Computerdenken

Gibt es eine digitale Gefahr?

Ich weiß ganz gut, in welcher Zeit es zunahm, darüber besorgt zu diskutieren. In den 50er Jahren kam das Gerücht auf, dass es denkende oder zumindest rechnende Computer gibt, die so groß seien wie ein Haus. Oder wenigstens wie ein Zimmer. Es interessierte mich nicht. Ein Kommilitone schrieb in den 60er Jahren zur gleichen Zeit wie ich an einer musikwissenschaftlichen Dissertation, und zwar über den Gebrauch des Computers bei der Analyse von Melodien (des Hugenottenpsalters). Wir unterhielten uns darüber bisweilen auf den Fluren der Kölner Universität, aber für mich stand fest, dass diese Ideen für meine Arbeit an arabischen Melodien ohne Bedeutung seien: da man diese nicht verstehen könne, ohne sie mit allen Sinnen verinnerlicht zu haben. Die andere Methode erinnerte mich an die unselige Notenzählerei in Bachs Werken, die gerade – wie ich meinte – von Leuten favorisiert würde, die Bach als kontrapunktischen Mechaniker missverstehen. Ich mache es kurz: noch als die Computer im WDR eingeführt wurden, habe ich mir gedacht: das ist nichts für mich, ich schreibe meine Sendungen weiterhin mit bunten Stiften auf große Bögen, verteile die Ideen übersichtlich und ergänze sie traubenförmig nach allen Seiten, ziehe Linien und lasse mich assoziativ inspirieren. Kollege Schortemeier im WDR wehrte sich sogar gegen die Abschaffung der Karteikarten-Systeme zugunsten digitaler Kataloge, indem er argumentierte, er brauche bei der Programmgestaltung die sinnlich-haptische Beziehung zu den Tonträgern bzw. ihren papierenen Statthaltern in den Schränken. Dieses Blättern in den ausgewählten und auf dem Schreibtisch ausgebreiteten Karten, auf denen sich nicht nur die Titel der Musikstücke, sondern auch handschriftlich hinzugefügte Informationen befanden. Ich will mich nicht lange damit aufhalten, wie ich allmählich umgestimmt wurde, stattdessen das erste Buch hervorheben, das mich positiv beeindruckte. Zunächst hatte ich vermutet, dass es meine ablehnende Haltung unterfüttern würde. Ein Weihnachtsgeschenk meiner Kinder zum 24.12.1991, im Jahrzehnt vorher hatte bereits „Gödel, Escher, Bach“ eine Rolle gespielt.

Penrose vorn Penrose rück Über Roger Penrose !

Am 16.7.1998 war die Umstellung auf digitales Denken bzw. produktiven Computergebrauch im Beruf längst vollzogen, da bahnte das folgende Buch (wiederum ein Geschenk aus derselben Quelle) neue Wege und sorgte für ein grundsätzlich neue Übersichtlichkeit der Lage. Später fragte ich mich des öfteren: Wo ist eigentlich Florian Rötzer geblieben? D.h. zu einem unbeirrbaren Verständnis der digitalen Mittel war ich vielleicht doch nicht vorgedrungen, obwohl ich zuweilen Hinweise (z.B. auf die Website Telepolis) bekam oder auch einige Wege selbst entdeckte.

Rötzer Buch außen Inhalt:

Rötzer Inhalt 1 Rötzer Inhalt 2

Wie gesagt: die Zeit ist nicht stehengeblieben. Siehe unter Florian Rötzer, insbesondere das Werkverzeichnis, und vor allem auch heute TELEPOLIS. Oder gezielt a.a.O. HIER. Oder z.B. HIER. Oder z.B. über Medien HIER. Eine etwas willkürliche Auswahl, aber wandern Sie doch einfach auf eigene Faust durch das Angebot bei Telepolis. Oder durchstöbern Sie in diesem Sinn die Zeitungen. Man dürfte ohne weiteres auch scheinbar banale Aktualitäten unter die Lupe nehmen. (Jetzt habe ich „Sie“ als imaginäre Leserinnen und Leser angesprochen, meine aber viel nachdrücklicher mich selbst als bedürftigen Adepten.)

Ich habe zum Beispiel die Auswahl zum European Song Contest gesehen und habe gestaunt, was für eine absurde Qualitätsvorstellung dort zuhaus ist. Nachdem damals verkündet worden war, es sollten neue Kriterien und neue Auswahlverfahren gelten. Aber könnte nicht jeder Computer heute besseres Zeug herstellen? Nicht eine einzige Melodie, die diesen Namen verdiente („Song“). Stattdessen ein sinnloses Hin- und Herschaukeln der Töne, verbunden mit dem  flehentlichen Blick der Akteure: erkennt ihr denn nicht, wie authentisch ich bin?

Ein Schande wirklich, auch wenn man die Messlatte für Schlager besonders tief legt. Es ist die natürliche Folge einer Einstellung, die glaubt oder vorgibt, musikalischen Erfolg durch planvolle Zwischenteste und Volksbefragungen erzielen zu können. Heraus kommt eine Simulation von musikalischen Nichtswürdigkeiten. (Dagegen gehalten präsentiert Helene Fischer reihenweise Geniestreiche.)

Ich wende mich einem lesenswerten Artikel der aktuellen Wochenzeitung DIE ZEIT zu. Auch da geht es um Simulation, und es gibt kaum ein interessanteres Feld auf dem Gebiet der Kultur (und der Vortäuschung von Kultur). Wenn man einmal diesen möglichen Hintergedanken (als Prüfstein) erfasst hat. Mich reizt diese Vorstellung, seit ich vor vielen Jahren begann, die sogenannte „Volksmusik“ als Musik-Ersatz zu „lesen“  und irgendwie zu tolerieren, etwa so wie man die Groschenromane (vielleicht ist ihre Funktion inzwischen vom Smartphon aufgesogen worden) als Literatur-Ersatz sehen konnte. Oder sogar als „wirklicher“ Lebens-Ersatz (vgl. „Die Musik ist mein Leben“, „Fußball ist unser Leben“).  Aber das hat mit dem Artikel nur indirekt zu tun.

*  *  *

„Als die Servolenkung zu perfekt wurde“, so heißt es, „beschwerten sich Fahrer, weil sie die Straße nicht mehr spürten. Folglich wurden Servolenkungen so ausgestattet, dass die Bodenbeschaffenheit wieder übertragen werden konnte.“ Das ist ein fast perfektes Gleichnis dieses Ersatzdenkens: noch perfekter wäre es, wenn solche schlagloch- oder schotterähnlichen Wirkungen erst wieder künstlich hergestellt und auf den realen Zustand der Straße abgestimmt würden. Per Hand.

Der ZEIT-Artikel geht aus vom Traum eines klavierspielenden Maschinenbau-Professor namens Brent Gillespie beim Anblick eines Steinways:

Der Ingenieur möchte in allen zehn Fingern das Gefühl erleben, so ein Instrument zu spielen – ohne einen Konzertflügel in sein Labor schaffen zu müssen. Dem Informatiker […] geht es um die sinnliche Erfahrung, welche die Mechanik einer Steinway-Taste in den Tausenden Tastzellen eines Pianisten-Fingers hinterlässt. Lässt sich dieses Empfinden künstlich so gut nachbilden, dass nichts fehlt im Vergleich zum Original? Gibt es das Steinway-Gefühl ohne den teuren Flügel? […] „Wir entwickeln Technologien mit audiovisuellem Feedback“, beschreibt Gillespie. „Das ist einfach, aber etwas Wichtiges fehlt: die Haptik.“ Interaktion mit Geräten beschränkt sich zunehmend auf Sehen und Hören. Von der Schreibmaschine über die Computertastatur bis zum Smartphone – die Geräte wurden komfortablerweise immer kleiner. „Aber wir haben etwas Großes verloren, als wir die Tasten weggenommen haben.“

Jedoch:

Wer heute einen Text mittels Touchdisplay eingibt, spürt auf vielen Smartphone-Modellen eine winzige Vibration bei jedem Buchstaben. Schon dieser billige Ersatz erzeugt das beruhigende Gefühl, etwas ausgerichtet zu haben. Unser Gehirn übersetzt diese unbestimmte Vibration in das, was es erwartet: das Gefühl von Tastendruck.

Aber ist solcher Ersatz genau so gut? [… Gillespie sieht für den Flügel eine große Chance im Digitalen:]

Erst einmal arbeitet er in seinem Labor an einer aufwendigen Apparatur mit vielen kleinen Motoren, die das Empfinden beim Flügeltastendruck simulieren. Motoren, also echte Bewegungen, sind aus seiner Sicht der erste Schritt zum Ziel: „Eine gute Illusion“. […]

Seit der Jahrtausendwende ist den Forschern und Entwicklern wenig anderes eingefallen als Vibration, um das Spüren zurückzubringen. Sie ist ein einfaches und billiges Mittel, um eine Berührung zu imitieren. Am deutlichsten wird das Problem in der virtuellen Realität (VR), dieser radikalen Alternative zur physischen Welt, die dank moderner Videobrillen und detaillierter Computergrafik erstaunlich echt wirkt. Bis auf die Physik: Man kann dort Dinge anfassen, in die Hand nehmen, an andere weiterreichen. Aber sie wiegen nichts. Wer eine Wand berührt, spürt vielleicht eine Vibration, mehr nicht, dann gleitet die Hand hindurch. Spätestens in der VR wird klar, dass die Pauschallösung Vibration eine schlechte haptische Prothese ist, eine, die den Phantomschmerz verstärkt.

In dem Artikel wird von aufwendigen Experimenten berichtet, in denen mit Drohnen und Robotern gearbeitet wird, wobei sich vor allem zeigt, wie unfassbar die digitale Welt weiterhin ist. Doch es gibt auch andere Lösungsversuche, ohne Drohnen und Roboter. Sie nutzen keine realen Gegenstände mehr, sondern produzieren lediglich den Eindruck, dass sie da sind. Es geht letztlich um das Feingefühl, das im Umgang mit den realen Dingen Rückmeldung geben muss, sei es nun in der Chirurgie oder bei der Arbeit in einem unzugänglichen Schiffswrack. Was nicht fehlen darf, ist „das Gefühl, ob es mit dem Greifen geklappt hat.“

(Fortsetzung folgt)

Quelle DIE ZEIT 22. Februar 2018 Seite 35 Zurück zum Spüren Computertechnik fordert Augen und Ohren, alle anderen Sinne liegen brach. Jetzt machen Forscher digitale Welten fühlbar / Von Eva Wolfangel.

Heiliger Bimbam

Ist „Gotteslob“ heute noch möglich?

Ich meine mit allem, was dazugehört. Vor allem: mit Glaubwürdigkeit, Überzeugungskraft und auf „künstlerischem Niveau“?

1993, vor 25 Jahren habe ich Hans Zenders Büchlein gelesen oder sogar durchgearbeitet, gerade den geistlichen Teil (im Hintergrund das Thema: „Tradition heute“), und kann das immer noch dringend empfehlen. Leider gibt es das Werk regulär wohl nirgendwo mehr zu kaufen.

Zender Cover  Zender Inhalt Freiburg i.Brsg. 1991

Ich möchte 4 Seiten aus dem Überblick zur Geistlichen Musik als Scans wiedergeben, weil sie zeigen, was mich damals beeindruckt hat. Z.B. die Einschätzung der Orgelmusik als triumphalistisches Getöse, das im liturgischen Kontext grundsätzlich vermieden werden sollte; zugleich die Warnung vor dem unbeschreiblichen Seelenkitsch einer sich so nennenden „Meditationsmusik“.

Zender Inhaltliches a Zender Inhaltliches b

Schlimm ist es, dies zu rekapitulieren, wenn man bedenkt, dass sich der musikalische Ungeist heute in den Kirchen viel schlimmer eingenistet hat, als man es früher befürchtet haben konnte. Denn inzwischen sind selbst die Passionsaufführungen in den „normalen“ Städten eingestellt worden, wo es in den 90er Jahren noch üblich war. Die Mittel fehlen, – reichen aber aus, um die Räume mit volksnaher „Gegenwartsmusik“ über Lautsprecher zu beschallen. Heute ist zudem die Erklärung des Glaubens schwieriger denn je, da die Auseinandersetzung mit anderen Religionen plötzlich nicht nur die Christen, sondern auch die säkularen Vertreter der „Leitkultur“ herausfordern, zumal sie vielleicht nicht mehr die theologischen Inhalte von einst verteidigen wollen, wohl aber die Passionen Johann Sebastian Bachs. Als (indirekten) Beleg zitiere ich aus einem SZ-Bericht über die GLORIA in Augsburg, eine Ausstellung für Kirchenbedarf.

 (…) Die Gloria ist heiliger Bimbam in den unterschiedlichsten Klangvarianten. Der Stand von Turmuhrenbauer übertönt mit seiner Glocke alles. Wer durch die benachbarte Priesterberufungsabteilung wandelt, nimmt die Darbietung einer Harfenistin wahr, die CDs mit „Seelenklängen“ verkauft. Und die Orgeln geben nie Ruhe. Irgendein Angeber ist immer unterwegs, der mal eben so die zwei Manuale mit Lieder aus dem Gotteslob durchdudelt. „Gehegrüüßet seist du Königin, ohohoo Maria.“

Nichts gegen Orgeln, aber Lukas Di Nunzio verfügt über Lautsprecher, die er sehr laut drehen kann, um das Gepfeife zu übertönen. Herr Di Nunzio, 51, bezeichnet sich als wiedergeborenen Christen und Komponisten und er vertritt die Firma CCLI, die Lizenzen für neue christliche Lieder anbietet. Zwischen den Klosterlikör-, Kräuter- und ParamenteFieranten steht Di Nunzio an einer schmucklosen Theke. er handelt mit Daten, die „die Leute wieder in die Gottesdienste bringen“. Mit Noten und Texten christlicher Popmusik. Wer als Abonnent einsteigt, kann die komplette Datenbank und die regelmäßigen Updates mit den neuesten Anbetungs-Hits abrufen, ja sogar beliebig transponieren. Die Firma garantiert Zugriff auf ein Repertoire in sechsstelligen Dimensionen, das regelmäßig mit neuen Songs ergänzt.

Viele Lieder klingen nach Schlager, wie die Schlagerkünstlerinnen Helene Fischer und Andrea Berg sie darbieten. Allerdings haben sie eine transzendentalere Adresse: „Ich lieb dich, Herr, keiner ist wie du. anbetend neigt sich mein Herz dir zu. Mein König Gott, nimm dies Lied von mir! Lass mich, Herr, ein Wohlklang sein vor dir!“ Lukas Di Nunzio sagt, das sei die Sprache, die die Menschen heute verstehen. Es gehe um Verständlichkeit. Das ganze Liedprogramm mit E-Gitarre, Keyboard und Schlagzeug läuft unter der Formel „Lobpreis“. Wie fulminant sie ankommt, hätten auch schon einige katholische Bischöfe erkannt. Die Katholische Kirche wird evangelikaler.

Drüben bei den Orgeln spielt einer „Freut euch, ihr Kerubim, lobsingt, ihr Serafim“. Kerubim? Serafim? Das ist dann wohl die Sprache, die die Menschen nicht mehr verstehen.

