Kategorie-Archiv: Politik

Brand an Land, Müll im Meer

Ein Memento in der Lanz-Sendung

 Sendung HIER

Die Sendung ist weiterhin abrufbar (bis 14. November) und auch verständlich, sofern wir Ohren haben. Nur die in der Live-Sendung eingespielten Bildsequenzen fehlen. Zusätzlich an dieser Stelle nur die Chance, das Gehörte genauer zu bedenken.

Es folgt also der nach Gehör niedergeschriebene Text (noch nicht abschließend  korrigiert), d.h. in dieser Form ohne Gewähr. Ein paar Links zur Ergänzung wurden eingefügt (JR.)

Ab 4:00 [Plastik im Meer: Manilas Strände siehe hier in GEO]

Markus LANZ: Ein paar Bilder müssen wir mal so aufarbeiten, z.B. diese hier: Waldbrände in Deutschland. Haben Sie in Erinnerung, dass wir die in der Dimension schon mal gesehen haben?

Harald LESCH: Nein! Also das ist jetzt ne ganz neue Entwicklung. Wir haben ja in diesem Jahr eben ne Wettersituation gehabt, wo sehr sehr lange überhaupt kein Regen gefallen ist, was wir da sehen: gerade Ostdeutschland, Brandenburg, haben ja über Monate hinweg überhaupt keine Niederschläge gehabt. Dann passiert eben das, was passieren muss, wenn es warm ist, wenn es trocken ist: dann reicht ein Funke aus, und es muss gar kein Zigarettenraucher gewesen sein, sondern einfach nur ne Scherbe oder sowas, und dann fängt es eben an zu brennen, und wir sehen es ja eben auf der ganzen Welt, also nicht nur hier bei uns, sondern auf der Nordhalbkugel ist es enorm heiß geworden, und es ist ein Zeichen dafür, und – um es gleich in einen größeren Zusammenhang zu stellen – da unsere Atmosphäre also viel mehr Energie speichern kann. Sie kann mehr Energie speichern, weil entsprechende Gase da sind, die dieses Speicherphänomen beschleunigen, und wir sind daran beteiligt. Was wir jetzt sehen – so wie letztes Jahr wenn wir an letztes Jahr denken wollen, da gabs ne Hitzewelle, die hatte den schönen Namen „Luzifer“ (wie passend, ja, der Vorhof zur Hölle), ja, und das ist ausgelöst worden durch „Ophelia“, das war ein Sturm, ein Hurrikan, der eben diesmal nicht in Richtung der USA weggezogen sind, sondern auf die Iberische Halbinsel gezogen ist und die Iberische Halbinsel in Flammen gesetzt hat, ja, das was wir einfach erleben, ist eine hochdynamische Atmosphäre, die wir dynamisiert haben dadurch, dass wir seit rund 200 Jahren Treibhausgase emittieren wie die Weltmeister und das eben weiter und weiter beschleunigen.

LANZ Wir werden darüber noch ausführlich sprechen, was das bedeutet, dass was das für uns konkret bedeutet, was wir heute schon unternehmen, um die Folgen des Klimawandels in den Griff zu über die aber kein Mensch offensichtlich spricht (Genau, genau!)

LESCH Also gerade die Länderregierung, die Regierung der Bundesländer, müssten viel häufiger der Öffentlichkeit mitteilen, was muss jetzt bereits getan werden, um mit den Folgen des Klimawandels klarzukommen. Das betrifft die Landwirtschaft, das betrifft aber auch den Tourismus, das in vielerlei Hinsichten… (läuft das schon? Also was passiert denn da konkret?) Also da wird z.B. Wasser transportiert, es gibt Bereiche z.B. in Bayern, gibt’s Bereiche, wo das Grundwasser sehr niedrig ist, das Grundwasser kann sich ja nur erneuern, wenn es im Winter genügend Niederschläge gibt, im Sommer und im Frühling nimmt die Vegetation das Wasser auf, also es verdunstet, also wenn die Winter zu trocken werden, dann bleibt das Grundwasser niedrig, also muss Wasser dahingepumpt werden. Oder man denke nur an die Probleme, die wir im Alpenraum haben, also dass tatsächlich die Berge instabiler werden, d.h. es gibt mehr Erdrutsche, das Auftauen… das bisschen Permafrost, das es noch gibt, die Verluste an Gletscherflächen innerhalb von Deutschland hat man gerade. Was die Wasserwirtschaft betrifft, große Anstrengungen muss man unternehmen, um das einigermaßen noch in der Balance zu halten, und wenn jetzt z.B. die Bauern danach rufen: wir brauchen Unterstützung, dann kann ich eigentlich nur sagen, das ist genau bei der ganzen Diskussion über Klima sollte man eigentlich mit den Menschen sprechen, die davon leben, was aus dem Boden kommt. Das sind diejenigen, die seit Jahrzehnten ganz genau merken, wie sich das allmählich verändert, also selbst wenn man uns Wissenschaftlern gar nicht glauben würde: Glaubt den Winzern! Glaubt denjenigen, die in den Bergen leben, denjenigen, die davon leben, was da aus dem Boden herauskommt (Beifall), und das sind diejenigen, die uns eben mitteilen: das Klima hat sich dramatisch verändert, und vor allen Dingen: es hat sich sehr sehr stark beschleunigt, und wenn dann noch die entsprechende Wetterlage dazukommt – denn das muss man unterscheiden: Klima ist das über 30 Jahre ermittelte Wetter, – wenn dann noch die entsprechende Wetterlage dazukommt, dann werden die Anstrengungen, die wir von der Infrastruktur her machen müssen, auch die finanziellen Anstrengungen, die werden immer größer. Und im Grunde genommen schreibt uns jedes Jahr die Natur das Menetekel immer deutlicher und deutlicher an die Wand.

LANZ So das ist jetzt sozusagen die eine Seite, die wir grad gesehen haben, die andere Seite, die Kehrseite der Medaille, sind Bilder, wie diese hier. Unglaublich, welche Starkstromregen plötzlich aus dem Nichts kommen; ist das die andere Seite, mit der wir in Zukunft häufiger zu tun haben?

LESCH Ja klar. Das was wir da sehen… das Wort Starkregen gibts ja noch gar nicht so lange in der deutschen Sprache, das haben wir noch nicht so lange, … da lohnt es sich mit 90-Jährigen zu sprechen, und die sagen dann so Sätze wie „Das habe ja noch nie erlebt“, also die Leute mal aus ihrer Lebenserfahrung erzählen zu lassen: „Wann hast du denn das letzte Mal sowas mitgekriegt? Denn solche Ereignisse bleiben tatsächlich im Gedächtnis, es gibt ja aus den letzten Jahren noch so wunderbare Bilder… ja … ja, das sind einfach … die volle Wucht des Sturmes sozusagen, und sowas kennt man im allgemeinen eher aus so amerikanischen Twisterfilmen (Tornado!), ja, das ist doch auch mal ganz nett, wie das Wasser da so stehen bleibt, die Kanalisation es nicht mehr aufnehmen kann. Es gab im letzten Jahr mal son Film, so ein Feuerwehrwagen, der mit Blaulicht an der Kamera vorbeigerauscht ist, der hat noch versucht zu retten, aber die Flut hat ihn mitgenommen, das hat damit zu tun, dass eben diese enorme Wucht der Atmosphäre führt eben nicht nur zu langen Dürreperioden, sondern auch dazu, dass sich eben die Luftmassen sehr sehr stark mit Wasser aufladen, und dann kann ich nur sagen – braucht man kein Physikstudium für – ja, Regen ist Wasser, das von oben nach unten fällt. Ja. Und dann kann man fragen, wie kommt Wasser da oben hin? Erstens – wir wissen alle, dass es durch Verdunstung da hinkommt, aber wann verdunstet mehr Wasser? 1. wenns wärmer wird, b) es wird kälter oder c) Sie möchten jemand anrufen? Ja? Gibt ja so … Sieht man ganz klar: es wird einfach wärmer, dadurch werden auch diese Starkregenereignisse dramatischer. Und son Ereignis wie in Simbach am Inn, [Info siehe hier], das kostet den Freistaat Bayern ne halbe Milliarde, um das wieder hinzukriegen, das sind also auch enorme volkswirtschaftliche Kosten, die da (ist aber immer ein Symptom, im Grunde…) ja, wir glauben ja nicht, dass es so ist, – jetzt muss ich mal so nach links kucken, ich muss nicht mal… ich könnte irgendwohin kucken, (aber SPD ist bei links noch richtiger) ich meine jetzt: in der Politik geht es ja um Interessen, und in den Wissenschaften geht’s um Inhalte. Wenn wir also Inhalte präsentieren, und die werden von den Interessenverbänden … und die werden von den Interessenverbänden, die im politischen Raum tätig werden, nicht akzeptiert, sondern man diskutiert noch darüber, dann kann ich nur sagen: das eine ist Meinung, und das andere ist Ahnung, ja? Ahnung im Sinne von Sachkompetenz. (10:02) (Beifall) Und was wir … wenn ich mich vor meine Studenten stelle und sage: Meine Generation hats total vermasselt, dann meine ich damit, dass wirs nicht geschafft haben, im politischen Raum so stark zu werden, mit dem ökologischen Knowhow, das wir haben, dass Politik sich in Deutschland an dem orientiert, was das Schicksal derjenigen ist, die noch gar nicht da sind. Nämlich ne Ethik, ne moralische Dimension in die Politik einzubauen, die darüber spricht: wie wollen wir, dass Deutschland in 10, 20 oder 30 Jahren aussieht? Was wird mit den Kindern, was wird mit unsern Enkeln, in welchen Lebensräumen sollen da eigentlich dastehen, wir reden über Quartalsberichte in Deutschland, also über Renditeerwartungen, wir reden darüber, dass z.B. Ministerpräsidenten in Deutschland sagen: „Kohle? Aus der Kohle kommen wir vor 2045 nicht raus!“ Dabei geht es um 20.000 Arbeitsplätze, in der Erneuerbaren arbeiten 380.000 Menschen. Das heißt: die Dimensionen, der Art und Weise, wie wir mit dem Klimawandel umgehen müssen, was die Energiewende z.B. betrifft, die haben wir politisch in keiner Weise wirklich verstanden. Es gibt zwar Parteien, die sich dem ökologischen Thema zugewandt haben, aber die großen Volksparteien haben, was das betrifft, meiner Ansicht nach total versagt (wenn sie …), sonst sähe die Bundesrepublik ganz anders aus. (Beifall)

LANZ Wenn Sie so sagen „Volksparteien“ (lacht mit Blick auf Lars Klingbeil), meinen Sie auch noch die SPD, nehme ich an…

LESCH: die Sozialdemokraten genau so wie die CDU und CSU, ja. Mir geht es ehrlich gesagt so etwas auf die Nerven: wir haben seit Ewigkeiten das Thema Klimawandel auf der Agenda (seit wann, Herr Lesch, ist es eigentlich von dem wir sagen, das müssten führende Politiker … und ich bin immer wieder überrascht, was Leute auch wie Sie auf dem Radar haben. Also Ihr wisst wirklich ne Menge, bis ins letzte Detail hinein, ab wann konnte man das eigentlich wissen, global betrachtet, dass da irgendwas in Bewegung geraten ist, 70er Jahre?)

LESCH Also es gibt eine interessante Geschichte: die Münchner Rückversicherung hat 1972 zum erstenmal in einem kleinen Zeitungsartikel auf die Risiken des Klimawandels hingewiesen. Und auch da kann ich nur immer wieder sagen: Wenn Sie uns Wissenschaftlern nicht glauben, – vielleicht glauben Sie den Unternehmen, die Geld verdienen damit, dass eben solche Risiken für die eine große Bedeutung haben, (1972 war das…) 1972, also kurz nach dem Club-of-Rome-Bericht (also; Grenzen des Wachstums, dieser berühmte Bericht) genau! und dann fing die Münchner Rück an und hat also ne Geo-Risikoabteilung gegründet, – wo also die Risiken abgeschätzt wurden… ist ja klar, ne Versicherungsgesellschaft hat n großes Interesse daran.[Info siehe hier] Risiko im Sinne einer Zukunft, die nicht stattfinden soll. Das ist eine Risiko, das ich vermeiden will. Das heißt, dann haben die angefangen, das eben zu sammeln, das ist eine der tollsten Datenbanken für Naturkatastrophen, unheimlich toll, und seitdem ist es alo immer und immer wieder in der Agenda, und man kann dann in der Historie der Klimaforschung kann man sehen: Am Anfang wurde noch gefordert, na so genau wisst ihr das ja noch gar nicht! Da warens nur 75 Prozent Wahrscheinlichkeit, dann warens 95, dann hieß es, ja das sind ja immer noch 5 Prozent, die Politik hat eigentlich, obwohl die Lücken immer kleiner und kleiner wurden, einfach nicht hinreichend schnell reagiert. Ich würde mal gern das Gedankenexperiment nur mal anreißen: was wäre eigentlich gewesen, wenn die Bundesrepublik Deutschland sich 1955 statt für die Kernkraft für die Windkraft entschieden hätte? Denn Wind, das ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, gab es schon, bevor es die Windräder gab, ja? Das ist also schon sehr lange in der menschlichen Geschichte da, und man hätte sich sehr wohl überlegen könne, eine Technologie zu entwickeln, die mit dieser ganz einfachen Art und Weise Energie verteilt. Stattdessen haben wir uns bei der Kernkraft völlig verhoben, denn – das habe ich meinen Studenten übrigens auch gesagt – ihr werdet zweistellige und möglicherweise noch weit höhere Milliardenbeträge dareinsetzen, denn wir bieten euch kein Endlager an, wir haben noch keins, ihr werdet es mit der Asse möglicherweise mit einem Lager zu tun haben, da werdet ihr 15 Milliarden reinstecken müssen, um den ganzen Dreck wieder an die Oberfläche zu holen [Info siehe hier]. Das heißt: das ist ja auch ne Sackgassentechnologie gewesen, die von vornherein, nicht einen Moment mal wirklich drüber nachgedacht hat, wohin mit den strahlenden Abfällen! (Warum eigentlich nicht!?) Und das kann ich nicht verstehen!

 Harald Lesch s.a. Wikipedia hier

Tja, das fragen Sie mal die Herrschaften von damals… die sich ja offenbar ne große Sicherung des Energiebedarfs der Bundesrepublik versprochen haben durch die Kernkraftwerke, und die Volksparteien waren alle sehr beteiligt daran, die Kernkraft in Deutschland auszubauen, aber was das Endlager betrifft, da sind ja zum Teil haarsträubende Entscheidungen gefallen. (Bevor wir gleich über das Politische weitersprechen, rein zur physikalischen, – der Hobbyphysiker in mir stellt sich grad eine wahrscheinlich verwegene Frage: wenn wir Wind benutzen, um Energie herzustellen, gibt’s irgendwann den Punk, an dem Schluss ist?)

