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Gibt es die Natur?

Der neue Ansatz

Man kennt vielleicht zur Genüge die Argumentation: die Natur ist doch nicht da draußen, ich selbst gehöre dazu, wir alle, – egal, wie wir uns abschirmen. Es beginnt mit der Subjekt-Objekt-Spaltung, aus der sich automatisch („natürlicherweise“) eine Distanzierung ergibt. Aus der Distanzierung (Abgrenzung) ergeben sich Feindbilder, aber auch verlockendes Neuland. Usw. usw., andererseits verwandelt sich alle Natur, mit der wir uns abgeben, – wohlgemerkt: ohne jeden Vorsatz, sie in gefühlloses Material zu verwandeln -, in Kultur. Es gibt also keinen Gegensatz zwischen Natur und Kultur? Was sagt die Philosophie? Aufs neue begegnet mir als Helfer Bruno Latour, wie damals, nachzulesen hier, und zwar im Gewand einer neuen (oder neu gestalteten) Zeitschrift der Philosophie. Beginnen wir doch damit, offen für alles zu sein, auch wenn es im Video daherkommt wie eine Werbekampagne, die irgendwie im Ansatz verfehlt erscheint, weil… weil… Philosophie doch irgendwie anders daherkommen sollte … nicht wie das modische Produkt eines garantiert jungen Teams … dabei gibt es viele Philosophen, die mindestens oder ungefähr so alt sind wie ich, Bruno Latour zum Beispiel, oder Alain Badiou, ganz zu schweigen von Jürgen Habermas.

Jedenfalls hat Bruno Latour in diesem Philosophie-Magazin Gelegenheit gehabt, seine Gedanken über das Anthropozän darzulegen, das manchen Anhängern einer romantischen Auffassung von der Allmutter Natur keine Freude machen wird. Und er bemüht dafür das Kunstwort „Nat/Cul“, das die unlösbare Verschränkung von Natur und Kultur akzeptiert oder sogar voraussetzt. Er bezieht sich auf die alte Gaia-Hypothese, die James Lovelock in den 70er Jahren entwickelt hat, und er distanziert sich zugleich davon.

ZITAT

Die Abkürzung „Nat/Cul“ steht für „Nature/Culture“. Mein Gedanke ist, dass wir ein anderes Konzept als das problematische Konzept der Natur brauchen. Wenn man sagt, dass ein Phänomen natürlich ist oder man „in der Natur“ ist, schließt man sich selbst aus, man zählt sich nicht selbst zur Natur. Erstes Problem. Andererseits geht man bei der Natur von einer Entität aus, die seit dem Big Bang vermeintlich unveränderlichen Gesetzen gehorcht; man wirft den Entwicklungszyklus der Raupe, die Wolkenbildung oder die Entstehung der Sterne in denselben Topf. Zweites Problem. Auf der einen Seite schließt die Natur also die Kultur aus. Auf der anderen Seite hat der Begriff den Anspruch, alle Phänomene zu vereinheitlichen, die seit 14 Milliarden Jahren an allen Orten des Universums stattgefunden haben, was zu viele Dinge über einen Kamm schert. Und dann wird der Naturbegriff oft politisch missbraucht, zum Beispiel wenn man sagt, dass Homosexualität widernatürlich sei oder dass es eine natürliche Ungleichheit zwischen den Rassen gäbe. Wir brauchen einen Begriff, der sowohl Natürliches als auch Menschliches bezeichnet: wie Nat/Cul. Mit diesem Wort können Sie das bezeichnen, was von der Natur oder von der Kultur abhängt oder von beidem. Nehmen wir den Fall einer außergewöhnlichen Dürre oder starker Regenfälle, die durch den Klimawandel verursacht wurden, also durch menschliche Aktivitäten. Ist das ein Naturphänomen? Nein! Ist es ein Kulturphänomen? Nein! Es ist typisch Nat/Cul.

Dementsprechend heißt es in dem Magazin, für den Philosophen sei die Natur kein Gegenstand, über den es zu verhandeln gälte, kein passives Etwas, das der Mensch sich zunutze macht. Warum, fragt Bruno Latour, sitzen eigentlich bei Klimakonferenzen nur Repräsentanten der Länder am Tisch und nicht Vertreter der Wälder, der Gewässer, der Gletscher? Er vertritt – im Anschluss an den Biophysiker James Lovelock – die sogenannte Gaia-Hypothese: Die Erde ist ein Lebewesen, mächtig und gebärend wie die Große Mutter der griechischen Mythologie. Latour fordert mithin nicht weniger, als dass der Mensch sein Verständnis der Natur radikal überdenke: Für den französischen Philosophen ist sie weder klar von der Kultur zu trennen, noch ist sie an sich gut, wie Umweltschützer gern glauben. Wie aber wäre dann mit ihr umzugehen? Ein Gespräch über eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.

Um nicht weiter abzuschreiben aus dem Artikel, der ja als Ganzes nachzulesen ist, nämlich hier, verweise ich lieber noch einmal auf das Buch von Emanuele Coccia, auch mich selbst aufrufend, da ich es ja mehrfach programmatisch behandelt habe. Um es ja nicht zu vergessen. Ich glaube, es hatte hier angefangen, hatte hier eine Fortsetzung gefunden, wurde hier einbezogen und kehrt hier assoziativ wieder. Und nun heute, während ich vordergründig Bruno Latour im Interview erlebe:

Philosophisch stelle ich den Gegensatz zwischen Natur und Kultur infrage. Gestatten Sie mir, konsequent zu sein und die politischen Schlüsse zu ziehen, die sich daraus zwingend ergeben: In meinen Augen ist es nicht normal, dass in der Politik nur die Menschen vertreten werden beziehungsweise die Kultur. Es braucht also außer einem Rat, der die Menschen vertritt, einen Rat, der die Nichtmenschen vertritt, zumal das Leben der einen aufs Engste mit dem Leben oder dem Zustand der anderen verknüpft ist! Um ein Parlament der Dinge einzusetzen, müsste man im Prinzip damit beginnen, die Gebiete zu kartografieren, die sich im Konflikt befinden, eine Aufgabe, für deren Umsetzung sich viele mit mir gemeinsam engagieren. Man muss also erkennen, welche entgegengesetzten Kräfte es gibt und welche Gebiete ihnen zugehören. Und dann die Sitzverteilung festlegen.

 Wie gesagt: aufzufinden HIER 

Zur Diskussion des technologischen Arguments:

Der Harvard-Professor David Keith schlägt vor, jedes Jahr 250 000 Tonnen Schwefelsäure in der oberen Atmosphäre zu versprühen, um das Klima für das gesamte 21. Jahrhundert zu stabilisieren.

