Kategorie-Archiv: Wirtschaft

Kapitalismus in aller Kürze

Heute in der ZEIT und noch kürzer

Aus Copyright-Gründen gebe ich nur diesen Appetizer für einen Artikel von Yannick Ramsel in der ZEIT 13. Januar 2022 Seite 38.

Unschlüssig, welches von den 2 Staab-Büchern ich kaufen sollte, bin ich auf die folgende Kurzfassung gestoßen:

Friedrich Ebert Stiftung

Empfehlenswert! An Ort und Stelle nachzulesen: HIER

Oeconomia

Der Stachel im Fleisch

Wenn der Film beginnt, denkt man, ein Vogel fliegt im Morgenlicht durch die Landschaft. Doch es kommt schlimmer. Man muss sehen, lesen und begreifen…

HIER (abrufbar bis 7.2.2022)

Aus einem Interview mit der Regisseurin Carmen Losmann in der Süddeutschen Zeitung (Johanna Adorján) Montag 8. November 2021 Seite 19 Schlecht gedacht:

Hier wirds spannend: 23:43

26:10 „nach der Finanzkrise…“ siehe Wiki hier

35:15 „warum ist Wachstum wichtig?“… Wirtschaftswachstum siehe Wiki hier

37:30 „wir definieren Wachstum dadurch, dass …“ „wenn man bedenkt, dass in Indien… oder in … Indonesien … ganz viele Menschen anfangen, Geld zu haben, das sie für den Konsum ausgeben …“ 39:20 „aber … wo kommt das Geld her, damit Unternehmen gesamtwirtschaftlich Gewinne machen?“ (Pause) „Das ist ne gute Frage!“

ab 40:00

„Die Gewinnaussicht hängt vom Wachstum der Geldmenge ab.“

Die ökonomische Wissenschaft dient der Verschleierung von Macht. (Norbert Hering) 50:55

55:05 Für steigende Gewinne und steigendes Wirtschaftswachstum ist eine ständige Ausweitung der Verschuldung nötig. Das ist der berühmt-berüchtigte elephant in the room, über den niemand spricht. Der zentrale Akteur im Kapitalismus ist der Schuldner. Er ermöglicht die Profite und den Vermögenszuwachs der anderen.

Wer schöpft diese Gewinne ab? Wer ist das? Das sind ja meistens nur die oberen 10 Prozent. /

1:10:07 Es entstehen ja Vermögen, die nicht einfach nur da sind, sondern die wirtschaftlich und politisch auch Einfluss haben, also: ist das nicht ein Rechnungstrick zu sagen: prozentual gesehen, wachsen die reichen Vermögen geringer, aber es ändert sich ja nicht langfristig, auch wenn ich das über 50 Jahre hinwegrechne, nichts daran, dass die Reichen deutlich reicher bleiben und immer reicher werden. – Das ist so, ja. Kleine Wachstumsraten bei großen Vermögen (lacht) bringen erheblichen Zuwachs, und der ist größer vielfach als große Wachstumsraten bei kleinen Vermögen. Das gilt in in den Ländern, und das gilt auch zwischen den Ländern. Die absoluten Differenzen werden größer. 1:10:50 /

Wenn private Vermögen in dem Maße wachsen, und immer weiter wachsen, was bedeutet das auf der anderen Seite für die Verschuldung? – Also, wenn sich entweder Staaten verschulden, oder Unternehmen, um zu investieren, oder Haushalte, um Häuser zu bauen, dann erzeugt Verschuldung mehr wirtschaftliche Aktivität und mehr Wachstum. Das ist zunächst einmal gut, deswegen versuchen ja die Zentralbanken in der Welt eben genau diese Verschuldung mit ihren Politiken in irgendeiner Weise anzuregen. Das Ganze kann aber irgendwann auch zurückschlagen: die Geldgeber werden das nachrechen:  was brauchen Sie denn fürn Wachstum, und dann werden Szenarien gerechnet, die in der Regel nicht besonders günstig ausfallen. Und dann ist irgendwann das Vertrauen der Finanzmärkte und Kapitalmärkte in diese Volkswirtschaften weg. Dann fließt kein Kredit mehr, im Gegenteil, weil Länder, die überschuldet sind, völlig vom Kredithahn abgeschlossen werden, und dann geht alles mit rasantem Tempo nach unten. 1:12:05 / 1:12:20

Nach dem Waterloo der politischen Diskussion

Trump und 1 Ende der Geduld (eine Sternstunde)

hier kein Start, nur Scan-Foto !

ZDF-Sendung gestern: MARKUS LANZ [aus Südtirol, gesehen in Südtirol, Völs, Moarhof ]. Zu Gast: Journalist Elmar Theveßen, Politiker Jürgen Trittin, Autorin Julia Ebner und Zukunftsforscher Matthias Horx (in wiki auch Fehlprognosen), website hier

HIER (Sendung abrufbar bis 30. Oktober)

3:35 Wie reagiert denn Amerika auf das, was da gestern passiert ist? Man sagte: „brennende Müllkippen“, „die würdeloseste Präsidentschaftsdebatte, die ich je gesehen habe“ (E.Th.)

9:16 Jürgen Trittin über die Widersprüchlichkeit der USA

10:12 Wer sind die „Proud Boys“? J.Ebner: „rassistisch, frauenfeindlich, homophob“

19:57 Matthias Horx über den Zustand Amerikas: für uns sehr lehrreich, weil unsere Populisten ein Schatten dieser Bösartigkeit sind, diese negative Energie wird dort [offen] sichtbar.

22:23 Trittin über John Biden, „den Platzhalter, der keinen Schaden anrichtet“ Florida als entscheidender Staat 26:42 Verabschiedung Elmar Theveßen

26:58 „Proud Boys“ Was ist „QAnon“? Bewegung, jetzt auch in Deutschland 29:32 (J.Ebner) 39:57 Bodo Schiffmann mit 2 Ausschnitten (komplett umgedreht) „Quarantäne-Lager hat man früher als KZ bezeichnet“ 43:11 Darüber M. Horx 44:55 Ebner: soziale Medien, die verschwörungstheoretische Inhalte derart pushen, dass sie zu dieser Bedeutung kommen…

(Für mich besonders interessant nach der Begegnung am Völser Weiher hier „Bloße Meinungen“.)

45:24 Dazu Trittin / Wann beginnt dieser Niedergang des Amerikas, das wir in unserer Kindheit erlebt haben? Verschwinden der Mittelklasse. Beispiel Kanada ! Verhältnis zu Autoritäten. EUROPA. 59:30

59:30 Horx „in die Zukunft schauen“ Beispiel: Tourismus in Venedig. Erlebnisse in dieser Krise, „stresshafte Zeit VOR Corona“, Überbeschleunigungsphänomene.

1:07:44 J.Ebner: Verhalten mit Corona ändern… Makroeinflüsse / Horx: der allzu große Technologieglauben – was kommt letzten Endes: Solidarität. Re-greening. Rückschau vom Jahr 2050 aus… China (bis 2030) – den Planeten wirklich wieder ernsthaft begrünen? das ist das wahrscheinlichste Szenario, darauf läuft das hinaus? Horx: Ja!

Gruß aus Südtirol – Zwei Seiten eines Dings

20. September 2020 Blick morgens von Obervöls/Moarhof auf den Schlern

1. Oktober 2020 Blick mittags von der Seiser-Alm auf den Schlern

Fotos: JR & E.Reichow

Zu den Standorten der Fotos:

Vom Geld in der Kultur reden!

Ein Text von Berthold Seliger

veröffentlicht am 17. Juli 2020 bei TELEPOLIS (Link s.u.)

Für ein prinzipielles Kultur-Existenzgeld!

Sozial-kulturelle Utopie 2020

Der Covid-19-Virus und die Folgen der Pandemie bringen die Verletzlichkeiten in einer globalisierten Welt, die maßgeblich vom Drang nach Kapitalverwertung angetrieben wird, neu und teilweise dramatisch ins Bewusstsein. Die meisten Probleme, die jetzt diskutiert werden, haben allerdings nichts direkt mit der Corona-Krise zu tun, sondern werden in den Pandemie-Zeiten wie unter einem Brennglas gebündelt und hervorgehoben.

Auch vor Corona wurden die Schlachthofarbeiter und die Spargelstecher*innen bereits ausgebeutet oder die Pflegekräfte und andere Mitarbeiter*innen im Gesundheitssektor deutlich unterbezahlt (und es ist ein Armutszeugnis, dass im 130 Milliarden-Euro-Hilfspaket des Bundes die Pflegekräfte gar nicht erst vorkommen).

Nicht nur im Gesundheitssystem, auch im Kulturbereich, der in Teilen nach wie vor komplett stillgelegt ist und wohl am längsten von den Auswirkungen der Pandemie betroffen sein wird, hat die Corona-Krise Missstände, die schon länger Bestand hatten, in aller Schärfe offengelegt: Corona lässt die prekäre Kehrseite des jahrzehntelangen neoliberal geprägt Um- und Abbaus von Institutionen und Sicherungssystemen, aber auch die Beziehung zwischen „dem Leben“ und „der Theorie“ deutlich zutage treten. Dies gilt insbesondere für die Kulturschaffenden und die Kulturarbeiter*innen.

Kurzfristig angelegte Nothilfemaßnahmen sind zwar wichtig und ausdrücklich begrüßenswert, dauerhaft sind aber im Kultursektor – ähnlich wie in Sachen Werkverträge der Fleischindustrie oder gerechter Bezahlung der Pflegekräfte – strukturelle Änderungen und Neuerungen dringend notwendig.

Vor knapp fünfzig Jahren, zu Zeiten und auf Anregung der sozialliberalen Bundesregierung, wurde in der Bundesrepublik erstmals die soziale, berufliche und wirtschaftliche Lage der Künstler*innen und Publizist*innen untersucht. Das war die Basis für weitere Überlegungen zu einer sozialen Absicherung von Kulturschaffenden, die vor vierzig Jahren schließlich zur Verabschiedung des Künstlersozialversicherungsgesetzes führten, das gegen den massiven Widerstand der Kultur- und Verwertungsindustrie erkämpft werden musste.

Damit wurde erstmals eine gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung für selbständige Künstler und Publizisten eingerichtet, wobei diese den Arbeitnehmeranteil, die Vermarkter künstlerischer und publizistischer Leistungen dagegen einen Arbeitgeberanteil übernehmen sollten, der außerdem durch einen Bundeszuschuss finanziert wurde – ein Meilenstein in der Ideengeschichte der sozialen Absicherung von Kulturschaffenden.

Die Lage ist jedoch nicht mehr dieselbe wie in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Künstlerische Berufe erfreuen sich unverändert einer hohen Attraktivität, trotz der mit der Soloselbständigkeit verbundenen finanziellen Risiken. Vor allem aber haben sich die Herstellungsbedingungen von kulturellen Leistungen in den letzten Jahrzehnten massiv verändert: Der Anteil der fest angestellten Kulturschaffenden hat sich in fast allen Bereichen deutlich verringert, während die Zahl der euphemistisch gern als „frei“ bezeichneten, also selbständig tätigen Künstler*innen seit den 1980er Jahren drastisch gestiegen ist.

