Kategorie-Archiv: Presse

Aktuelles Oktober 2020

Notizblogzettel (Hier aufbewahren! Erinnern!)

LANZ 8.Oktober 2020 Sahra Wagenknecht / Middelhoff hier ab etwa 55′ Zur wirtschaftlichen Zukunft unserer Welt.

 ZDF Screenshot ZDF Screenshot

PRECHT & REZO

Gestern 10.10.20 nachts zwischen 23 und 24 h gehört. Würde ich auch noch mal ansehen (oder anderen empfehlen), man versteht die beiden akustisch ungleich gut. Interessante Prognosen („die Schallplatte bleibt“).

Immerhin, der im Urlaub etwas belächelte Bildband „Kunst in 30 Sekunden“ hat mich zum ersten Mal auf Artemisia Gentilleschi gebracht. (Danach kam erst der Artikel in der ZEIT). Und die Kurzbesprechung des Velasquez-Bildes „Las Meninas“ hat mich an den wunderbaren Essayband „Meisterwerke der Malerei“ herausgegeben von Reinhard Brandt erinnert, in dem genau jenes Bild von Seite 115 bis 140 tiefgehend behandelt ist (vgl. auch Wikipedia hier), und zugleich gibt es einen aktuellen oder vielmehr akuten Anlass, ein anderes Kapitel darin (über Roy Lichtenstein von Regina Prange) aufs neue zu studieren, weil es indirekt mich und andere Leuten täglich beim Einkaufen mit Kunst konfrontiert, ohne dass wir alle dieser Tatsache die fällige Beachtung schenken. Oder? Prüfen Sie sich selbst, und zwar ganz unten am Ende dieses Artikels!!! Nebenbei: Wie banal und wie brutal darf Kunst eigentlich sein? Im Alter scheint es schlimmer. Doch es ist alles eine Sache der Auslegung!

Die Bildquellen der Pop Art entstammen Zeitungen und Illustrierten mit ihren Cartoons, Werbeanzeigen und Schlagzeilen. Sie thematisieren den strahlenden Star und das Image der Jugend, die Welt des Stehimbisses und des Supermarkts, die unpersönliche Heraldik industrieller und patriotischer Insignien und nicht zuletzt der Modell-Wohnung des exemplarischen Konsumenten. Die Pop-Künstler konzentrierten sich also auf solche Motive, die das private Leben in standardisierten Formen, das Emotionale durch Konvention dirigiert, in der Warenform verdinglicht, zeigen. Die stereotype Artikulation des Gefühls oder des sinnlichen Genusses ist das Bindeglied der imitierten Trivialmythen. Lichtensteins Beitrag zur Massenkultur ist in dieser Hinsicht […] in seiner Kunst wie in seinen Selbstkommentaren, explizit. Anders als Warhol, der sich mit seinen Äußerungen in die Oberfläche der Popkultur einfühlte und sich selbst zur Kunstfigur schuf, behandelt er, der schon relativ bejahrt zur Pop Art kam, ein Magisterdiplom in der Tasche hatte und selbst lehrte, seine Arbeit fast wissenschaftlich. Die Gebrauchsgraphik und ihr schlechter Geschmack stehen ihm ein für die Gegenwart der industrialisierten Gesellschaft. Durch ihre schonungslose Bejahung in einer Art „brutaler“ und „antiseptischer“ Darstellung will er gegen die Kunst seit Cézanne opponieren, die „außerordentlich romantisch und unrealistisch geworden ist…“ Seine Sensibilität gegen das Antisensible stellt sich gegen eine „europäische Sensibilität“, welche sich „in dicken und dünnen Farbstrichen“ ausdrückt, also durch die Künstlerhand. Die Wahrheit des Cartoon liege darin, daß er „heftige Emotion und Leidenschaft in einer völlig mechanischen und distanzierten Weise ausdrückt.“ (folgende Quelle, Autorin Regina Prange Seite 249f)

Quelle Meisterwerke der Malerei / Von Rogier van der Weyden bis Andy Warhol / von Reinhard Brandt (Hg. und Einführung) / Reclam Leipzig 2001 (2013)

 Wikipedia hier

ZITAT (Hanno Rauterberg)

Artemisia war die Kunst, und die Kunst war sie – auch diese Botschaft spricht aus dem allegorischen Selbstporträt im grünen Seidenkleid, das sie vor leerer Leinwand zeigt. Es hatte natürlich auch praktische Gründe, das eigene Gesicht in die Gemälde hineinzumalen, damit ließen sich Kosten für teure Modelle sparen. Doch ebenso verlockend schien, das auf diese Weise die Bilder nicht nur für sich sprachen, sondern aus ihnen auch Artemisia zu sprechen schien und sich so der eigene Name gleich doppelt bewerben ließ. Erwarb ein Sammler eines ihrer Werke, konnte er glauben, so auch eines Teils der Künstlerin habhaft zu werden. Sie verkaufte, könnte man sagen, ihre Kunst und sich selbst.

Allerdings wäre das eine sehr verkürzte und sehr heutige Lesart. Denn nie gibt es bei Artemisia so etwas wie ein authentisches, ein wahres Selbst. Im 17. Jahrhundert war der Begriff des Projekts aufgekommen, die Vorstellung also, etwas entwerfen, in die Zukunft hineinplanen zu können. War man sich in den Jahrhunderten zuvor sicher, mit dem eigenen Leben nur Teil eines größeren, göttlichen Plans zu sein, war diese Idee einer göttlichen Ordnung im Barock nicht länger zu halten. In Artemisias Kunst ist das unübersehbar, sie brüskiert jedes innige Bedürfnis nach Demut. Sie verweltlich das Überweltliche und macht ihre Betrachter zu Komplizen einer Geschichte, die fast immer von einer körperlich einnehmenden, das Schicksal wendenden Tat handelt. Es sind Bilder, die von Veränderung erzählen, und sei es, dass diese Veränderung zum Tode führt.

Artemisia Gentilleschi  Wiki hier

Artikel in der ZEIT mit Rauterberg hier Britische Nationalgalerie hier

Unter dem zuletzt gegebenen Link kann man den folgenden Film finden & anschauen:

Ein Essay von Kai Köhler aus der Zeitung Junge Welt wurde mir freundlicherweise zugeschickt, enthält viele, soweit ich weiß, recht unbekannte Details zu Bartóks politischer Einstellung. Macht mich zugleich nachdrücklich aufmerksam auf die linke Tageszeitung, die mir ansonsten von Berthold Seligers lesenswerten Musikbeiträgen her bekannt war.

Bartók – Volkslied und Moderne – jw 2020 09 25

Enkel-Musik

Damit meine ich Pop-Musik, die in der Enkel-Generation im Schwang ist. Ich will wissen, was diese Jugendlichen daran fasziniert, und wenn ich mit ihnen rede, muss ich die Sachen gut kennen, um „sachgerechte“ Fragen zu stellen

Reine (extern hier ) von Dadju (über den Sänger siehe Wiki hier)

Oh oh ah, Seysey

Aujourd’hui je suis fatigué, je t’ai regardé dormir
Et si ma voix peut t’apaiser
Je chanterai pour toi toute la nuit
Je t’entends dire à tes pines-co
„Dadju, j’peux plus m’passer de lui“
Hey, tout va glisser sur ta peau
C’est comme si je te passais de l’huile
Et s’ils ne sont pas nous, c’est tant pis pour eux
Et s’ils sont jaloux, c’est tant pis pour eux
Fais-le moi savoir quand c’est douloureux
Je suis là s’il faut encaisser pour nous deux

Et je le sais, je te fais confiance
Quand tu me souris, tu fais pas semblant
J’ai pas besoin d’attendre plus longtemps
Je sais qu’il est temps d’partager mon sang
Et t’élever au rang de reine
Au rang de reine, au rang de reine
J’vais t’élever au rang de reine
Au rang de reine, au rang de reine
Oh oh ah

Je…

Oder zum Beispiel (jetzt gleich im externen Fenster) der Titel Django von Dadju

Oh, oh, ah (It’s E-Kelly)

Je veux que tu portes mon nom de famille
Mais ça prend du temps
J’ai même parlé de notre avenir à tes parents mais ils m’ont dit d’attendre
J’ai fait tout ce que ton père m’a dit mais
Il est jamais content
Et s’il décide d’être l’ennemi de notre amour il sera forcé d’entendre

