Was uns die Fuge sagen soll?

Auch wenn sie nur eine Technik ist…

… dann heißt das doch noch lange nicht, dass wir nur dies zu konstatieren haben. Eine Kathedrale bauen zu können, ist zunächst mal eine Sache der Technik, noch früher allerdings muss da der Wille vorhanden sein, sich einer solchen Technik zu bedienen, ja, sie zu imaginieren, zu entwickeln und einen Bau zu errichten, der nicht nur dumm im Raume steht. Insofern darf man ungeniert weiterfragen, wenn uns jemand mitteilt:

Fugales, kontrapunktisches Denken und Komponieren ist die Königsdisziplin der europäischen Musik, seit diese um 1200 aus dem Schatten der nur mündlichen Überlieferung in die Schriftlichkeit der Mensural-Notation heraustrat.

Man kann sofort entgegnen: warum tat sie es denn? Oder soll man lieber abwarten, was denn daraus wurde, als sie aus dem Schatten herausgetreten war, – der Grund dafür, oder die Gründe müssen doch virulent geblieben sein.

Die Technik besteht im Wesentlichen darin, durch Imitation der Intervalle und Rhythmen einer zuerst eintretenden Stimme – Dux genannt – seitens des ihm nachfolgenden Comes eine sinnfällige Verknüpfung herzustellen.

Im Laufe der Jahrhunderte entdeckte und sammelte das komponierende Kollektiv eine derartige Menge von kombinatorischen Kunstgriffen, vom einfachen Kanon auf gleicher Tonhöhe bis hin zu Umkehrungen, Spiegelungen und extremen Vergößerungen und Stauchungen, die selten, aber nie auf Anhieb als solche zu hören sind, aber bis zum Ende der Barockzeit den Beweis für die wundervolle hermetische Durchstrukturierung selbst des Tonraums durch die ordnende Hand Gottes lieferten.

Der Grund kam schneller als ich dachte: die ordnende Hand Gottes selbst im Tonraum (dem flüchtigen, ungreifbaren) zu beweisen.

(Achtung: winzige Abweichungen vom Originaltext im folgenden Zitatabschnitt).

Mit Bezeichnungen wie „Kirchenstil“, Prima Prattica und stile antico differenzierte man diese kunstvolle Kompositionsweise von dem um 1600 erfundenen und in die Schriftlichkeit drängenden, am Volkslied orientierten madrigalesken Stil sowie auch von der Affekt- und Seelenmusik der seconda prattica.

Aber natürlich vermischten und durchdrangen sich die verschiedenen Kompositionsweisen sofort: der stile antico wurde in jeder folgenden Stil-Periode aufgehübscht und den Erfordernissen einer zumindest gewissen Modernität angepasst, während der Affektmusik und dem einfachen Volkslied mittels fugaler Techniken eine Art Standeserhöhung zukam.

Nötigten im Verlauf des Spätbarock Practica wie die Artifici Musicali des G. B. Vitali, das Musicalische Kunstbuch von Johann Theile, sowie Musicalisches Opfer sowie Kunst der Fuge von J. S. Bach dem Hörer wie auch dem Betrachter noch einmal höchste Bewunderung ab, so rückte die Aufklärung dem Stile Antico zu Leibe und nahm ihm mit einem Male die Aura des Göttlichen.

1753/54 legte der Berliner Musik-Theoretiker Fr. W. Marpurg mit seiner Publikation Abhandlung von der Fuge auf 350 Textseiten, sekundiert von 120 Seiten Noten-Beispielen das bislang nur privatissime und von geheimnisvollem Sfumato umflorte Wissen dem staunenden Publikum als erlernbares Handwerk vor: nicht Genialität, nicht Erkenntnis der göttlichen Ordnung machte den erfolgreichen Fugen-Komponisten aus, sondern die schlichte Beherrschung der Zahlen! Marpurg zeigte, daß Canons und Fugen mathematisch vorausplanbar waren.

Ich habe diesen Text herausgehoben, weil hier einer der besten Kenner der Materie spricht: Altmeister Reinhard Goebel, der schon 1984 eine frisch durchdachte „Kunst der Fuge“ vorgelegt hatte, verfolgt das Thema Fuge aufs neue am Beispiel der Streichquartettbesetzung und zwar quer durch die Musikgeschichte von 1600 bis 1828, ja, er hat es regelrecht inszeniert. Seine Veröffentlichung mit dem Armida-Quartett beschäftigte mich vor fast einem Jahr hier und hier.

Den Anfang der Fuge Tr. 3 von Alessandro Scarlatti habe ich per Ohr skizziert, weil mir die Noten fehlten, habe es allerdings auch von d- nach cis-moll transponiert, um Vergleiche anzuregen. Ich weiß noch nicht, ob das sinnvoll war, jedenfalls zur hörenden Analyse verführend. Ein Thema, das – mehr pathetisch als mathematisch – über Bach auf Beethoven op. 111 und  Schubert („Der Atlas“) weist.

a) Fugen-Anfang A.Scarlatti b) Detail aus Bachs Präludium (BWV 849), das eine Vorahnung des Fugen-Themas gibt, das in c) folgt. Ausführlicher nachlesbar in den zwei folgenden Ausschnitten:

Es geht um Takt 26/27, Mittelstimme, e“-his“-cis“ Fugen-Exposition (BWV 849)

Das Thema im Kern rückwärts bei Schubert (der sich an Beethovens op.111 anlehnt)

Schubert „Der Atlas“

Beethoven op. 111

Noch zweimal Bach, Matthäuspassion und H-moll-Messe:

Goebel sprach vom Kirchen-Stil (stile antico), ihn absetzend von der neuen Affekt- und Seelenmusik (seconda prattica), dann aber auch von der Durchdringung der Stile, was nun nicht einmal als Vergehen gegen die gottgegebene Ordnung aufgefasst werden kann: Christus als menschgewordener Gott hat an beidem teil. Der Hinweis auf die Affekt-Formel des Leidens, die im Gebrauch des verminderten Intervalls erkennbar wird, – zumal der Quarte, noch enger gefasst in der verminderten Terz (siehe hier die beiden letzten Beispiele) –  gilt also dem Leiden schlechthin, auch innerhalb der Ordnung Gottes. Ein Beispiel dafür ist das Thema der zweiten Kyrie-Fuge innerhalb der H-moll-Messe (s.o.). Man hört es im Extrem der Affekt- und Seelenmusik zusammengefasst in den 4 letzten gesungenen Takten des Schubert-Liedes „Der Atlas“.

Mit den Anfangstakten des Liedes „Der Doppelgänger“ kehren wir dann – fast notengetreu – zum Thema der Bach-Fuge zurück (ohne dass Schubert dies mitgedacht oder gar gemeint haben muss).

Näheres zum Lied (incl. Ton & Text) hier

  Näheres zum Lied (incl. Ton & Text) hier

Bach Fuge BWV 849 Anfang

Ich wollte an dieser Stelle beginnen, stufenweise eine Gesamt-Übersicht zur Fuge zu liefern, was sicher nur anhand der Noten zu leisten wäre. Womit aber viele Laien-Musikerliebhaber ausgeschlossen wären. Am besten wäre, man könnte lernbegierigen Menschen während des tönenden Ablaufes etwas zuflüstern, so dass etwa die große Dreiteilung dieser Fuge und die allmähliche Steigerung der Kontrapunktik und der inneren Dynamik (fast) unmittelbar vor die Sinne tritt. Ich habe eine gute Aufnahme gesucht (immer bevorzugt: Angela Hewitt, immer leicht auffindbar: Andras Schiff) und dabei etwas anderes gefunden, etwas viel Kostbareres, denn wie selten gibt es Künstler:innen, die ihre Gegenstände ebensogut verbal erklären können wie im Klang realisieren. Jörg Demus gehört gewiss zu ihnen. Ich habe ihn erlebt, als ich im Collegium Aureum saß und er mit uns die Mozart-Klavierkonzerte im Fuggerschloss Kirchheim aufnahm. Eine Pioniertat. Uns ging er mit seiner höflichen Redseligkeit zuweilen auf die Nerven, heute bin ich ihm ebenso dankbar wie seinem Kollegen Paul Badura-Skoda, der Beethoven unvergesslich spielte (und auch erläuterte, womit er gern einen neuen Aufnahme-Take einleitete). Kurz: ich möchte den folgenden Youtube-Beitrag mit Bachs Praeludium und Fuge Cis-moll BWV 849 aus dem Wohltemperierten Klavier Band 1 herzlich empfehlen (und die Kinder- bzw. Enkel-Generation bitten: kein Wort über „Wiener Schmäh“, es geht allein um Bach):

Praeludium beginnt ab 22:10, Fuge ab 24:54 ABER: von vorn beginnen!

