes Live-Konzert! Uns geht es trotzdem nur um Chopin und diese eine Mazurka. In der vorletzten Zeile steht ein langes Diminuendo, aber kein stringendo. Und woher nimmt Horowitz das fortissimo des letzten Taktes? In einer Kopie von Fontana steht dort – ohne dynamische Angabe (!) – das Wort risvegliato (aufgewacht), Rubinstein schläft ebenfalls nicht ein, er erwacht aber auch nicht spektakulär, effekthaschend, sondern – sagen wir – mit einem innigen Abschiedsgruß.

Nebenbei: Arturo Benedetti Michelangeli (1971) entscheidet sich – wie Horowitz – für ein „Machtwort“ am Schluss. Ich finde es nicht angebracht: nach 5 Takten diminuendo, 6 Takten provokativer (?), resignativer (?) Stagnation auf dem Quintfall g – c (C-dur-Nachklang) wird der Ton C bei einem letzten, weiteren Quintfall akzentuiert, „weil“ er zum letzten Mal kommen soll, dabei umgedeutet wird in einen „Neapolitaner“ von h-moll und mit einer entsprechenden h-moll-Kadenz beantwortet. Eher zärtlich als triumphal. Man vergleiche diesen allerletzten Takt (rhythmische Reminiszenz der 5 wiederholten Takte diminuendo) mit ähnlichen Übergangstakten an anderen Formanschnitten (vor Takt 69 – s.o. aufliegend in den Youtube-Noten, und vor Takt 113) : man erwartet vielleicht wieder ein „gesundes“ forte, aber gerade das dürfte am finalen Ende nicht kommen, ob risvegliato oder nicht. (Rubinstein hat recht! – falls man hier noch rechthaben will…)

Nochmals nebenbei: finde ich verfehlt, ausgerechnet Friedrich Gulda als Chopin-Pianisten zu bemühen, wie es Kabisch tut (ab Seite 109), nur weil es frühe Aufnahmen davon gibt. (Der angegebenen Link funktioniert allerdings gar nicht, siehe notfalls hier.)

Es sind ein paar ideologische Momente, die mich beim Lesen der Analysen irritieren und – fast möchte ich sagen – ein bisschen (fast) rühren. 1 die Tendenz, Chopin um jeden Preis der Moderne zuordnen zu wollen, was damit beginnt, dass der Fremdwortgebrauch mindestens mit dem Theodor W. Adornos wetteifern kann. 2 dass man bewusste Folklore-Reminiszenzen gern mit dem Wort „Trällern“  abwertet, 3 lieber von Intervallen spricht als von emotionalen Charakteristiken und die Reduktion auf Minimalismen begrüßt, besonders wenn man sie auf Boulez beziehen kann, 4 dass man sich (etwa in den Klavierkonzerten und den Impromptus) auf die Sinngebung des Ornamentalen anhand partieller Formteile capriziert, da dies offenbar einer Rechtfertigung bedarf.

Der geformte Einzelton zeigt sich, wenn bunt massenwirksame Dramaturgie ausgeschlossen ist, als Kern der Musik. Musik ist Bestimmung des Einzeltons, und der bestimmte Einzelton ist Musik. (Seite 12)

Aber das ist nicht alles, der Rahmen bleibt ungeheuer:

Einerseits Kalkbrenner („Usancen des Virtuosentums“), andererseits Bach (der „Schöpfer einer großen Vielfalt satztechnischer Zustandsformen, die durch kontrapunktisches Denken auch dort geprägt sind, wo auf der Oberfläche eine harmonische Progression oder die Außenstimmen dominieren“). Seite 87

Nachwort 26.01.22

Angesichts des Titels, den ich bei der Planung dieses Artikels voreilig gespeichert hatte, befürchte ich, falsche Erwartungen geweckt zu haben. Zwar würde ich viel geben, Näheres über die Gespräche zwischen Chopin und Delacroix zu erfahren, Nachschriften, Gedächtnisprotokolle. Ich habe auch immer mal über das Novalis-Wort nachgedacht, dass die Ästhetik der einen Kunst auch die der anderen ist, weil es offenbar für Schumann wichtig war. Aber ich habe es nie für richtig gehalten. Das umfangreiche Buch mit dem entsprechenden Titel habe ich nie gründlich durchgeschaut. Ich gehe gern in Ausstellungen, vertiefe mich in Kataloge und „Bilderbücher“, lese interessiert Analysen wie die von Horst Bredekamp oder Kia Vahland, aber nie, wenn ich eine Ausstellung wie die in Düsseldorf mit Bildern von Zurbaran oder Edvard Munch sehe, und zwar gründlich und langsam, wenn auch nicht fachkundig, – nie höre ich innerlich dabei Musik oder denke auch nur an musikalische Vorgänge. Während ich glaube (und in Einzelfällen auch weiß), dass Künstler beim Malen von Klängen inspiriert sind. Deshalb will ich nicht versäumen, auf dieses Werk hinzuweisen, das mir ein gut befreundeter Musiker vor rund 40 Jahren geschenkt hat. Gründe genug, es täglich zu Rate zu ziehen. Das sagt sich leicht, es hat nie längere Zeit aufgeschlagen auf meinem Tisch gelegen. Es könnte daran gelegen haben, dass darin für die Musik Grete Wehmeyer zuständig zu sein schien, die schon in frühen Jahren eine originelle „Nachtmusik im WDR“ über Satie gemacht hat und der ich des öfteren im Kreis um Kevin Volans begegnete; dieser war es auch, der mir die Perlenkunst der Volkskunst in Lesotho nahebrachte, und ähnliche Strukturen wohl auch in seiner Musik realisierte. Aber G.W. war mir endgültig suspekt durch ihren Einsatz für eine neue (krampfhafte) Verlangsamung in der klassischen Musik. Ich erinnere mich an die Nachtmusik-Plakate von Heinz Edelmann, an seine zuweilen sehr sonderbaren Motive der Folkfestival-Werbung  („Brot für die Welt“). Dennoch hätten mich ja wenigstens Namen wie Hans-Heinz Stuckenschmidt oder die WDR-Kollegin Dorothee Eberlein bewegen müssen. Nichts. Meine Schuld. Auch jetzt der Entschluss, das Inhaltsverzeichnis neben die Veranstaltung von 1981 zu legen

 

ISBN 3-7913-0727-4

Ex improviso: Kleist, Beethoven und Anton Kuh

Wie improvisiert kann die freie Rede sein?