Aber hat die Kirche nur eine Sprach- und Verständigungskrise? Gregor Henckel-Donnermarck, erfolgreicher Buchautor und Altabt des österreichischen Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz, erzählt auf dem Messepodium eine Geschichte, die sich in Wien zugetragen haben soll. Eine Gruppe katholischer Pfarrgemeinderäte trifft sich mit Vertretern des Islam zu einem Glaubensgespräch. Die Muslime haben sich vorbereitet, die Katholiken nicht. Dan erläutern die Muslime ihren Gesprächspartnern, was sie an deren Glauben für beachtlich halten, man könnte auch sagen: für unglaublich. Die Transsubstantiation zum Beispiel, also die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, und die unbefleckte Empfängnis. Die Katholiken runzeln die Stirn. So etwas Wunderliches kann doch keiner ernsthaft glauben, sagen sie. Die Muslime stehen auf und gehen: „Wenn ihr euren eignen Glauben nicht kennt, hat es keinen Sinn, mit euch weiterzureden.“ (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung 20. Februar 2018 Seite 9 Sakrament ex machina Uhudler Saft statt Messwein, Kirchen als Hotspot, Missionare aus Indien: Auf der Gloria, der Ausstellung für Kirchenbedarf in Augsburg, zeigt sich, wie Zeitgeist und Glaube zusammenfinden. Von Rudolf Neumaier.

Ich habe das Gefühl, mich dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erkenntlich zeigen zu müssen. Denn ich bin sehr froh über diesen Augenzeugenbericht von der GLORIA, versichere zugleich, dass ich nicht mehr als ein Achtel des gesamten Berichtes abgeschrieben habe und dass es sich lohnt, den Zugang zum Rest des Artikels auch noch zu erwirken. Was möglich ist, indem man den Titel bei Google eingibt usw., während ich dies alles und die ganze Zeitung im Papierformat konsumiert habe, so auch das Streiflicht, das ich nie versäume. Den Clou aber werde ich nicht verraten, denn der erscheint erst im Anschluss an das folgende Zitat (und zwar in Gestalt des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu):

Die alte Philosophisch-Theologische Hochschule Passau ist längst verschwunden, aber ein paar Erinnerungen daran haben sich erhalten. So gab es dort einen Philosophie-Dozenten, der für die Zeichenhaftigkeit seines Vortrags berühmt, ja fast berüchtigt war. Er wusste, dass die Wahrnehmung eines Zeichens bei den Studenten im Glücksfall die Vorstellung des diesem Zeichen zugeordneten Gegenstandes hervorruft, und da er es mit vorwiegend ländlichen Jungmännern zu tun hatte, wählte er klare, schlichte, auffällige Zeichen. Das Thema „Sein und Nichtsein“ pflegte er damit einzuleiten, dass er bei „Sein“ aufrecht stand, bei „Nichtsein“ aber hinter seinem Stehpult abtauchte. Die Studenten genossen die listige Pantomime und waren für ihr weiteres Leben in ontologischer Hinsicht gut abgesichert. (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung 20. Februar 2018 Seite 1 Das Streiflicht.

Es war diese Geschichte, die mir bekannt vorkam, ohne dass ich mich rühmen könnte,  mit einer Philosophisch-Theologischen Überlieferung je in Berührung gekommen zu sein. Aber ich habe nicht geruht, bis ich eine mir näher stehende Quelle aufgetan hatte: es handelt sich um einen Band der von meinem Vater geerbten Reihe „Handbuch der Musikwissenschaft“, nämlich der Band „Aufführungspraxis“ von Robert Haas, Wildpark Potsdam, Athenaion, 1931. Die Seitenzahl ist auf dem Scan wiedergegeben:

Beethoven dirigiert Wie Beethoven dirigierte!

Die Quelle dieser Quelle wiederum hat mich sehr neugierig gemacht, die Eipeldauerbriefe, die vielleicht an anderer Stelle des Bücken-Bandes näher beschrieben sind. Ich habe mir die Suche dort erspart und bin bei Google fündig geworden, schauen Sie doch hier und forschen Sie weiter! Es gibt weiß Gott viel zu lesen, wenn man nur will!

Eipeldauer Briefe 1805

Und erst heute bin ich auf eine Quelle aufmerksam gemacht worden, die meine eigene Person betrifft. Ich kann nur staunen, was so alles gespeichert wird. Dabei hat es in dieser Zusammenstellung vielleicht nur für mich besonderen historischen Wert!

HIER.

Aus meiner Sicht ist schwerwiegender, dass niemand die drei Spohr-Duos op. 38 aufnehmen will, die wir nun bald vollständig erarbeitet haben. Jetzt hört uns wieder kein Schwein!

Tristan und anderes hören

Lauschen, Verbalisieren, Kritisieren

Schwer zu verstehen, was man heute in Kritiken liest; vielleicht, weil darin immer Triftiges zur Inszenierung  und zur aktuellen musikalischen Interpretation vorkommen soll. Und ein bisschen abgebrüht muss es klingen, sonst entsteht der Eindruck, es sei noch zuviel naives Musikerlebnis drin. Pubertäres.

Spätestens mit dem zweiten Akt zieht Daniel Barenboim das Tempo an, und wer meint, nach allem Reminiszenzennebel setze sich nun doch der alte „Todestrotz“ durch, der täuscht sich. Nichts ist hier mehr äußerlich, und wenn in der Liebesnacht etwas orgiastisch gefeiert wird, dann der Vorgang des Komponierens als solcher. Barenboim musiziert wie unter dem Elektronenmiskroskop, baut einzelne Klangmoleküle auseinander und hält sie gegen das Licht, den Akkord aller Akkorde natürlich, immer wieder – aber auch ganze Szenen wie die König Markes (Stephen Milling) Ende des zweiten Aufzugs, wenn mit der Entdeckung des Liebespaars alle Tongebäude und jeglicher Idealismus in sich zusammenstürzen.

Was eben alles so in der Dunkelheit passiert!

Wagner Tristan Lauschen

Natürlich ist das Tempo in der Einleitung erstmal recht lebhaft, weil Markes Jagdgesellschaft loszieht und die Liebesungeduld der Zurückbleibenden erheblich wächst. Aber steht im Mittelpunkt der Liebesnacht nicht die unendliche Ruhe auf der Blumenbank („löse von der Welt mich los!“)? Oder lässt sich daraus kein Text gewinnen?

Eine Lösung ist es jedenfalls nicht, viereinhalb Stunden Oper hinter einem Gazeschleier spielen zu lassen (dreier überflüssiger Projektionen wegen) oder Tristan in der Liebesnacht – Schopenhauer und Nietzsche lassen grüßen! – ein Buch in die Hand zu drücken, aus dem heraus er Isoldes Begehren für sich, nun ja, drapiert.

Spätestens nach dem Grüßenlassen weiß ich, dass dieser flotte Ton nichts für mich ist. All diese Wortfundstücke: vom „Promi-dichten Premierenabend“, in „leuchtendem, wissendem Mahagonikommodensound“, einer Akustik – „eher streicher- und holzbläserfreundlich als günstig fürs Blech (wenigstens im ersten Rang) – aha! Vielleicht ganz hinten andersherum!? Oder auf der Bühne:

Und auch die Sänger tun ihr Bestes: Zwar hat Anja Kampes Isolden-Debüt mit viel Vibrato und einigen Mühen in der Höhe noch Luft nach oben, ihr Engagement aber ist wie immer bestrickend. Andreas Schager als Tristan hingegen legt stimmlich, mit metallisch-heldischem Tenortimbre, eine solche Unverwüstlichkeit an den Tag, dass man ihm das ganze Weltabschiedsgewese der Figur, den Manne in seinem Dunkel, nicht recht glauben kann.

Die Fraue in ihrer Höhe aber auch nicht, sei ihre Mühe auch bestrickend…

Quelle DIE ZEIT 15. Februar 2018 Seite 49 Feier der Klangmoleküle Daniel Barenboim dirigiert Wagners „Tristan und Isolde“ an der Berliner Staatsoper als Gedankengemälde / Von Christine Lemke-Matwey.

*  *  *

Wie wäre es mit einer Tristan-Essenz heute Abend, samt Debussy, Bartók, Ligeti und Ravel? Nur Musik, nichts als Musik? Siehe HIER  (als Video nicht mehr verfügbar)

Gürzenich 20 Februar live Screenshot 2018-02-20 12.31.29

Nils Mönkemeyer Screenshot 2018-02-20 20.52.43 Nils Mönkemeyer bei der Zugabe

Gürzenich-Orchester Screenshot 2018-02-20 22.05.42 Gürzenich-Orchester bei Ravel (Ende)

Bartok Skizze Anfang der Bartók-Skizzen zum Viola-Konzert

Streng genommen habe ich mich zuletzt nur auf Bartók fokussiert (die Skizzen zum Violakonzert findet man in IMSLP Petrucci), das pentatonische Solo-Stück von Salonen ging unmittelbar über in den Anfang des Viola-Konzerts, Nils Mönkemeyers Zugabe war ein erstaunliches Werk von John Cage (!) für Solobratsche plus Bratschengruppe. Insgesamt eine Programmfolge, die mich auf die verschiedenen Hör-Modi bei Günther Anders verwies. Auch die erratische Abschrift, die folgen wird, setzt voraus, dass ich Tristan-Vorspiel, Fuge, Mozart-Champagner-Arie, Debussy bereits als Prototypen der Hör-Modi verstanden habe (was nur unter Vorbehalt gelingt, zumal Bartók für Mozart u.ä. einstehen müsste ). Trotzdem führen die Ausführungen zum Thema Lauschen auf fruchtbares Gelände, das mit anderen „Sichtweisen“ in Verbindung gebracht werden kann (z.B. Zuckerkandl). – Letztlich haben diese Ausführungen nichts mehr zu tun mit dem Ansatz dieses Artikels: der Fragwürdigkeit journalistisch gelenkten Hörens, das auf wirkungsvolle Verbalisierung gerichtet ist. Eine Wirkung, die (fast) nichts mehr mit der musikalischen zu tun hat.

Notiz u.a. zu Bartók

Programmheft Hier

Zur Vorgeschichte des Manuskripts siehe auch Hier

Bartók: Viola-Konzert, nur Ton + Standbild (mit Tabea Zimmermann) Hier

Bartók: Viola-Konzert samt Partitur (mit Yehudi Menuhin 1966) Hier

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ZITAT Günther Anders:

Selbst das alltägliche Lauschen besteht nicht nur lediglich darin, dass es ein Fernes, kaum Hörbares eben doch noch hörte: es hört seinem Kommen entgegen. Aber wenn auch der erlauschte Ton „von wo“ kommt, wo wir nicht sind, wenn er selbst richtungsmäßig, nicht nur stellemmäßig unlokalisiert bleibt, so kommt er doch nur von einem Ort innerhalb desjenigen Lebensraumes, in dem wir und befinden. Dieses – gleichsam innerweltliche – Lauschen soll und hier nicht beschäftigen, sondern nur dasjenige, in dem das Erlauschte aus einer Sphäre hertönt, die grundsätzlich geschieden ist von derjenigen, in der sich der lauschende Mensch als Mensch in Umwelt  befindet. Der Musik lauscht man, nicht weil sie räumlich ferne wäre, sondern weil sie (selbst bei größter räumlicher Nähe) aus einer Dimension sui generis aufstößt. Dem Schrei des Tieres lauscht man, weil in ihm die uns verborgene Dimension tierischer Existenz zu uns kommt. Man hört Ton, man lauscht einer Stimme. Damit ist das Lauschen die Gegenmöglichkeit zur eigenen Stimme: der Mensch, der sich in die Stimme legen, der in der Stimme, ohne sie schon zu objektivieren, aus sich herauskommen kann, kann auch der Stimme lauschen, ohne dass die Stimme Objekt würde. Man lauscht ihr (oder ihm, der sich in die Stimme legt), das heißt dem Kommen der Gelöstheit, die die Stimme als solche darstellt. Wird nun die Stimme erlauscht, so wird andererseits in der Situation des Lauschens alles zur Stimme; alles jedenfalls, das nun dem Lauschenden entgegentritt – denn die Dingwelt bleibt ungegeben. An ihre Stelle tritt eine Welt von Stimmen. – (…)

Das Lauschen weiß nicht, wohin es lauschen soll. Es lauscht zwar dem Ertönen entgegen, aber wo nichts ertönt, kann noch immer etwas aus dem Nichts ertönen. Dieses Nichts, in das das Lauschen hineinlauscht, ist die Stille: „Stille, aus der Nachricht sich bildet“. Trotz ihrer Negativität ist die das eigentliche Medium des Lauschens; sie ist greifbar in der Pause, greifbar in der Stille am Anfang oder Ende des Stückes.

Quelle Günther Anders: Musikphilosophische Schriften / Texte und Dokumente / C.H.Beck München 2017 (Musikalische Situationen / Rückfrage nach dem Element des Tones / Seite 113 ff)

Tod einer Kastanie

Heidberger Mühle a Heidberger Mühle b

Kastanie Heidberger Mühle 170523 a 23. Mai 2017

Kastanie Heidberger Mühle 170706 6. Juli 2017

Seit vielen Jahren einer unserer Lieblingsplätze, sobald die Sonne es erlaubt: die Terrasse des Gasthauses Heidberger Mühle, gelegen im Ittertal zwischen Solingen und Haan, gute Küche, nette Leute. Im Frühjahr schaute man auf den großen Weiher mit der Mühle und in das prächtige Laub des Kastanienbaumes, dessen Blätter im Laufe des Jahres die typischen Symptome des Miniermottenfraßes zeigten. Trotzdem schien er unsterblich. Schauen Sie nur in die Bildersammlung.

Und heute? Bzw. am 13. Februar 2018?

Kastanie Stumpf 180214 Kastanie Stumpf b 180214

Es war unvermeidbar. Aber wir sind sensibilisiert, seit dem Sturz der Eiche im eigenen Garten, die wir vor Jahrzehnten – direkt nach der versehentlichen Zuschüttung durch Baumaßnahmen 1975 – wieder ausgraben und mit einem Schutz aus Kieseln hatten umgeben lassen (ohne Garantie). Hier.