1991 waren insgesamt 47.713 Kulturschaffende und Publizisten bei der Künstlersozialkasse versichert, im Jahr 2019 waren es 193.592, also mehr als vier Mal soviel. Heute sind 42.700 Versicherte im Bereich Wort, 67.075 in der Bildenden Kunst, 54.575 in der Musik und 29.242 in der Darstellenden Kunst tätig. Die Zahl der bei der Künstlersozialkasse Versicherten hat sich allerdings in den letzten Jahren kaum verändert (bereits 2013 waren 194.196 Menschen bei der KSK versichert), wohl aber in einzelnen Bereichen: Vor allem im Bereich Wort (minus 4.855 von 2013 bis 2019, also mehr als 10 Prozent), aber auch bei der Bildenden Kunst nimmt die Zahl der Versicherten ab, während sie im Bereich Musik, vor allem aber bei der Darstellenden Kunst ansteigt (plus 12,6 Prozent).

Der Arbeitsmarkt Kultur ist so stark von selbständiger Tätigkeit geprägt wie nie zuvor

Wie die Autoren der gerade veröffentlichten Studie „Frauen und Männer im Kulturmarkt“1 des Deutschen Kulturrats anmerken, ist die höhere Zahl von Versicherten im Bereich Darstellende Kunst „bemerkenswert, da in dieser Sparte die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung üblich ist“.

Doch längst nicht alle Kulturschaffenden und Kulturarbeiter*innen sind in der Künstlersozialkasse versichert, die ja ohnedies nur Künstler*innen offensteht. Die bereits erwähnte Studie des Deutschen Kulturrats geht davon aus, dass im Kulturbereich 719.106 selbständig Tätige arbeiten, davon knapp die Hälfte etwas herabsetzend sogenannte „Mini-Selbständige“, deren Jahresumsatz unter 17.500 Euro liegt. Man muss also davon ausgehen, dass im kulturellen Bereich hierzulande großflächig Armut herrscht oder zumindest prekäre wirtschaftliche Verhältnisse virulent sind, ganz abgesehen von einem massiven Gender Gap.

Der Arbeitsmarkt Kultur ist heute also so stark von selbständiger Tätigkeit geprägt wie nie zuvor – und das gilt nicht nur im Bereich der Bildenden Künstler*innen, für die die selbständige Tätigkeit seit jeher die typische Form von Beschäftigung ist, sondern auch in anderen Bereichen der künstlerischen oder publizistischen Betätigung, in denen Tätigkeiten, die früher von Angestellten in festen Arbeitsverhältnissen ausgeführt wurden, heute meist von Selbständigen ausgeübt werden.

Dies ist sowohl eine Folge der hippen Narration von der „kreativen Klasse“ (Richard Florida), mit der den Menschen postfordische Tätigkeiten auf Prekariatslevel schmackhaft gemacht wurden, als auch die massiv geförderte Installation von Ich-AGs im Zuge der rot-grünen Hartz-IV-Gesetze: Jede*r eine kleine Ich-AG, alle sind Unternehmer*innen ihrer selbst und kümmern sich beherzt um Selbstvermarktung und -optimierung – eine Art outgesourctes Experimentallabor, ganz die fleißigen Kulturarbeitsbienchen mit verinnerlichtem Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben-Prinzip.

Doch gerade in Krisenzeiten zeigt sich, dass die mangelnde soziale Absicherung für viele der solo-selbständigen Künstler*innen, Musiker*innen, Schauspieler*innen und Publizist*innen ein riesiges Existenzproblem darstellt. Wenn beispielsweise den weit über 50.000 freien Musiker*innen und der deutlich sechsstelligen Zahl von sogenannten Solo-Selbständigen, Freiberuflern, Aufstockern oder Minijobbern, die Konzerte überhaupt erst möglich machen, wegen der Covid-19-Pandemie mindestens sechs, wahrscheinlicher neun und noch mehr Monate das komplette Einkommen wegbricht, hilft ihnen die Kranken- und Rentenversicherung durch die Künstlersozialkasse nicht beim wirtschaftlichen Überleben.

Es rächt sich, dass hierzulande über den Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung zwar diskutiert und geforscht wird, all dies aber keinen Einfluss auf politische Entscheidungen hat, die zu einer sozialen Sicherung der Kulturschaffenden und Kulturarbeiter*innen führen würde. Dies gilt für die Alterssicherung ebenso wie für die soziale Absicherung im Fall von Arbeitslosigkeit wie jetzt, da sie durch die Pandemie zwangsweise herbeigeführt wurde.

Anderes Verständnis von Arbeit ist erforderlich

Weiterlesen: HIER

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Berthold Seliger ist Publizist und seit über 32 Jahren Konzertagent und Tourneeveranstalter. Er hat Bücher wie „Das Geschäft mit der Musik“ (Edition Tiamat 2013, aktuell 7.Auflage), „Klassikkampf. Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle“ (Matthes & Seitz 2017, aktuell 2.Auflage) und zuletzt „Vom Imperiengeschäft. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören“ (Edition Tiamat 2019, aktuell 3.Auflage) veröffentlicht.

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Warum Wirtschaftswachstum?

Ende der Fahnenstange

  Es geht doch wieder?

Zufällig fragt man gerade danach nicht, mehr nach dem Wachstum der Temperatur.

Was also soll das mit dem Wirtschaftswachstum? Ich habe keine Ahnung warum, aber ich will wissen, warum wir daran nicht rühren sollen. Es ist doch das Lebensprinzip, sagen alle. Ich müsste also zunächst erklären, warum ich so schwarz sehe. Für mich selbst vielleicht nicht, – das wäre albern -, aber für meine Enkel. Andererseits weiß ich, dass mir niemand zuhört, wenn ausgerechnet ich die Kassandra spielte. Mein Wissen beziehe ich ja von anderen und vermag es auch nur mit Hilfe anderer zu überprüfen. Kurz und gut, ich beschränke mich auf Hinweise und lasse Menschen reden, denen ich vertraue. Nehmen Sie es hin. Und einer heißt eben Niko Paech. Mich interessiert, warum er ganz anderer Ansicht ist als die erfolgreichsten Ökonomen unserer Zeit. Heute Morgen wurde mir das Interview zugespielt, und es hat mich beeindruckt. Schauen Sie HIER .
Soll ich Zeit investieren, darüber nachzudenken? Oder reicht’s schon?! Es geht aber um viel mehr als meine Zeit heute, siehe oben: es geht um die ganze Lebenszeit meiner Enkel.

Also erkundige ich mich, ob der fremde Onkel eine vertrauenswürdige Biographie vorweisen kann. Wikipedia würdigt ihn mit überraschender Ausführlichkeit: HIER.

Und jetzt hätte ich es gern live von ihm selbst erklärt. Das folgende Video gefällt mir, weil der Vortrag durch zahlreiche Schautafeln ergänzt wird. Man braucht allerdings 50 Minuten dafür. Aber was ist das schon angesichts der nächsten 50 Jahre unsrer Enkel!?

Zugleich muss ich auf einen Zeitungsartikel eingehen, den ich inhaltlich letztlich so erschütternd fand, dass der Strohhalm einer „Postwachstumsökonomie“ sich gerade noch im rechten Moment bot. Wobei der Artikel aber auch so gut gemacht ist, dass ich mir vornahm, die narrative Technik, die mich sonst oft stört, geduldig zu betrachten; diesen journalistischen Eifer, die Trägheit des Lesers zu überlisten, – als dürfe sie einfach vorausgesetzt werden. Man glaubt, man habe sich über die Herrschaft von Menschen über Menschen schon oft genug aufgeregt, die Älteren unter uns haben zumindest dies in der 68er-Zeit gelernt. Ganz zu schweigen von der Geschichte Sklaverei, die einer ganz und gar vorrevolutionären Epoche anzugehören scheint. Trotzdem ist es gut, von einer tüchtigen Frau zu hören, die 2 Jahre jünger war als Mozart, sie lebte nicht weit von Birmingham, malte zeitlebens Bilder von Raupen und Schmetterlingen, trank täglich ihren Tee mit Zucker und wurde 71 Jahre alt. Ihr Name war Katherine Plymley, und das Schönste: es gab sie wirklich, man kann es mit ihrem Wikipedia-Artikel beweisen (hier), auch ihre Bilder findet man leicht im Netz. Natürlich wird keine Idylle daraus. Das entscheidende Signal ist das harmlose Wörtchen Zucker:

Es gab im 18. Jahrhundert noch keine Cola und keine Schokoriegel, trotzdem verzehrten die Engländer damals im Schnitt bereits fast zehn Kilo Zucker im Jahr, das Geld dafür verdienten sie zum Beispiel mit der Menschenjagd. Die Engländer waren die größten Sklavenhändler der Welt. In den Schaufenstern der Schiffsausrüster in Liverpool lagen Fußeisen, Daumenschrauben und spezielle Zangen, um Sklaven, die sich durch Nahrungsverweigerung das Leben nehmen wollten, den Mund aufzusperren.

Die Schockwirkung dieser Zeilen liegt auf der Hand, es ging um den Zuckeranbau auf Kuba, in großem Stil war das offenbar nur mit Sklavenarbeit durchzuziehen; man liest mit großer Wachsamkeit weiter, Gottseidank, unsere Heldin in spe war auf der Seite des Guten:

Katherine Plymley hörte auf, Zucker in ihren Tee zu rühren. Sie saß nicht im Parlament. Sie führte kein Sklavenschiff. Sie durfte nicht einmal wählen.

Undsoweiter, der Erfolg war bald abzusehen:

Katherine Plymley war nicht allein. Mehr und mehr Engländer fingen an, den Zucker aus der Karibik zu boykottieren. Tausende Menschen ohne Macht und Einfluss, die kein Gebäck mehr aßen und ihren Tee ungesüßt tranken.

Der Zuckerabsatz brach ein. Und was niemand erwartet hatte, geschah: Der Sklavenhandel kam tatsächlich zum Erliegen.

Ist das eine gute Geschichte? Man traut der Sache natürlich nicht. Die kurzgefasste Geschichte der Sklaverei sollte man wenigstens einmal überfliegen, es ist nicht zu fassen: HIER.

Und nun kommt die Volte des Journalisten, unglaublich, aber auch unglaublich wirkungsvoll. ZITAT:

Es gibt Zahlen aus der Gegenwart, die in einem interessanten Gegensatz stehen zu dieser Geschichte aus der Vergangenheit.

71 Prozent aller Deutschen halten die Sklaverei für das größte Problem der modernen Welt.

55 Prozent finden es in Ordnung, wenn Schulkinder den Unterricht schwänzen, um gegen die Sklaverei zu protestieren.

20 Prozent der Wähler haben bei der Europawahl für die Grünen gestimmt, eine Partei, die ihr Hauptziel in der Bekämpfung der Sklaverei sieht.

Aber fast 100 Prozent essen weiterhin Zucker. Das gilt auch für mich. Ich bin Teil eines Volkes von Scheinheiligen.