In der klassischen Redekunst geht es offenbar um den freien Vortrag eines – in der Gedankenführung – detailliert vorbereiteten Textes (Quintilian). Das berühmte Beispiel des imaginierten Gebäudes, das man gemächlich durchschreiten kann, nachdem man in jedem Raum gedanklich bestimmte Themen bildhaft deponiert hat: man ruft sie der Reihe nach ab. Es ist eine effektive Gedächtnishilfe.

Cicero gegen Catilina (Wiki hier)

Der scheinbar neue Gedanke, den Kleist einem Freund per Brief entwickelt, wird bei Wikipedia folgendermaßen wiedergegeben, nämlich:

Probleme, denen er durch Meditation nicht beikommen kann, zu lösen, indem er mit anderen darüber spricht. Dabei ist nicht wichtig, dass dem Gegenüber die Materie bekannt ist, sondern der ausschlaggebende Punkt ist das eigene Reden über den Sachverhalt. Mit dieser Methode könne man sich selbst am besten belehren: „Die Idee kommt beim Sprechen“. Kleist selbst habe diese Idee gehabt, als er beim Brüten über eine algebraische Aufgabe nicht weiter kam, aber im Gespräch mit seiner Schwester darüber eine Lösung fand. Die bereits vorhandene „dunkle Vorstellung“ wird durch das Gespräch präzisiert, da man sich durch das Reden zwingt, dem Anfang auch ein Ende hinzuzufügen (also die Gedanken zu strukturieren). Zwar kann man einen Sachverhalt auch sich selbst vortragen, doch ist das Gegenüber insofern wichtig, als es dazu zwingt, strukturiert zu reden. Zudem kann es förderlich sein, wenn der Gesprächspartner zu erkennen gibt, dass er einen „halb ausgedrückten Gedanken schon […] begriffen“ habe – Kleist geht es also nicht um die Mäeutik im Sinne Sokrates’.

Sehr einleuchtend. So ähnlich hatte ich es auch in Erinnerung, als ich dem Essay jetzt in einem Reclambändchen wiederbegegnete und den Vorgang falsch gedeutet fand: als handle es sich um eine Art Improvisation. Schon der Ansatz schien mir verfehlt, da es doch insgesamt um die Praxis des Gespräches gehen soll. Jeder weiß, dass zumindest ein gutes Gespräch unter Freunden nicht nach einem geschriebenen Leitfaden abläuft, es sei denn, das Gespräch findet vor Publikum statt und soll dicht an der vorgegebenen (!) Thematik bleiben. Aber auch ohne einen solchen Leitfaden wird man nicht von „Improvisation“ sprechen, wenn etwa Freunde einander erzählen, was ihnen so einfällt – in Rede und Gegenrede. Sprechend und zuhörend. Es ist dabei ganz selbstverständlich, dass sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, einander zuhören, emotionale Interjektionen einfügen („Ach!“ und „Oh!“), sich sogar ins Wort fallen („eh ichs vergesse“), unterbrechen, das Thema wechseln, assoziieren, ausschweifen, lachend zur Rückkehr mahnen („komm bitte zur Sache!“): es handelt sich keineswegs um eine Reihe von (Solo-) Improvisationen, sondern eben um ein normales Gespräch, und das sollte kein Theater sein, natürlich auch keine Talkshow. Erst wenn einer sich produziert, sich vorführt, in den Vordergrund drängt, könnte man von einer (unerbetenen) Improvisation reden. Aber weshalb diese Unschärfe der Begriffe, wenn am Text ausdrücklich ein Philosoph beteiligt ist? Er sollte dafür sorgen, dass der Begriff „Begriff“ nicht nach Belieben seinen Bedeutungsumfang verändert. Selbstverständich gibt es verschiedene Typen und „Stilhöhen“ des Gesprächs, das Telefonat, das Dienstgespräch, die Diskussion, das Steitgespräch usw. (siehe Wikipedia hier). – Kurz: das Wort Improvisation, das letztlich sein Prestige aus der Musik erhalten hat, ist in seiner Allgemeinheit relativ ungeeignet, menschliches Normalverhalten zu nobilitieren. Und bei Kleist handelt es sich offensichtlich um eine „Idee“, die jederzeit auftreten kann, auch beim Spazierengehen im Wald; sie kann beim Zwiegespräch vielleicht eher stimuliert werden und besonders willkommen sein. Der wesentliche Vorgang besteht aber darin, dass man durch das Gegenüber veranlasst wird, „die Gedanken zu strukturieren“, ein Kontinuum zu schaffen, in dem gewiss auch ein punktueller Einfall inszeniert werden kann oder beiläufig eingeflochten wird, was gerade den Charme ausmacht. Aber nicht der Geistesblitz, sondern das weiter“plätschernde“ Gespräch ist atmosphärisch die Hauptsache, was nicht despektierlich gemeint ist: Es ist nicht konfus, sondern hat – bei aller Leichtfüßigkeit – Hand und Fuß.

Fachgespräch: Seymour Bernstein – Ben Laude Fachgespräch: Rubinstein – Neuhaus

Fotos: Screenshot JR Youtube Bernstein/Laude „Chopin & Pedagogy“ / Astrid Schmidt-Neuhaus: Heinrich Neuhaus, Die Kunst des Klavierspiels, edition gerig Köln 1967 (Seite 6c)

Der Hauptfaktor, der das vielbeschworene „Köln Concert“ zu einem Paradigma gemacht hat, ist nicht dieses oder jenes Thema oder Motiv, sondern die Tatsache, dass ein sinnvolles großes Kontinuum geschaffen wurde, wie es im Jazz bis dahin vielleicht noch nicht existierte. Es war ja auch kein Gespräch, sondern allenfalls eine freie Rede am Klavier.

