Kategorie-Archiv: Ästhetik

Zweifel

Eine vorläufige Distanzierung

Eigentlich erwarte ich mir von jedem neuen Buch einen deutlichen Schritt weiter (oder sogar vorwärts, wohin auch immer), und es ist mir lästig, zugleich die Vorbehalte zu notieren, die sich bei der Lektüre bilden. Tatsächlich sind sie aber nach dem ersten (begeisterten) Streifzug durch das ganze Buch, kreuz und quer, auch mit Hilfe des Registers und des Literaturverzeichnisses (was hat der Mann wirklich gelesen und zitiert, was führt er nur an, um Belesenheit zu zeigen?), ständige Begleiter, die manchmal vortreten und mir ins Ohr flüstern: du kannst es beiseitelegen, du verlierst viel Zeit, um dich auf den gleichen Stand zu bringen und ganz am Ende doch – ohne Lerneffekt – zu distanzieren.

Die Verbindung von Musik und Moral in einer Problemstellung ist mir ohnehin suspekt, und erst die scheinbare Häufung in verschiedenen Büchern, auch von hochgeachteten Autoren, erzeugt eine Bereitschaft, an die Dringlichkeit der Sache zu glauben, probeweise, – das Wort „glauben“  fällt mir schwer. Musterfall Martin Seel, dessen „Ästhetik der Natur“ ich im Portugal-Urlaub 2011 als Nonplusultra wiederentdeckt hatte, jetzt mit ernsten Zweifeln erneut durchblättere, nachdem einiges im neuen Buch „Macht des Erscheinens“ völlig unakzeptabel erscheint, nicht nur die Rolle der Musik, sondern auch die Gedanken zu Botho Strauß, – Verdacht eines verkappt erzkonservativen Denkens. Vielleicht ansetzend bei der Seel-Kritik im Buch von Rinderle, das mir aber selbst immer kritikwürdiger erscheint, zunächst in bestimmten Details, Unwesentlichkeiten, dann in der gesamten Problemstellung. Beginnen wir mit Nietzsche, auf dem rückwärtigen Einband:

Peter Rinderle: Musik, Emotionen und Ethik / Karl Alber Freiburg München 2011

Rinderle Cover    Rinderle Cover rück

So hat es Nietzsche nicht gemeint! möchte ich ausrufen. Aber soll ausgerechnet ich einem Philosophen darüber etwas erzählen? Und dann lese ich noch einmal (auf Seite 17) ein Nietzsche-Zitat:

Die reale Intention des Künstlers oder der empirische Einfluß eines Kunstwerkes auf den Rezipienten könnten also die ethische Bedeutung von Kunst bestimmen. So berichtet Friedrich Nietzsche im Fall Wagner (…) über seine Begegnung mit Bizets Oper Carmen: „[…] ich werde ein besserer Mensch, wenn mir dieser Bizet zuredet. Auch ein besserer Musikant, ein besserer Zuhörer.“ Ein Musikstück kann zweifelsohne bestimmte empirische Wirkung entfalten, und diese Wirkung kann dann auch moralisch bewertet werden.

Darf man so harmlos Nietzsche zitieren und deuten? Als sei Nietzsche so naiv gewesen? Als gehe es ihm um die ethische Bedeutung von Kunst? Als rede er nicht nur in Gleichnissen und Annäherungen oder Entfremdungen, wie überhaupt im Fall Wagner. Als habe er nicht im Klartext unendlich viel differenzierter über eine neue Moral, über Selbstäuschung, Bewertung und Umwertung geschrieben? Und müssen wir nicht wenigstens versuchen, ähnlich differenziert und skeptisch über solche Fragen nachzudenken? Ein Beispiel:

Auch wenn Kunst kein ethisches Therapeutikum mit Wirkungsgarantie zu sein vermag, keine Schule der Moral, so ist ihr doch eines eigen: Sie besitzt einen bereichernden Charakter. Kein Künstler tritt an, um die Welt so zu belassen, wie sie ist. Auch wenn er sich nicht anmaßen möchte, sie tatsächlich verändern zu können, will er doch gestaltend auf sie einwirken. (…)

Was das gute Leben sei, für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft, kann die Kunst nicht wissen. Wenn aber das schlechte Leben eines wäre, in dem die Welt leer erscheint, farblos und taub, verschlossen und abweisend, eine Welt, in der sich der Einzelne nicht gesehen, nicht anerkannt und überflüssig wähnt, in der also die Weltbeziehung verarmt oder erkaltet, könnte die Kunst ein Gegenbild bieten.

Quelle Hanno Rauterberg: Die Kunst und das gute Leben Über die Ethik der Ästhetik / edition suhrkamp Berlin 2015 (Seite 200 f)

Und Rauterberg zitiert in genau diesem Zusammenhang den vorhin genannten Philosophen (Ethisch-ästhetische Studien, Frankfurt/Main 1996 S.15):

Kunstwerke sind für uns gerade deswegen von Interesse, weil die Begegnung mit ihnen unser Selbstverhältnis erweitert, in gewisser Weise sogar bricht. Sie versetzen uns in ein besonderes Welt- und Selbstverhältnis, schreibt der Philosoph Martin Seel.

Rinderle dagegen scheut sich nicht, ohne jede Ironie Ästhetik und Gerüchteküche zu vermengen (a.a.O. Seite 18):

Handelte der Maler Paul Gauguin nicht unmoralisch, als er seine Familie verließ, um sich auf Tahiti, umgeben offenbar von vielen hübschen Mädchen, nur noch seiner Kunst zu widmen?

Ein kurzer Blick ins „Noa Noa“ hätte den Autor auf andere Gedanken bringen können:

Erst im Innern der Insel, in engster Berührung mit dem Leben der Eingeborenen, fand Gauguin, was er im kranken Europa vergeblich gesucht hatte: seinen „neuen Menschen“, den er von nun an zum eigentlichen Gegenstand seiner Kunst machte. Und von diesem Menschen, der mit der Sprache eines Kindes zu ihm sprach, erfuhr er, „daß ein Künstler etwas Nützliches ist“.

Quelle Paul Gauguin: NOA NOA / Mit einem Nachwort von Kuno Mittelstädt / Henschelverlag Berlin 1958 / Zitat K.M. Seite 136

Hanebüchen wird es, wenn Rinderle sich einige Seiten weiter mit den Inhalten des Begriffs „Musik“ befasst, willkürlich einige Musiker bzw. Musikwissenschaftler herausgreift und von hohem Ross herab beurteilt:

Viele Komponisten kennen keine philosophischen Skrupel und sind erfrischend unbekümmert.

Seine Beispiele sind Stockhausen und Rihm, die er aber nicht im Original, sondern nach Eggebrecht zitiert, um dann, wie er sagt, eine „schöne“ Definition von Marcel Duchamp anzufügen, als habe dieser in Sachen Musik irgendeine Bedeutung. Es ist wohl nur als Gag gemeint, jedenfalls fährt er selbst „erfrischend unbekümmert“ fort:

Manche Musikwissenschaftler muß man im Vergleich dazu als übervorsichtig und denkfaul, wenn nicht gar als feige bezeichnen.

Womit er offensichtlich Carl Dahlhaus, Christian Kaden und Hans Heinrich Eggebrecht meint. Auch Claus-Steffen Mahnkopf wird von diesem Autor nicht geschont. Wir sollten deshalb versuchen, so sagt er,

sowohl die Skylla des Fundamentalismus mancher Komponisten („Allein meine eigene Musik ist wirklich Musik!“) als auch die Charybdis des Relativismus vieler Musikwissenschaftler („Die Vorstellungen von Musik sind zu unterschiedlich, als daß man sie auf einen einzigen Nenner bringen könnte!“) zu umschiffen, und uns um eine undogmatische und offene Analyse des Begriffs „Musik“ bemühen, die dennoch den Anspruch einer allgemeinen Reichweite ihres Ergebnisses nicht scheut.

Und ich bin in größter Versuchung, den Kahn der undogmatischen Philosophie ein wenig zurückzusetzen und dieses Buch, in dessen Gewässern ich schon eine Weile umhergekreuzt bin und mit dem ich – gleich Odysseus auf der Insel Aiaia – noch viel Zeit verbringen wollte, großzügig zu umschiffen.

Ich will allerdings nicht verschweigen, dass der Autor schließlich doch zu einer akzeptablen Definition des Begriffes „Musik“ kommt, die er von Jerold Levinson und Rainer Cadenbach ableitet. Demnach ist Musik 1. ein hörbares Phänomen, ihre Materialien sind Klänge, und diese Klänge erscheinen uns um ihrer selbst willen interessant. 2. handelt es sich um „zeitlich organisierte Klänge, für die wir uns um ihrer selbst willen interessieren“ , was sie z.B. von gesprochener Sprache unterscheidet, soweit deren Klangfolge etwa durch eine schriftliche Mitteilung ersetzbar wäre. 3. wird sie (die Musik) von Menschen gemacht, die „das jeweilige Klangmaterial auf eine bestimmte Art und Weise formen und organisieren“ und sie wird „von Menschen auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen und rezipiert“ , zumal Musik wesentlich immer auch auf Kommunikation angelegt ist.

Nebenbei stößt man immer wieder auf Fallgruben von Sätzen wie dem folgenden, der unmittelbar nach einer Warnung vor pauschalen und voreiligen Urteilen zu lesen ist (Seite 30):

Es gibt auf der einen Seite gute Rocksongs von den Rolling Stones, Jimi Hendrix oder Deep Purple sowie wunderbare Jazzimprovisationen von Dexter Grodon, Sonny Rollins oder Branford Marsalis, und auf der anderen Seite gibt es unverständliche und sterbenslangweilige Avantgarde-Kompositionen, die wirklich keinen besonderen ästhetischen Wert für sich in Anspruch nehmen können.

Beteuerungen, die „aus dem hohlen Bauch“ kommen und schlimme Befürchtungen erwecken, wenn gleichzeitig der Gefühlswelt des Rezipienten ein besonderer Rang zugesprochen wird, – abgestützt durch eine Theorie, die nicht zufällig aus der Feder eben dieses Autors Rinderle stammt (Seite 33). Er ist der Meinung, dass

sich die Expressivität von Musik als das Resultat der ein- und mitfühlenden Imagination des Hörers, d.h. als das Produkt der emotionalen Phantasie eines aufmerksamen Rezipienten verstehen läßt. Der Hörer stellt sich dieser Auffassung zufolge eine mehr oder weniger deutlich individuierte Person vor, die ihre Emotionen in dem betreffenden Musikstück zum Ausdruck bringt. Das ist der Kerngedanke der sogenannten Persona-Theorie der musikalischen Expressivität (vgl. Rinderle 2010 5. Gesten einer imaginären Person …), bei der die Phantasie des Hörers eine zentrale Bedeutung hat. Obwohl die emotionale Erregung oder Assoziation des Hörers nicht die Grundlage der Zuschreibung von expressiven Eigenschaften bilden, ist eine emotionale Resonanz beim Hörer dennoch eine wichtige Begleiterscheinung bei der Wahrnehmung expressiver Musik (vgl. Rinderle 2010, 6. … und emotionale Antwort des Hörers). Die expressiven Eigenschaften eines Musikstücks sind nicht nur beliebige Eigenschaften, die wir zur Kenntnis nehmen können oder auch nicht, sondern tragen zum Verständnis und zum ästhetischen Wert eines Musikstücks bei. Und wenn dessen ästhetische Vorzüge unter anderem von seinen ethischen Eigenschaften abhängig sein können, dann gibt es auch eine Interaktion der ethischen und ästhetischen Dimensionen von Musik (vgl. Kapitel 2).

Es ist genau dieser Punkt, an dem ich meine Lektüre des Buches aus emotionalen Gründen abbrechen möchte, ohne mich zu einer langatmigen und möglicherweise sterbenslangweiligen Begründung bereitzufinden.

Quelle der Zitate Peter Rinderle: Musik, Emotionen und Ethik / Karl Alber Freiburg München 2011 (Seite 22 f, 30 und 33)

Zurück zum Anfang! Ein paar Seiten aus Rüdiger Safranskis Buch über „Das Böse“ würden genügen, sich über diese kleinbürgerliche Rezipienten-Sicht zu erheben und an radikaleren Geistern zu üben, an Nietzsche zum Beispiel:

Er hatte die künstlerische Praxis zum Paradigma des gelingenden Lebens erhoben und ihr jenen Ort zugewiesen, der einst der Religion vorbehalten gewesen war. Kunst war für ihn das Gegengewicht zur utilaristischen Entzauberung der Welt. Nietzsche hatte die Künstler und Lebenskünstler zum einem überschwenglichen Autonomiebewußtsein ermuntert. Das „L’art pour l’art“ sollte nicht nur für die Kunst, sondern für das ästhetisch gestaltete Leben selbst gelten. Der ästhetische Mensch hat nach Nietzsche geradezu die Pflicht zur Rücksichtslosigkeit. Er soll sich nicht durch Mitleid und durch das davon abgeleitete Bewußtsein der sozialen Verantwortlichkeit herunterziehen und schwächen lassen. Er ehrt vielmehr die Menschheit, indem er sich selbst zur Persönlichkeit formt, und nicht dadurch, daß er Solidarität mit den „Allzuvielen“ übt. Ausdrücklich setzt Nietzsche den ästhetischen Menschen in einen Gegensatz zum moralischen. Wenn er behauptet, die Welt sei nur als „ästhetisches Phänomen“ gerechtfertigt, bedeutet das: Ihr Sinn liegt darin, daß sich das Leben in einigen gelungenen Exemplaren aufgipfelt. Nicht das Glück und Wohlergehen der größtmöglichen Zahl, sondern das Gelingen des Lebens in einzelnen Fällen ist der Sinn der Weltgeschichte.

Quelle Rüdiger Safranski:  Das Böse oder Das Drama der Freiheit / Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 1999 (Seite 238)

Ich sage nicht, dass ich mich für diesen imaginären Künstler begeistere. Kann man im Fall Mozart von einem „Gelingen des Lebens“ reden? Oder vielmehr von einem Gelingen seines Werkes? Auch und gerade des Don Giovanni? Und möchte man einen Rinderle darüber abwägen lassen?

Bachs barocker Bewegungsmodus

Ad infinitum

ZITAT

Spielen wir eine der großzügigen Kompositionen von J. S. Bach, z.B. vom Charakter der Ouvertüren der Englischen Suiten, so fühlen wir eine unermüdliche Kraft der Bewegung am Werk, der wir nach ihm bei den Klassikern nicht mehr begegnen. Der klassische Stil der Zäsuren, der Erholungen, der Abwechslungen läßt nur hie und da noch eine schwache Andeutung dieser Kraft und Wucht des Geschehens zu, dessen Trieb eben in der Stärke des harmonischen Denkens lag. Die Harmonie wurde kleinlich im ganzen, ob auch im einzelnen mächtig und eindrücklich, und so schien im Gefolge auch die weitgespannte, die großangelegte Melodie nach Bach verschwunden, bis sie erst Bruckner wieder in der Fülle ihrer Erscheinung, zugleich mit neuen Kräften ausgerüstet, in die Welt führen sollte. Die Weise der Klassiker, in kleinen Zeilen melodisch zu denken, mutet gegenüber der ariosen Art der Bachschen Melodie wie ein Rückschritt und Abfall an, der kurze Atem wird durch sie geduldet und gepflegt. (…)

Wenn wir bei einem Bachischen Allegro zuhören, so sind wir sogleich mitten in der Bewegung und von ihr hingerissen; diese läßt uns dann auch meistens bis zum Schluß nicht mehr los, und das pflegt eine lange Strecke zu sein. Wir werden selten in die Bewegung eigentlich eingeführt, selten aus ihr eigentlich entlassen: vielmehr ist es, als ob die Bewegung schon vorher da wäre, eine ewige Bewegung, von der auf eine Zeit ein Vorhang weggezogen ist, so daß wir endliche Blicke in ein unendliches Geschehen tun.

Quelle August Halm: Musikalische Bildung (1909/1910) in „Von Form und Sinn der Musik“ Breitkopf & Härtel Wiesbaden 1978 (Seite 216).

OLYMPUS DIGITAL CAMERA  Quelle Wikipedia HIER

Es wird uns jetzt klar, daß die Freskenmalerei eine der interessantesten optischen Versinnlichungen des abstrakten Begriffes Absolutismus war. Denn was ist Absolutismus? Unbegrenzte, absolute Macht. Macht selbst aber ist immer begrenzt. Macht setzt immer ein zu bemächtigendes Gebiet voraus, wo Macht sich als Macht betätigen, wo Macht Macht sein kann. Fehlt das Betätigungsfeld, was z.B. der Fall wäre, wenn jeder Einzelwille mit dem Willen des Machthabers vollkommen und unlöslich gleichgeschaltet wäre, so hätte Macht aufgehört, Macht zu sein. Zum Wesen der Macht gehört also Grenze, Relativität. Absolutismus wäre demnach genau wie das Deckenbild unendliche Endlichkeit, absolute Relativität.

Es ist natürlich kein Zufall, daß die Erfindung der Infinitesimalrechnung (zusammengefaßender Name für Differential- und Integralrechnung in der Mathematik) durch Leibnis und Newton in die Periode des Absolutismus fiel, wie auch die Erfindung des Teleskops und des Mikroskops, mit deren Hilfe man die Grenzen des Sichtbaren ins Unendliche zu verlegen suchte.

Der Begriff: unendliche Endlichkeit, enthält genau so wie der Begriff: unendlich große oder unendlich kleinen Zahl, statisch genommen, nicht nur einen Widerspruch, sondern einen offenbaren Widersinn. Nehmen wir aber den Absolutismus dynamisch, also als Bewegung, was er auch tatsächlich nur war, so fällt der Widersinn weg. Der Widerspruch löst sich sofort: Absolutismus ist danach eine sich rastlos in die Richtung des Unendlichen, übersteigernde, überbietende Endlichkeit. Absolutismus war also vor allen Dingen stürmische Bewegung.

Da der Absolutismus der kardinale Punkt der damaligen materiellen und gesellschaftlichen Verhältnisse war, konnte es nicht anders sein, als daß seine Haupteigenschaft, die Bewegung, sich überall manifestierte. Wölfflin bestätigt uns das voll und ganz in seinen „Kunstgeschichtlichen Grundbegriffen“. Als die Hauptmerkmale der Kunst des 17. Jahrhunderts bezeichnet er: das Malerische, das Tiefenhafte, die offene Form, das Einheitliche und die relative Klarheit, und am Ende seiner Ausführungen kommt er zu dem überraschenden Ergebnis, daß diese fünf Kategorien „sich gegenseitig bedingen und, wenn man den Ausdruck nicht wörtlich nehmen will, eigentlich nur fünf verschiedene Ansichten einer und derselben Sache sind.“

Diese eine Sache nennt er die Bewegung.

Quelle Leo Balet/E.Gerhard [Eberhard Rebling]: Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst, Literatur und Musik im 18. Jahrhundert / Herausgegeben und eingeleitet von Gert Mattenklott / Ullstein Materialien / Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1979 ISBN 3 548 02995 7 (Zitat Seite 68 f)

Aber: ist die symmetrische Fügung der Fuge nicht eine statische Sache? (Das Wort Fuge kommt allerdings nicht von Fügen oder Fügung, was zwar schön wäre, aber nicht barock, – sondern von Fuga = Flucht. Auch wenn sie so wenig Fluchtbewegung zeigt wie die Fis-moll-Fuge aus dem ersten Band des Wohltemperierten Claviers. Immerhin: sobald die 4. Zeile erreicht ist, gibt es keine Unterbrechung der durchgehenden (komplementären) Achtelbewegung mehr. Oder? Genau dort, wo die für mich absolut herausragende und zu Tränen rührende Stelle unmittelbar bevorsteht, samt einem Kunststück, das ich viele Jahre überhaupt nicht wahrgenommen habe. (Ich werde sie vorläufig niemandem verraten.) Aber hätte Bach vielleicht nur auf das Kunststück gezeigt, ohne zu bemerken, was mich so ergreift? (Richtig: der Notentext, die Textur, sieht überall gleich aus.)

