Syrien im Sinn

Mosaik-Fragmente nach Hamburg 18. März 2017

Was ist aus dem Ensemble Al Kindi geworden? In den 80er Jahren sind wir uns mehrfach begegnet. Konzerte im WDR, Produktionen, die CD bei Network kam 1994 heraus. Ich weiß, dass Julien Weiss in Damaskus lebte, ich hätte ihn dort besuchen dürfen. Er ist 2015 gestorben, der Flötist Abd al Safar Salam schon 1999 †, Sheikh Hamza Shakkûr 2008 †.  Vorsicht, ist das Kreuz angebracht? Nichts von allem habe ich geahnt…

Syrien Ensemble Al Kindi

Syrien CD Al Kindi Heute noch auffindbar: HIERSyrien CD Al Kindi Front

Das folgende Interview fand offenbar 2 Jahre vor Julien Weiss‘ Tod (Krebs) im Jahre 2013. Zum Verlauf des Bürgerkriegs in Syrien siehe HIER. Das Wort Hamah beruht auf einem Hörfehler, gemeint ist Amman. (Genau diese Strecke von Amman nach Damaskus sind wir 1967 mit mehreren Taxis gefahren, irgendwo in der Steppe – Sabratha hieß eine Zwischenstation – haben wir an einer Kreuzung ein Hinweisschild in alle Richtungen gesehen, darunter neben unserem Zielort auch Bagdad. Einer von uns, der Kontrabassist Johannes Köhler, erzählte, dass er dort im Orchester gespielt habe. Wir diskutierten heftig über Monotheismus. Ich dachte, seine Ursache sei diese gewaltige Sonne.)

Heute wartet auf mich in der Buchhandlung Jahn das Buch über Syriens Geschichte der letzten Jahrzehnte. Ich bin – nach Hamburg – fast mehr politisiert als musikalisiert… Soll doch Wolfgang Hamm an dieser Stelle kompetent über das Ereignis in der Elbphilharmonie sprechen: „Der Krieg hat die Musiklandschaft Syriens zerstört und die Musikschaffenden ins Ausland getrieben“. HIER !

Natürlich ist dies auch eher ein Stimmungsbericht über die Lage der Musik und der Musiker im Exil und lebt von diesem einen Lamento nach dem barocken Modell, das schon Johann Sebastian Bach für sein „Crucifixus“ in der H-Moll-Messe verwendet hat und hundertfach nachklingt, wenn man will, sogar in der Melancholie des Concierto d’Aranjuez.

Ich habe im Grunde nur eine Sache miterlebt, die ich nun rein optisch zu meinen Gunsten vergrößere:

Syria Keivo + Einführung

Meine Einführung galt einer alten syrischen Musik, die ich mir etwas anders vorgestellt hatte, vielleicht näher an dem, was ich vom Al-Kindi-Ensemble und zahllosen Aufnahmen klassischer arabischer Musik kannte. An deren Stelle stand die virtuos-konzertante Musik des Trios Ney-Kanun-Darbuka im ersten Teil des Konzertes, im zweiten dagegen der kurdisch-armenisch-syrische Sänger Ibrahim Keivo (mit seinen verschiedenen Lauteninstrumenten), der das Publikum zu faszinieren versteht, religöse und ethnische Lieder aus yesidischer, syriakischer, aramäischer Überlieferung u.a.; zweifellos verfügt er zugleich über ein enormes Entertainmentpotential.

***

Nein, der oben genannte Rastplatz in der syrischen Wüste hieß nicht „Sabratha“ – diese altrömische Stätte lag in Libyen. Hier aber ist das Erinnerungsbild aus der syrischen Idylle (der junge Mann im Hintergrund ist der Bratscher Rainer Moog.)

Syrien WüstenStation 1967 Syrische Idylle 12.4.1967

Syrien Prospekt 1967 Rückseite unserer Landkarte

Syrien Landkarte 1967 Die syrische Landkarte, die uns begleitete

Und nun wieder HEUTE!!! Wie konnte es dazu kommen??? Ich muss viel mehr wissen und irgendwo anfangen. Hier liegt ein Buch, – mir ist bekannt, dass der Autor Gegner und sogar Feinde hat, angeblich versteht er die israelische Position nicht. Soll ich etwa eine ausgewogene Darstellung suchen? Was ist denn das? Warum soll ich nicht zwei unausgewogene Darstellungen gegeneinander lesen? Wer es wagt, soll bitte selber auswiegen.

Syrien Sturm Lüders Cover

Zur Analyse arabischer Musik (II)

Das Beispiel „Lessa Faker“ im Maqam Ajam mit Oum Kalthoum 

Fortsetzung der Arbeit, die im November 2016 HIER begann.

1. Glaubst du immer noch, mein Herz vertraue dir, oder glaubst du, ein Wort bringe zurück, was einmal war, oder ein Blick könne wieder Sehnsucht mit Zärtlichkeit verknüpfen? Das war einmal, erinnerst du dich noch, das war einmal, war einmal…

2. In jenen Tagen flossen in meinem Herzen Tränen, und du hattest Vergnügen an meinen Tränen, aber sie waren mein Leben.
Sie waren etwas Unbedeutendes für dich, und jedes Mal löschte ein Wort etwas von meinem Vertrauen in dich und von meiner Geduld, ein Wort, ein Wort, und als die Leidenschaft zusammen mit den Verletzungen dahin schwand, ging das, was ich erleiden musste in meiner Nacht, mit dem (neuen) Morgen in Vergessenheit, und auch die Liebe und die Leidenschaft und Zärtlichkeit, und wenn du mich heute fragst, sag‘ ich dir: das war einmal, war einmal. Erinnerst du dich noch? Es war einmal…

3. Wie sehr dich meine Seufzer ergötzten, und sie kamen von deiner Grausamkeit und den Tagen, die auf mir lasteten, du hörtest sie wie eine Melodie, während ich ihr Echo hörte, ein Feuer, ein Feuer, das unsere Liebe nach und nach dahinschmelzen liess,
die Melodie brachte dem Herzen ihre Süsse zurück, und dir blieb ihre Grausamkeit, die Leidenschaft, die für mich bedeutungslos geworden ist, du hast begonnen, ihren Wert zu erkennen.
Heute ist die Liebe eine vergangene Geschichte, wenn du mich fragst, sag‘ ich dir: das war einmal, war einmal.
Erinnerst du dich noch: es war einmal, war einmal…

4. Die Nächte, die Nächte nanntest du leeres Spiel, und sie waren doch wertvolles Leben. Ich verbrachte meine Nächte damit, dich zu fragen nach meinem Zweifel und meinen Tränen, während du dich erfreutest an meiner Ratlosigkeit und meinen Ängsten.
Sag mir: was willst du von mir, nachdem wir wissen, dass alles zu Ende ist?
Bist du gekommen, sehnsüchtig nach meiner Liebe oder nach meinen Tränen und meinem Schmerz?
Heute ist die Liebe eine vergangene Geschichte, wenn du mich fragst, sag‘ ich dir: es war einmal, war einmal…
Erinnerst du dich noch: es war einmal, war einmal, war einmal…

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Übersetzung aus dem Arabischen, nach dem Original: © Dr. Hans Mauritz (Luxor) 2017

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(Fortsetzung folgt)

Was will mir der Kritiker sagen?