Wir können die Nebenwirkungen solcher Operationen nicht vorhersehen. Aber das Schlimmste ist: Geo-Engineering gibt der Industrie und der Politik Argumente dafür, nichts verändern zu müssen. Verschmutzen wir die Umwelt ruhig weiter und stoßen Treibhausgase aus, Business as usual! Denn die Technik hat am Ende eine Lösung. Ich halte das für eine Strategie, um uns nicht die richtigen Fragen stellen zu müssen, nämlich solche, die uns zu Veränderungen in der Energiepolitik oder in unserer Art des Konsums führen könnten.

 Foto ZDF / Link zum Anklicken folgt:

Achtung: zum eben angerissenen Thema (Mehr Technologie statt Umkehr) sollte man auch einen Vertreter des Managements hören, der hinreißend spricht; gerade der Widerstand kann davon lernen: siehe LANZ ZDF am 24. September (Frank Thelen und Anja Kohl) HIER ab 36:50 (wenn es um Greta Thunberg geht – und um technische Innovationen).

Solastalgie

Trostlosigkeit

Ich weiß nicht, warum dies Wort erfunden wurde, und weiß auch nicht, ob Bruno Latour es so verstanden hat, wie der Erfinder Glenn Albrecht es gemeint hat. Das lateinische Solacium bedeutet Trost oder Trostmittel; Solastalgie wäre dann vielleicht die Krankheit, sich aller Trostmittel beraubt zu fühlen, so jedenfalls meine Deutung, und so würde ich beschreiben, was ich (manchmal) fühle. Obwohl ich auch an „Sol“ denke, vielleicht weil Bruno Latour aus einer Winzerfamilie in Beaune stammt, wo man etwas vom Boden versteht, auf dem die Reben wachsen, den Rest besorgt le soleil, die Sonne. „Heimat. Was bedeutet sie heute? “ so die Schlagzeile. Aber schon der Untertitel signalisiert, dass es nicht um Regionales geht: „Der Planet rebelliert. Der Boden unter unseren Füßen schwindet.“

ZITAT Bruno Latour:

Wenn die Frage nach der Heimat überall, nicht nur in Deutschland, wieder zurückkehrt, dann offensichtlich deshalb, weil wir alle, aus welchem Land wir auch stammen, eine allgemeine Krise des Verlustes unseres Selbst und unseres Grund und Bodens erleben. Es ist dieses Gefühl der Verlassenheit, das der Psychiater Glenn Albrecht auf den Namen Solastalgie getauft hat. Die Nostalgie ist ein universelles und altersloses Gefühl, das uns angesichts der Erinnerung an eine entschwundene Vergangenheit zum Lachen oder zum Weinen bringt. Um es aber mit dem witzigen Titel von Simone Signorets Autobiografie zu sagen: Die Nostalgie ist auch nicht mehr, was sie mal war. Es ist nicht mehr eine für immer verlorene Vergangenheit, die uns vor Elend zum Weinen bringt, sondern der Erdboden, der vor unseren Augen verschwindet, was uns nach und nach unserer Existenzgrundlagen beraubt. Solastalgie heißt, Heimweh zu haben, ohne ausgewandert zu sein, also Heimweh daheim. Dies ist der radikalste Effekt der neuen klimatischen Verhältnisse: Die Klimakrise, das allgemeine Artensterben, das Sterilwerden der Landschaften macht uns verrückt.

Quelle DIE ZEIT 14. März 2019 Seite 40 f Heimat. Was bedeutet sie heute? Rede: Der Planet rebelliert. Der Boden unter unseren Füßen schwindet. Von Bruno Latour.

Als Gegenrede folgt Seite 41 Zugehörigkeit braucht Grenzen. Von Mark Lilla.

Ich kann ebensowenig erkennen, dass die Rede von der Gegenrede in Frage gestellt wird, wie umgekehrt. Mark Lilla sagt:

Gibt es den geringsten Grund für die Annahme, die heutige Welle der Globalisierung sei in irgendeiner Weise destabilisierender oder beunruhigender als früher? Oder für die Annahme, dass wir uns nicht letztlich daran anpassen würden, wieder in einer stärker nomadisch geprägten Welt zu leben? Ja, gibt es, und Bruno Latour erinnert uns an einen entscheidenden: die durch menschliche Aktivitäten verursachte Umweltzerstörung in globalem Maßstab. Der Klimawandel wird jedes Gelobte Land heimsuchen, das wir uns je vorstellen können.

Ein weiterer Grund ist die Geschwindigkeit, mit der Kapital und Arbeit heute verlagert werden. Der Niedergang antiker Städte vollzog sich über Jahrhunderte, der meiner Heimatstadt Detroit über zwanzig Jahre. So schnell passt sich unser Orts- und Heimatgefühl nicht an. Der wichtigste Grund aber, warum wir unglückliche Nomaden sind, besteht in unserem Wissen, dass wir nirgendwo mehr hingehen und von vorne anfangen können, befreit von den globalen Dynamiken, die unsere Gegenwart bestimmen.Wir verlieren unser ‚Hinterland‘, l’arrière pays, wie es der französische Dichter Yves Bonnefoy genannt hat – das ungesehene, aber angenommene Jenseits, das Menschen immer über sich hinausgetrieben hat, voller Hoffnung und Schrecken.

Insgesamt nachlesbar in DIE ZEIT online: HIER.

Ich halte mich einstweilen an ein Buch, das nicht in der Perspektive der Trostlosigkeit endet, – wie schon auf der Umschlaginnenseite angekündigt:

In dieser brisanten Situation gilt es, zuallererst, wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen und sich dann neu zu orientieren.

 ISBN 978-3-518-07362-9

 Inhaltsverzeichnis  Rechts oben das Motto für Nicht-Leser

Erläuterung für Noch-weniger-Leser: es stammt von Donald Trumps Schwiegersohn, zitiert von Sarah Vowell in „The danger of an incurious president“ in The New York Times (9. August 2017)

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Es gibt nur noch ein anderes Buch, dass ich an dieser Stelle zwischenschalten würde und ohnehin zur regelmäßigen Konsultation im Sichtbereich halte. Es enthält seltsamerweise Leerseiten, als hätte der Stoff nicht ganz für ein Buch gereicht. Etwas enger gedruckt hätte es vielleicht nur 100 Seiten umfasst, und meine selbstverordnete Pflichtlektüre umfasst letztlich 7 Kapitel, die man leicht in einem Zug durchlesen kann. Das Gegenteil aber würde ich raten: nämlich lange Denkpausen einzulegen (Pausen zum Nach-Denken ohne Buch), sagen wir: anstelle einer Morgen-Meditation. Und 7 Tage ergeben 1 Woche. Soviel Zeit muss sein.

Ich will das Buch nicht abbilden, es ist oft genug eine Fehlentscheidung, den Autor oder die Autorin aufs Titelblatt zu setzen und auf die Suggestion der individuellen Ausstrahlung zu bauen. Wer hat schon ein Gesicht, das zur Idee des Weltfriedens passt. Immanuel Kant etwa? Aber seine unbestechlichen, unbarmherzigen Ausführungen zum Weltfrieden stehen im Mittelpunkt aller Gedankengänge zur Globalisierung und laufen nicht auf einen treuherzigen Aufruf zur Gewaltlosigkeit hinaus, sondern auf das Prinzip Gewaltenteilung. So, dass „die unfriedlichen Gesinnungen in einem Volke [der Vielzahl aller Völker] in ein solches Verhältnis zueinander gebracht werden, dass sie, sich wechselseitig neutralisierend, zu einem Friedenszustand führen“.