Berühmt wurde das Paradigma vom Streichquartett als  Gespräch unter vernünftigen Leuten (Goethe). Sie reden nicht durcheinander, sondern in wechselnden Rollen, wobei das Zuhören eben auch tönt. Selbst das Durcheinanderreden könnte eine dramatisierende musikalische Funktion haben. Andererseits gibt es auch die Erfahrung, dass dem einzelnen Spaziergänger gar keine vernünftige Gedankenfolge durch den Kopf geht, sondern ein kopfloses Gewirr wiederkehrender Bilder und Phrasen, ein obstinates Mühlrad. Und erst das Gegenüber schafft den grundierenden Ernst, der verhindert, dass man nur herumalbert, eine Improvisation könnte von A bis Z aus Spiel bestehen, und das Publikum hätte seinen Spaß. Aber im Gespräch zu zweit muss man sich – bei aller Unterhaltung – gegenseitig ernst nehmen.

Man lese nach dieser improvisierten Vorbereitung die Zusammenfassung des Kleistschen Gedankengangs in Wikipedia HIER . Danach die folgenden, von mir etwas ratlos mit dem Stift durchpflügten Buchseiten:

 

Den Originaltext von Kleist findet man im „Projekt Gutenberg“ , nämlich  hier

Tatsächlich steht nirgendwo ein Wort oder ein Vorgang, aus dem sinngleich ein „Improvisieren“  oder „aus dem Stegreif reden“ abzuleiten wäre – vielleicht am ehesten der Ratschlag, einfach mal „draufloszureden“. Man könnte auch sagen: den erstbesten Einfall, der sich aus der unvorhergesehenen Situation ergibt, beim Schopf zu fassen. Wenn man Glück hat, kann man daraus etwas machen. Der quasi öffentliche Druck, der zur sofortigen Reaktion zwingt, sorgt für ein Gewicht in der Aussage. Jeder weiß, dass es danebengehen kann, man kann ins Stottern kommen, sich verhaspeln und blamieren. Man erinnert sich aber nur, wenn es gelingt. Anders als geplant, aber man muss ja mit den Folgen leben. Unter Umständen kann man den vielleicht in der Not gewählten unverschämten (?) Ausdruck nachträglich überzeugend als bewusst und gezielt gewählt interpretieren.

Wenn man sich einmal geärgert hat, wie bei einem einsamen Spaziergang die Gedanken sich im Kreise drehen, „als gehe ein Mühlrad im Kopf herum“, und man sehnt sich danach, mit einer anderen Person ein Gespräch zu führen, das aus Reden und Reagieren besteht: man hält sich schon aus Respekt an einen Gesprächsfaden. Dann versteht man auch, weshalb die indischen Weisheitslehren uns raten, Konzentration zu üben, indem wir die Aufmerksamkeit auf eine einzige Sache, ein Ding, ein Wort richten und nichts anderes hereinlassen. Das berühmte „OM“ zum Beispiel. Oder einen Krug, eine Blume, eine Ganesha-Figur. Das wäre in Ordnung, zumal ich vielleicht nicht zum Beten aufgelegt bin: Konzentration hat Wert.

Zu den Menschen aber, von denen ich am wenigsten einen persönlichen Rat annehmen würde, so sehr ich sie aus anderen Gründen schätze, gehören Rousseau und Kleist. (Der eine hat den schärfsten Denker der Geschichte zutiefst beeindruckt, ich meine Kant, den der andere so gründlich missverstand, dass er – wie behauptet wurde – nur noch im Freitod eine Lösung sah.)

Jedenfalls war es nicht Kleist, der sich durch die Klarheit des philosophischen Gedankens profilierte, wie etwa Schiller. Sondern durch geschriebene Texte. Und dieser eine Text über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden ist kein Teil einer kontinuierlichen lebenslangen philosophischen Arbeit, ebensowenig wie der Text über das Marionettentheater. Es sind halt gute Einfälle, Gesprächsthemen. . .  Ein Lieblingsthema war für Kleist auch das rechte Deklamieren seiner Texte, er war selten zufrieden und

„fand es unverzeihlich, daß man so wenig tue und jeder, der die Buchstaben kenne, sich einbilde, auch lesen zu können, da es doch ebenso viel Kunst erfordere, ein Gedicht zu lesen, als zu singen, und erhegte daher den Gedanken, ob man nicht, wie bei der Musik, durch Zeichen auch einem Gedichte den Vortrag andeuten könne. Er machte sogar selbst den Versuch, schrieb einzelne Strophen eines Gedichtes auf, unter welche er die Zeichen setzte, die das Heben, Tragen, Sinkenlasse der Stimme usw. andeuteten, und ließ es von den Damen lesen.“

Vonwegen: Improvisation! Der Vortrag war auch sein eigenes Problem, des öfteren ist sogar von Stottern die Rede…

Gern las er seine Werke den Freunden vor, und Frau [Hedwig] von Olfers, die Tochter Staegemanns, erinnert sich noch, »Penthesilea« und den »Prinzen von Homburg« von ihm gehört zu haben: er begann meist zaghaft, fast stotternd, und erst allmählich ward sein Vortrag freier und feuriger.