Bis etwa 7:00 spricht er über Verzierungen, dann über die Tonart cis-moll, – auch E-dur sei positiv gestimmt. Ab 8:55 über die Fuge, Vergleich auch mit der aus WTK II in Fis-moll (Laufthema). Bei 11:00 Vor- und Rückschau auf, letzteres in Gestalt des Alten Stils, wie in Fuge E-dur, wo Bach sogar das alte Schriftzeichen einer langen Brevis-Note gebraucht. Ab 12:20 das Thema der cis-Fuge, das Intervall his-e für sich angeschlagen = große Terz, der Begriff „Auffassungsdissonanz“. 13:30 alte Texte passen: „Kyrie eleison“ und „Et incarnatus est“ (singen), also Leidensausdruck. Das „zweite Thema“ (Laufthema in Achteln) „Engelein und Blumen“. Verschwinden im dritten Teil. Ist es eine Tripelfuge (mit 3 echten Themen? 14:15 kein Thema, nur fester Kontrapunkt? Auf jeden Fall: Dreiteilige Fuge. 14:30 Verweris auf Orgel, Intonation für Chor 15:30 nur 2 fünfstimmige Stellen („Fuga à 5“), 17:00 Verweis auf Regers Orgelbearbeitung. 18:00 Palestrina (alter Stil) 18:50 Tenor-Solo, Dynamik, die sich aus der Stimmführung und den Verläufen ergibt. Ab 22:10 Ganzfassung (ab 24:57 Fuge).

(Fortsetzung folgt)

The Queen’s Piper

… eine Frage zur Intonation

Die Queen hat mich schon bewegt, als ich erste kompositorische Gehversuche unternahm und zugleich auf der letzten Seite eines Tagebuchs alles notierte, was ich im Jahr 1953 irgendwie global bemerkenswert fand. Mount Everest, o.k., aber – Berija gestürzt? Den Namen musste ich jetzt nachschlagen. Weltbewegend: Erster Schnee in Bielefeld: 19.12.53, auch das ist für immer festgehalten…

2. Juni 53, jetzt sah ich im Fernsehen das Foto wieder, das sich mir damals eingeprägt hat. Und nahher las ich in der ZEIT:

DIE ZEIT 22.9.22 Seite 52 Vom Diesseits ins Jenseits Der Abschied von Queen Elizabeth II war mehr als ein Event: Großes Trostritual und Inszenierung von Ewigkeit.

Es war im Urlaub, als der Fernsehapparat lief, ja, und ich habe beim Lesen auch aufgeschaut, als diese ergreifende Melodie erklang, ich sah die Menschenmenge und dachte: Stört denn niemanden die fremde Klangfarbe, die abweichende Tonfolge, wird hier nicht die Frage gestellt, die ich so oft gehört habe, wenn es z.B. um arabische Musik ging, hältst Du das aus, das ist doch „schief“. Vielleicht glaubt man hier, wenn es eindeutig um Trauer geht, das muss so sein!? Und jetzt frage ich mich auch: wie erklärt man diese Intonation? In der Kirche! Doch nicht mit der Naturtonreihe, wenn selbst die Oktave des Grundtons und die Quint „abweichen“! Bloß keine taktlose Bemerkung jetzt!

Ich muss nicht über meine Gefühle reden. Es beginnt mich ernsthaft zu interessieren. Ich sollte der Frage nachgehen, sobald ich Zeit und Ruhe dafür habe.

Die oben angedeutete Fragwürdigkeit der Intonation hat gewiss einen guten Grund, und tatsächlich findet die Diskussion zum ersten Mal statt. Die folgende z.B. stammt aus 2013 und ist hier – wie andere interessante Themen – im Original nachzulesen. Ober-Titel: Why are bagpipes out of tune?

  

Des weiteren suche ich Rat in folgendem Artikel:

The Pitch and Scale of the Great Highland Bagpipe

https://publish.uwo.ca/~emacphe3/pipes/acoustics/pipescale.html HIER

Auf diesen Wegen, die noch genauer zu analysieren wäre, fand ich auch die beiden folgenden Beispiele:

Und noch einmal zum Abschied von der Queen:

(Fortsetzung folgt)

Meeresstille und glückliche Fahrt

Kindgemäßes Nachdenken über Verse?

Das Kind sei – in diesem Fall – ich. Oder vier andere. Oder, mit Otto gesprochen, „wir alle“.

Oudeschild Texel 20. Sept.2022 14.18-14.24 h Fotos JR

Der Anblick dieses Schiffes löste in mir Erinnerungen aus, die bis in die frühe Greifswalder Kindheit zurückreichen: das Strandbad Eldena, die ankernden Boote in Wieck und die kleinformatige Reproduktion eines Gemäldes von Caspar David Friedrich, das an den Wohnzimmerwänden meiner Eltern jeden Umzug und auch die Nachkriegsjahrzehnte überdauerte. Später meine begeisterte Lektüre der Reisen des Weltumseglers James Cook, schließlich die Entdeckung moderner Lyrik (Unterprima?) mit Gottfried Benn: „Ach, das ferne Land“ – seine unvergesslichen Zeilen, die eine (mir unbekannte) Eleonora Duse betrafen, führten mich wiederum übers Meer: „wo vom Schimmer der Seen / die Hügel warm sind, / zum Beispiel Asolo, wo die Duse ruht, / von Pittsburg trug sie der ›Duilio‹ heim, / alle Kriegsschiffe, auch die englischen, flaggten halbmast, / als er Gibraltar passierte.“ Die Erinnerung an diese umfassende Trauer brachte mich heute auf die ersten Zeilen des Gedichts „Meeres Stille“ von Goethe, dessen düstere Tiefe jedoch, so schien es mir, durch die Kopplung mit dem Gedicht „Glückliche Fahrt“ gemindert wurde. Vielleicht nur weil es der Lehrer monierte. Dazu kam die Tatsache, dass die Katastrophe einer großen Flaute in unserer durchmotorisierten Zeit nicht mehr ohne weiteres einleuchtet. Nebenbei: der Duilio , der die große Schauspielerin 1924 heimtrug, – in meiner Phantasie damals ein mächtiger Segler -, war ein Kreuzer, ein Kriegsschiff mittlerer Größe.

Gottfried Benns Erzähltonfall könnte man gedämpft nachrichtlich nennen, wenn er nicht intensiviert würde durch die vorausgeschickte Interjektion „Ach“, so dass in allem was folgt Verwunderung und Wehmut mitschwingt. Goethe lässt das Gefühl der Trostlosigkeit zeilenweise anwachsen. „Tiefe Stille“ könnte noch meditativ gemeint sein oder zu sanfter Bewegung einladen, wie im Kanon „Abendstille überall“ („… nur am Bach die Nachtigall / singt ihre Weise, / klagend und leise / durch das Tal“); anders in diesem Gedicht über „Meeres Stille“, da lauert ein bedrohlicher Unterton. „Ohne Regung“ – „bekümmert“ – „ringsumher“, und dieses letzte Wort weist nicht ins Offene, sondern lässt an Umzingelung denken, zumal wenn man die nächste Zeile mit der doppelten Verneinung erfasst: „Keine Luft von keiner Seite“ (plus Ausrufezeichen); erst hier wird man vielleicht gewahr, dass das Wort „Schiffer“ keinen Reim auf „Wasser“ ergab, der zu erwarten war. Jetzt erst erfolgt auch die Entlarvung des ersten, vielleicht noch erwartungsfrohen Eindrucks, – die „Tiefe Stille“ bedeutet in Wahrheit: „Todesstille fürchterlich“. Und in dem Wort von der „ungeheuern Weite“ öffnet sich geradezu die grausige Unendlichkeit des Weltalls, und die nachgiebige Wasserfläche verweigert jede Regung. Ich erinnere mich an Schulzeiten, als  wir ähnlich auch über Benns Gedicht „Verlorenes Ich“ nachzudenken hatten, über das „Gammastrahlenlamm“ und den „grauen Stein von Notre-Dame“.  Wenn ich den Blick hingegen auf meine starren Momentaufnahmen richte, die den Aufbruch eines motorisierten Seglers belegen, sehe ich, dass der schützende, einschließende Hafen, den er verlässt, bereits von lieblichsten Wellen gekräuselt ist. Ich glaube, ein leises Tuckern zu hören. Das lyrische Ich  gestehe ich notfalls auch einer Möwe zu, die wie die anderen, ohne Angst, auf einem der Molenpfähle sitzt. Was für eine seltsame Feierlichkeit liegt über der Szene, – Todesstille ist anders.

