Kategorie-Archiv: Psychologie

Wer bin ich?

Ist die Selbsterforschung ein Weg?

Es stört mich nicht, wenn man mich falsch einschätzt, weil ich Bachs Magnificat so hoch einschätze, Monteverdis Marienvesper ebenso, die ganze Gotik, ja, auch die früheren Kirchenbauten, auch die weniger himmelstrebende Romanik bis hin zu den noch viel schwerer die Erde belastenden Pyramiden. Es wäre lästig, für all dies eine Begründung zu geben, die von meiner begrenzten Person ablenkt – nicht wahr? –  von der ich nicht einmal weiß … (und wenn ja, wie viele …). Mitte der 50er Jahre habe ich angefangen, Nietzsche zu lesen, Kröner-Verlag, Nachwort von Alfred Bäumler, dem Nazi, von dessen Belastung ich nichts wusste. „Jenseits von Gut und Böse“ – das lernte ich immerhin – hat mit 1933 nichts zu tun, aber was es erkenntnistheoretisch bedeutete, ahnte ich nicht, Nietzsche war zu leicht zu verstehen! Dass es ganz anders geht, lernte ich erst 10 Jahre später, durch das Nietzsche-Buch von Karl Jaspers, gedruckt 1936, was in diesem Fall nichts Böses bedeutete. Im Vorwort stand: „Man muß aus bloßer Nietzsche-Lektüre zum Nietzsche-Studium kommen, dieses verstanden als Aneignung im Umgang mit dem Ganzen von Denkerfahrungen, das Nietzsche in unserem Zeitalter war: ein Schicksal des Menschseins selbst, das an die Grenzen und Ursprünge drängte.“ Ich weiß nicht, ob es mir damals gelang. Soweit ich weiß, hat mir dann in den 60ern Marcel Proust mehr bedeutet… was auch nicht falsch war. Doch zurück zu Nietzsche, weil ich eigentlich auf HEUTE hinauswill:

Es giebt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, dass es »unmittelbare Gewissheiten« gebe, zum Beispiel »ich denke«, oder, wie es der Aberglaube Schopenhauer’s war, »ich will«: gleichsam als ob hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme, als »Ding an sich«, und weder von Seiten des Subjekts, noch von Seiten des Objekts eine Fälschung stattfände. Dass aber »unmittelbare Gewissheit«, ebenso wie »absolute Erkenntniss« und »Ding an sich«, eine contradictio in adjecto in sich schliesst, werde ich hundertmal wiederholen: man sollte sich doch endlich von der Verführung der Worte losmachen! Mag das Volk glauben, dass Erkennen ein zu Ende-Kennen sei, der Philosoph muss sich sagen: »wenn ich den Vorgang zerlege, der in dem Satz »ich denke« ausgedrückt ist, so bekomme ich eine Reihe von verwegenen Behauptungen, deren Begründung schwer, vielleicht unmöglich ist, – zum Beispiel, dass ich es bin, der denkt, dass überhaupt ein Etwas es sein muss, das denkt, dass Denken eine Thätigkeit und Wirkung seitens eines Wesens ist, welches als Ursache gedacht wird, dass es ein »Ich« giebt, endlich, dass es bereits fest steht, was mit Denken zu bezeichnen ist, – dass ich weiss, was Denken ist. Denn wenn ich nicht darüber mich schon bei mir entschieden hätte, wonach sollte ich abmessen, dass, was eben geschieht, nicht vielleicht »Wollen« oder »Fühlen« sei? Genug, jenes »ich denke« setzt voraus, dass ich meinen augenblicklichen Zustand mit anderen Zuständen, die ich an mir kenne, vergleiche, um so festzusetzen, was er ist: wegen dieser Rückbeziehung auf anderweitiges »Wissen« hat er für mich jedenfalls keine unmittelbare »Gewissheit«. – An Stelle jener »unmittelbaren Gewissheit«, an welche das Volk im gegebenen Falle glauben mag, bekommt dergestalt der Philosoph eine Reihe von Fragen der Metaphysik in die Hand, recht eigentliche Gewissensfragen des Intellekts, welche heissen: »Woher nehme ich den Begriff Denken? Warum glaube ich an Ursache und Wirkung? Was giebt mir das Recht, von einem Ich, und gar von einem Ich als Ursache, und endlich noch von einem Ich als Gedanken-Ursache zu reden?« Wer sich mit der Berufung auf eine Art Intuition der Erkenntniss getraut, jene metaphysischen Fragen sofort zu beantworten, wie es Der thut, welcher sagt: »ich, denke, und weiss, dass dies wenigstens wahr, wirklich, gewiss ist« – der wird bei einem Philosophen heute ein Lächeln und zwei Fragezeichen bereit finden. »Mein Herr, wird der Philosoph vielleicht ihm zu verstehen geben, es ist unwahrscheinlich, dass Sie sich nicht irren: aber warum auch durchaus Wahrheit?« –

Quelle Friedrich Wilhelm Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse – Kapitel 3 (Paragraph 16) zitiert nach „Projekt Gutenberg“ Spiegel.de HIER.

Heute sehe ich das als Anfang eines richtigen Weges, auf dem mich viele andere Bücher begleiteten; ich hebe nur eins hervor, das mich in den 90er Jahren überzeugte, Francis Crick, also näher an der Wissenschaft. Vielleicht notiere ich bei Gelegenheit, was sonst noch alles auf dem Wege lag und jetzt im Bücherschrank hinter mir, z.B. von Antonio R. Damasio: „Ich fühle, also bin ich“ oder, im neuen Jahrhundert, von Joseph LeDoux: „Das Netz der Persönlichkeit / Wie unser selbst entsteht“ , dickleibig und fast ungelesen, in den letzten Jahren dagegen, gründlich durchgearbeitet, Thomas Nagel mit „Geist und Kosmos“.

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Was ist aus Thomas Metzinger geworden? Sein Buch „Bewußtsein“ begann ich am 24.12. 1995. Die SZ-Seite oben stammt aus 2003.

metzinger-bewusstsein-a Und das Gespräch mit Precht aus 2011:

Beachtenswert sind auch die Kommentare mancher Youtube-Besucher: viele Normalverbraucher halten solche Gespräche für Nonsens, weil sie sich der Gewissheit ihrer Innenperspektive nicht berauben lassen wollen. Früher hätten sie gar nicht den Saal betreten, in dem solche Gespräche stattfanden. Jetzt klicken sie rein und werden böse, dass dergleichen erlaubt ist.

Und seit neuestem gibt es das folgende Buch – wieder einmal scheint sich alles zu klären – von Michael Pauen:

pauen

Klarer geht es nicht, eine historische Zusammenfassung und eine neue Systematik. „Alles zu klären“ kann nur bedeuten: erkennen, was fehlt und was noch kommen sollte (falls sich nicht die Voraussetzungen wieder grundlegend ändern).