Quelle Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2004 / Carl Hanser Verlag München Wien 2003

I Zunächst muss klar sein, dass es den Naturzustand der Menschen nicht gibt und auch nie gab. Der Mensch ist das „transzendierende Tier“. Er ist „von Natur aus auf Künstlichkeit, also auf Kultur und Zivilisation angewiesen.“ Das Problem: „Wie weit kann der Mensch sich mit seiner zweiten Natur – also der kulturellen – von der ersten Natur entfernen?“

II Wir leben in einem Zeitalter der Globalisierung, das heißt aber auch: „Es gibt seit der Atombombe eine globale Gemeinschaft der Bedrohung. Raketen erreichen jeden Punkt der Erde“. – „Das Ganze wirkt wie eine Naturkatastrophe globalen Ausmaßes, ist aber menschengemacht, wenngleich nicht geplant. (…) Die Prozesse sind im einzelnen rational und im Ganzen unvernünftig. Dabei ist für Öffentlichkeit gesorgt. Mit Hilfe der globalen Informationstechnologie kann man überall auf der Welt wissen, was überall auf der Welt geschieht.“

III Vom Globalismus handelt ein wichtiges Kapitel, denn angesichts der Globalisierungen entgeht einem leicht die Umdeutung in die globalistische Ideologie, die das Bild einer Weltgesellschaft erzeugt, „die einheitlicher erscheint als sie ist. Häufig wird die Tatsache verdrängt, daß in dem Maße, wie in bestimmten Regionen die Homogenität wächst, in anderen Regionen sich dramatische Prozesse der Abkopplung vom übrigen Weltgeschehen vollziehen.“ Das Phänomen der Ungleichzeitigkeiten ist allenthalben zu beobachten. „In Afrika zum Beispiel lösen sich Staaten auf in Tribalismus, in Bandenkriege; es gibt Refeudalisierung, Raubrittertum, die Seeräuber kehren zurück; unvorstellbare Armut und bestialische Überlebenskämpfe setzen gesellschaftliche Regeln außer Kraft. Das zivilisatorischen Minimum verschwindet.“ Der Globalismus wirkt auf die reale Bewegung zurück: „verhüllend, forcierend, lähmend, legitimierend“, – die Globalisierungsfalle: a) als Neoliberalismus. Ökonomie first! Entpflichtung des Kapitals, die Staaten konkurrieren um Arbeitsplätze und locken mit dem Abbau von Investitionshindernissen. Entfesselung des Marktes. b) Anti-Nationalismus (!), der gut scheint. „Aber an der anthropologischen Grundbedingung, daß Mobilität und Weltoffenheit durch Ortsfestigkeit ausbalanciert werden muß, ändert auch der anti-nationalistische Globalismus nichts.“ – „Es gehört die Bereitschaft dazu, sich ins Fremde verwickeln zu lassen. Weltläufig ist nur, wer durch den Reichtum von Welterfahrung verwandelt wurde.“  c) die Vorstellung „der Erde als globales Biotop“, im „erhabenen Ton“ auch als allgemeine Drohkulisse verwendet. „Nur Staaten und Staatenbündnisse haben Macht, ‚die Menschheit‘ aber hat keine Macht. Sie ist eine Beschwörungsformel in der Arena der wirklichen Mächte, wo die globalen Asymmetrien von Macht, Produktivität und Reichtum ein Souveränitätsgefälle neuen Typs hervorbringen. (…) Es ist […] eine Selbsttäuschung zu glauben, daß globale Probleme in apokalyptischer Größenordnung zu globaler Solidarität führen könnten. Auch hier gilt: die Letzten tragen die Last. Solange man hoffen kann, daß man zu den Vorletzten gehören wird, bleibt diese Logik in Kraft.“ – Dieses Kapitel ist besonders wichtig, weil es beliebte Irrtümer offenlegt und zugleich darauf vorbereitet, dass man sich der eher lästige Problematik der „Verfeindungsgeschichten“ und des (womöglich unrealisierbaren) Weltfriedens unbedingt stellen muss. Ich vermute, dass ich dem Thema damals, Ende 1956, nicht gewachsen war. (Albert Schweitzer spielte als Vorbild die Hauptrolle, auch Nietzsche, Beethoven, jugendlicher Enthusiasmus.)

Die Enttäuschung begann schon auf der ersten Seite. Stichwort „Traum“. Ich wollte Eindeutigkeit, Aufklärung, Idealismus. Mir hätte ein Buch wie das jetzt neben mir liegende zur Globalisierung gut getan. Ich war viel allein, etwas mehr Menschengewühl hätte vielleicht auch nicht geschadet… Ich zitiere:

Eines ist gewiß: im dichten Menschengewühl, in ständiger aufdringlicher Kommunikation mit seinen Mitmenschen, hätte sich ein solcher Enthusiasmus kaum entwickeln können. Nur in wohldosierten Portionen genossen, können Menschen Enthusiasmus erregen. Der idealistische Menschheitsenthusiasmus konnte vielleicht nur in kleinen Städten wie Tübingen oder Jena gedeihen und nur in Zeiten, da es noch keine Weltkommunikation gab. [Seite 42]

Hätte ich die Kant-Einleitung von Theodor Valentiner nur drei Sätze weitergelesen, so hätte doch die Neugier überhand nehmen müssen:

…[von einem Traum], der „ebenso wenig zwischen Herrschern wie zwischen Elefanten und Rhinozeros, zwischen Wolf und Hund bestehen kann“, oder man spinnt den Gedanken aus, auf den Kant in seinem Vorwort deutet, daß im Zeitalter der Atombombe das Ende aller Bemühungen um einen Völkerfrieden ein Kirchhof ist, in dem die Menschheit sich einmal zur ewigen Ruhe betten wird. Nichts von alledem finden wir in der Schrift. Vielmehr faßt Kant seine Aufgabe an, wie wir es nach seinem kritischen Hauptwerk erwarten.

(Fortsetzung folgt)

Eine Frage der Perspektive

Ist es sinnvoll, das Fernrohr umzudrehen?