Ein Kritiker ist ein Beurteiler, nicht zwingend ein „kritischer“; er kann auch Lobredner sein, sogar mit übervollem Herzen. Der Eindruck eines Klavierabends kann ihn also durchaus zu hymnischen oder poetischen Reaktionen führen, etwa so:

Der Zauber wirkt vom ersten Ton an. Der Zauber dieses nie aufdringlichen Klaviertons, der in eine frühromantische Geisterwelt versetzt, in eine warme Vollmondnacht.

Aber Vorsicht: nie im Leben wäre ich doch darauf gekommen, dass hier von Bachs Französischer Suite VI in E-Dur die Rede ist, ein Stück, das aus Sechzehntel-Ketten der rechten Hand besteht und einem in Achteln schreitenden Bass in der linken. Gewiss, das Werk ist damit nicht annähernd umrissen, aber noch viel weniger durch die Assoziation einer Vollmondnacht, egal wie sanft die Klaviertöne dahingeperlt sein mögen. Gut, wohl mit Bedacht wird dies Eingangswerk erst viel später benannt. Zunächst wird ein anderes Phänomen gekennzeichnet, das noch schwerer zu fassen ist als die Bachsche Geisterwelt:

Murray Perahia humanisiert wie niemand sonst die Musik. Er ist der einzige Klaviergroßmeister, bei dem dieser völlig aus der Zeit gefallenen Begriff keine Worthülse ist.

Der Einzige! Was soll das heißen: wenn für Menschen gemachte und zu ihnen sprechende Musik „humanisiert“ wird?

Humanisieren meint bei Perahia, dass er die Meisterwerke von Johann Sebastian Bach bis Johannes Brahms immer so spielt, dass jeder mühelos und stets mit Vergnügen die kompositorischen Prozesse verfolgen kann. Perahia macht die Logik der Stücke erlebbar, und nicht nur die der einzelnen Sätze. Bei ihm, und das können nur wenige, werden ganze Zyklen als zwingend schlüssig erfahrbar.

Aber ist das nicht die selbstverständlichste Aufgabe der Interpretation? Andererseits durchaus nicht von jedem mühelos und stets mit Vergnügen rezipierbar. Muss man dazu Humanisieren sagen, wenn man vielleicht nur die sinnvolle Rede meint, an der sich von alters her musikalischer Zusammenhang orientiert? Und der Bachsche Zyklus von 8 Sätzen, aus denen sich diese Suite zusammensetzt, ist insofern zu bewältigen, als jedes Stück in sich vollkommen durchgebildet ist und nicht im Verlauf fortwährend den Blick auf das jeweils folgende und das Ganze erzwingt. Oder wie könnte man das begründen? Etwa so:

Die [acht Sätze] verbindet thematisch nichts miteinander, weshalb sie sehr schnell als eine beliebige Folge daherkommen können, die auch kürzer oder länger sein könnten. Perahia lenkt hier wie auch in Franz Schuberts zweitem Impromptus-Set die Energieflüsse so natürlich, dass sich ein geschlossenes Panorama ergibt.

Es mag sein, dass die acht Sätze thematisch nichts miteinander verbindet (eine gründliche Analyse könnte vielleicht auch anderes zutage fördern), aber ist das entscheidend? Die durchgehend Tonart E-Dur bildet das fast schon zu enge Band des Zusammenhangs. Und der Rest besteht nicht aus „länger“ oder „kürzer“, sondern aus Tempo-Relationen, Tanz-Charakteren und Pausen, durch die man z.B. Dreiergruppen schafft. Der Vergleich mit Schuberts zweitem „Impromptus-Set“ ist unangebracht, weil auf die klassische Sonatenform fixiert. Schumann hat sie in den vierteiligen Schubert-Zyklus hineingelesen (Tonartenfolge f-Moll, As-Dur, B-Dur, f-Moll), man könnte die Satzfolge aber auch, Schubert zuliebe, lockerer sehen. Mit Bachs Suiten-Auffassung hat sie dennoch nicht das geringste zu tun. Deren Panorama ist durch die Tonart geschlossen genug.

Den letzten Teil des Perahia-Konzertes bildete Beethovens „Hammerklavier“-Sonate op. 106, die

die Grenzen von Form, Auffassungsgabe, Ausgeglichenheit und Pianistik hemmungslos sprengt. Perahia türmt in den beiden ersten Sätzen enorme Energiemassen auf, die dann im langen Variationensatz nicht völlig aufgebraucht werden. Das Idyll wird, für manchen enttäuschend, verweigert, schließlich folgt noch ein grausiger Fugenirrsinn.

Wie??? … die Energiemassen … [werden] … nicht völlig aufgebraucht …??? Ja, in welcher Energie-Verwertungsmaschine befinden wir uns denn hier? In der dem verständigen Publikum so einfach mal das Idyll vorenthalten wird – womöglich inmitten einer warmen Vollmondnacht?

Gibt es denn gar keine Monographien über die Beethoven-Klaviersonaten, wo man nachlesen könnte, was sich beim bloßen Hören eben doch nicht jedem erschließt? Dass es sich bei diesem wohl gewaltigsten langsamen Satz Beethovens für Klavier – wenn man einmal von den drei späten Sonaten absieht – um alles andere als einen Variationensatz handelt.

Meine Empfehlung: Es lohnt sich immer, die Noten anzuschauen, oder wirklich darüber nachzulesen, bevor man ins Konzert geht bzw. eine Konzertkritik verfertigt. Sonst wird leicht alles andere, was man sich so zusammenphantasiert, relativ unglaubwürdig.

Wenn hier jemand andeutet, das Ziel der „Humanisierung“ der großen Musik liege darin, sie so zu interpretieren, dass jeder mühelos und stets mit Vergnügen die kompositorischen Prozesse verfolgen kann, so verbirgt sich dahinter nichts anderes als biedere postmoderne Kundenfreundlichkeit.

Hans von Bülow hat einmal – typisch spätbürgerliches 19. Jahrhundert, zugleich in der wahrhaft humanistischen Tradition Beethovens – im Blick auf diesen Klaviersatz gesagt: „Zu fast keinem Tonstücke des Meisters wird eine so andächtige, ehrfurchtsvolle Hingebung erfordert, um seiner schmerzreichen Erhabenheit gerecht zu werden. Hier hört das Klavierspielen auf: wer auf seinem Instrumente nicht seelenvoll zu ’sprechen‘ vermag, begnüge sich mit dem Lesen.“

Womit ich nichts über Murray Perahia gesagt haben möchte, den ich zu den herausragenden Pianisten zähle.