Wenn man das Gedicht wirklich Wort für Wort, Zeile für Zeile mitgefühlt hat, wird auch deutlich, dass beim mündlichen Vortrag und auch nach dem stummen Lesen eine lange Pause folgen muss. Anders als bei der Mendelssohn-Musik, die sich auf dies Gedicht bezieht, denn sie arbeitet ohnehin mit der Dehnung der Zeit, sie winkt mit Motiven und ihrer Wiederkehr, ja, sie kann sich am Ende – nach dem antipodischen Gedicht von der „Glückliche(n) Fahrt“ – noch einmal darauf beziehen, über welch dunklem Abgrund unsere Fahrt [des Lebens] allezeit stattfindet. Die Ferne wird nah. Ja: „Es naht sich die Ferne, / Schon seh ich das Land.“ Wohlgemerkt: von Ankunft ist noch keine Rede. Jetzt wäre es an der Zeit, vom Rhythmus zu reden, in diesem Fall vom Daktylus, lang-kurz-kurz, der an galoppierende, nein, tanzende Pferdehufe erinnert.

Kurz: es ist nicht ohne heuristischen Sinn, die Interpretation dieser Gedichte mit Musik und einem kindlichen Gemüt anzugehen. Ist die Musik vielleicht – etwas zu schön? Ohne Todesstille?

ZITAT

Ich war lange Lehrerin an einer Grundschule im Norden Neuköllns. Ganz normal, Klassenlehrerin, Klassenfahrten, Elternabende, Gesamt- und Fachkonferenzen, Elterngespräche etc. Dort habe ich instinktiv damit angefangen, meine Schüler*innen mit starken, emotionalen und tiefgehenden Inhalten zum Nachdenken anzuregen. Ich wollte die Kinder nicht nur belehren, ich wollte mit ihnen Bildungsereignisse erleben.

Johann Wolfgang von Goethe

Meeres Stille
Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

– – – – – – – – – – – – – – –

Glückliche Fahrt
Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh ich das Land!

*    *    *

http://userpage.fu-berlin.de/mziesmer/media/material/Meeresstille.pdf hier

Wer ist die Autorin? https://www.fu-berlin.de/sites/dse/ueber-uns/gesichter-der-lehrkraeftebildung-volltext/volltext-ziesmer/index.html hier

Die  Frage stellt sich fast von selbst: ist dieses Herangehen an Lyrik geeignet, kindliche oder jugendliche Leser*innen zu fesseln? Einen Sinn dafür zu entwickeln, was denn an einer solchen verbal skizzierten Situation reizvoll sein soll? Was heißt schon „reizvoll“? Nachvollziehbar. Das Wort MIMETISCH bezeichnet, was nicht nur äußerlich geschieht sondern auch imaginativ geschehen sollte, in Zeilen- und Wortfolgen dieser Art. Könnte man nicht stattdessen eine Geschichte zu erzählen, die den Inhalt an einer konkreten Situation festmacht, die jeder erlebt haben könnte? Nicht nötig, nicht möglich, es ist eine andere Welt, auch wenn sie mit Erinnerungsstücken der physischen Welt „hantiert“. Das lyrische Ich hat virtuelle Tastorgane, die den Händen gleichen.

Ich denke noch einmal zurück an Gottfried Benn und zitiere aus der oben schon verlinkten Interpretation von Jürgen Busche:

Anders als den mit ihren Gedanken gleichzeitig hervortretenden Philosophen [Heidegger, Adorno, Horkheimer] geht es dem Dichter jedoch nicht nur um die Erkenntnis des Zeitzustands. Er schließt sein Gedicht mit einer sehnsuchtsvollen Erinnerung, die allerdings nicht den besseren Tagen der humanistischen Epoche gilt. Er wendet sich den Zeiten zu, in denen „der Hirte und das Lamm“ die Mitte des Lebens bildeten, längst ebenfalls verloren. Der antikisch gesinnte Goethe hätte und hat solche Rückbesinnung verabscheut. Benn 1943 stört das offensichtlich nicht. Denn auch „die Mythe log“.

Störfaktor: Vergangenheitsbewältigung. Siehe hier. Und zu Benn (eine Hausarbeit 2004) hier.

*     *     *

Anders als bei Kindern, denen ich „mit Lyrik komme“ (am besten mit irgendeinem sinnfreien, gereimten  Quatsch), würde ich bei Jugendlichen an Begegnungen zurückdenken, die mich selbst ganz unangenehm berührt haben. Zum Beispiel etwa im Untertertia-Alter, als wir bei einer Vorweihnachtsfeier einen Oberstufen-Schüler erlebten, der sich ohnehin im täglichen Leben seltsam geziert benahm, dann plötzlich aufs Podium trat, sich aufplusterte und ein Rilke-Gedicht vortrug: „Es treibt der Wind im Winterwalde / die Flockenherde wie ein Hirt, / und manche Tanne ahnt wie balde / sie fromm und lichterheilig wird“ / – – –  das ging gar nicht! Schon wie der das Wort „Hirt“ aussprach, es derart künstlich und eingeengt „aus dem Gehege der Zähne“ entließ, unmöglich! damit wollte man nichts zu tun haben. Lyrik! Feinsinnigkeit der arrogantesten Art.

Man glaubt vielleicht: Jugendliche, die womöglich zum erstenmal verliebt sind, seien am ehesten lyrisch ansprechbar, – weit gefehlt. Sie wollen keinesfalls öffentlich kundtun, wie es in ihrem Innern aussieht. Für mich waren es ohnehin Verse der wilderen Art, die mir zusagten, ich glaube, Liliencron hatte ich mir vorgemerkt. Was mich aber am meisten in der späteren „AG Moderne Lyrik“ beeindruckte, waren die provozierenden frühen Gedichte von Gottfried Benn, die ersten  aus der Sammlung „Morgue„. Zum Beispiel „Schöne Jugend“ – … die jungen Ratten hatten sie erlebt, im Körper eines toten Mädchens: „Und schön und schnell kam auch ihr Tod: Man warf sie allesamt ins Wasser. Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!“ Das war mein Einstieg, ich fühlte mich in Opposition zu allem. Es durfte widerwärtig sein, je mehr, desto besser. Was paradoxerweise bedeutete, dass ich mir schließlich auch ganz andere Gefühle leisten konnte, erst recht solche, die in Liedern – „ich grolle nicht!“ – ja, in Robert Schumanns Musik transportiert wurden: vor allem Eichendorff.

Oder – um endlich aufzuhören von mir zu reden – erinnere ich mich an die Worte eines Lyrikers, den es zu lesen (und zu rezitieren) lohnt, an das, was er im Gespräch über seine Kunst sagt:

Zitat (J.W.): Lyrik war immer schon eine Sache, die sozusagen eher im Halbdunkel stattfand. Oder in einer Nische existierte. Die gute Nachricht ist: sie existiert seit Jahrtausenden, und sie ist immer noch da! Das Wahrnehmen von Welt durch Sprache. Und das … probieren zu verstehen, was uns umgibt, indem man Vergleiche benutzt. Etwas ist wie etwas anderes. Das macht ja jedes Kind. Oder der ganz natürliche Zugang zu Metaphern. Der Donner hat große Füße. Das sagen Kinder. – Bei mir war das mit 15,16, wo ich Georg Heym und Georg Trakl zum Beispiel las, auch noch andere Dichter, und dachte: das ist unendlich faszinierend. Aber .. nein, man fällt nicht vom Himmel, und.. und .. man arbeitet sich lange ab an solchen Vorbildern,  probiert sehr lange…  herauszufinden, wie das überhaupt geht. Und man muss auch lange lesen, um auch Klischees zu vermeiden. Es wimmelt da von Fallen, und ein Gedicht ist so kurz, und manchmal nur 10 oder 6 Zeilen lang, es reicht ein winziger Fehler, und alles ist kaputt. (23:27)

2017. Das ist schon einige Jahre her, immer noch aktuell, siehe also auch hier.

Der schwebende Wald

Morgens um Neun (Bos en Duin 19.09.22)

9.01 h

9.04 h 9.09 h (Handy-Fotos JR)

Am Tag danach um 19.09 h

Und der Sonnenaufgang am darauf folgenden Morgen

Bos en Duin (JR) 21.09.2022 um 29 Minuten vor 9

Ein letztes Mal frühmorgens am 23. September 2022 (3 Fotos E.Reichow)

Wir verlängern um einen Tag.

