Kategorie-Archiv: Wirtschaft

Facebook im Visier

Aufklärung im TV 

Lanz Screenshot 2018-03-24 15.30.56 Markus Lanz und Ranga Yogeshwar (ZDF)

(Markus Lanz Ausgangsfrage:) 5:15 „Facebook – 50 Millionen Daten geklaut, was ist da passiert? Kannst du uns das so erklären, dass wir alle das verstehen?“

[Im folgenden stehen in runden Klammern immer Einwürfe, meist von M.Lanz]

RY [Ranga Yogeshwar] Wir wissen alle: es gab eine Wahl in den USA, Donald Trump ist Präsident geworden, und wenn man sich die Wahl genauer anschaut, merkt man, er ist sehr knapp Präsident geworden, da war keine große Mehrheit, in einigen Staaten, da gab es mehrere tausend Stimmen als Unterschied, und es wurde viel darüber spekuliert, war dieser Wahlkampf einer, bei dem Internet, ganz konkret die sozialen Netzwerke, eine wichtige und vielleicht größere Rolle gespielt haben, als der eine oder andere denkt. Nun klingt das für den Laien abstrakt, und er sagt, was soll Facebook mit einem Wahlkampf zu tun haben, aber: was bei jeder Wahl auch in den USA der Fall ist: es gibt die einen, die wählen fest die Demokraten, die andern die Republikaner, aber dann, und das war bei dieser Wahl auch besonders, gab es viele, die sich noch nicht entschieden hatten, und wenn man jetzt, und jetzt stellen wir uns einfach mal vor, wir wären sozusagen Wahlkämpfer, dann würden wir ja sagen, o.k., die die ohnehin die falsche Partei wählen, die brauchen wir gar nicht (muss man sich nicht drum kümmern), aber wenn wir die, die ein bisschen unentschlossen sind, möglicherweise zuerst einmal identifizieren und dann so mit Informationen füttern, dass sie möglicherweise anfangen, ihre Meinung wirklich zu ändern, können wir das Ding reißen. Und genau das ist passiert, und zwar in mehreren Stufen: die erste Stufe war, dass man dafür Daten braucht, und da kommt Facebook ins Spiel, weil Facebook natürlich erstens mal ein gigantisches soziales Netzwerk ist, zwei Milliarden Nutzer (ist unvorstellbar), also auch in den USA weit verbreitet, und anhand der Daten in Facebook und auch bestimmter Apps, die da sind, war man nun in der Lage, zu erst einmal genau auszuloten, wer, wie ist das Profil von dem einen oder dem andern. (Wer sind sozusagen die wankelmütigen Kandidaten?) Wer sind die Wankelmütigen, wofür interessieren die sich, womit kann ich die ködern? 7:18

(Was sind die Probleme dieser Leute. Wir gehen da gleich tiefer rein. Herr Schieb, wenn man das hört: 50 Millionen Profile, – ich habs immer noch nicht verstanden, wie haben die das gemacht, was haben die zusammengeführt, und was ist das, was da gestern rausgekommen ist? Ist ja im Grunde eine Explosion, die diese digitale Welt erschüttert hat, und von der man noch nicht so genau weiß, wann irgendwann die letzten Eruptionen wirklich zuende sind.)

Lanz Yogeshwar Screenshot 2018-03-24 15.32.07 Markus Lanz, Ranga Yogeshwar (ZDF)

JS [Jörg Schieb] Also erstmal ist es so, dass 2016 nicht das erst Mal war, dass soziale Netzwerke ne Rolle gespielt haben, (Obamas Wahlen ja auch schon!) da hat man ja ganz klar gesagt, das hat ne Rolle gespielt, die jungen Leute anzusprechen, aber nicht mit diesen Methoden (genau! Reden wir hier von Tricks? Reden wir hier von Manipulation? Wovon reden wir hier?) Ich würds nicht unbedingt als Manipulation bezeichnen, im Grunde ist das, was Cambridge Analytica gemacht hat, sehr konsequent das weiterzutreiben, was Facebook sowieso hat, als Geschäftskonzept. 8:10 Nämlich, denn das Geschäftskonzept von Facebook ist ja nicht, dass wir uns unterhalten oder Fotos austauschen, das ist quasi das Lockmittel. Das ist das, was wir gerne tun möchten, aber das dient letztlich nur dazu, dass Facebook möglichst viele Benutzer bekommt und die möglichst gut kennenlernt. Auch das hat natürlich einen Hintergrund, dieses Kennenlernen bedeutet: möglichst die Vorlieben kennen, die Orte kennen, wo man ins Restaurant geht, wo man eincheckt, welche Hotels man besucht, ob man Fahrrad fährt, Veganer ist und solche Geschichten. Warum? Nicht weil es so interessant wäre, sondern weil das die Möglichkeit bereitet, möglichst genaue Werbung zu päsentieren. Das nennt sich Targeting, in dieser Fachsprache, in der Onlinewerbung (Targeting Zielen, genau gerichtet) es gibt ja dieses Gießkannenprinzip Anzeige für Unterhosen sie spricht aber, sie spricht eigentlich nur Männer an, wenns Männerunterhosen sind, (von Frauen gesehen, genau, macht kein‘ Sinn) ist es verschenktes Geld 9:02 jetzt ganz genau hingehen zu können und nem Veganer ein veganes Restaurant empfehlen zu können, als plattes Beispiel, ist natürlich viel besser, man weiß, es ist ein Veganer und der wohnt möglicherweise in der Stadt, oder besucht die Stadt regelmäßig, wo es das Restaurant gibt, dafür bezahlt jemand, der Werbung schaltet, mehr Geld, weil es eben treffsicher ist, treffgenau ist, als für so ne lapidare Werbung, die jeder sehen kann. Und genau deswegen versucht Facebook Benutzer möglichst genau zu kennen und mehr über sie zu erfahren, als wir uns vorstellen können. Also man weiß mittlerweile, dass Facebook uns, jeden von uns, besser kennt als – na ja, Sie sowieso, als n Freund oder sogar die Familie. Also, das ist ganz definitiv (können Sie das mal so konkret machen?). Ja, zum Beispiel, was ich insgeheim mir wünsche, was ich für Träume habe, das lässt sich ableiten, nicht dadurch, dass ich plump so auf ne Webseite gehen, sagen wir mal ehmm Motorradfahrer, kuck mal diese Seite so regelmäßig an, das wäre einfach, dass man sich das merkt, das wird zwar auch registriert, aber durch die Tatsache, dass ich bestimmte Dinge like, also: mag, da reichen 6 – 7 Likes, die ich wahllos mache, um relativ präzise sagen zu können, wie ich ticke. Nicht weil ich schon so viele Informationen über mich preisgegeben habe, sondern genau deswegen, weil Facebook 2 Milliarden Menschen genau kennt und scannt, und die Gewohnheiten eben von 2 Milliarden Menschen schon kennt und das vergleichen kann. Also Big Data, dieses große Datenpoolprinzip, wird hier halt zur Spitze getrieben und wirklich komplett ausgenutzt. Also nicht ich verrate wirklich aktiv, was mich interessiert und was meine Neigung ist, sondern insgeheim, durch verschiedene Reaktionen lässt es Rückschlüsse zu, also letztlich weiß Facebook nicht 100prozentig genau, (aber Sie kriegen ein Gefühl dafür!), aber Sie kriegen ein Gefühl dafür, und diese Treffsicherheit ist enorm hoch (ist enorm hoch), und genau das wollte Cambridge Analytica ausnutzen (diese Firma Cambridge Analytica, ich lese die unterschiedlichsten Dinge darüber, lese darüber, dass ein eher rechts ausgerichteter amerikanischer Milliardär, Robert Mercer, dahintersteckt, als Financier, der 15 Millionen Dollars da investiert haben soll, ich höre, dass eine Firma dahinter, ein gewisser Steve Bannon eine entscheidende Rolle gespielt haben soll, sogar den Namen soll er sich für diese Firma ausgedacht haben, wer sind diese Leute, wer ist Cambridge Analytica?). 11:26

Schieb Screenshot 2018-03-24 15.33.13 Jörg Schieb (Screenshot ZDF)

RY Also es gab in den letzten Tagen … eigentlich sind die Recherchen hervorgekommen, was da wirklich los ist, die Kollegen in Grossbritannien vom Guardian, von New York Times, vom Channel Four, das war ne große – ich war gerade in London noch gestern – und die, das waren wirklich zwei große Sendungen zur Hauptsendezeit, (was haben die da gemacht?) die haben investigativ sehr genau gekuckt, was ist das für ein Unternehmen und haben Journalisten dahingeschickt mit versteckter Kamera und merken, wie diese Firma vorgegangen ist, es gibt daneben so einen, der ausgestiegen ist, der wirklich auch die Praktiken dargestellt hat, und wir fangen mal beim Namen an, Cambridge Analytica: wer in Cambridge, das ist die große Universität, Cambridge Oxford, und Steve Bannon, das war der Wahlkampf-Chef von Trump (das Mastermind sozusagen) jetzt muss man sich mal die Dreistigkeit vorstellen, diese Firma sitzt eigentlich in London, die mieten Büros in Cambridge, nehmen ihre Mitarbeiter und sagen: o.k. kommt, an dem Tag kommt Steve Bannon, und täuschen vor: das ist n ganz akademischer Verein. De facto dahinter ist es so, es ist eine Firma, die mit kriminellen Methoden versucht, Wahlkampf zu machen. Kriminell heißt, es wurden zum Teil Prostituierte eingeladen, also es gibt in dem Video, was man sieht, Szenen, wo man wirklich sagt: das kann nicht wahr sein, also wo man merkt … wie … ja, absurd Politik geht, Machtgewinn geht, indem Menschen bewusst vorgeführt werden, unter Druck gesetzt werden, wo ein System sich offenbart und in diesen Interviews gefilmt wurden, hört man, das ist nicht nur im Wahlkampf in den USA so, das passiert öfters, und das lässt jeden, der sich das anschaut, daran zweifeln, (das ist ja auch das, Herr Schieb, was die Leute so elektrisiert, ne? Dass man plötzlich das Gefühl hat, ah, Moment mal, eh, der Brexit zum Beispiel hat damit möglicherweise auch damit zu tun, dass die Firma, die sich damit ja auch teilweise brüstet. Diese Reporter, von denen du gerade sprachst, von Channel Four haben sich ausgegeben als Interessenten … Wahlkampf auf Sri Lanka … ein Geschäftsmann, der irgendwie Hilfe brauchte, wie kann man andere Leute unter Druck setzen, wie kann man sie manipulieren, schick da mal n paar Mädchen vorbei und dann werden wir den Rest erledigen usw. – diese 50 Millionen Datensätze, was hat es mit denen auf sich, wie kommen die daran, wie kommt Cambridge Analytica an diese Datensätze von Facebook? Wenn ich dort jetzt n Account habe, dann gehe ich doch davon aus, dass der geschützt ist und nicht hinten rum an Cambridge Analytica verkauft wird.) 14:20

JS Genau das ist der wichtige Punkt, den man auch in aller Deutlichkeit sagen muss, dass Facebook hier Massenverrat begangen hat nachgewiesenermaßen, aber es sowieso täglich tut, weil das Prinzip ist so gewesen. Cambridge Analytica hat keine direkte Verbindung mit Facebook gehabt, hat also die Daten nicht gekauft, das sowieso nicht, man kann jetzt keine Daten kaufen bei Facebook, das kann man nicht (das ist schon mal wichtig zu verstehen), das tun die nicht, aber wenn man eine App entwickelt, also eine Anwendung, die in dem Portfolio von Facebook läuft, auf dem Smartphone oder auf dem Desktop-Computer, also eine App, die in Facebook läuft, dann hat man das Privileg, auf bestimmte Daten zuzugreifen, die Facebook zur Verfügung stellen kann und auch zur Verfügung stellen möchte (kostet die was?), um die Anwendung sinnvoll zu machen, dass ich mich bequem einloggen kann, dass ich meinen Namen nicht wieder eingeben muss, dass ich auch sehen kann, mit wem bin ich denn befreundet, z.B. Freunde in ein Spiel zu ziehen, sehr häufig wird das gemacht (bezahlt man dafür dann? Oder wird einem das so zur Verfügung gestellt?), das wird einem so zur Verfügung gestellt, weil Facebook ja ein Interesse daran hat, möglichst jeden Bedarf abzudecken, egal ob verrückt oder nicht verrückt, Inhalte, Fotos, Videos, Spiele, alles wird da angeboten, und je länger die Menschen Zeit verbringen in Facebook, diese Präsenzzeit ist halt Geld wert. 15:32 Also die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendeine Werbung anschaut, also anklickt, wird dadurch deutlich erhöht. (Woran wir wieder merken, dass es nichts kostenlos gibt, denn alles hat n Preis, ne? Alles hat n Preis! Und immer dann, wenns kostenlos ist, besonders vorsichtig sein. Wie geht’s dann weiter? Wie kommen die jetzt wirklich an diese 50 Millionen, was machen die da mit diesen 50 Millionen Datensätzen?)

