Kategorie-Archiv: Psychologie

Wieso und worüber lachte Immanuel Kant?

Oder vielleicht auch gerade nicht…

Zitat (wörtlich, nur deutlicher gegliedert)

Es muß in allem, was ein lebhaftes, erschütterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein (woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden kann). Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.

Ebendiese Verwandlung, die für den Verstand gewiß nicht erfreulich ist, erfreuet doch indirekt auf einen Augenblick sehr lebhaft. Also muß die Ursache in dem Einflusse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung auf das Gemüt bestehen; und zwar nicht, sofern die Vorstellung objektiv ein Gegenstand des Vergnügens ist (denn wie kann eine getäuschte Erwartung vergnügen?), sondern lediglich dadurch, daß sie, als bloßes Spiel der Vorstellungen, ein Gleichgewicht der Lebenskräfte im Körper hervorbringt.

Wenn jemand erzählt: daß ein Indianer, der an der Tafel eines Engländers in Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles dies Bier, in Schaum verwandelt, herausdringen sah, mit vielen Ausrufungen seine große Verwunderung anzeigte, und auf die Frage des Engländers: was ist denn hier sich so sehr zu verwundern? antwortete: Ich wundere mich auch nicht darüber, daß es herausgeht, sondern wie ihrs habt hereinkriegen können; so lachen wir, und es macht uns eine herzliche Lust: nicht, weil wir uns etwa klüger finden als diesen Unwissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin Wohlgefälliges bemerken ließe; sondern unsre Erwartung war gespannt, und verschwindet plötzlich in nichts.

Oder wenn der Erbe eines reichen Verwandten diesem sein Leichenbegängnis recht feierlich veranstalten will, aber klagt, daß es ihm hiemit nicht recht gelingen wolle; denn (sagt er): je mehr ich meinen Trauerleuten Geld gebe betrübt auszusehen, desto lustiger sehen sie aus; so lachen wir laut, und der Grund liegt darin, daß eine Erwartung sich plötzlich in nichts verwandelt. Man muß bemerken: daß sie sich nicht in das positive Gegenteil eines erwarteten Gegenstandes – denn das ist immer etwas, und kann oft betrüben –, sondern in nichts verwandeln müsse.

Denn wenn jemand uns mit der Erzählung einer Geschichte große Erwartung erregt, und wir beim Schlusse die Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns Mißfallen; wie z.B. die von Leuten, welche vor großem Gram in einer Nacht graue Haare bekommen haben sollen. Dagegen, wenn auf eine dergleichen Erzählung zur Erwiderung, ein anderer Schalk sehr umständlich den Gram eines Kaufmanns erzählt, der, aus Indien mit allem seinem Vermögen in Waren nach Europa zurückkehrend, in einem schweren Sturm alles über Bord zu werfen genötigt wurde, und sich dermaßen grämte, daß ihm darüber in derselben Nacht die Perücke grau ward; so lachen wir, und es macht uns Vergnügen, weil wir unsern eignen Mißgriff nach einem für uns übrigens gleichgültigen Gegenstande, oder vielmehr unsere verfolgte Idee, wie einen Ball, noch eine Zeitlang hin- und herschlagen, indem wir bloß gemeint sind ihn zu greifen und festzuhalten. Es ist hier nicht die Abfertigung eines Lügners oder Dummkopfs, welche das Vergnügen erweckt: denn auch für sich würde die letztere mit angenommenem Ernst erzählte Geschichte eine Gesellschaft in ein helles Lachen versetzen; und jenes wäre gewöhnlichermaßen auch der Aufmerksamkeit nicht wert.

Merkwürdig ist: daß in allen solchen Fällen der Spaß immer etwas in sich enthalten muß, welches auf einen Augenblick täuschen kann; daher, wenn der Schein in Nichts verschwindet, das Gemüt wieder zurücksieht, um es mit ihm noch einmal zu versuchen, und so durch schnell hintereinander folgende Anspannung und Abspannung hin- und zurückgeschnellt und in Schwankung gesetzt wird: die, weil der Absprung von dem, was gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliches Nachlassen) geschah, eine Gemütsbewegung und mit ihr harmonierende inwendige körperliche Bewegung verursachen muß, die unwillkürlich fortdauert, und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkungen einer zur Gesundheit gereichenden Motion), hervorbringt.

Denn, wenn man annimmt, daß mit allen unsern Gedanken zugleich irgendeine Bewegung in den Organen des Körpers harmonisch verbunden sei: so wird man so ziemlich begreifen, wie jener plötzlichen Versetzung des Gemüts bald in einen bald in den andern Standpunkt, um seinen Gegenstand zu betrachten, eine wechselseitige Anspannung und Loslassung der elastischen Teile unserer Eingeweide, die sich dem Zwerchfell mitteilt, korrespondieren könne (gleich derjenigen, welche kitzlige Leute fühlen): wobei die Lunge die Luft mit schnell einander folgenden Absätzen ausstößt, und so eine der Gesundheit zuträgliche Bewegung bewirkt, welche allein und nicht das was im Gemüte vorgeht, die eigentliche Ursache der Vergnügens an einem Gedanken ist, der im Grunde nichts vorstellt. –

Quelle  Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft (aus §54) zitiert nach Spiegel online Projekt Gutenberg hier Kapitel 64

Siehe auch: HIER (Artikel „Lachen mit Schopenhauer“)

Wie ich darauf komme? Durch Peter Szendy: „Tubes, Hits, Ohrwürmer“ / Die Philosophie in der Jukebox / Avinus Verlag Berlin 1012 / Seite 94 f. Eigentlich hatte ich mir „La Mer“ von Debussy in Erinnerung rufen wollen. Warum? Ich habe über einen Artikel nachgedacht zum Thema „Die Alte Musik und das Meer“, aber diesen Titel habe ich inzwischen fallen gelassen.

Und wie kam ich noch einmal bzw. wieder einmal auf Szendy? Durch einen „Tube“ von Charles Trenet. Auf Youtube. „La mer“!!! Wollen Sie ihn hören? Bitteschön (es ist nicht zum Lachen): hier.

Warum war ich fasziniert? Ich erkannte die Melodie, sobald sie sich in Bewegung setzte (ich hatte nicht damit gerechnet). Vielmehr, sobald das Klavier die Bewegung anführte (gebrochene Akkorde, Achtelaufteilung zu relativ schnellen Vierteln), die Melodie ist ruhig, Überraschung, den Dirigenten der Band zu sehen: er dirigiert schnelle Viertel, als sei es ein eiliges Stück. Vielleicht tut er es, weil die Streicher Harmonien in Pfundnoten spielen und zu präzisen Akkordwechseln angehalten werden sollen. Aber wenn man einmal darauf achtet, ist es ein komischer Effekt. Wie für musikalischen Analphabeten.) Die Melodie besteht nur aus Vorder- und Nachsatz, die bis auf die Schlusswendung identisch sind und so ineinandergreifen, dass man endlos wiederholen kann. Und in der Tat: der Hit verläuft genau auf diese Weise, wenn auch eine Rückung vorkommt (und wieder rückgeführt wird) und einige Wiederholungen vom Sänger improvisatorisch ausgeschmückt werden. Ich vermute, dass der Hit sich dank dieser Wiederholungstechnik so im Gehirn festhakt, dass er automatisch weiterläuft, wenn die Musik längst beendet ist. Zudem ist die erste Zeile tatsächlich ein schöner Einfall, den man nicht beginnt, ohne ihn dann auch weiterzusummen…)

Um es kurz zu machen: Charles Trenet kommt zwar in Szendys Buch vor, aber nicht als bedeutender Faktor. Dabei lese ich mich aufs Neue fest – ich muss auswählen, daher nur soviel: KANT wird anlässlich der Witz-Theorie von Freud zitiert -, aber ausführlich wird eine Arbeit des Psychoanalytikers Theodor Reik behandelt, insbesondere der Fall einer Patientin namens Cecily, die Opfer einer Zwangsidee geworden war: „Sie wusste nicht , warum sie davon überzeugt war, [dass] eine Reise nach Indien die notwendige Vorbedingung dafür sein sollte, ein Kind zu haben“. Und der Analytiker Reik fühlt sich – so berichtet Szendy hilflos. Ich zitiere zwei Seiten (Seite 50f) aus Szendys Bericht, und nehme mir diese Freiheit, weil ich glaube, sozusagen Hilfestellung leisten zu können:

Szendy Mendelssohn Reik Peter Szendy „Tubes, Hits, Ohrwürmer“

Wenn man das in der Tat wunderschöne Lied kennt, fällt einem auf, dass darin – anders als im Fall Cecily – von Indien gar nicht die Rede ist. Als die Mutter es sang, hat das Kind (Reik) den Text noch gar nicht verstanden, nur begriffen, „dass es ein Liebesgesang war, voll Zärtlichkeit und Nostalgie“. Erst die Tante hat offenbar Indien ins Spiel gebracht. Wer weiß, ob das kleine Kind schon nach dem Inhalt der dritten Zeile „Fort nach den Fluren des Ganges“ gefragt hat, der sich auf die erste Zeile reimt bzw. reimen müsste, denn die lautet korrekt: „Auf Flügeln des Gesanges“ (nicht: Gesangs!). Ich könnte mir eher vorstellen, dass das Kind dies Wort auf seine Art gedeutet hat: „Flur“ und „Gang“ ist ungefähr dasselbe. (Das wird hier irgendwo in der Wohnung sein!) Ein Beispiel: Zu meinen ersten Liedern gehörte „Hänschen klein“, und ich habe jahrelang geglaubt, darin sei von einer Gabel die Rede: „Gabel sind sich das Kind, läuft nach Haus geschwind“. Ein Kleinkind ist stolz, wenn es bei Tisch ein so gefährliches Werkzeug benutzen darf; aber was es nicht kann, ist: abstrakt denken im Sinne von „da besinnt sich das Kind“.

Mit andern Worten: ich traue dem Bericht nicht. Ich glaube nicht, dass er wirklich von der Melodie initiiert ist, sondern von Wort-Assoziationen, die sich im Laufe der Jahre an Textbestandteile geheftet haben. Dass diese sich gehalten haben, mag an der Melodie liegen. Oder an Bildern, die sich mit ihr verbunden haben.

 Szendy verfährt ähnlich und kommt zu einem interessanten Schluss:

Das gesetzte Ziel seiner musikpsychologischen Untersuchung, die den Sinn, die Bedeutung (meaning) erforschen will, wird Reik jedoch rasch in eine Sackgasse führen. Ganz in der großen romantischen Tradition absoluter Musik geht er nämlich davon aus, dass die Melodie als solche „eine Botschaft ist, die jeder versteht, ohne dass man sie gleich übersetzen kann“ (S.7). Was Reik jedoch fortwährend tut, ist genau dies: übersetzen und die Musik in einen bedeutungsvollen Diskurs einschreiben. Wenn er z.B. schreibt, dass „in der Menge der freien Assoziationen Fetzen von Liedern an bestimmten bedeutungsvollen Stellen verstreut sind“ (S.10), so ist klar, dass der Sinn, dass die Bedeutung, die der implizite Diskurs, der durch eben diese Assoziationen entstanden ist, geformt hat. Ob der Sinn nun schon da ist oder ob er noch fehlt – weil verborgen in den Lücken des Bewusstseins oder des Unbewussten -, für Reik scheint diese Sinn der diskursiven Art anzugehören.

Ich mache einen Sprung in Szendys Entwicklung des Gedankens und zitiere, was für ihn nun „das Genuine der Musik, was das musikalisch Zwingende bzw. Zwanghafte [ist], das von diesen besitzergreifenden Melodien ausgeht“; er wagt die Hypothese,

dass es hier nicht um einen Unterschied des Sinns, sondern um einen Unterschied der Kraft, der Intensität geht. Was das (relativ) Eigentliche der Musik ausmachen könnte, das wäre nicht ihr eigener Sinn, sondern diese Kraft, sich ein- und auszuklinken, da und wieder fort zu sein, die ihre Störungen und Unterbrechungen so explosiv und heftig macht. Über all die endlosen Diskurse hinaus, die Reik zu Recht oder zu Unrecht wiederzufinden glaubt, indem er sie den heimsuchenden Melodien überstülpt, die er examiniert, ist doch das, was diesen Musik-Phantomen gemeinsam ist, im Grunde ihre Kraft, einfach plötzlich aufzutauchen.