Und vor ein paar Tagen im Walde (eben: kein Anlass zum Jammern. Darum nicht! Leben und Sterben…)

Ohligser Heide 180213 Stumpf & Holz a Ohligser Heide 180213 Stumpf & Holz b Ohligser Heide 180213 Stumpf & Holz c Ohligser Heide 180213 Stumpf & Holz d

Merkwürdigerweise sehen alle Stammteile des Baumes – außer dem ersten – gesund aus! An dieser Stelle lese ich gern dort weiter, wo es um Baum, Borke und Goethe geht, nämlich hier. Oder zurück in die eigene Schock- oder Angstgeschichte hier.
Ich schließe mit dem geheimen Ziel jeder Waldwanderung in der Ohligser Heide: dem Blick auf den Drei-Insel-Teich; sein Innenleben ist durch eine dünne Eisschicht geschützt.
Ohligser Heide 180213 Dreiinselteich 13. Februar 2018 17:01

Erinnerung

Ohligser Heide 1.Juli 2014 a 1. Juli 2014

Ein Fugen-Thema verstehen

ORIGINALTEXT: August Halm (1869-1929) zur Fuge BWV 891 b-moll

HALM Bach b-moll-Thema 1 HALM Bach b-moll-Thema 2 HALM Bach b-moll-Thema 3 HALM Bach b-moll-Thema 4 HALM Bach b-moll-Thema 5 HALM Bach b-moll-Thema 6 HALM Bach b-moll-Thema 7 HALM Bach b-moll-Thema 8 HALM Bach b-moll-Thema 9 HALM Bach b-moll-Thema 10  HALM Bach b-moll-Thema 11 HALM Bach b-moll-Thema 12 HALM Bach b-moll-Thema 13 HALM Bach b-moll-Thema 14 HALM Bach b-moll-Thema 15 HALM Bach b-moll-Thema 16 HALM Bach b-moll-Thema 17 HALM Bach b-moll-Thema 18HALM Bach b-moll-Thema 19 (Ende der Scans)

Quelle August Halm: Von zwei Kulturen der Musik / Stuttgart 1947 (1913)

Da Halm in dieser Analyse auch auf den Vortrag (!) des Themas zu sprechen kommt, sollte man zugleich bedenken, wie die Umkehrung des Themas zu gestalten, die nicht ohne weiteres zu erkennen ist, es sei denn, man hätte auch diese Version vorweg analysiert und geübt. Dann aber auch reflektiert, was zu tun ist, wenn dieses Thema in Engführung – mit nur einer  Zählzeit Abstand – gespielt wird. Ich zitiere diese Versionen zu besseren Orientierung aus dem unentbehrlichen Buch von Alfred Dürr:

Bach b-moll-Fuge Engführungen

Quelle Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach / Das Wohltemperierte Klavier / Bärenreiter Kassel – Basel – London – New York – Prag 1998 / ISBN 3-7618 1229-9 (Seite 417)

August Halm ist auch dort interessant, wo er Kritik übt, und da spart er selbst die verehrtesten Meister nicht aus, – und scheut sich nicht, eine verfehlte Kritik bei besserer Einsicht zurückzunehmen. Der Anfang der folgenden Seite betrifft noch das Thema der Fis-dur-Fuge BWV 882 (worauf ich an anderer Stelle eingehen möchte); und wie man gleich sehen wird, missfällt ihm auch das H-dur-Thema BWV 892 (siehe auch hier): Achtung, Missverständnis korrigieren! (Er spricht vom H-dur in Band 1 ! )

Halm über Orgelfugenthema Orig.siehe hier → HALM Orgelfuge Screenshot 2018-02-17 22.25.57

Bevor ich mein Missverständnis korrigiere, illustriere ich Halms Selbstkorrektur, mit 3 Zitaten aus der Orgelfuge BWV 547; es handelt sich tatsächlich um ein Faktum, das man leicht mit bloßem Ohr wahrnehmen kann:

Orgelfugenthema in C a

oben: Das Thema besteht nicht nur aus dem ersten Takt, die Quartsprungfortsetzung gehört dazu!

Orgelfugenthema in C b

oben: Das Thema, jetzt in a-moll, hat eine wiederum neue Fortsetzung gefunden, die absteigende Sechzehnteltonfolge. Außerdem erscheint als Beantwortung (2. Takt) die Umkehrung des Themas, samt der nun aufsteigenden Sechzehntelfolge.

Orgelfugenthema in C c

oben: auf der dritten Zählzeit beginnt das Thema in der Unterstimme, lässt aber eine noch einmal andere Form der Fortsetzung folgen, die Oberstimme antwortet mit der Umkehrung, jedoch mit neu gestalteter Fortsetzung, während im Pedal eine Vergrößerung des Themas zu hören ist, deren Fortsetzung nach 2 Takten in einer Transposition dieser beiden Thementakte um eine Quint aufwärts besteht.

Mein Missverständnis: das von Halm wirklich gemeinte H-dur-Thema BWV 868 (Bd.I), samt Kontrasubjekten, hier nach Dürr a.a.O. Seite 230:

 H-dur-Thema WTK 1

NB: Über diese Fuge habe ich in den 80er Jahren im WDR Studio für Klangdesign gemeinsam mit Hans Ulrich Werner (HUW) eine analytische Radiosendung produziert. (Wenn ich die Unterlagen wiederfinde, werde ich sie hier als Beleg anfügen. Sozusagen aus historischen Gründen.)

Einen anderen Vorsatz würde ich bei Gelegenheit gern umsetzen: nämlich auch etwas Grundsätzliches zum Vortrag einer Fuge zu sammeln, z.B. dass keinesfalls immer das Thema hervorzuheben ist.

*  *  *

Was heißt: Musik verstehen?

Je nachdem. Von welcher Musik soll denn die Rede sein?

Eine Improvisation (nach einer Probe mit Spohr-Duos op.39)

Die Musik muss einen Anreiz geben, diese Frage zu stellen. Nicht gemeint ist (fraglos) z.B. Musik zum Mitschunkeln (gestern war Rosenmontag). Wie aber steht es mit „Musik zum Träumen“? Oder mit „Meditationsmusik“?

Gewiss kann ich jede Musik problematisieren, in Frage stellen, etwa durch die Frage: Ich verstehe nicht, was die Menschen daran finden. Das könnte aber bedeuten: ich will – bei bestem Willen – keinen Augenblick darüber nachdenken, ich durchschaue sie. Was sie mir bieten will, liegt auf der Hand, aber ich verweigere jede Aufmerksamkeit. Es ist unter meiner Würde, ihr zu folgen. Oder aber: eine Musik klingt für mich wie Nonsens, allerdings räume ich ein, dass ein Sinn darin zu entdecken sein könnte.

Was heißt denn überhaupt VERSTEHEN? Ein Sprache verstehen, heißt nicht, ihren Klang zu mögen, sondern ihren Sinn. Ich kann über jemanden sagen: er spricht 5 Sprachen, aber in keiner etwas Vernünftiges. Musik ist nur in einem bestimmten Sinne eine Sprache. Man kann sie zum Beispiel nicht übersetzen. Man kann über Musik reden, sie heraufbeschwören, aber letztlich nur: indem man sie durch Singen (oder Klopfen) andeutet. Wobei schon die Frage entsteht, ob ein Rhythmus, der geklopft werden könnte, nicht auf einer völlig anderen Ebene verstanden wird, als etwa eine Harmonielehreaufgabe. Womit also schon angedeutet wäre, dass Verstehen und Verstehen innerhalb der musikalischen Genres nicht dasselbe sein muss. Es gibt Musiker, die das Denken ablehnen oder höchst misstrauisch reagieren, wenn man es von ihnen erwartet. Janáček sagte liebevoll über Dvořák: er dachte nur in Tönen.

Kurze Zwischenfrage: heißt denn Musikhören zugleich so etwas wie Denken? Heißt „etwas denken“ dasselbe wie etwas verstehen?

Ich schaue nach, was Wikipedia sagt: Wiki Verstehen.

In einer Probenpause der Spohr-Duos spricht man über viele Musiker, die in der gemeinsamen Studienzeit eine Rolle gespielt haben. Über Lehrer natürlich, noch mehr über Kommilitonen von einst, lauter Persönlichkeiten, die einem „zu denken“ gegeben haben. (Wolfgang Marschner, Dietmar Mantel, Tabea Zimmermann, Franzjosef Maier, Yehudi Menuhin, Christine Raffael, Volker David Kirchner, Rainer Moog, Wilhelm Empt usw.)

Doch zurück zum Thema: Erinnern Sie sich an dieses Stück?

Fuge H Schema nach Dürr (siehe hier)

Natürlich nicht, es gibt ebensowenig von der Musik wieder wie ein Röntgenbild, das Bild seines Skelettes, von dem wirklichen Menschen, den man in lebendiger Erinnerung hat. Sie müssen auch nicht wissen, dass er 1,83 m groß war. Spielt die Körpergröße Napoleons (oder Beethovens oder Gregor Gysis) keine Rolle? Sie wissen auch nicht, welches von den Klavierstücken, die Sie kennen, 104 Takte lang war. Nicht einmal, ob dies als relativ kurz oder eher lang gilt. Ab wann beginnt denn eine Analyse nützlich zu sein? Wenn Sie erkennen, dass es aus 4 Teilen besteht? Schädel, Brustkorb, Beckenbereich, Beine. Alles unwichtig. Im Fall der Musik genügt das Thema, – aber in realen Tönen, nicht als auf- und absteigende Linien. Im Fall des Menschen ein Bild des Gesichtes.

Wenn es wesentlich  für eine bestimmte Musik ist, dass sie in schriftlicher Form existiert, kann man sie möglicherweise nicht verstehen, ohne die Notierung lesen zu können. Zum Beispiel kann ich vielleicht nur dann die Umkehrung eines Themas sofort erkennen. Nur beim Blick auf die Noten kann ich entsprechend lange beim Blick auf die betreffenden Takte verweilen. Das kann bedeuten, dass ich – um eine Musik zu verstehen – mich nicht darauf beschränken darf, sie zu hören.

Wenn ich die folgende CD besitze und verstehen will, was in dieser Musik vor sich geht, weiß ich schon beim Blick auf die Cover-Fotos, dass es wahrscheinlich nicht genügt, die Aufnahmen zu hören. Und wenn ich als westlicher Musiker diese Art von Teilnahme nicht kenne, werde ich vielleicht froh sein, wenn das Booklet eine schriftliche Notation beisteuert, von deren Informationskraft die Mitwirkenden nicht das geringste wissen. Es ist aber nicht mein Vorteil, sondern mein Manko…

Malinke CD vorn Malinke CD rück

Es liegt nahe zu vermuten, dass sich eine Herangehensweise verbietet, die verlangt, solche Rhythmen zu verstehen, da sie sich offensichtlich immer (?) durch physischen Mitvollzug, durch Einbezogensein in Bewegungen, übermitteln.

Das gilt allerdings auch für alle Komponenten des täglichen Lebens dieser Leute, – wie sie mit Kindern umgehen, wie sie ihre täglichen Mahlzeiten zubereiten, was  ihre Höflichkeiten uns gegenüber bedeuten: wir müssen alles lesen lernen. (Oder besser: „müssten“, Konjunktiv und in Gänsefüßchen. Gebietet uns nicht gerade die ganze normale Höflichkeit, nicht alles lesen zu wollen?) Ein bekannter Ethnologe vertraute auf einen Zugang über das Prinzip der „Dichten Beschreibung“ (siehe hier). Wir schauen dem „Eingeborenen“ über die Schulter, bis wir ebensoviel wie er, oder besser noch: mehr über seine Kultur wissen als er selbst. Wir wollen sie lesen, – was eigentlich absurd ist. Andere sehen darin einen verkappten Imperialismus.

Für mich bedeutete die Kenntnis der Notation durch Johannes Beer (mit seinem Kommentar) eine Offenbarung:

Malinke CD Notation Beer Balakulania Tr.2 Hineinhören hier!

Vielen westlichen Musikern ging es wohl ebenso, einerseits war es eine (ideelle) Bereicherung (!), andererseits sorgte sie für eine bemerkenswerte Demut. Man bezweifelte, dass man auf diese Weise das Verstehen der Rhythmen wirklich gelernt habe. Prof. Dr. Thomas Ott zum Beispiel hat im „Institut für Didaktik populärer Musik“ gemeinsam mit Famoudou Konaté eine Art Lehrbuch zu „Rhythmen und Liedern aus Guinea“ (1997) herausgebracht“ und später, sozusagen im Rückblick, eine Rede gehalten  „Zur Begründung der Frage, ob Nicht-Verstehen lehrbar ist.“ In: Franz Niermann (Hrsg.): Erlebnis und Erfahrung im Prozess des Musiklernens. (Fest-)Schrift für Christoph Richter. Augsburg 1999. Nicht-Verstehen, jawohl! Sehr lesenswert, siehe hier.

*  *  *

Verstehen Sie etwas von Musik? Spielen Sie vielleicht sogar Klavier? Dann ist dieses hübsche Stückchen etwas für Sie. Was könnte das sein? Meine Notenschrift ist nicht sehr gut, auch die Pausensetzung und Notenhalsrichtung nicht ganz korrekt. Aber ich habe es keinesfalls selbst fabriziert! Dafür ist es doch wohl zu schön? Man kann es geradezu ad infinitum wiederholen.

Komponist ungenannt Bitte spielen!

Ich habe mich früher manchmal geärgert, wie nachlässig die Neue Musik mit ihren sorgfältig ausgesuchten Texten umgeht. Da sie in Phoneme (o.dgl.) umgesetzt sind, kann man sie beim Hören nicht mehr verfolgen, sie spielen aber inhaltlich zweifellos eine große Rolle. Prompt habe ich (in den 90er Jahren) bei der Besprechung einer CD zwei Lachenmann-Werke (nach Leonardo-Texten), obwohl ich sie oft und intensiv gehört hatte, miteinander verwechselt. Peinlich. Und was lese ich heute, wohl 20 Jahre später, beim Neue-Musik-Fachmann Max Nyffeler? Folgendes:

1) einen Text über Afrikanische Musik (wann war es, als ich in Stuttgart einen Vortrag gehalten habe über 11 Methoden des Hörens – darunter auch afrikanische – und mich fremd fühlte? Wie mir schien, – weil die Neue Musik eben mit der Problematik des Hörens seit Adorno grundsätzlich in erster Linie das Hören Neuer Musik verbindet. (Der Mann der Stunde war Harry Lehmann, vielleicht auch Christian Utz, mit dem Stichwort Interkulturalität Neuer Musik in China). Und jetzt:

Afrika sei ein Kontinent der Hoffnung mit einer einzigartigen Fülle von Musikkulturen, sagte Baaba Maal, international bekannte Koryphäe der senegalesischen Musik, in seinem Eröffnungsreferat zu ACCES 2017.

2) einen Text über die Texte Neuer Musik:

Es ist eines der Mysterien der neuen Musik: der unter Komponisten, Veranstaltern und Publikum häufig anzutreffende Konsens, dass es auf den verstehenden Nachvollzug der Textinhalte bei der Aufführung nicht ankomme. Nach dieser Logik könnte der Komponist auch das Telefonbuch vertonen, es käme für den Hörer auf dasselbe heraus. Während heute die Theater schon zu Mozartopern Übertitel laufen lassen, herrscht in den Konzerten mit neuer Musik in dieser Hinsicht Erkenntnisblindheit. Die Gründe sind so dunkel wie der Konzertsaal. Ist es ein unreflektiertes Festhalten an der aus dem neunzehnten Jahrhundert stammenden Idee der absoluten Musik? Ein Überrest von Genieästhetik, nach der das Publikum die hohen Gedanken ohnehin nicht kapiert? Oder schlicht Denkfaulheit?

Quellen: siehe hier und (Afrika betreffend) hier. (Sogar mit dem anklickbaren Musikbeispiel von Baaba Maal. Als wir ihn beim WDR-Weltmusikfestival zu Gast hatten, wie schon vorher Youssou Ndour, galt das alles als Pop-Musik.- Zu den Texten der Neuen Musik siehe aber auch schon hier!)