Quand j’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django
J’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django
J’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django
J’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django

Il veut nous éloigner
Donc il sort toutes sortes de foutaises
Et quand j’lui demande quel genre d’homme il te faut il me dit „comme toi mais pas toi“
Laisse-moi le calmer, il faut que son cœur s’apaise
Laisse-moi lui montrer qu’il a tort de…

Des weiteren wurde genannt:  Vossi Bop von Stormzy

Was soll ich davon halten? (Songtext Vossi Bop siehe hier)

(folgt)

Jahrelang habe ich immer wieder gern den Scherz gemacht: „Dein Geburtstag fällt dieses Jahr aus“ oder wahlweise „Heute steht es in der Zeitung: Weihnachten ist offiziell abgesagt!“  Aber dieses Jahr ja wirklich, ich habe es in der Hand, Corona-Schutz für alle verbindlich! Ich las es zwischen den Zeilen in der Zeitschrift FOLKER:

 Danke im voraus für alle guten Wünsche! Aber ich bin das nicht, ich kann das nicht sein, mein Geburtstag fällt aus! Wie das Oktoberfest, wie Halloween, – nein, kein Geburtstag und schon gar nicht dieser.

Ich (79) verbleibe erinnerungstechnisch das relativ junge Tragetaschengesamtkunstwerk im Eingangsbereich des Moarhofs in Völs Südtirol September 2020

Ausgang & Eingang (Fotos E.Reichow)

Kommen die Konzerte einfach wieder??? Nein!

Was tun?

Wenn man die Salzburger Festspiele oder ähnliche Vorzeige-Events betrachtet, könnte man ja anderer Ansicht sein. Aber das kulturelle Leben eines Landes besteht nun einmal aus den zahllosen kleineren Veranstaltungen, die völlig unterschiedliche Segmente der Öffentlichkeit bedienen und gar nicht darauf zielen, jemals ein Millionenpublikum zu erreichen. Ja, es sind vielleicht die entscheidenden Segmente der Bevölkerung unseres Landes, die damit zu tun haben. Man muss – abgesehen vom Elternhaus – nur an die unerhörte Ausstrahlung der Musikschulen denken, in denen unser Nachwuchs zum ersten Mal erfährt, was ein Konzert ist. Aufmerksames Darbieten und Hören von Musik. Insofern ist alles brisant, was man aus den besonderen Szenen außerhalb der Medien erfährt, und man kann sich keineswegs damit trösten, dass „Hochkultur“ sich von selbst behaupten wird und im Falle einer Existenzbedrohung rechtzeitig mit Hilfsmaßnahmen rechnen kann. Sie lebt und stirbt auf dem Boden der Stille. Mit Hochkultur ist hier nichts Elitäres gemeint, sondern das Ergebnis professioneller künstlerischer Arbeit, die in der Ausübung und in der Wahrnehmung einer sorgfältigen Pflege bedarf.

Unter diesem Aspekt ist ein Zeitungsartikel wie der, aus dem ich hier ausführlich zitieren möchte, von größtem Wert, so dezent er beim Lesen wirkt; es ist ein Fanal, ein Notruf, der nicht weniger sensationell wirken dürfte als die Schlagzeilen über Corona und Klima. Eine Hiobsbotschaft, die im Moment weniger lebensbedrohlich scheint, aber die Menschheit ebenso akut betrifft: Wo Kultur stirbt, grassiert die Dummheit.

Da wird in der Süddeutschen Zeitung eine Konzert-Managerin befragt, die unsere (!) Lage aus dem Alltag kennt. So kann man sagen, auch wenn die Antwort aus einer Landeshauptstadt kommt, wo die Situation vielleicht weniger katastrophal ist als in Giessen, Gummersbach oder Gelsenkirchen. Alexandra Schreyer betreibt die Bell’Arte Konzertdirektion in München. Die erste Frage lautet:

„Die Theater öffnen wieder, die Oper gibt Vorstellungen, in den Konzertsälen wird wieder gespielt. Sind das nicht tolle Nachrichten?“ Antwort: „Das sind vor allem die Wirklichkeit verzerrenden Nachrichten. Es handelt sich um öffentliche oder halböffentliche Institutionen und Rundfunkanstalten, die unter den derzeitigen Bedingungen Kultur veranstalten. Wir Privatveranstalter müssen da schon genauer rechnen, und dabei kommt heraus, dass wir nicht vor halb leeren Sälen spielen können.

Nächste Frage: Viele Konzerte werden nun zweimal hintereinander gegeben, so dass doppelt so viele Besucher kommen können. [Eigentlich eine reichlich naive Frage: Doppeltes Honorar für die Künstler plus Erhöhung der laufenden Kosten?]

Antwort: Auch das rechnet sich nicht. Dafür dürfen zu wenige Menschen in den Saal, und wir können auch nicht die Künstler zwingen, für eine Gage zweimal aufzutreten. Das ist eine große Belastung für die Künstler, und einige sagen mir auch ganz direkt, dass sie nicht vor halb leeren Sälen spielen und dazu noch in lauter maskierte Gesichter schauen können. Musik ist keine einseitige Angelegenheit, da muss eine Kommunikation stattfinden. Zwischen Künstlern und Publikum, aber auch innerhalb des Publikums, beim gemeinsamen Essen danach.

[Jetzt wird es spannend. Ich höre im Geiste despektierliche Bemerkungen, von notwendigen Opfern für die Kunst und starrem Festhalten an hoheitlichen Privilegien. Ich wappne mich schon zur Verteidigung des sicheren Umfeldes der Kunst, das – im Gegensatz zu Notlagen – die Entfaltung ermöglicht oder zumindest begünstigt. Und dann kommt eine Antwort, die so richtig ist, dass es mir, einfach weil davon die Rede davon ist, die Tränen in die Augen treibt. Aber wie oft habe ich solche Konzerte erlebt, in denen die atemlose Gegenwart eines intensiv hörenden Publikums untrennbar zum Gesamterlebnis gehörte! Und man wusste, wo im Saal befreundete Menschen sitzen und das Erlebnis teilen. Und dass man sich nachher darüber austauschen wird.]

Frage: Kommen die Leute denn nicht wegen der Musik?

Antwort: Nicht nur. Die wenigsten kommen allein. Familiäre Bindungen werden da gepflegt, so ein Konzertabend ist sehr viel mehr als das Anhören von Musik. Und wie soll man den Leuten erklären, dass zwar eine „Wirtshaus-Wiesn“ mögich ist, aber nicht einmal ein Getränk im Gasteig? Für die Konzertbesucher ist das schlimm. Das Gemeinschaftserlebnis eines friedlichen, inspirierenden Konzertabends ist nicht mehr möglich. Das soziale Umfeld auch von älteren Leuten bricht zusammen. Das ist alles viel schlimmer, als sich das Politiker gemeinhin vorstellen. Wenn sie die Menschen nach einem Konzert weinen sehen, nicht nur wegen der Musik, denn verstehen sie, dass es da um ein sehr analoges menschliches Grundbedürfnis geht, um menschliche Nähe, um Gesellschaft und Vereinzelung.

/ Das klingt fast so, als wäre das Konzertleben wichtiger als die Lufthansa (gute Provokation!) / 

Darüber könnte man auch angesichts der Klimakrise mal nachdenken. Ob Kultur nicht mehr für die Vernetzung und den Zusammenhalt einer friedlichen Gesellschaft beiträgt, ob sie nicht mehr ist als das Sahnehäubchen einer Wohlstandsgesellschaft. Ob ein Konzert nicht mehr zur Stabilisierung der Zivilisation und unserer Demokratie beiträgt als ein Geschäftsflug nach New York oder ein Partyflug nach Ibiza. Rein wirtschaftlich muss man sehen, dass die Veranstaltungsbranche der fünftgrößte Wirtschaftszweig ist in Deutschland.

