Gute Akustik & ein Stück Holz

Hamburger Elbphilharmonie (mit Blick zurück)

Wer die Chance hat, über kurz oder lang das neue Hamburger Konzertgebäude zu besuchen, könnte meinen, nicht die Musik stünde im Mittelpunkt, sondern die Akustik. Man wird, wenn man dort war und in die Provinz zurückgekehrt ist, für lange Zeit ein Alleinstellungsmerkmal herauskehren können: Kinder, ganz gleich, was da gespielt wird, man muss es live erlebt haben! Und schon hat man Gehör. Ja, ist es denn wirklich so… wo hast du denn gesessen… hinter der Orgel? Ganz oben soll es ja sogar besser sein als vorn, wo die Kontrabässe einem den Rücken zukehren. Ich würde vielleicht damit beginnen, dass auch Weltmusik in diesem Programm einen Platz hat, und indische Musik – die große klassische Alternative zur westlichen Musik – gleich in den ersten Wochen präsentiert wird. Meine Frage: was sagen die Akustiker? Mit oder ohne Beschallung? Werden sich die Probleme der allerersten Zeit – in Köln 1970 – wiederholen, dass die Musiker sich nicht im geringsten für die Akustik des Saales, um so mehr aber für eine leistungsfähige PA-Anlage interessieren?

Ich bin sicher, man wird sich in Kürze wieder mehr mit der Musik als mit der speziellen Eigenart des Klangs im Raum beschäftigen. Auch wenn Hengelbrock selbst Öl ins Feuer gegossen hat, indem er nach den ersten Proben sagte, den Musikern seien unter dem Eindruck dieses Klanges Tränen in die Augen getreten. Auch im Saal? Auch wirklich auf allen Plätzen? Der Kritiker der WELT rächt sich genüsslich für seinen – nach Selbsteinschätzung – schwer benachteiligten Platz: Block I, Reihe Vier, Platz 24. („Bitte merken! Ich schaue auf das Orgelspielpult, schräg daneben sind die Hörner positioniert“), ich mag daraus nicht zitieren, soviel Wut ist nicht gut: Jaroussky, ja, den mag er, aber „die nur schnarrende Harfe seiner Partnerin könnte auch ein Zigarrenkistchen mit Paketschnüren sein.“ Danke, Sie dürfen sich wieder setzen! Platz 24, Reihe Vier, Block I.

Auch Christine Lemke-Matwey widmet sich sehr ausführlich dem Phänomen Akustik, aber liebevoll und anregend, dennoch nicht ganz unkritisch.

Und das wäre auch, unter Vorbehalt, ein erster leiser Kritikpunkt: dass man keineswegs, wie fleißig gestreut wurde, auf allen Plätzen des Saals gleicht gut hört. Sicher wird man im Parkett nicht unbedingt schlechter bedient, je nach Besetzung und Repertoire, aber in jedem Fall hört man anders und anderes. Für die Souveränität des Publikums stellt dies eine Herausforderung dar: Sich seinen Platz in Zukunft nicht vom Abonnement diktieren zu lassen (oder vom Geldbeutel), sondern ihn idealerweise nach dem jeweiligen musikalischen Ereignis auszuwählen, setzt enorm viel Kenntnis, Hörerfahrung und Flexibilität voraus. Wenn es von der Intendanz überhaupt so gewollt ist.

Wo immer man sitzt: Man fühlt sich auf Anhieb wohl.(…)

Die Virtuosität, mit der Herzog & de Meuron das sogenannte Weinberg-Modell interpretieren, die terrassenförmig aufgefächerte Anordnung von Parkett und Rängen mit der Bühne in der Mitte, verheißt Gleichberechtigung, pure Demokratie.

Quelle DIE ZEIT 12. Januar 2017  Seite 42 Der Übermut wird hier Klang – Endlich ist die Hamburger Elbphilharmonie eröffnet worden. Welchen Spiegel hält sie ihren Besuchern vor? Von Christine Lemke-Matwey.

Nur kurz ein Blick in die Süddeutsche von heute:

Dieser Saal ähnelt trotz seiner Riesengröße einem kleinen, hellen und einladenden Vulkankrater, in dem das Publikum stets in Tuchfühlung auf vielen verwinkelt aufsteigenden Rängen rund ums Orchesterpodium sitzt. Einladend wirkte der Saal schon bei der Vorbesichtigung. Aber erst das Publikum verwandelt ihn in eine lebenswerte Stätte, an die jeder der Anwesenden gern zurückkehren wird. Das ist das größte Kompliment, das man so einem Bau machen kann.

Undsoweiter, alles lesenswert und klug, und  – wie ich finde – ganz besonders an dieser Stelle:

Nun ist aber die Frage der Akustik letztlich zweitrangig, auch wenn sie in letzter Zeit zunehmend leidenschaftlich diskutiert wurde und zum Kernstück jedes Konzertsaalneubaus stilisiert wird. Sie kann hilfreich sein, aber sie entscheidet nicht darüber, ob ein Musiker gut spielt oder ein Konzert gelingt. mit der guten oder schlechten Akustik eines Raumes muss sich ein Musiker abfinden, das gehört zu seinem Job.

Danach geht der Kritiker mit Begeisterung auf den Countertenor Philippe Jaroussky ein, leider ohne das „Zigarrenkistchen mit Paketschnüren“ zu rehabilitieren, aber immerhin die Eignung des Saales:

Die Akustik Yasuhisa Toyota ändert rein gar nichts an Jarousskys phänomenalem Können. Sie erlaubt es aber dem Konzertbesucher, jede noch so feine Nuance seines Gesangs zu hören. Das allein ist schon grandios. Sollte Toyota etwa einen sehr, sehr großen Kammermusiksaal ertüftelt haben?

Quelle Süddeutsche Zeitung, 13. Januar 2017 Seite 11 Eroberung des Nutzlosen – Begeistert feiern die Hamburger am Eröffnungsabend ihre Elbphilharmonie. Nur die Akustik überzeugte nicht recht. Lag es am Bau – oder nur am Orchester? Von Reinhard J. Brembeck.

Der folgende Text könnte Besucher mit völlig anderen Musikinteressen in das Neue Gebäude im Hamburger Hafen, dem alten Tor zur Welt, ziehen.

Auch außereuropäische Musik gehört in die Elbphilharmonie! Denn auch Kulturen anderer Länder haben ihre eigene »Klassik« entwickelt; komplexe Kunstmusik, die über Jahrhunderte weitergegeben und verfeinert wurde. Die klassische Musik Indiens beispielsweise wird nicht nur von der Sitar geprägt, sondern auch vom beeindruckend farbenreichen Klang der Streichlaute Sarangi. Die aktuelle Renaissance dieses Instruments ist nicht zuletzt Verdienst des Meisters Dhruba Ghosh, der die traditionelle Spielweise perfekt beherrscht.

Es gibt Bilder und Informationen dazu HIER.

„Basically one piece of wood…“

Die Sarangi ist (fast) unabhängig von der Akustik, – denn sie hat Resonanzsaiten.

Einführung in die Kunst des Sarangi-Spiels durch Dhruba Ghosh:

Ablauf des Videos:

Spiel bis 1:47, dann Erläuterungen: Holz-Corpus, die Saiten, Tonumfang (ab 3:39), Spielweise links (Nagelbett) (ab 3:58), Saitenübergänge (ab 4:41), verschiedene Bögen (ab 5:10), auch Kontrabass-Bogen, verschiedene Kontakstellen des Bogens (ab 7:29), zwei Saiten gleichzeitig, Bogentechniken (ab 8:22), Ornamente linke Hand (ab 9:02), Vibrato, Andolan, Obertöne (ab:12:02), Schlagen & Zupfen (ab 13:33), Übungen & Varianten (ab 14:22), Zusammenarbeit mir Komponisten, Notationen (ab 15:46), Raga Mishra Pilu (ab 16:41 bis 18:07).

***

Indische Konzerte der ersten Jahre (Start 1970) im WDR Köln (aus der Liste 1970 – 2005)

Konzerte Indien a  Konzerte Indien b

Die Zuneigung des WDR blieb über die Jahrzehnte erhalten, auch über den 6. Dezember 2005 hinaus: da fand zu meinem Abschied das große „d’amore“-Konzert im Kölner Sendesaal statt, eine Meisterleistung meines Mitarbeiters und Freundes Dr. Werner Fuhr, der im vergangenen Jahr nun selbst pensioniert worden ist: auf dem Foto im Mittelpunkt Dhruba Ghosh. Von links: Werner Fuhr und JR.

WDR Sendesaal Screenshot 2017-01-14 17.12.56 s.a. HIER

Man könnte also sagen: in Hamburg schließen sich mehrere Kreise, wenn man sich nicht zugleich wünschte, dass sich neue Kreise öffnen. Zum Beispiel in Gestalt der Flötistin Stephanie Bosch. Zu erwähnen wäre noch, dass ein Mann der ersten Stunde mit auf der Bühne sitzt: an der Tambura: Prof. Dr. Gert-Matthias Wegner. Er hat die Familie Ghosh von Anfang an mit Radio-Sendungen zur Indischen Musik begleitet und hat als ausgebildeter Tabla-Spieler und Musikethnologe selbst Großes geleistet, nicht nur in Indien und in Nepal, sondern auch – als Nachfolger des unvergessenen Josef Kuckertz – in Berlin. Und dies ist sein großes Werk aus dem Jahre 2004, „dedicated to the memory of my Guruji, Pandit Nikhil Ghosh“:

Tabla Repertory Wegner Tabla Repertory Widmung

unbezahlbar: der Textteil              etwas schwieriger: der „Noten“-Teil

Nikhil Ghosh Stories    Nikhil Ghosh Notationen

atemberaubend: 2 CDs mit der entsprechenden Musik

Nikhil Ghosh Wegner CD

Ausblick

Hamburg aScreenshot 2017-01-17 09.08.09 Hamburg b Screenshot 2017-01-17 09.06.53

Kann ich brauchen, was ich gelernt habe?