Quelle Dichter lesen / Von Gellert bis Liliencron / Marbach am Neckar 1984 / ISBN 3-7681-9978-9 / Seite 144 u. 147

Was las ich doch da oben noch? Kleist und die französische Salonkultur? Das ist wohl nur so improvisiert, belegt ist dagegen etwa folgendes:

Aus Paris schreibt Kleist am 28./29. Juli 1801, überfordert und enttäuscht von der riesigen, unpersönlichen Stadt, den so genannten Bekenntnisbrief an Adolphine von Werdeck, eine Freundin der Familie. Er ist entsetzt über die empfundene Kälte in den Beziehungen der Menschen und beklagt die Jagd nach Genuss und Vergnügen. Die Pariser Großstadtwelt mit ihren hohen Häusern, stinkenden Straßen und verschmutzen Gassen ekelt ihn an. Die Einwohner erscheinen ihm als ein Haufen von lauten, hastenden und rücksichtslosen Individuen. Die Entfremdung droht in eine persönliche Krise zu münden. Nur an der ausgestellten Kunst und dem Marmor des Louvre kann er sich „erwärmen“.

Quelle Anke Klare: Kleist in Paris  hier

Über die Salonkultur in Berlin gibt es eine fabelhafte Dissertation, aus der man schon in der Internet-Vorschau soviel Wissenswertes entnehmen kann, dass man äußerst vorsichtig wird mit abwertenden oder verkürzenden Urteilen: siehe Petra Wilhelmy Der Berliner Salon im 19. Jahhundert: 1780 -1914 hier.

Bevor wir den Blick auf die Musik richten, noch einmal der Kleist-Text: hier Max-Planck-Gesellschaft hier

Manche Deutungen des Textes beziehen ihre Faszination aus den vagen Vorstellungen, die man beim Musikhören gesammelt hat: da blieb es nie bei einer 5-Sekunden-Formel, sondern man erlebte etwas durch deren Fortspinnung, Wiederkehr, erneute Fortspinnung, veränderte Wiederkehr usw., diese Dauer ist wesentlich, und die unleugbare Wirkung von Bagatellen hängt damit zusammen, dass ihnen eine übertriebene „Sprengkraft“ zugeschrieben wird. Niemals würde man nach einem Konzert von 10 Minuten zufrieden nach Hause gehen, mit der Versicherung, dass der Komponist oder der Improvisator bekannt dafür sei, dass er mit einem Tonhauch die Welt aus den Angeln zu heben vermag. Trotz Schönbergs Vorrede zu Anton Webern. Wer improvisieren kann, muss es durch eine gewisse Dauer der Vorführung beweisen, nicht gleich sein Pulver verschießen. Es hat seinen guten Grund gehabt, dass Bach – ein Wundermann der Improvisation – sich weigerte, ein kompliziertes Thema aus dem Stegreif  für den preußischen König in eine 6-stimmige Fuge umzusetzen. Das Ansinnen war peinlich dilettantisch.

Man kann davon ausgehen, dass Beethoven große sonatenhafte Sätze bei guter Laune auch öffentlich improvisiert hat. Es gibt Beispiele, die er Fantasie genannt hat, er hat bekanntlich auch schriftlich ausgearbeitete Sätze „quasi una fantasia“ überschrieben. Dilettantisch war die Annahme, dass eine solche Improvisation für immer verloren war. Beethoven war ja nicht in Trance, er wusste, was er tat und konnte es zweimal nacheinander, in quasi identischer Form. Es wird auch einiges Formelwesen darin gewesen sein, geübte Techniken, samt Überschreitung jedes formelhaften Wesens. Man hat über dieses Vermögen nachgedacht, z.B. Paul Bekker (1911) und August Halm (1927), die hier beide zitiert seien. Und dem ist nichts hinzuzufügen.

Beethoven als Improvisator:

       

Quelle Paul Bekker: Beethoven / Verlag Schuster & Loeffler Berlin 1911

Quelle August Halm: Beethoven / Berlin 1927 / Reprint: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1976

Die folgende Karikatur hat Überleitungsfunktion und soll nicht etwa Beethoven in Frage stellen:

  mehr über Cham hier

Wer war eigentlich Anton Kuh? Ich habe von ihm zum ersten Mal durch den Kollegen Rainer Peters erfahren, der über den ganzen Wiener Umkreis der frühen Moderne schier alles wusste. Aber damals war es noch nicht so, dass man nach Hause kam und alles am PC recherchieren konnte, was einen neugierig gemacht hatte. So wusste ich über Jahrzehnte über diesen großen Improvisator eigentlich nur, dass seine Kunst irgendwas mit Karl Kraus zu tun hatte, dessen Buch über „Die Sprache“ ich seit August 1966 besaß und im Gespräch mit meinem kleinen Sohn nicht aus den Händen legte.

(Foto)

https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Kuh hier

Ich erwähnte schon die „Bagatellen“ in der Musik, man könnte sie vielleicht in die Nähe der Aphorismen bringen, über deren Sammlung Anton Kuh 1922 anmerkte:

Die vorliegenden Aphorismen haben den Vorzug, keine zu sein. Da sie sich gegen die Sprache als Formschutz der Lüge und Kristallschliff der Eitelkeit richten, ist die Ungeschliffenheit ihre halbe Parole. Man betrachte sie im übrigen als Anfangs-, End- oder Mittelsätze von Essays, die der geneigte Leser nach Intelligenz und Neigung hiemit zu schreiben aufgefordert wird. Entstammen sie doch entgegen dem Brauch weder der Aufpeitschung des Gehirns zum Zweck ihrer Abfassung, noch intensiver Schreibtischfeilung, sondern der jahrelangen, konsequenten Faulheit ihres Autors, Bücher zu schreiben.

Quelle Anton Kuh: Von Goethe abwärts. Essays in Aussprüchen, Leipzig-Wien-Zürich, E.P.Tal & Co. 1922 / online siehe hier

Gegen Ende der Sammlung steht ein Ausspruch, der besonders gut zum Verfahren des Autors Anton Kuh selbst passt:

Die Wenigsten wissen, daß auch das Nichtschreiben die Frucht langer und mühseliger Arbeit ist.