Quelle Süddeutsche Zeitung 30. September 2020 Seite 9 „Ein Konzertabend ist sehr viel mehr als das Anhören von Musik“ Die Coronamaßnahmen zerstören derzeit die Kulturszene. Die Münchner Konzertveranstalterin Alexandra Schreyer beschreibt die verzweifelte Lage / Interview: Helmut Mauró

Man sollte das Interview online ohne Bezahlschranke abrufen können. Ich zitere nur noch die wenig optimistisch stimmenden letzten Sätze der Agentin:

Die Orchester drohen auseinanderzufallen, die Künstler kommen nicht mehr zum Publikum und dieses zerstiebt ebenfalls. Die Verwerfungen sind international, die schlimmsten Auswirkungen werden uns erst nächstes Jahr erreichen. Wenn man nicht rechtzeitig reagiert, wird sich der private Sektor des Kulturlebens erst nach Jahren wieder halbwegs erholt haben.

*    *    *

Was Sir Simon Rattle anlässlich eines Konzertes ohne Publikum am 4. Juni 2020 Im BR über die Situation der Orchester und – über die Zukunft der Flug-Touren gesagt hat:

BR-KLASSIK: Sir Simon, Sie dirigieren hier im BR ein Konzert ohne Publikum. Mit welchen Gefühlen gehen Sie an dieses Konzert heran, und wie haben Sie die Proben erlebt?

Simon Rattle: Vor allem mit sehr viel Freude. Es ist der erste Fuß, den ich wieder ins Wasser setze – seit dem Lockdown dirigiere ich nun zum ersten Mal. Ich habe nur ein, zwei Mal am Klavier musiziert. Schon die Ankunft der Streicher hier im Funkhaus am ersten Probentag war wirklich berührend. Wir fühlten uns alle irgendwie erlöst, wie bei einem Festessen nach einer Hungersnot.

(…)

BR-KLASSIK: Gibt es Dinge im Musikbetrieb, die sich Ihrer Meinung nach jetzt grundlegend verändern?

Simon Rattle: Ich glaube, dass sich vieles stark verändern wird. Ich nehme an, dass intensives Touren um die Welt in den nächsten fünf Jahren so nicht mehr möglich sein wird. Das London Symphony Orchestra sollte nächstes Jahr unglaubliche 99 Tage auf Tour sein. Und da habe ich die nationalen Gastkonzerte noch nicht mitgezählt. Das ist auf keinen Fall aufrechtzuerhalten, auch wenn das Orchester eigentlich nur so überleben kann. Langfristig erwarte ich nicht, dass Orchester weiterhin rund um den Globus fliegen werden.

Quelle: Hier

Also – was tun?

Berthold Seliger zur aktuellen Situation der Kulturpolitik 12. Oktober 2020

 Abzurufen HIER

I. Verschiedene Formen der Ungleichheit innerhalb der Konzert- und Kulturszene
II. Wann werden Tourneen wieder stattfinden können? Wie ist die Situation der Konzertveranstalter*innen, Agenturen und Kulturarbeiter*innen?
III. Zur Analyse und Kritik der Kultur-Fördermaßnahmen unter besonderer Berücksichtigung der Maßnahmen der Bundesregierung
IV. Was tun? Plädoyer für einen Neustart Konzerte – Draußen / Drinnen

Erster Teil vorweg: HIER

Mensch und Menge

Demokratisches aus der Zeitung

Im wirklichen Leben sieht man zum Beispiel einem kleinen Jungen zu, der immer wieder die von ihm aus Erdreich geformten Klößchen zählt, die Menge imponiert ihm. Eine Urlauberin nachahmend, zählt er laut: … 27, 28, 29, 91, 92, 93, 94 … eine eigenwillige Folge, am Ende hat er sie alle, wohl 136 an der Zahl, mit seiner Schubkarre in Sicherheit gebracht. Gleicht er nicht dem Prometheus, der Menschen aus Lehm formt? Wenig später wandern sie alle den Pfad des Lebens hinauf…

Bitte erraten Sie, zu welchem Thema die folgenden, wie ich meine, allgemeingültigen Sätze möglicherweise passen. (Aber schauen Sie nicht heimlich in die Quellenangabe!)

ZITAT

In Wirklichkeit nützt es in der außerordentlichen Notlage nichts, die Mehrheitsmeinung zu kennen – wie es denn über die Geltung von Normen weder etwas aussagt noch an sie rührt, wenn man sie zum Gegenstand einer demoskopischen Befragung macht. Die Moral der freiheitlichen Gesellschaft ist aus guten Gründen nicht festgelegt und bleibt im Einzelfall konflikthaft, sie ist in manchen Lagen eindeutig, in anderen nur hinter einer Pluralität von Diskursen zu erahnen. Dagegen eine authentische und deswegen verbindliche Posititon zu unterstellen, den wahren Willen der Gesellschaft, simuliert eine Außen- oder Beobachterposition, die es nicht gibt, höchstens auf dem unironischen Theater.

Quelle DIE ZEIT 17. September 2020 Seite 57 / Thomas E. Schmidt: Der Wahr-Sager Was macht den sagenhaften Erfolg des Schriftstellers Ferdinand von Schirach aus?

Es ist also der, bei dessen Bühnenstücken, die mit einer ungelösten Problemstellung enden, schließlich noch eine eine Publikumsbefragung erfolgt. Was ist von einem solchen Ergebnis zu erhalten? Falls ich eine feste Meinung gefasst und kundgetan habe, möchte ich gewiss nicht überstimmt und ins Unrecht gesetzt werden. Oder aber ich bin erleichtert, dass die Meinung, die mir zwangsläufig schien, auch weiterhin in Frage gestellt bleiben darf. Gut, mir war es interessant, etwas Detailliertes über die Technik des Schriftstellers zu erfahren. Dann aber auch wieder das Abrücken von seinem Verfahren:

Augenscheinlich möchte aber der Autor kein Guru werden, so wenig, wie er die exaltierte Inszenierung eines Michel Houellebecq nötig hat. Eine feine Distanz trennt ihn auch von seinen Lesern. Die zürnen über die Leitartikel, er sitzt im Café und feilt an einem Satz. Sie stopfen sich mit Nahrungsergänzungsmitteln voll, er raucht. Ein stolzer und kluger Herr ist das, ein Wiederkehrer aus Zeiten, als das Dichten noch geholfen hat und Kultur etwas galt. Das ist es, was heute den Respekt macht: kein Böhmermann sein, sondern ein Thielemann.

Bleibt das Talmihafte daran. (…)

Wie bitte? Was meint der Kritiker? Vielleicht das, was mir in Talkshows eher als eine etwas tüddelig-suchende Ernsthaftigkeit erschien? Ehrenwert, weil er nicht wie andere Diskutanten aufs verkünderhaft klar Übermittelbare setzte? Nein, wohl nicht. Es geht hier um das Geschriebene, das ich nicht kenne.

Seine Bücher schwächeln, weil sie so heillos unterliterarisch sind. Von Schirach erzählt vom Wahren, aber nicht vom Wahrscheinlichen, will sagen, da bleibt bei aller Detailtreue und Beobachtungslust ein bohrender Mangel an Psychologie, an Lebenskomplexität, die wiederum Fantasie und eine bestimmte Darstellungskraft benötigt, wenn sie zur Wirkung kommen soll.

Stattdessen: hohe Emotionalisierung und Zuspitzung auf die vom Leser freizulegende Botschaft. Literatur macht die Welt noch komplizierter, als sie ohnehin ist, sie spielt mit allerlei Ambivalenzen und zwingt dazu, die auch auszuhalten. Von Schirachs Bücher hingegen streben aus der Mehrdeutigkeit heraus, sie rufen zur Entscheidung auf und wollen auf den Punkt der Klarheit kommen – hinter dem die Wirrnisse der gesellschaftlichen Auseinandersetzung anfangen. Kein Bedürfnis ist zu erkennen, aus dieser hochkulturellen Simulation die Luft zu lassen.

Ich bin heilfroh dergleichen zu lesen und bin so frei, es auf die Kunst überhaupt zu beziehen. Ich brauche eigentlich die abschließenden Sätze nicht mehr, um aktiviert zu bleiben. Oder doch diese noch:

Ferdinand von Schirach ist jene intellektuelle Autorität, die sich ein übrig gebliebenes deutsches Bildungsbürgertum aufgerichtet hat, das an der medialen Wirklichkeitsdarstellung und am selbstzufriedenen  Kulturbetrieb müde wird. Jenseits dessen liegt das goldene Wort, das theatralische Nach- und Tiefdenken. Ob die Müdigkeit zu Recht besteht, gut oder schlecht ist, wird keine Abstimmung entscheiden. (…)

Der Zeitpunkt zu fragen: wer ist Thomas E. Schmidt? Ein Philosoph und Journalist (da das manchmal auch zusammengeht), siehe hier, seine Thesen zum Theater (1995 !) interessierten mich, daher noch dieser Link: Corona und Theater (Michael Isenberg 2020) hier.