Eine Selbstprüfung

Ich beziehe mich auf die Blogbeiträge über Kapitalismus und über Filmmusik, während ich mich mit dem Video beschäftige, dessen Ankündigung in FAZ.net ich gleich als Screenshot wiedergebe. Zufällig sieht man auch schon meine kleine Abschrift, die ich im Übereifer angefertigt habe, – im Namen meiner Geheimprivatgesellschaft für lebenslanges Lernen (Heidi). Ich verhehle nicht, dass ich die technisch-ästhetische Realisierung des Filmchens zunächst etwas kritisch sehe. Auch die Sprechweise des Text-Interpreten, die – wie der ganze Soundtrack – der Dramatisierung des sachlichen Inhalts dient. Einen Augenblick lang denke ich an den Sprecher der Fußballweltmeisterschaft bei der abschließenden Artikulation des Sponsors in „und Coca Cola„, – wie der letzte a-Vokal gleichsam mit heraushängender Zunge geformt wurde, mit einem fast hörbaren Atemausstoß. Mir wurde das damals bei jeder Wiederkehr auffälliger, ja, etwas widerlich. Hier ist es nicht genauso, vielmehr dezenter, aber es fällt mir eben ein, und nicht völlig ohne Grund… Es ist halt diese „Ranschmeiße“, diese „Anmache“.

In dem unten wörtlich wiedergegebenen Text füge ich noch die Zusätze, die zwischendurch in großen Lettern oder Bildchen zu sehen sind; vor allem auch Notizen zur akustischen Gestaltung (Musik).

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Erklärvideo: Raubtierkapitalismus und der freie Markt © Deutsche Welle dw.com (FAZ Net 11.01.2017)

TEXT (notiert von JR)

Was ist Kapitalismus?

Luxus ohne Ende, Privateigentum, freier Handel, der Beste setzt sich durch, viele halten den Kapitalismus für ein Raubtier. Gewinn ist es tatsächlich, was die Wirtschaft antreibt, der Eigennutz wichtigster Motor für Wohlstand, sagte Ökonom Adam Smith. [Musikakzent, cresc.] Wenn jeder an sich denke, profitieren auch alle anderen.

Auch für den deutschen Philosophen Karl Marx war Gewinn zentral. Er behauptete, das Kapital würde sich ständig selbst vergrößern und komme nur dem Fabrikbesitzer zugute. Um einen Mehrwert zu erzielen, würden Kapitalisten alles ausbeuten: Arbeiter, Maschinen, Rohstoffe. [RENNWAGEN HEULT AUF] Der Mehrwert wird, laut Karl Marx, auf dem freien Markt erzielt, wenn das Produkt verkauft wird. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, Konkurrenten stehen im Wettbewerb. Gewinner ist, wer die Fabrik besitzt. Immer mehr Gewinn, immer mehr Produktion. Alle anderen [FAST ATEMLOS:] gehen leer aus. So sah Marx den frühen, [EMPHATISCH] entfesselten Kapitalismus.

Trotz aller [KNURREN] Kritik hat sich der Kapitalismus aber in fast allen Ländern der Erde [SCHRIFTZUG „WACHSTUM“ MIT PFEIL SCHRÄG NACH OBEN] mehr oder weniger durchgesetzt. Auch mit seinen [ZWEI MENSCHEN, ZWEI STECKDOSEN AUS DENEN DER STECKER GEZOGEN WIRD] Schattenseiten: dass Konkurrenten pleite gehen, dass der Arbeiter prinzipiell weniger [ZWEI ZAHNRÄDER DIE DURCH KETTENGLIEDER MIT €-ZEICHEN ANGETRIEBEN WERDEN. SIE HÄUFEN SICH AN DER SEITE DES BETRIEBS. NUR WENIGE AM BEIN DES ARBEITERS] abbekommt, vom Mehrwert kaum profitiert, – das gehört zum System. [MUSIKAKZENT] Niedriglohn, [DAS GROSSE WORT „KRISE!“ ERSCHEINT] Ungleichheit, Armut, Umweltzerstörung, Finanzkrisen, Monopole kommen immer wieder vor. [MENSCH MIT LÖWENKOPF STEHT DA]

Doch der Kapitalismus heute ist reformfähig, [ER KNURRT] Regeln und Gesetze [PARAGRAPHENZEICHEN + BÜROPAPIER AN KETTEN] legen ihn an die Kette, doch immer wieder [KNURRT, DIE KETTEN ZERREISSEN] kommt das Raubtier durch. [KNURRT + SCHLUSSAKKORD]

***

Bei dem ideenreichen Urheber, der Deutschen Welle, findet man dieses Video (3.1.17), so wie auch viele andere mit wissenswerten Informationen, unter folgendem Link:

http://www.dw.com/de/was-ist-kapitalismus/av-35881864

Oder auch gleich HIER.

Damit man mich nicht missversteht: es ist eine gute Sache, Wissen verständlich zu vermitteln. Bis zu einem gewissen Grad verstehe ich auch die Methode des Infotainments, die Vermeidung der gravitätischen Belehrung vom hohen Ross. Was ich kritisiere, ist das spürbare Theater, das entsteht, sobald dieser „technische“ Teil in fremde Hände gegeben wird, die von einer „kundenorientierten“ Mentalität besessen sind, in Wahrheit aber die Kunden für dumm verkaufen. Zum Dank entwickeln diese (wir z.B.) eine psychologische Sperre, da sie eine üble Verkaufsmasche wittern, die den Urhebern durchaus fremd war.

Das, was wir lernen müssen, ist: das eine vom anderen zu trennen. Die Arbeitsteilung zu durchschauen. Und nicht müde werden sie anzuprangern, wenn die Idee schaden nimmt. (Es kann auch gutgehen.)

Lesen Sie auch den FAZ-Artikel HIER „Die Globalisierung ist nicht schuld“. Nebenbei mögen Sie mit Ehrfurcht auf das Containerschiff MSC Daniela schauen, das sich vielleicht auf dem Wege zum UST-Luga Terminal befindet. Vielleicht beladen mit einigen Containern, die nach Russland geschafft werden sollten, jedoch im scharfen Wind über Bord gingen und unseren lieben Strand von Langeoog mit hunderttausend Schokoladenhasen und Überraschungseiern überschütteten. Eurogate, ein gutes Wort. Es lebe die Globalisierung!

Nun, habe ich wirklich gebraucht, was ich gelernt habe? Sicher nicht, sonst wäre ich zum Schluss nicht in die Lächerlichkeit ausgewichen. Und wahrscheinlich war es doch, wie man auf Langeoog hörte, ein nigerianisches Containerschiff und nicht die stolze MCS Daniela. Und was hat das überhaupt mit globaler Vermarktung und kapitalistischen Filmtechniken zu tun, – auch die Natur von oben will mit Strategien von unten an ein zahlendes Publikum vermittelt werden.

Und dies verlangt mit Recht, dass die Majestät der schneebedeckten Alpengipfel nicht nur mit Bildern gezeigt, mit Worten benannt, sondern auch noch mit feierlichen Computerfanfaren bestätigt wird. Auf dass wir glauben, ohne zu sehen.

Und es schadet auch nicht, den griffigen Definitionscontainer des Kapitalismus noch etwas süffiger zu verpacken. Wir können doch einiges aus der Werbebranche lernen. Falls wir es nicht vorziehen, in erster Linie unseren Verstand zu gebrauchen und Verdoppelungen und Verdreifachungen als überflüssig zu betrachten.

Wer macht den Soundtrack im Film und warum?

Mein Wintermärchen

Es war einmal ein trüber Weihnachtstag, als ich den Film sah „Deutschland von oben“; faszinierende Bilder und Sequenzen! Aber je länger er dauerte, desto mehr fragte ich mich: so viele übermächtige Szenen, die durchaus andächtige Stille vertragen, – warum muss ich dazu diese unterirdische, aufdringliche Musik hören? Wie war wohl die Auftragslage, wer wurde da angesprochen und mit welchen Vorgaben? Ich beschloss, dass ZDF selbst zu fragen. Namen, Adressen, Literatur. Schauen Sie doch selbst, worum es geht: Dies ist der Film, angeblich noch abzurufen bis – ich kann es gar nicht glauben – Dezember 2026!!! Bitteschön: HIER.

wintermaerchen-screenshot-2017-01-10-21-23-18 Screenshot

Ich schrieb also folgende Mail an den Zuschauerdienst des ZDF:

Von:  Jan Reichow [mailto:janreichow@t-online.de ]
Gesendet: Montag, 26. Dezember 2016 11:06
An: Huthmann, Magda
Betreff: ZDF Terra X Deutschland Wintermärchen
Sehr geehrte Frau Huthmann,
 
am 25. 12 ab 19.15 Uhr habe ich den im Betreff bezeichneten Film gesehen, mit großem Interesse an den Aufnahmen und Informationen.
 
An dieser Stelle könnte es mit Lobreden weitergehen, wenn es nicht einen heftigen Störfaktor gegeben hätten, den die Redaktion vielleicht mit nachträglichen Erläuterungen abmildern könnte.
Ich hätte also gern nähere Informationen zur Musik: Komponist oder Hersteller usw.
Gibt es vielleicht sogar Informationen zur „Philosophie“ einer solchen Filmmusik?
Was sie bezweckt, wie die Aufgabenstellung für diesen Parameter des ganzen Werkes lautet.
Es mag sein, dass mir die rechte Antenne fehlt, aber in meinen Ohren ist der Ton völlig kontrapunktiv zum Film.
 
Sie könnten im Grund auch das Bildmaterial selbst in dieser Form entfremden und z.B. Comicfiguren hineinzeichen, die die Bilder komisch oder pathetisch, je nach angestrebter Wirkung, kommentieren, begleiten, stören. Wichtig wäre die willkürliche Veränderung der optischen Eindrücke.
Ich vermute, dass die Musik jedoch die Eindrücke unterstützen soll. Was für ein Irrtum! Sie tut das Gegenteil: sie macht aggressiv, weil sie lügt!
Selbst wenn musikartige Tierstimmen zu hören sind, Kraniche oder Robbenbabies, auf deren Melodie Sie aufmerksam machen, mögen Sie die eigene Musik nicht zum Schweigen bringen. Was für eine Verachtung dessen, was Sie andererseits doch liebevoll anbieten!
 