Nachtrag 8. Februar 2018

Nachdem ich vorgestern das Kölner Gürzenich-Orchester live im Internet erlebt habe (siehe hier), möchte ich an dieser Stelle einen bemerkenswerten Auftritt des Gürzenich-Chefs François-Xavier Roth hervorheben. Eben erst entdeckt.

Allergie gegen Geigen

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Vielleicht werde ich mit fortschreitenden Jahren deutlich intoleranter, und zwar auch, was mich selbst betrifft. Sollten sich denn nicht edlere Gefühle einstellen, wenn ich solch eine Überschrift lese? Ach, Hans Sachs! („Von Tristan und Isolde kenn‘ ich ein traurig Stück…“) Keinesfalls! Wenn man die Andeutung des Inhalts liest, weiß man, dass „Thaïs“ höchstwahrscheinlich ein furchtbares Stück ist, das mit den niederen Instinkten des Plüsch-Zeitalters spielt, Exotismus inklusive. Es ist ein Fehler zu versuchen, mit derlei Lockungen (schöne Hure triff auf dürren Asketen) heute noch ein Publikum zu beeindrucken. Wie überhaupt: Werbung für eine Oper mit dem Sujet zu betreiben statt allein mit der Musik, – ein hirnrissiges Unterfangen! ABER: die Musik – allein? Was kann sie denn wirklich transportieren??? Und wer ist es, der oder die alles oder sogar noch viel mehr hineinlegt? Man hört die Meditation, Air oder Romanze – welche auch immer, von wem auch immer – und weiß alles. Alarmstufe 1: Sologeige.

Muss man sich eigentlich so problematisch geben, wenn man keinerlei technische Probleme auf der Geige kennt, aber zulässt, dass Bachs berühmtes Stück gnadenlos kitschig in Szene gesetzt wird? – David Garret dagegen mimt verhaltenste Leidenschaft und hat seine Meditation durchaus verdient. Ich kann nur sagen: Hut ab! – Der letzte Geiger aber serviert seine „Thaïs“  so lupenrein und geschmackvoll, dass man sich fragt, wie denn die fremde Frau auf so schlimme Gedanken kommen kann!

Es liegt vielleicht an der Geige an sich. Schon als Kind habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mehr hermacht, wenn man mit einem Gitarrenkasten in die Schule kommt. Und vergeblich sucht man später alles durch Bogendruck und Vibrato wettzumachen. Fehlgedacht, – man ist doch immer nur dabei, wenn die edle Frau Musica ihr Eigenlob anstimmt, nur richtig „cool“ ist man nie. Das sind die andern, die mit der Gitarre. Klavier geht auch, du trägst gar keinen Kasten und kannst so locker daherspielen, als hättest du’s gar nicht lernen müssen.

Dann ist man eines Tages erwachsen und liest:

Vergeblich wird jeder freie Flugversuch des Komponisten sein; in den allerneuesten Partituren und noch in solchen der nächsten Zukunft werden wir immer wieder auf die Eigentümlichkeiten der Klarinetten, Posaunen und Geigen stoßen, die eben nicht anders sich gebärden können, als es in ihrer Beschränktheit liegt; dazu gesellt sich die Manieriertheit der Instrumentalisten in der Behandlung ihres Instrumentes; der vibrierende Überschwang des Violoncells, der zögernde Ansatz des Hornes, die befangene Kurzatmigkeit der Oboe, die prahlhafte Geläufigkeit der Klarinette; derart, daß in einem neuen und selbständigen Werke notgedrungen immer wieder dasselbe Klangbild sich zusammenformt und daß der unabhängigste Komponist in all dieses Unabänderliche hinein- und hinabgezogen wird.

Quelle Ferruccio Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst / Insel-Verlag 1954 (1910) Seite 33

Natürlich ist hier nur vom vibrierenden Überschwang des Cellos die Rede. Aber wir wissen, dass viele Geiger sich „auf der Sull“ (sul G) austoben wie verhinderte Cellisten, und erst in der jüngeren Alte-Musik-Praxis hat man gelernt, wie der Bogen ohne Druck artikuliert. Fast könnte man sich irische Fiddler zum Vorbild nehmen, nur ein bisschen Lagenwechsel dürfte schon sein.

Natürlich dachte Rudolf Kolisch nicht an die Fiddler, als er seine Polemik über die „Religion der Streicher“ schrieb; er war der Ansicht,

daß diese Kreuzritter des erhöhten Leittones glauben, noch immer alle musikalische Geschehen kraft ihrer melodischen Potenz entscheiden zu können, was in der tonalen Musik längst durch den Fundamentschritt entschieden wurde. Ihre Rolle als Melodieinstrument par excellence reduziert ihr Bewußtsein auf die Oberstimme. Der deutlichste Ausdruck dieses Credo ist das Ideal, welches die Priester dieser Religion auf ihren Altar gestellt haben: der schöne Ton.

Dieser nun ist eine außermusikalische, ästhetisch undefinierbare Kategorie. Außermusikalisch in dem Sinn, daß ja kein Werk in der Kunstmusik je für schönen Ton geschrieben wurde, undefinierbar, da er ein rein subjektives Element ist. Infolge der überragenden Rolle, welche dieses subjektiv-sensualistische, musikalisch indifferente Moment im pädagogischen Spektrum und von da aus im Bewußtsein des Geigers einnimmt, ersetzt es alle legitimen, dynamisch-expressiven Momente der Musiksprache. Unter der Ägide des schönen Tons vollzieht sich musikalische Reproduktion jenseits ihrer eigentlichen Aufgabe, der Enthüllung von Konstruktion, lediglich als Kult des Schönen. Insbesondere hat eines der dringendsten Erfordernisse, die Ausbildung einer weiten Skala von Intensitäten, darunter gelitten. Die Region der äußersten Kraftentfaltung zumal ist dem Ideal des schönen Tones völlig zum Opfer gefallen. Die Gefahr, bei der Hervorbringung eines dreifachen Fortes die Schönheit des Tons etwa durch ein mitklingendes Geräusch zu verletzen, läßt jeden frommen Geiger vor dem Versuch zurückschrecken, die musikalische Idee dieses Extrems zu erfüllen. Im schlimmsten Fall werden alle dynamischen und Ausdruckskategorien zu einem uncharakteristischen Brei nivelliert. Um den Bedingungen der Massenkultur zu genügen, hat sich der schöne Ton in den großen Ton gewandelt. Ich habe niemals recht verstanden, was damit eigentlich gemeint ist und hoffe, von Ihnen einen Aufschluß darüber zu erhalten. Schönberg bezeichnete dieses Phänomen mit „mezzofortissimo“.

Quelle Rudolf Kolisch: Religion der Streicher (1972) in: Musik-Konzepte 29/30 Rudolf Kolisch: Zur Theorie der Aufführung / Herausgegeben von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn / edition text+kritik München 1983 (Seite 117f)

(Fortsetzung folgt)

Bilder der Seele

Anbetung

Ich habe Pech: meine Seele entwickelt fortwährend Widerstände. Zumal wenn ich zur Weihnachtszeit die ZEIT lese, die mich ganz offensichtlich auf den Weg der freien Entscheidung führen will. Aber doch die Suggestiv-Frage stellt (als gehe es nur um den Wohnsitz der Seele):

ZEIT Titel Seele Dez 2017

Und gleich darunter: „Muss die Kirche immer voll sein?“ Ein Pro und Contra zu einer nicht nur spirituellen Frage. –  Ein Satz von Evelyn Finger (contra) bleibt mir in Erinnerung: „Alle, die je aus Glaubensgründen gehasst wurden, wissen, dass sie mit weniger Frömmigkeit sicherer leben. Das belegt auch eine aktuelle Studie der deutschen Kirchen zur Religionsfreiheit: Diese ist ein rares Gut – und in frommeren Regionen unbekannt.“

Und dann hake ich mich fest auf der Seite „Glauben & Zweifeln“, einer Rubrik, die selber die Dichotomie festschreibt. Nein, das gilt wiederum nicht für mich, wenn das Zeichen & besagt, dass beide Begriffe zusammengehören. Es ist das Gemälde, das mich innehalten lässt, nicht nur das farbige Bild vielleicht, sondern auch die Idee, es mit Einzel-Stichworten zu umrahmen: Der Monfort-Altar – Der Maler – Die Details – Die Szene – Die Hände – Die Augen – Die Gaben – Die Farben.

ZEIT Goes Weihnachten 2017

Zu allererst die Bemerkung, dass auf der ZEIT im Querformat das Gemälde von Hugo van der Goes sich tatsächlich im ORIGINALformat wiedergeben lässt. Dann die Sache mit den Farben:

Als van der Goes lebte, konnte man noch keine Farben künstlich herstellen. Rot wurde aus einer Art Schildlaus gewonnen, Blau aus zerriebenem Lapislazuli. Die hier verwendeten Farben kosteten ein Vermögen. Hinter Josef erhebt sich eine seltene blaue Schwertlilie. Sie ist ein Sinnbild der Reinheit Marias.

Seltsam, ich dachte – die Lilie! Aber schon vorher las ich: „Die Akelei ist Symbol der Jungfrau Maria und der Anbetung Gottes.“ Gleich beides? Und dann: die AUGEN!

Alle Blicke treffen das Jesuskind. Trotz seiner Nacktheit und des nur zarten Strahlenkranzes [Ich sehe ihn ausschließlich bei Maria!] herrscht es über die mit Tuch und Pelzmützen, also mit den Zeichen von Macht und Reichtum ausgestatteten Männer. Der Blick des Kindes richtet sich auf uns, die Betrachter.

Stimmt das denn? Es schaut neben mich, weiter unten, ich könnte auch behaupten: weiter vorn, auf  das glänzende Goldgefäß. Und schaut etwa Josef auf das Jesuskind? Nein, er schaut nach rechts, an dem dunkelhäutigen König vorbei, als nahe aus dem Hintergrund eine vierter König, dem er das Gefäß zeigen möchte, auf das seine linke Hand weist. Und auf ihn, nicht auf das Jesuskind, schauen auch die anderen zwei Könige.  Ich verstehe: Offenbar gehöre ich nicht zu den Menschen guten Willens, den wahrhaft gläubigen Bildbetrachtern. Aber ich kann nicht davon ablassen, es zu betrachten. Ich lade mir die Wikipedia-Wiedergabe hier in den Beitrag (bitte zum Vergrößern anklicken):

Hugo_van_der_Goes_-_The_Adoration_of_the_Kings_(Monforte_Altar)_-_Google_Art_Project Hugo van der Goes (um 1470)

Wohnt hier vielleicht die Seele? Ich liebe die kleinen Darstellungen des Lebens im Hintergrund, auch die Schwertlilie und die Akelei. Und vieles andere. Oder wohnt sie eher auf dem Titelbild der ZEIT, das mir kitschig erscheint (aber auch von einem alten Meister stammt). Ich soll ins ZEITMAGAZIN schauen. Wenn es von Sabine Rückert geschrieben ist, lese ich es sehr gern:

Die Seele ist der letzte unverwechselbare und unverfügbare Kern eines Menschen. Die Wissenschaft versucht die Seele als biochemischen Vorgang im Gehirn und Körper (weg-) zu definieren. Google und Facebook bemühen sich, die Seele des Einzelnen durch Dauerbeobachtung all seiner Regungen zu durchschauen und zu erfassen. Damit wird aber nicht klar, was die Seele ist. Jeder Mensch trägt von seinem innersten Wesen nur einen Bruchteil nach außen. Wir zeigen unsere Individualität, unsere Unteilbarkeit, besonders dort, wo wie sie (mit)teilen: in der Liebe. In ihr äußert sich die Seele. In Beziehungen, lebendigen, guten, starken, ehrlichen Beziehungen, wird die Seele erkennbar. Anderen helfen, anderen etwas bringen, nicht nur für sich selbst da sein, das ist nach christlicher Vorstellung der Sinn des Lebens und gut für die Seele. Denn sie ist etwas, das von sich selbst weiter aufs Ganze verweist und das ein Zeichen der Dankbarkeit ist für den geschenkten Lebenshauch.