Quelle der eingerückten Zitate: Süddeutsche Zeitung, 21. März 2017 Seite 11 Wie ein Sänger Die humanisierende Kunst des Pianisten Murray Perahia / Von Reinhard J. Brembeck

P.S. zum Lesen von Noten und Buchstaben

Bei sehr komplexen Werken gibt es nur das eine Mittel, das zum Verständnis führt, – wenn dieses sich nicht beim bloßen Hören oder beim Selberspielen einstellen will. Selbstverständlich verwendet Beethoven permanent „Variationstechnik“, egal ob eine Sonatensatzform oder eine dreiteilige Liedform als Rahmen auszumachen ist. Aber seine wirklichen großen Variationssätze – wie in den Sonaten op. 109 oder 111 oder in den späten Streichquartetten – sind so unverwechselbar, dass man den Begriff nicht verwässern darf, auch wenn in einem Satz die Figurationstechnik zu Wundergebilden des Klaviersatzes führt, die ähnlich in den genannten Sonaten vorkommen. Als Standardwerk ist immer wieder die dreibändige Analyse-Arbeit von Jürgen Uhde zu empfehlen:

Beethovens Klaviermusik, Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 1974 u. 1991, ISBN 3-15-010151-4.

Daraus ein Ausschnitt, der auch unsere Fragen streift. Und zu beachten ist, wie in Bezug auf diese eine Stelle im langsamen Satz der „Hammerklavier“-Sonate zwar das Wort „großartigste Figuralvariation der Klavierliteratur“ gebraucht wird, zugleich aber, dass sie zu einer „Reprise“ gehört, das heißt der Wiederkehr eines Formteils:

Beethoven 106 Variationstechnik bitte anklicken

Eine weitere Frage möchte ich einstweilen offenhalten, nämlich, wie sich die Idee der Humanität tatsächlich in Beethovens Musik konkretisiert, – denn daher kommt offenbar die Marotte, in der Klavierinterpretation überhaupt einen Vorgang der „Humanisierung“ wahrnehmen zu wollen, wenn es sich schlicht um die Kunst der Übermittlung vom Künstler zu den Menschen handelt. Mir scheint es eine Worthülse.

Nachklang mit Alfred Brendel

Es ist nach diesem verbalen Vorlauf kein Sakrileg, in der folgenden Aufnahme die (bloß) äußere Form der Musik streng im Auge zu behalten. Der langsame Satz „Adagio sostenuto“ beginnt bei 14:28 und endet bei 32:16.

EXPOSITION (1. Thema)  ab 14:28

Zweites Thema ab 18:28

Coda ab 20:12

DURCHFÜHRUNG ab 20:49

REPRISE (1. Thema) ab 22:12

Zweites Thema ab 26:20

CODA ab 28:42 (Ende 32:16)

Das heißt: S o n a t e n f o r m , wobei es kein Problem wäre, sie in einem langsamen Satz auch als Abwandlung der Liedform ABA zu betrachten. Nicht aber als Variationssatz, selbst wenn die Reprise das Hauptthema in exorbitanter Weise ausfiguriert. Was mich leicht irritiert: dass der überaus expressive thematische Abschnitt jeweils zwischen dem 1. und 2. Thema von Jürgen Uhde als Überleitungsthema bezeichnet wird. Aber wie immer hat er recht. Erwähnenswert auch, dass er die letzte Coda in 5 Unterabschnitte gliedert: Meditationen über die Hauptthemen; und auch eine Reminiszenz der „Überleitung“.

Megapötte

Was hat mich nach Hamburg geführt?

Und wieder zurück? Natürlich die Deutsche Bahn, das Mega-Unternehmen. Zuverlässig und preisgerecht. Ein Billigflug käme mir nicht in den Sinn. Kaum wieder zuhaus, schlage ich die Zeitung auf und sehe den Megapötte-Bericht, der aber kaum das Gigantomanische aufs Korn nimmt, das auf der Hand liegt. Er könnte auch als Empfehlung gelesen werden. (In meinem Scan so verkleinert, dass es gar nicht lesbar ist, auch das Bild seine Qualität kaum entfalten kann, so dass die Wiedergabe hoffentlich rechtlich nicht bedenklich ist. Das dpa-Foto stammt von Christian Charisius, der Bericht von Michael Zehender.) Bitteschön, da drüben liegt auch das bunte Zelt „König der Löwen“, und auch dafür, obwohl Ziel für Hunderttausende, habe ich keinen Sinn. In Hamburg ist vieles „mega“, und es keine Schande, darüber zu staunen. Wer will die Pyramiden kritisieren, nur weil sie so gewaltig dastehen. Übrigens weiß man nicht, ob die Größe dort (die Menge der Steine) auch in Relation zu einem Geschäft mit den Göttern stand, wie hier etwa die Menge der Kabinen. Und wieder steht das Wort Elbphilharmonie im Raum und im nächsten Moment das Wort Akustik. (Nein, nicht hier!)

Kreuzschiffe ST mikro So zu lesen als Sonderveröffentlichung im Reisemagazin meiner Tageszeitung (Solinger Tageblatt), und zwar am 18. März, genau an dem Tag, an dem ich in der Elbphilharmonie zu sprechen hatte. Vom schönen Restaurant des Hotels Hamburger Hafen hatten wir genau diesen atemberaubenden Ausblick, wenn auch ohne Megapott im Zentrum. Der stand weiter links, gewissermaßen im Versteck, erschreckend, wenn man ihn identifizierte. Und so soll er auch – sagen wir – in Venedig auftauchen? Der Artikel hält sich mit Bewertungen zurück: „Durch die Größe des Schiffs kann man die Reise für den einzelnen Kunden billiger anbieten“, wird der Chef vom Kreuzfahrtverband Deutschland zitiert. Genauso wird die Fleischqualität und ihr Preis auf dem Markt kalkuliert, er hat nichts mit dem wahren Wert des Produktes zu tun. Der wird anders diskutiert und definiert. Übrigens findet man den für Solingen ohnehin gekürzten Artikel in voller Länge an ganz anderer Stelle online: Hier

Ein Freund, der diese Schiffe vor Jahren ausgiebig genutzt hat, schrieb mir dazu:

Ja, wir haben, glaube ich, vier Fahrten mit der Aida gemacht. Die beste war natürlich die nach N.Y. 2009. Aber dann waren wir es irgendwie leid, meine Lebensgefährtin eher als ich, versuchte ich doch bis zuletzt die Größe der Schiffe als schwimmenden Klein-Kosmos zu verklären, ohne die damit verbundenen Nachteile sehen zu wollen: invasionsartige Landgänge, die sich dann aber in einzelnen Busgruppen zu irgendwelchen Besichtigungszielen trennten. Nicht einmal wirtschaftlich brachte das Anlegen z.B. den Einwohnern Grönland etwas, denn niemand kaufte oder verzehrte etwas, gab es doch alles an Bord meist besser und umsonst. In Grönland blieb das Schiff weit draußen auf dem Meer, und der Transfer vollzog sich in kleineren Motorbooten. Also nicht in dieser überfallartigen Wucht wie in Venedig, wo das ganze Stadtbild zum Negativen relativiert wird. Ach, ich könnte mich noch lange über Vor- und Nachteile auslassen, aber das Entscheidende ist wohl, dass nichts richtig haften bleibt bei diesen kurzen Landgängen. Und der freie Alkoholkonsum an Bord ist natürlich auch so ein Problem.