Warum ich all dies gerade jetzt rekapituliere? Es liegt nicht (nein! bitte nicht!) an der besinnlichen Zeit. Mein Kollege aus WDR-Zeiten, Michael Rüsenberg, dort für Jazz zuständig, veranstaltet eine interessante Reihe mit dem Titel „Gedankensprünge“, und wer einen Blick hineinwirft (HIER), weiß alles. Lesen Sie doch dort schon mal etwas weiter. Schauen Sie auch ins Archiv.

25. Nov.2016 abends

buchhandlung-bonn-161125 Bonn „buchladen 46“ Außen- und Innenperspektive

Kein Zweifel (vgl. Beweisfoto oben), ich war also dort: ab Solingen per Bahn 18:15 h, Zugchaos in Köln, an Bonn 19:20 + Wanderung in die Kaiserstraße, Vortrag bzw. Pauen im Gespräch mit Rüsenberg 20:10 bis 21:40, ab zum Bahnhof, ab Bonn 21:52, in Köln warten, Mr.Clean, und weiter 22:52, zuhaus 23:30 h. Eine Unternehmung von gut 5 Stunden. War es die Sache wert? Wenn man das Versagen der Bahn in Köln, das Getümmel in der Bahn auf der Rückfahrt von Bonn (Freitagabend, junge Leute unterwegs, nette, lebendige, aber sehr viele) etc. all diese Dinge mitbedenkt? Ja. So wie die Fahrt nach Stuttgart damals, mit dem Ziel, mittags Zehetmair mit Bach zu hören, Kind und Enkelin zu sehen und zurück nach Solingen. Ja, genauso! Die Selbstwahrnehmung, das Erleben der eigenen Mühe gehört dazu, wie zu einer Pilgerfahrt! Die Fremderfahrung, man hat beim Weiterlesen auf der Rückfahrt und später zuhaus die Stimme des Autors im Ohr. Dazu passt kein pathetischer Tagebuch-Eintrag. So ist Wissenschaft. Großartig in der geduldigen Kleinarbeit, vertrauenerweckend.

pauen-bio pauen-buch-innen-inhaltpauen-signatur

Nachtrag

Inzwischen kann man Videoclips auch aus der Veranstaltung direkt anklicken: a) Über das Erste-Person-Privileg b) Kontra Erklärungslücken-Theoretiker HIER Die Kluft zwischen Wissen und Bewusstsein.

Das Böse

Ist das Böse einfach nur Gewalt?

Es interessiert mich, fast so lange ich denken kann. Wer darf mich schlagen, mich körperlich oder psychisch tangieren, wen darf ich bestrafen? Wer muss tun, was ich verlange? Wer ist der Stärkste an der Schule? Weshalb haben sich mir bestimmte Demütigungen eingeprägt, wie oft hat meine Mutter den Gang nach Canossa erwähnt? Welcher Held war es, der einem unterlegenen Schurken mit Verachtung (!) das Leben nahm oder (noch überheblicher) schenkte. Urszenen aller Art. Habe ich wirklich als Kind in aller Unschuld Fliegen die Flügel ausgerissen, um sie in Käfer zu verwandeln? Maikäfer jedoch (wie mein Bruder) kunstvoll geköpft? Tiergeschichten bis hin zum Dschungelbuch hatten immer mit Macht zu tun, natürlich auch die Abbildung im Schmeil, zu der ich mir Geschichten ausdachte. Die Liebe zu „meiner“ Katze war mit Erinnerung an die erste Szene aus „Nils Holgerssohn“ getränkt. Die Umkehrung der Machtverhältnisse, als der Junge plötzlich winzig und die Katze riesengroß war. Eine Schlüsselfunktion in allen Bereichen der moralischen Differenzierung hatte die fatal selbsttätige Phantasie. Dann Nietzsches Buch „Jenseits von Gut und Böse“. All dies war gegenwärtig, als ich gestern nichtsahnend in die Sendung mit Markus Lanz hineinschlitterte. Ich werde ein paar Bücher einstreuen, nicht alle habe ich gründlich gelesen, manche aber wie eine Bibel.

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In der ZDF-Sendung Markus Lanz am 16. November war u.a. der Kriminalpsychologe Dr. Thomas Müller zu Gast. Hier folgt eine Nachschrift des Gesprächs (Ausschnitte), die Fragen oder Zwischenbemerkungen von Markus Lanz stehen in Klammern.

Ab 9:00 [Über das Verbrechen von Höxter]

(Herr Müller, wenn man die beiden so sieht vor Gericht, man stellt sich Menschen, die so etwas tun, anders vor. Ist das etwas, mit dem Sie häufig konfrontiert sind, haben wir ne falsche Vorstellung davon, wie jemand, der tatsächlich böse ist, wie der auszusehen hat?)

Wie stellen Sie sich denn böse Menschen vor ? (Das ist die Frage!)

feuerbach-a feuerbach-b 1965

Man stellt sich vor, dass man ein Gefühl dafür hat und fragt sich wie kann das sein dass Frauen, die aus der ganzen Bundesrepublik kamen, sogar in Tschechien sind ja ganze Anzeigen geschaltet worden, um Frauen in dieses Haus nach Höxter zu kriegen, dass man ein Gefühl dafür hat, dass irgendetwas in diesem Haus nicht stimmt. Aber offenbar war ja das Gegenteil der Fall.

Wissen Sie, ich hab in meiner beruflichen Karriere keine zwei Sätze öfters gehört wie die folgenden: wenn ein komplexes Verbrechen aufgeklärt wird wie jetzt z.B. in Höxter, und die Medien oder der Staatsanwalt präsentieren dann einen Tatverdächtigen, dann gibt’s genügend Menschen, die sagen: „Aber doch nicht der! Das war der liebe nette Nachbar, der hat mit den Kindern gespielt und hat mir geholfen das Dach reparieren, und je nach Komplexität des Verbrechens dauert es 30, 40, 50 Stunden, und dann gibt’s plötzlich genügend viele Menschen, die sagen, der war immer schon irgendwie komisch. Aber was sagt uns denn dieser allgemeine Wandel? Dass wir vollkommen unfähig sind festzustellen, was wir jemand zutrauen und was nicht. Und ich hab mit sehr sehr viel Menschen gesprochen, die hochkomplexe Verbrechen begangen haben, Serienvergewaltiger, Serienmörder und mit Bombenbauern, ich hab keinen einzigen getroffen, der gelbe Augen gehabt hat. Oder mit den Fingernägeln am Boden dahingekratzt…. Aber Sie dürfen das jetzt bitte nicht falsch verstehen, – diese Menschen schauen so aus wie Sie oder ich. (Hmhm.)

