Kurze Bollenkamerwandeling

Das Wesentliche ist unbeschreiblich

Der kleine Punkt auf dem linken Teil des Weges, ganz hinten, das bin ich:

Aus dem Waldstück dahinten hörte man die ganze Zeit, während wir uns näherten, den Kuckuck. Ohne Ende. Herrlich törichte Töne. Als wir dort ankamen: nichts als Wind und wispernde Kleinvögel.

Unversehens taucht aus den Dünen – mal hier mal dort – die winzige Turmspitze der Kirche von Den Hoorn auf. Wir befinden uns im Territorium der Großen Brachvögel. Mindestens einen hört man unverwandt schreien, manchmal mehrere. Der heftige Glissando-Ruf, aufjagend im Rahmen einer Quarte oder verminderten Quint, lässt sich leicht nachahmen, und wir haben den Eindruck, dass die Vögel bald über uns kreisen, um nach dem Urheber der unbekannten Pfiffe Ausschau zu halten, es wurde auch merklich stiller da oben. Nur vom Boden, aus der Ferne, war noch ein mächtig anschwellender Balzruf zu hören. Unnachahmbar. Ich sollte mich schämen.

Der Abend klingt aus beim Blick auf ein ziemlich aufgewühltes Meer. Wenn ich mich nicht irre, stehen da auch leere Weingläser auf dem Tisch. Verdejo im Paal 9. Meine Tonaufnahmen hatten nur das heftige Geräusch des Windes und vor allem die eigenen Pfeifversuche festgehalten.

Ich habe mir eine neue App aufs Smartphone runtergeladen, die wird mich auch morgen wieder beschäftigen: die App „Flora incognita“. Heute früh hatte sie mir im Handumdrehen den Namen Wiesenkerbel mitgeteilt, den ich vor Jahren hier mühsam erkundet habe. Bei den Zistrosen (?) oben hatte ich kein Glück mehr: der Akku war leer.

vorher nachher

Alle Fotos: E.Reichow

Das folgende Vimeo hier stellt allerdings alles in den Schatten, was man an einem bestimmten Tag des Jahres in einer bestimmten Stunde erleben kann. Und doch ist es genau diese Stunde, die man nicht vergisst.

Die Insel Texel kehrt des öfteren wieder in diesem Blog: wann hat es begonnen? Vielleicht hier? Oder hier? Und u.a. auch noch hier?

Am Tag danach: beim Paviljoen Kaap Noord

Sehen, Hören und

und was als Drittes?

Man stelle sich vor, wenn einem Hören und Sehen vergeht, – was bleibt? (Hoffentlich). Es gibt einen Artikel in diesem Blog, den ich anklicke, um mich zu erinnern. Gestern habe ich allerdings einen Fehler gemacht, und habe oben in das Suchfeld Hariri eingegeben (statt Harari). Und tatsächlich: die Makamen des Hariri wären lesenswert. Hier aber ging es mir um das Atmen, über das ich mich damals im Dezember gründlicher informieren wollte. Nein, ich wollte mir einfach dessen wieder bewusst werden. Hatte ich nicht gelesen, wie es Stockhausen erging? Als er Mary Baumeister mitteilte, er habe eine neue Methode des Atmens gefunden, lebte er nicht mehr lange. Das Risiko muss ich eingehen, zumal ich nicht mit Genialität vorbelastet bin.

Mir genügt es, das Meer zu sehen oder in der anderen Richtung einen hochbegabten Hund, der fotografiert wird, und wenn ich mich selbst auf einem Foto von hinten sehe, denke ich nicht, was Sie vielleicht denken, sondern weiß, dass ich in der Hand mein Huawei-Smartphone halte und den wunderschönen Gesang einer Drossel aufnehme. (Eines Tages werde ich ihn hier, an dieser Stelle, zum Abhören bereitstellen.) An etwa derselben Stelle, im Garten des Restaurants Worsteltent, haben wir zu anderer Jahreszeit schon mal eine Schwarzdrossel beim Beerenverzehr abgelichtet.

Ich schaue und höre, lese und übe, und nun soll ich dabei auch noch meine Atmung kontrollieren? Wer unterbricht mich, wenn ich nur döse, wer hilft mir, wenn ich mich dumm anstelle? Ich könnte sogar störrisch reagieren und behaupten, alles was ich zum Atmen brauche, finde ich genauso im Internet.

Zum Beispiel hier ? oder hier ? – natürlich auf eigene Verantwortung. Und dürfte es anderen nicht einfach weiterempfehlen, als sei ich ein Arzt. Das Buch, das ich lese, erzählt von allen Themen, die mit dem Atmen zu tun haben, und zwar so erschöpfend, dass ich mich schäme, den Atem immer nur mit dem Singen zusammengesehen zu haben. Trotz Yoga. Dabei habe ich vor Jahren mal vergeblich nach kompetenten Büchern gesucht. Eine Art Atemphilosophie. Das Standardwerk von Leo Kofler schien mir zu langweilig. Aber der Anfang war gemacht, damals im Januar 2008, – nur von dem „blöden Organ“, wie Roland Barthes die Lunge nannte, musste ich loskommen, siehe Fundstücke Nr.28 hier. Am Meer begreift man zunächst einmal, dass das Atmen wichtiger ist als das Singen.

Das Buch, von dem ich rede, liegt vor mir auf dem Tisch:

Jessica Braun: ATMEN Wie die einfachste Sache der Welt unser Leben verändert / Kein & Aber AG Zürich – Berlin 2019 ISBN 978-3-0369-5798-2

Auch der oben genannte Kofler kommt drin vor (Seite 180), übrigens: nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Philosophen. Im Anschluss daran die Namen Schlaffhorst und Andersen, die auch mit einschlägigen Übungen auf Youtube zu finden sind.

Es gibt einen Grund, weswegen ich das Buch vielleicht nicht gekauft hätte, wenn ich, in einer Buchhandlung stehend, es hier und da angelesen hätte: ich mag nicht, wenn die Kapitel erzählend beginnen, wie ein SPIEGEL-Artikel (Enzensberger hat diesen Stil schon Ende der Fünfziger Jahre in „Kleinigkeiten“ beschrieben). Etwa wie im Kapitel 4. „Es liegt was in der Luft“ Seite 56:

An einem heißen Tag kurz vor Weihnachten stand ich auf dem Holzsteg, der in den Lake Clifton ragt. Ein Freund hatte mich hingebracht, um mir die Trombolithen zu zeigen: ein scheinbar endloser Uferstreifen perfekt gerundeter Steine, über die blaugrünes Wasser schwappt.

