Kategorie-Archiv: Politik

Vom Imperiengeschäft

… nicht nur zu anheimelnden Kulissen

Editorial von Cecilia Aguirre (Folker Juli 2019)

Sommerzeit ist Lektürezeit. Gerade amüsiere ich mich mit dem durchgeknallten A&R-Manager Steven Stelfox aus John Nivens Roman Kill ’em All. Die bissige Satire ist nichts für zarte Gemüter und leuchtet das Musikbusiness mit all seinen Schattenseiten grell aus: Koks, Geldgier, Geil- und Dumpfheit. Parallel blättere ich in Nivens Erstlingswerk Music from Big Pink. Der Autor verlegt die Szenerie nach Woodstock, wo sich diverse Musiker um den in der Nähe lebenden Bob Dylan gruppieren. Es entsteht The Band! Stilistisch ist Nivens Debüt unbeholfener, aber es steckt voller Musikzitate aus den Endsechzigern und eignet sich wunderbar zum akustischen Rekapitulieren: Levon Helms handfestes Folkwerk Dirt Farmer (2007) oder Bob Dylans sprödes Album John Wesley Harding (1967) mit Textzeilen wie „I pity the poor immigrant who wishes he would’ve stayed home“.
„Jeder zieht jeden über den Tisch“, kommentiert John Niven in seiner Nachschau lapidar die Musikindustrie, und Berthold Seliger belegt dies in seinem aktuellen Buch Vom Imperiumgeschäft: Konzerte – Festivals – Streaming – Soziales. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören (Edition Tiamat, 2019). Schon Das Geschäft mit der Musik – ein Insiderbericht (Edition Tiamat, 2013) las sich wie ein Krimi, trotz der nüchternen Akkumulation von endlosen Zahlen und Fakten. Seliger schließt an, und weiter geht’s mit den Machenschaften der drei Großkonzerne, die das weltweite Live-Geschäft krakenförmig einkreisen: AEG, CTS Eventim und Live Nation. Das Imperium schlägt zu und verschlingt seine Kinder. Dabei verweist Seliger – wie Niven in seinen Romanen – auf die Parallelen zwischen der Musikindustrie und dem Drogenhandel: Bei beiden heiligt der Zweck die Mittel. Die sind auch illegal recht. Wie anheimelnd wirken da unsere Folker-Kulissen, zum Beispiel in Bremen, bei einer Irish Session (S. 56-58). Da blinkt die Gemütlichkeit durch die Butzenscheiben eines Gasthauses, während virtuos beschwingte Fiddletunes erklingen. Der Multiinstrumentalist Albin Brun begibt sich mit seinem Schwyzerörgeli ins schnuckelige Altdorf (Kanton Uri, Schweiz) zum diesjährigen Alpentöne-Festival (S. 38-40). Und die vier Jungs von Bukahara haben sowieso nur den Weltfrieden im Sinn (S. 26-29). Was sonst?
Entspannte Lektüre

Cecilia Aguirre

(Foto: Luisa Aguirre) Weiter zur Zeitschrift Folker hier.

 Hier (der erwähnte Titel)

Zum SPIEGEL-Gespräch mit John Niven hier.

Zu Berthold Seligers Buch „Vom Imperiengeschäft“ hier.

Liberalismus!?

Ein Taschenspielertrick

„Befreiung“ war ein Zauberwort, seit ich zu denken gelernt habe. Oder glaubte, es zu lernen. Und immer gab es in diesem Prozess warnende Widerworte. Oft genug erschienen sie unberechtigt, zumindest verunsichernd, noch öfter lernte man sie durchschauen als Angst vor jeglicher Veränderung. (Der private Bereich wurde politisiert, zugleich auch verdrängt, und selbst heute lasse ich diesen Part gern außer Betracht, bzw. im rein Privaten.) Ich zitiere nur, was mich heute morgen unverhofft mit Freude erfüllt hat (wo eigentlich nichts zu freuen ist):

(…) für große Teile dieser Parteien verkörpert der Liberalismus das Übel dieser Welt, vor dem es das eigene Land zu schützen gilt. Sie alle arbeiten daran, Grenzen zu verschieben, moralische wie politische.

Den Liberalismus, den sie bekämpfen wollen, zeichnen sie natürlich nicht so, wie ein genuiner Liberalismus in seinem Kern ist: mit einem starken Rechtsstaat, mit robusten Institutionen und mit Werten, zu denen die Freiheit ebenso gehört wie die Verantwortung. Stattdessen skizzieren sie den Liberalismus als groteske Karikatur, ganz im Putinschen Sinne. In diesem Liberalismus klauen Migranten und vergewaltigen, folgenlos natürlich, in diesem Liberalismus werden Kinder mit Vorstellungen von sexueller Vielfalt indoktriniert, in diesem Liberalismus werden Familie und traditionelle Werte bedroht, in diesem Liberalismus wird die Freiheit gefährdet – eine Freiheit, die ihre Verfechter gern über das Recht auf Kerosin, Diesel, Fleisch und sexistische Witze definieren.

Diese Karikatur an die Wand zu pinseln und vor ihr zu warnen ist ein alter Taschenspielertrick. Derzeit hat er Konjunktur.

Quelle DIE ZEIT 4. Juli 2019 Seite 1 Putins Brüder Russlands Präsident erklärt den Liberalismus für überholt. Aber die Gefährder der Freiheit sitzen auch im Westen / Von Alice Bota [online nachzulesen hier] Siehe auch in  Financial Times hier.

Bedenkliches und zu Bedenkendes

Aus DIE ZEIT und anderswoher

Zunächst erinnere ich mich an die eigene Evokation der alten Griechen (mit Nietzsches Hilfe): „Nichts zu sein…“ hier  und „… besser zu leben als zu sterben …“ hier . Und lese erinnerungsbeschwert weiter in dem Feuilleton-Artikel: „Los, komm, wir sterben endlich aus! / Darf ich noch Fleisch essen, den Wäschetrockner nutzen? Alle diese Fragen würden sich sofort erledigen, wäre man gar nicht erst geboren worden oder würde sich nicht mehr fortpflanzen. Über eine merkwürdige neue Sehnsucht / Von Nina Pauer / in DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 41.

Da ich in dem kleinen Urlaub auf Texel die ZEIT vom 16. Juni nicht mehr zur Hand hatte, wusste ich nicht, dass dort das umfangreiche Heft „Rechte Räume“ von ARCH+, das ich mir als Lektüre vorgenommen hatte (von hier bis hier), also ebendasselbe Heft von Adam Soboczynski besprochen war, der sich jetzt den Soziologen Armin Nassehi vorgenommen hat, den ich aufgrund folgender Mail vom 15.6. längst ernst genommen hatte:

Bester Artikel der Woche:
http://www.taz.de/Soziologe-ueber-Klimawandel/!5600327/

- da könnte man glatt grün wählen...

Mein Gott, hatte ich nicht längst in diesem Sinne gewählt? Und er etwa nicht? Mal sehen, ob wir etwas zu bereuen haben:

Schönes neues System der Widersprüche / Die Grünen haben ihren Meisterdenker gefunden: Wie der Soziologe Armin Nassehi die Gegensätze in der Partei mithilfe seiner Systemtheorie zum Zukunftsmodell erklärt. Von  DIE ZEIT Nr. 27/2019, 27. Juni 2019.

Finden Sie den Artikel doch bitte selbst online, zitieren möchte ich aus dem älteren Blatt, das ich versäumt hatte und als Papier für unersetzlich halte. Der Autor hat vor allem mit Durs Grünbein und dessen Frau, der Schriftstellerin Eva Sichelschmidt, geredet. Über den Walter-Benjamin-Platz also und über die Inschrift (Einschreibung) des Verses von Ezra Pound.

ZITAT:

Ein faschistischer Ort? Durs Grünbein, 56, der sich auf erstaunliche Weise Jugendliches bewahrt hat, blättert befremdet durch die Zeitschrift, die er eigens mitgebracht hat,  und zeigt auf die Säulengänge auf dem Platz: ‚Die strenge Kolonnade gibt es sowohl im antiken Griechenland als auch in Moskau und Washington. Was mir missfällt, ist die gesamte Aufteilung in linke und rechte Räume. Sind sowjetische Plätze linke Räume? Ist das Forum Romanum ein rechter Raum, die Akropolis? Dort finden Sie ja bereits die Kollhoffschen Stilmerkmale.‘

Es klingt ähnlich absurd, wie Elias Canettis Vergleich des „deutschen“ Waldes mit der Phalanx von Soldaten (beide stehen ziemlich aufrecht). Die Kolonnade, die das Dach eines griechischen Tempels trägt, hat nichts gemein mit einer anderen, auf der ein sechsstöckiges Büro- oder Bankhaus lastet (oder nur zu lasten scheint).

Und der faschistische Dichter?

Klar, bei Pound sei die Kritik am Wucher nicht ausschließlich antisemitisch konnotiert, er ziehe mit seiner Kapitalismuskritik eine weltgeschichtliche Linie. Zinswucher sei aus der Sicht des Dichters eine Dekadenzerscheinung, mit der die Qualität der Bauten sinke. Dass er die Kritik am Finanzkapitalismus ‚an manchen Stellen forciert mit dem Judentum verbindet, ist natürlich schlimmer Unfug, Pound diskreditiert damit sein Werk‘. Und Kollhoff nicht damit seinen Platz? ‚Wenn Sie in Deutschland einen richtig rechten Raum sehen wollen‘, gibt Grünbaum zu bedenken, ‚dann müssen Sie auf die deutsche Autobahn, mit der auf schneidigste Weise die Landschaft durchquert wird.‘

Ist das nicht vielleicht noch absurder als der Vergleich mit den Soldaten?

Quelle DIE ZEIT 27.06.2019 Seite 46 Eine AfD des Bauens? Neuerdings gilt ein Berliner Platz manchen als neurechter Raum. Die Schriftsteller Durs Grünbein und Eva Sichelschmidt wohnen nebenan. Wie sehen sie das? / Von Adam Soboczynski.

Am interessantesten finde ich das Dossier zum Titelthema MACHT. Überschrieben: DIE HELLE SEITE DER MACHT. Der Ruf der Macht ist miserabel. Warum eigentlich? Eine Ehrenrettung. / Von Malte Henk und Britta Stuff.

Natürlich habe ich auch die Autoren gegoogelt, sie brauchen mich nicht, um gelobt zu werden. Mich hat die Auswahl der Beispiele überzeugt: Schimpansen unter sich, 1 junger Politiker im Bundestag, 1 Dirigentin mit ihrem Orchester „Lohengrin“ probend, (Hinweis auf Elias Canetti, der in „Masse und Macht“ das Beispiel des Dirigenten eingeführt hat), der Absturz aus den höheren Sphären der Macht (Shakespeare „Macbeth“ und „Richard III.“), Stefan Mappus nach Stuttgart 21, die 4 Literaturhinweise am Schluss (s.u., mir waren alle Titel neu). Was mich am meisten bestach: der leichte Ton, der phantasievolle Sprachduktus und der Sachverstand. Zugegeben: beim Beispiel der Dirigentin lag ich auf der Lauer, wie leicht strauchelt der Laie, – aber nichts ist passiert, alles richtig. (Ich habe 30 Jahre lang in einem Orchester gespielt, das keinem Dirigenten unterstand, sondern dem primus inter pares, dem Konzertmeister, – aber natürlich hatte er „Macht“. Oder – wie wärs mit dem Wort „Autorität“ für diesen Herrn der Exekutive? Niemand von uns hätte z.B. – oder nur mit dem allertriftigsten Grund – abbrechen können, niemand hätte aus dem Tutti heraus dem Oboisten einen Rat erteilen können.)