Das was sie (genau!) antreibt, das ist der große Unterschied… (genau: dieser Sadismus, diese … wie beschreibt eigentlich der Psychologe Sadismus, was ist das in Ihrer Definition? Wir haben ja nur so ne vage Vorstellung davon.)

Nun da gibt es leider Gottes eine falsche Definition, die sehr gängig ist, dass man sagt, der sexuelle Sadist bezieht aus dem Quälen des Opfers eine Befriedigung, eine sexuelle Befriedigung. Und das geht aber nen Schritt weiter: er bezieht die Befriedigung aus der Reaktion des Opfers auf das Quälen. Das heißt, das Quälen, torture, wie die Amerikaner sagen, ist eigentlich nur Mittel zum Zweck, d.h. verstorbene Opfer sind eigentlich für einen Sadisten völlig wertlos, und deswegen verwenden sie sehr viel Anstrengungen und die gesamte Intelligenz, um die Opfer so gut wie möglich zu verbergen, zu vergraben, zu verstecken, so dass man sie nie mehr findet. Aber das was sie antreibt, sind diese dunklen Phantasien. Sie müssen sich diese Menschen ein bisschen plastisch, wenn Sie gestatten, so vorstellen, als ob die ein Riesen Schwarzes Loch hätten und sie versuchen jetzt andere Menschen zu manipuieren, sie versuchen zu antizipieren, wie sie ihnen Schmerzen zufügen kann, dass sie drauf reagieren können, dass sie irgendeine Reaktion von denen bekommen in der Hoffnung, dass dieses schwarze Loch irgendwie sich füllt, hilft aber nichts, es wird immer größer.

marcuse 1971

(Hmhm. Welche Rolle spielt Sexualität dabei?)

Eine sehr sehr große. Natürlich gibt’s auch sadistische Menschen, die abgesehen von der Sexualität etwas ah … sadistische Tendenzen haben, aber die Sexualität und eben die sadistische Rolle in der Sexualität ist eine sehr große, insbesondere dann, wenn es zu schwerwiegenden Straftaten kommt. Also Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir eigentlich … die Basis dafür, – und das wissen wir heute, dass Kinder, denen in früher Zeit in ein außergewöhnlich dramatisches Erlebnis hineinkommen, gibt ihnen die Mutter Natur eine Möglichkeit, um mit diesen schwierigen Situationen umzugehen, das ist die Phantasie. Wenn ich die Augen zumache – die Dunkelheit ist der Freund der Phantasie, da kann ich mit außergewöhnlichen Momenten, mit denen ich nicht zupass komme, mit denen kann ich umgehen. Wenn ich … In der Phantasie kann ich Kampfmaschinen kreieren, ich bin plötzlich mächtig, ich hab Gewaltphantasien oder sowas. und wenn die Mutter Natur nun Sexualhormone über die jungen Körper drüberschüttet, im 12, 13, 14ten Lebensjahr, Tendenz sinkend, dann verbinden sich Gewaltphantasien mit Sexualität,und Sie haben die Basis für jedes Sexualverbrechen. Und es kann Vergewaltigung sein, es kann aber auch soweit gehen, dass die menschen tatsächlich so konditioniert sind, dass sie sagen: ich brauch den Widerstand des anderen, ich brauch die Qual, ich brauch das Mittel, das Mittel zum Zweck, wie der andere darauf reagiert, damit ich … Befriedigung krieg. Es sind eigentlich sehr kalte Menschen.

grausamkeit gewalt 1988 / 2013

(Hm… das heißt, da ist eine Tat, die wahrscheinlich über Jahre in der Phantasie schon immer wieder begangen wird, die genau und minutiös geplant ist, und das einzige, was zufällig ist, ist das Opfer, das dummerweise gerade in dem Moment verfügbar ist.)

Es ist bei diesen Menschen alles geplant! Was sie sagen, wie sie ihre Bunker bauen, welche Gegenstände sie verwenden, wie sie sich selber präsentieren oder sonst irgendwas. Bis auf eine Sache: das Opfer, das ist in der Regel zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Und dieser Planungsgrad, dieser enorme Planungsgrad, so wie Sie sagen: es wacht niemand in der Frühe auf und sagt: jetzt mache ich ein Tötungsdelikt und geht am Abend ins Bett und sagt: Nein, es war heut ein schlechter Tag, ich machs ich nicht mehr wieder. Sondern gerade bei sexuellen Tötungsdelikten war das ein Prozess, ein progredienter Prozess, der über Jahre hinweggeht, und ich kann mich erinnern, ich hab einmal jemand interviewt, der einige Frauen vergewaltigt hat und zum Schluss zwei umgebracht hat, und der hat gesagt: Meine sexuellen Phantasien sind wie ein Schloss mit tausend Räumen und jeden Tag kommen zehn neue dazu. Also diese Menschen fangen in der Frühe schon drüber phantasieren an, was sie noch machen können, und am Abend hören sie auf. Manchmal hab ich (..?..), Sie träumen sogar noch davon, wie sie diese Phantasien ausbauen können.

(14:20 Herr Fenneker, zurück nach Höxter …. was hat das mit der Stadt und den Menschen dort gemacht?) „Nachbarn“? 16:00 bis 18:50 Zwischen Höxter und dem Säuremord in Hamburg gibt es durchaus Parallelen, inwiefern?)

Müller: Planungsgrad. Man kann davon ausgehen, dass Täter, die eigentlich ein Verbrechen begehen, Kernentscheidungen treffen, bevor sie überhaupt an das Opfer denken. 19:00

27:33 Dr. Thomas Müller interviewte den Mörder Lutz Reinstrom mehrfach im Gefängnis.

(Herr Müller, Sie haben den Mann dreimal im Gefängnis getroffen, wie haben Sie diese Begegnungen in Erinnerung. Das erste Mal, das erste Gespräch.) 27:27

Zunächst einmal ein Satz dazu. Warum geht ein Kriminalpsychologe überhaupt ins Gefangenenhaus? Wir ermitteln ja nicht, wir klagen nicht an, sondern unsere Aufgabe ist es für die Organe der Strafrechtspflege die Staatsanwaltschaft, die Kollegen der Kriminalpolizei, ein zusätzliches Hilfsmittel zu sein,Verhalten zu beurteilen. Sie dürfen nicht vergessen, wir beurteilen immer Menschen, die wir noch nie gesehen haben, nur aufgrund der Entscheidungen, die sie in einem Verbrechen begangen haben, warum sie wie Kontrolle aufgenommen haben, warum sie die Opfer längere Zeit behalten haben, wie sie sie behandelt haben. Und um das zu lernen, können wir ja nicht in die Universitäten laufen, es gibt auch keine Bücher darüber, sondern – und das dürfen Sie jetzt nicht falsch verstehen – unsere Experten sitzen in den Hochsicherheitsgefängnissen.