JS Also es gab eine Firma SCL [? hier ? nein hier !], oder es gibt eine Firma SCL, die hat eine App entwickelt, 2016 war das, nee 2015 schon, die nannte sich „This is your digital life“, war angeblich ein psychologisches Experiment, deswegen war Facebook etwas großzügiger bei der Herausgabe von Daten, da konnte man kucken, was bin ich den so fürn Typ, wo bin ich vernetzt, wo sind meine Freunde, also im Grunde genommen schon son kleinen Einblick in die Information, die auch Facebook über einen hat, und diese Daten von 270.000 Benutzern, die diese App offiziell benutzt haben, hatten die gleich im Sack sozusagen. Von den Benutzern gabs ne Freigabe, haben die Benutzer gesagt, die App benutze ich, und damit hat man zugestimmt, meistens ohne es zu wissen, wer liest sich das ehrlicherweise durch (genau!), dass die Daten von Facebook (du kommst an diesen Punkt, stimmen Sie den Nutzungsbedingungen zu, und ich sitze dann immer davor und denke, na gut, wenn ich jetzt nein sage, dann komm ich ja nicht mehr weiter, dann habe ich meinen Rechner umsonst gekauft) ja, man kann nicht bei Marc Zuckerberg anrufen und mit dem verhandeln und sagen: der Paragraph gefällt mir, der aber nicht. Das ist nicht besonders…, also friss oder stirb, das sind alles Mittel.. akzeptieren oder nicht, das macht auch schon das Missverhältnis deutlich, der gigantische Konzern und der kleine User. Also dieser App-Anbieter hat 270.000 Nutzer gehabt, diese Daten wurden alle schon mal eingesammelt, jetzt kommt der springende Punkt: Jeder einzelne Benutzer ist ja befreundet, das ist ja der Sinn und Zweck bei Facebook, im Schnitt 190 Freunde pro User, d.h. also etwa 200 mal 270.000, plopp sind wir bei 50 Millionen, die App hatte den Zugríff auf die Daten, dieselben Daten, die die registrierten Benutzer oder mehr oder weniger dieselben Daten wie die registrierten Benutzer und konnte von den Freunden die Information auch auslesen. Was ein psychologisches Experiment sein sollte, eine Praxis, die Facebook allerdings danach nicht eingestellt hat, aber stark beschnitten hat, das muss man fairerweise sagen. 17:40

RY Die Brisanz, die wir im Moment erleben, sind zwei Sachen, und ich glaube, dass wird der Lackmustest sein in den nächsten Wochen, ob Europa tatsächlich mündig ist, was das betrifft. Wir haben offensichtlich hier eine Spitze eines Eisbergs. Ich wage zu prognostizieren, dass wir noch viel mehr hören werden. Wir merken, es gibt große soziale Netzwerke, die einen immensen Einfluss haben und die damit auch Demokratien, die Art und Weise, wie wir kommunizieren, die Art und Weise, wie Bewusstsein entsteht, die Art und Weise, was wir glauben und nicht glauben, massiv beeinflussen. Und wir haben im Moment die Situation, dass z.B. Facebook Algorithmen verwendet, die niemand kennt. Ich persönlich glaube, wir müssten eine Offenlegung verlangen, also eine Art Rechenschaftspflicht, und ich würde persönlich so weit gehen zu sagen, vor dem Lichte und auch der Brisanz – weil man muss sich klar machen, die Konsequenzen auch für die Politik sind eine Entmündigung, wenn das so weiter geht (ist richtig!) , werden irgendwann Milliardäre bestimmen, wer sozusagen hier Politik macht. Also die Politik selber hat hier ein Interesse einzuschreiten, (ja, oder die machen die Politik selber!) ich würde sehr radikal, ich meine, das ist jetzt vielleicht – ich weiß, jetzt kommt n Shitstorm – aber ich würde sagen: in Deutschland oder Europa, man sollte wirklich mal die Pausentaste drücken und sagen: so! stopp! Wir stoppen Facebook, bis das aufgeklärt ist. Denn die Konsequenzen daraus, auch hierzulande, – überlegen wir – im letzten Jahr, ich mein, ich ging mit vielen Leuten in Berlin demonstrieren gegen Fake News, 11.000 Leute, weil wir inzwischen auch gemerkt haben, dass wir hier ein Riesenproblem haben (absolut!), dass Menschen irregeleitet werden, und ich glaube, an irgendeiner Stelle müssen wir so langsam mal aus diesen Wildwest-Methoden, die es mal gab, ein vernünftiges Prozedere machen. (Beifall) (Also ich fände es gut, sich mal klarzumachen, was das bedeutet. Ich hab neulich mal ne Untersuchung gelesen, die besagt, dass sich Fake News im Netz sechsmal schneller und besser duchsetzen als die Wahrheit.

JS Sechsmal schneller, und Sie erreichen zehn bis hundert mal so viele Menschen, das ist also ein gigantischer Effekt (warum ist das so?) – das haben Forscher untersucht, das liegt daran, dass Fake News, falsche Nachrichten, wie immer man das nennen möchte, emotionaler sind, sie haben einen Überraschungseffekt, das heißt, sie machen uns neugierig: wie stimmen zu, dann machen sie uns deswegen neugierig, oder wir lehnen sie ab, dann machen sie uns auch neugierig, das heißt: das ist ein menschlicher Reflex, das zu lesen, das zu kommentieren, das zu liken, oder zu widersprechen. Und jetzt kommen wir zu einem ganz ganz wichtigen Punkt: Die Tatsache, dass die Fake News so gut funktionieren, dass wir darauf ansprechen, ist der Effekt, ist sogar ein Turboeffekt für die Fake News: wir Menschen sorgen dafür, dass sie sich verbreiten, denn – Facebook sagt ja sogar, wir sollen Gegenargumente liefern, wir sollen gegenargumentieren, die Gegenrede, so nennen die das, um Fake News zu entlarven. Wenn wir das machen, belohnen wir aber die Fake News, weil die Algorithmen immer kucken, welche Texte, welche Fotos sind denn interessant, wo reagieren denn die Leute? Und die Algorithmen sind nicht schlau, die unterscheiden nicht zwischen einer intelligenten Auseinandersetzung oder einer Zustimmung, sondern die sehen nur: da ist Action, da ist was los, da geh ich doch hin, ich zeig das jetzt noch mehr Leuten, 21:14 weil das scheint ja interessant zu sein. Und das ist der Turboeffelt, wir haben die Blase, diesen Algorithmus, der saudämlich ist, der dafür sorgt, dass Dummheiten, Verrücktheiten und Lügen sich um so schneller verbreiten, und alles Wahre, leise Formulierte, was stimmt, geht unter. Und das ist genau das Gefährliche an den … sogenannten sozialen Netzwerken, weswegen ich auch sage, es sind asoziale Netzwerke, weil sie das Falsche belohnen (Beifall) weil sie das Falsche belohnen und das Richtige und Wahre (Beifall bleibt)…

Brinkbäumer Schieb Screenshot 2018-03-24 15.32.59 Klaus Brinkbäumer und Jörg Schieb (ZDF)

Klaus Brinkbäumer Es gibt ein wirklich eindruckvolles Beispiel aus den USA aus dem Wahlkampf von Breitbart. Haben wir alle schon gehört, Breitbart ist die extrem rechte Nachrichtenseite, wenn man es denn Nachrichtenseite nennen möchte, bei der (ideologische Plattform der Rechten!) Stephen Bannon auch beteiligt ist, derselbe Bannon, Trumps Wahlkampf Mastermind, von dem wir grade schon gesprochen haben. Breitbart hatte zu Beginn des amerikanischen Wahlkampfes 100.000 wir nennen es Follower, Fans, Leute, die die Seite also regelmäßig zu sehen bekamen, am Ende waren es über anderthalb Millionen, die alles weitergeleitet haben, das wichtige sind die Sharing-Funktionen, noch wichtiger als die Likes, (Teilen!) weil das dadurch geteilt wird, und dann gab es schlichte Erfindungen, also Pizzagate z.B. war eine Erfindung, also kein Wort stimmte, dass Hillary Clinton in einen pädophilen Ring involviert gewesen sei, ja, es gab kein Indiz, schon gar keinen Beweis, es war schlicht eine Erfindung (die Geschichte war im Keller einer Pizzeria … sollte das vonstatten gehen … missbrauchen böse Menschen arme kleine Kinder) – und diese Geschichte bekam mehr Aufmerksamkeit, wurde mehr geteilt als die ernsthaftesten, fundiertesten Enthüllung der New York Times. Plötzlich war Breitbart auf dem Niveau der New York Times durch genau diese Methoden, über die wir gerade gesprochen haben. Und wenn wir dann verstehen, dass es am Ende um genau 70.000 Stimmen ging, in drei Bundesstaaten, dann kann man die Frage gar nicht mehr verneinen, ob das eine Rolle gespielt habe (ist richtig!) (Schieb: War im deutschen Wahlkampf übrigens genauso. 23:25 LANZ: Wollte ich gerade sagen, wenn man AfD und Flüchtlingskrise gegoogel hat, haben Leute dafür gesorgt, dass Angela Merkel auftauchte beispielsweise. SCHIEB: Ich glaube acht der zehn am weitesten verbreiteten Nachrichten mit Angela Merkel waren nachweislich Fake News, acht von zehn, also, das ist ja mehr als deprimierend, das ist ja beängstigend, und das macht das Ausmaß deutlich, also dieses…. Cambridge Analytica ist im Grunde genommen nur eine Blaupause, die uns mal zeigt, welche Wirkung das alles hat (ein Brennglas im Grunde) . Ich glaube, die Spitze des Eisbergs auch deswegen, denn es wird noch tausend Fälle geben, von denen wir gar nichts wissen (so, und in dem Zusammenhang nochmal: wichtig zu erwähnen, es betrifft nicht nur Facebook, es ist das Geschäft der Datenriesen aus dem Silicon Valley. Und Cambridge ist nur einer davon. Ranga, du wolltest da noch was…)

RY Was bei dieser Thematik die große Schwierigkeit ist, – ich weiß nicht, ob ihr mir zustimmt -, ist: Am Anfang hört sich das furchbar abstrakt an, – ich kann mir vorstellen, jetzt sitzt zuhaus einer und sagt: ach, was soll Facebook…, was soll das? Und ich glaube, da ist es total wichtig zu verstehen, dass wir hier im Grunde genommen… wir erleben eine Veränderung der Medien, wir erleben eine Veränderung der Kommunikation in einer Gesellschaft. Und sich klarzumachen, dass im Moment die Kriterien nicht mehr die sind …  nämlich: wir kucken, dass Medien möglichst nah an der Wahrheit sind, dass – wenn sie etwas behaupten, dass man sie auch belangen kann, es gibt Presserecht usw., Medien sind etwas ganz Besonderes in einem Land, und was wir jetzt erleben, ist so, dass wir kommerzielle Interessen haben, wo wir möglichst viel Aufmerksamkeit erregen wollen, wo wir Klick-Rates haben, Teilung usw. um kommerziell etwas zu machen, und dass wir damit anfange, das Wichtigste, was eine Gesellschaft hat, nämlich die Kommunikationsstruktur, zu vernebeln. Und ich glaube, wir sind jetzt so an einem Punkt, wo ich wirklich erwarte eigentlich, – und das kann nicht der einzelne User sein -, wo auch die Politik aktiv sagen muss, JETZT REICHT’S!  Ich finde einfach, dies Thema ist unendlich wichtig, nicht weil es irgend so ein Insiderthema ist, – wir haben gesehen: Wahlen werden entschieden damit – (reden wir gleich noch ausführlich darüber, wollte nur kurz fragen: Bülent, bis du Facebook … eh ..)   25:50

Quelle dieser Abschrift (ohne Gewähr JR): ZDF-Sendung Markus Lanz vom 21. März 2018 / Zu Gast waren Moderator Ranga Yogeshwar RY, Internetexperte Jörg Schieb JS, Journalist Klaus Brinkbäumer etc. / Abzurufen bis 21.04.2018 HIER.