Ja, eine herrliche Wendung zum eigenen Ich und zum eigenen Volk… Finden Sie nicht? Lassen Sie diese Provokation auf sich wirken. Aber machen Sie mich ja nicht zum Schuldigen, ich bin nicht der Autor des Artikels, ich lobe ihn nur. Und er ist ein preisgekrönter Journalist. Da muss man auf alles gefasst sein. Er fährt fort:

Natürlich beziehen sich die genannten Zahlen nicht auf die Sklaverei, sondern auf die Erderwärmung. Das große Thema der Gegenwart ist nicht die Versklavung der Menschen, sondern die Zerstörung der Natur. Aber ich glaube, dass es da eine Parallele gibt. In beiden Fällen geht es darum, die Dinge billiger zu machen.

Ich vergaß, die Geschichte von der Sklaverei wirklich prägnant abzuschließen. Also die Geschichte der modernen Sklaverei in Zahlen, hier als Zitat aus dem oben angegebenen Wikipedia-Artikel:

 Von der Entdeckung Amerikas 1492 bis ins Jahr 1870 wurden mehr als 11 Millionen afrikanischer Sklaven nach Amerika verkauft. Die meisten davon (4,1 Mio.) gelangten über den transatlantischen Dreieckshandel in die britischen, französischen, holländischen und dänischen Kolonien in der Karibik. Fast ähnlich viele Afrikaner (4 Mio.) wurden von portugiesischen Händlern nach Brasilien gebracht. 2,5 Mio. wurden in die spanischen Kolonien in Südamerika verkauft. Die kleinste Gruppe bilden die ca. 500.000 afrikanischen Sklaven, die in die dreizehn britischen Kolonien auf dem nordamerikanischen Festland und in die 1776 gegründeten Vereinigten Staaten gelangten.

Aus dem Werk MUNTU von Janheinz Jahn („Umrisse der neoafrikanischen Kultur“ Verlag Diederichs Düsseldorf 1958) habe ich eine eindrucksvolle „Migrations“-Karte in Erinnerung:

Fortsetzung der Geschichte, – also: die Zahlen vorhin bezogen sich nicht auf die Sklaverei. Es ging darum, die Dinge billiger zu machen.

Zucker zum Beispiel war in Europa jahrhundertelang eine teure Rarität, verzehrt von Kaisern und Königen, bis Christoph Kolumbus im Jahr 1493, ein Jahr nach seiner ersten Fahrt, zum zweiten Mal die Neue Welt erreichte. Diesmal hatte er Zuckerrohr dabei, das damals auf kleinen Feldern auf den Kanaren wuchs. Innerhalb weniger Jahre entstanden in der Karibik große Plantagen. Was fehlte, waren Arbeiter.

1503 überquerte das erste Sklavenschiff den Atlantik. Es gibt Historiker, die in der Zuckerproduktion einen der Anfänge der Industrialisierung sehen: (….)

Zu Lebzeiten von Katherine Plymley ist Zucker das, was heute Erdöl ist: die meistgehandelte Ware der Welt. Er wird so billig, dass selbst Tagelöhner und Hilfsarbeiter ihren Getreidebrei süßen.

Den wahren Preis bezahlen die Sklaven.

Heute ist die Sklaverei abgeschafft. Stattdessen gibt es Überstundenzuschläge, bezahlten Urlaub und Kündigungsschutz. Das gilt vor allem für die Industrieländer, aber nicht nur. Auch in den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern steigen die Löhne von Jahr zu Jahr. Noch immer gibt es Zwangsarbeit auf der Welt, noch immer schuften Arbeiter mancherorts für ein paar Münzen am Tag. Die Ausbeutung des Menschen ist noch existent, aber sie hat stark abgenommen.

Was zugenommen hat, ist die Ausbeutung der Erde. So wie damals die Sklaven als billige Arbeitskräfte dienten, dienen heute die Erde und ihre Atmosphäre als billige Rohstoffquelle, als Mülldeponie, als Auffanglager für Treibhausgase.

Seit den Lebzeiten von Katherine Plymley ist die globale Durchschnittstemperatur um ein Grad gestiegen.

Jetzt sind wir bald am Ziel, nicht wahr? Wir brauchen nur noch die Schuldigen. Der Autor weiß es, und lässt uns nicht im Stich. er sagt uns, was mit den Bäumen los ist, beschreibt uns die neuesten Bilder des Klimawandels, dessen Beschleunigung durch das Auftauen der Permafrostböden. Und bricht ab:

Aber genug davon. das alles wurde tausendfach beschrieben, tausendfach erklärt, jetzt soll es um die Schuldigen gehen, die Täter. Die britische Umweltorganisation Carbon Disclosure Project (CDP) hat einen Report veröffentlicht, der ihre Namen nennt. Saudi Aramco aus Saudi-Arabien ist dabei, Gazprom aus Russland, BP aus Grossbritannien, RWE aus Deutschland. Es sind die Konzerne, die das Öl, das Gas und die Kohle dieser Welt aus der Erde holen. Rund um den Globus gibt es Millionen von Unternehmen, aber nur 100 von ihnen sind nach Kalkulation von CDP für 70 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Der Report ist eine beeindruckende Rechenarbeit. Und ein Dokument der Irreführung.

Wieder so eine journalistische Volte! Sollen wir ärgerlich werden? Wir brauchten doch ein glaubwürdiges Ziel unserer Wut, und zwar auf der Basis eines echten Beweisganges! Was soll das jetzt!? Moment, es geht noch ein paar Zeilen weiter, dann können wir eine Pause einlegen…

Denn so wie es damals im 18. Jahrhundert nicht die Sklavenhändler waren, die all den Zucker aßen, so verbrennt heute nicht Saudi-Aramco all das Benzin. Gazprom heizt nicht die Häuser. RWE verbraucht nicht den Strom. Wir tun das. Ich.

Es gibt noch andere Weltprobleme, aber der Klimawandel ist das einzige, für das nahezu jeder Weltbürger mitverantwortlich ist. Ich auch.

Wenn jeder Einzelne von uns sich so verhielte wie Katherine Plymley, brauchte es keine Klimakonferenzen mehr, keine Klimaabkommen, keine Klimaschutz-Gesetze, keine Demonstrationen. Wir müssten nur aufhören, Zucker zu essen.

Der Klimawandel mag ein politisches Problem sein, aber er ist vor allem auch ein privates. Das ist der Grund, weshalb ich in diesem Text von mir selbst schreibe.

Reden wir also über mich.

Ja, genau, wir müssen den Autor haftbar machen, vielmehr: namhaft. Ignorieren wir, dass er hintergründig uns alle in Haft nehmen will, lassen Sie es ihn persönlich ausbaden. Es muss doch einen solchen Artikel online zu lesen geben, und zwar unerbittlich, ohne Sprünge, irgendwo wird sich zeigen, dass er übers Ziel hinausschießt. Der Mann heißt Wolfgang Uchatius und sagt: „Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr / Warum es in Ordnung ist, in den Urlaub zu fliegen, Fleisch zu essen – und trotzdem für mehr Klimaschutz einzutreten.“ DIE ZEIT 11. Juli 2019 Dossier Seite 13.
Nehmen Sie doch hier diese Titel-Zeile und geben Sie sie bei Google ein. Oder gehen Sie gleich zu den Leser-Reaktionen, da rühren sich auch nicht nur Dummköpfe, nämlich Hier.

Leider kann ich, was die Lektüre des originalen Papiers angeht, nicht verschweigen, dass hier auf der zweiten Seite (Seite 14) die Gefahr wächst, dass ich aussteige; es wird mir zu „anekdotisch“, besonders wenn der Autor von sich selbst als Thema zu der Lichtgestalt Leonardo DiCaprio übergeht. Dabei ist ja alles richtig und treffend gesagt, aber es ermüdet und weckt niedere Instinkte (Prominentenneid), – zu unrecht, aber es ist so! Bis man urplötzlich wieder ganz anwesend ist, auch wenn man bemerkt, dass man auf ein uraltes, aber offenbar unlösbares Problem gestoßen wird: die Tragik der Allmende. Nehmen Sie sich Zeit dafür! Sie ahnen, dass die Kuhweide – so überschaubar sie für die frühe Agrargesellschaft war – sich inzwischen in ein gigantisches Bild verwandelt hat, das auf den amerikanischen Philosophen und Ökologen Garret Hardin zurückgeht. Er verglich „die zertrampelten Weiden der Vergangenheit unter anderem mit dem überfischten Meer. Er schrieb, der freie, uneingeschränkte Zugang zum Allgemeingut führe zum Ruin aller“. Jedoch:

Von der mit Treibhausgasen angereicherten Atmosphäre schrieb er nichts. Ende der Sechzigerjahre dachten viele noch, die Erdatmosphäre lasse sich nicht von Menschenhand beeinflussen.

In Wahrheit ist sie die größte denkbare Kuhweide.

Hätte man damals, als auf der Wiese noch Gras wuchs, die Bauern gefragt, welches Problem ihnen am meisten Sorge bereite, hätten sie vermutlich geantwortet: die Überweidung. So wie die Menschen in Deutschland heute sagen: der Klimawandel. Danach hätten sie wieder ihre Kühe auf die Weide getrieben.

In der Debatte um den Klimawandel heißt es oft, die Menschen seien eben nicht zum Verzicht bereit. Ich glaube, das stimmt nicht. Hätte die Kuhweide im England des frühen 19. Jahrhunderts einem einzigen Bauern gehört, hätte er mit Sicherheit darauf verzichtet, zu viele Kühe grasen zu lassen. Das Problem sind die anderen.

Soweit wiederum Wolfgang Uchatius, und ich sehe den ganzen Leserkreis wie mich selbst in ein fast fieberhaftes Nachdenken verfallen, wie man das Problem lösen kann. Es muss doch gehen. Aber man ist schnell bei den politischen Radikalmaßnahmen, denn: wir haben keine Zeit mehr für einen demokratischen Wandel des Verhaltens (der „anderen“). Der Klimawandel ist schneller!

Jetzt kommt bei Uchatius wieder der anekdotische Teil (Helmgebrauch beim Eishockey). Ich springe einige Blöcke weiter:

Immer wenn im Zusammenhang mit der Klimapolitik jemand vorschlägt, etwas zu verbieten oder zu verteuern, heißt es, dies sei ein Angriff auf die Freiheit. Ich glaube, das stimmt, es geht tatsächlich um die Freiheit. Karl Marx hat dazu eine Geschichte geschrieben, sie ist ganz kurz: „Nach England kommt ein Yankee, wird durch den Friedensrichter gehindert, seinen Sklaven auszupeitschen, und ruft entrüstet: Do you call this a land of liberty, where a man can’t larrup his nigger?“ („Nennen Sie das ein freies Land, in dem ein Mann seinen Neger nicht durchprügeln kann?“)

Die Befreiung der Sklaven verringerte die Freiheit ihrer Herren. Genau wie später die Arbeits- und Sozialgesetze die Freiheit der Unternehmer verringerten. Durch den Kündigungschutz sind sie nicht mehr frei, ihre Arbeiter und Angestellten grundlos zu entlassen. (…)

All diese Gesetze, diese Verbote und Verteuerungen haben die Freiheit des Menschen, andere Menschen auszubeuten, eingegrenzt. Nun geht es darum, die Ausbeutung der Erde zu reduzieren. Auch das wird kaum möglich sein, ohne die Freiheit des Menschen ein wenig zu mindern. Der Klimawandel mag auch ein privates Problem sein, aber er ist vor allem ein politisches. Auch die Natur braucht Sozialgesetze.

