Wie Goebel in Frankreich

1975 und heute

das früheste Cover (Detail)

.    .    .    .    . der Goebel-Text 1975

das Programm 1975

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Le Parnasse Français

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Archiv LP 1978 (Ausschnitt)

das Programm 1978 (LP Cover Ausschnitt)

Reinhard Goebel und königliche Meister

was das nun wieder ist? … ein kleiner Umweg über Innsbruck HIER

TEXT 2015 ©RG

Pars pro toto: welch eine wundervolle Idee, unter dem 1978 zweifellos recht großmundigen Titel meiner ersten „französischen“ Aufnahme für die Archiv-Produktion – Le Parnasse Français – heute die Sammlung sämtlicher französischen Musiken, die ich in den folgenden 25 Jahren dann für das Label machte, zusammenzufassen.

In der Tat ist das, was Musica Antiqua Köln und ich innerhalb eines Vierteljahrhunderts für die Archiv-Produktion aufnahmen, so etwas wie die die Blütenlese der französischen Instrumentalmusik unter dem Sonnenkönig und seinem Nachfolger Louis XV. Und sehr schwer nur, ja kaum noch kann man sich heute vorstellen, mit welchem Befremden das Publikum der 1970er Jahre dieses Idiom selbst in Frankreich zur Kenntnis nahm, wurde doch Barockmusik grundsätzlich mit maschinell ratternden Abläufen „à l’italien“ gleichgesetzt.

Nun also ein verstörend neuer Ton von Diskretion & Leichtigkeit & gespreizter Verfeinerung, eigentlich unbarocker Zurückhaltung und gezügelter Affekte. Selten wird diese Musik so elementar traurig oder auch so mitreißend jubelnd, wie die von Bach, Telemann und Heinichen, immer bleibt sie dem Theater, dem Rollenspiel und verklausulierter Gestik verpflichtet – evoziert augenblicklich bei aller Bewunderung immer auch freundliche Distanz. Weder reißt sie uns in die Tiefen tränenüberströmten Leidens hinab, noch katapultiert sie uns auf direktem Weg in den Himmel…

Schwer vorstellbar im digitalen Zeitalter ist auch, unter welchen Bedingungen man vor dieser Zeitenwende unveröffentliche Musik aufarbeitete! Filme und Fotos von Musikalien herzustellen, dauerte Wochen, manchmal Monate, – und so fuhr ich anfangs mit dem Nachtzug nach Paris und deckte mich im Lesesaal der Bibliothèque Nationale in der Rue de Richelieu mit billigen, schnell verblassenden Fotokopien der Stimmbücher ein, die gleichwohl noch in moderne Partitur übertragen werden mussten: eine extrem zeitaufwendige, aber ebenso befriedigende und vor allem beruhigende Arbeit, die mich mein gesamtes Musica-Antiqua-Leben hindurch an den Schreibtisch fesselte.

Damals, als sich die Laden-Regale der Musikalien-Handlungen in aller Welt noch nicht unter der Last hunderter überflüssiger Faksimiles bogen, als die bizarrsten Repertoire-Wünsche und sämtliche Autographe Bachs noch nicht nur einen mouse-click und ein download entfernt waren, entwickelten wir in unserem Ensemble zu jeder Komposition eine persönliche Beziehung – und wir waren enorm stolz auf unser wirklich einzigartiges Repertoire, welches Bewunderung, Neid, manchmal aber auch – besonders bei jenen hardlinern, die nach wie vor glaubten, Musik sei „die deutscheste der Künste“ – Unverständnis und Häme hervorrief.

Für meine Kollegen und mich vergrößerte sich mit jeder neuen Komposition französischer Provenienz sowohl die Liebe zu unseren lateinischen Nachbarn und ihrer wunderbaren Kultur – gleichzeitig änderte sich auch der Blickwinkel auf den heute so grotesk überbewerteten Kultur-Transfer zwischen Frankreich und Deutschland: veritable Frankreich-Begeisterung gab es zwischen 1680 und 1690. Um 1700 waren die Wellen der Begeisterung längst abgeebbt und all die Neuigkeiten, die die französische Staatsmusik den verarmten Nachbarn vermittelt hatte, bereits derartig inkorporiert und amalgamiert, daß man nur noch von einem „vermischten Geschmack“ sprechen kann.

Le Parnasse Français – ein kaum über das Stadium der Kopfgeburt hinausgekommener Plan eines Denkmals für Louis le Grand, zu ihm als Apollo seines Zeitalters aufblickend u.a. die Dichter Moliere, Corneille, Quinault , Racine und als einziger Komponist Jean Baptiste Lully – wurde im Laufe des langen Lebens seines Schöpfers Titon du Tillet (1677 – 1762) fortwährend in Buchform weiter entwickelt ( „Suite du Parnasse Français“ 1727/32/43 und 1755 ) und personell bereichert: trat Lully noch in Person auf, so wurden die Nachkömmlinge nur noch in Form von Porträt-Medaillons an den Felsen Parnass gehängt und das Projekt entzog sich durch Übervölkerung und zu erwartender Kosten-Explosion einer finalen Realisierung.

Es versteht sich, daß in den exklusiven Zirkel zu Füßen des großen Königs nur Schüler und Epigonen des bereits 1687 verstorbenen Lully aufgenommen wurden – immerhin mit Elisabeth Jaquet de la Guerre auch ein Frau !! – und alle diejenigen lange, bzw. für immer ausgeschlossen blieben, die sich irgendwelcher Italianismen verdächtig oder sogar schuldig gemacht hatten. Überhaupt fand man erst nach dem Tode Aufnahme in den Parnass – wobei für Voltaire dieses eherne Gesetz selbstverständlich gebrochen wurde.

All denjenigen Komponisten, die die Stagnation des französischen Musikgeschmacks beklagt und die Öffnung hin zum italienischen Idiom gefordert oder gar praktiziert und somit für Wandlung und Fortschritt gesorgt hatten – wie den Musikern des „Style Palais Royal“ Forqueray, Blavet, Leclair und Couperin – blieb der Parnass ebenso verschlossen wie dem im Dresdener Orchester spielenden Pierre Gabriel Buffardin. Der vermeintlichen Preisgabe veritabler französischer Werte folgte die Damnatio Memoriae als gerechte Strafe.