Ich habe lieber ein Sachbuch, das rein sachlich daherkommt, so knapp wie möglich, nicht ausladend einladend, wie ein Abenteuerroman. Aber kurze Zeit später hätte ich nicht mehr losgelassen:

Ich las, was auf der Tafel stand: „Vor Millionen Jahren produzierten die Vorfahren dieser Trombolithen den für das Leben an Land notwendigen Sauerstoff.“ Es war, als würde ich aus dem Bild herauszoomen, könnte einen Blick auf das größere Ganze werfen. Ohne Sauerstoff gäbe es nämlich weder den zwischen den Trobolithen herumstaksenden Reiher noch das im trockenen Uferlaub werkelnde Possum oder den Spaziergänger mit seinem Labrador, der uns auf dem Weg zum Steg gegrüßt hatte. Selbst der Wald, durch den wir zum See gewandert waren, braucht Sauerstoff.

Hier hätte ich nicht mehr stoppen können, vielleicht hätte ich nur noch zwischendurch auf dem Smartphone nachgeschaut, was ein Possum (aha! Australien!) ist, aber dann weiter im Text. Ich fühle mich gern überlistet. Ein anderes Beispiel: in der Frage, was ein Muskelkater ist, hätte ich mich vielleicht zufriedengegeben mit dem alten Vorurteil: ein gutes Zeichen, der Körper merkt, dass er neue Muskeln bilden soll. Hier beginnt die Wahrheit auf Seite 96 mit dem Wort „Adenosintriphosphat, kurz ATP“, und ich lese trotzdem gespannt weiter, es geht darum, wie der Körper ins Meer eintaucht.

Wie schnell die Ermüdung eintritt, hängt von der Sauerstoffmenge ab, die der Körper aufnehmen kann. Kommt Bewegung in die Beine, signalisieren Sensoren dem Atemzentrum: Mehr Luft! Dessen Neuronen treiben die Atemmuskeln an: Zuerst zieht sich das Zwerchfell mit jeder Einatmung stärker zusammen. Genügt das nicht, helfen die Treppenmuskeln mit. Ein Atemzug, der sonst vier Sekunden dauert, kann sich so bis zu eineinhalb Sekunden verkürzen. Obwohl dadurch mehr Sauerstoff in der Lunge ankommt (und in Folge der Anstrengung auch mehr Kohlendioxid), verändert sich der Partialdruck dieser Gase dort erstaunlicherweise kaum, solange wir uns auf Höhe des Meeresspiegels befinden. Möglich ist das, weil jeder von uns mit einem überproportionierten Atmungsapparat herumläuft. Jedes Säugetier, egal ob Igel oder Giraffe, hat zwischen 300 und 500 Millionen Lungenbläschen. Deren Gesamtfläche variiert zwar mit der Körpergröße, ist wie diese aber genetisch bedingt: Sie lässt sich nicht wirklich vergrößern. Luft nach oben ist dennoch, zumindest bei größeren Lebewesen wie dem Menschen. Nicht alle unserer Lungenbläschen nehmen auch am Gasaustausch teil. Etliche sind genügend von ihnen aktiviert, diffundieren im Extremfall pro Minute bis zu sieben Liter Sauerstoff von der Lunge ins Blut. Untrainierte nutzen von dieser Kapazität vielleicht die Hälfte. Selbst nach einer Lobektomie, also wenn Lungengewebe entfernt wurde, kann ein Patient soviel Sauerstoff aufnehmen wie zuvor, wenn er sich ausreichend bewegt. Belastung bedeutet in Bezug auf die Lunge nur, die eigenen Möglichkeiten auch auszuschöpfen. Denn in jedem von uns steckt ein zu Atemhöchstleistungen geborener Superheld.

Das höre ich doch gern, muss aber zugeben, dass ich nach dem „Adenosintriphosphat, kurz ATP“ vergessen habe, die Auflösung zum Phänomen Muskelkater zu liefern. Davon nur noch ein paar Zeilen:

Die Atmung beschleunigt sich – das Kohlendioxyd muss raus – während sich das Laktat bei anhaltender Belastung in Muskeln und Blut anreichert. Früher dachte man, dieses sei schuld am Muskelkater. Heute geht man davon aus, dass die Muskelfasern zwar ermüden, weil sie in dem veränderten Milieu nicht mehr optimal arbeiten können. Die Schmerzen am nächsten Tag rühren aber wohl nicht vom Laktat her, sondern von Minirissen in der Muskelfasern. (a.a.O. Seite 96)

Falls meine Zitate interessierte Blogleser zum Kauf des Buches anregen, – was ich gern in Kauf nehme, aber nicht direkt beabsichtigte -, sollte ich doch nach anmerken, weshalb ich vorsichtig wäre, wenn und ob ich das Buch weiterverschenke und vor allem an wen… Zum Beispiel nicht an einen entfernten Großneffen, etwa zur Kommunion, und auch nicht an meine Patentante zum 85. Geburtstag, selbst wenn sie im Luftkurort Bad Salzuflen lebte und sich ernsthaft für das Thema interessierte: ich möchte nicht, dass mich später jemand streng anschaut, als sei ich persönlich der Verfasser des Kapitels über alternative Sexpraktiken und versehentliche Selbststrangulation (Seite 295 ff). Auch die Seiten über den allerletzten Atemzug sollte niemand als Wink verstehen können, dass es nun bald soweit sei.

Ich kann nicht schließen, ohne die kürzesten Übungen, mit denen das Buch endet, zur täglichen oder nächtlichen Beherzigung folgen zu lassen:

EINSCHLAFEN

Legen Sie sich auf den Rücken. Atmen Sie vollständig durch den Mund aus. Spüren Sie , wie Ihr Körper schwer in die Matratze sinkt. Nun atmen Sie durch die Nase ein, während Sie innerlich bis vier zählen. Halten Sie den Atem an und zählen Sie dabei bis sieben. Lassen Sie bis acht zählend den Atem sanft durch die Nase ausströmen. Setzen Sie die Übung fort, bis Sie eingeschlafen sind. Anfangs kann sich die Atempause auf sieben zu lange anfühlen. Passen Sie diese ruhig an, aber versuchen Sie mit jedem Mal üben, ein bisschen länger zu halten, bis auch die sieben angenehm ist.