Ich rate, auch den Schluss des großen Artikels nachzulesen, obwohl er mich ein bisschen enttäuscht. Es geht um die Freitagsdemonstrationen der Kinder, was sie bewegt haben und was sich in Zukunft bewegen könnte. Aber liege ich falsch, wenn ich mich an dieser Stelle nicht auf die Kinder („die Kraft der Schwachen“) verlassen möchte, sondern gerade für sie alles von der Politik erwarte? Und zwar Handlungsstärke in allen wesentlichen Fragen. Kein Warten auf Freiwilligkeit von seiten der Verursacher.

Quelle DIE ZEIT 11. Juli 2019 Dossier Der Mythos vom Verzicht ab Seite 13 Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr Warum es in Ordnung ist, Auto zu fahren, in den Urlaub zu fliegen, Fleisch zu essen – und trotzdem für mehr Klimaschutz einzutreten. Von Wolfgang Uchatius.

P.S. Übrigens wurde die „Tragik der Allmende“ schon von Rolf Dobelli in seinem Bestseller „Die Kunst des klaren Denkens“ (München 2011) einleuchtend beschrieben, auch was die Freiwilligkeit der Gegenmaßnahmen betrifft. Er schließt mit den Worten:

Natürlich: Es gibt Leute, die sehr darauf bedacht sind, den Effekt ihres Handelns auf die Menschheit und das Ökosystem zu berücksichtigen. Doch jede Politik, die auf solche Eigenverantwortung setzt, ist blauäugig. Wir dürfen nicht mit der sittlichen Vernunft des Menschen rechnen. Wie sagt Upton Sinclairso schön: „Es ist schwierig, jemanden etwas verstehen zu machen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen.“

Kurzum, es gibt nur die beiden besagten Lösungen: Privatisierung oder Management. Was unmöglich zu privatisieren ist – die Ozonschicht, die Meere, die Satellitenumlaufbahnen -, das muss man managen. (Seite 79)

„Management“, so hatte er vorher erläutert, „kann zum Beispiel bedeuten, dass ein Staat Regeln aufstellt: Vielleicht wird eine Nutzungsgebühr eingeführt, vielleicht gibt es zeitliche Beschränkungen, vielleicht wird nach Augenfarbe (der Bauern oder der Kühe) entschieden, wer den Vorzug erhält.“

Das ist nicht nur ein Scherz: es muss eben von außen geregelt werden  – und nicht nach der Einschätzung der Einzelnen.

*    *    *

Ich verabschiede mich von dem beeindruckenden Artikel über die Stärke der Schwachen, die für Wolfgang Uchatius am Ende ausschlaggebend erscheint: sie müssen nur die Straßen bevölkern und zeigen wo es langgeht. („Sie haben dafür gesorgt, dass plötzlich fast alle Parteien über neue, echte Klimagesetze reden.“)

Das Reden hilft nur bedingt, man sieht es am Pariser Abkommen. Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich erst, so scheint mir, wenn die Politik sich auf das Wortungetüm Postwirtschaftswachstum eingelassen hat. Und damit bin ich wieder am Anfang dieses Artikels.

Kapitalismus Beispiel Kongo

Jean Zieglers Alarmruf

Nach der Talkshow ZDF 21.03.2019

Ich habe das aufgeschrieben, so gut es in der Eile ging, habe akustische Verständnisfehler in Kauf genommen, Jean Ziegler spricht sehr engagiert, mit Nachdruck – und mit Schweizer Akzent, man muss manches nachrecherchieren, insbesondere Namen und politische Fachbegriffe. Im übrigen kann man wohl alles in seinem Buch nachlesen. (Es war aufgrund der Sendung im Moment vergriffen.) Aber gerade die mündliche Darstellung, so wie sie live zustandekam, war derart packend, dass sie einem lange nachgeht. Man möchte alles rekapitulieren, auch den Impetus aufrecht erhalten und in manchen Punkten weiterforschen. So wird diese vorläufige Abschrift gewiss noch korrigiert und ergänzt.

Die Markus-Lanz-Sendung ist abrufbar HIER 37:44

Über Jean Ziegler vorweg Wikipedia hier. (Auch um die möglichen Kritikpunkte an seiner Person zur Kenntnis zu nehmen und vielleicht zu relativieren.) Im folgenden ML = Markus Lanz, JZ = Jean Ziegler.

ML Jean Ziegler ist bei uns, den wir nochmal sehr herzlich begrüßen in unserer Sendung. … er ist vorhin zitiert worden, auf einmal sagt der: Wahnsinn, der letzte Kommunist Europas heute bei uns in der Sendung. Sie haben dann gesagt: (versucht schwyzerisch) na, so wenige sind wir nicht.

JZ Hoffentlich nicht!

ML Ah es gibt noch andere Kommunisten, ja?, die Sie kennen…

JZ Der Kommunismus ist die … ist der Horizont der Geschichte, es hat ihn ja noch nie gegeben, außer in der französischen Kommune, März, Mai 1890, sonst hat es den nie gegeben. Aber im Manifest steht: Von jedem nach seinen Fähigkeiten, für jeden nach seinen Bedürfnissen. Das ist glaub ich die Norm, die die Zivilisation bedeutet, der Horizont…

ML Sie haben ein kleines, feines Büchlein gemacht „Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin“. Was ist denn so schlimm am Kapitalismus, abgesehen davon, dass Sie gar keine Enkelin haben…

JZ Was ist so schlimm am Kapitalismus? Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind. Und in 10 Jahren? Das ist die FAO Spezialübersetzung der Vereinten Nationen, die die Opferzahlen gibt, also in 5 Sekunden verhungert ein Kind, und in 10 Jahren und derselbe …., der die Opferzahlen gibt, jeden April, sagt, dass die Weltlandwirtschaft, so wie sie heute ist, problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Also … sind 7,3 … also das Doppelte normal ernähren könnte, wenn Nahrungsaufnahme nicht von Kaufkraft abhängen würde. Das Kind, von dem wir reden, und stirbt, wird ermordet. Punkt.

ML Das ist einer Ihrer berühmten Sätze, die Sie häufig sagen, Herr Ziegler , sagen Sie, erklären Sie uns das einmal, also: wenn Sie sagen, da wäre genug da für 12 Milliarden, wie könnte das praktisch funktionieren?

 (Klappentext)

JZ Erstens einmal: Hunger ist menschengemacht und könnte von Menschen morgen aus der Welt geschafft werden. Deutschland zum Beispiel ist sicher die vitalste Demokratie dieses Kontinentes, die dritte Wirtschaftsmacht der Welt, das Grundgesetz gibt keine Ohnmacht der Demokratie (???), das Grundgesetz gibt alle Waffen in die Hand den freien Bürgerinnen und Bürgern, diese Strukturen zu brechen. Gestorben, – ich war 8 Jahre lang Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, ich hab wirklich viel Schreckliches gesehen: gestorben sind immer dieselben, von der Mongolei bis Jokotan, Guatemala, Favela in Brasilien, Kalampas in den Smoky Mountains, in Manila usw. ich sage was Einfaches: wenn man redet, marschiert, denkt, träumt, verschwendet man, verausgibt man Lebensenergie, die muss ersetzt werden durch liquide oder Nahrung und diese Nahrungszunahme wird gemessen wissenschaftlich in Kalorien, in einem subtropischen Klima ein Erwachsener braucht pro Tag 2200 Kalorien, und wenn diese Kalorienzufuhr nicht kommt, dann zerfällt – es ist ein fürchterliche Agonie – (ML Agonie, also Todeskampf) ich bin ja in einem glücklichen Milieu aufgewachsen in der Schweiz, wie viele viele Leute immer noch, dass der Tod im ein Verlöschen, langsames, friedliches Verlöschen ist, es stimmt nicht: zuerst werden die Fett- und Zuckerreserven des Körpers aufgebraucht, dann kommen die Infektionen in den Metabolismus, das ist schon sehr sehr schmerzvoll, dann bricht das Immunsystem zusammen, dann bricht das Muskelsystem zusammen, da sehen Sie ja, Süd-Sudan, oder jetzt im Jemen, im Fernsehen, wenn die Kinder, die wie kleine Tiere im Staub liegen und sich nicht bewegen können, und dann kommt der Tod. Der ist fürchterlich schmerzvoll, und das passiert überall, Tag und Nacht, millionenweise auf diesem Planeten. Es sterben ja etwa 70 Millionen Menschen pro Jahr, verlassen diesen, ja unseren Planeten, Sie werden das auch erleben, ich leider auch, 70 Millionen, von diesen 70 Millionen Menschen, 72 genau, die letztes Jahr gestorben sind, sind 18 Prozent am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen gestorben, auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt, jetzt! Es war nicht immer so, aber heute, auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt, ist der Hunger und seine direkten Folgen immer noch die erste Todesursache, das ist ja absurd, das geht … das Massaker geht vor sich in eisiger Normalität, jeder weiß das, jeder kennt das, und man weiß genau, was die Strukturen sind, die den Hunger…. (nämlich?) das sind zum Beispiel die Börsenspekulationen, auf Grundnahrungsmittel, Sie können in der Deutschen Bank in Hamburg, in der Filiale Reiszertifikate kaufen, auf den Reispreis, auf Grundnahrungsmittel Reis, Getreide und Mais, das sind 75 Prozent Durchschnitt im Weltkonsum, und wenn der Reispreis steigt, oder der Getreidepreis steigt…. also das geht …(gestikuliert raufrunter) . steigt, dann machen die ?nioren ??? Hedgefond Großbank Riesenprofite, und in den kallistesten (?) Städten der Welt, in den Kalampas von Lima z.B., wo die Frauen mit ganz wenig Geld die tägliche Nahrung kaufen müssen für ihre Kinder, da kann sie die Nahrung nicht mehr kaufen, weil sie sie nicht bezahlen kann.

ML Eine Geschichte würde ich gern noch ansprechen, weil uns das auch alle und ganz unmittelbar betrifft, – Kongo! Unsere Handy, Mobiltelefone, Laptops, alles was wir an mobilen Endgeräten, Smartphones usw. benutzen – das Coltan, das in diesen Geräten drin ist, wird vorzugsweise dort abgebaut, und bevor wir gleich und kurz darüber sprechen, was Sie dort gesehen haben, schauen wir mal einen ganz kurzen Ausschnitt an, der mal dokumentiert, unter welchen Bedingungen dieser Rohstoff dort abgebaut wird, bitteschön.

FILM ab 44:23 HIER (Tagesschau 8.12.2016)

So, sind das die Bedingungen, unter denen heute dort Coltan abgebaut wird?