Und wo wohnt die Seele? An vielen Orten. „Es waren die Augen“, beschreibt der Schriftsteller Jack London einen Mann, „die die Seele unter tausend Verhüllungen verbargen und die sich mitunter, bei seltenen Gelegenheiten, öffneten und ihr erlaubten, hervorzustürzen, als wolle sie sich nackt und bloß auf ein wundervolles Abenteuer in die Welt begeben.“

Quelle: ZEIT MAGAZIN 20. Dezember 2017 Was ist die Seele? / Seite 20 „Vom Wesen der Seele“ (Sabine Rückert)

Das ist wunderschön gesagt, aber dann wird es weiter und weiter gefasst: im Gesicht, wie du lachst, wie du redest oder schaust, wie jemand geht oder die Brille hochschiebt. Vergangenheit, Kindheit, Eltern usw. usw.

Dann glaube ich am Ende doch lieber gar nichts mehr, und kehre glücklich zur Philosophie zurück, bzw. glaube lieber mit Immanuel Kant, dass wir über die Seele keine sichere Erkenntnis gewinnen können, weil wir aus der Tatsache, dass wir denken, nicht auf ein „denkendes Ding“ schließen können, also auf eine eigenständige Substanz.

Der traditionelle Seelenbegriff verlor seine Bedeutung, und an seine Stelle traten schließlich Bewusstsein und Selbst. Zugleich hat die moderne Philosophie den Dualismus von Descartes [Körper und Seele] grundlegend erschüttert. Nur noch wenige Denker glauben heute, dass Geist und Körper wesensverschiedene Substanzen sind, die unabhängig voneinander existieren können. Damit ist aber der Vorstellung einer immateriellen Seele der Boden entzogen. Die moderne Neurobiologie schließlich hat unsere Seelenvorstellungen ein weiteres Mal grundlegend verändert. Aus ihrer Sicht brauchen wir die Vorstellung einer immateriellen Seele schlicht nicht, um geistige und psychische Vorgänge zu erklären. Wir sind demnach nichts anderes als unser Gehirn.

Quelle Thomas Vašek: Philosophie! die 101 wichtigsten Fragen / Theiss/ Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2017 / Artikel SEELE Seite 53

Der Körper ist das beste Bild der Seele.

Ludwig Wittgenstein / Philosophische Untersuchungen, 1953

Wie Laien über Musik reden

Notizen aus einer Talkshow

(Noch zu ergänzen, siehe hier)

Ab 1:13:23 über Mozart [sehenswert die Gesichter der anderen Gesprächsteilnehmer während Rolando Villazón mit aufgedrehter Emphase über M. spricht ] 1:16:53 … ich glaube, M. ist so wie ein Geist, die bleibt mit uns, wirklich man spürt diese Geist, in den guten Momenten, in den schlechten Momenten, weil in Mozarts Musik, da drinnen gibt es auch die Möglichkeit, von traurig… von den Traurigkeit rauszukommen , und wenn es traurige Musik wird, da drinnen ist es auch die Möglichkeit von einem Lächeln, von Glücklichzusein, von Glücklichkeit zu finden, es ist alles zusammen, es ist ein Spiegel von unserer Seele, trotzdem ist es universell, es spricht zu einem Mexikaner, zu einem Deutschen, einem Österreicher, jemand, die liebt Schnitzel, jemand, die liebt Pacos mit Salsa, den… ] SCHÖNEBERGER: Ja, es ist auch nicht umsonst so, dass für Leute, die immer sagen „ich habe keinen Zugang zur Musik“, Mozart empfohlen wird. Mozart erreicht, wirklich wie du sagst, von Taco bis Schnitzel jeden (Lachen). HUBERTUS MEYER-BURCKHARDT: Jetzt ist Barbara aufgewachsen in einem Haushalt, wo der Vater Musiker ist, klassischer Musiker, du bist mit der Musik groß geworden… SCHÖNEBERGER: Mein Familienerkennungston war (pfeift Mozartthema) , also der Anfang vom Mozartklarinettenkonzert.

[weiter geht’s mit Überflüssigem: wieviel Musikstücke hat Mozart wirklich geschrieben, das ist ja offen usw. usw.]

[Nur dies interessiert mich an dem, was sie sagt: Familienpfiffe! Ich finde den Anfang des Klarinetten-Konzertes nicht besonders geeignet: der dringliche Charakter fehlt. Geeignet allenfalls als leises Erkennungszeichen unter Verschwörern. Wie ein Test, eine Frage. Aber das ist Ansichtssache. Zur Stoffsammlung hier.]

M’barek spricht von seinem „Klassiktrauma“ (1:21:14):

Es ist bei mir wirklich… klingt auch sehr plump, meine Mutter hat immer Klassik-Radio gehört. Und das ist meine einzige Erinnerung, was ich mit Klassik verbinde, ist morgens aufgestanden, immer dunkel, zur Schule gehen, war müde, hatte keine Lust auf Schule, und es lief Klassik im Radio. Und ich saß so beim Frühstück und ich habs gehasst. Es ist jetzt noch so, ich steig manchmal in ein Taxi, – (zu Barbara Sch., die heftig zustimmend reagiert 🙂 es tut mir leid, musste mal kurz weghören – ich sag dem Taxifahrer, wenn er fragt, (SCH: keine klassische Musik!) alles, nur keine Klassik…

SCHÖNEBERGER: Ja aber das ist doch interessant, in der Prägung, Ihr hättet das immer hören müssen, wenn ihr zu McDonald gegangen sei, dann hättet ihr das positiver konnotiert. Wie ist das bei Ihnen, Herr Precht, wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen Mozart und … (Wagner) … 1:21:50 Wagner und Rachmaninow … ?

PRECHT: Ja, also zu Wagner habe ich überhaupt keinen Zugang, meine Lieblings-Klassische-Musik ist Barockmusik. Bei mir ist das so: ich bin leicht überfordert von klassischer Musik. Also wenn Musik so ne gewisse emotionale Komplexität erreicht, so… Beethoven und gar nicht zu reden von Bruckner … oder von Wagner – dann klebt mich das irgendwann zu, und solang das so ne kristallklare Struktur hat, wie Barockmusik, dann beschwingt mich das sehr, und kann ich viel mit anfangen. Also ich mache … Mozart steht so n bisschen dazwischen .. was ja auch noch ne sehr große Verspieltheit hat, aber ab ner gewissen Schwere – Tschaikowski oder sowas, ja? – zieht mich dermaßen runter, dass ich das dann am liebsten ausmache, ja, das stimmt!

THEMENWECHSEL Ist Mozart schwer zu singen? VILLAZÓN: Ganz schwer! Etc. etc.

Man denkt als Musiker: die reden sich um Kopf und Kragen, um Gottes willen, Villazón nebenbei auch, er ist kein Laie, aber eben Sänger…

Precht beginnt mit dem sympathischen Eingeständnis „ich bin leicht überfordert von klassischer Musik“, kommt aber schließlich zu dem Satz, den tatsächlich nur jeder blutige Laie für ein Argument hält: „das zieht mich dermaßen runter“.

Es geht keineswegs darum, diesem prominenten Menschen, von dem schon soviel Intelligentes zu hören war, sogar in Talkshows, endlich mal eins auszuwischen, sondern anderen , musiknäheren Menschen klar zu sagen: das ist nicht die richtige Art, über das Thema Klassik zu sprechen. (Anderenorts spricht er sehr vernünftig über ästhetische Phänomene, ja, er ist ein begnadeter Erklärer, und ich lerne wirklich gern von ihm. Siehe hier.)

Ich wette, er lobt nur Musik, die ihn beim Lesen nicht stört. Er meint zwar, es sei die „kristallklare Struktur“, die ihm Barockmusik am leichtesten akzeptierbar macht, wahrscheinlich ist es aber nur das gleichbleibende Grundtempo und die wenig ausufernde Dynamik, die es ihm leicht macht, innerlich abzuschalten und sich störungsfrei dem gelesenen Text (oder den eigenen Gedanken) zu widmen. Das ist aber kein Verdienst der Musik! Nehmen wir doch mal eine Musik von kristallklarer Struktur, etwa die Kunst der Fuge von Bach: auch wenn wir nur ganz geringe Ansprüche an unser Hörvermögen stellen wollen, versuchen wir doch bloß, aus dieser gleichmäßigen Textur der Stimmen die relativ auffälligen Themeneinsätze herauszuhören, vielleicht sogar jeweils mitzusingen (das Thema muss Ihnen einfach bekannt sein, jede Fuge beginnt ja damit!). Ich glaube, wir hätten trotzdem alle Ohren voll damit zu tun und könnten keinesfalls dabei ein philosophisches Werk lesen, auch keinen Roman. Sollte es dennoch gelingen, ich schwöre: die Musik rauscht nur so vorüber, wie — jaja — wie ein murmelnder Bach.

Das sollte von vornherein klar sein: ein Werk, das Ansprüche stellt, muss im Mittelpunkt stehen und meine ganze Aufmerksamkeit bekommen (sonst darf ich mir kein Urteil erlauben). Ich gehe ja auch nicht ins Kino, um dort mit der Taschenlampe ein Comic-Heft zu lesen.

Das ist eine Erfahrung, die auch jeder Musiker macht: selbst Stücke, die man gut kennt, – und gerade Beethoven – kann man nicht nebenbei hören, sie fordern uns! Sie fordern uns auf, am Prozess teilzunehmen, nicht: ihn an uns vorüberlaufen zu lassen. Und das kann Arbeit machen, es ist zumindest eine energetische Leistung!

Wenn uns das Abschalten bei Barockmusik so gut gelingt, so kommt das vielleicht daher, dass sie im Zeitalter des Absolutismus entstand. Der Herrscher duldet keine ungenehmigten Ausbrüche. Wagner hatte ein feines Gespür dafür, wenn er meinte, selbst bei Haydn oder Mozart noch das Küchengeschirr klappern zu hören (die gesellschaftlichen Konventionen).

Heute gibt es noch einen zusätzlichen, übermächtigen Aspekt: fast überall, wo über Musik geredet und geurteilt wird, kommt die Kundenmentalität zum Vorschein. Der Kunde kann etwas für sein Geld verlangen, die Musik hat in der Weise störungsfrei zu funktionieren, wie er es erwartet. Und wenn sie zu emotional wird, und so komplex, dass er es nicht mehr durchschauen kann, so beschwert er sich, „dann klebt das irgendwas zu“.

Mozart allerdings hat angeblich die „Verspieltheit“, – die es gerade noch erlaubt, ihn nicht ganz ernst nehmen zu müssen. Auch er läuft unter Umständen so nett vorbei. (Ist er nicht immer ein Kind geblieben – irgendwie?) Daran hat erst Harnoncourt etwas geändert.

So schäme ich mich auch, wenn Villazón – gewiss in bester Absicht – Mozart anpreist. Und dem (ohnehin sexualisierten) Pöbel im weltweiten Publikum auch noch die Bäsle-Briefe empfiehlt. Eine semplice-Melodie von Mozart braucht größtmögliches Feingefühl auf Seiten des Rezipienten und keine simplen Assoziationen. Eigentlich dürfte nur noch Leuten, die den ganzen Beethoven kennen und lieben, erlaubt sein, Mozart zu hören. Oder darüber zu reden…

Nachwort (Sonntagmorgen)

All dies ist übrigens nur ein Aspekt der Sache. Meiner. Momentan. Und in der allmählichen Nachwirkung der Talkshow-Szenen. Ich (man) könnte es auch ganz anders sehen.

Was die Prominenten sagen, deute ich mit Blick auf das Publikum, dessen Irreführung mir nicht passt. Die Leute werden sagen: wenn der Precht, der soviel nachdenkt, sagt: klassische Musik zieht mich herunter, dann wird das wohl erst recht für uns alle gelten. Wir hören ja ohne zu denken! Wir geben uns der Musik hin und können nicht einmal gegensteuern.

Aber wenn ich seine Äußerungen im Blick auf ihn selbst deute, könnte ich vermuten: er nimmt beim Denken (Lesen) genau die Haltung ein, die angemessen ist, und versucht alles auszuschalten, was ihn daran hindert. Z.B. die von ihm etwas unglücklich beschriebene klassische Musik. Was kann er dafür, wenn die Leute jetzt nur wissen wollen, was er von den Hindernissen hält. Er liegt ihm nicht, die Hindernisse selbst in den Fokus zu nehmen: vielleicht beherbergen sie konkurrierende Denk- und Fühlsysteme, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Das ist natürlich leicht gesagt. Die Musik begleitet nicht etwa einen Film, der in unserem Kopf abläuft; die Musik ist der Film selbst, und er besteht allein aus Tönen. Und man hört sie oft nur, wenn man von allem anderen absieht. Sie funktioniert nicht anders als das Denken, – nur ganz anders.