Die Lösung des Rätsels (nur noch minimal unaufgelöst)

Komponist ungenannt BACH Zeichen & Wunder in Grün & Rot

Zunächst zu den farbigen Zeichen: der grüne Haken in Takt 75 bezeichnet den Beginn des Themas (über das noch zu sprechen wäre), das Ende ist in Takt 84 gekennzeichnet), ähnlich in Takt 89 und 96, jeweils doppelt, warum? Das eine ist die originale Form des Themas, das andere die Umkehrung, kurz nacheinander, eine sogenannte „Engführung“. Dazu hier nicht mehr als diese Andeutung. Der entscheidende Faktor liegt für uns im Moment bei dem Abschnitt zwischen den roten Haken, also Takt 83 bis 89. Eine der der „schönen Stellen“, auf die viele Menschen warten, wenn sie nur einmal darauf aufmerksam geworden sind. (Die meisten merken im Fall dieser Fuge gar nichts, weil sie bereits ermüdet sind. Das sage ich ohne Spott!) Wie schön diese Stelle ist, wollte ich in der handgeschriebenen Fassung oben („Bitte spielen!“) zeigen. Ich habe sie von As- nach A-dur umgeschrieben, außerdem am Anfang von Takt 1 und am Ende von Takt 7 ein paar Noten dazukomponiert, um das Fragment – zugegeben: etwas gewaltsam – abzurunden. Diese „schöne Stelle“ fungiert innerhalb der Fuge (BWV 891) als (vor)letztes und längstes „Zwischenspiel“. Selbst der gestrenge Analyst Czaczkes, der sonst kein Wort über die Schönheit der Fugen verliert, kann nicht umhin, eine entsprechende Bemerkung zu wagen:

Czaczkes b-moll Zwischenspiel

Während Erwin Ratz sich geradezu dithyrambisch äußert:

Auf dem Sekundakkord der Dominante von As-Dur setzt der letzte Abschnitt (die dritte Durchführung), die Engführung der Umkehrung mit dem Thema ein. Es ist, wie wenn sich der Himmel öffnet und aller Glanz der Engel sich offenbart. In einer hinreißenden Steigerung setzt sich der Jubel in immer neuen Sequenzen der folgenden Zwischentakte (Takt 83-85) fort. Wie wir bei allen großen Meistern äußerste Knappheit in der Darstellung ihrer musikalischen Ideen finden, so ist auch hier mit diesen wenigen Takten Unerhörtes gesagt. Nach diesem Höhepunkt, in dem wir die Erfüllung des Sinns dieser Fuge erblicken müssen, erfolgt die Rückkehr nach b : I, die das In-Sich-Ruhen der Seele spiegelt. Im vorletzten Einsatz erscheinen Thema und Umkehrung noch von Gegenstimmen umspielt, jedoch der letzte Einsatz der Engführung bringt nur mehr die Substanz des Themas (in Sexten) und der Umkehrung (in Terzen), befreit von allen Schlacken, in grandioser Steigerung zum Schluß in den B-Dur-Dreiklang führend. Uns kam es lediglich darauf an, den musikalischen Inhalt durch die Form zu erkennen und darzustellen. Wir sehen, daß alle kontrapunktischen Künste, die so sehr überschätzt werden, ja nur untergeordnete Hilfsmittel sind zur Darstellung einer großen Idee.

Quellen Ludwig Czaczkes: Analyse des Wohltemperierten Klaviers / Form und Aufbau der Fuge bei Bach / Band II Seite 276 / Österreichischer Bundesverlag Wien 1982 // Erwin Ratz: Einführung in die musikalische Formenlehre / Über Formprinzipien in den Inventionen und Fugen J. S. Bachs und ihre Bedeutung für die Kompositionstechnik Beethovens / Universal Edition Wien 1968 (Seite 268)

Es ist vielleicht nicht der rechte Moment, Umwege zu machen. Aber vielleicht vormerken?

Eggebrecht Musik verstehen vorn  Eggebrecht Musik verstehen rück 1995

Musikalischer Sinn Cover  Musikalischer Sinn Inhalt 2007

Musikalisches Hören Cover Musikalisches Hören rück 2017

Inzwischen habe ich den Artikel „Ein Fugenthema verstehen“ hinzugefügt – gemeint ist das Thema genau dieser Fuge in b-moll aus dem 2.Band des Wohltemperierten Klaviers – und kann mir viele erläuternde Worte sparen: Sehen Sie bitte HIER. Die Lektüre erfordert Zeit und Geduld, aber es lohnt sich.
Zurück also zu den „Rhythmen der Malinke“ und dem Vortrag von Thomas Ott über das Nicht-Verstehen, den ich jetzt noch einmal in einem externen Fenster verlinke, damit man leichter hin- und herwechseln kann.(Nicht-Verstehen.) Außerdem erlaube ich mir, die beiden Beispiele, die in der schriftlichen Form des Vortrags nicht enthalten sind, hier zu ergänzen (und noch etwas von dem hochinteressanten Text aus der Umgebung dazu):

Zu Thomas Otts Beispiel 1

Ott Kendo Seite 44 Thomas Ott / Famoudou Konaté

Zu Thomas Otts Beispiel 2

Chernoff a Chernoff b John Miller Chernoff

Quellen John Miller Chernoff: Rhythmen der Gemeinschaft / Musik und Sensibilität im afrikanischen Leben /  Übersetzung: Barbara Wrenger / Trickster Verlag 1994 (vergriffen) Original: John Miller Chernoff: African Rhythm and African Sensibility / Aesthetics and Social Action in African Musical Idioms / The University of Chicago Press Chicago and London 1979

(Fortsetzung folgt)

Klimaziele: Zenit überschritten

Wir wissen es längst

ZITAT aus einem Interview über die bisher (nicht) geleistete Arbeit:

Ich glaube, der eigentliche Punkt ist, dass beim Klimaschutz eine völlig andere Logik, eine völlig andere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung auf unsere heutige Realität trifft und man eigentlich das bis heute nie richtig verarbeitet hat, wie man damit umgehen muss.

Armbrüster: Dann haben die Politiker die Bürger 20 Jahre lang angelogen?

Müller: Die Bürger haben sich auch was vorgemacht. Man muss hier einfach sehen: Das Grundprinzip, nach dem moderne Gesellschaften funktionieren, ist die Logik von Wachstum, schneller, höher, weiter, oder historisch der Linearität, also der permanenten Vorwärtsbewegung. Klima ist aber was anderes: Es ist der Umgang mit Grenzen.

Ich will damit nichts verteidigen. Ich will nur klarmachen, man sollte es sich auch nicht so einfach machen, als ob es da um die Ergänzung der bisherigen Politik geht. Es geht schon um was fundamental anderes, und das ist zu wenig begriffen. Mich ärgert – und das ist für mich das zentrale Versagen -, dass das nie richtig debattiert wurde.

Armbrüster: Was hat denn die SPD daran gehindert, das zu debattieren?

Müller: Was hat alle gehindert daran, dies zu debattieren?

Armbrüster: Na ja! Ich spreche jetzt mal mit Ihnen, weil Sie ja Einfluss vor allen Dingen in der SPD hatten oder haben.

Müller: Ist ja klar. Ich will das überhaupt auch nicht relativieren. Aber ich meine, beispielsweise auch ein Jürgen Trittin hat damals die deutschen Klimaschutzziele aufgegeben. Aber da haben sie nicht so genau hingeguckt mit der Öffentlichkeit.

Armbrüster: Da würde Ihnen Jürgen Trittin jetzt wahrscheinlich deutlich widersprechen.

Müller: Nein, das kann er nicht, weil selbst mein damaliger grüner Kollege, der umweltpolitische Sprecher Reinhard Loske der Grünen, damals erstaunt war, wie er das Ziel aufgegeben hat. – Ich will das aber jetzt gar nicht thematisieren. Ich will nur klarmachen, dass es um keine Kleinigkeit geht. Es geht um unheimlich viel und meines Erachtens hat die SPD nicht begriffen, dass sie eine unglaubliche Chance hätte, gerade dieses Thema zu bewältigen, weil es nämlich im Kern wie nie zuvor die Gerechtigkeitsfrage thematisiert. Wir werden mit Grenzen nur umgehen können, wenn wir zu mehr Gerechtigkeit kommen, und das ist eigentlich ihr eigenstes Thema und ich bedauere deshalb, dass sie das bis heute nicht richtig begriffen hat.

Quelle Deutschlandfunk, Tobias Armbrüster (DLF) im Gespräch mit Michael Müller / Radiosendung und Printversion des ganzen Interviews HIER

Dank an JMR!

Nachtrag in der Nacht zum 12.02.18

Der Beitrag in ttt (Titel, Thesen, Temperamente) kam wie gerufen, unbedingt hören, sehen, notieren! THEMA:

Kampf den Umweltlügen – Film und Buch „Die grüne Lüge“

HIER

Zitat zur „Nachhaltigkeit“:

„Mittlerweile benutzt diesen Begriff jeder, weil der natürlich auf keine Art und Weise geschützt ist“, erklärt Kathrin Hartmann. „Das kann alles Mögliche sein. Es gibt Gründe, warum man von nachhaltigen Palmöl spricht und nicht von ökologisch und sozial gerechtem Palmöl. Denn: Das gibt es nämlich nicht.“

Ich erinnere mich an eine Seite 2 – in der ZEIT oder in der Süddeutschen Zeitung – zum Thema Palmöl, darunter ein Artikel, dass jedes für Palmölplantagen gerodete Gebiet in Indonesien die Lebensgrundlage für 20 000 Kleinbauern sichert. Eine Art Erpressung? Morgen früh werde ich auf die Suche gehen. Die „guten“ Zeitungen bleiben für ein bis zwei Wochen auf dem Stapel der ZEIT, die bei uns Monate oder sogar 1 Jahr überdauert…

Morgen!

Rosen am Rosenmontag Morgens am Rosenmontag

Die Rosen habe ich aus privaten Gründen besorgt, habe die nette Blumenverkäuferin gefragt, wo die denn herkommen. Sagte sie Costa Rica oder Puerto Rico? Andere kommen aus Kenia. Viele auch aus Holland, natürlich. Nicht nur Tulpen. Ich weiß, und in Spanien nur Tomaten unter Folien, die Pflänzchen kommen in Töpfen aus (ich weiß es nicht mehr), sie werden nie Kontakt mit dem „normalen“ Erdreich haben. Wenn Sie das Foto anklicken, können Sie auch die Schlagzeilen meiner oben angekündigten Zeitung lesen. Ich bin die Seite inzwischen mit Rotstift durchgegangen. Im Fernsehen ein Moment Frohsinn aus Köln. Kein Missverständnis: ich spiele nicht den Savonarola! Für die Rosen aus Mittelamerika habe ich das Auto bewegt. Inzwischen scheint die Sonne. „Meine“ Schlagzeilen folgen, für den Fall, dass jemand die SZ-Artikel im Internet suchen will.

Süddeutsche Zeitung 3./4. Februar 2018 Seite 2 Thema der Woche Fluch des Biokraftstoffes Palmöl galt rinst als saubere Alternative zum Diesel, es sollte das Klima schützen und wurde gefördert. Doch dann zeigten sich gravierende Nachteile. Nun plant die EU eine Kehrtwende. Wird das der Umwelt helfen?

Europas Brandspur Regenwälder müssen oft Palmöl-Plantagen weichen. Nun will die EU den Biodiesel für Autos verbieten. Aber das ist nur ein erster Schritt, denn der Rohstoff steckt auch in vielen anderen Produkten. Von Michael Bauchmüller. Hier

Gute Pflanze, böse Pflanze „Ich wüsste nicht, wie ich sonst mein Geld verdienen soll“: Kleinbauern in Südostasien protestieren gegen die Europäer, denn Millionen Menschen leben vom Plantagengeschäft. Von Arne Perras. Hier

ORCHESTER

Kollektiv der Individuen

Da ist also etwas möglich, was erst durch die Leichtigkeit der modernen Technik wieder zum Vorschein kommt (präsent wie einst im Saal des Palais Lobkowitz, wo die gewaltige Eroica uraufgeführt wurde, zum Greifen nah für jeden in diesem Saal, der nur 15 m lang und 7 m breit war, 90 Sitzplätze;  oder Mozarts große Klavierkonzerte im Saal des Trattner-Gasthofes oder des Restaurants in der Mehlgrube). Es kann heute nicht das Ziel sein, für die größtmögliche Menschenmenge zu spielen, allein das ungeheure Format der Veranstaltung wäre furchteinflößend, nicht horizonterweiternd. Ihr stürzt nieder, Millionen, – nein, niemand will das, klassische Musik als Massenspektakel, „Brimborium“ nannte Theodor W. Adorno Musik im Fernsehen. Das Problem liegt woanders: man könnte zwar sagen, auch per Internet ist es ein fürs Medium präpariertes KONZERT wie jedes andere, – andererseits wird es hier nicht in Konkurrenz mit den üblichen Unterhaltungsprogrammen dargeboten, sondern über das ganz gewöhnliche private Arbeitsgerät und dort als das außergewöhnliche, exclusive Live-Ereignis präsentiert, das es ist. An einem konkreten Ort und vor einem konkreten Publikum (nicht als Studio-Fake), und es kann darüberhinaus ein Riesenpublikum, das unsichtbar bleibt, erreichen und zugleich von jedem singulären Rezipienten störungsfrei erlebt werden. Ein mustergültiges, großes Konzert in Echtzeit, am Schalthebel des Internets, mit allen Möglichkeiten, die es bietet und über die zu verfügen man gewohnt ist. Programmheft als pdf  und zur Not sogar Google, Wikipedia oder sogar Petrucci-IMSLP-Partituren.

Ein entscheidender Punkt ist, dass nicht nur das Orchester als Ganzes , sondern die einzelnen Mitglieder als Individuen in Erscheinung treten. So wie im Klavierkonzert notwendigerweise ein Solist der Versammlung aller Mitwirkenden gegenübertritt, mit mit Gruppen korrespondiert, mit Einzelnen ins Gespräch kommt, diskutiert, eine Auseinandersetzung wagt. Ganz stark wird diese Komponente der Wechselwirkungen zwischen Individuen, Paaren, kleinen Gruppen und dem großen Ensemble in Bartóks „Konzert für Orchester“. Eine Bemerkung nebenbei: dies bedeutet nicht, dass das Konzerterlebnis im Saal sich damit erübrigt, es hat seine unverwechselbare Realität. Aber die Realität ist u.U. mit einer beschwerlichen Reise verbunden.

Ich möchte eine Reihe von Screenshots folgen lassen, die – ohne besonderen fotografischen Anspruch – während der Livesendung entstanden sind, einfach, um den Moment zum Verweilen zu bringen, – genau das, was Goethes Faust zu vermeiden trachtete, also genau das, was die Musik (und die Regie der Aufzeichnung) uns in ihrem Verlauf immer wieder zeigt oder markiert, zugleich entzieht oder vorenthält und gerade dadurch bewusst werden lässt. Es ist eben nicht nur Musik, nicht nur das, was die Ohren konsumieren, sondern es sind lebende Menschen, die diesen musikalischen Kosmos in einer kollektiven Anstrengung vor unsern Augen und Ohren entstehen lassen. Greifbar nahe und BEGREIFBAR, wenn denn die Sinne und der Verstand entsprechend sensibilisiert sind. Nicht zu vergessen die liebenswürdige Moderation durch Holger Noltze und Patrick Hahn. (Zu wünschen wären vielleicht noch separat produzierte, über ein bloßes Gespräch hinausgehende Beiträge – intensive Probenausschnitte? –  in der Konzertpause.)