LESCH Die erneuerbaren Energien sind keine unerschöpflichen. Die erneuerbaren Energien sind ja alle Energien, die letztendlich damit zu tun haben, dass der Planet Erde sich unter der Sonne dreht, und da kann man sich natürlich die Frage stellen, wenn wir weiter 4 Prozent Steigerung habe, wann wäre denn der Zeitpunkt, wo wir den gesamten Planeten Erde mit Photovoltaik bekachelt hätten? Ja? Wie lange wird es dauern? 823 Jahre. Ja, dann wärs erledigt. Ja, wir sind … in wenigen Jahrhunderten hätten wir das Maximum der Erneuerbaren erreicht… (Und wie ist es mit Wind? Hört der irgendwann auf?) Na klar, wenn wir richtig viel Windpower, na da sind wir noch weit entfernt, wenn wir richtig viel Windpower da reinstecken, dann würden wir auch die atmosphärischen Strömungen verändern, und das ist ja im übrigen (und irgendwann kommt der Wind zum Stillstand) …kommt nicht zum Stillstand, aber nehmen dann soviel Energie raus, dass die Windströmung sich auf der Erde nennenswert verändern werden. (So, diese Windströmungen, über die wir grade sprechen, da gibt’s ja diese berühmten Jetstreams, das sich ja diese starken – atmosphärischen – Strömungen hoch oben in der Luft, die uns sozusagen helfen, sehr schnell von Amerika Richtung Europa zu fliegen, ) ja… (BILDER ?) diese Erwärmung über dem Äquator, d.h. die Ludtströmungen fließen nach Norden und Süden ab, und dann gibt es eben oben in der Arktis dieses große Windsystem, das sind die Jetstreams, und die werden, natürlich auch angetrieben durch den großen Temperaturunterschied zwischen der Arktis und der Umgebung und jde geringer dieser Temperaturunterschied ist, um so langsamer werden diese Windströme. Jeder der zu Hause im Garten, ,an kann das mit dem Gartenschlauch austesten: wenn der Wasserstrahl sehr schnell ist, dann ist der ziemlich schwierig in Schwingung zu setzen, wenn der aber langsam ist, dann braucht man den nur son bisschen zu bewegen, und genau das passiert bei den Jetstreams eben aktuell auch: Je wärmer die Arktis wird, um so geringer sind die Temperaturunterschiede zwischen Arktis und Nichtarktis, die Jetstreams werden langsamer, werden instabiler, das Resultat kann man sehen, sowohl an Starkregenereignissen als auch an solchen Perioden (die dann so lange dauern) die dann so lange dauern, die Strömungen werden nicht schnell genug weggeschoben sozusagen, und es bleibt so lange bei der Wetterlage, die dann so katastrophal endet, wie wir das in diesem Sommer hatten.

LANZ: Interessant. (16:43) Claudia Kade, warum tut sich Politik da so schwer? Das wäre doch eigentlich ne Riesenchance für die SPD etc.

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Meldung von HEUTE, 16.08.2018

Wie Deutschland sein Klimaziel noch erreichen kann

Die neue Fraunhofer-Studie HIER

Noch etwas zur Öko-Hoffnung: Vortrag von Dr. Michael Kopatz „Ökoroutine – Damit wir tun, was wir für richtig halten“,  gehalten am 09. Februar 2017 im Rahmen des Münchner Forum Nachhaltigkeit.

Wer lieber liest als hört, kann das zum gleichen Thema  hier tun (ZEIT online).

Und weiter in DIE ZEIT am 23. August 2018

 Über die Autorin Petra Pinzler hier.

Sehr lesenswert auch der andere (große) Artikel. Zitat:

Die Hoffnung auf die Politik hat Berthold inzwischen aufgegeben. „In der Landwirtschaft lässt sich das Rad nicht zurückdrehen. Die gesellschaftlichen Strukturen lassen das nicht zu“, glaubt er. „Ändern würde sich nur etwas durch eine Art Mais-Aids oder die Afrikanische Schweinepest oder eine Geflügelseuche oder am besten alles drei.“ Darauf wartet Peter Berthold. Auf den großen Knall.

Bis der kommt, engagiert er sich selbst.

Quelle DIE ZEIT 23. August 2018 Seite 6 POLITIK Tschüss, Lerche Heimatverlust: In Deutschland gibt es kaum noch Feldlerchen. Wer den Vogel retten will – und wie die Politik das verhindert / Von Merlind Theile /

Über Peter Berthold: Wikipedia hier.

(Fortsetzung folgt)

Vom Lügen

Ich habe das schmale Buch nur aufgeschlagen, nur angeblättert, und wusste: diese Sätze sind es, die ich zur eigenen Verfügung separieren und aufbewahren will. Warum ich dabei an meine frühe Kindheit denken musste, erzähle ich nicht; erwähne es nur, um es eines Tages „aufzuarbeiten“. Hannah Arendt bewundere ich zutiefst. Ihre Sätze sind so klar, dass man sich wundert, dergleichen noch nie selbst erfunden zu haben, und gerade deswegen ahnt man, dass viele Menschen mit den Worten „Ist doch klar!“ darauf reagieren und das Ganze als läppisch abtun.

Ein Wesenszug menschlichen Handelns ist, daß es immer etwas Neues anfängt; das bedeutet jedoch nicht, daß es ihm jemals möglich ist, ab ovo anzufangen oder ex nihilo etwas zu erschaffen. Um Raum für neues Handeln zu gewinnen, muß etwas, das vorher da war, beseitigt oder zerstört werden; der vorherige Zustand der Dinge wird verändert. Diese Veränderung wäre unmöglich, wenn wir nicht imstande wären, uns geistig von unserem physischen Standort zu entfernen und uns vorzustellen, daß die Dinge auch anders sein könnten, als sie tatsächlich sind. Anders ausgedrückt: die bewußte Leugnung der Tatsachen – die Fähigkeit zu lügen – und das Vermögen, die Wirklichkeit zu verändern – die Fähigkeit zu handeln – hängen zusammen; sie verdanken ihr Dasein derselben Quelle: der Einbildungskraft. (…)

Wenn wir also vom Lügen und zumal vom Lügen der Handelnden sprechen, so sollten wir nie vergessen, daß die Lüge sich nicht von ungefähr durch menschliche Sündhaftigkeit in die Politik eingeschlichen hat; schon allein aus diesem Grund wird moralische Entrüstung sie nicht zum Verschwinden bringen. Bewußte Unaufrichtigkeit hat es mit kontingenten Tatbeständen zu tun, also mit Dingen, denen an sich Wahrheit nicht inhärent ist, die nicht notwendigerweise so sind. Tatsachenwahrheiten sind niemals notwendigerweise wahr. Der Historiker weiß, wie verletzlich das ganze Gewebe faktischer Realitäten ist, darin wir unser tägliches Leben verbringen. Es ist immer in Gefahr, von einzelnen Lügen durchlöchert oder durch das organisierte Lügen von Gruppen, Nationen oder Klassen in Fetzen gerissen oder verzerrt zu werden, oftmals sorgfältig verdeckt durch Berge von Unwahrheiten, dann wieder einfach der Vergessenheit anheimgegeben. Tatsachen bedürfen glaubwürdiger Zeugen, um festgestellt und festgehalten zu werden, um einen sicheren Wohnort im Bereich der menschlichen Angelegenheiten zu finden. Weshalb keine Tatsachen-Aussage jemals über jeden Zweifel erhaben sein kann – so sicher und unangreifbar wie beispielsweise die Aussage, daß zwei und zwei vier sind.

Das ist doch selbstverständlich, sagen Sie? Genau, seit heute. Das hatte ich gemeint, und deshalb schrieb ich es ab!

Meine Quelle (Zitat Seite 8f und Seite 9f) :

Weiteres zu Hannah Arendt siehe Wikipedia hier

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[Eingefügt am 24.08.2018:] Über das Lügen in Politik und Wirtschaft siehe auch die Lanz-Sendung mit Thilo Bode (und Peter Altmaier) vom 23.08.2018, noch abrufbar bis 23.11.2018, und zwar HIER , ab etwa 37:20.

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Ein feines Wurzelgespinst, das ich vorhin draußen am Gitter fand, vielleicht vom Wind hinaufgeweht. Ein etwa faustgroßes, scheinbar in sich geschlossenes Gebilde, per Scan nicht recht erfassbar:

 im Hohlraum etwas zusammengedrückt

Es ist Zufall, heute, aber wo sollte ich es sonst lassen? Ein wunderbares Labyrinth, und doch ist ein etwas dickerer Hauptast zu erkennen,  der sehr gerade ist und nach rechts oben weist. Kein Lügengespinst. Reiner Zufall, dass es in diesem Zusammenhang an den Spruch erinnert: „Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen.“

Ich glaube, die Sonne der letzten Wochen hat das angerichtet…

18.08.2018

Das Rätsel ist gelöst: mein Wurzelgespinst stammt vom Efeu. Gröbere und noch mit Rückständen behaftete Teile sind im Garten leicht zu finden:

Im Wikipediaartikel EFEU stößt man auf das weiterführende Stichwort Adventivbildung, und in dem betreffenden Artikel auf den folgenden Satz:

Mit der Zeit verzweigen sich die Adventivwurzeln sehr stark und bilden ein komplexes buschiges Wurzelsystem. Es ist keine Hauptwurzelachse erkennbar.

Am 26.08.2018 – es war Zufall – befand ich mich plötzlich selbst in einem Gespinst:

 Foto: E.Reichow (MARTa Herford)

Ragamalika am Ennore Creek

Recherche zur südindischen Musik

Blick über die Ennore Bucht bei Chennai (Foto: CC-by-sa PlaneMad/Wikimedia)

„Ragamalika“ wird die Verbindung verschiedener Ragas genannt, eine „Raga-Girlande“, und sie stellt eine Ausnahme in der indischen Konzertpraxis dar, in der prinzipiell die Einheit eines Ragas für die Länge einer einzelnen Interpretation gewahrt wird, ob sie nun 3 Minuten, 30 Minuten oder länger dauert: der Tonvorrat, die Skala und die typische Ausgestaltung der Melodielinien bleibt – bei aller Freiheit der Improvisation – unverändert, 1 falscher Ton würde das Tongebäude zum Einsturz bringen. Im Vortrag der Ragamalika gehört es zur besonderen Aufgabe, mehrere Raga-Charakteristiken nahtlos ineinander übergehen zu lassen. Im Fall der vorliegenden Aufnahme hört der Kenner nacheinander folgende Ragas:

Anandabhairavi, Begada, Hamir Kalyani, Devagandhari, Salaga Bhairavi  und Sindhu Bhairavi.

Mir sind nur wenige dieser Ragas gut bekannt, Sindhu Bhairavi etwa, oder Kalyani, aber – anders als in Nordindien – sind in Südindien, in der sogenannten karnatischen Kunstmusik, buchstäblich unzählige in Gebrauch. Ich schlage daher in dem großartigen Werk von Ludwig Pesch nach: The Oxford illustrated Companion SOUTH INDIAN CLASSICAL MUSIC Oxford University Press 1999. Dort werde ich glücklicherweise in allen Fällen fündig, und mit den Skalen versehen kann ich mich in der konkreten Musik auf die Suche begeben und die Reichweite der einzelnen Ragas bestimmen. Aber man darf sich nicht täuschen: ohne das Hintergrundwissen dieses Buches und viel Praxis kann man mit dieser Tafel allein wenig anfangen.

 Ludwig Pesch a.a.O. Seite 195

Ich sehe in Reihe 2 „Anandabhairavi“, in Reihe 4 „Begada“ – und hoffe, dass mir der Übergang nicht entgehen wird, da allein die Terzen schon einen Unterschied wie zwischen Moll und Dur ausmachen werden. Ich werde es melden…

Es ist interessant, das Mienenspiel und die Gesten des Sängers zu beobachten, egal ob man es aus der Sicht eines „Kulturfremden“ als unangemessen oder affektiert empfindet (was ganz im Auge des Betrachters liegen mag): es hat nicht mit Affekten zu tun, die aus einer (kaum beurteilbaren) Textdeutung abzuleiten sind, sondern mit dem unmittelbaren Verlauf der Melodielinie. Das ist wunderbar. Wir aber dürfen vielleicht anfangen, uns eher „technisch“ anzunähern, indem wir die Töne und Skalen identifizieren. Das Andere kommt im Laufe der wachsenden Erfahrung von selbst.

Und tatsächlich: man erkennt Grundton, Quinte und Nebentöne, im übrigen ein leicht berührtes E, und endlich ein Es, gerade dort  – bei 1:09 – sagt der Sänger „Anandabhairavi“! Ich warte auf die hohe Oktave und eine Rückkehr, um sicher zu sein… er führt die Töne unauffällig ein und hat bei 2:10 bereits das hohe D erreicht. Ab 2:57 jedoch glänzt die Oktave mehrfach, bei 4:51 sagt er „Begada“, nachdem er gerade den Ton E mit Sorgfalt etabliert hat. Als nächstes wird uns „Hamir Kalyani“ begegnen. Ich finde auf einer anderen Tafel bei Pesch zwei Varianten davon (ich kenne Kalyan aus Nordindien, der Raga ist auch als Yaman bekannt, die lydische Kirchentonart), Achtung: Fis wechselt mit F je nach Richtung der Melodielinie. Der Sänger kündigt den Raga an bei 8:17.

Ludwig Pesch a.a.O. Seite 197

Hamir Kalyan geht bis 10:46 – Ansage „Devagandhari“, ist auf der obigen Pesch-Tafel zu finden als 7. Reihe (4. von unten). Merkwürdiges Stocken bei 12:36 (er scheint zu überlegen), neuer Ansatz bei 12:51, 13:18 Ansage „Salaga Bhairavi“ (siehe im folgenden Ausschnitt letzte Reihe) – Abschluss bei 19:10, und hier beginnt laut Schriftzug „Poromboke“. Aber wo begann „Sindhu Bhairavi“? (Siehe im übernächsten Ausschnitt, 2. Reihe, zu beachten die fünf Tonvarianten am Ende der Reihe. Die Variante mit DES bei absteigender Melodielinie ist wesentlich!)

 Ludwig Pesch a.a.O. Seite 188

 Ludwig Pesch a.a.O. Seite 198

Mit dem Titel POROMBOKE sind wir beim zweiten, dem eigentlichen großen Thema. Jetzt wird der Text und die inhaltliche Information entscheidend. Und man könnte es sogar unwichtig finden, ob er musikalisch auf klassische Art behandelt wird oder – mit Pop-Elementen ausgestattet – einer entsprechend orientierten Hörerschicht vermittelt werden soll. Keine Entschuldigungen! Keine Vorbehalte! Hinein!!!

Poromboke is an old Tamil word meaning shared-use community resources like waterbodies, seashore and grazing lands that are not assessed for tax purposes. Today, it has become a bad word used to describe worthless people or places. Chennai Poromboke Paadal is part of a campaign to reclaim the word and restore its worth.

Kurangan is a Tamil pop-rock band
Kaber Vasuki [singer / songwriter]
Tenma [bass / music producer]
Krish [drums]
Sahib Singh [guitars]

Das Video wurde am 29.09.2016 veröffentlicht, samt folgendem Kommentar + Aufruf:
Chennai’s lifeline is in danger. The Kosasthalaiyar River and Ennore Creek are dying a slow death. If the river or creek have blockages, the city will continue to get flooded and the situation will get worse every year. Sign the petition and ask the Tamil Nadu Chief Minister to come up with a plan to save Chennai by saving the Ennore creek.