Ich vermute, dass es da geteilte Zuständigkeiten und keinen – sagen wir – obersten Regisseur gibt, der für ALLES zuständig ist. Und der Ton etwa liegt in den Händen eines
Ton-Menschen, der seiner Funktion gerecht werden muss und keinesfalls für Stille honoriert wird.
Sagen Sie nicht, ich könne doch den Ton abschalten – das wäre keine Alternative: die gesprochene Information ist wichtig, aber jeder Laut, der zu den Bildern gehört, hätte für mich oberste Priorität: das Pfeifen des Windes, das Rauschen des Wassers, die Rufe der Tiere, – es ist barbarisch, einen künstlichen Soundtrack für wichtiger zu halten.
 
Das ist meine Meinung. Bitte geben Sie mir doch andere Argumente.
 
Mit freundlichen Grüßen,
 
Jan Reichow

 

***

Die Antwort kam überraschend schnell:

Am 30.12.2016 um 11:53 schrieb mailto:Zuschauerredaktion@zdf.de :
Sehr geehrter Herr Reichow,
 
vielen Dank für Ihre E-Mail an das ZDF.
 
ARD und ZDF haben im Jahr 2014 einen gemeinsamen Leitfaden zur Verbesserung der Sprachverständlichkeit in Sendungen erarbeitet. Darin sind Empfehlungen für die Produktion von TV-Beiträgen enthalten, die eine für den Zuschauer möglichst angenehme Tonkulisse sicherstellen sollen. Allerdings ist die Sprachverständlichkeit stark von der eigenen, subjektiven Wahrnehmung geprägt, so dass wir hier keine starren Parameter festschreiben können.
 
Für die Tongestaltung einer Sendung sind der Regisseur und der Tonmeister verantwortlich. Sie realisieren die Mischung von Sprache und Musik nach ihren ästhetischen Vorstellungen. Der Einsatz von Musik ist vor allem wichtig, um Emotionen wie Freude, Trauer oder Angst darzustellen. Deshalb können wir auf musikalische Untermalung nicht verzichten, auch wenn diese von manchen Zuschauern subjektiv als Beeinträchtigung der Sprachverständlichkeit empfunden wird. Das Gleiche gilt für eine gewisse Dynamik innerhalb der gesprochenen Dialoge: Schauspieler flüstern oder schreien, sprechen klares Hochdeutsch oder mit einer leichten Dialektfärbung. All dies charakterisiert die Figuren, wirkt sich aber auch auf die Sprachverständlichkeit aus.
 
Als Zuschauer haben Sie folgende Möglichkeiten, die Tonkulisse an Ihre Wahrnehmung anzupassen:
 
Wenn im Tonmenü Ihres Fernsehers ein Surroundton eingestellt ist, ohne dass Sie eine entsprechende Surroundanlage angeschlossen haben, sollten Sie zum einfachen Stereoton wechseln. Der Surroundsound unterdrückt viele Tonereignisse, weshalb die Sprachverständlichkeit bei reinem Stereo oft besser ist. Eine weitere Möglichkeit, den Sprachton zu verbessern ist, an Ihrem Gerät die Bässe zu reduzieren und die Höhen mehr zu betonen.
 
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ZDF-Zuschauerredaktion
***
Damit konnte ich mich nicht zufriedengeben. Ich versuchte also, deutlicher zu werden:
Original Anfrage:
Von: janreichow@t-online.de
An: zuschauerredaktion@zdf.de
Datum: 03:01:2017
———————————
Sehr geehrte Damen und Herren der ZDF-Zuschauerredaktion,
vielen Dank für Ihre schnelle Reaktion auf meine Anfrage.
Wenn ich es recht verstehe, haben Sie mir jedoch auf meine Anfrage eine vorgefertigte Antwort zugeschickt, die offenbar Beschwerden über mangelnde Sprachverständlichkeit beschwichtigen soll.
Darum ging es aber in meinem Schreiben überhaupt nicht.
Um es im Klartext auszudrücken: mein Anliegen galt der – aus meiner Sicht – künstlerisch dürftigen Qualität der gesamten Musikspur, die einen künstlerisch hervorragenden Film durchaus zugrunderichten kann.
Gegen die Sprachverständlichkeit und die Qualität des Textes habe ich nichts einzuwenden, ich lege großen Wert auf diese Informationen! Mir wäre also vielleicht nur zu helfen, wenn es eine Möglichkeit gäbe, die Musik auszuschalten, ohne den Text zu unterdrücken.
Ich vermute, dass sich dies nicht einrichten läss, –  und wüsste jetzt eigentlich nur noch gern, wer genau diese Musik bei Ihnen eigentlich wünscht und sie (bei wem?) in Auftrag gibt. Mit diesem Herrn oder dieser Dame würde ich gern in Verbindung treten, um etwas Kompetentes über die ästhetischen Grundsätze zu erfahren. Meinetwegen in wenigen Sätzen, ergänzt vielleicht durch einen Buch- oder Artikelhinweis, so dass ich eine Erklärung habe, weshalb die optische Gestaltung und die „musikästhetische“ Qualität so schöner Filme derart auseinanderklaffen.
Diese Diskrepanz ist mir durchaus nicht das erste Mal aufgefallen, und ich denke, dass Sie ihren großen Zuschauerkreis über den Hintergrund durchaus informieren könnten: also nicht über technische Details oder in Form einer bloßen Musikliste, sondern über die Kriterien, die bei solchen Filmen für die Musikauswahl und -gestaltung gelten.
Ich würde mich gern in meinem Blog (http://www.janreichow.de ) damit auseinandersetzen.
Mit bestem Dank im voraus und mit freundlichen Grüßen,
Dr. Jan Reichow
***
Betreff: Re: WG: ZDF Terra X Deutschland Wintermärchen (Ticket: DE02-1391232)
Datum: Tue, 10 Jan 2017 17:18:48 +0100 (CET)
Von: Zuschauerredaktion@zdf.de
An: janreichow@t-online.de
Sehr geehrter Herr Reichow,
vielen Dank für Ihre erneute E-Mail an das ZDF.
Wir bedauern sehr, dass Ihnen die Tongestaltung bei der im ZDF-Programm gesendeten „Terra X“-Dokumentation „Deutschland von oben – Ein Wintermärchen“ nicht gefallen hat.
Die Grundlage für eine einwandfreie Bild- und Tonqualität aller Sendebeiträge bilden zunächst einmal die vom IRT in München herausgegebenen „Technischen Richtlinien HDTV für ARD, ZDF und ORF“. Die Einhaltung dieser technischen Richtlinien wird von unseren Fachleuten sowohl bei der Abnahme nach der Produktion als auch nochmals vor der Ausstrahlung des Sendebeitrags am jeweiligen Sendetag überprüft. Im Rahmen dieser technischen Richtlinien obliegt die Komposition bzw. Ausgestaltung einer Sendung (u. a. Hintergrundgeräusche, Musikuntermalung, Bild- u. Toneffekte) jedoch den verantwortlichen Personen (z. B. Regisseure und Tonmeister), die Sendebeiträge tragen somit auch deren persönliche Handschrift. Doch bei aller künstlerischen Freiheit müssen sie sich selbstverständlich an den technischen Richtlinien orientieren, die letztlich eine einwandfreie technische Qualität der produzierten Sendebeiträge sicherstellen.
Leider findet die Tongestaltung einer Sendung naturgemäß nicht immer die Zustimmung aller Zuschauer gleichermaßen, zumal der Ton vom Menschen aufgrund unterschiedlichster subjektiver Wahrnehmungen und Hörfähigkeiten auch sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Darüber hinaus sind natürlich auch die musikalischen Vorlieben unterschiedlich. Daher können die Meinungen hinsichtlich der Tongestaltung teilweise durchaus weit auseinander gehen.
Die Tonqualität ist zudem auch immer von den Bedingungen am Produktions-/Aufnahmeort (z. B. akustische Verhältnisse, technische Ausrüstung) sowie von den Bedingungen am Empfangsort bzw. beim Zuschauer abhängig (z. B. Raumakustik, Qualität des Empfangsgeräts und der Lautsprecher, gewählte Toneinstellungen). Über die Toneinstellungen können moderne Empfangsgeräte in der Regel auf die akustischen Raumverhältnisse im individuellen Heimbereich angepasst werden. Wir empfehlen Ihnen daher, auch einmal die Toneinstellungen an Ihrem Empfangsgerät zu überprüfen und den Ton gegebenenfalls zu optimieren (z. B. Höhen, Bässe, etc.).
Wie Sie sehen, ist das Thema Tonqualität/Tongestaltung sehr komplex. Wir versichern Ihnen aber, dass es immer unser Ziel ist, trotz aller oben beschriebenen beeinflussenden Faktoren jederzeit die bestmögliche Tonqualität bzw. Sprachverständlichkeit bei unseren Sendungen zu gewährleisten. Hierzu sind wir auch immer wieder im intensiven Austausch mit den zuständigen Bereichen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ZDF-Zuschauerredaktion
***
Es wird deutlich: ich bekomme nicht die Ansprechpartner, die über die Machart der Sendung wirklich Auskunft geben könnten. Die Zuschauerredaktion hat ihr Bestes gegeben, aber nicht die Auskünfte, die ich brauche. Sie wird weiterhin freundlich antworten, bis ich aufgebe.
Was tun? Vielleicht ein paar Recherchen auf eigene Faust? Filmmusik ist nicht „mein Ding“. 
Um es vorwegzunehmen: ich habe einiges rausbekommen. Und mache zunächst einen Rückzieher: die Leute, auf die ich stoße, machen bestimmt einen hervorragenden Job. Ich kenne ähnliche Studios und habe immer die technische Leistungsfähigkeit bewundert. Aber letztlich geht es um die Vorgaben. Um das, was die – ebenfalls hervorragenden – Filmemacher bestellen, welche Art Soundtrack sie sich wünschen, wenn ihr Film samt Tonspur (natürliche Geräusche und erläuternder Text) visuell und akustisch abgesegnet ist.
Beim Wiederlesen stelle ich fest, dass ich an einer Stelle „kontrapunktiv“ geschrieben habe, statt kontraproduktiv. Aber bei der erweiterten Recherche habe ich gesehen, dass auch das falsche Wort Sinn macht.
Ich kenne mich einfach nicht aus.Und studiere jetzt als erstes, Punkt für Punkt, den Nachspann des Films: ab 58:13.
***
wintermaerchen-redaktion-screenshot-2017-01-10-18-26-15 Redaktion und: Colourfieldwintermaerchen-screenshot-2017-01-10-18-25-53 RuhrSoundStudios
ZITAT:
Das Orchester spielt dabei den magischen Soundtrack, den Boris Salchow für uns
komponiert hat, live zu den Bildern des Films.
Wir erfahren über den Link Colourfield damit also den Namen des Komponisten:
 und von dessen eigener Website noch viel mehr:

Salchow also scored the feature film adaptation of the award-winning documentary series Germany From Above (Buena Vista International) recorded with a 70-piece orchestra and mixed at Babelsberg Studios in Berlin. This visually stunning film is comprised of breathtaking aerial shots of Germany. With only a few words from the narrator, the movie provided a unique opportunity to take the audience on an inspiring musical journey befitting the film’s grand scale. Germany From Above premiered with a special event at Germany’s largest movie theater, where Salchow’s 90-minute score was performed live along with the film. Salchow recently swapped his baton and orchestra for Moog synthesizers and rare vintage audio processors to score Electronic Arts’ sci-fi video game FUSE. The score blends analog electronic elements, adrenaline infused drums and musical sound design to provide a foreboding and rousing sonic landscape for FUSE’s dark futuristic setting and intense action experience.