Unser „Parnass Français“ aus deutschem Blickwinkel ist also im Wesentlichen von Dissidenten bevölkert – Komponisten, die man noch nicht einmal aus Gnade in die zweite Reihe stellte, wie den in Rom ausgebildeten, in Paris zeitlebens marginalisierten Charpentier. Erstaunlich aber ist, daß der „Paix du Parnasse“ – ein auf enormer Stilhöhe gewähltes Kompositions-Emblem des François Couperin „le Grand“ – nur zwischen den Lateinern Lully und Corelli besiegelt wurde und die Leistungen deutscher Komponisten überhaupt nicht zur Sprache kamen. Unüberbrückbar tief waren die jahrhundertelang ausgehobenen Gräben zwischen den Franzosen und den Deutschen, die sich dennoch beide auf Charlemagne, Karl den Großen als Reichsgründer beriefen: Telemanns Gastspiel 1737/38 in Paris und Voltaires Aufenthalt in Potsdam 1750/53 blieben rühmliche Ausnahmen in einem ansonsten immer frostigen Klima zwischen den beiden Völkern.

Ohne sentimentale Übertreibung darf ich sagen, daß es meine Nachkriegs-Erziehung war, die diese anhaltende tiefe Liebe zur französischen Kultur auslöste – durchaus mitvollzogen von meinen internationalen Kollegen im Ensemble Musica Antiqua Köln. Uns alle hat die lange Beschäftigung mit der französischen Musik vor allem im ersten Jahrzehnt unserer Bühne-Präsenz ungeheuer bereichert, unsere Telemann-Interpretation bestimmt, sowie Ohren und Herz für das geöffnet, was man im 18. Jahrhundert hierzulande „vermischten Geschmack“ zu nennen pflegte.

Nach 15 Jahren Abstinenz – nach 1985 befassten wir uns fast ausschließlich mit dem Erbe deutscher Musik – dann im Jahr 2000 den Soundtrack für Gérard Corbiaus Film „Le Roi danse“ beisteuern zu dürfen, war weitaus mehr als nur ein Engagement unter vielen, es war mehr als nur die Rückkehr zu den Wurzeln, mehr als nur ein déjà-vue: ich fühlte mich veritablement in den „Parnasse Français“ erhoben – und es war eine fabelhafte Zusammenarbeit, an die ich immer mit größter Freude zurückdenken werde.

Somit erneut enthousiasmiert für die französische Kunst widmeten wir uns dem instrumentalen Schaffen Marc Antoine Charpentiers, dessen Todestag sich 2004 zum 300. Male jährte. Diese Aufnahme war der Schwanengesang des Ensembles: ich verabschiedete mich vom Parnass herab und erklomm stattdessen die Treppenstufen zur „Salle des Suisses“ im Palais des Tuileries. Aus meinem alten Leben nahm ich die Liebe zur französischen Kunst in mein neues Leben mit – und habe im Repertoire des „Concert Spirituel“ einen neuen Forschungs-Mittelpunkt gefunden.

rg

Texte wiedergegeben mit freundlicher Erlaubnis von Prof. Reinhard Goebel ©2021

Wissenschaft und Vorurteil

A propos Karl Lauterbach (ohne Mundartfärbung)

Die Wissenschaft, in der ich tätig bin, also die klinische Epidemiologie, unterscheidet sich insofern von der philosophischen Wissenschaft, als [dass] die Bandbreite dessen, was als wissenschaftlich gesichert gilt, doch viel klarer umrissen ist. Während man in der Philosophie nie zu einem vollständigen Konsens darüber kommen wird, ob eine materialistische oder idealistische Sicht auf die Welt richtig ist, liegt das Spektrum in der Epidemiologie viel näher beieinander. Natürlich sind auch die medizinischen Disziplinen diskursiv, aber hier wird doch meist eher über bestimmte Schattierungen gestritten. Ein Beispiel: Wissenschaftlich ist mittlerweile relativ klar, dass der AstraZeneca-Impfstoff gut wirkt. In Details gibt es zwar noch Diskussionen, aber dabei geht es eher darum, noch das Haar in der Suppe zu finden, wie Christian Drosten es zutreffend genannt hat. In der Öffentlichkeit entsteht unterdessen oft der Eindruck, die Bandbreite der Meinungen in der Virologie oder Epidemiologie wäre extrem groß. Im vergangenen Sommer schien es etwa so, die Virologie streite darüber, ob wir jemals einen Impfstoff für Covid-19 bekommen werden. Dabei waren es nur wenige Leute, die daran zweifelten. Für 95 Prozent der Virologinnen und Virologen war indes klar, dass man für ein Virus, das über ein Spike-Protein in die Zelle eindringt, ein Vakzin wird entwickeln können.

Quelle hier (bitte erst später öffnen und nachlesen)

Ich wähle das Beispiel meiner eigenen (an mir selbst „erprobten“) Vorurteile, um nicht mit dem Finger auf (imaginäre) Lauterbach-Verächter zu zeigen. Ich beginne also mit dem Satz, den man ertragen sollte: Karl Lauterbach gehört für mich zu den maßgebenden Politikern unserer Zeit. Zunächst die Punkte seines Lebenslaufes, die Zündstoff hergeben: also aus dem Wikipedia-Artikel hier folgende Zitate:

Karl Lauterbach [- geboren in Düren -]  wuchs in Oberzier in unmittelbarer Nähe der Kernforschungsanlage Jülich auf, sein Vater arbeitete in einer nahe gelegenen Molkerei. Trotz sehr guter Leistungen in der Grundschule erhielt nur eine Hauptschulempfehlung, wechselte dann aber mit Unterstützung seiner Lehrer zuerst auf die Realschule, dann aufs  Gymnasium am Wirteltor, wo er sein Abitur ablegte.

Ein Markenzeichen Lauterbachs war lange Zeit die Fliege, die er des Öfteren anstelle einer Krawatte trug. Bei Talkshowauftritten im Jahr 2020 zum Corona-Virus trägt Lauterbach bewusst keine Fliege mehr, da er sich so, nach eigener Aussage, eine höhere Akzeptanz seiner Einschätzungen bei jüngeren Zuschauern verspricht.

Fehlt noch: eine Anmerkung zur allmählichen Veränderung seiner widerspenstigen Haartracht. Ist er nur etwas ungeschickt in seinen Anpassungsversuchen?

In dem oben schon zitierten Artikel werden die an Stammtischen zutage tretenden Vorurteile nicht zum Thema, – nichts Thymotisches also – abgesehen vom „Hass“, der fast wie eine Naturkatastrophe erscheint, der man aus dem Wege gehen könnte.