*    *    *

Ein anderer Artikel hat sich in der Nachwirkung bei mir an den oben zitierten angeschlossen, und ich bin gespannt, ob sich am Ende ein sinnvoller Zusammenhang ergibt. Eine Folge hat sich bereits ergeben, der zitierte Aufsatz von Jürgen Habermas, von dem insinuiert wird, man brauche den Text nur „hervorzuholen“, ist bereits via Buchhandlung Jahn auf dem Weg zu mir nach Hause, eingeschlossen übrigens in ein Buch von Charles Taylor: „Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung „.

ZITAT

Moderne Verfassungen, heißt es in einem Aufsatz von Jürgen Habermas, verdankten sich „der vernunftrechtlichen Idee, dass sich Bürger aus eigenem Entschluss zu einer Gemeinschaft freier und gleicher Rechtsgenossen zusammenschließen.“ Doch so populär, wie diese Idee nach wie vor ist, so groß scheint gegenwärtig auch das Ungenügen zu sein, das sie seit geraumer Zeit auslöst. Dieses Ungenügen ist offenbar nicht darauf zurückzuführen, dass manche Bürger, wie in früheren Tagen, eine grundsätzlich andere gesellschaftliche Ordnung im Sinn hätten. Vielmehr wollen sie in anderer Weise an der bestehenden Ordnung teilhaben, als es bisher der Fall ist.

Den jeweiligen „Aktoren“ gehe es darum, eine prinzipiell verbürgte „Ebenbürtigkeit ihrer Kulturen“ einzuklagen, meint Habermas. Deshalb träten sie nicht als „individuelle Rechtspersonen“, sondern als Kollektive auf. Zu ihnen gehörten die Frauen, ethnische oder kulturelle Minderheiten, die Hinterbliebenen des Kolonialismus. Man könnte die immer vielfältiger werdenden Minderheiten der sexuellen Orientierung hinzufügen sowie zuletzt, zumindest dem eigenen Selbstverständnis nach, nicht wenige Ostdeutsche. Die Liste der potentiellen Kollektive ist unendlich, und so weit auseinander ihre Anliegen im Einzelnen liegen mögen, so sehr ist ihnen doch ein Motiv gemeinsam: die Überzeugung, dass jene angebliche „Gemeinschaft freier und gleicher Rechtsgenossen“ tatsächlich in Täter und Opfer auseinanderfällt. Zwischen ihnen soll kein Argument vermitteln können.

Jürgen Habermas gab seinem Aufsatz 2009 den Titel „Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat“. Es lohnt sich, den Text hervorzuholen, weil sich an ihm einige der zentralen Veränderungen festmachen lassen, die seitdem nicht nur die deutsche Gesellschaft bewegen. Denn was sind „Anerkennungskämpfe“? Auseinandersetzungen um formale Gleichheit, möchte man annehmen. Mit dem Erwerb von Anerkennung, also etwas stets Abstraktem, mag dabei die Hoffnung verbunden sein, auch mit der faktischen Benachteiligung oder gar der gewaltsamen Zurücksetzung möge es irgendwann ein Ende nehmen. Ob dieses Ende dann tatsächlich eintritt, ist allerdings nicht gewiss. Zu Recht weist Jürgen Habermas darauf hin, dass eine nur „teilweise durchgesetzte formale Gleichstellung“ die tatsächliche Benachteiligung um so deutlicher hervortreten lasse. Belege finden sich überall, etwa in der Geschichte der Frauenbewegung.

Gewiss hingegen ist, dass mit dem Verlangen nach Anerkennung die Instanz bestätigt wird, die „vernunftrechtliche Ideen“ in geltendes Recht überträgt, also der Staat.

Quelle Süddeutsche Zeitung 23. September 2020 Seite 9 / Thomas Steinfeld: Vom Ende der Dialoge / Die Protestbewegungen der Gegenwart wollen gleichzeitig Widerstand und herrschende Macht sein, Kläger und Richter. Dabei entstehen Widersprüche, die jede Debatte unmöglich machen

ZITAT aus dem Vorwort des Buches von Taylor, in dem sich der zitierte Essay von Habermas befindet:

Analog dazu hat man in bezug auf die Schwarzen behauptet, die weiße Gesellschaft habe ihnen über viele Generationen hinweg ein erniedrigendes Bild ihrer selbst zurückgespiegelt, ein Bild, das sich manche von ihnen zu eigen gemacht haben. Die Verachtung des eigenen Selbst sei schließlich zu einem der mächtigsten Werkzeuge ihrer Unterdrückung geworden. Die erste Aufgabe bestehe also darin, sich dieser aufgezwungenen, destruktiven Identität zu entledigen. In jüngster Zeit hat man diese These auf autochthone und kolonisierte Völker ausgeweitet. Die Europäer hätten seit 1492 ein Bild auf diese Völker projiziert, das sie als minderwertig und »unzivilisiert« erscheinen lasse, und als Eroberer hätten die Europäer den Unterworfenen dieses Bild oft genug aufgezwungen. In der Gestalt Calibans hat man eine Verkörperung dieses von Verachtung für die Ureinwohner der Neuen Welt erfüllten Porträts erkannt. So gesehen, zeugt Nicht-Anerkennung oder Verkennung des anderen nicht bloß von einem Mangel an gebührendem Respekt. Sie kann auch schmerzhafte Wunden hinterlassen, sie kann ihren Opfern einen lähmenden Selbsthaß aufbürden. An-erkennung ist nicht bloß ein Ausdruck von Höflichkeit, den wir den Menschen schuldig sind. Das Verlangen nach Anerkennung ist vielmehr ein menschliches Grundbedürfnis.

Überrascht es uns, dass bei solchen Abhandlungen Merksätze herauskommen, die heute jeder glaubt aus dem Stegreif formulieren zu können? Das will man nicht hören.

Gerade mit den Leuten, die sagen: „das wird man doch noch sagen dürfen!“, so heißt es, soll man den Dialog suchen. (Aber wenn sie einen schon vorher niederschreien? Soll man lieber etwas sagen oder ebenso schreien und die Leute dann darüber abstimmen lassen? )

Oben bei Thomas E. Schmidt war ja sogar von „einer Pluralität von Diskursen“ die Rede. Die „Leute“ aber wollen nichts von Dialog hören, erst recht nichts von einer Pluralität (außer der eigenen), und deshalb ist es wichtig zu wissen, was eigentlich passiert ist. Und davon handelt Steinfelds Artikel, wie der Titel schon sagt, allerdings nur „Vom Ende der Dialoge“.

Ein Faktum würde ich allerdings undiskutiert lassen: es gehört nicht zur beklagenswerten Einschränkung unserer Freiheit, dass bestimmte verbale Injurien unter Strafe stehen, von unflätigen Beleidigungen bis zur Volksverhetzung, von Diffamierung bis Holocaustleugnung. Damit wird ein Dialog von vornherein ausgeschlossen, genauso, wie man einen ernsthaften Kontaktversuch normalerweise nicht durch einen Messerstich ausdrückt. Allerdings erinnere ich mich, dass geistig zurückgebliebene Jugendliche versuchen, durch rüpelhaftes Benehmen auf sich aufmerksam zu machen. „Sie geben nur Zeichen“. Aber muss ich mich dann eilends zum geschickten Erzieher berufen fühlen? Vielleicht gibt’s dann nur was „auf die Schnauze“. (Nach dem schon sprichwörtlichen „Kuckstu“.) In jedem Fall interessieren mich sorgfältige Analysen des Sachverhalts:

ZITAT

Zumindest ein Teil der gesellschaftlichen Konflikte, die man vor gut zehn Jahren vielleicht unter der Rubrik „Anerkennungskämpfe“ hätte erfassen können, scheint mittlerweise einen anderen Charakter angenommen zu haben- Wenn Demonstranten, die Opfer einer von Staats wegen betriebenen Verschwörung gegen die eigene Bevölkerung zu sein wähnen, mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ die Stufen des Reichstagsgebäudes erklimmen, ist damit kein Verlangen nach Anerkennung verbunden. Sie bitten nicht um Berücksichtigung. Vielmehr geht es ihnen um eine Art Hegemonie. Die Demonstranten inszenieren sich selbst als Souverän, daher die Aggressivität, die Frakturschrift und die Flagge einer untergegangenen Nation, so absurd die Darbietung auch sein mag.