 

Der Text des Liedes „Poromboke“ von Kaber Vasuki (Zahl mit * = Wiederholung)

Poromboke is not for you, nor for me It is for the community, it is for the earth (* 4) – Poromboke is in your care, it is in mine (*2) It is our common responsibility towards nature, towards the earth – Poromboke is in your care, it is in mine It is our common responsibility towards nature, towards the earth The flood has come and gone, what have we learnt from that? (*2) – To construct buildings inside waterbodies, what wisdom is that? – The flood has come and gone, what have we learnt from that? – To construct buildings inside waterbodies, what wisdom is that? – On the path that rainwater takes to the sea What need have we of concrete buildings? (*2) – It was not the rivers that chose to flow through cities (*2) Rather, it was around rivers that the cities chose to grow – It was not the rivers that chose to flow through cities Rather, it was around rivers that the cities chose to grow And lakes that rainwater awaited Poromboke – they were reverently labeled (*2) After Ennore got its power plant (*2) – Acres of ash, but river scant – After Ennore got its power plant, Acres of ash, but river scant – The sea and the river, he has kept apart (*2) – The white sky, he blackened The sea and the river, he has kept apart – The white sky, he blacked (*2) Once he gets done with Ennore, he will come for your place too (*3) – If you stop, challenge or dare to resist, ‘MAKE IN INDIA’ he will lie and insist (*3) – Growth, jobs, opportunities; these are just flimsy excuses (*2) – For one who sold the waterbodies, the lake is mere poromoboke – Growth, jobs, opportunities; these are just flimsy excuses – For one who sold the waterbodies, the lake is mere poromoboke (*2) – You and I, then; what are we to him? (*2) We are poromboke too (*2) I certainly am poromboke! (*2) How about you? – Are you poromboke too? I certainly am poromboke! – How about you? Are you poromboke too? I certainly am poromboke!

Wikipedia über TM Krishna HIER

ZITAT aus dem Wikipedia-Artikel

The Chennai Poromboke Paadal music video was released on January 14, 2017 on YouTube. An initiative by T.M.Krishna and environmental activist Nityanand Jayaraman – the Tamil song was written by Kaber Vasuki and composed by R.K. Shriramkumar, and the video was directed by Rathindran Prasad. The video featured Krishna performing in and around the Ennore creek and highlighted the environmental damage done to the creek by the power plant [Kraftwerk JR] in that region. The music video trended on YouTube India for a week after its release becoming the first Carnatic song to trend on YouTube. The song’s title contained the word „Poromboke“ which formerly meant land of the commons but has become a popular swear word. The music video also garnered attention for combining Tamil slang dialect with carnatic music.

Sofia Ashraf und ein anderes Beispiel für das engagierte (umwelt-)politische „Lied“ in Südindien (Achtung: es geht um eine Aktion gegen Unilever im Jahre 2015):

Im Nachspann bei 2:42 zu beachten: „Supported by T.M. Krishna“ !

Warum der offenbar einverständliche Protest?

Information über Kodaikanal hier. Über Quecksilbervergiftung in Kodaikanal hier.

Ja, ich bekenne es, ungern bestelle ich mir ein Buch bei dem weltweit bekannten Versand, aber es ging mir darum, schnellstmöglich an die Literatur zu kommen, die mir das oben erwähnte Werk über South Indian Classical Music von Ludwig Pesch auf eine Weise ergänzt, die mir bisher verschlossen war. Seit ich 1967 die karnatische Musik Südindiens durch Josef Kuckertz im Kölner Seminar kennenlernte, – ohne seine peniblen Transkriptionsübungen hätte ich die Schönheit einer Krti von Muttusvami Dikdhitar vielleicht nie bemerkt – , seit damals jedoch gab es in erster Linie nur dieses Interessengebiet in Südindien für mich. Hier jedoch erwartet mich offenbar das entscheidende Bindeglied zur „Realität“:

 Worum gehts? 

ZITAT Pressetext

T.M. Krishna, one of the foremost Karnatik vocalists today, begins his panoramic exploration of that tradition with a fundamental question: what is music? Taking nothing for granted and addressing diverse readers from Karnatik music’s rich spectrum and beyond it, Krishna provides a path-breaking overview of south Indian classical music. He advances provocative ideas about various aspects of its practice. Central to his thinking is the concept of ‚art music‘, the ability to achieve abstraction, as the foundational character of Karnatik music. In his explorations, he sights the visible connections and unappreciated intersections between this music form and others – Hindustani music, Bharatanatyam, fusion music and cine music – treading new, often contentious, ground.

(Fortsetzung folgt)

Höchste Zeit für Spielverderber

Daniel Kehlmann in „DIE ZEIT“

Solange das Großereignis in der Hand einer mafiösen Organisation ist, solange die Weltmeisterschaften in Ländern stattfinden, die diese mit Bestechung eingekauft haben, solange dort Stadien unter Bedingungen gebaut werden, die an Sklaverei gemahnen, solange in ihnen und um sie nationale Rechtsprechung, Redefreiheit und Freiheit des Handelns ausgesetzt sind und solange der Verein, der von alledem profitiert, fast keine Steuern an die Gesellschaft zurückgeben muss – sind nicht alle, die trotzdem zuschauen, Komplizen eines skandalösen Unrechts?

„Wir sind keine Quotenbringer, keine dummen Schafe, keine dumpfen Konsumenten“, schreiben Zeyringer und Trojanow. Ja, in einer vernünftigen Welt würde keiner unter solchen Bedingungen ins Stadion gehen. Politiker würden nicht nach Russland reisen und im Namen des Fußballs Putins Hand schütteln, während der Dissident Oleg Senzow in einem sibirischen Gefängnis dem Tod entgegenhungert, und kein Bürger daheim würde Übertragungen ansehen, bis die Fifa sich reformiert hat und Spiele nicht mehr unter unakzeptablen Bedingungen stattfinden.

Aber wir wissen alle, dass wir nicht in einer vernünftigen Welt leben. Und so wird alles bleiben wie bisher.

Quelle DIE ZEIT 14. Juni 2018 Seite 44 Sollen wir die WM boykottieren? Wer das Buch „Das wunde Leder“ von Stefan Gmünder und Klaus Zeyringer liest, kann kein Spiel der Fifa-Großveranstaltung mehr unbefangen schauen.  Von Daniel Kehlmann.

Das Buch bei Perlentaucher: hier.

Der Dissident Oleg Senzow im DLF: hier.

Das „Spiel der Zahlen“ in der FAZ: hier.

Der ZEIT-Artikel online (mit 70 Kommentaren): hier.

Lese-Probe aus dem Buch „Das wunde Leder“: hier.

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Ganz abgesehen davon –

ZITAT aus der ZDF Lanz-Sendung 20.Juni 2018 HIER  Dr.Uwe Westphal:

Alle sprechen vom Fußball. Aus meiner Sicht ist das alles ver-rückt. Ich will nur mal eine Zahl nennen: Zwischen 1998 und 2009, das sind 12 Jahre, haben wir in Deutschland knapp 13 Millionen – 12,7 Millionen genau – Vogel-Brutpaare verloren. In Europa insgesamt, in der EU, innerhalb von 30 Jahren 430 Millionen Vögel (Lanz: das ist unvorstellbar!) – das sind eigentlich die Themen, die uns interessieren müssten, weil… alles andere … ist interessant … also nur mal Fußball – wir unterhalten und über ein 0:1, weil nun mal komischerweise die deutsche Mannschaft  kein Tor geschossen hat, Mexico nur ein Tor geschossen – aber die DingE, die werden vollkommen unterschätzt, WIR SIND MITTENDRIN IM GRÖSSTEN ARTENSTERBEN SEIT ENDE DER DINOSAURIER; und schuld ist der Mensch! Wir sollen nicht so tun, als ginge uns das nichts an, das ist da draußen die Natur. Das ist ja das Problem, dass wir denken, da haben wir nichts mit zu tun… (Finde ich genau richtig etc.etc. Was müssen wir tun, um das zu ändern?)  Ja also ich beobachte ja seit einem halben Jahrhundert die Vogelwelt (weiter ab 1:04:00)

Nachtrag vor dem Endspiel 14.07.2018

Gianni Infantino kann sich auf seine Helferlein verlassen, ehemalige Spitzenfußballer, die mal sportliche Giganten waren, aber sich, was Weisheit angeht, als Wichtel entpuppt haben, so federleicht, dass Infantino sie wie Sternenstaub hinter sich herziehen kann. Bei Putin im Kreml war nicht nur der plappernde Matthäus dabei, auch Zvonimir aus Kroatien, Alexandra Scott aus England, Jorge Campos aus Mexiko, Peter Schmeichel aus Dänemark, und ein wesentlich älterer Mann, der sich womöglich vom WM-Turnier 1930 in Uruguay in die Gegenwart rübergerettet hat. Man sah es in den Nachrichten: Infantino war angetreten, Vorgänger Blatter zu widerlegen. Glück für jedermann ist möglich, jedenfalls bei der WM in Russland. Scheiß doch auf Krieg und Inhaftierte.

Der Fifa-Chef ist vielsprachig, die Bedeutung des schönen deutschen Begriffs „willfährig“ scheint er nicht zu kennen. Laut Duden: „Würdelos den Absichten anderer dienend“. Infantino suchte seine Begeisterung in Metaphern zu gießen und strandete dabei im medizinischen Bereich, es hörte sich geradezu ungesund an. „The virus of football has entered into the bodies of each and every russian citizen.“ Schließlich japste er: „Ich fühle mich wie ein Kind im Spielzeugladen.“ Die Szene erinnerte an die Kabinettssitzung von Donald Trump, bei der jeder erstmal sagen sollte und auch sagte, wie großartig Trump sei. Der Unterschied: Trump sah man die Genuftuung an, der Sabber der Selbstliebe lief ihm zu beiden Hosenbeinen raus. Putin schien die vorsätzliche Arschkriecherei seiner Gäste unangenehm zu sein.

Die Weltmeisterschaft geht zu Ende, ein Spektakel, das allerdings zu viele Unerträglichkeiten enthält, um als Zeitvertreib konsumierbar zu sein. Im Finale stehen die Franzosen und Šukers Kroaten. Aber gewonnen hat längst Putin, das Drehbuch hat sich am Ende selbst geschrieben. Und in der Nachspielzeit am Montag trifft Wladimir Putin sich mit Donald Trump, der für ihn kein Gegner ist.

Quelle Süddeutsche Zeitung 14./ 15. Juli 2018 Seite 3 Senk ju Präsident Vergesst das Finale, diese Fußball-Weltmeisterschaft hat nur einen Sieger: Wladimir Putin. Über das Turnier eines Autokraten und seiner infantilen Bewunderer aus dem internationalen Betrieb / Von Holger Gertz.

Randbemerkung JR zu „Šukers Kroaten“ (nach Wikipedia): „Während seiner Zeit bei Real Madrid hatte Šuker 1996 vor dem Grab von Ustascha-Führer Ante Pavelić posiert, einem beliebten Wallfahrtsort kroatischer Faschisten und sich anschließend ablichten lassen.“

Zeitsprung

Henning Venske

Kennengelernt haben wir uns vor über 40 Jahren. Jedenfalls bin ich sicher, dass er die Matinee mit der Gruppe Moin moderiert hat, 1976, (siehe hier). Für mich war es, glaube ich, das erste Konzert in der Reihe, für das ich nun allein verantwortlich war, bis dahin war ich freier Mitarbeiter des WDR gewesen, „fester Freier“, jetzt festangestellt. Venske begann mit der Erläuterung des  an der Nordsee allgegenwärtigen Friesengrußes „Moin“, lakonisch kurz und lustig. Seine Moderationen waren pointiert, unorthodox, unvergesslich. Die Ansage zu einem Heiduckenlied begann er folgendermaßen: „Heidschnucken heißen die schmucken Schafe in der Lüneburger Heide, sehr schmackhaft. Heiducken jedoch die Kämpfer in der ungarischen Puszta, sehr mannhaft“. Es war selten voraussagbar, wie er die Informationen verpackte, die er unglaublich schnell  aufnahm und mit einem Schuss jugendlichen Übermuts, ja, Mutwillens versah; er brachte einen neuen Ton in die Musikpräsentation. Witzig, aber nie flapsig. Wir wussten, dass er auch gerne für uns arbeitete, aber als ich es jetzt schwarz auf weiß las, nachdem ich ihn lange aus den Augen verloren hatte, war ich doch sehr gerührt. Ich muss den Text hier wiedergeben, stolz und dankbar.

Venske Cover 1979 1979

Venske Cover 2014

Venske 260 Venske 261

Es ist keine Retourkutsche, wenn ich hinzufüge, dass die Lektüre dieses Buches für mich von A bis Z ein großes Vergnügen ist, auch wenn von mir überhaupt nicht mehr die Rede ist (ja, natürlich nicht). Ein faszinierendes Leben „aus erster Hand“!

Konkreteres HIER. (Nebenbei: Dieser Hinweis bringt mir keinen persönlichen Gewinn, war mir allerdings auch wieder ein Vergnügen.)

Venske in Wikipedia HIER.

FREIHEIT!

Freiheit Arendt 1967 / 2017

Aus dem Nachwort von Thomas Meyer:

Hannah Arendts Idee, dass mit der Geburt eines jeden Menschen, eines jeden Gedankens ein ebenso kleiner wie radikaler, jedwede historische Erfahrung und jede Form des Pessimismus widerlegender Neuanfang gemacht ist, gehört zum Unerhörtesten, was die moderne Geschichte des Denkens zu bieten hat.