ATEMSTILLE ÜBEN

Nutzen Sie den nächsten Spaziergang, um Atempausen zu üben. Gehen Sie dafür hundert Schritte in gleichmäßigem Tempo, während Sie den Atem anhalten. Versuchen Sie den Atemreiz vorbeiziehen zu lassen, indem Sie sich auf die Bewegungen Ihres Körpers fokussieren.

Beides hat sich schon bewährt. Aber als ich gestern Nacht die erste Übung fortgesetzt hatte, bis ich eingeschlafen war, wachte ich auf und fragte mich, ob ich nicht doch zu früh aufgehört hatte und nur deshalb wieder aufgewacht bin. Oder ob ich etwas verwechselt habe und mich nun vor nächtlicher Atemstille fürchtete. Heute werde ich mich früher hinlegen, um mehr Zeit zum Üben zu haben. Morgens will ich auf jeden Fall ein großes Aufatmen erleben. (Das ist meine Erfindung. Die Sache mit Stockhausen werde ich nie vergessen.)

Ein Letztes: Das Hyperventilieren am Strand verleitet mich leider zu Scherzen, wie ich sehe; in Wahrheit lese ich in dem großen Buch vom Atmen immer wieder aufs Neue. Und zwar ernsthaft. Eine Quelle der Anregung!

Libellen aus der Nähe

Mit einem Blick auf Metamorphose und Evolution

Ausgangspunkt war ein Artikel in der Zeitschrift NATUR, dann die Kontaktaufnahme mit dem Fotografen der eindrucksvollen Libellen-Fotos. Zu seiner Website geht es hier.

Was ist eine Libelle? Siehe bei Wikipedia hier.

Die Frage: wie ist überhaupt eine solche Metamorphose möglich, dass sich ein Wurm oder eine Larve gewissermaßen in ein völlig anderes Tier verwandelt? Werden Märchen wahr oder gilt auch hier Darwins Evolutionslehre? Dazu ein kurzer Text, der nicht direkt die Libelle betrifft, aber für sie genauso gilt. Ansonsten Bilder von Dr. Ferry Böhme ©, mit Dank für die freundliche Erlaubnis, sie hier wiederzugeben.

ZITAT

Jungtiere stellen wir uns gern als kleinere Varianten der ausgewachsenen Tiere vor, zu denen sei einmal werden, aber das ist bei weitem nicht die Regel. Die Tiere, deren Lebensgeschichte ganz anders abläuft, sind vermutlich sogar in der Mehrheit. Viele Jungtiere führen ein ganz eigenes Leben und sind auf eine andere Lebensweise spezialisiert als ihre Eltern. Plankton besteht zu einem beträchtlichen Teil aus schwimmenden Larven, und ihr Erwachsenenleben wird – falls sie überleben, was statistisch unwahrscheinlich ist – ganz anders aussehen. Die Larven vieler Insekten übernehmen einen großen Teil der Nahrungsaufnahme und bauen einen Körper auf, während sich die erwachsenen Tiere, die schließlich durch Metamorphose aus ihnen hervorgehen, allein der Weiterverbreitung und der Fortpflanzung widmen. In Extremfällen wie der Stubenfliege frisst das ausgewachsene Tier überhaupt nicht mehr, und entsprechend besitzt es weder Darm noch andere aufwendige Verdauungsorgane – die Natur ist stets knickerig.

Eine Raupe ist eine Fressmaschine. Wenn sie mit Hilfe ihrer pflanzlichen Nahrung zur rechten Größe herangewachsen ist, „recycelt“ sie ihren Körper und wird Schmetterling, der fliegt, Nektar als Flugbenzin saugt und sich fortpflanzt. Auch erwachsene Bienen nutzen Blütennektar als Treibstoff für ihre Flugmuskulatur, während sie den Pollen (eine völlig andere Nahrung) für ihre wurmförmigen Larven sammeln.

(Fortsetzung s.u.)

 Alle Fotos: ©Ferry Böhme

ZITAT (Fortsetzung)

Viele Insektenlarven leben unter Wasser, bevor sie als erwachsene Tiere schlüpfen, durch die Luft fliegen und ihre Gene auf andere Gewässer verteilen. Ganz unterschiedliche wirbellose Meeresbewohner leben im Erwachsenenstadium am Meeresboden und heften sich dort manchmal auf Dauer an einer einzigen Stelle fest; die ganz anders aussehenden Larven dagegen verbreiten ihre Gene, indem sie im Plankton schwimmen. Zu diesen Tieren gehören Weichtiere, Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne, Seegurken, Schlangensterne), Seescheiden, viele Arten von Würmern, Krebse, Hummer und Rankenfüßer. Parasiten machen in der Regel mehrere Larvenstadien durch, von denen jedes seine charakteristische Lebens- und Ernährungsweise hat. Häufig sind die verschiedenen Stadien ebenfalls Parasiten, die sich aber verschiedener Wirtsorganismen bedienen. Manche parasitischen Würmer durchleben nicht weniger als fünf getrennte Jugendstadien, und in jedem davon leben sie anders als in allen übrigen.

Das alles bedeutet, dass jedes Individuum die vollständigen genetischen Anweisungen für alle Larvenstadien und ihre unterschiedlichen Lebensweisen in sich tragen muss. Die Gene einer Raupe „wissen“, wie man einen Schmetterling aufbaut, und die Gene des Schmetterlings wissen, wie man eine Raupe entstehen lässt. Zweifellos sind an der Entstehung dieser beiden grundverschiedenen Körper in vielen Fällen genau dieselben Gene auf unterschiedliche Weise beteiligt. Andere Gene liegen ruhend in der Raupe und werden erst im Schmetterling aktiviert. Wieder andere sind in der Raupe aktiv und geraten in Vergessenheit, wenn der Schmetterling entsteht. Aber die Gesamtausstattung mit Genen ist in beiden Organismen vorhanden und wird an die nächste Generation weitergegeben. Was wir daraus lernen können: Wir sollten uns nicht allzusehr wundern, wenn Tiere gelegentlich so unterschiedlich sind wie Raupen und Schmetterlinge, obwohl sich das eine aus dem anderen entwickelt hat. Was ich damit meine, möchte ich genauer erklären.