(Jack Unterweger, auch berüchtigter Serienmörder in Österreich sehr bekannt, der Sie manipuliert hat, indem er Sie einfach 25 Minuten … oder 2 Stunden … die Zeit weiß ich nicht mehr…, der hat Sie warten lassen. Und Sie sind dann rein und haben dann so getan, als wär Ihnen das gar nicht aufgefallen, dass der 2 Stunden zu spät kommt.) Fortsetzung?

32:10 Markus Lanz: So hart das auch ist, – das Böse hat auch eine Faszination, und das erlebt man auch grade wieder, wenn man Ihnen zuhört. 32:17

Quelle des Textes: ZDF-Sendung Markus Lanz 16. November 2016 

foucault  safranski-boese 1977 / 1999

De Sade in bester Gesellschaft („das Böse hat auch eine Faszination“):

safranski-de-sade Safranski: „Das Böse“

Man gehört nicht automatisch zu den Guten, wenn man Gewaltdarstellungen vermeidet, also: virtuelle Erfahrungen mit dem Phänomen Gewalt ausspart. Sie gehört zur Realität, ob wir das in Ordnung finden oder nicht. Es ist nicht leicht, das Buch „Überwachen und Strafen / Die Geburt des Gefängnisses“ von Michel Foucault zu lesen, das mit einem mehrseitigen Augenzeugenbericht über die Vierteilung eines Menschen beginnt. Oder das Kapitel „Abenteuergeschichten“ in dem Buch „Soldaten / Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer, Berichte, in denen das Wort „töten“ nie vorkommt, obwohl es sich gerade darum handelt, – jedoch immer wieder die Bemerkung „das hat Spaß gemacht“.

***

Ist auf dem folgenden Bild das Böse dargestellt, oder (nach realen Motiven der Folterpraxis) eine Phantasie des Bösen, die verwandte Phantasien bedienen soll? (Es stammt von einem unbekannten Meister aus einem spanischen Kloster des frühen 16. Jahrhunderts.)

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Dank an B.S. für diese Entdeckung, für einen schönen Artikel über Leonard Cohen und für Lou Reeds „ROCKnROLL ANIMAL“.

Hinweis (DIE ZEIT 17. November 2016 Dossier Seite 16) betr. USA:

Blutigen Dramen von Shakespeare und anderen Werken der Weltliteratur werden neuerdings Warnungen beigelegt: Diese Schrift könne Menschen verstören, die in ihrem Leben Gewalterfahrungen machen mussten.

Und es gibt noch etwas Passendes zum Thema: Hier.

Wie die Vögel fliegen

Oder: wie Dichter den Vogelflug deuten

Hölderlin:

Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset,

Und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.

Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,

Und von Regen erfrischt rauschet das glänzende Tal,

Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch und alle gebundnen

Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.

Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist

Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.

Gerne begegnen sie sich, und irren untereinander,

Sorgenlos, und es scheint keines zu wenig, zu viel.

Denn so ordnet das Herz es an, und zu atmen die Anmut,

Sie, die geschickliche, schenkt ihnen ein göttlicher Geist.

Quelle Friedrich Hölderlin. Aus: Stuttgart hier

***

Stifter:

Und so schritten sie nun mit einander fort; über Hügel zu Hügeln, über Felder zu Feldern – und oft konnte man den Jüngling sehen, wie er an einem Wiesenbache den Hund wusch und ihn mit Gräsern und Laubwerk troknete – oft, wie sie ruhig neben einander gingen – und oft, wie der Hund neben seinem Herrn stand und die Augen zu ihm empor richtete, wenn dieser auf einer Anhöhe stille hielt und weit und breit über die Auen schaute, über die langen Streifen der Felder, über die dunkeln Fleken der Wäldchen und über die weißen Kirchthürme der Dörfer.

An dem Wege des Wanderers wallten oft die Wellen des Kornes, das jemanden gehören mußte, Zäune umgaben es, die jemand gezogen haben mußte, und Vögel flogen nach diesen und jenen Richtungen, wie nach verschiedenen Heimathen.

Quelle Adalbert Stifter. Aus: Der Hagestolz hier

***

Benn:

(…) so fallen die Tage,

bis der Ast am Himmel steht,

auf dem die Vögel einruhn

nach langem Flug.

Quelle Gottfried Benn: Aus „Ach, das ferne Land“ Statische Gedichte / Arche Zürich 1948

(Fortsetzung folgt)

Dank an JMR für Hölderlin und Stifter

 

Weinen bei Musik?

Tränen lügen nicht, vielleicht, aber wenn ein Schlager das behauptet, ist das so ähnlich, wie wenn ein Kreter versichert, alle Kreter lügen.

Ich notiere es also, obwohl mir der rechte Glaube fehlt und ich mich, wenn es mir passiert, eher elend fühle. Es beweist ja nichts, auch wenn es wiederkehrt. Ein Déjà-vu, mehr nicht. Immerhin habe ich lange gebraucht, um es abzuwerten.

Aber wenn andere davon sprechen, nehme ich es weiterhin ein bisschen ernst.

Thomas Hengelbrock ist beeindruckt von der Akustik der neuen Elbphilharmonie. Sie haben dort den Anfang der ersten Sinfonie von Brahms gespielt.

Ein unglaublicher Moment. Wir wussten sofort, mit dem ersten Paukenschlag: Das wird fantastisch. Danach haben wir den Schluss des letzten Satzes gespielt, den großen Choral, alle Bläser, alle Streicher, und es sind jedem im Raum die Tränen heruntergelaufen, wirklich jedem.

Quelle DIE ZEIT 3. November 2016 Seite 42 „Dieser Saal ist ein Meisterwerk“ Thomas Hengelbrock, der Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, über Musikertränen, trocknende Hölzer und das Geheimnis des Eröffnungskonzertes. (Im Gespräch mit Christine Lemke-Matwey).

***

Marina Abramović auf die Frage: Was wird von Ihrer Kunst bleiben?

Ich habe einen Raum geschaffen, in dem Vertrauen entsteht, weil ich mich verletzlich gezeigt habe. Deshalb können sich die Besucher öffnen gegenüber ihrer eigenen Verwundbarkeit. Ich bin der Spiegel, in dem sie sich sehen. Der Künstler braucht dazu eine energetische Aura. Ein älterer Kritiker hat einmal gesagt: „Ich hasse Künstler, ihr bringt mich zum Weinen.“

Quelle DIE ZEIT 3. November 2016 Seite 43 „Der Körper ist ein Spiegel des Kosmos“ Marina Abramović wird 70 Jahre alt und hat ihre Autobiografie geschrieben. Ein Gespräch mit der berühmten Künstlerin in New York über die Härten des Lebens und darüber, wie man durchhält und dann die letzte Performance angeht. Von Susanne Mayer.