Thema Schweinebucht und Elend

Zwar wird das Scheitern der Invasion in der Schweinebucht oft mit falschen Informationen oder einem Versagen der Geheimdienste erklärt, doch tatsächlich liegen die Ursachen dafür tiefer. Der Fehler bestand darin, dass man nicht begriffen hat, was es bedeutet, wenn eine verarmte Bevölkerung in einem rückständigen Land, in dem die Korruption das Ausmaß völliger Verdorbenheit erreicht hat, plötzlich befreit wird, nicht von der Armut, sondern von der Undeutlichkeit und damit der Unbegreiflichkeit des eigenen Elends; was es bedeutet, wenn die Leute merken, dass zum ersten Mal offen über ihre Lage debattiert wird, und wenn sie eingeladen sind, sich an dieser Diskussion zu beteiligen; und was es heißt, wenn man sie in ihre Hauptstadt bringt, die sie zuvor nie gesehen haben, und ihnen sagt: Die Straßen, diese Gebäude, diese Plätze, das gehört alles euch, das ist euer Besitz und damit auch euer Stolz. Das – oder zumindest etwas Ähnliches – geschah zum ersten Mal während der Französischen Revolution. [Seite 10]

Amerikanische und Französische Revolution

Wenn die Männer der Amerikanischen und Französischen Revolution vor den Ereignissen, die ihr Leben bestimmten, ihre Überzeugungen prägten und sie schließlich entzweiten, etwas gemeinsam hatten, dann war es eine leidenschaftliche Sehnsucht danach, sich an den öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen, und eine nicht minder ausgeprägte Abneigung gegen die Heuchelei und Dummheit einer „guten Gesellschaft“ – hinzu kamen noch eine Rastlosigkeit und eine mehr oder weniger explizite Verachtung für die Belanglosigkeit bloß privater Angelegenheiten. Woher die ganz spezielle Mentalität rührte, hat John Adams ganz richtig erfasst, als er davon sprach, dass „die Revolution vollzogen war, bevor der Unabhängigkeitskrieg begonnen hatte“, aber nicht, weil ein besonders revolutionärer oder rebellischer Geist umging, sondern weil die Bewohner der Kolonien „durch das Gesetz in Körperschaften zusammengefasst waren, die politischer Natur waren“, insofern sie das Recht hatten, sich in den „town halls zu versammeln, um dort über öffentliche Angelegenheiten zu beraten“; denn „in diesen Versammlungen der Städte und der ländlichen Bezirke wurde die Denkungsart des Volkes ursprünglich geformt“. [Seite 18f]

Die Amerikanische Revolution hatte das Glück, nicht mit diesem Freiheitshindernis [Armut der Massen] konfrontiert zu sein, und verdankte ihren Erfolg zu einem Gutteil dem Fehlen verzweifelter Armut unter den Freien und der Unsichtbarkeit der Sklaven in den Kolonien der Neuen Welt. Natürlich gab es Armut und Elend in Amerika, die durchaus mit der Lage der „laboring poor“ in Europa vergleichbar waren. Mochte Amerika in der Tat „a good poor Man’s country“ sein, wie William Penn meinte, ein gutes Land für arme Männer, und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts für die Verarmten Europas der Traum vom Gelobten Land bleiben, so ist nicht weniger wahr, dass diese „Gutheit“ zu einem beträchtlichen Maß vom Elend der Schwarzen abhing. [Seite 24f]

Eine der wichtigsten Konsequenzen der Revolution in Frankreich war es, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte le peuple auf die Straßen brachte und sichtbar machte. Als das geschah, stellte sich heraus, dass nicht nur die Freiheit, sondern auch die Freiheit, frei zu sein, stets nur das Privileg einiger weniger gewesen war. Aus dem gleichen Grund jedoch blieb die Amerikanische Revolution weitgehend folgenlos für das historische Verständnis von Revolutionen, während die Französische Revolution, die krachend scheiterte, bis heute bestimmt, was wir als revolutionäre Tradition bezeichnen. [Seite 25f]

Der Zug der Frauen nach Versailles

Was die ursprüngliche Beziehung zwischen den Revolutionären und der breiten Masse der Armen, die von ihnen offen sichtbar gemacht wurden, angeht, so möchte ich Lord Actons interpretierende Beschreibung des Marsches der Frauen auf Versailles zitieren, der einen der entscheidenden Wendepunkte in der Französischen Revolution darstellte. Die Marschierenden, so Acton, „handelten spontan als Mütter, deren Kinder in Elendsquartieren Hungers starben, und damit liehen sie den Antrieben, welche sie weder teilten, noch auch nur verstanden, die diamantene Härte, der nichts widerstehen konnte“. Was le peuple, das gemeine Volk, wie man es in Frankreich verstand, in die Revolution einbrachte und was in Amerika völlig fehlte, war die Unwiderstehlichkeit einer Bewegung, die von menschlicher Macht nicht mehr zu kontrollieren war. Diese elementare Erfahrung der Unwiderstehlichkeit – so unwiderstehlich wie die Bewegung der Himmelskörper – erzeugte eine ganz neue Bildlichkeit, die wir heute fast automatisch assoziieren, wenn wir an revolutionäre Ereignisse denken. [Seite 29]

Hannah Arendts Werk „Über die Revolution“ (1963), bei Wikipedia zusammengefasst HIER. Man sieht in diesem langen Artikel auch, dass man selbst die scheinbar plausibelsten Erkenntnisse in Frage stellen kann (siehe Abschnitt Rezeption). Wobei man beobachten muss, auf wie hohem Niveau das geschieht. Für uns kann entscheidend sein, wer das in Gang gesetzt hat und als Initiator die entscheidende Rolle spielte. – Ich muss den Film noch einmal sehen. Meine Erinnerung meldet u.a. folgende Lappalie: damals wurde ungeheuer viel geraucht. Und: es ging vor allem um die Kontroverse in der Beurteilung des Bösen (Eichmann).

Hannah Arendt hier. Der Film hier.

Hannah Arendt DVD

Facebook im Visier

Aufklärung im TV 

Lanz Screenshot 2018-03-24 15.30.56 Markus Lanz und Ranga Yogeshwar (ZDF)

(Markus Lanz Ausgangsfrage:) 5:15 „Facebook – 50 Millionen Daten geklaut, was ist da passiert? Kannst du uns das so erklären, dass wir alle das verstehen?“

[Im folgenden stehen in runden Klammern immer Einwürfe, meist von M.Lanz]

RY [Ranga Yogeshwar] Wir wissen alle: es gab eine Wahl in den USA, Donald Trump ist Präsident geworden, und wenn man sich die Wahl genauer anschaut, merkt man, er ist sehr knapp Präsident geworden, da war keine große Mehrheit, in einigen Staaten, da gab es mehrere tausend Stimmen als Unterschied, und es wurde viel darüber spekuliert, war dieser Wahlkampf einer, bei dem Internet, ganz konkret die sozialen Netzwerke, eine wichtige und vielleicht größere Rolle gespielt haben, als der eine oder andere denkt. Nun klingt das für den Laien abstrakt, und er sagt, was soll Facebook mit einem Wahlkampf zu tun haben, aber: was bei jeder Wahl auch in den USA der Fall ist: es gibt die einen, die wählen fest die Demokraten, die andern die Republikaner, aber dann, und das war bei dieser Wahl auch besonders, gab es viele, die sich noch nicht entschieden hatten, und wenn man jetzt, und jetzt stellen wir uns einfach mal vor, wir wären sozusagen Wahlkämpfer, dann würden wir ja sagen, o.k., die die ohnehin die falsche Partei wählen, die brauchen wir gar nicht (muss man sich nicht drum kümmern), aber wenn wir die, die ein bisschen unentschlossen sind, möglicherweise zuerst einmal identifizieren und dann so mit Informationen füttern, dass sie möglicherweise anfangen, ihre Meinung wirklich zu ändern, können wir das Ding reißen. Und genau das ist passiert, und zwar in mehreren Stufen: die erste Stufe war, dass man dafür Daten braucht, und da kommt Facebook ins Spiel, weil Facebook natürlich erstens mal ein gigantisches soziales Netzwerk ist, zwei Milliarden Nutzer (ist unvorstellbar), also auch in den USA weit verbreitet, und anhand der Daten in Facebook und auch bestimmter Apps, die da sind, war man nun in der Lage, zu erst einmal genau auszuloten, wer, wie ist das Profil von dem einen oder dem andern. (Wer sind sozusagen die wankelmütigen Kandidaten?) Wer sind die Wankelmütigen, wofür interessieren die sich, womit kann ich die ködern? 7:18

(Was sind die Probleme dieser Leute. Wir gehen da gleich tiefer rein. Herr Schieb, wenn man das hört: 50 Millionen Profile, – ich habs immer noch nicht verstanden, wie haben die das gemacht, was haben die zusammengeführt, und was ist das, was da gestern rausgekommen ist? Ist ja im Grunde eine Explosion, die diese digitale Welt erschüttert hat, und von der man noch nicht so genau weiß, wann irgendwann die letzten Eruptionen wirklich zuende sind.)

Lanz Yogeshwar Screenshot 2018-03-24 15.32.07 Markus Lanz, Ranga Yogeshwar (ZDF)

JS [Jörg Schieb] Also erstmal ist es so, dass 2016 nicht das erst Mal war, dass soziale Netzwerke ne Rolle gespielt haben, (Obamas Wahlen ja auch schon!) da hat man ja ganz klar gesagt, das hat ne Rolle gespielt, die jungen Leute anzusprechen, aber nicht mit diesen Methoden (genau! Reden wir hier von Tricks? Reden wir hier von Manipulation? Wovon reden wir hier?) Ich würds nicht unbedingt als Manipulation bezeichnen, im Grunde ist das, was Cambridge Analytica gemacht hat, sehr konsequent das weiterzutreiben, was Facebook sowieso hat, als Geschäftskonzept. 8:10 Nämlich, denn das Geschäftskonzept von Facebook ist ja nicht, dass wir uns unterhalten oder Fotos austauschen, das ist quasi das Lockmittel. Das ist das, was wir gerne tun möchten, aber das dient letztlich nur dazu, dass Facebook möglichst viele Benutzer bekommt und die möglichst gut kennenlernt. Auch das hat natürlich einen Hintergrund, dieses Kennenlernen bedeutet: möglichst die Vorlieben kennen, die Orte kennen, wo man ins Restaurant geht, wo man eincheckt, welche Hotels man besucht, ob man Fahrrad fährt, Veganer ist und solche Geschichten. Warum? Nicht weil es so interessant wäre, sondern weil das die Möglichkeit bereitet, möglichst genaue Werbung zu päsentieren. Das nennt sich Targeting, in dieser Fachsprache, in der Onlinewerbung (Targeting Zielen, genau gerichtet) es gibt ja dieses Gießkannenprinzip Anzeige für Unterhosen sie spricht aber, sie spricht eigentlich nur Männer an, wenns Männerunterhosen sind, (von Frauen gesehen, genau, macht kein‘ Sinn) ist es verschenktes Geld 9:02 jetzt ganz genau hingehen zu können und nem Veganer ein veganes Restaurant empfehlen zu können, als plattes Beispiel, ist natürlich viel besser, man weiß, es ist ein Veganer und der wohnt möglicherweise in der Stadt, oder besucht die Stadt regelmäßig, wo es das Restaurant gibt, dafür bezahlt jemand, der Werbung schaltet, mehr Geld, weil es eben treffsicher ist, treffgenau ist, als für so ne lapidare Werbung, die jeder sehen kann. Und genau deswegen versucht Facebook Benutzer möglichst genau zu kennen und mehr über sie zu erfahren, als wir uns vorstellen können. Also man weiß mittlerweile, dass Facebook uns, jeden von uns, besser kennt als – na ja, Sie sowieso, als n Freund oder sogar die Familie. Also, das ist ganz definitiv (können Sie das mal so konkret machen?). Ja, zum Beispiel, was ich insgeheim mir wünsche, was ich für Träume habe, das lässt sich ableiten, nicht dadurch, dass ich plump so auf ne Webseite gehen, sagen wir mal ehmm Motorradfahrer, kuck mal diese Seite so regelmäßig an, das wäre einfach, dass man sich das merkt, das wird zwar auch registriert, aber durch die Tatsache, dass ich bestimmte Dinge like, also: mag, da reichen 6 – 7 Likes, die ich wahllos mache, um relativ präzise sagen zu können, wie ich ticke. Nicht weil ich schon so viele Informationen über mich preisgegeben habe, sondern genau deswegen, weil Facebook 2 Milliarden Menschen genau kennt und scannt, und die Gewohnheiten eben von 2 Milliarden Menschen schon kennt und das vergleichen kann. Also Big Data, dieses große Datenpoolprinzip, wird hier halt zur Spitze getrieben und wirklich komplett ausgenutzt. Also nicht ich verrate wirklich aktiv, was mich interessiert und was meine Neigung ist, sondern insgeheim, durch verschiedene Reaktionen lässt es Rückschlüsse zu, also letztlich weiß Facebook nicht 100prozentig genau, (aber Sie kriegen ein Gefühl dafür!), aber Sie kriegen ein Gefühl dafür, und diese Treffsicherheit ist enorm hoch (ist enorm hoch), und genau das wollte Cambridge Analytica ausnutzen (diese Firma Cambridge Analytica, ich lese die unterschiedlichsten Dinge darüber, lese darüber, dass ein eher rechts ausgerichteter amerikanischer Milliardär, Robert Mercer, dahintersteckt, als Financier, der 15 Millionen Dollars da investiert haben soll, ich höre, dass eine Firma dahinter, ein gewisser Steve Bannon eine entscheidende Rolle gespielt haben soll, sogar den Namen soll er sich für diese Firma ausgedacht haben, wer sind diese Leute, wer ist Cambridge Analytica?). 11:26

Schieb Screenshot 2018-03-24 15.33.13 Jörg Schieb (Screenshot ZDF)

RY Also es gab in den letzten Tagen … eigentlich sind die Recherchen hervorgekommen, was da wirklich los ist, die Kollegen in Grossbritannien vom Guardian, von New York Times, vom Channel Four, das war ne große – ich war gerade in London noch gestern – und die, das waren wirklich zwei große Sendungen zur Hauptsendezeit, (was haben die da gemacht?) die haben investigativ sehr genau gekuckt, was ist das für ein Unternehmen und haben Journalisten dahingeschickt mit versteckter Kamera und merken, wie diese Firma vorgegangen ist, es gibt daneben so einen, der ausgestiegen ist, der wirklich auch die Praktiken dargestellt hat, und wir fangen mal beim Namen an, Cambridge Analytica: wer in Cambridge, das ist die große Universität, Cambridge Oxford, und Steve Bannon, das war der Wahlkampf-Chef von Trump (das Mastermind sozusagen) jetzt muss man sich mal die Dreistigkeit vorstellen, diese Firma sitzt eigentlich in London, die mieten Büros in Cambridge, nehmen ihre Mitarbeiter und sagen: o.k. kommt, an dem Tag kommt Steve Bannon, und täuschen vor: das ist n ganz akademischer Verein. De facto dahinter ist es so, es ist eine Firma, die mit kriminellen Methoden versucht, Wahlkampf zu machen. Kriminell heißt, es wurden zum Teil Prostituierte eingeladen, also es gibt in dem Video, was man sieht, Szenen, wo man wirklich sagt: das kann nicht wahr sein, also wo man merkt … wie … ja, absurd Politik geht, Machtgewinn geht, indem Menschen bewusst vorgeführt werden, unter Druck gesetzt werden, wo ein System sich offenbart und in diesen Interviews gefilmt wurden, hört man, das ist nicht nur im Wahlkampf in den USA so, das passiert öfters, und das lässt jeden, der sich das anschaut, daran zweifeln, (das ist ja auch das, Herr Schieb, was die Leute so elektrisiert, ne? Dass man plötzlich das Gefühl hat, ah, Moment mal, eh, der Brexit zum Beispiel hat damit möglicherweise auch damit zu tun, dass die Firma, die sich damit ja auch teilweise brüstet. Diese Reporter, von denen du gerade sprachst, von Channel Four haben sich ausgegeben als Interessenten … Wahlkampf auf Sri Lanka … ein Geschäftsmann, der irgendwie Hilfe brauchte, wie kann man andere Leute unter Druck setzen, wie kann man sie manipulieren, schick da mal n paar Mädchen vorbei und dann werden wir den Rest erledigen usw. – diese 50 Millionen Datensätze, was hat es mit denen auf sich, wie kommen die daran, wie kommt Cambridge Analytica an diese Datensätze von Facebook? Wenn ich dort jetzt n Account habe, dann gehe ich doch davon aus, dass der geschützt ist und nicht hinten rum an Cambridge Analytica verkauft wird.) 14:20

JS Genau das ist der wichtige Punkt, den man auch in aller Deutlichkeit sagen muss, dass Facebook hier Massenverrat begangen hat nachgewiesenermaßen, aber es sowieso täglich tut, weil das Prinzip ist so gewesen. Cambridge Analytica hat keine direkte Verbindung mit Facebook gehabt, hat also die Daten nicht gekauft, das sowieso nicht, man kann jetzt keine Daten kaufen bei Facebook, das kann man nicht (das ist schon mal wichtig zu verstehen), das tun die nicht, aber wenn man eine App entwickelt, also eine Anwendung, die in dem Portfolio von Facebook läuft, auf dem Smartphone oder auf dem Desktop-Computer, also eine App, die in Facebook läuft, dann hat man das Privileg, auf bestimmte Daten zuzugreifen, die Facebook zur Verfügung stellen kann und auch zur Verfügung stellen möchte (kostet die was?), um die Anwendung sinnvoll zu machen, dass ich mich bequem einloggen kann, dass ich meinen Namen nicht wieder eingeben muss, dass ich auch sehen kann, mit wem bin ich denn befreundet, z.B. Freunde in ein Spiel zu ziehen, sehr häufig wird das gemacht (bezahlt man dafür dann? Oder wird einem das so zur Verfügung gestellt?), das wird einem so zur Verfügung gestellt, weil Facebook ja ein Interesse daran hat, möglichst jeden Bedarf abzudecken, egal ob verrückt oder nicht verrückt, Inhalte, Fotos, Videos, Spiele, alles wird da angeboten, und je länger die Menschen Zeit verbringen in Facebook, diese Präsenzzeit ist halt Geld wert. 15:32 Also die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendeine Werbung anschaut, also anklickt, wird dadurch deutlich erhöht. (Woran wir wieder merken, dass es nichts kostenlos gibt, denn alles hat n Preis, ne? Alles hat n Preis! Und immer dann, wenns kostenlos ist, besonders vorsichtig sein. Wie geht’s dann weiter? Wie kommen die jetzt wirklich an diese 50 Millionen, was machen die da mit diesen 50 Millionen Datensätzen?)