Ansonsten taucht neben (oder über) dem Tonmann Alexander Vitt (siehe Nachspann)
der Name Arno Augustin auf.
Ich bin jetzt reif, mich über Filmmusik im allgemeinen zu informieren, z.B. bei Wikipedia
HIER. Interessant insbesondere der Abschnitt „Techniken“ und unter
„Formen“ der frühe Versuch Hansjörg Paulis, ein Modell der Einordnung zu entwickeln.
Man gehe auch den im Artikel angegebenen Wiki-Links nach, also  etwa zum
Hauptartikel: Leitmotiv-Technik
Hauptartikel: Underscoring und
Hauptartikel: Mood-Technik
Unter Mood-Technik wiederum kommt man bei den dort angegebenen Weblinks zu dem
anregenden Artikel „Underscoring in Abgrenzung zu Mood- und Leitmotiv-Technik am
Beispiel des Filmes ‚Indiana Jones – der letzte Kreuzzug'“ von Jessen Mordhorst.
Es versteht sich von selbst, dass es genug Beispiele guter, ja genialer Filmmusiken gibt.
Um so wichtiger ist es, die misslungenen zu kennzeichnen, ganz besonders diejenigen,
die von inneren Widersprüchen geprägt sind. So zum Beispiel, wenn ein grandioser
Natur-Film in eine Kitschmusik-Sauce aus der Retorten-Produktion getaucht wird.
Das war mein Ausgangspunkt.
Es handelt sich nicht um eine Geschmacksfrage! Nehmen Sie einen 5-Sterne-Koch, der
ein kulinarisches Meisterwerk geschaffen hat. Und es dürfte erst auf den Tisch
kommen, wenn ein übergeordneter Chef-Chemiker es mit bestimmten
Parfums nachbehandelt  hat.
Die Gretchenfrage wäre: Lieber Film-Produzent, wie hältst Du’s mit der Stille?
Nachtrag 15.01.2017
Ich sehe nicht jeden Naturfilm im Fernsehen, aber sobald einer begonnen hat, kann ich
nicht aufhören. Und so konnte ich heute auch die Behandlung der Musik aufs neue
beobachten. Fazit: viel besser!!! Es gibt Stille, und wenn natürliche Geräusche zu hören
sind, hört man sie auch ungestört. Die lustige Untermalung des Werbetanzes der
Flamingos, ja, bitte, aus der Sicht der Flamingos ist gewiss nichts daran komisch, aber
es macht die Tiere nicht lächerlich. Die Bären an ihren Kratzbäumen: wie schön kommt
die akustische Atmosphäre zur Geltung! Ab 24:10, nach dem Pfiff des Murmeltiers. Die
Wiese, das Schnaufen der Grizzly-Bären in der Stille. Wunderbar.
Die Stimme des Sprechers müsste nicht sein, ist aber erträglich, weil freundlich
anteilnehmend.
Im Nachspann die Lösung des Rätsels – vielleicht -, die Musik ist von Hans Zimmer.
Vielleicht hat er die Zauberformel der rechten Dosis…
ZDF BBC Nachspann Screenshot 2017-01-15 20.35.00
Oder liegts an der BBC?
ZDF BBC Screenshot 2017-01-15 20.35.47
In der ZDF-Videothek bis 12. Februar abrufbar HIER.

Begabung bricht sich Bahn…

Gegenbeispiele

Gidon Kremer

Ob es elterliche Bestimmung war oder meine Begabung, die die Geige zu meinem Instrument werden ließ, kann ich nicht beantworten. Wie auch immer die Entscheidung zustande gekommen ist, ich stelle auf jeden Fall meine „Freiwilligkeit“ dabei in Frage. Mir wäre zu der Zeit der Beruf eines Feuerwehrmannes, eines Schornsteinfegers oder eines Kellners, der im Restaurant die Süßspeisen serviert, mindestens genauso verheißungsvoll gewesen. Darüber wird heute natürlich nicht gesprochen. „Er hat schon als kleines Kind Geige gespielt“ – das paßt besser zur Legende. Meinen Wunsch, im Feuerwehrauto durch die Stadt zu jagen, Brände zu löschen und ständig Menschen vor dem sicheren Tod zu retten, sollte ein gefalteter Papierhelm zum Jaņu-Svētki-Fest befriedigen. „Kindereien!“ nannten die Erwachsenen meine Berufsvorstellungen und wußten wie immer mehr. Was für mich eine Möglichkeit war, schien ihnen die einzige zu sein. Meine  ersten Versuche, die Geige zu halten und ihr Töne zu entlocken, erfüllten ihre Träume.

Quelle Gidon Kremer: Kindheitssplitter / Piper München 1993 ISBN 3-492-03614-7 (Zitat Seite 21f)

Zakhar Bron

Wenn ich von einem Menschen, sei er ein Künstler oder nicht, lese oder höre, er habe mit drei Jahren den genauen Wunsch gehabt, dieses oder jenes zu tun, dann glaube ich das einfach nicht. (…)

[Aber: Das frühe Anfangen (…) eine Grundvoraussetzung für eine gedeihliche Karriere?]

Das gilt besonders in der heutigen Zeit. Begabung allein reicht eben nicht mehr aus. Im Hinblick auf eine professionelle Tätigkeit sind ungenutzte Jahre in der Kindheit später nicht mehr kompensierbar. Wenn ich allerdings höre, daß man in östlichen Ländern, nehmen Sie Korea oder Japan, bisweilen im Alter von zwei Jahren beginnt, Geige zu spielen, dann kann ich das nicht gutheißen. Aber wer später als mit fünf oder sechs Jahren beginnt, dem kann man leider schon keine großen Chancen mehr einräumen. Die Konkurrenz ist einfach zu groß.

Quelle Ralf Noltensmeier: Große Geigenpädagogen im Interview Band 1 (Zakhar Bron u.a.) Peter Götzelmann Verlag Kiel 1997/3 1999 ISBN 3-98050 16-6-3

Gerald Moore

Was meine Musik betrifft, bin ich mir sogar selbst immer noch ein Rätsel. Bei diesem unwilligen, plärrenden Kind, das von seiner Mutter zum Klavier gezerrt wurde, fand man heraus, es habe Talent. Wieso? Niemand in meiner Familie war nur im geringsten musikalisch, und ich selbst ging als Knabe dem Klavier kaum je in die Nähe, wenn ich nicht zum Instrument gestoßen wurde. Ich machte mir Musik nicht zu eigen, bevor ich Mitte Zwanzig war; damals erst wurde ich von John Coates dazu getrieben – eine verspätete Entwicklung. Aus diesem nicht vielversprechenden Anfang ging ein guter Musiker hervor – diese Qualifizierung darf ich mir einräumen. Musik ist mein A und O. Ich kann mir für mich keine andere Art von Leben als das meine vorstellen. Aber ich wünschte, ich hätte meinen Kampf um die Kunst früher begonnen.

Quelle Gerald Moore: Bin ich zu laut? Erinnerungen eines Begleiters / dtv / Bärenreiter / München / Kassel, Basel, London 1976 / 1981 (Seite 266)

Nathan Milstein

Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust dazu, Geige zu lernen. Meine Mutter nahm mir die Entscheidung ab. Daß sie es ernst meinte, merkte ich spätestens, als sie mir eine kleine Geige in die Hand drückte und einen Lehrer engagierte. Es war ein Student des Konservatoriums von Odessa. (…)

Stoljarski war mit Sicherheit kein besonders tiefgründiger Musiker, aber mit der Violine kannte er sich aus. Allerdings erinnere ich mich nicht daran, daß er sich je mit der Erarbeitung technischer Grundlagen aufhielt. Alle mußten wir Übungsstücke von Ševčík und Schradieck spielen, außerdem Kreutzer-Etüden.

Ich mochte die Geige noch immer nicht; überhaupt konnte ich mir nicht recht vorstellen, daß ein normales Kind Freude daran finden könne, auf einem Instrument zu üben – außer, es war etwas verrückt. Ich jedenfalls war ein völlig normales Kind.

Damals wollte ich am liebsten Fußball spielen. Da Mama es mir aber nicht erlaubte, mußte ich stattdessen zu Stoljarski gehen. In seiner Schule war es schon lustig: Wir Kinder schrien herum, spielten und kämpften miteinander und sprangen herum wie die Verrückten. (…)

Oft lief ich von daheim fort, um im Stadtpark Fußball zu spielen. Damals waren alle in Odessa verrückt nach Fußball; ausländische Mannschaften kamen aus der Türkei und aus Griechenland zu uns. Ich war ein guter Angriffsspieler und durfte sogar Mittelstürmer sein. Dabei rannte ich so lange herum, bis ich völlig außer Atem war. So kamen meine Eltern dahinter, daß ich oft Fußball spielte, statt Geige zu üben… und ich wurde regelmäßig dafür bestraft: Ich mußte mich in die Ecke stellen.