ZITAT

Noch eine Frage zum Schluss: Seit Beginn der Pandemie werden Sie im Netz von Gegnern der Corona-Maßnahmen immer wieder mit Hasswellen überzogen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich das nicht weiter anzutun?

Nein, das habe ich nicht. Ich versuche einfach, so gut ich kann, also nach bestem Wissen und Gewissen, einen Beitrag zu leisten. Damit werde ich erst aufhören, wenn ich den Eindruck habe, dass ich diesen Beitrag nicht mehr leisten kann, mich aber nicht durch die Anfeindungen und Bedrohungen einschüchtern lassen.

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Einige Notizen, die der Unschlüssigkeit bei der Analyse eigener Vorurteile entsprechen:

Zur Erforschung der Sprechmelodien in den Dialekten hier oder auch hier

Speziell zu  Lauterbachs Tonfall: Vorurteil Kölsch? hier

Das Thema ist anregend genug, aber dann sollte auch irgendwann Schluss sein mit vordergründigen Abschweifungen à la Krawatte, Frisur oder Slang. Wer nicht aus dem Rheinland stammt oder hier lebt, braucht vielleicht etwas länger, um zu abstrahieren.

Sehr gut über Rawls hier / des weiteren hier (Wiki)

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Schon bevor die neue ZEIT eintraf, kam ich auf die Idee, mich – statt mit Lauterbach „persönlich“ – mit den maßgebenden Impulsen seines Lebens zu beschäftigen, dem philosophischen Ansatz und den naturwissenschaftlichen Prinzipien. Eher sollte es nicht weitergehen: Eine plausible Verbindung des Lebens „da draußen“ mit den notwendigen geistigen Bewegungen. Idealer Ansatzpunkt: das Gespräch mit einem Paläontologen, der zu meiner Überraschung weniger über seine fossilen Fundstücke spricht als über das Genom und die „Schnittstelle zwischen Mama und Kind“. Und damit verabschiede ich mich fürs erste und (Vorurteil!) suche ein paar Bücher heraus (unten im Überaum, im Regal gleich neben Adolf Portmann, wo auch Dawkins steht, nein eher irgendwas zur anthroposophischen Vorurteilsgenerierung). Vorweg das ZEIT-Zitat, die Frage, von der aus das Gespräch mit Shubin an Fahrt gewinnt:

ZEIT: Als Paläontologe kraxeln Sie durch die Arktis und hauen jahrmillionenalte Fossilien aus dem Fels. Im Labor untersuchen Sie unsichtbare zeitgenössische Genome. Ist diese Kombination der Schlüssel, um das Ganze zu verstehen?

SHUBIN: Evolution ist eine komplizierte Angelegenheit. Da brauchen Sie jedes Werkzeug, das Sie kriegen können. Die Fossilien zeigen mir, wie das alte Leben aussah. Auf der anderen Seite müssen wir die Gene verstehen, um das Geschehen in unseren Zellen zu verstehen.

ZEIT: Wie muss ich mir das vorstellen?

SHUBIN:Als eine Art Krieg. Unser Genom wird, während es Generation für Generation seine Arbeit tut, ständig von Viren infiziert. In jeder Zelle herrscht Aufruhr. Soll man den neuen Mikroorganismus bekämpfen oder sich mit ihm arrangieren? Ein Beispiel: in der Plazenta erfüllt ein Protein eine besondere Aufgabe. Es heißt Syncytin und dient als molekularer Verkehrspolizist für den Austausch von Nährstoffen und Abfallprodukten zwischen Mutter und Fötus – wichtig für die Gesundheit des Embryos. Wissenschaftler entdeckten, dass es sich dabei um ein Virusprotein handelt. Irgendwann muss also ein Virus in uns eingedrungen sein. Es hackte sich in unser Genom, brachte dort das Programm für sein Protein unter – und wurde seinerseits gehackt. In der Folge verlor es seine Infektionsfähigkeit, wurde von seinem neuen Herrn zur Arbeit herangezogen – und arbeitet nun für uns an der Schnittstelle von Mama und Kind.

ZEIT:Ein typisches Drehbuch für biologische Innovationen? [Durchaus]

Etwas später:

Quelle DIE ZEIT 4. März 2021 Seite 33 »Die Natur ist ein fauler Fälscher« Wenn neues Leben entsteht, wird unentwegt geklaut und kopiert. Warum ist das so? Ein Gespräch mit dem Paläontologen Neil Shubin (Mit Urs Willmann)

Vorschlag: Jetzt zurück zum Philosophie-Magazin hier

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Keine Ausflüchte (ein Nachwort zum wirklich Wütendwerden)

Immerhin gab es gestern ein Statement der Bundeskanzlerin. Und die von ihr erzeugte Ratlosigkeit kann nicht mit einem Lob der Wissenschaft weggewischt werden. Eine weitere Leseempfehlung, denn:

Was die Kanzlerin und ihr Kanzleramtsminister zuletzt über Corona-Tests und die Corona-Warn-App gesagt haben, ist geradezu unverschämt. Es lässt uns vielleicht nicht zu Wutbürgern werden, aber zu Grollbürgern.

Sascha Lobo über Staatsversagen in der Pandemie – HIER. (Spiegel Netzwelt)

ZITAT

Noch im März könnte Amerika so viele Menschen geimpft haben, wie in Deutschland leben.

Im direkten Kontrast schmeckt Merkels »Teststrategie sicherlich im März« noch einmal erbärmlicher nach Dysfunktionalität, Widerwillen, Versagen in der Breite und der Tiefe. Wenn Deutschland wie bisher weiter mit unter 200.000 Impfungen am Tag vor sich hin dümpelt, dann stehen nicht nur zu Ostern über sechs Millionen Dosen unverimpft in der Gegend rum.

P.S. Ich zum Beispiel habe den lang ersehnten und begehrten Impftermin Mitte April…

Das Unbehagen an der Klassik

Am Beispiel Adalbert Stifters (nur ein Versuch, ein „Platzhalter“)

Es wirkt nach, seit der jüngsten Lektüre zweier Werke („Der Hochwald“ 1841 und „Brigitta“ 1843), zwiespältig trotz eines gewissen Vergnügens und freundlichen Zuspruchs von außen.

Siehe hier.

Eine Fortsetzung war erst möglich, als ich mich auch in meinem Widerstreben besser verstanden fühlte. Ich denke nicht nur an mich, sondern – sagen wir – an die Aufgabe, ich müsste dergleichen an meine Enkel vermitteln (reales Beispiel „Kleider machen Leute“).