JS Also es gab eine Firma SCL [? hier ? nein hier !], oder es gibt eine Firma SCL, die hat eine App entwickelt, 2016 war das, nee 2015 schon, die nannte sich „This is your digital life“, war angeblich ein psychologisches Experiment, deswegen war Facebook etwas großzügiger bei der Herausgabe von Daten, da konnte man kucken, was bin ich den so fürn Typ, wo bin ich vernetzt, wo sind meine Freunde, also im Grunde genommen schon son kleinen Einblick in die Information, die auch Facebook über einen hat, und diese Daten von 270.000 Benutzern, die diese App offiziell benutzt haben, hatten die gleich im Sack sozusagen. Von den Benutzern gabs ne Freigabe, haben die Benutzer gesagt, die App benutze ich, und damit hat man zugestimmt, meistens ohne es zu wissen, wer liest sich das ehrlicherweise durch (genau!), dass die Daten von Facebook (du kommst an diesen Punkt, stimmen Sie den Nutzungsbedingungen zu, und ich sitze dann immer davor und denke, na gut, wenn ich jetzt nein sage, dann komm ich ja nicht mehr weiter, dann habe ich meinen Rechner umsonst gekauft) ja, man kann nicht bei Marc Zuckerberg anrufen und mit dem verhandeln und sagen: der Paragraph gefällt mir, der aber nicht. Das ist nicht besonders…, also friss oder stirb, das sind alles Mittel.. akzeptieren oder nicht, das macht auch schon das Missverhältnis deutlich, der gigantische Konzern und der kleine User. Also dieser App-Anbieter hat 270.000 Nutzer gehabt, diese Daten wurden alle schon mal eingesammelt, jetzt kommt der springende Punkt: Jeder einzelne Benutzer ist ja befreundet, das ist ja der Sinn und Zweck bei Facebook, im Schnitt 190 Freunde pro User, d.h. also etwa 200 mal 270.000, plopp sind wir bei 50 Millionen, die App hatte den Zugríff auf die Daten, dieselben Daten, die die registrierten Benutzer oder mehr oder weniger dieselben Daten wie die registrierten Benutzer und konnte von den Freunden die Information auch auslesen. Was ein psychologisches Experiment sein sollte, eine Praxis, die Facebook allerdings danach nicht eingestellt hat, aber stark beschnitten hat, das muss man fairerweise sagen. 17:40

RY Die Brisanz, die wir im Moment erleben, sind zwei Sachen, und ich glaube, dass wird der Lackmustest sein in den nächsten Wochen, ob Europa tatsächlich mündig ist, was das betrifft. Wir haben offensichtlich hier eine Spitze eines Eisbergs. Ich wage zu prognostizieren, dass wir noch viel mehr hören werden. Wir merken, es gibt große soziale Netzwerke, die einen immensen Einfluss haben und die damit auch Demokratien, die Art und Weise, wie wir kommunizieren, die Art und Weise, wie Bewusstsein entsteht, die Art und Weise, was wir glauben und nicht glauben, massiv beeinflussen. Und wir haben im Moment die Situation, dass z.B. Facebook Algorithmen verwendet, die niemand kennt. Ich persönlich glaube, wir müssten eine Offenlegung verlangen, also eine Art Rechenschaftspflicht, und ich würde persönlich so weit gehen zu sagen, vor dem Lichte und auch der Brisanz – weil man muss sich klar machen, die Konsequenzen auch für die Politik sind eine Entmündigung, wenn das so weiter geht (ist richtig!) , werden irgendwann Milliardäre bestimmen, wer sozusagen hier Politik macht. Also die Politik selber hat hier ein Interesse einzuschreiten, (ja, oder die machen die Politik selber!) ich würde sehr radikal, ich meine, das ist jetzt vielleicht – ich weiß, jetzt kommt n Shitstorm – aber ich würde sagen: in Deutschland oder Europa, man sollte wirklich mal die Pausentaste drücken und sagen: so! stopp! Wir stoppen Facebook, bis das aufgeklärt ist. Denn die Konsequenzen daraus, auch hierzulande, – überlegen wir – im letzten Jahr, ich mein, ich ging mit vielen Leuten in Berlin demonstrieren gegen Fake News, 11.000 Leute, weil wir inzwischen auch gemerkt haben, dass wir hier ein Riesenproblem haben (absolut!), dass Menschen irregeleitet werden, und ich glaube, an irgendeiner Stelle müssen wir so langsam mal aus diesen Wildwest-Methoden, die es mal gab, ein vernünftiges Prozedere machen. (Beifall) (Also ich fände es gut, sich mal klarzumachen, was das bedeutet. Ich hab neulich mal ne Untersuchung gelesen, die besagt, dass sich Fake News im Netz sechsmal schneller und besser duchsetzen als die Wahrheit.

JS Sechsmal schneller, und Sie erreichen zehn bis hundert mal so viele Menschen, das ist also ein gigantischer Effekt (warum ist das so?) – das haben Forscher untersucht, das liegt daran, dass Fake News, falsche Nachrichten, wie immer man das nennen möchte, emotionaler sind, sie haben einen Überraschungseffekt, das heißt, sie machen uns neugierig: wie stimmen zu, dann machen sie uns deswegen neugierig, oder wir lehnen sie ab, dann machen sie uns auch neugierig, das heißt: das ist ein menschlicher Reflex, das zu lesen, das zu kommentieren, das zu liken, oder zu widersprechen. Und jetzt kommen wir zu einem ganz ganz wichtigen Punkt: Die Tatsache, dass die Fake News so gut funktionieren, dass wir darauf ansprechen, ist der Effekt, ist sogar ein Turboeffekt für die Fake News: wir Menschen sorgen dafür, dass sie sich verbreiten, denn – Facebook sagt ja sogar, wir sollen Gegenargumente liefern, wir sollen gegenargumentieren, die Gegenrede, so nennen die das, um Fake News zu entlarven. Wenn wir das machen, belohnen wir aber die Fake News, weil die Algorithmen immer kucken, welche Texte, welche Fotos sind denn interessant, wo reagieren denn die Leute? Und die Algorithmen sind nicht schlau, die unterscheiden nicht zwischen einer intelligenten Auseinandersetzung oder einer Zustimmung, sondern die sehen nur: da ist Action, da ist was los, da geh ich doch hin, ich zeig das jetzt noch mehr Leuten, 21:14 weil das scheint ja interessant zu sein. Und das ist der Turboeffelt, wir haben die Blase, diesen Algorithmus, der saudämlich ist, der dafür sorgt, dass Dummheiten, Verrücktheiten und Lügen sich um so schneller verbreiten, und alles Wahre, leise Formulierte, was stimmt, geht unter. Und das ist genau das Gefährliche an den … sogenannten sozialen Netzwerken, weswegen ich auch sage, es sind asoziale Netzwerke, weil sie das Falsche belohnen (Beifall) weil sie das Falsche belohnen und das Richtige und Wahre (Beifall bleibt)…

Brinkbäumer Schieb Screenshot 2018-03-24 15.32.59 Klaus Brinkbäumer und Jörg Schieb (ZDF)

Klaus Brinkbäumer Es gibt ein wirklich eindruckvolles Beispiel aus den USA aus dem Wahlkampf von Breitbart. Haben wir alle schon gehört, Breitbart ist die extrem rechte Nachrichtenseite, wenn man es denn Nachrichtenseite nennen möchte, bei der (ideologische Plattform der Rechten!) Stephen Bannon auch beteiligt ist, derselbe Bannon, Trumps Wahlkampf Mastermind, von dem wir grade schon gesprochen haben. Breitbart hatte zu Beginn des amerikanischen Wahlkampfes 100.000 wir nennen es Follower, Fans, Leute, die die Seite also regelmäßig zu sehen bekamen, am Ende waren es über anderthalb Millionen, die alles weitergeleitet haben, das wichtige sind die Sharing-Funktionen, noch wichtiger als die Likes, (Teilen!) weil das dadurch geteilt wird, und dann gab es schlichte Erfindungen, also Pizzagate z.B. war eine Erfindung, also kein Wort stimmte, dass Hillary Clinton in einen pädophilen Ring involviert gewesen sei, ja, es gab kein Indiz, schon gar keinen Beweis, es war schlicht eine Erfindung (die Geschichte war im Keller einer Pizzeria … sollte das vonstatten gehen … missbrauchen böse Menschen arme kleine Kinder) – und diese Geschichte bekam mehr Aufmerksamkeit, wurde mehr geteilt als die ernsthaftesten, fundiertesten Enthüllung der New York Times. Plötzlich war Breitbart auf dem Niveau der New York Times durch genau diese Methoden, über die wir gerade gesprochen haben. Und wenn wir dann verstehen, dass es am Ende um genau 70.000 Stimmen ging, in drei Bundesstaaten, dann kann man die Frage gar nicht mehr verneinen, ob das eine Rolle gespielt habe (ist richtig!) (Schieb: War im deutschen Wahlkampf übrigens genauso. 23:25 LANZ: Wollte ich gerade sagen, wenn man AfD und Flüchtlingskrise gegoogel hat, haben Leute dafür gesorgt, dass Angela Merkel auftauchte beispielsweise. SCHIEB: Ich glaube acht der zehn am weitesten verbreiteten Nachrichten mit Angela Merkel waren nachweislich Fake News, acht von zehn, also, das ist ja mehr als deprimierend, das ist ja beängstigend, und das macht das Ausmaß deutlich, also dieses…. Cambridge Analytica ist im Grunde genommen nur eine Blaupause, die uns mal zeigt, welche Wirkung das alles hat (ein Brennglas im Grunde) . Ich glaube, die Spitze des Eisbergs auch deswegen, denn es wird noch tausend Fälle geben, von denen wir gar nichts wissen (so, und in dem Zusammenhang nochmal: wichtig zu erwähnen, es betrifft nicht nur Facebook, es ist das Geschäft der Datenriesen aus dem Silicon Valley. Und Cambridge ist nur einer davon. Ranga, du wolltest da noch was…)

RY Was bei dieser Thematik die große Schwierigkeit ist, – ich weiß nicht, ob ihr mir zustimmt -, ist: Am Anfang hört sich das furchbar abstrakt an, – ich kann mir vorstellen, jetzt sitzt zuhaus einer und sagt: ach, was soll Facebook…, was soll das? Und ich glaube, da ist es total wichtig zu verstehen, dass wir hier im Grunde genommen… wir erleben eine Veränderung der Medien, wir erleben eine Veränderung der Kommunikation in einer Gesellschaft. Und sich klarzumachen, dass im Moment die Kriterien nicht mehr die sind …  nämlich: wir kucken, dass Medien möglichst nah an der Wahrheit sind, dass – wenn sie etwas behaupten, dass man sie auch belangen kann, es gibt Presserecht usw., Medien sind etwas ganz Besonderes in einem Land, und was wir jetzt erleben, ist so, dass wir kommerzielle Interessen haben, wo wir möglichst viel Aufmerksamkeit erregen wollen, wo wir Klick-Rates haben, Teilung usw. um kommerziell etwas zu machen, und dass wir damit anfange, das Wichtigste, was eine Gesellschaft hat, nämlich die Kommunikationsstruktur, zu vernebeln. Und ich glaube, wir sind jetzt so an einem Punkt, wo ich wirklich erwarte eigentlich, – und das kann nicht der einzelne User sein -, wo auch die Politik aktiv sagen muss, JETZT REICHT’S!  Ich finde einfach, dies Thema ist unendlich wichtig, nicht weil es irgend so ein Insiderthema ist, – wir haben gesehen: Wahlen werden entschieden damit – (reden wir gleich noch ausführlich darüber, wollte nur kurz fragen: Bülent, bis du Facebook … eh ..)   25:50

Quelle dieser Abschrift (ohne Gewähr JR): ZDF-Sendung Markus Lanz vom 21. März 2018 / Zu Gast waren Moderator Ranga Yogeshwar RY, Internetexperte Jörg Schieb JS, Journalist Klaus Brinkbäumer etc. / Abzurufen bis 21.04.2018 HIER.

Wikipedia Jörg Schieb – Wikipedia Ranga Yogeshwar – Wikipedia Klaus Brinkbäumer

Bemerkung am Rande: Das fabelhafte Buch von Klaus Brinkbäumer – die Unterhaltung mit ihm ist in derselben Lanz-Sendung zu hören – habe ich mir direkt am nächsten Tag besorgt, nicht bei Amazon (auf diesem Weg habe ich mir nur den „Kampf der Tertia“ antiquarisch besorgt), sondern in der Buchhandlung meines Vertrauens (Jahn, Nähe Hbf.Solingen). Mein Scanner bewältigt das Format nicht, aber es bringt doch Farbe auf diese Seite:

Brinkbäumer Link zum Fischer-Verlag HIER.