Bach-Fuge fis a Bach-Fuge fis b

Nun sind dies nicht die Noten, mit denen ich täglich umgehe. Die sehen nämlich ganz anders aus. Abgesehen von den gedruckten Fingersätzen, die zum Übe-Vorgang gehören, ist der gleichmäßig fortlaufende Notentext vor allem mit formalen Hinweisen durchzogen, mit Zäsuren und Zeichen, die den Text in Einzelteile zerteilen und seine gegliederte Struktur ins Auge fallen lassen sollen. Was nicht bedeutet, dass man sie beim Spielen auch noch verdeutlichen soll. Es ist schon strittig, ob man eigentlich das gleichbleibende Thema immer in den Vordergrund treten lassen soll. (Das Handy-Foto ist nicht berauschend, aber wenn man es anklickt, – am besten in einem separaten Fenster -, erkennt man doch, worauf es mir ankommt. Und ich werde beschreiben, was es für mich bedeutet, und hoffentlich so, dass auch Nicht-Notenleser es „zur Not“ nachvollziehen können. Eine youtube-Aufnahme wird uns hilfreich sein, sie folgt.)

Bach-Fuge fis Übe-Noten

Die mit einem roten Kreis hervorgehobenen Zeichen bedeuten Durchführung und Themeneinsatz. Ganz am Anfang zum Beispiel: die römische I bedeutet 1. Durchführung, die arabische 1 bedeutet 1. Themeneinsatz und der Buchstabe A (oder B, S, T) im Alt (oder in Bass, Sopran, Tenor), also: in welcher Stimme der Einsatz stattfindet. Es gibt nur zwei große Durchführungen, die zweite beginnt auf der linken Seite in der letzten Zeile, im letzten Takt. Die Fuge als Ganzes ist streng zweigeteilt.

Nebenbei: Das Wort Durchführung hat eine andere Bedeutung als in der Sonatenform; in der Fuge ist es ein Abschnitt, in dem das Thema nacheinander in mehreren Stimmen (auf verschiedenen Ebenen) vorgetragen wird, so dass sich gewissermaßen eine Abrundung durch Vervollständigung ergibt.

Nun gibt es Analyse-Feinde, die hier schon protestieren und meinen, man soll nicht gedanklich auseinanderziehen, was Bach sorgfältig ineinandergehakt hat, um die kontinuierliche Bewegung nicht zu unterbrechen. Aber immerhin hat er überall unmissverständliche Abschlusskadenzen komponiert. Und ich möchte das Gleichmaß noch weiter untergraben, indem ich z.B. die Seufzermotive des Kontrapunkts als stockendes Moment hervorhebe, obwohl er deren Jammer-Ausdruck nicht durch Zweierbindungen betont hat. Der Seufzer stammt aus dem Schlusstakt des Themas, Takt 4, 4. Viertel, mit den beiden Achtelnoten h-a, die auch, wie ich finde, zwingend die Vorhaltnote des nachfolgenden Trillers fordern, nämlich als a-gis, was sowieso zu den barocken Regeln gehört. (Es gibt aber durchaus große Pianisten, die den Triller mit der Hauptnote beginnen, Barenboim zum Beispiel. Und zwar ausgerechnet beim ersten Mal, später auch anders.) Übrigens: in Bachs Handschrift steht hier ein Kürzel, das er vielleicht Trillo nennt, womit aber kein Triller in späterem Sinn gemeint ist, sondern vielleicht eher ein Praller, jedenfalls: beginnend mit der oberen Nebennote und ohne Nachschlag.

Bach-Fuge fis Original Anfang Anfang der HandschriftBach-Fuge fis Triller kl JSB zeigt Sohn Friedemann den Trillo

Mit den kleinen roten Senkrecht-Pfeilen (zum ersten Mal in Takt 6, es fehlt einer auf der 4. Zählzeit in Takt 5) bezeichne ich die Stellen, wo eine Achtelnote im Fluss „fehlt“. Ist diese Stockung Absicht – oder ist sie Bach nur unterlaufen?

Ich empfehle ein Experiment, besonders vor Leuten, die diese Fuge nicht kennen: behaupten Sie, es sei die kürzeste von Bach je geschriebene Fuge, und enden Sie – mit vorausgehendem Ritardando – in Takt 18, vielleicht noch eine kurze bestätigende Kadenz anhängend. Wird jemand zweifeln und sagen: Bachs Bewegung zielt aufs Unendliche, hier kann nicht Schluss sein? Könnte ich nicht sogar in Takt 11 schließen und behaupten, Bach habe eine Fuge in nuce zeigen wollen; für eine vollständige Fuge sei das Thema zu lang und zu komplex. (Man denke an die Fuge As-dur im Wohltemperierten Clavier Bd. II, die in einer frühen Fassung als Fughetta halb so lang war.)

Ich könnte vielleicht auch nachweisen, dass die Fuge genau die Länge hat, die sie haben muss , weil sonst die Proportionen nicht stimmen, aber wer sieht schon die Proportionen, wenn sich das Werk sehr allmählich in der Zeit ausdehnt. Und wer erkennt nebenbei noch das Thema in Gegenbewegung und die parallele Anlage der zweiten Fugenhälfte zur ersten?

Nun, wer es einmal gesehen hat, erkennt es auch leicht beim Hören.

Das Schema der Fuge fis-moll bei Alfred Dürr, Teil I und Teil II untereinander, am oberen Rand jeweils die Taktzahlen, in Teil I = 1 bis 20 und  in Teil II = 20 bis 40

Bach-Fuge fis Schema Dürr (bitte anklicken!)

Quelle Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach Das Wohltemperierte Klavier / Bärenreiter Kassel Basel London New York Prag 1998 (Seite 175)

Die waagerechten Linien bedeuten Themenzitate, sie sind den Stimmlagen zugeordnet, die links außen angegeben sind: S, A, T, B Sopran, Alt, Tenor, Bass). Das U am Anfang eines Themenzitates bedeutet, dass das Thema in Umkehrung verläuft, d. h. abwärts statt aufwärts, aufwärts statt abwärts.  Die jeweiligen Tonarten sind am unteren Rand des Blocks I bzw. II angegeben.

Das Werk ist nicht hörpsychologisch (für die Wahrnehmung aus der Distanz) erarbeitet. Und nicht für eine Zeit wie die unsere oder für ein Publikum ohne jedes Fachwissen. (Sondern? u.a. für die praktische, handgreifliche Er-fahrung, für das Begreifen.)

Aber was erlebe ich dabei, was geschieht mit mir, wenn ich spiele? Warum geht das Stück mich heute an? Und zwar in einer Weise, dass sich jede Frage erübrigt?

Das Thema selbst zeigt mit großer Kunst, was eigentlich … Thema dieser ganzen Fuge ist: seinen gewundenen, mühevollen Anstieg vom Grundton zur oberen Quinte und das Absinken  innerhalb eines einzigen Taktes kann man symbolisch auffassen, zumal es im ganzen Stück ausgebreitet wird. Die Idee des Aufstiegs, des Aufatmens, des Luftschöpfens, der Modulation (!) auf der einen Seite und die Idee des Zurücksinkens mit Klagelauten („Seufzer“, „Schluchzmotiv“) auf der anderen Seite kann man in steter Auseinandersetzung erleben, wobei das Pathos der Klage sich gegen Ende in Terz- oder Sextparallelen so verdichtet, dass es den Sieg davonzutragen scheint. Andererseits aber den Choral des abschließenden Themas so wunderbar harmonisch trägt und umhüllt, – über dem Orgelpunkt (!) des Basstons Cis – , dass man von Sieg nicht sprechen mag und auch die letzten Klagelaute des Tenors mit der Auflösung in den Dur-Akkord nicht als Konvention abtun mag. Es ist die Lösung oder sogar Erlösung. Für mich handelt die Fuge von derselben Last des Menschen oder des „Menschensohnes“ (unchristlich gedeutet: die Qual des Sisyphos) wie der große Chor in der Matthäus-Passion: „O Mensch, bewein‘ dein Sünde groß“.

***

Ich habe oben ganz naiv versprochen, die Bach-Fuge so zu erklären (?), dass auch Nicht-Notenleser es „zur Not“ nachvollziehen können. Aber was tun, um jemanden anzuleiten, in Stimmen zu denken? Eine vierstimmige Fuge so mitzuhören, wie sie gedacht und erfunden worden ist. Nicht als einen bloß oszillierenden Wohlklang, der ewig so weitergehen könnte. Sondern in Stimmen, und das Ohr ist mittendrin und wandert auch nach Bedarf zwischen den Stimmen, folgt der einen, ohne die andere aus den Augen zu verlieren… Wirklich nicht aus den Augen…? Sehen Sie sich dieses Farbenspiel an:

Bach-Fuge visualisiert

Ganz rechts, die parallelen Linien, – das ist der vierstimmige Schlussakkord: Sopran rot, Alt orange, Tenor grün und Bass blau. VOR diesem blauen Basston (mit den Augen nach links wandernd) sehen Sie die verschiedenen Einzelpunkte, die Töne, die ihm vorangehen, und der lange blaue Strich links – das ist der Orgelpunkt, von dem ich gesprochen habe. Könnten Sie sich zutrauen, die verschiedenen Farben im Auge zu behalten und gleichzeitig die Tonfolgen mit dem Ohr zu fassen, für die diese farbigen Linien und Punkte einstehen?

Warum nicht? Ein wunderbarer Versuch der Visualisierung. Und keine schlechte Klavier-Interpretation, wenn ich sie mit den unterschiedlich misslungenen der größten Meister vergleiche. Es braucht keine geniale Interpretation, notwendig ist für eine Bach-Fuge die korrekte Anwesenheit aller Töne, den Rest besorgt unsere Musikalität.

Es geht mir aber letztlich um die Frage, warum mich eine bestimmte Stelle so ergreift, – ob es an meiner zufälligen Disposition liegt oder ob Bach es so gewollt hat, bei 2:33, die Oberstimme, obwohl der „entscheidende“ Vorgang im Bass liegt: das Thema in Umkehrung, also in absteigender Richtung (statt aufsteigend) beginnend. Gerade ist der Kadenzabschluss in fis-moll erfolgt, darin eine fallende Quinte (Oberstimme), wie wir es bisher noch nicht hatten. Und nun im folgenden Takt (mit dem Basston dis) die Vorbereitung einer Modulation (nach E-dur), darüber das Klagemotiv, in das ein Quintsprung eingebaut ist, der auf denjenigen im Vortakt zu antworten scheint, es ist unglaublich rührend. Bach hätte statt des hohen Tons fis“ ja auch den dem h“ benachbarten Ton cis“ wählen können, wie sonst immer in dieser Fuge. Und ich könnte von hier an jeden Takt, der kommt, als ergreifend beschreiben, z.B. den Vorhalt am Anfang des nächsten Taktes, dann den Aufstieg in Terzen, dem der Aufstieg im Bass (dank der Themen-Umkehrung!) folgt, der Vorhalt zu Beginn des nächsten Taktes, und dann das Überhandnehmen des Klagemotivs über zwei Takte hinweg, bis zum Fazit, dem letzten Auftritt des Themas samt Klagemotiv (wie zuvor in Sexten) und dem jetzt sehr auffälligen Innehalten des Achtelflusses in der Themenmitte (roter Pfeil): es ist eine Schluss-Apotheose, die wir vielleicht nicht wahrnehmen, weil wir alle Mittel schon kennen, oder: die so überwältigend wirkt, weil sie auf subtile Weise alles überbietet, was wir bis jetzt gehört haben. Und was sagt sie uns? Ich mag es kaum schreiben, weil es in Worten so banal klingt, nur in Tönen ist es wahr: Die Welt ist tragisch, aber alles wird gut. Ein Paradox! Ich denke an Sisyphos, der vielleicht für einen Moment innehält. (An ihn hat Bach ganz sicher nicht gedacht.)

Bach-Fuge fis letzter Teil

Ich liebe die alte Peters-Ausgabe von Franz Kroll, die ich zu Beginn meines Studiums in Berlin antiquarisch für fast nichts bekommen und immer wieder durchgearbeitet habe, von A-Z noch einmal seit dem Bach-Jahr 1985. Vor Ostern 1993 habe ich im WDR die neue Aufnahme der Matthäus-Passion unter Ton Koopman besprochen, mit Begeisterung, und gewissermaßen ein Gelübde abgelegt, das gleichnamige Buch von Hans Blumenberg zu absolvieren. Heute würde ich sagen: lieber zurück zu Albert Camus. Was für ein schöner Satz: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Matthäus Blumenberg

Bach Matthäus O Mensch Der Klavierauszug meines Vaters.

Schauen Sie auf die Seufzer-Ketten. Und auf den ersten Kontrapunkt unseres Fugenthemas, dann auf das Motiv des ersten Zwischenspiels Takt 7, danach aber gleich in die viertletzte Zeile dieser Seite des Chores „O Mensch, bewein dein Sünde groß“: auf die Töne des Tenors: „darum Christus [sein’s Vaters Schoß äußert]“, und nicht nur seine 4 Töne, sondern auch, wie ihnen der Bass folgt.

Bach Matthäus Koopman a Bach Matthäus Koopman b

Ich muss noch eine wirklich tolle Aufnahme der Klavier-Fuge suchen, denn ein Paradox (kleiner Scherz am Rand der klassischen Tragödie) ertrage ich nicht: dass die Pianistin der (s.o.) mit so prächtigen Farben ausgestatteten Aufnahme 2005 auch deutsche Vizemeisterin im Gewichtheben geworden ist. Nein, soviel Sisyphos-Bezug ertrage ich nicht…

Sisyphos Mythos_von_Sisyphos_-_rororo_12375_1995 (1)

Nachklang

Weshalb ich einer wunderschönen Aufnahme, sogar mit guten und dezenten Trillern, nicht froh werde? Einer Aufnahme, die man – wie Ligeti schwärmte – auf die einsame Insel mitnimmt? Sie ist so müde, hat die Tendenz stehenzubleiben, überhaupt zu langsam, sie klagt zu wenig, aber jeder will sie sofort lieben, weil sie zur Meditation verleitet. Oder zum Träumen? Ich habe dabei den wichtigen Wendepunkt in der Fugenmitte Takt 20, den Einsatz des Themas in Umkehrung, verpasst: ich behaupte jetzt, es ist von Bach absichtlich so „getarnt“ eingebaut (der Querstand dis im Sopran gegen d im Bass, dazu der auffällige G-dur-Quartsextakkord, auffällig wie in Takt 13, wo er ein bloßes Zwischenspiel schmückt), man ist abgelenkt, – dann auch durch die nicht enden wollende Achtelkette im Bass -, vielleicht verpasst man auch noch den verschleierten Einsatz des Themas in Takt 25, und erst in Takt 16 schaut es uns in die Augen (er korrespondiert mit Takt 4), und dann beim Zwischenspiel, dessen Zweistimmigkeit es sofort als Reprise von Takt 7 erkennbar macht, ist man voll orientiert.

Mein Gott, wie hat Bach denn wohl selbst dergleichen behandelt? Hat er es als Kunststück gedacht, das er lieber etwas verhüllt, damit nicht „jeder Esel“ drauf zeigt, wie auch beim nächsten Mal in Takt 32, wenn ich über die Oberstimme zu Tränen gerührt bin (aber nur wenn ich sie selbst spiele und vielleicht irrtümlich die Quinte intensiviere). Wie erzählte noch Bachs Sohn Emanuel?

Bey Anhörung einer starck besetzten u. vielstimmigen Fuge, wuste er bald, nach den ersten Eintritten der Thematum, vorherzusagen, was für contrapuncktische Künste möglich anzubringen wären u. was der Componist auch von Rechtswegen anbringen müste, u. bey solcher Gelegenheit, wenn ich bey ihm stand, u. er seine Vermuthungen gegen mich geäußert hatte, freute er sich u. stieß mich an, als seine Erwartungen eintrafen. Er hatte eine gute durchdringende Stimme von großer Weite, u. gute Singart. Niemand hat in Contrapunckten u. Fugen alle Arten des Geschmacks, der Figuren und der Verschiedenheit der Gedancken überhaupt so glücklich angebracht, als er.

Aus: Carl Philipp Emanuel Bachs Ergänzungen und Berichtigungen. Geschrieben an J.N.Forkel in Göttingen, Hamburg Ende 1774 III/801.

Was mich heute erstaunt, ist inmitten des Textes die Bemerkung über Bachs Singstimme. Meine Deutung: Emanuel hat an eine „starck besetzte“ Fuge imaginiert und kurz vorher gerade auch erwähnt, dass sein Vater „die geringste falsche Note bey der stärcksten Besetzung“ gehört habe. Er hat sich erinnert, wie sein Vater bei der Einstudierung des Orchesters oder des Chores laut hineingesungen hat, um den richtigen Ablauf zu beeinflussen. Ich stelle mir vor, dass Bach auch an der Orgel oder am Cembalo seine Schüler singend auf wichtige „Contrapunckte“ aufmerksam gemacht hat, aber bitte: anders als Glenn Gould, der mit seinem Singsang rein gar nichts verdeutlicht hat! Ich stelle mir vor: Bach singt in der Mitte unserer Fuge die Umkehrung des Themas laut mit, und wenn das Originalthema einige Takte später das Haupt erhebt, dann schaut Bach den Schülern nur in die Augen. Das hatte mehr Bedeutung als in Casablanca…

Und wir sind fortan ermächtigt mitzusingen, wo es die Musik fordert – und nicht „jeder Esel“ hört. (Das stammt übrigens von Brahms, nicht von Bach.)

Ein böser Mensch – mit Musik?

Natürlich geht das. Das Mephistophelische ist musik-affin.

Aber nicht nur das. Mephisto liebt (oder besser: bevorzugt?) vielleicht die göttlichste Musik. Zum Beispiel Mozart. Oder den Sieg des Lichtes über die Finsternis in Beethovens Fünfter. Und assoziiert damit einen eigenen Sieg.

Ich notiere nur, was ich separat festhalten will, weil es mich zum Weiterdenken motiviert. Ausgangspunkt war in diesem Fall eine Passage bei Barenboim:

Wie lässt sich erklären, dass Monster vom Kaliber Hitlers und Stalins beim Hören von Musik zu Tränen gerührt waren? Sie haben menschliche Gefühle mit Aspekten der Musik in Zusammenhang gebracht und zur selben Zeit keine Verbindung zwischen den Sphären von Ethik und Ästhetik hergestellt. Sie hielten Musik für einen sicheren Hafen außerhalb der realen Existenz und sahen sie als reine Unterhaltung an. Anders gesagt, sie ordneten die Schönheit der Musik, die ich oben als physischen Ausdruck der menschlichen Seele definiert habe, einem in ihrem Diktatorenhirn weit entlegenen Bereich zu, in dem es keine Möglichkeit der Berührung mit anderen Partien des Intellekts gab, die Denken und Verhalten direkt hätten beeinflussen können. Welcher Aspekt der Musik es auch gewesen sein mag, der sie berühren konnte, er hatte jedenfalls keinerlei Kontrolle über ihr tägliches Leben und Verhalten.