Zur Vergegenwärtigung dessen, was mir – neben allerhand ruhevollen Naturschilderungen – als allzu selbstgenügsame oder sogar „papierene“ Ausdrucksweise aufgefallen war, lese man die unten im Text wiedergegebenen Beispiele. Es ist ja ganz anders als bei Kleist (natürlich), dessen stilistische Widerborstigkeit mich  schon früh positiv gereizt hat. Sobald man eine bewusst stilisierende Absicht erkennt (statt Unvermögen), wird man ästhetisch wachsam. Hier ist ein Buch, das ich bis jetzt gemieden hatte, zumal der seit Schulzeiten vertraute Name Benno von Wiese nur noch die Assoziation „Nazi“ weckte. Victor Lange ist unverdächtig, ein differenzierter Sprach-Beobachter .

ZITATE (Victor Lange)

Quelle Victor Lange: Stifter – Der Nachsommer / in: Der Deutsche Roman, herausg. von Benno von Wiese / Vom Realismus bis zur Gegenwart / Bd.II / August Bagel Verlag Düsseldorf 1963 / Seite 34 bis 75

Es ging mir vor Jahren nicht wesentlich anders mit Goethe („Wahlverwandtschaften“) oder bei den vergeblichen Versuchen mit Jean Paul („Siebenkäs“). Beschämend, weil ich es zu Schumanns Ehren angestrebt hatte. Dagegen war mir E.T.A. Hoffmann in Berlin (vielleicht nur durch universitären Druck: Proseminar bei ???) früh zugänglich geworden. Ich hatte sogar eine ganz erfolgreiche Arbeit über die Erzählanfänge in den „Serapionsbrüdern“ geschrieben. Erfreuliche Wiederkehr der Eindrücke, als ich über das erste Klaviertrio von Brahms nachdachte („der junge Kreisler“).

Jetzt kam mir in Erinnerung, irgendwo über den Kanzleistil als eine deutsche Schule der Schreibkunst gelesen zu haben. War es bei Heinz Schlaffer? Also ist schnellstens eine „Nachlese“ in seinem genialen Büchlein fällig: über „Die kurze Geschichte der deutschen Literatur“ (dtv 2003/2008). Wer sonst hat solche Ideen gewagt?!

Spaziergang an der Wupper

Utopisches am 28. Februar 2021

Nähe Ziegwebersberg: eine als pompös bezeichnete Neubebauung

Magischer Augenblick

  Unvollendete Klassik

Mehr .    .    .    .    . .    .    .    .    . .    .    .    .    . .    .    .    .    . .    .    .    .    . .    .    .    .    .

Kein Ausweg (Alle Fotos: E.Reichow)

Delacroix – der Film

Ein Orient

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HIER den Film ansehen (bis 1.Mai 2021)

Was ich eigentlich gesucht hatte: eine  Möglichkeit den folgenden, langen Film mit demselben Thema aus einer Mediathek oder einem anderen Speicherort abzurufen, außerhalb meines privaten, den ich leider nicht weitervermitteln kann. Genau diesen Film, keinen nur thematisch ähnlichen, über den ich allerdings auch schon ganz froh bin. Merkwürdig, wieviele Versuche fehlschlagen, – es gibt ihn also nicht in der Mediathek. Mit solchen Bildern und Szenen! Oder? Eine halbe Stunde vergeht…

Und: ein Wunder! ich habe ihn doch gefunden, abrufbar bis 14. März 2021 !  HIER

Die oben abgebildete Szene „Jüdische Hochzeit in Marokko“ (Tanger) im Film ab 37:59

Sehen Sie, hören Sie, vergleichen Sie Realität und Imagination, z.B. ab 1:16:00

Was für ein Monat, der März, was für eine Entdeckung! Gerade dieser Film, alles ist gut, der Ton des begleitenden Textes, speziell die Experten. Und die Musik! Die Identifikation: meine erste Berührung mit dem Orient in Marokko, wann war das? Die Ankunft auf dem Flughafen Rabat, wir mit unsern Geigenkästen, – überwältigend die laue Abendluft, beneidenswert die unter Orangenbäumen ruhenden, palavernden Männer…

Eugène Delacroix – Ein Maler im Farbenrausch

Jahrzehntelang hat dieser 3 kg schwere, 579 Seiten starke Band aus dem Nachlass meines kunstliebenden Schwiegervaters ein Schattendasein bei mir im Foliantenregal geführt, jetzt kann ich stundenlang darin blättern; zum erstenmal frage ich mich, aus welchem Jahr er stammt (1967 – was für ein Zufall!) und was für einen Stellenwert der Verfasser René Huyghe hatte:

Es überrascht vielleicht, in welcher Hinsicht sich der junge Delacroix mit Deutschland befasst hat. Im Kopf eines solchen Künstlers geht halt mehr vor als eine flüchtige Anmerkung hergeben kann. Das Werk ist entscheidend. Das gilt hier genauso wie in Marokko oder Algier. Man lese unten die Sätze über Musik. Und oben die Kapitelüberschriften Seite 191 und 197.

Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, sobald ein Anflug von Orient-Schwärmerei aufzutauchen scheint, mit erhobenem Zeigefinger Edward Said zu zitieren, so auch ich; verweise dabei aber ganz besonders auf die Tatsache, dass Delacroix nur 1 einziges Mal und dann sehr pauschal einbezogen ist, inklusive ein Satz in Klammern, der Platz gibt für eigene Gedanken: „(worauf ich hier leider nicht näher eingehen kann)“.

Wer ist Komitas?

Wer ihn nicht kennt, sollte diese CD besitzen. Und vielleicht vorweg den Wikipedia-Artikel lesen (s.u.). Aber es ist eben auch dieser Klavierklang, der einen in Bann schlägt, vielleicht sind es zugleich die wunderbaren Stücke von Béla Bartók, die den Ohrenöffner spielen, – immerhin kennt man am Ende 35 Minuten Komitas-Musik, unterscheidet sie und wird in Zukunft nicht mehr schweigen, wenn von armenischer Musik die Rede ist. Wen hat nicht schon  das armenische National-Instrument Duduk in Filmen mit Wehmut erfüllt, – man wird vielleicht sogar den Namen Djivan Gasparyan gelernt haben, um seinen Klangspuren weiterhin zu folgen, – aber hat man deshalb auch schon den gewaltigen Hintergrund dieser Musik wahrgenommen, der fast im Orkus der Geschichte verschwunden wäre? Der Schlüssel dazu ist Vardapet Komitas. Und vielleicht finden wir im Klavierklang eher einen grandiosen Vermittler der Substanz armenischer Musik als in einer vibratogesättigten Melodie, die wir gern beliebigen Naturfilmen zuordnen, statt der Seele eines Volkes.