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FORTSETZUNG FOLGT 2 Tage später ZDF HEUTE JOURNAL 25.03.2018 ab ca. 21:55 HIER 

ZDF Slomka Screenshot 2018-03-25 23.35.57

(Marietta Slomka:)

(6:52) Die Ermittler kamen am Abend , und sie blieben lange. Die britische Datenschutzbehörde ließ letzte Nacht stundenlang den Firmensitz von Cambridge Analytica durchsuchen, je nach Datenfirma, die mit ihren Wänlermanipulationen prahlt. Auch der Facebookkonzern soll weiter unter Druck gesetzt werden. Von der EU-Kommission in Brüssel, aber auch von einzelnen EU-Mitgliedern. Die deutsche Justizministerin wird sich morgen mit Vertretern des Konzerns treffen. Die Frage ist nur, was fff???… Die Frage ist nur, was das bringen kann. Solange das Geschäftsmodell von Facebook auf Big Data beruht und solange Millionen Menschen das nicht zum Anlass nehmen, ihre eigene digitale Sorglosigkeit in Frage zu stellen. Das genau könnte gesche…dass das genau geschehen könnte, dürfte Facebooks größte Sorge sein. Dominik Rzepka berichtet:

Wie sehr Facebook unter Druck steht, erkennt man in diesen Tagen daran, was nicht gesagt wird.

„Hat dieser aktuelle Skandal für Facebook das Zeug dazu, für Facebook existenzbedrohend zu sein?“

(Semjon Rens:)

„Ich glaube, klar isist, dass wir als Unternehmen ne ganz klare Verantwortung dafür haben, für die Daten unserer Nutzer und für die Information unserer Nutzer, die sie auf unserer Plattform teilen.“

„Also keine Bedrohung für Sie?“

„Also letzendlich ist es genau das, was ich gesagt habe, es ist ähmm… (Lächeln) für uns … ähmmm (noch 1 Mundbewegung ohne Ton, Lächeln) …“

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Facebook wankt. In den vergangenen Tage hat der Konzern 50 Milliarden Euro an Wert verloren. In britischen Tageszeitungen entschuldigt sich Facebook heute für den Skandal. Und doch ist seine Macht ungebrochen, jeder vierte Mensch dieser Erde ist bei Facebook. Den Konzern zu regulieren, dabei stoßen nationale Parlamente an ihre Grenzen.

(Dieter Janecek B’90/Bündnis GRÜNE Bundestagsausschuss Digitale Agenda:)

„Die machen dann, was sie wollen, und das ist die Haltung, die Facebook hat: Die führen sich auf wie ein eigener Staat auf der Welt, und das sind sie vom Umsatz her ja auch, sie sind mächtig, und das lassen sie die Politik spüren.“

Das Europäische Parlament versucht seit längerem, Facebook etwas entgegenzusetzen, ab Mai gelten neue Regeln zum Datenschutz, Bußgelder von 4% des Jahresumsatzes sind möglich. Bei Facebook wären das 1,5 Milliarden Euro; doch selbst die zuständige Kommissarin räumt ein: Facebook bringt auch die EU an die Grenzen der politischen Handlungsfähigkeit.

(Vera Jurova:)

„Es gibt keine Wundergesetze, die Bürger zu 100% schützen. Das ist vielleicht etwas frustrierend, weil die Menschen erwarten, dass wir ihnen mehr Sicherheit geben, aber Politiker haben das inzwischen nicht mehr voll und ganz in ihrer Hand.“

Es geht inzwischen um nicht mehr oder weniger als die Frage: wer hat die Macht? Wirtschaft oder Politik, Parlamente oder ein digitaler Weltkonzern wie Facebook. (9:38)

(Katarina Barley:)

Der Staat hat – und in diesem Falle auch die Europäische Union – setzen die Regeln, an die sich diese Unternehmen halten müssen, und wir haben an vielen Stellen auch schon bewiesen, dass wir auch große Unternehmen am Ende als Rechtsstaat auch belangen können. Grade Facebook hat im vergangenen Jahr von Seiten der Kartellbehörden auf europäischer Ebene eine hohe Strafe zahlen müssen…

Morgen trifft sich Katarina Barley mit europäischen Vertretern von Facebook. Ihr geht es um die Aufklärung des Skandals und um ein politisches Zeichen, das Zeichen auch in der digitalen Welt noch handlungsfähig zu sein. (10:12)

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Nachtrag 5. April Es geht natürlich weiter: Beispiel Handelsblatt

Monatelang machte Facebook mit Fake News auf sich aufmerksam. Doch nun hat sich der einst bewunderte, inzwischen nur noch wundersame Internetkonzern auf eine andere Gattung verlegt: auf Fatal News in eigener Sache. Mark Zuckerberg musste eingestehen, dass vom Datenmissbrauch-Skandal rund um Cambridge Analytica 87 Millionen Nutzer betroffen sind, nicht wie bisher angenommen 50 Millionen. Was die Geschichte noch schlimmer macht: Facebook räumt zugleich ein, dass die Daten fast jedes Nutzers in der Vergangenheit durch Drittparteien geplündert worden sein könnten. Anlässlich der Beichte beschrieb Zuckerberg seine Firma erneut im Stile eines Gemeindepfarrers als „idealistisch“ und „optimistisch“, man habe sich Missbrauch schlicht nicht vorstellen können. Selig sind die Einfältigen, lautet der passende Kirchensatz hierzu.
(Hans-Jürgen Jakobs im „Morning Briefing“ des Handelsblattes)

Musik in politischen Visionen

Neues für meine Sammlung

Ich glaube, es war in den 80er Jahren, als ich mal begonnen habe, alle Fotos, Verse und Karikaturen zu sammeln, in denen Geigenspieler oder Geigen eine Rolle spielten. Es durfte auch eine Viola sein, zumal in der Wendezeit, als durch den ehemaligen Bratschisten Lothar de Maizière reiche Ernte winkte. Mich interessierten in anderem Zusammenhang aber auch Sujets, auf denen zu erkennen war, dass die musizierenden Menschen gar keine Ahnung hatten von den Instrumenten, die sie in Händen hielten. Besonders attraktive Beispiele gab es aus der Modebranche, etwa die in ahnungslosen Händen einer Ohrschmuckträgerin. Ich habe das Sammeln aufgegeben, erst als ich jetzt eine Geige im Handelsblatt sah, war ich wieder fokussiert. Es wird um die Stradivari-Preise gehen, – so mein erster Gedanke. Es ging jedoch wieder einmal um die Redensart, wer denn „die erste Geige spielt“, – fast so beliebt wie die Wendung, wer wohl „die Kuh vom Eis holen“ wird.

Geigenspiel in Politik

Die Kanzlerin besitzt also nur eine erste Geige, vielleicht die ihrer frühen Kindheit, aber ein anderer darf darauf ein Werk interpretieren, das allerdings von ihr dirigiert wird. Ob es ihr bekannt ist, steht nicht zur Debatte.

Und während alle Welt selbstkomponierte Lieder singt, bewegt der Finanzminister nur die Lippen zu einer Melodie, die von anderen geschaffen wurde, vielleicht sogar mit Text. Für die bloße Melodie würde allerdings ein halbgeöffneter Mund genügen, ohne Lippeneinsatz. – Der Schöpfer dieser visionären Bilderwelt ist der Herausgeber des Handelsblattes selbst, Gabor Steingart („Morning Briefing“ 19.12.2017).

Willkommener Anlass für einen Blick in meine Geigen-Sammlung:

Mode Geige Ohrenschmuck

Der Bogen als Säge

Maizière Säge 1 Peter Muzeniek SZ 24.Juli 1990

Maizière Säge 2Gabor Benedek  „Eulenspiegel“ Nr.19/1990

Vielarmiger indischer Geigengott

Doppel Geiger (Foto: „Selbstauslöser“ 1974)

(Reinhard Goebel, der 1990 tatsächlich von der einen Seite auf die andere umsattelte.)

Zugabe 21.12.2017

Soeben wurde mir bekannt, dass Reinhard Goebel in seiner Funktion als Dirigent eines vielköpfigen Ensembles an meinem Geburtstag ein Telemann-Konzert in Berlin geleitet hat. Da ich zu dieser Zeit auf der holländischen Insel Texel weilte, konnte ich nicht eruieren, ob es mir gewidmet war oder vielmehr dem Komponisten zum 250. Todesjahr. Es klingt auf jeden Fall so lebendig, als gehöre es in unsere Zeit!

China und wir

Einige Beispiele zum Thema Vertrauen

Zitat aus dem Spiegel 48/2017

In der Geschichte der Menschheit hat es einen derart rasanten Aufstieg – eher ist es eine Rückkehr – wie den chinesischen der vergangenen 30 Jahre noch nicht gegeben. Längst finanziert China andere Staaten, ohne Fragen nach Demokratie und Menschenrechten zu stellen: Der alte „Washington Consensus“ wird durch den „Peking Consensus“ ersetzt. Das chinesische Modell fasziniert Nachahmer, weil die Partei so geschlossen entschlossen wirkt und die chinesische Gesellschaft so jugendlich, beweglich, Start-up-gierig. Die westlichen Gesellschaften altern; viele Bürger sehen, dass ihre Löhne nicht mehr steigen, dass Bildung, Wohnraum und Gesundheit unerschwinglich werden, dass die alte Lehre, ein steigendes Bruttoinlandsprodukt bedeute Wohlstand für alle, nicht mehr stimmt.

Die These, unsere Demokratie sei ein Endpunkt der Entwicklung, war größenwahnsinnig: Solange es etwas zu verteilen gibt, hat es jedes System leicht. Seit elf Jahren hat die Freiheit weltweit abgenommen. Von 195 Staaten sind nur noch 87 frei, 59 teilweise frei, 49 sind unfrei. Die Türkei und Russland haben sich aus dem Kreis der Demokratien verabschiedet, Polen und Ungarn scheinen zu folgen, die USA schlingern. Darum sollte allen in Berlin, nicht nur der FDP langsam klar werden, worum es geht.

Quelle DER SPIEGEL 23.11.2017 Seite 8 Leitartikel Ein Beben im Zentrum Europas Die Berliner Regierungskrise und der Siegeszug der Autokraten. Von Klaus Brinkbäumer

*   *  *

REDEBEITRAG in einer Talkshow (Wörtliche Niederschrift 1.12.2017 JR)

„CHINA – dieses Land ist instabiler als ihr denkt!“ (Jan-Philipp Sendker)

Davon bin ich überzeugt. Wir müssen keine Angst vor China haben, wir müssen erstmal Angst um China haben. Ich bereise das Land seit ’95, zunächst als Asienkorrespondent des STERN, jetzt aber schon seit über 10 Jahren als Romanschriftsteller. Ich hab eine Trilogie geschrieben, drei Romane, die in China spielen, und bin jedes Jahr zwei, dreimal dagewesen, um für die Bücher zu recherchieren, und natürlich ist es unglaublich überwältigend, wenn Sie da sind Das erste Mal, als ich da war, da gab es kaum Hochhäuser, da fuhren die Leute alle mit dem Fahrrad, die Züge waren langsam und unbequem, heute ist China der größte Automarkt der Welt, es hat die meisten Hochhäuser, (VW macht die Hälfte seines Gewinns in China!) es ist so mächtig geworden, wenn es dort Probleme gibt, dann merken wir das hier auch. Darum müssen wir Angst um China haben, denn wenn es da zur Krise kommt, – und ich bin überzeugt, da kommt es zur Krise -, dann merken wir das hier ganz deutlich. (Warum kommt es dort zu einer Krise?) Ich glaube … wie gesagt, immer wenn ich hinfahre, die ersten zweidrei Tage bin ich überwältigt, weil wieder neue Hochhäuser, wieder neue Flughäfen, unglaublich, was die da schaffen, (die schaffen es wenigstens, so etwas fertig zu kriegen, n Flughafen) also: Und dann rede ich mit Menschen, ich bin ja , ich bin ein Geschichtensammler, ich reise durch das Land mit ner Freundin und nem Freund, und wir treffen Menschen und wir reden, ich höre zu, ich kucke hin, ich erzähle eine kleine Geschichte, die glaube ich sehr viel illustriert 42:33:

Wir hatten auf der letzten Reise … , da habe ich meinen letzten Roman „Am andern Ende der Nacht“ habe ich recherchiert, war drei Wochen unterwegs und wir trafen einen Freund meiner Freundin, wir saßen beim sehr teuren Franzosen, und die Flasche Wein, das ging bei tausend Dollars los. Der bestellte gleich eine, die war so lecker, dass wir dann gleich noch eine getrunken haben, und ein Herr Mitte sechzig, unglaublich freundlich, jovial, und der erzählte mir seine Geschichte, die gar nicht so untypisch war für das heutige China, der hatte vor über 40 Jahren aufm Bau angefangen, als Bauarbeiter, das boomte, es wurde gebaut und gebaut, heute, 40 Jahre später, besitzt er Einkaufszentren, besitzt er Hochhäuser, Hunderte von Eigentumswohnungen, ich weiß nicht, der hatte bestimmt 60, 70, 80 Millionen, das erzählte er, und auch voller Stolz, das war sehr beeindruckend natürlich, und irgendwann, mitten im Gespräch, fragt er mich, ob ich ihm einen Gefallen tun könnte. Ja selbstverständlich, du bist so nett hier, du lädst uns ein, du erzählst, womit kann ich dir behilflich sein? Ja, könntest du mir helfen, nach Deutschland auszuwandern? Was?! Er sagte: ich habe ein großes Problem. Ich bin 65, meine Frau auch, und wir haben ein behindertes Kind, das ist dreißig, ein Sohn, und der ist Autist. Er lebt bei ihnen, sie kümmern sich um ihn; er sagt, er weiß nicht, was mit diesem Kind passieren soll, wenn wir mal nicht mehr da sind. Ich sage: Gibt’s hier keine Heime? Ja, natürlich gibt’s hier Heime, aber keins, wo du dein Kind hingeben kannst. Sagt ich: Ja, du hast viel Geld, was ist mit privater Pflege? Ja, ich könnte meinem Kind 10 Menschen rund um die Uhr, jeden Tag bis an sein Lebensende, in einem kleinen Palast mit goldenen Wasserhähnen, – ich hab aber keinen Menschen, dem ich vertrauen kann. Dass die nichts mit dem Jungen machen, wenn wir nicht mehr da sind. Hat er keine Geschwister, frag ich. Ne, hat er nicht, aber weißt du, aber wenn er welche hätte, denen könt ich auch nicht vertrauen. Wer weiß, in welche Familien die reinheiraten, und was die dann machen. Und er hatte gehört, dass in Deutschland, Schweiz und Neuseeland, das waren die drei Länder, hatte er gehört, denen könne man vertrauen, da könne man sein Kind in eine Institution geben, man weiß, man stirbt vorher, und das Kind wird dann nicht umgebracht wegen des Geldes. Da dacht ich, das ist ja unglaublich, dieser Mann hat soviel Geld und findet in diesem großen Land kein Heim, keinen Menschen, dem er sein Kind anvertrauen kann. (Das heißt, Sie reden über fehlendes Vertrauen, darum geht’s, was ja ein wichtiger Kitt in der Gesellschaft ist…) Ich glaube, ein ganz, ganz wichtiger Kitt. Kein Vertrauen und eine ständige Angst (Zusammenhalt auch) Zusammenhalt! Ich war jetzt in Venedig grad, mit meiner Frau und meiner Tochter, wir drängelten und überholten ständig diese teuren Wassertaxis, da waren lauter Chinesen da drin. Alles, mit diesen teuren Handtäschchen, da ist unglaublich viel Geld mittlerweile, das sieht beeindruckend aus, wieder, und da musst ich an ein Abendessen denken bei einer Recherche, da saß ich mit 10 Chinesen so Mitte fuffzich zusammen, alle kamen in diesen teuren Luxuslimousinen vorgefahren, alle hatten wirklich – ich will gar keine Markennamen nennen – also es war ganz viel Geld im Raum. Und die waren selbstbewusst, die waren in London gewesen, in Paris gewesen, und ich dachte, das ist das moderne China, wie sie sich gerne präsentieren. Und dann habe ich meinen Freund, der das Ganze für mich organisiert hat, das ging mir so durch den Kopf: Sag mal, ihr seid alle so selbstbewusst, ihr seid sehr reich, aber wenn die Regierung es will, dann kann sie euch über Nacht alles wegnehmen, und ihr könnt nichts dagegen tun, ja? Stimmt das jetzt oder übertreib ich? Ne, sagt der, das stimmt!