Märchen sind voller Verwandlungen: Aus Fröschen werden Prinzen, und ein Kürbis verwandelt sich in eine Kutsche, gezogen von weißen Pferden, die zuvor weiße Mäuse waren. Solche Phantasien widersprechen dem Evolutionsgedanken zutiefst. Sie können sich in Wirklichkeit nicht ereignen, und das nicht nur aus biologischen, sondern auch aus mathematischen Gründen. Solche Verwandlungen wären aus sich heraus genau so unwahrscheinlich wie ein vollkommenes Blatt beim Bridge, das heißt, unter allen praktischen Gesichtspunkten können wir sie ausschließen. Dass sich eine Raupe in einen Schmetterling verwandelt, ist dagegen kein Problem: es geschieht ständig, und die Regeln dafür wurden im Laufe der Erdzeitalter von der natürlichen Selektion aufgestellt. Und obwohl man noch nie gesehen hat, wie sich ein Schmetterling in eine Raupe verwandelt, sollten wir uns darüber nicht so wundern wie über die Verwandlung eines Froschs in einen Prinzen. Frösche enthalten keine Gene für die Produktionen von Prinzen. Aber sie enthalten die Gene für die Herstellung von Kaulquappen.

Quelle des zitierten Textes : Richard Dawkins: Geschichten vom Ursprung des Lebens / Eine Zeitreise auf Darwins Spuren / Unter Mitarbeit von Yan Wong / Aus dem Englischen von Sebastian Vogel / S.448 f / ISBN 978-3-550-08748-6 Ullstein Buchverlage GmbH Berlin 2008 /

Zur Metamorphose in der Zoologie bei Wikipedia hier

Ein weiteres Buch zur Ergänzung?

Schnellkurs in Grundgesetz

Übrigens: Warum heißt es nicht Verfassung?

Das gilt durchaus nicht für jede Lanzsendung, und auch nicht für jedes Thema, aber dies war eine Sternstunde des politischen Denkens. 40 Minuten hochinteressante Staatsbürgerkunde.

Beginnen bei ca. 3.00 bis ziemlich genau 43:00 mit den Gästen Ranga Yogeshwar und Hajo Schumacher (sehr empfehlenswert auch das anschließende Gespräch mit dem Arzt Dr. Tankred Stöbe bis 1:1:15).

 Direkt: hier

Den ZEIT-Artikel über Todesstrafe zur Ergänzung zu lesen? Abrufbar und nachzulesen unter Alard von Kittlitz.

Des weiteren: sehr bemerkenswert die Gedanken von Juli Zeh zum Grundgesetz in der Lanz-Sendung gestern Nacht (22. Mai) HIER Link bis 21.6. abrufbar (danach möglichst durch youtube-Video ersetzen) – Gut auch über Österreich und die neue Rolle des Journalismus: Florian Klenk .

Magische Hände, realer Rhythmus

Kumar Bose und die Geschwindigkeit

Fotos: Harro Wolter (1974)

 1974 in Schloss Kirchheim

Kumar Bose.1974 habe ich ihn das erste Mal gehört, wie hier mit Ustad Imrat Khan, schon damals hatte der Fotograf seine Hände besonders inszeniert, mit indischen Räucherstäbchen. Fast gegen Ende meiner Rundfunkzeit sahen wir uns im Jahr 2000 wieder, beim Festival „Drei Jahrzehnte Indischer Musik im WDR“ im Großen Sendesaal, mit Purbayan Chatterjee und Hariprasad Chaurasia.

Die folgende Aufnahme der „Magical Hands“ stammt aus dem Jahr 2006, und wenn man Youtube glauben will, spielt hier „the best tabla player ever“.

Das Vertrauen in die rhythmische Souveränität der Tabla-Spieler, die im Schatten der größten Solisten agieren, ist grenzenlos; um so interessanter, wenn sie auch einmal ins Zentrum rücken, gewissermaßen entfesselt, und ein zweiter Spieler am Streichinstrument Sarangi oder am Harmonium nur noch für den melodischen Rahmen der Tala-Periode zuständig ist. Dieser Leitfaden aber ist für das rhythmische Verständnis entscheidend, er ist auch Garant des konstanten Tempos. Die Einleitung ist noch frei, sie gibt die Essenz eines Ragas, aus dessen Tönereservoir schließlich diese Lahara-Melodie hervortritt, die sich dann fortwährend (mit Varianten) wiederholt. Ihrer auf- und absteigenden Linie folgt das Ohr mit Aufmerksamkeit, man fühlt die Gliederung der Zeit unwillkürlich mit, ihr Ziel ist immer wieder der Grundton und die Zählzeit SAM (in der Notation rot umkreist), auf der sie mit der Tabla genau zusammentrifft – sofern diese es will und nicht mit Eskapaden beschäftigt ist… Auch das kommt vor.

Der Sarangispieler ist Ramesh Mishra, und seine Einleitung triff ins Herz. Kumar Bose widmet ihm vorweg ein spezielles Lob. Aber mit dem Solo seines Zeigefingers ist klar, wer hier etwas vorführen will. Oder sogar wer wen.

Für westliche „Notisten“ habe ich das Thema aufgeschrieben, damit man die Varianten klarer erkennt und auch die versteckte oder offen demonstrierte Autarkie der Tabla gegenüber dem Zeitmaß beobachtet. Bei 3:42 genau auf SAM, beginnt ein lehrbuchmäßig geklopfter TinTal, schon ab 3:58 gibt es eine leichte Beschleunigung, die wohl unabhängig vom melodischen Flussbett bleiben soll (oder dieses von jener), sie trifft allerdings schon 1 Sekunde vor der Sarangi auf das SAM, bei 4:48. Ich bin nicht sicher, ob es als artistischer Effekt gelten kann oder als kleines Malheur. Bei 5:12 ist das Zusammentreffen klar, bei 5:34 ebenfalls, 5:56 usw., jedoch bei 7:50 fragt man sich wieder, ob der abschließende Aufschlag nicht der Beschleunigung nachgegeben hat. Vielleicht deswegen die (allzu) auffälligen Irritationsschläge, sagen wir, – um desto deutlicher das SAM 8:10 zelebrieren zu können. Usw. usw. – vielleicht bin extra-kritisch, um mich zu üben, aber auch – weil ich etwas voreingenommen bin. (JR)

Korrigierende Anmerkung von Daniel Fuchs (per Mail):

Die „Beschleunigung“ ist keine – sondern ein Aufteilen des Takts in verschiedene Einheiten, 4, 5, 6, 7 , 8 oder so (ich hab’s jetzt nicht genau überprüft, aber so in der Art). Der „Sam vor dem Sam“ bei 4:48 ist so definitiv gewollt. Kein Malheur. – 7:50 naja, nee, eigentlich alles in Ordnung… Das Video ist übrigens geklaut… Das Werturteil eines gewissen „rohanplayz“ ist völlig wertlos…. Als etwas offiziellere (von einem Label veröffentlichte) reine Audioversion gibt es das hier und hier . Einen etwas längeren (auch irgendwo von einer DVD (?) gezogenen) Ausschnitt gibt es hier . Da sieht man übrigens auch, wer im Publikum sitzt…. Anindo Chatterjee, Swapan Chaudhuri, Subhankar Banerjee, Tejendra Majumdar, Ronu Majumdar… Auf dieses Zitat mit „best tabla player ever“ würde ich wirklich verzichten – das hat Null Wert…

Also: für Material und (selbst)kritisches Studium ist gesorgt, Dank an Daniel Fuchs!