JZ Ja, mein Buch heißt: „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ und das ist ein Beispiel davon. Das ich gesehen habe. Ich habe kein Handy, werde nie eines haben, wegen… was ich gesehen habe. Sie habens richtig gesagt: Coltan 80 %, 81 % des Coltans der Welt dieses Metalls wird abgebaut im Ost-Kongo Nor Ituri usw. Unter folgenden Bedingungen:

[Zum Verständnis des Textes siehe auch unten im Original des Buches*]

Das Coltan ist in sehr brüchigem Gestein, und deshalb sind die Schächte sehr eng, und da können nur Kinder, 10-, 12-jährige Mädchen, Buben, können da herabgelassen werden, und werden an Seilen herabgelassen, 10, 20 Meter, um das Coltan zu schürfen, unter ganz fürchterlichen… Angst! die haben Angst, und es gibt Verschüttungen, die ersticken, werden von Milizen bewacht, – (Milizen, die die bewachen, WARUM?) es ist so, das Coltan … ich habe genug Prozesse am Hals gehabt, damit will ich das ganz genau sagen, es sind einheimische oder indische oder pakistanische oder libanesische Kleinunternehmer, die diese Coltanminen ausbeuten (kontrollieren, ausbeuten), die Milizen bezahlen, die die bewachen, die Kinder terrorisieren, usw. usw. dann wird das Coltan verkauft an die Scheka-Minen, an die staatliche Minuperve-Gesellschaft in Konka? , ein ganz korrupter Verein, und die verkaufen das Coltan dann weiter an Glencore, an Freeport, an die großen, weltweiten Minenkonzerne, die wollen ja nichts zu tun haben mit Kinderarbeit, sonst haben die ein Problem, in Zivilgesellschaften (ist imagemäßig schlecht ), Coltan auf Lastwagen, nach Ruengeli Goma, die ruandesische Grenze, durch Ruanda, Kenia, Mombasa in den Hafen aufs Schiff, Rotes Meer, Suez-Kanal usw. Und dieses Coltan – wir bezahlen es mit dem Leben der Kinder, kann man sich fragen, es ist alles bekannt, was die Kinder erleben, und ich sags noch einmal, es könnte mein Kind sein, Ihr Kind … und trotzdem, die Rattenfänger, diese Minenbarone, die rekrutieren in dem Riesenlande, ?kiu z.B., bei den Baforero, den Bashi, den großen Kulturvölkern, die da im Elend leben. Die Kinder wissen um den Schrecken, der sie erwartet, die Mütter auch, aber die Kinder wissen, wenn sie nicht daher herunter gelassen werden, und diese Angst ertragen, und dem Rattenfänger folgen, dann stirbt die Familie am Hunger zu Hause, ja?

ML Aber wie kann man das denn verhindern? 47:33 (bis 50:05)

JZ Aber jetzt hat es Hoffnung gegeben, ich komme wieder vorbei, wenn ich das sagen darf: der Obama in seiner letzten Amtszeit – unter dem Druck des Black Caucus , also der schwarzen Repräsentation des Repräsentantenhauses und auch der sehr lebendigen amerikanischen Zivilgesellschaft, die ist ja sehr vital, hat ein Executive Order, also nicht ein Gesetz, das durch den Kongress geht, eine Executive Order Conflict Minerals, hat also verboten, dass Coltan Conflict Minerals, das unter so fürchterlichen Bedingungen geschürft wird jeden Tag, der wax(?) Zutritt wird verboten in Amerika. Conflict Minerals!

ML Okay, also so könnte es gehen

JZ Aber was dann passiert ist … Glencord , was sag ich – mein Buch ist ja dazu da zu zeigen mit Beispielen nur Beispiel: die Allmacht multinationaler Konzerne, die Hierarchien des globalisierten Kapitals – Glencord, Rio Tinto, Freeport usw. usw. die haben mobilisiert, und haben gegen die Regierung des stärksten Staates der Welt, das müssen Sie sich vorstellen, nicht gegen Albanien oder die Mongolei oder Malawi, sondern sie haben Washington gesagt: so geht das nicht! Wir werden an unserer Profitmaximierung gehindert, das Gesetz nehmen wir nicht an, Trump ist an die Macht gekommen, am dritten Arbeitstag hat er das Gesetz liquidiert. (Okay.) Ersatzlos gestrichen! Und das ist die Situation, und diese Schrecken – der Film ist ganz konkret! (jaja, absolut!) und sehr gut -, dieser fürchterliche Kindermord geht weiter, Tag für Tag, Nacht für Nacht, in eisiger Normalität, und wir brauchen unsere Handys, die Flugzeugrümpfe? Brauchts auch Coltan … usw. (das ist in ganz vielen Stellen drin, genau!) und wir sind irgendwie Komplizen darin. Und es gibt ja eh – ich sags noch einmal! – keine Ohnmacht in der Demokratie – wenn wir jetzt zusammen diskutieren würden – Honduras oder Peking usw. aber in Deutschland, im Herzen Westeuropas, in der vitalsten Demokratie gibt es keine Ohnmacht, das dürfen wir nicht tolerieren!!!

ML Vielen Dank! Verstanden. Herzlichen Dank. (50:06) (Beifall) Wahnsinn! (Beifall) Frau Dreier, sie wollten kurz…

Malu Dreier: Ja, ein Wort nur, ich wills nicht aufhalten, aber ich finde schon, dass Herr Ziegler recht hat, dass wir eine wirkliche Verpflichtung haben, in Deutschland und international mit dafür zu sorgen und immer wieder die ganze Kraft dafür einzusetzen, egal, ob es um das Thema Rüstungsexport oder um solche Sachen: Kinderarbeit kann man im Grund nur, ja, ausrotten, wenn man international es stemmt, in gemeinsamen Aktionen, Vereinbarungen, es muss einfach unsere Verpflichtung bleiben, und da bekenn ich mich auch dazu, weil ich wirklich finde, dass wir nicht einfach nur konsumieren können, ohne zu verstehen, was dahintersteht. Wir müssen darauf schauen, wo kommen die Produkte her und wir haben auch unsere Pflicht, dafür zu sorgen, uns international dafür stark zu machen, dass das abgeschafft wird. Kinderarbeit darf es auf der Welt nicht geben! (51:04)

 Beispiel Kongo:

Vorweg: hier (Literaturfestival Litcologne)

Auch dieses Interview sollte man kennen: hier (Aargauer Zeitung)

*     *     *

Und wie geht’s weiter? Eine Möglichkeit (auch ich habe Enkel/innen):

 ISBN 978-3-10-397401-0

Von den Merksätzen auf Seite 295 sei nur ein einziger zitiert (s.a. hier):

Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt.

Facebook im Visier

Aufklärung im TV 

Lanz Screenshot 2018-03-24 15.30.56 Markus Lanz und Ranga Yogeshwar (ZDF)

(Markus Lanz Ausgangsfrage:) 5:15 „Facebook – 50 Millionen Daten geklaut, was ist da passiert? Kannst du uns das so erklären, dass wir alle das verstehen?“

[Im folgenden stehen in runden Klammern immer Einwürfe, meist von M.Lanz]

RY [Ranga Yogeshwar] Wir wissen alle: es gab eine Wahl in den USA, Donald Trump ist Präsident geworden, und wenn man sich die Wahl genauer anschaut, merkt man, er ist sehr knapp Präsident geworden, da war keine große Mehrheit, in einigen Staaten, da gab es mehrere tausend Stimmen als Unterschied, und es wurde viel darüber spekuliert, war dieser Wahlkampf einer, bei dem Internet, ganz konkret die sozialen Netzwerke, eine wichtige und vielleicht größere Rolle gespielt haben, als der eine oder andere denkt. Nun klingt das für den Laien abstrakt, und er sagt, was soll Facebook mit einem Wahlkampf zu tun haben, aber: was bei jeder Wahl auch in den USA der Fall ist: es gibt die einen, die wählen fest die Demokraten, die andern die Republikaner, aber dann, und das war bei dieser Wahl auch besonders, gab es viele, die sich noch nicht entschieden hatten, und wenn man jetzt, und jetzt stellen wir uns einfach mal vor, wir wären sozusagen Wahlkämpfer, dann würden wir ja sagen, o.k., die die ohnehin die falsche Partei wählen, die brauchen wir gar nicht (muss man sich nicht drum kümmern), aber wenn wir die, die ein bisschen unentschlossen sind, möglicherweise zuerst einmal identifizieren und dann so mit Informationen füttern, dass sie möglicherweise anfangen, ihre Meinung wirklich zu ändern, können wir das Ding reißen. Und genau das ist passiert, und zwar in mehreren Stufen: die erste Stufe war, dass man dafür Daten braucht, und da kommt Facebook ins Spiel, weil Facebook natürlich erstens mal ein gigantisches soziales Netzwerk ist, zwei Milliarden Nutzer (ist unvorstellbar), also auch in den USA weit verbreitet, und anhand der Daten in Facebook und auch bestimmter Apps, die da sind, war man nun in der Lage, zu erst einmal genau auszuloten, wer, wie ist das Profil von dem einen oder dem andern. (Wer sind sozusagen die wankelmütigen Kandidaten?) Wer sind die Wankelmütigen, wofür interessieren die sich, womit kann ich die ködern? 7:18

(Was sind die Probleme dieser Leute. Wir gehen da gleich tiefer rein. Herr Schieb, wenn man das hört: 50 Millionen Profile, – ich habs immer noch nicht verstanden, wie haben die das gemacht, was haben die zusammengeführt, und was ist das, was da gestern rausgekommen ist? Ist ja im Grunde eine Explosion, die diese digitale Welt erschüttert hat, und von der man noch nicht so genau weiß, wann irgendwann die letzten Eruptionen wirklich zuende sind.)