Noch etwas gab es damals, nach dem alle verrückt waren: das Fliegen. Einer der populärsten Einwohner Odessas zu dieser Zeit war sowohl Fußballer als auch Flieger: Sergei Utotschkin. Und ich, der kleine Milstein, konnte damit angeben, daß ich auf einer Geige spielte, die von Utotschkins Bruder gebaut worden war. Die Geige war ein Alptraum. Den Lack konnte man mit dem Fingernagel wegkratzen. Wenn man wollte, konnte man mit dem Nagel auch eine tiefe Furche in das Holz graben. (…)

Nach und nach begann ich mich ernsthaft für die Geige zu interessieren. Ich mochte es nicht, daß die anderen Kinder besser spielten als ich. Deshalb gab ich mir erheblich mehr Mühe mit der Geige. Das fiel mir leicht, denn ich war ein heller Kopf und lernte schnell. Diese Fähigkeit habe ich bis heute behalten.

Quelle Nathan Milstein (Solomon Volkov) „Lassen Sie ihn doch Geige lernen“ Erinnerungen Geleitwort von Gidon Kremer. / Serie Musik PIPER München SCHOTT Mainz 1995 (Zitate Seite 16-23)

Gidon Kremer im Geleitwort: „Sind nicht Wunderkinder wie Milstein auf eine Art vergewaltigt worden, daß ihnen nichts außer dieser Treue dem Instrument gegenüber blieb?“

***

Dass er selbst schon in frühester Kindheit visionär begabt war, lässt sich leicht erkennen:

gidon-kremer-mit-raute s.a. hier

Körpersprachenforscher sprechen vom „Merkel-Dach“. Dies sei ein Symbol für Brücken und Nachbarschaft. (Zitat nach Wikipedia, siehe vorstehenden Link).

***

Wie früh soll man beginnen, Geige zu spielen? Oder: mit der Geige zu spielen?

Beispiel Tibor Varga.

Zunächst habe ich die Geige nur als Spielzeug verwendet – nicht immer zur Freude meines Vaters. Einmal, ich war vielleicht drei Jahre alt, habe ich eine sehr gute Geige genommen, bin in den Hof gegangen und habe sie mit Sand gefüllt. Anschließend habe ich den Sand auf die Straße gestreut, indem ich die Geige in der Art eines Salzstreuers verwendet habe. Darüber war mein Vater natürlich nicht sehr glücklich.

Quelle Ralf Noltensmeier: Geiger von Beruf – Gesprächsweise Einblicke in die Vielfalt geigerischer Profession. Peter Götzelmann Verlag Kiel 1999 / Seite 79-92  Der Professor für Violine: Tibor Varga

(Fortsetzung folgt)

Was wusste Mozart über „ägyptische Mysterien“?

Anregungen aus einem Aufsatz von Jan Assmann 

Die neuen Gedanken sind entwickelt im Januarheft der Zeitschrift Musik & Ästhetik und beziehen sich zum Teil auf das Buch „Die Zauberflöte. Oper und Mysterium“ (2005), das der Autor in einem interessanten Punkt zusammenfasst.

Mozart war Freimaurer und gehörte seit Dezember 1784 einer Loge an, die eng mit der berühmten Loge Zur Wahren Eintracht zusammenarbeitete. Diese hatte sich in den Jahren 1784-86 einem großen Forschungsprojekt über die antiken, insbesondere ägyptischen Mysterien verschrieben. Offen war jedoch die Frage, ob und wie Mozart mit dieser Forschung in Berührung kam.

Diese Frage hat sich klären lassen. Da ich dieses Thema in meinem Buch über die Zauberflöte (2005) sehr ausführlich behandelt habe, möchte ich hier nur kurz die Ergebnisse zusammenfassen. Zur Gesellen- und Meisterweihe von Leopold Mozart, bei der laut Protokoll auch Wolfgang zugegen war, hielt Anton Kreil, Professor in Ofen und besonders aktives Mitglied der Wiener Mysterienforschung, zwei Vorträge über „Szientifische Maurerey“. Dass diese Vorträge im Journal für Freimäurer  unter dem Titel „Wissenschaftliche Freymaurerey“ gedruckt vorlagen, blieb unbemerkt, weil man diesen anonym publizierten Text fälschlicherweise Ignaz von Born zuschrieb. Kreils ausführlicher Essay ist die bei weitem farbigste und anschaulichste Behandlung, die den ägyptischen Mysterien als dem Urbild „wissenschaftlicher Freymaurerey“ zuteil wurde. Durch die Verbindung von Initiation (seines Vaters) und wissenschaftlichem Vortrag erlebte Mozart hier die maurerischen Rituale in ägyptischer Beleuchtung als legitime Fortführung oder Wiederaufnahme der „Egyptischen Geheimnisse“.

Ägypten erscheint hier als das Urmodell einer „Religio Duplex“, gespalten in eine offizielle, polytheistische Volksreligion und eine philosophische Geheimreligion. Das ganze Land sei von unterirdischen Anlagen unterminiert und täglich entdeckten Forscher weitere. Diese (wie wir heute wissen) Grabanlagen seien die Kultstätten, Forschungslabors und Bibliotheken der Eingeweihten, die neben der Kunst, unter der Erde zu bauen, zwei weitere Maßnahmen ergriffen, um ihre Religion und Wissenschaft geheimzuhalten: die Hieroglyphenschrift als eine für Uneingeweihte unlesbare Codierung der Wahrheit und einen geweihten Orden, dessen Aufgabe die Pflege und Weitergabe der Wahrheit der „Mysterien der Isis“ war.

Was liegt näher als die Annahme, dass Mozart von diesen Vorträgen tief beeindruckt war und dass ihn die Idee einer zwiefältigen Religion, oberirdisch für das breite Volk, unterirdisch für die Eingeweihten, auf den Gedanken einer zwiefältigen Oper brachte, mit einer „popularen“ Ansicht fürs breite Volk und einer gelehrten sakralen für die Eingeweihten? Musste es ihn nicht reizen, „die egyptischen Geheimnisse“ auf die Bühne zu bringen und musikalisch zu realisieren?

Quelle Jan Assmann: „Heroisch-komisches Singspiel“ und „Ägyptische Mysterien“ in Mozarts und Schikaneders Zauberflöte / in: Musik & Ästhetik Heft 81, Januar 2017 Klett-Cotta Stuttgart (Zitat Seite 8f)

Man mag diese Ausführungen überraschend finden. Aber im Prinzip passt dies in die Reihe meiner Mozartbücher, von Paul Nettl (erworben 1955) bis Maynard Solomon (erworben 2005). Auch diese beiden enthalten ausgedehnte Kapitel über die Freimaurerei Mozarts, wenn auch im ersteren noch von „Borns Aufsatz über die ägyptischen Mysterien die Rede“ ist (Seite 151).

Zweifellos haben Born und Terrasson auch Apulejus [Roman „Verwandlungen“] studiert. Das Ritual der Initiation und andere Details gehen offenbar auf diesen Schriftsteller zurück. Nicht weniger ist Heliodors Roman „Äthiopische Geschichten“ als Quelle der „Zauberflöte“ zu werten. Es handelt sich um die komplizierten Schicksale eines liebenden Paares Thegenes und Charikleia, die, wie Tamino und Pamina, nach harten Prüfungen schließlich vereinigt und zu Priestern geweiht werden. (…) Es ist wenig bekannt, daß die Worte Tamino ägyptisch sind, nur wurde Schikaneder das Mißgeschick einer Namensverwechslung zuteil, da Tamino eigentlich Pamino und Pamina Tamina heißen mußte, da Pa-min der dem Min gehörige Mann, Ta-min die dem Mim gehörige Frau  bedeutet. Min ist der alte Ortsgott von Koptos und Achmim, der Schutzgott der östlichen Wüste Ägyptens, Siegfried Morenz hat eine Menge ägyptologisches Material in diesem Zusammenhang mitgeteilt.

Quelle Paul Nettl: W.A.Mozart / Fischer-Bücherei Frankfurt/M und Hamburg 1955

Und bei Maynard Solomon exzerpiere ich den folgenden Abschnitt:

Sicherlich hätte Mozart dem üblichen Radikalismus seiner Zeit und seiner sozialen Stellung zugestimmt; die Drei Knaben der Zauberflöte sprechen in seinem Namen, wenn sie den Tagesanbruch ankündigen:

Bald soll der Aberglaube schwinden, / Bald siegt der weise Mann. / O holde Ruhe, steig hernieder, / Kehr in der Menschen Herzen wieder; / Dann ist die Erd‘ ein Himmelreich, / Und Sterbliche den Göttern gleich.

Was aber dann, wenn sich das Sonnenreich als nichts anderes erweist als eine Kollektion von geometrischen, astralen oder architektonischen Entwürfen, ohne irgendeinen Anhauch von menschlicher Wärme? Brauchen wir es dann wirklich? Ich hege den Verdacht, dass Mozart nicht wirklich an diese autoritäre Utopie geglaubt hat, sondern möchte annehmen, dass er sein angeborenes Misstrauen gegenüber instrumentalisierter Macht nicht unterdrücken konnte. Ich möchte sogar annehmen, dass die größte Absurdität im Flickwerk der Zauberflöte mit ihren aus Plagiaten und Plünderungen des Mythos, utopischen Phantasien, mystischer Tradition und freimauerischem Mummenschanz zusammengeklaubten Ungereimtheiten gerade in der nachträglichen Bestimmung in dieser bitter-satirischen Oper für patriarchale Erfordernisse liegt – Imperative, die gewiss den Wünschen von Verstandesmenschen wie Don Alfonso, Sarastro und Leopold Mozart entsprochen hätten.

Im Zweifelsfalle fällt Mozart, wie wir wissen, immer in die Mechanismen der Komik, der Farce, des Karnevalesken und der Commedia dell’arte zurück. Vergessen sind das Bedrohliche und Unheimliche, vergessen Philosophie und alle schwerwiegenden Fragen. Ferrando und Guglielmo drehen Schnurrbärte, während Don Alfonso ein ungewohntes Lächeln aufsetzt und ein Gelächter empfiehlt. (…)

Quelle Maynard Solomon: Mozart. Ein Leben / Bärenreiter mit Metzler Kassel bzw. Stuttgart und Weimar 2005 (Zitat Seite 503)

Und hier beginnt – anders als es meinem ursprünglichen Lektüre-Ansatz entspräche – eine Gegenbewegung, die mich fast hindert, den ägyptischen Mysterien an Assmanns Hand weiter zu folgen: ich kann mir Mozart nicht dauerhaft in dieser Rolle vorstellen. Es ist nicht das gleiche, aber doch vergleichbares Unbehagen, das mich erfasst, wenn anhand Bachscher Werke kryptische Abzählkünste und kabbalistische Exegesen enthüllt werden. Bei Mozart kommt „erschwerend“ hinzu, dass er leichter als Wortspieler und Buchstabenverdreher vorstellbar ist denn als würdevoll predigender Greis. Martin Geck hat im gleichen Jahr wie der eben zitierte Solomon Mozart im Zeichen des Harlekins gedeutet, was scheinbare psychologische Widersprüche in seinem Werk und ganz besonders in der Zauberflöte plausibel macht. Ihm fehlt der deutsche Ernst, der durchaus mit dem alt-ägyptischen sympathisiert, sofern die Deutschen ihn richtig deuten.