Themenwechsel: von Nord- nach Südindien

Ein Kenner beider Stile hatte mir einmal berichtet, was er vor 45 Jahren während seiner Lehrzeit in Indien erlebt hat, und so kam ich erst darauf, nach entsprechenden Youtube-Aufnahmen zu fahnden. Vor diesem Zeitpunkt lag uns aber nur das obige Bruchstück der „Magical Hands“-Aufnahme vor. Die Recherche ist also noch längst nicht zuende… Das Brief-Zitat:

Sie kennen sicher die unglaublich virtuose Darbietung von T.V.
durch L. Subramaniam (Ocora ‚Une anthologie de la musique classique de l’Inde
du Sud’, CD 1, Nr. 22), wo der Geiger diese Temposteigerung durch 15 aufsteigende
Tempi synchron mit dem legendären Mrdangam-Trommler Palghat Mani Iyer in Vollkommenheit präsentiert. Ich erlebte 1973 in Bombay, wie Palghat Mani Iyer während eines unsinnigerweise arrangierten Wettspiels gegen den 92-jährigen Ahmedjan Thirakwa diesen mit einem solchen T.V. durch 32 Tempostufen herausforderte, worauf der alte Meister überhaupt nicht einging; denn sein Forte war nicht Mathematik sondern Klangschönheit und Formenreichtum. Das Hauptthema der indischen Gesellschaft ist und bleibt eben die Hierarchie, was gerade auf der Bühne immer neu bestätigt werden muss. Sarangi-Begleiter sind eindeutig die Underdogs. Daran ändern auch scheinheilige Lobreden nichts. Im untersten Keller sitzen da noch die Tambura-Spieler – inzwischen sowieso meist ersetzt durch elektronisches Gesäusele.

Elly Ameling singt Schumann

Ein Zugang

Wikipedia: Elly Ameling hier, Jörg Demus hier.

Empfehlung für Neulinge: zuerst den Text des Liedes lesen und vergessen, dann die youtube-Aufnahme hören (ich beginne immer mit „Der Nussbaum“ 22, Schöneres gibt es nicht in zwei Jahrhunderten, als Lied überhaupt und mit dieser Stimme). Achtung: falls youtube mit Reklame-Spot beginnt.

10. Widmung op.25 Nr.1 youtube

11. Aufträge op.77 Nr.5 youtube

12. Sehnsucht op.51 Nr.1 youtube

13. Frage op.35 Nr.9 youtube

14. Mein schöner Stern op.101 Nr.4 youtube

15. Schneeglöckchen op.79 Nr.27 youtube

16. Erstes Grün op.35 Nr.4 youtube

17. Er ist’s op.79 Nr.24 youtube

18. Die Sennin op.90 Nr.4 youtube

19. Sehnsucht nach der Waldgegend op.35 Nr.5 youtube

20. Jasminenstrauch op.27 Nr.4 youtube

21. Schmetterling op.71 Nr.2 Youtube

22. Der Nussbaum op.25 Nr.3 youtube

23. Marienwürmchen op.79 Nr.14 youtube

24. Käuzlein op.79 Nr.11 youtube

25. Waldesgespräch op.39 Nr.3 youtube

26. Loreley op.53 Nr.2 youtube

27. Die Meerfee op.125 Nr.1 youtube

28. Der Sandmann op.79 Nr.13 youtube

Heute am 12. Mai 2019 ist nach langer Pause wieder Quartettprobe in Köln-Refrath: Schumann Streichquartett op.41 Nr.1 (bei Viola-Spieler Klaus Naumann, Franzjosef Maier wohnte einst nicht weit von hier).

Nein, jetzt muss ich anders beginnen: eine der ungeheuerlichsten Melodien soll folgen, – man sieht es ihr an: sie kann nicht gelingen, zwei Quintsprünge nacheinander aufwärts, man höre sie nur vor der Folie des Klavierbasses, man denke an einen Stern, den man hoch über sich ins Auge fasst, wie man den Körper nach hinten biegt, und noch einmal weiter zurück. Dort oben leuchtet er. Mein schöner Stern! Es ist nicht zu fassen… Aber er ist 

da!

Oder ist es die Stimme, die diese Töne so physisch berührt, als sei er zum Greifen nah?! Wie das leuchtet! M e i n   s c h ö n e r  S t e r n . Man möchte den weiteren Text gar nicht verstehen – was mit dem Dampf geschieht -, bloß nicht, der Stern ist ein Mensch, anders kann es nicht sein. Klicken Sie gleich auf youtube nach Ziffer 14. (Achtung, falls ein Reklameüberfall beginnt! Bewahren Sie Fassung!) Es ist der vierte Ton, nein, die Verbindung des vierten mit dem fünften Ton, das schneidet direkt ins Herz, ohne real wehzutun. Es ist die Stimme, die kraftvolle, eng vibrierende, der Überschwang, und es ist Schumann. Das hat kein anderer vor ihm gewagt! Die Mittelstimme des Klaviers, die diesen Angang im nächsten Takt nachahmt, während der Gesang mit „ich bitte dich“ fortfährt, und den Spitzenton noch einmal aufnimmt „o lasse du“, um das heitere Licht um so tiefer wirken zu lassen, so könnte man fortfahren und Ton für Ton gutheißen. Mit Worten ist da wahrlich nichts mehr auszurichten… Im Pausentakt der dritten Zeile noch einmal die Sternanrufung im Klavier.