Heute morgen las ich in der Süddeutschen Zeitung ein Protokoll zu bestimmten Stichworten aus Prechts Leben, darunter das folgende:

Anti-Mulitasking Neben meinem Studium arbeitete ich als Nachtwächter auf Messen. Während meine Kollegen Pornos schauten, büffelte ich philosophische Werke. Das wirkt schon ein bisschen nerdig, aber das war eben meine Leidenschaft. Ich war in meiner eigenen Welt, in der ich alles um mich herum ausgeblendet habe. Ich kann stundenlang konzentriert Bücher lesen und wenn mich Texte besonders überzeugen, sie auswendig zitieren. Dafür kann ich kein Auto fahren, weil ich den Verkehr nicht verstehe. Ich habe vorhin zum Beispiel nicht wahrgenommen, wie der Kellner den Kaffee an unseren Tisch gebracht hat und wie zwei Frauen sich an den hintersten Tisch gesetzt haben. Wenn ich so extrem fokussiert bin, achte ich kaum auf meine Umwelt. In einer Beziehung kann das zum Problem werden.

Quelle Süddeutsche Zeitung 21./22. Oktober (Seite 46) Ihm gelingt es wie keinem Zweiten, einem großen Publikum anspruchsvolle Philosophie zu vermitteln. Richard David Precht, 52, hat gerade den zweiten Band von „Erkenne dich selbst“, seiner dreiteiligen Geschichte der Philosophie, vollendet. In einem Düsseldorfer Restaurant spricht der Popstar unter den Philosophen über seine ungewöhnliche Kindheit und seinen plötzlichen Erfolg. (Protokolle: TAHIR CHAUDHRI)

Ich würde empfehlen, im letzten Satz des Zitates, das ich sympathisch finde, auch seine Beziehung zur Musik mitzudenken. Kein versteinertes Manko, – durchaus vergleichbar mit der Beziehung Mozarts zur Philosophie…

Protest 24.10.2017

Mein bester Klassikfreund hat mir geschrieben:

Mit allergrößtem Interesse verfolge ich Deinen Blog. Das weißt Du ja sowieso. Zuletzt aber vor allem Deinen Bericht über die NDR-Talkshow – mal jenseits meines Respekts, daß Du Dir derartige Sendungen antust 😉 aber es war natürlich hochinteressant, das zu verfolgen. Und, verzeih, aber ich finde, Du bist mt Precht da im Nachhinein (also in der Sonntags-Ergänzung) zu gnädig umgegangen. Das Problem ist und bleibt, daß solche eigentlich recht klugen Leute ganz offensichtlich nicht über die Klugheit verfügen, die Musik ernst zu nehmen, und das ist doch einigermaßen bedenklich und zwar privat verzeihbar, aber bei öffentlichen Äußerungen im Grunde unentschuldbar. Mich erinnert das an all die Alt-68er, die ich immer vor mir hatte in den 1970er bis 1990er Jahren, die altlinken Professoren, die ich sehr respektiert habe, die Politiker während meiner Zeit bei den Grünen, von Fischer bis ich weiß nicht wem. Sie konnten alle so kluge Sachen sagen, aber wenn es um ihren Musikgeschmack ging – grauenvoll. – Precht ist ein gutes Beispiel dafür. Und das darf und kann man nicht akzeptieren – und zwar gerade, weil er sonst so klug und analytisch ist. Eigentlich müßte man ihm schreiben und erklären, was an der Ernsten Musik so wichtig ist, und daß seine Einlassungen wirklich Kokolores sind. Giftiger Kokolores, sozusagen.
***

Natürlich hat er recht, sobald ich bedenke, dass es um Leute geht, deren dürftige Kompetenz allein dank ihrer Prominenz (in anderen Dingen) eine fatale Wirkung in der Öffentlichkeit zeitigt und nicht als peinliches Defizit erkannt wird. Ich muss nach einem Vergleich suchen: sagen wir, ein Mann wie Barenboim würde in einer Talkshow beiläufig behaupten, klassische Philosophen vom Kaliber eines Immanuel Kant seien Denk-Roboter ohne Seele, und Nietzsche sei nicht umsonst ein Nazi-Vordenker genannt worden. Dürfte er das, ohne dass gebildete Menschen wie Precht ihn gnadenlos korrigierten?  Es ist ja kein Unterschied des Geschmacks, sondern der zwischen Wahrheit und Irreführung. (Und natürlich ist Barenboim das Gegenteil eines  eindimensionalen Fach-Musikers!)

Kuhglocken im Allgäu

Screenshot 2017-10-03 Das Erste Sushi a abrufbar bis 2.10.2018 HIER

3:17 Natürlich kennt der Bauer jede Kuh mit Namen, auch wenn für uns eine aussieht wie die andere. Aber nicht nur das: er kann sogar jede einzelne Glocke zuordnen.

„Wenn die Kuh vom Dunklen in den Stall reinkommt, dann kann ich sagen, welche Kuh da kommt. Weil das hör i ja.“ „Moment, jede Glocke klingt anders?“ „Ja.“ „Und Sie wissen alle, wo die im Stall ihren Platz…“ „Da hat jede ihren Platz, jaja, das weiß die Kuh auch nächscht Jahr no. Die sind ja im  Winter unten im Tal, und im Frühjahr werden sie wieder raufgetrieben, da weiß jede, wo sie war. Darf man nicht sagen: blöde Kuh. 3:57

Screenshot 2017-10-03 Das Erste Sushi b Screenshots JR

Erinnerung an Südtirol (14.09.2017):

Villanders Vorm Melken a  Villanders Vorm Melken c Villanders Vorm Melken d

Villanders Vorm Melken b Sie sind noch nicht lang zurück von der Alm.

Und kennen auch hier ein anderes Leben: Täglicher Auslauf noch im September.

Villanders Auslauf der Kühe In der Ferne liegt Dreikirchen.

Handy-Fotos JR

Kuhglocken im Wallis (Schweiz): HIER

Ziegenglocken in Mittenwald (Bayern): HIER

Der gestirnte Himmel über mir

… und die Banalität als tägliches Surplus (s.a. hier)

Natur Vimeo

So las ich’s in dem Magazin Natur (Spezialheft August 2017 Seite 7) und war begeistert, dass dergleichen frei angeboten wird. Und kaum hatte ich es angesehen, fing die Mäkelei an: das gigantische Spektakel, die ungeheuerliche Realität, wird von einer schmählichen Musik begleitet, die den Namen nicht verdient.

Das ist aber noch nicht alles: ich hasse die Zeitraffertechnik, wenn sie dazu dient, kosmische Prozesse für den kleinen Fritz, der keine Geduld und darum keine Zeit hat, kurzweiliger zu gestalten. Rasende Wolken ohne Sturm, – gut, sind schneller vorbei. Aber: Blitze ohne Donner, stattdessen Pseudo-Musik, das ist Frevel.

Also mein guter Rat für heute: Ton ausschalten, Vollbild einstellen, abwarten. Und den Film alle 10 sec anhalten.

Als ich in Berlin zu Beginn des Musikstudiums einen Yogakurs bei Swami Dev Murti absolvierte, enttäuschte er mich, weil er uns nur „reinigen“ wollte, Atemwege und Nase, nichts was an Meditation erinnerte: „Der Körper ist wie die physische Welt“, sagte er, „Flüsse, Landschaften, Vegetation, Luftraum, ein Mikrokosmos, der dem Makrokosmos gleicht. Bleibt bei euch!“

Heute ist mir der Körper genug, um Anwesenheit, Präsenz im Raum zu spüren, und deshalb schätze ich schon die physische Violine, diesen leichten Hohlraum mit scharf gespannten Saiten (der mir als Kind allzu unspektakulär schien) und ebenso das Ungetüm des Flügels mit seiner geometrischen Tasten-Phalanx. Und nehme mir vor, nicht überrascht auf das Alter zu reagieren, z.B. eine so banale Störung wie den „Springfinger“, auch „Schnappfinger“ genannt („geh doch mal zum Arzt!“): es betrifft in meinem Fall den lächerlichen kleinen Finger der linken Hand. Man kann wie Paul Valéry Lobgesänge auf den Körper als physiologisches Phänomen schreiben, der – meine ich – nebenbei beansprucht, ICH zu sein. Oder „mir“ persönlich sogar eine ähnliche Konsistenz zuzusprechen, wie er sie ganz von Natur aus realisiert. Aber dann meldet er sich mit solch einer Banalität.

Wikipedia HIER

Ein Hilfsmittel: Hier beginnt mit Reklame = überspringen! (Danach kommt der Arzt… Ich experimentiere noch). Später mehr davon.

Doch zurück zum Anblick der Sterne.

STERNE august-sternkarte-grafik100

Einiges habe ich mir vorgemerkt für Nachtwanderungen an der Nordsee: natürlich fange ich oben an, wo ich mich auskenne (großer Bär, kleiner Bär). Aber wo ist der Orion, der mir doch sonst nie entgeht?

Was mich ansonsten dort interessiert, ja, bewegt: die Insekten. Hier bei uns hat man inzwischen hundertmal gelesen, es sei ein Rückgang des Bestandes um 80% zu verzeichnen sei. Eine Erfindung der Grünen zum Wahlkampf? Es ist offenbar nicht von einer hieb- und stichfesten neuen Studie die Rede, verdächtig oft wird der private Blick auf die insektenfreie Windschutzscheibe erwähnt. Wobei aber auch nicht erwiesen ist, – sagen dann andere -, ob sich nicht die veränderten aerodynamischen Verhältnisse an den Karosserien segensreich ausgewirkt haben könnten. Sollte es sich tatsächlich um eine übergreifende aktuelle Katastrophe handeln, so wäre mir wohl nicht nur die Zukunft der Autoindustrie, der Landwirtschaft und der Grünen-Politik egal, sondern auch der banale kleine Schnappfinger und dieser ganze gestirnte Himmel über mir.

Nachtrag 17.08.2017 (zu den 80%)

Ein Lob an die ZEIT: Nicht selten beantwortet sie mir binnen einer Woche Fragen, die ich nicht lösen konnte. Und wenn dabei eine Name auftaucht, der mir nicht zum erstenmal positiv auffällt, bin ich zufrieden. (Entschuldigung, dass ich von mir rede! Der Name folgt.)

Es geht um das Insektensterben:

Bis heute gibt es in Deutschland keine Anstrengung, mit einem breiten, qualitativ hochwertigen Insekten-Monitoring zu beginnen, weder die Deutsche Forschungsgemeinschaft noch das Bundesforschungsministerium haben bislang etwas unternommen. Die Folge: Obwohl plötzlich öffentliches Interesse für dieses Spezialthema vorhanden ist, obwohl es beinahe zum Politikum geworden ist, kann die Wissenschaft das Phänomen weder anständig beschreiben noch zweifelsfrei die Gründe bestimmen.

Aber es gibt Lichtblicke: Seit 2005 liefern 500 Freiwillige dem Umweltforschungszentrum in Halle Daten über Tagfalter in Deutschland. Noch sind die Reihen zu kurz, doch deutet sich an, dass die Populationen starken jährlichen Schwankungen unterliegen – wie vieles in der belebten Umwelt. Zusammen mit anderen europäischen Daten belegt das Monitoring, dass auf Wiesen und Weiden lebende Arten von 1990 bis 2015 um 70 Prozent zurückgegangen sind.

Das hat Folgen. Schon seit Jahren sind die Bestände von insektenfressenden Vögeln wie Feldlerche, Mönchsgrasmücke oder Singdrossel im Sinkflug. Die Hälfte aller Wildbienenarten Deutschlands stehen als bedroht auf der Roten Liste. Imker beobachten seit Jahren das Phänomen des Völkerkollapses.

Quelle DIE ZEIT 17. August 2017 Seite 29 Auf der Spur der Insekten Verschwinden gerade Käfer, Bienen, Fliegen und Schmetterlinge? Warum es so schwierig ist, das zu beantworten / Von Fritz Habekuss / Der ganze Artikel im Netz HIER

Links zum Tagfalter -Monitoring HIER

Lachen – worüber?