HIER ab 26:52 hat Daniel Barenboim in dem Interview etwas ausführlicher über das gleiche Thema gesprochen. Und zurück zum Text:

Diese Anomalie, die im Licht der Grausamkeiten, die die beiden Männer begangen haben, grotesk erscheint, kann im Alltagsleben normaler Leute irrelevant erscheinen. Doch der Zusammenhang zwischen Ethik und Ästhetik oder, um es konkreter zu sagen, zwischen dem Verständnis des Lebens und der Musik hat erhebliche Folgen für eine Gesellschaft, die jeden Tag mehr unter der entfremdenden Wirkung der Spezialisierung leidet. Was Musik uns lehren kann, kennt keine Grenzen, wenn wir bereit sind, sie gründlich kennenzulernen und sie nicht aus unserer geistigen Sphäre auszuschließen. Die Musik wurde viele Jahre lang in ein entferntes Reich des Vergnügens und der Evasion verwiesen, ausgehend von der Voraussetzung, dass sie den Partien unseres Gehirns, die für das Denken bestimmt sind, nichts zu sagen hat und dem Alltagsleben ebensowenig. Ein trauriger Zustand für alle, die direkt betroffen sind!

Ich breche an diesem Punkt ab – zugegeben: etwas willkürlich. Denn Barenboim spricht jetzt über den kreativen Prozess in der Musik, den es zu begreifen gelte. Der Weg zur „wesentlichen, originalen Idee“. Und dann fügt er hinzu:

Wenn es außerdem gelingt, eine Parallele zwischen diesem Prozess und der Tatsache zu finden, dass er [der Prozess] mich im Leben interessiert und betrifft, dann habe ich die wahre Natur der Musik verstanden.

Diese Parallele zu finden ergibt sich nicht zwingend aus der Musik, die ich ja auch in der Klosterzelle studieren könnte (als Lebensersatz). „Wenn es außerdem gelingt“, sagt er … wenn. Ist es zwingend? Jemand könnte wie in den alten Zeiten entgegnen: für mich hat das nichts miteinander zu tun, Musik ist Musik, und Arbeit ist Arbeit.

In der FAZ- Serie „Fragen Sie Reich-Ranicki“ wurde dem großen Literatur- und Musikfreund einmal von seiner Kollegin Eleonore Büning, die sicher selbst einen interessanten Essay geschrieben hätte, die Frage eingereicht: „Macht Musik die Menschen besser?“ Und er antwortet am 9. Oktober 2011 mit dem Artikel: Über Musik und Moral „Musik mobilisiert das Beste im Menschen. Aber sie kann auch Menschen gefügig machen. Der ursächliche Zusammenhang von Musik und Moral bleibt ein Wunschtraum, jedoch kein leerer.“ / Abzurufen HIER.

Ich habe mich seit frühen Studienzeiten immer wieder mit dieser Frage auseinandergesetzt, vor einiger Zeit auch noch einmal in schriftlicher Form, im Dezember 2015: Hier.

Zu berücksichtigen wäre zudem ein gründliches Buch von Hanno Rauterberg: Die Kunst und das gute Leben. Über die Ethik der Ästhetik. Suhrkamp 2015. ZITAT Seite 176f :

Ebenso wie es einen Kitsch des Sozialen gibt, gibt es einen Kitsch der Verunsicherung und Verstörung, und zwar dann, wenn die Verunsicherung formelhaft wird und nur mehr der Eigenbestätigung des Künstlers und seines Publikums dient. Reflexivität, wenn sie zum Selbstzweck gerät, kann ins Eitle abgleiten, und die gern attestierte Unentscheidbarkeit nichts weiter sein als Unentschiedenheit. Daher sieht sich jeder, der in der Kunst mehr erblickt als nur ein Symbol der Macht, mehr auch nur als die gute Tat, mit einer heiklen Balance konfrontiert. Das Verhältnis von Ästhetik und Ethik lebt von Aushandlung und Neujustierung, es muss ein spannungsvolles, unwägbares Miteinander bleiben.

So komme ich zu Martin Seel, auf den sich wiederum, wie ich erst gestern entdeckt habe, Peter Rinderle (kritisch) bezieht: „Musik, Emotionen und Ethik“. Allerdings auf ein anderes Werke als das von mir studierte: Eine Ästhetik der Natur. (Die Zeugnisse der Lektüre 2011 sind verschwunden beim „Blog-Bruch“ 2014). Neues hier. Also: Mitte nächster Woche Buchhandlung Jahn. Bis dahin auf eigene Faust…

***

Rinderle Cover Mit einem recht gewagten Schlusskapitel:

Rinderle letzter Teil Inhalt

Auch Martin Seels Buch ist eingetroffen; eben das, auf das sich Rinderle ab Seite 53 bezieht. Zugleich scheint mir, dass ich auf ein vorangegangenes Werk von Seel wohl nicht verzichten kann: „Ästhetik des Erscheinens“ (2000). Vielleicht ist es die Voraussetzung aller nachfolgenden?

Seel Erscheinen (2007)

Anders als geplant beginne ich (natürlich) mit dem Beitrag Seite 176 über „Das Auto als Konzertsaal“. Vom „Erleben mystischer Augenblicke“ ist da die Rede. Und es mündet in eine saftige Adorno-Kritik. Man höre zur Einstimmung das Stück, das hier eine Rolle spielt: „Stellar Region“ von John Coltrane. Denn wieder läuft alles anders als geplant:

Ich mag dem verehrten Philosophen nicht gern widersprechen, aber die Töne, die er (siehe unten) in seinem Text so ausführlich zitiert (h-b), spielt Coltrane gar nicht; wenn ich meiner Stimmgabel und meinem Ohr vertrauen darf, müsste es sich um e-d, e-d, e-d, e-d usw. handeln. Vielleicht hat er einem Saxophon-Spieler vertraut, der die transponierende Wirkung seines Instrumentes nicht berücksichtigt hat? Oder keine Noten kennt? Nicht einmal einen Halbton-Abstand (h-b) von einem Ganzton-Abstand (e-d) unterscheiden kann? Selbst von einem Berufsphilosophen würde ich erwarten, dass er das nachprüfen lässt, bevor es gedruckt wird.

Seel Coltrane Kopie aus dem genannten Buch

„Weltraum einer kurzen Improvisation“? Schon ist mein Argwohn erwacht. Wer so über Musik schreibt, ihr „in gurgelnde Tiefen“ und „schreiende Höhen“ folgt, was weiß der über mystische Augenblicke mit Musik im Auto? Welche Musik spielt da die Hauptrolle? Ich ahne es: egal welche.

Korrektur: Der zuletzt angesprochene Text gehört gar nicht zu dem Text 13 „Das Auto als Konzertsaal“, der in sich von 1 bis 9 durchgegliedert ist, sondern zu einem separaten Text 14, der überschrieben ist „Die Idee der Musik“. Ich finde beide Texte gleich problematisch (auch die Adorno-Kritik finde ich nicht mehr „saftig“),  werde sie aber an dieser Stelle nicht weiter behandeln.

Kitschverdacht

Inbrunst und Ehrlichkeit

Where_is_the_love Ost-Timor

Ich habe beim vorigen Blog-Artikel mit der Versuchung gekämpft, zur Charakteristik des Popstücks Nr. 1 hinzuzufügen: „Kitschverdacht“, mit Erfolg, weil ich weiß, dass dies ein ästhetischer Totschläger ist. Und sofort das Gegenargument auslöst, ich wolle durch die Hintertür  des „Verstehenwollens“ doch nur die Emphase der Jugend lähmen. Dabei überrede ich mich gerade, die Melodie aufzuschreiben. Um sie zu entzaubern? Nein, – um sie vom  erotischen Video abzulösen. Ist es eigentlich erotisch – oder vielmehr: mit einem fast peinlichen Bedacht – „clean“? Ich äußerte schon die Vermutung, dass die Musik bei Jugendlichen durchaus ohne Video ihre Wirkung tut.

Und der nächste Tag bringt – wie auf Zuruf – die entsprechenden Assoziationen, Denkstoff. Die Meldung, dass es Massenprügeleien gab, und zwar zwischen Familien – man ahnt es sofort und wagt es kaum auszusprechen – natürlich zwischen „Clans“ osteuropäischer Herkunft oder aus dem Nahen Osten, von libanesischen Großfamilien war die Rede. Und ein Experte kam zu Wort, der von Parallelgesellschaften sprach, in denen bestimmte Clans das Sagen haben. Sie kollidieren mit den Rechtsvorstellungen einer neuen Umgebung, in der in erster Linie das Individuum maßgebend ist. Nicht ein Clan, sondern nur ein Individuum kann bei uns eingebürgert werden.

„Bloot is dicker wie Water“ sagt man im Bergischen Land, und dieser Spruch kommt wohl ebenfalls aus altem Clan-Denken. Für mich ist es Kitsch-Folklore.

In der Zeitung stand heute, dass Pfarrer Fliege 70 geworden ist. Für meine Mutter ein magischer Name, für mich das Zeichen dafür, dass eine tiefer gehende Verständigung zwischen uns nie mehr möglich war, bei aller Liebe. Dazu passte, dass sie das „rein Menschliche“ so hoch schätzte und sehr empfindlich auf Ironie reagierte. Sie kannte keine Ambivalenz. Oft gewannen Leute ihr Vertrauen, die mir äußerst suspekt waren. Einstiegsfrage: „Kennen Sie Fliege?“

Von Botho Strauß – bekanntermaßen umstritten – lese ich heute in der ZEIT einen – auf den ersten Blick – bedenkenswerten Artikel:

Nun ist seit Längerem der untergründige Strom beliebigen Geplappers so stark, dass davon auch die feineren Sondierungen weiter oben nicht unberührt bleiben, ja selbst oft in den Strudel des billigen Meinens geraten.

Ideenkitsch – weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester. Kitsch der Toleranz, Kitsch des Weltweiten, Humankitsch, Kitsch der Minderheiten und der Menschenrechte, Klima-Kitsch und Quoten-Kitsch. Kitsch von Kunst und Wahn – dies alles sich vorstellen als eine erstarrte Paste, ausgedrückt aus einer Tube wie von Claes Oldenburg. Dick aufgetragen, obszön vorquellende Paste aus zerquetschter Tube.

Ich weiß, – bei fast jedem Wort kann man selbstgerecht aufschreien, ein weltweiter Schwatz-Konsens wird in Frage gestellt –  jaja, ich bin zweifellos nicht anders, ich frage als erstes: wer ist denn das, Claes Oldenburg? Nie gehört. Und so kann ich Zeit gewinnen und eine recht subversive eigene Meinung andeuten. Nein, ich werde die Chance nicht verpassen, ich habe bereits etwas aus der benachbarten Spalte aufgeschnappt: Strauß beruft sich auf Ortega y Gasset, der einst eine „grundlegende Reform der Intelligenz“ forderte. Das will ich nicht verpassen, und dunkler als Strauß ist der spanische Philosoph keinesfalls, er gilt sogar als allzuleicht lesbar… Falls noch eine Voraussetzung zu klären ist: HIER ein lesenswerter Artikel von Hanno Rauterberg, Zitat:

Oldenburg will die Dinge verwandeln, vor unseren Augen. Noch die größten Alltäglichkeiten, das Klo, die Badewanne, der Stromstecker, all die Kleinigkeiten, die unser Leben bestimmen, ohne dass wir es je richtig bemerkten, scheinen sich schlangengleich gehäutet zu haben. Sie sind ihrer alten Existenz entschlüpft, zurückgeblieben ist die Hülle, erschlafft; wo aber ist der Rest hin, das wahre Wesen der Dinge?

Übrigens kann der Lesemodus , wie ich jetzt entdecke, durchaus zum Eselmodus pervertieren, da doch die halbe ZEIT-Seite, auf der der Artikel „Reform der Intelligenz“ von Botho Strauß steht, mit einem farbenprächtigen Foto geschmückt ist, das ich einfach nicht wahrgenommen habe: „Sinnbild einer ausgequetschten Gegenwart: Claes Oldenburgs Tube, von ihrem Inhalt getragen in Düsseldorf“: die rote Tube steht auf ihrer herausgepressten und erstarrten gelben Paste. – Hat mir stattdessen erst das Internet auf die rechten Sprünge verholfen? Nicht im Sinne von Botho Strauß:

Es erweist sich wohl als Illusion, dass „dem neuen Menschen“, dem Vernetzten, ein entwickelteres Sensorium entstünde für dicht verwobene Hintergründe, Beziehungen und Zusammenhänge, die jemandem, der sinnlich gleichsam auf „analoger“ Stufe zurückblieb, niemals zugänglich wären. Im Gegenteil: Von gesteigerter Empfänglichkeit, unruhigem Vorausgefühl in Zeiten des Umbruchs ist wenig zu spüren. Auch das hohe Erwarten ist aus der Schar verschwunden.

Wer ist mit dieser Schar gemeint? Gewiss, ich habe einiges an Text übersprungen. Kurz vorher war von demos bzw. populus die Rede. Nicht von wenigen oder gar einer „Schar“. Ich gehe weiter zurück:

Die Perturbierten, die Verwirrten, die den aufgewirbelten, von den Füßen ihnen zu Kopf steigenden Staub der Stunde denken, der ein wenig glitzern mag, aber schnell hinfällig wieder zu Boden sinkt. Die Äußerungen zur gegenwärtigen Lage, die mehr vergegenwärtigen wollen als promptes politisches Bekennen, leiden häufig an der nämlichen Schwäche: Sie sagen nichts als das Naheliegende. Gute Reflexion entfernt indessen ihren Gegenstand, bis er sich etwas befremdlich und damit vielleicht erkenntnisergiebiger ausnimmt als im aufgegriffenen Zustand.

Ist dies die Schar? Oder wird sie erkennbar in den Beispielen einer erkenntnisergiebigen Reflexion von Seiten der Verwirrten:

Perturbation: Ein Weltführer, der nicht führen kann, stiftet Verwirrung, ein Volksentscheid (Brexit) wider alle Vernunft stiftet Verwirrung, eine Regierungschefin überblickt die Tragweite ihrer Entscheidung nicht und stiftet Verwirrung, ein Terrorakt, eine neue Rechte stiften Verwirrung et cetera. Vielleicht legen die Verlautbarer besseres Zeugnis ab, wenn sie eine Weile innestünden der Verwirrung, deren weit ausladende Schwingung bis an sich selbst herankommen ließen, statt unverzüglich sich mit den alten Ordnungsklischees zu behelfen. (Oder als Fazit Hamlet falsch zu zitieren: Die Welt ist aus den Fugen.)

Das Internet quillt über vor Richtigstellungen dieses Merkel-Zitates… Und haben wir nicht auch zu den anderen Themen bereits alle Tonarten der Perturbation irgendwo schon erlebt, allerdings noch nie den Wunsch, dass die Verlautbarer nun endlich einmal „eine Weile innestünden der Verwirrung“, – was entweder nur falsch oder ein allzu hohes Deutsch ist.

Er tritt als Mann des Wortes oder sogar der philologischen Genauigkeit auf, wenn er fragt:

Ist es politische Unbeholfenheit, ist es mangelndes Sprachgedächtnis, ein und dasselbe Volk, sofern es sich richtig verhält, demos, wenn aber nicht, dann abschätzig populus zu rufen?

Wie bitte? Wer ruft denn populus im abschätzigen Sinne? Ich höre vor allem das Wort populistisch und könnte mir an dessen Stelle auch das Wort dem-agogisch vorstellen. Wir haben sogar gelernt, das Wort Volk in den verschiedenen „Wir-sind-das-Volk“-Chören unterschiedlich zu verstehen und nicht einfältig als „ein und dasselbe Volk“. Es sind demographisch unterscheidbare Anteile des Volkes, das nun einmal nicht völkisch zu interpretieren ist. (Selbst Leute, die dem Clan-Denken oder Ähnlichem anhängen, sind darin auszumachen. Man kann ihnen aber mit Verweis auf das Grundgesetz helfen.)

Irgendwann verhärtet sich der Verdacht: dieser Mann verbrämt sein elitäres Denken und hüllt sich sorgsam in Dunkelheit, mit zwei verschämt aufgestellten Leitlichtlein: Ortega y Gasset  und Vico. Man muss aber nur die beiden hier anklickbaren Wikipedia-Artikel überfliegen, um zu wissen, woher der Wind weht. Ortega ist durchaus nicht der mystische Exot, den man durch den Bezug auf Juan de la Cruz vermuten könnte, sondern ein Philosoph, der im Erlebnis der Weimarer Republik zu einer „Elitesoziologie“ fand. Und bei Vico fällt mir auf, dass er offenbar nicht der Erfinder einer Gesellschaft der westlichen Werte war, sondern einer Gesellschaft der „Bräuche-Gemeinschaft“, was mir deutlich einem anderen Jahrhundert anzugehören scheint, in dem er allerdings zu den fortschrittlichen Denkern gehörte. Das lässt sich natürlich heute gut über Bord werfen. Aber was kommt stattdessen? Außer Botho Strauß? Ich fürchte, – der Mensch schlechthin. Oder auch: das Rein-Menschliche.

Soziomania, Soziozentrismus. Die Gesellschaftsgesellschaft war wie die Geistesleidenschaft des 20. Jahrhunderts, soll es ewig dabei bleiben?

Spielte bei einem Epochenwechsel, wie wir ihn erleben, der Intellekt überhaupt noch eine Rolle, so würde er zunächst seine Interessenzone überprüfen und sich mit Überdruss von den entleerten Diskursen des Sozialen abwenden, dem er zuvor die Vorherrschaft über alle menschlichen Belange gesichert hatte.

„Die Gesellschaft“ war ein Spektakel des 19. und 20. Jahrhunderts. „Der Mensch“, vorerst nur eine dramatische Skizze, rückt nun an seine Stelle, ein neues Existenzial bestimmt die Handlung, ohne beim Repertoire vorangegangenen Menschseins sich absichern zu können. Man weiß noch wenig über das endgültige Drama zu sagen.

Wozu hat es einmal Wittgenstein und Beckett gegeben? Um uns vor der Hegemonie des Sozialen über Geist und Dasein zu schützen. Oder: gesellschaftsbereinigte Kunst. Rothko, Hitchcock und Jean-Pierre Melville.

Weshalb ist die Malerei im 20. Jahrhundert abstrakt geworden? Weil sie das Soziale, dem Figürlichen angebunden, nicht mehr ertragen konnte.

Das Über-Geheiß des Sozialen abzuschütteln käme heute dem Gottessturz Nietzsches gleich.

Was jetzt folgt, ist eine Parade der alten widerständigen Werte, die Botho Strauß neu zu beleben hofft, pars pro toto:

Wir werden noch einmal bei Vico neu beginnen. Das poetische Wissen wird gegen den erschöpften Intellekt wiedererstarken. Wir werden aufhören, der Jugend eine vorrangige Bedeutung beizumessen. Wir werden nur noch Väter kennen.

Ich bitte die Großväter nicht zu vergessen. Als solcher las ich gerade in der Wikipedia-Vico-Vita: Unter modern verstand Vico die cartesianische Logik; sie ermögliche Untersuchungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, die den Alten unzugänglich gewesen seien. Mit Betonung dieser Instrumente der philosophischen Kritik und der „geometrischen Methode“ vernachlässige man jedoch die Imagination, die Intuition und die Erinnerung, obwohl diese doch zentral seien für Lernen, komplexes Denken und damit für die Wahrheitsfindung. Vico war entschieden dafür, beide Methoden zu kombinieren und plädierte für eine umfassende humanistische Ausbildung junger Menschen.