*    *    *

Die Sängerin Brigitte Fassbaender – jetzt immer noch als Regisseurin tätig – wird am 3. Juli 80 Jahre alt. Das Interview aus diesem Anlass hat mich in einem Punkt erschüttert, dort, wo sie von ihrer Angst spricht. Dabei gehört es zu den typischen Vorurteilen des Publikums, dass es Künstlern vor allem Spaß macht, auf der Bühne zu stehen, – um dann umjubelt zu werden. Kleinere Lichter mögen Angst haben, aber doch nicht die Stars, mögen sie noch so oft ihr Lampenfieber hervorheben: meist folgt ja auch der Hinweis, dass es mit Beginn des ersten Tones in sich zusammenfiel. Brigitte Fassbaender auf die Frage, wie ein typischer Tag in ihrem Leben aussah, etwa vor einem Liederabend:

Na, das war das Furchtbarste! Da wacht man auf: Bin ich heute bei Stimme, bin ich gut disponiert, habe ich alle Texte im Kopf? Meistens war ich mittags schon krank und wollte absagen. Vormittags ging man mit dem Pianisten noch einmal das Programm durch. Essen konnte ich gar nichts, mir wurde von fast allem schlecht. Nachmittags legt man sich hin, mit Herzklopfen, Magendruck, schweißnassen Händen und Füßen, das ganze Nervenkostüm revoltiert. Und irgendwann kommt der Moment, da zieht man die Vorhänge des Hotelzimmers wieder auf, macht sich zurecht – und trottet wie das Lamm zur Schlachtbank. ZEIT: Wovor hatten Sie Angst? Fassbaender: Vor dem Versagen, dem Blackout. Ich bin mir ja ausgeliefert, meinem Innenleben, meiner Physis, meiner Tagesform. Und manchmal konnte ich nicht so, wie ich wollte. Das war bitter – bei Liederabenden übrigens noch viel bitterer als in der Oper. Als Charlotte in Werther, als Wozzeck-Marie, Prinzessin Eboli oder Octavian schlüpfe ich in eine Rolle. Es gibt das Kostüm, die Maske, die Kollegen, das Licht, das Bühnenbild – und den Abstand zum Saal. Bei Liederabenden sitzen sie meist direkt vor einem, das ist auch ein voyeuristischer Prozess. Damit muss man fertigwerden. Und wird es nie.

Brahms „Von ewiger Liebe“ op.43,1 Brigitte Fassbaender mit Irwin Gage, Klavier HIER

Höchst erstaunlich, was die Sängerin zur #MeToo-Debatte sagt. Auf die Frage: Welche Folgen hat sie für das Theater?

Viele gute. Man geht sensibler miteinander um, vorsichtiger. Wenn ich daran denke, was für Tobsuchtsanfälle ein Regisseur wie Otto Schenk hatte! Teilweise war das sicher nur gespielt, weil er künstlerisch was erreichen wollte. Das geht heute nicht mehr, und das ist gut. Wer schreit, ist sowieso in der Defensive. Sexuelle Übergriffe waren früher an der Tagesordnung. Wir haben das einfach nicht so ernst genommen. Mir persönlich hat das auch nie geschadet, wenn ich mich verweigert habe, ich kannte solche Abhängigkeiten nicht. Es sind hauptsächlich Dirigenten, die ihre Macht missbrauchen. Auch Regisseure und Intendanten tun es, aber der Dirigent steht abends am Pult und kann dich fertigmachen. ZEIT: Haben Sie so etwas erlebt oder miterlebt? Fassbaender: Natürlich. Manche Dirigenten waren regelrecht verschrien und versuchten es mit jeder. Ich möchte keine Namen nennen. Es waren ja trotzdem große Könner, sollen sie’s bleiben.

Quelle: DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 45 „Was man jagt, ist schon verloren“ Sie war eine Ausnahmesängerin und kann einfach nicht aufhören, kreativ zu sein: Brigitte Fassbaender über Versagensängste, militante Fans und den Trash in der Oper /  Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey

*    *    *

Einer der unsinnigsten Artikel, die ich in letzter Zeit gelesen habe: manche mögen es für Fantasy halten, ich schalte dann sofort ab: wegen mutmaßlich ausgeklügelter Phantasielosigkeit. Warum habe ich den Artikel trotzdem gelesen? Wahrscheinlich wegen der Katze, ich Naivling! (Natürlich eine aus Stoff, aber aus welchem Stoff? Keine Ahnung, wird schon virtuell sein. Meinetwegen auch irgendwie spirituell.)

Quelle: DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 39 Hurra, ich werde zerfetzt Wie ich in der virtuellen Realität eine ziemlich echte Katze rettete und dabei meinem eigenen Todesmut begegnete / Von Clemens Setz

Irrtum? Eine Stunde später erlebe ich ihn live aus Klagenfurt. Oder vielmehr: Einstieg erst bei  Fuzzman & Fritz Ostermayer im Gespräch über Schlager. Später mehr darüber… siehe hier. Zu einer Klagenfurt-Besprechung bei Faust-Kultur hier 

Zitat FAZ 30.6.19 Autor Jan Wiele:

Dass der beste literarische Text beim Bachmann-Preis nicht einer der vierzehn Beiträge ist, sondern vielmehr die „Rede zur Literatur“ zu seinem Auftakt, war bis zu diesem Jahr noch nicht vorgekommen. Clemens Setz hat das geändert. Mit seiner Rede über „Kayfabe und Literatur“, die einen Begriff aus dem Show-Wrestling vielfach metaphorisch fruchtbar machte, poetisch wie politisch, schlug der 1982 in Graz geborene Schriftsteller die Zuschauer und Jury so sehr in Bann, dass nach Tagen noch darüber gesprochen wurde und Ideen aus der Rede in Diskussionen auftauchten. Dass die Grenzen von poetologischer Rede und Erzählung verschwimmen und eine Zwittergattung gezeitigt haben, die selbst als Literatur betrachtet werden kann, ist insbesondere auf die vielen Poetik-Dozenturen zurückzuführen, die in den vergangenen Jahrzehnten eingerichtet wurden. Aber so triftig wie bei Setz hat man diese Gattung noch nicht verwirklicht gesehen.

Außerdem: Die Rom-Therapie – ein Buch von Simon Strauß, besprochen von Iris Radisch – das würde ich auf jeden Fall nicht mit nach Rom nehmen: „Wie entkommt man der nervigen Gegenwart? Indem man sich in die Ewige Stadt flüchtet und die ‚Römischen Tage‘ von Simon Strauß mit auf die Reise nimmt.“ Warum sollte ich?

Unbedingt lesen (Info mit Leseprobe): DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 43 Wie der Sex zur Sünde wurde / Vor vierzig Jahren hat Michel Foucault mit seinem dreibändigen Werk „Sexualität und Wahrheit“ den Blick auf Macht und Lust revolutioniert. Jetzt ist aus dem Nachlass des französischen Philosophen ein vierter Band erschienen – eine Sensation? Antworten einer Philosophin und eines Theologen / Von Petra Gehring [a]/ Von Christoph Markschies [b]

[a] Textquellen zur Zeugung, zur Taufe, zu Bußtechniken sowie zur Selbstprüfung als Gehorsamsübung sind exemplarische Praxisfelder, die Foucault im ersten Drittel des Buches abschreitet, um dann die Jungfräulichkeit und das Verheiratetsein als die zwei Pfade zu einem im Sinne der Vorschriften gelingenden Leben beleuchten. Ein Fazit fehlt. Die These wird dennoch deutlich: Was man auf den ersten Blick für eine Verschärfung der sittlichen Pflichten halten könnte, ist vor allem eine „Verlagerung des Wertes der sexuellen Beziehungen“. Eine neue – und im Gelingensfall auch privilegierende – Erfahrung bildet sich heraus. Radikale Selbstbeschämung und Heil, Versagung und auf Gnade beruhende Transformation, Abtötung und Neugeburt gehören als Zielbilder von Selbsttechniken, die zugleich Selbstaufgabetechniken sind, eng zusammen. Denn es geht darum, Gehorsam zu perfektionieren – einen Gehorsam, der das Gemeinschaftswerk Kirche (durchaus im Wortsinn) „erzeugt“. In Ordensgemeinschaften geschieht dies informell, in der Ehe rechtlich gerahmt. Das „Fleisch“ ist dabei Ziel wie auch Mitte. Es ist Sitz der Sünde wie auch des Willens.

[b] Wer lange auf die 556 Seiten wartete, ist nicht nur verwundert, dass in der Ausgabe jeder Hinweis auf den heutigen Forschungsstand fehlt. Es überrascht auch, dass der dicke Band lediglich aus ausführlichen Referaten von Text von rund zehn antiken Autoren besteht, die in einer zugespitzten Perspektive in den Blick genommen werden. Von einigen Zusammenfassungen abgesehen, fehlen ausführlichere Einleitungs- und Schlusskapitel. Sexualität wird aus der Perspektive antiker christlicher Oberschichten und vor dem Hintergrund ihrer theoretischen Reflexionen thematisiert. Archäologische Quellen oder soziologische Analysen fehlen vollkommen. Da Foucault antike Argumentationen nachzeichnet, wirkt sein Text im Vergleich zu heutiger Kommunikation über Sexualität mindestens nüchtern, wenn nicht leicht prüde. So fällt das Wort „Masturbation“ kein einziges Mal, und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern werden höchstens indirekt behandelt. […]

Durch das Christentum – so die Hauptthese des Bandes – wurde Sexualität erstmals zum Kern des menschlichen Subjektes. Unter Subjekt versteht Foucault ein Selbstverhältnis, genauer ein ständig der Selbstprüfung unterworfenes Wissen des Menschen von sich selbst. Das antike Christentum hat seiner Ansicht nach die Sexualität nicht verdrängt (wie ein im Paris der Studentenrevolutionen gepflegtes Vorurteil lautete), sondern ganz im Gegenteil die Frage, wie man kritisch mit ihr umzugehen hat, in den Mittelpunkt gerückt. Am Ende dieser Entwicklung steht nach Foucault der nordafrikanische Bischof Augustinus, der den Menschen als sujet de désir, als Subjekt des Begehrens, beschreibt, die libido, das Begehren, in das Zentrum seiner Sicht der Sexualität stellt und sie als Sünde bewertet.

Siehe auch bei Perlentaucher HIER.

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 Mönch am Meer

Von selbst wäre ich sicher nicht drauf gekommen, dieses Bild des Malers einzusetzen, der in meiner Geburtsstadt gewirkt hat. Sein Greifswald-Bild, der Blick über die Wiesen,  hing in der Wohnung meiner Eltern, so dass ich auf die Kirche zeigen konnte, in der ich getauft war (in der „dicken Marie“, nicht – wie es mir lieber gewesen wäre – unter dem schlanken, hohen Nicolai-Turme). Die unwillkürliche Beziehung dieses düsteren Bildes auf mein helles Texel-Meeres-Foto wäre mir viel zu demonstrativ erschienen, – als hätte ich sozusagen den Rauterberg-Text, den ich noch gar nicht kannte, vorausgeahnt; aber so ist die Realität:

[…] Bleibt nur das Problem, dass der Mensch in seinem Verhalten eher einer Wolke gleicht, unberechenbar wie ihr Formgewalle. Verlangt man von ihm, er möge bitte einsichtig sein, denn ohne Einsicht werde die Welt kollabieren, füttert man ihn zusätzlich mit zahllosen Fakten und Diagrammen, wird er noch lange nicht handeln wie erhofft und notwendig.

Quelle DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 38 Schönes Erschrecken Nur mit Fakten und Vernunft wird der Klimawandel nicht gelingen: Was Greta Thunberg von Caspar David Friedrich lernen könnte / Von Hanno Rauterberg

Ehrlich gesagt: der Artikel überzeugt mich nicht, ganz zu schweigen davon, was Greta Thunberg für Augen machen würde. Die Schönheit des künftigen Schreckens zu erfahren – das soll uns locken?

Die Erfahrung des Erhabenen heißt, die eigene Hilflosigkeit wahrzunehmen, sie aber als erhellend und energetisierend zu erfahren, als schöpferischen Antrieb, in dem der Mensch seine Natur neu zu fassen beginnt. Erhabenheit heißt, auch die drohende Katastrophe als bereichernd empfinden zu können – und damit die Einsicht in die Notwendigkeit eines radikalen Wandels erst möglich zu machen.

Nichts also wäre für die Klimawende produktiver, als es den Romantikern gleichzutun und im Schrecken eine ungeahnte Schönheit aufzutun. Vielleicht passiert das auch bereits, man muss sich nur das viel debattierte Video des YouTubers Rezo anschauen. Dort sind es nicht die Fakten allein, dort ist es nicht nur die Wahrheit des Untergangs, die ungemein fesselnd wirken. Es ist auch der Spaß an der Inszenierung, es ist das quietschig-derbe Sprechen, es ist die Ästhetik, die aus dem Schrecken ein Faszinosum macht. Und so die Zuschauer in jenes innere Wechselspiel verwickelt, aus dem es so gut wie kein Entkommen gibt. Es sei denn, sie handeln.

Ich finde, das Wechselspiel geht anders aus: hier schießt die Ästhetik ein weithin schallendes Eigentor.