*    *    *

Ich habe immer mehr an einen Strauch gedacht als an einen Baum, an einen Haselbusch von rundlicher Form, wie das weiche Anfangsmotiv des Liedes, so als streiche das Auge darüber. Es sind die Blüten, die flüstern, und zwar eine „leise Weis’“. Das Wort Baum, dachte ich, soll in der letzten Strophe das Wort Traum nach sich ziehen; allerdings wird dann auch gesagt, dass er „rauscht“, was nicht recht zu einem Strauch passt. Aber das Wort Nussbaum habe ich schon immer geliebt, vielleicht auch nur wegen dieses Liedes. Ich habe nicht geahnt, was Märchen und Wikipedia am Beispiel der Walnuss über Symbolik und Volksglauben erzählen, siehe hier.

Es bedarf nur des Klavieranfangs mit der dissonanten Vorhaltdehnung auf dem höchsten Ton, gewiss auch einiger Worte mehr… Der Komponist macht kein Wesen aus dem Binnenreim, der im Druck auffällig hervortritt – Duftig Luftig – Neigend Beugend -, und im Fall „Leise, Weise“ verkürzt er die letzte Silbe sogar durch ein Apostroph. Was er braucht, ist der grazile Daktylus, „es grünet ein Nussbaum“ bis „lächelnd in Schlaf und Traum“ am Schluss, der dem Mägdlein überlassen ist, wie in dem Brahmslied „Von ewiger Liebe“.

Elly Ameling artikuliert die Worte bei weitem nicht so, wie es durch Fischer-Dieskau schlagartig zum Vademecum der Kritik wurde. Ob der Nussbaum vor dem Haus oder vor dem Hag steht, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ob er blätt’rig die Blätter, wie der Dichter schrieb, oder die Äste ausbreitet, wie Schumann verbesserte, es fehlt die leiseste Spur von Wortansatz und Glottisschlag in „Äste aus“, das Wort „gepaart“ wird niemand erraten, denn der Auslaut rrr geht unter. Es mag an der Akustik des berühmten Saales liegen, und das Mikrofon steht eben so, dass sie zum Tragen kommt, und – es ist wunderbar. Das Wunder dieses Liedes geschieht nach der dritten Strophe (1:17) , zunächst im Klavier, indem es anders antwortet als bisher, ritardierend, und dann die Sängerin beim Flüstern von einem Mädchen (das einem hervortretend ohne Glottis, unbeabsichtigt, aber zärtlich) „Tage lang, – wusste ach! selber nicht was.“ Die Träne rinnt. Das ist höher als alle Vernunft. „Wer mag versteh’n so gar leise Weis‘?“ – das weiche Glissando auf „leise“. (Gleich wird der Bräutigam hervorgezaubert.) Da rede nur niemand von herablassender Gender-Sentimentalität. Ich finde es in Ordnung, wenn der Text auch hier nicht zum Fetisch wird. Wie sonst wären wir je an diese musikalischen Wendungen gekommen?

*    *    *

Der Sandmann. Ein Lied, das ich nie im Leben gehört hatte, das ich mir auch in den Noten nicht lange angesehen hätte. Und nun genügt mir ein einziges Wort, das ich sonst kaum verwende: entzückend. Da würde auch ein Kind von heute gerne den Zeitpunkt des Einschlafen ein wenig hinausschieben. Eine Sache der Leichtigkeit und des Vibratoverzichts. Zärtlichkeit. Das Schönste ist, wie Elly Ameling die jeweils letzte Zeile der beiden Strophen singt: „da schlafen sie die ganze Nacht in Gottes und der Englein Wacht“ – das gibt es sonst nur bei Mahler („Wir genießen die himmlischen Freuden“) – aber welche Sängerin kann so ehrgeizfrei zum Ende kommen? Ein wunderbares Kind, sie selber.

Privater Zusammenhang

Ich erinnere mich nicht an diese Aufnahme im Jahre 1967 in Schloss Kirchheim (oder eine mögliche Matinee in demselben Saale), jedenfalls haben wir dort in demselben Jahr die folgende Schallplatte produziert, unter nachhaltiger gemeinsamer Begeisterung für die Sängerin. Im Zusammenhang mit einer anderen Produktion (vielleicht in Esslingen?wahrscheinlich unter Beteiligung der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben) habe ich Elly Ameling mit meinem VW-Käfer ins Hotel Solitude fahren dürfen , sie sprach ein „niedliches“ Deutsch (Krings konnte seine Leute beschäftigen!). Bachs Italienische Kantate habe ich nie vergessen.

Interessant, dass unter den im Text erwähnten früheren Aufnahmen („Weichet nur, betrübte Schatten“) noch Ulrich Grehling als Konzertmeister firmiert. Das letzte Mal habe ich ihn in Esslingen erlebt, da saß Franzjosef noch auf dem Stuhl neben ihm, und ich war vielleicht zum ersten Mal dabei. (Nein, das erste Mal im Collegium aureum war 1966 bei Händels Orgelkonzerten mit Rudolf Ewerhart in Körbecke!).

Vom Aussterben

Warum Alarmismus nötig ist

 2014

Das Motto vor dem Vorwort des Buches:

Oben: Libellenaugen (Foto: Ferry Böhme) – seit 150 Millionen Jahren.

Unten: Dirk Steffens (19:00) (Wiki hier) im ZDF (Markus Lanz):

Erinnerung, wie es bei mir begann, – zuerst ein neues Bewusstsein für das Leben, dann der Blick aufs vorzeitige Ende: 1955 EVOLUTION (s.u. Huxley) 1963 „Der stumme Frühling“ (Pestizide!) hier.

 

Zur Leugnung der menschengemachten globalen Erwärmung HIER (Wikipedia)

Was sagen die sogenannten Klimaskeptiker? Siehe hier.
Zur Beurteilung der Argumente (Stefan Rahmstorf)  hier.

„Klimaskepsis“ bei EIKE (Europ. Institut für Klima und Energie) siehe Lobbypedia hier.

Was ist German Whatch? Hier.

Und was „das Leben“ angeht, kehre ich nach rund 60 Jahren immer wieder zu dem Buch zurück, das in der Tradition des Evolutionisten Julian Huxley steht, und immer wieder zur Besinnung auf die gesamte „Kreation“ bringt, selbst wenn deren Vater vielleicht „Zufall“, deren Mutter vielleicht „Zeit“ heißt:

Die Pflanzendecke

Neue Blicke in den Wildgarten 7. und 9. Mai 2019

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  Nur 1 Biene?

   

PS: Es könnte sich um eine Italienerbiene handeln… siehe hier. Zu den Merkmalen siehe auch hier.

14. Mai 2019 Andere Insekten (Lumix-Fotos)

 Wie heißt das Tierchen?