Da oben das Wort Déjà-vu genannt wurde: es trifft nur im stark übertragenen Sinn. Es wird nicht richtiger, wenn ich dafür Déjà-écouté wähle. Die zu Tränen rührende Bewegung beim Musikhören ist etwas anderes, eine Mischung aus unmittelbar-sinnlicher Wahrnehmung (von außen) und dunkel (von innen) gefühlter (hinzugefügter) Bedeutungsschwere. Doch dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer.

Nachtrag 4. November

Natürlich fehlt hier ein Rest Arbeit, und das geht mir nach: Um diesen Blogartikel vollständig nachzuvollziehen, müsste man wissen: von welchem Choral spricht denn Hengelbrock eigentlich? Ist der Höhepunkt nicht die Wiederkehr des Alphorn-Themas, ekstatisch verschlungen mit den Antworten der Flöte usw.? Es lässt mir keine Ruhe, hatte ich nicht sowieso mal wieder vor, mir über Choralmelodien im allgemeinen und im besonderen Luft zu machen, aber eher bezogen auf Bach und die neue Orgel-CD mit Joachim Vogelsänger? Doch zunächst: welche Stelle meinte Hengelbrock genau? Was liegt näher als die kleine Eulenburg-Partitur:

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Ich gehöre noch zu denen, die aus der Kindheit Posaunenchöre nachhallen hören, vom fernen Friedhof Bethel, oder in Gestalt des einsamen Trompeters vom Turm der Pauluskirche in Bielefeld. Aber um die psychologische Wirkung eines Chorals zu beschreiben, brauchte ich mindestens zwei Seiten Text. Als erstes Stichwort würde ich mir „Feierlichkeit“ notieren. Gemessener Schritt. Blechbläser. Eherne Verkündigung. Streicherklang allein hätte zuviel Verbindlichkeit, menschliche Wärme. Aber ich müsste auch über den Melodieverlauf reden, über die Einfachheit, den Aufbau und die Abfolge der einzelnen Zeilen, ihre Logik. Ihr „So ist es“. Manchmal kommt mir nur eine Zeile des Mittelteils in den Sinn, als gebe sie melodisch einen ganz anderen Aspekt zu bedenken, weit mehr als in den Worten enthalten ist, so dass mich Rührung überkommt, – als rede meine Oma zu mir. Tröstende, liebe, nichtssagende Worte („morgen ist alles wieder gut“).

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Hier ist es die Fortspinnung der Melodie am Ende der zweiten Zeile: „Er ist mein Gott, der in der Not“, die Quintsprünge abwärts, nach all den Sekundgängen des ersten Teils, darin allerdings eine Quart aufwärts (nach „wohlgetan“), die jetzt aufgegriffen wird. Die Sequenz ist rührend, ja einfältig: Quintfall, Quart aufwärts, Quintfall, quasi geleiert: „Er ist mein Gott, der in der Not“, wobei auch sozusagen aus Versehen der mindere Reim „Not“ auf „Gott“ recht naiv hervortritt. Dann die Konsequenz „mich wohl weiß zu erhalten“, antwortend auf den Melodieteil vor dem Doppelstrich „will ich ihn halten stille“, aber als vorläufig erkennbar, denn der tiefe Zielton includiert eine Modulation, eine Vorläufigkeit, die in der letzten Zeile „drum lass ich ihn nur walten“ in Sicherheit verwandelt wird. Es ist zugleich die leicht abgewandelte Wiederkehr des Anfangs „es bleibt gerecht sein Wille“.

Bei Brahms natürlich ganz anders, da er nicht diesen, überhaupt keinen bestimmten Choral zitiert, nur das Phänomen der Modulation und der kadenzierenden Akkorde in Choralgestalt heraushebt: eine feierliche Demonstration von (Ausblick und) Rückkehr. C-dur noch im Ohr, dann: A-dur / d-moll / B-dur / Es-dur / B-dur / C-dur (mit Vorhalt) / F-dur / ausgehalten, als sei es das Ziel gewesen / G-dur – also doch ein anderes Ziel, nämlich: / C-dur, die Tonart, in der wir uns schon vor dem Choral sicher gewähnt haben, und nun C-Dur-Jubel. Der Choral demnach als letzte Beglaubigung: Ja! der Jubel ist berechtigt und wird noch gesteigert!

Viel Worte für ein einfach zu fühlendes, überwältigendes Hör-Erlebnis: Ankunft! Die Träne fließt.

ZEIT-Lektüre

Es gibt in dieser vielfältigen und vielzufaltenden, aber längst nicht mehr von Altersfalten durchzogenen Zeitung (sie ist im Lauf der Jahrzehnte gleichmäßig jünger geworden) am Donnerstag immer auch Artikel, die das Interesse kalt lassen und unbeachtet im Blattinneren und auf dem Platz der Zwischenlagerung landen, andere die auf- und umgeschlagen an anderen Orten (oder stillen Örtchen) der weiteren Lektüre harren. In der heutigen Ausgabe sind zwei von A- Z gelesene Artikel auf meinem Schreibtisch gepostet, weil zur Mehrfachlektüre vorgesehen, wobei es geschehen kann, dass sie anschließend doch unter die Räder kommen, zwischen Noten, Büchern und Heften einer zufälligen Wiederentdeckung entgegenschlummern oder unversehens zur Sicherung in einer eiligen Blog-Aktion – dank einiger Zitate – rückrufbar gemacht werden. Oder in kleine Kaufaktionen münden: 1 Buch, 1-2 Schallträger. Auch das könnte hiermit vorbereitet sein.

Wieder einmal das Schumann-Violinkonzert (siehe zuletzt hier), und ganz neu: ein Buch, das – wieder einmal – unsern Blick auf die Weltgeschichte verändern könnte (siehe zuletzt hier). Bei dieser Gelegenheit muss ich hinzufügen, welches Büchlein mir dabei immer wieder in den Sinn kommt, also abgesehen von den Großraumschriftstellern wie Spengler oder Toynbee oder in den 60er Jahren Jean Gebser:  William S. Haas: Östliches und westliches Denken / Eine Kulturmorphologie / Rowohlt rde Reinbek bei Hamburg 1967. Wobei ich die neueren Werke, die permanent weiterwirken, überspringe (z.B. Osterhammel). Es wird alles zurücktreten hinter dem neuesten 800-Seiten-Phänomen (das die Furcht vor dem anderen von Ian Kershaw über die Zeit der beiden Weltkriege in den Hintergrund verweist). Vorweg der (ahistorische) inhaltliche Verlauf bei William S. Haas:

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ZITAT zu Schumanns Violinkonzert

Als erste legte Isabelle Faust vor einem Jahr ihre Aufnahme mit dem Freiburger Barockorchester vor, es folgte Patricia Kopatchinskaja mit dem WDR Sinfonieorchester, und nun ist auch Carolin Widmanns Aufnahme mit dem European Chamber Orchestra zu haben. Die Musikerinnen, alle zur Generation der frühen 70er jahre zählend, haben endgültig jene Stufe der Rezeption gezündet, auf der es nicht mehr um eine umstrittene Rarität geht.