(…) [es folgt hier die Darstellung der geheuchelten Dialogbereitschaft von oben, die es eben auch gibt]

Die Kündigung der „vernunftrechtlichen Idee“ von der „Gemeinschaft freier und gleicher Rechtsgenossen“ mag sich, neben anderem, aus der Enttäuschung speisen, die aus dem notwendigen Scheitern der Dialoge hervorging. Anstatt nun aber im Dialog eine Technik zu erkennen, mit der es sich auf scheinbar milde Weise herrschen lässt, sehen sich die Opferkollektive um den Ertrag ihrer Anstrengungen betrogen. In der Folge stellen sie zwar Ansprüche an den Staat, wollen sich aber weder von der Exekutive noch von der Jurisdiktion etwas sagen lassen. Stattdessen wollen sie als Partei und Souverän zugleich auftreten, als Kläger und Richter, als Widerstand und herrschende Macht (…). (…) Man klagt das Recht ein, ist aber im Grunde stets bereit, sich darüber hinwegzusetzen.

Das beste Beispiel für einen solchen, ebenso offensichtlichen wie nicht zur Kenntnis genommenen inneren Widerspruch ist die nun schon seit Jahren zirkulierende Formel vom „Gesinnungskorridor“, in dem nach Ansicht nationalkonservativer Intellektueller geregelt wird, was in einer demokratischen Öffentlichkeit gesagt werden darf und was nicht. Sie erweckt den Anschein, bestimmte Ansichten unterlägen einer inoffiziellen Zensur. Der Selbstwiderspruch, dass die öffentliche Rede von Redeverboten ebenfalls eine Rede ist (mit dem Unterschied, dass man dabei nicht über Außersprachliches redet, sondern über das Reden selbst), kann dieser Vorstellung nichts anhaben: Denn längst hat die Suche nach Schuldigen das Suchen nach Gründen ersetzt (das ist nicht nur unter Opferkollektiven so, sondern fast überall), weshalb sich Fakten in Interessen und Diskussionen in Tribunale verwandeln. (…)

Gemeinsam ist den Opferkollektiven, dass aus ihnen ein verletztes Bewusstsein von Gerechtigkeit spricht. Dieses Bewusstsein ist mit dem Rechtsbewusstsein nicht zu verwechseln. Denn das Recht ist kodifiziert. Es soll einander widersprechende Interessen abgleichen. Aus der Perspektive des Opfers kann deswegen kein Recht gesprochen werden, weil sie nicht auf den Ausgleich, sondern auf die Durchsetzung zielt, in den vorhandenen Strukturen. Deswegen fallen die Urteile so hart aus. Deshalb will aber auch keine dieser Initiativen mit der gesellschaftlichen Ordnung brechen. Alles soll so sein, wie es war und ist, nur ganz anders und zum eigenen Vorteil.

So endet der Artikel von Thomas Steinfeld „Vom Ende der Dialoge“ in der Süddeutschen Zeitung; leider ist er dort nur hinter einer Bezahlschranke abzurufen, nämlich hier.

Für mich ging es so nicht ganz befriedigend aus, weil nicht weiter in Betracht gezogen wird, dass die Opferkollektive durchaus eine Veränderung der vorhandenen Strukturen erwarten, einen Aufstand oder einen sukzessiven Machtzuwachs aller irgendwie Unzufriedenen. Warum soll man damit rechnen, dass wirklich keine dieser Initiativen mit der gesellschaftlichen Ordnung brechen wird. Sie könnten sich sogar allesamt unter der Fahne eines Populisten versammeln, sofern nur dessen Formeln die internen Differenzen der partikularen Kollektive verdecken.

Wie erwähnt: zuhaus werde ich den Originaltext von Habermas vorfinden und ernsthaft zurate ziehen, der übrigens – wenn ich recht sehe – nicht aus dem Jahr 2009 stammt, sondern schon 1993 mitsamt dem Taylor-Buch bei S.Fischer veröffentlicht worden ist.

Fotos: E.Reichow

Nachbemerkung Solingen 5. Oktober 2020

In der Tat, das Taylor-Buch ist jetzt in meiner Hand, und ich habe größere Lust, es zu lesen, statt der Frage des Erscheinungsjahres mit oder ohne den Habermas-Essay zu recherchieren. Da stimmt jedenfalls etwas nicht: dass es 1983 erstmals auf deutsch erschienen sein soll, während die amerikanische Originalausgabe bei Princeton University Press 1992 veröffentlicht worden sein soll. Keines der zitierten Werke, die in den Anmerkungen zu Taylor oder Habermas aufgeführt sind, ist später als 1993 entstanden. In wissenschaftlichen Publikationen sehe ich folgende Quellenangabe:  C. Taylor: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Mit einem Beitrag von Jürgen Habermas. Hg.: Amy Gutman. Frankfurt a. M. 1997. (Wahrscheinlich handelt es sich um die gebundene Ausgabe vor dem 2009 veröffentlichten Suhrkamp Taschenbuch.)

Hier ist die Titelseite mit den entsprechenden Angaben:

Ich habe genug

Eine Assoziation

 Quelle ZEIT-Magazin 3.8.2020 Nr.37 Seite 61

Es ist nur die eine, die Frage-Hälfte der Rubrik, zu der im Original die Antwort des Psychotherapeuten Wolfgang Schmidbauer gehört; beides ist immer interessanter Lesestoff. (In diesem Fall gibt er der Frau namens Nadine recht, aber seine schöne Begründung will ich hier nicht verraten.) Ich benutze die Gelegenheit, um eine eigene Assoziation anzuknüpfen. Ich gebe Nadine ebenfalls recht, bin aber irritiert, weil da steht, diese Kantate – es ist  BWV 82, eigentlich „Ich habe genung“ , – werde von einem Countertenor gesungen. Ich habe die Eingangsarie selbst einmal bei Frau Becker-Überhorst studieren müssen und zwar in Bassbariton-Lage, kannte also das Stück ganz gut, als wir es in Esslingen aufgenommen haben. Das muss ganz früh gewesen sein, um 1965, Collegium Musicum des WDR. Mit Barry McDaniel, Bariton, und Helmut Winschermann, Solo-Oboe. Der Sänger war erfrischend unkompliziert, sang lebendiger als es damals in der Kirche üblich war, und als Winschermann die letzte Arie („Ich freue mich auf meinen Tod“) anstimmte, machte McDaniel im Altarraum Hula-Hoop-Bewegungen mit der Hüfte und scherzte: „Ja, man muss das tanzen!“

Also war mein erster Griff nach dem Smartphone um nachzuprüfen, ob es diese Kantate auch mit Countertenor gibt, und in der Tat: nach einer Version mit Peter Kooy (Bass) und Herreweghe ( hier ) wurde auch eine mit Andreas Scholl (Countertenor) und dem Kammerorchester Basel angeboten. Dieselbe Tonart, wie ich höre, also im Gesang eine Oktave zu hoch. Ist das erlaubt? Mir passt es nicht, – kann man sagen, dass es darüberhinaus auch noch zu wenig „tanzt“?

Ein Auswahl-Album, – hat er überhaupt je die ganze Kantate gesungen? Es sind ja doch die anderen Sätze, die einen so ergreifen. Aber eher mit Peter Kooy.

