Kategorie-Archiv: Politik

Bloß keine Talkshow!!!

Was bedeutet dieser Überdruss?

Man hört es im Freundes- oder Bekanntenkreis und fragt sich: wie kommt das zustande? Vielleicht nur, weil da andere Meinungen vertreten werden, als man sie selbst äußern würde? Oder weil sie geschickter vorgetragen werden, als man es selber könnte? Oder genau das Gegenteil? Aber man könnte doch in jedem Fall die Technik des Ablaufes analysieren, die Gedankenführung oder-verwirrung, die Reaktionen aufeinander, das Nachhaken oder das Schweigen der Betroffenen. Dieses eher zufällig (auf Hinweis eines Medienfreundes) eingeschaltete Gespräch verblüffte mich durch das Misslingen der Verständigung. Das wird gleich zu Beginn eingefädelt, durch die Frage des Moderators, warum denn die Autorin sich auf ihrem Buch-Cover nicht mit einem freundlicheren Gesicht präsentiere. Sie soll offenbar lächeln? Was soll sie dazu sagen? Sie kommt in Kürze darauf, dass diese Frage durch Gender-Erwartungen geprägt ist: Frauen die uns etwas verkaufen wollen, sollen gefälligst lächeln. Mit diesem Geplänkel werden mindestens 2 Minuten verbraucht, und schon sind die Weichen so gestellt, dass man das ganze Gespräch als unterschwelligen Geschlechterkampf deuten kann. (Ich denke an eine Beethoven-Sonate, „die Schöne und das Biest“.) Das ist dumm, aber es könnte einem auch Spaß machen, wenn man ohnehin vorhat, das Buch zu lesen und vorweg den Widerstand gegen vernünftige Ideen begreifen will. Das geht von 5:03 bis etwa 8:03 ! Schon das nächste Thema „Was ist Natur?“ wurde ja schon 1000fach diskutiert. Warum nicht hier nochmal? Und danach, finde ich, kann man auf den Schluss springen ab 29:07 und es genießen, wie die Wissenschaftlerin unmissverständlich zum Ausdruck bringt, dass ihre Geduld am Ende ist. Bloß keine solche Talkshow!!! könnte man sagen. Aber andererseits: zwischenmenschlich hat man viel gelernt. Und das Buch wird man sich aus rein sachlichen Gründen leisten und mit Leidenschaft lesen, – dafür braucht man keinen moderierenden Klotz am Bein.

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Fr 20.11.2020 | 00:30 – 01:00 PRESSETEXT rbb 

Talk aus Berlin: Maja Göpel – Transformationsforscherin

Moderation: Jörg Thadeusz

„Weitermachen wie bisher ist das am wenigsten Sinnvolle“, sagt die Transformationsforscherin Maja Göpel. Im Rahmen der ARD-Themenwoche „Wie wollen wir leben?“ erklärt sie im „Talk aus Berlin“, warum gerade jetzt das Fenster der Möglichkeiten für eine nachhaltige Veränderung offen ist.

PRESSETEXT rbb ENDE

Zum Video der Sendung hier

ENDE der Sendung (es sind doch politische Forderungen? fragt er, als sei das unbillig.) ab 29:07

Maja GöpelHerr Thadeusz, noch einmal: möchten Sie das nun ernst nehmen mit der Umweltkrise, oder möchten Sie das insgesamt in Frage stellen? Haben Sie den Eindruck, uns Wissenschaftlern macht das Spaß? Meinen Sie nicht, dass ich das nicht supergeil fände, ey, jeder soll 14 Häuser haben, 20 SUVs, 434 Mobiltelefone? Wenn es diese Probleme nicht gäbe, wär ich doch die Allerletzte, die nicht sagen würde: alles raus damit, für alle immer mehr! Ich frag mich immer: was ist das Motiv, was Sie uns unterstellen wollen, es ist doch einfach erstmal Naturwissenschaften ernst nehmen, und dann sich zu fragen: was mache ich mit diesem Befund. Und zu gucken: wie können wir – und wenn wir in die Geschichte gucken, sind typischerweise Kriege über Ressourcenengpässe entstanden, sind Sicherheitsfragen durch ein Versorgungsunsicherheit entstanden. Was ist das Motiv? Sie tun immer so, als wollte ich den Leuten den Spaß verderben oder irgendwas. Hier geht es um darum, einfach das, was die Wissenschaft und die Beobachtung, und da haben wir auch durch die Digitalisierung ziemlich gute Datenbasen und sagt, was sich verändert und was nicht positiv ist. Und dann versuchen wir daraus – im Auftrag der Bundesregierung im übrigen, die die politischen Ziele gesetzt hat, das zu verhindern, diese Konsequenzen, – Lösungen zu formulieren und Möglichkeiten zu formulieren, und dann gucken wir ran, was sind möglicherweise die Treiber, Überkonsum, und das ist ein Wort, da wird wahrscheinlich wieder die Hälfte der Republik aufschreien, was das überhaupt ist, aber es ist ein Begriff in der Wissenschaft, wenn wir uns angucken, wie die Verteilung dessen ist, was Menschen unterschiedliche Menschen auf diesem Planeten – jeder für sich ein Individuum – pro Kopf für sich in Anspruch nehmen auf diesem Planeten, und dann gibt es da so etwas wie Überkonsum, weil eine Grundversorgung, im Sinne von tatsächlich „ich bin gut versorgt“ längst erreicht ist, und dieses hohe Konsumniveau in einem Teil des Planeten dazu führt, dass wir nicht genug Ressourcen haben, um denjenigen auf diesem Planeten genug zu geben, die noch nicht genug materiell versorgt sind. Entweder wir wollen das ernst nehmen mit diesen physikalischen Größen oder wir lassen es!

Jörg Thadeusz: Frau Göpel, wir nehmen das ernst, Leute lesen Ihr Buch, tun das weiterhin, „Unsere Welt neu denken“ von Maja Göpel. 31:06

 Screenshots rbb Sendung

Das Buch können Sie sich hier besorgen, aber Ihr Buchladen in der Stadt ist ebenso schnell! (Und ich habe überhaupt nichts von dieser Empfehlung. Es geht um die Sache.)

SZ-Fallrückzieher

Igor Levit in München

Jemand muss dem Kritiker die Zauberformel eingegeben haben, und schon weiß er, wie man einen Künstler kleinkriegen kann, ohne ihn herabzusetzen: man sagt, dass Mozart größer ist, oder auch: „Kein Musiker kann alles“.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 31.Oktober/1.November 2020 Seite 16 Vor der großen Pause Das letzte Konzert vor dem Lockdown geben die BR-Sinfoniker mit dem Pianisten Igor Levit und dem Dirigenten Klaus Mäkelä. Ein seltener Glücksfall für die fünfzig Zuhörer.

Man durfte gespannt sein – nach dem Affentheater um die missratene Rezension des Kritikers Helmut Mauró und um die missglückten Ausbügelaktionen seiner Zeitung. Gibt es neue Leitlinien im Fall weiterer Levit-Auftritte? Ob Kollege Bremsbeck der richtige Ersatzmann ist, möchte man bezweifeln; hat er sich nicht auch schon ziemlich festgelegt, als er neulich von Levit als dem letzten „Reichsverweser Beethovens“ schrieb (siehe hier), der allerdings nicht verhindern konnte, dass das Konzert „im Braven“ versandete? Und ausgerechnet dieser Kritiker soll jetzt eine Art Wiedergutmachung versuchen? Er will auf jeden Fall nicht zum Lobsänger mutieren, er muss es anders verpacken, und so sagt er uns durch die Blume, dass Levit alles andere als unfehlbar ist, vielleicht bei Mozart nicht ganz so trittsicher agieren wird. Man kann ja auch darauf anspielen, dass sein Beethoven ziemlich überschätzt wird, es sollte nur an eingestreutem Scheinlob nicht fehlen. Vor allem sollte der politisch korrekte Ansatz seiner Musik hervorgekehrt werden, was aber auch nicht beleidigend klingen darf, also etwa folgendermaßen: In Mozarts Jenamy- („Jeunehomme“-)Konzert „bestimmt Levit das Geschehen: unaufdringlich, elegant, flexibel, feurig.“ Und weiter:

Er führt jetzt auch bei Mozart und im Einklang mit dessen ästhetischen Prinzipien vor, wie Gesellschaft im Idealfall funktionieren sollte. Er zeigt durch die Art seines Klavierspiels, wie das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Genie und Alltagsmenschen, Vorgesetzten und Untergebenen aussehen sollte.

Der Solist gibt dabei den Takt vor, daran lässt Levit keinen Zweifel. Aber er gängelt oder bevormundet niemanden. er hört immer zu. Und wenn Mozart es fordert, verschwindet er als Solist hinter dem Orchesterklang. Levit spielt lächelnd, oft versonnen. Er dampft und schwitzt nicht. Er versucht nie, auf Biegen und Brechen etwas Originelles in diesem so bekannten Stück zu finden. Er führt sein Gesellschaftsmodell als ein für Jedermann leicht Nachzumachendes vor: So schön und so leicht kann das Miteinanderleben sein. Eine Utopie? Ganz sicher.

Das muss ja ein wahnsinnig hinreißendes Konzert gewesen sein! „Er dampft und schwitzt nicht.“ –  „Das versöhnt“, denkt der Kritiker. Nein, muss ich nicht mehr zwischen die Zeilen zaubern?

Im Finale schafft Mozart das Wunder der Integration durch den genialen und verblüffenden Einschub eines verspielt nachdenklichen und langsamen Menuetts in den Schlussjubelrausch. Das versöhnt. Vielleicht, denkt man als Kritiker dann beim 50-Menschen-Beifall, gibt es doch Musiker, die alles können. Und da es nicht Levit ist, er spielt als Zugabe „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“, muss es wohl Mozart sein.

Geht doch! Aber versuche nur ein Mensch, diese abschließenden Sätze der Rezension zu verstehen! Es muss doch eine Sottise, irgendeine hinterhältige Anspielung dahinterstecken, die nur von Insidern durchschaut werden kann. Vielleicht eine Replique auf Wortwechsel in langen Redaktionskonferenzen. Oder liegt es auf der Hand, dass man sich mit dem Bach-Choral als Zugabe selbstredend um Kopf und Kragen spielt? Oder ist es schiere Demut?