Ich finde, man sollte auch kundige Kunden-Beurteilungen zur Kenntnis nehmen. Denn das bloße Erschrecken über die schwimmfähigen, flach liegenden Hochhäuser im Hamburger Hafen erschiene vielleicht unbegründet und provinziell. Man könnte aber leicht noch andere Aspekte hinzufügen, die ebenfalls einiges über die Kollateralschäden des Gigantismus aussagen. Denn natürlich geht es nicht nur um den Tourismus, – ein Stichwort soll genügen: Elbvertiefung.

Nun zum Ernst des Lebens, der übrigbleibt, wenn er eigentlich größtenteils ausgeblendet wird oder sich aufs ganz Private beschränkt: der einfache Blick nach draußen (um es kompliziert auszudrücken). Gleich hinter der Kuppel des Eingangs zum alten Elbtunnel: die AIDA.

Hamburg Hafen März Aida 35 Hamburg Hafen März Regen Hotelausblick 34

Hamburg Hafen Ausblick von Hotelhöhe 3 Hamburg Hafen März Hotel 2 Hotel Hafen Hamburg

Hamburg Hafen März Regen 8a Regen reichlich

Hamburg Hafen März Elphi 21 Ein orkanartiger Sturm bahnt sich an

Hamburg Hafen März Blaues Schiff Die Elbphilharmonie, das Ziel der Reise

Hamburg Hafen März Michel ua Andere Seite, durchs Fenster der Tower-Bar

Mein Ziel war allerdings eher eine Reise ins Innere, nicht nur ins Innere der Elbphilharmonie, sondern auch meiner eigenen Erinnerung, nämlich die Zeit, als ich mich mit syrischer (libanesischer, arabischer) Musik zu befassen begann, ohne unsere klassischen Musik, mit der mich die Geige verband, aufgeben zu wollen: 1967. So hatte es nicht nur praktischen Wert, die Geige auch hier einzubeziehen, sondern vor allem symbolischen. Nebenbei: die Geige ist der Gegengott des Gigantismus. Auch wenn sie bei Bach in seinen Solissimo-Werken ein ganzes Universum umfasst. Sie kann es ebenso mit der phantastischen Entfaltung arabischer Melodik aus einem Mikro-Element von drei Tönen. Zum Beispiel im Genus Sikah oder Segah, der Basis des gleichnamigen Maqams. Oder auch des Maqams Huzam…

JR in HH 170318

Am 18. März 2017 im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, thematisch anknüpfend an die Arbeit, die ich vor fast genau 50 Jahren (nach einer Orient-Tournee als Geiger) begann und die im Jahre 1971 als Dissertation mit Notenband veröffentlicht wurde.

JR Dissertation

(Fotos: E.Reichow)

Flug nach Faro

Sub specie aeternitatis 25.Februar 2017

Portflug 1

Portflug 2 IMG_20170225 Portflug 3 Portflug 4 Portflug 5 Portflug 6  Portflug 8 Portflug 9 Portflug 10 Portflug 11 Portflug 12 Portflug 13 Portflug 14 Portflug 15 Portflug 16 Portflug 17 *********

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ZITAT

Auch die Größe der Erde begünstigt das Leben. Sie ist groß und damit massereich genug, um dank ihrer Schwerkraft eine Atmosphäre zu halten, aber wiederum so klein, dass die Lufthülle nicht zu dick und undurchsichtig ist. Größe sowie felsige Beschaffenheit sind auch ausschlaggebend für weitere lebensfreundliche Bedingungen: etwa die Klimaregulierung durch Plattentektonik und für die Existenz eines Magnetfelds, das die Biosphäre vor schädlicher kosmischer Strahlung schützt.

Wenn wir jedoch genauer hinsehen, differenziert sich das Bild. Über den gesamten Erdball gesehen variieren die Bedingungen sehr. So sind weite Bereiche der Oberfläche wie die ariden Wüstengebiete, der nährstoffarme offene Ozean oder die eisigen Polarregionen beinahe frei von Leben. Auch ändern sich die lebensfreundlichen Bedingungen mit der Zeit. Während des Karbons etwa, der Zeit vor 350 Millionen Jahren, war die Atmosphäre wärmer, feuchter und sehr viel sauerstoffhaltiger als heute. In den Meeren gediehen Schalentiere, Fische und Korallen, große Wälder bedeckten die Kontinente, und Insekten und andere Landbewohner entwickelten sich zu unglaublicher Größe. In seinem damaligen Zustand könnte unser Heimatplanet deutlich mehr Biomasse beherbergt haben als heute. So gesehen ist er jetzt unwirtlicher.

Außerdem wissen wir, dass uns eine noch weitaus unangenehmere Zukunft bevorsteht. In rund fünf Milliarden Jahren wird die Sonne ihren Vorrat an Wasserstoff verbraucht haben und damit beginnen, in ihrem Innern das energiereiche Helium zu fusionieren. Dabei wird sie zu einem roten Riesenstern anwachsen und die Erde in Schutt und Asche legen. Doch wahrscheinlich wird es bereits lange vorher kein Leben mehr geben. Noch während die Sonne Wasserstoff verbrennt, wird die Temperatur in ihrem Inneren nach und nach ansteigen, so dass auch ihre Leuchtkraft um etwa zehn Prozent pro einer Milliarde Jahre zunehmen wird. Die lebensfreundliche Zone um die Sonne ist also nicht statisch, sondern dynamisch. Mit der Zeit entfernt sie sich immer weiter von unserem Zentralgestirn. Schließlich wird sie über die Erde hinauswandern und diese unter äußerst unwirtlichen Bedingungen zurücklassen. Es steht sogar noch schlimmer um uns: Wie aktuelle Berechnungen zeigen, befindet sich die Erde bereits heute am inneren Rand der lebensfreundlichen Zone und damit schon nahe der Überhitzung.

Quelle Spektrum der Wissenschaft Spezial 4.16 Seite 74 f René Heller: EXOPLANETEN Besser als die Erde. Im Universum dürfte es reichlich Planeten geben, die noch lebensfreundlichere Bedingungen bieten als unser eigener.

Portflug 20 Portflug 21 Portflug 22 Portflug 23 Portflug 24 Portflug 25 Portflug 26 Portflug 27 Portflug 28 Portflug 29 Portflug 30  Portflug 32 Port 33 Port 34 Port 35 Port 36 Port 37 Port 38 Port 39 Port 40Port 41 Port 42 Port 43 Port 44 Port 45 Port 46 Port 47 Port 48 Port 49 Port 50 Port 51 Port 52 Port 53 Port 54  Portflug der Tag danach 20170226 Am Tag danach.