Zudem ist der Pianist auch verbal ein großartiger Vermittler, den man gern Wort für Wort zitieren möchte, um alles im Werk wiederzufinden. Ebenso lesenswert sind die Bemerkungen zu Bartóks Folklore-Verständnis. Und nicht zuletzt interessiert die Biographie des Interpreten. Mehr davon hier und hier:

Text ©Steffen Schleiermacher / Das Coverbild der CD stammt von dem ungarischen Maler Tivadar Kosztka Csontváry (1853-1919)

Bei jpc findet man die CD (alle Titel zum Anspielen) hier

Anmerkung zu Tr.15 „Scherzo“: ein Druckfehler hat sich fortgeerbt, siehe meinen Blogbeitrag Notiz zu Bartóks Bauernliedern.

Noch mehr Frühlingsahnen

Botanischer Garten, andere Perspektive 21.02.21

Alle Fotos: E.Reichow (Lumix)

Eine Passage von Helmuth Plessner, auf Tiere bezogen, möchte ich gern auf die langsamsten Kreaturen unserer Lebenswelt ausdehnen, ohne mich als Mensch dagegen profilieren zu wollen. Im Gegenteil. (Aber so war es von ihm auch nicht gemeint.)

Im Anwendungsbereich einer Kultiviertheit zeigt der reife Mensch erst seine volle Meisterschaft. Direkt und echt im Ausdruck ist schließlich auch das Tier; käme es auf nicht mehr als Expression an, so bliebe die Natur besser bei den elementaren Lebewesen und ersparte sich die Gebrochenheit des Menschen. Wo finden wir noch solchen Ausdruck reinster Trauer als bei einem Hunde, wo solchen Adel der Haltung als beim Pferd, wo solche göttliche Gewalt als im Haupt des Rindes? Lachen und Weinen des Menschen, sein Mienenspiel erschüttern erst da, wo sie die Eindeutigkeit der Natur und des Geistes hinter sich gelassen haben und von jener Unfaßlichkeit umwittert sind, die den Abgrund ahnen läßt, ohne ihn zu öffnen. Im Indirekten zeigt sich das Unnachahmliche des Menschen.

Quelle Helmuth Plessner: Grenzen der Gemeinschaft / Eine Kritik des sozialen Radikalismus / suhrkamp taschenbuch wissenschaft / Suhrkamp Frankfurt am Main 2001 Seite 106

Singdrossel (Notiz)

Foto: Jan Piecha

Heute, 25.02.21, auch bei uns im Areal ringsum, zum ersten Mal dieses Jahr.

Oder ist es keine? Eine sehr schöne Aufnahme von Lars Lachmann: HIER  https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/portraets/singdrossel/

„Unsere“ singt (schreit) einfacher. Ist es überhaupt eine? Bzw. ein Singdrosselmann? Ich warte ja auch auf die Wiederkehr des Gelbspötters, dessen ich mir auch nicht so sicher war, mit seinem undurchschaubaren, aufgeregten Haspel-Gesang.

Eine gute Sammlung von Singdrosseln in Bild und Ton findet man HIER

Bei Wikipedia gibt es eine lange (und „trockene“) Tonaufnahme, direkt: hier.

Oder zuerst eine bunte Folge verschiedener Singvögel zum Üben und Freuen? hier !

Hierher! Hier sollen sie leben!

 

Fast ein Frühlingsahnen

Ein Gang durch den Botanischen Garten Solingen 21. Februar 2021

Enten, kurz vor der Paarung, Sibirische Papierbirke

Oben: Cryptomeria Japonica (Japanische Sicheltanne)

Seiner Wuchsform sieht man nicht an, wie er im Einzelnen gestaltet ist.

Sequoiadendron giganteum (siehe Wiki hier „Junger Baum in einem Garten“)

Man erkennt, dass es eine Rotbuche sein könnte. Aber schon dicht über dem Boden beginnt die vielfältige Verzweigung. Fagus sylvatica Asplenifolia (Geschlitztblättrige Rotbuche)

Ich dachte an die großen Gesten der Bäume, allerdings auch an die befremdende Pantomime des Entenpaares, das sich paarte, wobei das Weibchen kaum noch den Schnabel aus dem Wasser recken konnte. (Das macht doch nichts, es kann auch sonst lange tauchen…)

Ohne irgendetwas beweisen zu wollen, sammle ich merkwürdige Zufälle. Zum Beispiel greife ich im Vorbeigehen ein Buch aus dem Schrank, aus unerfindlichen Gründen habe ich es nie gelesen. Für ein Revival der griechischen Mythologie war ich damals (1993) nicht bereit. Jetzt vertiefe ich mich in die Geschichte von Pelops, werde neugierig auf den Zeus von Olympia, das gigantische Wunderwerk des Phidias, sehe mir Rekonstruktionen an, auch bei Wikipedia hier. Ein Dendron Sequoia hätte in die Nähe des Tempels gehört.

Wikipedia Foto: Sanne Smit 2002

Am nächsten Morgen schlage ich die Kinderseite des Solinger Tageblattes auf und sehe folgendes (ich schwöre, es war der Tag danach!):

ST 22.02.2021 Yango

Liebe Kinder, heute ist der 23. Februar, ich habe ein paar Stunden im Garten gearbeitet, schweißgebadet, als mir der Gedanke kam, dass ich einige Baumfotos aus dem Botanischen Garten verwerten sollte: wie wichtig sie dastehen, das sind doch Gesten, immerwährende, festgewachsene. Andererseits wollte ich mir die Geschichten von Zeus nochmal durchlesen. Ich bin gigantisch gut aufgelegt. Und auch von König Pelops, nach dem der (die? das?) Peloponnes benannt ist, bin ich beflügelt, aber vor allem diese zweite Begegnung mit Zeus in der Tageszeitung könnte ich an die große Glocke hängen: der höchste Gott der Griechen gibt mir ein Zeichen. Liebe Kinder, liebe Eltern, was hat das zu bedeuten? Bin ich auserlesen für die Erschaffung einer Weltbedeutungstheorie?