Abschied

  letzte Bilder (ER)

24.09.22 8.35

Memorandum zweier Filme zur Moderne

Oder: was ich aus ARTE memorieren will

Kalter Sandsturm

Ich liebe es, Heterogenes in Zusammenhang zu bringen oder einfach nebeneinander zu setzen. Das muss nicht mit langen Kommentaren verbunden sein, es geschieht im Kopf und spielt im täglichen Leben eine permanente Rolle. Man hört eine Musik, die durch Leichtigkeit bezaubert, oder auch durch feierliche Gedankenentwicklung, man genießt einen „sinnfreien“ Urlaub und liest zugleich eine Analyse der Pest und des Krieges, geschrieben vor 2450 Jahren und denkt dabei unwillkürlich an die gegenwärtigen Krisen, die ähnlich ins Leere laufen. Oder auch nicht. Man kann und soll sich nicht „adäquat“ verhalten (als ob das möglich wäre!), sondern (vielleicht) die eigenen Gedanken entwickeln oder schärfen. Der Kampf gegen eine irregeleitete Spiritualität in Indien ist uns so nah oder fern wie die fatale Rolle der Kirche in Irland, wenn man James Joyce glauben will – und ernsthaft seiner grandiosen Mystik einer neuen „Odyssee“ durch die Straßen Dublins folgt. Wenn dann von Nationalimus die Rede ist. Zugleich von der Moderne, entwickelt im fremdartig mondänen Milieu der Weltstadt Triest. Oder: in Indien ein mittelalterlicher, betrügerisch ausgenutzter Aberglauben – im Kontrast zur Idee des Rationalismus, angewandt in abgelegenen Dörfern ebenso wie in den Slums von Mumbai. Dieser Artikel entsteht also im Kopf und betrifft a) Indischen Rationalismus in der heutigen Lebenspraxis und b) Irisch-europäische Moderne nach 100 Jahren.

*     *     *

Indien ist das Land der Spiritualität – doch es gibt Widerstand gegen gefährlichen Aberglauben. Gefahren reichen von harmlosen Trickbetrügereien bis zu schweren seelischen Misshandlungen und ruinöser Abhängigkeit. Die Rationalisten, eine Organisation von fast 10.000 Mitgliedern, fahren deshalb mit ihrem Science-Van im Dienst der Wissenschaft durch das ganze Land und klären auf. Indien – Geburtsland des Hinduismus und Buddhismus, das Land der Spiritualität. Heiler und Gurus, sogenannte Babas, Tausende im ganzen Land und einige berühmt und reich, berufen sich auf höhere Mächte. Doch es gibt Widerstand gegen den gefährlichen Aberglauben – und die Geschäftemacherei mit der Hoffnung. Die Rationalisten haben sich zusammengeschlossen, mit ihrem Science-Van fahren sie im Dienst der Wissenschaft durch das ganze Land und klären auf. Rationalist zu sein ist eine Weltanschauung, eine Haltung zum Leben. Rationalisten glauben nicht an Götter und Geister, sondern an Vernunft und Wissenschaft. Die Organisation hat fast 10.000 Mitglieder, alle arbeiten ehrenamtlich, sind aufgeklärt und arbeiten als Anwälte, Lehrer, Handwerker oder Hochschulprofessoren. Von harmlosen Trickbetrügereien bis zu schweren seelischen Misshandlungen und ruinöser Abhängigkeit reicht das Spektrum der Opfer. Frauen sind durch ihre minderwertige Position in der Familie und auch im gesellschaftlichen Leben dankbare Opfer, mangelnde Bildung ist fast immer der Grund dafür, dass die Menschen den Vorführungen oder Sitzungen der Gurus blind vertrauen. Das Roadmovie zeigt eine beeindruckende Reise mit mehreren Rationalisten, das Kamerateam ist mit ihnen in den Slums von Mumbai sowie auf dem Land unterwegs, sieht Erschreckendes und auch Positives. Reportage von Holger Riedel (D/F 2022, 32 Min) 

Video auf Youtube verfügbar bis zum 16/12/2022

*     *     *

ARTE FILM

100 Jahre Ulysses / James Joyce’ Meisterwerk

Vor 100 Jahren wurde James Joyce‘ „Ulysses“ erstmals in einer kleinen Buchhandlung in Paris veröffentlicht. Das Werk, an dem Joyce sieben Jahre lang schrieb, sollte für die Literatur und Kultur des 20. Jahrhunderts neue Maßstäbe setzen. Zunächst aufgrund seines Schockfaktors in Amerika und Großbritannien verboten, hat kein anderer Roman dieser Epoche eine ähnliche Tragweite.

Kein anderer Roman des 20. Jahrhunderts hat eine ähnlich imposante Tragweite: Joyce‘ „Ulysses“. Inspiriert von Homers „Odyssee“ beschreibt Joyce detailreich einen Tag von Leopold Bloom im verarmten Dublin. Seine „Odyssee der Gosse“ ist ein offener Angriff auf den göttlichen Anstand, geprägt von Chaos und Obszönität. Weltweit als Meisterwerk des Modernismus gefeiert, wurde „Ulysses“ in Amerika und Großbritannien wegen seines Schockfaktors zunächst verboten.
In Irland wird Joyce des Verrats beschuldigt, weil er mit tief verankerten Traditionen der irisch-katholischen Kirche bricht. Dabei geht aus jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungen hervor, dass sein Krieg gegen die Kirche durch ein tiefes Verantwortungsgefühl gegenüber seinem Volk und seiner Kultur motiviert war. „Ulysses“ kann durchaus als prophetischer Text gelten, der eine bessere Zukunft nicht nur für Irland, sondern auch für Europa und die Welt vorzeichnen wollte. Joyces beispielloses Genie inspirierte seither Künstler und Künstlerinnen wie Eileen Gray, Sergej Eisenstein, Man Ray und Bob Dylan.
Nach der Vorlage des Historikers und Joyce-Experten Frank Callanan und unter Regie von Ruán Magan bringt „100 Jahre Ulysses“, uns eines der fesselndsten und brisantesten Bücher der literarischen Moderne näher. Interviews mit Schriftstellern und Wissenschaftlern wie Eimear McBride, Paul Muldoon, John McCourt und Margaret O’Callaghan sowie aufschlussreiches Archivmaterial und Werke von Jess Tobin, Brian Lalor und Holly Pereira bereichern die Dokumentation. In Kombination mit einem eindrücklichen Soundrack von Natasa Paulberg wird „100 Jahre Ulysses“ zu einer erkenntnisreichen Reise in das Herz dieses maßgeblichen und überaus aktuellen Romans.

Regie : Ruán Magan / Land : Irland / Jahr : 2022 / Herkunft : ARTE / RTE

Abrufbar bis 19.12.2022 HIER

*     *     *

Wir brauchen keinen Homer . . .

Thukydides erinnert sich

Perikles

Thukydides rekonstruiert (?) die Leichenrede, die Perikles im Winter 431/430 gehalten hat. Zur gegebenen Zeit trat er vom Grab weg auf eine hohe Rednertribüne, errichtet, damit er möglichst weithin von der Menge gehört werden könne. Hier zunächst zitiert ab 42 (4):

Mit sichtbaren Zeichen, wahrlich nicht ohne Zeugen, entfalten wir unsere Macht, in Gegenwart und Zukunft uns zum Ruhme: Wir brauchen keinen Homer als Künder unserer Taten noch sonst jemanden, der mit schönen Worten für den Augenblick ergötzt – die Wirklichkeit wird ja doch seiner dichterischen Gestaltung den Glanz nehmen; nein, zu jedem Meer und Land haben wir uns durch unseren Wagemut Zutritt verschafft, überall haben wir mit unseren Siedlungen unvergängliche Denkmäler unseres Glückes oder Unglückes hinterlassen. (5) Für eine solche Stadt, die sie nicht verlieren wollten, sind diese hier in edlem Kampf gefallen [es handelt sich um eine Gedenkrede], und von den Überlebenden ist wohl keiner, der nicht für sie Mühen ertragen will.

Thukydides 

42 (1) Deshalb habe ich so lange über die Stadt gesprochen, um zu beweisen, dass für uns der Kampf etwas ganz anderem gilt als für die, die nichts Ähnliches besitzen, und um zugleich den Ruhm der Männer, denen zu Ehren ich jetzt spreche, durch Beweise deutlich darzustellen.