Die gesicherte Aussicht auf 5 Milliarden Jahre Sonnenschein hatte mich schon mal sehr beruhigt. Oft genug verlangt man ja von mir, ich solle mich mehr um die Ewigkeit kümmern. Und im Flugzeug war gewiss der rechte Ort. Auch die Zeit ist ja prinzipiell da. Wann sonst wenn nicht JETZT ?!

(Alle Fotos Huawei Smartphone ©JR)

Sharfadinah usw.

In neuem Kontext (Bigband)

Bevor man sich dieser alternativen Version widmet, sollte man die andere, am Ende des vorigen Beitrags, gut studiert haben. Denn die Frage lautet: wohin geht die Reise jetzt? Verträgt das emotional facettenreiche Stück eine solche Aufblähung durch ein massives westliches Instrumentarium? Und wie kann ein Erweiterung von 6 auf 13 Minuten funktionieren? Wohlgemerkt: es geht nicht um ein Werturteil! Auch die erweiterte Version wirkt ja auf Anhieb überzeugend, weil der Sänger die große Bühne zu nutzen versteht. Wenn man also die Aufgabe angeht, in einer „fremden“ Musik sinnvoll zu differenzieren, statt sich einfach hinreißen zu lassen (was auch eine sinnvolle Verhaltensweise sein könnte), sollte man sie für sich präzisieren: wie gelingt die Erweiterung,  wieviel Abschnitte gibt es eigentlich, und was ist letztlich aus unserm inzwischen vertrauten „Sharfadinah“ geworden?

Tatsächlich ist das Lied „Sharfadinah“ hier keine zwei Minuten lang, ab 1:51 klingt es aus, und bei 1:55 geht Keivo kunstvoll zu einem anderen Motiv über: es gehört zu dem kurdischen Tanzlied „Khanemeh“ (das auf Keivos Solo-CD in Tr. 8 „Dabkeh from Al-Jesireh“ als zweites von 4 Stücken enthalten ist). Es wird nur angedeutet, wie eine Erinnerung, mit einer gesprochenen Bemerkung, unter der bereits die Ney-Flöte ab 2:02 mit einem melismatischen Solo beginnt, das einen anderen Maqam anklingen lässt (Hijaz). Neuer Gesangseinsatz bei 2:37. Hier handelt sich um einen „Yesidi epic song“, überschrieben mit  „Dalal Darwish Abdi“ (auf Keivos Solo-CD Tr. 9, identischer Einsatz bei 0:22), hier ab 3:01 unterbrochen von der Flöte, bis 3:13 im vorher schon angestimmten Maqam, erregte Stimmung, vom Sänger fortgeführt bis 4:02 (= Übergang zum neuen Motiv), Rhythmus setzt ein. Melodie (mir) unbekannt. Bis 8:16 (Gen.pause). Weiter (anderer Rhythmus, andere Melodie)  – Ney-Improvisation (fremde Maqam-Anklänge) 9:52 bis 10:42 – alle frei – uferlos – Melodie bleibt – Temposteigerung bis Schluss + Auslauf (13:49).

Ich zähle also mindestens 5 selbständige Melodien und dazu die maqambezogenen Ney-Improvisationen, das heißt etwa 8 Abschnitte.

Ibrahim Keivos Solo-CD auf jpc (mit Anspielmöglichkeit der einzelnen Titel): HIER. (Achtung: noch nicht überprüft, da ich mit den Titeln so gearbeitet habe, wie sie auf Spotify aufgelistet sind. Irrtum nicht ausgeschlossen.)

Spotify Screenshot 2017-03-13 11.09.23 Spotify Screenshot

Die Vorarbeit ist noch lange nicht beendet. Aber ob überhaupt jemand den kleinen Hinweis entdeckt? Dann sitze ich zumindest als gut vorbereiteter Hörer im 18-Uhr-Konzert. Jedoch: Einführung ist um 17 Uhr, wenn sie denn gewünscht wird…

Syria Keivo + Einführung

Und auf jeden Fall werde ich den folgenden Text vorlesen, auch im leeren Saal:

Sharfadina – „Der heilige Prophet“

Aus der religiösen Tradition der Yesiden, wie sie während der Zeremonien im Lalish-Tempel vorgetragen wird, dem Pilgerziel aller yesidischen Gläubigen in der Welt. Der Tempel von Lalish liegt in der Nähe von Mossul.

Der Gesang evoziert ein Gespräch zwischen der Mutter und dem großen Yesidi-Propheten.

„Oh sanfte Mutter! Im Namen Gottes und seiner allmächtigen Stärke, erzähle mir, wie der Yesiden-Sultan im Universum erschien.“

Die Mutter ruft laut: „Was soll ich sagen, es war wie ein morgendlicher Albtraum, aus dem ich erwachte mit einem furchtbaren Schrei um Hilfe.“

„Was hast du gesehen?“

Sie fuhr fort: „Der Prophet Yezid erschien mir in jedem und jeglichem winzigen Teil des Universums … in der Wüste, in der Weite des Meeres, in den Dörfern und in den Städten, ein schimmerndes Licht, das über allem lag.

Schau hinauf, der du unser Prophet bist! Du bist weder groß noch klein an Gestalt… aber in all deiner Stärke und Vollkommenheit.“

Hier fuhr der Yeziden-Prophet fort, meine Mutter zu fragen: „Was für ein erschreckender Morgen… Ich bitte dich und frage dich im Namen dessen, der Tag und Nacht schuf: wer ist mein Vater? Sprich und sage es!“

Die Mutter sagt: „Dein Vater ist Tawoos Malek, der König der Könige, sitzend auf dem Thron von Zeit und Raum… alles ist unter seinem Befehl … und sein großer Tempel, Lalish der Leuchtende, wurde auf seinem Namen errichtet.“

Aktuelles in Kürze (2)

Zukunftsperspektive

Ich beziehe mich auf den vorigen Beitrag mit gleichem Titel (hier).

Dort hatte ich u.a. eine längere Passage von Richard David Precht zur aktuellen gesellschaftlichen Lage wörtlich zitiert (dargelegt in einem Gespräch mit Nikolaus Blome).

Offenbar referierte er damals aus seinem Buch „Die Zukunft der Arbeit“, das im Gespräch mit Markus Lanz vor zwei Tagen (am 9. März) wieder zu ausführlichen (interessanten!) Erörterungen und Prognosen führte. Wer es also lieber hört statt liest, kann es HIER ab 33:10 nachholen. Auch das vorhergehende Gespräch mit Edzard Reuter (unter Beteiligung von Precht) über die Verhältnisse in der Türkei ist hörenswert.