Jugend („modern“) war demnach das cartesianische, naturwissenschaftliche Denken nach Cartesius (Descartes), doch zur „alten“ Weisheit gehörten Intuition & Erinnerung, poetische Einfühlung & „Andenken“. Aber vom Kombinieren ist bei Botho Strauß nicht mehr die Rede. Es ist klar, worauf er hinauswill. Rekonstruktion der alten Verbindlichkeiten. „Die „Anbindungen sind überall gekappt“, so meint er, das „Andenken“, und er ist geschmacklos genug, für seine Mahnungen eine Klimakatastrophen-Metaphorik zu benutzen:

Die stürzenden Eisklippen in der Antarktis, Signalbild der Erderwärmung, geben gleichermaßen ein warnendes Symbol für die stürzenden Klippen des Andenkens.

Anders als er meint, ist all dies leicht zu verstehen, sobald man die Schlüsselsätze kennt:

Schwer zu hacken aber ist die verschlüsselte Metaphorik. Ihr Autor läuft geringe Gefahr, seines geistigen Eigentums beraubt zu werden.

Was der Romantiker gegen die beginnende Industrieepoche war, muss der poetische Myste gegen die amusische Intellektualität der Wissensgesellschaft sein.

Seltsamerweise geht es für den poetischen Mysten am Ende aufwärts über das Mittel des Zynismus, für den allein Brecht verantwortlich sein soll, – hat es nicht Heine gegeben, Goethe in Gestalt seines Mephistopheles, und sogar Wilhelm Busch? – und in einer eben so seltsamen logischen Volte heißt es, der Zynismus habe sich in Ostdeutschland festgesetzt, sei dort jedoch gewissermaßen eingeschlafen. Im Zynismus stecke eine enorme Kraft, die nur leider restlos mit sich selbst zufrieden ist:

Die Selbstzufriedenheitsschubkraft also gilt es zu nutzen und im Handumdrehen in königliche Demut, in Staunen, Entdecken und Bewundern zu transformieren. Ein starker kleiner Transformator muss man sein. Das wäre der Anfang.

Quelle DIE ZEIT 30. März 2017 Seite 41 f Reform der Intelligenz Wir leben mit denkfaulem Kitsch über Minderheiten, Toleranz und Menschenrechte. Aber es gibt einen Ausweg aus dem Niedergang des Denkens. Von Botho Strauß.

Fazit: Der Berg kreiste und gebar ein Mäuslein. „Demut, Staunen, Entdecken und Bewundern.“ Wunderschön. Aber in diesem weltgeschichtlichen Zusammenhang: reiner Kitsch.

(Nachweis Foto ganz oben: Wikipedia Graffiti in Osttimor „Tatoli ba Kultura“ 22.5.2013)

Virtual Reality und Mozart im Kopf

„Bilder in einer Welt ohne Rahmen“

Die Idee jedenfalls, Mozarts virtuelle Realität der Musik, beispielsweise das unbegreifliche Streichquartett KV 499, sie lag ziemlich nahe, als ich den anregenden Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen hatte: er ist zweigeteilt, betrifft zunächst eine Ausstellung, die nur noch bis 8. März in Basel zu erleben ist, im Mai aber z.B. auch in einer neuen VR (Virtual Reality) – Abteilung im NRW-Forum Düsseldorf, sie heißt: „Die ungerahmte Welt. Virtuelle Realität als Medium für das 21. Jahrhundert“. Und betrifft des weiteren die Ausstellung „Unter freiem Himmel. Landschaft sehen, lesen, hören.“ In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, bis 27. August.

JR Reizthemen März 17

Bei Mozart – mit Kopfhörern auf den Ohren, hatte ich mir Gedanken gemacht, ob oder wie man diese Welt aus Tönen, deren Zeuge ich immer wieder werde, nicht in Worte fassen könne. Und zwar nur so, dass ein zweiter Mensch, der vielleicht keine Noten zu lesen vermag, – das Geschriebene kann einen ja auch enorm beschäftigen und (ja!) ablenken (man glaubt musiknah analytisch tätig zu sein, in Wahrheit zerteilt man seine lebendige Aufmerksamkeit) -, also ich meine: dass ein anderer inspiriert wird, diesen 4 Stimmen, den instrumental maskierten Persönlichkeiten, Melodien, Themen, Motiven, Geweben adäquat zuzuhören. Was auch immer das ist: „adäquat“. (Lassen Sie sich in dieser Frage nur nicht von Adorno einschüchtern!) Was bedeutet es denn, einem Fußballspiel adäquat zuzuschauen?

Nebengedanke:

Eine adäquate Aufgabe für den virtuosen Notenleser könnte sein, ohne Kopfhörer, ohne real klingende Musik, die Musik in der Imagination ablaufen zu lassen, aber wirklich den vollen Klangverlauf, nicht einfach den Melodiestimmen folgend, sondern alles Gleichzeitige zugleich wahrnehmend, eine Riesenaufgabe, gerade für Musiker, die bekanntlich auch im Alter – wie Beethoven schon viel früher – das Pech haben können, ihr Gehör zu verlieren. Akustische IMAGINATION aber kann man rechtzeitig üben, so wie in alter Zeit die meist allzu manuell verstandenen Etüden. Inneres Hören.

Dies nur vorweg, um in Erinnerung zu rufen, dass wir Musiker schon seit Menschengedenken mit virtuellen Welten gearbeitet haben, die plötzlich als moderne Errungenschaft der bildenden Künste behandelt werden. Nun versuchen sie Bildwerke auf eine Weise zum Sprechen und uns Betrachter zum mentalen Interagieren zu bringen, wie es in der Musik seit Jahrtausenden üblich ist. Und in einer modernen, lauten, „reizüberfluteten“ Welt muss man – so scheint es – künstliche Mittel zuhilfe nehmen: wenn man an die Präparation der Hörenden durch das Duo Levit/ Abramović denkt. Siehe hier. Da müsste man allerdings auch daran erinnern: selbst nach einer halben Stunde mentaler Ohrenreinigung durch Stille ist die Initiation zu den Goldberg-Variationen mitnichten gegeben. Es sei denn, man kennte sie längst detailgenau.

Ich memoriere ein wenig den FAZ-Artikel von Ursula Scheer:

ZITAT

Die VR-Kunst könnte sich als größte Veränderung des künstlerischen Bildraums seit Vasaris Zentralperspektive erweisen, denn sie stellt den Betrachter nicht mehr vor eine visuelle Illusion, sondern mitten in diese hinein. Das haben schon Panoramen, Dioramen und Linsenstereoskope versucht, die man vorzugsweise einsetzte, um Momente der Historie, touristisch reizvolle Orte oder spärlich bekleidete Frauen in Szene zu setzen. Doch erst die digitalen Brillen der Gegenwart können glaubhaft in Gegenden entführen, die es nur virtuell gibt. Der Rahmen fällt weg, und mit ihm verschwindet jede Distanz, fürchten Kritiker, die hinter der Technik einen Jahrmarkt der Emotionen fürchten.

Immersion heißt das Eintauchen in den virtuellen Raum im Jargon, und es liegt nahe, dass sich die VR-Künstler zunächst darauf konzentrieren eben diesen Raum zu gestalten. Virtuelle Kunst ist vielfach Landschaftskunst (…).

ABER:

Es ist oft sehr einsam in den virtuellen Welten. Wenn man eine(n) Schritt zu weit nach rechts oder links wagt, zeigt ein ungnädig aufscheinendes Gitter, wie begrenzt sie sind. Der Rahmen ist mitnichten gesprengt, er ist der Bilderwelt nur inhärent. Endlich sind auch die Möglichkeiten der Interaktionen. VR hat etwas Klaustrophobisches. (…)

Quelle Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Februar 2017, Seite 11: Bilder in einer Welt ohne Rahmen Eintauchen in künstliche Welten, sie erleben und formen – was die virtuelle Realität verspricht, geht nicht ohne eine alte Technik: das Erzählen. Fensterblicke in aktuelle Ausstellungen und das Internet. Von Ursula Scheer.

Zum Thema siehe auch HIER. http://www.peertospace.eu/

oder auch hier bzw. durch Klick unten:

Die ungerahmte Welt

Es gibt, so heißt es später in Ursula Scheers FAZ-Artikel, ein grundlegendes Problem. Ich zitiere noch einmal:

VR kann schrecklich langweilig sein. Weil es nicht reicht, einen Menschen an einen Ort zu versetzen. Der Ort muss eine Geschichte erzählen, er muss ikonographisch gesättigt sein, und das in einer dramaturgisch sinnvollen Chronologie.

Dann kommt die Autorin auf die andere (Karlsruher) Ausstellung zu sprechen, in der tatsächlich Texte eine besondere Rolle spielen.

Vor acht Bildern, so die Aufforderung, soll man sich als Besucher seine eigenen Gedanken machen. Vor den übrigen darf man per Audioguide den in Gedichte, Essays oder Kurzgeschichten gefassten Gedankengängen zum Bild von Anita Albus, Cornelia Funke, Arno Geiger, Peter Härtling, Brigitte Kronauer, Friederike Mayröcker und anderen lauschen – oder diese im Katalog nachlesen, dem eine Audio-CD beiliegt. Das Narrativ der Bilder wird sprachlich potenziert, und so öffnet auch dieses multimediale Projekt einen virtuellen Raum: Nicht im Bild selbst, sondern im menschlichen Vorstellungsvermögen. Und das ist bekanntlich grenzenlos, ganz gleich, ob der jeweilige Autor nah am Bild bleibt oder kühn mit einer Bildidee ausbricht.

Meiner Ansicht nach zeigt sich die Problematik dieser Sehweise, sobald man sie auf die Musik zu übertragen sucht: die Musik – zumindest die erwähnte von Mozart – beansprucht den Zuhörer vollkommen, zumindest wenn man sie in jedem Detail ernst nimmt und sie sich gewissermaßen mimetisch „anverwandelt“. Warum sollte das bei einem Bild nicht ähnlich sein? Oder besteht der Trick darin, dass ein Narrativ zum Bild einen zwingt, länger zu verweilen, mehr zu sehen, mehr auf sich einwirken zu lassen, dem bloßen Bild eine zeitliche Komponente einzufügen: die einen schlicht hindert, allzu früh weiterzuwandern. Wie wäre es, wenn der Maler seinem Bild einfach eine Vorschrift beifügte, wie lange es zu betrachten sei? Gewiss unerträglich. Auch zu puristisch gedacht: als ob die Dauer der Betrachtung automatisch sinnvolle und zum Bild passende Gedanken produziert. – Und so ist es kein Wunder, dass der Artikel uns mit einem Segen der Freiheit entlässt, zu dem ich mich im Fall Mozart nicht entschließen könnte. (Zu schwierig ist es, die Freiheit Mozartscher Musik wirklich zu erfahren, außer durch gute Kenntnis der klassischen Sprache und durch ungeteilte Aufmerksamkeit.)

Die virtuelle Kunst nimmt für sich in Anspruch, erstmals für jeden Betrachter ein individuelles, unwiederholbares Kunsterlebnis zu schaffen. Wie wer was in welcher Reihenfolge im virtuellen Raum betrachtet und erlebt, ist unvorhersehbar. Das Kunstwerk entsteht erst durch den „User“. Doch was im Kopf und Herzen eines Menschen vorgeht, der ein Bild betrachtet, ist ebenso unabsehbar. Wir werden in den virtuellen Welten heimisch werden, weil wir seit jeher in ihnen leben.

Quelle Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Februar 2017, Seite 11: Bilder in einer Welt ohne Rahmen Eintauchen in künstliche Welten, sie erleben und formen – was die virtuelle Realität verspricht, geht nicht ohne eine alte Technik: das Erzählen. Fensterblicke in aktuelle Ausstellungen und das Internet. Von Ursula Scheer.

Nochmals also die Quelle, und noch ein Link zum Weiterarbeiten und Termine machen…

http://www.kunsthalle-karlsruhe.de/de/ausstellungen/unter-freiem-himmel.html HIER

Sprechen (Schreiben) über MUSIK II

Eine Radiosendung (SWR2) vom 4.1.2017 (Fortsetzung von HIER)

(Nicht autorisierte Abschrift JR Ende Januar, noch nicht fertig korrigiert)

SWR2 Konzerteinführungen Screenshot 2017-02-01 06.54.18 Screenshot – Nicht hier links anklicken, sondern nach Lektüre des ganzen Textes: HIER! Auch zum Vergleich: Was bringt das stumme Lesen, was der mündliche, persönliche  Vortrag? (= Nutzanwendung der Diskussion auf das „Konzert der Sprechstimmen“ selbst im Radio)

24:35 (Nusser) Jetzt ist der Moment gekommen, Herr Szymanski, wo wir mal hinschauen, wie Sie das machen! Ich hab ja schon gesagt, Sie haben früher mal bei einer Werbeagentur gearbeitet und… kann ja sein, dass sowas hilft, (absolut!) Sie sind ja auch ein Meister der Verknappung, also ich will mal etwas zitieren, also etwa haben Sie über Tschaikowskys Sinfonien geschrieben:

Eine Sinfonie war im 19. Jahrhundert so etwas wie ein Mercedes, sehr groß, sehr perfekt und sehr aus Deutschland. Nun wollte jede aufstrebende Nation dem etwas entgegensetzen. Mal eigene Flotten-, mal eigene Auto-, und zuvor eigene Sinfonie-Industrien. Und so sind die frühen Sinfonien Tschaikowskys auch nationale Triumphgesänge.

Herr Uhde, wie finden Sie das? Darf man das?

25:22 (Uhd) Ja klar darf man das. Um Gottes willen, ich glaube, es ist alles gut, was die Phantasie beflügelt. Also jenseits der 1:1 Beschreibung dessen, was da ist. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wenn man sich anschaut, wie stark unterschiedlich Werke rezipiert werden, die im Laufe ihrer Geschichte zu einem Titel gekommen sind, und den vielen namenlosen, die es natürlich auch gibt. Also: Schubert, fällt einem natürlich sofort „Der Tod und das Mädchen“ ein, es gibt aber noch ganz viele andere, über die redet aber keiner. Und ich glaube, das ist kein Zufall, die Mozart-Sinfonien, die nicht von Mozart selber, sondern im späteren verlauf zu irgendwelchen Titeln gekommen sind, die scheinen irgendwas zu implizieren, die regen die Phantasie an, ich glaube, deswegen hat man das Gefühl, dass sie irgendwie leichter zu rezipieren sind, obwohl es natürlich lange und komplexe Werke sind. Es passiert ja nichts anderes als dass im Hörer seine Phantasie in Gang gesetzt wird, über was nun dieses Stück gehen könnte. Und insofern finde ich solche sehr lebenspraktischen Beispiele total großartig, weil man nur, wenn man einen Bezug zu seinem eigenen Leben findet, leichteren Zugang dazu findet. Weil das Hauptproblem, der Haupthinderungsgrund für die meisten Menschen, wenn man sie fragt, warum sie eigentlich nicht in klassische Konzerte gehen, ist der Satz: das hat nichts mit mir zu tun. Insofern ist das ein großartiger Zugang.

26:37 (Szym) Also, ich hab in der Tat sehr viel davon profitiert, dass ich mal in einer Werbeagentur gearbeitet habe, weil ich lerne in einer Werbeagentur zielgruppenspezifisch zu denken. Und das kann man jetzt ganz einfach sagen, in der klassischen Musik kann man einfach sagen, meine Zielgruppe sind Leute, die sich für klassische Musik interessieren, blabla. Das stimmt aber so nicht. Wir schreiben alle für Zielgruppen, wir wissen aber häufig nicht, wer unsere Zielgruppen sind. Das heißt, es kann sein, dass jemand einen Text schreibt über klassische Musik, für ein Abendprogramm, und seine Zielgruppe, die sitzt ihm auf der Schulter, hinter ihm. Und das ist nämlich sein ehemaliger Musikprofessor.

27:12 (Tew & alle) Ich stimme total zu!! Ich stimme total zu!! (Szy) … der immer noch da sitzt und man schreibt und schreibt und da weiß man: Oh Gott, mein Professor XYZ würde sagen „so darfst du nicht schreiben!“ (Uhd) mit erhobenem Zeigefinger (Szy) mit erhobenem Zeigefinger! Also das ist der Musikprofessor! Das sind vielleicht die Kollegen, die auch drüberkucken, „was??? du würdest das so nennen? Auf keinen Fall!“ Das heißt, es ist in den allerseltensten Fällen das Publikum. Und wer ist jetzt das Publikum? Ist das Publikum weiblich? Ist das Publikum männlich? Ist es eine Frau, die ungefähr 60 Jahre alt ist? Oder schreibe ich für einen Studenten, der 20 ist, – das ist ein großer Unterschied, wie ich sozusagen mein Zielpublikum wähle, und das muss man sich wirklich sehr bewusst machen, und dann muss man sich aus dem Fenster lehnen.

Gold für das Baden-Badener Festspielhaus-Magazin

28:00 (Tew) Also, Herr Szymanski, ich bin total begeistert! Das stimmt ja total! Wissen Sie, ich hatte einmal eine ganz schlimme Diskussion mit Studenten, denen ich also beibringen sollte, über Musik zu schreiben, und wissen Sie, von ihren (deren! JR )Texten vermute ich, dass sie nicht an ihre Altersgenossen denken, während sie schreiben, sondern sie denken an irgendeine Person, die 30 Jahre älter ist und sie mal ausgebildet hat. Irgendeine Autoritätsperson da draußen. Die Studenten waren so widerspenstig, das zu hören, die haben mich furchtbar an die Wand gequatscht, weil sie gesagt haben: „nein, das stimmt nicht, das würde ich auch meiner Freundin zeigen“ und ich hab gesagt: „nein, diesen Text würde eine ganz natürliche, lebendige Person in dem Alter nicht gerne lesen!“ Heute ist es so, da stimme ich Ihnen auch zu, Herr Szymanski, dass die Leute z.B., die Autoren und Autorinnen der Texte, ganz viel an Kollegen denken: Was Ihr Kollege X denken, wenn er oder sie meinen Text liest, mache ich das hier alles richtig, und das ist dann ein solcher Spagat, denn es soll ja zusätzlich auch noch ein großes Publikum mitlaufen als Leserschaft, das ist wirklich sehr schwierig, und ich bin ganz angetan davon, dass Sie sagen, man muss wirklich sich sehr stark prüfen, für wen schreibe ich eigentlich, wen habe ich wirklich im Sinn, würde ich dies auch an meine Mutter richten, oder an meinen Cousin oder an meinen Nachbarn von 85 Jahren oder an meine kleine Nachbarin von 7 Jahren, also das ist ganz ganz wichtig!

29:08 (Szy) Und da gibt es dann noch diesen netten Sprachbilder, dann sagt man irgendwie, ja, dieses Stück spielt im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, oder sowas, und solche Begriffe wie Spannungsfeld zwischen X und Y, so reden Sie mit Ihren Freunden eben nicht, und das besondere ist wenn ich sage, dieses Stück spielt im Spannungsfeld zwischen X und Y, kann jeder sagen, ja, irgendwie schon, irgendwie auch nicht (Tew) ist immer richtig! (Szy) genau, es ist immer richtig, und eigentlich geht es darum, dass man irgendwas sagt, wo der andere sagt: nee, überhaupt nie im Leben, oder: auf jeden Fall so, oder : was? Darüber muss ich nachdenken! Also ich glaube, es ist ganz wichtig, wenn man über Kunst schreibt, dass man meinungsfreudig schreibt, dass man wirklich auch etwas zu sagen hat und sagt: Ich stehe dafür ein, dass das so ist, auch wenn mein ehemaliger Professor mich dafür köpfen würde.