Nichts dergleichen. Zufälle sind manchmal so. Aber wir sind so beschaffen, dass wir mehr darin sehen wollen. Richtiger wird es dadurch nicht. Warum hat dieser italienische Schriftsteller all die Geschichten der griechischen Mythologie wiedererweckt? Er tat später desgleichen mit der indischen Götterwelt. Ich muss die Zeilen suchen, in denen er sich mit dem Sinn seines Unternehmens befasst… Zweifellos gibt es da etwas. Sonst würden mich die Geschichten nicht so fesseln. Ich werde anfangen mit der Außenansicht des Buches. Moment, – auch die Gesten spielen eine Rolle im Erinnerungsvorgang, der Name Abi Warburg tauchte auf, es muss die Süddeutsche von gestern gewesen sein. Derselbe Tag war es, als mir Zeus auf der Kinderseite wiederbegegnet war, da erwarb ich beim REWE-Einkauf auch noch die SZ und wurde durch die Wiedergabe des Kupferstichs vom „Raub der Proserpina“ gebannt: ist es nicht Zeus, der sich auf dem einen Bild lässig zur Seite flegelt, auf dem anderen eine ranke Dame gewaltsam an sich reißt??? hier ist  die originale Zeitung.

22.02.21 Ein Sarkophag des Erinnerns!

Das Glück will es, dass der Artikel online abrufbar ist: hier. Und online kann man dann auch noch hinüberklicken in den Artikel über Abi Warburgs „Bilderatlas Mnemosyne“. Was für eine Fundgrube tut sich auf!

ZITAT

Wenn man die Wendeltreppe im Inneren des Tempels hochstieg, erreichte man die oberen Galerien und konnte von dort aus den Zeus des Phidias aus der Nähe betrachten. Dieses Werk hatte nach Ansicht Quintilians »der Religion der Menschen etwas hinzugefügt«. Gold und Elfenbein wurden nur durch Gemmen unterbrochen, außer am Thron, wo man auch Ebenholz erkennen konnte. Tiere und Lilien waren über das Gewand verstreut. Zeus war mit einem Olivenzweig bekränzt und hielt in seiner rechten Hand eine Nike mit einem Band und einem Kranz. Unter jedem Thronfuß waren weitere kleine Niken angebracht, die das Aussehen tanzender Elfen hatten. Aber noch etwas anderes spielte sich zwischen diesen Füßen ab: geflügelte Sphingen raubten mit ihren Krallen thebanische Knaben, und Apollon und Artemis durchbohrten noch einmal die Söhne und Töchter der Niobe. Und das Auge, das sich an die bewegte Dunkelheit gewöhnte, entdeckte immer neue Szenen auf den Verbindungsstreben des Throns. Je weiter man den Blick nach unten richtete, um so größer wurde die Zahl der Figuren, Neunundzwanzig auf den Verbindungsstreben: Amazonen, Herakles mit seinem waffentragenden Gefolge und Theseus. Ein Junge richtet sich das Stirnband: stellt er Pantarches dar, den jungen Geliebten des Phidias? Der Thron ist unzugänglich, von bemalten Absperrungen umgeben: wieder erkennt man Theseus und Herakles, dann Peirithoos, Ajax, Kassandra, Hippodameia, Sterope, Prometheus, Penthesilea, Achilles, zwei Hesperiden. Andere Gestalten wachsen aus dem oberen Teil des Throns: drei Chariten und drei Horen. Danach senkt sich der Blick auf den Fußschemel des Zeus, und auch da begegnen ihm Figuren: wiederum Theseus und noch einmal die Amazonen und goldene Löwen. Noch weiter unten macht der Blick auf dem Sockel, der diese gewaltige Statue des Zeus und seiner Parasiten trägt, noch mehr Szenen aus: Helios besteigt seinen Wagen, Hermes tritt hervor, gefolgt von Hestia, Eros empfängt Aphrodite, während sie dem Meer entsteigt und Peitho sie bekränzt. Auch Apollon und Artemis fehlen nicht, Amphitrite und Poseidon, und Selene auf einem Pferd. Zeus, dieser thronende und von Geschöpfen überkrustete Gigant, spiegelte sich auf einem schwarz polierten Steinfußboden wider, wo reichlich Öl für die Behandlung des Elfenbeins floß.

Keine andere Statue wirde von den Griechen so sehr bewundert, sogar von Zeus selbst, der einen Blitz seiner Zustimmung auf den schwarzen Fußboden schleuderte, als Phidias dieses Werk vollendet hatte und den Gott um ein Zeichen bat. Der goldelfenbeinerne Zeus aus Olympia wurde bei einem Palastbrand in Byzanz im fünften Jahrhundert zerstört. Uns bleiben die Münzen aus Elis, die ihn darstellen, und die Worte einiger bewundernder Besucher wie Kallimachos und Pausanias. Paulus Emilius sagte, Phidias habe dem Zeus die Gestalt Homers verliehen.

Die neuzeitlichen Menschen sind angesichts der Beschreibungen immer verunsichert und ratlos gewesen. Zuviel Farbe, zuviel orientalischer Prunk, womöglich eine Geschmacksverirrung. Sollten Phidias bei seiner ehrgeizigsten Unternehmung alle die Eigenschaften abhanden gekommen sein, die wir an den Friesen des Parthenon so bewundern? Der Fehler der modernen Menschen liegt darin, daß sie den Zeus des Phidias in derselben Weise als eine Statue betrachten wie den Hermes des Praxiteles. Aber er war etwas ganz anderes. Der Zeus des Phidias schimmerte abgeschottet in der Cella des Tempels und hatte möglicherweise eher etwas von einem Dolmen, einem Betilo, einem vom Himmel gefallenen Stein, an dem sich die anderen Götter und Helden festklammerten, um leben zu können. Über das Gold und das Elfenbein ergoß sich die Regsamkeit einer Ameisenkolonie. Zeus diente lediglich als Stütze für Tiere und Lilien, für Bogen und Gewänder, für alte, immer aufs neue wiederholte Szenen. Aber Zeus war nicht nur der unbeweglich thronende Wächter: Zeus war jede dieser Szenen, dieser durcheinandergebrachten und neu zusammengefügten Taten, die seinen Körper und seinen Thron in feinsten Schaudern zum Kräuseln brachten. Phidias hatte ganz unbeabsichtigt bewiesen, daß Zeus nicht allein leben kann: ganz unbeabsichtigt hatte er das Wesen des Polytheismus dargestellt.