Übrigens findet man unter dem Titel „Zukunft der Arbeit“ bereits seit dem 19.10.2014 Sendungen (auch auf youtube abrufbar s.u.), z.B. ein Gespräch mit Sascha Lobo:

Wirklich neu erscheint mir das, was ich im folgenden verlinke, um es regelmäßig zu verfolgen (ich verdanke es dem Hinweis im Presserundbrief von Berthold Seliger (s.a. hier), der selbst mit einem schönen Beitrag über Konvention in der Klassik u.a. vertreten ist):

ZITAT

Selbsterwähnungsbusiness III:
In der soeben erschienenen März-Ausgabe der sowieso großartigen und einzigartigen österreichischen Zeitschrift „Versorgerin“ steht mein Artikel „Weltzustimmungsmusik. Über Musik, die gänzlich Konvention sein will und nichts anderes“ (das Schwerpunktthema der Ausgabe ist „Konventionen“). Auch schon online. –

Soweit das Zitat aus dem Presserundbrief von Berthold Seliger, dessen Empfehlung ich mich anschließe, insbesondere auch aufgrund des Artikels von Felix Riedel: Untergangsriten. Zum Relativismusproblem nicht nur in der Ethnologie. Direkt: Hier.

Das private Blog-Angebot von Felix Riedel, das einen durchaus viel Zeit kosten kann, findet man HIER.

Und da auch ich mich ein wenig im Selbsterwähnungsbusiness übe, weise ich – halb incognito – heute noch auf das Festival in der Hamburger Elbphilharmonie hin, das allerdings längst ausverkauft ist:

»Salām Syria«: The Voice of Ancient Syria

HIER Klassische und traditionelle arabische Musik (Einführung JR) oder … besser Hier ?

Ein Beispiel:

WAS TUN?

Hören! Hören! Hören! (Ignorieren Sie die deutschen Infos, die youtube einblendet!)

Das Wort, das der Sänger immer wieder ruft und singt, ist „Sharfadinah“ – „Der heilige Prophet“. (Es geht mir nicht um die Vermittlung einer Religion, sondern um die Wahrnehmung der musikalischen Überzeugungskraft, – wie stark die bloße Musik durch die Rhetorik dieses Sängers ist! Daher zu Beginn nur phonetisch, nicht inhaltlich.)

Versuchen Sie doch, auch den weiteren Text (siehe unten) akustisch zu „entziffern“ und melodisch zuzuordnen, – das erste Wort Makeh beginnt nach den „Auftakt-Signalen“ (0:50) bei 1:18. Nach keniani (Ende 3. Zeile) folgt Sharfadinah, Sharfadinah genau ab 1:28.

Nächste Zeile ab maka (1:33), nächster Komplex 3 Zeilen bis  gazineh (dies Wort 4mal) gefolgt von Sharfadinah, Sharfadinah genau ab 1:44 (sehr leise). Als Refrain bis 2:42 incl. Zwischenspiel. Neuansatz (unvermittelt) mit der Zeile Ayezid kerbo kawnan okara bei 2:43. Ab hier mit Interjektionen, Pausen, Wiederholungen bis detchena (3:30), gefolgt von Sharfadinah, Sharfadinah genau ab 3:31(leise). Wie ein Refrain bis 4:41 incl. Zwischenspiel. Neuansatz mit der (viertletzten) Zeile tchehsbaki jekhawlaia sultan Ayezid ab 4:42. Wiederum mit Interjektionen, Pausen, Wiederholungen (lalesh, lalesh) bis Ende des Textes bei 5:21 (avaya) und Sharfadinah, Sharfadinah plus Text-Wiederholungen (?) und zum Ausklang wieder Sharfadinah, Sharfadinah (kurz), Ende bei 5:57.

Keivo Sharfadinah Text Teil 1 Keivo Sharfadinah Text Teil 2

Wenn die melodisch-textliche Struktur klar geworden ist, kann man fortfahren mit der nächsten Aufgabe (dem nächsten Vergnügen) im folgenden Blog-Eintrag, überschrieben mit Sharfadinah usw. – wobei das usw. besonders interessant wird.

Nachtrag

Natürlich möchte ich nicht im Ernst den inhaltlichen Hintergrund des Liedes unterschlagen: es stammt aus der Überlieferung der Jeziden, über die man sich bei Wikipedia informieren kann. Auch die Bedeutung des Wortes Lalesh oder Lalish wird dort geklärt. Der nächste Beitrag soll sogar mit einer linearen Übersetzung des Liedes enden.

Der lebendige Zugang zu diesen Musiken, ihre Präsenz auf Tonträgern ist letztlich Michael Dreyer zu verdanken, dem Organisator des Morgenland-Festivals in Osnabrück und Kurator des Syrien-Schwerpunktes in der Elbphilharmonie Hamburg. Meine Bemühungen hier im Blog gelten allein der musikalischen Struktur, – ohne jeden Anspruch auf echten Durchblick. Nur ein Versuch mehr zu hören…

Vor allem möchte ich der üblichen Ausrede den Boden entziehen: man müsse erst den Text verstehen, ehe man mit der Musik etwas anfangen kann. Das gilt hier ebenso wenig wie bei Schubert.

Nachtrag post factum

 Die Veranstaltung hat stattgefunden, auch die Einführung. Es fühlte sich aber alles etwas anders an. Eine subjektive Einordung könnte noch folgen, heute nur zwei  Beweisfotos.

JR in HH 170318 In der Elphi, Kleiner SaalHH Aida 170318 Düsterer Blick aus Hotel Hafen Hamburg

Schubert und das lebende Bild

Schubert Kupelwieser

Vorne sitzt Schubert, mit der linken Hand auf der Tastatur des Flügels. Oder? Was trägt er bei zum Spiel? Was geht hier überhaupt vor? Der Maler gehört zum engen Freundeskreis, es handelt sich um ein authentisches Bild, was kann es Wertvolleres geben? Manche mögen es als ein albernes Spiel abtun, – so vertrieb man sich halt die Zeit, in einer Zeit, als es noch kein Fernsehen gab. Aber nichts ist albern, nichts unwesentlich, wenn es um Schubert geht. 1997 (zum Schubert-Jahr) hat man dies Bild als Vorlage einer Briefmarke verwendet: wurde Schubert dem Volk dadurch näher gebracht. Wäre das überhaupt wichtig?

Ich habe es kennengelernt in einer Zeit, als es (von mir und den Präsentatoren) kaum wichtig genommen wurde, und zwar in einem Ausstellungskatalog, in dem es folgendermaßen beschrieben wurde:

Schubert-Scharade Text a

Heute stören mich die sprachlichen Fehler: es gehörte nicht „scheinbar“, sondern wenn schon, dann „anscheinend“ zu den beliebten Unterhaltungen nicht nur der Schubertianer, sondern wohl der Schubert-Zeit. Und worin der Spaß lag, sollte wenigstens andeutungsweise zum Vorschein kommen. Warum schauen alle so ernst und sinnend?