Mein Gott, wie weit bin ich abgedriftet von Fragen der Ehe, erst recht von Tod und Leben. Es tut mir leid, dass Barry McDaniel im Juni 2018 gestorben ist, immerhin mit 87 Jahren. Er war aber auch 10 Jahre älter als ich. Und nun muss ich mit einer gewissen Betroffenheit die Antwort des Psychotherapeuten studieren. Da steht u.a.: „Wer sich Gedanken über die Musikstücke macht, die auf seiner Beerdigung gespielt werden sollen, ist sehr lebendig. Nadine kann Thomas Mann und Sigmund Freud anführen, die beide betont haben, dass Vergänglichkeit den Wert des Schönen in unserem Leben nicht mindert, sondern erhöht.“

Ich hatte mir ja auch schon mal ein solches Stück ausgesucht (Mahlers „Trinklied vom Jammer der Erde“), kam aber mit dem Gedanken nicht klar, dass ich es dann selber nicht mehr werde mithören können, nicht einmal – was mir eigentlich noch wichtiger wäre – die Wirkung auf die kleine Trauergemeinde überprüfen könnte. Wer sich dabei offensichtlich langweilt oder über die Lautstärke aufregt oder über den Affen, der da hundert Jahre … oder wie war das? Jedenfalls hätte gerade der mein größtes Mitleid!

Und jetzt wieder frustriere ich meine Leser:innen, weil unklar bleibt, ob ich eine Person oder den Affen meine. Zugegeben: ich neige zu Scherzen an den unpassendsten Stellen.

Lanz-Analyse

Für + Wider = Lernprozess

Ich zum Beispiel lese ungern etwas von Maxim Biller, weil ich immer seine mündliche Argumentation aus dem früheren Literarischen Quartett im Ohr habe; dies steht auf/in einem ganz anderen Blatt:

Wenn man viele Sendungen ernsthaft interessiert an- und auch mal weggeschaut hat, dann ist das Irritierende an Lanz, auf das man sich erst mal einlassen können muss: dass er wirklich politisch informiert und interessiert ist, aber weitgehend unideologisch. „Er fragt ohne eigene Agenda“, sagt der Schriftsteller Maxim Biller, der zu den Ersten gehörte, die ihn öffentlich gut fanden.

Mir selbst wurde das bei der Analyse früherer Reaktionen klar, die unterschiedlich ausfielen, je nach Gast. Bei einer mir unsympathischen linkskonservativen Politikerin war ich begeistert, wie scharf Lanz fragte, und dachte: Sooo muss man es machen. Bei einer mir sympathischen Klimapolitikaktivistin war ich empört, wie scharf Lanz fragte, und dachte: Sooo geht es ja gar nicht. Der Ideologe war also ich.

Dies sind Sätze aus einer herrlichen Beschreibung des Talk-Masters und Menschen Markus Lanz. Der Autor heißt Peter Unfried, was wohl kein Pseudonym ist, sonst läse man’s bei Wikipedia, siehe hier.

Sein Taz-Artikel hat mir großes Vergnügen gemacht, er spiegelt – so scheint mir bzw, so bilde ich mir ein – auch meine Geschichte jahrelanger Beobachtung der Lanz-Sendung zu nächtlicher Stunde. Reiner Zufall?

Ich habe als größten Fehler in Lanz‘ Laufbahn sein Bierkastenstemmen in „Wetten dass…“ gesehen. Er hätte wissen müssen, dass man danach außer Atem ist und nicht mehr souverän moderieren kann. Aber das liegt unglaubliche 8 Jahre zurück. Er hat in dieser Zeit unglaublich viel gelernt. Man muss ihn aber deswegen nicht unbedingt mögen.

Hier ist der Zugang: https://taz.de/Moderator-Markus-Lanz/!5693746/

Luther als Herr und Knecht

Ein Merkzettel

Es gibt (für mich) mehrere Gründe, diesen Kommentar so zu verwahren, dass ich ihn im Internet wiederfinde (hier einstweilen über Bezahlschranke), denn zum Sammeln und Abheften reicht meine Energie nicht: erstens weil ich alles von Prantl gründlich lese, meistens zustimmend, zweitens weil ich in dem Buch von Bergner über die Bach-Präludien gestern (hier) im Anhang (über „Die geisteswissenschaftlichen Implikationen des Bachschen Formbegriffs“ Seite 144f) auf das Kapitel „Luthers Musikverständnis “ gestoßen bin, drittens weil ich bei dem Begriffspaar „Herr und Knecht“ (wie sicher auch von Prantl bezweckt) als erstes an Hegel denke, dann an einen eigenen Artikel zu diesem Thema, den ich fünftens genau vor einem Jahr geschrieben habe, ohne an Luther zu denken. Und sechstens: weil ich mich bemüßigt fand, in ein (wie bei mir häufig) über 50 Jahre altes Buch zu schauen, das ich als jederzeit wieder lesenswert in Erinnerung habe, damals aber meiner (im Gegensatz zu mir) lutherfrommen Mutter zu Weihnachten 1968 schenkte: „Luther. Sein Leben und seine Zeit“ von Richard Friedenthal / Verlag R.Piper & Co München 1967. Um dort jetzt nachzulesen, was es mit den um 1520 veröffentlichten  Schriften auf sich hatte, darunter „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die 500 Jahre später Heribert Prantl für die SZ noch einmal reflektiert hat. Jedoch bei Friedenthal etwas nachzulesen, bedeutet unweigerlich, dass man davon nicht mehr loskommt… hoffen wir, dass der Kreis sich schließen lässt…

Hatte ich nicht früher schon…? Nein, da ging es nicht um die konstantinische Schenkung, sondern um die dionysische Vertauschung: hier. Ich kann verstehen, dass Prantl in diesem Fall dergleichen nicht erwähnt hat, er verfährt schon kritisch genug mit seinem Luther. Zur Sicherheit schaue ich trotzdem nach, ob er eigentlich unabhängig genug ist – und nicht etwa im Evangelischen Kirchenrat sitzt, laut Wikipedia ist da nichts zu vermelden, – stopp: nur im Kölner Domradio (an dessen Schaufenstern ich früher immer vorbeikam, wenn ich zum WDR strebte) gibt es eine auf ihn bezogene theologische Meldung. Ja, das hätte ich auch gern, aber nur im Fach Bach oder wenigstens als Bergner-Laudator.

Kurz und gut, – der Argwohn bleibt: an diesem Artikel stimmt etwas nicht. Da werden Konsequenzen vermieden, Widersprüche beschwichtigt. Schon im Gebrauch des Wortes Dialektik, als habe Luther im Traum daran gedacht. Da gibt es Gott und den Teufel, unklar bleibt, ob innen oder außen. „Für Luther war Gott ein selbstverständliches Gegenüber, mit dem er sprach, rang, bisweilen an ihm verzweifelnd. Das ist heute selbst für die, die sich Christen nennen, nur noch selten so, und der Teufel ist erst recht ein Hirngespinst. Aber das heißt nicht, dass es keine Mächte gibt, denen sich der säkulare Mensch ausgeliefert fühlt. Aus den Ansprüchen Gottes sind Selbstansprüche geworden. Die Teufeleien heute haben andere Namen: Sie heißen Egoismus, Individualismus, Profitismus, Marktradikalismus, Nationalismus, Rassismus. Die Frage heute ist nicht die nach einem gnädigen Gott, sondern nach gnädigen Verhältnissen.“

Ja, wir sind selbst schuld, und wenn wir dieses allesumspannende Wir gebrauchen, stellen wir uns ruhig, das ist gängige Praxis: in unserer Ohnmacht bescheiden wir uns. Und wenn es Gott gibt, dann als ein Gegenüber. Hier müsste vom Mechanismus der Projektion die Rede sein. Eine kurze Anspielung auf die Fleischarbeiter bei Tönnies, auf die Missstände in Pflege- oder Flüchtlingsheimen und auf „Black lives matter!“ hilft wenig.

„Luthers eindringliche Unterscheidung zwischen Leib und Geist hat emanzipatorische Kraft entfaltet, sie hat die Gewissen vieler Zeitgenossen davon befreit, vor geistlichen oder weltlichen Ordnungen zu ducken. Aber Luthers Vernachlässigung der ganz materiellen äußeren Freiheit hat auch Emanzipation gehemmt. So radikal wie die aufständischen Bauern wollte er die Befreiung doch nicht.“

Er hat dank seiner „eindringliche[n] Unterscheidung“ die Möglichkeit offengehalten, leichter von einem Lager ins andere überzuwechseln, ohne dass man die Dialektik durchdringt, die bei Luther lediglich im blanken Wortgebrauch von Herr und Knecht liegt; sie folgt einem beliebten christlichen Paradox: die Ersten werden die Letzten sein (und natürlich auch umgekehrt). Oder weniger abstrakt: der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Und es klingt derart leiblich, körperlich, dass der Geist seine helle Freude dran hat.