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Was das für ein Lebensgefühl sein muss: eigentlich immer Angst haben zu müssen. (Hm, Vertrauen, ja! Sie haben auch mal angerissen die Geschichte eines Mannes, der – und da geht’s ja auch um Vertrauen – der letzten Endes seinen eigenen Vater verraten hat. Was ist das für eine Geschichte?)

Ja, das ist eigentlich, nach unsern Maßstäben, würd ich sagen, ein Großteil Chinas ist ein traumatisiertes Land. Also, was haben die in den letzten 60 Jahren miterlebt, an Revolution, Konterrevolution, an politischen Verfolgungen, die ??revolution (furchtbar!), und das ist auch so eine geschicht. Das ist ein Mann, den habe ich kenngelernt, wir fingen uns so an anzufreunden, n bisschen älter als ich, und da habe ich gedacht: das wäre der Botschafter des modernen Chinas. Der war erfolgreich, Rechtsanwalt, der war in der Welt umhergereist, kannte klassische Musik, schätzte er, wusste, was n guter Bordeaux-Wein ist, also – kultiviert, unglaublich! Und dann saßen wir mal zusammen in seiner Kanzlei, in Shanghai, er hatte über dreißig Angestellte, und mein Vater war grad gestorben, ich erzählte von meinem Vater, und plötzlich war dieser große Mann ganz still, und ihm rannen die Tränen über die Wangen. Ich sagte, was ist los? Habe ich was Falsches gesagt oder war…, da sagte er: Mein Vater ist auch tot. Ist er grad gestorben? Mein Beileid. Nee, sagt er, der ist schon lange tot, er ist ermordet worden während der Kulturrevolution von den roten Garden. Weil er heimlich Konfuzius gelesen hat. Aber woher wussten die roten Garden, dass dieser Mann heimlich zuhaus Konfuzius liest? Erzählt mir mein Freund, der Rechtsanwalt: Von mir! Ich war selber Rotgardist, ich hab zu ihnen gesagt – ich war dabei, als sie kamen – ihn abgeholt haben und vor dem Haus auf der Straße totgeprügelt haben. Und das Schlimmste, erzählte er, damals hab ich gedacht: es geschieht ihm recht!

Und mit dieser Scham zu leben – er hat gesagt: du siehst mich hier, erfolgreich, und du würdest nie glauben, es gibt Tage, da bleib ich im Bett, weil ich mich vor lauter Scham nicht aus dem Haus traue. Ich kann meinen eigenen Anblick nicht ertragen. Und das ist so… das erzählt so viel über eine Gesellschaft (absolut!). Das ist natürlich – das muss man dazusagen, das ist jetzt nicht… ähnliche Geschichten hat es hier in Deutschland vor 80 Jahren gegeben, da hat’s auch die Kinder gegeben, die erzählt haben, was der Papa über den großen Führer erzählt hat, und das Ende wissen wir. Aber der Umgang damit! Da darf eben nicht darüber diskutiert werden. 48:24 Da gibt’s keine Talkshow, wo jemand sagte: Ich habe diesen Mann getötet, es tut mir unendlich leid, ich schäme mich dafür! Das ist da alles tabuisiert. Und das macht das so gefährlich. (Und das wird ja restriktiver, nach allem, was ich lese und höre…Man hat von außen das Gefühl, da öffnet sich grade was, die sind unterwegs, man trifft sie in allen Teilen der Welt usw. und ist nicht so wild, und interessanterweise – das fällt mir auch immer auf in der deutschen Außenpolitik – wir entdecken bei Erdogan immer die Menschenrechte, aber in China kucken wir großzügig über viel hinweg. Das passt alles nicht so zusammen, aber das nur am Rande. Und es scheint offenbar immer restriktiver zu werden, weil dort ein Regime ist, das Angst hat vor dem eigenen Volk…?) Natürlich! Sie vertrauen ihren Leuten nicht, und die Menschen vertrauen ihrem Regime nicht. Nein, das ist ja kein Zeichen von Stärke, wenn du anfängst, einen Menschen immer mehr zu überwachen, immer restriktiver zu werden. (Baum: Sie haben ein ganz wichtiges Wort gesagt: Angst müssen wir haben – UM China. Was können wir tun?) Auf jeden Fall müssen wir ganz selbstbewusst unsere Werte verteidigen, weil dafür respektieren sie uns. Dafür beneiden … wie oft ist mir gesagt worden, wie ich beneidet werden kann, dass ich in einem Land lebe, in dem ich keine Angst haben muss. Wo man der Polizei, der Justiz, der Presse vertrauen kann, auch wenn sie Fehler machen, natürlich, aber das sind keine Systemfehler, es sind individuelle Fehler. Vertrauen, das ist mir da erst bewusst geworden, was für ein Privileg das eigentlich ist. Und das versuche ich natürlich, gerade weil wir so wenig über China wissen, versuche ich das natürlich in die Geschichten, die ich sammle, versuche ich in die Romane einzubauen, damit wir da etwas lernen… (Allerletzte politische Frage noch zu China: wie schaut man von China aus auf Donald Trump? Ich hab Kommentare gelesen beim letzten Besuch, da wurden ja unglaubliche Milliarden-Deals besprochen und auch abgeschlossen, und in einem Punkt schrieb dann jemand: In Wahrheit verachten sie ihn.)

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Also ich denke, sie verachten ihn, und sie können natürlich ihr Glück gar nicht fassen, der serviert ihnen ja Asien auf dem Silbertablett, das ist, die müssen ja aus dem Champagnertrinken gar nicht rauskommen! (Also sozusagen die Abkehr dieser pazifischen ??? der mal sagte, unsere Zukunft liegt im Pazific und nicht unbedingt so sehr in Europa / Baum: Aber vielleicht sollten wir fragen: wie sehen sie uns denn? Als Europäer oder als Deutsche?) Also wir werden – was ich erlebt habe – unglaublich respektiert, bewundert als natürlich die Führungsmacht, und die wissen so viel über uns, das war toll, also ich hab mit Chinesen gesprochen, die wussten das Geburtsdatum von Franz Beckenbauer auswendig, und manche konnten Teile unserer Nationalhymne vorsingen, (sprechen Sie Mandarin?) also ich spreche, aber nicht so, dass ich diese Interviews, die unglaublich komplex sind, alleine – deshalb reise ich immer mit chinesischen Freunden, die das übersetzen, aber die mir auch die Kultur übersetzen, weil es manchmal Antworten gibt, die … wo ich denke: wie kann man auf die Frage solche Antworten verstehe ich gar nicht, den kulturellen Hintergrund, die verstehn den, und der wird mir dann erklärt. (Also mein Eindruck ist also in China, die haben einen gewissen Respekt vor uns…) Absolut. (Das ist natürlich auch eine Möglichkeit auch der Einflussnahme, nicht? / Klar!) Ja, die Einflussnahme, und da geht es natürlich über das Geld. Da müssen wir vorsichtig sein, glaube ich. (deswegen .. dem großen Bellheim, den kaufe ich mir einfach mit meinem Geld. Um es mal freundlich zu formulieren. Burma ist so’n Herzensthema von Ihnen, Sie haben gerade so ein grandioses schönes Buch gemacht: „Das Geheimnis des alten Mönchs. Märchen und Fabeln aus Burma.“ Wieso haben es Ihnen diese Fabelmärchen so angetan, und was ist der Unterschied zu dem, was wir von Grimms Märchen so kennen? 52:01)

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BURMA

Also ich fahr auch nach Burma seit 1995, und das hat mich so berührt, bewegt, das Land, die Menschen dort, dass zwei meiner Romane dort spielen, Herzenhören und Herzenstimmen, und während der Recherchen zu meinen Büchern wurden mir soviel Geschichten erzählt, Fabeln, Parabeln, ich hab die immer fleißig aufgeschrieben, dann habe ich eben gedacht, vielleicht kann ich sie für einen meiner Romane verwenden, eins kam dann auch vor, ich hab zwei Notizbücher voll mit solchen Geschichten gehabt. Und dann hat mich im letzten Jahr so eine amerikanische Autorin angesprochen 52:29 , die auch so viel Geschichten hat, ob wir nicht ein Buch daraus machen sollen, dann hab ich meinen Sohn angerufen, der lebte damals in Burma, weil er da mal als Freiwilliger Englisch unterrichtete in zwei Waisenhäusern, und dann hat der sich umgehört, in Klöstern, in Waisenhäusern, in Schulen, dann haben wir gesammelt, und merkt ich, diese Geschichten – ich bin eigentlich kein Märchen-Fan, es gibt ja so Liebhaber, aber das bin ich nicht, die Geschichten sind so anders, sie sind zum Teil so lustig, so voller Zärtlichkeit, (und die kommen nicht so mit dieser Moral!) genau! (ohne diese moralische Keule, sag ich mal), die haben ne ganz andere .. entweder keine Moral oder ganz pfiffige Lösungen (pragmatisch!) …. (nennen Sie mal ein Beispiel!) Ich erzähl Ihnen mal eine meiner Lieblingsgeschichten. Es geht um einen kleinen Jungen, der heißt Pu und seinen Freund, das ist ein Tiger, und die beiden sind so (zeigt: Finger überkreuz = ganz eng), spielen jeden Tag miteinander, aber eines Tages wird der Tiger gefangen, in dem Dorf, wo der Junge wohnt, weil sie Angst vor ihm haben. Er sitzt dann im Käfig und keiner traut sich, ihn zu töten, sie denken: der wird sowieso bald verhungern und verdursten, wir lassen ihn einfach im Käfig. Und jeden Abend geht der kleine Pu zu seinem Freund, und der Freund sagt: Mensch, du musst mich hier rausholen, hier verdurst ich aber, der Junge sagt: Das kann ich nicht, ich werde verhauen, ich werde aus dem Dorf vertrieben, das kann ich nicht. Aber nach ner Woche dann hat er doch Mitleid und macht die Käfigtür auf, das Tier springt raus, baut sich vor ihm auf, ich habe so einen Hunger, ich bin zu schlapp zum Jagen, ich muss dich fressen. Der Junge: das kannst du nicht machen, ich hab dich befreit, du schuldest mir Dankbarkeit. Ach was, Dankbarkeit, sagt der Tiger, also die streiten sich und irgendwann sagen sich die, wir müssen n Richter finden, der das entscheidet. Dann gehen sie in den Dschungel, da finden sie einen Totenkopf, von einem alten Ochsen. Dann reden sie mit dem, also wie ist das, schildern ihren Streit, und der Ochse sagt: Dankbarkeit? Ich hab mein Leben lang für meinen Herrn geackert und mich geplagt, ich hab alles geschleppt, bis ich alt und schwach war, dann hat er mich geschlachtet und gefressen, es gibt keine Dankbarkeit, der Tiger kann den Jungen fressen. Hab ich doch gesagt, sagt der Tiger. Sie gehen weiter und finden einen alten Banyanbaum, wieder schildern sie den Streit, der sagt: Dankbarkeit gibt’s nicht. Die Menschen ruhn sich bei mir im Schatten auf, aber wenn es sein muss, würden sie mich sofort fällen, – der Tiger kann das Kind fressen. Der Tiger will das Kind fressen, kommt n Hase vorbeigehoppelt. Also bitte! Einen letzten Richterspruch, bitte bitte, einmal noch. Der Tiger sagt okay, einmal noch. Sie schildern den Streit, und der Hase ist in den Märchen und Fabeln das schlaue, das weise Tier, der sagt: Hm, das ist ein ganz schwieriger Fall, – zeigt mir, wo er angefangen hat! Da es mitten in der Nacht war, gehen sie zurück zu dem Käfig, der Hase sagt zu dem Tiger: Also, wo, wo warst du? in einem Käfig? da geh mal wieder rein! Der geht wieder rein, sie machen die Tür zu. So, und jetzt zeig mir, Pu, wie du sie aufgemacht hast. Er macht sie dann nochmal zu, dann sagt der Hase: Stopp! Jetzt ist der Tiger drin, du stehst davor, alles ist wie vor dem Streit, also damit – ist er beigelegt. (Lachen, Beifall.) (LANZ: Schöne Geschichte, sehr zu empfehlen: Das Geheimnis des alten Mönchs. Märchen und Fabeln aus Burma.) 55:40

Quelle ZDF bei Markus Lanz zu Gast: Jan-Philipp Sendker 30. November 2017 (noch abzurufen bis 1.3.2018 HIER

Zufriedene Gesichter allenthalben.

Sendker Screenshot 2017 alle Talkshow-Runde Screenshot

Ich muss sagen: ich wäre als Kind nicht ganz zufrieden gewesen, denn der Käfig ist ja der Ort, in dem der Tiger zugrunde gehen sollte. Die Anfangssituation lag doch zeitlich weiter davor: als die beiden, der Junge und der Tiger, noch draußen miteinander spielten.

Aber ich glaube, hier soll vor allem der schlaue Mechanismus gezeigt werden, wie das gefährlich gewordene Tier überlistet wird.

Nichts gegen die Brüder Grimm: auch dort gibt es ähnliche Mechanismen: wenn z.B. der Bauer mit dem Teufel wettet. Das eine Mal verspricht er dem Sieger alles, was über der Erde wächst – und pflanzt Kartoffeln an, dem andern bleibt das schlappe Grün. Das nächste Mal soll des Teufels sein, was in der Erde reift, – und sät Korn, so dass dem Teufel die Stoppeln und die Wurzeln bleiben.

Und auch Richard Wagner hat seinen Trick aus der Märchenwelt:

Wagner Rheingold Lindwurm Kröte a Wagner Rheingold Lindwurm Kröte b

Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen – Das Rheingold 3. Szene / aus: Richard Wagners Musikdramen / Edmund E.F. Kühn Globus Verlag Berlin W 66 (1914)

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WIE WAR DAS NOCHMAL MIT DEM GLYPHOSAT? Siehe FAZ unten. Sehr sehenswert auch die Behandlung in der HEUTE-SHOW. Siehe HIER. Ab 9:41 !  „Glyphosatan“ Schmidt. „Es geht natürlich um die Stimmen der Bauern in Bayern.“ Bis 15:40.