Ohnehin wird auf unnütze Weise Tiefsinn zelebriert, denn die Rede von Musikern, „die [nicht] alles können“, ist der running gag der ganzen Kritik, am Anfang noch harmlos schwadronierend:

„Kein Musiker kann alles. So befremdete der geniale Dirigent Kirill Petrenko“ usw.usw. (also: die bekannten Probleme größter Künstler mit der Mozart-Interpretation), und wenig später:

„Nun ist der 33-jährige Levit nicht für sein Mozart-Spiel berühmt, sondern für seine Darbietung des zupackenden und leichter zu bewältigenden [!!!] Ludwig van Beethoven. Dass Levit bei Beethoven nicht nur Sternstunden kennt, das ist in seiner beachtlichen, aber nicht vollauf überzeugenden Sonaten-Box zu hören. Aber wie gesagt: Kein Musiker kann alles. Dafür ist Levit als Musiker nicht nur leidenschaftlich, sondern auch tollkühn.“

Leidenschaftlich und tollkühn! Klingt das nicht nach einer stillen Abwägung von Können und Wollen – natürlich zuungunsten dieses Interpreten? Und wenn es sich nicht um Levit handelt, so ist doch eins ist sicher: auch der Kritiker will mehr als er kann.

Nach dem Waterloo der politischen Diskussion

Trump und 1 Ende der Geduld (eine Sternstunde)

hier kein Start, nur Scan-Foto !

ZDF-Sendung gestern: MARKUS LANZ [aus Südtirol, gesehen in Südtirol, Völs, Moarhof ]. Zu Gast: Journalist Elmar Theveßen, Politiker Jürgen Trittin, Autorin Julia Ebner und Zukunftsforscher Matthias Horx (in wiki auch Fehlprognosen), website hier

HIER (Sendung abrufbar bis 30. Oktober)

3:35 Wie reagiert denn Amerika auf das, was da gestern passiert ist? Man sagte: „brennende Müllkippen“, „die würdeloseste Präsidentschaftsdebatte, die ich je gesehen habe“ (E.Th.)

9:16 Jürgen Trittin über die Widersprüchlichkeit der USA

10:12 Wer sind die „Proud Boys“? J.Ebner: „rassistisch, frauenfeindlich, homophob“

19:57 Matthias Horx über den Zustand Amerikas: für uns sehr lehrreich, weil unsere Populisten ein Schatten dieser Bösartigkeit sind, diese negative Energie wird dort [offen] sichtbar.

22:23 Trittin über John Biden, „den Platzhalter, der keinen Schaden anrichtet“ Florida als entscheidender Staat 26:42 Verabschiedung Elmar Theveßen

26:58 „Proud Boys“ Was ist „QAnon“? Bewegung, jetzt auch in Deutschland 29:32 (J.Ebner) 39:57 Bodo Schiffmann mit 2 Ausschnitten (komplett umgedreht) „Quarantäne-Lager hat man früher als KZ bezeichnet“ 43:11 Darüber M. Horx 44:55 Ebner: soziale Medien, die verschwörungstheoretische Inhalte derart pushen, dass sie zu dieser Bedeutung kommen…

(Für mich besonders interessant nach der Begegnung am Völser Weiher hier „Bloße Meinungen“.)

45:24 Dazu Trittin / Wann beginnt dieser Niedergang des Amerikas, das wir in unserer Kindheit erlebt haben? Verschwinden der Mittelklasse. Beispiel Kanada ! Verhältnis zu Autoritäten. EUROPA. 59:30

59:30 Horx „in die Zukunft schauen“ Beispiel: Tourismus in Venedig. Erlebnisse in dieser Krise, „stresshafte Zeit VOR Corona“, Überbeschleunigungsphänomene.

1:07:44 J.Ebner: Verhalten mit Corona ändern… Makroeinflüsse / Horx: der allzu große Technologieglauben – was kommt letzten Endes: Solidarität. Re-greening. Rückschau vom Jahr 2050 aus… China (bis 2030) – den Planeten wirklich wieder ernsthaft begrünen? das ist das wahrscheinlichste Szenario, darauf läuft das hinaus? Horx: Ja!

Gruß aus Südtirol – Zwei Seiten eines Dings

20. September 2020 Blick morgens von Obervöls/Moarhof auf den Schlern

1. Oktober 2020 Blick mittags von der Seiser-Alm auf den Schlern

Fotos: JR & E.Reichow

Zu den Standorten der Fotos:

Wie ist unsere Lage?

Was der Philosoph dazu (meint) denkt…

(13:50 „Geht’s um meine Meinung oder …“) Externes Fenster hier

Gesamtdauer: 1:41:53 (Empfohlenes Statement: Soviel Zeit muss sein!)

Hat er schon einmal Quatsch geredet? Ja, über eine Zukunft mit selbstfahrenden Autos. (Ab 1:05) vorweggenommen siehe ausführlich ab 48:00

7:35 Esoterik, Verschwörungstheorien, Religion 12:20 Corona-Leugner 13:05 Politik vor der Bundestagswahl SPD z.B. Olaf Scholz: „jene alten Verhältnisse wieder herstellen, von denen wir vor einem Jahr gesagt haben, so gehts nicht weiter (…) mir macht so jemand Angst“ etc 17:30 Die Grünen wollen auch keine großen strukturellen Veränderungen – Grüne in Machtpositionen (Joschka Fischer) 20:00 Verzicht? Nicht fliegen unter 500 km / keine Kreuzfahrten mehr! / Nicht mehr mit SUVs in Innenstädten rumfahren 20:50 Niko Paech (radikal?) Grüne werden abgestraft, die den Ernst der Lage nicht begreifen 23:30 Arbeitslose vs. Klimawandel 24:00 Was die größten Probleme? Reformierbar? Migrationswelle? Limes bauen. 26:00 der Klimawandel spielt keiner Partei so sehr in die Karten wie der AfD, weil er zu sozialen Verwerfungen führt! 26:50 Thüringen Spiel / Spitze der CDU? Laschet etc  29:00 AKK 30:00 Kevin Kühnert SchwarzGrün

45:00 Rassismus 47:00 Soziale Medien „Heute alle wahnsinnig selbstbewusst, aber nur basierend auf Emotionen“ 54:00 Radfahrer —- Weiter siehe unter „Kommentare“, daraus folgende Tabelle:

1:15:55 Der Sinn des Lebens 1:19:25 Was künstliche Intelligenz nicht kann Ray Kurzweil 1:23:10 Formelle Theorie von Spaß Humor Beethoven (?) Karajan 1:23:50 Kreative KI 1:24:38 Ausrottung der Menschheit durch KI 1:28:20 (KI im) Kapitalismus 1:30:00 Monopolzerschlagung 1:31:35 Roboter- und Finanztransaktionssteuer 1:36:00 int. Ächtung von KI-Forschung 1:37:55 ethische „Kipppunkte“ der KI

Bei einem klugen Mann wie Precht ist immer wieder erstaunlich, wie fremd ihm die Musik  oder die Kunst überhaupt ist. Ich hebe das nur hervor, weil er so viel Vernünftiges sagt, dass manch einer ihn vielleicht auch in ästhetischen Fragen für kompetent halten könnte. Vgl. hier , und im vorliegenden Fall bei 1:23:50 : Auf die Frage „Kann Künstliche Intelligenz neugierig sein, oder kreativ?“ kommt die Antwort:

Ehm, kreativ in geregelten Bahnen. Also Künstliche Intelligenz kann sicherlich wie Beethoven komponieren und wie Rembrandt malen. Das kann sie jetzt schon. Man hat auch mal die ganze Eigenheit des Karajanschen Dirigierens – das ist mal so komplett digitalisiert worden, dass man diese Muster jetzt selber variieren kann, und dann könnte Künstliche Intelligenz wie Karajan dirigieren, könnte – man könnte quasi mit dem Computer die Berliner Philharmoniker – sowas kriegt man hin. Ob das jetzt so kreativ ist, das ist ne andere Sache. Das wäre ja so Beltracchi-artig, Wolfgang Beltracchi also, dieser großartige, faszinierend begabte Kunstfälscher, ne? das was -, das könnte Künstliche Intelligenz wahrscheinlich auch. [folgt Unterscheidung zwischen schwacher und starker KI]

Entscheidend ist vielleicht der Satz: „kreativ in geregelten Bahnen“. Die Musik Beethovens verläuft nicht in „geregelten Bahnen“. Er hat sie auf seine Weise „geregelt“. Aber niemand, der Beethoven kennenlernt, sagen wir: zum ersten Mal studiert, und zwar in chronologischer Reihenfolge, kann voraussagen, wie in etwa das nächstfolgende Opus aussehen wird. Selbst wenn man sich auf die 6 Streichquartette op.18 beschränkte und sie in den KI-Computer eingäbe, käme kein 7. zustande, das man für ein Beethovensches halten könnte. Was nicht heißt, dass man selbst musikalische Menschen nicht mit einem solchen Produkt täuschen könnte… (Ich habe mich einmal mit der Frage der Echtheit eines Brahmswerkes – ein wenig verschlüsselt – auseinandergesetzt. Wer Ohren hat zu hören, findet es in folgendem Text hier . Der Goldhelm ist natürlich eine Anspielung auf Rembrandt.) Und was beweist ein Karajan-Imitat? Nichts mehr als die die Möglichkeit, dass man täuschend echte Imitate herstellen kann. Jeder gute Schauspieler kann das. Ein Laie würde staunen, dass die Berliner Philharmoniker die größten Meisterwerke auch ohne Dirigent spielen könnten, und zwar ziemlich gut. Was auch wieder nicht bedeutet, dass der Dirigent überflüssig ist. Die Musik jedoch, die man im Fernsehen bei Landschaftsfilmen hört (z.B. „Deutschland von oben“) könnte vollständig von der K.I. eines Computers hergestellt worden sein (aus klassischen Versatzstückchen), daher ihre Aufdringlichkeit und offenbare Überflüssigkeit.

Nachtrag 30. September 2020

Betrifft die Autofrage (Umweltspur) in Düsseldorf, die Voraussage hat sich erfüllt:

Woran es nun letztlich lag, dass Geisel abgewählt wurde, will die SPD in Ruhe ausloten. Einiges liegt jedoch auf der Hand. Zum einen war da das eine große Thema, das den SPD-Oberbürgermeister quer durch die Stadtgesellschaft Sympathien gekostet hat: die Umweltspur. Das mag teils unfair sein, denn die Geschwindigkeit, mit der er den Verkehrsversuch durchdrückte, war auch dem drohendem Diesel-Fahrverbot geschuldet. Doch verdorben hat er es sich dennoch mit Wirtschaftsverbänden wie mit Unternehmen und vielen Bürgern, die sich aufs Auto angewiesen und durch die Umweltspur massiv gegängelt fühlten.

Quelle: RPonline28.09.2020 (Nicole Lange)

Betrifft das selbstfahrende Auto (siehe oben Precht ab 48:00), – die Presse weiß noch nicht, wie es heute, 30.September 2020 in der Süddeutschen scheint, Seite 1, „Daten-Autobahn“ von Thomas Fromm:

Was Beethovens virtuelle 10. Sinfonie in Bonn angeht, bleibe ich auf der Spur. Zwischenergebnis: katastrophal.