Konzertpause Screenshot 2018-02-06 21.18.39

Ich setze an den Anfang die kleine Rede, die der Dirigent François-Xavier Roth am Ende des ganzen Konzertes gehalten hat:

2:20:10  Meine Damen und Herren, ich brauche nicht zu beschreiben, wie besonders das Konzert heute Abend ist, also zuerst sind wir auf Internet, und viele Leute, die kucken aus Japan, aus Schweden, aus alles Europa, aus Amerika auch, freuen wir uns sehr, dass wir können alle diese Leute willkommen hier in KÖLN, HIER (Beifall). Und heute Abend spielen wir auch, also die ganze Woche spielen wir unsere Orchesterakademien, das ist etwas ganz … , also ein bisschen neu, und wir sind so auch stolz und froh, dass wir können alle diese junge Generation unterstützen, also diese Akademie, das ist natürlich auch durch unseren Freundeskreis, so einen lebendigen Freundeskreis, wenn Sie wollen unterstützen unsere Akademie, das wäre eine Super-Idee, Sie können unseren Freundeskreis enjoyen, … und auch heute Abend ist für uns sehr bewegend, weil unser Bernhard [Oll], der Solobratscher unseres Orchesters, spielt sein letztes Konzert hier  in Köln. Morgen spielen wir, übermorgen, überübermorgen spielen wir in Hispania, also es ist nicht sein letztes Konzert, aber es ist sein letztes Konzert hier,  und ich möchte im Namen von meinem Orchester, wie froh und wie bewegt wir sind heute Abend, wir vermissen ihn schon im Gürzenich-Orchester, Du hast soviel gemacht! (langer Beifall für Bernhard Oll + Ansage der Zugabe als „Übergangsstück“: Slawischer Tanz von Dvorak)

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Was eigentlich an dieser Stelle folgen sollte: ein Blick in verschiedene Bücher, zum Abstandgewinnen etwa in Adornos Musiksoziologie, dann in Paul Bekkers anregendes Buch „Das Orchester“ (1936/64), in der Neuausgabe 1989 mit dem Nachwort von Clemens Kühn,  und vor allem in das neue MGG-Lexikon, Sachteil, Stichwort „Musiksoziologie“ von Christian Kaden, wo das Phänomen Orchester in einen weltweiten – auch ethnographischen – Zusammenhang gestellt wird. Wonach ich noch suche, ist eine Darstellung des Phänomens „Solisten-Konzert“ – als immer neuen Entwurf einer gelungenen Auseinandersetzung bzw. Kooperation zwischen Individuum und Gesellschaft (angefangen mit Vivaldis „Jahreszeiten“, am plakativsten und ergreifendsten bei Beethoven im langsamen Satz des 4. Klavierkonzertes).

Als Anregung: Christian Kaden in MGG (Sachteil Bd.6) Bärenreiter-Verlag 1997

MGG Kaden Aus dem MGG-Artikel Musiksoziologie (Christian Kaden)

Die Gedankenwelt, die sich in der Frühzeit des bürgerlichen Konzertwesens mit dem Orchester verband, mag uns ferngerückt sein und gibt doch mehr zu denken als die heutige Tendenz, die hohe Kunst auf Biegen und Brechen vom Podest zu holen. Oder umgekehrt die scheinbar niedere Kunst zu nobilitieren. Im folgenden Text von 1802 geht es wieder um das Solokonzert. Hat der Solist immer den gleichen Adressaten wie das Orchester?

[Ein Konzert hat] viele Ähnlichkeit mit der Tragödie der Alten [Griechen], wo der Schauspieler seine Empfindungen nicht gegen das Parterre, sondern gegen den Chor äußerte, und dieser hingegen auf das genaueste in die Handlung verflochten, und zugleich berechtigt war, an dem Ausdruck der Empfindung Anteil zu haben. Man vollende sich dieses scizzirte Gemälde und vergleiche damit Mozarts Meisterwerke in diesem Fache der Kunstprodukte, so hat man eine genaue Beschreibung der Eigenschaften eines guten Concerts.

Quelle Heinrich Christoph Koch: Musikalisches Lexikon, welches die theoretische und praktische Tonkunst, encyclopädisch bearbeitet, alle alten und neuen Kunstwörter erklärt, und die alten und neuen Instrumente beschrieben, enthält. Frankfurt 1802

Den emphatischen Anspruch gemeinsamer produktiver Musikrealisierung formuliert der Frankfurter Orchestermusiker Carl Gollmick 1848 folgendermaßen:

Ein Orchester tritt nie selbständiger auf als in der Symphonie. […] Sie bildet für das Orchesterpersonal einen eigenen Staat, worin jedes Mitglied ein freier Bürger, ‚eine kleiner König rund für sich‘ ist. Sie vereinigt mit ihren tausend unsichtbaren Fäden alle Mitwirkenden zu einem Bunde, wo alles irdische abgestreift, jedes Herz die Religion der Tonkunst inniger als jemals fühlt. […] Man sollte Todfeinde eine Symphonie mitspielen lassen und sie würden von geheimer Sympathie umschlungen Brüder sein müssen. Wenichstens [sic] so lange, als die Symphonie dauert“. (AMZ 50, 1848, S.129; zit. nach R. Schmitt-Thomas 1969 S. 708)

Quelle MGG (neu) Bärenreiter Kassel 1996 Sachteil Bd. 5 Artikel Konzertwesen Sp. 696

* * *

Zu guter Letzt noch ein Hinweis: ich habe in den Schluss eines früheren Blog-Artikels einen herrlichen youtube-Film eingefügt, der vielleicht noch zur heilsamen Irritation darüber beiträgt, was Musik im klassischen Sinn heute tatsächlich „aushalten“ kann, ohne sich selbst zu verraten. HIER.

Noch wichtiger wäre der Blick auf das nächste Internet-Konzert des Gürzenich-Orchesters am 20. Februar, mit dem Viola-Konzert von Bartók, nein, insgesamt wieder mit einem unerhörten, ja, sensationellen Programm, im Mittelpunkt (?) Ligetis „Atmosphères“. Zur Information vorweg die entsprechende Internetseite des Orchesters: Hier.

Nachspiel (Ernüchterung) 11.2.2018

Jemand äußert sich zu diesem Blogeintrag: ich mag keine Musikerbilder, da scrolle ich ganz schnell durch. Dann lieber Karajan. (Das ist ironisch: Karajan hat am liebsten sich selbst im Film gesehen, statt der Musiker lieber ihre Instrumente; es sollte aussehen, als spielten sie von selbst.) Heute bin ich zufällig mit einer scheinbar ganz ähnlichen Situation konfrontiert, nein, nicht konfrontiert: das Fernsehen läuft zufällig (in meinem Rücken), ich höre beiläufig Brahms, drehe mich zuweilen um, alles ist anders als am 6. Februar, obwohl die Bilder sich gleichen. Eine Konserve aus dem Jahre 2007. Gleich wird wieder Olympiade laufen, oder was Karnevalistisches.

Fernsehen Musik 1 Fernsehen Musik 2. Fernsehen Musik 3.Fernsehen Musik 4. Handyfotos Bildschirm JR

Ist das wahr? Es fehlt die Aura. Oder bilde ich mir das ein? Musik im Fernsehen, ist das doch „Brimborium“? (Das Wort ist zu stark, zu positiv.) Oder nur zu Adornos Zeiten, in den 60er Jahren? Eine Situation, die lähmend wirkt. 2007. Lebt es noch? Eine fast historische Aufnahme – oder eben gerade nicht. Der 20. Februar wird es zeigen (eine sorgfältig) vorbereitete Situation. Heute aber geht es um Bach, b-moll-Fuge, wie gestern Abend erlebt: nur die Zwischenspiele. Und um Guinea (als Kontrast).

Gestern

6. Februar 2018

Der Tag war ziemlich gelungen. Morgens Quartett-Probe in Refrath mit Beethovens Streichquartett op.130 (Sätze 1-3). Ein (doch gar nicht so selten wiederkehrendes) Erlebnis, wie anders es ist, die Stimme eines Quartetts geübt zu haben, alternierend mit dem Hörvergleich (CD Auryn-Quartett), auch mit einigen Versuchen, den Zweite-Geigen-Part mit Knopf im Ohr synchron zur Aufnahme zu spielen. Und dann zu vergleichen, wie man es in Wirklichkeit bei der Realisierung erlebt oder erarbeitet, bzw. das Erarbeiten erlebt. Es ist nicht einfach Begeisterung, die sich einstellt, zugleich auch „Befremdung“; das liegt an Beethoven, es liegt an der Komplexität des Werkes, der konsequenten Verteilung auf vier Individuen. Von der CD gehört, verläuft es ja nun mal in einer nicht irritablen Perfektion. Ich denke an das Gespräch zwischen vier vernünftigen Personen, – Goethe hat wohl ein damals geläufiges Diktum abgewandelt -, die Vernünftigkeit der anderen Teilnehmer braucht Toleranz, weil sie in der Musik ja gleichzeitig reden wollen, und man kann ihre Geltung nicht in Zweifel ziehen. Die Bewunderung für den Komponisten wächst mit dem Gelingen.

Ich hatte mir vorgenommen nachzuforschen, was eigentlich Basil Lam mit der Anspielung auf den langsamen Satz der Jupiter-Sinfonie gemeint hat (vielleicht mein kleines Lieblingsthema, weniger ein Thema als eine Abschiedsformel vor dem Doppelstrich, dachte ich, hatte es schon Ende der 80er Jahre unterstrichen. Ohne am Ort gründlich nachzuschauen).

Lam Mozart bei Beethoven

Was Basil Lam meint, ist folgende harmonische Sequenz (übrigens in den Triolen grifftechnisch verteufelt schwer in der zweiten Geige, auch rhythmisch als Geige-Bratschen-Uhrwerk) :

Beethoven 130 3 Beethoven

Mozart Jupiter 3 Mozart

Als ich gegen 14 Uhr nach Hause kam, war die sehnlich erwartete Guinea-Postsendung eingetroffen. Die Chance, an das Erlebnis der 90er Jahre mit dem Ensemble Famoudou Konaté anzuknüpfen, damals dank Johannes Beer und der CD mit seinem Analyse-Booklet. Es muss sich im Blog wiederfinden. Auch die Website-Verbindungen zur Arbeit des Autors Thomas Ott und Famoudou Konaté. Auch die Frage: was macht eigentlich Johannes Beer? Damals bei der Veranstaltung in der Essener Zeche Carl plante er eine Ausbildung für die Waldorfschule. Im Ernst, ich war enttäuscht: Afrika und Anthroposophie, das schien mir dermaßen absurd, – jedenfalls nicht vorstellbar, wenn man je Eurythmie gesehen hat.

Rechnung Guinea

Guinea Ott + CD Institut für Didaktik populärer Musik 1997

Abends Live-Übertragung des Gürzenich-Konzerts ONLINE. Ich wollte in meinem Arbeitszimmer ausharren und nicht im Wohnzimmer das Spiel Leverkusen gegen Bremen sehen. Ohne verhehlen zu wollen, dass ich mir oft den Spaß mache, beim Fussball-Fernsehen an die Team-Arbeit des Orchesters zu denken (wo allerdings die Gegnerschaft der Mannschaften kein Spiegelbild findet). Und: Musik ist natürlich kein Sport, nur der „Ernst“ ist von ferne vergleichbar. Auch das Können der Einzelnen. Nur nicht das Gesamtergebnis und der Ertrag. (Siehe auch hier.) Es geht um etwas völlig anderes.

Orch & Indiv 46 Screenshot 2018-02-06 21.58.06 Screenshot Gürzenich-Orchester

Am späten Abend bleibt noch genügend Zeit für die Verlängerung des DFB-Spiels. Toll. Aber würde ich jetzt den Rest des Spieles, das ich nicht gesehen habe, in der Aufzeichnung nachholen? Nein. Das Konzert jedoch werde ich – wenn es weiterhin abrufbar ist – mindestens noch einmal hören. Wahrscheinlich erst, nachdem ich mich mit einzelnen Aspekten näher beschäftigt habe. Und insbesondere den Boulez, bei dem ich noch nicht aufs „bloße“ Erfassen des Werkes eingestellt war, alles andere kannte ich ja als „Werk“ seit Jahrzehnten. Und das bedeutet seltsamerweise, dass man um so aufmerksamer zuhört. Um nochmal den Sport zu erwähnen: da interessieren anschließend die Tore und die Kabinettstückchen, auch die emotionalen Probleme, ein bisschen natürlich auch die Strategie, aber alles andere ist vergangen und gewissermaßen bedeutungslos – was interessiert mich der DFB-Pokal??? Oder diese lächerlichen Welt-Dopingveranstaltungen? Am Sport interessiert mich eigentlich nur, inwieweit und warum er die Enkel interessiert. In ihrem Alter hat es mich ja auch zeitweise sehr beschäftigt. Und wenn sie jetzt mit mir im Stadion sitzen, ärgert es mich doch, wenn sie insgeheim mit dem Gegner halten, nur weil dessen Heimat näher bei München liegt…

Nachtrag 15.02.2018

Falls ich mal weiteren Stoff suche zu Goethes ewig zitiertem Vergleich „Streichquartett / Gespräch“. Heute (gestern 14.2.) im VAN-Magazin, das Kuss-Quartett:

William Coleman: Und warum man grundsätzlich im Quartett spielt: Irgendwas ist am Quartett offenbar faszinierend. Es ist kein großes Orchester und trotzdem hat man die gleichen Komponisten, die gleichen Gefühle. Es sind nicht vier Solisten, sondern ein Gespräch, ein Kampf unter vier Menschen. Alle müssen eine eigene Meinung haben. Und der Versuch, das zusammenzubringen – irgendwas muss dran sein, das es faszinierend macht.

Text: Merle Krafeld

Big Data

Ein Gespräch über unsere Zukunft (noch in Arbeit, ohne abschließende Korrektur)

Dies ist eine Abschrift der ZDF-Sendung PRECHT vom 5. Februar 2018, eines Gesprächs zwischen Richard David Precht und Udo Di Fabio. Das Copyright der Sendung liegt beim ZDF. Diese Abschrift beruht auf einer privaten Initiative und ist allein zur privaten Verwendung gedacht. Sie soll es erleichtern, den Gedankengängen zu folgen und zugleich die Technik eines solchen Gespräches zu studieren. Es ist keinesfalls eine offizielle schriftliche Fassung des gesprochenen Textes; Irrtümer und Missverständnisse meinerseits sind möglich (Jan Reichow). An Ort und Stelle findet man erhellende Pressetexte, siehe den einige Zeilen weiter gegebenen Link. Originaltitel:

Betreutes Leben – Wie uns Google, Facebook und Co. beherrschen

Man sollte nicht versäumen, auch die Originalsendung heranzuziehen, um gegebenenfalls Einzelheiten zu korrigieren. Sie ist noch abrufbar bis zum 5.2.2023 und zwar unter dem folgenden Link: HIER.