Kein Witz

„Unser Mund sei voll Lachens“ BWV 110. Ich hätte nicht gedacht, dass ich eines Tages auf diese Bach-Kantate, die ich seit 45 Jahren liebe, zurückkomme, um ihren Ausdruck des Lachens in Zweifel zu ziehen. Man sieht in der Auflistung, ich habe damals mitgewirkt, und einer hineingeschriebenen Widmung einiger Kollegen (an JMR) entnehme ich heute, dass wir zumindest das Magnificat genau am 21.10.72 im Kloster Einsiedeln in der Schweiz aufgeführt haben. Wir haben uns über alles gefreut, (am meisten übrigens über den Satz „Ach Herr, was ist ein Menschenkind“, weil ihn der Tölzer Knabe Andreas Stein so ergreifend sang) und wir wussten seit der Schallplatten-Produktion in Lenggries, dass die Orchester-Ouvertüre D-dur BWV 1069, die dem ersten Chorsatz der Kantate zugrundeliegt, demnach die reinste Lach-Fuge enthält. Obwohl sie völlig anders lacht als z.B. die Fuge am Anfang der Mozartschen Zauberflöte oder in den Meistersingern. Und eins ist wohl klar: so ausdauernd lacht kein Mensch, außer vielleicht beim Lach-Yoga. Aber ist das nicht bloß ein mechanisches Lachen? Es hat mit Witz oder Humor nichts zu tun. Und wenn ich mir hier bei Bach die Engel auf dem Cover ansehe, denke ich, dass man sein Lachen eher vom „Frohlocken“ her verstehen muss, in gesteigerter Form vielleicht als eine Art Dauerfreude, die mit übermütigem Tanz verbunden sein könnte, wobei fortwährend grundlos gelacht und gekichert werden darf. Ein Beispiel dieser Kantate aus jüngster Zeit, im rechten Tempo: Hier! aber nach dem Anklicken auch freudig erregt abwarten! das Lachen beginnt erst bei 1:38. Ketzerische Bemerkung: keiner der Choristen oder der Solo-Interpreten lacht. ABER: wäre es denn wirklich wünschenswert?

Unser Mund voll Lachens

Unser Mund voll Lachens Text

Merkwürdigerweise würde man hier nie sagen: Das ist aber ein gekünsteltes Lachen, – das kenne ich von manchen Leuten, besonders von Sängern und Schauspielern (die es professionell draufhaben), dass sie über einen relativ harmlosen Scherz immer etwas zu lange lachen (und zu laut). Denn in der Musik soll das Lachen – oder sagen wir besser mit Beethoven: die Freude – kein Ende nehmen, auch ohne jeden Grund; wir lachen auch nicht richtig über die Musik (außer über die gröberen Scherze, z.B. im Scherzo der „Neunten“ oder bei den Londoner „Proms“, wo es mehr in Richtung Slapstick geht), aber immerhin: wir lächeln freundlich, meinetwegen auch in Form eines Dauerlächelns, und das signalisiert: ich verstehe durchaus den Spaß der Ernsten Musik!

Von diesem Lächeln aus einer freudigen Stimmung heraus, muss das eruptive Lachen über einen Witz oder eine komische Situation unterschieden werden.

Notizen über das Lachen

Man lacht gern in Gemeinschaft, oft auch ohne rechten Grund. Lachen ist ansteckend. Freude, gute Laune, „Amüsiertheit“ – von Lachen begleitet – ist etwas ganz anderes als das Lachen über einen Witz, einen Gag, eine treffende humoristische Bemerkung (die aus der guten Laune heraus kommt). Man lacht zwar rhythmisch, mit mehreren Anschlägen, nicht nur einem Schrei, insbesondere nach der Pointe eines Witzes, aber ungeordnet, jeder auf seine Weise. Rhythmisch, aber eben – polyphon.

Es gibt ein hörbares, aber auch ein weniger hörbares, sogar stilles Lachen (nicht gemeint: Kichern, das quasi verschämt angestimmt wird, weil es nicht ganz „am Platze“ ist). Aber das einsame Lachen, z.B. das hörbare Lachen eines Lesers in der Bahn ist für die anderen Reisenden eher peinlich, jedenfalls nur in Grenzen amüsant („Sucht er Anschluss? provoziert sie eine Nachfrage? Lassen Sie uns doch mitlachen!“).

Dazu gehört aber auch: Witzemacher, ungebetene Witzeerzähler sind anstrengend. Ich will nicht lachen müssen; wer jedoch nicht mitlacht, gilt leicht als Spielverderber. Wahr ist allerdings auch, dass der Witz-Aktivist alle anderen zu Statisten macht. Und das lähmt!

Ein Witz kann nicht zweimal im gleichen Kreis erzählt werden, vor allem nicht in derselben Situation; ein witziges Musikstück kann jederzeit wiederholt werden. Wegen der zusätzlichen Komponenten: es läuft nicht auf einen einzigen unveränderlichen Gag hinaus. (Sinfonie mit dem Paukenschlag? Man kann (sollte) diesen Tutti-Effekt bei Wiederholung wenistens anders platzieren, etwas verzögern oder voreilig einschlagen lassen.)

Für das typische Lachen entscheidend ist die Wucht, die Unbeherrschtheit. Lahm lachen geht gar nicht, oder es ist parodistisch gemeint („haa – haa – haa!“), ironisch.

Geschieht eigentlich irgendetwas Lustiges, wenn man gekitzelt wird? Eine Grenzüberschreitung. Ohnehin nur von Leuten akzeptabel, die man sehr gut kennt. Warum lacht man nicht, wenn man sich selbst zu kitzeln versucht? Natürlich kann ich auch nicht über einen Witz lachen, den ich mir selbst erzähle, – er muss ja unbekannt sein -, aber über einen witzigen Einfall durchaus, ich brauche dafür nicht einmal einen Zeugen. Ich kann dann sogar innerlich lachen, oder, leicht schnaufend, nur mit dem Zwerchfell, also auch: andeutungsweise rhythmisch. –

Noch einiges zum Kitzeln: Kann ich eine Katze kitzeln? Nein, es bringt Kratzer, im besten Fall vergrault man sie.

Auch unter Menschen: Es ist wie ein Angriff, aber nur zum Spaß. Als Spaß verstehen es nur Kinder. Oder Menschen (s.o.), die sich gut kennen, (jugendlicher) Übermut gehört dazu, ich glaube nicht, dass es alte Menschen gibt, die einander mit Kitzelaktionen überraschen. Die Plötzlichkeit gehört dazu, selbst bei Ankündigung: ein Überraschungsmoment. Eine winzige Pause, eine Schrecksekunde, liegt zwischen dem körperlichen Zugriff des Anderen und dem eigenen Begreifen: ein Spaß!

Insofern passt das auch zu einer Definition des Witzes, die der Kognitionspsychologe Matthew Hurley in einem SZ-Interview gegeben hat:

Das Komische an sich gibt es nicht. Was alle Witze gemeinsam haben, ist vielmehr, wie wir sie geistig verarbeiten. Wir [die Autoren eines Buches über Humor] argumentieren, dass uns Witze zu Annahmen verleiten, die sich wenig später als falsch herausstellen.

Und später kommt er auch auf die physische Seite:

ZITAT

SZ: Gibt es ein Gen für Witze?

Hurley: Nach unserer Theorie gibt es einen evolutionären Wettbewerbsvorteil für Humor und deshalb eine biologische Grundlage, die den kognitiven und emotionalen Charakter von Humor begründet. Aber genauso spielen Entwicklung und Kultur eine Rolle dafür, wie sich die Eigenschaften entfalten.

SZ: Wie sieht es mit Slapstick aus? was ist witzig daran, wenn jemand wieder und wieder gegen eine Wand läuft?

Hurley: Das erste Mal entdecken wir einen Fehler und lachen darüber. Wir können aber auch darüber lachen, wenn der Vorgang sich wiederholt, denn dann erkennen wir, dass es einen weiteren Fehler gibt – die Unfähigkeit, aus Erfahrung zu lernen.

SZ: Sie erklären sogar das Kitzeln als eine Art Protohumor.

Hurley: J, aber das ist etwas spekulativ. Kitzeln erzeugt einen Eindruck, dass etwas Gefährliches über unsere Haut krabbelt – das ist eine unwillkürliche Annahme, der wir uns nicht entziehen können. Weil diese Illusion so stark ist und weil sie mit jeder Berührung neu belebt wird, wir aber gleichzeitig erkennen, dass dem nicht so ist, lachen wir – und können oft nicht aufhören mit dem Lachen. Es ist ein Nebenprodukt unserer Humorveranlagung und unserer Neurophysiologie.

Quelle Süddeutsche Zeitung 10./11. September 2011 Und was ist daran witzig? Wieso Scherze lustig sind, Slapsticks komisch und was Kitzeln mit Humor zu tun hat – Matthew Hurley im Gespräch [mit Hubertus Breuer]. Anlass war das eben erschienene Buch Inside Jokes: Using Humor to Reverse-Engineer the Mind  von Matthew Hurley in Zusammenarbeit mit Daniel Dennett und Reginald Adams.

Man lese auch Wikipedia über Kitzeln, Witz, Humor.

Und in diesem Blog unter: Schopenhauer, Witze, Cicero, Osterlachen, oder Witze verstehen u.a. – auch schon einmal über Hurley hier.

Zurück zu Bach: Hat er gelacht? (wie Telemann z.B. in der Schulmeisterkantate). Ja, sogar in seinen Fugen. Einmal auch gejodelt. (Cis-dur.)

Ist das Lachen nicht gerade in den monotheistischen Kulturen verpönt? Wagner hat es begriffen: Kundry hatte an der falschen Stelle gelacht. (Meine Oma hat uns Kinder gern gewarnt: Sitzet nicht da, wo die Spötter sitzen!)

In diesem Moment schneit die Post ins Haus, darunter die Zeitschrift „das orchester“. Mir schwant nicht nur Gutes, – womöglich neue Ideen zur klassischen Bespaßung?

das orchester Mai 2017

Die Musikwissenschaftlerin Maria Goeth hat den Humor in der Musik erforscht und wurde hier zu ihrem Thema befragt. Titel des Beitrags: Von Eseln, Möhren und Casting-Shows.

Für mich liegt die Schwierigkeit auch hier darin sich zu verständigen, was man unter Humor versteht. Musik-immanente Komik, mit Musik verbundener Wortwitz, Instrumental-Jokes, verhohnepipelte Klassik oder schlicht: Klamauk? Das meiste liegt auf der Hand und ist oft benannt worden, Haydn – ohne zu definieren, wie sein Humor funktioniert. (Der Paukenschlag ist als Witz zu wenig.) Die Satz-Überschriften von Satie sind bloßer Wort-Witz; ich persönlich finde sie überhaupt nicht witzig, sondern nur gewollt, auch der Humor des jungen Hindemith („Minimax“) hat mir nach zweimal Durchspielen gereicht. Und wenn ich dann lese: „Sogar Wagner konnte lustig sein.“ „Und Verdi hat nach all seinen großen dramatischen Opern mit über 50 beschlossen, dass er nun endlich etwas Heiteres schreiben müsse: den Falstaff.“ Ja, wenn es denn nun um irgendetwas „Heiteres“ gehen soll, könnte einem doch wesentlich mehr einfallen. Mir zum Beispiel als erstes Mendelssohns Sommernachtstraum oder der letzte Satz seines Violinkonzertes. Und dann geht es erst richtig los. Auch mit den Problemen: geht es darum, Jugendliche zu gewinnen oder allgemein: Klassikmuffel, die ohne grobe Scherze gar keinen Witz mitbekommen? Ich wiederum kann dem P.D.Q.Bach-Fake nichts abgewinnen. Ein Witz für Insider? Ganz im Gegenteil!

Da gibt zu denken, was in dem Artikel „Mit Begeisterung anstecken“ (Seite 18) von der Konzert- und Musiktheaterpädagogin Anastassia Tkachenko übermittelt wird:

„Expressionistische Musik können Jugendliche sehr gut nachvollziehen, viel besser als Mozart.“  Ganz wichtig ist ihr auch, dass richtige Instrumente verwendet werden, dass nicht geklimpert, sondern ernsthaft Musik gemacht wird.

Jugendliche reagieren anders auf Musik als Kinder, und – Binsenweisheit! – das meiste hängt von der Vorbildung und der Begabung ab. Und was erwachsene Musiker angeht: sie produzieren soviel Wortwitz, Quatsch und Unsinn in den Spielpausen, dass sie gar nicht das Bedürfnis haben, dem Publikum vorzuführen, dass ihr Beruf aus Clownerien besteht. Schauen Sie doch einmal ins Fernsehprogramm: Es wird weiß Gott nicht zu wenig gelacht und gejohlt. Muss man den Jugendlichen aufschwätzen, dass es auch in der Musik vor allem darum geht?