Wikipedia Jörg Schieb – Wikipedia Ranga Yogeshwar – Wikipedia Klaus Brinkbäumer

Bemerkung am Rande: Das fabelhafte Buch von Klaus Brinkbäumer – die Unterhaltung mit ihm ist in derselben Lanz-Sendung zu hören – habe ich mir direkt am nächsten Tag besorgt, nicht bei Amazon (auf diesem Weg habe ich mir nur den „Kampf der Tertia“ antiquarisch besorgt), sondern in der Buchhandlung meines Vertrauens (Jahn, Nähe Hbf.Solingen). Mein Scanner bewältigt das Format nicht, aber es bringt doch Farbe auf diese Seite:

Brinkbäumer Link zum Fischer-Verlag HIER.

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FORTSETZUNG FOLGT 2 Tage später ZDF HEUTE JOURNAL 25.03.2018 ab ca. 21:55 HIER 

ZDF Slomka Screenshot 2018-03-25 23.35.57

(Marietta Slomka:)

(6:52) Die Ermittler kamen am Abend , und sie blieben lange. Die britische Datenschutzbehörde ließ letzte Nacht stundenlang den Firmensitz von Cambridge Analytica durchsuchen, je nach Datenfirma, die mit ihren Wänlermanipulationen prahlt. Auch der Facebookkonzern soll weiter unter Druck gesetzt werden. Von der EU-Kommission in Brüssel, aber auch von einzelnen EU-Mitgliedern. Die deutsche Justizministerin wird sich morgen mit Vertretern des Konzerns treffen. Die Frage ist nur, was fff???… Die Frage ist nur, was das bringen kann. Solange das Geschäftsmodell von Facebook auf Big Data beruht und solange Millionen Menschen das nicht zum Anlass nehmen, ihre eigene digitale Sorglosigkeit in Frage zu stellen. Das genau könnte gesche…dass das genau geschehen könnte, dürfte Facebooks größte Sorge sein. Dominik Rzepka berichtet:

Wie sehr Facebook unter Druck steht, erkennt man in diesen Tagen daran, was nicht gesagt wird.

„Hat dieser aktuelle Skandal für Facebook das Zeug dazu, für Facebook existenzbedrohend zu sein?“

(Semjon Rens:)

„Ich glaube, klar isist, dass wir als Unternehmen ne ganz klare Verantwortung dafür haben, für die Daten unserer Nutzer und für die Information unserer Nutzer, die sie auf unserer Plattform teilen.“

„Also keine Bedrohung für Sie?“

„Also letzendlich ist es genau das, was ich gesagt habe, es ist ähmm… (Lächeln) für uns … ähmmm (noch 1 Mundbewegung ohne Ton, Lächeln) …“

ZDF Facebook Screenshot 2018-03-25 22.18.52

Facebook wankt. In den vergangenen Tage hat der Konzern 50 Milliarden Euro an Wert verloren. In britischen Tageszeitungen entschuldigt sich Facebook heute für den Skandal. Und doch ist seine Macht ungebrochen, jeder vierte Mensch dieser Erde ist bei Facebook. Den Konzern zu regulieren, dabei stoßen nationale Parlamente an ihre Grenzen.

(Dieter Janecek B’90/Bündnis GRÜNE Bundestagsausschuss Digitale Agenda:)

„Die machen dann, was sie wollen, und das ist die Haltung, die Facebook hat: Die führen sich auf wie ein eigener Staat auf der Welt, und das sind sie vom Umsatz her ja auch, sie sind mächtig, und das lassen sie die Politik spüren.“

Das Europäische Parlament versucht seit längerem, Facebook etwas entgegenzusetzen, ab Mai gelten neue Regeln zum Datenschutz, Bußgelder von 4% des Jahresumsatzes sind möglich. Bei Facebook wären das 1,5 Milliarden Euro; doch selbst die zuständige Kommissarin räumt ein: Facebook bringt auch die EU an die Grenzen der politischen Handlungsfähigkeit.

(Vera Jurova:)

„Es gibt keine Wundergesetze, die Bürger zu 100% schützen. Das ist vielleicht etwas frustrierend, weil die Menschen erwarten, dass wir ihnen mehr Sicherheit geben, aber Politiker haben das inzwischen nicht mehr voll und ganz in ihrer Hand.“

Es geht inzwischen um nicht mehr oder weniger als die Frage: wer hat die Macht? Wirtschaft oder Politik, Parlamente oder ein digitaler Weltkonzern wie Facebook. (9:38)

(Katarina Barley:)

Der Staat hat – und in diesem Falle auch die Europäische Union – setzen die Regeln, an die sich diese Unternehmen halten müssen, und wir haben an vielen Stellen auch schon bewiesen, dass wir auch große Unternehmen am Ende als Rechtsstaat auch belangen können. Grade Facebook hat im vergangenen Jahr von Seiten der Kartellbehörden auf europäischer Ebene eine hohe Strafe zahlen müssen…

Morgen trifft sich Katarina Barley mit europäischen Vertretern von Facebook. Ihr geht es um die Aufklärung des Skandals und um ein politisches Zeichen, das Zeichen auch in der digitalen Welt noch handlungsfähig zu sein. (10:12)

ZDF Barley Screenshot 2018-03-25 23.20.18

Nachtrag 5. April Es geht natürlich weiter: Beispiel Handelsblatt

Monatelang machte Facebook mit Fake News auf sich aufmerksam. Doch nun hat sich der einst bewunderte, inzwischen nur noch wundersame Internetkonzern auf eine andere Gattung verlegt: auf Fatal News in eigener Sache. Mark Zuckerberg musste eingestehen, dass vom Datenmissbrauch-Skandal rund um Cambridge Analytica 87 Millionen Nutzer betroffen sind, nicht wie bisher angenommen 50 Millionen. Was die Geschichte noch schlimmer macht: Facebook räumt zugleich ein, dass die Daten fast jedes Nutzers in der Vergangenheit durch Drittparteien geplündert worden sein könnten. Anlässlich der Beichte beschrieb Zuckerberg seine Firma erneut im Stile eines Gemeindepfarrers als „idealistisch“ und „optimistisch“, man habe sich Missbrauch schlicht nicht vorstellen können. Selig sind die Einfältigen, lautet der passende Kirchensatz hierzu.
(Hans-Jürgen Jakobs im „Morning Briefing“ des Handelsblattes)

Klimaziele: Zenit überschritten

Wir wissen es längst

ZITAT aus einem Interview über die bisher (nicht) geleistete Arbeit:

Ich glaube, der eigentliche Punkt ist, dass beim Klimaschutz eine völlig andere Logik, eine völlig andere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung auf unsere heutige Realität trifft und man eigentlich das bis heute nie richtig verarbeitet hat, wie man damit umgehen muss.

Armbrüster: Dann haben die Politiker die Bürger 20 Jahre lang angelogen?

Müller: Die Bürger haben sich auch was vorgemacht. Man muss hier einfach sehen: Das Grundprinzip, nach dem moderne Gesellschaften funktionieren, ist die Logik von Wachstum, schneller, höher, weiter, oder historisch der Linearität, also der permanenten Vorwärtsbewegung. Klima ist aber was anderes: Es ist der Umgang mit Grenzen.

Ich will damit nichts verteidigen. Ich will nur klarmachen, man sollte es sich auch nicht so einfach machen, als ob es da um die Ergänzung der bisherigen Politik geht. Es geht schon um was fundamental anderes, und das ist zu wenig begriffen. Mich ärgert – und das ist für mich das zentrale Versagen -, dass das nie richtig debattiert wurde.

Armbrüster: Was hat denn die SPD daran gehindert, das zu debattieren?

Müller: Was hat alle gehindert daran, dies zu debattieren?

Armbrüster: Na ja! Ich spreche jetzt mal mit Ihnen, weil Sie ja Einfluss vor allen Dingen in der SPD hatten oder haben.

Müller: Ist ja klar. Ich will das überhaupt auch nicht relativieren. Aber ich meine, beispielsweise auch ein Jürgen Trittin hat damals die deutschen Klimaschutzziele aufgegeben. Aber da haben sie nicht so genau hingeguckt mit der Öffentlichkeit.

Armbrüster: Da würde Ihnen Jürgen Trittin jetzt wahrscheinlich deutlich widersprechen.

Müller: Nein, das kann er nicht, weil selbst mein damaliger grüner Kollege, der umweltpolitische Sprecher Reinhard Loske der Grünen, damals erstaunt war, wie er das Ziel aufgegeben hat. – Ich will das aber jetzt gar nicht thematisieren. Ich will nur klarmachen, dass es um keine Kleinigkeit geht. Es geht um unheimlich viel und meines Erachtens hat die SPD nicht begriffen, dass sie eine unglaubliche Chance hätte, gerade dieses Thema zu bewältigen, weil es nämlich im Kern wie nie zuvor die Gerechtigkeitsfrage thematisiert. Wir werden mit Grenzen nur umgehen können, wenn wir zu mehr Gerechtigkeit kommen, und das ist eigentlich ihr eigenstes Thema und ich bedauere deshalb, dass sie das bis heute nicht richtig begriffen hat.

Quelle Deutschlandfunk, Tobias Armbrüster (DLF) im Gespräch mit Michael Müller / Radiosendung und Printversion des ganzen Interviews HIER

Dank an JMR!

Nachtrag in der Nacht zum 12.02.18

Der Beitrag in ttt (Titel, Thesen, Temperamente) kam wie gerufen, unbedingt hören, sehen, notieren! THEMA:

Kampf den Umweltlügen – Film und Buch „Die grüne Lüge“

HIER

Zitat zur „Nachhaltigkeit“:

„Mittlerweile benutzt diesen Begriff jeder, weil der natürlich auf keine Art und Weise geschützt ist“, erklärt Kathrin Hartmann. „Das kann alles Mögliche sein. Es gibt Gründe, warum man von nachhaltigen Palmöl spricht und nicht von ökologisch und sozial gerechtem Palmöl. Denn: Das gibt es nämlich nicht.“

Ich erinnere mich an eine Seite 2 – in der ZEIT oder in der Süddeutschen Zeitung – zum Thema Palmöl, darunter ein Artikel, dass jedes für Palmölplantagen gerodete Gebiet in Indonesien die Lebensgrundlage für 20 000 Kleinbauern sichert. Eine Art Erpressung? Morgen früh werde ich auf die Suche gehen. Die „guten“ Zeitungen bleiben für ein bis zwei Wochen auf dem Stapel der ZEIT, die bei uns Monate oder sogar 1 Jahr überdauert…

Morgen!

Rosen am Rosenmontag Morgens am Rosenmontag

Die Rosen habe ich aus privaten Gründen besorgt, habe die nette Blumenverkäuferin gefragt, wo die denn herkommen. Sagte sie Costa Rica oder Puerto Rico? Andere kommen aus Kenia. Viele auch aus Holland, natürlich. Nicht nur Tulpen. Ich weiß, und in Spanien nur Tomaten unter Folien, die Pflänzchen kommen in Töpfen aus (ich weiß es nicht mehr), sie werden nie Kontakt mit dem „normalen“ Erdreich haben. Wenn Sie das Foto anklicken, können Sie auch die Schlagzeilen meiner oben angekündigten Zeitung lesen. Ich bin die Seite inzwischen mit Rotstift durchgegangen. Im Fernsehen ein Moment Frohsinn aus Köln. Kein Missverständnis: ich spiele nicht den Savonarola! Für die Rosen aus Mittelamerika habe ich das Auto bewegt. Inzwischen scheint die Sonne. „Meine“ Schlagzeilen folgen, für den Fall, dass jemand die SZ-Artikel im Internet suchen will.

Süddeutsche Zeitung 3./4. Februar 2018 Seite 2 Thema der Woche Fluch des Biokraftstoffes Palmöl galt einst als saubere Alternative zum Diesel, es sollte das Klima schützen und wurde gefördert. Doch dann zeigten sich gravierende Nachteile. Nun plant die EU eine Kehrtwende. Wird das der Umwelt helfen?