29:56 (Tew) Herr Szymanski, vielleicht ist es ja leichter, Konzerteinführungen zu halten, was Sie ja vor allem auch tun, da sitzt Ihr Professor möglicherweise gar nicht drin… (Szy) oder auch manchmal schon! Durchaus. Ja, das machen wir schon, dazu möchte ich noch etwas sagen, also wenn ich Einführungen mach, ich spreche auch selten oder auch nie davon, wann ein Stück komponiert wurde, sondern es geht immer: wie hört man dieses Stück? ganz konkret, wir arbeiten dann auch mit Musikbeispielen, und eigentlich geht es darum, was mir wichtig ist – das ist so, um auch ein bisschen auf Inhaltliches zu kommen, es geht darum, dass die Leute auch heute inzwischen gewohnt sind, Komponisten zu bewundern, aber sich nicht über Komponisten zu wundern. Das heißt also, wenn die Leute hingehen und es wird ein Bach-Stück oder ein Beethoven-Stück erklärt oder auch beschrieben, dann beweisen wir immer zum tausendsten Mal, warum dieses Bach- oder Beethoven-Stück so genial ist. So, und wir hinterfragen dieses Stück nicht, sagen, ach, vielleicht hat sich ja Beethoven verschrieben, was hat es denn für Schwächen, und es muss ja nicht Schwächen haben, da beneide ich immer die Leute, die aus der Literatur oder der Malerei…  ich hab jetzt was von Goethe gelesen, das war so ein Theaterstück, das war die Iphigenie, glaube ich, genau, und die wurde irgendwo aufgeführt, und dann habe ich in der Zeitung gelesen, mein Gott, das ist ein furchtbares Stück, das kann man überhaupt nicht mehr auf die Bühne bringen. Wann würde man bei uns sagen, mein Gott, die Neunte von Beethoven, die ist furchtbar, die kann man eigentlich gar nicht mehr spielen. Das wird bei uns nicht gemacht, also wir machen eigentlich immer Beweihräucherung, wir machen sozusagen… und das Spannende ist, an Punkte zu gucken … das Violinkonzert von Beethoven, das kennt ja jeder, also nicht so anzufangen, also schaut mal, das ist darum genial, sondern fragt, Moment, wir haben ein Problem, wir haben einen ersten Satz, und in diesem ersten Satz spielt die Geige nie irgendeine Melodie, sie begleitet immer nur das Orchester, sie spielt eigentlich immer nur Läufe, nur Etüden, und alles Wichtige spielt nur das Orchester, das ist eigentlich ein Konzert gegen die Geige. Warum eigentlich? Und das ist ganz spannend, weil Sie dann eigentlich sagen, da hat Beethoven einen Fehler gemacht, hat er tatsächlich gegen die Geige komponiert? Hatten die Leute in Beethovens Zeit recht, wenn die gesagt haben, das ist eigentlich ein schlechtes Stück, das wollen wir gar nicht hören, und es geht dann fast gar nicht mehr darum, ne Antwort zu geben, sondern dass die Leute nochmal anfangen sich über Beethoven zu wundern und überhaupt zuhören: stimmt, die Geige spielt ja eigentlich nie mit dem Orchester, sie begleitet immer nur das Orchester, sie spielt immer Läufe, es gibt ungefähr zwei, drei Takte, wo sie mal ne Melodie spielt, aber eigentlich nicht.Und… ich glaube, man muss einfach an solche Punkte gehen, an die Punkte gehen, wo auch diese alte Musik uns weh tut, und diese alte Musik uns Fragen stellt, ja, wo man sich wundern muss, das ist glaube ich wichtig.

32:40 (Tew) Na, ich glaube, das hängt mit der Repertoire-Bildung zusammen, diesem ganz großen Hang, sich dem Kanon zur Verfügung zu stellen, natürlich sind viele Werke, – also ich nenn jetzt keine Namen -, natürlich sind manche Werke schlecht gemacht, langweilig, zu lang, schief konstruiert usw., das ist einfach so, es kann ja nicht alles da draußen nur aus Gold und Platin bestehen, das ist ganz klar. Aber man muss dann das Konzerterlebnis anders begreifen, als eine Dokumentation von Musikgeschichte, eher als ein Vorzeigen der Perlen der Musikgeschichte, das ist ein ganz großer Gedankenwechsel zwischen diesen beiden Sachen, und dann könnte man natürlich auch im Programmheft schreiben: das ist sehr problematisch an diesem Werk, wir zeigen es Ihnen aber trotzdem undsoweiter.

33:17 (Nus) Herr Uhde, wie stehen Sie denn zu solchen Konzerteinführungen, wenn die die Werke auch durchaus mal in Frage stellen? (Uhd) Also, ich wär bestimmt begeistert, von den Einführungen in Baden-Baden da, das kann ich mit Sicherheit sagen, ich muss mal vorbeikommen, ich hab doch überhaupt nichts dagegen, ich finde alles großartig, was den Zugang erleichtert, aber – ich würde gern in einem Punkt einstimmen, es geht eigentlich darum – egal, wie man das macht, und es muss eben nicht unbedingt eine Einführung sein, es geht um den Punkt des Wunderns (Szy: ja!), der Verwunderung, in dem Moment hat man die volle Aufmerksamkeit. Ob man das tatsächlich mit einem Text, so gut der auch geschrieben sein möchte, schaffen kann, wage ich zu bezweifeln, also, ich versuche da auch mit ganz vielen andern Elementen zu arbeiten, also ne Irritation kann auch diese Art von Aufmerksamkeit produzieren, also alles, was den Besucher für den Moment aus seiner Routine herausreißt, reicht eigentlich aus, um plötzlich eine Offenheit zu haben und wirklich Überraschungen nachvollziehen zu können und dann auch wirklich über ein oder zwei Stunden dabeizusein. Das ist eigentlich das Ziel, und wenn man das mit einer so tollen Einführung schafft: großartig!

34:26 (Nus) Ja, wie schaffen Sie das im Radialsystem Berlin, wie irritieren Sie das Publikum?

(Uhd) Na, indem z.B. Dinge passieren, mit denen man nicht rechnet. Also ich arbeite z.B. ganz viel mit einem irgendwie gestalteten Einlass, dass eben nicht einfach das Saallicht an ist und die Leute nehmen langsam ihre Plätze ein, und man spricht eben mit den Bekannten, mit denen man zusammen gekommen ist, sondern dass man fast das Gefühl hat, es ist schon irgendwie losgegangen, man weiß aber nicht so genau, gehört das jetzt irgendwie dazu oder stimmt da noch jemand oder spielt sich da noch jemand ein oder solche Dinge. Oder es kann n ganz andern Anfang nehmen, dass der Chor auf die Bühne auftritt, und es fängt dann aber jemand an, im Rücken des Publikums die Musik zu machen. Das ist n wahnsinnig einfacher Effekt, funktioniert seit der Steinzeit, wir sind einfach immer noch so konstruiert, dass wenn jemand von hinten kommt, in unserm Rücken eine Tür klappt, drehn wir uns um, weil in der Steinzeit hätte das vielleicht den Unterschied zwischen Leben und Tod ausgemacht, wenn man sich nicht umgedreht hätte und der Tiger im Rücken ist. Und es funktioniert immer noch, und plötzlich sind alle Menschen ganz alert, ich benutz das auch bei Vorträgen, das ist eben auch der Vorteil bei der Einführung im Gegensatz zum Programmheft/Text. Wenn man sein Publikum vor sich hat, spürt man ja sehr genau, ob sie einem folgen oder ob jemand anfängt, auf dem Stuhl rumzurutschen. Und wenn der Saal ganz still ist, kann man so gut wie alles erzählen, weil einem das Publikum wirklich total folgt. Und im Konzert selber ist das natürlich genauso, da muss man alles dafür tun, dass es erst gar nicht zum Rascheln und Geruckel kommt, indem man sich ganz unterschiedlicher dramaturgischer Kniffe bedient, indem man mit Kontexten arbeitet, mit Lichtgestaltung, da gibt es unendlich viele Möglichkeiten, um letztendlich, und das muss das Ziel sein, eigentlich die Wirkung der Musik so maximal wie möglich zu entfalten.

36:10 (Tew) Man hört ja nicht Musik in einem luftleeren Raum, und das wiederum führt mich auch dazu, nochmal darauf hinzuweisen, dass es einfach so bestimmte Gattungsgeschichte gibt so von Sprechen oder Schreiben über Musik, und die hat so bestimmte Hierarchien, bringt die mit sich, zum Beispiel die Hierarchie: es ist besser über die Struktur des Werkes zu schreiben als über den Klangeindruck, oder es ist besser über den Aufbau zu schreiben als über die Personen, die das sozusagen ins Leben bringen, und das hat Traditionen: wir gehen zu Adornos ganz oft natürlich herbeizitierter Hörertypologie, die die ganz große Wirkung entfaltet hat, dass derjenige Hörer der beste ist, der die Struktur hört, derjenige Hörer, der kommt, weil er bestimmte Personen und ihre Art zu interpretieren genießt, weil er sozusagen die Werkzahlen kennt, das ist ein nicht so guter Hörer, und das hat dazu geführt, dass es auch heute noch z.B. tabuisiert sein kann, in bestimmten Redaktionen, wenn man starke Metaphern benutzt, z.B. Essen benützt als Metapher oder das Wetter, das sind so ganz klassische Metaphern in der Musikbeschreibung, und ich finde das eigentlich sehr schön, wenn Sie über Autos, wenn Sie über die S-Klasse schreiben, das ist für so viele Menschen so einleuchtend, und für die Leute, die sich aber auf formale Strukturen in der Musik konzentrieren, die würden sagen: mein Gott, der lenkt aber jetzt die Rezeptionshaltung, das ist aber nicht so gut. Es ist etwas daran, was ich gern amerikanisch nenne, und das auf eine wunderschöne Weise der in New York sitzt, Alex Ross, der über Musik schreibt für den New Yorker, und der schreibt dann über Vivaldi in den Coffeeshops, und der fängt dann an von dort aus über Vivaldi zu sprechen, wie Vivaldi schon in seiner Lebenszeit zu Popularität gelangt ist, und in unserer erst recht, weil es eine bestimmte Vereinbarkeit ist mit den täglichen Erlebnissen, dem Wunsch des Ohrs, nach etwas Reiz, aber nicht zuviel Reiz usw. usf. Und es ist ganz klar übrigens an der Textur dieser Stücke (Szy: ja!) festzumachen, und es ist aber auch ganz klar sitzt das in der Realität des Alltagshörens.

Adorno Musiksoziologie Adorno Bildungskonsumenten

38:05 (Szy) Also ich glaube, was ganz wichtig ist, man muss ja sich Gedanken machen über Wahrnehmung. Und was Sie grade über Adorno und sowas beschrieben haben, da geht es um Konzentration, es gibt eine Schule, die sagt, du gehst ins Konzert, um dich zu konzentrieren auf dieses Werk, und wehe, du fängst dann plötzlich an, über Schäfchen zu denken, oder bei ich weiß nicht über untergehende Sonnen, denn das erste ist die Konzentration. Das Interessante ist aber, wenn man sich die Musikgeschichte ankuckt, die wenigste Musik will eigentlich, dass man ihr konzentriert zuhört. Also: wenn ich an Haydn denke, da schon, wenn man bei einem Haydn – es wird jetzt ein bisschen fachlich – aber wenn ich bei einem Haydn nicht wahrnehme, wann die Reprise beginnt, weil er sie so ein bisschen versteckt, was er absichtlich macht, dann habe ich den Witz des Stückes nicht verstanden. Das heißt, dann muss ich mich konzentrieren, ich muss auch wissen, worauf ich mich konzentriere, nämlich auf ne Form, und dann muss ich mich sozusagen darüber amüsieren, wenn er mit der Form spielt. Es gibt aber ganz andere Stücke, es gibt diese ganze Überwältigungsmusik oder Überwältigungsästhetik, es gibt ne Form von Musik, die will mich erschlagen, die will, dass ich mich hinsetze und uahhhu! Die will mich in einen Rausch bringen, die will mich in eine Hypnose versetzen, Vivaldi ist ein schönes Beispiel, also wir haben eine barocke Überwältigungsästhetik, die damit arbeitet, dass wir Motive haben, die sich ständig wiederholen, und dadurch komme ich in einer Art Rausch, komme ich in eine Hypnose, und dann kann ich mich auf gar nichts konzentrieren, aber ich kann mich wunderbar entspannen, und das ist auch durchaus legitim,. Also dieses ganze Thema der Wahrnehmung der klassischen Musik ist ja auch ein weites Feld.

39:37 (Nus:) Herr Uhde, wie oder mit welchen Erfahrungen soll ein Hörer, eine Hörerin aus ihrem Konzert herauskommen?

(Uhd) Das soll ein möglichst starkes Erlebnis sein, also, für mich waren immer die Konzerte die schlimmsten, wo die Leute hinterher gesagt haben: ja, war ganz schön, ja, Solist, ja, ja, ja, war ganz schön. Hat man eigentlich am nächsten Tag vergessen. Was ich mir wünsche, ist eigentlich genau dies Anknüpfung an das alltägliche Leben eigentlich, weil das ist die Voraussetzung dafür, dass genau dieses Argument, das hat nichts mit mir zu tun, das ausgehebelt wird und dazu führt, dass Besucher nach Hause gehen und sagen: Mensch, das hatte sehr wohl was mit mir zu tun. Also ich wünsch mir da so was wie Resonanzmomente, dass etwas ins Schwingen gerät, ich hab da gerade in Feldkirch ein Projekt gemacht, das hat viele Menschen sehr bewegt, wir haben uns mit dem Messias auseinandergesetzt, wo ich mich lange geweigert habe, das zu tun, weil, das ist einfach – wie sagt man? – so ein Schinken, wahnsinnig langes Stücke, komplex, ich habe das selber unendlich oft gespielt, an der Geige, ich habs gesungen früher als Kind, und wir haben sehr lange nachgedacht, wo bei diesem sehr langen, durchaus auch textlich komplexen Stück Ansatzpunkte sind, um genau das zu erreichen, und am Ende haben wir einen Trick gemacht, wir haben eine Video-Ebene eingeführt, wir haben so eine Art Außenreporterschalte gemacht, tatsächlich mit einem Fernsehjournalisten, einem sehr bekannten, und wir haben den während des Stückes, – das haben wir natürlich vorproduziert, das war nicht wirklich live -, durch die Stadt geschickt und haben zum Beispiel vor dieser berühmten Arie „He was despised, rejected“ diese Arie, wo’s ums Ausgestoßensein geht, die Erkenntnis, dass der, auf den alle gewartet haben, der Messias ist, das ist der, der in der Ecke sitzt und mit dem keiner was zu tun haben will, der völlig ausgeschlossen ist von der Gesellschaft, wir haben davor ein Interview gezeigt von einer Schulpsychologin, die wir über Mobbing befragt haben, also: wie funktioniert eigentlich Mobbing? Wie funktioniert Ausgrenzung? Wir haben an das Publikum Fragen verteilt, wir haben zwei Pausen gemacht und in den Pausen diese Fragen ausgewertet und haben die gefragt z.B.: waren Sie schon mal Opfer von Mobbing oder Ausgrenzung? Oder waren Sie schon mal an Mobbing oder Ausgrenzung beteiligt? Haben Sie Angst vorm Tod? Wenn Sie morgen sterben müssten, wären Sie mit Ihrem bisherigen Leben zufrieden? Und wir haben an späterer Stelle dann ein Interview gehabt mit dem Chefarzt der Palliativ-Medizin, und wir haben ihn gefragt über den Prozess der letzten Tage und Stunden, was bleibt den Menschen wichtig? Welche Rolle spielen religiöse oder spirituelle Erwartungen? Was ist das Bedürfnis von dem, was denn eigentlich bleiben soll, im Sinne von Vermächtnis, und das waren sehr sehr bewegende Momente. Und nach dem Konzert kam dieser Palliativ-Mediziner, der mir sagte, er hat noch nie in seinem Leben son langes Stück Barockmusik gehört, weil er das eigentlich schrecklich finde, und er gar nichts damit anfangen konnte, und er hat zum ersten Mal verstanden und er hätte jede Sekunde genossen, ein großartiges Erlebnis. Solche Erlebnisse wünsche ich mir natürlich, dass man diese Welt der Kunstmusik eigentlich in den Alltag hineinholt und es damit auch wieder in gewisser Weise relevant macht.

42:36 (Szy) Ich finde es ganz toll, Herr Uhde, was Sie gerade erzählt haben, das ist ganz spannend. Ich hab irgendwann mal gelesen: den Unterschied zwischen Realien und Existentialien, und dieser Unterschied war der, dass man bei Realien gesagt hat, Realien ist das, was man alles messen und wiegen kann, das ist sozusagen die Welt der Fakten, die Welt der Dinge, die sich verändert, wir haben heute ein Handy, und vor 100 Jahren gabs halt noch kein Handy, das sind die Realien. Und Existentialien, das ist eigentlich, was sich viel weniger ändert, die Liebe, das ist der Tod, das ist die Angst, das ist das Vereinsamen, das ist alles, was Sie gerade erzählt haben, und wenn man sich mit dieser Musik beschäftigt, oder mit Kunst beschäftigt, dann hat man erstmal diese Schicht der Realien, und die steht erstmal vor einem, da sind diese merkwürdigen Akkorde, die haben ja ne Bedeutung und so, ja, aber dahinter ist die Frage, wie lebe ich eigentlich ein richtiges Leben, was ist die Liebe, was ist der Tod, und eigentlich geht es wie ich glaube in der Kunst vor allem um so etwas. Und ich finde, dass ein Sprechen über die Kunst immer ein Sprechen über das Leben sein sollte. Also prinzipiell das, was Sie da auch machen.

43:41 (Nus) Ich bedanke mich sehr herzlich, das war das SWR2-Forum, „Der Traum vom wissenden Publikum. – Wer braucht Konzerteinführungen und Programmhefte?“ Es diskutierten der Musikwissenschaftler Dariusz Szymanski – Redakteur und Dozent, Festspielhaus Baden-Baden, Dr. Christiane Tewinkel – Musikkritikerin, Musikwissenschaftlerin, Universität der Künste, Berlin, Folkert Uhde – Konzertgestalter, Radialsystem Berlin, Festivalleiter in Köthen, Nürnberg und Feldkirch, Gesprächsleitung: Ursula Nusser.

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Zu Folkert Uhde s.a. in diesem Blog hier („Der ideale Jesus“) und hier („Konzert, Performance, Ritual“).

Sprechen (Schreiben) über MUSIK I

Eine Radiosendung (SWR2) vom 4.1.2017

(Nicht autorisierte Abschrift JR Ende Januar, noch nicht fertig korrigiert)

SWR2 Konzerteinführungen Screenshot 2017-02-01 06.54.18 Screenshot – Nicht hier links anklicken, sondern nach Lektüre des Textes unten: HIER! Auch zum Vergleich: Was bringt das stumme Lesen, und was der mündliche, persönliche  Vortrag?