Die Stegreif-Rede vom 25. Oktober 1925 „Der Affe Zarathustras“  hier einfacher (als pdf): hier

Vielleicht fragen Sie am Ende: was ist denn das für eine Rede, ist sie wirklich von Nietzsche? Oder ist es eine Parodie? Erfunden von Anton Kuh, Nietzsche in den Mund gelegt? Seite 49, da beginnt es mit den Worten:

Friedrich Nietzsche nämlich hat einst in einer Nacht eine
Vision
gehabt: Kraus ist ihm erschienen. Nicht bloß als Person.
Kraus mit seinem „Fackel“-Deutsch, wie er leibt, ohne zu
leben!
Und nun hören Sie zu und versuchen Sie, nicht davon
erschüttert zu sein, was Nietzsche, Krausens Nietzsche-Angriff
ahnend, über Kraus und Wien schrieb. Die große Stadt, die
hier vorkommt, ist Wien. Wer Kraus ist, werden Sie erraten.
Jetzt geben Sie genau acht (liest):

(liest) steht da… er hat sich Geschriebenes mitgebracht. Und er liest es vor:

Man kennt es heute nicht mehr. Die Ausgabe von 1930. Meine Mutter (*1913) hat es wohl als Schülerin erstanden, sie schenkte es mir, und dann hat es sich jemand angeeignet, mit dem ich noch nicht gerechnet hatte.

Entdeckungsreisen im Alten Amerika

Zwei unglaubliche Sammlungen und die hörbare Musik

Das Ehepaar Achim und Heinke Steingrüber, die Musikethnologin Ellen Hickmann sowie Dieter und Evamaria Freudenberg aus den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Im Haus der Sammler:

Prof. Steingrüber ist mit jedem Stück verbunden.

Ellen Hickmann Wiki hier

Was für mich einer Erleuchtung gleichkam, jedenfalls beinahe, war die Einsicht, dass sozusagen alle „Henkelgefäße“, diese besonders schönen plastischen Formen, Musikinstrumente sind, deren Funktionsweise allerdings im Detail noch nicht restlos geklärt ist. Aber es geht einem mit der lebendigen Musik oft auch nicht anders, man versteht sie nicht, schlimmer: sie scheint „falsch“ zu klingen. Und das sagt jemand, der nicht einmal die Sprache versteht, in der verständig über sie gesprochen wird. Siehe folgendes Beispiel. Ein Riesenschritt war für mich getan, als ich an die Stelle kam, wo der Geiger und die Sängerin das gleiche Stück vortragen, siehe unten das Youtube-Video ab 9:36. Es kann nur richtig sein, man erkennt ja den „Urtext“ der Melodie und muss jetzt üben, als dritte(r) im Bunde mitzuschwingen, innerlich mitzusingen, ohne Vorbehalt. Es ist genau so richtig wie jede Skulptur aus Stein oder Ton. Oder Tönen.

Máximo Damián – ein Geiger aus Peru, sein Leben bei Wikipedia hier

Noch einige Bilder aus dem Leben dort drüben. Kennen Sie auch diese Melodie? s.a. Huaino.

Völlig verrückt finde ich, dass auf der folgenden CD, an deren Zusammenstellung und Herausgabe ich selbst mitgewirkt habe (oder vielmehr meine Mitarbeiter/in?), unter Track 16 und 17 – – – wer zu finden ist??? Es sind allerdings die Tracks, die nicht der WDR produziert hat, sondern die von World Network einbezogen wurden. Ich habe sie einfach nicht zur Kenntnis genommen. Vielleicht, weil ich gerade mit indischer Violine beschäftigt war?

Trackliste mit Aufnahmedaten: WDR 1982, 1984, 1986, 1987, Susana Baca – Longlist 1-2022 Preis der Deutschen Schallplattenkritik hier und hier

Man kann das, was ich eben geäußert habe, auch ganz anders sehen: innerhalb eines harmonisch-melodisch einheitlichen Kontextes („Matinee der Liedersänger“) ist es unmöglich, einer so archaisch-traditionell geprägten Musik adäquat zu begegnen, bestenfalls blendet man sie aus oder lässt sie „im Vertrauen auf bessere Zeiten“ vorübergehen. – In meinen Anfängen hatte ich die schöne Aufgabe, einen Konzert-Mitschnitt mit dem Polizei-Blasorchester am Kölner Tanzbrunnen zu betreuen, und mein verehrter Vorgänger Dr. Alfred Krings hatte zur „pädagogisch wertvollen“ Bedingung gemacht, dass mitten in dieses Populär-Programm eine Viertelstunde dem Balladensänger Claude Flagel mit seiner Drehleier gewidmet wurde. Ich ging im Publikum herum und hörte Äußerungen wie: „Der macht uns die ganze Stimmung kaputt!“ Da hilft keine Musikwissenschaft. Im Gesamtprogramm eines Festivals jedoch kann man starke Gegensätze nebeneinanderstellen, wenn nur jeder Beitrag auf seine Weise authentisch ist.

Besuch im Haus der Sammler (JR 7.10.2021)

Moche-Kultur und das fernere Umfeld:

Herzlichen Dank an die Gastgeber! Dank auch an Wilfried Schaus-Sahm (betr. Máximo Damián).

Die Quellen

Hans-Joachim Steingrüber und Heinke Steingrüber: Auf der Suche nach dem Alten Amerika / edition indígena Düsseldorf 2020 / Vertrieb Galerie Alt-Amerika Ulrich Hoffmann www.alt-amerika.de

Ellen Hickmann: Klänge Altamerikas / Musikinstrumente in Kunst und Kult / Herausgegeben von Dieter und Evamaria Freudenberg und den Reiss-Engelhorn-Museen / Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008 / ISBN 978-3-534-21323-8

Zur weiteren Recherche:

Wikipedia über Gefäßflöten hier

Moche-Kultur hier –  Umfassende Vorträge (Bildberichte) zum Forschungsstand:

Tales of the Moche Kings and Queens: Elite Burials from the North Coast of Peru hier

Warfare & Human Sacrifice Moche World: New Discoveries and Continuing Debates hier

Kapitalismus in aller Kürze

Heute in der ZEIT und noch kürzer

Aus Copyright-Gründen gebe ich nur diesen Appetizer für einen Artikel von Yannick Ramsel in der ZEIT 13. Januar 2022 Seite 38.