Das Wort (S)charade führt schon etwas weiter (in den 80er Jahren hätten gewiss nur aufwändigere Recherchen geholfen). Man findet einiges bei Wikipedia hier. Zusätzliche Hinweise gibt es unter dem Stichwort Tableau vivant. Und schließlich kann man noch ein wunderbares Buch durcharbeiten, das die Universität Heidelberg ins Netz gestellt hat: LEBENDE BILDER Körperliche Nachahmung von Kunstwerken in der Goethezeit. Von Birgit Jooss (Berlin 1999), HIER.

Auch im Bildanhang des großen Schubert-Buches von Peter Gülke (Laaber 1991 – Pflichtlektüre!) ist das obige Kupelwieser-Aquarell wiedergegeben. Mit erläuternder Notiz (die allerdings unter das Bild auf der Gegenseite geraten ist), darin der Satz: „Schubert sitzt daneben, am Klavier. Diese Situation findet sich nicht nur auf dieser Darstellung.“ Ich halte das für eine Fehlsuggestion. Schubert sitzt in diesem Fall noch weniger „daneben“ als alle anderen, die z.T. ähnlich in Nachdenken erstarrt sind wie er. Vor allem der Mediziner und Philosoph Philipp Karl Hartmann, der hinter dem Flügel steht (sich aufstützend, nicht „lehnend“, wie in der Bildunterschrift erwähnt), die linke Hand in sinnender Pose über den Mund gelegt.

Das Bild bleibt ein Rätsel: auch wenn man weiß, dass es sich um die Darstellung des Sündenfalls handelt, – so dass die Deutung von Baum, Schlange, Adam und Eva sowie dem Cherub mit dem Schlangenschwert wohl zutrifft -, bleibt die Frage, ob hier ein reales Kunstwerk nachgestellt wird, aber vor allem: warum alle beteiligten Personen so ernst schauen, als ob sie nachdenken oder noch auf etwas warten. Ist Kupelwieser als Baum keine komische Figur? Niemand lächelt. Wissen die anderen, nicht direkt Beteiligten noch gar nicht, was die unbewegliche Gruppe bedeutet? Der Satz „Rechts vorne sitzend Joseph v. Spaun und unter ihm stehend Anton Freiherr v. Dobelhoff“ muss wohl korrigiert werden durch „über ihm stehend“, vor allem aber wäre interessant, was er da zu tuscheln hat, während alle andern schweigen. Oder – im Gegenteil – hat er gerade innegehalten, um ebenfalls zu überlegen, wie es weitergeht? Nein! beide Männer sind auf die Dame im rosa Kleid konzentriert, die ihnen zugewandt sitzt. Ich glaube, es ist kein Spiel, sondern eine Bildungsangelegenheit. Vielleicht stellen die scheinbar unbeteiligten Zuschauer(innen) auch etwas dar? Und die Dame und der Herr hinter der Sündenfallgruppe, was tun sie? Der Herr schaut in den Hintergrund, in die Ecke, wo der „Säulenheilige“ steht, der – mit dem Schrubber in der Hand, was soll das? Vielleicht eine Ersatz-Sichel oder -sense in der Hand des Merkur, der für die Vergänglichkeit zuständig ist? Gruppe aus dem Tartarus fällt mir ein, und Zerberus (Kerberos), der dreiköpfige Hund, der sich vorm Eingang der Unterwelt herumtreibt. Ich wage kaum darauf aufmerksam zu machen: Hinter Schuberts Stuhl sitzt ein Hund, nicht mit drei Köpfen, aber immerhin… Vermutlich war Kupelwieser ein ziemlich hintersinniger Maler. Die Geschichte ist noch lange nicht zuende…

Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens. (Moses I „Genesis“ Kapitel 3, 24)

„Gruppe aus dem Tartarus“ hören und Schillers Text lesen: HIER. Zum Cocytos hier. („Vollendung“ = ob es noch nicht vorüber sei…)

Fragen sich einander ängstlich leise,
Ob noch nicht Vollendung sei!
Ewigkeit schwingt über ihnen Kreise,
Bricht die Sense des Saturns entzwei.

Schubert Tartarus Ende

Ja, wenn da nicht der letzte Akkord wäre, hätte Schubert etwas Ähnliches mit der linken Hand zur Untermalung spielen können…

(Fortsetzung folgt)

Felsenfest

Felsenfest ab

Felsenfest c

Felsenfest bb

Felsenfest b

Felsenfest d

Felsenfest bc

Felsenfest Mozart 4 Personen, die sich unterhalten…

Nicht vergessen: Brahms über „Wann der silberne Mond durch die Gesträuche blinkt und sein schlummerndes Licht über den Rasen streut und die Nachtigall flötet“… dazu Gottfried Benn über die Entstehung einer zweiten Strophe (in den Statischen Gedichten).

Virtual Reality und Mozart im Kopf

„Bilder in einer Welt ohne Rahmen“

Die Idee jedenfalls, Mozarts virtuelle Realität der Musik, beispielsweise das unbegreifliche Streichquartett KV 499, sie lag ziemlich nahe, als ich den anregenden Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen hatte: er ist zweigeteilt, betrifft zunächst eine Ausstellung, die nur noch bis 8. März in Basel zu erleben ist, im Mai aber z.B. auch in einer neuen VR (Virtual Reality) – Abteilung im NRW-Forum Düsseldorf, sie heißt: „Die ungerahmte Welt. Virtuelle Realität als Medium für das 21. Jahrhundert“. Und betrifft des weiteren die Ausstellung „Unter freiem Himmel. Landschaft sehen, lesen, hören.“ In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, bis 27. August.

JR Reizthemen März 17

Bei Mozart – mit Kopfhörern auf den Ohren, hatte ich mir Gedanken gemacht, ob oder wie man diese Welt aus Tönen, deren Zeuge ich immer wieder werde, nicht in Worte fassen könne. Und zwar nur so, dass ein zweiter Mensch, der vielleicht keine Noten zu lesen vermag, – das Geschriebene kann einen ja auch enorm beschäftigen und (ja!) ablenken (man glaubt musiknah analytisch tätig zu sein, in Wahrheit zerteilt man seine lebendige Aufmerksamkeit) -, also ich meine: dass ein anderer inspiriert wird, diesen 4 Stimmen, den instrumental maskierten Persönlichkeiten, Melodien, Themen, Motiven, Geweben adäquat zuzuhören. Was auch immer das ist: „adäquat“. (Lassen Sie sich in dieser Frage nur nicht von Adorno einschüchtern!) Was bedeutet es denn, einem Fußballspiel adäquat zuzuschauen?

Nebengedanke:

Eine adäquate Aufgabe für den virtuosen Notenleser könnte sein, ohne Kopfhörer, ohne real klingende Musik, die Musik in der Imagination ablaufen zu lassen, aber wirklich den vollen Klangverlauf, nicht einfach den Melodiestimmen folgend, sondern alles Gleichzeitige zugleich wahrnehmend, eine Riesenaufgabe, gerade für Musiker, die bekanntlich auch im Alter – wie Beethoven schon viel früher – das Pech haben können, ihr Gehör zu verlieren. Akustische IMAGINATION aber kann man rechtzeitig üben, so wie in alter Zeit die meist allzu manuell verstandenen Etüden. Inneres Hören.