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Was ist mit dem Wetter? Wir haben Tage enormer Hitze. Trotzdem kein Grund, die Sache in aller Kürze mit Klimawandel zu erklären. Interessanter Artikel mit dem Titel Puuuhhh! / DIE ZEIT WISSEN 27. Juni 2019 Seite 33. Nur zwei Zitate:

Die Herkunft der Hitze ist klar: die marokkanische und algerische Sahara. Auch was die extreme Wärme herbringt, weiß man. Es ist ein Tiefdruckgebiet über dem Atlantik, westlich der Iberischen Halbinsel, das sich kaum vorwärtsbewegt, aber die heißen Luftmassen aus dem Süden ansaugt und an seiner Ostseite vorbei nach Europa lenkt. Vor allem nach Spanien und Frankreich, aber eben auch in die Beneluxstaaten und nach Deutschland. Klar ist zudem, dass für die langsame Fortbewegung eine Anomalie in der Höhenströmung, die den Globus umspannt, verantwortlich ist. Schlägt dieser Jetstream größere Schleifen als normalerweise, wird gar eine dieser Schleifen vom restlichen Strom abgeschnitten, erscheinen Druckgebiete, die in tieferen Atmosphärenschichten liegen, oft wie zementiert. Die Meteorologen nennen das „Blockwetterlage“.

[…]

Der Rückblick auf die vergangenen Monate zeigt: Der Winter war etwas feuchter als normal, die Niederschläge des Frühjahrs lagen fast genau im langjährigen Mittel. Und mag der Juni auch deutlich trockener sein, er folgt auf einen kühlen, feuchten Mai. Dieser war der erste Monat seit dem März 2018, der unter dem Temperaturdurchschnitt des Vergleichszeitraums (nämlich 1961 bis 1990) lag, in den Worten der Wetterstatistiker: „nach 13 Monaten in Folge erstmals zu kühl“.

Quelle DIE ZEIT 27. Juni 2018 Seite 33 f Puuuhhh! Was bedeuten die hohen Temperaturen dieser Woche? Tötet die Hitze wirklich Menschen? Was kann jeder tun, für sich und andere? Und wie geht es dem Wald, den Böden, den Gewässern? Sieben Antworten. ( Von Harro Albrecht, Dirk Asendorpf und Stefan Schmitt. (S.a. hier).

*    *    *

Ich muss einen Abschluss finden, in der Tat: heute Morgen, 7:50 Uhr in WDR 3 Choral, die nachfolgende Predigt brauche ich nicht, aber etwas, was wie Bach klingt, eine Fuge darstellt und natürlich ein „Noch einmal!“ erzwingt, sogar mehrmals, also auch eine kleine Recherche, die hiermit angedeutet sei: der Komponist ist Johann Ludwig Bach – aber es ist J.S.Bachs Handschrift!

Nein, es ist nicht J.S.Bachs Handschrift, sondern die des Kopisten J.H.Bach (1707-1783), dem Sohn des Ohrdrufer Bruders (Näheres dazu hier).

Dies alles bringt mich auf ein Buch, das ich vor drei Jahren mit Begeisterung gelesen habe, „Bachs Welt“ von Volker Hagedorn, siehe hier, – und gerade dorthin, wo es um das physikalische Weltbild der Zeit geht (wir waren ja gerade beim Wetter!), und dort ist auch von Johann Ludwig Bach die Rede, wenn auch in seiner Säuglingszeit (1677).

Und auch die folgenden Seiten entdeckte ich aufs neue. Und wie recht ich damals hatte, ein „ja!“ an den Rand zu schreiben, ich hatte offenbar die Aufnahme schon gefunden, die mich jetzt begeisterte wie am ersten Tag! Wie traurig und wie wild, dieser Satz „Meine Bande sind zurissen“! In der Tat, man kann davon nicht lassen, kein Wunder: jetzt habe ich die Konsequenzen gezogen, – die CD ist unterwegs zu mir!! Und nie mehr werde ich den „Meininger Bach“ mit einem anderen verwechseln. Hören Sie, und wenn Ihnen die Musik nicht den Atem raubt, lesen Sie auch! Einzigartig ebenso: dieser Chor und dieses Orchester! HIER.

Quelle Volker Hagedorn: Bachs Welt / Die Familiengeschichte eines Genies / Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2016

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Volker Hagedorn hat übrigens gerade ein neues Buch herausgebracht, – Der Klang von Paris – Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts -, noch befindet es sich nicht in meinen Händen. Eine Leseprobe ist vielversprechend: hier.

Ethnopluralismus

Ein unschuldiges Wort?

Die Betrachtung zweier Dinge möchte ich lebenslang im Zentrum wissen, auch wenn es widersprüchlich klingt: die Natur, wie sie [ohne uns] existiert. Und: wie wir leben oder wie wir in Zukunft leben können. Wie aber all dies sich anfühlt, zeigt fortwährend die Musik.

Weshalb ich (JR) mich für Themen interessiere, die nicht unmittelbar damit zu tun haben, ist schnell gesagt: es gibt bestimmte Worte, auf die ich nicht verzichten möchte, ohne aber Gefahr laufen zu wollen, mit völlig absurden Tendenzen in Verbindung gebracht zu werden. Zum Beispiel die Worte Heimat, Vielfalt, Globalisierung. Auch die Wortungetüme Multikulturalität oder Bi- (bzw. Multi-) Musikalität. Etwa hier, die „Alte Heimat“ Lohe betreffend; oder hier, die neuere Heimat Solingen. Überhaupt mehrere „Heimaten“, die mir viel bedeuten. Themenkreise überpersönlichen Charakters (aber amalgamierbar). Urlaubsorte, die mir ans Herz wachsen. Dann z.B. das alte Thema Globalisierung bzw. Vielfalt hier. Daher bin ich dankbar für klärende Texte wie den folgenden von Philipp Krüpe.

ZITAT

Wenn auf [bestimmten Internet-] Seiten ein Europa zelebriert wird, das aus rein weißen Menschen besteht, die in traditionalistischen Gebäuden wohnen, geht es den Verantwortlichen vordergründig nicht um einen White-Supremacy-Rassismus, sondern um das neurechte Konzept des „Ethnopluralismus“.

Der Historiker Volker Weiß sieht in diesen Argumentationen den bekannten Rassismus im modernisierten Gewand. Wenn die Rede vom Ethnopluralismus ist – also das angebliche Recht jedes Volkes (in diesem Fall gar eines europäischen), seine ethnokulturelle Identität bewahren zu dürfen -, wird das Bild einer Vielfalt suggeriert, die auf der „Gleichwertigkeit homogener Völker in ihren angestammten Lebensräumen“ 05 basiert. Das klinge „zunächst wesentlich menschenfreundlicher als die üblichen Ungleichheitslehren“, so Volker Weiß, berge „aber im Glauben an ethnische Homogenität und der Verbindung von Volk und Raum dieselben Ausschlussmechanismen“. 06

Eine Vielzahl vornehmlich junger Menschen scheint Gefallen an den dramatischen Bildern zu finden, bei denen aus einer romantisch-nostalgischen Verklärung Europas geschöpft wird. Dass hier rechtes Gedankengut vermittelt wird, fällt oft erst auf den zweiten Blick auf, da durch geschickte Formulierungen vorbelastete alt-rechte Vokabeln umgangen werden. Eine kleine Gruppierung, die in dieser Hinsicht – und auch außerhalb des virtuellen Raumes – produktiv agiert, ist die sogenannte Identitäre Bewegung (IB), deren Hauptkennzeichen neben Ethnopluralismus Islamfeindlichkeit und die vehemente Verteidigung der „eigenen“ kulturellen Identität sind. Sie pflegt eine starke Vernetzung zu rechtspopulistischen bis rechtsextremen Organisationen, von denen sie sich jedoch durch ihr junges Alter und den sicherlich damit zusammenhängenden geschickten Umgang mit sozialen Medien abhebt. Wie Kai Biermann und andere in der ZEIT darlegten, sind die Identitären „keine ‚Bewegung‘ , ihre Distanzierung von der rechten Szene ist Taktik. Ihre Führungsfiguren kommen aus der NPD-Jugend, aus radikalen Burschenschaften und sogar aus der verbotenen Neonaziorganisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ). Die Identitären bieten ihnen eine neue Heimat und eine frische Corporate Identity, unter der sie alle Ziele weiterverfolgen können.“ 07 Die Identitären schaffen es, mit relativ einfachen Mitteln große Aufmerksamkeit zu erzielen, indem sie gut inszenierte und aufgebauschte Videos ihrer Guerilla-Aktionen verbreiten. 08 Es verwundert kaum, dass die Mehrzahl ihrer Protagonist*innen den oben beschriebenen Seiten wie European Beauty und Architectural Revival folgen, auf denen in kulturell-ästhetischer Hinsicht ziemlich genau ihre Ansichten verbreitet werden.

Das Beharren auf kultureller Identität – in den sozialen Medien visualisiert durch das Verbreiten regionaler Trachtengewänder und alter Gemäuer – geht mit dem Bezugauf die in den USA entstandene Internet-Kultur, die in Teilen die Alt-Right-Bewegung 09 hervorbrachte, einher, Akiv*istinnen wie der Österreicher Martin Sellner 10 , der sich als Kopf der Identitären Bewegung versteht, beziehen sich immer wieder auf kulturelle Phänomene wie beispielsweise Pepe the Frog – eine ursprünglich unpolitische Comic-Zeichnung, die im Verlauf des US-Präsidentschaftswahlkampf[s] 2016 von der US-amerikanischen Rechten mit rassistischen, antisemitischen und antifeministischen Botschaften gespickt wurde und Trumps Wahlkampf begleitete.

Um zu verstehen, wie diese Phänomene eine solche Popularität in rechten Kreisen gewinnen konnten, muss ein Blick in die beschriebene Online-Welt geworfen werden.

(Fortsetzung folgt)

Quelle Reaktionäre Architektur-Memes in den sozialen Medien / Von Paul Schultze-Naumburg zu 4chan  [Autor:] Philipp Krüpe / in: ARCH+ Zeitschrift für Architektur und Urbanismus Nr. 235, 2019 / RECHTE RÄUME Bericht einer Europareise / Seite 38-39

Aus den Anmerkungen:

06 [Volker Weiß: Die autoritäre Revolte – Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017 siehe auch bei Perlentaucher hier]

07 Kai Biermann et al.: [Link ist bereits eingefügt]

08 2016 erklärten sie das Brandenburger Tor für besetzt, nachdem sie es mit Leitern erklommen hatten […]. Viele Medien bezeichneten die Gruppierung […etc…]

09 Alt-Right (Kurzform von Alternative-Right) ist eine Bezeichnung für die extreme Rechte in den USA, die rassistische, antisemitische, antimuslimische und antifeministischePositionen vertritt.

10 Nach dem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland, durch den rechtsextremen Australier Brenton Tarrant, bei denen er 50 Menschen tötete, wurde bekannt, dass der Attentäter an Sellner gespendet und ihm bewundernde E-Mails geschrieben hatte. [Siehe Wiki Martin Sellner auch dazu.]

Die Karte Online Culture Wars (2018-19) der Künstlergruppe disnovation.org ordnet mithilfe eines politischen Koordinatensystems die unüberschaubare Anzahl einflussreicher politischer Figuren, Memes und Symbole. Links: „Economic Left“ / Rechts: „Economic Right“ / Oben: „Authoritarian“ / Unten: „Libertarian“

Siehe ausführlich HIER.

Zur Netzkultur, – was man kennen sollte: Begriffe wie Meme (spr. mi:m) – siehe anschließend auch unter Mem (Zusammenhang mit Dawkins) – und Troll. Nerd, Noob (Neuling), Image-Board (dort auch 4chan). Safe Space. Triggerwarnungen in Internetforen und Universitäten.

Der Autor Mattathias Schwartz vergleicht in einem Artikel in der New York Times die erwähnten Plattformen mit einem „Blog ohne Beiträge und mit Kommentaren voller Slang“, womit er den dadaistischen Wesenszug dieser Sphäre charakterisiert.

(Fortsetzung des schon oben zitierten Artikels gegen Schluss:)

Wie ist auf die identitären kulturellen Angriffe zu reagieren? Gibt es eine progressive Alternative, die eine direkte Entgegnung auf die nreaktionäre Bildsprache eröffnen kann?