Ich empfehle die entsprechenden Kapitel bei Geck nachzulesen und zu verinnerlichen, insbesondere ab Seite 124:

Sprechender ist jedoch Mozarts Eintauchen in die Welt der Commedia dell’arte: Obwohl oder weil er sich als Musiker der flüchtigsten aller Künste verschrieben hat, drängt er beständig zur Verkörperung, Präsenz und Konkretheit. Als Künstler will er nicht nur gehört, vielmehr in persona wahrgenommen werden – freilich hinter der Distanz schaffenden Maske versteckt. Sie verkündet keine bleibenden „Wahrheiten“ im Sinn Beethovens, sondern ist so wahr, wie es der Mensch in einer je d e n seiner Facetten ist.

Oder in dem Kapitel „Harlequin komponiert / Von der Kunst, das Schwere angenehm zu machen“ ab Seite 215.

Oder die letzten Seiten des Buches mit dem Schluss  (Seite 427):

Je mehr wir uns anstrengen, die Heroen des 19. Jahhunderts zu verstehen, desto weniger können wir verstehen, dass es bei Mozart in d i e s e m Sinn nichts zu verstehen gibt. Anders gesagt: Harlequin Mozarts Blick auf eine Welt jenseits von gut und böse ist nicht der meine, doch ich folge ihm wie ein Kind – manchmal mit geschlossenen Augen, manchmal mit offenem Mund.

Quelle Martin Geck: MOZART Eine Biographie / Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2005

Und kann nun in Ruhe Jan Assmann mit seinem „heroisch-komischen Singspiel“ und den „ägyptischen Mysterien“ bis zum Ende folgen.

***

Auslösende Erinnerung für diesen Artikel waren übrigens die Tölzer Knaben auf youtube, die typischen Anfangsmomente mit Gerhard Schmidt-Gaden, der nette Christian Brembeck am Flügel. Unsere letzten gemeinsamen Reisen (Collegium Aureum) liegen weit zurück in den 90er Jahren, die Anfänge noch in den 60er Jahren, letzte persönliche Begegnung in Greifswald im Juli 2008.

Eine neue Ciaccona

Die Brahms-Version, rücktranskribiert aufs Cembalo

Ich weiß, höchste Vorsicht ist angebracht, wenn uns jemand so bohrend anschaut: möglicherweise will er zuviel. Aber nein, er kann alles. Er spielt die Chaconne (sic!) genau so, wie sie Brahms in seiner Bearbeitung für die linke Hand notiert hat, allerdings mit beiden Händen, was vollkommen legitim ist. Man könnte zwar meinen, dass die Version für die linke Hand allein auf dem Klavier die lebendigen „Probleme“ der Geige mit der Brechung der Akkorde bewahrt und dennoch die klanglichen Vorteile des Klavier durch das Pedal nutzen kann. Aber auf dem Cembalo gibt es kein Pedal, stattdessen gibt es nur die Möglichkeit, die Tasten länger niedergedrückt zu halten, um einen klanglichen Vorteil zu gewinnen. Ansonsten folgt Jean Rondeau der Praxis der Alten Musik, wählt die Doppelpunktierung des Sarabanden-Rhythmus, die Brahms mit ziemlicher Sicherheit nicht gekannt hat, und wendet sparsam alle möglichen Verzierungen der Alte-Musik-Praxis an, wie Praller, Durchgangsnoten, Tiraden, Kadenzornamente und durchweg einen arpeggierten Akkordanschlag, wie ihn – in Grenzen – auch Brahms selbst gepflegt haben dürfte, – wenn auch wohl nicht bei Bach.

brahms-bach-chaconne Die alte Brahmsausgabe, hier dank IMSLP.

(Fortsetzung folgt)

Falsche Welt: Bach trau ich nicht!

Diskussionsstoff oder Skandalfall?

(Zitate aus dem obigen Trailer)

PK „Diese Beschäftigung mit Bach als Regisseur ist seit einigen Jahren mein liebstes Kind.“

PK „Es ist doch etwas ganz anderes, zu diesen Kantaten etwas hinzuzuerfinden, was die Kantate wieder lebendiger macht, als wenn man sie nur so musikalisch absingt.“ (Kantate 52 )

Falsche Welt, dir trau ich nicht!
Hier muss ich unter Skorpionen
Und unter falschen Schlangen wohnen.

 Gott mit mir, und ich mit Gott,
Also kann ich selber Spott
Mit den falschen Zungen treiben.

Gott ist getreu!
Er wird, er kann mich nicht verlassen;
(Will mich die Welt und ihre Raserei
In ihre Schlingen fassen,
So steht mir seine Hilfe bei.
Auf seine Freundschaft will ich bauen
Und meine Seele, Geist und Sinn
Und alles, was ich bin,
Ihm anvertrauen.)

Die folgende Szene (ohne Musik), in der die Sängerin eine andere Frau zum Stuhl führt, auf den diese niedersinkt, während die Sängerin sich mit ihrer Hand beschäftigt, vielleicht besonders mit dem Ring an ihrem Finger (?) / Schnitt / dann bricht die Frau in Tränen aus, die Sängerin versucht ihr Trost zu spenden (?). Das Cembalo beginnt mit der Arie „Wie freudig ist mein Herz“.

PK „Das ist sehr gut, dass da so ne Weinwelle kommt… Und ihr seid wunderbar, das ist so…(er schüttelt die gefalteten Hände) es ist so menschlich, wie ihr das … so zusammen macht. (sie lächeln glücklich). Die gleiche Stelle. Und wir gehen weiter. (Kantate 199 Nr. 6 )

Wie freudig ist mein Herz,
Da Gott versöhnet ist
Und mir auf Reu und Leid
Nicht mehr die Seligkeit
Noch auch sein Herz verschließt.

PK „Das Thema …ist: was passiert mit uns nach unserm Abgang…“

PK „Da sind wir gestoßen auf Kantate 52, 199 und 26. Das ergibt sozusagen einen Bogen unserer Existenz. Und da gibt es natürlich eine harsche Mischung von Ernst und Spaß … oder besser gesagt von Tragik und Komik.“

(JR) Ja, und ich lasse mit Absicht offen, was ich davon halte.

Ein Freund, auch Freund und Kenner klassischer Musik, dessen Meinung ich schätze, schrieb mir:

Verrückter Fund übrigens, „Falsche Welt, dir trau ich nicht!“ Ich habe das
Video nach anderthalb Minuten anhalten müssen, weil mir regelrecht
schlecht wurde. Aber so ist es eben in unseren Zeiten: Musik hat nichts zu
bedeuten, wenn sie nur „einfach runtergesungen“ wird, da muß ein
bescheuerter Regisseur die Sängerin, die von Bach (wie sie selbst zugibt)
und mithin auch sonst wenig Ahnung hat, mit Zahnbürste durchs Badezimmer
hoppeln lassen, damit Bach Bedeutung erhält. Mon dieu! Laß Hirn regnen -
aber bitte nicht wieder nur daneben…

An anderer Stelle las ich folgendes (die Quelle folgt unten):

Eine Kernfrage politischer Musik, ob einfaches Lied oder große Oper, lautet: Inwieweit ist ihr Politisches Substanz, gehört damit unabdingbar zum Wesen der Komposition, oder doch nur Akzidens? Unter welchen zum Teil paradoxen Bedingungen sich das entscheidet, zeigen paradigmatisch die beiden folgenden Fälle. Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben heißt eine Kirchenkantate von Johann Sebastian Bach aus 1726 (BWV 102). Ihr Text, der zum Teil auf Bibelstellen beruht, ruft die Seele zur Buße auf:

»HERR, deine Augen sehen nach dem Glauben / DU schlägst sie [die Menschen], aber sie fühlen es nicht / DU plagest sie, aber sie bessern sich nicht / Sie haben ein härter Angesicht denn ein Fels und wollen sich nicht bekehren.«

Peter Konwitschny hat diese jahrhundertelang unschuldig aufgeführte geistliche Kantate am Theater Chur gegen den gewohnten Strich gebürstet und ins Heute transferiert. Allerdings, ohne auch nur eine Note oder auch nur einen Buchstaben zu verändern! Einzig einen stummen Schauspieler, an dem der Glaube durch Folter ausgelebt wird, hat er hinzugefügt. Dabei ist ihm das eindrucksvolle Kunststück gelungen, die Nähe von Gnade und Folter im christlichen Fundamentalismus zu zeigen, indem er die Gesamtanlage des geistlichenWerks als »Inquisitionsveranstaltung« gelesen hat, in der die Aussichtslosigkeit, den Menschen zu ändern, mit der Verzweiflung, dass eine solche Änderung nicht möglich ist, korrespondiert. Die Solisten sprechen mit ihren vom musikalischen Gestus her aggressiven Arien auf die Gläubigen ein, als ob es sich um ein Lehrstück handle. Und auch der Herr wird musikalisch äußerst aggressiv angesprochen, wie es später Janáček in seiner Glagolitischen Messe (1926) getan hat, um den Menschen zu zeigen, wie man mit Gott zu sprechen hat.