Olympia steht für das Glück der Griechen, die sich aufs Unglück wohl verstanden. Auf der Peloponnes ist das üppige Grün von halluzinatorischer Leuchtkraft. Je seltener, um so intensiver, fast ein Äußerstes. Rings um Olympia vereinen sich alle Arten von Grün, so wie sich vorzeiten die Athleten sämtlicher Städte, in denen Griechisch gesprochen wurde, dort vereinten: von der herben Phosphoreszenz der Pinien von Aleppo bis hin zur dunklen Klarheit der Zypressen, den glänzenden Bändern der Zitronenbäume, den Urgewächsen des Schilfs, und dies alles vor dem Hintergrund sanfter Hügelkämme, die der Daumen Poseidons durch Erdbeben gestaltet hatte. Dieser Ort ist das Geschenk eines Mannes, der zu einem Fluß wurde: Alpheios. [Karte betrachten!] Nachdem er sich zwischen den kahlen, sengenden Bergrücken Arkadiens einen Durchbruch geöffnet und die Felsen des Lykaions gehetzt hat, des Gebirges der Wölfe und Menschenfresser, auf dessen Höhen die Sonne niemals Schatten wirft, tritt der Alpheios am Ende überraschend aus den Schluchten von Karytaena hervor und ergießt sich in ein gewundenes Tal, das dem Zeus ebenso teuer ist, wie ihm das archaische Lykaion verhaßt gewesen war. Die Griechen pflegten die Natur eher unbenannt zu lassen, aber Pausanias preist den Alpheios gleich dreimal: »Der wasserreichste unter den Flüssen und sehr angenehm anzusehen«; »ein wunderbarer Fluß für die Liebe«, wegen seines Ursprungs; und schließlich war er für Zeus »der anmutigste aller Flüsse«.

Aber wer war Alpheios? Ein Jäger. Er erblickte die Göttin der Jagd, Artemis, verliebte sich in sie und […]

Ende des ZITATES

Quelle Roberto Calasso: Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia / Insel Verlag Frankfurt am Main, zweite Auflage 1991 (Seite 182f) Aus dem Italienischen übersetzt von Moshe Kahn

So erzählt der Dichter Roberto Calasso, selbst ein unendlicher Strom von Geschichten. Wenn man einmal die Antenne ausgefahren hat für dieses Verfahren, Wirklichkeit zu schaffen und zu empfangen, wird sich davon nicht mehr losreißen können. Heute hat man gegenüber den 90er Jahren, als ich den Wert des Buches noch nicht erkannt habe, den Vorteil, dass man mit google-Hilfe den Hintergrund noch unendlich ausfächern kann. Man ahnt, wie sich einst Schiller, Hölderlin und die klassischen Zeitgenossen durch  Johann Joachim Winckelmanns Begeisterung für die Antike anstecken ließen und wieso sie hoffen konnten, dass ihr Lesepublikum alle Anspielungen verstehen würden: oder es lernen wollten. Nicht anders als wir, die als Spätlinge der Renaissance und der zweiten oder dritten Aufklärung wahrnehmen, wie sich die Ausstrahlung des christlichen Himmels mit seinen 1000 Geschichten und Weisheiten dramatisch verfinstert. Die alten Götter machen die Runde…

Und wenn sie aus Indien kommen? Um so willkommener. Calassio stünde uns bei mit Ra und Ta und letztlich: „Ka“!

Angenehm findet Holbein […], dass der Autor – anders als in seinem Buch ‚Hochzeit von Kadmos und Harmonia‘ von 1990 – hier auf den „didaktischen Zeigefinger und Wir-Ton“ verzichtet. Auch die Bilder in diesem Band gefallen ihm. (30.6.2000)

Zum Thema „Schillers Griechenland“ – und wie immer lesenswert Rüdiger Safranski:

Quelle Rüdiger Safranski: Goethe & Schiller Geschichte einer Freundschaft / Hanser Verlag München 2009

Länge: 4:52 – bitte danach Stopptaste betätigen, bevor der nächste Titel zuschlägt!

1 Minute nachsitzen: Peloponnes = (die) Insel des Pelops

Langenscheidt 1953

Über Pelops und die Pelopiden a.a.O. (Calasso) Seite 189 bis 210

Gesualdo wiedererweckt

Modelle der Moderne (Peter Eötvös folgend)

Eine sehr andere Musik, ein neues Hören, ein guter Rat: Ganz gründlich vorbereiten (Links!), dann einfach wirken lassen…

Gesualdo „Ardita Zanzaretta“ Text und Übersetzung hier

 Composer: Carlo Gesualdo {Gesualdo di/da Venosa} (8 March 1566 — 8 September 1613) – Performers: Ensemble „Métamorphoses“ – Conductor: Maurice Bourbon – Year of recording: 1996

Ardita zanzaretta
Morde colei che il mio cor strugge e tiene
In così crude pene;
Fugge poi, e rivola
In quel bel seno che il mio cor invola,
Indi la prende e stringe e le dà morte
Per sua felice sorte.
Ti morderò ancor io, 
dolce amato ben mio, 
e se mi prendi e stringi, ahi, verrò meno 
provando in quel bel sen dolce veleno.

die Quelle: (Zeitangabe vor) Nr.13

00:00:00 – 01. Se la mia morte brami 00:03:34 – 02. Beltà, poi che t’assenti 00:06:55 – 03. Tu piangi, o Filli mia 00:10:04 – 04. Resta di darmi noia 00:13:12 – 05. Chiaro risplender suole 00:17:41 – 06. „Io parto“ e non più dissi 00:20:47 – 07. Mille volte il dì moro 00;23:57 – 08. O dolce mio tesoro 00:26:43 – 09. Deh, come invan sospiro 00:29:25 – 10. Io pur respiro in così gran dolore 00:32:20 – 11. Alme d’amor rubelle 00:34:17 – 12. Càndido e verde fiore 00:36:32 – 13. Ardita Zanzaretta 00:39:46 – 14. Ardo per te, mio bene 00:43:08 – 15. Ancide sol la morte 00:45:33 – 16. Quel „no“ crudel que la mia speme ancise 00:47:53 – 17. Moro, lasso, al mio duolo 00:51:28 – 18. Volan quasi farfalle 00:54:23 – 19. Al mio gioir il ciel si fa sereno 00:56:54 – 20. Tu segui, o bella Clori 00:59:15 – 21. Ancor che per amarti 01:02:34 – 22. Già piansi nel dolore 01:05:07 – 23. Quando ridente e bella