Europas Brandspur Regenwälder müssen oft Palmöl-Plantagen weichen. Nun will die EU den Biodiesel für Autos verbieten. Aber das ist nur ein erster Schritt, denn der Rohstoff steckt auch in vielen anderen Produkten. Von Michael Bauchmüller. Hier

Gute Pflanze, böse Pflanze „Ich wüsste nicht, wie ich sonst mein Geld verdienen soll“: Kleinbauern in Südostasien protestieren gegen die Europäer, denn Millionen Menschen leben vom Plantagengeschäft. Von Arne Perras. Hier

Big Data

Ein Gespräch über unsere Zukunft (noch in Arbeit, ohne abschließende Korrektur)

Dies ist eine Abschrift der ZDF-Sendung PRECHT vom 5. Februar 2018, eines Gesprächs zwischen Richard David Precht und Udo Di Fabio. Das Copyright der Sendung liegt beim ZDF. Diese Abschrift beruht auf einer privaten Initiative und ist allein zur privaten Verwendung gedacht. Sie soll es erleichtern, den Gedankengängen zu folgen und zugleich die Technik eines solchen Gespräches zu studieren. Es ist keinesfalls eine offizielle schriftliche Fassung des gesprochenen Textes; Irrtümer und Missverständnisse meinerseits sind möglich (Jan Reichow). An Ort und Stelle findet man erhellende Pressetexte, siehe den einige Zeilen weiter gegebenen Link. Originaltitel:

Betreutes Leben – Wie uns Google, Facebook und Co. beherrschen

Man sollte nicht versäumen, auch die Originalsendung heranzuziehen, um gegebenenfalls Einzelheiten zu korrigieren. Sie ist noch abrufbar bis zum 5.2.2023 und zwar unter dem folgenden Link: HIER.

Precht & di Fabio Screenshot 2018-02-09 21.56.03 Screenshot JR Foto: ZDF

Vor allem aber war mein Anliegen, den Stil und den logischen Verlauf des Gespräches im Detail zu verfolgen. Im Verlauf des Live-Hörens hat sich meine Beurteilung (Bewunderung, Skepsis) mehrfach verändert. Der durchweg super-höfliche Ton verhindert natürlich leicht die Wahrnehmung von Dissenzen, meine Spannung stieg zum erstenmal, als Di Fabio (bei etwa 13:45) sagte: So kann man es betrachten, aber ich halte es mit Verlaub für unterkomplex. Irre ich mich, oder folgte später ein Einlenken? Spätestens nach 27:00 (Was mir an dieser scharfsichtigen Beschreibung missfällt, ist, dass Sie jetzt einen Verantwortlichen markieren.) Sehr schön ist es, bei solchen Sätzen das Mienenspiel des Gegenübers zu beobachten. Nur in einzelnen Fällen habe ich das Zweistimmigsprechen anzudeuten versucht (in Klammern stehen immer Zwischenrufe und Einwürfe oder Ergänzungen des jeweils zuhörenden Gesprächspartners). Im täglichen Leben erlebt man das viel häufiger, oft auch als Zeichen der emotionellen Anteilnahme, zuweilen als mutwillige Störung des Gedankengangs, in Talkshows mit Politikern nimmt die Mehrstimmigkeit oft groteske Züge an. Wenn man im Internet nach Reaktionen auf dieses Gespräch sucht, wird man leicht Parteinahmen erkennen (ein Blogger – leicht durchschaubar als vom Beruf her parteilich eingestimmt – sieht einen klaren Sieg Di Fabios und rät, diesen in Zukunft zum Gastgeber zu machen), das ist die Folge der üblichen Talkshows, die offensichtlich auf Konfrontation eingerichtet sind , sogar von vornherein als Schaukämpfe inszeniert werden. Am Ende überwog bei mir die Freude über die mustergültige Abfolge und Kontrastierung der Gedanken, hundertmal besser als eine monomaner Vortrag des einen oder des anderen Protagonisten, und nur so erfolgte die Motivierung, das gesamte Gespräch zu transkribieren. (JR)

Niederschrift des Gesprächs Precht / Udo Di Fabio

PR 1:03 Herr Di Fabio, wer flößt Ihnen mehr Vertrauen ein: jemand wie Edward Snowden, der die großen Zusammenhänge aufgedeckt hat zwischen amerikanischem Geheimdienst und der Internetwirtschaft? Oder jemand wie Marc Zuckerberg, der ein besseres Leben für alle verspricht?

FAB Ja, Vertrauen ist eine knappe Ressource, und auch der Whistleblower, der Vertrauen einflößt, das ist für mehrere, glaube ich, eine ironische Frage. Man könnte sagen, unser Vertrauen liegt irgendwo in der Sittlichkeit des Menschen auf der einen Seite, und im Systemvertrauen, so wie wir auf den Rechtsstaat, auf Marktwirtschaft oder auf Demokratie vertrauen. So kann man im Fall Snowden auch darauf vertrauen, dass nichts wirklich geheim bleibt.

PR Wieviel Vertrauen haben Sie je in die sogenannten GAFA-Mächte, also Google, Amazon, Facebook und Apple, 4 Firmen, die als Unternehmen an der Spitze der Welt stehen und dort die klassische Wirtschaft verdrängt haben, – vertrauen Sie diesen Unternehmen?

FAB Also, ich vertraue, dass es sich um Unternehmen handelt, die letztlich amerikanischem Recht unterstehen; wenn sie in Europa tätig sind, europäischem oder deutschem Recht unterstehen, und insofern sind sie ein Stück weit berechenbar. Sie sind nicht Teil der organisierten Kriminalität, sondern sie sind Teil einer Marktwirtschaft, die dem rechtlichen und demokratischen Zugriff unterliegen. Auch hier wieder institutionelles Vertrauen. Ansonsten handelt es sich um Wirtschaftsunternehmen. Es geht für mich weniger um Vertrauen, sondern eher um die Frage, sind wir naiv, was den Umgang mit solchen Unternehmen angeht. Weil diese Plattformen haben eine interessante Strategie, weil sie deklarieren sich selbst als Gemeinwohlakteure. Als … (sie wollen die Welt besser machen!) sie wollen die Welt besser machen, und ich bin nicht so misstrauisch zu sagen: das erfinden die nur. Das werden sie schon auch so meinen. Ich habe kürzlich jemanden gehört aus dieser Szene, der sogar gesagt hat, dass sie den Kapitalismus überwinden wollen, und an der Stelle werd ich dann misstrauisch.

PR Weil Sie den Kapitalismus nicht überwinden wollen? Oder weil Sie nicht glauben, dass das Silicon Valley das wirklich vorhat?

FAB Was ich will, ist ja nicht entscheidend, aber dass diese Unternehmen, die eine solche Marktmacht haben, und die in ihrem Börsenwert … klar, klassische Realwirtschaft überflügelt haben, dass die mir jetzt erzählen, dass sie den Kapitalismus überwinden, an der Stelle werde ich dann misstrauisch und sage: Leute, Ihr leitet eine Wertschöpfungsrevolution ein, innerhalb des Kapitalismus, und Ihr seid die größten Profiteure einer technisch-kommunikativen Veränderung, (innerhalb eines kapitalistischen Systems, eines urkapitalistischen Geschäftsmodells!) absolut! Und das sollte man nicht verleugnen!

PR 4:11 Das ist natürlich das Schöne daran, es werden lauter Leistungen zur Verfügung gestellt, die offensichtlich hier die Leute auch begeistern und von den Leuten angenommen werden. Also dass ich ne Suchmaschine habe und damit Zugriff auf die Informationen dieser Welt, die mir entsprechend sortiert werden, und das ist großartig, jeder ist gerne bereit, wie sähe das Leben eines durchschnittlichen Menschen aus, wenn er keine Suchmaschine hätte. Ein großer Verkaufsrenner zu Weihnachten war jetzt Alexa; dieses Mikrofonrohr kann ja noch nicht besonders viel, aber irgendwann kann es vielleicht ganz ganz viel, dann brauch ich gar keine Suchmaschine mehr, dann brauche meine Fragen nur noch in den Raum stellen… Soziale Netzwerke haben ganz viele Annehmlichkeiten, sonst würden die Menschen sie nicht nutzen. Also man kann sagen: das Leben vieler Menschen fühlt sich bereichert an durch alles das, was diese Unternehmen zur Verfügung stellen. Allerdings machen diese Unternehmen mit den Menschen – ich weiß noch nicht einmal, ob ich es Vertrag nennen kann, also ich klicke irgendwo Nutzungsbedingungen an, und anschließend dürfen diese Unternehmen meine personbezogenen Daten kommerziell gebrauchen. Ist das für einen Verfassungsrechtler etwas, wo Sie sagen: Na ja, das ist der Lauf der Welt, oder würden Sie sagen: Da läuft was schief.

FAB 5:23 Es ist, was das Prinzip der Privatautonomie angeht, ein Problem entstanden. Das Netz verspricht ja, alles transparent zu machen und macht auch in der Tat ganz vieles transparent, z.B. Preisbildung. Sie können im Netz suchen, wo Sie das günstigste Angebot finden. Und Kartellhüter sagen uns deshalb: ihr müsst ins Netz, dann werdet ihr überhaupt transparent. Das Problem ist, dass Big Dater, also das Geschäft der Plattform, selbst vergleichsweise intransparent ist, – das Netz selbst ist intransparent. Es macht die Realwirtschaft, vielleicht sogar uns, transparent, aber wie es selbst funktioniert, nach welchen Algorithmen und mit welchen Geschäftsmodellen, das bleibt häufig unklar. Und wenn wir einen Nutzungsvertrag, wenn wir da einwilligen, dann wird uns nicht genau gesagt, welchen wirtschaftlichen Wert unsere Daten z.B. haben…

PR Ich hab nicht die geringste Vorstellung, was Google mit meinen Daten macht, gar keine. (Ja!) Nun haben wir aber, und das ist ein wichtiges Gut in unserer Verfassung, ja? Persönlichkeitsrecht, dazu gehört das Recht, auf informationelle Selbstbestimmung, und was wir hier haben, ist informationelle Fremdbestimmung: ich weiß nicht, was die mit meinen Daten machen. Ich kann nicht bei jedem Schritt sagen: das finde ich gut, das willige ich ein, ich hab irgendwas Allgemeines unterschrieben, da ich ohne Suchmaschine quasi nicht leben kann, aber was da passiert, dass die Persönlichkeitsprofile zusammenstellen und irgendwo eintüten, an irgendjemand verkaufen, wo ich nicht weiß, wer das ist, alles das durchschaue ich überhaupt nicht. Ist ein solcher Vertrag nicht eigentlich …, widerspricht der nicht unsern Grundrechten?

FAB 7:10 Also die Asymmetrie, die hier in der Information besteht, sie ist etwas, was ein Stück weit staatliche Schutzpflichten auslöst, so das heißt, der Staat muss gegensteuern, die Staaten müssen gegensteuern mit Regeln, die auf Transparenz dringen, also auch auf wirtschaftliche Transparenz. Welchen Wert hat das, was ich an Informationen eigentlich hier weitergebe, das Big-Data-Modell muss deutlicher werden. Dann würde ich allerdings keine grundsätzliche Gefahr sehen. Wissen Sie, informationelle Selbstbestimmung, das ist eine Idee, die zunächst einmal gegen den Daten sammelnden Staat gerichtet ist. Wenn wir mit dem Grundsatz der Datensparsamkeit kommen und jetzt in die Big-Data-Welt hineinkommen wollen, dann passt das so nicht, weil nämlich die Nutzer, Kunden, bereit sind, für kostenlos scheinende Angebote ihre Daten preiszugeben. Wenn sie wüssten, welcher wirtschaftliche Wert damit verbunden ist, und was damit gemacht wird…

PR Aber das Interessante ist doch, wenn es sich um den Staat handelt, dann frage ich nicht den einzelnen Staatsbürger: möchtest du, dass der Staat deine Daten sammelt? Sondern da sagen wir: da müssen wir im Interesse der Staatsbürger dafür sorgen, dass sie geschützt sind. Wenn es sich um die Wirtschaft handelt, sagen wir: och no ja, denen macht das ja nichts aus, der hat was davon, also plötzlich ist jetzt nicht mehr der Staat dafür zuständig, das Ganze zu regeln, sondern ich sage, ja, wenn du das machen möchtest, dann unterschreib halt solche Verträge. Das verstehe ich nicht.

FAB Der Staat ist schon dafür zuständig, die regeln für die private Vertragsgestaltung allgemein zu setzen. Nur müssen wir eben den Unterschied sehen: wir sind im Privatrecht, das heißt, hier regiert das Prinzip der Freiwilligkeit. Wie Sie richtig sagen, wenn der Staat Daten erhebt, ohne unsre individuelle Einwilligung, dann sind wir im öffentlichen Recht, dann verlangen wir nach gesetzlichen Grundlagen usw.