Denn dieses Werk gehört zum Großartigsten, was Schumann für sinfonische Besetzung geschrieben hat. Ein neuer Ton ist da zu hören, im ersten Satz blockhaft Archaisches in expressive Rückblicke drängend, im zweiten Satz subtilste Rhythmik. Mit dem Finale indes hatte schon Clara ein Problem (…).

Und am Ende heißt es dann genau darüber:

Vielleicht nimmt sich da einfach ein Subjekt zurück. [Die Rede ist von Isabelle Fausts Interpretation.] Im Finale gilt das allerdings auch fürs Genie. Schumann lässt hier eine gigantische Polonaise auf der Stelle treten, Holzbläser verbreiten einen schauerlichen sächsischen Humor, und die Geige spinnt fingerbrecherische Girlanden. Soll man das einfach schnell hinter sich bringen? Widmann und Kopatchinskaja drehen das Tempo auf 80 hoch, nur Faust lässt sich (fast) auf Roberts Angabe ein – und prompt scheint die Violine doch etwas zu sagen. Nur was? Rätsel hinter einer lächelnden Maske: Wir sollten nicht glauben, ihn jetzt zu kennen.

So endet die Rezension letztlich unbefriedigend. Zunächst ein Bekenntnis zu dem Schumann-Werk, dann ein Rückzieher ins Rätselhafte.

Quelle DIE ZEIT 13. Oktober 2016 Seite 61 / Roberts Rächerinnen / Faust, Kopachinskaja und Widmann: Drei profilierte Geigerinnen haben Schumanns Violinkonzert eingespielt. Von Volker Hagedorn.

Ich fürchte, da wartet unabweisbar Arbeit. Zumindest eine CD werde ich mir kommen lassen, nicht unbedingt Isabelle Faust (die – so Hagedorn – Schumann „behutsam mit der weiten Welt verbindet“, – das glaube ich nicht), erst recht nicht Kopatchinskaja (ihr kapriziöser Eigensinn kann hier unmöglich ins Schwarze treffen), höchstwahrscheinlich Carolin Widmann (ich werde darüber berichten). Aber zunächst möchte ich naheliegende (youtube-) Vergleiche einüben: Frank Peter Zimmermann, Gidon Kremer, Thomas Zehetmair, Christian Tetzlaff.

Meine Frage: Muss Robert noch gerächt werden („Roberts Rächerinnen“), oder ist man (?) ihm womöglich längst gerecht geworden?

Ich werde den Verdacht nicht los, dass man diesen Schumann um jeden Preis schönreden muss. Und dabei wird er doch nicht an irgendeinem willkürlich gesetzten Maßstab gemessen (sagen wir: Mendelssohn), sondern ausschließlich an ihm selbst und seinen großartigsten späten Werken.

***

Die andere Geschichte – oben schon angekündigt – steht in der Beilage ZEIT-Literatur Seite 40:

Seide, Pest und Öl Alles kommt aus Asien: Peter Frankopan will mit „Licht aus dem Osten“ unseren Blick auf die Weltgeschichte verändern. Von Alexander Cammann.

Frankopans „neue Geschichte der Welt“ schaut auf jene vergessene „Achse, um die sich der Erdball drehte“: die Region zwischen östlichem Mittelmeer und Himalaya, zwischen Schwarzem Meer und Indischem Ozean. Der Nahe und Mittlere Osten, in unserer Wahrnehmung heute ein gigantisches Krisen- und Kriegsgebiet, war jahrtausendelang das „Herz der Welt“: zwar immer von Gewalt durchzogen, aber vor allem besonders Wohlhabend und zivilisatorisch am höchsten entwickelt, sodass die übrige Welt sich dorthin orientierte – jeder wollte dort handeln und herrschen.

Viele einzelne Geschichten dieser Gegend sind wohlbekannt: die des Perserreiches und die von Alexander dem Großen, vom rasenden Siegeszug des Islams bis hin zum Kalifat, von den besessenen Kreuzzügen ins Heilige land, vom Mongolensturm. Aber Frankopan erzählt die Geschichten als historisch-geografischen Schicksalszusammenhang: aus einer riesigen Zone des Austauschs zwischen Ost und West, China, Indien und Europa, einer Region in permanenter Globalisierung, avant la lettre. Für ihn ist es kein Zufall, dass ausgerechnet in dieser Gegend alle Weltregionen entstanden – Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus.

Der Clou seiner Perspektive besteht darin, die herkömmliche Siegergeschichte der westlichen Moderne auszuhebeln.

17.10.2016 Das Buch ist da! Es kostet seinen Preis, aber davon wird nach 50 Seiten Lektüre keine Rede mehr sein.

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(Fortsetzung folgt)

Starke Meinungen

Schöne Sätze von Anne Will

Sie bringt es auf den Punkt. 2007 soll sie im SPIEGEL gesagt haben: „Wenn die große Koalition als Regierung jetzt nichts Großes leistet, bekommen die Volksparteien ein echtes Problem, sich überhaupt noch so zu nennen.“ Jetzt wird sie gefragt, ob sie zufrieden sei, dass sie vor neun Jahren die Wahlergebnisse von heute vorhergesagt habe.

ZITAT

Nein. Ich bin eher traurig darüber, was sich entwickelt hat. Offener Rassismus, wachsende Fremdenfeindlichkeit, immer mehr politisch motivierte Straftaten, das dürfte es in unserem Land nicht geben. Und ich bin wirklich entsetzt darüber, mit welcher Verachtung, mit welcher Aggressivität auf dem „System“ herumgetrampelt wird, von dem all die, die das tun, ja in immensem Maße profitieren.

Was daran beschäftigt Sie am meisten?