Natürlich weiß Heribert Prantl das genau, und deshalb verstehe ich seine Luther-Dialektik nicht. Das Jahr 1492 liegt halt noch nicht lange zurück.

Kritik an Musik

Journalistenlob und -laber

Dass man bestimmte Zeitungen besonders gerne liest, bedeutet nicht, dass sie sich immer mit der eigenen Meinung decken, im Gegenteil, über einzelne Kritiker ärgere ich mich immer aufs neue. Das war im Fall der Süddeutschen ganz besonders in den 70er/80er Jahren der Fall, als sie sich durch besondere Rückständigkeit auszeichneten; berühmte Namen, die ich nicht nennen muss. Heute dagegen will deren Nachhut so weit vorne stehen, dass auch die Avantgarde erschrickt. Ich weiß nicht, ob Herr Brembeck die Inszenierung der Tosca (Aix 2019) loben würde, die vor ein paar Tagen in ARTE gesendet wurde, – es wäre ihm zuzutrauen. Ich misstraue ihm vielleicht grundlos, wenn er Daniel Harding („überwältigende Spiellust“) so dringend als Nachfolger für Mariss Jansons empfiehlt und folgerichtig in einem weiteren Konzert mit den BR-Sinfonikern den Konkurrenten Franz Welser-Möst unter dem Titel „Die Romantik der Schlaftablette“ abserviert. Aber es ist nicht Sache eines schwachen Rezensenten, kulturpolitisch so ehrgeizig wie kleinkariert zu agitieren, als habe er wirklich etwas zu melden. Es wäre nicht der Mühe wert, dieses Abwägen zwischen Harnoncourt und imaginären Liebhabern der „Karl-Böhm-Zeit“ auch nur für einen Augenblick ernstzunehmen, wenn dann nicht wieder Igor Levit auftauchte und einerseits auffällig geschont, andererseits mit sehr seltsamen Worten abqualifiziert wird: er habe sich „in den letzten Jahren zum letztgültigen Reichsverweser Beethovens hochgespielt“. Ich weiß nicht, woran mich der Ausdruck „hochgespielt“ erinnert, bei „Reichsverweser“ kommt mir allerdings die „Reichsklaviergroßmutter“ in den Sinn – oder wie nannte man sie? – und der im letzten „Reich“ ebenfalls hochgeschätzte Wilhelm Backhaus. Das hat Levit nicht verdient.

Mag sein, dass der Rezensent sich wirklich die überwältigende Wirkung eines hingehauenen Akzents und die erotische Wirkung eines lasziv gespielten Laufs irgendwie zusammenreimt, ein esoterisch verklärendes Moment dagegen von pathetisch auf Außenwirkung zielenden Passagen weniger eingelöst findet, obwohl der Pianist „sich in Langsames durchaus hineingrübeln“ kann, –  mir scheint, da hört jemand gar nicht zu, sondern greift gedankenarm in den Wortwirkungswürfelkasten.

Er weiß um die überwältigende Wirkung eines überraschend hingehauenen Akzents genauso wie um die erotische Wirkung eines lasziv gespielten Laufs. Er kann sich in Langsames beeindruckend hineingrübeln. Immer wieder aber kommt in sein Beethoven-Spiel aber auch ein esoterisch verklärendes Moment. Dann behauptet er nicht nur in pathetisch auf Außenwirkung zielenden Passagen einen Tiefsinn, der pianistisch nicht eingelöst wird.

Ja, wie denn dann? Misslingen ihm die auf Tiefsinn getrimmten Passagen pianistisch oder gedanklich? Es hat einfach keine Logik, ebensowenig wie das doppelte „aber“ im vorhergehenden Satz des Kritikers. Es ist schlampig formuliert und labert nur wolkig daher, vorgebend, ein dreifaches „nie“ ziele nun glaubwürdiger auf Ungesagtes, Existenzielles…

Welser-Möst ist Levit zudem kein adäquater Partner. Nie fordert der Dirigent den Pianisten heraus, nie ist er ihm Widerpart, nie lockt er ihn ins Ungesagte, ins Existenzielle. Und so versandet dies Konzert im Braven.

Und überhaupt:

Welser-Möst fehlt eine zündende Idee. Er lässt die Musik laufen, er bringt sie nie zum Strahlen, er elektrisiert in keinem Moment, er unterfordert seine Musiker konsequent.

Das ist etwa auf dem Niveau der vornehmen Dame, die ihren Begleiter im Konzert eines berühmten Dirigenten fragt: „Sagen Sie mir bitte, wenn er zu faszinieren beginnt!?“

Quelle Süddeutsche Zeitung 11./12. Juli 2020 Seite 19 Die Romantik der Schlaftablette Franz Welser-Möst unterfordert BR Sinfoniker / Von Reinhard J. Brembeck

Was bewirkt guter Journalismus?

Er beflügelt

Nie im Leben hätte mich „Vom Winde verweht“ interessiert. Jetzt nach den empörenden Bildern aus Amerika ist der Film (und das Buch) ins Gerede gekommen. Ad acta, denkt man. Aber darüber hinaus bedarf es eines intellektuellen Funkens, der eben aus den ernsthaft arbeitenden Medien kommt, mehr oder wenig durch Zufall: weil man sich plötzlich mehr Zeit nimmt als geplant. Hier und heute zum Beispiel:

   Hier

Ich weiß, dass man über die Verlinkung an eine Bezahlschranke kommt, soweit reicht meine Aktivierung nicht, aber ich habe den Artikel in Papier gelesen (gestern Abend bei REWE gekauft) und werde ihn eines fernen Tages auch digital wiederfinden. Warum er mich beflügelt? Ehrlich gesagt: es liegt am ersten Absatz und an den beiden schönen Menschen.

Nein, an den vielen Denkanstößen.

Ich überlege, wie ein nichtrassistischer Film aussehen müsste, wieviel schwarz, wieviel weiß, wie schwarzweiß dürfte er zeichnen, wie heftig mit dem neutralen Zaunpfahl winken. An welches Publikum müsste er sich richten? Wie ließe es sich motivieren, bei der Sache zu bleiben? Wie langweilig dürfte das Gleichgewicht aller mit allen wirken?

Was habe ich heute getan, ehe ich mich meinen privaten Vorhaben widme? (Beethoven, Kant, Hinrichsen, Gartenarbeit). In Wikipedia über „Vom Winde verweht“ (das Buch) nachgeschaut, was wird dort über Schwarz und Weiß gesagt? Ich muss einiges festhalten:

Anders als das Lesepublikum der 1950er und 1960er Jahre war der deutsche Literatur-Nobelpreis-Träger Heinrich Böll von dem Roman wenig angetan. Das Buch habe „jenen unbestimmbaren flutschigen Inhalt, der sich nicht genau definieren läßt, niemals genau zu definieren sein wird.“[7]

Die Darstellung der historischen Abläufe im Roman erfolgt aus der Perspektive der Protagonisten, also der der besiegten weißen Südstaatler. Alan T. Nolan kritisiert daher in The Myth of the Lost Cause and Civil War History, dass die Darstellung einem einseitig prosüdlichen Narrativ folge. Die Sklaverei und die Rolle des Ku Klux Klan nach dem Sezessionskrieg würden beschönigt, die Reconstruction und die nordstaatlichen Soldaten dagegen negativ dargestellt. Der Roman folge in diesem Sinne den typischen Topoi des Lost Cause und gebe nicht die historischen Tatsachen wieder.[8]

Sonja Zekri beurteilt den Roman als „modern in der Frauenfrage und archaisch im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß“: Mit der repressiven Idealisierung der Südstaatenfrauen habe Mitchell nichts anfangen können, das zeige schon ihre Protagonistin. Scarlett O’Hara habe sie als eine lebenshungrige, unzerstörbare, mehrfach verheiratete, erfolgreiche Geschäftsfrau gezeichnet, habe ironisiert „die übliche männliche Enttäuschung darüber, dass eine Frau über ein Gehirn verfügt“ (so Mitchell). – Auf der anderen Seite sei es ein rassistisches Buch. Entgegen entschuldigender Rede sei die Sklaverei durchaus Thema gewesen. Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Süden die Rassentrennung gesetzlich verankerte, habe Mitchell den Weißen alle Schuldgefühle genommen. In Form einer „Romancing Slavery“ strahle Sklaverei im warmen Licht einer idealen Gemeinschaft. Mammy, Pork und die anderen Sklaven wüssten die Geborgenheit und Fürsorge der weißen Besitzer zu schätzen und fürchteten nichts so sehr wie die Yankees. „Die Besseren unter ihnen verschmähten ihre Freiheit und litten genauso wie ihre weiße Herrschaft“, so Mitchell.[9]

Die französische Autorin Annie Ernaux bezieht sich in ihrem Lebenswerk Die Jahre wiederholt positiv auf den Roman, der wenige Jahre vor ihrer Geburt erschienen war und dessen Lektüre sie immer wieder beeindruckt hat.[10]

Das ist genug Wikipedia-Stoff, um mich beim Rekapitulieren dieses Blog-Artikels zu motivieren. Bölls Wort „flutschig“ ärgert mich ebenso wie seine resignierende Weigerung, genau das genauer zu definieren.