PR 9:11 Die Menschen aus dem Silicon Valley, wenn sie sich dazu äußern, oder viele Leute Bücher schreiben, die beschreiben eigentlich immer eine technische Evolution, die sie darstellen, als sei sie ein Naturgesetz. Also ne normale Evolution, das ist völlig klar: erst hat der Mensch das Feuer erfunden und irgendwann die Dampfmaschine und dann irgendwann das Handy, und das geht irgendwann jetzt immer so weiter, und am Ende wird der Mensch in irgend so einer Art Cloud verschwinden oder er wird in einer Matrix leben und ganz ganz am Ende steht dann möglicherweise die Herrschaft der Maschinen. Naja, so etwas, was man Singularität nennt, ein Zustand, in dem nicht mehr der Mensch über die Erde herrscht, sondern ein neues Zeitalter anbricht, das Technozän. Und das glauben sehr viele dieser Leute und sagen, das ist eine ganz natürliche Entwicklung, und diese natürliche Entwicklung würde,wenn es denn stimmt, dass sie eine natürliche Entwicklung ist, dazu führen, dass das, wofür Sie Ihr ganzes Leben lang gestanden haben, der bürgerliche Rechtsstaat zum Beispiel, unsere Vorstellung von Demokratie und von Freiheit, irgendwann in der Zukunft einfach überholt sein werden.

FAB 11:12 Ich glaube nicht, dass es eine natürliche, aber eine mögliche Entwicklung ist. Und weil es eine mögliche Entwicklung ist, müssen wir jetzt drüber nachdenken, bevor die technischen Systeme eine solche Wirkmacht und eine solche Unentbehrlichkeit erlangt haben, dass man schlecht abschalten kann oder die Kosten zu hoch werden, wenn man gegensteuert. In der Tat, es ist keine Zwangsläufigkeit, aber wir ersetzen zur Zeit eben nicht Muskelkraft oder so etwas, wie im industriellen Zeitalter, sondern (Hirnaktivität!) wir fangen an, kognitive Fähigkeiten zu ersetzen, künstliche Intelligenz, Automatisierung, das wird die Gesellschaft dramatischer verändern, als andere technische Entwicklungen. Und wenn wir einmal beginnen, wenn wir beginnen, unsere höheren geistigen Leistungen zu ersetzen, einfache, wie Rechenleistungen, haben wir schon lange ersetzt, aber wenn wir die höheren geistigen Leistungen ersetzen – viele denken darüber nach, ob man Richter, ob man Ärzt*innen durch KI ersetzen kann, in Japan wird mit Pflegerobotern experimentiert, und z.T. schon seit Jahren experimentiert, es verändert sich etwas, was wir im Grunde genommen heute nur in den Anfängen beobachten.

PR Ja aber die natürliche Entwicklung wäre wohl tatsächlich, dass die technokratische Bedeutung immer stärker wird, und dass die Rolle der Politik immer schwächer wird. Und das ist ja was, was wir tatsächlich auch schon beobachten können. Also ich denke schon beobachten zu können, dass die Politik in Deutschland und in anderen Ländern genau so mit diesen Herausforderungen der Digitalisierung, die ja ihr gesamtes Gesellschaftsmodell in Frage stellen, auch die Demokratie langfristig in Frage stellen, ziemlich überfordert ist. Also ich hab immer den Eindruck, wir dekorieren gerade auf der Titanic die Liegestühle um. Ja? Also hier noch mal irgendwo kucken, das erlauben oder nicht, und, obwohl Sie mir ja gerade gut erklärt haben, dass das nicht geht, aber wenn ich mal das Gedankenspiel nur mal so durchgehe: gesetzt den Fall, wir würden den kommerzialisierten Handel mit personenbezogenen Daten verbieten, mal gesetzt den Fall, das wäre juristisch möglich, ja? Dann hätte das einen enormen volkswirtschaftlichen Nutzen. Denn es gibt keinen volkswirtschaftlichen Nutzen des kommerzialisierten Datenhandels mit Personendatemn, worin soll der bestehen? Also, wenn ich jetzt ganz raffiniert hingehe. Ich versuche es mal als Tableau volkswirtschaftlich aufzumachen, wo ich Sie jetzt hier viel gezielter bewerben kann, weil ich Ihr Onlineverhalten studiere und ganz genau weiß, wann Sie wo einkaufen, und dann weiß ich, wann ich Ihnen welche Werbung aufs Handy schalte und welche verführerischen Angebote ich mache, dann werden Sie vielleicht mehr Geld für bestimmte Produkte ausgeben, aber Sie haben ja nicht mehr Geld in der Tasche, das heißt, Sie werden also nicht mehr konsumieren, sondern anderes konsumieren als Sie vorher konsumiert haben, ja?, wir haben es mit einer Umverteilung zu tun, und die Herren der Daten, das ist ja, Google verkauft ja die Daten – oder Apple – der Kaffeetrinker, ja?, an StarWax, also an die Großen, die viel dafür bezahlen können, na und dann macht StarWax an allen genau errechneten Knotenpunkten seine Filialen auf, und das kleine Kaffeelädchen verschwindet. Volkswirtschaftlich ist das eine Umverteilung von klein nach groß. Viele Bereiche der Digitalisierung sind wertschöpfend: Wenn ich nen Roboter anstelle, wo vorher ein Mensch gearbeitet hat, erhöhe ich die Produktivitätskraft, spare Kosten. Aber der kommerzialisierte Handel mit personenbezogenen Daten, der bringt ja volkswirtschaftlich, vorsichtig ausgedrückt, keinen Mehrwert.

FAB 13:43 So kann man es betrachten, aber ich halte es mit Verlaub für unterkomplex. Das… das ist… das ist kein Nullsummenspiel, wie das hier stattfindet. Sie haben das jetzt als Nullsummenspiel dargestellt. Wenn es rein … wenn es rein letztlich um die Lenkung von Konsumbedürfnissen (genau!) geht, dann … kann man dem auch folgen, aber die Wirklichkeit, auch die Wirklichkeit der großen Plattformen ist komplizierter. Weil es werden ja zugleich Leistungen angeboten, es werden Leistungen angeboten, die einen enormen volkswirtschaftlichen Nutzen haben (zum Beispiel!?) Wenn Sie z.B. mit Google Maps arbeiten.Wenn Sie mit Medizindaten arbeiten, entstehen reale Veränderungen im Wirtschaftsleben (ja selbstverständlich, aber dafür brauchen Sie keinen kommerzialisierten Datenhandel …) Sie brauchen ihn vielleicht mittelbar, sonst würde es sich vielleicht gar nicht lohnen. Das bedeutet: kein Mensch liest eine Tageszeitung, wenn er 20 Euro für die Tagesausgabe zahlen muss, die Werbung war eigentlich immer das, was eigentlich die Pressefreiheit gestützt hat. Genau so gut könnte man heute sagen, dass – wenn Google mit personenbezogenen Daten Geld verdient, hat es die Ressourcen, um nützliche Dienstleistungen anzubieten, und die nützlichen Dienstleistungen, sie sind andererseits heute bereits die Achillesferse einer Infrastruktur, die neu entsteht, und die sind insofern auch tatsächlich wertschöpfend und also nicht nur in einem Nullsummenspiel umverteilt. Das macht die Sache jedenfalls komplizierter.

PR 15:09 Es wird seit Jahren ja schon davon geredet, dass die Europäische Union eine eigene Suchmaschine entwickelt. Jetzt stellen wir uns mal vor, der Staat sagt: also im modernen digitalen Zeitalter, da stellen wir nicht Straßen zur Verfügung, für den Personennahverkehr, sondern auch den entsprechende Datenzugang für jedermann und eine entsprechende Suchmaschine, und da werden die personenbezogenen Daten nicht gespeichert, bei einigen vielleicht von der Polizei gespeichert, aber wir werden sagen wir mal kommerziell nicht benutzt, ja, das wäre doch großartig, da brauch ich doch kein Google für. Dann brauche ich doch keinen privaten Anbieter, der dafür n paar Trilliarden verdient.

FAB Sie sagen, sie werden vielleicht von der Polizei gespeichert, (dafür gelten genau die gleichen Datenschutzgesetzte, über die wir im Anfang gesprochen haben) schon, aber das würde bei manch einem Nutzer Misstrauen auslösen, aber – das ist nicht mein Punkt, der Punkt ist, wir haben sowas schon erdacht, konzipiert in Europa, um ein Stück weit Souveränität über das Plattformgeschehen für Europa zu beanspruchen, denn wenn man ehrlich ist, was die Plattform angeht, sind wir in Europa im Hintertreffen.

PR Der Staat braucht also die europäische Union, kann ja private Firmen damit beauftragen, sozusagen das alles zu machen, und es wird dann anschließend nicht von privaten Firmen kommerziell genutzt. o.k.

FAB Sie können natürlich in Europa versuchen zu fördern in diese Richtung, so wie wir mit Airbus ja auch ein Staatsunternehmen auf den Weg gebracht haben, also jedenfalls nicht so ganz, und trotzdem viel gefördert haben. Ich würde das nicht ausschließen. Man sollte es aber mit marktwirtschaftlichen Mitteln machen, die durchschaut werden können. Nicht der Staat sollte antreten, wissen Sie, das Problem ist, da wo der Staat antritt, China etwa, da hat das auch etwas mit Verformung zu tun, und die Welt, die daraus entsteht, ist keine bessere als die von Google und Amazon. Deshalb muss man aufpassen, dass man nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet. Es kommt darauf an, dass wir in Europa wettbewerbsfähig auf einem Gebiet, auf dem wir hinterherhinken, das ist nicht zu übersehen, und manche sagen: aussichtslos hinterherhinken.

PR 17:39 In der digitalen Welt gibt es im Wettbewerb ganz ganz disruptive Modelle, also: n distruptives Modell ist, wenn ich nicht das Auto weiter… das bisherige Auto weiter verbessere, sondern wenn ich mit dem autonomen Auto n ganz anderes Verkehrskonzept entwickle, womit das bisherige Modell gar nicht mehr konkurrieren kann, weil das aus dieser DNA des bisherigen Modells gar nicht mehr logisch weiter hervorgeht, Deutschland kann noch so gute Autos bauen, in dem Moment, wo diese kleinen Elektrokisten autonom fahren, dann nur noch über n Provider genutzt werden, ist die deutsche Automobilindustrie quasi weg. Also viele disruptive Modelle und hinter all diesen disruptiven Modellen steht eine bestimmte Art zu denken. Also das ist das, was Evgenij Morozow Solutionismus genannt hat. Der weißrussische Journalist, der ein wunderbares Buch geschrieben hat über die smarte neue Welt, und er sagt: Im Grunde genommen werden auch große gesellschaftliche Fragen heute von technischen Problemlösern übernommen. Er nennt die Solutionisten, das ist n Begriff aus der Architekturtheorie, also man denke, Le Corbusier wollte mal die Hälfte von Paris, also die Hälfte von der Innenstadt, das rechte Seine-Ufer abreißen, ja, weil das alles so dreckig war usw. und verkehrstechnisch nicht gut, und dann wollte der da 18 riesige Hochhäuser hinsetzten, und wollte sozusagen die ideale Lösung am Reißbrett ersinnen, und das, der kritische Begriff dafür ist Solutionismus. Also: n Problem, und dann am Reißbrett die ganz große Lösung, und dann ist das Problem weg. Und dieser Solutionismus ist im Silicon Valley sehr verbreitet. Also sagen wir haben ein Welternährungsproblem, was müssen wir machen? Wir haben ein Verkehrsproblen, was müssen wir machen, und dann werden immer so Le-Corbusier-artige Vorschläge gemacht, und die greifen ja sehr sehr tief in unser Leben ein. Wenn ich z.B,. ne smarte Stadt baue, ja, oder ne Stadt mit smarten Geräten ausrüste, d.h. überall mit solchen Sensoren, wenn ich mit Video-Kameras alle Menschen überwache, dann ist das ein wunderbares Mittel der Kriminalitätsprävention. Gleichzeitig schränke ich die Freiheit der Menschen ein, und dieser Prozess ist im Gange, und der geht auch immer schneller vorwärts. Müsste nicht auch das einem überzeugten Demokraten Angst machen, wenn so viele Sachen, die vorher eine Frage von Abstimmung waren, ein Frage, dass man Grauzonen zugelassen hat in der Gesellschaft, denen das Recht eingeräumt hat, Verbrechen zu begehen, aber dafür bestraft zu werden, und jetzt in eine Gesellschaft kommen, die von Anfang an zu versuchen, alles Negative auszumerzen. Das muss doch auch etwas sein, das Ihnen mit Ihrer Vorstellung, Ihrem Begriff von Freiheit ein Unbehagen bereitet. Oder?