Auch eine kleine Libelle habe ich wiedergesehen (wie in früheren Jahren), aber sie hielt nicht still. Höchste Zeit, die kürzlich erbetenen Libellen-Fotos eines professionellen Naturfotografen zu zeigen. Sensationell, wie ich finde. Dazu wäre noch ein Text abzuschreiben, der mir die Metamorphose der Insekten (aus dem Larvenzustand zur Imago) evolutionstechnisch erklärt.

Um zwei Tönchen streiten?

Anna Magdalena ist schuld

Zwei wunderbare Interpretationen und doch ein schwerwiegender Unterschied im Notentext. Hören Sie’s? Im letzten Abschnitt der Komposition…

Zur Einführung in die Problemlage des „Urtextes“ (es gibt kein Autograph der Cello-Suiten von der Hand Johann Sebastian Bachs – wie im Fall der entsprechenden Violinwerke – sondern nur eine Abschrift seiner Frau Anna Magdalena sowie eine weitere durch Johann Peter Kellner). Siehe auch NMZ Besprechung der Bach-Ausgaben (Gerhart Darmstadt 2001) hier

Worum geht es mir in diesem Artikel? Der letzte Abschnitt der Sarabande sieht in der alten Bärenreiter-Ausgabe (von August Wenzinger 1950) so aus:

Wenn in der zweiten Zeile statt der hier abgedruckten Version die folgenden Töne (grün eingekreist) gespielt werden, tut mit das weh. Was allerdings kein Grund ist, auf der gewohnten Version zu bestehen. Ich bin kein Cellist und übe das Werk erst seit ein paar Monaten auf der Bratsche; ich hätte keine uralten Gewohnheiten abzulegen, wie im Fall der Schwesterwerke für Violine, wo es einen ähnlichen Dissens gibt.

Jetzt vergleiche man die beiden Abschriften, die vorliegen, zuerst Anna Magdalena Bach, dann Johann Peter Kellner.

 Anna Magdalena Bach Johann Peter Kellner

Die digitalisierte Kellner-Version hat im Leipziger Archiv den folgenden Textzusatz:

Gibt es einen Grund, Kellner weniger vertrauenswürdig zu finden als Anna Magdalena? Woher kommt die Entscheidung, die Version Anna Magdalenas (der – verzeihlicherweise – viele Fehler unterlaufen) zu favorisieren? Fast immer stößt man im Lebenslauf der Cellist(inn)en, die es so halten, auf den Namen von Anner Bylsma, den Übervater aller „historisch informierten“ Barock-Cellisten. Auch mich hat er bei der ersten Begegnung (Collegium Aureum Beethoven Tripel-Konzert 1974 siehe hier) als Künstler und als Mensch vollkommen überzeugt, ja, begeistert. Aber das heißt nichts in Fragen der Wissenschaft!

Im folgenden Film kann man die Noten der Sarabande mitlesen:

Inbal Segev bezieht sich dezidiert auf Anner Bylsma, wenn man einmal in die Quellenangaben unter ihrem Youtube-Video schaut:  “The Fencing Master” and the sequel, “Bach and the Happy Few,” are both must reads if I may say so, written by THE baroque cellist of our time, Anner Bylsma. Andererseits spielt sie nicht die gleichen Töne, die er seine Schüler lehrt, zumindest in Takt 26 hört man zwei verschiedene Versionen:

Und diese Konfusion ist kein Zufall, sie liegt in der Luft, auch wenn man Bylsmas Gesang mit allerbestem Willen entschlüsseln will. Was soll denn durch imaginäre Töne bewiesen werden?

Die Leute glauben an die gedruckte Fassung, wenn sie von einem bekannten Namen beglaubigt ist, und so bestätigt auch die Saxophon-Fassung von Raaf Hekkema (Surround 2017) den Notentext der oberen Zeile (Bylsma), während die untere Version (Segev) zwar auf derselben Grundlage, aber wohl irrtümlich entstanden ist. Nur keine Sorge: die mit Fehlern behaftete Version Anna Magdalena Bachs gebiert dank mangelnder Plausibilität beliebig neue Versionen, die wiederum – je nach Prestige der Interpretin, des Interpreten – Nachahmer finden wird.

Selbstzweifel

Ich habe die beiden Schriften von Anner Bylsma nicht gelesen, ich kenne auch keine spezielle Abhandlung über Anna Magdalena Bachs Fehler oder die erstaunlichen Lernprozesse  in den ersten Jahren ihrer Ehe, ich habe mich nicht mit der Geschichte der Vorzeichen in der Notenschrift beschäftigt (die merkwürdige Sache, dass das Auflösungszeichen, das aus dem Buchstaben h entstanden ist, ebenso eine Vertiefung wie eine Erhöhung des vorher gebrauchten Tones bedeuten kann). Aber wenn mir eine andere Position zu Ohren kommt und nicht einleuchtet, – wie z.B. in den von Bylsma gesungenen Tönen – ziehe ich daraus meine (vorläufigen) Schlüsse. Auch die Basslinie, die er in den Takten 17 ff singt, liegt auf der Hand (Inbal Segev hat sich dieselben Töne in die Noten eingetragen), eine Binsenweisheit: es gelten dennoch nur die Töne, die ER geschrieben hat, und das Publikum muss gar nichts anderes imaginieren als das, was in diesen Tönen und ihrer hörbaren melodischen Verbindung liegt.

Die Töne, die nun aus Anna Magdalenas Handschrift herausgelesen wurden (siehe erste Zeile meines letzten Notenbeispiels) halte ich für falsch, weil sie nicht zu Bach passen. Eine Tonerhöhung, die hier modulatorisch eine Öffnung nach oben bezeichnet, also über h zum c, im nächsten Schritt durch ein neues b zu widerrufen, ihm dennoch wieder ein c folgen zu lassen, – ein so differenziertes Schwanken wäre impressionistisch inspiriert, wenn man es positiv sehen wollte, – besser gesagt aber: anachronistisch (siehe César Franck Klavierquintett). Daher wirkt die von Segev intuitiv (?) anders gespielte zweite Figur scheinbar überzeugender: zuerst das c, dann das cis, welches zum d weitertreibt. Allerdings ist die genaue Sequenz zum Takt vorher zerstört. Eine Selbstwiderlegung auf engstem Raum.