Die Frage, ob Menschen für Fakten und Belege überhaupt noch empfänglich sind oder ob inzwischen nur noch Gefühle und Stimmungen verfangen. Und natürlich fragen wir uns: Wie reagieren wir darauf mit der Sendung? Können wir das auflösen? Oder bedienen wir das gelegentlich sogar, weil wir Zuspitzungen suchen? Was mache ich in der Sendung mit einer rein populistischen Argumentation, die keine faktische Rückbindung mehr hat, die allein auf der Behauptung fußt: Das fühlen die Menschen aber! Das finde ich außerordentlich problematisch.

Können Sie da Beispiele nennen?

Wenn etwa einfach und ohne jeden Beweis behauptet wird, man dürfe in Deutschland nicht mehr alles sagen. Wenn behauptet wird, alle Medien seien gesteuert, würden Sachverhalte verdrehen, würden wesentliche Informationen zurückhalten, weil diese nicht in irgendeine Linie passten.

Woher kommt dieser Siegeszug des Post-Faktischen?

Früher bekam jemand mit starken Meinungen ohne jeden Beleg an der Theke nur die Zustimmung von den zwei, drei anderen, die da saßen und vielleicht nickten. Jetzt finden sich übers Netz schnell ganze Gruppen, richtige Echokammern, die jede auch noch so absurde These liken. Damit fühlt sich der Einzelne in einer Weise bestärkt, die ich für absolut gefährlich halte.

Was kann man dagegensetzen?

Gegensetzen kann man guten Journalismus: Sagen, was ist, sauber seine Arbeit machen, aufpassen, nicht nachlassen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 1./2./3. Oktober 2016 Seite 58 DAS INTERVIEW Anne Will übers REDEN (Fragen: Evelyn Roll)

Der Begriff des Post-Faktischen ist kurios, aber neuerdings in aller Munde; insbesondere, seit Angela Merkel ihn gebraucht hat. Man muss ihn nur googeln und erfährt mehr als einem lieb ist. Und wenn man den Namen Donald Trump dazusetzt, geht es ins Uferlose. Wie absurd auch immer, das Wort wird stufenweise nobilitiert, in die Nähe einer philosophischen Perspektive gerückt.

Schon Friedrich Nietzsche sagte, dass es keine Fakten gebe, nur Interpretationen. Diesen Gedanken griffen postmodernistische und relativistische Denker auf, um zu argumentieren, dass jede Version eines Ereignisses eine eigene Realität habe, dass Unwahrheiten „eine alternative Sichtweise“ darstellten, weil sowieso alles relativ sei. In den vergangenen 30 Jahren sickerte dieses Denken durch in die Medien, in die Gesellschaft und in die Politik.

Constantin Wißmann im CICERO (hier)

Es ist auch nicht falsch, das „Postfaktische“ als eine neue Dimension des Lügens anzusehen. Christian Bos erläuterte das im Kölner Stadtanzeiger und erinnerte an einen amerikanischen Philosophen, der den „Bullshitter“ erfunden hat.

Egal, ob man nun lügt oder die Wahrheit sagt, man spielt dasselbe Spiel. Der eine beugt sich den Fakten, der andere widerspricht ihnen frech. Vor 30 Jahren [?] identifizierte der amerikanischen Philosoph Harry G. Frankfurt in einem kurzen Essay noch eine dritte mögliche Position. Eine, die das Spiel um Wahrheit und Lüge schlicht ignoriert, die einfach gar keinen Bezug mehr auf die Fakten nimmt: Den „Bullshitter“. Gemeint ist der Dummschwätzer, der Märchenonkel und Schwachsinnsverbreiter, der – betritt er das Feld des Politischen – schnell zum Demagogen werden kann, zum Hetzer. „Der Bullshit“, schreibt Frankfurt, „ist ein mächtigerer Feind der Wahrheit als die Lüge.“

Quelle: http://www.ksta.de/24814972 ©2016 (s. hier).

Der Essay erschien nicht vor 30 Jahren, sondern vor gut 10 Jahren. Siehe auch hier. Ich verdankte das Büchlein seinerzeit dem Freund Berthold Seliger, ohne dass ich die Bedeutung recht erfasst hätte. Jetzt ist die Zeit endlich reif… Übrigens darf man in geeigneten Fällen auch ein zischendes deutsches Wort verwenden.

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ZITAT

Niemand kann lügen, sofern er nicht glaubt, die Wahrheit zu kennen. Zur Produktion von Bullshit ist solch eine Überzeugung nicht erforderlich. Wer lügt, reagiert auf die Wahrheit und zollt ihr zumindest in diesem Umfang Respekt. Ein aufrichtiger Mensch sagt nur, was er für wahr hält, und für den Lügner ist es unabdingbar, daß er seine Aussage für falsch hält. Der Bullshitter ist außen vor: er steht weder auf der Seite des Wahren noch auf der des Falschen. Anders als der aufrichtige Mensch und als der Lügner achtet er auf die Tatsachen nur insoweit, als sie für seinen Wunsch, mit seinen Behauptungen durchzukommen, von Belang sein mögen. Es ist ihm gleichgültig, ob seine Behauptungen die Realität korrekt beschreiben. Er wählt sie einfach so aus oder legt sie sich so zurecht, daß sie seiner Zielsetzung entsprechen.

Quelle: Harry G. Frankfurt BULLSHIT Suhrkamp Frankfurt am Main 2006 ISBN 3-518-58450-2 (Seite 62/63)

Von den Jüden

Rassismus und Verwandtes

Wolfgang Schreiber berichtete in der SZ über die Ausstellung im Bachhaus Eisenach, die hier an lässlich der Hagedorn-Rezension (siehe hier am Ende des Beitrags) schon erwähnt wurde:

Den Begriff Antisemitismus gibt es erst seit 1860, er gilt etwa für Richard Wagner und dessen fatale Schrift über „Das Judentum in der Musik“. Ins Zentrum trifft dagegen hier der Terminus „Antijudaismus“. So zeigt die Ausstellung in einer Vitrine das Faksimile der Lutherbibel des zeitgenössischen Theologen Abraham Calov, die Bach nachweislich benutzt hat. In ihr hat Herausgeber Calov zwischen die Bibeltexte Auszüge aus Luthers Schriften eingestreut. Und Bach hat in dem Buch ein halbes Dutzend Stellen angestrichen, in denen von der „Schuld“ der Juden die Rede ist: Martin Luther hält die Juden für „verworfen“, weil sie in ihrem „Unglauben“ Jesus nicht als den Erlöser anerkennen. Zu Recht seien sie aus Israel „vertrieben“ worden.