Ein nützlicher Ratschlag von Bruno Latour beschäftigte mich beim Anblick des offenen Meeres vor Texel. Er warnte davor, unsere Erde vom Sirius aus zu beurteilen, einem doch ziemlich imaginären fernen Standpunkt. (Ich glaube, er hat nicht an Stockhausen gedacht, der von dort kam und auch dorthin zurückkehrte, – wenn diese selbstbiographischen Angaben irgendeine Verbindlichkeit haben.) Aber ein durchaus ähnlicher Standpunkt gehört ja zur abendländischen Philosophie und ihrer theologischen Vorgeschichte. Zweifellos ist es verständlich, dass der nachdenkende Mensch Abstand gewinnen will, um nicht alltäglichen Kleinkram in jedes Problem einzumischen, vor allem, wenn er gerade Kopfschmerzen hat. Aber schon bei Liebeskummer hilft es nicht, sich damit zu trösten, dass in 50 Jahren sowieso alles vorbei sei. Man muss die Sachen also z.B. voneinander trennen, vor allem auch zwischen Gegenwart und Zukunft unterscheiden, Gegenwärtiges nicht einfach sub specie aeternitatis entwerten: warte ab, es wächst Gras drüber, – obwohl auch dieses Phänomen nicht geleugnet werden kann. Aber existenziellen Problemen kann man damit nicht beikommen. Und sie bewegen den Menschen seit Jahrtausenden. Ich zitiere wieder einmal Rüdiger Safranski:

Düstere ‚Wahrheiten‘ zirkulieren auch in der griechischen Antike. „Das Beste wäre, nicht geboren zu sein“, lautete der Spruch des Silen, eines Gefährten des Dionysos. Die griechische Metaphysik aber kam ja gerade deshalb auf, weil solchen dunklen Wahrheiten der Mythologie hellere entgegengesetzt werden sollten, Wahrheiten, die das Leben lebbar und den Tod als nicht tödlich erscheinen lassen sollten.

Aber am Ende ihrer zwei Jahrtausende währenden Geschichte ist die Metaphysik von der Verzweiflung, die sie überwinden wollte, selber überwältigt worden. Der Blick auf die monströse Gleichgültigkeit leerer Räume und auf eine Materie, in der ein blinder Wille tobt, wird, bei Schopenhauer etwa, eine ihrer letzten Pointen sein: „Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwa ein Dutzend kleinerer beleuchteter sich wälzt, die, inwendig heiß, mit erstarrter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt.“ (Schopenhauer)

Schon wieder entsteht die Frage: ist dieser Blick aus dem unendlichen Raum eigentlich gestattet? Wie nun, wenn ich von ganz tief innen, aus dem Mikrobereich oder unserem eigenen Herzen umherschaue, ist es nicht ganz respektabel, was da um uns her aufgebaut ist, ein substantieller Körper und ein Geist, der ihm aus allen Poren quillt, wenn ich das so frech behaupten darf? (Besser nachzulesen unter „das moralische Gesetz in uns“ hier!) Doch weiter bei Safranski:

Aber diese Verzweiflung, in der antiken Metaphysik niedergerungen, hatte sich bereits in der frühen christlichen Metaphysik gerührt.

Die antike Metaphysik hatte über das in sich ruhende, abgeschlossene Sein nachgedacht. Die christliche Metaphysik, die von der biblischen Schöpfungsgeschichte ausging, begann bei Augustin damit, über das beängstigende Nichts zu meditieren. Gott hat die Welt aus dem Nichts geschaffen, und deshalb kann sie auch wieder nichtig werden.

Augustin stellt in seinen „Bekenntnissen“ die fast komische Frage: „Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf?“ und gibt am Ende einer ausführlichen Betrachtung die fast noch komischere Antwort: „Ehe Gott Himmel und Erde machte, machte er nichts.“ Der untätige Gott entschied sich „irgendwann“ einmal dazu, das Sein sein zu lassen; und er kann dieses Sein jederzeit in einem anderen Sinne „sein lassen“, nämlich verschwinden lassen.

Quelle Rüdiger Safranski: Wiewiel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare. Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 1993 (Zitat Seite 103)

Wir lachen wahrscheinlich, weil wir es ohnehin verschroben finden, die menschliche Philosophie unbedingt bei Gott ansetzen zu wollen (wie es noch Hegel tat). Aber wenig später erläutert Safranski:

Man sollte nicht vergessen, daß die christliche Metaphysik mit ihren Gottesspekulationen zugleich ins Zentrum der menschlichen Erfahrung vorstoßen wollte. Der Umweg über die Gottesspekulation bewahrte sie davor, zu niedrig vom Menschen zu denken.

An dieser Stelle wird es sehr interessant, zumal auch gleich die Liebe ins Spiel kommt, – und niemand ist heute gefeit vor der Gefahr, „zu niedrig“ von der Liebe zu denken, indem er sie mit der Assoziation Sex energetisch auflädt. Überraschenderweise kommt vielleicht ein Konsens auf, wenn wir vom „Zentrum der menschlichen Erfahrung“ sprechen. Da pocht heute jeder auf Unmittelbarkeit, was gern mit dem dürftigen Wort „Bauchgefühl“ angedeutet wird. Leider ist es nicht viel wert. Abgesehen davon, dass man sich plötzlich als Musiker wieder voll zuständig fühlen darf. Stichwort Thrill-Erlebnis. Mir ging es jedenfalls mit einem Aufsatz über Wagner so, den ich eigentlich bei Strandspaziergängen am Meer mit Bach verbinden wollte. Zusätzliche Motivierung kam durch den Essay von Martin Geck. Ja, sagte ich mir, es ist wohl diese unselige Arbeitsteilung: dass ein wesentlicher Teil der Inszenierung bestimmter Opern bei einer Person liegt, deren Lebensziel nicht in der Musik liegt, sondern in der Realisierung ganz eigener (auch abwegiger) Ideen. Mit der einzigen Beschränkung, dass die Musik selbst unangetastet bleibt. Ihre Wirkungen blieben im Dunkeln. Es ist aber nicht müßig, sich über die vielfachen Wurzeln des Gesamtkunstwerkes kundig zu machen, wenn es am Ende als solches gedacht war. Wobei niemand bezweifelt, dass Wagner lediglich als Musiker überlebt, nicht als Dramatiker, als Initiator überwältigender Bühnenbilder oder als Schöpfer unvergleichlicher Rahmenbedingungen. Z.B. Leute dazu zu bringen, stundenlang freiwillig, unter Schweigezwang, nahezu bewegungslos, in einem geschlossenen Raum zu sitzen. Es wäre ein unlösbares Rätsel, gäbe es nicht die Partituren des Tristan, der Götterdämmerung, des Parsifal. (Da musste erst ein Außenseiter kommen wie Navid Kermani, der den Vorschlag machte, endlich das Bayreuther Orchester auf die Bühne zu setzen, als unumstrittenen Hauptakteur.) Aber was ins Auge fällt: ist die primäre, gewaltige Außenwirkung, die religiösen Charakter hat.