Es diskutieren:
1 Dariusz Szymanski – Redakteur und Dozent, Festspielhaus Baden-Baden, 2 Dr. Christiane Tewinkel – Musikkritikerin, Musikwissenschaftlerin, Universität der Künste, Berlin, 3 Folkert Uhde – Konzertgestalter, Radialsystem Berlin, Festivalleiter in Köthen, Nürnberg und Feldkirch
4 Gesprächsleitung: Ursula Nusser

Der Traum vom wissenden Publikum. Wer braucht Konzerteinführungen und Programmhefte?

Am Mikr.: Ursula Nusser.

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, hat Karl Valentin einmal gesagt, und wer vom Konzert etwas haben will, sollte nicht einfach so hineinspazieren. Was man wissen soll, hat ein Musikwissenschaftler einmal im Programmheft geschrieben, und immer öfter führt er auch leibhaftig in einem Seitenfoyer in das Programm des Abends ein. Das Ganze scheint zu funktionieren. Die Programmhefte werden wie eh und je, und die Konzerteinführungen sind erstaunlich gut besucht. Musik für alle steht als Motto über diesen Aktivitäten, aber wer wird davon tatsächlich erreicht? Kann man über eine Haydn-Sinfonie oder über Bachs Matthäuspassion wirklich so sprechen und schreiben, dass auch Leute mit wenig Hörerfahrung etwas davon haben? Und braucht man wirklich Vorkenntnisse, um sich in einem Konzert nicht zu langweilen? Darüber diskutieren wir in diesem SWR2-Forum. Meine Gäste (siehe oben)…

Christiane Tewinkel hat jetzt ein Buch geschrieben mit dem Titel: Muss ich das Programmheft lesen? Verraten Sie mir doch gleich einmal: Muss ich das Programmheft lesen?

2:04 (Tewinkel) … wenn einem das Werk rätselhaft erscheint… wenn man besonders begeistert ist, liest man auch besonders gern das Programmheft…

2:28 (Uhde) im Radialsystem gibt es keine Programmhefte… warum verzichten Sie darauf? Weil wir keine öffentlichen Subventionen bekommen zum Beispiel.Wir haben leider keine dramaturgische Abteilung, die uns mit diesen Informationen versorgen würde und auch keine Hausdruckerei, die uns dann ein schönes Programmheft druckt. Aber darüberhinaus bin ich persönlich der Überzeugung, dass Musik schon auch für sich selber sprechen kann, und wenn man weitere Informationen haben möchte, kann man auch schnell zu seinem Smartphone greifen und sich die selber recherchieren. Bei den Festivals arbeite ich ganz anders, dort in den Programmbüchern, die wir da machen, ganz andere Zugänge zu finden, die sehr viel persönlicher sind, zum Beispiel im Gespräch mit einem Interpreten. Weil ich finde eigentlich, die Verbindung mit der Persönlichkeit eines Interpreten und seines ganz persönlichen Ansatzes oder Zugriffs auf dieses Werk interessanter als eine rein musikologische Einführung, die interessant sein kann, aber wahrscheinlich nur für einen ganz kleinen Teil des Publikums. So viele Leute lesen das gar nicht, was ich auch bei mir selber schon festgestellt habe, dass ich nach der vierten oder fünften Zeile ins Stocken gerate und denke, hm, so richtig weit bringt mich das nicht, weil der Kollege, der das geschrieben hat, schon zuviel voraussetzt, also selbst für mich zuviel voraussetzt.

3:50 Herr Szymanski, Ihre Konzerteinführungen im Festspielhaus B.B. sind Kult, Sie schreiben aber auch Texte für Programmhefte. Halten Sie das Programmheft auch für überschätzt?

4:05 (Sz:) Nein, ich glaube, es gibt verschiedene Gründe, warum das Programmheft ein gutes Medium ist, und es sind nicht immer nur vernunftmäßige Gründe, es ist z.B. zunächst ein Grund des Rituals: ich geh in ein Konzert und muss mich konzentrieren, muss mich ein bisschen sammeln, und da ist und mich irgendwo in eine Ecke zu stellen und ein bisschen zu lesen. Eine Möglichkeit sich zu sammeln, in sich zu gehen, das ist ja erstmal nicht schlecht.

4:29 (Tewinkel) Die Frage des Ortes und des Zeitfensters, in dem das Programmheft gelesen wird, ist eine ganz wichtige. Meistens wübnschen sich die Veranstalter, dass das tatsächlich vor dem Hören der Musik geschieht. Und so ist es historisch auch entstanden, zur Vorbereitung auf Konzerte. Wenn wir aber an den konkreten Konzertabend denken, ist es oft ein Din der Unmöglichkeit, die Leute kommen an, sie geben den Mantel ab, ich sag jetzt ganz pragmatische Dinge, sie begrüßen Freunde, mit denen sie sich verabredet haben, sie trinken noch etwas, sie gehen dann in den Saal, und man kommt ja selten in einen Konzertsaal und dort ist es wie in einem Lesesaal in der Staatsbibliothek, die Leute unterhalten sich stattdessen, sie kucken ein bisschen, wer ist noch da, wie ist die Bühne aufgebaut usw., und ich vermute, dass nur ganz wenige Leute diesen Zeitrahmen wählen, um sich dem Programmheft zuzuwenden. Und wenn sie’s tun, sind die Programmhefttexte meistens zu komplex und auch zu lang, um noch ganz in Ruhe durchgelesen zu werden, und das bedeutet, ich verlagere das entweder in die Pause, die Pause hat aber auch wieder andere soziale Funktionen, oder ich verlagere es auf die Zeit nach dem Konzertabend. Manche Leute nehmen tatsächlich das Heft auch mit nach Hause, aber wieder wäre zu fragen, wie Herr Uhde es angesprochen hat: Lesen sie dort das Heft tatsächlich?

5:40 (Nusser) Es gibt ja auch die Menschen, die das Programmheft dann während des Konzerts lesen, und da denke ich mir manchmal, es wäre gut, Programmhefte zu verbieten. Weil das Rascheln kann einen enorm nerven…

5:52 (Uhde) Das berühmte Rascheln, da kann man sich natürlich drüber ärgern, aber es gibt dann ganz tolle Gegenmaßnahmen, die aber viel zu wenig, dann bei uns im Radialsystem ergriffen werden, bei uns im Radialsystem ist es z.B. so, selbst wenn es ein Programmheft gäbe, in der Regel das Publikum überhaupt nicht die Chance hätte, dieses zu lesen, weil wir das Licht im Saal ausmachen und die Bühne sehr präzise beleuchten. Also gibt es eine Wechselwirkung zwischen einigermaßen interessant oder weniger interessant gespielter Musik, der Aufmerksamkeit des Publikums, wo aber noch solche Faktoren mit hineinspielen, wie ist eigentlich der Raum beleuchtet, wie leite ich die Konzentration des Publikums…

6:24 (Tewinkel) Eine andere Sache ist die: wird das gemocht, wenn gelesen wird während des Konzertes? die Konzertveranstalter selbst, das hat mir einer wörtlich gesagt, sehen es nicht gerne, weil es als ein Zeichen gesehn wird, dass die Musik selbst nicht besonders spannend gefunden wird.

6:38 (Nusser) Also, Herr Szymanski, man liest im Programmheft, wenn man sich langweilt.

(Szymanski) Na ja, ich überlege grade, bei uns speziell im Festspielhaus ist es so: wir haben Kurztexte, die man in einer Minute vorher lesen kann, dann hat man das Wichtigste, ich hab mal über einen Liederabend geschrieben, es war tatsächlich „Die schöne Müllerin“, diesen Liederzyklus, und ich hab das so gemacht, dass ich keinen großen Text über diese Schöne Müllerin geschrieben hab, sondern zwei, drei Sätze, so dass ich mir gedacht hab, o.k., so kann der Mensch vielleicht in 30 Sekunden mal diese zwei Sätze durchlesen und ist vorbereitet für das nächste Lied.

7:15 (Tewinkel) Das ist eine Entwicklung der letzten Jahre, und die führt eigentlich auf wunderbarerweise zurück auf die Anfänge des Programmheftes, die Anfänge bestanden nämlich tatsächlich in solchen kurzen Texten, die dann untermischt waren mit Notenbeispielen, d.h. Man konnte den Text anschauen und dem Werk folgen, indem man sich durch die Seiten arbeitet. Und das Problem heute bei den Erläuterungstexten ist leider auch, dass sie oft dem Aufbau des Werkes nicht folgen. Manche Texte beginnen mit dem Finale, oder manche Texte beginnen mit einem Rundumblick, der verschiedene Themen verfolgt, durch das Werk hindurch, und dann kann man gar nicht gut an den Sätzen entlanghören mit Hilfe des Textes.

7:48 (Nusser) Herr Uhde, seit wann gibt’s denn überhaupt Programmhefte?

Ich denke, dass es mit dem beginnenden 19. Jahrhundert angefangen hat, also 1830er Jahre wurde das immer stärker, parallel zur Erfindung des Reiseführers, der berühmte Bädeker, der auch durch die Landschaft führt, indem er sagt, ich gehe ein Stück auf den Hügel und wende mich nach links und sehe eine Kirche aus dem 11. Jahrhundert, so ähnlich waren diese frühen Programmhefte oder Programmbücher gestaltet, wirklich als Führer durch die musikalische Landschaft, also 1 : 1 in Analogie zu der Abfolge der Musik.

8:19 (Szymanski) Also ich glaube, wenn man das historisch betrachtet, war es meines Erachtens vorzüglich Hector Berlioz, der diesen Begriff des Programms ja auch eingeführt hat, wie er eine Sinfonie geschrieben hat: sie ist nicht selbsterklärend, sondern er hat ein Programm, eine Geschichte in dieser Sinfonie erzählt, und er war glaube ich der Allererste, soweit ich weiß, der tatsächlich ein Programm den Leuten erstmal ausgeteilt hat, in dem er gesagt hat: ohne dies Programm könnt ihr die Sinfonie nicht verfolgen…

(Nusser) also die Symphonie fantastique, (Szymanski) genau, um die handelt es sich, (Tewinkel) dies berühmte rosa Faltblatt, das Hector Berlioz damals ausgegeben hat, 1830 … (Szy) das war rosa? (Tew.) ja, offenbar war es rosa, das überliefern die Quellen, – das ist ein Strang, der das Programmheft ins Leben gerufen hat, und ein anderer Strang ist das tatsächlich Abdrucken von geistlichen Texten bei geistlicher Musik, und natürlich haben wir auch als zusätzliche Spur, dass das Programmheft so eine Art Eintrittskarte war, als Eintrittskarte genutzt wurde, aber später im 19. Jahrhundert, da fängt tatsächlich die Hoch-Zeit dessen an, was wir heute als Programmheft kennen. Das beginnt in England und wird dann von den Berliner Philharmonikern nach Deutschland gebracht. In den 1880er Jahren, da sagte man, nach englischer Sitte möchten wir auch die Programmhefte hier einführen, weil wir uns erhoffen, dass die Leute dann mehr vom Konzert haben.

(Szy) Ja, ich glaub, das hat was damit zu tun, dass diese Musik auch immer komplizierter wird, also ich denke auch gerade – wir wollen hier ja nicht über Opernwerke, an Wagners Musikdramen, wo es plötzlich ganz wichtig wird, dass man im voraus die Leitmotive kennt, und dass man genau weiß, was für Leitmotive das sind, und da haben sich bestimmte Gruppen sogar gebildet, die sich zu Hause getroffen haben, und sich diese Leitmotive erstmal am Klavier vorspielen ließen oder gegenseitig vorgespielt haben, um überhaupt mal Wagners Musikdramen mitzuverfolgen. Dann geht es halt so weiter, dann auch so Sinfonische Dichtungen, wo es auch so Leitmotive gibt, die ja auch erstmal vorgestellt werden, ja, und dann heißt es da, das ist erstmal das Leitmotiv von Pelleas, und das ist von Melisande, wenn ich jetzt an Schönberg denke, usw., das MUSS man vorwissen, also wenn man da das Vorwissen nicht hat, ist man aufgeschmissen, dann setzt man sich hin und langweilt sich gepflegt.

Parsifal Motiv-Tafel

10:23 (Nusser?) Na ja, wenn man die Handlung gut verfolgt, und die Bühne für sich gut spricht, dann kann man schon die Leitmotive für sich aufschlüsseln, aber ich stimme ihnen also zu, natürlich, wer wissend hört, hört noch mehr. Aber ich möchte auch sagen, wenn Sie Wagners Leitmotive ansprechen, da zeigt sich natürlich auch die Abgründigkeit von solchen vorbereitenden Schriften, ja, dass also Leute kommen, und die geben ganz hammerhart inhaltsbezogene Etiketten für diese Leitmotive, und die teilen die aus und die hören die vereinigen sich dann im Wissen um die bestimmten Leitmotive, und wie heißen die und es passiert, dass man winzige Teilchen von den Leitmotiven absplittert und dann kommen da wieder Motive raus, und das verselbständigt sich dann lange nach Wagners Tod, wahrscheinlich nicht von ihm tatsächlich erwünscht, und das führt dann zu einer so festen Gruppenbildung, da kann man fast sagen, dass dann diejenigen, die sich nicht gut auskennen mit den Leitmotiven, oder die nicht sofort aha! schreien, wenn dann ein Leitmotiv mit einem andern sich verbindet, dass die dann sich ausgeschlossen vorkommen. Das ist eigentlich die ganze Sache mit der Vorbildung und dem Vorwissen der Konzertgänger und der Konzertgängerinnen in einem Brennglas abgebildet, diese Sache mit Wagners Leitmotiven.

11:33 (Szy) Aber ich glaube, das ist generell das Problem des Genießens! Wenn ich in ein supergutes Restaurant komme und dort Hummer bestelle, und ich bekomme ein Hummer-Besteck, glauben Sie mir, ich fühle mich da auch ausgeschlossen, ich muss natürlich mit Hummer-Besteck umgehen können, um Hummer bestellen zu können, das Problem bei dieser Musik, oder bei der Musik aus dem späten 19. Jahrhundert ist, dass diese Musik in der Tat erklärungsbedürftig ist, und da ist es natürlich so, dass Leute, die es ein bisschen verstehen, dass die dann mitmachen, und andere Leute fühlen sich ausgeschlossen, man dieses Ausgeschlossensein natürlich dann auch irgendwie forcieren, wenn man am Schluss nach einem Konzert – was ich z.B. ganz furchtbar finde – wenn man so rausgeht und gefragt wird, na, wie fandest du das Konzert? das Konzert fand ich sehr schön, und dann sagt irgendjemand, ja, aber die Geigen waren irgendwie heute total verstimmt, usw., und die Leute, die das nicht hören, sagen hups! und ich fand das grade schön jetzt, – merken die alle, dass ich nicht gut höre. Das Problem hat man immer, in solchen … (alle lachen)

12:32 (Uhde) Ich glaube, die Gretchenfrage ist: Ist denn ein klassisches Konzert für uns ein Bildungsereignis, ein ästhetisches Ereignis? Oder ist es vielleicht mehr ein soziales Ereignis? Und wenn ja, was brauchen wir dazu, um das zu erfüllen? Und die Konzertsituation, die Frau Tewinkel beschrieben hat, ist ja genau die, wie sie normalerweise abläuft: die Menschen treffen sich mit ihren Freunden, sie gehen da hin, sie quatschen bis zur letzten Minute, weil das ja schön ist, wenn man etwas gemeinsam mit seinen Freunden machen kann, – die haben doch überhaupt keine Zeit, sich damit tiefergehend auseinanderzusetzen, und, um nochmal auf Wagner zurückzukommen, also, wenn man eine Umfrage machen würde, beim Bayreuther Publikum heutzutage, ich wär da nicht so sicher, wer da wieviel über die Leitmotive weiß, natürlich gibt es da viele Fans, aber auch sehr sehr viele Menschen, die da einfach hingehen, weil sie einfach dahingehen … wollen.

13:17 (Nusser) Jetzt kommt noch dazu, Frau Tewinkel, dass es ja schwer ist, über Musik zu schreiben, und wenn man diese Texte liest, dann hat man oft den Eindruck, die Autoren, das sind ja Musikwissenschaftler, die versuchen sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen. Also, ich sag mal ein Beispiel: Hebriden-Ouvertüre von Mendelssohn Bartholdy, dann wird von Mendelssohns Reise nach Schottland erzählt. Und wenn Le Sacre du Printemps von Strawinsky gespielt wird, dann wird gerne der Skandal bei der Uraufführung 1913 in Paris beschrieben. Aber bei so einem Haydn-Quartett oder so, da wird’s dann schon schwierig, oder?

Tewinkel

13:57 (Tew) ja, das ist ein großes Problem, wie versprachliche ich Musik, wie blumig werde ich, wie technisch werde ich, wie sehr möchte ich für Fachleute schreiben, die das aber vielleicht schon alles wissen, wie sehr möchte ich Laien erreichen, man kann aber natürlich auch nicht die Musik irgendwie verhackstücken zu irgendetwas, – das Programmheft, wie es sich jetzt darstellt, handelt vorbei an dem Konzert als sozialem Handlungsraum. Wenn Herr Uhde gesagt hat, die Leute treffen sich auch im Konzert, dann stimmt das natürlich, manche Leute gehen nur ins Konzert, weil sie sich gern mit jemandem treffen, weil sie bestimmte Aufführende hören wollen, NICHT, weil sie bestimmte Werke hören wollen, und das Programmheft geht meisten vorbei an dieser Art von Wissen über Musik, wenn wir Wissen über Musik begreifen als etwas, was ganz vielschichtig ist. Es ist ja nicht nur das Wissen über die Struktur oder Textur eines musikalischen Werkes, es kann auch ein Aufführungswissen sein, Interpretationswissen, ein Wissen über das, was im Konzert überhaupt stattfindet, zwischen Interpretierenden und dem Publikum, wie verhält es sich mit Zugaben, wann werden überhaupt Zugaben gegeben, wann wird geklatscht, wenn jemand sehr berühmt ist, wann wird geklatscht, weil man Mitleid mit jemand hat, wie überhaupt wird geklatscht, wird bei einer geistlichen Musik geklatscht, wäre es da pietätlos, wenn man klatscht, usw., da sind eigentlich alles Probleme, die zusammenführen, was an Werkverständnis und auch an Rezeptionsverhalten da zusammenwirkt, ja, das ist eine ganz komplizierte Situation, und meistens gehen die Texte im Programmheft an solchen Sachen vorbei, indem sie sich ganz stur mit dem Werk beschäftigen und die Musiker und Musikerinnen begreifen als so eine Art Bildaufhänger, die das Werk einfach irgendwo an der Wand gut aufhängen, sind sie dann nicht. Und das ist schade, das geht eigentlich an einem ganz wichtigen Erleben im Konzert eigentlich vorbei, nämlich dass wir erleben wie andere mit uns von der Bühne aus kommunizieren.

15:36 (Nusser) Herr Szymanski fühlt sich jetzt herausgefordert.