Precht & di Fabio Screenshot 2018-02-09 21.56.03 Screenshot JR Foto: ZDF

Vor allem aber war mein Anliegen, den Stil und den logischen Verlauf des Gespräches im Detail zu verfolgen. Im Verlauf des Live-Hörens hat sich meine Beurteilung (Bewunderung, Skepsis) mehrfach verändert. Der durchweg super-höfliche Ton verhindert natürlich leicht die Wahrnehmung von Dissenzen, meine Spannung stieg zum erstenmal, als Di Fabio (bei etwa 13:45) sagte: So kann man es betrachten, aber ich halte es mit Verlaub für unterkomplex. Irre ich mich, oder folgte später ein Einlenken? Spätestens nach 27:00 (Was mir an dieser scharfsichtigen Beschreibung missfällt, ist, dass Sie jetzt einen Verantwortlichen markieren.) Sehr schön ist es, bei solchen Sätzen das Mienenspiel des Gegenübers zu beobachten. Nur in einzelnen Fällen habe ich das Zweistimmigsprechen anzudeuten versucht (in Klammern stehen immer Zwischenrufe und Einwürfe oder Ergänzungen des jeweils zuhörenden Gesprächspartners). Im täglichen Leben erlebt man das viel häufiger, oft auch als Zeichen der emotionellen Anteilnahme, zuweilen als mutwillige Störung des Gedankengangs, in Talkshows mit Politikern nimmt die Mehrstimmigkeit oft groteske Züge an. Wenn man im Internet nach Reaktionen auf dieses Gespräch sucht, wird man leicht Parteinahmen erkennen (ein Blogger – leicht durchschaubar als vom Beruf her parteilich eingestimmt – sieht einen klaren Sieg Di Fabios und rät, diesen in Zukunft zum Gastgeber zu machen), das ist die Folge der üblichen Talkshows, die offensichtlich auf Konfrontation eingerichtet sind , sogar von vornherein als Schaukämpfe inszeniert werden. Am Ende überwog bei mir die Freude über die mustergültige Abfolge und Kontrastierung der Gedanken, hundertmal besser als eine monomaner Vortrag des einen oder des anderen Protagonisten, und nur so erfolgte die Motivierung, das gesamte Gespräch zu transkribieren. (JR)

Niederschrift des Gesprächs Precht / Udo Di Fabio

PR 1:03 Herr Di Fabio, wer flößt Ihnen mehr Vertrauen ein: jemand wie Edward Snowden, der die großen Zusammenhänge aufgedeckt hat zwischen amerikanischem Geheimdienst und der Internetwirtschaft? Oder jemand wie Marc Zuckerberg, der ein besseres Leben für alle verspricht?

FAB Ja, Vertrauen ist eine knappe Ressource, und auch der Whistleblower, der Vertrauen einflößt, das ist für mehrere, glaube ich, eine ironische Frage. Man könnte sagen, unser Vertrauen liegt irgendwo in der Sittlichkeit des Menschen auf der einen Seite, und im Systemvertrauen, so wie wir auf den Rechtsstaat, auf Marktwirtschaft oder auf Demokratie vertrauen. So kann man im Fall Snowden auch darauf vertrauen, dass nichts wirklich geheim bleibt.

PR Wieviel Vertrauen haben Sie je in die sogenannten GAFA-Mächte, also Google, Amazon, Facebook und Apple, 4 Firmen, die als Unternehmen an der Spitze der Welt stehen und dort die klassische Wirtschaft verdrängt haben, – vertrauen Sie diesen Unternehmen?

FAB Also, ich vertraue, dass es sich um Unternehmen handelt, die letztlich amerikanischem Recht unterstehen; wenn sie in Europa tätig sind, europäischem oder deutschem Recht unterstehen, und insofern sind sie ein Stück weit berechenbar. Sie sind nicht Teil der organisierten Kriminalität, sondern sie sind Teil einer Marktwirtschaft, die dem rechtlichen und demokratischen Zugriff unterliegen. Auch hier wieder institutionelles Vertrauen. Ansonsten handelt es sich um Wirtschaftsunternehmen. Es geht für mich weniger um Vertrauen, sondern eher um die Frage, sind wir naiv, was den Umgang mit solchen Unternehmen angeht. Weil diese Plattformen haben eine interessante Strategie, weil sie deklarieren sich selbst als Gemeinwohlakteure. Als … (sie wollen die Welt besser machen!) sie wollen die Welt besser machen, und ich bin nicht so misstrauisch zu sagen: das erfinden die nur. Das werden sie schon auch so meinen. Ich habe kürzlich jemanden gehört aus dieser Szene, der sogar gesagt hat, dass sie den Kapitalismus überwinden wollen, und an der Stelle werd ich dann misstrauisch.

PR Weil Sie den Kapitalismus nicht überwinden wollen? Oder weil Sie nicht glauben, dass das Silicon Valley das wirklich vorhat?

FAB Was ich will, ist ja nicht entscheidend, aber dass diese Unternehmen, die eine solche Marktmacht haben, und die in ihrem Börsenwert … klar, klassische Realwirtschaft überflügelt haben, dass die mir jetzt erzählen, dass sie den Kapitalismus überwinden, an der Stelle werde ich dann misstrauisch und sage: Leute, Ihr leitet eine Wertschöpfungsrevolution ein, innerhalb des Kapitalismus, und Ihr seid die größten Profiteure einer technisch-kommunikativen Veränderung, (innerhalb eines kapitalistischen Systems, eines urkapitalistischen Geschäftsmodells!) absolut! Und das sollte man nicht verleugnen!

PR 4:11 Das ist natürlich das Schöne daran, es werden lauter Leistungen zur Verfügung gestellt, die offensichtlich hier die Leute auch begeistern und von den Leuten angenommen werden. Also dass ich ne Suchmaschine habe und damit Zugriff auf die Informationen dieser Welt, die mir entsprechend sortiert werden, und das ist großartig, jeder ist gerne bereit, wie sähe das Leben eines durchschnittlichen Menschen aus, wenn er keine Suchmaschine hätte. Ein großer Verkaufsrenner zu Weihnachten war jetzt Alexa; dieses Mikrofonrohr kann ja noch nicht besonders viel, aber irgendwann kann es vielleicht ganz ganz viel, dann brauch ich gar keine Suchmaschine mehr, dann brauche meine Fragen nur noch in den Raum stellen… Soziale Netzwerke haben ganz viele Annehmlichkeiten, sonst würden die Menschen sie nicht nutzen. Also man kann sagen: das Leben vieler Menschen fühlt sich bereichert an durch alles das, was diese Unternehmen zur Verfügung stellen. Allerdings machen diese Unternehmen mit den Menschen – ich weiß noch nicht einmal, ob ich es Vertrag nennen kann, also ich klicke irgendwo Nutzungsbedingungen an, und anschließend dürfen diese Unternehmen meine personbezogenen Daten kommerziell gebrauchen. Ist das für einen Verfassungsrechtler etwas, wo Sie sagen: Na ja, das ist der Lauf der Welt, oder würden Sie sagen: Da läuft was schief.

FAB 5:23 Es ist, was das Prinzip der Privatautonomie angeht, ein Problem entstanden. Das Netz verspricht ja, alles transparent zu machen und macht auch in der Tat ganz vieles transparent, z.B. Preisbildung. Sie können im Netz suchen, wo Sie das günstigste Angebot finden. Und Kartellhüter sagen uns deshalb: ihr müsst ins Netz, dann werdet ihr überhaupt transparent. Das Problem ist, dass Big Dater, also das Geschäft der Plattform, selbst vergleichsweise intransparent ist, – das Netz selbst ist intransparent. Es macht die Realwirtschaft, vielleicht sogar uns, transparent, aber wie es selbst funktioniert, nach welchen Algorithmen und mit welchen Geschäftsmodellen, das bleibt häufig unklar. Und wenn wir einen Nutzungsvertrag, wenn wir da einwilligen, dann wird uns nicht genau gesagt, welchen wirtschaftlichen Wert unsere Daten z.B. haben…

PR Ich hab nicht die geringste Vorstellung, was Google mit meinen Daten macht, gar keine. (Ja!) Nun haben wir aber, und das ist ein wichtiges Gut in unserer Verfassung, ja? Persönlichkeitsrecht, dazu gehört das Recht, auf informationelle Selbstbestimmung, und was wir hier haben, ist informationelle Fremdbestimmung: ich weiß nicht, was die mit meinen Daten machen. Ich kann nicht bei jedem Schritt sagen: das finde ich gut, das willige ich ein, ich hab irgendwas Allgemeines unterschrieben, da ich ohne Suchmaschine quasi nicht leben kann, aber was da passiert, dass die Persönlichkeitsprofile zusammenstellen und irgendwo eintüten, an irgendjemand verkaufen, wo ich nicht weiß, wer das ist, alles das durchschaue ich überhaupt nicht. Ist ein solcher Vertrag nicht eigentlich …, widerspricht der nicht unsern Grundrechten?

FAB 7:10 Also die Asymmetrie, die hier in der Information besteht, sie ist etwas, was ein Stück weit staatliche Schutzpflichten auslöst, so das heißt, der Staat muss gegensteuern, die Staaten müssen gegensteuern mit Regeln, die auf Transparenz dringen, also auch auf wirtschaftliche Transparenz. Welchen Wert hat das, was ich an Informationen eigentlich hier weitergebe, das Big-Data-Modell muss deutlicher werden. Dann würde ich allerdings keine grundsätzliche Gefahr sehen. Wissen Sie, informationelle Selbstbestimmung, das ist eine Idee, die zunächst einmal gegen den Daten sammelnden Staat gerichtet ist. Wenn wir mit dem Grundsatz der Datensparsamkeit kommen und jetzt in die Big-Data-Welt hineinkommen wollen, dann passt das so nicht, weil nämlich die Nutzer, Kunden, bereit sind, für kostenlos scheinende Angebote ihre Daten preiszugeben. Wenn sie wüssten, welcher wirtschaftliche Wert damit verbunden ist, und was damit gemacht wird…

PR Aber das Interessante ist doch, wenn es sich um den Staat handelt, dann frage ich nicht den einzelnen Staatsbürger: möchtest du, dass der Staat deine Daten sammelt? Sondern da sagen wir: da müssen wir im Interesse der Staatsbürger dafür sorgen, dass sie geschützt sind. Wenn es sich um die Wirtschaft handelt, sagen wir: och no ja, denen macht das ja nichts aus, der hat was davon, also plötzlich ist jetzt nicht mehr der Staat dafür zuständig, das Ganze zu regeln, sondern ich sage, ja, wenn du das machen möchtest, dann unterschreib halt solche Verträge. Das verstehe ich nicht.

FAB Der Staat ist schon dafür zuständig, die regeln für die private Vertragsgestaltung allgemein zu setzen. Nur müssen wir eben den Unterschied sehen: wir sind im Privatrecht, das heißt, hier regiert das Prinzip der Freiwilligkeit. Wie Sie richtig sagen, wenn der Staat Daten erhebt, ohne unsre individuelle Einwilligung, dann sind wir im öffentlichen Recht, dann verlangen wir nach gesetzlichen Grundlagen usw.

PR 9:11 Die Menschen aus dem Silicon Valley, wenn sie sich dazu äußern, oder viele Leute Bücher schreiben, die beschreiben eigentlich immer eine technische Evolution, die sie darstellen, als sei sie ein Naturgesetz. Also ne normale Evolution, das ist völlig klar: erst hat der Mensch das Feuer erfunden und irgendwann die Dampfmaschine und dann irgendwann das Handy, und das geht irgendwann jetzt immer so weiter, und am Ende wird der Mensch in irgend so einer Art Cloud verschwinden oder er wird in einer Matrix leben und ganz ganz am Ende steht dann möglicherweise die Herrschaft der Maschinen. Naja, so etwas, was man Singularität nennt, ein Zustand, in dem nicht mehr der Mensch über die Erde herrscht, sondern ein neues Zeitalter anbricht, das Technozän. Und das glauben sehr viele dieser Leute und sagen, das ist eine ganz natürliche Entwicklung, und diese natürliche Entwicklung würde,wenn es denn stimmt, dass sie eine natürliche Entwicklung ist, dazu führen, dass das, wofür Sie Ihr ganzes Leben lang gestanden haben, der bürgerliche Rechtsstaat zum Beispiel, unsere Vorstellung von Demokratie und von Freiheit, irgendwann in der Zukunft einfach überholt sein werden.

FAB 11:12 Ich glaube nicht, dass es eine natürliche, aber eine mögliche Entwicklung ist. Und weil es eine mögliche Entwicklung ist, müssen wir jetzt drüber nachdenken, bevor die technischen Systeme eine solche Wirkmacht und eine solche Unentbehrlichkeit erlangt haben, dass man schlecht abschalten kann oder die Kosten zu hoch werden, wenn man gegensteuert. In der Tat, es ist keine Zwangsläufigkeit, aber wir ersetzen zur Zeit eben nicht Muskelkraft oder so etwas, wie im industriellen Zeitalter, sondern (Hirnaktivität!) wir fangen an, kognitive Fähigkeiten zu ersetzen, künstliche Intelligenz, Automatisierung, das wird die Gesellschaft dramatischer verändern, als andere technische Entwicklungen. Und wenn wir einmal beginnen, wenn wir beginnen, unsere höheren geistigen Leistungen zu ersetzen, einfache, wie Rechenleistungen, haben wir schon lange ersetzt, aber wenn wir die höheren geistigen Leistungen ersetzen – viele denken darüber nach, ob man Richter, ob man Ärzt*innen durch KI ersetzen kann, in Japan wird mit Pflegerobotern experimentiert, und z.T. schon seit Jahren experimentiert, es verändert sich etwas, was wir im Grunde genommen heute nur in den Anfängen beobachten.

PR Ja aber die natürliche Entwicklung wäre wohl tatsächlich, dass die technokratische Bedeutung immer stärker wird, und dass die Rolle der Politik immer schwächer wird. Und das ist ja was, was wir tatsächlich auch schon beobachten können. Also ich denke schon beobachten zu können, dass die Politik in Deutschland und in anderen Ländern genau so mit diesen Herausforderungen der Digitalisierung, die ja ihr gesamtes Gesellschaftsmodell in Frage stellen, auch die Demokratie langfristig in Frage stellen, ziemlich überfordert ist. Also ich hab immer den Eindruck, wir dekorieren gerade auf der Titanic die Liegestühle um. Ja? Also hier noch mal irgendwo kucken, das erlauben oder nicht, und, obwohl Sie mir ja gerade gut erklärt haben, dass das nicht geht, aber wenn ich mal das Gedankenspiel nur mal so durchgehe: gesetzt den Fall, wir würden den kommerzialisierten Handel mit personenbezogenen Daten verbieten, mal gesetzt den Fall, das wäre juristisch möglich, ja? Dann hätte das einen enormen volkswirtschaftlichen Nutzen. Denn es gibt keinen volkswirtschaftlichen Nutzen des kommerzialisierten Datenhandels mit Personendatemn, worin soll der bestehen? Also, wenn ich jetzt ganz raffiniert hingehe. Ich versuche es mal als Tableau volkswirtschaftlich aufzumachen, wo ich Sie jetzt hier viel gezielter bewerben kann, weil ich Ihr Onlineverhalten studiere und ganz genau weiß, wann Sie wo einkaufen, und dann weiß ich, wann ich Ihnen welche Werbung aufs Handy schalte und welche verführerischen Angebote ich mache, dann werden Sie vielleicht mehr Geld für bestimmte Produkte ausgeben, aber Sie haben ja nicht mehr Geld in der Tasche, das heißt, Sie werden also nicht mehr konsumieren, sondern anderes konsumieren als Sie vorher konsumiert haben, ja?, wir haben es mit einer Umverteilung zu tun, und die Herren der Daten, das ist ja, Google verkauft ja die Daten – oder Apple – der Kaffeetrinker, ja?, an StarWax, also an die Großen, die viel dafür bezahlen können, na und dann macht StarWax an allen genau errechneten Knotenpunkten seine Filialen auf, und das kleine Kaffeelädchen verschwindet. Volkswirtschaftlich ist das eine Umverteilung von klein nach groß. Viele Bereiche der Digitalisierung sind wertschöpfend: Wenn ich nen Roboter anstelle, wo vorher ein Mensch gearbeitet hat, erhöhe ich die Produktivitätskraft, spare Kosten. Aber der kommerzialisierte Handel mit personenbezogenen Daten, der bringt ja volkswirtschaftlich, vorsichtig ausgedrückt, keinen Mehrwert.