Lanz Yogeshwar Screenshot 2018-03-24 15.32.07 Markus Lanz, Ranga Yogeshwar (ZDF)

JS [Jörg Schieb] Also erstmal ist es so, dass 2016 nicht das erst Mal war, dass soziale Netzwerke ne Rolle gespielt haben, (Obamas Wahlen ja auch schon!) da hat man ja ganz klar gesagt, das hat ne Rolle gespielt, die jungen Leute anzusprechen, aber nicht mit diesen Methoden (genau! Reden wir hier von Tricks? Reden wir hier von Manipulation? Wovon reden wir hier?) Ich würds nicht unbedingt als Manipulation bezeichnen, im Grunde ist das, was Cambridge Analytica gemacht hat, sehr konsequent das weiterzutreiben, was Facebook sowieso hat, als Geschäftskonzept. 8:10 Nämlich, denn das Geschäftskonzept von Facebook ist ja nicht, dass wir uns unterhalten oder Fotos austauschen, das ist quasi das Lockmittel. Das ist das, was wir gerne tun möchten, aber das dient letztlich nur dazu, dass Facebook möglichst viele Benutzer bekommt und die möglichst gut kennenlernt. Auch das hat natürlich einen Hintergrund, dieses Kennenlernen bedeutet: möglichst die Vorlieben kennen, die Orte kennen, wo man ins Restaurant geht, wo man eincheckt, welche Hotels man besucht, ob man Fahrrad fährt, Veganer ist und solche Geschichten. Warum? Nicht weil es so interessant wäre, sondern weil das die Möglichkeit bereitet, möglichst genaue Werbung zu päsentieren. Das nennt sich Targeting, in dieser Fachsprache, in der Onlinewerbung (Targeting Zielen, genau gerichtet) es gibt ja dieses Gießkannenprinzip Anzeige für Unterhosen sie spricht aber, sie spricht eigentlich nur Männer an, wenns Männerunterhosen sind, (von Frauen gesehen, genau, macht kein‘ Sinn) ist es verschenktes Geld 9:02 jetzt ganz genau hingehen zu können und nem Veganer ein veganes Restaurant empfehlen zu können, als plattes Beispiel, ist natürlich viel besser, man weiß, es ist ein Veganer und der wohnt möglicherweise in der Stadt, oder besucht die Stadt regelmäßig, wo es das Restaurant gibt, dafür bezahlt jemand, der Werbung schaltet, mehr Geld, weil es eben treffsicher ist, treffgenau ist, als für so ne lapidare Werbung, die jeder sehen kann. Und genau deswegen versucht Facebook Benutzer möglichst genau zu kennen und mehr über sie zu erfahren, als wir uns vorstellen können. Also man weiß mittlerweile, dass Facebook uns, jeden von uns, besser kennt als – na ja, Sie sowieso, als n Freund oder sogar die Familie. Also, das ist ganz definitiv (können Sie das mal so konkret machen?). Ja, zum Beispiel, was ich insgeheim mir wünsche, was ich für Träume habe, das lässt sich ableiten, nicht dadurch, dass ich plump so auf ne Webseite gehen, sagen wir mal ehmm Motorradfahrer, kuck mal diese Seite so regelmäßig an, das wäre einfach, dass man sich das merkt, das wird zwar auch registriert, aber durch die Tatsache, dass ich bestimmte Dinge like, also: mag, da reichen 6 – 7 Likes, die ich wahllos mache, um relativ präzise sagen zu können, wie ich ticke. Nicht weil ich schon so viele Informationen über mich preisgegeben habe, sondern genau deswegen, weil Facebook 2 Milliarden Menschen genau kennt und scannt, und die Gewohnheiten eben von 2 Milliarden Menschen schon kennt und das vergleichen kann. Also Big Data, dieses große Datenpoolprinzip, wird hier halt zur Spitze getrieben und wirklich komplett ausgenutzt. Also nicht ich verrate wirklich aktiv, was mich interessiert und was meine Neigung ist, sondern insgeheim, durch verschiedene Reaktionen lässt es Rückschlüsse zu, also letztlich weiß Facebook nicht 100prozentig genau, (aber Sie kriegen ein Gefühl dafür!), aber Sie kriegen ein Gefühl dafür, und diese Treffsicherheit ist enorm hoch (ist enorm hoch), und genau das wollte Cambridge Analytica ausnutzen (diese Firma Cambridge Analytica, ich lese die unterschiedlichsten Dinge darüber, lese darüber, dass ein eher rechts ausgerichteter amerikanischer Milliardär, Robert Mercer, dahintersteckt, als Financier, der 15 Millionen Dollars da investiert haben soll, ich höre, dass eine Firma dahinter, ein gewisser Steve Bannon eine entscheidende Rolle gespielt haben soll, sogar den Namen soll er sich für diese Firma ausgedacht haben, wer sind diese Leute, wer ist Cambridge Analytica?). 11:26

Schieb Screenshot 2018-03-24 15.33.13 Jörg Schieb (Screenshot ZDF)

RY Also es gab in den letzten Tagen … eigentlich sind die Recherchen hervorgekommen, was da wirklich los ist, die Kollegen in Grossbritannien vom Guardian, von New York Times, vom Channel Four, das war ne große – ich war gerade in London noch gestern – und die, das waren wirklich zwei große Sendungen zur Hauptsendezeit, (was haben die da gemacht?) die haben investigativ sehr genau gekuckt, was ist das für ein Unternehmen und haben Journalisten dahingeschickt mit versteckter Kamera und merken, wie diese Firma vorgegangen ist, es gibt daneben so einen, der ausgestiegen ist, der wirklich auch die Praktiken dargestellt hat, und wir fangen mal beim Namen an, Cambridge Analytica: wer in Cambridge, das ist die große Universität, Cambridge Oxford, und Steve Bannon, das war der Wahlkampf-Chef von Trump (das Mastermind sozusagen) jetzt muss man sich mal die Dreistigkeit vorstellen, diese Firma sitzt eigentlich in London, die mieten Büros in Cambridge, nehmen ihre Mitarbeiter und sagen: o.k. kommt, an dem Tag kommt Steve Bannon, und täuschen vor: das ist n ganz akademischer Verein. De facto dahinter ist es so, es ist eine Firma, die mit kriminellen Methoden versucht, Wahlkampf zu machen. Kriminell heißt, es wurden zum Teil Prostituierte eingeladen, also es gibt in dem Video, was man sieht, Szenen, wo man wirklich sagt: das kann nicht wahr sein, also wo man merkt … wie … ja, absurd Politik geht, Machtgewinn geht, indem Menschen bewusst vorgeführt werden, unter Druck gesetzt werden, wo ein System sich offenbart und in diesen Interviews gefilmt wurden, hört man, das ist nicht nur im Wahlkampf in den USA so, das passiert öfters, und das lässt jeden, der sich das anschaut, daran zweifeln, (das ist ja auch das, Herr Schieb, was die Leute so elektrisiert, ne? Dass man plötzlich das Gefühl hat, ah, Moment mal, eh, der Brexit zum Beispiel hat damit möglicherweise auch damit zu tun, dass die Firma, die sich damit ja auch teilweise brüstet. Diese Reporter, von denen du gerade sprachst, von Channel Four haben sich ausgegeben als Interessenten … Wahlkampf auf Sri Lanka … ein Geschäftsmann, der irgendwie Hilfe brauchte, wie kann man andere Leute unter Druck setzen, wie kann man sie manipulieren, schick da mal n paar Mädchen vorbei und dann werden wir den Rest erledigen usw. – diese 50 Millionen Datensätze, was hat es mit denen auf sich, wie kommen die daran, wie kommt Cambridge Analytica an diese Datensätze von Facebook? Wenn ich dort jetzt n Account habe, dann gehe ich doch davon aus, dass der geschützt ist und nicht hinten rum an Cambridge Analytica verkauft wird.) 14:20

JS Genau das ist der wichtige Punkt, den man auch in aller Deutlichkeit sagen muss, dass Facebook hier Massenverrat begangen hat nachgewiesenermaßen, aber es sowieso täglich tut, weil das Prinzip ist so gewesen. Cambridge Analytica hat keine direkte Verbindung mit Facebook gehabt, hat also die Daten nicht gekauft, das sowieso nicht, man kann jetzt keine Daten kaufen bei Facebook, das kann man nicht (das ist schon mal wichtig zu verstehen), das tun die nicht, aber wenn man eine App entwickelt, also eine Anwendung, die in dem Portfolio von Facebook läuft, auf dem Smartphone oder auf dem Desktop-Computer, also eine App, die in Facebook läuft, dann hat man das Privileg, auf bestimmte Daten zuzugreifen, die Facebook zur Verfügung stellen kann und auch zur Verfügung stellen möchte (kostet die was?), um die Anwendung sinnvoll zu machen, dass ich mich bequem einloggen kann, dass ich meinen Namen nicht wieder eingeben muss, dass ich auch sehen kann, mit wem bin ich denn befreundet, z.B. Freunde in ein Spiel zu ziehen, sehr häufig wird das gemacht (bezahlt man dafür dann? Oder wird einem das so zur Verfügung gestellt?), das wird einem so zur Verfügung gestellt, weil Facebook ja ein Interesse daran hat, möglichst jeden Bedarf abzudecken, egal ob verrückt oder nicht verrückt, Inhalte, Fotos, Videos, Spiele, alles wird da angeboten, und je länger die Menschen Zeit verbringen in Facebook, diese Präsenzzeit ist halt Geld wert. 15:32 Also die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendeine Werbung anschaut, also anklickt, wird dadurch deutlich erhöht. (Woran wir wieder merken, dass es nichts kostenlos gibt, denn alles hat n Preis, ne? Alles hat n Preis! Und immer dann, wenns kostenlos ist, besonders vorsichtig sein. Wie geht’s dann weiter? Wie kommen die jetzt wirklich an diese 50 Millionen, was machen die da mit diesen 50 Millionen Datensätzen?)

JS Also es gab eine Firma SCL [? hier ? nein hier !], oder es gibt eine Firma SCL, die hat eine App entwickelt, 2016 war das, nee 2015 schon, die nannte sich „This is your digital life“, war angeblich ein psychologisches Experiment, deswegen war Facebook etwas großzügiger bei der Herausgabe von Daten, da konnte man kucken, was bin ich den so fürn Typ, wo bin ich vernetzt, wo sind meine Freunde, also im Grunde genommen schon son kleinen Einblick in die Information, die auch Facebook über einen hat, und diese Daten von 270.000 Benutzern, die diese App offiziell benutzt haben, hatten die gleich im Sack sozusagen. Von den Benutzern gabs ne Freigabe, haben die Benutzer gesagt, die App benutze ich, und damit hat man zugestimmt, meistens ohne es zu wissen, wer liest sich das ehrlicherweise durch (genau!), dass die Daten von Facebook (du kommst an diesen Punkt, stimmen Sie den Nutzungsbedingungen zu, und ich sitze dann immer davor und denke, na gut, wenn ich jetzt nein sage, dann komm ich ja nicht mehr weiter, dann habe ich meinen Rechner umsonst gekauft) ja, man kann nicht bei Marc Zuckerberg anrufen und mit dem verhandeln und sagen: der Paragraph gefällt mir, der aber nicht. Das ist nicht besonders…, also friss oder stirb, das sind alles Mittel.. akzeptieren oder nicht, das macht auch schon das Missverhältnis deutlich, der gigantische Konzern und der kleine User. Also dieser App-Anbieter hat 270.000 Nutzer gehabt, diese Daten wurden alle schon mal eingesammelt, jetzt kommt der springende Punkt: Jeder einzelne Benutzer ist ja befreundet, das ist ja der Sinn und Zweck bei Facebook, im Schnitt 190 Freunde pro User, d.h. also etwa 200 mal 270.000, plopp sind wir bei 50 Millionen, die App hatte den Zugríff auf die Daten, dieselben Daten, die die registrierten Benutzer oder mehr oder weniger dieselben Daten wie die registrierten Benutzer und konnte von den Freunden die Information auch auslesen. Was ein psychologisches Experiment sein sollte, eine Praxis, die Facebook allerdings danach nicht eingestellt hat, aber stark beschnitten hat, das muss man fairerweise sagen. 17:40