Nachtrag 12.10.2020

Musik & Ästhetik Oktober 2020 Seite 5 Anmerkung 4 Claus-Steffen Mahnkopf: Beethoven und das Projekt der musikalischen Freiheit.

„Auf den Unsinn, eine Zehnte mittels einer sogenannten Künstlichen Intelligenz kreieren zu wollen, gehe ich nicht ein.“

Nachtrag 18. Oktober 2020

Neue Nachrichten von der Telekom: die Uraufführung der Zehnten von Beethoven findet auf längere Sicht nun doch nicht statt. Wegen Corona………..

Bericht siehe in der NMZ Neue Musikzeitung HIER

Beim Sponsor Telekom selbst HIER

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Man höre die Beispiele, beachte auch nach Gebühr die Experten. Sogar ein echter  Komponist ist dabei, Walter Werzowa, s.a. hier, er hat 1988 einen Dancefloor-Welt-Hit gelandet. Er versteht also etwas von Erfolg. Wie der heute noch berühmte Beethoven.

Polarisierung, rassistische Codes und Medien

Statements aus einer Lanz-Sendung

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-25-august-2020-100.html

HIER ab 6:12 bis 10:22 (Video verfügbar bis 24.09.2020

Rushdie: „Make America great again“ meint eigentlich „make America white again“

Lanz: Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass da überhaupt nochmal irgendjemand miteinander ins Gespräch kommt, und wo ist dieser amerikanische Optimismus geblieben? Wir waren doch immer die Deutschen, die an allem rumzumeckern haben. Aber das, dieses Destruktive, der Hass, der da zum Teil die Zweifel, die da gesät werden…, das hat doch mit dem Amerika, das wir kennen, nichts mehr zu tun…

MELINDA CRANE (6:36) : Richtig, diese Polarisierung ist nicht alleine Schuld von Donald Trump. Die Polarisierung (ein guter Punkt!) ist mindestens seit 20, 30 Jahren (wann hat das begonnen, für Sie, und wo?) – eigentlich in der Zeit der 80er Jahre unter Ronald Reagan. Er hat zum Teil die gleiche Sprache benutzt wie Donald Trump, zum Beispiel auch eine Code-Sprache, die versucht Angst zu erwecken. Und zum Teil auch Angst, die mit Rassen-Ressentiments zusammenhängt, und das haben wir gestern Abend auch gesehen und gehört, wenn einige Redner davon sprechen, dass der Mob in die Vororte drängt, da[s] ist implizit in dieser Aussage: der schwarze Mob dringt in die weißen Vororte. (Genau!) Mit genau solchen Vorurteilen spielte auch Ronald Reagan. (Entschuldigen Sie, weil Sie das gerade sagen: Salma Rushdie saß mal hier, fällt mir grade ein, und er sagte damals: wenn er sagt „make America great again“ meint er eigentlich „make America white again“, und das versteht auch jeder so.) Und es ist auch so, dass die Republikanische Partei in den letzten Jahren immer weißer wird, schwarze Amerikaner wählen überwiegend demokratisch, die Republikanische Partei wird auch immer älter, christlicher und männlicher. Das heißt, die Demokratische Partei – das haben wir auch letzte Woche gesehen bei deren Parteitag – wird wirklich sehr divers, und es gab auch wirklich sehr viel verschiedene Stimmen auf diesem demokratischen Parteitag, insoweit, – es gibt auch die Botschaft der … Einigung, der Wunsch nach einem Ende dieser Spaltung, das wurde sehr stark formuliert von Joe Biden auf dem demokratischen Parteitag, auch von Menschen aber, die bisher als spaltend galten, z.B. Bernie Sanders, oder Elizabeth Warren, sie haben sehr klar gesagt in dieser letzten Woche: wir müssen uns einigen, wir müssen unsere Demokratie schützen (Ja, aber das Verrückte ist, wenn man denen zuhört, offensichtlich versteht darunter jeder etwas anderes!). So ist es, und das ist gerade die Bedeutung von Polarisierung. Polarisierung heißt nicht nur: Republikaner gegen Demokraten, sondern Polarisierung heißt: zwei vollkommen unterschiedliche Weltanschauungen, die (genau!) aufeinanderprallen. Und dies hat leider auch mit Medienpolarisierung zu tun. Viele Amerikaner konsumieren nur die Medien, die ihre bevorstehenden Ideen und Urteile bestätigen. (Leben im Klischee, ja?) bei Republikanern, ja, Fox News ist das Beispiel dafür, und diese Vision, die wir gestern Abend gehört haben auf dem Republikanischen Parteitag, eine sehr sehr düstere Vision, das ist genau die Vision, die sehr stark von Fox News zum Beispiel propagiert wird. Und deswegen kann es sein, dass ein Republikaner, der in der letzten Zeit seinen Job verliert oder das Gefühl hat, sein Job steht in Gefahr wegen der Coronakrise, dass der trotzdem sagt: die Wirtschaft blüht! Weil die Aktienmärkte stark sind. Und das ist gerade der Barometer von Donald Trump und auch von Fox News, dafür wie gut die Wirtschaft läuft. Von daher kann es sein, dass wir im November sehen, dass Menschen, die selbst hart betroffen sind von dieser Krise, sagen: ja, aber die Wirtschaft, die wird schnell wieder zurückkommen, und dafür ist Donald Trump verantwortlich, und deswegen wähle ich ihn. (10:22)

10:47 St. Louis 26.06.2020: bewaffnetes Ehepaar vor dem Haus

Lanz: … weil Sie gerade sprachen über den Mob, Sie sagten, da wird aber insinuiert: der schwarze Mob zieht in die weißen Vorstädte… wir erinnern uns an diese Szene des Ehepaares, ich glaube St. Louis war es, die McCluskies (?) vor ihrem Haus standen ehm bewaffnet, und es ziehen die Demonstranten an ihrem Haus vorbei, und es war lange unklar, was es mit dieser Szene auf sich hatte. Und die beiden werden jetzt genutzt und gezielt eingesetzt. Wir hören mal rein: (Film läuft)

Melinda Crane: das war der absolut erstaunlichste Moment.

FILM-UNTERTITEL (Frau spricht): Machen Sie keinen Fehler, egal wo Sie leben. Ihre Familie wird unter den radikalen Demokraten nicht sicher sein. (Mann spricht): Präsident Trump wird das gottgegebene Recht eines jeden Amerikaners schützen, ihre Häuser und ihre Familien zu verteidigen.

Lanz: So, diese Sprache wieder, – wir haben hier vor ein paar Wochen schon mal zusammen gesessen: Demokraten sind nur noch Linksradikale, aus Prinzip, das hat sich etabliert! (11:36) Melinda Crane: Später spricht er von den Marxisten. In der Demokratischen Partei. er spricht davon, dass diese Partei den Menschen die Waffen wegnehmen will. Dass diese Partei den Mob in die Vororte dann lässt, damit der Mob Billigwohnungen dort macht und praktisch die Menschen dort – sie haben gesagt: die Vororte abschaffen. Das alles ist eine Codesprache für den Rassismus. Und dieses Paar wurde sogar strafrechtlich angezeigt dafür, dass sie ihre Waffen auf friedlich Protestierende gerichtet haben. Sie wurden angezeigt, und sie bekommen einen prominenten Platz am ersten Tag des Republikanischen Parteitags. Das war für mich der absolut erstaunlichste Moment von dem ganzen Abend. (12:31)

Lanz: Aber es zeigt, wie Propaganda funktioniert.

(Fortsetzung folgt)

Politexpress

Vorbildliches Gespräch, viel zu schnell

Nein, ich bin kein Fan von Friedrich Merz, aber bin enthusiasmiert, wenn sich Leute lebendig, informiert und geistesgegenwärtig miteinander unterhalten. Ein verbreiteter Fehler der heutigen Jugend: sie spricht zu schnell. Und ich wette, dass es nicht an meinen Lebensjahren liegt, wenn ich sie nicht verstehe. Es ist nicht nur die Geschwindigkeit, sondern die Artikulation. Daher diese Recherche. Was passiert da rhetorisch? Vergleichbar, wenn ich CD-Booklettexte lesen will, und ich muss sie erst kopieren und vergrößern, um sie zu entziffern. Aber da es gibt offenbar kein Kalkül im Hintergrund. Im vorliegenden Fall wäre es zunächst wünschenswert, man könnte die Gespächsanteile der „Klimaaktivistin“ Luisa Neubauer technisch verlangsamen, und wenn die Stimme dabei eine tiefere Färbung annähme, wäre es auch nicht zu ihrem Schaden. Aber mir scheint es taktisch berechnet, den endlosen Strom gleichmäßig (eintönig und irritationsfrei) fließen zu lassen und kleine Holpereien unkorrigiert zu lassen. Es wirkt emotionsfrei und druckreif. Im Druck kommt vielleicht etwas Formelhaftes zum Vorschein. Was ja in Ordnung sein kann, wenn es sozusagen als Zitat am richtigen Platz wirkt.

Mir ist aber schon in der Schule bei klugen Mitschülern etwas Automatenhaftes aufgefallen, etwas emotionsfrei Abrufbares, wie später zum Beispiel bei Adorno. Es ist also nicht abwertend gemeint, wenn ich etwa bei Greta Thunberg an ihn denke, was jedenfalls unpassend ist, sowohl für ihn wie für sie. Man verlässt sich eben gern auf die Kraft der reinen Argumentation, misstraut einer pathetischen Deklamation und jeder Schauspielerei. (Daher die zwiespältige Wirkung der sogenannten „Wutrede“.) Rhetorik hat einen schlechten Ruf, war aber in früheren Zeiten ein wichtiges Schulfach. – Auf einem anderen Blatt steht der Einsatz der Mimik, wobei Merz zweifellos ein interessanteres Studienobjekt wäre als die makellose Neubauer.