FAB 13:43 So kann man es betrachten, aber ich halte es mit Verlaub für unterkomplex. Das… das ist… das ist kein Nullsummenspiel, wie das hier stattfindet. Sie haben das jetzt als Nullsummenspiel dargestellt. Wenn es rein … wenn es rein letztlich um die Lenkung von Konsumbedürfnissen (genau!) geht, dann … kann man dem auch folgen, aber die Wirklichkeit, auch die Wirklichkeit der großen Plattformen ist komplizierter. Weil es werden ja zugleich Leistungen angeboten, es werden Leistungen angeboten, die einen enormen volkswirtschaftlichen Nutzen haben (zum Beispiel!?) Wenn Sie z.B. mit Google Maps arbeiten.Wenn Sie mit Medizindaten arbeiten, entstehen reale Veränderungen im Wirtschaftsleben (ja selbstverständlich, aber dafür brauchen Sie keinen kommerzialisierten Datenhandel …) Sie brauchen ihn vielleicht mittelbar, sonst würde es sich vielleicht gar nicht lohnen. Das bedeutet: kein Mensch liest eine Tageszeitung, wenn er 20 Euro für die Tagesausgabe zahlen muss, die Werbung war eigentlich immer das, was eigentlich die Pressefreiheit gestützt hat. Genau so gut könnte man heute sagen, dass – wenn Google mit personenbezogenen Daten Geld verdient, hat es die Ressourcen, um nützliche Dienstleistungen anzubieten, und die nützlichen Dienstleistungen, sie sind andererseits heute bereits die Achillesferse einer Infrastruktur, die neu entsteht, und die sind insofern auch tatsächlich wertschöpfend und also nicht nur in einem Nullsummenspiel umverteilt. Das macht die Sache jedenfalls komplizierter.

PR 15:09 Es wird seit Jahren ja schon davon geredet, dass die Europäische Union eine eigene Suchmaschine entwickelt. Jetzt stellen wir uns mal vor, der Staat sagt: also im modernen digitalen Zeitalter, da stellen wir nicht Straßen zur Verfügung, für den Personennahverkehr, sondern auch den entsprechende Datenzugang für jedermann und eine entsprechende Suchmaschine, und da werden die personenbezogenen Daten nicht gespeichert, bei einigen vielleicht von der Polizei gespeichert, aber wir werden sagen wir mal kommerziell nicht benutzt, ja, das wäre doch großartig, da brauch ich doch kein Google für. Dann brauche ich doch keinen privaten Anbieter, der dafür n paar Trilliarden verdient.

FAB Sie sagen, sie werden vielleicht von der Polizei gespeichert, (dafür gelten genau die gleichen Datenschutzgesetzte, über die wir im Anfang gesprochen haben) schon, aber das würde bei manch einem Nutzer Misstrauen auslösen, aber – das ist nicht mein Punkt, der Punkt ist, wir haben sowas schon erdacht, konzipiert in Europa, um ein Stück weit Souveränität über das Plattformgeschehen für Europa zu beanspruchen, denn wenn man ehrlich ist, was die Plattform angeht, sind wir in Europa im Hintertreffen.

PR Der Staat braucht also die europäische Union, kann ja private Firmen damit beauftragen, sozusagen das alles zu machen, und es wird dann anschließend nicht von privaten Firmen kommerziell genutzt. o.k.

FAB Sie können natürlich in Europa versuchen zu fördern in diese Richtung, so wie wir mit Airbus ja auch ein Staatsunternehmen auf den Weg gebracht haben, also jedenfalls nicht so ganz, und trotzdem viel gefördert haben. Ich würde das nicht ausschließen. Man sollte es aber mit marktwirtschaftlichen Mitteln machen, die durchschaut werden können. Nicht der Staat sollte antreten, wissen Sie, das Problem ist, da wo der Staat antritt, China etwa, da hat das auch etwas mit Verformung zu tun, und die Welt, die daraus entsteht, ist keine bessere als die von Google und Amazon. Deshalb muss man aufpassen, dass man nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet. Es kommt darauf an, dass wir in Europa wettbewerbsfähig auf einem Gebiet, auf dem wir hinterherhinken, das ist nicht zu übersehen, und manche sagen: aussichtslos hinterherhinken.

PR 17:39 In der digitalen Welt gibt es im Wettbewerb ganz ganz disruptive Modelle, also: n distruptives Modell ist, wenn ich nicht das Auto weiter… das bisherige Auto weiter verbessere, sondern wenn ich mit dem autonomen Auto n ganz anderes Verkehrskonzept entwickle, womit das bisherige Modell gar nicht mehr konkurrieren kann, weil das aus dieser DNA des bisherigen Modells gar nicht mehr logisch weiter hervorgeht, Deutschland kann noch so gute Autos bauen, in dem Moment, wo diese kleinen Elektrokisten autonom fahren, dann nur noch über n Provider genutzt werden, ist die deutsche Automobilindustrie quasi weg. Also viele disruptive Modelle und hinter all diesen disruptiven Modellen steht eine bestimmte Art zu denken. Also das ist das, was Evgenij Morozow Solutionismus genannt hat. Der weißrussische Journalist, der ein wunderbares Buch geschrieben hat über die smarte neue Welt, und er sagt: Im Grunde genommen werden auch große gesellschaftliche Fragen heute von technischen Problemlösern übernommen. Er nennt die Solutionisten, das ist n Begriff aus der Architekturtheorie, also man denke, Le Corbusier wollte mal die Hälfte von Paris, also die Hälfte von der Innenstadt, das rechte Seine-Ufer abreißen, ja, weil das alles so dreckig war usw. und verkehrstechnisch nicht gut, und dann wollte der da 18 riesige Hochhäuser hinsetzten, und wollte sozusagen die ideale Lösung am Reißbrett ersinnen, und das, der kritische Begriff dafür ist Solutionismus. Also: n Problem, und dann am Reißbrett die ganz große Lösung, und dann ist das Problem weg. Und dieser Solutionismus ist im Silicon Valley sehr verbreitet. Also sagen wir haben ein Welternährungsproblem, was müssen wir machen? Wir haben ein Verkehrsproblen, was müssen wir machen, und dann werden immer so Le-Corbusier-artige Vorschläge gemacht, und die greifen ja sehr sehr tief in unser Leben ein. Wenn ich z.B,. ne smarte Stadt baue, ja, oder ne Stadt mit smarten Geräten ausrüste, d.h. überall mit solchen Sensoren, wenn ich mit Video-Kameras alle Menschen überwache, dann ist das ein wunderbares Mittel der Kriminalitätsprävention. Gleichzeitig schränke ich die Freiheit der Menschen ein, und dieser Prozess ist im Gange, und der geht auch immer schneller vorwärts. Müsste nicht auch das einem überzeugten Demokraten Angst machen, wenn so viele Sachen, die vorher eine Frage von Abstimmung waren, ein Frage, dass man Grauzonen zugelassen hat in der Gesellschaft, denen das Recht eingeräumt hat, Verbrechen zu begehen, aber dafür bestraft zu werden, und jetzt in eine Gesellschaft kommen, die von Anfang an zu versuchen, alles Negative auszumerzen. Das muss doch auch etwas sein, das Ihnen mit Ihrer Vorstellung, Ihrem Begriff von Freiheit ein Unbehagen bereitet. Oder?

FAB 20:12 Ja, das Unbehagen habe ich ja schon seit geraumer Zeit artikuliert, ich nenne das nicht Solutionismus, ich nenne das den sozialtechnischen Tunnelblick. Also die Vorstellung, dass man die Gesellschaft steuern kann in bestimmter Hinsicht, ohne ihre tieferen soziokulturellen Grundlagen mit auf dem Radarschirm haben zu können (genau! Die kommen da gar nicht drin vor!) Die können da auch nicht drin vorkommen, das würde die Sache viel zu kompliziert machen, man würde dann mit irgendwelchen Alltagsweisheiten kommen und (das interessiert so wenig wie Le Corbusier sich dafür interessiert hat, dass da vor hundert Jahren ne Stadt gewachsen war) genau! genau! Und diese Art eines zu stark technisch-zentrierten, sozialtechnischen ist in der Tat ne Gefahr, und sie wird größer, wenn man die Steuerung noch sozusagen als Vorfeld-Steuerung, präventive Steuerung begreift. Wir haben von den USA herüberschwappend eine Diskussion über Nanjing (?) beispielsweise, wo auch auf eine intransparente Weise gelenkt werden soll (also ich finde das Auslegen von Ködern) genau! (damit wir in eine Richtung geschubst werden, Bestimmtes zu tun) genau! genau! Und das … eh das klingt smart, genau so ist es smart, die zu erkennen durch Persönlichkeitsprofile, die wir im Netz bei unseren Aktivitäten künftig mit einem Internet der Dinge hinterlassen, als Spuren hinterlassen, möglicherweise schon herauszufinden, dass Sie ein Gefährder sind, dass Sie kriminell sind, bevor Sie das selbst wissen!

PR Man kann, auf Grund meines Nutzungsverhaltens kann man erkennen… (ich kann Sie schon in die Therapie schicken, bevor Sie überhaupt wissen, was der Anlass dafür ist).

FAB Und diese Art von spezialtechnisch und sozialpräventivem Denken verändert ganz allmählich unser Bild vom Menschen, (ja!) denn plötzlich wirds der Mensch, der regelwidrig handelt, der wird zum Betriebsunfall. Das hätte man doch voraussehen müssen! Wir diskutieren da nicht so sehr über Benachteiligung oder sowas, sondern wir diskutieren, warum ist der Gefährder nicht erkannt worden! Wir kennen solche Diskussionen bereits polizeilich (absolut!), aber das hat noch ein viel größeres Anwendungsfeld, und unser Bild vom Menschen (ja!) als einer eigenwilligen Persönlichkeit, als einer Persönlichkeit, die überraschend sein kann, auch im negativen Sinne, das würde zu einer Anomalie werden, und damit wären wir in einer anderen Welt.

PR 22:52 Also um klarzumachen, was ich hier mit Urteilskraft meine, – Jewgenij Morosow bringt hier ein schönes Beispiel: er vergleicht die U-Bahn in Berlin mit der U-Bahn in New York. In der U-Bahn in New York ist es so, man kann nicht schwarz fahren, weil es gibt überall Barrieren, da muss man seine Karte reinstecken, damit man überhaupt in die U-Bahn gehen kann, das heißt, es gibt keine Schwarzfahrer, weil das System es technisch verunmöglicht, dass man schwarz fährt. In Berlin kann jeder in die U-Bahn steigen, er muss sich selber überlegen, ob er das Risiko eingehen will schwarz zu fahren oder ob er das für ethisch gut hält, schwarz zu fahren. Also ne ganz andere Situation. Und durch die Technik kann es natürlich entstehen, dass wir mehr und mehr in eine New Yorker Gesellschaft kommen und immer weniger in eine Berliner, und das Risiko besteht, dass die Leute sich über ihr Verhalten dann auch nicht so viele Gedanken machen müssen. Welches der beiden U-Bahn-Modelle ist Ihnen für die Zukunft sympathischer?

FAB 23:42 Das liberale Berliner Modell liegt uns näher, aber auf den zweiten Blick ist das liberale Modell daran gebunden, dass Schwarzfahren bei uns einen Straftatbestand verwirklicht und deshalb darin das Risiko für den Einzelnen darin liegt. Im Augenblick diskutieren wir, ob wir davon abgehen sollen, als keinen Straftatbestand dafür normieren, das würde aber voraussetzen, dass wir vielleicht solche Zugangsbarrieren errichten, also eher für das New Yorker Modell uns entscheiden. Es hängt davon ab: wie geht eine Gesellschaft mit Freiheit um und wieviel Sicherheit wollen wir mit präventiven Barrieren, Zugangsbarrieren erreichen? Das bleibt immer eine offene Frage.

PR 24:30 Aber das Versprechen der Technikleute besteht ja darin: wir können technischerweise immer mehr Sicherheit herstellen, und vielleicht ist ja jedes einzelne so, dass man sagen kann: das ist ja ne gute Idee, wenn wir das machen. Also wenn wir Sensoren in die Stadt machen, dass wir die Leute n bisschen besser überwachen, dass wir Kriminalitätsbekämpfung von vornherein machen, von Anfang an vereiteln, da findet man je jede einzelne Maßnahme eigentlich ganz gut, nur die Summe von vielen einzelnen Maßnahmen bringt eine andere Gesellschaft hervor, und dann sind wir irgendwann komplett in der New Yorker Welt, und die Berliner Welt ist weg.

FAB 25:03 Das … kann so sein, das muss aber nicht so sein. Man darf nur nicht dem Irrglauben erliegen, dass man an die Stelle von menschlichem Verhalten mitsamt den Risiken menschlichen Verhaltens komplett eine technische Präventionsbarriere errichten kann. Denn das würde unserem Menschenbild nicht mehr entsprechen, und es würde uns in eine verwaltete Welt führen. (ja!)

PR Also, philosophisch ausgedrückt, das Menschenbild, das unserm Grundgesetz, unserer Verfassung entspricht, was unserer freiheitlichen Demokratie entspricht, ist das Menschenbild der Aufklärung. Das Menschenbild der Aufklärung sagt: Freiheit besteht darin, frei von seiner Urteilskraft Gebrauch zu machen, ja, und dann selber zu entscheiden, wie man sich sittlich verhält. Das ist die Vorstellung, die wir vom Menschen haben. Also jeder ist sozusagen Herr dessen, seiner eigenen Taten, und je mehr Bildung er hat, je mehr Herzens- oder Lebensbildung, um so reichhaltiger macht er vielleicht davon Gebrauch, aber im Prinzip ist der Mensch frei, und er ist Herr seiner eigenen Taten. Das Menschenbild des Silicon Valley, das Menschenbild der Technokraten ist ein anderes. Es ist das Menschenbild des Behaviorismus oder der Kybernetik. Dieses Menschenbild sagt: es gibt keine Freiheit, es gibt auch keine Urteilskraft, es gibt nur Verhalten. Verhalten ist der Schlüsselbegriff der Kybernetik. Und das bedeutete: so wie die Ratte, ja, im Versuch, ja, dahin geht, wo das Futter ist, und nicht dahin, wo sie verhungert, ist der Mensch eine Reiz-Reflex-Maschine, die überall da, wo es ihm Glück, Bequemlichkeit, Annehmlichkeit usw. gibt, da geht er hin, und überall da, wo er das nicht kriegt oder wo er irgendwo Ärger kriegt, da geht… das versucht er zu vermeiden. Also der Mensch ist im Grunde genommen wie eine Ratte im Versuchslabor etwas, was sich auf Grund seines Verhaltens analysieren kann, das Verhalten kann ich algorythmisieren, und wenn ich etwas algorythmisieren kann, kann ich es irgendwann auch steuern, mehr und mehr steuern. Das ist das Menschenbild des Silicon Valley. Und wenn dieses Menschenbild unser bisheriges Menschenbild ersetzt, dann brauchen wir keine freiheitlich Demokratie mehr. Und auch keinen Rechtsstaat mehr. Dann haben wir für alles technische Lösungen.