Vor der großen realen Aktion (Foto Wiki)

Ich erinnere mich – wieder einmal – an eine Langspielplatte meiner Jugend: Lohengrin, Vorderseite: Vorspiel, Rückseite: 2.Szene „Elsas Traum“ . Damit fing unsere Begeisterung an, – im Vorspiel geduldig dem Höhepunkt mit den Becken- bzw. Paukenschlägen zugeführt zu werden, und in der Szene das Wechselspiel zwischen Sologesang und Chor der Männer zu erleben: wir merkten nicht, wie wir von ihnen die gläubige Haltung des Zuhörens übernahmen. Man beachte Elsas zunächst pantomimisches Verhalten, die Regieanweisungen, die wir nicht kannten – („Elsa neigt das Haupt bejahend“, „Elsas Mienen gehen von dem Ausdruck träumerischen Entrücktseins zu dem schwärmerischer Verklärung über“), die verbalen Reaktionen der Männer ringsumher (flüsternd): „Wie wunderbar! Welch seltsames Gebaren!“ DAS SIND WIR (mein Bruder und ich als LP-Hörer). Rührend und geheimnisvoll, speziell für uns, Elsas Worte: „Mein armer Bruder.“

Mir scheint heute, dass Elsa sich unschicklich verhält und dass ihr Verhalten, ihr „Wahnsinn“, zur wahren Natur umgedeutet werden soll, und zwar so, dass wir alle als Zuschauer umgewendet werden sollen, genau so, wie die zuschauenden Männer auf der Bühne. Ich komme darauf durch einen wahrhaft augenöffnenden Vortrag über Medien, Melodramen und ihr(en) Einfluß auf Richard Wagner von Mathias Spohr. (In den folgenden Zitaten werden Anmerkungen weggelassen oder in den fortlaufenden Text mit Kennzeichnung eingefügt.)

Obwohl sie etymologisch die Kunst des Nachahmens ist, wird die Pantomime zum Urmedium des Ausdruckshaften. Was an ihr allerdings naturhafter Ausdruck und was bloß naturnachahmende Affektdarstellung ist, bleibt unklar. Oft werden Gesten nur deshalb für ausdruckshaft gehalten, weil sie nicht schicklich sind (etwa bei den groteken Manierismen des Bühnenwahnsinns seit Ende des 18. Jahrhunderts) oder weil sie sportlich wirken. Ohne das Schickliche als Gegenmodell gibt es offenbar auch keinen Ausdruck, deshalb wandelt sich das Höfische zum Höflichen. Wo Schickliches und Natürliches übereinstimmen oder sich widersprechen, ist Ansichtssache, und die Neudefinition dieser Grenze stellt ein Mittel dar, sich von älteren Generationen zu unterscheiden, was sich in der Geschichte des Gesellschaftstanzes zeigt.

Die Theatererfahrung lehrt, daß auch bloße Technik natürlich und ausdrucksvoll wirken kann. Dieses von Denis Diderot erstmals formulierte Paradox [siehe auch in diesem Blog hier] ist meines Erachtens die Grundlage der sogenannten Mediengesellschaft: Seit dem Ausklang des Aufklärungszeitalters bildet sich die Überzeugung, daß Natur mit technischen Medien nicht bloß nachgeahmt, sondern hergestellt werde. Natürliches und Künstliches kann deshalb synonym sein, weil natürlich als Gegensatz zu schicklich gilt. Evident ist nur der ausgelöste Reflex, und seiner Wiederholbarkeit wegen kan man sich an ihm [sic] halten. Durch Drill, Dressur, Technik, also die willkürliche Vermehrung automatisierter Assoziationen nach dem Modell des Reflexes, wird Fiktion zu Natur, als funktionierende Gegenwelt zum schicklichen Alltag, wo nicht alles funktioniert. Physisch erlebte Reflexe scheinen den „lebendigen“ Ausdruck gegenüber der „toten“, distanziert begutachteten Naturnachahmung aufzuwerten.

In Wirklichkeit ist es umgekehrt; hier beginnt die traditionelle Verwechslung der automatisch vollzogenen Regel mit dem „Objektiven“, das wiederum für naturgesetzlich gehalten wird: Das durch schickliches Verhalten überforderte Bewußtsein hat ein Bedürfnis, bloß technisch zu funktionieren und schafft sich technische Medien, um sich mit ihnen zu identifizieren. Die Evidenz der eigenen Reflexe läßt das medial Vermittelte natürlich erscheinen, als sei es die Wirkung einer gleichermaßen physikalischen wie moralischen Kraft. Was nun als Schärfung der Sinne oder Vertiefung des Gefühls für dieses Natürliche verstanden wird, ist vielmehr eine verstärkte Identifikation mit den Medien, die diese Reflexe verfügbat machen, und erscheint der Außenwelt als Zwangsdenken oder Suchtverhalten.

Anm.: Überidentifikation mit Medien scheint mir die einzig plausible Erklärung für die Vielfalt zivilisatorischen Suchtverhaltens, vgl. Werner Gross, Sucht ohne Drogen. Arbeiten, Spielen, Essen, Lieben…, Frankfurt am Main 1990

Rückverweis vorher: Der unwillkürliche Reflex als Grundlage eines „natürlichen“ Erlebens und Verhaltens wird unter dem Motto der „sensibilité“ von den französischen Aufklärern diskutiert. Der Nimbus des Natürlichen, mit dem reflexartiges Verhalten seither umgeben wurde, führte im 19. Jahrhundert zu Versuchen, erlernte „Reflexe“ nicht nur als Technisierung des Handelns, sondern als rein physiologische Vorgänge zu erklären; der einflußreichste ist der von Iwan Petrowitsch Pawlow (ab 1903), von dem auch die Begriffe „bedingter“ und „unbedingter“ Reflex sowie „Konditionierung“ stammen (….).

Im Melodrama äußert sich das so: Die ausdruckvolle Gebärde wird oftmals ins Extrem geführt, um sie im Gegensatz zur schicklichen Gebärde als Übertragung überwältigender Energie zu kennzeichen, die das Publikum „in Schwung“ bringen soll. Dessen Bereitschaft, sich mit physischen Reaktionen „Resonanz“ vorzuspiegeln, wie mit kollektiven Automatismen, Klatschen, Stampfen, aber auch Weinen, erschrockenem Schreien oder „hysterischer“ Begeisterung, bestätigt das scheinbar. Diese physischen Reaktionen sind aber nicht wirklich spontan, sondern gehören zur Selbstinszenierung des Publikums, im Bewußtsein der Kausalität von Reiz und Reflex, die nicht angelernt, sondern naturgesetzlich erscheinen soll. Jene Verhaltensmuster haben sich seither auf Sportanlaß, Popkonzert oder Filmmelodram übertragen und sind bei politischen Veranstaltungen oder in religiösen Gemeinschaften geblieben, die sich des Melodrams bedienen. Die vormoderne Vorstellung einer Beseelung und Versittlichung durch Ausdrucksenergie wird hier weiterhin kultiviert, weil sie das Gefühl von Zusammengehörigkeit, also Identität in einer kollektiven Illusion, ermöglicht. Doch was sie als Energieübertgragung kundtut, ist nur die Faszination verfügbar gemachter Reflexe.

Etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts schafft sich das Publikum in ganz Europa mit „spontanem“ Weinen über rührende Situationen bei noch erleuchtetem [damals noch nicht verdunkeltem] Zuschauerraum ein Gemeinschaftserlebnis als Mensch unter Menschen. Kinderpantomimen ritualisieren, durch kollektive Rührung der Erwachsenen, ein Generationenverhalten jenseits von Standesunterschieden. Die Herkunft dieser Selbstinszenierungen vom höfischen Zusammenwirken gesellschaftlichen und theatralischen Rollenspiels ist hier am besten zu greifen.

Auf den folgenden Seiten wird exemplarisch an Jean-Jacques Rousseau und seiner melodramatischen Szene Pygmalion (1762) gezeigt, wie die Statue „vom pantomimischen Ausdrucksdrang des Künstlers in Resonanz versetzt“ wird. Die Übertragung „beseelender“ Energie lasse aus dem Zeichen das Bezeichnete werden. Rousseau reflektiere hier, „was er auf den Jahrmärkten gesehen hat, und macht es durch seine Autorität als berühmter Verfechter des Natürlichen salonfähig.“ Interessant, wie die neuen Geschlechterrollen definiert werden.

Der wirkliche Mann ist seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nicht mehr männlich im Sinne einer ständisch differenzierten „virtus“, sondern er ist ein Medium, das Ideen realisiert. Eine solche Idee ist die „Natürlichkeit“ der Frau; das Weibliche ist Wirkung der männlichen Energie. Die „holde Kunst“ ist nicht mehr als allegorische göttliche Macht selbst aktiv, sondern wird vom männlichen Gesang als das reflexhaft Liebende definiert. Als heilendes Medium macht der Magnetiseur, später der Psychiater, die hysterische Patientin natürlich. Allseitige Bereitschaft, auf das Pygmalion-Rollenspiel einzugehen, garantiert die (auf bewußtes Erleben scheinbarer Resonanz reduzierte) Katharsis.

Als typisches Beispiel fungiert der berühmte Kampf zwischen Armida und Rinaldo. Ein nach Tasso frey bearbeitetes Melo-Drama in vier Aufzügen mit Chören und Tänzen vermischt. Burgtheater Wien, 1793 (Text: Josef Marius Babo, Musik: Peter Winter).

Armida ist als rächende Königin der klassizistischen Tragödie nicht „weiblich“ im Sinne des modernen Rollenverhaltens. Ihre vorübergehende, einem filmischen Zwischenschnitt ähnliche Wandlung zur „liebenden Frau“, von ihr selbst als Sieg der „Natur“ verstanden, wird von melodramatischer Musik begleitet. Der Musikeinsatz trennt zwei aufeinanderfolgende Arten von Gestik: das Unnatürliche, Irreale, bloß Heroische der Rache (dargestellt durch das herkömmliche „noble“ Bewegungsrepertoire) vom Natürlichen, Realen, Ausdruckshaften der Liebe (dargestellt durch das moderne „schlichte“ Bewegungsrepertoire).

Hier läßt sich exakt beschreiben, wie der Kurzschluß zustandekommt, der dem Medium „Macht“ verleiht: Musik wird, rein technisch, als reflexauslösendes Signal eingesetzt. Das Publikum projiziert die Ursache der Wandlung zur „Natürlichkeit“ in das unsichtbare Medium, da es die natürliche Gestik als Wirkung einer moralischen Kraft verstehen will, die von dem betrachteten Mann ausgeht – umso mehr als „Ausdruck“ hier zur Abwehr gegen das Schickliche älterer Generationen instrumentalisiert ist. Die Selbsttäuschung hat zur Folge, daß das Medium im Medium Ursache für Wirkungen wird, die es nicht hat. Die Musik an sich, bloß weil sie Reflexe auslöst, scheint als Symbol jener moralischen Kraft die Figur natürlich und weiblich zu machen, bekommt also ein imaginiertes Eigenleben als unsichtbare, bewegende Seele.

Da der Autor diesen Mechanismus im Folgenden an Mozarts Bildnisarie nachzeichnet, sei der Text zur Erinnerung eingefügt:

Dies Bildnis ist bezaubernd schön
Wie noch kein Auge je geseh’n.
Ich fühl‘ es, wie dies Götterbild
Mein Herz mit neuer Regung füllt.
Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen,
Doch fühl‘ ich’s hier wie Feuer brennen;
Soll die Empfindung Liebe sein?
Ja, ja! Die Liebe ist’s allein.
O wenn ich sie nur finden könnte!
O wenn sie doch schon vor mir stünde
Ich würde – würde – warm und rein –
Was würde ich? –
Ich würde sie voll Entzücken
An diesen heissen Busen drücken,
Und ewig wäre sie dann mein!

Wie in der Bildnisarie der Zauberflöte stellt die Musik eine scheinbare Kausalität zwischen dem „Betrachteten“ und dem „natürlichen“ Verhalten her. Das überlagerte [übergelagerte? überlagernde?] Medium, die Musik, scheint vom darunterliegenden, dem Bildnis oder dem Schlafenden als lebendem Bild [Rinaldo], reproduziert zu werden, sein Reflex zu sein; hier wird besonders klar ersichtlich, daß technische Reproduktion ihr Vorbild im Reflex hat und dessen Verlängerung ist. Das überlagerte Medium wird nun automatisch als das „innerliche“ wahrgenommen. Demnach ist die Fiktion in der Fiktion das Innerliche des Innerlichen, wie in der Bildnisarie das Besingen der Abbildung auf dem Theater. Überlagerte Information wird scheinbar zu inniger Ausdrucksenergie, Ausdruck ist die „Kraft“ der technischen Objektivierung.

Das Medium Musik ist nun nicht mehr parallel zum Optischen, sondern scheint die innerste der Fiktionen zu sein. Das Publikum glaubt demzufolge, selbst ein „inneres“ Medium zu haben: Die scheinbar natürliche Kausalität zwischen innerer und äußerer Fiktionsebene führt zur Illusion des „Unterbewußtseins“.

Anm.: Etwa seit dem 17. Jh. erfolgte auf vielen Ebenen des gesellschaftlichen Verhaltens ein planmäßiger Aufbau eines „Unterbewußtseins“ (um es später zu „Natur“ zu verklären). In die systematische Pflege reflexhaften Handelns, wie sie in Pantomime und Rührstück, im „bürgerlichen Konzert“ und im Sport zum Ausdruck kam, fügt sich auch die von Norbert Elias beobachtete Entwicklung des Scham- und Peinlichkeitsverhaltens ein, das zunehmend vom Bewußten ins Unbewußte verlegt wurde. (Quelle Elias)

An dieser Stelle kommen ernste Zweifel auf, ob der Autor wirklich den gesicherten Stand der Forschung reflektiert, ebenso im folgenden Absatz (JR):

In diese allseitige Identifikation mit technischen Medien ist Sigmund Freud hineingeraten, der das seinerzeit Unschickliche für wahren Ausdruck hielt und von daher auf die Existenz eines Unterbewußtseins schloß – während seine Patientinnen bloß auf eine Art, die sie im Melodrama lernen konnten, gegen das Schickliche rebellieren.