FAB 20:12 Ja, das Unbehagen habe ich ja schon seit geraumer Zeit artikuliert, ich nenne das nicht Solutionismus, ich nenne das den sozialtechnischen Tunnelblick. Also die Vorstellung, dass man die Gesellschaft steuern kann in bestimmter Hinsicht, ohne ihre tieferen soziokulturellen Grundlagen mit auf dem Radarschirm haben zu können (genau! Die kommen da gar nicht drin vor!) Die können da auch nicht drin vorkommen, das würde die Sache viel zu kompliziert machen, man würde dann mit irgendwelchen Alltagsweisheiten kommen und (das interessiert so wenig wie Le Corbusier sich dafür interessiert hat, dass da vor hundert Jahren ne Stadt gewachsen war) genau! genau! Und diese Art eines zu stark technisch-zentrierten, sozialtechnischen ist in der Tat ne Gefahr, und sie wird größer, wenn man die Steuerung noch sozusagen als Vorfeld-Steuerung, präventive Steuerung begreift. Wir haben von den USA herüberschwappend eine Diskussion über Nanjing (?) beispielsweise, wo auch auf eine intransparente Weise gelenkt werden soll (also ich finde das Auslegen von Ködern) genau! (damit wir in eine Richtung geschubst werden, Bestimmtes zu tun) genau! genau! Und das … eh das klingt smart, genau so ist es smart, die zu erkennen durch Persönlichkeitsprofile, die wir im Netz bei unseren Aktivitäten künftig mit einem Internet der Dinge hinterlassen, als Spuren hinterlassen, möglicherweise schon herauszufinden, dass Sie ein Gefährder sind, dass Sie kriminell sind, bevor Sie das selbst wissen!

PR Man kann, auf Grund meines Nutzungsverhaltens kann man erkennen… (ich kann Sie schon in die Therapie schicken, bevor Sie überhaupt wissen, was der Anlass dafür ist).

FAB Und diese Art von spezialtechnisch und sozialpräventivem Denken verändert ganz allmählich unser Bild vom Menschen, (ja!) denn plötzlich wirds der Mensch, der regelwidrig handelt, der wird zum Betriebsunfall. Das hätte man doch voraussehen müssen! Wir diskutieren da nicht so sehr über Benachteiligung oder sowas, sondern wir diskutieren, warum ist der Gefährder nicht erkannt worden! Wir kennen solche Diskussionen bereits polizeilich (absolut!), aber das hat noch ein viel größeres Anwendungsfeld, und unser Bild vom Menschen (ja!) als einer eigenwilligen Persönlichkeit, als einer Persönlichkeit, die überraschend sein kann, auch im negativen Sinne, das würde zu einer Anomalie werden, und damit wären wir in einer anderen Welt.

PR 22:52 Also um klarzumachen, was ich hier mit Urteilskraft meine, – Jewgenij Morosow bringt hier ein schönes Beispiel: er vergleicht die U-Bahn in Berlin mit der U-Bahn in New York. In der U-Bahn in New York ist es so, man kann nicht schwarz fahren, weil es gibt überall Barrieren, da muss man seine Karte reinstecken, damit man überhaupt in die U-Bahn gehen kann, das heißt, es gibt keine Schwarzfahrer, weil das System es technisch verunmöglicht, dass man schwarz fährt. In Berlin kann jeder in die U-Bahn steigen, er muss sich selber überlegen, ob er das Risiko eingehen will schwarz zu fahren oder ob er das für ethisch gut hält, schwarz zu fahren. Also ne ganz andere Situation. Und durch die Technik kann es natürlich entstehen, dass wir mehr und mehr in eine New Yorker Gesellschaft kommen und immer weniger in eine Berliner, und das Risiko besteht, dass die Leute sich über ihr Verhalten dann auch nicht so viele Gedanken machen müssen. Welches der beiden U-Bahn-Modelle ist Ihnen für die Zukunft sympathischer?

FAB 23:42 Das liberale Berliner Modell liegt uns näher, aber auf den zweiten Blick ist das liberale Modell daran gebunden, dass Schwarzfahren bei uns einen Straftatbestand verwirklicht und deshalb darin das Risiko für den Einzelnen darin liegt. Im Augenblick diskutieren wir, ob wir davon abgehen sollen, als keinen Straftatbestand dafür normieren, das würde aber voraussetzen, dass wir vielleicht solche Zugangsbarrieren errichten, also eher für das New Yorker Modell uns entscheiden. Es hängt davon ab: wie geht eine Gesellschaft mit Freiheit um und wieviel Sicherheit wollen wir mit präventiven Barrieren, Zugangsbarrieren erreichen? Das bleibt immer eine offene Frage.

PR 24:30 Aber das Versprechen der Technikleute besteht ja darin: wir können technischerweise immer mehr Sicherheit herstellen, und vielleicht ist ja jedes einzelne so, dass man sagen kann: das ist ja ne gute Idee, wenn wir das machen. Also wenn wir Sensoren in die Stadt machen, dass wir die Leute n bisschen besser überwachen, dass wir Kriminalitätsbekämpfung von vornherein machen, von Anfang an vereiteln, da findet man je jede einzelne Maßnahme eigentlich ganz gut, nur die Summe von vielen einzelnen Maßnahmen bringt eine andere Gesellschaft hervor, und dann sind wir irgendwann komplett in der New Yorker Welt, und die Berliner Welt ist weg.

FAB 25:03 Das … kann so sein, das muss aber nicht so sein. Man darf nur nicht dem Irrglauben erliegen, dass man an die Stelle von menschlichem Verhalten mitsamt den Risiken menschlichen Verhaltens komplett eine technische Präventionsbarriere errichten kann. Denn das würde unserem Menschenbild nicht mehr entsprechen, und es würde uns in eine verwaltete Welt führen. (ja!)

PR Also, philosophisch ausgedrückt, das Menschenbild, das unserm Grundgesetz, unserer Verfassung entspricht, was unserer freiheitlichen Demokratie entspricht, ist das Menschenbild der Aufklärung. Das Menschenbild der Aufklärung sagt: Freiheit besteht darin, frei von seiner Urteilskraft Gebrauch zu machen, ja, und dann selber zu entscheiden, wie man sich sittlich verhält. Das ist die Vorstellung, die wir vom Menschen haben. Also jeder ist sozusagen Herr dessen, seiner eigenen Taten, und je mehr Bildung er hat, je mehr Herzens- oder Lebensbildung, um so reichhaltiger macht er vielleicht davon Gebrauch, aber im Prinzip ist der Mensch frei, und er ist Herr seiner eigenen Taten. Das Menschenbild des Silicon Valley, das Menschenbild der Technokraten ist ein anderes. Es ist das Menschenbild des Behaviorismus oder der Kybernetik. Dieses Menschenbild sagt: es gibt keine Freiheit, es gibt auch keine Urteilskraft, es gibt nur Verhalten. Verhalten ist der Schlüsselbegriff der Kybernetik. Und das bedeutete: so wie die Ratte, ja, im Versuch, ja, dahin geht, wo das Futter ist, und nicht dahin, wo sie verhungert, ist der Mensch eine Reiz-Reflex-Maschine, die überall da, wo es ihm Glück, Bequemlichkeit, Annehmlichkeit usw. gibt, da geht er hin, und überall da, wo er das nicht kriegt oder wo er irgendwo Ärger kriegt, da geht… das versucht er zu vermeiden. Also der Mensch ist im Grunde genommen wie eine Ratte im Versuchslabor etwas, was sich auf Grund seines Verhaltens analysieren kann, das Verhalten kann ich algorythmisieren, und wenn ich etwas algorythmisieren kann, kann ich es irgendwann auch steuern, mehr und mehr steuern. Das ist das Menschenbild des Silicon Valley. Und wenn dieses Menschenbild unser bisheriges Menschenbild ersetzt, dann brauchen wir keine freiheitlich Demokratie mehr. Und auch keinen Rechtsstaat mehr. Dann haben wir für alles technische Lösungen.

FAB 27:19 Was mir an dieser scharfsichtigen Beschreibung missfällt, ist, dass Sie jetzt einen Verantwortlichen markieren. (Gut, sagen wir mal: das Denken der Technokraten, auch in China.) … ist meines Erachtens so nicht richtig. Weil: es geht mehr über die Bande. Das Silicon Valley will meines Erachtens Geschäfte machen, sein Wertschöpfungsmodell … ausbauen, verteidigen, die Welt ist schnelllebig, die Giganten von heute müssen nicht die Giganten von morgen sein, jedenfalls bei allem Gemeinwohlinteresse, das sie formulieren, sind sie in erster Linie Wirtschaftsunternehmen. Als Wirtschaftsunternehmen reagieren sie auch auf das, was wir, die weltweiten Nutzer, Milliarden von Nutzern, was wir wollen und worauf wir uns einlassen. Und da sind sie sehr empfindlich. Das heißt, wenn wir uns entscheiden, nicht mehr zu twittern oder nicht mehr über Facebook zu kommunizieren, hat das dramatische Folgen für diese Giganten. Sie können uns nur beherrschen, wenn wir das wollen. (Aber wenn Sie als Kind in so eine Welt reingeboren werden…) das Problem ist… das Problem ist deshalb, wenn wir das als Problem wiederum an uns adressieren müssen. An uns als Gesellschaft, als Individuum ehm adressieren müssen und die Frage stellen: wie bequem sind wir eigentlich? Wie käuflich sind wir eigentlich, wenn wir eine kostenlose Leistung angeboten bekommen? Müssen qwir – alle reden über digitale Bildung – müssen wir nicht unsere Bildung wieder auf das stärker konzentrieren, was sie immer war, nämlich kritische Aneignung der Welt und nicht unkritische Aneignung.

PR Ich bin ganz auf Ihrer Seite, aber jetzt bin ich natürlich gespannt, wie Sie das praktisch machen wollen, mit Kindern, die mit Whatsapp aufwachsen, manchmal schon mit Kleinkindern, die schon mit ihren Wischbewegungen bespaßt werden und vollkommen in diesen Welten leben, und – meine Befürchtung – Urteilskraft und Freiheit vielleicht gar nicht mehr so wichtig finden, sondern wirklich Annehmlichkeit und Bequemlichkeit wichtig finden.

FAB 29:35 Ja, aber weil wir es ihnen vorgemacht haben. (Wir haben sie in diese Welt hineinleben lassen…) es ist unsere Welt. Wir wischen bis zur Kanzlerin hinauf starren wir auf unser Handy, das machen wir alle so, da will ich auch keinen anklagen, aber man muss sehen, es hat sich eine Konvention gebildet, eine Konvention, dass im Grunde genommen es geduldet wird, dass während …Menschen sich face to face unterhalten, kucken alle noch mal eben ihre Nachrichten an. Es ist die Frage, ob man solche Konventionen wirklich auf Dauer dulden will als Gesellschaft. Wir erwarten, dass alles sofort in Echtzeit zur Verfügung steht, und zwar umfänglich. Ist diese Erwartung nicht schon ein Stück weit Hybris? … Ich denke, dass wir einfach mal darüber nachdenken müssen, was wir so tun, und dieser Prozess ist im Gange.

PR 30:39 Sie appellieren an jeden Einzelnen?

FAB Wir appellieren immer. Sie haben gerade eben von der Aufklärung gesprochen, an wen appelliert denn die Aufklärung? An wen appelliert denn unser humanistisches Modell, (an Menschen, die immer stärker beeinflusst werden, an die ist immer schwieriger zu appellieren) ja, aber das ist ja immer schon gesagt worden. Als der Buchdruck erfunden wurde, wurde auch gesagt, was macht das mit den Menschen? Mit die ersten Schriften, die gedruckt wurden, waren pornographische Schriftenat den Sittenverfall erwartet, das ist aber schon 500 Jahre her. Als der Film entstanden ist, hatte man wieder ähnliche Erwartungen, als das Fernsehen aufkam. Also wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einem … in einen Kulturpessimismus geraten, andererseits wollen wir glaube ich auch beide nicht eine technische Jubelstimmung, wie das häufig der Fall ist …

PR In einem Punkt dürften wir uns einige sein: ich bin ein großer Freund der Technik überall, wo sie uns helfen kann, die Gesellschaft humaner zu machen. Das ist für mich der Maßstab. Für mich ist nicht der Maßstab, wo könnte überall ein verstecktes oder ein offensichtliches Geschäftsmodell liegen, sondern dient die Technik dem Menschen oder führt sie uns in eine Entwicklung, das wäre sozusagen die Dystopie, dass wir, nachdem wir den Höhepunkt unserer Mündigkeit erreicht haben, so Stück für Stück wieder zu Kindern gemacht werden oder in einer Art embryonaler Phase irgendwie wieder in eine Welt kommen, in der Google uns von der Diktatur der Freiheit befreit, weil wir nicht mehr frei wählen müssen, sondern weil Google oder wer immer schon weiß, was für uns gut ist, weil sie uns in- und auswendig kennen und sogar wissen, was wir als nächstes denken oder tun und uns die nächste Kaufempfehlung bescheren. Und dies Scenario, das ich gerad entwickelt hab, ist ja kein völlig unrealistisches Scenario, sondern eines, wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre ankuckt und so ne Hochrechnung machen würde, durchaus eintreten könnte, also ich mache sozusagen Angst, dass die Menschen so unmündig werden könnten, dass die Gefahr besteht – ich sag nicht, das muss so kommen -, dass ich an ihre Urteilskraft nicht mehr appellieren kann.