[Rückblende]

37 (1) Die Staatsverfassung, die wir haben, richtet sich nicht nach den Gesetzen anderer, viel eher sind wir selbst für manchen ein Vorbild, als dass wir andere nachahmten. Mit Namen heißt sie, weil die Staatsverwaltung nicht auf wenige, sondern auf die Mehrheit ausgerichtet ist, Demokratie. Es haben aber nach den Gesetzen in den persönlichen Angelegenheiten alle das gleiche Recht, nach der Würdigkeit aber genießt jeder – wie er eben auf irgendeinem Gebiet in Ansehen steht – in den Angelegenheiten des Staates weniger aufgrund eines regelmäßigen Wechsels (in der Bekleidung der Ämter), sondern aufgrund seiner Tüchtigkeit den Vorzug. Ebenso wenig wird jemand aus Armut, wenn er trotzdem für die Stadt etwas leisten könnte, durch seine unscheinbare Stellung gehindert. (2) Frei leben wir als Bürger im Staat und frei vom gegenseitigen Misstrauen des Alltags, ohne gleich dem Nachbarn zu zürnen, wenn er sich einmal ein Vergnügen macht, und ohne unseren Unmut zu zeigen, der zwar keine Strafe ist, aber doch durch die Miene kränkt. (3) Wie ungezwumgen wir aber auch unsere persönlichen Dinge regeln, so hüten wir uns doch im öffentlichen Leben, allein aus Furcht, vor Rechtsbruch – in Gehorsam gegen Amtsträger und Gesetze, hier vor allem gegen solche, die zum Nutzen der Unterdrückten erlassen sind, und die ungeschriebenen, deren Übertretung nach allgemeinem Urteil Schande bringt.

38 (1) Außerdem haben wir reichlich für geistige Entspannung nach der Last der Arbeit gesorgt, durch Wettkämpfe und feierliche Opfer, die wir jährlich feiern, durch eine geschmackvolle Ausstattung unserer Häuser, die uns Tag für Tag erfreut und die Sorgen verscheucht. (2) Dank der Größe unserer Stadt strömen aus aller Welt alle Güter bei uns ein – und so haben wir das Glück, ebenso bequem die Erzeugnisse des eigenen Landes zu genießen wie die fremder Völker.

Auf Möwenkissen gebettet (Texel ’22)

das Land der Griechen…

39 (1) Wir unterscheiden uns auch in der Sorge um das Kriegswesen von unseren Feinden. Wir gewähren jedem Zutritt zu unserer Stadt, und niemals verwehren wir durch Fremdenaustreibungen jemandem etwas Wissens- oder Sehenswertes, dessen unverhüllte Schau etwa dem Feinde nützen könnte, denn wir bauen weniger auf Rüstung und Überraschung als auf unseren eigenen zur Tat entschlossenen Mut. In der Erzählung streben jene in rastlosem Mühen schon von klein auf nach Mannesmut, wir aber leben gelöst, doch gehen wir nicht minder entschlossen an die gleichen Gefahren heran.

Soviel aus der von Thukydides wiedergegebenen Rede des Perikles. Zur Frage, ob es diesen altgriechischen Staatsmann überhaupt gegeben hat, siehe hier.

Die Pest

47 (2) Gleich zu Sommerbeginn [430] fielen die Peloponnesier und ihre Verbündeten mit zwei Dritteln ihres Aufgebotes wie das erste Mal in Attika ein; den Befehl führte Archidamos, Sohn des Zeuxidamos, König von Sparta. (3) Als sie erst wenige Tage in Attika standen, brach zum ersten Mal in Athen die Seuche aus (…).

48 (1) Sie soll ihren Ausgang in Äthiopien oberhalb Ägyptens genommen haben, dann stieg sie nach Ägypten und Libyen hinab und in weite Gebiete des Großköngs. (2) In Athen fiel sie plötzlich ein, zuerst ergriff sie die Menschen in Piräus, weshalb es auch hieß, die Peloponnesier hätten Gift in die Brunnen geworfen – Quellwasser gab es nämlich dort noch nicht. Später kam sie dann in die obere Stadt, und nun starben noch viel mehr Menschen dahin. (…)

53 (1) Auch sonst war die Pest für Athen der Anfang der Sittenlosigkeit. Leichter erfrecht sich jetzt mancher zu Taten, an die er vorher nur Im Geheimen gedacht hatte, da man den raschen Wandel sah zwischen den Reichen, die plötzlich starben, und den früher Besitzlosen, die nun mit einem Mal deren Hab und Gut besaßen. (…) (3) Sich im Voraus um ein edles Ziel abzumühen, war niemand bereit, erschien es ihm doch unsicher, ober er nicht, ehe er es erreicht, schon ums Leben gekommen sei. (…)

Die Pathologie des Krieges

82 (1) Zu so wilder Grausamkeit trieb der Bürgerkrieg; man empfand das noch deutlicher, weil es der erste Krieg dieser Art war. Später geriet sozusagen ganz Hellas in Bewegung. Überall entstand Zwiespalt, (…).

(…); denn in Frieden und Wohlstand leben Städte und Menschen nach besseren Grundsätzen, weil sie nicht in ausweglose Not geraten. Der Krieg aber, der die Annehmlichkeiten des täglichen Lebens raubt, ist ein harter Lehrmeister und gleicht die Leidenschaften der Menschen den Gegebenheiten des Augenblicks an. (…)

(1) So kam durch die Bürgerkriege im Hellenenvolk jede Art von Sittenlosigkeit auf, und die Einfalt, der edle Gesinnung so nahe verwandt ist, wurde verhöhnt und verschwand; einander gegenüber zu stehen mit Misstrauen im Herzen war weithin die Regel. (2) Denn zu schlichten hatte weder das Wort die Kraft noch der Eid bannende Macht; nein, wenn sich einer stärker (als seine Gegner) fühlte, achtete er aufgrund der Überlegung, dass Sicherheit nicht zu erhoffen sei, mehr darauf, keinen Schaden zu nehmen, als dass er irgendjemandem vertraute. (3) Auch Leute mit weniger Verstand konnten sich meist behaupten. Da sie voll Furcht waren wegen ihres eigenen Mangels und des Scharfsinns der Gegner, sie könnten im Wortgeplänkel den Kürzeren ziehen und unvermutet ein Opfer ihrer vielfältigen Arglist werden, schritten sie wagemutig zur Tat. (4) Jene aber, die diese  Haltung verachteten und glaubten,sie würden schon vorher alles merken und hätten nicht nötig, mit Gewalt an sich zu reißen, was auch mit Verstand möglich sei, waren viel wehrloser und kamen dadurch um. (…)

84 (2) Weil das Leben in der Stadt bis zu diesem Grad in Verwirrung geriet, ließ die menschliche Natur erkennen, dass sie stärker geworden war als die Gesetze und dass sie – ohnehin gewohnt, gegen die Gesetze Unrecht zu tun – sich daran noch freute: unfähig, den Zorn zu beherrschen, machtvoller als das Rechtmäßige, feindselig gegenüber dem Hervorragenden. Sie hätten sonst nicht den Rechtspflichten die Rachsucht vorgezogen und der Vermeisdung des Unrechts nicht die Selbstbereicherung, wodurch das Neidgefühl nicht seine verderbliche Wirkung gehabt hätte. (3) Die Menschen ziehen es eben vor, die auch bei solchen Zuständen allgemein anerkannten Normen (nämlich Mitleid und Schonung), auf die sich für alle die Hoffnung gründet, im Falle der Niederlage auch selbst zu überleben, aufzuheben, um nur an anderen die Rachegelüste zu befriedigen und sie nicht bestehen zu lassen, auch für den Fall, dass man selbst in Gefahr geraten und auf eine solcher Normen angewiesen sein könnte.

Quelle Thukydides: DER PELOPONNESISCHE KRIEG Auswahl Griechisch/Deutsch / Übersetzung und Anmerkungen von Helmuth Vretska und Werner Rinner / Nachwort von Hellmut Flashar / Philipp Reclam jun. Stuttgart 2005 / ISBN 978-3-15-018330-4

Über SPARTA siehe hier (mit Karte)

Zur Geschichte Athens siehe hier darin: Blüte Athens im 5. Jahrhundert v. Chr.

siehe auch Attische Demokratie hier

darin auch: Krisen der Demokratie im Verlauf des großen Peloponnesischen Krieges hier

und die Kritische Würdigung der attischen Demokratie hier

In meiner Abschrift nicht berücksichtigt: der bedeutende „Melierdialog“ (der im Reclam-Band ebenfalls enthalten ist). Näheres darüber im oben gegebenen Link bzw. hier, speziell behandelt im Wiki-Artikel über den Melier-Dialog hier. (Dort auch die hier direkt abrufbare Karte der Schauplätze.)

Über das Bildnis des Perikles (mit korynthischem Helm): HIER

JR Texel Bos en Duin 17.09.22

Der alte Mann und das Meer

Eine Bildergeschichte vom 12. September 22

Was hängt an der Angel? Es versucht zu fliehen. Die Angelrute biegt sich.

Was tut er da?

Befreit er das Tier? Tötet er es?

Zuweilen sah man den dunklen Hals noch hinter den Wellen auftauchen.

Das Drama ist vorbei.