(Szy) Ja, aus meinem grünen … (???) Als erstes, wenn ich mit meinem Kollegen drüber rede, der das Programmheft bei uns koordiniert, wir haben das Problem, oder es ist nicht das Problem, es ist die Erfahrung, dass die Leute vor allem Biographien lesen, also da schreibt man tollste Texte, man denkt sich ein Superbildkonzept aus, (Tew: Ich glaubs sofort!) Bildkonzepte sind auch total wichtig und machen sehr viel Spaß, wir haben das alles, und die Leute setzen sich hin und blättern nach hinten, dort sind die Biographien, und der Witz ist, Muskerbiographien sind wahnsinnig langweilig. (Uhde: Ganz schlimm, ja! Ganz schwieriges Thema!) Weil sie das richtig Interessante überhaupt nicht verraten dürfen. (Tew: Da steht immer, wieviele Preise die schon gewonnen haben!) Dann schreibt man eben die Preise von A bis Z. Dann gibt es aber Musiker, die einfach ziemlich gut darin sind, Preise zu gewinnen, und das sind gar nicht die besten Musiker, naja, und dann schreibt man, oder der Kollege, der die Biographien bei uns macht, der hat meinen größten Respekt und mein vollstes Mitleid, weil es ist wirklich langweilig, Sie müssen dann diese Biographien den Künstlern auch zum Gegenlesen geben, die werden natürlich sagen, nee, die wollen das natürlich ein bisschen anders… Das zweite Problem: Ich bin ein Fan von Werkbeschreibungen. Ich finde dann die Frage, wann ein Stück komponiert wurde oder sowas, ist da Mendelssohn nach Schottland gefahren oder ist er nicht gefahren, hat meines Erachtens, wenn ich ein geniales Streichquartett oder eine geniale Sinfonie, dann brenn ich doch dafür, dieses Stück zu erklären und zuzeigen, warum das Stück so genial ist. Und dann habe ich natürlich das riesengroße Problem, dass ich Trockenschwimmen mache, also dass ich… wenn ich über Malerei schreibe, dann kann ich natürlich ein Bild zeigen, dann kann ich natürlich auch zeigen, auf diesem Bild ist das und das zu sehen, dann kann ich natürlich auch eine Bildanalyse liefern. Aber hier habe ich natürlich das Problem, dass ich versuchen muss, über ein Stück zu schreiben, aber keine Notenbeispiele bringe, weil Notenbeispiele ähnlich wie chemische Formeln total abstoßen, vor allem Leute, die keine Noten kennen, und ich muss natürlich über Beispiele schreiben, die ich nicht bringen kann. Und das ist in der Tat ein großes Problem, aber das ist ein Problem, dafür gibt es bestimmte 1000 Lösungen.

17:35 (Tew?) Ich möchte noch etwas zu den Biographien sagen. Es wäre ja eigentlich die Freiheit der Redaktion, hier auch mal was anders zu machen, also zum Beispiel zu sagen, ich verweigere mich dieser impliziten Vorschrift, dass wir darüber schreiben müssen: wo ist jemand aufgetreten, nennen wir … wir wissen, Säle können auch gemietet werden, und Veranstalter können Dinge manipulieren, es sagt nicht soviel aus, wo jemand aufgetreten ist, es sagt nicht einmal viel aus, mit wem jemand aufgetreten ist, da hat man auch die Freiheit z.B. mit den Künstlern vorab ins Gespräch zu gehen und das z.B. auch in den Erläuterungstext hineinzunehmen, es zwingt einen ja keiner, die Biographien so und so zu schreiben, ich meine auch nicht so sehr die Herkunft, die Ausbildung von den Ausführenden, sondern ich meine eher: wie denken Sie denn über Ihr Werk, was sind denn Ihre schwierigen oder Ihre Lieblingsstellen, aus welchen Gründen haben Sie sich damit auseinandergesetzt, warum haben Sie das überhaupt gewählt, manchmal mögen das sehr banale Gründe sein, aber manchmal sind das auch Dinge, die ganz tief mit der Ausbildung oder der Herkunft verbunden sind, und sowas finde ich eigentlich sehr interessant.

18:35 (Uhd) Zumal die Biographie ja auch einen ganz eigenen Zweck verfolgt, und in der Regel ist es der der Honorarsteigerung, weil die Biographien werden natürlich von den Agenturen herausgegeben, die werden dann immer weiter geschrieben, die bestehen dann oft darauf, dass sie dann gegengelesen werden können, wenn man die abdrucken will. Wir machen das bei unseren Festivals z.B. auch fast gar nicht, wir machen da eher eine Art Glossar von allen Mitwirkenden, die Biographien sind so fünf, sechs Zeilen lang, mit den allerwesentlichsten Sachen, wo kommt jemand her, wie ist er dazu gekommen, und wir haben z.B. bei den Köthener Bachfesttagen etwas gemacht, wir habe im Vorfeld den beteiligten Musiker und Musikerinnen einen Fragebogen geschickt, den konnten sie online ausfüllen, und da haben wir tatsächlich nach persönlichen Bezügen gefragt, wie kam das eigentlich, dass Ihr Euch ganz besonders mit Bach auseinandergesetzt habt, was macht Ihr eigentlich, wenn Ihr keine Musik macht, wie sieht Euer Leben aus, wie würdet Ihr bach in drei Zeilen beschreiben, was ist das für Euch für ein Charakter, – solche Dinge, die sich ganz unmittelbar aus der Persönlichkeit eigentlich ergeben, die unendlich viel interessanter sind in Kombination, wie man sie dann auf der Bühne erlebt, als welche Preise sie gewonnen haben.

19:35 (Szy) Herr Uhde, ich habe eine Frage: Haben Sie eine gute Antwort darauf bekommen? Denn wir haben etwas Ähnliches probiert, wir haben mal unsern Künstlern mal die Fragen gestellt, warum sie dieses Werk gewählt haben, weil wir das für das Jahresprogramm schreiben wollte, also der Künstler hat das und das gewählt, und wir haben alle unsere Künstler angeschrieben und haben ungefähr von hundert Künstlern drei Antworten bekommen, und die Antworten, die waren ungefähr so, wie man ich das so in der Schule vorstellt, also wenn ein strenger Lehrer anfragt.

(Uhde) haben Sie das wirklich persönlich geschrieben oder haben Sie das über die Agenturen gemacht? (Szy) Neinnein, wir haben das … och, das weiß ich gar nicht mehr, wir haben das gemacht, und es war … (Uhd) Das ist nur ein bescheidener Punkt, ich arbeite vorzugsweise mit Künstlern, die ich persönlich kenne und wo ich einen persönlichen Zugang hab. Und ich hab auch schon die Erfahrung gemacht, gerade bei größeren Agenturen, die schicken dann so 2 Seiten Biographien, wenn man irgendwas von den Künstlern will, dann wird das so total abgewiegelt, da kommt man überhaupt nicht ran, es gibt gar keinen direkten Kontakt, auch die Antwort auf diese Frage „warum haben Sie denn dieses Werk gewählt?“ ist natürlich wahnsinnig schwierig, es gibt eigentlich hier Zwänge, die werden halt irgendwo eingeladen, um genau das zu spielen, und deswegen spielen sie es noch dreimal woanders, also: das ist tatsächlich schwierig, zum einen, den richtigen Zugang zu gewinnen, aber auch ganz praktisch, wie erreiche ich überhaupt den Künstler, komme ich an seine Persönlichkeit ran, und das geht eigentlich nur tatsächlich über einen ganz persönlichen, privaten Kontakt.

20:50 ( ) Was konstituierend ist für das Konzerterlebnis, ist diese ganz starke, harsche Trennung zwischen denen, die auf der Bühne sitzen und denen, die im Konzert sitzen und zuhören. Und das ist auch etwas, das beigetragen hat zu manchen Problemen, die wir heute im Konzertleben haben. Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass das Programmheft und der Erläuterungstext und die Biographien zugeschnitten sind auf die Interessen des Publikums und auf die Marketinginteressen des Künstlers, dann verstärken eigentlich diese Spannung, ja? Ich möchte ein kleines Beispiel nennen. Wenn Musiker auf die Bühne kommen und meinetwegen eine Sinfonie X von einem Komponisten Y spielen, dann haben sie überhaupt nicht das Interesse, meistens auch nicht den Zugang zum Erläuterungstext. Sie kommen aus einer ganz anderen Richtung, sie sind ausübende Musiker, haben das Stück einstudiert, vielleicht schon im Studium, dann in der Probe nochmal, sie sind mehrere Sitzungen durchlaufen, mit dem Dirigenten, usw., so gehen sie auf die Bühne, praktisch vorbereitet, ganz tief in dieser praktischen Musikausbildung drin. Das Publikum hat davon erstmal überhaupt keinen Schimmer, ja, wie kommt dieses Werk wirklich unter den Händen dieses Musikers zustand, das ist kein Thema für das Publikum, für das Publikum zählt meist die Gemachtheit des Werkes und vielleicht noch einzelne Höreindrücke, die es empfangen kann. Ich finde das eigentlich sehr schade, es hindert einen doch niemand, z.B. in den Erläuterungstext auch hineinzunehmen … Gespräche mit Musikern, und ich komme hier auf ein anderes: wenn die Musiker dann mal antworten auf das, was sie zu bestimmten Stücken zu sagen haben, dann ist das wirklich manchmal schockierend naiv, wenn ich das so sagen darf, (Szy: ja, das stimmt!) ohne hier irgendjemand zu nahe zu treten, warum ist das schockierend naiv? – weil diese Trennung zwischen den musikalischen Wissensformen ganz früh einsetzt. Weder beim Publikum wird weiter gebohrt, dass es sich mal ein ganz bisschen einfühlt in die Seite der Ausführenden, noch wird bei den Musikern darauf Wert gelegt, das sie ein gutes Verständnis bekommen von historischen Zusammenhängen. Das ist eigentlich sehr schade (Szy) Aber das ist natürlich wie alles von Person zu Person unterschiedlich. Es gibt unglaublich meinungsstarke (Tew: Ja!) Künstler, ich denke gerade an eine Patricia Kopatschinskaja, das ist diese Geigerin, die Interpretationen sehr anders anlegt, als das gewöhnlich der Fall ist, und die darüber sehr gern auch spricht. Solche Person interviewt man natürlich auch gerne (Tew: ja!) und da kann man solche Interviews natürlich auch ins Programmheft geben, und das ist dann sehr spannend. Dann kann es sogar so sein, dass ich sage: Mein Gott, das sehe ich nun völlig anders, aber es ist großartig, dass sie es so macht, wie sie es macht, auch wenn ichs furchtbar finde. Das ist ja nun völlig egal dann. Nun, ich muss dazu sagen, ich finde Kopatschinskaja ganz toll, aber man kann das furchtbar finden. Und das ist das Tolle, da sind wirklich Interpretationen, die extrem polarisieren, und das sind Personen, die auch Meinungen haben, und auch meinungsstark sind und auch meinungsfreudig. Also, die sagen auch was Interessantes.

23:28 (Nusser) Die Schwierigkeit mit den Texten im Programmheft ist ja auch, Frau Tewinkel, dass diese Musikwissenschaftler, die dort schreiben, eigentlich gar nicht genau wissen, welches Niveau sie da anlegen sollen, was sie bei den Lesern voraussetzen können, und in den letzetn 10 Jahren ist ja die Tendenz, weniger Fachbegriffe zu benutzen, weil man gar nicht weiß, kennt der Leser eine Terz, kennt er eine Fermate, also man versucht das zu vermeiden, und dann kommt eben dieser blumige Stil dabei heraus, da wird dann das C-Dur-Licht zum Flackern gebracht, oder das Hauptmotiv ist mal sehnsüchtig aufstrebend, dann festlich leuchtend und schließlich impulsiv pochend – das lesen wir ja heute immer noch…

(Szy) Ich bekenne mich schuldig, ich schreibe auch so… (Tew:) aber Herr Szymanski! ich möchte ne Lanze brechen für alle Autorinnen und Autoren unserer Zeit, ich finde, das sind oft sehr sehr gut gemachte Texte, sehr gut redigiert, sehr gut vorbereitet, Riesenfachwissen, das sind wirklich eierlegende Wollmilchsäue, diese Autorinnen und Autoren, die heute über Musik in den Programmheften schreiben, das ist schon ganz schön toll!

24:35 (Nusser) Jetzt ist der Moment gekommen, Herr Szymanski, wo wir mal hinschauen, wie Sie das machen!

(Fortsetzung folgt hier)

Wer macht den Soundtrack im Film und warum?

Mein Wintermärchen

Es war einmal ein trüber Weihnachtstag, als ich den Film sah „Deutschland von oben“; faszinierende Bilder und Sequenzen! Aber je länger er dauerte, desto mehr fragte ich mich: so viele übermächtige Szenen, die durchaus andächtige Stille vertragen, – warum muss ich dazu diese unterirdische, aufdringliche Musik hören? Wie war wohl die Auftragslage, wer wurde da angesprochen und mit welchen Vorgaben? Ich beschloss, dass ZDF selbst zu fragen. Namen, Adressen, Literatur. Schauen Sie doch selbst, worum es geht: Dies ist der Film, angeblich noch abzurufen bis – ich kann es gar nicht glauben – Dezember 2026!!! Bitteschön: HIER.

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Ich schrieb also folgende Mail an den Zuschauerdienst des ZDF:

Von:  Jan Reichow [mailto:janreichow@t-online.de ]
Gesendet: Montag, 26. Dezember 2016 11:06
An: Huthmann, Magda
Betreff: ZDF Terra X Deutschland Wintermärchen
Sehr geehrte Frau Huthmann,
 
am 25. 12 ab 19.15 Uhr habe ich den im Betreff bezeichneten Film gesehen, mit großem Interesse an den Aufnahmen und Informationen.
 
An dieser Stelle könnte es mit Lobreden weitergehen, wenn es nicht einen heftigen Störfaktor gegeben hätten, den die Redaktion vielleicht mit nachträglichen Erläuterungen abmildern könnte.
Ich hätte also gern nähere Informationen zur Musik: Komponist oder Hersteller usw.
Gibt es vielleicht sogar Informationen zur „Philosophie“ einer solchen Filmmusik?
Was sie bezweckt, wie die Aufgabenstellung für diesen Parameter des ganzen Werkes lautet.
Es mag sein, dass mir die rechte Antenne fehlt, aber in meinen Ohren ist der Ton völlig kontrapunktiv zum Film.
 
Sie könnten im Grund auch das Bildmaterial selbst in dieser Form entfremden und z.B. Comicfiguren hineinzeichen, die die Bilder komisch oder pathetisch, je nach angestrebter Wirkung, kommentieren, begleiten, stören. Wichtig wäre die willkürliche Veränderung der optischen Eindrücke.
Ich vermute, dass die Musik jedoch die Eindrücke unterstützen soll. Was für ein Irrtum! Sie tut das Gegenteil: sie macht aggressiv, weil sie lügt!
Selbst wenn musikartige Tierstimmen zu hören sind, Kraniche oder Robbenbabies, auf deren Melodie Sie aufmerksam machen, mögen Sie die eigene Musik nicht zum Schweigen bringen. Was für eine Verachtung dessen, was Sie andererseits doch liebevoll anbieten!
 
Ich vermute, dass es da geteilte Zuständigkeiten und keinen – sagen wir – obersten Regisseur gibt, der für ALLES zuständig ist. Und der Ton etwa liegt in den Händen eines
Ton-Menschen, der seiner Funktion gerecht werden muss und keinesfalls für Stille honoriert wird.
Sagen Sie nicht, ich könne doch den Ton abschalten – das wäre keine Alternative: die gesprochene Information ist wichtig, aber jeder Laut, der zu den Bildern gehört, hätte für mich oberste Priorität: das Pfeifen des Windes, das Rauschen des Wassers, die Rufe der Tiere, – es ist barbarisch, einen künstlichen Soundtrack für wichtiger zu halten.
 
Das ist meine Meinung. Bitte geben Sie mir doch andere Argumente.
 
Mit freundlichen Grüßen,
 
Jan Reichow

 

***

Die Antwort kam überraschend schnell:

Am 30.12.2016 um 11:53 schrieb mailto:Zuschauerredaktion@zdf.de :
Sehr geehrter Herr Reichow,
 
vielen Dank für Ihre E-Mail an das ZDF.
 
ARD und ZDF haben im Jahr 2014 einen gemeinsamen Leitfaden zur Verbesserung der Sprachverständlichkeit in Sendungen erarbeitet. Darin sind Empfehlungen für die Produktion von TV-Beiträgen enthalten, die eine für den Zuschauer möglichst angenehme Tonkulisse sicherstellen sollen. Allerdings ist die Sprachverständlichkeit stark von der eigenen, subjektiven Wahrnehmung geprägt, so dass wir hier keine starren Parameter festschreiben können.
 
Für die Tongestaltung einer Sendung sind der Regisseur und der Tonmeister verantwortlich. Sie realisieren die Mischung von Sprache und Musik nach ihren ästhetischen Vorstellungen. Der Einsatz von Musik ist vor allem wichtig, um Emotionen wie Freude, Trauer oder Angst darzustellen. Deshalb können wir auf musikalische Untermalung nicht verzichten, auch wenn diese von manchen Zuschauern subjektiv als Beeinträchtigung der Sprachverständlichkeit empfunden wird. Das Gleiche gilt für eine gewisse Dynamik innerhalb der gesprochenen Dialoge: Schauspieler flüstern oder schreien, sprechen klares Hochdeutsch oder mit einer leichten Dialektfärbung. All dies charakterisiert die Figuren, wirkt sich aber auch auf die Sprachverständlichkeit aus.
 
Als Zuschauer haben Sie folgende Möglichkeiten, die Tonkulisse an Ihre Wahrnehmung anzupassen:
 
Wenn im Tonmenü Ihres Fernsehers ein Surroundton eingestellt ist, ohne dass Sie eine entsprechende Surroundanlage angeschlossen haben, sollten Sie zum einfachen Stereoton wechseln. Der Surroundsound unterdrückt viele Tonereignisse, weshalb die Sprachverständlichkeit bei reinem Stereo oft besser ist. Eine weitere Möglichkeit, den Sprachton zu verbessern ist, an Ihrem Gerät die Bässe zu reduzieren und die Höhen mehr zu betonen.
 