Wie Angela Nagle in Die digitale Gegenrevolution feststellt, wurde es den Rechten einfach gemacht, kulturelle Hegemonie in Teilen der Online-Welt zu erlangen und damit einen Beitrag zu leisten, dass Donald Trump ins Weiße Haus einziehen konnte. Nun ist aber das Internet in seiner partikularistischen Form nicht nur mit rechten Troll-Posts gefüllt. Nagle zufolge besetzen auch Linke identitäre Online-Räume, wenn immer mehr um Sprechverbote, Triggerwarnungen und Safe Spaces gestritten wird. Aber es würde sicherlich zu kurz greifen, der rechten Meme-Flut einfach nur linke Memes entgegenzusetzen. Nagle beruft sich in ihrer Kritik an der Linken auf den marxistischen Kulturtheoretiker Mark Fisher, der der britischen, in den 1990er-Jahren gegründeten Cybernetic Cultural Research Unit entstammt. Das linke Kollektiv setzte sich mit Themen wie Cyberfeminismus, Akzelerationismus und Rave-Kultur auseinander. Fisher illustriert die problematischen Dynamiken innerhalb der linken Szene, indem er sie als „priesterhaftes Verlangen zu exkommunizieren und zu verdammen“ charakterisiert.

Es bleibt weiterhin offen, wie sich die Linke ihren traditionellen Dynamiken der Mikro-Lagerbildungen und damit der Selbstzerfleischung entziehen kann. Klar ist jedoch, dass Identitätspolitik – mag sie noch so emanzipatorisch gemeint sein – nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Schließlich ist „Ethnopluralismus“ in letzter Konsequenz eben das: Identitätspolitik* einer männlich-weiß-heterosexuellen Mehrheit.

Quelle: Siehe oben „Reaktionäre Architektur-Memes“ etc. [Schlussteile]

*wichtiger Wikipedia-Artikel, zwei Zitate daraus:

Nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten im November 2016 betonte die Historikerin Nell Irvin Painter, das Weißsein habe sich jetzt von einer unmarkierten Kategorie, die bis dahin wie selbstverständlich das gesellschaftliche Zentrum besetzt gehabt hatte, in eine Kategorie gewandelt, die zielgerichtet mobilisiert werde, um eine politische und gesellschaftlich privilegierte Position zu sichern. Identitätspolitik sei keinesfalls nur Sache von Afroamerikanern, Latinas, Frauen und LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender), sondern auch eine der weißen, heterosexuellen, protestantischen Männer, die damit ihren verloren geglaubten Platz im gesellschaftlichen Zentrum wieder zu festigen suchten.[5] Damit, so Frank Furedi, sei Identitätspolitik „mittlerweile zur Karikatur ihrer selbst geworden“.

Und:

Für Francis Fukuyama fiel der Krise der Linken in den letzten Jahrzehnten mit ihrer Hinwendung zu Identitätspolitik und Multikulturalismus zusammen. Die Forderung nach Gleichheit sei für die Linke weiterhin kennzeichnend, doch ihr Programm legte nicht mehr wie einst den Nachdruck auf die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft, sondern auf die Wünsche eines ständig größer werdenden Kreis ausgegrenzter Gruppen.[10] Für manche Linke sei die Identitätspolitik zu einem billigen Ersatz für ernsthafte Überlegungen geworden, wie der seit 30 Jahren andauernde Trend sozialökonomischer Ungleichheit in den meisten liberalen Demokratien umgekehrt werden könne.[11] Schon 1998 hatte Slavoj Žižek ähnlich argumentiert: Die postmoderne Identitätspolitik der partikularen (ethnischen, sexuellen und anderer) Lebensstile passe perfekt zu einer entpolitisierten Idee der Gesellschaft.[12]

Christoph Jünke betont dagegen, dass Identitätspolitik Schutz vor der herrschenden Mehrheit und Quelle von Selbstbewusstsein sein könne. Damit sei sie ein geradezu notwendiger Ausgangspunkt jeder Politisierung und notwendige Vorbedingung politischer Selbstorganisation und Behauptung: […]

Zurück zum AusgangswortEthnopluralismus(ein zentrales Wort der Neuen Rechten).

Neubeginn: die Ausführungen im Vortrag von Angela Nagle:

Virtual Futures presents Angela Nagle in conversation on her new book, Kill All Normies: Online culture wars from 4chan and Tumblr [siehe hier] to Trump and the alt-right. Angela Nagle untangles the new culture wars raging on the internet: on the one side the “alt right”, which ranges from white separatist movements, to geeky subcultures like 4chan, to more mainstream manifestations such as the Trump-supporting gay libertarian Milo Yiannopolous. On the other side, so-called ‘social justice warriors’, whose progressive, identity politics fuelled campaigns are often seen as little more than virtue signalling and also associated with closing down debate by claiming offence, using the therapeutic language of trigger warnings and safe spaces. She will join us to explore the cultural genealogies and past parallels of these styles and subcultures, drawing from transgressive styles of 60s libertinism and conservative movements, to make the case for a rejection of the perpetual cultural turn.

Als weitere Einführung in die Thematik lese man im DLF Kultur den Artikel HIER.

Schnellkurs in Grundgesetz

Übrigens: Warum heißt es nicht Verfassung?

Das gilt durchaus nicht für jede Lanzsendung, und auch nicht für jedes Thema, aber dies war eine Sternstunde des politischen Denkens. 40 Minuten hochinteressante Staatsbürgerkunde.

Beginnen bei ca. 3.00 bis ziemlich genau 43:00 mit den Gästen Ranga Yogeshwar und Hajo Schumacher (sehr empfehlenswert auch das anschließende Gespräch mit dem Arzt Dr. Tankred Stöbe bis 1:1:15).

 Direkt: hier

Den ZEIT-Artikel über Todesstrafe zur Ergänzung zu lesen? Abrufbar und nachzulesen unter Alard von Kittlitz.

Des weiteren: sehr bemerkenswert die Gedanken von Juli Zeh zum Grundgesetz in der Lanz-Sendung gestern Nacht (22. Mai) HIER Link bis 21.6. abrufbar (danach möglichst durch youtube-Video ersetzen) – Gut auch über Österreich und die neue Rolle des Journalismus: Florian Klenk .

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Quelle Heinrich August Winkler, Historiker, in HÖRZU 17.5.2019 Seite 18

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DAS GRUNDGESETZ LESEN?

HIER 

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Kapitalismus Beispiel Kongo

Jean Zieglers Alarmruf

Nach der Talkshow ZDF 21.03.2019

Ich habe das aufgeschrieben, so gut es in der Eile ging, habe akustische Verständnisfehler in Kauf genommen, Jean Ziegler spricht sehr engagiert, mit Nachdruck – und mit Schweizer Akzent, man muss manches nachrecherchieren, insbesondere Namen und politische Fachbegriffe. Im übrigen kann man wohl alles in seinem Buch nachlesen. (Es war aufgrund der Sendung im Moment vergriffen.) Aber gerade die mündliche Darstellung, so wie sie live zustandekam, war derart packend, dass sie einem lange nachgeht. Man möchte alles rekapitulieren, auch den Impetus aufrecht erhalten und in manchen Punkten weiterforschen. So wird diese vorläufige Abschrift gewiss noch korrigiert und ergänzt.

Die Markus-Lanz-Sendung ist abrufbar HIER 37:44

Über Jean Ziegler vorweg Wikipedia hier. (Auch um die möglichen Kritikpunkte an seiner Person zur Kenntnis zu nehmen und vielleicht zu relativieren.) Im folgenden ML = Markus Lanz, JZ = Jean Ziegler.

ML Jean Ziegler ist bei uns, den wir nochmal sehr herzlich begrüßen in unserer Sendung. … er ist vorhin zitiert worden, auf einmal sagt der: Wahnsinn, der letzte Kommunist Europas heute bei uns in der Sendung. Sie haben dann gesagt: (versucht schwyzerisch) na, so wenige sind wir nicht.

JZ Hoffentlich nicht!

ML Ah es gibt noch andere Kommunisten, ja?, die Sie kennen…

JZ Der Kommunismus ist die … ist der Horizont der Geschichte, es hat ihn ja noch nie gegeben, außer in der französischen Kommune, März, Mai 1890, sonst hat es den nie gegeben. Aber im Manifest steht: Von jedem nach seinen Fähigkeiten, für jeden nach seinen Bedürfnissen. Das ist glaub ich die Norm, die die Zivilisation bedeutet, der Horizont…

ML Sie haben ein kleines, feines Büchlein gemacht „Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin“. Was ist denn so schlimm am Kapitalismus, abgesehen davon, dass Sie gar keine Enkelin haben…

JZ Was ist so schlimm am Kapitalismus? Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind. Und in 10 Jahren? Das ist die FAO Spezialübersetzung der Vereinten Nationen, die die Opferzahlen gibt, also in 5 Sekunden verhungert ein Kind, und in 10 Jahren und derselbe …., der die Opferzahlen gibt, jeden April, sagt, dass die Weltlandwirtschaft, so wie sie heute ist, problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Also … sind 7,3 … also das Doppelte normal ernähren könnte, wenn Nahrungsaufnahme nicht von Kaufkraft abhängen würde. Das Kind, von dem wir reden, und stirbt, wird ermordet. Punkt.

ML Das ist einer Ihrer berühmten Sätze, die Sie häufig sagen, Herr Ziegler , sagen Sie, erklären Sie uns das einmal, also: wenn Sie sagen, da wäre genug da für 12 Milliarden, wie könnte das praktisch funktionieren?

 (Klappentext)

JZ Erstens einmal: Hunger ist menschengemacht und könnte von Menschen morgen aus der Welt geschafft werden. Deutschland zum Beispiel ist sicher die vitalste Demokratie dieses Kontinentes, die dritte Wirtschaftsmacht der Welt, das Grundgesetz gibt keine Ohnmacht der Demokratie (???), das Grundgesetz gibt alle Waffen in die Hand den freien Bürgerinnen und Bürgern, diese Strukturen zu brechen. Gestorben, – ich war 8 Jahre lang Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, ich hab wirklich viel Schreckliches gesehen: gestorben sind immer dieselben, von der Mongolei bis Jokotan, Guatemala, Favela in Brasilien, Kalampas in den Smoky Mountains, in Manila usw. ich sage was Einfaches: wenn man redet, marschiert, denkt, träumt, verschwendet man, verausgibt man Lebensenergie, die muss ersetzt werden durch liquide oder Nahrung und diese Nahrungszunahme wird gemessen wissenschaftlich in Kalorien, in einem subtropischen Klima ein Erwachsener braucht pro Tag 2200 Kalorien, und wenn diese Kalorienzufuhr nicht kommt, dann zerfällt – es ist ein fürchterliche Agonie – (ML Agonie, also Todeskampf) ich bin ja in einem glücklichen Milieu aufgewachsen in der Schweiz, wie viele viele Leute immer noch, dass der Tod im ein Verlöschen, langsames, friedliches Verlöschen ist, es stimmt nicht: zuerst werden die Fett- und Zuckerreserven des Körpers aufgebraucht, dann kommen die Infektionen in den Metabolismus, das ist schon sehr sehr schmerzvoll, dann bricht das Immunsystem zusammen, dann bricht das Muskelsystem zusammen, da sehen Sie ja, Süd-Sudan, oder jetzt im Jemen, im Fernsehen, wenn die Kinder, die wie kleine Tiere im Staub liegen und sich nicht bewegen können, und dann kommt der Tod. Der ist fürchterlich schmerzvoll, und das passiert überall, Tag und Nacht, millionenweise auf diesem Planeten. Es sterben ja etwa 70 Millionen Menschen pro Jahr, verlassen diesen, ja unseren Planeten, Sie werden das auch erleben, ich leider auch, 70 Millionen, von diesen 70 Millionen Menschen, 72 genau, die letztes Jahr gestorben sind, sind 18 Prozent am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen gestorben, auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt, jetzt! Es war nicht immer so, aber heute, auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt, ist der Hunger und seine direkten Folgen immer noch die erste Todesursache, das ist ja absurd, das geht … das Massaker geht vor sich in eisiger Normalität, jeder weiß das, jeder kennt das, und man weiß genau, was die Strukturen sind, die den Hunger…. (nämlich?) das sind zum Beispiel die Börsenspekulationen, auf Grundnahrungsmittel, Sie können in der Deutschen Bank in Hamburg, in der Filiale Reiszertifikate kaufen, auf den Reispreis, auf Grundnahrungsmittel Reis, Getreide und Mais, das sind 75 Prozent Durchschnitt im Weltkonsum, und wenn der Reispreis steigt, oder der Getreidepreis steigt…. also das geht …(gestikuliert raufrunter) . steigt, dann machen die ?nioren ??? Hedgefond Großbank Riesenprofite, und in den kallistesten (?) Städten der Welt, in den Kalampas von Lima z.B., wo die Frauen mit ganz wenig Geld die tägliche Nahrung kaufen müssen für ihre Kinder, da kann sie die Nahrung nicht mehr kaufen, weil sie sie nicht bezahlen kann.