Quelle Mathias Spohr: Medien, Melodramen und ihr Einfluß auf Richard Wagner. In: Richard Wagner und seine „Lehrmeister“ Hrsg.: Christoph-Hellmut Mahling und Kristina Pfarr. Are Edition Mainz 1999 (Seite 49-80)

Ich bin konsterniert und zugleich in meinem Element. Um in Bildern zu sprechen:

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Das übliche Missverständnis: der eine spricht – wie so oft – von dem einsamen Pferd da hinten auf der Weide; der andere aber von dem Insekt auf der Scheibe. Die Optik der beiden Augenpaare ist unterschiedlich eingestellt, schwer verständlich wenn man die Fotos sieht. Im Reich der Ideen ist das an der Tagesordnung, und es bedarf einiger Worte, klarer zu sehen. Ist es innen oder außen, Imagination oder Projektion, Phantasie oder Fata Morgana? Gibt es denn ein Unterbewusstsein oder nicht? Ich wusste doch seit langem, dass Freud und C.G.Jung kaum mit alldem vereinbar war, was z.B. in Thomas Metzingers „Bewusstsein“ (1995) zu lesen ist. Aber es lief gewissermaßen parallel, sooft ich wieder Adorno las und etwa sein Wagner-Buch (1952) nach wie vor richtungweisend fand. Der Perpektivwechsel als zweite Natur!

Und dieses Wagner-Buch, das ich gerade lese, beruht auf einer Tagung von 1997 und rührt in meinem Fall an tiefgehende Musikerlebnisse, die etwa 1957 begannen und jetzt plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. So als habe mir jemand erklärt, dass ich das Opernglas damals falsch herum gehalten habe. Daher die Überwältigung durch das, was ich hörte und innerlich sah oder dank der LP mir lebhaft als Realität vorstellte. – Und jetzt überspringe ich alles, was es da an Wissenswertem über Pantomime, Melodramen usw. zu lernen war, um zu meinem Lohengrin-Wagner von 1957 zurückzukommen, auch wenn hier letztlich vom Tristan die Rede ist:

Wagner entfernt die Ensembles, die dem Publikum mit synchronen Aktionen Resonanz vorspiegeln, von der Bühne, macht gestikulierende Dirigenten und Instrumentalisten unsichtbar und verschleiert die Taktmetrik als Merkmal veräußerlichter Resonanz: Die naivste melodramatische Wirkung, den Ausdruck, der malend auf sich selber zeigt, soll es im Musikdrama nur innerhalb der Musik geben. Reflexe sollten nicht vorexerziert, sondern unauffällig konditioniert und dann direkt und differenziert ausgelöst werden, damit das Publikum glaubt, sie stammten aus dem eigenen Bewußtsein, das sich als verschlungenes, vielschichtiges und doch logisches Ganzes wie von außen betrachten läßt und damit den zivilisierten Glauben an eine Zerlegbarkeit der Welt in objektivierte Funktionselemente bestätigt. Wagner versucht, die Faszination der Objektivität, die von Medien wie Technik oder Photographie ausging, für sich zu nutzen. So wird der vom Melodrama beförderte Glaube an eine Kausalität moralischer Kräfte wieder glaubwürdig.

Mit der Hingabe an den Ausdruck, erlebt als physische Energie, verbindet sich lustvoll das Bewußtsein seiner technischen Beherrschtheit; diese gleichzeitige Distanz und Distanzlosigkeit gegenüber den erzeugten Emotionen, das genießerische Betrachten der verfügbar gemachten Reflexe, kennzeichnet die Katharsis im Melodrama. In derselben gesteigerten Ausdruckshaftigkeit, mit technisch virtuoser, aber nicht sichtbar veräußerlichter, sondern ins unsichtbar Musikalische verlagerter Gebärde, schafft das Musikdrama soziale Identitäten. Tristan und Isolde bekommen durch komplexes Ineinandergreifen chromatischer „Schmerzens“-Figuren (also einer melodramatischen Übersteigerung des barocken „Pathos“ zu modernem „Ausdruck“) ein „Unterbewußtsein“, als großartiges und von selbst ablaufendes Innenleben. So ein Unterbewußtsein möchte auch das Publikum gern haben, deshalb glaubt es naiv wie das Publikum der Melodramen an die Magie des Mediums. (…)

Quelle Mathias Spohr: Medien, Melodramen und ihr Einfluß auf Richard Wagner. In: Richard Wagner und seine „Lehrmeister“ Hrsg.: Christoph-Hellmut Mahling und Kristina Pfarr. Are Edition Mainz 1999 (Seite 49-80)

Fortsetzung hier

Wieviele werden kommen?

„Sie werden aus Saba alle kommen“

ZITAT (ein syrischer Komponist, der seit 18 Jahren in Deutschland lebt)

Zuerst ist es die logische Folge, die ich gerade sehe; vor 15 Jahren oder so habe ich es von meinem Vater gehört, er meinte, das wird so sein: Die werden kommen, die werden alle kommen, so wie bisher funktioniert’s nicht, die werden alle kommen. Es geht nicht mehr um Flüchtling und Asyl oder so, es wird eine Völkerwanderung geben. Er meinte, so wird’s nicht bleiben, die werden kommen. Das ist keine Prophezeiung, das ist wie gesagt eine logische Folge. Eins.

Das zweite Gefühl ist: was kann man mit diesen armen Menschen jetzt anfangen? Ich weiß es wirklich nicht, ich sehe sie überall. Es gibt diese Art unsichtbare Verbindung zwischen den Leuten, die aus Syrien, Libanon und Irak kommen und mir, obwohl ich jetzt seit mehr als 18 Jahren weg bin von der Heimat.

Und das dritte … es ist peinlich zu sagen – aber: Ist das wahr, dass wir auf diesem Niveau landen [müssen]? Denn ich kann jetzt nicht darüber sprechen, dass sie nur Opfer sind. Auch über mich, ich spreche jetzt auch über mich, obwohl die Umstände verschieden sind, damals und jetzt, aber … in einer Kette. Und ich schäme mich ein bisschen. Ist das wahr, dass wir auf diesem Niveau landen? Dass wir so zerstreut sind überall hin … dass es bei uns an sehr vielem fehlt und wir wirklich keine Basis für eine Heimat, ein internationales Gefühl haben, überhaupt kein nationales Gefühl… Und allmählich verstehen wir mehr und mehr, aber leider immer zu spät. Wir sind keine Philosophen, um das Ganze zu verstehen.

Ich habe das Interview, das Wolfgang Hamm 2015 mit Saad Thamir geführt und in einer WDR-Sendung veröffentlicht hat, im Dezember 2016 aufgeschrieben und  in einem Artikel festgehalten (hier), einiges ist mir für immer ins Gedächtnis gegraben, gerade in dem schwermütigen Tonfall des Mannes, den ich bei einem Dreiergespräch im Café des Kölner Museums Ludwig auch persönlich kennengelernt hatte.