  HIER abrufbar

Angefangen beim grünen Anzug, den Merz einmal trug:

 Screenshot JR

28:50 NEUBAUER: Ja, ehrlicherweise … die Titelgeschichte dazu war ja, dass Sie jetzt sich irgendwas mit den Grünen vorstellen können, da muss ich ehrlicherweise sagen – also das will ich Ihnen lieber gar nicht anlasten – aber ein Jahr vor der Bundestagswahl in einer Zeit, wo so viele Sachfragen, Inhaltsfragen im Raum stehen, und Sie, bei allem Respekt, mandatpolitisch gesprochen überhaupt nichts sind, finde ich diese Farbenspielerei politisch fast unachtsam (Lanz: haben Sie denn grad gesagt: Sie, die Sie mandatsmäßig gar nichts sind?) das ist ja de facto, wo wir gerade sind, ehm, und an der Stelle stellt sich natürlich die Frage, (Lanz lacht demonstrativ amüsiert „nicht schlecht!“) dahinter Ökologie und Wirtschaft, wie kann das zusammengehen, ja, und da bin ich …. so ein bisschen … ach ja, ich weiß auch nicht, sagen wir: vielleicht ein bisschen skeptisch, weil, eine Sache, die wir nicht brauchen, noch mehr Politiker, die sagen, sie fänden die Sache mit dem Klima finden wir gut, und denken das aber nicht zuende, und attestieren sich praktisch selbst Klimafreundlichkeit, was nicht funktioniert, wir sprechen von der wissenschaftlichen Herausforderung, oder vor allem einer Herausforderung mit einer wissenschaftlichen ehm Basis, und das heißt, wenn Sie das jetzt ernst meinen, wunderbar, ehm … bisher hat weder die CDU, noch, soweit ich das überblicke, Sie irgendwas vorgelegt, bevor man darauf schließen lassen könnte, dass das Thema bei Ihnen in guten Händen ist, ehm wir sprechen von dem CO2-Budget für Deutschland, von der Wirtschaft ?? glänzen das ist einfach ne große Herausforderung, und das sind gigantische Themen, und da muss man wirklich wirklich fundierte, weitreichende weitblickend und ernstgemeinte, wissenschaftlich fundierte Antworten zu liefern, und das ist viel zu tun.

LANZ: Herr Merz, Sie sind ein Schnelldenker und auch Schnellredner, 1 Minute Zeit, um Luisa Neubauer jetzt davon zu überzeugen, dass Sie der Richtige für Schwarz/Grün sind.

MERZ: Also zunächst mal geht’s mir persönlich auch um diese Themen und gar nicht um irgendwelche taktischen oder andere eh Spiele. ehm Wir müssen einfach die Herausforderung annehmen, und wir tun es ja auch. Wir haben ja auch in der Umweltpolitik viel erreicht (Lanz: … ich lass jetzt nicht locker, Sie müssen schon konkret werden) .. ja, mach ich ja. Wir haben doch den CO2-Ausstoß in den letzten 30 Jahren um 40 Prozent gesenkt, und zwar mit einem marktwirtschaftlichen System. Deutschland hat die Klimaziele bis heute erfüllt, wissend, dass die zweite Hälfte des Marathonlaufs die schwierigere Hälfte ist. (LANZ Jetzt müssen Sie, den zweiten Teil müssen Sie auch dazu sagen! wir haben sie gerade noch erreicht, weil Corona gekommen sit) MERZ: Der zweite Teil (das haben Sie grade noch erreicht, weil Corona gekommen ist) nein nein, zum Jahreswechsel 19/2o hat von Corona noch keiner gesprochen, und da haben wir das über das Europäische Handelssystem Emissionshandelssystem 38 % erreicht, und 40 sollten es sein. Aso, so, und Klimapolitik fängt ja nicht erst heute an, sondern hat vor 30 Jahren angefangen, die CDU hat den ersten Umweltminister gehabt, die CSU den ersten Landesumweltminister, so, das ist also nicht so, als ob die Union … (LANZ: Sie wollen der erste Umweltkanzler werden?) die ham wa schon, wir haben mit Angela Merkel, die ja auch viel gemacht hat in diesem Bereich etc. etc. 31’41

Die Union hat das Thema Klimapolitik nicht erst gestern gesehen. So, jetzt müssen wir das weiterentwickeln, jetzt sage ich mal aus meiner Sicht, es sind zwei Punkte, Frau Neubauer, wir müssen das mit marktwirtschaftlichen Instrumenten machen, nicht indem wir das System in Frage stellen, sondern wir müssen das marktwirtschaftlich machen, und wir müssen natürlich wissenschaftlich natürlich die Klimaforscher ernstnehmen, aber wir müssen auch die Ökonomen ernstnehmen, das sind auch Wissenschaftler, die uns auch Vorschläge machen, wie wir zum Beispiel unsere Volkswirtschaft weiterentwickeln, und das ist eine schwierige Aufgabe, die ist hoch komplex, aber ich glaube, wir trauen uns das in diesem Lande zu. Wir können uns das zutrauen, das Problem zu lösen. LANZ: Sie mit den Grünen. MERZ: Na ja, gut, die Grünen sind ja ohnehin jetzt schon in einigen Landesregierungen dabei, sie werden am Freitag im Bundestag dem Kohleausstiegsgesetz zustimmen. Ja? so also das heißt ja, wir sind ja in der Verantworung mit den Gründen zum Teil schon zusammen. Volker Bouffier, der schwarze Sheriff  regiert seit sechs Jahren erfolgreich mit den Grünen. Also es ist keine Erfindung von Friedirch Merz. 32:41 NEUBAUER: Darf ich da ganz kurz (klar!) Also es ist nett, dass Sie nach gestern blicken und sagen, dass wir da schon Klimaschutz gemacht haben, das zählt heute in dem Sinne nicht mehr, weil die Herausforderungen, das wissen Sie ja selbst, vor uns liegen. Jetzt fragen wir, deutsche Klimaziele, wunderbar, die sind nicht pariskompatibel, wenn Sie also sagen, ich möchte Klimaschutz umsetzen, dann heißt das in erster Instanz: deutsche Klimaziele anheben, damit die pariskompatibel sind, das ist Klimaschutz international, die Abkommen müssen eingehalten werden. Sie wollen das Ganze marktwirtschaftlich regeln, – machen Sie das, aber das bedeutet, der CO2-Preis oder eine CO2-Bepreisung müsste relativ sofort 50, 60, 70 Euro (LANZ: Genau! Ganz kurz dazwischen: wären Sie dazu bereit?) MERZ: Eh, ich habe das Sachverständigengutachten, das Sondergutachten, das dazu gemacht worden ist, mit Interesse und Zustimmung gelesen, ich hätte mir gewünscht, dass in dem Klimapaket, dass sich die Koalition beschlossen hat, etwas weniger Details und kleinklein gemacht worden wäre und etwas stärker auf die CO2-Bepreisung ausgerichtet gewesen – NEUBAUER: – 50 Euro, ja oder nein? MERZ: das ist nie, passense mal auf, morgen sagen Sie dann 60 Euro, ja oder nein?  und übermorgen sagen Sie dann 150 Euro ja oder nein. NEUBAUER: (? alle durcheinander ?) MERZ: … heute ist zu niedrig, um das Ziel zu erreichen. (33:48) O.k., O.K. Wohin soll er denn gehen? MERZ: er muss so gesteuert werden, dass zwei Ziele erreicht werden. Wir müssen eine wirklich nachhaltige Reduktion des CO2-Haushaltes erreichen, und wir müssen gleichzeitig dafür sorgen, dass sich die Familie ein Auto leisten können, den Job behalten und auch noch Lebensmittel kaufen … NEUBAUER: Ne, jetzt verwechseln Sie aber zwei Sachen: das ist ne Gestaltungsfrage, und das ist die Frage: wie wird das verteilt? Die Frage von ehm Gestaltung von Gerechtigkeit kann ja nicht die Ob-Frage „machen wir das überhaupt?“ aushebeln oder auch nur einschränken. Während das CO2?? für Deutschland, das wissen Sie ja sicherlich, 6.7 Gigatonnen das ist gesetzt! Daran muss man sich orientieren, das ist der Ma… Rahmen, in dem wir handeln können. Sie wollen Ihre (M: unsere!) marktwirtschaftliche Ordnung nicht gestört wissen, das ist okay, gibt es bisher keine marktwirtschaftliche Ordnung, die innerhalb der planetaren Grenzen funktionieren kann, sie ist darauf angelegt, auf einem endlichen Planeten immer zunehmend Ausbeutung bei Ökosystemen, Menschen und Tieren zu betreiben, da muss man ganz schön tief eingreifen, systemisch eingreifen, um das zu adjustieren, dass das überhaupt nur tragfähig sein kann. Und wenn wir von der Preisfrage sprechen, wunderbar, es stimmt, es ist wirklich teuer, Wirtschaften zu dekarbonisieren, das muss ja aber kommen, es ist wirklich teuer, große Transformationen anzustoßen, es ist wirklich teuer, Klimaschutz zu leisten und in dem Maß umzusetzen in der Tragweite umzusetzen, wie wir das brauchen. Was wir uns aber nicht leisten können, ist in die großen, planetaren, globalen Klimakrisen, ökologischen Krisen, ??? Krisen, Gerechtigkeitskrisen reinzurasen. Und das ist auch für eine Ökonomie unbezahlbar, ich spreche auch mit Blick auf Davos, da war ich im Januar, ein Wirtschaftsforum, das sich mit dem Klima beschäftigt hat, aus ?? Perspektive heraus, Wirtschaften, die ungestört, ungehindert in planetare Katastrophen hineinrasen, sind nicht mehr zu retten, auch finanziell nicht. Das heißt, das Günstigste, was man jetzt machen kann, ist radikaler Klimaschutz, und zwar tiefgreifend. (35:45)

MERZ: Ja, kein Widerspruch dazu, vielleicht ein Aspekt, Frau Neubauer, das können wir natürlich in Deutschland machen, nur wir machen 2 % der Emissionen auf dieser Welt aus, 98 % sind nicht in Deutschland, wir müssen auch n bisschen ein Auge drauf haben, wie das in Amerika läuft, was mich sehr beschwert, sie Amerikaner haben dafür kein Gefühl, kein wirklich gutes jedenfalls, was in Russland passiert, was in China passiert, was leider auch in Australien passiert, also die Kohleverbrennung auf dieser Welt nimmt ja zu, wir steigen aus, in dem Rest der Welt nimmt sie drastisch zu, (LANZ; aber was folgt daraus?) was folgt daraus, wie können wir alternative Energien so entwickeln, ich geh noch einen Schritt weiter, da werden Sie wahrscheinlich nicht einverstanden sein, ich glaube, dass wir irgendwann mal die Frage ernsthaft diskutieren müssen, wie wir den CO2 aus der Luft wieder rauskriegen, nur mit Vermeidung alleine wird’s wahrscheinlich nicht gehen. Wir müssen das Zeug irgendwo zurückgewinnen, abscheiden, möglicherweise sogar eh eh eh längerfristig lagern, vielleicht wiederverwenden, also das ganze Thema ist technologisch überhaupt noch nicht ausgereift, und Sie werden es nur hinbekommen, wenn Sie den Menschen einen Anreiz geben, sich so klimafreundlich wie möglich zu verhalten und wenn sie gleichzeitig mit modernsten Technologie (LANZ: aber wie macht man das?) Na ja, also zum Beispiel über einen CO2-Preis, ich bin ja nicht dagegen (LANZ: Genau, aber ich würd Sie gern jetzt noch einmal festnageln) ich nenne Ihnen hier jetzt keinen Preis, weil ich meine, der Preis kann nächstes Jahr schon wieder 10 Euro (LANZ: heute!) nein, also heute wäre ein Preis von 50 Tonnen eh Euro pro Tonne sicherlich ein besserer Preis um die Wirkungen…, der Sachverständigenrat hat das ja auch so vorgeschlagen. Ich hab mit dem Vorsitzenden darüber eine lange Diskussion gehabt, warum habt ihr das so gemacht? Die haben das sehr genau ausgerechnet, ich glaube, dass das in die richtige Richtung geht, und der Sachverständigenrat war ja auch etwas enttäuscht darüber, dass die Vorschläge von der Bundesregierung nicht alle übernommen worden sind…