ML Eine Geschichte würde ich gern noch ansprechen, weil uns das auch alle und ganz unmittelbar betrifft, – Kongo! Unsere Handy, Mobiltelefone, Laptops, alles was wir an mobilen Endgeräten, Smartphones usw. benutzen – das Coltan, das in diesen Geräten drin ist, wird vorzugsweise dort abgebaut, und bevor wir gleich und kurz darüber sprechen, was Sie dort gesehen haben, schauen wir mal einen ganz kurzen Ausschnitt an, der mal dokumentiert, unter welchen Bedingungen dieser Rohstoff dort abgebaut wird, bitteschön.

FILM ab 44:23 HIER (Tagesschau 8.12.2016)

So, sind das die Bedingungen, unter denen heute dort Coltan abgebaut wird?

JZ Ja, mein Buch heißt: „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ und das ist ein Beispiel davon. Das ich gesehen habe. Ich habe kein Handy, werde nie eines haben, wegen… was ich gesehen habe. Sie habens richtig gesagt: Coltan 80 %, 81 % des Coltans der Welt dieses Metalls wird abgebaut im Ost-Kongo Nor Ituri usw. Unter folgenden Bedingungen:

[Zum Verständnis des Textes siehe auch unten im Original des Buches*]

Das Coltan ist in sehr brüchigem Gestein, und deshalb sind die Schächte sehr eng, und da können nur Kinder, 10-, 12-jährige Mädchen, Buben, können da herabgelassen werden, und werden an Seilen herabgelassen, 10, 20 Meter, um das Coltan zu schürfen, unter ganz fürchterlichen… Angst! die haben Angst, und es gibt Verschüttungen, die ersticken, werden von Milizen bewacht, – (Milizen, die die bewachen, WARUM?) es ist so, das Coltan … ich habe genug Prozesse am Hals gehabt, damit will ich das ganz genau sagen, es sind einheimische oder indische oder pakistanische oder libanesische Kleinunternehmer, die diese Coltanminen ausbeuten (kontrollieren, ausbeuten), die Milizen bezahlen, die die bewachen, die Kinder terrorisieren, usw. usw. dann wird das Coltan verkauft an die Scheka-Minen, an die staatliche Minuperve-Gesellschaft in Konka? , ein ganz korrupter Verein, und die verkaufen das Coltan dann weiter an Glencore, an Freeport, an die großen, weltweiten Minenkonzerne, die wollen ja nichts zu tun haben mit Kinderarbeit, sonst haben die ein Problem, in Zivilgesellschaften (ist imagemäßig schlecht ), Coltan auf Lastwagen, nach Ruengeli Goma, die ruandesische Grenze, durch Ruanda, Kenia, Mombasa in den Hafen aufs Schiff, Rotes Meer, Suez-Kanal usw. Und dieses Coltan – wir bezahlen es mit dem Leben der Kinder, kann man sich fragen, es ist alles bekannt, was die Kinder erleben, und ich sags noch einmal, es könnte mein Kind sein, Ihr Kind … und trotzdem, die Rattenfänger, diese Minenbarone, die rekrutieren in dem Riesenlande, ?kiu z.B., bei den Baforero, den Bashi, den großen Kulturvölkern, die da im Elend leben. Die Kinder wissen um den Schrecken, der sie erwartet, die Mütter auch, aber die Kinder wissen, wenn sie nicht daher herunter gelassen werden, und diese Angst ertragen, und dem Rattenfänger folgen, dann stirbt die Familie am Hunger zu Hause, ja?

ML Aber wie kann man das denn verhindern? 47:33 (bis 50:05)

JZ Aber jetzt hat es Hoffnung gegeben, ich komme wieder vorbei, wenn ich das sagen darf: der Obama in seiner letzten Amtszeit – unter dem Druck des Black Caucus , also der schwarzen Repräsentation des Repräsentantenhauses und auch der sehr lebendigen amerikanischen Zivilgesellschaft, die ist ja sehr vital, hat ein Executive Order, also nicht ein Gesetz, das durch den Kongress geht, eine Executive Order Conflict Minerals, hat also verboten, dass Coltan Conflict Minerals, das unter so fürchterlichen Bedingungen geschürft wird jeden Tag, der wax(?) Zutritt wird verboten in Amerika. Conflict Minerals!

ML Okay, also so könnte es gehen

JZ Aber was dann passiert ist … Glencord , was sag ich – mein Buch ist ja dazu da zu zeigen mit Beispielen nur Beispiel: die Allmacht multinationaler Konzerne, die Hierarchien des globalisierten Kapitals – Glencord, Rio Tinto, Freeport usw. usw. die haben mobilisiert, und haben gegen die Regierung des stärksten Staates der Welt, das müssen Sie sich vorstellen, nicht gegen Albanien oder die Mongolei oder Malawi, sondern sie haben Washington gesagt: so geht das nicht! Wir werden an unserer Profitmaximierung gehindert, das Gesetz nehmen wir nicht an, Trump ist an die Macht gekommen, am dritten Arbeitstag hat er das Gesetz liquidiert. (Okay.) Ersatzlos gestrichen! Und das ist die Situation, und diese Schrecken – der Film ist ganz konkret! (jaja, absolut!) und sehr gut -, dieser fürchterliche Kindermord geht weiter, Tag für Tag, Nacht für Nacht, in eisiger Normalität, und wir brauchen unsere Handys, die Flugzeugrümpfe? Brauchts auch Coltan … usw. (das ist in ganz vielen Stellen drin, genau!) und wir sind irgendwie Komplizen darin. Und es gibt ja eh – ich sags noch einmal! – keine Ohnmacht in der Demokratie – wenn wir jetzt zusammen diskutieren würden – Honduras oder Peking usw. aber in Deutschland, im Herzen Westeuropas, in der vitalsten Demokratie gibt es keine Ohnmacht, das dürfen wir nicht tolerieren!!!

ML Vielen Dank! Verstanden. Herzlichen Dank. (50:06) (Beifall) Wahnsinn! (Beifall) Frau Dreier, sie wollten kurz…

Malu Dreier: Ja, ein Wort nur, ich wills nicht aufhalten, aber ich finde schon, dass Herr Ziegler recht hat, dass wir eine wirkliche Verpflichtung haben, in Deutschland und international mit dafür zu sorgen und immer wieder die ganze Kraft dafür einzusetzen, egal, ob es um das Thema Rüstungsexport oder um solche Sachen: Kinderarbeit kann man im Grund nur, ja, ausrotten, wenn man international es stemmt, in gemeinsamen Aktionen, Vereinbarungen, es muss einfach unsere Verpflichtung bleiben, und da bekenn ich mich auch dazu, weil ich wirklich finde, dass wir nicht einfach nur konsumieren können, ohne zu verstehen, was dahintersteht. Wir müssen darauf schauen, wo kommen die Produkte her und wir haben auch unsere Pflicht, dafür zu sorgen, uns international dafür stark zu machen, dass das abgeschafft wird. Kinderarbeit darf es auf der Welt nicht geben! (51:04)

 Beispiel Kongo:

Vorweg: hier (Literaturfestival Litcologne)

Auch dieses Interview sollte man kennen: hier (Aargauer Zeitung)

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Und wie geht’s weiter? Eine Möglichkeit (auch ich habe Enkel/innen):

 ISBN 978-3-10-397401-0

Von den Merksätzen auf Seite 295 sei nur ein einziger zitiert (s.a. hier):

Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt.

Philosophischer Ausblick 1966

Abschrift (s.u.) noch nicht korrigiert

Warum ist mir Foucault wichtig?

 

Ja, könnte jemand sagen, auf das „Thema 1“ waren wir alle scharf, besonders als wir jung waren. Nein, würde ich erwidern, mir war es immer schon ein Problem. Und ganz speziell, als es im Religionsunterricht unter dem Namen „Thema 1“ behandelt wurde, diese eigenartigste Form der Heuchelei. Das Wort „Wahrheit“ aber kannte ich schon als 4- oder 5-Jähriger in Greifswald aus dem Mund meiner Mutter, in der Zeit, als ich noch viel gelogen hatte. Verstehen konnte ich das Abstractum nicht, bei aller Liebesmüh.

 1986

Die Ordnung des Diskurses“ ist ein anderer Titel als der im folgenden Text  als „The Order of Things“ bzw. „Die Ordnung der Dinge“ erwähnte!

If Man is dead, everything is possible!’ – an early interview with Michel Foucault

Einleitungstext (Original aeon)

Roughly a decade before publishing his two most famous treatises on power – Discipline and Punish: The Birth of the Prison (1975) and The History of Sexuality, Volume One (1976) – the French philosopher Michel Foucault rose to prominence with The Order of Things: An Archaeology of the Human Sciences (1966). Written as existentialism fell out of favour among French intellectuals, the ambitious work sought to define a new philosophical epoch in which knowledge could be best understood as arising from ‘large formal systems’ that change over time. In this 1966 interview with the French television broadcaster Pierre Dumayet, Foucault discusses ideas from The Order of Things, including why he believed that Jean-Paul Sartre’s emphasis on the individual made him ‘a man of the 19th century’, and why ‘the disappearance of Man’ presented an exciting opportunity for new moral and political systems to arise.

From the Library of Human Sciences we present „The Order of Things“ by Michel Foucault.

Quelle: aeon / abrufbar als Film HIER .

 Screenshot

Das Interview / Abschrift der englischen Untertitelzeilen JR 4. Februar 2019

Pierre Dumayet: Mr. Foucault, you ‚ve done work as an ethnologist, an ethnology of our culture you say. What do you mean?

Michel Foucault: Well, I would like to consider our own culture to be something as foreign for us as, for example, the cultur of the Arapesh, Zuñi, Nambikwara, or Chinese. Of course, we’ve been trying for a long time through the work of historians or sociologists to grasp our culture as an object, as a thing there in front of us. But historians mainly study economic phenomena, sociologist study emotional, political, sexual behaviour. I believe that, until now, we ‚ve never considered our own knowledge a foreign phenomenon. And what I tried to do was deal with it as if it was sonething before us as a phenomenon just as foreign and distant as the culture of the Nambikwara or Arapesh, for all Western knowledge formed since the Greek age. And it’s this ethnological situation of knowledge which I wanted to reconstruct.

Like looking at yourself in a mirror, as if a stranger to yourself?

There is a difficulty here that’s obviously very great, because, after all, how can we know ourselves if not with our own knowledge? It’s only by using our own categories of knowledge that we can know ourselves. And if we wish to precisely know these categories we ‚re in a situation that’s obvously very complex. It takes a complete twisting of our reason of itself to able to re-examine itself as a foreign phenomenon. It requires going outside itself in some way and returning… And it is the beginning of this endeavour I ultimately undertook.

What ethnicity or nationality would the ideal ethnologist be?

Well, we could say a good ethnologist of our own culture might be Chinese, Arapesh or Nambikwara. However, with what category and framework of thought could this Chinese or Arapesh know us if not with frameworks of thought hat are ours? So perhaps we could still do this best. If we could thus twist at ourselves as through a mirror. We might, after all, be capable of doing this task and undertake this ethnology of our own culture. We could obviously dream of a Martian whose thougt would be able to entirely capture our own. This Martian could undoubtedly know us best. But this probably isn’t possible since, as far I know, Martians don’t exist.

You teach philosophy, is this a philosopher’s outlook or the contrary?

It’s quite difficult to define what philosophy is currently. For a long time, I think we can say basically up to Sartre … (Sartre included?) Yes, Sartre included. Philosophy was an autonomous discipline, I was going to say closed in on itself, but that’s not right, since philosophy has always thought about cultural subjects that were proposed to it from elsewhere. It thought about God because theology proposed it. I also thought it about science because the whole system of our knowledge proposed this. Philosophy was an open discipline, but it had iits own methods, its own forms of reasonings and deductions. It seems to me philosophy is now disappearing. When I say it’s disappearing, I don’t mean we are coming upon an age where all knowledge eventually becomes positive. But I believe philosophy is being dissolved and dispersed into a whole series of activities of thought of which it’s difficult to say whether they are strictly scientific or philosophical. We are reaching an age perhaps of pure thought. After all, a discipline as abstract and general as linguistics, a discipline as fundamental as logic, an activity like literature, since Joyce, for exemple… Well, all these activities activities are perhaps of thought and they serve as philosophy. No that they take the place of philosophy, but they’re the very unfolding of what philosophy once was.

What is your idea of Man? 5:36

I believe that Man has been, if not a bad dream, a spectre, at least a very particular figure, very much historically determined and situated in our culture.

