Kategorie-Archiv: Wirtschaft

Pop, Demokratie, Populismus

Auch wenn man schon alles über Trump weiß

Seesslen Trump

Es ist die beste Analyse, die ich bisher gelesen habe (und anderes brauche ich seit heute nicht mehr), und für mich sind die letzten Kapitel die wichtigsten, z.B. „Demokratie und Kapitalismus“, während man in der ersten Hälfte des Büchleins noch einiges zu lachen hat (falls einem so zumute ist). So gute (politische) Bild-Analysen habe ich seit John Berger’s „Sehen“ nicht mehr gefunden.

Berger Sehen Rowohlt 1974

Und in dem Berger-„Bilderbuch“ liegt dies kopierte Blatt eines „Weltbuches“, das ich damals als Verbindung zur Musik im Auge behalten wollte. Zu idealistisch gedacht? Unvergessen der Autor: John Blacking.

Musical Man  Musical Man Cover 1974

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„TRUMP!“ – Uneingeschränkt zu empfehlen, auch als preiswertes, unbezahlbares Geschenk für solche, die es wert sind, oder auch solche, die man damit ärgern kann. Beginnend mit folgendem bildungsgestützten Satz:

Den Grundwiderspruch der Demokratie formulierte schon Aristoteles: Wenn es in einer Demokratie Reiche und Arme gibt, dann liegt auf der Hand, dass die Armen ihre demokratischen Rechte zu eben dem Zweck einsetzen, den Reichen den Reichtum zu nehmen. Ergebnis: Instabilität. Gegen diesen Widerspruch gibt es nur zwei Lösungen: entweder (wie Aristoteles vorschlug) die Armut abschaffen oder aber die Demokratie abschaffen. Natürlich lag die Lösung in der westlichen Demokratie-Geschichte immer in irgendeiner Form des Dazwischen.

Weiterlesen auf Seite 109 in: TRUMP! Populismus als Politik / Von Georg Seeßlen / Verlag Bertz+Fischer / Berlin 2017 / ISBN 978-3-86505-745-7

ZITATE

Wer die Demokratie im Namen des Volkes zu verteidigen meint, hat sie schon aufgegeben. („Wir sind das Volk!“ hieß eine Parole, die zuerst die Demokratie einforderte und dann ihre Abschaffung.)  Seite 130

Man muss keine Pegida-Demonstrationen besuchen, um zu erkennen: Da sind Menschen, die sich als Volk definieren, zu Untaten bereit, zu denen sie als Einzelne und in individueller moralischer Souveränität mehrheitlich wohl nicht in der Lage wären.  Seite 128

Das Gegenteil von Volk ist nicht Elite, sondern Humanismus. Das Gegenteil von Elite ist nicht Volk, sondern Aufklärung. Seite 131

Man ist es inzwischen gewöhnt, in der gesellschaftlichen Diskussion von „Narrativen“ zu sprechen, zuweilen auch von „Erzählungen“, womit im entsprechenden Zusammenhang dasselbe gemeint ist. In seinem Trump!-Buch schreibt Seeßlen auf Seite 8:

Wir leben in zwei großen Erzählungen, mindestens. Die eine ist der ökonomisch-politische Diskurs, der sich auf Informationen, Interessen, Texte, Gesetze und Modelle bezieht.

Und auf der nächsten Seite:

Die zweite Erzählung ist die des Entertainments, der populären Mythologie: das Kino, der ewig laufende Fernseher, die illustrierte Welt der Promis, Shows und Events, die Stars des Musikbusiness, der Sport, Cartoons, die Werbung. Hier kommt es nicht auf logische Verknüpfungen oder Transparenz der Motive an, sondern auf Emotionen, Bildhaftigkeit, Effekte.

Seit wir das Wort vom Post-Faktischen gelernt haben, oder von „alternative facts“, ahnen wir, wohin die Reise geht. Eine gründliche Aufklärung gehört zu den Desideraten des modernen politischen Denkens. Man kann im Deutschlandfunk den Text einer Rede (einer Erzählung?) nachlesen, die wirklich weiterführt. Vorwarnung: Bringen Sie etwas Zeit mit…

Überschrift: Erzählungen bilden Gemeinschaften / Autor: Georg Seeßlen / HIER.

Dank an JMR!

Megapötte

Was hat mich nach Hamburg geführt?

Und wieder zurück? Natürlich die Deutsche Bahn, das Mega-Unternehmen. Zuverlässig und preisgerecht. Ein Billigflug käme mir nicht in den Sinn. Kaum wieder zuhaus, schlage ich die Zeitung auf und sehe den Megapötte-Bericht, der aber kaum das Gigantomanische aufs Korn nimmt, das auf der Hand liegt. Er könnte auch als Empfehlung gelesen werden. (In meinem Scan so verkleinert, dass es gar nicht lesbar ist, auch das Bild seine Qualität kaum entfalten kann, so dass die Wiedergabe hoffentlich rechtlich nicht bedenklich ist. Das dpa-Foto stammt von Christian Charisius, der Bericht von Michael Zehender.) Bitteschön, da drüben liegt auch das bunte Zelt „König der Löwen“, und auch dafür, obwohl Ziel für Hunderttausende, habe ich keinen Sinn. In Hamburg ist vieles „mega“, und es keine Schande, darüber zu staunen. Wer will die Pyramiden kritisieren, nur weil sie so gewaltig dastehen. Übrigens weiß man nicht, ob die Größe dort (die Menge der Steine) auch in Relation zu einem Geschäft mit den Göttern stand, wie hier etwa die Menge der Kabinen. Und wieder steht das Wort Elbphilharmonie im Raum und im nächsten Moment das Wort Akustik. (Nein, nicht hier!)