Wie lustig ist eigentlich der letzte Satz aus Mozarts Klarinettenkonzert? Wahrscheinlich gibt es da das Problem der Länge… und dass man vom langsamen Satz schon so „runtergezogen“ wird.

***

Man sollte also Witze von Albernheiten unterscheiden, die durchaus für Lachen sorgen: groteske Grimassen, komische Gangarten, unmotivierte Geräusche, jemandem rücklings auf die Schulter klopfen, künstlich erzeugte Sprachfehler usw., wobei auch Übergänge festzustellen sind.

Es gibt eine allgemeine Formel, die vielleicht einfacher zu handhaben ist als Schopenhauers Indiz der Inkongruenz, wie hier nach Matthew Hurley:

Unser Gehirn produziert ständig Vorhersagen. Es berechnet, wo ein Fußgänger hingeht, wo eine Person sagen wird, was passiert, wenn wir auf einen Knopf drücken. Dazu ,muss es aber unter Zeitdruck Annahmen machen, die sich gelegentlich als falsch herausstellen. Und es ist wichtig, dass diese, wenn nötig, so schnell wie möglich korrigiert werden. Da hilft es, wenn wir es genießen, Fehler zu entdecken. (…) Heiterkeit und Lachen sind die Belohnung für für diese Korrektur. Deshalb sind wir motiviert, ständig nach neuen Denkfehlern zu fahnden. Wir sind leidenschaftliche Fehlersucher. Heiterkeit führt uns dazu, weiter nach Denkfehlern zu suchen – weil es gut für uns ist.

Quelle  Matthew Hurley (s.o.)

Ein böser Mensch – mit Musik?

Natürlich geht das. Das Mephistophelische ist musik-affin.

Aber nicht nur das. Mephisto liebt (oder besser: bevorzugt?) vielleicht die göttlichste Musik. Zum Beispiel Mozart. Oder den Sieg des Lichtes über die Finsternis in Beethovens Fünfter. Und assoziiert damit einen eigenen Sieg.

Ich notiere nur, was ich separat festhalten will, weil es mich zum Weiterdenken motiviert. Ausgangspunkt war in diesem Fall eine Passage bei Barenboim:

Wie lässt sich erklären, dass Monster vom Kaliber Hitlers und Stalins beim Hören von Musik zu Tränen gerührt waren? Sie haben menschliche Gefühle mit Aspekten der Musik in Zusammenhang gebracht und zur selben Zeit keine Verbindung zwischen den Sphären von Ethik und Ästhetik hergestellt. Sie hielten Musik für einen sicheren Hafen außerhalb der realen Existenz und sahen sie als reine Unterhaltung an. Anders gesagt, sie ordneten die Schönheit der Musik, die ich oben als physischen Ausdruck der menschlichen Seele definiert habe, einem in ihrem Diktatorenhirn weit entlegenen Bereich zu, in dem es keine Möglichkeit der Berührung mit anderen Partien des Intellekts gab, die Denken und Verhalten direkt hätten beeinflussen können. Welcher Aspekt der Musik es auch gewesen sein mag, der sie berühren konnte, er hatte jedenfalls keinerlei Kontrolle über ihr tägliches Leben und Verhalten.

HIER ab 26:52 hat Daniel Barenboim in dem Interview etwas ausführlicher über das gleiche Thema gesprochen. Und zurück zum Text:

Diese Anomalie, die im Licht der Grausamkeiten, die die beiden Männer begangen haben, grotesk erscheint, kann im Alltagsleben normaler Leute irrelevant erscheinen. Doch der Zusammenhang zwischen Ethik und Ästhetik oder, um es konkreter zu sagen, zwischen dem Verständnis des Lebens und der Musik hat erhebliche Folgen für eine Gesellschaft, die jeden Tag mehr unter der entfremdenden Wirkung der Spezialisierung leidet. Was Musik uns lehren kann, kennt keine Grenzen, wenn wir bereit sind, sie gründlich kennenzulernen und sie nicht aus unserer geistigen Sphäre auszuschließen. Die Musik wurde viele Jahre lang in ein entferntes Reich des Vergnügens und der Evasion verwiesen, ausgehend von der Voraussetzung, dass sie den Partien unseres Gehirns, die für das Denken bestimmt sind, nichts zu sagen hat und dem Alltagsleben ebensowenig. Ein trauriger Zustand für alle, die direkt betroffen sind!

Ich breche an diesem Punkt ab – zugegeben: etwas willkürlich. Denn Barenboim spricht jetzt über den kreativen Prozess in der Musik, den es zu begreifen gelte. Der Weg zur „wesentlichen, originalen Idee“. Und dann fügt er hinzu:

Wenn es außerdem gelingt, eine Parallele zwischen diesem Prozess und der Tatsache zu finden, dass er [der Prozess] mich im Leben interessiert und betrifft, dann habe ich die wahre Natur der Musik verstanden.

Diese Parallele zu finden ergibt sich nicht zwingend aus der Musik, die ich ja auch in der Klosterzelle studieren könnte (als Lebensersatz). „Wenn es außerdem gelingt“, sagt er … wenn. Ist es zwingend? Jemand könnte wie in den alten Zeiten entgegnen: für mich hat das nichts miteinander zu tun, Musik ist Musik, und Arbeit ist Arbeit.

In der FAZ- Serie „Fragen Sie Reich-Ranicki“ wurde dem großen Literatur- und Musikfreund einmal von seiner Kollegin Eleonore Büning, die sicher selbst einen interessanten Essay geschrieben hätte, die Frage eingereicht: „Macht Musik die Menschen besser?“ Und er antwortet am 9. Oktober 2011 mit dem Artikel: Über Musik und Moral „Musik mobilisiert das Beste im Menschen. Aber sie kann auch Menschen gefügig machen. Der ursächliche Zusammenhang von Musik und Moral bleibt ein Wunschtraum, jedoch kein leerer.“ / Abzurufen HIER.

Ich habe mich seit frühen Studienzeiten immer wieder mit dieser Frage auseinandergesetzt, vor einiger Zeit auch noch einmal in schriftlicher Form, im Dezember 2015: Hier.

Zu berücksichtigen wäre zudem ein gründliches Buch von Hanno Rauterberg: Die Kunst und das gute Leben. Über die Ethik der Ästhetik. Suhrkamp 2015. ZITAT Seite 176f :

Ebenso wie es einen Kitsch des Sozialen gibt, gibt es einen Kitsch der Verunsicherung und Verstörung, und zwar dann, wenn die Verunsicherung formelhaft wird und nur mehr der Eigenbestätigung des Künstlers und seines Publikums dient. Reflexivität, wenn sie zum Selbstzweck gerät, kann ins Eitle abgleiten, und die gern attestierte Unentscheidbarkeit nichts weiter sein als Unentschiedenheit. Daher sieht sich jeder, der in der Kunst mehr erblickt als nur ein Symbol der Macht, mehr auch nur als die gute Tat, mit einer heiklen Balance konfrontiert. Das Verhältnis von Ästhetik und Ethik lebt von Aushandlung und Neujustierung, es muss ein spannungsvolles, unwägbares Miteinander bleiben.

So komme ich zu Martin Seel, auf den sich wiederum, wie ich erst gestern entdeckt habe, Peter Rinderle (kritisch) bezieht: „Musik, Emotionen und Ethik“. Allerdings auf ein anderes Werke als das von mir studierte: Eine Ästhetik der Natur. (Die Zeugnisse der Lektüre 2011 sind verschwunden beim „Blog-Bruch“ 2014). Neues hier. Also: Mitte nächster Woche Buchhandlung Jahn. Bis dahin auf eigene Faust…

***

Rinderle Cover Mit einem recht gewagten Schlusskapitel:

Rinderle letzter Teil Inhalt

Auch Martin Seels Buch ist eingetroffen; eben das, auf das sich Rinderle ab Seite 53 bezieht. Zugleich scheint mir, dass ich auf ein vorangegangenes Werk von Seel wohl nicht verzichten kann: „Ästhetik des Erscheinens“ (2000). Vielleicht ist es die Voraussetzung aller nachfolgenden?

Seel Erscheinen (2007)

Anders als geplant beginne ich (natürlich) mit dem Beitrag Seite 176 über „Das Auto als Konzertsaal“. Vom „Erleben mystischer Augenblicke“ ist da die Rede. Und es mündet in eine saftige Adorno-Kritik. Man höre zur Einstimmung das Stück, das hier eine Rolle spielt: „Stellar Region“ von John Coltrane. Denn wieder läuft alles anders als geplant:

Ich mag dem verehrten Philosophen nicht gern widersprechen, aber die Töne, die er (siehe unten) in seinem Text so ausführlich zitiert (h-b), spielt Coltrane gar nicht; wenn ich meiner Stimmgabel und meinem Ohr vertrauen darf, müsste es sich um e-d, e-d, e-d, e-d usw. handeln. Vielleicht hat er einem Saxophon-Spieler vertraut, der die transponierende Wirkung seines Instrumentes nicht berücksichtigt hat? Oder keine Noten kennt? Nicht einmal einen Halbton-Abstand (h-b) von einem Ganzton-Abstand (e-d) unterscheiden kann? Selbst von einem Berufsphilosophen würde ich erwarten, dass er das nachprüfen lässt, bevor es gedruckt wird.

Seel Coltrane Kopie aus dem genannten Buch

„Weltraum einer kurzen Improvisation“? Schon ist mein Argwohn erwacht. Wer so über Musik schreibt, ihr „in gurgelnde Tiefen“ und „schreiende Höhen“ folgt, was weiß der über mystische Augenblicke mit Musik im Auto? Welche Musik spielt da die Hauptrolle? Ich ahne es: egal welche.

Korrektur: Der zuletzt angesprochene Text gehört gar nicht zu dem Text 13 „Das Auto als Konzertsaal“, der in sich von 1 bis 9 durchgegliedert ist, sondern zu einem separaten Text 14, der überschrieben ist „Die Idee der Musik“. Ich finde beide Texte gleich problematisch (auch die Adorno-Kritik finde ich nicht mehr „saftig“),  werde sie aber an dieser Stelle nicht weiter behandeln.

Hat Donna Anna gelogen?

Eine moralische Frage zum Beginn des „Don Giovanni“

Vor 15 Jahren habe ich mich mal intensiv mit dieser Frage beschäftigt, man frage mich nicht, aus welchem Anlass. Man kann den direkten Zusammenhang nachlesen. Hier. Nein, später, der wirkliche Link soll unten folgen, hier nur vorweg der Text zu Mozarts und da Pontes Werk:

ZITAT

Stellen Sie sich vor: die Ouvertüre zu Don Giovanni ist gerade vorüber, der Vorhang öffnet sich, Sie sehen Don Giovannis Diener Leporello auf und ab gehen: „Keine Ruh bei Tag und Nacht“ schimpft er, „Ihr weilt drinnen mit der Schönen, und ich muß Wache stehen!“ Sie wissen sicher, dass er vor dem Haus der Donna Anna, der Tochter des Komturs, Wache schiebt. Don Giovanni ist dort heimlich eingestiegen, um sie in ihrem Schlafgemach zu überraschen.
200 Jahre lang hat nun eine Frage die Gemüter bewegt, – Dichter, Musiker, Regisseure, Journalisten und Philosophen haben darüber phantasiert, gegrübelt und geschrieben: Was geschah dort im Innern des Hauses?
Leporello warf seinem Herrn später an den Kopf, er habe die junge Frau vergewaltigt. Aber darauf muss man nichts geben, er war ja nicht dabei, er stand vor dem Haus und sah – genau wie wir – die beiden nur in großer Aufregung herausstürzen.
Donna Anna klammerte sich an Don Giovanni und schrie, sie wolle seinen Namen wissen. Wäre er nicht vermummt gewesen, hätte sie ihn erkannt: als Kind muss sie ihm öfters begegnet sein. Merkwürdigerweise verschwindet sie im Haus, als sie ihren Vater herbeieilen hört, – ohne die Chance zu nutzen, Don Giovanni zu identifizieren. Ihr Vater stirbt im Zweikampf, der Mörder ist auf und davon. Donna Anna hat inzwischen ihren Verlobten Ottavio zu Hilfe geholt, – zu spät: nun fordert sie von ihm furchtbare Rache. Die Erschütterung durch den Überfall und durch den Tod ihres Vaters ist verständlich, aber war da vorher womöglich noch etwas anderes?
Hat es nicht allzu lange gedauert, ehe sie hinter Don Giovanni aus dem Haus stürzte?
Ist es nicht sogar denkbar, dass die Ouvertüre bereits von einem heftigen Teil der Begegnung im Hause erzählt, – was hätte dann – kurz vor dem Schwenk auf Leporello – diese seltsame Beruhigung zu bedeuten…? Möglicherweise dient sie zur Motivierung des Perspektivenwechsels, aber vielleicht – vielleicht! – auch, um einen Moment zärtlicher Übereinkunft auf der „Nebenbühne“ anzudeuten?