You mean it’s an invention?

It’s an invention! In the 19th and first half of the 20th century it was believed that Man was the fundamental reality of our interest. One had the impression that the search for the truth about Man since the Greek age had animated all research, perhaps of science, certainly of morality, and for sute of philosophy. When we look at things more closely, we have to wonder if this idea of Man as basically always existing and as there waiting to be taken up by science, by philosophy, by us. We habe to wonder if this idea isn’t an illusion, an illusion from the 19th century. Actually, until the end of the 18th century, roughly until the French Revolution we never dealt with Man as such. It’s curious that the notion of Humanism that we attribute at the Renaissance is a very recent notion. You can’t find the term ‚Humanism‘ earlier because Humanism is an invention of the 19th century. Before the 19th century, it can be said Man didn’t exist. What existed was a number of problems, a number of forms of knowledge and reflection, where it was a question of nature, a question of trooth, a question of movement, a question of order, a question of imagination, a question of representation, etc. But it wasn’t actually a question of Man. Man is a figure constructed near the end of 18th and beginning of the 19th century, whichb gave rise to what has been and still are called the human sciences. This new notion of Man invented at the end of 18th century also gave rise to Humanism, the Humanism of marxism, of Existentialism, which are the most obvious expressions currantly. But I believe that, paradoxically, the development of the human sciences is now leading to a disappearing of Man rather than an apotheosis of Man. Indeed, this is happening now with the human sciences. The human sciences did not discover the concrete core of the individual, positive kinds of human existence. On the contrary, when you study, for example, the behavioral structures of the family, as Lévy Strauss did, or when you study the great Indo-European myths, as Dumézil, or when you study the very history of our knowledge, you discover not the positive truth of Man. What one discovers are great systems of thought, of large formal structures which are like the soil in which individualities historically appear. This is why thought nowadays has entirely reversed from a few years ago. 9:22

I think we are currently experiencing a great break with the 19th and early 20th century. This break at bottom is experienced as not a rejection, but a distance from Sartre. I think that Sartre, who is a really great philosopher, but Sartre is still a man of the 19th century. Why? Because Sartre’s whole enterprise is to make Man in some way adequate to his own meaning. Sartre’s whole enterprise consists in wanting to find what in human existence is absolutely authentic. He wants to bring Man back to himself, to make Man the possessor of meaning, that could escape him. Nevertheless, Sartre’s thought is situated in philosophy of alienation. Whereas, we wish to do the opposite. We want to show not what is individual, what is singular, what is truly experienced as human, but a kind of glittering surface on top large formal systems and thought must now reconstruct these formal systems on which float from time to time the foam and image of human exístence.

 

Let me ask a question. How can any political outlook stem from your work?

Of course, this is probably the question posed to all forms of reflection that are destroying a myth and haven’t yet reconstructed a new mythology. For example, for a very long time, philosophy and theology maintained a kinship, where the role of philosophy was to define what morality or what policy we can and should deduce from the existence of God. When philosophy and the culture discoveres that God was dead, it was immediately proclaimed „If God is dead, all is permitted“ and „morality isn’t possible“. „If God is dead, what policy should we adopt or hope for?“ But experience has proven that moral and political reflection never had been more alive, more rich and more abundant than it had the moment we kne God was dead. And now that Man is disappearing, the same question is being raised, that had been formerly raised for God’s death: „If Man is dead, everything is possible!“ Or more precisely, we’ll be told that all is necessary. Whart was discovered by the death of God, what was discovered by this great absence of a supreme being was the very spave for freedom. What’s now being discovered by the disappearance of Man is a small gap left by Man which arises in the frame of a kind of necessity, the grat web of systems towhich we belong and are said to be necessary. Well, it’s probable that just there’s a space for freedom left by the death of God for grand political systems, grand moral systems, like Marxism, like Nietzsche, like Existentialism, to be build, so, we may see arise above this grid of necessities we’re now trying to navigate great political options, great moral options. I must say, even if wie don’t see it arise, after all, no one can prejudgethe future, it doesn’t matter if we don’t. It is being discovered in recent years that literature is no longer made to amuse, nor music just to provide visceral sensations. Well, I wonder if we won’t notice that thought can do something other than prescribe to people what they have to do. It would be quite nice if thought could come to entirely think itself, if thinking could unearth what is unconscious in the very depth of what we think.14:14

Die Flüchtlinge und wir

Einige Papiere zur Meinungsbildung

Die folgende Erklärung habe ich nicht selbst verfasst, sie ist aber auch nicht vollständig zitiert. Ich habe sie gekürzt und will die Verantwortung nicht abschieben: So entspricht der Text insgesamt genau meiner Meinung. Die Quellenangabe folgt unten.

ZITAT

Äußerst besorgt beobachten wir die gegenwärtigen Entwicklungen in der Antwort Europas auf die neu ankommenden Flüchtlinge. Gestützt auf […] Reflexion und unter Berücksichtigung der vor fast 20 Jahren auf dem EU-Gipfeltreffen in Tampere 1999 geäußerten Schlussfolgerungen, erklären wir:

  • Es ist unannehmbar, dass die Politik der „Migrationssteuerung“ zu Situationen führt, in denen hohe Verluste von Menschenleben auf dem Weg nach Europa normal geworden sind und in denen Ausbeutung und Gewalt alltäglich sind. Wir brauchen sinnvolle sichere Wege (wie Wiederansiedlung, aus humanitären Gründen erteilte Visa, realistische Arbeitsmigrationspolitik) sowie Suche und Rettung auf dem Weg nach Europa.
  • Wir bekräftigen die Aussagen des Tampere-Gipfels, insbesondere die „unbedingte Achtung des Rechts auf Asyl“ und „die uneingeschränkte und allumfassende Anwendung der Genfer Flüchtlingskonvention“ als Leitlinien für die heutige Asylpolitik. Dies würde den effektiven Zugang zu einem Verfahren für Asylsuchende umfassen, ungeachtet wie oder durch welche Orte sie nach Europa gekommen sind.
  • Der Schutz in der Herkunftsregion und die Verbesserung der Bedingungen in den Herkunftsländern bleiben wichtig, damit die Menschen nicht zur Flucht gezwungen werden. Doch solange es Gründe für eine Migration gibt, sollte Europa, als eine der reichsten und am weitesten entwickelten Regionen der Welt, seine Verpflichtungen in Bezug auf Gastfreundschaft und Schutz wahrnehmen, anstatt Drittländer unter Druck zu setzen, die Migration nach Europa zu stoppen.
  • Bei der Steuerung der Migration und insbesondere bei der Aufnahme der Flüchtlinge sollte Solidarität ein ausschlaggebender Aspekt sein. Solidarität bedeutet, dass die stärkeren Schultern mehr Verantwortung tragen als die schwächeren, aber auch, dass alle ihr Möglichstes beitragen.
  • Wir distanzieren uns vom Begriff, dass die Aufnahme von neu ankommenden Asylsuchenden zu Lasten derjenigen stattfindet, die bereits in Europa leben. Die Politik sollte sich mit den besonderen Bedürfnissen von neu ankommenden Menschen in Europa befassen und sie ermutigen, ihr Potenzial auszuschöpfen, um einen Beitrag zu leisten. Gleichzeitig müssen aber auch die Traditionen und Bedürfnisse der Einwohnerinnen und Einwohner anerkannt werden.
  • Diskussionen über Migration und Flüchtlinge sollten sich durch Würde, Respekt und, wenn möglich, durch Mitgefühl auszeichnen. Die Verbreitung von unrichtigen, undurchsichtigen und trennenden Erklärungen macht die Herausforderung des Zusammenlebens nur noch schwieriger.
  • Wo Menschen aus unterschiedlichen ethnischen und religiösen Hintergründen zusammenleben, entstehen unausweichlich Konflikte, insbesondere unter sich rasch verändernden Bedingungen. Gemeinsam in Vielfalt leben kann sowohl bereichernd als auch herausfordernd sein. Wir fordern einen Geist der Toleranz und des guten Willens und eine Verpflichtung zu einem konstruktiven Engagement.

Wir verpflichten uns dazu, uns noch entschiedener zu äußern und uns einzusetzen, für unsere Vision einer inklusiven und partizipatorischen Gesellschaft – für neu ankommende Personen und für alle Einwohnerinnen und Einwohner.

Quelle* Weihnachtsbotschaft der Organisation Ernster Humanisten OEH / Auf deren Website ist der Text ohne Kürzungen nachzulesen. Oder auch HIER.

Dank für den Hinweis und die Kürzungsidee an JMR.

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(ZUSATZ JR:)

*Die obige Quellenangabe ist die einzige im ganzen Blog, die ich gefälscht habe, – um beim Aufruf des Links eine Überraschung zu provozieren: Dass es ausgerechnet diese Organisation ist, die endlich eine Entwicklung aufgreift oder sogar vorantreibt, die eigentlich ihrem Wesen entspricht! Während (ich hoffe und glaube: nicht – weil) die Mitgliederzahlen seit Jahren dramatisch schwinden, begegnet sie der Welt mit praktischen Impulsen, die auf der einzigen moralisch vertretbaren Seite beruhen und von einzelnen immer schon ohne opportunistische Rücksichten vertreten wurden. Geschickterweise gehen sie nicht einfach direkt von diesen Impulsen aus in die Realität, sondern auf dem Umweg über die greifbaren politischen Ansätze.

(Sicherheitshalber noch dies: Es gibt keine Organisation Ernster Humanisten OEH!)

Da zu Anfang des Textes  auf das EU-Gipfeltreffen in Tampere 1999 hingewiesen wurde, füge ich als Ergänzung die einschlägigen Passagen aus der Tagung TAMPERE EUROPÄISCHER RAT 15. UND 16. OKTOBER 1999 bei, die unter dem Titel SCHLUSSFOLGERUNGEN DES VORSITZES zu finden sind, und zwar: HIER.

A. EINE GEMEINSAME ASYL- UND MIGRATIONSPOLITIK DER EU

10. Die gesonderten, aber eng miteinander verbundenen Bereiche Asyl und Migration machen die Entwicklung einer gemeinsamen Politik der EU erforderlich, die folgende Elemente einbezieht.

I. Partnerschaft mit Herkunftsländern

11. Die Europäische Union benötigt ein umfassendes Migrationskonzept, in dem die Fragen behandelt werden, die sich in bezug auf Politik, Menschenrechte und Entwicklung in den Herkunfts- und Transitländern und -regionen stellen. Zu den Erfordernissen gehören die Bekämpfung der Armut, die Verbesserung der Lebensbedingungen und der Beschäftigungsmöglichkeiten, die Verhütung von Konflikten und die Festigung demokratischer Staaten sowie die Sicherstellung der Achtung der Menschenrechte, insbesondere der Rechte der Minderheiten, Frauen und Kinder. Zu diesem Zweck werden die Union wie auch die Mitgliedstaaten ersucht, im Rahmen der Befugnisse, die ihnen die Verträge verleihen, zu einer größeren Kohärenz der Innen- und Außenpolitik der Union beizutragen. Ein partnerschaftliches Verhältnis zu den betroffenen Drittstaaten wird für den Erfolg einer solchen Politik ebenfalls von entscheidender Bedeutung sein, damit eine gemeinsame Entwicklung gefördert werden kann.

12. In diesem Zusammenhang begrüßt der Europäische Rat den Bericht der vom Rat eingesetzten Hochrangigen Gruppe „Asyl und Migration“ und stimmt der Verlängerung des Mandats dieser Gruppe und der Ausarbeitung weiterer Aktionspläne zu. Er erachtet die ersten Aktionspläne, die von dieser Gruppe ausgearbeitet und vom Rat gebilligt wurden, als einen nützlichen Beitrag und ersucht den Rat und die Kommission, dem Europäischen Rat im Dezember 2000 über die Umsetzung dieser Pläne zu berichten.

II. Ein Gemeinsames Europäisches Asylsystem

13. Der Europäische Rat bekräftigt die Bedeutung, die die Union und die Mitgliedstaaten der unbedingten Achtung des Rechts auf Asyl beimessen. Er ist übereingekommen, auf ein Gemeinsames Europäisches Asylsystem hinzuwirken, das sich auf die uneingeschränkte und allumfassende Anwendung der Genfer Flüchtlingskonvention stützt, wodurch sichergestellt wird, daß niemend dorthin zurückgeschickt wird, wo er Verfolgung ausgesetzt ist, d.h. der Grundsatz der Nichtzurückweisung gewahrt bleibt.