Kreuzschiffe ST mikro So zu lesen als Sonderveröffentlichung im Reisemagazin meiner Tageszeitung (Solinger Tageblatt), und zwar am 18. März, genau an dem Tag, an dem ich in der Elbphilharmonie zu sprechen hatte. Vom schönen Restaurant des Hotels Hamburger Hafen hatten wir genau diesen atemberaubenden Ausblick, wenn auch ohne Megapott im Zentrum. Der stand weiter links, gewissermaßen im Versteck, erschreckend, wenn man ihn identifizierte. Und so soll er auch – sagen wir – in Venedig auftauchen? Der Artikel hält sich mit Bewertungen zurück: „Durch die Größe des Schiffs kann man die Reise für den einzelnen Kunden billiger anbieten“, wird der Chef vom Kreuzfahrtverband Deutschland zitiert. Genauso wird die Fleischqualität und ihr Preis auf dem Markt kalkuliert, er hat nichts mit dem wahren Wert des Produktes zu tun. Der wird anders diskutiert und definiert. Übrigens findet man den für Solingen ohnehin gekürzten Artikel in voller Länge an ganz anderer Stelle online: Hier

Ein Freund, der diese Schiffe vor Jahren ausgiebig genutzt hat, schrieb mir dazu:

Ja, wir haben, glaube ich, vier Fahrten mit der Aida gemacht. Die beste war natürlich die nach N.Y. 2009. Aber dann waren wir es irgendwie leid, meine Lebensgefährtin eher als ich, versuchte ich doch bis zuletzt die Größe der Schiffe als schwimmenden Klein-Kosmos zu verklären, ohne die damit verbundenen Nachteile sehen zu wollen: invasionsartige Landgänge, die sich dann aber in einzelnen Busgruppen zu irgendwelchen Besichtigungszielen trennten. Nicht einmal wirtschaftlich brachte das Anlegen z.B. den Einwohnern Grönland etwas, denn niemand kaufte oder verzehrte etwas, gab es doch alles an Bord meist besser und umsonst. In Grönland blieb das Schiff weit draußen auf dem Meer, und der Transfer vollzog sich in kleineren Motorbooten. Also nicht in dieser überfallartigen Wucht wie in Venedig, wo das ganze Stadtbild zum Negativen relativiert wird. Ach, ich könnte mich noch lange über Vor- und Nachteile auslassen, aber das Entscheidende ist wohl, dass nichts richtig haften bleibt bei diesen kurzen Landgängen. Und der freie Alkoholkonsum an Bord ist natürlich auch so ein Problem.

Ich finde, man sollte auch kundige Kunden-Beurteilungen zur Kenntnis nehmen. Denn das bloße Erschrecken über die schwimmfähigen, flach liegenden Hochhäuser im Hamburger Hafen erschiene vielleicht unbegründet und provinziell. Man könnte aber leicht noch andere Aspekte hinzufügen, die ebenfalls einiges über die Kollateralschäden des Gigantismus aussagen. Denn natürlich geht es nicht nur um den Tourismus, – ein Stichwort soll genügen: Elbvertiefung.

Nun zum Ernst des Lebens, der übrigbleibt, wenn er eigentlich größtenteils ausgeblendet wird oder sich aufs ganz Private beschränkt: der einfache Blick nach draußen (um es kompliziert auszudrücken). Gleich hinter der Kuppel des Eingangs zum alten Elbtunnel: die AIDA.

Hamburg Hafen März Aida 35 Hamburg Hafen März Regen Hotelausblick 34

Hamburg Hafen Ausblick von Hotelhöhe 3 Hamburg Hafen März Hotel 2 Hotel Hafen Hamburg

Hamburg Hafen März Regen 8a Regen reichlich

Hamburg Hafen März Elphi 21 Ein orkanartiger Sturm bahnt sich an

Hamburg Hafen März Blaues Schiff Die Elbphilharmonie, das Ziel der Reise

Hamburg Hafen März Michel ua Andere Seite, durchs Fenster der Tower-Bar

Mein Ziel war allerdings eher eine Reise ins Innere, nicht nur ins Innere der Elbphilharmonie, sondern auch meiner eigenen Erinnerung, nämlich die Zeit, als ich mich mit syrischer (libanesischer, arabischer) Musik zu befassen begann, ohne unsere klassischen Musik, mit der mich die Geige verband, aufgeben zu wollen: 1967. So hatte es nicht nur praktischen Wert, die Geige auch hier einzubeziehen, sondern vor allem symbolischen. Nebenbei: die Geige ist der Gegengott des Gigantismus. Auch wenn sie bei Bach in seinen Solissimo-Werken ein ganzes Universum umfasst. Sie kann es ebenso mit der phantastischen Entfaltung arabischer Melodik aus einem Mikro-Element von drei Tönen. Zum Beispiel im Genus Sikah oder Segah, der Basis des gleichnamigen Maqams. Oder auch des Maqams Huzam…

JR in HH 170318

Am 18. März 2017 im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, thematisch anknüpfend an die Arbeit, die ich vor fast genau 50 Jahren (nach einer Orient-Tournee als Geiger) begann und die im Jahre 1971 als Dissertation mit Notenband veröffentlicht wurde.

JR Dissertation

(Fotos: E.Reichow)