Aus der Ferne sehe ich den Mann unermüdlich weiterangeln. Ich weiß: er ist nicht alt. Was mich aufgeregt hat, war für ihn nur eine unnütze Störung. Wer weiß, ob er das Meer und den Himmel wie den hilflosen Vogel separat wahrnimmt. Wohl eher den unsichtbaren Fisch in der Brandung. Im Nachhinein verändern sich auch meine Bilder. Wie die vom Folgetag, als ich die Möwen über mir visuell zu erfassen versuchte, zwanglos assoziierend: die altrömische Vogelflugdeutung. Ging  es mir doch im nächsten Augenblick mehr um die hauchzarte Wolkenbildung, – die mich an Röntgenbilder erinnerte. Meine Wirbelsäule dort oben, völlig durchschaubar. Aufgenommen jedenfalls am 13.9.22 um 19.13 Uhr. Paal 15 Texel.

Kalenderjahr 1981

Frühling 2022

  Ende August 2022

Der Frühling war wie immer. In diesem Dickicht steht auch der Blutahorn, den ich 1981 gepflanzt habe, nebst 25 anderen Bäumchen. Die Wasserkatastrophe vom Juli des Vorjahres 2021 hatten wir inzwischen begriffen, von der Dürre dieses Sommers wussten wir noch nichts. Aber ahnungslos waren wir seit 40 Jahren nicht mehr. Der Kalender für meine Mutter war eine Gemeinschaftsarbeit der Familie. Der zitierte Spruch ist bei Luther nicht nachweisbar, klingt aber grundsätzlich optimistisch, mein „Ja, aber“ war allerdings von Kindheit auf bekannt und sollte weiterhin zum Zweifel ermutigen. Auf dem zweiten Bild oben sieht man den Blutahorn, den ich pflanze, deutlich hervorragen, im Dickicht steht auch ein späterer Gingko-Baum (1 Zweig schafft den Weg vorne hinaus).

Auf dem Kalenderbildfoto unten wird der rote Baum gerade gesetzt (Blickrichtung damals vom Tal aufwärts), die alte Eiche, oben rechts hinter dem Pflanzer, liegt heute am Boden und bietet ein eigenes Biotop. Ich könnte behaupten: hier stirbt nichts. Ja, aber das hätte ich auch schon damals sagen können. 40 Jahre sind keine lange Zeit. Ich hätte besser einen Goethe-Spruch gewählt. Hier? Oder Hafis!

Kalenderblatt 1981

Spiegel 15.11.1981

Wir hatten auf unsere Weise alles getan, um unterhalb unseres Grundstücks einen Wald entstehen zu lassen. 1976 schauten Besucher:innen – unter ihnen im gestreift gesäumten Kleid meine Mutter – ziemlich ratlos, ja kritisch in die Sumpflandschaft, die vom Viehbach geprägt und mir besonders lieb war. In Kürze wuchs dort – von selbst und mit Nachilfe – ein Erlenwald. Am Abhang pflanzte ich rundum ein Gemisch von Bäumen; Weißbuchen, Ahornarten, Ebereschen, Weiden, mit manchen hatte ich kein Glück, z.B. Pappeln am Abhang knickten nach 5 Jahren rasanten Wachstums in der Mitte ab.

Um ganz genau zu sein: Wo standen sie damals?

Genau: Dort unten auf dem helleren Fleck… Vor meinem inneren Auge aber stand wohl ein ganz anderes Bild (Dauerlektüre seit 1974):

Um nicht die vielen Bücher aufzuzählen, deren Titel mit dem Wort „Rettet…“ begann (…den Wald, die Natur, die Wale). Was mich interessierte (abgesehen von Musik, Sprache, Philosophie), war alles, WAS LEBT. Emanuele Coccia kam mir recht. Siehe hier.

Hin & zurück / Augenblicke wie für Raumfahrer…

zwischen Boppard und Kaltenengers

Blumen für Mainz

Reiselektüre gestern auf der Fahrt nach Mainz (und zurück) ein Artikel in der ZEIT, der auch nicht gerade behaglich stimmt; Nietzsche ermunterte schon mal, unsere kleine Welt sub specie aeternitatis zu sehen. Ja, warum auch nicht, – es dient natürlich kaum dem augenblicklichen Wohlbefinden. Eher ein Blick in die – durch die Natur vorgegebene – Ausweglosigkeit:

»Leben hat den Drang, zu erobern« Ein ZEIT-Gespräch mit dem Astronomen und Nobelpreisträger Didier Queloz. Was aus seinen Äußerungen bewegt mich so, dass ich es an dieser Stelle notieren muss? Warum als erstes gerade die Titelzeile? Es kann ja nichts Tröstliches werden… (Meine Mutter hatte damals, als sie in den Sumpf des Lebens schaute, noch fast 30 Jahre zu leben, mein Vater war schon über 20 Jahre tot.)

Queloz:

Mit dem Leben ist es so: Solange es nur in einer kleinen Nische auf einem Planeten existiert, wird es nicht überdauern; denn wenn sich die äußeren Bedingungen dieser Nische ändern, ist es vorbei. Das heißt, um zu leben, muss sich Leben auf seinem Planeten ausbreiten. Leben hat den Drang, zu erobern. Philosophisch überspitzt könnte man sagen: Das Leben wird zum Gott des Planeten, es formt ihn so, wie es ihn braucht. (…) wir haben den Planeten in unserem Sinne geformt, wobei wir es soweit getrieben haben, dass uns alles andere Lebendige kaum kümmert. Dabei sind wir eng verwoben mit der Erde, mit ihren Bedingungen und Ressourcen. Manche Leute glauben, man könne vor dem Klimawandel auf andere Planeten fliehen. Das ist Unsinn. Wir sind ein Produkt dieses Planeten, sobald man ihn verlässt, stirbt man. (…)

(ZEIT: Welche Folgen hätte wohl die Entdeckung fremden Lebens auf einem fernen Planeten?)

Das würde ein völlig neue Dimension eröffnen, indem es die Annahme infrage stellt, dass der Mensch einzigartig sei. Wir haben in dieser Hinsicht ja schon einige Bescheidenheit gelernt. Wir wissen, dass die Erde nicht mehr das Zentrum des Alls ist, sondern nur ein Stern unter vielen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich irgendwann herausstellt, dass wir nur eine von vielen möglichen Lebensformen sind. Es könnte auch sein, dass wir noch etwas anderes feststellen – nämlich dass Leben immer nur eine begrenzte Zeit dauert.

Quelle DIE ZEIT 8. September 2022 Seite 37 »Leben hat den Drang, zu erobern« Didier Queloz / Interview: Stefan Schmitt und Ulrich Schnabel / siehe auch hier.

Emil Staiger und die Lyrik

Über allen Gipfeln

Wieder einmal kehre ich in die 60er Jahre zurück, um die Zeitspanne, die mich von meinen Anfängen trennt, zu ermessen. Damals gab es kein Wikipedia, kein Internet, das fällt bei jedem Thema, das ich neu angehe, als erstes ins Gewicht. Wie schwierig war es damals, einen Überblick zu gewinnen, auch: sich von bestimmten Ansätzen zu lösen. Wenn man einmal drei Bände von Emil Staiger erworben und studiert hatte – und zwar mit Begeisterung -, glaubte man, mit diesen Themen fürs Leben vorgesorgt zu haben. Und nach 50 Jahren erinnert man sich vor allem daran, dass der Mann plötzlich nicht mehr zitierbar war, – war nicht der neue Geist der 68er schuld daran? Aber das dauerte ja noch 7 Jahre … heute weiß man über den Zeitrahmen in 1 Minute mehr als damals in Wochen.

Danach erst kam Wolfgang Kayser „dran“, der schon 1960 gestorben war, dessen Standardwerk aber erst in dem Augenblick kontaminiert erschien, als ruchbar wurde, was heute in Wikipedia hier als erstes auffällt. Rudolf Walter Leonhardt schrieb in der ZEIT zum 29. Januar 1961 einen ergriffenen Nachruf, – ebenfalls ahnungslos? Andererseits: ich sollte „Das sprachliche Kunstwerk“ unbedingt aufs neue konsultieren. Es ist kein ideologisches Werk. Unverzichtbar seine „Geschichte des deutschen Verses“, darin insbesondere die Neunte Vorlesung über Brentano und über „Des Knaben Wunderhorn“, eine neue Welt des Rhythmischen und des Klanglichen tut sich auf. (Staiger und der Bezug auf die Musik ab Seite 124 ff !)