Unschlüssig, welches von den 2 Staab-Büchern ich kaufen sollte, bin ich auf die folgende Kurzfassung gestoßen:

Friedrich Ebert Stiftung

Empfehlenswert! An Ort und Stelle nachzulesen: HIER

Von der Eigenart fremder Völker

Warum nicht BBC hören?

 

Nein, nicht nur hören, man muss es hören, sehen und fühlen, aber eine Radiosendung kann der Anfang sein. Oder ein Konzert, eine Live-Veranstaltung, ein Besuch in Madagaskar, wenn man noch einigermaßen bei Kräften ist. Und nie mehr über Bogenführung meckern will!

Ich bin einstweilen ganz glücklich über diesen Sender bzw. über das Angebot dieses Senders, das so leicht abrufbar ist:

Unzählige „Episoden“, abrufbar hier. Ich wähle gerade diese Seiten, weil mein Freund Hans sich dort befindet, es ist seine Lieblingsregion in Ägypten. Er hätte Simon Broughton dort begegnen können, wenn er sich für den Besuch britischer Musikethnologen brennend interessierte, er lebt aber dort wie ein Einheimischer. Und manchmal reist er selbst durchs Land, neugierig wie ein Fremder: siehe hier. Oder er fährt nach Kairo, um die Literaturszene dort zu studieren.

Ansonsten habe ich bei BBC mit den Madagaskar-Sendungen angefangen, weil ein anderer Freund und ehemaliger Kollege, mit dem ich im WDR – Tür an Tür – fast 30 Jahre zusammengearbeitet habe, mir gestern eine Mail geschrieben hat:

Wir schauen uns gerade ein youtube-Video an, zu dem uns Jenny einen Link geschickt hat: traditionelles Reisbauern-Musiktheater aus dem madegassischen Hochland. Vor ziemlich genau zehn Jahren hatten wir da eine Coproduktion mit dem Theater an der Ruhr – das war und bleibt für mich eins der eindrücklichsten Erlebnisse meiner ganzen Berufszeit.
Ich hab jetzt sofort an Dich gedacht: vor allem wegen der Geiger… ;-).
Wenn Du also mal Lust auf ‚großes Theater‘ hast: gönn‘ Dir dieses unterhaltsam-erbaulich-belehrende Volksbildungswerk aus Volkes eigenem Mund.

 

Ja, und das habe ich gern getan und empfehle es auch denen, die zufällig in diesen Blogbeitrag geraten sind. Aber nicht ohne sich vielleicht etwas kundig zu machen. Bei Wikipedia zum Beispiel allgemein über Madagaskar, wobei ich zu meinem Verdruss bemerke, dass dort unter „Kultur“ nicht die Musik hervorgehoben wird, sondern ausschließlich – Sport. Daher sollte man, sofern man der englischen Sprache einigermaßen mächtig ist, unbedingt mit den BBC-Sendungen beginnen. Oder auch zunächst – in französisch – eine nationale Original-Notiz über das Volksfest „Hira Gasy“ zur Kenntnis genommen haben: hier.

Und dann dies: hier (https://www.bbc.co.uk/programmes/b00pky51)

  also: mit Lucy Duran, Justin Vali und Paddy Bush.

Ich vergaß hervorzuheben, dass ich immer als erstes (oder zweites), das MGG neu (Die Musik in Geschichte und Gegenwart) konsultiere. Autor des Artikels in Sachteil Bd.5 (1996): August Schmidhofer, – mit Staunen sehe ich im Link, wieviel Forschungsreisen er noch nach 1996 in Madagaskar, Malawi, Mosambik und Uganda durchgeführt hat. Wie mag sein heutiger Wissensstand sein?

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Heute entdecke ich die Dissertation, deren frühere Version ich studieren durfte, – wann, weiß ich nicht mehr, habe gerade erst die fabelhafte Endversion von 2010 im Internet entdeckt: hier. Von damals stammt die folgende „Original-Seite“, die ich mir wegen der Violinhaltung vorgemerkt habe. Jetzt finde ich die lebendigste Illustrierung jederzeit auf Youtube (s.u.). Und ich traue meinen Augen nicht, da ist schon die Rede von „Hira Gasy Violin Players“, wovon ich  damals und bis heute keine Ahnung hatte. Obwohl wir im WDR schon Konzerte mit madegassischen Ensembles veranstaltet haben, als Jenny noch als hochbegabtes Kind in Lohmar lebte… Und als sie glaube ich noch studierte, haben wir zum ersten Mal zusammengearbeitete: ohne ihre gründliche Übersetzungsarbeit hätte die Sendung über Johnny Clegg am 13. April 2006 niemals fertiggestellt werden können, und diese Sendung beruhte auf einem Interview, das im Frühling 1981 in meinem Garten stattgefunden hatte.

Skript vor 2010

WDR Sendung 2006 Zitat:

Es war im Frühling 1981, als Kevin Volans uns besuchte, der Komponist aus Südafrika. Damals war er noch völlig unbekannt, eine CD des Kronos Quartets, „White man sleeps“, hat später seinen Namen schlagartig in der ganzen Welt zu einem Begriff gemacht. Heute kann er damit rechen, dass sein neues Klavierkonzert in Los Angeles von Marc-André Hamelin uraufgeführt wird. Damals war Frühling, wir blickten von der Terrasse auf den Waldrand, der Zulu-Musiker Sipho Mchunu hockte am Hang unter der alten Eiche, an deren Stamm ein Haufen Steine angeschüttet worden war; und er prüfte jeden einzelnen Kiesel: er glaubte an die Kraft dieser Steine und wollte ein paar erlesene Stücke daheim in die Mauern seines Hauses einfügen.