RY Die Brisanz, die wir im Moment erleben, sind zwei Sachen, und ich glaube, dass wird der Lackmustest sein in den nächsten Wochen, ob Europa tatsächlich mündig ist, was das betrifft. Wir haben offensichtlich hier eine Spitze eines Eisbergs. Ich wage zu prognostizieren, dass wir noch viel mehr hören werden. Wir merken, es gibt große soziale Netzwerke, die einen immensen Einfluss haben und die damit auch Demokratien, die Art und Weise, wie wir kommunizieren, die Art und Weise, wie Bewusstsein entsteht, die Art und Weise, was wir glauben und nicht glauben, massiv beeinflussen. Und wir haben im Moment die Situation, dass z.B. Facebook Algorithmen verwendet, die niemand kennt. Ich persönlich glaube, wir müssten eine Offenlegung verlangen, also eine Art Rechenschaftspflicht, und ich würde persönlich so weit gehen zu sagen, vor dem Lichte und auch der Brisanz – weil man muss sich klar machen, die Konsequenzen auch für die Politik sind eine Entmündigung, wenn das so weiter geht (ist richtig!) , werden irgendwann Milliardäre bestimmen, wer sozusagen hier Politik macht. Also die Politik selber hat hier ein Interesse einzuschreiten, (ja, oder die machen die Politik selber!) ich würde sehr radikal, ich meine, das ist jetzt vielleicht – ich weiß, jetzt kommt n Shitstorm – aber ich würde sagen: in Deutschland oder Europa, man sollte wirklich mal die Pausentaste drücken und sagen: so! stopp! Wir stoppen Facebook, bis das aufgeklärt ist. Denn die Konsequenzen daraus, auch hierzulande, – überlegen wir – im letzten Jahr, ich mein, ich ging mit vielen Leuten in Berlin demonstrieren gegen Fake News, 11.000 Leute, weil wir inzwischen auch gemerkt haben, dass wir hier ein Riesenproblem haben (absolut!), dass Menschen irregeleitet werden, und ich glaube, an irgendeiner Stelle müssen wir so langsam mal aus diesen Wildwest-Methoden, die es mal gab, ein vernünftiges Prozedere machen. (Beifall) (Also ich fände es gut, sich mal klarzumachen, was das bedeutet. Ich hab neulich mal ne Untersuchung gelesen, die besagt, dass sich Fake News im Netz sechsmal schneller und besser duchsetzen als die Wahrheit.

JS Sechsmal schneller, und Sie erreichen zehn bis hundert mal so viele Menschen, das ist also ein gigantischer Effekt (warum ist das so?) – das haben Forscher untersucht, das liegt daran, dass Fake News, falsche Nachrichten, wie immer man das nennen möchte, emotionaler sind, sie haben einen Überraschungseffekt, das heißt, sie machen uns neugierig: wie stimmen zu, dann machen sie uns deswegen neugierig, oder wir lehnen sie ab, dann machen sie uns auch neugierig, das heißt: das ist ein menschlicher Reflex, das zu lesen, das zu kommentieren, das zu liken, oder zu widersprechen. Und jetzt kommen wir zu einem ganz ganz wichtigen Punkt: Die Tatsache, dass die Fake News so gut funktionieren, dass wir darauf ansprechen, ist der Effekt, ist sogar ein Turboeffekt für die Fake News: wir Menschen sorgen dafür, dass sie sich verbreiten, denn – Facebook sagt ja sogar, wir sollen Gegenargumente liefern, wir sollen gegenargumentieren, die Gegenrede, so nennen die das, um Fake News zu entlarven. Wenn wir das machen, belohnen wir aber die Fake News, weil die Algorithmen immer kucken, welche Texte, welche Fotos sind denn interessant, wo reagieren denn die Leute? Und die Algorithmen sind nicht schlau, die unterscheiden nicht zwischen einer intelligenten Auseinandersetzung oder einer Zustimmung, sondern die sehen nur: da ist Action, da ist was los, da geh ich doch hin, ich zeig das jetzt noch mehr Leuten, 21:14 weil das scheint ja interessant zu sein. Und das ist der Turboeffelt, wir haben die Blase, diesen Algorithmus, der saudämlich ist, der dafür sorgt, dass Dummheiten, Verrücktheiten und Lügen sich um so schneller verbreiten, und alles Wahre, leise Formulierte, was stimmt, geht unter. Und das ist genau das Gefährliche an den … sogenannten sozialen Netzwerken, weswegen ich auch sage, es sind asoziale Netzwerke, weil sie das Falsche belohnen (Beifall) weil sie das Falsche belohnen und das Richtige und Wahre (Beifall bleibt)…

Brinkbäumer Schieb Screenshot 2018-03-24 15.32.59 Klaus Brinkbäumer und Jörg Schieb (ZDF)

Klaus Brinkbäumer Es gibt ein wirklich eindruckvolles Beispiel aus den USA aus dem Wahlkampf von Breitbart. Haben wir alle schon gehört, Breitbart ist die extrem rechte Nachrichtenseite, wenn man es denn Nachrichtenseite nennen möchte, bei der (ideologische Plattform der Rechten!) Stephen Bannon auch beteiligt ist, derselbe Bannon, Trumps Wahlkampf Mastermind, von dem wir grade schon gesprochen haben. Breitbart hatte zu Beginn des amerikanischen Wahlkampfes 100.000 wir nennen es Follower, Fans, Leute, die die Seite also regelmäßig zu sehen bekamen, am Ende waren es über anderthalb Millionen, die alles weitergeleitet haben, das wichtige sind die Sharing-Funktionen, noch wichtiger als die Likes, (Teilen!) weil das dadurch geteilt wird, und dann gab es schlichte Erfindungen, also Pizzagate z.B. war eine Erfindung, also kein Wort stimmte, dass Hillary Clinton in einen pädophilen Ring involviert gewesen sei, ja, es gab kein Indiz, schon gar keinen Beweis, es war schlicht eine Erfindung (die Geschichte war im Keller einer Pizzeria … sollte das vonstatten gehen … missbrauchen böse Menschen arme kleine Kinder) – und diese Geschichte bekam mehr Aufmerksamkeit, wurde mehr geteilt als die ernsthaftesten, fundiertesten Enthüllung der New York Times. Plötzlich war Breitbart auf dem Niveau der New York Times durch genau diese Methoden, über die wir gerade gesprochen haben. Und wenn wir dann verstehen, dass es am Ende um genau 70.000 Stimmen ging, in drei Bundesstaaten, dann kann man die Frage gar nicht mehr verneinen, ob das eine Rolle gespielt habe (ist richtig!) (Schieb: War im deutschen Wahlkampf übrigens genauso. 23:25 LANZ: Wollte ich gerade sagen, wenn man AfD und Flüchtlingskrise gegoogel hat, haben Leute dafür gesorgt, dass Angela Merkel auftauchte beispielsweise. SCHIEB: Ich glaube acht der zehn am weitesten verbreiteten Nachrichten mit Angela Merkel waren nachweislich Fake News, acht von zehn, also, das ist ja mehr als deprimierend, das ist ja beängstigend, und das macht das Ausmaß deutlich, also dieses…. Cambridge Analytica ist im Grunde genommen nur eine Blaupause, die uns mal zeigt, welche Wirkung das alles hat (ein Brennglas im Grunde) . Ich glaube, die Spitze des Eisbergs auch deswegen, denn es wird noch tausend Fälle geben, von denen wir gar nichts wissen (so, und in dem Zusammenhang nochmal: wichtig zu erwähnen, es betrifft nicht nur Facebook, es ist das Geschäft der Datenriesen aus dem Silicon Valley. Und Cambridge ist nur einer davon. Ranga, du wolltest da noch was…)

RY Was bei dieser Thematik die große Schwierigkeit ist, – ich weiß nicht, ob ihr mir zustimmt -, ist: Am Anfang hört sich das furchbar abstrakt an, – ich kann mir vorstellen, jetzt sitzt zuhaus einer und sagt: ach, was soll Facebook…, was soll das? Und ich glaube, da ist es total wichtig zu verstehen, dass wir hier im Grunde genommen… wir erleben eine Veränderung der Medien, wir erleben eine Veränderung der Kommunikation in einer Gesellschaft. Und sich klarzumachen, dass im Moment die Kriterien nicht mehr die sind …  nämlich: wir kucken, dass Medien möglichst nah an der Wahrheit sind, dass – wenn sie etwas behaupten, dass man sie auch belangen kann, es gibt Presserecht usw., Medien sind etwas ganz Besonderes in einem Land, und was wir jetzt erleben, ist so, dass wir kommerzielle Interessen haben, wo wir möglichst viel Aufmerksamkeit erregen wollen, wo wir Klick-Rates haben, Teilung usw. um kommerziell etwas zu machen, und dass wir damit anfange, das Wichtigste, was eine Gesellschaft hat, nämlich die Kommunikationsstruktur, zu vernebeln. Und ich glaube, wir sind jetzt so an einem Punkt, wo ich wirklich erwarte eigentlich, – und das kann nicht der einzelne User sein -, wo auch die Politik aktiv sagen muss, JETZT REICHT’S!  Ich finde einfach, dies Thema ist unendlich wichtig, nicht weil es irgend so ein Insiderthema ist, – wir haben gesehen: Wahlen werden entschieden damit – (reden wir gleich noch ausführlich darüber, wollte nur kurz fragen: Bülent, bis du Facebook … eh ..)   25:50

Quelle dieser Abschrift (ohne Gewähr JR): ZDF-Sendung Markus Lanz vom 21. März 2018 / Zu Gast waren Moderator Ranga Yogeshwar RY, Internetexperte Jörg Schieb JS, Journalist Klaus Brinkbäumer etc. / Abzurufen bis 21.04.2018 HIER.

Wikipedia Jörg Schieb – Wikipedia Ranga Yogeshwar – Wikipedia Klaus Brinkbäumer

Bemerkung am Rande: Das fabelhafte Buch von Klaus Brinkbäumer – die Unterhaltung mit ihm ist in derselben Lanz-Sendung zu hören – habe ich mir direkt am nächsten Tag besorgt, nicht bei Amazon (auf diesem Weg habe ich mir nur den „Kampf der Tertia“ antiquarisch besorgt), sondern in der Buchhandlung meines Vertrauens (Jahn, Nähe Hbf.Solingen). Mein Scanner bewältigt das Format nicht, aber es bringt doch Farbe auf diese Seite:

Brinkbäumer Link zum Fischer-Verlag HIER.

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FORTSETZUNG FOLGT 2 Tage später ZDF HEUTE JOURNAL 25.03.2018 ab ca. 21:55 HIER 

ZDF Slomka Screenshot 2018-03-25 23.35.57

(Marietta Slomka:)

(6:52) Die Ermittler kamen am Abend , und sie blieben lange. Die britische Datenschutzbehörde ließ letzte Nacht stundenlang den Firmensitz von Cambridge Analytica durchsuchen, je nach Datenfirma, die mit ihren Wänlermanipulationen prahlt. Auch der Facebookkonzern soll weiter unter Druck gesetzt werden. Von der EU-Kommission in Brüssel, aber auch von einzelnen EU-Mitgliedern. Die deutsche Justizministerin wird sich morgen mit Vertretern des Konzerns treffen. Die Frage ist nur, was fff???… Die Frage ist nur, was das bringen kann. Solange das Geschäftsmodell von Facebook auf Big Data beruht und solange Millionen Menschen das nicht zum Anlass nehmen, ihre eigene digitale Sorglosigkeit in Frage zu stellen. Das genau könnte gesche…dass das genau geschehen könnte, dürfte Facebooks größte Sorge sein. Dominik Rzepka berichtet:

Wie sehr Facebook unter Druck steht, erkennt man in diesen Tagen daran, was nicht gesagt wird.