14. Auf kurze Sicht sollte dieses System folgendes implizieren: eine klare und praktikable Formel für die Bestimmung des für die Prüfung eines Asylantrags zuständigen Staates, gemeinsame Standards für ein gerechtes und wirksames Asylverfahren, gemeinsame Mindestbedingungen für die Aufnahme von Asylbewerbern und die Annäherung der Bestimmungen über die Zuerkennung und die Merkmale der Flüchtlingseigenschaft. Hinzukommen sollten ferner Vorschriften über die Formen des subsidiären Schutzes, die einer Person, die eines solchen Schutzes bedarf, einen angemessenen Status verleihen. Der Rat wird dringend ersucht, auf Vorschlag der Kommission und nach Maßgabe der im Vertrag von Amsterdam und im Wiener Aktionsplan gesetzten Fristen zu diesem Zweck die notwendigen Beschlüsse zu fassen. Der Europäische Rat unterstreicht, wie wichtig es ist, das UNHCR und andere internationale Organisationen zu konsultieren.

15. Auf längere Sicht sollten die Regeln der Gemeinschaft zu einem gemeinsamen Asylverfahren und einen unionsweit geltenden einheitlichen Status für diejenigen, denen Asyl gewährt wird, führen. Die Kommission wird ersucht, binnen eines Jahres eine diesbezügliche Mitteilung auszuarbeiten.

16. Der Europäische Rat fordert den Rat dringend auf, sich verstärkt darum zu bemühen, in der Frage des vorübergehenden Schutzes für Vertriebene auf der Grundlage der Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten Einvernehmen zu erzielen. Der Europäische Rat ist der Ansicht, daß geprüft werden sollte, ob nicht bei einem massiven Zustrom von Flüchtlingen zwecks vorübergehender Schutzgewährung irgendeine Form von Finanzreserve bereitgestellt werden könnte. Die Kommission wird ersucht, die entsprechenden Möglichkeiten zu sondieren.

17. Der Europäische Rat fordert den Rat dringend auf, seine Arbeiten über das System zur Identifizierung von Asylbewerbern (Eurodac) unverzüglich zu Ende zu führen.

III. Gerechte Behandlung von Drittstaatsangehörigen

18. Die Europäische Union muß eine gerechte Behandlung von Drittstaatsangehörigen sicherstellen, die sich im Hoheitsgebiet ihrer Mitgliedstaaten rechtmäßig aufhalten. Eine energischere Integrationspolitik sollte darauf ausgerichtet sein, ihnen vergleichbare Rechte und Pflichten wie EU-Bürgern zuzuerkennen. Zu den Zielen sollte auch die Förderung der Nichtdiskriminierung im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben und die Entwicklung von Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gehören.

19. Ausgehend von der Mitteilung der Kommission über einen Aktionsplan gegen Rassismus fordert der Europäische Rat, daß die Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verstärkt wird. Die Mitgliedstaaten werden auf die besten Praktiken und Erfahrungen zurückgreifen. Die Zusammenarbeit mit der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und dem Europarat wird weiter verstärkt. Darüber hinaus wird die Kommission ersucht, so bald wie möglich Vorschläge zur Durchführung des Artikels 13 des EG-Vertrags betreffend die Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorzulegen. Für die Bekämpfung von Diskriminierungen im allgemeineren Sinne werden die Mitgliedstaaten aufgefordert, einzelstaatliche Programme auszuarbeiten.

20. Der Europäische Rat erkennt an, daß eine Annäherung der einzelstaatlichen Rechtsvorschriften über die Bedingungen für die Aufnahme und den Aufenthalt von Drittstaatsangehörigen auf der Grundlage einer gemeinsamen Bewertung der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklungen innerhalb der Union sowie der Lage in den Herkunftsländern erforderlich ist. Er bittet daher den Rat um rasche Beschlüsse anhand von Vorschlägen der Kommission. Diese Beschlüsse sollten nicht nur der Aufnahmekapazität jedes Mitgliedstaats, sondern auch seiner historischen und kulturellen Bande mit den Herkunftsländern Rechnung tragen.

21. Die Rechtsstellung von Drittstaatsangehörigen sollte der Rechtsstellung der Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten angenähert werden. Einer Person, die sich während eines noch zu bestimmenden Zeitraums in einem Mitgliedstaat rechtmäßig aufgehalten hat und einen langfristigen Aufenthaltstitel besitzt, sollte in diesem Mitgliedstaat eine Reihe einheitlicher Rechte gewährt werden, die sich so nahe wie möglich an diejenigen der EU-Bürger anlehnen; z.B. das Recht auf Wohnsitznahme, das Recht auf Bildung und das Recht auf Ausübung einer nichtselbständigen oder selbständigen Arbeit sowie der Grundsatz der Nichtdiskriminierung gegenüber den Bürgern des Wohnsitzstaates. Der Europäische Rat billigt das Ziel, daß Drittstaatsangehörigen, die auf Dauer rechtmäßig ansässig sind, die Möglichkeit geboten wird, die Staatsangehörigkeit des Mitgliedstaats zu erwerben, in dem sie ansässig sind.

IV. Steuerung der Migrationsströme

22. Der Europäische Rat weist darauf hin, daß die Migrationsströme in sämtlichen Phasen effizienter gesteuert werden müssen. Er fordert die Durchführung – in enger Zusammenarbeit mit den Herkunfts- und Transitländern – von Informationskampagnen über die tatsächlichen Möglichkeiten der legalen Einwanderung sowie die Prävention aller Arten des Schlepperunwesens. Außerdem sollte eine gemeinsame aktive Politik im Bereich Visa und gefälschte Dokumente weiter entwickelt werden, einschließlich einer engeren Zusammenarbeit zwischen den EU-Konsulaten in Drittländern sowie bei Bedarf der Einrichtung von gemeinsamen EU-Visumstellen.

23. Der Europäische Rat ist entschlossen, die illegale Einwanderung an ihrer Wurzel zu bekämpfen, insbesondere durch Maßnahmen gegen diejenigen, die Zuwanderer einschleusen oder wirtschaftlich ausbeuten. Er drängt auf die Annahme von Rechtsvorschriften, die strenge Sanktionen zur Ahndung dieses schweren Verbrechens vorsehen. Der Rat wird ersucht, auf Vorschlag der Kommission bis Ende 2000 entsprechende Rechtsvorschriften zu verabschieden. Die Mitgliedstaaten sollten zusammen mit Europol ihre Bemühungen auf die Aufdeckung und Zerschlagung der beteiligten kriminellen Netze ausrichten. Die Rechte der Opfer derartiger Aktivitäten müssen gewahrt bleiben, wobei insbesondere die Probleme von Frauen und Kindern zu berücksichtigen sind.

[ Die hier weggelassenen Punkte 24. – 27. sind im originalen Text nachzulesen.]

Quelle: Hier (Text Europäischer Rat Tampere 1999)

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Ein paar private Wünsche (JR):

In begrüßenswerten Aktionen zur Überwindung der Missverständnisse zwischen alteingesessenen Bürgern unseres Landes und zugewanderten Menschen werden immer wieder die drei Religionsgemeinschaften der Christen,  Juden und Muslime genannt, als sei damit ein Ganzes erfasst, die Andeutung eines möglichen gemeinsamen Daches. Ich sehe darin ein stark exkludierendes Moment, nicht so sehr, weil Hindus und Buddhisten u.a. fehlen, sondern auch eine zahlenmäßig sehr bedeutsame Gruppe deutscher (und zugewanderter) Bürger, die sich nicht als Christen sehen und die sich keineswegs korrekt angesprochen fühlen, wenn etwa zu einer Musik „für Gläubige und Andersgläubige“ eingeladen wird. Auch wenn sie nicht an den Gott der drei genannten Religionen glauben, muss man damit rechen, dass sie nicht als „Andersgläubige“ und noch weniger als „Ungläubige“ bezeichnet werden wollen. Abgesehen davon, dass dies von echten „Gläubigen“ als erlaubte Diskriminierung der Anderen verstanden werden kann. Diese selbst verstehen sich vielleicht in erster Linie als Humanisten, Philosophen, Wissenschaftler, Agnostiker, Mystiker, – sie sollten es nicht einmal formulieren müssen. Menschen, die die sogenannten „letzten Fragen“ einfach offen lassen wollen, ohne deswegen mit irgendeinem Etikett einverstanden zu sein.

Es geht auch nicht um Mehrheiten oder Minderheiten, aber auch die könnte man emotionslos zur Kenntnis nehmen: über die Gültigkeit von Musikrichtungen wird ja ebenfalls nicht abgestimmt.

Es gibt etwa 4 Millionen Muslime in Deutschland (etwa 5 Prozent), 100.000 Hindus (0,1 Prozent), aber rund 25 Millionen Bundesbürger sind konfessionslos.

Verbindlich ist in jedem Fall das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.

Anlass zur Sorge? Ratespiel: Welche Religionen oder Weltanschauungen stecken hinter den Farben? (Auflösung folgt.)

Die Auflösung (im Uhrzeigersinn): 26: Evangelische Kirche, 28: Katholische Kirche, 37: Konfessionsfreie / ohne Religionszugehörigkeit, 2: Orthodoxe Kirche, 1: Sonstige Religionszugehörige, 5: Konfessionsgebundene Muslime, 1: Sonstige christliche Gemeinschaften.

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70 Jahre Menschenrechte – Info hier

Ich bin glücklich, dass ich fürs Wochenende noch die Süddeutsche gekauft habe, schon wegen des Leitartikels von Heribert Prantl. Titel: Exodus

Zitat (Text Prantl)

Der sogenannte Rechtspopulismus, eine verharmlosende und daher falsche Bezeichnung für eine gefährliche Sache, ist eine Entbürgungs- und Entrechtungsbewegung. Die Welt erlebt einen Exodus der Menschlichkeit.

Am global greifbarsten ist das bei den Problemen der Migration. Die maßlose Kritik am Migrationspakt, der nun zum Jubiläum der Menschenrechte in Marrakesch unterschrieben werden soll, zeigt das deutlich. Der Pakt sagt im Kern, dass Menschen auch dann Menschen sind und bleiben, wenn sie Flüchtlinge, Migranten, Aus- und Einwanderer sind. Er besagt, dass es gut wäre, die Lebensverhältnisse in den Herkunftsländern so zu verbessern, dass Menschen nicht mehr fliehen müssen. Und er besagt, dass die Völkergemeinschaft es den Umherirrenden schuldig ist, sie nicht als Feinde zu behandeln. Es zeugt von der Krise der Menschenrechte, dass die Völkergemeinschaft sich, anders als vor 70 Jahren, darauf nicht mehr einstimmig einigen kann – weil sie sich immer weniger als Gemeinschaft versteht.

Man wird das 21. Jahrhundert einmal daran messen, wie es mit den Flüchtlingen umgegangen ist. Man wird es daran messen, welche Anstrengungen unternommen wurden, um entheimateten Menschen wieder eine Heimat zu geben. Man wird es daran messen, wie es mit den Menschenrechten umgegangen ist.

JR: Glücklicherweise kann man den vollständigen Kommentar online aufrufen: HIER !

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ZITAT

[Es geht darumzu erkennen,] dass die europäische Debatte um Zuwanderung alles andere als eine eindeutige Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse ist. Es wäre falsch, alle Zuwanderungsgegner pauschal als „Nazis“ zu verunglimpfen, so wie es falsch wäre, allen Zuwanderungsbefürwortern vorzuwerfen, sie würden „kulturellen Selbstmord“ begehen. Deshalb sollte die Zuwanderungsdebatte nicht als kompromissloser Kampf um irgendeinen nicht verhandelbaren moralischen Imperativ geführt werden. Es handelt sich vielmehr um eine Diskussion zwischen zwei legitimen politischen Positionen, die durch gängige demokratische Verfahren entschieden werden sollte.

Gegenwärtig ist alles andere als klar, ob Europa einen Mittelweg findet, der es in die Lage versetzen würde, seine Tore für Fremde offenzuhalten, ohne durch Menschen destabilisiert zu werden, die seine Werte nicht teilen. Wenn es Europa gelingt, einen solchen Weg zu finden, ließe sich seine Formel vielleicht auch auf globaler Ebene anwenden. Wenn das europäische Projekt aber scheitert, wäre das ein Hinweis darauf, dass der Glaube an die liberalen Werte der Freiheit und der Toleranz nicht ausreicht, um die kulturellen Konflikte auf dieser Welt zu lösen und die Menschheit angesichts von Atomkrieg, ökologischem Kollaps und technologischer Disruption zu einen. Wenn sich Griechen und Deutsche nicht auf eine gemeinsame Bestimmung verständigen können und wenn 500 Millionen wohlhabende Europäer nicht ein paar Millionen arme Flüchtlinge aufnehmen können, welche Chancen haben die Menschen dann, die weitaus tieferen Konflikte zu überwinden, die unsere globale Zivilisation plagen?