FAB 32:42 Es gibt Tendenzen in diese Richtung, es gibt immer Gefährdungen in diese Richtung, vor allem mit jeder Veränderung der Kommunikationstechnik gibt es solche Tendenzen, weil die alten Institutionen, die eine gewisse Erwartungssicherheit, was etwa Urteilskraft, was soziale Ordnung angeht, das was die gewährleistet haben, das wird im technischen Umbruch erschüttert. Das gehört zu diesem technischen Umbruch. Und insofern ist es wichtig, die Sensibilität zu haben für bestimmte Leistungen, die etwa früher Verlage ausgeübt haben, die nicht jeden einfach gedruckt haben, wo nicht jeder zu Wort kommen konnte, die nach Qualitätsmaßstäben operiert haben – Qualitätsjournalismus war mal eine Vokabel, die heute schon irgendwie verstaubt wirkt. Verstaubt, weil im Netz wir schon eine beispiellose Dezentralisierung erleben. Aber was wir heute unter Netikette erleben, ist der Versuch, die alte institutionelle Leistung, was Ordnung, was Sittlichkeit, was Urteilskraft angeht, wieder zu etablieren. Und man kann bei so etwas wie dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz furchtbar kritisch sein, – ich gehöre auch eher zu den Kritikern -, es ist der Versuch, bestimmte Regeln auch im Netz wieder durchzusetzen. Und deshalb wäre ich nicht per se pessimistisch, dass hier eine Welt untergeht und kein adäquate neue entsteht.Sondern wir ,müssen eben dafür streiten, dass sittliche Maßstäbe, dass Urteilskraft im Netz möglich bleiben, vielleicht sogar verbessert werden, verstärkt werden.

PR 34:27 Also ich bin auch nicht pessimistisch, allerdings nur aus dem Grund heraus, weil Pessimismus keine Lösung ist. Ja, also, ich glaube, dass ein Optimist, der seinen Idealen nicht bestätigt wurde, immer noch n besseres Leben führt als n Pessimist, der sich immer noch auf die Schulter geklopft hat es ist alles so miese gekommen, wie ich mir das vorgestellt hab. Das ist es eigentlich nicht. Aber meine Befürchtung, also Grundbefürchtung besteht darin, dass diese Aufklärungsgesellschaft, also diese Werte der Aufklärung sukzessiv abgebaut werden, und ich möchte das noch an einem Beispiel klarmachen. Es gibt ein sehr berühmtes Beispiel, das werden Sie sicher kennen: 1974 hat der amerikanische Philosoph Robert Nozick, konservativer amerikanischer Philosoph, ein Buch geschrieben „Anarchie, Staat und Utopie“, und darin stellt er eine Erlebnismaschine vor. Er sagt, stellen Sie sich mal vor, Sie könnten in eine Erlebnismaschine steigen – das ist so ähnlich wie der Film Matrix -, dann sind Sie in einer komplett künstlichen Welt, erleben aber den Unterschied zwischen künstlich und real nicht mehr. Das heißt, Sie erleben alles real, und in dieser Erlebnismaschine werden alle Ihre Bedürfniss nach Ihrer Vorstellung befriedigt. Das heißt, Sie sind also in einem vollkommenen Wohlfühlparadies, Sie kriegen die schönsten Frauen, die Sie haben wollen, und wenn Sie Familienglück haben wollen, kriegen Sie das auch, und wenn Sie gutes Essen wollen, alles! Würden wir in diese Maschine steigen? Das ist eine rhetorische Frage, denn Nozick ging davon aus: niemand würde in eine solche Maschine steigen. Und ich nehme an, bei uns würden vielleicht einige in diese Maschine steigen, aber die meisten würden es nicht tun. Was aber, wenn ich nicht ein große Entscheidung in meinem Leben treffen muss, in diese Maschine zu steigen oder nicht, sondern wenn diese Maschine in ganz, ganz kleinen Stücken, Stück für Stück via Bequemlichkeit, Annehmlichkeit, Fiktionen, Virtual Reality in mein Leben kommt, so dass ich also auf einem schleichenden Übergang in so eine Maschine hineinkomme, dann glaube ich würde die überwältigende Mehrheit an keinem Punkt ein Stoppschild hochhalten…

FAB Wir sind ja auf dem Weg dahin, wir sind auf dem Weg dahin, die Nutzungen etwa eines Smartphones, die sind heute noch, sie sind heute noch längst nicht so weit, wie uns das die Protagonisten manchmal weismachen wollen, aber die Entwicklung, sie wird diesen Weg nehmen. Es ist eine Gesellschaft nicht nur abstrakt denkbar, sondern konkret bereits prognostizierbar, die uns umsorgt. Wenn man sich eine Scenario vorstellt, das Menschen mit einem bedingungslosen Grundeinkommen versorgt, in ihrem Smartphone sitzen, mit einem selbstfahrenden Auto von A nach B kommen, falls sie überhaupt von A nach B wollen, dann ist eine umsorgte Existenz denkbar, die auf unsere Wünsche hin sofort ganz smart reagiert. (Betreutes Leben!) Betreutes Leben. Sie zwingt uns dazu zu fragen, wie wir eigentlich mitmachen wollen. Das Problem ist: Sie werden eine solche Entwicklung kaum staatlich unterbinden können, die Vorstellung (aber Sie sehen das direkt im zivilen Widerstand von Menschen, wieviele Leute sich jetzt zu Weihnachten eine Alexa gekauft haben, verschenkt haben und sich ausspionieren lassen zu Hause, weil sie nichts zu verbergen haben, usw., ich sehe keinen einzigen Punkt, wo sich ein solcher Widerstand ernsthaft formiert.) Aber: wir sind eine volatile Gesellschaft im Schlechten wie im Guten, ich glaube, sowas kann sich schnell ändern. Ein Buch wie der „Circle“ hat die Gefahren deutlich gemacht und hat viele Leser gefunden, und subkutan bildet sich auch das kritische Bewusstsein. Das geht nicht immer so schnell, die technische Entwicklung von Alexa ist zunächst mal ein ziemlich dummes Gerät, das da steht, aber (aber es wird schlauer werden) aber es nimmt auf und leitet weiter, und es wird schlauer werden, wie Sie sagten, und zwar vermutlich viel schlauer, denn wir sind aus der Phase einer linearen Entwicklung raus, wir werden und, was KI, was Künstliche Intelligenz angeht, viel schneller entwickeln, als wir uns das heute so vorstellen können.

PR 38:37 Aber Sie erwarten, dass sich Menschen irgendwann gegen ihre eigene Bequemlichkeit entscheiden. Aus freien Stücken heraus…

FAB Sie müssen sich ja nicht gegen Ihre eigene Bequemlichkeit entscheiden, Sie müssen nur die Grenzen, die Grenzen deutlich, Sie müssen die Grenzen finden. Die müssen wir suchen, wir müssen fragen, wohin gehen die Daten, also Symmetrie also unser Gesprächseingang. Auch Alexa darf nicht unkontrolliert agieren, vielleicht müssen wir die Daten über Stellen leiten, die unser besonderes Vertrauen haben, das muss nicht der Staat sein. Kann auch n privater Akteur sein, den wir beauftragen, damit wir sehen könne, was wird damit gemacht, und den Menschen sagen können: das passiert mit dem, was du in deinem Heim, privat, sagst.

PR Ich könnte mir vorstellen, dass die Menschen sich an allem dem [all das], was die Konzerne mit ihren Personendaten machen, gewöhnen. Weil es auch jetzt so in kleinen Schritten, so dann erfahr ich n bisschen mehr, und die verdienen n bisschen Geld damit usw., irgendwann sind die Leute auch daran gewöhnt. Was glauben Sie realistisch, wir habe ja so verschiedene Bilder, wir haben gesagt, wir können die Urteilskraft schulen, wir können bestimmte Prozesse aufhalten, andererseits haben wir jetzt auch Dystopien gemalt, was glauben Sie ganz ernsthaft: wo steht die Gesellschaft in 10 Jahren? Können Sie es in wenigen Strichen skizzieren?

FAB 39:54 Wissen Sie, Sie haben gerade gesagt: Pessimismus und Optimismus. Das Problem ist ja, wir kennen die Zukunft nicht. Wir können die Zukunft immer nur hochrechnen aus Daten, die wir jetzt kennen, die sind heute schon defizitär, und vor allem verändern die sich auch noch in der Zukunft, wir kennen die Zukunft nicht genau, geht man mit einem pessimistischen Bild an die Zukunft ran, dann verstärkt man die Möglichkeit, dass dieses negative Scenario eintritt. Deshalb sind wir also (zum Optimismus verdammt!) wir sind verurteilt zum Optimismus, allerdings nicht zu einem blinden, sondern zu einem kritischen Optimismus. Und insofern würde ich sagen, die Menschen sind eigenwillig immer gewesen! Schon Heinrich Heine hat vom Volk als dem großen Lümmel gesprochen. Ich glaube, dass es nicht ausgemacht ist, dass wir diese wunderschöne technische Welt, diese Angebote, die Leimruten, die ausgelegt werden, dass wir die auf längere Sicht tatsächlcih alle so wahrnehmen. Es ist auch möglich, dass wir mit den neuen technischen Möglichkeiten auch eine Gegenwelt installieren. Ich halte … Widerstand hätte man in den alten 60er Zeiten gesagt .. eh .. Ästhetik des Widerstandes – ich halte auch Widerstand MIT den technischen Waffen für möglich. Teilweise ist ja so etwas bereits unterwegs, auch eine Internetöffentlichkeit muss nicht dezentral, anonymisiert und chaotisch und sittenlos sein.Sie kann auch neue Sittlichkeit und neue Ordnung aufbauen. Deshalb… daran müssen wir glauben, und dafür müssen wir etwas tun, damit es wahrscheinlicher wird, dass wir diesen Entwicklungsverlauf nehmen.

PR Die erste Voraussetzung für eine solche Ästhetik des Widerstandes wäre, dass es uns gelingt, neben den vielen negativen Bildern über die Zukunft uns eine positive Zukunft auszumalen, wie wir die Technik im humanen Sinne und nicht im kybernetischen Sinne verwenden. Herr di Fabio, ich danke für das Gespräch. (Danke!)

Abschrift des Gesprächs (JR) nach der Fernsehsendung ©ZDF!

„Weltmusik“ der Sängerknaben

Oder: Kitsch und Fake?

Eine Sendung, die man studieren sollte
Der Werbetext:
Die Wiener Sängerknaben: Wege in die Ferne
Die Wiener Sängerknaben sind einer der ältesten Knabenchöre der Welt und wohl der mobilste. Als Gründer gilt Kaiser Maximilian I. Das Kofferpacken gehörte für die kaiserliche Kapelle zum Alltag, die Musiker folgten ihrem Dienstherrn quer durch Europa. Und auch heute sind die Knaben zehn bis zwölf Wochen im Jahr auf Tournee. „Es war immer schon üblich, Musik unserer Gastländer zu singen“, so Gerald Wirth, künstlerischer Leiter. „Wir suchen nach interessanter Musik mit guten Texten, die den Knabenstimmen entsprechen.“
Ausgangspunkt für diesen Film war ein Weltmusikprojekt des Chores mit Liedern von der alten Seidenstraße. Regisseur Curt Faudon begleitete die Wiener Sängerknaben über drei Monate lang auf ihren Auslandstourneen in die USA, Japan, Korea und Australien und erzählt in farbenprächtigen Bildern von Begegnungen mit Musikern und Kindern entlang der Seidenstraße in Usbekistan, Shanxi, Xinjiang und Gansu.
Curt Faudon zeigt die Wiener Sängerknaben während ihrer Ausbildung im Palais Augarten und zeigt die anstrengende Arbeit, aber auch die Abenteuer während der aufwändigen Dreharbeiten zu den Liedern entlang der Seidenstraße. Man lernt viele kleine Persönlichkeiten kennen, die bereits genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft haben.
Dokument über Leben, Arbeit und Träume des Chores

Curt Faudon lässt die Knaben auch in historische Kostüme schlüpfen, um Geschichten aus der Vergangenheit des Chores nachzustellen. Die jungen Sänger zeigen die große Bandbreite ihres Könnens – von der Zeit der Motetten bis hin zur Moderne, von der westeuropäischen Musik bis hin zu den Liedern der Seidenstraße, die aus Feldforschungen verschiedener Musikethnologen von 1911 bis heute stammen. Die Lieder werden von Originalinstrumenten begleitet und in Originalsprache gesungen. 