FAB 27:19 Was mir an dieser scharfsichtigen Beschreibung missfällt, ist, dass Sie jetzt einen Verantwortlichen markieren. (Gut, sagen wir mal: das Denken der Technokraten, auch in China.) … ist meines Erachtens so nicht richtig. Weil: es geht mehr über die Bande. Das Silicon Valley will meines Erachtens Geschäfte machen, sein Wertschöpfungsmodell … ausbauen, verteidigen, die Welt ist schnelllebig, die Giganten von heute müssen nicht die Giganten von morgen sein, jedenfalls bei allem Gemeinwohlinteresse, das sie formulieren, sind sie in erster Linie Wirtschaftsunternehmen. Als Wirtschaftsunternehmen reagieren sie auch auf das, was wir, die weltweiten Nutzer, Milliarden von Nutzern, was wir wollen und worauf wir uns einlassen. Und da sind sie sehr empfindlich. Das heißt, wenn wir uns entscheiden, nicht mehr zu twittern oder nicht mehr über Facebook zu kommunizieren, hat das dramatische Folgen für diese Giganten. Sie können uns nur beherrschen, wenn wir das wollen. (Aber wenn Sie als Kind in so eine Welt reingeboren werden…) das Problem ist… das Problem ist deshalb, wenn wir das als Problem wiederum an uns adressieren müssen. An uns als Gesellschaft, als Individuum ehm adressieren müssen und die Frage stellen: wie bequem sind wir eigentlich? Wie käuflich sind wir eigentlich, wenn wir eine kostenlose Leistung angeboten bekommen? Müssen qwir – alle reden über digitale Bildung – müssen wir nicht unsere Bildung wieder auf das stärker konzentrieren, was sie immer war, nämlich kritische Aneignung der Welt und nicht unkritische Aneignung.

PR Ich bin ganz auf Ihrer Seite, aber jetzt bin ich natürlich gespannt, wie Sie das praktisch machen wollen, mit Kindern, die mit Whatsapp aufwachsen, manchmal schon mit Kleinkindern, die schon mit ihren Wischbewegungen bespaßt werden und vollkommen in diesen Welten leben, und – meine Befürchtung – Urteilskraft und Freiheit vielleicht gar nicht mehr so wichtig finden, sondern wirklich Annehmlichkeit und Bequemlichkeit wichtig finden.

FAB 29:35 Ja, aber weil wir es ihnen vorgemacht haben. (Wir haben sie in diese Welt hineinleben lassen…) es ist unsere Welt. Wir wischen bis zur Kanzlerin hinauf starren wir auf unser Handy, das machen wir alle so, da will ich auch keinen anklagen, aber man muss sehen, es hat sich eine Konvention gebildet, eine Konvention, dass im Grunde genommen es geduldet wird, dass während …Menschen sich face to face unterhalten, kucken alle noch mal eben ihre Nachrichten an. Es ist die Frage, ob man solche Konventionen wirklich auf Dauer dulden will als Gesellschaft. Wir erwarten, dass alles sofort in Echtzeit zur Verfügung steht, und zwar umfänglich. Ist diese Erwartung nicht schon ein Stück weit Hybris? … Ich denke, dass wir einfach mal darüber nachdenken müssen, was wir so tun, und dieser Prozess ist im Gange.

PR 30:39 Sie appellieren an jeden Einzelnen?

FAB Wir appellieren immer. Sie haben gerade eben von der Aufklärung gesprochen, an wen appelliert denn die Aufklärung? An wen appelliert denn unser humanistisches Modell, (an Menschen, die immer stärker beeinflusst werden, an die ist immer schwieriger zu appellieren) ja, aber das ist ja immer schon gesagt worden. Als der Buchdruck erfunden wurde, wurde auch gesagt, was macht das mit den Menschen? Mit die ersten Schriften, die gedruckt wurden, waren pornographische Schriftenat den Sittenverfall erwartet, das ist aber schon 500 Jahre her. Als der Film entstanden ist, hatte man wieder ähnliche Erwartungen, als das Fernsehen aufkam. Also wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einem … in einen Kulturpessimismus geraten, andererseits wollen wir glaube ich auch beide nicht eine technische Jubelstimmung, wie das häufig der Fall ist …

PR In einem Punkt dürften wir uns einige sein: ich bin ein großer Freund der Technik überall, wo sie uns helfen kann, die Gesellschaft humaner zu machen. Das ist für mich der Maßstab. Für mich ist nicht der Maßstab, wo könnte überall ein verstecktes oder ein offensichtliches Geschäftsmodell liegen, sondern dient die Technik dem Menschen oder führt sie uns in eine Entwicklung, das wäre sozusagen die Dystopie, dass wir, nachdem wir den Höhepunkt unserer Mündigkeit erreicht haben, so Stück für Stück wieder zu Kindern gemacht werden oder in einer Art embryonaler Phase irgendwie wieder in eine Welt kommen, in der Google uns von der Diktatur der Freiheit befreit, weil wir nicht mehr frei wählen müssen, sondern weil Google oder wer immer schon weiß, was für uns gut ist, weil sie uns in- und auswendig kennen und sogar wissen, was wir als nächstes denken oder tun und uns die nächste Kaufempfehlung bescheren. Und dies Scenario, das ich gerad entwickelt hab, ist ja kein völlig unrealistisches Scenario, sondern eines, wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre ankuckt und so ne Hochrechnung machen würde, durchaus eintreten könnte, also ich mache sozusagen Angst, dass die Menschen so unmündig werden könnten, dass die Gefahr besteht – ich sag nicht, das muss so kommen -, dass ich an ihre Urteilskraft nicht mehr appellieren kann.

FAB 32:42 Es gibt Tendenzen in diese Richtung, es gibt immer Gefährdungen in diese Richtung, vor allem mit jeder Veränderung der Kommunikationstechnik gibt es solche Tendenzen, weil die alten Institutionen, die eine gewisse Erwartungssicherheit, was etwa Urteilskraft, was soziale Ordnung angeht, das was die gewährleistet haben, das wird im technischen Umbruch erschüttert. Das gehört zu diesem technischen Umbruch. Und insofern ist es wichtig, die Sensibilität zu haben für bestimmte Leistungen, die etwa früher Verlage ausgeübt haben, die nicht jeden einfach gedruckt haben, wo nicht jeder zu Wort kommen konnte, die nach Qualitätsmaßstäben operiert haben – Qualitätsjournalismus war mal eine Vokabel, die heute schon irgendwie verstaubt wirkt. Verstaubt, weil im Netz wir schon eine beispiellose Dezentralisierung erleben. Aber was wir heute unter Netikette erleben, ist der Versuch, die alte institutionelle Leistung, was Ordnung, was Sittlichkeit, was Urteilskraft angeht, wieder zu etablieren. Und man kann bei so etwas wie dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz furchtbar kritisch sein, – ich gehöre auch eher zu den Kritikern -, es ist der Versuch, bestimmte Regeln auch im Netz wieder durchzusetzen. Und deshalb wäre ich nicht per se pessimistisch, dass hier eine Welt untergeht und kein adäquate neue entsteht.Sondern wir ,müssen eben dafür streiten, dass sittliche Maßstäbe, dass Urteilskraft im Netz möglich bleiben, vielleicht sogar verbessert werden, verstärkt werden.

PR 34:27 Also ich bin auch nicht pessimistisch, allerdings nur aus dem Grund heraus, weil Pessimismus keine Lösung ist. Ja, also, ich glaube, dass ein Optimist, der seinen Idealen nicht bestätigt wurde, immer noch n besseres Leben führt als n Pessimist, der sich immer noch auf die Schulter geklopft hat es ist alles so miese gekommen, wie ich mir das vorgestellt hab. Das ist es eigentlich nicht. Aber meine Befürchtung, also Grundbefürchtung besteht darin, dass diese Aufklärungsgesellschaft, also diese Werte der Aufklärung sukzessiv abgebaut werden, und ich möchte das noch an einem Beispiel klarmachen. Es gibt ein sehr berühmtes Beispiel, das werden Sie sicher kennen: 1974 hat der amerikanische Philosoph Robert Nozick, konservativer amerikanischer Philosoph, ein Buch geschrieben „Anarchie, Staat und Utopie“, und darin stellt er eine Erlebnismaschine vor. Er sagt, stellen Sie sich mal vor, Sie könnten in eine Erlebnismaschine steigen – das ist so ähnlich wie der Film Matrix -, dann sind Sie in einer komplett künstlichen Welt, erleben aber den Unterschied zwischen künstlich und real nicht mehr. Das heißt, Sie erleben alles real, und in dieser Erlebnismaschine werden alle Ihre Bedürfniss nach Ihrer Vorstellung befriedigt. Das heißt, Sie sind also in einem vollkommenen Wohlfühlparadies, Sie kriegen die schönsten Frauen, die Sie haben wollen, und wenn Sie Familienglück haben wollen, kriegen Sie das auch, und wenn Sie gutes Essen wollen, alles! Würden wir in diese Maschine steigen? Das ist eine rhetorische Frage, denn Nozick ging davon aus: niemand würde in eine solche Maschine steigen. Und ich nehme an, bei uns würden vielleicht einige in diese Maschine steigen, aber die meisten würden es nicht tun. Was aber, wenn ich nicht ein große Entscheidung in meinem Leben treffen muss, in diese Maschine zu steigen oder nicht, sondern wenn diese Maschine in ganz, ganz kleinen Stücken, Stück für Stück via Bequemlichkeit, Annehmlichkeit, Fiktionen, Virtual Reality in mein Leben kommt, so dass ich also auf einem schleichenden Übergang in so eine Maschine hineinkomme, dann glaube ich würde die überwältigende Mehrheit an keinem Punkt ein Stoppschild hochhalten…

FAB Wir sind ja auf dem Weg dahin, wir sind auf dem Weg dahin, die Nutzungen etwa eines Smartphones, die sind heute noch, sie sind heute noch längst nicht so weit, wie uns das die Protagonisten manchmal weismachen wollen, aber die Entwicklung, sie wird diesen Weg nehmen. Es ist eine Gesellschaft nicht nur abstrakt denkbar, sondern konkret bereits prognostizierbar, die uns umsorgt. Wenn man sich eine Scenario vorstellt, das Menschen mit einem bedingungslosen Grundeinkommen versorgt, in ihrem Smartphone sitzen, mit einem selbstfahrenden Auto von A nach B kommen, falls sie überhaupt von A nach B wollen, dann ist eine umsorgte Existenz denkbar, die auf unsere Wünsche hin sofort ganz smart reagiert. (Betreutes Leben!) Betreutes Leben. Sie zwingt uns dazu zu fragen, wie wir eigentlich mitmachen wollen. Das Problem ist: Sie werden eine solche Entwicklung kaum staatlich unterbinden können, die Vorstellung (aber Sie sehen das direkt im zivilen Widerstand von Menschen, wieviele Leute sich jetzt zu Weihnachten eine Alexa gekauft haben, verschenkt haben und sich ausspionieren lassen zu Hause, weil sie nichts zu verbergen haben, usw., ich sehe keinen einzigen Punkt, wo sich ein solcher Widerstand ernsthaft formiert.) Aber: wir sind eine volatile Gesellschaft im Schlechten wie im Guten, ich glaube, sowas kann sich schnell ändern. Ein Buch wie der „Circle“ hat die Gefahren deutlich gemacht und hat viele Leser gefunden, und subkutan bildet sich auch das kritische Bewusstsein. Das geht nicht immer so schnell, die technische Entwicklung von Alexa ist zunächst mal ein ziemlich dummes Gerät, das da steht, aber (aber es wird schlauer werden) aber es nimmt auf und leitet weiter, und es wird schlauer werden, wie Sie sagten, und zwar vermutlich viel schlauer, denn wir sind aus der Phase einer linearen Entwicklung raus, wir werden und, was KI, was Künstliche Intelligenz angeht, viel schneller entwickeln, als wir uns das heute so vorstellen können.

PR 38:37 Aber Sie erwarten, dass sich Menschen irgendwann gegen ihre eigene Bequemlichkeit entscheiden. Aus freien Stücken heraus…

FAB Sie müssen sich ja nicht gegen Ihre eigene Bequemlichkeit entscheiden, Sie müssen nur die Grenzen, die Grenzen deutlich, Sie müssen die Grenzen finden. Die müssen wir suchen, wir müssen fragen, wohin gehen die Daten, also Symmetrie also unser Gesprächseingang. Auch Alexa darf nicht unkontrolliert agieren, vielleicht müssen wir die Daten über Stellen leiten, die unser besonderes Vertrauen haben, das muss nicht der Staat sein. Kann auch n privater Akteur sein, den wir beauftragen, damit wir sehen könne, was wird damit gemacht, und den Menschen sagen können: das passiert mit dem, was du in deinem Heim, privat, sagst.

PR Ich könnte mir vorstellen, dass die Menschen sich an allem dem [all das], was die Konzerne mit ihren Personendaten machen, gewöhnen. Weil es auch jetzt so in kleinen Schritten, so dann erfahr ich n bisschen mehr, und die verdienen n bisschen Geld damit usw., irgendwann sind die Leute auch daran gewöhnt. Was glauben Sie realistisch, wir habe ja so verschiedene Bilder, wir haben gesagt, wir können die Urteilskraft schulen, wir können bestimmte Prozesse aufhalten, andererseits haben wir jetzt auch Dystopien gemalt, was glauben Sie ganz ernsthaft: wo steht die Gesellschaft in 10 Jahren? Können Sie es in wenigen Strichen skizzieren?

FAB 39:54 Wissen Sie, Sie haben gerade gesagt: Pessimismus und Optimismus. Das Problem ist ja, wir kennen die Zukunft nicht. Wir können die Zukunft immer nur hochrechnen aus Daten, die wir jetzt kennen, die sind heute schon defizitär, und vor allem verändern die sich auch noch in der Zukunft, wir kennen die Zukunft nicht genau, geht man mit einem pessimistischen Bild an die Zukunft ran, dann verstärkt man die Möglichkeit, dass dieses negative Scenario eintritt. Deshalb sind wir also (zum Optimismus verdammt!) wir sind verurteilt zum Optimismus, allerdings nicht zu einem blinden, sondern zu einem kritischen Optimismus. Und insofern würde ich sagen, die Menschen sind eigenwillig immer gewesen! Schon Heinrich Heine hat vom Volk als dem großen Lümmel gesprochen. Ich glaube, dass es nicht ausgemacht ist, dass wir diese wunderschöne technische Welt, diese Angebote, die Leimruten, die ausgelegt werden, dass wir die auf längere Sicht tatsächlcih alle so wahrnehmen. Es ist auch möglich, dass wir mit den neuen technischen Möglichkeiten auch eine Gegenwelt installieren. Ich halte … Widerstand hätte man in den alten 60er Zeiten gesagt .. eh .. Ästhetik des Widerstandes – ich halte auch Widerstand MIT den technischen Waffen für möglich. Teilweise ist ja so etwas bereits unterwegs, auch eine Internetöffentlichkeit muss nicht dezentral, anonymisiert und chaotisch und sittenlos sein.Sie kann auch neue Sittlichkeit und neue Ordnung aufbauen. Deshalb… daran müssen wir glauben, und dafür müssen wir etwas tun, damit es wahrscheinlicher wird, dass wir diesen Entwicklungsverlauf nehmen.

PR Die erste Voraussetzung für eine solche Ästhetik des Widerstandes wäre, dass es uns gelingt, neben den vielen negativen Bildern über die Zukunft uns eine positive Zukunft auszumalen, wie wir die Technik im humanen Sinne und nicht im kybernetischen Sinne verwenden. Herr di Fabio, ich danke für das Gespräch. (Danke!)

Abschrift des Gesprächs (JR) nach der Fernsehsendung ©ZDF!