Quelle Youval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert / Verlag C.H.Beck München 2018 (Zitat Seite 211f)

Das Opfer-Syndrom

Ein ergiebiges Deutungsmuster

Wieso bin ich nicht selber drauf gekommen? Wie oft bin ich diesen Zauberformeln nicht schon begegnet. Aber da sie in den verschiedensten Umschreibungen auftauchen, glaubt man immer aufs neue nachdenken zu müssen. Ein persönliches Beispiel (über das ich schon viele Worte verloren habe): warum machen mich alte Fotos schlagartig traurig, obwohl ich mich doch schon oft über den Automatismus lustig gemacht habe (wenn ich mich stark genug fühle, was ja auch vorkommt). Und gerade jetzt neige ich zur verbalen Selbstbestrafung, wenn ich nur dieses Schubert-Lied (mit Goethe-Text) höre, – es zieht mich am schönsten Sonntagmorgen nieder, und ich finde keine Worte mehr. Bitte fassen Sie sich, und drücken Sie hier! Man versteht, was der Dichter sagen will. Und könnte doch sofort ein Gegenmodell improvisieren: wie furchtbar man sich damals gefühlt hat, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn alle andern Themen schlagartig wertlos geworden sind, wenn jedes Lächeln, das man vorsorglich aufsetzt, sich verkrampft und im Kreis zurückführt ins Elend, genau wie die letzte Klavierwendung bei Schubert. Meine Traurigkeit ist viel zu schön, sie ist verlogen, denn in Wahrheit bin ich längst gestorben… (Ach, ich müsste das Lied „Feldeinsamkeit“ als Gegengift einnehmen.)

Nein, ich übertreibe. Man stelle sich nur vor, ich hätte damals einen erfahrenen Berater gehabt, zum Beispiel Trump oder Putin, wie glücklich hätte ich werden können. Wenn mir etwa jemand versichert hätte: Du betreibst ein schlechtes Selbstmanagement. Du hättest von dem Mädchen einen fairen Deal erwarten können. Oder behaupten können, sie zeige ein aggressives Verhalten, das dich krank macht. Auch gemeinsamen Bekannten hättest du etwas in der Art erzählen können, mit Pokerface oder mit Tränen in den Augen, egal. Sie wäre auf mich aufmerksam geworden und hätte den Schaden wieder gut machen wollen. Nicht auszudenken. Was wäre aus mir geworden!?

Wer käme auf die Idee, dass mir seit gestern, seit ich die „Themen“-Seite  meiner Tageszeitung Wort für Wort studiert habe (sie war wohl aus dem Berliner „Tagesspiegel“ übernommen), in unregelmäßigen Abständen Variationen des Tagesthemas einfallen? Ich muss mich zwingen, die wichtigsten Sätze herauszuschreiben, so wie ich in diesen Tagen am Klavier ausschließlich das Thema der Goldberg-Variationen memoriert habe, dieses aber eigentlich nur wegen der Ornamente, während das Leben selbst die 30 Variationen umfassen würde, von denen ich noch keine einzige geübt habe. Ich schreibe nur die Sätze hin, das Ganze kann sich jeder allein zusammenreimen oder im Internet nachlesen.

ZITAT

Die Politik der Ewigkeit stellt sich die Zeit nicht als zukunftgerichtet und linear vor, sondern als einen Kreis, der immer wieder zur Vergangenheit aufschließt. Donald Trumps Slogan zum Beispiel heißt „Make America Great Again“, – again – wieder. Der Referenzpunkt ist ein imaginiertes Ideal in der Vergangenheit. In dieser Sichtweise ist die Zukunft nicht vorhersagbar, wie in der Politik der Unvermeidbarkeit, sondern sie verschwindet einfach völlig. Auch das ist schlecht für die Demokratie, denn sie basiert darauf, aus Fehlern zu lernen und Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. (…) Das Interessante am 21. im Vergleich zum 20. Jahrhundert ist, dass wir keine Zukunft mehr haben. Vor 100 Jahren gab es leninistische und faschistische Utopien. Die Menschen hingen der Idee an, dass die Zukunft sich von der Gegenwart unterscheiden würde. Heute ist der Leninismus tot. Der Faschismus ist noch nicht ganz tot, aber die heutigen Faschisten haben nur sehr wenige Ideen. Im 20. Jahrhundert existierte faschistische Kunst, Architektur, Musik. Heute starren die Faschisten den ganzen Tag ins Internet und schreiben immer wieder dasselbe. Es gibt verschiedene Wege, mit dieser Zukunftslosigkeit umzugehen. Ein Weg ist die Politik der Unvermeidbarkeit. Sie sagt, gut, wir haben keine große Erzählung mehr, also sagen wir einfach: Die Zukunft ist wie die Gegenwart, nur von allem etwas mehr. Die heutige Rechte hingegen sagt: Wir reden einfach gar nicht mehr über die Zukunft. Wir halten uns stattdessen an der Idee fest, dass wir Opfer sind.

Damit sind wir beim Stichwort. Es stammt – in diesem Sinne – von dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder, den wir hier wörtlich wiedergegeben haben. Nachzulesen hier:

Quelle Solinger Tageblatt 10. November 2018 Seite 5 bzw. Der Tagesspiegel 31. Oktober 2018 „US-Historiker Snyder im Interview“ Moskau hat den Präsidenten der USA ausgewählt“ Der amerikanische Zeithistoriker Timothy Snyder über die Ideologie Wladimir Putins, dessen Einfluss auf den Westen und die Bedeutung der Zeit. Ein Interview. Von Christoph von Marschall, Anna Sauerbrey und Till Knipper. Siehe Hier.

Andererseits würde ich auch zu erfahren suchen, was andere Leute meines Vertrauens dazu sagen, Herfried Münkler zum Beispiel. Hier sind die Besprechungen bei Perlentaucher zu finden. Spiegel online siehe hier. Im folgenden Video Timothy Snyder im O-Ton:

(Fortsetzung folgt)

Und damit zurück ins „Private“. (Lesenswert: Zeit online Anselm Neft hier.)

Ein Prinz aus dem Morgenlande

Was mir Angst macht, ist die Realität

Zum Beispiel ein Mensch wie dieser, der in einer Wikipedia-Biographie durchaus seriös gewürdigt wird: hier.

Über den in einer Weise gesprochen wird, dass man es nicht glauben mag. Und es stimmt doch. Bezeugt aus dem Munde eines Experten, dessen Aussagen sich schon früher als die glaubwürdigsten erwiesen haben. Siehe in diesem Blog hier.

Und gestern wieder in der ZDF-Sendung, über die man bisweilen abfällig reden hört. Aber genau dort erfährt man wieder dank der präzisen Eloquenz des Gastes (und seines Mutes!) in 20 Minuten alles, was man bisher noch nicht wahrhaben wollte: und zwar gleich im ersten Teil ab 3:12 (bis 24:30), abzurufen also – noch einmal –  hier. Wer ganz wenig Zeit hat (in lebenswichtigen Fragen?), starte bei 18:05. Vermutlich um dann nachträglich doch von ganz vorn zu beginnen.

Oder die knapp 3 Minuten von 12:53 bis 16:35.

 ZDF Screenshot JR

Ach was, ich brauchs schriftlich, um es zu behalten, und den 4. November schreibe ich mir in den Kalender!

ZITAT (Abschrift JR)

… (12:53 Lüders:) … machen wir uns doch nichts vor, in zwei, drei Monaten ist der Fall Kashoggi vergessen, und dann geht es weiter. Der amerikanische Präsident sagte ja klipp und klar: „Come on, wir haben für 110 Milliarden Dollar haben wir Waffengeschäfte unterschrieben und… das ist alles tragisch, was da geschehen ist in Istanbul, aber im Grunde genommen wir machen weiter wie bisher.“ LANZ Und im Zweifel, so habe ich das gelesen, exportiert man die Waffen dann halt nach Frankreich oder nach Grossbritannien und wohin auch immer, und dann finden die halt von dort aus ihren Weg nach Saudi-Arabien. LÜDERS Einmal das, und zum andern muss man sich immer vor Augen führen, dass bei aller berechtigten Kritik an diesem Regime in Saudi-Arabien, an dem man wirklich nicht viel Gutes lassen kann, – geopolitisch ist Saudi-Arabien von größter Bedeutung, es ist ja, wenn man sich mit dieser Region befasst, das Interessante, dass wirklich alles mit allem zusammenhängt: die USA führen jetzt,  einen Feldzug kann man sagen, gegen den Iran. Wie gesagt: alles hängt mit allem zusammen, am 4. November greift die nächste Sanktionsstufe gegen den Iran. Dann ist es aus amerikanischer Sicht illegal, überhaupt noch Geschäfte zu treiben mit dem Iran. Das bedeutet… LANZ Kein Land auf der Erde darf dann mehr, um das mal klar zu sagen, iranisches Öl beispielsweise kaufen, das ist illegal LÜDERS … kann schon, aber theoretisch würde dieses Land bzw. die Firma, die das dann tut, in den USA juristisch zur Rechenschaft gezogen, und das überlegt sich natürlich jeder dreimal, ob er das wirklich will, das heißt der Erdölexport des Iran wird zurückgehen um schätzungsweise 2 Millionen Barrel pro Tag, diese Summe muss aufgefangen werden, sonst explodieren die Preise an den Tankstellen, und Mohammed bin Salman hat Präsident Trump zugesagt: Kein Problem, wir machen das. Allein vor diesem Hintergrund mit dem Blick auf die Konfrontation, die die USA suchen mit dem Iran, braucht es die Unterstützung der beiden wichtigsten Verbündeten der USA in der Region, nämlich von Israel und Saudi-Arabien, und gerade diese Öl-Geschichte und diese engen wirtschaftliche Verflechtungen erklären eben auch, warum es keinen wirklichen Druck auf Saudi-Arabien nicht geben wird. Vergessen wir auch nicht – und das ist ein ganz interessanter Aspekt – als ich (….) für mein Buch „Armageddon im Orient – Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“ recherchierte über diese Zusammenhänge, bin ich selber fast vom Glauben abgefallen: die engen Beziehungen zwischen dem Schwiegersohn des US-Präsidenten, Jared Kushner und dem saudischen Kronprinzen MBS. Wenn man anfängt, sich damit auseinanderzusetzen, dann denkt man, man ist im Tollhaus. Es ist wirklich unglaublich, was es da für geschäftliche und politische Beziehungen gibt, und das… LANZ der Mann, den wir rechts im Bild sehen, und jemand, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, ist jemand, der nie gewählt worden ist, der kein politisches Mandat hat, LÜDERS … die einzige Funktion, die er hat, das ist sicher eine sehr ehrenwerte, aber gleichwohl: er ist der Schwiegersohn des US-Präsidenten, und ansonsten ist er nie in irgendein Amt gewählt worden , er ist keinerlei demokratisch legitimierte Person, aber er managed die amerikanische Politik im Nahen und Mittleren Osten, und er will zweierlei von Saudi-Arabien: er ist sozusagen ein Duzfreund von MBS, die beiden haben unheimlich viel Deals zusammen gemacht, und es gibt eben Hinweise darauf, dass (…) Jared Kushner, der Schwiegersohn des US-Präsidenten, auch MBS Hinweise gegeben hat mit Blick auf Oppositionelle in Saudi-Arabien. Das ist natürlich kein netter Zug, aber das Entscheidende ist, dass MBS bereit ist, bereit ist, für die USA nicht nur in Sachen Iran eng zusammenzuarbeiten, sondern der Jahrhundert-Deal, den die Amerikaner vorbereiten, mit Blick auf einen Friedensschluss zwischen Israel und den Palästinensern, der ein Friedensschluss sein wird, ohne die Interessen der Palästinenser besonders zu berücksichtigen, den wiederum soll MBS, der saudische Kronprinz gegenüber den Palästinensern durchsetzen. Wenn man sieht, wie hier die Gefechtslage ist, dann kann MBS davon ausgehen, dass das für ihn natürlich ein Public Relations Desaster ist, was er ja selbstverschuldet angerichtet hat, aber es würde mich sehr sehr wundern, wenn die Amerikaner ihn fallen ließen… 16:35

Quelle ZDF-Sendung Markus Lanz 23. Oktober 2018 (unter den oben angegebenen Links in der ZDF-Mediathek verfügbar bis 22. November 2018). Auf Youtube (darüber hinaus) hier.