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ZDF-Zuschauerredaktion
***
Damit konnte ich mich nicht zufriedengeben. Ich versuchte also, deutlicher zu werden:
Original Anfrage:
Von: janreichow@t-online.de
An: zuschauerredaktion@zdf.de
Datum: 03:01:2017
———————————
Sehr geehrte Damen und Herren der ZDF-Zuschauerredaktion,
vielen Dank für Ihre schnelle Reaktion auf meine Anfrage.
Wenn ich es recht verstehe, haben Sie mir jedoch auf meine Anfrage eine vorgefertigte Antwort zugeschickt, die offenbar Beschwerden über mangelnde Sprachverständlichkeit beschwichtigen soll.
Darum ging es aber in meinem Schreiben überhaupt nicht.
Um es im Klartext auszudrücken: mein Anliegen galt der – aus meiner Sicht – künstlerisch dürftigen Qualität der gesamten Musikspur, die einen künstlerisch hervorragenden Film durchaus zugrunderichten kann.
Gegen die Sprachverständlichkeit und die Qualität des Textes habe ich nichts einzuwenden, ich lege großen Wert auf diese Informationen! Mir wäre also vielleicht nur zu helfen, wenn es eine Möglichkeit gäbe, die Musik auszuschalten, ohne den Text zu unterdrücken.
Ich vermute, dass sich dies nicht einrichten läss, –  und wüsste jetzt eigentlich nur noch gern, wer genau diese Musik bei Ihnen eigentlich wünscht und sie (bei wem?) in Auftrag gibt. Mit diesem Herrn oder dieser Dame würde ich gern in Verbindung treten, um etwas Kompetentes über die ästhetischen Grundsätze zu erfahren. Meinetwegen in wenigen Sätzen, ergänzt vielleicht durch einen Buch- oder Artikelhinweis, so dass ich eine Erklärung habe, weshalb die optische Gestaltung und die „musikästhetische“ Qualität so schöner Filme derart auseinanderklaffen.
Diese Diskrepanz ist mir durchaus nicht das erste Mal aufgefallen, und ich denke, dass Sie ihren großen Zuschauerkreis über den Hintergrund durchaus informieren könnten: also nicht über technische Details oder in Form einer bloßen Musikliste, sondern über die Kriterien, die bei solchen Filmen für die Musikauswahl und -gestaltung gelten.
Ich würde mich gern in meinem Blog (http://www.janreichow.de ) damit auseinandersetzen.
Mit bestem Dank im voraus und mit freundlichen Grüßen,
Dr. Jan Reichow
***
Betreff: Re: WG: ZDF Terra X Deutschland Wintermärchen (Ticket: DE02-1391232)
Datum: Tue, 10 Jan 2017 17:18:48 +0100 (CET)
Von: Zuschauerredaktion@zdf.de
An: janreichow@t-online.de
Sehr geehrter Herr Reichow,
vielen Dank für Ihre erneute E-Mail an das ZDF.
Wir bedauern sehr, dass Ihnen die Tongestaltung bei der im ZDF-Programm gesendeten „Terra X“-Dokumentation „Deutschland von oben – Ein Wintermärchen“ nicht gefallen hat.
Die Grundlage für eine einwandfreie Bild- und Tonqualität aller Sendebeiträge bilden zunächst einmal die vom IRT in München herausgegebenen „Technischen Richtlinien HDTV für ARD, ZDF und ORF“. Die Einhaltung dieser technischen Richtlinien wird von unseren Fachleuten sowohl bei der Abnahme nach der Produktion als auch nochmals vor der Ausstrahlung des Sendebeitrags am jeweiligen Sendetag überprüft. Im Rahmen dieser technischen Richtlinien obliegt die Komposition bzw. Ausgestaltung einer Sendung (u. a. Hintergrundgeräusche, Musikuntermalung, Bild- u. Toneffekte) jedoch den verantwortlichen Personen (z. B. Regisseure und Tonmeister), die Sendebeiträge tragen somit auch deren persönliche Handschrift. Doch bei aller künstlerischen Freiheit müssen sie sich selbstverständlich an den technischen Richtlinien orientieren, die letztlich eine einwandfreie technische Qualität der produzierten Sendebeiträge sicherstellen.
Leider findet die Tongestaltung einer Sendung naturgemäß nicht immer die Zustimmung aller Zuschauer gleichermaßen, zumal der Ton vom Menschen aufgrund unterschiedlichster subjektiver Wahrnehmungen und Hörfähigkeiten auch sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Darüber hinaus sind natürlich auch die musikalischen Vorlieben unterschiedlich. Daher können die Meinungen hinsichtlich der Tongestaltung teilweise durchaus weit auseinander gehen.
Die Tonqualität ist zudem auch immer von den Bedingungen am Produktions-/Aufnahmeort (z. B. akustische Verhältnisse, technische Ausrüstung) sowie von den Bedingungen am Empfangsort bzw. beim Zuschauer abhängig (z. B. Raumakustik, Qualität des Empfangsgeräts und der Lautsprecher, gewählte Toneinstellungen). Über die Toneinstellungen können moderne Empfangsgeräte in der Regel auf die akustischen Raumverhältnisse im individuellen Heimbereich angepasst werden. Wir empfehlen Ihnen daher, auch einmal die Toneinstellungen an Ihrem Empfangsgerät zu überprüfen und den Ton gegebenenfalls zu optimieren (z. B. Höhen, Bässe, etc.).
Wie Sie sehen, ist das Thema Tonqualität/Tongestaltung sehr komplex. Wir versichern Ihnen aber, dass es immer unser Ziel ist, trotz aller oben beschriebenen beeinflussenden Faktoren jederzeit die bestmögliche Tonqualität bzw. Sprachverständlichkeit bei unseren Sendungen zu gewährleisten. Hierzu sind wir auch immer wieder im intensiven Austausch mit den zuständigen Bereichen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ZDF-Zuschauerredaktion
***
Es wird deutlich: ich bekomme nicht die Ansprechpartner, die über die Machart der Sendung wirklich Auskunft geben könnten. Die Zuschauerredaktion hat ihr Bestes gegeben, aber nicht die Auskünfte, die ich brauche. Sie wird weiterhin freundlich antworten, bis ich aufgebe.
Was tun? Vielleicht ein paar Recherchen auf eigene Faust? Filmmusik ist nicht „mein Ding“. 
Um es vorwegzunehmen: ich habe einiges rausbekommen. Und mache zunächst einen Rückzieher: die Leute, auf die ich stoße, machen bestimmt einen hervorragenden Job. Ich kenne ähnliche Studios und habe immer die technische Leistungsfähigkeit bewundert. Aber letztlich geht es um die Vorgaben. Um das, was die – ebenfalls hervorragenden – Filmemacher bestellen, welche Art Soundtrack sie sich wünschen, wenn ihr Film samt Tonspur (natürliche Geräusche und erläuternder Text) visuell und akustisch abgesegnet ist.
Beim Wiederlesen stelle ich fest, dass ich an einer Stelle „kontrapunktiv“ geschrieben habe, statt kontraproduktiv. Aber bei der erweiterten Recherche habe ich gesehen, dass auch das falsche Wort Sinn macht.
Ich kenne mich einfach nicht aus.Und studiere jetzt als erstes, Punkt für Punkt, den Nachspann des Films: ab 58:13.
***
wintermaerchen-redaktion-screenshot-2017-01-10-18-26-15 Redaktion und: Colourfieldwintermaerchen-screenshot-2017-01-10-18-25-53 RuhrSoundStudios
ZITAT:
Das Orchester spielt dabei den magischen Soundtrack, den Boris Salchow für uns
komponiert hat, live zu den Bildern des Films.
Wir erfahren über den Link Colourfield damit also den Namen des Komponisten:
 und von dessen eigener Website noch viel mehr:

Salchow also scored the feature film adaptation of the award-winning documentary series Germany From Above (Buena Vista International) recorded with a 70-piece orchestra and mixed at Babelsberg Studios in Berlin. This visually stunning film is comprised of breathtaking aerial shots of Germany. With only a few words from the narrator, the movie provided a unique opportunity to take the audience on an inspiring musical journey befitting the film’s grand scale. Germany From Above premiered with a special event at Germany’s largest movie theater, where Salchow’s 90-minute score was performed live along with the film. Salchow recently swapped his baton and orchestra for Moog synthesizers and rare vintage audio processors to score Electronic Arts’ sci-fi video game FUSE. The score blends analog electronic elements, adrenaline infused drums and musical sound design to provide a foreboding and rousing sonic landscape for FUSE’s dark futuristic setting and intense action experience.

Ansonsten taucht neben (oder über) dem Tonmann Alexander Vitt (siehe Nachspann)
der Name Arno Augustin auf.
Ich bin jetzt reif, mich über Filmmusik im allgemeinen zu informieren, z.B. bei Wikipedia
HIER. Interessant insbesondere der Abschnitt „Techniken“ und unter
„Formen“ der frühe Versuch Hansjörg Paulis, ein Modell der Einordnung zu entwickeln.
Man gehe auch den im Artikel angegebenen Wiki-Links nach, also  etwa zum
Hauptartikel: Leitmotiv-Technik
Hauptartikel: Underscoring und
Hauptartikel: Mood-Technik
Unter Mood-Technik wiederum kommt man bei den dort angegebenen Weblinks zu dem
anregenden Artikel „Underscoring in Abgrenzung zu Mood- und Leitmotiv-Technik am
Beispiel des Filmes ‚Indiana Jones – der letzte Kreuzzug'“ von Jessen Mordhorst.
Es versteht sich von selbst, dass es genug Beispiele guter, ja genialer Filmmusiken gibt.
Um so wichtiger ist es, die misslungenen zu kennzeichnen, ganz besonders diejenigen,
die von inneren Widersprüchen geprägt sind. So zum Beispiel, wenn ein grandioser
Natur-Film in eine Kitschmusik-Sauce aus der Retorten-Produktion getaucht wird.
Das war mein Ausgangspunkt.
Es handelt sich nicht um eine Geschmacksfrage! Nehmen Sie einen 5-Sterne-Koch, der
ein kulinarisches Meisterwerk geschaffen hat. Und es dürfte erst auf den Tisch
kommen, wenn ein übergeordneter Chef-Chemiker es mit bestimmten
Parfums nachbehandelt  hat.
Die Gretchenfrage wäre: Lieber Film-Produzent, wie hältst Du’s mit der Stille?
Nachtrag 15.01.2017
Ich sehe nicht jeden Naturfilm im Fernsehen, aber sobald einer begonnen hat, kann ich
nicht aufhören. Und so konnte ich heute auch die Behandlung der Musik aufs neue
beobachten. Fazit: viel besser!!! Es gibt Stille, und wenn natürliche Geräusche zu hören
sind, hört man sie auch ungestört. Die lustige Untermalung des Werbetanzes der
Flamingos, ja, bitte, aus der Sicht der Flamingos ist gewiss nichts daran komisch, aber
es macht die Tiere nicht lächerlich. Die Bären an ihren Kratzbäumen: wie schön kommt
die akustische Atmosphäre zur Geltung! Ab 24:10, nach dem Pfiff des Murmeltiers. Die
Wiese, das Schnaufen der Grizzly-Bären in der Stille. Wunderbar.
Die Stimme des Sprechers müsste nicht sein, ist aber erträglich, weil freundlich
anteilnehmend.
Im Nachspann die Lösung des Rätsels – vielleicht -, die Musik ist von Hans Zimmer.
Vielleicht hat er die Zauberformel der rechten Dosis…
ZDF BBC Nachspann Screenshot 2017-01-15 20.35.00
Oder liegts an der BBC?
ZDF BBC Screenshot 2017-01-15 20.35.47
In der ZDF-Videothek bis 12. Februar abrufbar HIER.

Suzanne

Warum ich heute Leonard Cohen höre

Nicht weil er gestorben ist und ich Trauerarbeit leisten muss. Ich habe ihn ja mein Leben lang nicht beachtet. Nein, es ist banaler: mich interessiert immer, wenn Nicht-Musiker über Musik reden und mehr oder weniger ein Bekenntnis ablegen. Ich versuche, ob ich das nachempfinden kann, und es funktioniert recht oft. Ich nehme dann etwas wahr, was mir vorher nicht bemerkenswert erschien. „Aha, so also bewegt sich ein Lied in das Gehirn und setzt sich fest…“ (Eigentlich müssten die alten LPs wieder knistern, was bei mir aber keinen Sinn hätte.)

Eine ganze Wochenendseite der Süddeutschen für Leonard Cohen, ein großer Beitrag von Kurt Kister, ein kleinerer, mehr auf die Stadt Montreal bezogen, von Thomas Steinfeld. Und beide Artikel kann man im Internet nachlesen (s.u., unter dem Video), und sie sind durchaus von der professionellen Sicht und vom politischen Standort der beiden Journalisten geprägt. Kurt Kister:

Es geht nun, mit Verlaub und der Bitte um Entschuldigung für diesen Ausdruck, eine Scheißwoche zu Ende. Ein Klotzkopf, der in nichts für das steht, was Leonard Cohen war, wird US-Präsident, und Leonard Cohen ist gestorben. Heute Abend möge jeder, der noch einen Plattenspieler hat, die alte „Songs of Leonard Cohen“ auflegen, ja, genau die, die so knistert (streamen ist als schlechter Ersatz erlaubt). Der erste Song auf der A-Seite ist „Suzanne“, tausend Mal gehört. Die letzten Zeilen lauten: And you want to travel with her, and you want to travel blind, and you know that you can trust her, for she’s touched your perfect body with her mind.

So war es. Leonard Cohen hat viele von uns mit seinem Geist berührt. Es ist Zeit zu trauern.

Quelle Süddeutsche Zeitung 12./13. November 2016 Seite 15 Ein Licht erlischt Der Songwriter und Dichter Leonard Cohen ist gestorben, der wie kaum ein anderer die dunklen Seiten der Seele strahlen lassen konnte, ohne die Liebe aus dem Blick zu verlieren. Von Kurt Kister. /   Das Heilige und das Gebrochene Leonard Cohen und Montreal: Eine Stadt, die in seinem gesamten Werk gegenwärtig ist. Von Thomas Steinfeld.

Und in beiden Artikeln spielt „Suzanne“ eine besondere Rolle, kurz: die Liebe. Ich lese den Text hier und finde die zitierten Zeilen wieder. Sogar auf deutsch, wenn ich will. Ich höre das Lied auf youtube (s.u.) und registriere, dass er hier und dort andere Worte verwendet. Macht nichts. Die kritischen Ausgaben werden kommen, auch wenn kein Nobel-Preis nachgeholfen hat.

Hier klicken, wenn man beim Hören des Liedes (und der Ansage bis 0:55!) zurückkehren und weiterlesen möchte. Sonst folgenden Zugang wählen:

Kurt Kister also sagt dies: hier.
Thomas Steinfeld sagt das: hier.

Ich finde es gut, dass all dies gesagt wird, und ich werde noch andere Lieder hören.

„Man hat nie einen Sänger erlebt, der in so großer Würde alt geworden ist“. (Kister)

„In dieser Zeit (…) muss Montreal für junge Intellektuelle eine Stadt von grenzenloser Offenheit gewesen sein. Das Blasphemische und wohl auch das Obszöne, das zum Beispiel dem Text der Hymne „Hallelujah“ zueignet (siehe dazu Allan Lights Buch: „The Holy or the Broken“, New York 2012), entsteht aus diesem Zusammenhang, der sich oft in den Werken Leonard Cohens findet.“  (Steinfeld)

Für einen Moment dachte ich an ein anderes Buch („Das Rohe und das Gekochte“ von Lévi-Strauss) und als ich keinen Zusammenhang fand, blieb ich lieber beim Thema. Also: „Hallelujah“. Text hier, Übersetzung hier.

Und dann die Musik. Würde ich dafür ein Buch lesen? Vielleicht. Oder doch nicht.

(Achtung: Werbung am Anfang.) HIER (im Extrafenster) oder wie folgt:

Was mir Freund Berthold kürzlich (13.11.16) zum Thema schrieb:

Es bleibt das, was wir immer wieder festgestellt haben, wenn wir uns über Popmusik unterhalten haben – mit musikalischen Mitteln ist diese Musik nicht festzunageln (wobei man Cohen immerhin für den Einzug des Dreiertaktes in die Popmusik verantwortlich machen kann, wo sonst ja alles im Vierer- bzw. Zweiertakt ist – alles! auch eine Schwäche des Jazz übrigens, aber davon spricht kaum jemand). Denn rein musikalisch gesehen taugt sie natürlich nichts, die Melodien sind sehr simpel (nun, das kann man manchmal auch bei Mozart oder Beethoven feststellen), die Harmonik ist langweilig, die Rhythmik ebenso. Das, was sie für so viele Menschen interessant macht, ist ihr zeitkultureller Wert.
Dylan oder Cohen haben ja, jeder auf seine Weise, Hymnen komponiert, die viele (meist junge) Menschen sofort nachvollziehen konnten. Die ein Lebensgefühl deutlich machten (und die, würde ich aus heutiger Warte ergänzen, nicht die Mühe machten, sich erst aufwendig mit ihnen beschäftigen zu müssen, wie bei der ernsten Musik eben notwendig ist). Man könnte übrigens auch sagen, daß die Melancholie Cohens, die uns Jüngere in den 1970ern so gefangen nahm, nicht nur mit sowieso vorhandener pubertärer Daseinstraurigkeit zu tun hatte, sondern auch etwas mit unserer Traurigkeit angesichts der Verhältnisse – denn das war ja politisch die „bleierne Zeit“.
Das ist übrigens ein Unterschied zu einem Großteil zeitgenössischer Popmusik, in der es eigentlich nur noch um sinnlose Unterhaltung geht, also nicht einmal mehr das Zeitgenössische, das Lebensgefühl, die Hymnen vorkommen (Ausnahme: US-amerikanischer oder auch afrikanischer HipHop, jedenfalls seine besten Teile, und da wird’s ja auch musikalisch interessanter…).
Ich wills mir nicht einfach machen, aber es ist klar, daß die gesellschaftliche Entwicklung, die der kapitalistische Realismus/Neoliberalismus benötigt, um sich durchzusetzen (z.B. mangelhafte Bildung – es ist einfach so, daß Menschen, je klüger sie sind, desto kritischer werden), eben auch kulturell verheerende Folgen hat.
Dummheit und Konsumismus, alles nur noch dumpfe Unterhaltung. Nur dort, wo es noch um etwas geht,
– (für die Afroamerikaner etwa, die in den USA eben nicht nur marginalisiert sind wie die weißen Arbeiter, sondern auf den Straßen um ihr Leben besorgt sein müssen – lies das todtraurige und aufwühlende „Zwischen mir und der Welt“ von Te-Nehisi Coates, eine der besten Zustandsbeschreibungen der USA unserer Tage) -,
ist die Musik noch nonkonsumistisch und steht für etwas ein. Und es ist ja auch interessant, daß einige junge HipHoper sich der Musikindustrie komplett verweigern und ihre Alben einfach im Netz veröffentlichen (Chance The Rapper z.B.), weil sie um das Problem der Kulturindustrie aus eigener Anschauung (und ohne Adorno gelesen zu haben) wissen.
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Danke, Berthold!

Zur Ergänzung:

Te-Nehisi Coates  :  „Zwischen mir und der Welt“ siehe Perlentaucher HIER
20 Seiten Leseprobe im Perlentaucher-Link zum Hanser-Verlag beachten!!!
Chance The Rapper und über ihn hier.
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Nachtrag 17. November 2016

Erstens muss man heute den Nachruf auf Leonard Cohen in der ZEIT lesen.

Zweitens den Artikel von Gert Heidenreich im Netz-Magazin Faust-Kultur (s.u.). Ich zitiere nur die wunderbaren Zeilen über die hypnotische Wirkung des Plattentellers damals: Ich habe es nicht mit der Cohen-LP erlebt, aber mit anderen. Genau so war es, aber ich hätte es nicht beschreiben können. Erst ab jetzt:

Vielleicht ist das heute gar nicht mehr vorstellbar: Dieses Ritual, wenn man mit einer neuen LP nachhause kam, sie aus der äußeren Hülle nahm, dann vorsichtig aus dem Papierhemdchen zog, sich über ihren schwarzen Glanz freute und sie an den Enden ihres Äquators zwischen den Mittelfingerspitzen in Balance haltend auf den Plattenteller legte, den Tonarm vorsichtig über die Fangrillen am Rand hob und absenkte. Der dumpfe, knackende Laut, mit dem der Saphir in die Spur rutschte, war Auftakt zu einem seltsamen Vorgang: Wie behext starrte man auf die sich drehende Scheibe, als könne man nicht begreifen, wie dieses Karussell der Töne funktioniert. Dabei wusste es jeder … Doch besonders, wenn man allein war und die Musik gefiel oder sogar begeisterte, war es schwer, den Blick vom Plattenteller zu lösen und sich frei zu machen von dieser Klangspirale, die irgend etwas gemein haben muss mit Kaminfeuer, Meereswogen und Sonnenuntergängen, die man ja auch zur Genüge kennt und doch immer wieder unverwandt betrachtet.
Und da sang er nun. Sang von Suzanne. Suzanne takes you down to her place near the river… Sang davon, dass Jesus ein Seemann gewesen sei, als er übers Wasser ging … Sang von dem Fremden, dem Spieler, der trotz der Liebe einer Frau immer wieder aufbrechen und weiterziehen muss …

Gert Heidenreich in Faust-Kultur HIER.