NEUBAUER: Vielleicht kann man das Ganze wissenschaftlich noch ein bisschen einordnen, weil dass Klimaschutz international noch ein bisschen eingeordnet werden muss, keine Frage. Deutschland ist in Europa der größte Emittent, sieben der 10 größten CO2-Quellen in Europa sind deutsche Kohlekraftwerke. Wenn wir also zum Beispiel – Sie haben vorhin die Relevanz von Europa angesprochen – sagen, die Liste von Kontinenten, die jetzt vorlegen können, was Klimaschutz betrifft, ist relativ kurz. Wenn Deutschland nicht in die Gänge kommt, können wir uns das für Europa knicken. Das heißt, an der Frage ist Deutschland richtig gefragt. Dann muss das europäisch koordiniert werden, das ist genau richtig, heißt aber nicht, dass …(LANZ: auch was Trassen angeht…) genau! aber das heißt nicht, dass wir ? In Brüssel irgendwie unsere Emissionen reduzieren werden, sondern dass wir dafür sorgen müssen, dass das, was wir in Deutschland machen, tiefgreifend und erfolgreich genug ist und gleichzeitig europäisch koordiniert, und erst dann könnte das eine Vorbildfunktion sein für den Rest der Welt, welchem Land der Welt möchten wir denn bitteschön sagen, dass wir das Klimaschutz möchten, wenn eins der reichsten Länder, Deutschland, es nicht kann. Und wir müssen uns mal dem bewusst werden, in Deutschland werden Klimaziele, Pariser Klimaziele, nicht erreicht, weil man es nicht möchte! Wir wissen, wir können nach Corona Krisen ernst nehmen, man kann auch die Wissenschaft ernst nehmen, aber es wird ja aktiv blockiert, am Freitag soll im Bundestag ein besagtes ? Bundesgesetz verabschiedet werden, das ist ein Kohlegesetz, das im Endeffekt zementiert, dass wir Paris nicht mal mehr einhalten wollen, bevor wir es überhaupt versuchen. Und Stichwort CCS-Technologie – Sie kennen ja die Berichte – da ist natürlich eingerechnet, dass das notwendig ist, aber es ist auch wieder nur eine Sache, die zusätzlich passieren muss zu dem radikalen Klimaschutz, der effektiven Reduktion, zu Instrumenten, die marktwirtschaftlich funktionieren, die aber natürlich begleitet werden müssen, von dem Ende vom Verbrenner, von dem Kohlekraftwerk, das wissen wir ja alles.

LANZ: Okay, verstanden! Frau Röser einmal an dem Punkt. Beton – Zement? Sehr energieintensiv. (39:19) Etc. etc. [weiter ab 41:15]

(Fortsetzung folgt)

Zur Analyse des Augenblicks

Ist dies nur eine Corona-Zeit?

Natürlich wehrt man bescheiden ab, wenn jemand behauptet: das was du da schreibst und vorzeigst, dient doch alles deiner persönlichen Profilierung. Nein, könnte ich sagen, zunächst einmal dient es meiner lebenslangen Lerntätigkeit, und jetzt, wo ich nicht mehr leugnen kann, dass ich älter werde, fürchte ich, dass ich Dinge vergesse, die mir früher wichtig waren, vielleicht ungelöst geblieben sind; memoriere auch Inhalte, die vielleicht mit gutem Grund ins Hintertreffen geraten waren. Und warum schriftlich? Und warum digital und öffentlich? Früher habe ich Radio-Sendungen gemacht und alles, was ich (musikalisch) erlebte, im Blick auf solche Weitervermittlung nach außen beobachtet, notiert, ausgearbeitet und in hörbare, also mit dem Ohr aufnehmbare gedankliche Zusammenhänge verwandelt. Und das wurde von einem entsprechenden Publikum draußen auch honoriert. Nicht mit Geld, sondern mit Aufmerksamkeit. Nachweisbar. Alles was mich wirklich interessiert – davon konnte ich ausgehen -, interessiert auch andere Menschen, wenn ich nur die richtige Darstellungsweise finde. Und letztlich bin ich selbst auch nur so interessant wie meine Stoffe. Vieles von dem, was ich damals gelernt habe und was mich mental aktivierte, kam von (freien) Mitarbeitern, Autor*Innen, kreativen Menschen um mich herum, und vor allem: aus Büchern, die mir wiederum von allen Seiten ans Herz gelegt wurden. Kurz: ich bin nicht einfach ich, sondern ebenso das Produkt unzähliger Kontakte. Ich bleibe es auch, wenn ich eine Reihe solcher Kontakte – vielleicht zu meiner persönlichen Profilierung mit Namen nenne. Vielleicht aber auch einfach aus Dankbarkeit. Jedenfalls muss nicht alles, was über das moderne Individuum zu sagen ist, in einer aktuellen Beschreibung dessen, was man heute Profil nennt, wiedererkennbar sein. Zumal wenn man das Bloggen nicht nach dem Muster von Facebook oder irgendwelcher „Influencer“ mit ihren „Followern“ versteht.

Ich zitiere:

Im Profil als einer Zusammenstellung von Text- und Bildelementen versucht das digitale Subjekt, seine Nichtaustauschbarkeit als besondere Persönlichkeit zu demonstrieren. (…) Sich via Profil zu singularisieren, wird zu einer Daueraufgabe des Subjekts; es vollzieht unablässig Singularisierungsarbeit in eigener Sache. (…)

Profile sind allerdings nicht statisch, sondern durch eine Permanenz der Performanz des Neuen gekennzeichnet. In die Logik des Weblogs und des Bloggens war von Anfang an eine Aktualitätsforderung eingebaut; und Facebook war von Anfang an eine Aktualitätsforderung eingebaut; und Facebook hat der Dynamisierung der Profile durch die Einführung der „Chronik“ einen zusätzlichen Schub gegeben. Das Profil-Subjekt muss seine Originalität und Vielseitigkeit so immer wieder unter Beweis stellen, durch beständige, immer neue Performanz. Es reicht nicht, einmal zu bekunden, dass man Kolumbien, Barockopern und seine Kinder liebt; man muss diese Leidenschaften und Interessen durch zeitnahe Aktivitäten sozusagen ständig aufs Neue öffentlich realisieren – dadurch dass man jetzt Kolumbien bereist und Kommentare und Fotos der Reise postet oder zumindest einen aktuellen Bericht über Kolumbien verlinkt oder jetzt ein Barockfestival besuche oder zumindest auf eines hinweist oder jetzt mit den Kindern etwas halbwegs Bemerkenswertes unternimmt und all dieses medial verbreitet. Die Permanenz der Performanz des Neuen überträgt die generelle Momentorientierung des Internets auf die Ebene der Fabrikation des Subjekts. Singularisierung bedeutet hier, dass in den vielseitigen Aktivitäten immer etwas Neues passiert und die Profileigenschaften im Hier und Jetzt lebendig gehalten werden.

Quelle Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Suhrkamp Berlin 2019 / Zitat Seite 249 f

Wenn ich in den vergangenen Tagen über eine lächerliche Kladde berichtet habe, mit der ich als Schüler der Wirklichkeit der 50er Jahre zu Leibe rücken wollte, so heißt das nicht, dass ich jene Zeit restituieren will (Schlimmeres könnte ich mir auch subjektiv gar nicht vorstellen), sondern dass ich mich damit eines wiederkehrenden Lebensgefühls vergewissern möchte, das über 50 Jahre hinweg alle Ungewissheiten zu ertragen geholfen hat. Die heutige Krisenzeit, die oft genug als ganz exzeptionell analysiert wird, kann nicht schlimmer sein als die Nazizeit, der Krieg und das sogenannte Wirtschaftswunder, die bleierne Zeit der 50er Jahre, das ganze Konglomerat, das damals auf uns einwirkte.

Was kann spannender sein, als kompetenten Leuten zuzuhören, die sich der neuen, gegenwärtigen Situation und einer aufs neue völlig ungewissen Zukunft bewusst zu werden suchen? Ich habe gestern Abend den Eindruck gehabt, dass genau so das richtige Problembewusstsein entsteht, nämlich mit dem Blick weit über die Corona-Krise hinaus.

 HIER 

(siehe ab 3:06 „Was ist Spätmoderne?“)

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Bruno Latour und die Frage “ Was bleibt von der Moderne?“

Siehe in diesem Blog hier. Und in Faust-Kultur hier.

Und im folgenden Text von Bruno Latour (Sonntag 29-03-2020),

Vielleicht ist es falsch, sich in die Zeit nach der Krise zu versetzen, während das Gesundheitspersonal, wie man sagt, “an der Front” steht, Millionen von Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und viele trauernde Familien ihre Toten nicht einmal begraben können. Und doch müssen wir gerade jetzt dafür kämpfen, dass die wirtschaftliche Erholung nach der Krise das alte Klimaregime nicht wieder herstellt, gegen das wir bisher vergeblich gekämpft haben. Die Gesundheitskrise ist in der Tat in etwas eingebettet, das keine Krise ist (sie ist immer vorübergehend), sondern eine nachhaltige und unumkehrbare ökologische Veränderung. Wenn wir das Glück haben, aus der ersten “herauszukommen”, so werden wir keine Chance haben, aus der zweiten “herauszukommen”. Die beiden Situationen haben zwar nicht das gleiche Ausmaß, es ist jedoch sehr aufschlussreich, sie miteinander zu verknüpfen. Auf jeden Fall wäre es schade, die Gesundheitskrise nicht zu nutzen, um andere Wege zu entdecken, um einen ökologischen Wandel anders einzuleiten als im Blindflug.

Tatsächlich hat sich gezeigt, dass es möglich ist, innerhalb weniger Wochen ein Wirtschaftssystem (überall auf der Welt und zur gleichen Zeit) auszusetzen, von dem uns bisher gesagt wurde, es sei unmöglich, es zu verlangsamen oder gar umzugestalten. Allen Argumenten, die von Ökologen zur Veränderung unserer Lebensweise vorgebracht wurden, wurde stets die unumkehrbare Kraft des “Fortschritts” entgegengesetzt, dass “wegen der Globalisierung” nichts aus den Gleisen geraten dürfe. Doch gerade ihr globalisierter Charakter macht diese Entwicklung so zerbrechlich, die sich nun wahrscheinlich verlangsamen und dann plötzlich zum Stillstand kommen wird.

Lesen Sie diesen Text weiter: hier.