Ende der Sendung:

Auch unsere Sendung geht zuende: ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit, und wenn Sie wissen wollen, was aus Johnny Clegg geworden ist: er hat ja danach eine erfolgreiche Karriere als Rockmusiker begonnen, alle Stationen sind auf seiner Web-Seite nachzulesen. Und Kevin Volans gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Komponisten der Neuen Musik. Sipho Mchunu ist in seine Heimat zurückgekehrt, Ladysmith Black Mambazo macht nach wie vor erfolgreiche Tourneen. Alle Webseiten-Angaben bekommen Sie über unserer Hörertelefon, notfalls auch über meine eigene Webseite. Das Hörertelefon gibt Anregungen, Lob und Kritik an uns weiter, wir interessieren uns sehr dafür.
Für Anregung und Mithilfe bei dieser Sendung danke ich Jenny Fuhr (Niederschrift des 2stündigen Volans-Clegg-Interviews).
Für die Technik sorgte Alexander Hardt (Studio Rheinklang Köln).
Eine Musikliste wird gerade von unserer Produktionsassistentin Sarah Brasack zusammengestellt.
Am Mikrofon verabschiedet sich J.R. (Wortende bei 111:30)
(Vogelstimmen hoch, eine Hummel umfliegt das Mikro)

Ich konnte nicht widerstehen, diese Erinnerungen einzuflechten bzw. anzudeuten: unfassbar, solche Zeitspannen, und ich kann hier, wo ich sitze, aus dem Fenster schauen, dorthin, wo damals die alte Eiche stand, die jetzt der Länge nach am Boden liegt. Ein Denkmal ihrer selbst. Johnny Clegg lebt nicht mehr, s.a. Sipho Mchunu’s Gedenken hier, in der Wikipedia-Biographie wird der WDR genannt: hier. Auch dies: 1978 The Cologne Zulu Festival (1992). Darüber bin ich glücklich. Und heute auch über dieses unverhoffte Video, ein Festival namens Hira Gasy.

Was mir jetzt am Herzen lag: mich in wenigen Tage vertrauter zu machen mit der Eigenart eines Volkes, dessen Musik mich bei jeder Begegnung aufs neue begeistert hat, sogar eine CD ist auf der Grundlage von WDR-Veranstaltungen herausgebracht worden. Birger Gesthuisen produzierte Mitte der 90er Jahre eine wunderbare Serie:

Und eines Tages kam auch Jenny Fuhr mit Konzert-Reminiszenzen, allerhand musikalischem Gepäck und vielen neuen Ideen aus Madagaskar zurück:

Jetzt aber hätte ich eine neue Ebene der kulturellen Begegnung erleben können, Madagaskar hier und heute: Jenny Fuhr und ihr Ehemann Erick Manana zum zweiten Mal in Solingen… in meiner Stadt, – das Kulturamt der Stadt Solingen also mit einem Weitblick sondergleichen, nicht etwa im Schlepptau des WDR, oder irgendwie anknüpfend an die in früheren Jahrzehnten in Köln, Düsseldorf oder Bielefeld eingeübten radiophonen Initiativen. Autonome Kulturarbeit! Und ich in privater, autonomer Vorfreude und von dem Willen beseelt, diese Musik nach so vielen Jahren auf eine neue Weise wahrzunehmen, aus nächster Nähe, nicht auf der großen Bühne, sondern in Wechselwirkung mit einem interessierten Publikum . . .

Screenshot

Leider wird nichts aus diesen Plänen: Corona hat zugeschlagen. Keine gesundheitspolitische Vorsichtsmaßnahme, nein, das Virus selbst ist schuld: das Konzert fällt krankheitsbedingt aus. Ein Trauerspiel! Die Musik aber soll Hoffnung machen auf einen unbeschwerten neuen Termin:

Gendern wird nichts ändern

Ist es erlaubt, inkorrekt zu sein?

Solinger Tageblatt 8. Januar 2022

Es ist natürlich nicht unsere Solinger Zeitung, die so regelkonform gendert, sondern höchstwahrscheinlich die Pressestelle der Düsseldorfer Tonhalle. Ich würde mich ohnehin nicht beschweren, ich stolpere nur, denke über Solingen und die Vorbildfunktion der nächstgelegenen Großstadt nach, eher wohlwollend auch über die zunehmende Zahl der Dirigentinnen im internationalen Kulturbusiness. Als ich kürzlich den Namen einer griechischen Dirigentin las, schloss ich messerscharf, dass sie womöglich im Schlepptau des männlichen Stars Currentzis aufgetaucht und/oder bemerkenswert hübsch sei. Selbstverständlich schäme ich mich dafür und würde das nie schriftlich von mir geben. Neulich habe ich allerdings in einer anderen Sache an das Tageblatt geschrieben und mich über den täglichen Abdruck von (zumeist alttestamentarischen) Bibelversen aus der copyrightgeschützten Sammlung der Herrnhuter Brüdergemeinde beschwert. Sie schienen (scheinen) mir wild zusammengewürfelt  und ohne jeden geistigen oder geistlichen Nährwert. Ich blieb ohne Antwort und schäme mich nun meiner versehentlich bekundeten Intoleranz. So muss ich höllisch aufpassen, wenn ich einen ZEIT-Artikel von Navid Kermani hervorhebe, der sich kritisch mit dem Gendern befasst und mit dem Koran beginnt. „Mann, Frau, völlig egal“, hier leider nur hinter Bezahlschranke zugänglich.