Quelle  Bernhard Kraller: Idealtypen politischer Musik oder: Was verbindet Andreas Gabalier mit Arnold Schönberg? / MUSIK HAMMER – Die Zeitung der Alten Schmiede Nr.73, 02.15 (pdf hier)

Zum obigen Zitat:

Dass „diese jahrhundertelang unschuldig aufgeführte geistliche Kantate am Theater Chur gegen den gewohnten Strich gebürstet und ins Heute transferiert“ worden sei, kann man nicht sagen, es sei denn, es genügt, die Musik zu ignorieren und den Text so umzudeuten, dass er etwas Zeitgemäßes sagt (etwa: Glaube und Folter gehören zusammen). Uns könnte aber interessieren, was denn die MUSIK aus dem Text macht (samt ihren „vom musikalischen Gestus her aggressiven Arien“). Vielleicht ist sie so bedeutend, dass wir uns ihr zuliebe sogar mit dem Bachschen Pietismus beschäftigen, ohne ihn als Glaubensmöglichkeit für uns in Erwägung zu ziehen, – ebensowenig wie das damalige absolutistische System.

Nebenbei: eine „jahrhundertelang unschuldig aufgeführte geistliche Kantate“ von Bach gibt es gar nicht! (Die Matthäus-Passion war ein Sonderfall.) Sie waren allesamt im Orkus verschwunden, und erst die Alte-Musik-Renaissance unserer Zeit hat sie wieder zum Leben erweckt, ja, „ins Heute transferiert“. (Siehe unten das Zitat J. E. Gardiner!)

Eigentlich bin ich etwas erschüttert, wie unbedarft es wirkt, wenn PK sich über Bach und die eigenen Inszenierungsideen äußert. Hat er denn weiter gar nichts gelesen, nur in den Kantatentexten geblättert, um etwas Brauchbares zu finden? Ohnehin scheint mir, dass die Avantgarde (?) nicht zur Kenntnis nimmt, die Authentischen (?) an Einsichten zutage gebracht haben.

Zur weiteren Einordnung der Bach-Projekte von Peter Konwitschny siehe hier. (KlassikInfo.de „Der Krampf mit dem Hosenstall“ 12. Juni 2011 von Eva Blaskewitz). Zwei Zitate:

Bach-Vergewaltigung und Blick in ein seelisches Labyrinth: Der dritte Teil des Bach-Projektes von Peter Konwitschny an der Leipziger Oper verknüpft die Kantate „Selig ist der Mann“ mit einem musikalisch-szenischen Porträt Alma Mahlers (…)

Dass für Konwitschny die Inszenierung der Bach-Kantaten eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit sein sollte, wie er kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung zu Protokoll gab, mag man nicht glauben; und dass er, der doch ein ausgewiesener Musikkenner ist, die Diskrepanz zwischen dem Reichtum der Kantate und dieser platten szenischen Interpretation nicht registrieren sollte, eigentlich auch nicht.

Zur weiteren Betrachtung der Bach-Inszenierungen Konwitschnys, folgt, von ihm selbst kommentiert, eine frühere Arbeit zu „O Ewigkeit, du Donnerwort“, kombiniert mit Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ (Musik: Manuel Durao).

ZITAT

Die lange, von Ende Mai bis Ende November andauernde Trinitatiszeit war im lutherischen Lektionar von einem hartnäckigen Schwerpunkt auf Sünde und Krankheit an Leib und Seele gekennzeichnet. „Die ganze Welt ist nur ein Hospital“, erklärt der Tenor an einer Stelle in Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe (BWV 25): Adams Sündenfall hat „jedermann beflecket / Und mit dem Sündenaussatz angestecket“. (Anm.) Detailliert und ohne Rücksichtauf zartbesaitete Gemüter werden im Text dieser Kantate „Krankheit“, „hitziges Fieber“, „Sündenaussatz“ und der „häßliche Gestank“ der Sünde geschildert. Zwar gipfelt die Textvorlage des unbekannten Dichters in einem leidenschaftlichen Appell an Christus als „Arzt und Helfer aller Kranken“, sich gnädig zu erweisen und uns zu heilen, doch es ist Bachs Musik, die diese Kantate zu einer wahren spirituellen Reise macht. Als Zuhörer spüren wir das, aber es ist schwer zu sagen, wie Bach unsere Wahrnehmung dessen, was die Worte aussagen, verändert. Nehmen wir zum Beispiel den Eingangschor, mit seiner düsteren Beschreibung einer durch und durch sündigen Welt: „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe vor deinem Dräuen und ist kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde“ (Psalm 38,3). Nachdem er die Botschaft des Textes mit allen verfügbaren Mitteln bekräftigt hat (zweistimmige Kanons, Seufzermotive und instabile, abwärts modulierende Harmonien), könnte man denken, Bachs Arsenal an Ausdrucksmöglichkeiten sei erschöpft; aber weit gefehlt. In Takt 15 lässt er einen eigenständigen „Chor“ aus drei Blockflöten, einem Zink und drei Posaunen einsetzen, die Zeile für Zeile den bekannten „Passionschoral“ (Anm.) intonieren. Damit pflanzt Bach dem Satz einen persönlichen Kommentar ein, der nach und nach seine Magie entfaltet: die Idee der Hoffnung und Versöhnung. Er streckt seinen Zuhörern an dieser Stelle die Hand hin, und seine Musik ist wie eine seelische Bluttransfusion – bei der die entscheidende Rolle für den Heilungsprozess nicht den Worten zukommt, sondern der Musik.

Immer wieder fällt an diesen frühen Leipziger Werken auf, wie Bachs Kantaten dort am überzeugendsten sind, wo sie den Blick des Zuhörers dafür schärfen, vor welcher Wahl er im Leben steht. Sie stellen ihm ein Ideal vor Augen (den „Himmel“)und konzentrieren sich dann auf die reale Welt und die Frage, wie man ihr im Hinblick auf Einstellung und Verhalten begegnen soll. Das erklärt, weshalb seine Kantaten ihre historischen und liturgischen Ketten offenbar sprengen und uns noch heute ansprechen. Bach drückt Gedanken und Gefühle aus, die wir auch schon gehabt haben, aber er tut es sehr viel offener und unverblümter, als wir es je vermöchten.

Quelle John Eliot Gardiner: BACH Musik für die Himmelsburg / Carl Hanser Verlag München 2016 (Zitat Seite 376f – die Anmerkungen habe ich weggelassen)

Der erwähnte Bläsereinsatz („Passionschoral“ O Haupt voll Blut und Wunden“ bzw. Wenn ich einmal soll scheiden) auf 0:55 ! Wenn Sie es identifiziert haben, bitte noch einmal von vorn, und jetzt nicht nur auf die Seufzer hören, sondern auf den Bass: es ist die erste Zeile des „Passionschorals“! Und nach dem Zitat in den Bläsern kommt er wieder im Bass! (Es ist die Wiederholung der ersten Zeile.) Und wie ist es später? Eine Fangfrage, – damit Sie lernen, auch auf den Bass zu hören, nicht nur auf die Oberstimmen… Er findet vorerst keinen Fried mehr, wenn es im Text heißt „…und ist kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde“.

Nachtrag

Alternativ-Aufnahme zu „Falsche Welt“ Hier (Sigiswald Kuijken)

Gibt es den Bombardierkäfer?

Bitte nicht sofort googeln!

kaefer-brachinus

Foto: Patrick Coin (cc-by-sa-2.5)

Natürlich haben Sie doch gegoogelt. Und nun das Hinterteil des Tieres mit ungläubigem Staunen betrachtet. Ein Wunder! Nein, ein Alleinstellungsmerkmal sondergleichen, wie die menschliche Sprache.

Aber ein beliebiger anderer Käfer ist nicht weniger bewundernswert. Mein Blick bleibt beim Anblick des herrlichen Darwin-Bandes, den ich nach der Rückkehr von der Nordsee zuhaus vorfand, sofort bei dem Käfer hängen, der hier durch Drehung bevorzugt wird, weil er bei der Wiedergabe des ganzen Covers (siehe weiter unten) etwas angeschnitten wird. Ausgerechnet am ungefährlichen Hinterteil. Das hat er nicht verdient:

darwin-kaefer-voegel

Er erinnert mich an die Käfer meiner Kindheit, vorwiegend Laufkäfer; damals war man der Erde noch näher, vor allem der Schnellkäfer hatte es uns angetan, dank seiner Knick-Knack-Automatik, mit der er sich hochschnellte, wenn man ihn auf der Hand rücklings drehte (s.a. hier oder auch hier).

Vom Bombardierkäfer habe ich etwa 2008 erfahren, als ich mir das dickleibige Buch „Geschichten vom Ursprung des Lebens – Eine Zeitreise auf Darwins Spuren“ angeschafft hatte. Der Autor Richard Dawkins war auf Seite 826 bei der Frage angelangt, welche Erfindungen die Evolution wohl nur 1 einziges Mal hervorgebracht hat (zum Vergleich: ein so kostbares Organ wie das Auge hat sich im Tierreich 40- bis 60-mal unabhängig entwickelt, die Echoorientierung wie bei den Fledermäusen viermal, z.B. auch bei Zahnwalen). Dawkins erzählt:

Ich habe diese Aufgabe meinem Oxforder Kollegen, dem Insektenexperten und Naturforscher George McGavin, gestellt. Er brachte eine hübsche Liste zusammen, die aber im Vergleich zur Liste der Dinge, die sich mehrfach entwickelt haben, immer noch kurz war: Die Bombadierkäfer der Gattung Brachinus sind nach Dr. McGavins Erfahrung als Einzige in der Lage, chemische Substanzen zu mischen und auf diese Weise eine Explosion herbeizuführen. Die Zutaten werden (natürlich!) in getrennten Drüsen produziert und aufbewahrt. Sobald Gefahr droht, werden sie in eine Körperhöhle am Hinterende des Käfers gespritzt und explodieren dort, wodurch eine ätzende und kochend heiße Flüssigkeit durch eine Düse in einer ganz bestimmten Richtung auf den Angreifer geschossen wird. Dieses Beispiel ist auch unter Kreationisten bekannt und findet bei ihnen sehr viel Anklang. Nach ihrer Auffassung ist es selbstverständlich unmöglich, dass sich der Mechanismus in allmählichen Schritten entwickelt hat, weil die Zwischenstufen ausnahmslos explodieren müssen. Bei einer Weihnachtsvorlesung für Kinder, die von der Royal Institution veranstaltet und 1991 im BBC.Fernsehen ausgestrahlt wurde, hatte ich die Freude, den Fehler in dieser Argumentation nachzuweisen. (…)

Er hat den Beweis erbracht, – aber wer das nachlesen will, muss es an Ort und Stelle tun. Hier nur noch die Bemerkung zum anderen Fall (Seite 843):

Die Echoorientierung der Fledermaus ist das Ergebnis einer langen Reihe winziger Verbesserungen, von denen jede additiv zu ihren Vorgängern hinzukam und den Evolutionstrend in die gleiche Richtung trieb.