Und das Deutschland-Märchen aus China? Zum Thema VERTRAUEN in der Politik gab es am 1. Dezember, dem Tag nach der oben behandelten LANZ-Sendung, als sei es abgesprochen, noch einige aufschlussreiche Beiträge, und zwar in der Sendung ASPEKTE. Siehe HIER. Gleich ab Anfang (0:25) !VERTRAUEN! in der Politik? Die Philosophin Rebekka Reinhard ab 1:39 Werbefachmann Stefan Wegner ab 2:00 der Philosoph Julian Nida-Rümelin ab 2:30 und der GRÜNEN-Politiker Hans-Christian Ströbele ab 5:35 live im Studio bis 11:30.

Aber dann schnellstens noch zu FAZ heute hierGLYPHOSAT-STREITDie Wahrheit wird degradiert Von Joachim Müller-Jung / aktualisiert am 

Kurzes ZITAT FAZ

Der politische Alleingang des christdemokratischen Bundeslandwirtschaftsministers in Sachen Glyphosat entwickelte sich im Laufe dieser Woche zu einem gewaltigen Lustkiller. Jetzt hat endgültig keiner mehr Lust aufs Koalieren. Gleichzeitig wünschen sich alle wie närrisch ein „Zukunftsbündnis“, so wie die saarländische christdemokratische Ministerpräsidentin, die damit den Streit um die Zulassungsverlängerung für das Unkrautvernichtungsmittel wenigstens etwas ausbremsen wollte. Der Vertrauensverlust beim Volk, den der Gebrauch solch realitätsferner Phrasen und die strategischen Scharmützel auslösen, wird dabei offenbar billigend in Kauf genommen.

hart aber fair HIER !!! Ranga Yogeshwar bei 19:oo Krefelder Studie u.a., Achtung ab 27:00 Schmidt über Termin 12. Dezember, „Neonicotinoide“ greifen an im Gehirn und verändern die Orientierungsfähigkeit der Bienen. In den Haaren der Kongressteilnehmer Spuren der Gifte!

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Und wenn man noch einmal gründlich studieren will, wie sich Chrsitisan Schmidt aus der Verantwortung seiner Glyphosat (mit Blick auf eine späteres, höheres Ziel?) herauszuwinden sucht, der sehe auch noch den ersten Teil der Lanz-Sendung mit ihm (und Dirk Steffens) HIER.

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Privater Blick zurück

Wie begann unser Artikel? So: „In der Geschichte der Menschheit hat es einen derart rasanten Aufstieg – eher ist es eine Rückkehr – wie den chinesischen der vergangenen 30 Jahre noch nicht gegeben.“ Und so auch bei mir (um es scherzhaft zu sagen): 1987-2017

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Loop Aspekte

Ad infinitum bis genau 26. Oktober 2018 23:59 Uhr

Eine Fernsehsendung, in die ich dank der HEUTE-Show geriet und die ich sonst nur sporadisch sehe, hat mich heute vom ersten bis zum letzten Beitrag fasziniert. Und mehr noch: es war, als ob sie mich gemeint hat. Das geht einem aber oft so, wenn man bemerkt, dass man all dies möglichst bald wiederholen will, und zwar nicht nur einmal. Hoffentlich ist das weiter abrufbar, sagt man dann. Das ist wie bei einem Kind, dem man eine Geschichte erzählt: es schaut mit großen Augen, schaut und schaut, und am Ende sagt es: Nochmal erzählen! Und dann muss alles noch einmal kommen, möglichst mit genau denselben Worten!

Manches kannte ich: z.B. Jan Wagner, Dorothee Oberlinger, manches müsste ich schon viel länger gekannt haben, z.B. Mia Couto aus Mozambique, anderes wird mich noch länger beschäftigen, z.B. die Loop-Ausstellung in Wolfsburg. Es soll sich mit meinem alten Thema der Wiederholung verbinden und vor allem in genau dieser Zusammenstellung noch oft wiederholen: diese Sendung.

Aspekte Screenshot 2017-10-28 Hier im externen Fenster öffnen!

Oder zunächst nur etwas lesen?

Was bedeutet Loop? Siehe Wikipedia hier.

Und Loop in Wolfsburg (château de loup)? HIER.

Die neue CD, noch ungeöffnet, der Plan: sie oft zu hören. Wie auch die Pariser Quartette mit „The Age of Passion“ (Karl Kaiser)

Oberlinger Telemann ***Oberlinger Cover Inhalt ***

Dorothee Oberlinger in der Aspekte-Sendung ab 35:43

Wagner, Jan Cover Wagner, Jan rück 2014

Jan Wagner in der Aspekte-Sendung ab 18:43

Die nun folgende Mail, mit der es vor zwei Jahren begann, ist nicht an ihn, sondern an mich gerichtet:

Am 16.11.2015 um 12:11 schrieb Klaus G.:  Lieber Jan, meinem verbliebenen religiösen Bruder hatte ich zu seinem (und meinem) Geburtstag den Gedichtband „Regentonnenvariationen“ zukommen lassen, worüber er sich sehr angetan geäußert hat und mir, der ich den Band gar nicht selbst besitze, daraus das Gedicht „die Etüden“ in Kopie zugesandt. Nun weiß ich nicht, ob du das kennst, egal: ich schicke diese Kopie, denn das Werk ist zu schön, als dass man es nicht kennen sollte.
Ich hoffe es geht dir gut, ich kann über mich zumindest nicht wirklich klagen. Ich habe kürzlich meinen auch ziemlich alt gewordenen Geigenbauer aufgesucht, um die (neue) Geige etwas richten zu lassen, klingt jetzt schön, aber das Unwägbare alter Instrumente fehlt. Vielleicht kauft er mir einen Bogen ab, ich habe zu viele.
Sei freundlich gegrüßt von
Klaus

Wagner Jan Etüden

Immer wieder merkwürdig: der Klavierunterricht als Kindheits(alp)trauma, zumal es doch bei diesen Etüden offenbar um boogie-woogie-Figuren ging. Kinder lieben Loops, Reime, Verse, Formeln, warum nicht am Klavier? „all die zweiviertel- und dreisechstel etüden“ – kaum vorstellbar – aber vielleicht entsteht gerade aus diesem Gebräu ein Gedicht wie dieses, „jene schimmernde lampe tee auf dem tisch“. Versinkt „das schwarzlackierte ungetüm“ – der Flügel – in dem sie (die Klavierlehrerin ist angeredet) etwas hören konnte, was ich nicht verstand. Und wird hier hörbar.

Im Aspekte-Beitrag spricht Jan Wagner abschließend (ab 24:05 bis 24:40) das Gedicht „selbstporträt mit bienenschwarm“ aus dem neuen Band, der auch diesen Titel trägt:

Aspekte Beitrag Jan Wagner Screenshot 2017-10-28

In seiner Arbeit geht es um größtmögliche Freiheit auf dem engsten Raum! (Felicitas Hoppe über Jan Wagner)

Zitat (J.W.): Lyrik war immer schon eine Sache, die sozusagen eher im Halbdunkel stattfand. Oder in einer Nische existierte. Die gute Nachricht ist: sie existiert seit Jahrtausenden, und sie ist immer noch da! Das Wahrnehmen von Welt durch Sprache. Und das … probieren zu verstehen, was uns umgibt, indem man Vergleiche benutzt. Etwas ist wie etwas anderes. Das macht ja jedes Kind. Oder der ganz natürliche Zugang zu Metaphern. Der Donner hat große Füße. Das sagen Kinder. – Bei mir war das mit 15,16, wo ich Georg Heym und Georg Trakl zum Beispiel las, auch noch andere Dichter, und dachte: das ist unendlich faszinierend. Aber .. nein, man fällt nicht vom Himmel, und.. und .. man arbeitet sich lange ab an solchen Vorbildern,  probiert sehr lange…  herauszufinden, wie das überhaupt geht. Und man muss auch lange lesen, um auch Klischees zu vermeiden. Es wimmelt da von Fallen, und ein Gedicht ist so kurz, und manchmal nur 10 oder 6 Zeilen lang, es reicht ein winziger Fehler, und alles ist kaputt. (23:27)

Beitrag über (mit) Jan Wagner endet bei 24:40

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Zu klären wäre, was Dorothee Oberlinger beiläufig erwähnte, dass die Melodie, die sie spielen werde, – der Mittelsatz eines Bach-Cembalo-Konzertes, ich hätte jederzeit behauptet: „eine der schönsten Melodien von Bach“ – auf Telemann zurückgeht! Ich schaue nach im BWV-Schmieder (sicher veraltet), also BWV 1056, da steht: Den 2. Satz der Nr. 1056 (5. Konzert) übernahm Bach in die KK „Ich steh‘ mit einem Fuß im Grabe“ (vgl. Nr. 156) . Und dort steht: Der Instrumentaleinleitung liegt der 2. Satz des f-moll-Violinkonzertes, das nur in einer Klavierbearbeitung überliefert ist und dessen ursprüngliche Tonart wohl g-moll gewesen ist, zugrunde.

Bach - Telemann

Also: was ist genau mit Telemann? Erster Hinweis auf Ulrich Siegele hier. Oder lieber Steven Zohn hier.

This middle movement closely resembles the opening Andante of a Flute Concerto in G major (TWV 51:G2) by Georg Philipp Telemann; the soloists play essentially identical notes for the first two-and-a-half measures. Although the chronology cannot be known for certain, Steven Zohn has presented evidence that the Telemann concerto came first, and that Bach intended his movement as an elaboration of his friend Telemann’s original.

Und nun – hören Sie: HIER.

Soviel Zeit musste sein (eine sehr beliebte Redewendung, wenn man sich thematisch verzettelt). Aber für Bach ist keine Stunde zuviel! Übrigens habe ich die obige CD vor allem bestellt, weil mich die Telemann-Interpretation im Blick auf Bachs Solissimo-Werke für Geige interessiert.

LOOP Über die Endlosschleife in der Aspekte-Sendung ab 24:45

Zur Shibuya-Kreuzung in Tokyo 29.10.2017 kurz vor 12 Uhr (s.u.) und: LIVE 

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ZITAT Aspekte-Text:

Dazu hören Sie eins der bekanntesten Popmusikstücke, das gänzlich aus Loops besteht: „I feel love“, gesungen von Donna Summer.

Zitat Aspekte-Text:

Zusammen ergeben Bild und Ton die Quintessenz des Loops. Der Loop, die Endlosschleife, entsteht nicht durch die Menschen oder die Autos, denn es sind ja immer neue Menschen und Autos, die die Kreuzung passieren, sondern durch die sich pausenlos wiederholende und scheinbar nicht zu unterbrechende Ampelschaltung. Sie gibt den Rhythmus vor, nach dem Menschen und Autos sich richten. Für den Wechsel der Ampelsignale gibt es viele Entsprechungen: Ein- und Ausatmen, Tag und Nacht, die Jahreszeiten, Werden und Vergehen, also all das, was man den Rhythmus des Lebens nennt; etwas, das beruhigend und beunruhigend zugleich ist, wie Donna Summer’s Gesang zugleich tröstlich und nervtötend sein kann. Chaplins Film zeigt wie kein zweiter Film, worum es geht. Die endlose Schleife der Fabrikarbeit mit ihren sich wiederholenden Vorgängen, und das Individuum, das versucht dennoch seine Pirouetten zu drehen. Eine Ausstellung in Wolfsburg erkundet jetzt alle Erscheinungsformen der nicht endenden Wiederholung. Und zwar in einem ziemlich großen Bogen, der vom tibetischen Rad des Werdens mit seinem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburt bis zu Stanley Kubricks „2001“ und zu apples neuem Hauptquartier reicht: überall sich drehende Räder, Kreise, Schleifen.   Es ist als wären das harmonisch Runde und die grenzenlosen Räume Merkmale eines Jahrtausende alten Exorzismus, eine Methode, sich irgendwie gegen die Zeit zu behaupten. (Gregor Schneider, Künstler:) „Mit diesem Begriff Unendlichkeit kann ich eigentlich gar nichts anfangen. Aber woher kommt die Faszination von Unendlichkeit? Vielleicht weil wir sterben, vielleicht weil wir wissen, dass wir e-n-d-l-i-c-h sind?“ Eine Fraktion der Künstler, die in Wolfsburg zu sehen sind, geht das Problem von der anderen Seite an. Etwa ??? Norman. Sie hängen kleine und kleinste Teile aneinander, statt Harmonie: Irritation. Und vielleicht ist die zunächst simpel erscheinende Wiederholung manchmal sogar das raffiniertere Mittel, nämlich eins, das die Sinne schärft. – Im Zentrum der Ausstellung: Gregor Schneiders Installation BAD. Eine begehbare Serie, ein Parcours von 21 Badezimmern-Nachbauten, durch die man sich nahezu unbegrenzt lange bewegen könnte. Jedes Badezimmer im 70-ger, 80-er Jahre Styling, also aus der Zeit, in der Gregor Schneider Kind war, gleicht dem nächsten, sogar bis zum Schmutz in der Steckdose. (Gregor Schneider:) „Das ist meine Erfahrung, dass ich nur bestimmten Dingen Aufmerksamkeit schenke – und dass durch eine Wiederholung, also durch eine Quantität auch eine Qualität entstehen kann. In der Art und Weise, wie ich Dingen Aufmerksamkeit schenke, und für mich, der auch die Welt verrückt oder verrutscht, wahrnimmt, – es ist ein Versuch, sich diese Welt begreifbar zu machen.“ – Einer der ersten verbürgten Film-Loops aus dem Jahr 1896 von Thomas Edison. Nur aus praktischen Gründen wurde der Kürzestfilm im Kino im Dauer-Loop gezeigt. Das Publikum reagierte bei jeder Wiederholung anders. Zuerst gespannt, dann immer lauter johlend, was zeigt, dass jemand, der sich wiederholende Dinge ansieht, nicht immer denselben Gedanken denkt. (Ralf Beil, Museumsdirektor Kunstmuseum Wolfsburg:) „Es geht eigentlich um das Gegeneinander von Linearität, linearem Zeitbegriff und dann wirklich zyklischem Zeitbegriff. Das was ich mir eigentlich wünsche, dass Besucher/innen, die in die Ausstellung kommen, dass die mal nachdenken über diese Zyklen, die sie nicht ändern können, in die sie einfach eingespannt sind, und dann natürlich in die vermeidbaren negativen Loops, die sie in ihrer privaten Beziehung, die sie im Alltag erleben, und dass da etwas passieren kann.“ War der Loop, trotz seiner Allgegenwart, bisher ein unterschätztes Phänomen, dann ändert sich das vielleicht mit der Ausstellung in Wolfsburg. (Ende 28:48) (Autorin des Aspekte-Beitrags: Miriam Böttger).

Wolfsburg Never Ending Stories Screenshot

Heute (29. November) in der SZ

Aufpassen, ab wann der Artikel online steht, sonst: ab zum Kiosk! Der Artikel gibt einiges an Stoff zum Denken, dazu später mehr.

SZ Loop SZ

Quelle: Süddeutsche Zeitung 29. November 2017 Seite 10 das digitale Walross Sounds ohne Ende und die Dominanz des Viervierteltaktes – die Berliner Software Ableton ist weltweit das Standardinstrument des zeitgenössischen Pop / Von Jan Kedves