Die Ausstellung Critical Zones in Karlsruhe

 HIER ⇐ ⇐⇐⇐⇐⇐⇐

Verschwörungstheorien

Möglichkeiten der Analyse

Man staunt immer wieder: es ist ja nicht so schwer zu analysieren, man sträubt sich nur, angesichts der massenhaften und lautstarken Proteste, diese allzuleicht abzutun:, – irgendwas muss doch dran sein. Gehört es zur Demokratie, auch Schwachsinn zu tolerieren, selbst wenn er für alle gefährlich werden kann? Äußern diese Leute ihre Überzeugungen so aggressiv, weil es allerhöchste Zeit ist und sie anders nicht gehört werden? Wollen sie die scheinbar rettungslos ambivalenten Verhältnisse kraft ihrer großen gemeinsamen Vision einfach nur klären? Ja, sie wollen es einfach, und mancher notorisch tolerante Intellektuelle denkt vielleicht einen Moment lang an Nietzsche, ja, der Wille an sich kann doch gewaltige Kräfte freisetzen. Und dem dekadenten Rom geschah es ganz recht, dass Barbaren einfielen und Platz schufen für ein neues, geradliniges Denken… Und was der Phrasen mehr sind, die nichts mit Nietzsches Ambivalenzen zu tun haben.

Ich will diese Gesprächsrunde deutlich in Erinnerung behalten, weil sie typisch ist für die vernünftige Seite, die auch immer wieder zu vernehmen ist, für jeden greifbar, auch in der Tageszeitung. Ist es wirklich so kompliziert, dass Schwachköpfe sich nur radikal verweigern können? Und was nicht einfach ist, wird dann einfach gemacht?!

 Solinger Tageblatt 18. Mai 2020

(Auf dem Foto zwei Ritter von der traurigen Gestalt, die das Schild halten: GIB GATES KEINE CHANCE, also mit Anspielung auf die sinnvolle und erfolgreiche Aids-Kampagne.)

Die Lanz-Sendung sei hier vorgemerkt, besonders wegen der präzisen Beiträge von Michael Butter und natürlich – wie meist – von Dirk Steffens. Womit nicht gesagt sein soll, dass die anderen Gäste weniger Erwähnenswertes beigetragen haben. Wieder einmal ein hervorragendes Beispiel zeitgemäßer Aufklärung.

ZDF Markus Lanz 13. Mai Zu Gast: Moderator (Wissenschaftsjournalist) Dirk Steffens, Politikerin Simone Lange, Amerikanistik-Professor Michael Butter und Psychiater Prof. Michael Schulte-Markwort

Beitragslänge: 74 min Datum: Video verfügbar bis 12.06.2020

  Hier ⇐ ⇐ ⇐ ⇐

 Amerikanistik-Professor Michael Butter

LANZ (ab 18:54) … wann wird aus der kritischen, berechtigten Frage eine Verschwörungstheorie?

MICHAEL BUTTER: „… wenn man annimmt, es gibt eine Gruppe im Hintergrund, die alles geplant hat. Nichts geschieht durch Zufall, alles wurde geplant, nichts ist wie es scheint, und alles ist miteinander verbunden. Das sind im Grunde die drei Charakteristika in der Verschwörungstheorie, also es ist eine Sache darüber zu diskutieren, wie gefährlich ist dieses Virus, und waren diese Maßnahmen angemessen und wie kommen wir da wieder raus, es ist ne völlig andere Sache zu sagen: dieses Virus gibt es überhaupt nicht, bzw. ich weiß, dass das völlig ungefährlich ist, und das ist alles nur ein Komplott von denen und denen um dieses und jenes Ziel zu erreichen, wenn man so argumentiert, dann ist man bei der Verschwörungstheorie, und um an das anzuschließen, was da grade gesagt wurde: das ist die Attraktion der Verschwörungstheorie, weil Verschwörungstheorien antworten auf Angst und niederschwellig auch auf  Unsicherheit. Wir wissen aus vielen psychologischen Studien, dass Unsicherheit ein Faktor ist, der Verschwörungstheorien antreibt. Menschen neigen zu Verschw wenn sie Probleme haben mit Unsicherheit und Ambivalenz umzugehen, weil Verschw Sicherheit bieten, Corona-Verschw sogar in zweifacher Hinsicht, – einmal die Sicherheit, dass man weiß was geschieht, man weiß, dass es da einen Plan gibt, eine Gruppe, die das alles orchestriert hat, und offensichtlich ist das für viele Menschen leichter zu akzeptieren als hinzunehmen, dass man nicht weiß, was grade passiert oder dass man nicht weiß, wer da verantwortlich ist. Und bei Corona kommt jetzt noch hinzu, dass diese Verschwörungstheorien ja alle behaupten, das Virus gibt es gar nicht oder es ist völlig ungefährlich, es ist nur eine Hysterie, die beschworen wird, um andere Ziele zu erreichen, und das bedeutet dann ja, ich muss mir keine Sorge machen um meine Gesundheit, ich muss mir keine Sorgen machen um die Gesundheit meiner Angehörigen und Freunde, sondern ich kann mich so verhalten, wie ich mich immer verhalten hab und begreife es dann auch als einen Akt des zivilen Ungehorsams, wenn ich da die Regel nicht einhalte. 20:39 (LANZ: Männer sind wirklich anfälliger als Frauen?)

Das ist ganz spannend, es ist so, dass die meisten Studien mittlerweile zu dem Ergebnis kommen: Männer sind wirklich anfälliger als Frauen für Verschwörungstheorien. Das mag damit zu tun haben, dass die meisten Verschwörungstheorien ja irgendwo auch ne Antwort auf so ne Krise traditioneller Männlichkeit ist, Männlichkeit, die sich in so ner Versorgerrolle begreift, Beschützerrolle begreift, und … ich verliere meine Arbeit, ich bring nicht mehr soviel Geld nach Hause (LANZ: ich hab die Kontrolle…) ja genau, ich habe die Kontrolle nicht mehr, gleichzeitig Verschwörungstheorien auch so ein Alleinstellungsmerkmal, ich gehöre nicht zu diesen blöden Schlafschafen da draußen, die keine Ahnung haben, was vor sich geht, sondern ich bin einer von denjenigen, die verstanden haben, was da passiert, der im Hintergrund die Strippen zieht. ( LANZ: Können Sie mal erklären, à propos „im Hintergrund Strippen ziehen“ – warum Bill Gates da so in den Fokus geraten ist? Bill Gates und seine Frau. 21:24)

Also ich glaube, es gibt zwei Gründe dafür: darrrrrrrrs eine ist, dass es ganz viele Verschwörungstheorien gibt seit vielen Jahren, dass so internationale Eliten, mächtige menschen, die reich geworden sind, in den Blick nehmen und das Gefühl haben, die wollen eine Neuordnung der Wirtschaft herbeiführen oder sonst irgendwas, bei Gates kommt dann noch hinzu, dass er mit seiner Stiftung sich seit Jahren fürs Impfen einsetzt, und ganz viel Verschwörungstheorien antreibt, und diese Verschwörungstheorien brauchten jetzt grad n Gesicht, in der Flüchtlingskrise war das George Soros, der zum Gesicht dieses angeblichen großen Austausches wurde und jetzt w ein anderer alter mächtiger (ungarisch-stämmiger Milliardär) genau, der dann vor allem aus Ungarn beschuldigt wurde, antisemitische Verschwörungstheorien, und jetzt ist es dann eben Bill Gates, weil er eben diese Stiftung betreibt, die zu einem gewissen Teil die Weltgesundheitsorganisation finanziert und jemand deshalb unterstellt, er wolle eine globale Impfpflicht durchsetzen und wolle sich an diesen Impfungen persönlich bereichern, er wolle eventuell, das ist so ne amerikanische Variante, die Weltbevölkerung reduzieren, und dazu kommt dann noch was, was ganz wichtig ist für die verschwörungstheoretische Argumentation, das ist das sogenannte Vorwissen. Verschwörungstheoretiker zielen immer darauf ab, dass irgendjemand schon vorher davon Bescheid wusste, und das muss dann auch mit der Schuldige sein. Und die Stiftung von Bill Gates hat ja im vergangenen Jahr eine globale Pandemie simuliert, die in China ihren Ausgang nimmt, und entsprechend kommt da der Verschwörungstheoretiker und sagt: Ah, cui bono, wem nützt es? Bill Gates, wer hats vorher gewusst, Bill Gates, ergo: wer steckt dahinter? Bill Gates! 22:53

LANZ: Ich bin trotzdem … verrückt, ich hab neulich ein Interview mit einem New Yorker Medizinhistoriker gelesen, der sagte: wenn Donald Trump hingeht und sagt: wer hätte das wissen können, das sowas kommt? Dann muss die Antwort lauten: Jeder! Hm Einfach jeder konnte das wissen. (An Dirk Steffens:) War dir das auch klar? DIRK STEFFENS: Wir haben in dieser Sendung mal gesprochen, vor n paar Wochen, wie die Wahrscheinlichkeit und auch die Häufigkeit von Pandemien in den letzten Jahrzehnten angestiegen ist, vor allem mit Umweltzerstörung, Überbevölkerung und globaler (ML: Kannst du das so mal kurz erklären, also: wo ist da der Zusammenhang? Mir war das am Anfang der Geschichte… mir war das am Anfang noch nicht klar…) 23:33

DIRK STEFFENS Von den drei Punkten also Überbevölkerung, also mehr Menschen, schnellere Ansteckung, logisch, Globalisierung, Flugverkehr, Warenverkehr, schnellere Ausbreitung auch logisch, bisschen komplexer der dritte Punkt: wie entstehen Zoonosen (Zoonosen sind Krankheiten, die von Wildtieren auf ) von Tieren auf Menschen überspringen, davon ist der überwiegende Teil von Wildtieren, auch wahrscheinlich Corona, aber dazu gehört auch Sars und Ebola und Mers und (viel Lungen, ne?) Zika, wo springen Krankheiten von Tieren auf Menschen über, das ist zum Beispiel da, wo man Wildräume vernichtet, also wenn jetzt Wilderer jetzt irgendwo in den Urwald gehen, wo vorher nie ein Mensch war, kommen die in Kontakt mit Erregern, die vorher halt noch nie in Kontakt waren mit Menschen. Und wenn wir uns die Kette von Coron zum Beispiel ankucken, – es ist ja noch nicht bewiesen, aber wenn es so ist, dass es Fledermäuse, dann die Panguline waren und dann Menschen, dann muss man sich mal fragen (Panguline: Schuppentiere), wo kommen also diese drei Lebewesen normalerweise zusammen? Und die Antwort ist: in einer intakten Natur: nirgends! Also kann der Erreger gar nicht überspringen, der kann nur überspringen, wenn der Mensch so eingreift, dass zum Beispiel Fledermäuse und Panguline gefangen werden, dass man bestimmte Populationen ausrottet in der Wildnis und dass Erreger versuchen, auf andere Arten rüberzukommen, also Naturzerstörung, man kann das runterbrechen auf den Satz: Naturzerstörung produziert Seuchen. 24:54 Wie beim Klimawandel: es hat vorher auch schon Stürme gegeben, aber durch den Klimawandel werden sie häufiger und schwerer.