Später habe ich die Bach-Kantate 62 „Sie werden aus Saba alle kommen“ rekapituliert und in den neuen Zusammenhang hineinphantasiert: hier.

Und es jetzt fiel mir all dies wieder ein, als ich in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ den Artikel „Wir schaffen es nicht“ las (27. September 2018). Der Autor Stephen Smith, der an der Duke-Universität in den USA Afrikanistik lehrt, hat ein Buch geschrieben, das Emanuel Macron zur Pflichtlektüre erklärte: „Nach Europa! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent“. Es wird in diesen Wochen auch in Deutschland erscheinen.

Dem ZEIT-Interview nach sagt er – ausgehend vom Asylkompromiss der großen Koalition in Berlin -, Europa müsse schon innerhalb der nächsten 30 Jahre mit 150 bis 200 Millionen neuen Einwohnern mit afrikanischem Migrationshintergrund rechnen.

ZITAT (Stephen Smith)

Die Lage lässt sich einfach beschreiben. Es gibt heute 500 Millionen Westeuropäer, auf der anderen Seite des Mittelmeers leben 1,3 Milliarden Afrikaner. Schon im Jahre 2050 werden es 2,5 Milliarden Afrikaner sein. Und zwar sehr junge Afrikaner, zwei Drittel von ihnen werden unter dreißig sein. Die Westeuropäer werden dagegen sehr alt und nur noch 450 Millionen sein. Schon die nackten Zahlen lassen also einen ungeheuren Migrationsdruck erkennen.

Quelle DIE ZEIT 27. September 2018 Seite 50 „Wir schaffen das“ Millionen kommen, doch es kümmert niemanden: Der US-amerikanische Afrikanist Stephen Smith über den bevorstehenden Ansturm afrikanischer Flüchtlinge auf Europa /  Interview: Georg Blume.

Um diese Zahlen bedrohlich zu finden, muss man nicht der AfD angehören. Natürlich sieht Smith das nicht anders als jeder Mensch, die die Zukunft nicht rassistisch, sondern realistisch ins Auge fasst. Stephen Smith:

Ich glaube mit Hans Magnus Enzensberger, dass man sich nicht vor Applaus vn der falschen Seite fürchten darf. Aber Marine Le Pen hätte meinem Buch einen anderen Titel gegeben: „Die schwarze demografische Bombe“ zum Beispiel. Sie hätte damit Angst schüren wollen. Das liegt mir fern. In Frankreich lebten in den 1920er Jahren nur 3000 Schwarzafrikaner, heute sind es Millionen. Trotzdem sage ich: Frankreich ist immer noch Frankreich.

Angst zu schüren ist ein probates Mittel der rechten Politik. Und ich sage auch nicht, was schert mich das Jahr 2050, dann bin über 100 Jahre und werde, auch wenn ich Glück habe (oder wie soll ich das nennen?), nicht mehr viel bewegen. Aber eins weiß ich heute schon: nicht die Schwarzafrikaner in Europa werden unsere Enkel beunruhigen (nebenbei: die beiden besten Freunde meines Enkels haben schwarzafrikanische Eltern), sondern die globalen, klimatisch bedingten Katastrophen werden die Menschheit insgesamt in Schrecken versetzen.

Ich werde überhaupt keine Analyse, kein Buch mehr ernst nehmen, das den Klimawandel ignoriert, jedoch die Bevölkerungsverschiebungen durch Migration als Hauptproblem der Zukunft beschreibt.

Bevor ich mich weiter dem Smith-Interview widme, registriere ich eine andere Sicht der gleichen Probleme, eine „linke“ Sicht (wobei zu vermerken ist, dass die „bürgerlichen“ Zeitungen zumeist eine Zahl-Schranke vor dem online-Portal präsentieren), nämlich hier.

Im übrigen nehme ich ein neues Buch sehr ernst, das sich als „terrestrisches Manifest“ begreift. ZITAT:

Migrationen, Explosion der Ungleichheiten und Neues Klimaregime ein und dieselbe Bedrohung. Die meisten unserer Mitbürger unterschätzen oder leugnen, was der Erde widerfährt, sind sich aber der Tatsache, dass die Migration ihre Träume von gesicherter Identität gefährdet, vollkommen bewusst.

Zur Zeit sehen sie, von den sogenannten „populistischen“ Parteien stramm bearbeitet und aufgewiegelt, nur die eine Dimension der ökologischen Mutation: dass sie Menschen über ihre Grenzen treibt, die sie nicht wollen. Also denken sie sich: „Machen wir die Grenzen dicht, damit entgehen wir der Invasion!“

Die andere Dimension dieser Veränderung haben sie noch nicht so deutlich zu spüren bekommen: Das Neue Klimaregime fegt seit Langem schon über alle Grenzen hinweg und setzt uns allen Stürmen aus. Und gegen diese Invasoren sind unsere Mauern machtlos.

Wenn wir unsere Zugehörigkeiten und Identitäten verteidigen wollen, müssen wir auch diese form- und staatenlosen Migranten identifizieren, die da heißen: Klima, Bodenerosion, Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit, Habitatzerstörung. Selbst wenn ihr die Grenzen vor den zweibeinigen Flüchtlingen dicht macht, die anderen werdet ihr nicht aufhalten können.

„Ist denn niemand mehr Herr im eignen Haus?“

Nein, in der Tat. Weder die Souveränität der Staaten noch die Undurchlässigkeit der Grenzen sind noch in der Lage, Politik zu ersetzen.

„Aber dann ist ja alles offen; dann müssen wir draußen leben, vollkommen schutzlos, von Sturmwinden gebeutelt, vermischt mit allen, gezwungen, um alles zu kämpfen, ohne irgendwelche Sicherheiten, müssen pausenlos den Ort wechseln, auf jede Identität, allen Komfort verzichten? Wer kann denn so leben?“

Niemand, ganz richtig. Kein Vogel, keine Zelle, kein Migrant und kein Kapitalist. Selbst Diogenes hat Anrecht auf eine Tonne, der Nomade auf sein Zelt, der Flüchtling auf sein Asyl.

Glaubt denen keine Sekunde, die von der großen weiten Welt faseln, davon, aufs „Risiko zu setzen“, alle Sicherheitsnetze sausen zu lassen, und die weiter mit großer Geste auf den endlosen Horizont der Modernisierung für alle zeigen; diese scheinheiligen Apostel nehmen selbst dann nur Gefahren auf sich, wenn Komfort garantiert ist. Statt zu lauschen, was sie nach außen von sich geben, schaut lieber, was da auf ihrem Rücken glänzt: der sorgfältig gefaltete goldene Fallschirm, der sie vor allem Unbill der Existenz schützt.

Quelle Bruno Latour: Das terrestrische Manifest / edition Suhrkamp Berlin 2018 (Zitat S.18f)

(Fortsetzung folgt)