1) Don Giovanni Ouvertüre ab 4’20“ bis in die Szene 10’06“ (ab 9’22“ Betroffenheit) Autor, die Szene kommentierend:
Leporello geht auf und ab. Gleich stürzen sie aus dem Haus: Don Giovanni und Donna Anna: (Lassen Sie sich durch die Munterkeit des Orchestertons nicht täuschen: auch die Ouvertüre war von dieser bösen Lebhaftigkeit.)
Jetzt eilt der Komtur herbei, Donna Anna verschwindet…. Der Komtur ist tödlich getroffen.
Noch einmal die Frage: Was geschah in Donna Annas Zimmer?
Die Romantiker, angefangen mit E.T.A. Hoffmann, haben geglaubt, sie sei von Don Giovanni „entehrt“ worden, und haben sie prompt zur Heiligen gemacht. Der Regisseur Walter Felsenstein dagegen suchte mit akribischer Deutung nachzuweisen, sie sei von der Person Don Giovannis psychisch erschüttert worden, es sei aber keineswegs zum Liebesakt gekommen. Gewalt widerspreche Don Giovannis Charakter.
Andere Deuter haben sich mit schönen Worten angeschlossen:

„Donna Anna, ein ganz junges, fragiles Mädchen von achtzehn Jahren oder jünger, die abgeschirmt von der Welt, nach strengen patriarchalischen Maßstäben erzogen wurde – sie trägt darin bereits Züge der großbürgerlichen höheren Tochter -, erlebt ausgerechnet durch Don Giovanni, der Inkarnation des männlichen Eros, zum erstenmal bewußt ihre eigene Sinnlichkeit, ihre Weiblichkeit.“ (Don Giovanni Csampai S. 16)

Aber ich frage Sie: auf welche Weise kann ein Vermummter eine Höhere Tochter beeindrucken?

Nichts ist heutzutage gefährlicher, als dies zu vermischen: eine Art Vergewaltigung, – die vom Opfer irgendwie positiv erfahren wurde. Unmöglich!!! Andererseits muss man sehen: Mozarts Don Giovanni ist nicht nur vollkommen unmoralisch, er bemüht sich auch nicht um einen Hauch von political correctness.
Erst viel später erklärt Donna Anna den Verlauf der Begegnung ihrem Verlobten Don Ottavio: sie habe den vermummten Mann, der da spät nachts in ihrem Zimmer aufgetaucht sei, zunächst für ihn, Ottavio, gehalten; habe dann den Irrtum bemerkt und versucht, sich aus seiner Umarmung zu befreien; sie habe geschrieen, der Fremde hielt ihr den Mund zu, und nur mit äußerster Kraft vermochte sie, sich durch Drehen und Winden loszureißen. Der Schurke flieht, die Angegriffene wird zur Angreiferin und verfolgt ihn bis auf die Straße.
Im Gegensatz zu Felsenstein und anderen Deutern glaube ich nicht, dass Donna Anna die reine Wahrheit erzählt; es gibt da ein verräterisches Wort, das der Dichter da Ponte ihr in den Mund legt, während Mozart ihre Schilderung durch so abwegige Tonarten lenkt, dass man seine Einschätzung der Lage unschwer errät. Donna Anna hat Don Giovanni gerade wiedererkannt und zwar – wie sie sagt – an seiner Stimme, „dieses unterdrückte Reden, dieser Wechsel der Farbe sind allzu deutliche Anzeichen“ – was meint sie, was hat sie ihn denn gerade sagen hören? Kein Zweifel, die erregten Worte „Zitto, zitto“, die er Elvira ins Ohr zischt, „Leise, leise, denn die Leute scharen sich um uns, seid ein bißchen klüger, sonst setzt Ihr Euch der Kritik aus!“

2) Don Giovanni CD 1 ab 43’42“ („Infelice!“) bis 44’42“

„Zitto, zitto!“
So ähnlich könnte er Donna Anna auch bei seinem Überfall ins Ohr gezischt haben. Daran erkennt sie ihn. Und nun rekapituliert sie die Szene, sagt aber ausdrücklich: „Schweigend nähert er sich mir, und er will mich umarmen. Ich versuche mich zu befreien, er umklammert mich fester…“
Und dabei soll er geschwiegen haben? Warum behauptet sie das? Weil das Flüstern des Vermummten sie elektrisiert hat? Die Begegnung darf in der Rückschau nicht die Intimität eines Wortaustauschs gehabt haben.
Und noch etwas: „Mein Vater eilt herbei, will wissen, wer er ist…“ – so stimmt das nicht, wir haben es ja miterlebt: sie hat das wissen wollen, der Alte hat nur geschrien: „Lass sie los, Unwürdiger, schlage dich mit mir!“ Und sie war längst wieder im Haus. Man könnte sogar meinen, dass dies die größte Beleidigung war: dass er partout unerkannt bleiben wollte, – was auch immer drinnen vorgefallen war. Dass er sie oder zumindest sich auf die bloße Gattung reduziert hat, auf Leib ohne Gesicht, allenfalls – mit Stimme. Anonymer Sex?
Ein Kernproblem der Liebe ist drastisch angesprochen: geht es um das Individuum, um den Partner oder die Partnerin oder geht es um den Körper, um das bloße Gattungsexemplar? Der Dichter Nikolaus Lenau lässt es seinen Don Juan klipp und klar sagen: „Die einz’lne kränkend schwärm ich für die Gattung.“
Die Kluft wird vielfach schöngeredet, so noch bei Walter Felsenstein, der meint: „…die erste Berührung lässt sie ihren Irrtum erkennen, aber zugleich mit ihrer entsetzten Angst wird sie von einem nie gekannten, ungeheuren Gefühl erfasst, dem sie sich nicht zu widersetzen vermag – die für Giovanni geborene Partnerin ist erwacht und stärker als Annas Bewußtsein.“ Ist schon die Liebe auf den ersten Blick schwer zu glauben, um wieviel absurder ein „nie gekanntes, ungeheures Gefühl“, ausgelöst durch einen Vermummten? Nein, darauf muss man bestehen: dass er wenigstens beschwichtigend geflüstert hat.

ZITAT-ENDE

Und heute, 15 Jahre später, sage ich immer noch, – Donna Anna hat gelogen. Erst in unserer Zeit, – und dies galt auch vor 15 Jahren -, hatte man die Stirn, physiologische Wahrheiten zu ertragen. Oder wissen wir es heute noch einmal besser?

Ich zitiere aus dem heute erworbenen Büchlein von Daniel Barenboim (siehe hier): da sagt sein Gesprächspartner Enrico Gerardi, Professor für Musikgeschichte an der Katholischen Universität Mailand:

Noch etwas möchte ich wissen. Donna Anna erzählt in dem Rezitativ, das ihrer Arie im ersten Akt vorausgeht, ihrem Verlobten Don Ottavio, was in dieser Nacht geschehen ist, also das, was wir in der ersten Szene der Oper sehen sollen. Angesichts der zahlreichen ambivalenten Elemente in Libretto und Partitur ist es mehr als legitim, sich die Frage zu stellen, ob sie die Wahrheit sagt, denn von der Antwort auf diese Frage hängt in vielfacher Hinsicht ab, wie man die Figur des Don Giovanni beurteilen soll, außerhalb der Perspektive von Anna. Ich glaube eigentlich, dass sie kaum Opfer eines sexuellen Überfalls ist, wie sie behauptet, sondern sehr einverstanden war.

Und Daniel Barenboim antwortet:

Das meine ich auch. Es ist klar, dass sie nicht die Wahrheit sagt. Aber in der ersten Szene des ersten Aktes sagt uns die Musik nicht, ob sie verführt und betrogen worden ist oder einverstanden war. In der Musik ist davon überhaupt nicht die Rede. Und während sie von Qualen spricht, ist die Musik weiterhin eher leicht. So gehen an dieser Stelle Musik und Libretto in verschiedene Richtungen. An anderer Stelle gehen sie Arm in Arm. In wieder anderen scheinen sie sich auf ambivalente Weise aufeinander zu beziehen. Ich habe ein Beispiel dafür, auf das ich noch kommen werde. Aber auch solche Entscheidungen sind Teil der tausend Überraschungen dieser Oper. Man muss nur daran denken, wie sich manche harmonischen Subtilitäten mit der Doppeldeutigkeit da Pontes verbinden. Eine Doppeldeutigkeit, die Mozart, der gut Italienisch konnte, nicht nur begriffen, sondern auch überhöht hat.

Quelle Daniel Barenboim: Musik ist alles und alles ist Musik. Erinnerungen und Einsichten. PIPER München Berlin Zürich August 2015 (Seite 126)

ZITAT aus der WDR-Sendung Musik-Passagen vom 30.01. 2002 „Körper, Trieb, Gewalt und Geist. Was die Musik zusammenhält…“ von Jan Reichow. Gesamttext HIER.

Kitschverdacht

Inbrunst und Ehrlichkeit

Where_is_the_love Ost-Timor

Ich habe beim vorigen Blog-Artikel mit der Versuchung gekämpft, zur Charakteristik des Popstücks Nr. 1 hinzuzufügen: „Kitschverdacht“, mit Erfolg, weil ich weiß, dass dies ein ästhetischer Totschläger ist. Und sofort das Gegenargument auslöst, ich wolle durch die Hintertür  des „Verstehenwollens“ doch nur die Emphase der Jugend lähmen. Dabei überrede ich mich gerade, die Melodie aufzuschreiben. Um sie zu entzaubern? Nein, – um sie vom  erotischen Video abzulösen. Ist es eigentlich erotisch – oder vielmehr: mit einem fast peinlichen Bedacht – „clean“? Ich äußerte schon die Vermutung, dass die Musik bei Jugendlichen durchaus ohne Video ihre Wirkung tut.

Und der nächste Tag bringt – wie auf Zuruf – die entsprechenden Assoziationen, Denkstoff. Die Meldung, dass es Massenprügeleien gab, und zwar zwischen Familien – man ahnt es sofort und wagt es kaum auszusprechen – natürlich zwischen „Clans“ osteuropäischer Herkunft oder aus dem Nahen Osten, von libanesischen Großfamilien war die Rede. Und ein Experte kam zu Wort, der von Parallelgesellschaften sprach, in denen bestimmte Clans das Sagen haben. Sie kollidieren mit den Rechtsvorstellungen einer neuen Umgebung, in der in erster Linie das Individuum maßgebend ist. Nicht ein Clan, sondern nur ein Individuum kann bei uns eingebürgert werden.

„Bloot is dicker wie Water“ sagt man im Bergischen Land, und dieser Spruch kommt wohl ebenfalls aus altem Clan-Denken. Für mich ist es Kitsch-Folklore.

In der Zeitung stand heute, dass Pfarrer Fliege 70 geworden ist. Für meine Mutter ein magischer Name, für mich das Zeichen dafür, dass eine tiefer gehende Verständigung zwischen uns nie mehr möglich war, bei aller Liebe. Dazu passte, dass sie das „rein Menschliche“ so hoch schätzte und sehr empfindlich auf Ironie reagierte. Sie kannte keine Ambivalenz. Oft gewannen Leute ihr Vertrauen, die mir äußerst suspekt waren. Einstiegsfrage: „Kennen Sie Fliege?“

Von Botho Strauß – bekanntermaßen umstritten – lese ich heute in der ZEIT einen – auf den ersten Blick – bedenkenswerten Artikel:

Nun ist seit Längerem der untergründige Strom beliebigen Geplappers so stark, dass davon auch die feineren Sondierungen weiter oben nicht unberührt bleiben, ja selbst oft in den Strudel des billigen Meinens geraten.