Und so ist das auch bei Pandemien, es hat natürlich auch früher schon Seuchen gegeben und Pandemien, aber sie werden jetzt häufiger, und sie treffen uns härter. Das ist nur eine der Bedrohungen aus der Ökologie. 25:12

LANZ: Aber dieses Bill-Gates-Thema lässt mich nicht los. Ich habe vor ein paar Tagen einen alten Vortrag von Bill Gates angesehen, 5 Jahre alt, da beschreibt er das, da wirft er sogar so nen Corona-Virus an die Wand und sagt: wahrscheinlich wird es das sein! Aber genährt eben durch Sars, 2003, die Chinesen sind seit langem vorbereitet auf das, was da möglicherweise kommt, und jetzt haben wir genau dieses Super-Virus. STEFFENS: Na ja, weil natürlich jede Frau, jeder Mensch in der Forschung der Pandemien mit solchen Szenarien gearbeitet hat. Und dann im Nachhinein zu sagen, die habens ja gewusst, ist natürlich hochdämlich, natürlich ist n Virologe vorbereitet auf n virologisches Event, sonst wäre er ja im falschen Job.

LANZ Trotzdem nochmal die Frage: cui bono, – wem nützt es? ich frag mich immer:  mit m bisschen Nachdenken kommt man ja auf das eine oder andere: was sollten die Chinesen davon haben, dass sie solch Super-Virus züchten? Deren Wirtschaft schadet es doch am meisten. Also – neben anderen auch. Die ökonomische Dimension ist doch bei den Chinesen etc. oder Bill Gates, welches Interesse soll Bill Gates daran haben etc. 26:34

*    *    *

 Ist alles längst aufgeklärt? Titel der ZEIT am 14. Mai 2020 (von Javier Jaèn).

SEHENSWERT auch: Allianz des Schwachsinns / Spiegel TV 18. Mai 2020  HIER.

(Fortsetzung folgt)

Palmers Fauxpas und die Grundrechte

Jürgen Habermas im Gespräch mit Klaus Günther 

Oder zuerst mal Lanz mit und über Palmer: Im Sat.1-Frühstücksfernsehen hatte Palmer vorige Woche gesagt: „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Beim Großteil der an einer Corona-Infektion Gestorbenen handele es sich um Menschen mit Vorerkrankungen, die ohnehin nicht mehr lange zu leben gehabt hätten.

 bis 29.5.2020 HIER ab 20:23

 Weiterlesen? eine kleine Hürde HIER

ZITAT Klaus Günther:

Das Recht auf Leben in Artikel 2 Absatz 2 GG war ursprünglich vor allem ein Abwehrrecht gegen einen Staat, der häufig mit Zwang und Gewalt willkürlich in das Leben seiner Untertanen eingegriffen hat. Infolge von Krankheiten sterben zu müssen gehörte in früheren Zeiten dagegen zum allgemeinen Lebensrisiko, das sich nur selten vermeiden oder reduzieren ließ. Erst seitdem wir über ein hochkomplexes und aufwendiges medizinisches Versorgungssystem verfügen, stellt sich überhaupt die Frage, was und wie viel Staat und Gesellschaft tun können und müssen, um vorhersehbar lebensgefährliche Krankheitsverläufe zu verhindern oder abzumildern.

Innerhalb des Rechts auf Leben tritt damit eine zweite Bedeutungskomponente hervor – die Verpflichtung des Staates, Leben und Gesundheit zu schützen, und zwar nicht nur, wie immer, vor rechtswidrigen Angriffen Dritter, sondern auch durch die Bereitstellung adäquater medizinischer Versorgung. Das steht jedoch unter dem Vorbehalt des Möglichen; keine Gesellschaft kann alle ihre Ressourcen in das Gesundheitssystem stecken. Je nachdem aber, wie gut eine Gesellschaft ihr Gesundheitssystem ausstattet und funktionsfähig hält, verschiebt sie die Grenze zwischen unvermeidbaren und vermeidbaren tödlichen Folgen der „allgemeinen Lebensrisiken“. Hier scheint mir der Kern des Abwägungsstreits zu liegen: Es herrscht Uneinigkeit darüber, wo die Grenze zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren tödlichen Krankheitsverläufen angesichts des hohen und in seinen Folgen nicht absehbaren Aufwands an Freiheitsverzichten gezogen werden soll – zwischen Minimum und Maximum.

Jürgen Habermas:

Ihre Beschreibung der unübersichtlichen Folgen der rigorosen Eindämmungspolitik leuchtet mir ein. [wurde hier nicht wiedergegeben JR] Wir müssen den Spielraum für rechtlich unbedenkliche Lockerungen erst ausloten. Aber Ihre Beschreibung berührt den kontroversen Punkt erst, wenn Sie im Vorbeigehen sagen, dass die Abwägung „vorstrukturiert“ sein kann durch einen Vorrang des Rechts auf Leben: Soll das heißen, dass es „immer“ Vorrang behält? Worauf könnte sich dieser Vorrang stützen, wenn das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gegen alle übrigen Grundrechte abgewogen werden kann?

Schon Ronald Dworkin hat uns vor der Metapher der Waagschale gewarnt. Rechte beziehen sich nicht auf „Güter“, die man nach Gewicht abwiegen könnte. Rechte sind auch keine „Werte“, die man nach politisch-kulturell geteilten Vorlieben in eine transitive Ordnung bringen könnte. Die Entscheidung, ob ein recht auf einen Fall zutrifft, erlaubt nur entweder ein „Ja“ oder ein „Nein“. Im Laufe der richterlichen Abwägungsprozesse können Grundrechte miteinander konkurrieren. Aber im Ergebnis behält eines die Oberhand, das heißt, es sticht alle anderen aus, auch wenn es erforderlichenfalls im Hinblick auf die Beeinträchtigung der anderen „zurücktretenden“ Grundrechte eingeschränkt werden muss.

(Fortsetzung folgt)

Ich muss einfügen, dass etwas Problemfremdes mich motiviert hat, bei diesem umfangreichen ZEIT-Artikel nicht lockerzulassen. Die umständlich klingende, aber sehr präzise juristisch-philosophische Sprache reizt mich in mehrfacher Hinsicht, ich ärgere mich, wenn ich konzentrationsmäßig „aussteige“ und ebenso, wenn ich diesen Punkt überwinde, einzelne Fragen nachgeschlagen habe, z.B. was mit „transitiver Ordnung“ gemeint ist, und schließlich eine zweite Gesamtlektüre durchziehe und alles intelligent finde, – als sei ich selber intelligenter geworden. Was mir vorher abstrakt erschien, ist jetzt konkret geworden, seltsam, und hat unmittelbar mit dem Thema zu tun, von dem ich sozusagen im täglichen Leben (Corona!) ausgegangen bin. Wer sagte dies:

Diejenigen, die jetzt im Namen der Freiheitsgrundrechte für noch weiter gehende Lockerungen plädieren und sich dafür auf die Relativierung des Grundrechts auf Leben berufen, glauben dies vermutlich deswegen tun zu dürfen, weil die oben genannte Grenze zwischen noch vermeidbaren und nicht mehr vermeidbaren tödlichen Krankheitsverläufen so schwer zu ziehen ist. Aber sie müssten dann nicht nur sagen, wie hoch die Zahl der vorhersehbaren Todesfälle denn ansteigen dürfe, ohne das Recht auf Leben ad absurdum zu führen, sondern sie müssten eben auch dem ersten Patienten, der infolge der Lockerungen nicht mehr beatmet werden kann, erklären, dass er um der Freiheit anderer willen zu sterben habe.

Vor allem wird dabei übersehen, dass es das Bundesverfassungsgericht ist, das in seiner Rechtsprechung dem Recht auf Leben einen hohen Rang beimisst. In seiner ersten Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch von 1975, die unverkennbar die Handschrift des Richters Ernst-Wolfgang Böckenförde trägt, leitet es aus dem Grundrecht auf Leben für den Staat das Gebot ab, sich „schützend und fördernd“ vor das Leben zu stellen, und weist ihm „innerhalb der grundgesetzlichen Ordnung einen Höchstwert zu, nicht zuletzt mit Bezug auf die deutsche Vergangenheit. Dabei stellt es auch einen Zusammenhang mit Artikel 1 her, der nicht näher erläutert wird: Das Recht auf Leben sei „die vitale Basis der Menschenwürde und die Voraussetzung aller anderen Grundrechte“ – also auch des Rechts auf Freiheit.

Dies sagte der Richter Klaus Günther, und der Philosoph Jürgen Habermas antwortet:

Bei diesem Urteil sind natürlich ganz andere Fragen im Spiel. Aber die beiden Formulierungen, die Sie zitieren, sind doch aufschlussreich. Die Rede von „einem“ statt von „dem“ Höchstwert zeigt die Unangemessenheit der Sprache von Werten: in einer Rangordnung kann es immer nur einen einzigen obersten Wert geben. Andererseits soll mit der Formulierung wohl angedeutet werden, dass – anders als Schäuble und der Ethikrat meinen – „Leben“ einen ähnlich hohen Stellenwert hat wie „Menschenwürde“. Nehmen wir einmal an, wir hätten die von Ihnen beschriebene Grauzone verlassen und wüssten ziemlich unstrittig, was zum gegebenen Zeitpunkt  an Einschränkungen von Grundrechten in Kauf genommen werden müsste, um eine vermeidbare Steigerung der Todesraten voraussichtlich ausschließen zu können.  Bezeichnet dieses Kriterium (sagen wir: die „flache Kurve“) dann eine notwendige Bedingung für die Wahl gerechtfertigter Exit-Strategien?

Meine erste Konsequenz: endlich wieder nachlesen!

     

Was machen denn die Musiker*innen JETZT?

Das ernste Wort eines Konzertmanagers

Ich habe es gut, ich bin nicht krank, und am zunehmenden Alter kann und will ich nichts ändern. Also nicht jammern, nur kein Leerlauf. Meinetwegen auch mit andern Leuten in der Schlange stehen, Abstand nach Vorschrift. Weil der Frühling offensichtlich aktiv ist und nicht nur Pflanzen sondern auch Tiere und Menschen aktiviert. So fuhr auch ich am frühen Nachmittag zu OBI, um Pflanzen zu kaufen und Blumenerde, hörte die Vögel singen und dann plötzlich im Autoradio DLF

 frohgestimmt

… die folgende, trotz der ganzen Corona-Misere doch etwas erfreuliche Nachricht; sie war tatsächlich dann auch zuhaus im Internet nachzulesen:

Kulturstaatsministerin Grütters ist zuversichtlich, dass Deutschland die Vielfalt und Qualität seiner Kulturlandschaft nach der Corona-Krise erhalten kann.