Vielleicht klingt all dies apodiktischer als es gemeint ist. Aber man kann es nun mal nicht ernst meinen und zugleich sagen: auch das Gegenteil könnte wahr sein. Nur ein Satz ist ausgeschlossen: dass es nicht so drauf ankommt, – was sind schon zwei Tönchen… Ausgeschlossen, dann kann man sich auch alle andern sparen. Und auch jedes Wort.

Was Bach wirklich gemeint haben könnte, ergibt sich aus der Kellner-Abschrift. Für einen Geiger vielleicht ebenso überzeugend noch aus einer anderen Quelle, – ich kopiere aus meinen Übe-Noten:

Eine zentrale Stelle in der Sarabande der Partita II d-moll BWV 1004. (Vergleiche die Weiterführung des B-A-C-H-Themas in der „Kunst der Fuge“).

Wie sehr Bach in solchen Fällen an einer zielsicheren und nicht schwankenden Chromatik lag, sieht man exemplarisch auch im folgenden Fugenthema:

Und noch ein Beispiel, das unmittelbar zu unserer Sarabande zurückführt, vielleicht auch in die Zeit vor den Cello-Suiten: Englische Suite III g-moll BWV 808:

Das sind keine Beweise, aber starke Hinweise, weil durchaus Parallelstellen: Bach erhöht keine Note, um das damit avisierte Ziel im gleichen Atemzug zu negieren. (Es sei denn, er verbindet damit eine symbolische Aussage; dazu fällt mir allerdings kein Beispiel ein. Und ich würde es nur einem Faksimile seiner eigenen Handschrift glauben!) Nebenbei: auch das von mir eingezeichnete B-A-C-H halte ich nicht für beweiskräftig im strengen Sinn; ich nehme es nur zur Kenntnis.

Gerhart Darmstadt scheibt in dem (lesenswerten) Text zu seiner (hörenswerten) Aufnahme der Suiten Nr. 1, 3 und 5:

(…) Johann Friedrich Agricola (1775, 527) berichtet (…, dass Bach seine Violin-Solowerke selbst oft auf dem Clavichorde spielte, dabei aber von Harmonie so viel dazu beyfügte, als er für nöthig befand. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass Bach einiges Nötige für die Violine nicht schrieb, sich in der Kunst des Weglassens übte. Es war die Aufgabe des gebildeten Spielers und Zuhörers, dieses Nötige klanglich und gedanklich zu ergänzen. Noch viel mehr gilt dies für die Violoncellosuiten. Erst dann, wenn man sich beispielsweise auf die Suche nach durchgängigen Orgeltönen oder Basslinien macht, erschließt sich ein vollständiger Sinnzusammenhang. Man kann sogar sagen, dass es ein Hauptmerkmal des linearen Kontrapunkts (Ernst Kurth 1917) ist, mit der Illusion des Weggelassenen zu arbeiten. Die Faszination dieser Musik, ihre wahre Größe, wird dann offenbar, wenn man die eigentliche Hörerwartung im Fortschreiten einer Linie mit dem vergleicht, was Bach daraus machte, in welch raffinierter Weise er z.B. die eigentliche Hörerwartung nicht erfüllt, den Hörer quasi „in die Wüste schickt“, um ihn ganz überraschend wieder zu erlösen.

Quelle Booklet Gerhart Darmstadt zu Cavalli-Records CCD 126 Seite 3 Bamberg 2004

Das erinnert etwas an Anner Bylsmas im Video festgehaltene Ausführungen, und ich erlaube mir ein vorsichtiges Fragezeichen hinter die avisierte  Hörerpsychologie zu setzen. Ich könnte behaupten, dass Bach nichts wirklich Nötiges weggelassen hat, und dass niemand sagen kann, wie der Komponist eine mit wenigen Tönen angedeutete Bassstimme real ausgeführt hätte. Es ist keine Notlage, die ihn zwingt, alles mit einem (dafür nicht geeigneten) Instrument zu sagen. Ein PARADOX, das bleiben muss. Zu den  widerborstigen Anregungen Ernst Kurths gehört in diesem Sinn, dass auch ein einstimmig entfalteter Dreiklang – wie im Presto der Sonata I (BWV 1001) – als Linie gilt, die sich quasi zufällig der Töne des Dreiklangs bedient. Selbst eine Fuge kann den Druck der Mehrstimmigkeit transzendieren, wenn der Heilige Geist es will. Um hier einen Passus zur Fuge in BWV 1005 zu zitieren:

Die beiden einstimmigen Zwischenspiele aus  Bachs C-Dur-Fuge gehören zu den größten Wundern melodischer Kunst. Es sind eigentlich nicht Zwischenspiele, sondern geradezu einstimmige Fugendurchführungen.

Quelle Ernst Kurth: Grundlagen des linearen Kontrapunkts / Krompholz Bern (1948) Seite 322

Aber Gerhart Darmstadt hat völlig recht, an den musikalischen Denker und sein großes Buch zu erinnern. Ich will das nicht mit ein paar Worten abtun. Illusion könnte das Stichwort sein. Kurth spricht von „Scheinpolyphonie“, von Realstimme und Scheinstimmen.

Zu den zartesten Feinheiten der ganzen Bachschen Linienkunst gehört aber das Erstehen solcher heraustretender Scheinstimmen selbst und ebenso die Art, wie sie sich verflüchtigen; ihre Auslösung von der Realstimme und wieder ihr Verschwinden geschieht nämlich oft so unmerklich, daß selbst für einen geübten Blick die Nebenstimmen zu verschwimmen scheinen, wenn man sie zurück an ihren ersten Ursprung verfolgt oder ihren letzten Verlauf bis zur Einmündung in den Hauptstrom der real erklingenden Stimme.

Quelle Ernst Kurth: a.a.O. Seite 328

Ich verliere mich. Der Ausgangspunkt meiner Fragen war ganz woanders: ich wollte wissen, welchen Grad von rhythmischer Freiheit sich verschiedene Interpreten in den „einleitenden“ Praeludien erlauben. Ich glaube nicht, dass sie durchgehend motorisch aufzufassen sind, sondern als freie, quasi improvisierte Fantasien, wie die großen Orgelwerke. Und da glaubte ich am ehesten bei Anner Bylsma fündig zu werden, stieß auf seine Version der Sarabande – und konnte meinen intuitiven Widerstand absolut nicht ignorieren. Insbesondere als ich bemerkte, dass diese seltsame Auffassung der Schreibweise Anna Magdalena Bachs offenbar Schule macht.

Es ist noch nicht aller Tage Abend…