Und es stört mich, dass Annie Ernaux, die mich so beeindruckt hat (hier und hier), von diesem Kitsch-Roman so beeindruckt gewesen sein soll. Ihr Buch „Der Platz“ steckt heute noch zwischen den Papieren auf meinem Schreibtisch, weil ich mich nicht trennen konnte. „Eine lebensverändernde Lektüre“ (Didier Eribon) steht auf dem Umschlag, und ich frage mich, ob ich das eigentlich bestätigen kann. Da muss ich erst wieder ein bisschen rekapitulieren…

Und bei allem Lob des guten Journalismus, muss ich erwähnen, dass die Klassik-Kolumne zum Stichwort Venedig auf der Rückseite desselben Blattes der SZ mich so geärgert hat, dass ich sie auf keinen Fall genauer bezeichne.

Etwas ganz anderes: wenn Sie sich für investigativen Journalismus interessieren und erfahren wollen, weshalb man sich nicht nur ständig über Trump aufregen muss, sondern mindestens ebenso über gewisse Zustände und Vorkommnisse im eigenen Land (Stichworte: FLEISCH und AMTHOR), dann widmen Sie sich doch der Lanz-Sendung von gestern Abend. Die Zeit wäre sehr sinnvoll angelegt: HIER

16 Minuten Weg zwischen den Generationen

Coccia, Plessner, Gehlen, Adorno

Es war die aufgeschriebene Vision eines alten Mannes, die mich am vergangenen Donnerstag stark berührt hat, heute die eines jungen Mannes, dessen munteres Daherreden auf youtube genau meine Themen betraf. Zum Beispiel die Linie zwischen Außen und Innen, die mich schon oft beschäftigt hat.

Zwischen David Johann Lensing (*1989) und Edgar Reitz (*1932)

Private Höhle und öffentlicher Raum

 Direkt vom Papier ins Medium:

 Quelle: DIE ZEIT

DIE ZEIT 4. Juni 2020 No.24 Seite 50 Warum wir das Kino brauchen / Die Coronakrise zeigt, dass das Kino als Ort der Zuflucht und des Rückzuges umso wichtiger wird. Aber dafür muss es sich verwandeln. Von Edgar Reitz.

Das Innen und das Außen  13:13 / Anthropologie der Sinne

 Zum Nachlesen HIER

(Fortsetzung folgt)

Zuviel Zeit für die ZEIT?

Eine Berichtigung ohne Richtigstellung

Quelle: DIE ZEIT No.24 am 4. Juni 2020 Seite 8 STREIT

Quelle: DIE ZEIT No.23 am 28. Mai 2020 Seite 10 STREIT Darf man zum Impfen zwingen? Darüber streiten Menschen nicht erst seit Corona. Seit März verpflichtet ein Gesetz Eltern, ihre Kindern gegen Masern immunisieren zu lassen. Richtig so, sagt der Präsident des Kinderschutzbundes – eine Mutter widerspricht. [Heinz Hilgers, Angelika Müller, Moderation: Charlotte Parnack und Marc Widmann]

Was also hat die Berichtigung zu bedeuten? Ist es ein bloßer Scherz? (Thema zu ernst.) Durfte die Abwertung des Wahrheitsgehaltes durch Frau Müller einfach nicht unwidersprochen bleiben? Vielleicht hat Herr Hilgers darauf bestanden? Ich könnte im Paul-Ehrlich-Institut nachfragen, – aber dafür habe ich keine ZEIT. Soviel zur wissenschaftlichen (und journalistischen) Sorgfalt. Mein Vertrauen [zur ZEIT] ist zur Zeit ganz ungebrochen. Zudem gibt es gleich neben der Kurzkorrektur auf Seite 9 einen Riesenartikel, dem ich viel Zeit widmen möchte:

Und es lohnt sich wie immer, Thea Dorn zuzuhören. Man kann den Artikel nicht ohne weiteres digital abrufen. Ich zitiere einen kleinen Abschnitt:

Im Sommer 2019 erschien im Spiegel unter der zugespitzten Überschrift „Die Menschheit verliert die Kontrolle über den Zustand der Erde“ ein Essay des renommierten Klimaforschers Stefan Rahmstorf über das Korallensterben. Dort war zu lesen: „Den Kollaps dieses Ökosystems einfach zuzulassen, wäre nicht nur völlig inakzeptabel. Es wäre der Beginn eines Kontrollverlustes, das Fallen eines ersten Dominosteines in einem eng verflochtenen lebenden Erdsystem, in dem alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist.“

Der Vorteil dieses Taschenspielertricks: Die Furcht vor einem hyperkomplexen, unkontrollierbaren System – wie es etwa unser Erdklima ist – wird in die Furcht vor dem Menschen verwandelt, der dieses System ruiniert. Dank der selbstanklägerischen Furchtverschiebung darf Kontrolle in Aussicht gestellt werden – wenn sich der Mensch nur seinerseits brav als Dominostein in einem mechanistischen System begreift, der keinesfalls wackeln, wanken oder gar aus der Reihe tanzen darf. Menschliches Handeln wird als quasi-physikalischeGröße behandelt, dessen Folgen sich dann vermeintlich ebenso präzise berechnen und zuverlässig vorhersagen lassen wie die Umlaufbahnen von Planeten.

Natürlich hat Thea Dorn recht, aber als oberflächlicher Leser kommt man leicht zu dem Schluss, dass auch die wissenschaftlichen Analysen des Korallensterbens  auf Taschenspielertricks beruhen, also: legen wir die Sache doch ad acta, – was ganz falsch wäre. Auch die Auseinandersetzung des Virologen Christian Drosten mit der Bild-Zeitung über die Rolle der Kinder in der Pandemie ist nicht kurzschlüssig gegen ihn zu wenden, obwohl Thea Dorns Folgerung sicher berechtigt ist: „Für die Wissenschaft ist dieser Zwang zum Rechthabenmüssen eine Katastrophe.“ Die breite Öffentlichkeit allerdings kann mit jeglicher vorläufigen oder von vornherein ambivalenten Differenzierung schwer umgehen. Letztlich überlässt uns die Autorin einfach unserm „Schicksal“, bzw. der Metaphysik. Denn die Wissenschaft „kann keine Antwort geben, wie der Mensch mit seiner Angst vor dem Ungewissen, seiner Angst vor dem Tod umgehen soll, wie er seinen Frieden mit der Tatsache machen kann, dass er nicht nur Herr seines Schicksals, sondern durch seine Sterblichkeit letzten Endes ein radikal Unterworfener ist.“

Aber glücklich macht uns das nicht, – was ja auch niemand verlangt hat. Die Gefahr liegt in apathischen Reaktionen. (Wenn die Sicherheit durch Wissenschaft nicht möglich ist, dann hat eben alles keinen Zweck.)

Doch zurück zum Thema. Haben Sie es bemerkt? Oder ist es Ihnen wie mir ergangen? Ehrlich gesagt habe ich den Sinn der Richtigstellung erst spät erkannt. Unmittelbar vor dem rot gekennzeichneten Satz ist von Masernimpfung die Rede, nicht von Masernerkrankung, – auf die sich die Zahl des Risikos bezöge. Und dieses Risiko würde sich also infolge einer Masernimpfung minimieren. Ist es so richtig?

*    *    *

(Forts. Th.D. betr. Lit.Qu.)