„Hat dieser aktuelle Skandal für Facebook das Zeug dazu, für Facebook existenzbedrohend zu sein?“

(Semjon Rens:)

„Ich glaube, klar isist, dass wir als Unternehmen ne ganz klare Verantwortung dafür haben, für die Daten unserer Nutzer und für die Information unserer Nutzer, die sie auf unserer Plattform teilen.“

„Also keine Bedrohung für Sie?“

„Also letzendlich ist es genau das, was ich gesagt habe, es ist ähmm… (Lächeln) für uns … ähmmm (noch 1 Mundbewegung ohne Ton, Lächeln) …“

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Facebook wankt. In den vergangenen Tage hat der Konzern 50 Milliarden Euro an Wert verloren. In britischen Tageszeitungen entschuldigt sich Facebook heute für den Skandal. Und doch ist seine Macht ungebrochen, jeder vierte Mensch dieser Erde ist bei Facebook. Den Konzern zu regulieren, dabei stoßen nationale Parlamente an ihre Grenzen.

(Dieter Janecek B’90/Bündnis GRÜNE Bundestagsausschuss Digitale Agenda:)

„Die machen dann, was sie wollen, und das ist die Haltung, die Facebook hat: Die führen sich auf wie ein eigener Staat auf der Welt, und das sind sie vom Umsatz her ja auch, sie sind mächtig, und das lassen sie die Politik spüren.“

Das Europäische Parlament versucht seit längerem, Facebook etwas entgegenzusetzen, ab Mai gelten neue Regeln zum Datenschutz, Bußgelder von 4% des Jahresumsatzes sind möglich. Bei Facebook wären das 1,5 Milliarden Euro; doch selbst die zuständige Kommissarin räumt ein: Facebook bringt auch die EU an die Grenzen der politischen Handlungsfähigkeit.

(Vera Jurova:)

„Es gibt keine Wundergesetze, die Bürger zu 100% schützen. Das ist vielleicht etwas frustrierend, weil die Menschen erwarten, dass wir ihnen mehr Sicherheit geben, aber Politiker haben das inzwischen nicht mehr voll und ganz in ihrer Hand.“

Es geht inzwischen um nicht mehr oder weniger als die Frage: wer hat die Macht? Wirtschaft oder Politik, Parlamente oder ein digitaler Weltkonzern wie Facebook. (9:38)

(Katarina Barley:)

Der Staat hat – und in diesem Falle auch die Europäische Union – setzen die Regeln, an die sich diese Unternehmen halten müssen, und wir haben an vielen Stellen auch schon bewiesen, dass wir auch große Unternehmen am Ende als Rechtsstaat auch belangen können. Grade Facebook hat im vergangenen Jahr von Seiten der Kartellbehörden auf europäischer Ebene eine hohe Strafe zahlen müssen…

Morgen trifft sich Katarina Barley mit europäischen Vertretern von Facebook. Ihr geht es um die Aufklärung des Skandals und um ein politisches Zeichen, das Zeichen auch in der digitalen Welt noch handlungsfähig zu sein. (10:12)

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Nachtrag 5. April Es geht natürlich weiter: Beispiel Handelsblatt

Monatelang machte Facebook mit Fake News auf sich aufmerksam. Doch nun hat sich der einst bewunderte, inzwischen nur noch wundersame Internetkonzern auf eine andere Gattung verlegt: auf Fatal News in eigener Sache. Mark Zuckerberg musste eingestehen, dass vom Datenmissbrauch-Skandal rund um Cambridge Analytica 87 Millionen Nutzer betroffen sind, nicht wie bisher angenommen 50 Millionen. Was die Geschichte noch schlimmer macht: Facebook räumt zugleich ein, dass die Daten fast jedes Nutzers in der Vergangenheit durch Drittparteien geplündert worden sein könnten. Anlässlich der Beichte beschrieb Zuckerberg seine Firma erneut im Stile eines Gemeindepfarrers als „idealistisch“ und „optimistisch“, man habe sich Missbrauch schlicht nicht vorstellen können. Selig sind die Einfältigen, lautet der passende Kirchensatz hierzu.
(Hans-Jürgen Jakobs im „Morning Briefing“ des Handelsblattes)

Klimaziele: Zenit überschritten

Wir wissen es längst

ZITAT aus einem Interview über die bisher (nicht) geleistete Arbeit:

Ich glaube, der eigentliche Punkt ist, dass beim Klimaschutz eine völlig andere Logik, eine völlig andere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung auf unsere heutige Realität trifft und man eigentlich das bis heute nie richtig verarbeitet hat, wie man damit umgehen muss.

Armbrüster: Dann haben die Politiker die Bürger 20 Jahre lang angelogen?

Müller: Die Bürger haben sich auch was vorgemacht. Man muss hier einfach sehen: Das Grundprinzip, nach dem moderne Gesellschaften funktionieren, ist die Logik von Wachstum, schneller, höher, weiter, oder historisch der Linearität, also der permanenten Vorwärtsbewegung. Klima ist aber was anderes: Es ist der Umgang mit Grenzen.

Ich will damit nichts verteidigen. Ich will nur klarmachen, man sollte es sich auch nicht so einfach machen, als ob es da um die Ergänzung der bisherigen Politik geht. Es geht schon um was fundamental anderes, und das ist zu wenig begriffen. Mich ärgert – und das ist für mich das zentrale Versagen -, dass das nie richtig debattiert wurde.

Armbrüster: Was hat denn die SPD daran gehindert, das zu debattieren?

Müller: Was hat alle gehindert daran, dies zu debattieren?

Armbrüster: Na ja! Ich spreche jetzt mal mit Ihnen, weil Sie ja Einfluss vor allen Dingen in der SPD hatten oder haben.

Müller: Ist ja klar. Ich will das überhaupt auch nicht relativieren. Aber ich meine, beispielsweise auch ein Jürgen Trittin hat damals die deutschen Klimaschutzziele aufgegeben. Aber da haben sie nicht so genau hingeguckt mit der Öffentlichkeit.

Armbrüster: Da würde Ihnen Jürgen Trittin jetzt wahrscheinlich deutlich widersprechen.

Müller: Nein, das kann er nicht, weil selbst mein damaliger grüner Kollege, der umweltpolitische Sprecher Reinhard Loske der Grünen, damals erstaunt war, wie er das Ziel aufgegeben hat. – Ich will das aber jetzt gar nicht thematisieren. Ich will nur klarmachen, dass es um keine Kleinigkeit geht. Es geht um unheimlich viel und meines Erachtens hat die SPD nicht begriffen, dass sie eine unglaubliche Chance hätte, gerade dieses Thema zu bewältigen, weil es nämlich im Kern wie nie zuvor die Gerechtigkeitsfrage thematisiert. Wir werden mit Grenzen nur umgehen können, wenn wir zu mehr Gerechtigkeit kommen, und das ist eigentlich ihr eigenstes Thema und ich bedauere deshalb, dass sie das bis heute nicht richtig begriffen hat.

Quelle Deutschlandfunk, Tobias Armbrüster (DLF) im Gespräch mit Michael Müller / Radiosendung und Printversion des ganzen Interviews HIER

Dank an JMR!

Nachtrag in der Nacht zum 12.02.18

Der Beitrag in ttt (Titel, Thesen, Temperamente) kam wie gerufen, unbedingt hören, sehen, notieren! THEMA:

Kampf den Umweltlügen – Film und Buch „Die grüne Lüge“

HIER

Zitat zur „Nachhaltigkeit“:

„Mittlerweile benutzt diesen Begriff jeder, weil der natürlich auf keine Art und Weise geschützt ist“, erklärt Kathrin Hartmann. „Das kann alles Mögliche sein. Es gibt Gründe, warum man von nachhaltigen Palmöl spricht und nicht von ökologisch und sozial gerechtem Palmöl. Denn: Das gibt es nämlich nicht.“

Ich erinnere mich an eine Seite 2 – in der ZEIT oder in der Süddeutschen Zeitung – zum Thema Palmöl, darunter ein Artikel, dass jedes für Palmölplantagen gerodete Gebiet in Indonesien die Lebensgrundlage für 20 000 Kleinbauern sichert. Eine Art Erpressung? Morgen früh werde ich auf die Suche gehen. Die „guten“ Zeitungen bleiben für ein bis zwei Wochen auf dem Stapel der ZEIT, die bei uns Monate oder sogar 1 Jahr überdauert…

Morgen!

Rosen am Rosenmontag Morgens am Rosenmontag

Die Rosen habe ich aus privaten Gründen besorgt, habe die nette Blumenverkäuferin gefragt, wo die denn herkommen. Sagte sie Costa Rica oder Puerto Rico? Andere kommen aus Kenia. Viele auch aus Holland, natürlich. Nicht nur Tulpen. Ich weiß, und in Spanien nur Tomaten unter Folien, die Pflänzchen kommen in Töpfen aus (ich weiß es nicht mehr), sie werden nie Kontakt mit dem „normalen“ Erdreich haben. Wenn Sie das Foto anklicken, können Sie auch die Schlagzeilen meiner oben angekündigten Zeitung lesen. Ich bin die Seite inzwischen mit Rotstift durchgegangen. Im Fernsehen ein Moment Frohsinn aus Köln. Kein Missverständnis: ich spiele nicht den Savonarola! Für die Rosen aus Mittelamerika habe ich das Auto bewegt. Inzwischen scheint die Sonne. „Meine“ Schlagzeilen folgen, für den Fall, dass jemand die SZ-Artikel im Internet suchen will.

Süddeutsche Zeitung 3./4. Februar 2018 Seite 2 Thema der Woche Fluch des Biokraftstoffes Palmöl galt einst als saubere Alternative zum Diesel, es sollte das Klima schützen und wurde gefördert. Doch dann zeigten sich gravierende Nachteile. Nun plant die EU eine Kehrtwende. Wird das der Umwelt helfen?

Europas Brandspur Regenwälder müssen oft Palmöl-Plantagen weichen. Nun will die EU den Biodiesel für Autos verbieten. Aber das ist nur ein erster Schritt, denn der Rohstoff steckt auch in vielen anderen Produkten. Von Michael Bauchmüller. Hier

Gute Pflanze, böse Pflanze „Ich wüsste nicht, wie ich sonst mein Geld verdienen soll“: Kleinbauern in Südostasien protestieren gegen die Europäer, denn Millionen Menschen leben vom Plantagengeschäft. Von Arne Perras. Hier