Besitz JR 6.XII.61

Wikipedia zu Emil Staiger hier

Züricher Literaturstreit hier

Tondokument Staigers Rede „Literatur und Öffentlichkeit“ hier

Nachruf 30.04.87

Kaum ein anderer Literat hat so einsichtig über Musik gesprochen, wenn er über Lyrik nachdachte, wie Emil Staiger. Vielleicht niemand sonst bis zu Thrasybulos Georgiades, dessen grundlegendes Buch über“ Schubert / Musik und Lyrik“ 1967 (2.Auflage 1979) erschien. Also nach Staigers „Grundbegriffen der Poetik“ 1959 (Atlantis Verlag), und daraus jetzt die folgenden beiden Seiten, dann der Anfang der Übersicht des Georgiades-Werkes:

Emil Staiger

Georgiades Inhalt (Über allen Gipfeln)

Wandrers Nachtlied u.a. – der Text im Umfeld der ersten Gesamtausgabe 1827

Eine Gedicht-Interpretation (zu Wandrers Nachtlied 1 und 2) Auszug

Autor: Reinhard Lindenhahn

Quelle Arbeitsheft zur Literaturgeschichte WEIMARER KLASSIK von Reinhard Lindenhahn / Cornelsen Verlag Berlin 1996 (siehe hier)

Übrigens: ich habe vor wenigen Jahren (2016) schon einmal zum „Nachtlied“ recherchiert, an Ort und Stelle: hier , ohne mich an Emil Staiger zu erinnern. Nicht zu vergessen auch dieser Link zu Wikipedia: hier.

Der folgende Textausschnitt soll (mich) daran erinnern, von der oben erwähnten Arbeit über „Die Geschichte des deutschen Verses“ überzugehen zu dem interessanten Verhältnis zwischen Dichtung und Musik, und zwar anhand der Schubertschen Vertonung des Goethe-Gedichtes (und auch im Vergleich zu anderen Vertonungen), so wie es Georgiades in seinem großangelegten Buch über Musik und Lyrik (SCHUBERT) unternimmt.

Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2. Aufl. 1979

Diese präzise Sensibilität der Liedbetrachtung ist ohne Vergleich; sagen Sie nur vorweg, in welchem Vers Goethes die entscheidende „Brechung“ stattfindet (s.o. Seite 109 „Ein gleiches„), und lesen Sie die Begründung des Autors…

Dietrich Fischer-Dieskau 1969, – in studentischen Zeiten war er jahrelang das Nonplusultra des Liedgesangs; irgendwann aber begann man zu diskutieren, ob er nicht zu einer gewissen Manieriertheit des Vortrags neigte. So vollkommen seine Technik, witterte man doch die Absicht, die verstimmt. Wie hier zu Anfang in den Worten „überrallen“ Gipfeln, oder im leicht übertrieben inbrünstigen, zweiten „warte nur“. Es gibt nichts Empfindlicheres als solche Musik, solche Verse, und es trifft am Ende selbst den, der eine solche Differenzierung überhaupt erst in die Liederabende eingebracht hat.

Dürre in Deutschland

Für alle, die es satt sind, Katastrophenmeldungen zu lesen: zuerst an den Schluss scrollen!

Hart aber fair im Ersten am 29.8.22

abrufbar:

HIER  https://www1.wdr.de/daserste/hartaberfair/videos/video-die-jahrhundert-duerre-erleben-wir-gerade-unsere-zukunft-102.html

Die Teilnehmer der Diskussion:

  • Mona Neubaur (B‘90/Grüne, NRW-Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie)
  • Sven Plöger (Meteorologe, ARD-Wetterexperte)
  • Carla Reemtsma (Klima-Aktivistin; Sprecherin und Mitorganisatorin der „Fridays for Future“-Demos)
  • Werner Marnette (langjähriger Industriemanager und ehemaliger CDU Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein)
  • Alexander Held (Forstwissenschaftler und Feuerökologe; Waldbrandexperte)

Einige Text-Nachschriften JR ohne Gewähr (in Auszügen – warum? insbesondere die wichtigen Beiträge von Carla Reemtsma sind akustisch oft nicht nachvollziehbar, weil allzu eilig gesprochen; man muss manches raten. Ich empfehle auf jeden  Fall, auch das Original zu hören!)

Beiträge Reemtsma ab 7:12 / 16:57 /  30:47 / 46:43 (fehlt noch) /

Plasberg: … ABER DAS AUSMASS UND DIE LÄNGE DER DÜRRE IN DIESEM JAHR, HAT SIE DAS ÜBERRASCHT? 7:12

Reemtsma:  Die Heftigkeit, mit der uns grade Wetterphänomene, Klimaextremlagen treffen, und sei es hier irgendwo in Europa, seien es die Waldbrände, sei es die Dürre, sei es die Wasserknappheit, seien es aber auch Extremwetterlagen wie grade der Monsun in Pakistan, das tritt alles gerade in einer Häufung auf und in einer Schwere, die selbst die weitesten Klimaforschungen so nicht prognostiziert haben, sondern übertrifft nochmal mehr oder weniger die schlimmsten Erwartungen. Was wir grade erleben, ist nicht wo alle von sagen, erleben wir grade unsere Zukunft, nein, wir erleben unsere Realität und wir erleben unsere Gegenwart, mit der wir JETZT, auf die wir jetzt Antworten finden müssen. Und davon sind wir meilenweit entfernt.

Plasberg: HAT ES SIE ÜBERRASCHT? IN DIESEM JAHR?

Nein. Also: das Ausmaß ist erschreckend, was wir irgendwie erleben mit über 10.000 Hitzetoten auch alleine in Deutschland, wir haben mit diesem Hitzesommer tatsächlich die tödlichsten Naturkatastrophen in Europa seit Jahrzehnten gehabt, das mehrmals jetzt auch schon hintereinander. Das ist furchtbar, und das zeigt aber auch, dass wir als Gesellschaft überhaupt gar nicht in der Lage sind, angemessen auf diese Krise zu reagieren, in der wir sind und [stattdessen]eine politische Verantwortungslosigkeit erleben.

Plasberg: DIE POLITIK IST N BISSCHEN BESCHÄFTIGT …z.B. mit GAS — sind das mildernde Umstände bei Ihnen?

Reemtsma: Definitiv nicht! Die Politik versagt grade auf beiden Seiten, wir erleben einerseits mit genau den aufgezeigten Folgen der Klimakrise, von denen wir eben gesprochen haben, dass es nicht um Jahrzehnte oder Jahre geht, und – wir können die Klimakrise nicht aufschieben, deswegen können wir auch den Kampf gegen die Klimakrise nicht aufschieben. Und gleichzeitig trifft genau das, was die Regierung im sozialen Bereich macht: sie müsste sich darum kümmern, dass Menschen Möglichkeiten haben, einerseits nicht ihre Sorgen vor der nächsten Lebenskostenabrechnung zu haben und Möglichkeiten haben, z.B. beim Klimaschutz unterstützt zu werden. Was macht es, dass sie eine sozial gerechte Maßnahme, die auch den Klimaschutz fördert, dass man das 9-Euro-Ticket, ohne Nachfolge auslaufen lässt, dass mit der Gas-Zulage und Milliarden an Gas-Konzerne (lacht) umverteilt, und wir gerade Umverteilung an fossile Klimakillerkonzerne erleben – und das ist eine Politik, die macht beide Krisen schlimmer und ist maximal verantwortungslos. 9:30

Plasberg (rhetorisch:) WANN TRETEN SIE ZURÜCK; FRAU NEUBAUR? SIE SIND ZWAR GRADE ERST IM AMT…

*     *     *

Werner Marnette: Natürlich habe ich das Gas gern genommen, weil wir einen Beitrag zum Klimaschutz erbringen wollen. Wir haben beispielsweise – darf ich das noch ausführen – vom Koks auf Erdgas umgestellt, vom schweren Heizöl auf Erdgas umgestellt, weil das besonders klimafreundlich ist, Erdgas ist ja C, 1 Kohlenstoff-Atom und 4 Wasserstoff-Atome – das ist doch ein Riesenfortschritt gewesen! (Einwurf Plöger „… auch schon blöd…“) (Plasberg: „soviel zum Chemieunterricht… Frau Reemtsma!“)

16:57 Reemtsma:  Und womit Sie, gerade als Unternehmer und gerade in dieser Zeit und als Leiter des Kreises Energiepolitik – BDI Verband der Industrie – gemacht haben – um es zu sagen: Sie haben uns in genau diese Abhängigkeit von billigem russischen Gas gebracht, und das hat uns jetzt in diese Situation geführt, und das ist nach dem Krieg und in der Klimasituation eindeutig klar: das größte Sicherheitsrisiko ist unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, von Gas, aber auch von Kohle und Öl. Die einzige Antwort kann der massive Ausbau von erneuerbaren…

Plasberg: Im Augenblick nicken hier alle, Frau Reemtsma – Frau Neubaur nickt.