Folgendes Video ab Anfang bis 7:00

Der Komponist: HIER

Folgendes Video: bitte ganzer Bildschirm, Dunkelheit im Raum, Konzentration

die Quelle: (Zeitangabe vor) Nr.19

00:00:00 – 01. Se la mia morte brami 00:03:34 – 02. Beltà, poi che t’assenti 00:06:55 – 03. Tu piangi, o Filli mia 00:10:04 – 04. Resta di darmi noia 00:13:12 – 05. Chiaro risplender suole 00:17:41 – 06. „Io parto“ e non più dissi 00:20:47 – 07. Mille volte il dì moro 00;23:57 – 08. O dolce mio tesoro 00:26:43 – 09. Deh, come invan sospiro 00:29:25 – 10. Io pur respiro in così gran dolore 00:32:20 – 11. Alme d’amor rubelle 00:34:17 – 12. Càndido e verde fiore 00:36:32 – 13. Ardita Zanzaretta 00:39:46 – 14. Ardo per te, mio bene 00:43:08 – 15. Ancide sol la morte 00:45:33 – 16. Quel „no“ crudel que la mia speme ancise 00:47:53 – 17. Moro, lasso, al mio duolo 00:51:28 – 18. Volan quasi farfalle 00:54:23 – 19. Al mio gioir il ciel si fa sereno 00:56:54 – 20. Tu segui, o bella Clori 00:59:15 – 21. Ancor che per amarti 01:02:34 – 22. Già piansi nel dolore 01:05:07 – 23. Quando ridente e bella

Al mio gioir il ciel si fa sereno

Il crin fiorito il Sole ai prati inaura

Danzano l’onde in mar al son de l’aura

Cantan gli augei ridenti

Scherzan con l’aria i venti

Così la gioia mia versando il seno

Io d’ogni intorno inondo

E fo, col mio gioir, gioioso il mondo.

Übersetzung siehe HIER

2. HOCHZEITSMADRIGAL, komponiert 1965/76, ist ein Lied an die unbändige Lebensfreude (Text: „Al mio gioir“, „Bei meiner Freude“). Es zeigt vier Abschnitte der Hochzeitszeremonie: Posieren der Gäste und Verwandten für Fotos an der Kirchenpforte – Einzug und Dröhnen der Glocken, mit Posen – Vorbereitung des Brautbetts bei Kerzenlicht, mit Posen – private Dialoge der Neuverheirateten (Text: das mittelalterliche deutsche Liebeslied „Du bist mein, ich bin dein …“), unter den spionierenden Blicken der Verwandten durchs Schlüsselloch, mit Posen.

Fortsetzung oben im Video Drei Madrigalkomödien ab 7:00

3. MORO, LASSO wurde 1963/72 zu Gesualdos 350. Todestag komponiert. Hier wird das Stück, wohl das bekannteste unter allen Madrigalen Gesualdos, aus einer rückwärtigen Perspektive gezeigt, wie für einen Zuschauer von der Seitenbühne aus: zum Läuten der Glocken lassen die Darsteller, hustend, knurrend, sich räuspernd, langsam die Masken lebender Menschen sinken und ihre in Wahrheit toten Gesichter zum Vorschein kommen

die Quelle: (Zeitangabe vor) Nr.17

00:00:00 – 01. Se la mia morte brami 00:03:34 – 02. Beltà, poi che t’assenti 00:06:55 – 03. Tu piangi, o Filli mia 00:10:04 – 04. Resta di darmi noia 00:13:12 – 05. Chiaro risplender suole 00:17:41 – 06. „Io parto“ e non più dissi 00:20:47 – 07. Mille volte il dì moro 00;23:57 – 08. O dolce mio tesoro 00:26:43 – 09. Deh, come invan sospiro 00:29:25 – 10. Io pur respiro in così gran dolore 00:32:20 – 11. Alme d’amor rubelle 00:34:17 – 12. Càndido e verde fiore 00:36:32 – 13. Ardita Zanzaretta 00:39:46 – 14. Ardo per te, mio bene 00:43:08 – 15. Ancide sol la morte 00:45:33 – 16. Quel „no“ crudel que la mia speme ancise 00:47:53 – 17. Moro, lasso, al mio duolo 00:51:28 – 18. Volan quasi farfalle 00:54:23 – 19. Al mio gioir il ciel si fa sereno 00:56:54 – 20. Tu segui, o bella Clori 00:59:15 – 21. Ancor che per amarti 01:02:34 – 22. Già piansi nel dolore 01:05:07 – 23. Quando ridente e bella

Moro, lasso, al mio duolo,

E chi può dar mi vita,

Ahi, che m’ancide e non vuol darmi aita!

O dolorosa sorte,

Chi dar vita mi può,

Ahi, mi dà morte!

Übersetzung siehe HIER

Fortsetzung oben im Video Drei Madrigalkomödien ab 12:22

Und was nun? (Mehr lesen!)

Es ist mir schon recht, dass mein Scanner die Gesualdo-Seiten aus dem ersten Band des Mammutwerkes von Frieder Reininghaus (u.a.) nicht in aller Schärfe wiedergibt, meine Absicht ist nicht, den Kauf dieser Fundgrube profunder Musikwissenschaft zu erübrigen. Um so mehr fällt ins Auge, dass der Inhalt sich leicht wie eine gute Tageszeitung fassen lässt, und ich muss deshalb auch noch die nächste Doppelseite folgen lassen, die zeigt, dass auch die Bebilderung zur Lebendigkeit beiträgt, selbst wenn es um einen grausigen Tod geht, den man bei Gesualdo ja immer auf der Lauer wähnt. Dabei gehen mir vor allem einige anrührende Zeilen durch den Kopf:

Er konnte nie alleine schlafen, ohne jemand, der ihn umarmte und ihm den Rücken wärmte. Zu diesem Zwecke hatte er einen gewissen Castelvietro aus Modena, der sehr zärtlich zu ihm war und immer bei ihm schlie, wenn die Fürstin fort war.

Am 8. September 1613 starb Gesualdo unter nicht genau bekannten Umständen – wenn nicht durch die Intrige seiner Schwiegertochter oder an Folge einer der  Prügelorgien, dann vermutlich an Asthma.

Autor: Alexander Ziane, Mitherausgeber des Werkes.

Ein Charakteristikum dieser singulären Musikgeschichte ist, dass man wahrhaftig nicht aufhören kann, von Kapitel zu Kapitel weiterzuwandern. Und ich schwöre, den Clou der Story vom Eigenlob der edlen Frau Musica halte ich geheim (er befindet sich im letzten Teil des nachfolgenden Kapitels, das von Albrecht Braun und Frieder Reininghaus selbst stammt). „Weil die lieben Engelein selber Musicanten sein“? Von wegen!

 

Näheres? (Sogar eine Preisangabe:) Hier.