Dies nur vorweg, um in Erinnerung zu rufen, dass wir Musiker schon seit Menschengedenken mit virtuellen Welten gearbeitet haben, die plötzlich als moderne Errungenschaft der bildenden Künste behandelt werden. Nun versuchen sie Bildwerke auf eine Weise zum Sprechen und uns Betrachter zum mentalen Interagieren zu bringen, wie es in der Musik seit Jahrtausenden üblich ist. Und in einer modernen, lauten, „reizüberfluteten“ Welt muss man – so scheint es – künstliche Mittel zuhilfe nehmen: wenn man an die Präparation der Hörenden durch das Duo Levit/ Abramović denkt. Siehe hier. Da müsste man allerdings auch daran erinnern: selbst nach einer halben Stunde mentaler Ohrenreinigung durch Stille ist die Initiation zu den Goldberg-Variationen mitnichten gegeben. Es sei denn, man kennte sie längst detailgenau.

Ich memoriere ein wenig den FAZ-Artikel von Ursula Scheer:

ZITAT

Die VR-Kunst könnte sich als größte Veränderung des künstlerischen Bildraums seit Vasaris Zentralperspektive erweisen, denn sie stellt den Betrachter nicht mehr vor eine visuelle Illusion, sondern mitten in diese hinein. Das haben schon Panoramen, Dioramen und Linsenstereoskope versucht, die man vorzugsweise einsetzte, um Momente der Historie, touristisch reizvolle Orte oder spärlich bekleidete Frauen in Szene zu setzen. Doch erst die digitalen Brillen der Gegenwart können glaubhaft in Gegenden entführen, die es nur virtuell gibt. Der Rahmen fällt weg, und mit ihm verschwindet jede Distanz, fürchten Kritiker, die hinter der Technik einen Jahrmarkt der Emotionen fürchten.

Immersion heißt das Eintauchen in den virtuellen Raum im Jargon, und es liegt nahe, dass sich die VR-Künstler zunächst darauf konzentrieren eben diesen Raum zu gestalten. Virtuelle Kunst ist vielfach Landschaftskunst (…).

ABER:

Es ist oft sehr einsam in den virtuellen Welten. Wenn man eine(n) Schritt zu weit nach rechts oder links wagt, zeigt ein ungnädig aufscheinendes Gitter, wie begrenzt sie sind. Der Rahmen ist mitnichten gesprengt, er ist der Bilderwelt nur inhärent. Endlich sind auch die Möglichkeiten der Interaktionen. VR hat etwas Klaustrophobisches. (…)

Quelle Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Februar 2017, Seite 11: Bilder in einer Welt ohne Rahmen Eintauchen in künstliche Welten, sie erleben und formen – was die virtuelle Realität verspricht, geht nicht ohne eine alte Technik: das Erzählen. Fensterblicke in aktuelle Ausstellungen und das Internet. Von Ursula Scheer.

Zum Thema siehe auch HIER. http://www.peertospace.eu/

oder auch hier bzw. durch Klick unten:

Die ungerahmte Welt

Es gibt, so heißt es später in Ursula Scheers FAZ-Artikel, ein grundlegendes Problem. Ich zitiere noch einmal:

VR kann schrecklich langweilig sein. Weil es nicht reicht, einen Menschen an einen Ort zu versetzen. Der Ort muss eine Geschichte erzählen, er muss ikonographisch gesättigt sein, und das in einer dramaturgisch sinnvollen Chronologie.

Dann kommt die Autorin auf die andere (Karlsruher) Ausstellung zu sprechen, in der tatsächlich Texte eine besondere Rolle spielen.

Vor acht Bildern, so die Aufforderung, soll man sich als Besucher seine eigenen Gedanken machen. Vor den übrigen darf man per Audioguide den in Gedichte, Essays oder Kurzgeschichten gefassten Gedankengängen zum Bild von Anita Albus, Cornelia Funke, Arno Geiger, Peter Härtling, Brigitte Kronauer, Friederike Mayröcker und anderen lauschen – oder diese im Katalog nachlesen, dem eine Audio-CD beiliegt. Das Narrativ der Bilder wird sprachlich potenziert, und so öffnet auch dieses multimediale Projekt einen virtuellen Raum: Nicht im Bild selbst, sondern im menschlichen Vorstellungsvermögen. Und das ist bekanntlich grenzenlos, ganz gleich, ob der jeweilige Autor nah am Bild bleibt oder kühn mit einer Bildidee ausbricht.

Meiner Ansicht nach zeigt sich die Problematik dieser Sehweise, sobald man sie auf die Musik zu übertragen sucht: die Musik – zumindest die erwähnte von Mozart – beansprucht den Zuhörer vollkommen, zumindest wenn man sie in jedem Detail ernst nimmt und sie sich gewissermaßen mimetisch „anverwandelt“. Warum sollte das bei einem Bild nicht ähnlich sein? Oder besteht der Trick darin, dass ein Narrativ zum Bild einen zwingt, länger zu verweilen, mehr zu sehen, mehr auf sich einwirken zu lassen, dem bloßen Bild eine zeitliche Komponente einzufügen: die einen schlicht hindert, allzu früh weiterzuwandern. Wie wäre es, wenn der Maler seinem Bild einfach eine Vorschrift beifügte, wie lange es zu betrachten sei? Gewiss unerträglich. Auch zu puristisch gedacht: als ob die Dauer der Betrachtung automatisch sinnvolle und zum Bild passende Gedanken produziert. – Und so ist es kein Wunder, dass der Artikel uns mit einem Segen der Freiheit entlässt, zu dem ich mich im Fall Mozart nicht entschließen könnte. (Zu schwierig ist es, die Freiheit Mozartscher Musik wirklich zu erfahren, außer durch gute Kenntnis der klassischen Sprache und durch ungeteilte Aufmerksamkeit.)

Die virtuelle Kunst nimmt für sich in Anspruch, erstmals für jeden Betrachter ein individuelles, unwiederholbares Kunsterlebnis zu schaffen. Wie wer was in welcher Reihenfolge im virtuellen Raum betrachtet und erlebt, ist unvorhersehbar. Das Kunstwerk entsteht erst durch den „User“. Doch was im Kopf und Herzen eines Menschen vorgeht, der ein Bild betrachtet, ist ebenso unabsehbar. Wir werden in den virtuellen Welten heimisch werden, weil wir seit jeher in ihnen leben.

Quelle Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Februar 2017, Seite 11: Bilder in einer Welt ohne Rahmen Eintauchen in künstliche Welten, sie erleben und formen – was die virtuelle Realität verspricht, geht nicht ohne eine alte Technik: das Erzählen. Fensterblicke in aktuelle Ausstellungen und das Internet. Von Ursula Scheer.

Nochmals also die Quelle, und noch ein Link zum Weiterarbeiten und Termine machen…

http://www.kunsthalle-karlsruhe.de/de/ausstellungen/unter-freiem-himmel.html HIER