Werner Marnette: Ich würde Ihnen das nochmal gerne erklären, was damals gemacht worden….

Plasberg: Sie müssen, glaube ich, einem jungen Menschen nicht erklären, der so im Stoff ist, wie Frau Reemtsma… müssen Sie nicht erklären…

Werner Marnette: Man muss ja auch n bisschen bei den Fakten bleiben, ich glaube, ich habe mich kräftig gegen die damalige Kartellsituation gewehrt, und ich war auch einer derjenigen, die sich damals heftigst gegen die Fusion von EON und RUHRGAS gekämpft hat.

Plasberg: Wir haben Sie eingeladen, weil Sie immer eigene Gedanken auch gepflegt haben… ich würde jetzt gerne die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen, weil es gibt ja genug für die Zukunft zu tun. Und wir sind ja noch ein bisschen bei der Vermessung der Katastrophe. 18:29

Aber zur Vermessung der Katastrophe gehört ein Blick in den Wald. [etc.]

*     *     *

30:47 Plasberg: Stichwort KOHLEKRAFTWERK Haben Sie Verständnis, dass Grüne in dieser Situation nicht grüne Politik aus dem Lehrbuch machen können?

Reemtsma: Wofür ich Verständnis habe, ist dass wir im Moment dieser Krisen und auch im Zusammenkommen dieser Krisen, wie wir grad eben gehört haben, ja auch miteinander zusammenhängen, man pragmatisch darüber nachdenken muss, was können Antworten sein. (also Kohlekraftwerke) Das heißt aber nicht, dass Antiklimamaßnahmen, wie beispielsweise …also, die bleiben, auch wenn sie pragmatisch sind, Antiklimamaßnahmen, und man muss dann in dem Moment um so entschlossener sagen, o.k. wo sind die Möglichkeiten, wo wir einsparen können, wo wir reduzieren können, wo wir verzichten können, auf Energie verschwendet wird, z.B. in zu großen industriellen Prozessen, die wir nicht brauchen. Aber auch ganz besonders in der Regierung, was wir erleben, dass wir da, wo wir beispielweise Klimaschutzgesetzgebungsprozesse haben, um so mehr tun müssen. Und was wir gerade erlebt haben: die Regierung hat ihre Ziele verfehlt, sowohl im Bereich Bauen als auch im Bereich Verkehr, und ihre eigenen Klimaziele sind zu nbiedrig. Dann war sie angefordert, o.k. Zu sagen, wir mach jetzt Sofortprogramme, um das auszugleichen, um aufzuzeigen, wie können wir diese Klimaziele einhalten, und Volker Wissing hat es geschafft, ein Sofortprogramm für den Verkehrsbereich vorzulegen, der zwanzig mal mehr machen müsste, um tatsächlich  das auszureichen, also er schafft es 14 Millionen Tonnen CO2 einzusparen bis 2030, und er müsste über 260 Millionen einsparen.

Und der regierungseigene Expertenrat hat nach Schritt 1 der Prüfung 8 gebrochen, nur weil sie gesagt haben, dass es nicht mal im Ansatz ausreichen würde, was grad gemacht wird. Und das ist eine Regierungspolitik, die grad in Zeiten der Klimakrise, wie wir grad auch gesehen und immer wieder gehört haben, wirklich aufzeigt: wir können nicht den Kampf gegen die Klimakrise aufschieben, –  wo ich mich frage, was machen die Grünen gerade in der Regierung besser und wie können sie es noch verantworten, in dieser Regierung zu sein, wenn sie es nicht mal schaffen, einem der relevantesten Ministerien im Bereich Klima, dem Verkehrsminister da irgendwelche roten Linien aufzuzeigen. (Beifall)

(folgt MONA NEUBAUR ab 32:46 ich würde Ihnen zustimmen: der Verkehrsminister müsste seine Hausaufgaben machen … etc.)

47:23 REEMTSMA: Es ist nicht so, dass wir den Energiebedarf nicht aus den erneuerbaren Energien decken können, es gibt die Studien, es gibt die Technologien, die genau das aufzeigen, wie das funktioniert. Sowohl im Bereich der Gebäude, als auch im Bereich der Industrie, als auch (Plasberg: In welchem Jahr sind wir jetzt, Frau Reemtma?) – 2035. ( Marnette: Machen wir Frieden hier untereinander, ich lad Sie mal nach Hamburg ein, und dann gehen wir durch die Zahlen einverstanden?!). Nee, ich würd aber relativ gern mit Ihnen nochmal kurz über die Atomkraft sprechen (gerne!) – Sie sprechen von horrenden Energiepreisen und sagen: naja, unsere Antwort sollte mal jetzt der Atomstrom sein, und von der Klimakrise und unsere Antwort sollte die Kohle sein. Beides sind keine Antworten! Kohle bringt uns einfach mitten in die Klimakrise rein, das wissen wir alle, und das führt dazu, dass zum Beispiel dann die Pegel niedriger werden, was wieder die Versorgungssicherheit der Industrie gefährdet. Die Atomkraft ist die allerteuerste Art; Energie zu produzieren, wo selbst die großen Industriekonzerne sagen: die wollen das überhaupt nicht, wir wollen diese Kraftwerke loswerden, weil das die allerteuerste Art ist, Energie zu produzieren, die ist ungefähr 5mal so teuer pro Gigawattstunde  zu produzieren [??]  (Plasberg: darf ich Ihnen eine kleine Frage stellen? Die „Friday for Future“ weisen energisch auf Probleme hin, sagen aber „Lösungen muss die Politik bringen“, Politik braucht die Unterstützung von Menschen, das ist so in der Demokratie, Herr Putin braucht das nicht. Das ist asymmetrische Kriegsführung. Weil, der kann einfach anordnen, Frau Neubaur muss gewählt werden, muss wiedergewählt werden, muss sich die Legitimation abholen. Wenn Sie sagen, 2035 ist es soweit, was sagen Sie dann zum Beispiel – hatten wir letzte Woche – einer 80jährigen Frau, die sagt, sie hätte nie mehr darüber nachgedacht, Existenzangst zu haben, weil dsie hat n Krieg mitgemacht, sie hat Existenzangst, weil sie liest, Strom 1000% teurer, Vorauszahlungen erhöht, Gas auch, das sind Menschen, die wollen jetzt Antworten haben, niemand betwewifelt Ihre Ziele, aber ist es nicht etwas vermessen von Politik, so über die momentanen Erfordernisse hinwegzugehen?) 49:16

Reemtsma: Wenn wir Klimaschutz machen, dann müssen wir nicht über die momentanen Erfordernisse in der Preiskrise hinweggehen. Es gibt Instrumente, die Antworten auf beides sind, und das 9-Euro-Ticket ist das beste Beispiel, wo die Politik sich gerade aktiv dagegen entscheidet, eine soziale Entlastungsmaßnahme auslaufen zu lassen ohne Nachfolger, die Menschen hilft kein Klimaschutz und direkt Entlastung bietet. Und das ist ein Beispiel, das zeigt, wie verantwortungslos Regierung, wenn beide Sache zusammenkommen, ist, wo klar ist, wir können nicht die eine oder die andere aufschieben. Wir können die Klimakrise nicht aufschieben, das zeigt dieser Sommer mit seiner gesamten Realität. Und natürlich können wir die Existenzängste von Bürgerinnen und Bürgern, die sich fragen, wie kann ich meine Heizkosten bezahlen, auch nicht aufschieben. 49:59

Dann darf die Antwort aber nicht sein: Milliarden an fossile Konzerne umzuverteilen, in Form von nem Tankrabatt, in Form von ner Gasumlage, in Form von nem Dienstwagenprivileg, anstatt beispielsweise Übergewinnsteuer einzuführen, 50:14

(Fortsetzung folgt)

Die vorhergehende ARD-Sendung „Die große Dürre“ ist ebenfalls in der Mediathek abrufbar: HIER

Deutschland bereitet sich auf Dürren vor, Bauern kämpfen gegen die Trockenheit, Notfallpläne werden erarbeitet. Wie lange reicht unser Wasser noch? Dieser Frage geht Filmemacher Daniel Harrich gemeinsam mit einem Forscherteam nach.

31.08.22 Solingen-Ohligs / Heute Nacht, als ich aufwachte, habe ich dem Regen zugehört. Keine Musik konnte schöner sein.

Zufall: am Abend des gleichen Tages las ich in der Süddeutschen einen Artikel, den ich hilfreich fand, obwohl er auf Anhieb nur leichtfertig wirkte:

Autor: Philipp Bovermann