Der Film ist ein einzigartiges Dokument über das Leben, die Arbeit und die Träume der Wiener Sängerknaben, eine Mischung aus Dokumentation, Musik und Kostümfilm.
Entstanden ist ein prächtiger Bilderbogen, der rund um den Globus bis in den äußersten Winkel der chinesischen Wüste entführt und der von der Gegenwart bis in das 15. Jahrhundert reicht.

***

Regie: Curt M. Faudon siehe Wikipedia hier.

Er lebt seit 1979 in Manhattan, New York und produziert Spielfilme und Dokumentationen vorwiegend für den ORF sowie Werbefilme für multinationale Unternehmen.

Wiener Screenshot 2017-12-26 11.08.03 Abwarten… inzwischen im Netz… siehe oben… aber nur noch zwei Tage… ein Film u.U. mit abschreckender Wirkung… alle Klischees der sogenannten Weltmusik sind erfüllt. Nie und nimmer war ein einziger Musikethnologe verantwortlich beteiligt. Ein Werbefilm nach amerikanischen Mustern, unglaubwürdig in allen Details, übrigens auch in der Behandlung der klassischen Musik. Natürlich – großartige Bilder, eindrucksvolle (bevorzugt exotistische) Portraits, wie eben in Werbebroschüren, aber sobald Musik ins Spiel kommt, wenn jemand singt, erzählt, kommentiert, wirkt es aufgesetzt, dahergefabelt, einstudiert, inszeniert, verlogen. Nicht zwei Minuten authentischer Musik der asiatischen Regionen, nur Staatsmusik. Alles Staffage für eine Weltmusik-Operette. Man kann es nicht milder sagen…

Pop, Demokratie, Populismus

Auch wenn man schon alles über Trump weiß

Seesslen Trump

Es ist die beste Analyse, die ich bisher gelesen habe (und anderes brauche ich seit heute nicht mehr), und für mich sind die letzten Kapitel die wichtigsten, z.B. „Demokratie und Kapitalismus“, während man in der ersten Hälfte des Büchleins noch einiges zu lachen hat (falls einem so zumute ist). So gute (politische) Bild-Analysen habe ich seit John Berger’s „Sehen“ nicht mehr gefunden.

Berger Sehen Rowohlt 1974

Und in dem Berger-„Bilderbuch“ liegt dies kopierte Blatt eines „Weltbuches“, das ich damals als Verbindung zur Musik im Auge behalten wollte. Zu idealistisch gedacht? Unvergessen der Autor: John Blacking.

Musical Man  Musical Man Cover 1974

***

„TRUMP!“ – Uneingeschränkt zu empfehlen, auch als preiswertes, unbezahlbares Geschenk für solche, die es wert sind, oder auch solche, die man damit ärgern kann. Beginnend mit folgendem bildungsgestützten Satz:

Den Grundwiderspruch der Demokratie formulierte schon Aristoteles: Wenn es in einer Demokratie Reiche und Arme gibt, dann liegt auf der Hand, dass die Armen ihre demokratischen Rechte zu eben dem Zweck einsetzen, den Reichen den Reichtum zu nehmen. Ergebnis: Instabilität. Gegen diesen Widerspruch gibt es nur zwei Lösungen: entweder (wie Aristoteles vorschlug) die Armut abschaffen oder aber die Demokratie abschaffen. Natürlich lag die Lösung in der westlichen Demokratie-Geschichte immer in irgendeiner Form des Dazwischen.

Weiterlesen auf Seite 109 in: TRUMP! Populismus als Politik / Von Georg Seeßlen / Verlag Bertz+Fischer / Berlin 2017 / ISBN 978-3-86505-745-7

ZITATE

Wer die Demokratie im Namen des Volkes zu verteidigen meint, hat sie schon aufgegeben. („Wir sind das Volk!“ hieß eine Parole, die zuerst die Demokratie einforderte und dann ihre Abschaffung.)  Seite 130

Man muss keine Pegida-Demonstrationen besuchen, um zu erkennen: Da sind Menschen, die sich als Volk definieren, zu Untaten bereit, zu denen sie als Einzelne und in individueller moralischer Souveränität mehrheitlich wohl nicht in der Lage wären.  Seite 128

Das Gegenteil von Volk ist nicht Elite, sondern Humanismus. Das Gegenteil von Elite ist nicht Volk, sondern Aufklärung. Seite 131

Man ist es inzwischen gewöhnt, in der gesellschaftlichen Diskussion von „Narrativen“ zu sprechen, zuweilen auch von „Erzählungen“, womit im entsprechenden Zusammenhang dasselbe gemeint ist. In seinem Trump!-Buch schreibt Seeßlen auf Seite 8:

Wir leben in zwei großen Erzählungen, mindestens. Die eine ist der ökonomisch-politische Diskurs, der sich auf Informationen, Interessen, Texte, Gesetze und Modelle bezieht.

Und auf der nächsten Seite:

Die zweite Erzählung ist die des Entertainments, der populären Mythologie: das Kino, der ewig laufende Fernseher, die illustrierte Welt der Promis, Shows und Events, die Stars des Musikbusiness, der Sport, Cartoons, die Werbung. Hier kommt es nicht auf logische Verknüpfungen oder Transparenz der Motive an, sondern auf Emotionen, Bildhaftigkeit, Effekte.

Seit wir das Wort vom Post-Faktischen gelernt haben, oder von „alternative facts“, ahnen wir, wohin die Reise geht. Eine gründliche Aufklärung gehört zu den Desideraten des modernen politischen Denkens. Man kann im Deutschlandfunk den Text einer Rede (einer Erzählung?) nachlesen, die wirklich weiterführt. Vorwarnung: Bringen Sie etwas Zeit mit…

Überschrift: Erzählungen bilden Gemeinschaften / Autor: Georg Seeßlen / HIER.

Dank an JMR!

Megapötte

Was hat mich nach Hamburg geführt?

Und wieder zurück? Natürlich die Deutsche Bahn, das Mega-Unternehmen. Zuverlässig und preisgerecht. Ein Billigflug käme mir nicht in den Sinn. Kaum wieder zuhaus, schlage ich die Zeitung auf und sehe den Megapötte-Bericht, der aber kaum das Gigantomanische aufs Korn nimmt, das auf der Hand liegt. Er könnte auch als Empfehlung gelesen werden. (In meinem Scan so verkleinert, dass es gar nicht lesbar ist, auch das Bild seine Qualität kaum entfalten kann, so dass die Wiedergabe hoffentlich rechtlich nicht bedenklich ist. Das dpa-Foto stammt von Christian Charisius, der Bericht von Michael Zehender.) Bitteschön, da drüben liegt auch das bunte Zelt „König der Löwen“, und auch dafür, obwohl Ziel für Hunderttausende, habe ich keinen Sinn. In Hamburg ist vieles „mega“, und es keine Schande, darüber zu staunen. Wer will die Pyramiden kritisieren, nur weil sie so gewaltig dastehen. Übrigens weiß man nicht, ob die Größe dort (die Menge der Steine) auch in Relation zu einem Geschäft mit den Göttern stand, wie hier etwa die Menge der Kabinen. Und wieder steht das Wort Elbphilharmonie im Raum und im nächsten Moment das Wort Akustik. (Nein, nicht hier!)

Kreuzschiffe ST mikro So zu lesen als Sonderveröffentlichung im Reisemagazin meiner Tageszeitung (Solinger Tageblatt), und zwar am 18. März, genau an dem Tag, an dem ich in der Elbphilharmonie zu sprechen hatte. Vom schönen Restaurant des Hotels Hamburger Hafen hatten wir genau diesen atemberaubenden Ausblick, wenn auch ohne Megapott im Zentrum. Der stand weiter links, gewissermaßen im Versteck, erschreckend, wenn man ihn identifizierte. Und so soll er auch – sagen wir – in Venedig auftauchen? Der Artikel hält sich mit Bewertungen zurück: „Durch die Größe des Schiffs kann man die Reise für den einzelnen Kunden billiger anbieten“, wird der Chef vom Kreuzfahrtverband Deutschland zitiert. Genauso wird die Fleischqualität und ihr Preis auf dem Markt kalkuliert, er hat nichts mit dem wahren Wert des Produktes zu tun. Der wird anders diskutiert und definiert. Übrigens findet man den für Solingen ohnehin gekürzten Artikel in voller Länge an ganz anderer Stelle online: Hier

Ein Freund, der diese Schiffe vor Jahren ausgiebig genutzt hat, schrieb mir dazu:

Ja, wir haben, glaube ich, vier Fahrten mit der Aida gemacht. Die beste war natürlich die nach N.Y. 2009. Aber dann waren wir es irgendwie leid, meine Lebensgefährtin eher als ich, versuchte ich doch bis zuletzt die Größe der Schiffe als schwimmenden Klein-Kosmos zu verklären, ohne die damit verbundenen Nachteile sehen zu wollen: invasionsartige Landgänge, die sich dann aber in einzelnen Busgruppen zu irgendwelchen Besichtigungszielen trennten. Nicht einmal wirtschaftlich brachte das Anlegen z.B. den Einwohnern Grönland etwas, denn niemand kaufte oder verzehrte etwas, gab es doch alles an Bord meist besser und umsonst. In Grönland blieb das Schiff weit draußen auf dem Meer, und der Transfer vollzog sich in kleineren Motorbooten. Also nicht in dieser überfallartigen Wucht wie in Venedig, wo das ganze Stadtbild zum Negativen relativiert wird. Ach, ich könnte mich noch lange über Vor- und Nachteile auslassen, aber das Entscheidende ist wohl, dass nichts richtig haften bleibt bei diesen kurzen Landgängen. Und der freie Alkoholkonsum an Bord ist natürlich auch so ein Problem.

Ich finde, man sollte auch kundige Kunden-Beurteilungen zur Kenntnis nehmen. Denn das bloße Erschrecken über die schwimmfähigen, flach liegenden Hochhäuser im Hamburger Hafen erschiene vielleicht unbegründet und provinziell. Man könnte aber leicht noch andere Aspekte hinzufügen, die ebenfalls einiges über die Kollateralschäden des Gigantismus aussagen. Denn natürlich geht es nicht nur um den Tourismus, – ein Stichwort soll genügen: Elbvertiefung.

Nun zum Ernst des Lebens, der übrigbleibt, wenn er eigentlich größtenteils ausgeblendet wird oder sich aufs ganz Private beschränkt: der einfache Blick nach draußen (um es kompliziert auszudrücken). Gleich hinter der Kuppel des Eingangs zum alten Elbtunnel: die AIDA.

Hamburg Hafen März Aida 35 Hamburg Hafen März Regen Hotelausblick 34

Hamburg Hafen Ausblick von Hotelhöhe 3 Hamburg Hafen März Hotel 2 Hotel Hafen Hamburg

Hamburg Hafen März Regen 8a Regen reichlich

Hamburg Hafen März Elphi 21 Ein orkanartiger Sturm bahnt sich an

Hamburg Hafen März Blaues Schiff Die Elbphilharmonie, das Ziel der Reise

Hamburg Hafen März Michel ua Andere Seite, durchs Fenster der Tower-Bar

Mein Ziel war allerdings eher eine Reise ins Innere, nicht nur ins Innere der Elbphilharmonie, sondern auch meiner eigenen Erinnerung, nämlich die Zeit, als ich mich mit syrischer (libanesischer, arabischer) Musik zu befassen begann, ohne unsere klassischen Musik, mit der mich die Geige verband, aufgeben zu wollen: 1967. So hatte es nicht nur praktischen Wert, die Geige auch hier einzubeziehen, sondern vor allem symbolischen. Nebenbei: die Geige ist der Gegengott des Gigantismus. Auch wenn sie bei Bach in seinen Solissimo-Werken ein ganzes Universum umfasst. Sie kann es ebenso mit der phantastischen Entfaltung arabischer Melodik aus einem Mikro-Element von drei Tönen. Zum Beispiel im Genus Sikah oder Segah, der Basis des gleichnamigen Maqams. Oder auch des Maqams Huzam…

JR in HH 170318

Am 18. März 2017 im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, thematisch anknüpfend an die Arbeit, die ich vor fast genau 50 Jahren (nach einer Orient-Tournee als Geiger) begann und die im Jahre 1971 als Dissertation mit Notenband veröffentlicht wurde.

JR Dissertation

(Fotos: E.Reichow)