Quelle Richard Dawkins: Geschichten vom Ursprung des Lebens. Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. Ullstein Buchverlage Berlin 2008 ISBN 978-3-550-08748-6

Falls Sie fragen: kommt dieser Käfer auch bei uns vor? so kann ich Sie trösten: Ja! Aber ich kann leider nicht von einschlägigen Erfahrung aus meiner Kinderzeit berichten. Alles weitere finden Sie bei Wikipedia HIER.

Natürlich bin ich kein Naturforscher oder Biologe, weil die Musik stärker war. Aber das Interesse war einigermaßen früh da, wie ich mit meinem ersten Buch zu diesem Thema beweisen kann:

huxley-1955-cover

So begann es, und es hört nicht auf, und es beginnt manchmal ganz von vorn, wie die Neuanschaffung (s.u.) beweist. Ich hatte zwar jede Menge Tierbücher, seit ich lesen konnte, aber ein digitales Kinderlexikon stand mir nie zur Verfügung (siehe hier, liebes Kind, lieber Emi, und lass Dir dann ein echtes Buch schenken!):

darwin-cover Verlag Theiss Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2016

ISBN 978-3-8062-3391-9

Ein Fallrückzieher, der wie ein Gebet wirkt

„Ich kam als König und ging als Legende“ (Ein Vorbild)

Zuerst ein Märchen und dann? Ja, eine Heiligenlegende zweifellos. Wer bisher geglaubt hat, dass Fußball und Religion nur auf Schalke ineinandergreifen, und lächelt, wenn spanische (oder auch andere) Spieler sich beim Auflaufen bekreuzigen, der hat noch nicht Gunter Gebauers „Poetik des Fussballs“ gelesen. Darin wäre er auf das faszinierende Kapitel gestoßen: „Bewegte Gemeinden / Über das Heilige im Fußball“. (Seite 98 bis 116) Ich zitiere:

Wenn eine Gemeinschaft des Fußballs oder der Popkultur ihre Gesellschaftsvorstellung in den Rang eines religiösen Phänomens zu erheben vermag, dann ist dies ein untrügliches Indiz für ihre soziale Wirksamkeit, so dass ihre eigenen Mitglieder, von der Wirkung, die sie selbst mit hervorgebracht haben, beeindruckt, inbrünstig an sie glauben. Sie ist es, die als Quelle des religiösen Lebens wirkt und Zugang zum Heiligen verschafft.

Im Ernst, es lohnt sich, dort noch einmal nachzulesen (Seite 105)

Und doch war ich erstaunt (und, zugegeben, zunächst belustigt), als ich heute morgen die neue ZEIT durchblätterte, Christine Lemke-Matweys Ausführungen über die Lage der Musik in der aktuellen Weltsituation und eine Buchbesprechung zur sprachlichen Schönheit des Korans gelesen, da verhakte ich mich nolens volens in die folgenden Sätze (Achtung, der Ich-Erzähler wechselt):

Ich weiß nicht, wie oft ich mir dieses Tor schon angesehen habe, Zlatan. Es wirkt bei mir wie ein Gebet: Ich schau es an und schöpfe neue Hoffnung. Der Ball kommt aus Eurer Hälfte. Er fliegt. Du sprintest, Du siehst den Ball in der Luft. Der Ball fliegt und fliegt. Der Torwart stürmt aus dem Strafraum. Hat er Angst? Du stoppst. Der Torwart köpft den Ball weg, viel zu schwach, kleiner Bogen. Du drehst Dich, Rücken zum Tor, 25 Meter Entfernung. Du lässt Deinen Körper nach hinten kippen, Fallrückzieher. Du triffst den Ball, liegst quer in der Luft. Taekwondo: das linke Bein angewinkelt, das rechte gestreckt. Diesen Moment habe ich Dir zu verdanken, Zlatan Ibrahimović, dem schwedischen Fußballspieler mit kroatisch-bosnischen Wurzeln. (….)

Es gibt Menschen, die sagen, Du seist arrogant. Als Du Paris verließest für einen besseren Vertrag bei Manchester United, da hast Du gesagt: Ich kam als König und gehe als legende. Zlatan, ehrlich: Wie lange hast Du nachgedacht für diesen Spruch? (…)

Was hast Du gedacht, als der Ball diesen Bogen machte? Als Du gesprintet bist, der Torwart köpfte? Was hast Du gedacht, als Du am Boden lagst? Als das Stadion leise wurde, für eine Schweigesekunde staunender Ungläubigkeit. Hast Du es geglaubt? Wenn ein solches Tor möglich ist, dann ist fast alles möglich. (…)

Und dieser Blog macht es möglich, alles nur Mögliche nachzuempfinden, sofern es uns gegeben ist. Sofern wenn wir nur religiös musikalisch genug sind. Wir springen im folgenden Film auf Time 4:34 – „Nachspielzeit. Und jetzt passen Sie auf!“

Quelle des Zitates: DIE ZEIT 5. Januar 2016 Seite 20 Wehrhaft und stolz Die Tore von Zlatan Ibrahimović sind wie Kunstwerke. Besonders für einen seiner Treffer gilt das. Als dieser Treffer fiel, hielten die Zuschauer ungläubig inne. Von Felix Dachsel.

Der Artikel gehört zu einer ZEIT-Serie mit dem Titel: Was ist heute noch ein Vorbild? Elf Geschichten von Menschen, die für andere zum Maßstab geworden sind. Schlagzeile, links und rechts Fotos von Brad Pitt über Helmut Schmidt bis Jesus Christus.

Selbstrefentielles…

…ohne Eigennutz: 2 Seiten aus dem aktuellen Folker

folker-edda-brandes folker-radio-analyse (bitte anklicken!)

Es ist ja so: ich freue mich über eine Zeitung oder ein Magazin, wenn ein einziger Artikel vorkommt, der mich sagen lässt: dafür hat sich der Preis des ganzen Druckwerks gelohnt. Und das ist gar nicht so selten der Fall. Bei allen (Musik-)Fachzeitschriften jedoch gehe ich sowieso davon aus, dass sich die Lektüre nicht erst dann lohnt, wenn ich sie von der ersten bis zur letzten Seite aufmerksam gelesen habe. Letztlich finde ich fast auf jeder Seite etwas, worauf ich mit eigener Tätigkeit oder eigenen Assoziationen reagieren kann. Das ist beim Folker nicht anders. Und ich empfehle jedem Leser, der in diesem Blogbeitrag bis zu dieser Zeile vorgedrungen ist, nun auch wirklich da oben in der Titelzeile das Wort „Folker“ anzuklicken, um einen Eindruck des Gesamtangebots zu gewinnen.

Ich freue mich natürlich auch, meinen Namen im Zusammenhang mit einer guten Sache zu lesen und nicht mit einem groben Fehlurteil oder einer peinlich verpassten Chance.

Auf der linken Seite das Bild der Wissenschaftlerin Dr. Edda Brandes, deren preisgekröntes Werk weiterhin auf meinem Schreibtisch liegt, – neben anderen, die durchaus nicht weniger wert sind: Madagaskar, Niger, Burundi -, und nicht ich war es, der den Preis letztlich ausgelobt hat, sondern eine unbestechliche Jury.

Auf der rechten Seite ein Ausschnitt (Text: Stefan Franzen), der mich dazu bewegt, mein halbes Leben an mir vorüberziehen zu lassen: mit unendlich vielen musikalischen Lernprozessen, die vielleicht nur an dieser Stelle möglich waren, wo ich so vielen gleich interessierten Menschen begegnen konnte. Aber auch mit Erinnerungen an zunehmenden Frust, vergebliche Memoranden, gestrandete Hoffnungen, Verlusterfahrungen aller Art. – Schluss. Letztlich liegt am Ende aller Reformen nichts offener da als die Medien. Aber 10 Jahre später weiß niemand mehr, was sie einmal bedeuten konnten. Und was sie wirklich einmal waren. Keine Nostalgie-Wiederholungen machen das wett.

Was mich bei diesen Erinnerungen noch betroffener machte? Die Mitteilung auf Seite 16: Esma Redžepova ist gestorben. Ihr lebensprühendes Poster vom WDR-Festival der 90er Jahre auf dem Bonner Marktplatz grüßt mich heute noch, wenn ich die Treppe zu meinem Übezimmer hinabsteige:

esma-redzepova-im-flur

Nachtrag

Man lese noch einmal nach, was dort oben über Jazz & World zu lesen war. Die Soundworld am Dienstag ist weg, – man könnte nun meinen, hinter dem Begriff World stecke immer noch alles, was man früher dort fand, und tatsächlich, es scheint vorhanden: Gestern Abend auf WDR 3 ab 22:04 WDR-Folkfestival-Aufnahmen 1976-78 und am 12.1.17 sogar ab 20:04 ein Rückblick auf die frühe „Matinee der Liedersänger“ . Was war denn früher anders? Ganz einfach: Musik bestand nicht nur aus Konzerten, Musik war vor allem auch Thema. Sie war – sage und schreibe – auch etwas zum Denken. Wie Michael Kleff ganz richtig sagt: „Gerade das ist die Stärke des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – Erklärungsbedürftigem den Raum zu geben, den es braucht.“ Wirklich Erklärungsbedürftiges wird man vergeblich suchen, es bedarf ja der störenden Worte, die früher noch die Ohren öffnen durften. „Es gibt kein Einschaltradio mehr, es gibt nur noch das Begleitmedium“, sagt der Radioredakteur. – Eben.

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Allerdings: in der Zeit, da ich dies schrieb, lief in WDR 3 eine vorbildliche Sendung mit Neuer Musik, mit Neuen Liedern, gesungen von den Neuen Vokalsolisten Stuttgart, samt hervorragenden Erklärungen und Demonstrationen der Stimmtechniken, – eigentlich kein Wort zu wenig. Achtung: nachhörbar HIERUnd um 22:04 der Übergang in eine Weltmusik-Sendung, die ebenfalls nichts zu wünschen übrig lässt, was die Relation zwischen Musik und erläuterndem Text angeht. Fazit: Wach bleiben! Radiohören könnte sich doch noch lohnen…

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