Sie sagte der „Süddeutschen Zeitung“, wenn überhaupt ein Milieu sich als widerstandsfähig erwiesen habe, dann sei das in Deutschland die Kultur. Sie werde als Demokratiestabilisator, als notwendiges kritisches Korrektiv vom Staat und seinen Bürgern anerkannt.

Gerade in der jetzigen Ausnahmesituation erlebe sie in der Politik eine nie da gewesene Solidarität mit der Kultur- und Kreativwirtschaft. „Ich muss oft für deren Bedürfnisse werben, aber jetzt waren die Künstler und Kreativen unter den Ersten, an die bei den Rettungspaketen gedacht wurde“, ergänzte die Ministerin. Was ihr Sorgen mache, seien die wegfallenden Einnahmen. Doch es gebe einen großen Ehrgeiz, das Kulturmilieu nicht beschädigt aus dieser Krise hervorgehen zu lassen.

Yippie!

Und dann las ich in den Mails von heute, was ein bekannter Konzertmanager in Berlin zu diesem Thema sagt. Irre ich oder stimmt da jemand mit der Wirklichkeit nicht überein? Frau Grütters könnte mit Hegel sagen: Um so schlimmer für die Wirklichkeit! Ja genau!

ZITAT Berthold

Werden die Tourneen z.B. von Patti Smith im August oder von Van der Graaf Generator im September tatsächlich stattfinden? Ich weiß es nicht. Und ganz ehrlich: Die Chancen stehen bestenfalls bei 50 Prozent. Sicher ist derzeit nur so viel: Bis Juli wird es keine Tourneen, Konzerte und Festivals geben (dass immer noch einige Juni-Festivals nicht abgesagt wurden, hängt ausschließlich mit Haftungsfragen zusammen, die Veranstalter warten auf die Absagen der Behörden).
Für uns alle, die gesamte Konzertbranche wie die Fans, wäre es sehr hilfreich, wenn die zuständigen Behörden langfristig agieren und verbindliche Aussagen treffen würden. Die Vorbereitung von Tourneen und von Festivals zieht sich über etliche Monate, und wenn wir alle einigermaßen im Voraus Bescheid wüssten, könnten wir uns einen Teil der notwendigen Investitionen (von Wo*Manpower bis Werbung) sparen. Tourneen brauchen Vorlaufzeiten (und übrigens auch Reisefreiheit). Die österreichische Regierung hat diese Woche alle Veranstaltungen bis Ende Juni, die dänische sogar bis Ende August untersagt, weswegen auch das bedeutendste europäische Festival, Roskilde, abgesagt werden musste. Die baden-württembergische Landesregierung hat immerhin bis zum 15.6. alle Veranstaltungen untersagt. Bitte: Die Konzertbranche braucht Klarheit und Planungssicherheit!
Und niemand braucht einen Flickenteppich von Entscheidungen, Föderalismus hin oder her. Verbindliche Aussagen mindestens drei Monate im Voraus!

Uns Musiker*innen, Veranstalter*innen und Kulturarbeiter*innen ist bewusst:
Konzerte waren das erste, was unter- und abgesagt wurde. Und Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen werden das letzte sein, was wieder möglich sein wird.
Insofern betrifft der Lockdown die Kulturszene ganz besonders. Und die Ungleichheit, die allerorten herrscht, ist aktuell auch in der Konzertszene manifest: Daß Covid-19 und Corona alle gleich machen würde, ist eben grober Unfug. Sicher, Anna Netrebko kann ebenso wenig öffentlich singen wie die kleinen Songwriter*innen in Neukölln oder Giesing. Doch die Superstars verfügen anders als junge und unbekannte Musiker*innen über einen ausreichenden ökonomischen Background, um problemlos über die Runden zu kommen.
Nochmal zur Erinnerung: das durchschnittliche Jahreseinkommen von Musiker*innen in D betrug zum 1.1.2019 laut Künstlersozialkasse gerade einmal 14.628 Euro; das der weiblichen Musikerinnen betrug sogar nur 12.222 Euro, das der Musiker*innen unter 30 Jahren 13.398 Euro und das der weiblichen Musikerinnen unter 30 nur 12.191 Euro…
Während der Vorstandsvorsitzende von CTS Eventim, Klaus Peter Schulenberg, Dollar-Milliardär ist und der CEO von Live Nation, Michael Rapino, über ein Jahreseinkommen von mehr als 70 Millionen US-$ verfügt, verdienen die zahlreichen, meist selbständigen Arbeiter*innen im Konzertbetrieb, also Stagehands, Securities, Roadies, Busfahrer usw., häufig gerade einmal Mindestlohn.
Die Ungleichheit setzt sich bei den Konzert- und Tourneeveranstaltern fort:
CTS Eventim und Live Nation sind Aktiengesellschaften und verfügen über zig Millionen Rücklagen und sind außerdem im Milliardenbereich kreditwürdig (die langfristigen Verbindlichkeiten, „long-term debts“, von Live Nation beliefen sich laut Geschäftsbericht des Konzerns zum 31.12.2019 auf 3,31 Milliarden US-$!). Die Rücklagen der unabhängigen Tournee- und Konzertveranstalter dagegen sind gering und reichen bestenfalls für ein paar Monate, wenn überhaupt. Und Clubs und Kulturzentren, die von gestern auf heute schließen mussten, können kaum ein paar Wochen überleben. Und was passiert mit den Busfirmen, deren Nightliner oder Vans jetzt monatelang herumstehen?

Eigentlich vertrete ich ja die Ansicht: Gejammert wird nicht! Wir alle, die wir das unabhängige Konzertleben am Laufen halten, sind in der Regel mit Leidenschaft bei der Sache, und selbst die vielen unter uns, die hart am Prekariat entlang schrammen, wissen es doch zu schätzen, daß sie ein gegenüber Verkäufer*innen oder Arbeiter*innen privilegiertes und selbstbestimmtes Leben führen können. Doch in der aktuellen Situation gibt es einfach keine wirtschaftlichen Lösungen mehr. Es geht in der Konzertszene, und dort vor allem den kleinen und mittleren Firmen, Musiker*innen, Kulturarbeiter*innen, schlicht um die Existenz! Seit März keine Konzerte mehr, absehbar mindestens vier, wahrscheinlich sogar noch mehr Monate mit null Einnahmen – wie soll das gehen?

In dieser Situation benötigen wir tatsächlich Hilfe. Und zwar neben den vielen ehrenwerten solidarischen Initiativen eben auch staatliche Hilfe. In keinem anderen Bundesland wurde dem unabhängigen Kulturbetrieb so entschieden und so vehement geholfen wie im Land Berlin. Was Kultursenator Klaus Lederer und die R2G-Koalition dort geleistet haben, verdient allergrößten Respekt! In wenigen Tagen wurden 1,3 Milliarden Euro Soforthilfe mobilisiert und Hunderttausenden geholfen, vor allem den Solo-Selbständigen und kleinen Firmen mit weniger als 5 Mitarbeiter*innen, die vom Land Berlin binnen 3-4 Tagen eine Soforthilfe in Höhe von € 5.000 erhielten (dagegen Hessen z.B.: „bis zu € 1.000“, und das auch nur, wenn keine anderen Liquiditätshilfen wie Kredite oder Steuerstundungen zur Verfügung stehen). Hier hat sich gezeigt, daß für den so häufig gescholtenen Berliner Senat die Förderung unabhängiger Kultur nicht bloß eine Worthülse ist (und ja, auch ich habe das erste Mal in 32 Jahren Existenz dieser Agentur ein wenig „Staatsknete“ beantragt und erhalten).

Von der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), hört man in diesen Tagen viel – kaum ein Mikrofon, an dem sie vorbeigeht, kaum ein Feuilleton, in dem nicht ein langes Interview mit ihr erscheint. Aber in der Substanz? Null. Wurden die Besonderheiten der Kulturbranche bei der Konzeption von Nothilfen aufgrund der Corona-Epidemie berücksichtigt? Natürlich nicht. Gibt es einen Kultur-Soforthilfe-Fonds der Bundesregierung? Nein. Oh, fast hätte ichs vergessen: Frau Grütters hat ja die Schirmherrschaft über den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung übernommen (und null Euro Bundesmittel dazu gegeben)…
In Zeiten der Krise erfährt man deutlich, wer handelt und auf wen man sich verlassen kann – und wer nur schöne Worte macht.

Wir werden erleben, ob wir uns im August und September schon wieder bei Konzerten sehen können. Ich hoffe es wirklich sehr. Aber sollte das nicht der Fall sein, bleibt mir neben dem Appell an die Politik, die unabhängige Konzertszene nicht untergehen zu lassen, nur, mich dem Appell von vielen Künstler*innen und Veranstalter*innen anzuschließen:
Es würde uns allen, die wir in dieser komischen, verrückten, nicht selten Piranha-haften, aber auch verdammt wunderbaren Konzertbranche tätig sind, sehr weiterhelfen, wenn Sie Ihre Tickets nicht zurückgeben würden, sofern Sie es sich leisten können, und wenn Sie stattdessen die Ersatztermine besuchen und/oder statt Erstattung der Konzertkarten Gutscheine für die künftigen Konzerte akzeptieren würden! Damit es diese Konzerte dann überhaupt noch geben wird, ob im August und September 2020, im Januar oder im Sommer 2021…

Quelle: Berthold Seliger Presserundbrief 1/2020 .  Immer empfehlenswert, auch seine Internetseiten zu besuchen: hier. Büro für Musik, Texte & Strategien.

Und morgen früh werde ich die Hortensien einpflanzen und dann täglich gießen, auf die Natur ist doch weiterhin Verlass. Vielleicht steht in der Zeitung dann auch noch eine reale Zusage von Frau Grütters.

*    *    *

Entschuldigung: da mir in diesem Moment wieder eine Mail zugeflogen ist, die einen Link enthält, den ich leicht verpflanzen kann und der eine wunderbare Wirkung ausübt, – eine reichverzierte, aber in meinen Ohren todtraurige Sarabande von Johann Sebastian Bach -, ja, so folge ich meiner Neigung und beende meine Tagesarbeit, indem ich wieder und wieder diese Musik höre. (Bitte vorweg leise einstellen, ein gutes altes Cembalo im Raum knallt nicht!)

Mehr davon und darüber? Siehe Tilman Skowroneck hier.

9. April Da wir gerade dabei sind: Cembalo! In meiner Nachbarstadt Remscheid wird heute Geburtstag gefeiert. Herzlichen Glückwunsch, Volker Platte hier.