Ich habe gegoogelt, um einige  vielleicht abweichende Positionen kennenzulernen (Toleranzgebot). Zum Beispiel die folgende im Archiv des Deutschlandfunks, vorgetragen immerhin aus einer – so vermute ich – professionell gläubigen Perspektive hier. Ich hatte an sich den Verdacht, dass die Frauen in der betreffenden Sure nicht deswegen ausdrücklich benannt sind, weil Gerechtigkeit geübt wird, sondern gerade weil sie in der betreffenden Quelle als das andere Geschlecht thematisiert werden sollen. Ich recherchiere also im Gesamttext, durchaus unter Vorbehalt, da ich die Korrektheit der Übersetzungen nicht beurteilen kann. In jedem Fall werde ich dann vor allem den Artikel von Navid Kermani vorurteilslos studieren, zumal ich seine schöne, im Parlament vorgetragene Rede auf unser Grundgesetz gelesen und mir dieses spontan angeschafft habe (siehe hier). Jetzt schaue ich in meine (wissenschaftliche) Koran-Ausgabe, ohne zu prüfen, ob diese Ausgabe (Rudi Paret 1962) wirklich noch dem neuen theologischen Stand entspricht. Also: offen für alle Vorbehalte, es ist nur ein erster Leitfaden, der mir etwas über das Umfeld der Aussagen mitteilt. Die zu vergleichende Stelle beginnt bei Vers 35, aber schon vorher wurden „die Frauen“ gesondert angesprochen:

Vielleicht war ich wohl etwas voreilig, ich muss keine eigenen Interpretationen versuchen, Navid Kermani stellt selbst gegen Ende seines ZEIT-Artikels die Frage: „Aber verwirft nicht bereits der Koran das generische Maskulinum?“ und antwortet:

Nein, er ignoriert es in einem spezifischen Kontext zu einem bestimmten Zweck, in diesem und vielen anderen Versen, die von der feministischen Exegese deshalb zu Recht hervorgehoben werden. Soweit bekannt, ist der Koran der erste arabische Text überhaupt, der Frauen direkt anspricht, und die Überlieferung berichtet von männlichen Hörern, die deswegen überaus irritiert waren. In der Regel jedoch, also dort, wo das Geschlecht der Hörer nicht eigens herausgestellt werden soll, belässt es der Koran bei der männlichen Form. Anders gesagt: Wie in jeder Dichtung setzt der Bruch die Regel voraus.

Gut, wir – als Bürger, als Staatsbürger – können es dabei bewenden lassen. Zurück ins Hier und Heute, in die Argumente des ZEIT-Artikels! Kermani sagt einiges Bedenkenswertes über den komplexen Gottesbegriff in allen Religionen, über die Sprachwissenschaft, über biologische und psychische Wirklichkeit, die sich „aus unterschiedlichen und eben auch widersprüchlichen Elementen zusammensetzt“. Ich zitiere nur einen Ansatz, der die Kunst betrifft und den ich unbedingt herauslösen und in Erinnerung halten möchte:

Keine Sprache der Welt nennt jedes Mal alle Geschlechter, wenn von einer gemischten Personengruppe die Rede ist, das wäre für die Alltagssprache zu umständlich und für die Poesie zu sperrig. Das brauchen die Sprachen auch nicht, weil sie das Gesagte nicht eins zu eins codieren. Sie sind, so formuliert es der Sprachwissenschaftler Olav Hackstein, »tendenziell ökonomische Kommunikationssysteme«, die durch Implizitheit gekennzeichnet sind: Jeder Hörer versteht, was gemeint ist, obwohl es so eindeutig keineswegs gesagt ist. Sprache funktioniert also auch und gerade durch das, was nicht gesagt, aber von den Hörern mitgedacht wird. Um Eindeutigkeit herzustellen, ist ihr Zweck zu pragmatisch und sind ihre Mittel allzu begrenzt.

Neben allen sprachlichen und ästhetischen Gründen ist das auch der Grund, warum ich das Gendern nicht etwa als emanzipatorisch wahrnehme, sondern als eine geistige wie politische Regression. Geschlechtszuschreibungen gehen nicht in zwei, sie gehen aber auch nicht in 27 Kategorien auf. Zu meinen, man könne mittels der Sprache jederzeit jedem Angesprochenen gerecht werden, verkennt nicht nur ihr Wesen; er legt die Angesprochenen überhaupt erst fest auf eine Identität. Die Vielfalt, die Ambivalenz, die Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur und ihrer Wahrnehmung auszudrücken ist nicht Aufgabe unserer Alltagssprache, und schon gar nicht ist es die Aufgabe irgendeiner behördlichen oder akademischen Instanz – das ist Aufgabe und sogar Daseinszweck der Literatur, der Musik, der Kunst: eine Unmöglichkeit, die auf erstaunlichste Weise dennoch immer wieder gelingt. Ein Schriftsteller wie Proust vermag alle Schattierungen und Paradoxien menschlichen Begehrens auf einer einzigen Seite zu fassen. Kleist setzt Liebe und Hass in eins, Beckett findet für das Verstummen Worte, Simone Weil denkt bei Gott zugleich an das Nichts. Literatur breitet nicht lang und breit aus, was in der Alltagssprache bündig formuliert werden könnte. Im Gegenteil, sie schafft bewusst Lücken, durch die die Einbildungskraft des Lesers ins Werk gezogen wird.

Quelle DIE ZEIT 5. Januar 2022 Seite 46 / Mann, Frau, völlig egal Das generische Maskulinum wird immer seltener benutzt und verstanden, bald wird es ganz verschwunden sein. Das ist schade, denn es erlaubt sehr viel sprachliche Differenzierung. Seine Abschaffung wird die Gleichberechtigung keinen Schritt voranbringen. Von Navid Kermani.

P.S. Die Zeitungsnotiz zu Anfang dieses Blog-Artikels finde ich übrigens ganz in Ordnung, zumal sie mit der Genderfrage leichtfüßig umgeht. Wäre es noch besser, wenn das Foto eine Frau zeigen würde? Stünde dann auch drüber: Dirigentinnenporträt? Ich weiß von Komponistinnen, die auf keinen Fall bei expliziten Frauenfestivals gespielt werden wollen. Sie wollen unter dem generischen Maskulinum ernstgenommen werden, und gerade ohne dieses Faktum zum Thema machen zu wollen…

P.P.S. Zu dem FAZ-Artikel von Olav Hackstein finde ich im Moment keinen Link. Zur Sicherung zunächst nur diese Erinnerung: hier.