Ideenkitsch – weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester. Kitsch der Toleranz, Kitsch des Weltweiten, Humankitsch, Kitsch der Minderheiten und der Menschenrechte, Klima-Kitsch und Quoten-Kitsch. Kitsch von Kunst und Wahn – dies alles sich vorstellen als eine erstarrte Paste, ausgedrückt aus einer Tube wie von Claes Oldenburg. Dick aufgetragen, obszön vorquellende Paste aus zerquetschter Tube.

Ich weiß, – bei fast jedem Wort kann man selbstgerecht aufschreien, ein weltweiter Schwatz-Konsens wird in Frage gestellt –  jaja, ich bin zweifellos nicht anders, ich frage als erstes: wer ist denn das, Claes Oldenburg? Nie gehört. Und so kann ich Zeit gewinnen und eine recht subversive eigene Meinung andeuten. Nein, ich werde die Chance nicht verpassen, ich habe bereits etwas aus der benachbarten Spalte aufgeschnappt: Strauß beruft sich auf Ortega y Gasset, der einst eine „grundlegende Reform der Intelligenz“ forderte. Das will ich nicht verpassen, und dunkler als Strauß ist der spanische Philosoph keinesfalls, er gilt sogar als allzuleicht lesbar… Falls noch eine Voraussetzung zu klären ist: HIER ein lesenswerter Artikel von Hanno Rauterberg, Zitat:

Oldenburg will die Dinge verwandeln, vor unseren Augen. Noch die größten Alltäglichkeiten, das Klo, die Badewanne, der Stromstecker, all die Kleinigkeiten, die unser Leben bestimmen, ohne dass wir es je richtig bemerkten, scheinen sich schlangengleich gehäutet zu haben. Sie sind ihrer alten Existenz entschlüpft, zurückgeblieben ist die Hülle, erschlafft; wo aber ist der Rest hin, das wahre Wesen der Dinge?

Übrigens kann der Lesemodus , wie ich jetzt entdecke, durchaus zum Eselmodus pervertieren, da doch die halbe ZEIT-Seite, auf der der Artikel „Reform der Intelligenz“ von Botho Strauß steht, mit einem farbenprächtigen Foto geschmückt ist, das ich einfach nicht wahrgenommen habe: „Sinnbild einer ausgequetschten Gegenwart: Claes Oldenburgs Tube, von ihrem Inhalt getragen in Düsseldorf“: die rote Tube steht auf ihrer herausgepressten und erstarrten gelben Paste. – Hat mir stattdessen erst das Internet auf die rechten Sprünge verholfen? Nicht im Sinne von Botho Strauß:

Es erweist sich wohl als Illusion, dass „dem neuen Menschen“, dem Vernetzten, ein entwickelteres Sensorium entstünde für dicht verwobene Hintergründe, Beziehungen und Zusammenhänge, die jemandem, der sinnlich gleichsam auf „analoger“ Stufe zurückblieb, niemals zugänglich wären. Im Gegenteil: Von gesteigerter Empfänglichkeit, unruhigem Vorausgefühl in Zeiten des Umbruchs ist wenig zu spüren. Auch das hohe Erwarten ist aus der Schar verschwunden.

Wer ist mit dieser Schar gemeint? Gewiss, ich habe einiges an Text übersprungen. Kurz vorher war von demos bzw. populus die Rede. Nicht von wenigen oder gar einer „Schar“. Ich gehe weiter zurück:

Die Perturbierten, die Verwirrten, die den aufgewirbelten, von den Füßen ihnen zu Kopf steigenden Staub der Stunde denken, der ein wenig glitzern mag, aber schnell hinfällig wieder zu Boden sinkt. Die Äußerungen zur gegenwärtigen Lage, die mehr vergegenwärtigen wollen als promptes politisches Bekennen, leiden häufig an der nämlichen Schwäche: Sie sagen nichts als das Naheliegende. Gute Reflexion entfernt indessen ihren Gegenstand, bis er sich etwas befremdlich und damit vielleicht erkenntnisergiebiger ausnimmt als im aufgegriffenen Zustand.

Ist dies die Schar? Oder wird sie erkennbar in den Beispielen einer erkenntnisergiebigen Reflexion von Seiten der Verwirrten:

Perturbation: Ein Weltführer, der nicht führen kann, stiftet Verwirrung, ein Volksentscheid (Brexit) wider alle Vernunft stiftet Verwirrung, eine Regierungschefin überblickt die Tragweite ihrer Entscheidung nicht und stiftet Verwirrung, ein Terrorakt, eine neue Rechte stiften Verwirrung et cetera. Vielleicht legen die Verlautbarer besseres Zeugnis ab, wenn sie eine Weile innestünden der Verwirrung, deren weit ausladende Schwingung bis an sich selbst herankommen ließen, statt unverzüglich sich mit den alten Ordnungsklischees zu behelfen. (Oder als Fazit Hamlet falsch zu zitieren: Die Welt ist aus den Fugen.)

Das Internet quillt über vor Richtigstellungen dieses Merkel-Zitates… Und haben wir nicht auch zu den anderen Themen bereits alle Tonarten der Perturbation irgendwo schon erlebt, allerdings noch nie den Wunsch, dass die Verlautbarer nun endlich einmal „eine Weile innestünden der Verwirrung“, – was entweder nur falsch oder ein allzu hohes Deutsch ist.

Er tritt als Mann des Wortes oder sogar der philologischen Genauigkeit auf, wenn er fragt:

Ist es politische Unbeholfenheit, ist es mangelndes Sprachgedächtnis, ein und dasselbe Volk, sofern es sich richtig verhält, demos, wenn aber nicht, dann abschätzig populus zu rufen?

Wie bitte? Wer ruft denn populus im abschätzigen Sinne? Ich höre vor allem das Wort populistisch und könnte mir an dessen Stelle auch das Wort dem-agogisch vorstellen. Wir haben sogar gelernt, das Wort Volk in den verschiedenen „Wir-sind-das-Volk“-Chören unterschiedlich zu verstehen und nicht einfältig als „ein und dasselbe Volk“. Es sind demographisch unterscheidbare Anteile des Volkes, das nun einmal nicht völkisch zu interpretieren ist. (Selbst Leute, die dem Clan-Denken oder Ähnlichem anhängen, sind darin auszumachen. Man kann ihnen aber mit Verweis auf das Grundgesetz helfen.)

Irgendwann verhärtet sich der Verdacht: dieser Mann verbrämt sein elitäres Denken und hüllt sich sorgsam in Dunkelheit, mit zwei verschämt aufgestellten Leitlichtlein: Ortega y Gasset  und Vico. Man muss aber nur die beiden hier anklickbaren Wikipedia-Artikel überfliegen, um zu wissen, woher der Wind weht. Ortega ist durchaus nicht der mystische Exot, den man durch den Bezug auf Juan de la Cruz vermuten könnte, sondern ein Philosoph, der im Erlebnis der Weimarer Republik zu einer „Elitesoziologie“ fand. Und bei Vico fällt mir auf, dass er offenbar nicht der Erfinder einer Gesellschaft der westlichen Werte war, sondern einer Gesellschaft der „Bräuche-Gemeinschaft“, was mir deutlich einem anderen Jahrhundert anzugehören scheint, in dem er allerdings zu den fortschrittlichen Denkern gehörte. Das lässt sich natürlich heute gut über Bord werfen. Aber was kommt stattdessen? Außer Botho Strauß? Ich fürchte, – der Mensch schlechthin. Oder auch: das Rein-Menschliche.

Soziomania, Soziozentrismus. Die Gesellschaftsgesellschaft war wie die Geistesleidenschaft des 20. Jahrhunderts, soll es ewig dabei bleiben?

Spielte bei einem Epochenwechsel, wie wir ihn erleben, der Intellekt überhaupt noch eine Rolle, so würde er zunächst seine Interessenzone überprüfen und sich mit Überdruss von den entleerten Diskursen des Sozialen abwenden, dem er zuvor die Vorherrschaft über alle menschlichen Belange gesichert hatte.

„Die Gesellschaft“ war ein Spektakel des 19. und 20. Jahrhunderts. „Der Mensch“, vorerst nur eine dramatische Skizze, rückt nun an seine Stelle, ein neues Existenzial bestimmt die Handlung, ohne beim Repertoire vorangegangenen Menschseins sich absichern zu können. Man weiß noch wenig über das endgültige Drama zu sagen.

Wozu hat es einmal Wittgenstein und Beckett gegeben? Um uns vor der Hegemonie des Sozialen über Geist und Dasein zu schützen. Oder: gesellschaftsbereinigte Kunst. Rothko, Hitchcock und Jean-Pierre Melville.

Weshalb ist die Malerei im 20. Jahrhundert abstrakt geworden? Weil sie das Soziale, dem Figürlichen angebunden, nicht mehr ertragen konnte.

Das Über-Geheiß des Sozialen abzuschütteln käme heute dem Gottessturz Nietzsches gleich.

Was jetzt folgt, ist eine Parade der alten widerständigen Werte, die Botho Strauß neu zu beleben hofft, pars pro toto:

Wir werden noch einmal bei Vico neu beginnen. Das poetische Wissen wird gegen den erschöpften Intellekt wiedererstarken. Wir werden aufhören, der Jugend eine vorrangige Bedeutung beizumessen. Wir werden nur noch Väter kennen.

Ich bitte die Großväter nicht zu vergessen. Als solcher las ich gerade in der Wikipedia-Vico-Vita: Unter modern verstand Vico die cartesianische Logik; sie ermögliche Untersuchungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, die den Alten unzugänglich gewesen seien. Mit Betonung dieser Instrumente der philosophischen Kritik und der „geometrischen Methode“ vernachlässige man jedoch die Imagination, die Intuition und die Erinnerung, obwohl diese doch zentral seien für Lernen, komplexes Denken und damit für die Wahrheitsfindung. Vico war entschieden dafür, beide Methoden zu kombinieren und plädierte für eine umfassende humanistische Ausbildung junger Menschen.

Jugend („modern“) war demnach das cartesianische, naturwissenschaftliche Denken nach Cartesius (Descartes), doch zur „alten“ Weisheit gehörten Intuition & Erinnerung, poetische Einfühlung & „Andenken“. Aber vom Kombinieren ist bei Botho Strauß nicht mehr die Rede. Es ist klar, worauf er hinauswill. Rekonstruktion der alten Verbindlichkeiten. „Die „Anbindungen sind überall gekappt“, so meint er, das „Andenken“, und er ist geschmacklos genug, für seine Mahnungen eine Klimakatastrophen-Metaphorik zu benutzen:

Die stürzenden Eisklippen in der Antarktis, Signalbild der Erderwärmung, geben gleichermaßen ein warnendes Symbol für die stürzenden Klippen des Andenkens.

Anders als er meint, ist all dies leicht zu verstehen, sobald man die Schlüsselsätze kennt:

Schwer zu hacken aber ist die verschlüsselte Metaphorik. Ihr Autor läuft geringe Gefahr, seines geistigen Eigentums beraubt zu werden.

Was der Romantiker gegen die beginnende Industrieepoche war, muss der poetische Myste gegen die amusische Intellektualität der Wissensgesellschaft sein.

Seltsamerweise geht es für den poetischen Mysten am Ende aufwärts über das Mittel des Zynismus, für den allein Brecht verantwortlich sein soll, – hat es nicht Heine gegeben, Goethe in Gestalt seines Mephistopheles, und sogar Wilhelm Busch? – und in einer eben so seltsamen logischen Volte heißt es, der Zynismus habe sich in Ostdeutschland festgesetzt, sei dort jedoch gewissermaßen eingeschlafen. Im Zynismus stecke eine enorme Kraft, die nur leider restlos mit sich selbst zufrieden ist:

Die Selbstzufriedenheitsschubkraft also gilt es zu nutzen und im Handumdrehen in königliche Demut, in Staunen, Entdecken und Bewundern zu transformieren. Ein starker kleiner Transformator muss man sein. Das wäre der Anfang.

Quelle DIE ZEIT 30. März 2017 Seite 41 f Reform der Intelligenz Wir leben mit denkfaulem Kitsch über Minderheiten, Toleranz und Menschenrechte. Aber es gibt einen Ausweg aus dem Niedergang des Denkens. Von Botho Strauß.

Fazit: Der Berg kreiste und gebar ein Mäuslein. „Demut, Staunen, Entdecken und Bewundern.“ Wunderschön. Aber in diesem weltgeschichtlichen Zusammenhang: reiner Kitsch.

(Nachweis Foto ganz oben: Wikipedia Graffiti in Osttimor „Tatoli ba Kultura“ 22.5.2013)