Luthers theologisch begründeter Judenhass ist mit seiner 1543 gedruckten Hauptschmähschrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ dokumentiert. Sie gipfelt in der Aufforderung „Drumb Jmer weg mit jnen“. Das erlebte seine furchtbare Wiederaufnahme 1938 im Traktat des Thüringer Landesbischofs Martin Sasse: „Martin Luther. Über die Juden. Weg mit ihnen“. Sasse ist hier so präsent wie der Hamburger Pastor Johannes Müller und dessen Buch von 1707, „Judaismus und Jüdenthum. Das ist: Ausführlicher Bericht, von des jüdischen Volcks Unglauben, Blindheit und Verstockung“.  Das Buch befand sich in der mit 81 theologischen Schriften recht solide ausgestatteten Bibliothek des Leipziger Thomaskantors Bach.

Quelle Süddeutsche Zeitung, 13. September 2016 Seite 12 Sie wollten alle Ungläubigen vertreiben Wie sich Johann Sebastian Bach für Luthers Antijudaismus begeisterte, zeigt eine Ausstellung in Eisenach.

Ob Begeisterung das richtige Wort ist für Bachs Haltung, bleibe dahingestellt. Begeisterte sich Luther für den Teufel, als er mit dem Tintenfass nach ihm warf? Was „böse“ genannt wurde und was nicht, gehörte zu den verpflichtenden Glaubensinhalten. Stand es so in der Bibel oder nicht?! Konnte, musste man es so und nicht andes lesen?

Darüberhinaus gilt jedoch: dass man als Künstler aller Ausdrucksmittel bedurfte; dazu gehörte unabdingbar auch – sagen wir – das Toben der Feinde. Da spielte z.B. das Gebot der Feindesliebe keine Rolle. Würden wir auf einen Chor wie „Sind Blitze, sind Donner“ verzichten wollen, wenn der „falsche Verräter“ in Wahrheit der wäre, der es gut mit uns meint?

Der entscheidende Punkt ist aber der Bezug auf die Realität. Gilt dieses Wüten gegen den Feind auch als Ermutigung für den Alltag? Welchen Beweis hätten wir für Bachs Verhalten im täglichen Leben? Absurde Frage: welcher Partei hätte er sich angeschlossen?

Vielen von uns ist es sicher erst aufgefallen, als in der Neuen Bachausgabe auch die alten Schreibweisen der Texte berücksichtigt wurden: Nun war in den Passionen plötzlich von „Jüden“ die Rede, und beim Hören erschrak man, ob das nicht abfällig gemeint sein könnte; was man keinesfalls begünstigen wollte. Aber niemand ging ernsthaft dieser Frage nach, – glaubte man sich doch bei Bach und Luther in sicheren Händen. Wieso eigentlich? Sie waren beide Kinder ihrer Zeit, und Luther war für ein neues Zeitgefühl erheblich verantwortlich, aber auch, so scheint es heute, für das Überdauern vieler mittelalterlicher Relikte. Wer weiß, in welchem Maße sich Reformation und Gegenreformation die Waage hielten, wenn es um die Mittel des Machterhaltes ging.

Luthers kapitale Fehler ließen sich mit Argumenten der viel späteren Aufklärung vom Halse schaffen, Bachs Matthäuspassion allerdings nicht: zu groß war ihre künstlerische Überzeugungskraft, man konnte sie nicht durch korrigierende Maßnahmen, die jeder in ihrer Verkrampftheit erkannte, hoffähig auf theologischer Ebene machen. Noch einmal Wolfgang Schreiber:

Der Protestantismus habe sich zwar vom Antijudaismus Luthers befreit, heißt es in einem Begleittext der Ausstellung, nur Bachs Passionen gäben dem „unaufgeklärten Luthertum des Barock“ noch immer eine Stimme. Das führt ins Zaudern und ins Schwanken: „Soll man sie nur noch wie Opern aufführen, im Konzertsaal, nicht in der Kirche?“ Vielleicht könne man eigens im Beiblatt zu einer Aufführung vor Fehlinterpretationen warnen, wie es der Leipziger Superintendent 1989 tat. Oder sollten Musiker gar dazu aufgefordert werden, „die verfänglichsten Stellen weniger engagiert darzubieten?“ Das Problem werde nur mit Bachs Musik gelöst, sie gewinne gerade aus den Gegensätzen ihre Überzeugungskraft – durch das Mit- und Gegeneinander der hasstriefenden Turba-Chöre und der Choräle kollektiver Glaubensstärke, dazu der Arien als subjektiv-individueller Zuneigung zu Christi Opfer.

Was für gedankliche Verbiegungen! Man sollte noch einmal Nietzsches Sätze zur Matthäuspassion lesen, dann das Buch von Hans Blumenberg und dann auch noch die diesem nicht ganz wohlgesonnene Kritik von Christoph Türcke in der ZEIT 1989: hier.

***

Aus Luthers Original-Übersetzung „Deudsch 1545 / Auffs new zugericht“ (siehe hier):

33 DA gieng Pilatus wider hin ein ins Richthaus / vnd rieff Jhesu / vnd sprach zu jm / Bistu der Jüden König?
34 Jhesus antwortet / Redestu das von dir selbs / Oder habens dir andere von mir gesagt?
35 Pilatus antwortet / Bin ich ein Jüde? Dein Volck vnd die Hohenpriester / haben dich mir vberantwortet / Was hastu gethan?
36 Jhesus antwortet / Mein Reich ist nicht von dieser welt / Were mein Reich von dieser welt / meine Diener würden drob kempffen / das ich den Jüden nicht vberantwortet würde. Aber nu ist mein Reich nicht von dannen.
37 Da sprach Pilatus zu jm / So bistu dennoch ein König? Jhesus antwortet / Du sagsts / Jch bin ein König. Jch bin dazu geboren / vnd in die welt komen / das ich die Warheit zeugen sol. Wer aus der warheit ist / der höret meine stimme.
38 Spricht Pilatus zu jm / Was ist warheit. / VND da er das gesaget / gieng er wider hin aus zu den Jüden / vnd spricht zu jnen / Jch finde keine Schuld an jm.
39 Jr habt aber eine gewonheit / das ich euch einen auff Ostern los gebe / Wolt jr nu / das ich euch der Jüden König los gebe?
40 Da schrien sie wider alle sampt / vnd sprachen / Nicht diesen / sondern Barrabam / Barrabas aber war ein Mörder.
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Zurück zum Thema:

Es ist gut, zunächst einmal zwischen Antisemitismus und Antijudaismus zu unterscheiden. Aber auch den Rassismus wohl zu unterscheiden vom bloßen Fremdenhass. Der Rassismus kann alle uns nahestehenden Menschengruppen treffen, ja, unsere nächsten Verwandten, sofern wir sie nur als nicht recht zugehörig „dingfest“ machen und so einem Außenbezirk zuordnen können. Man sehe nur, wie es den Juden in Spanien erging.

Aufgrund der langen Dauer der Reconquista und der Tatsache, daß das Judentum bis zum 14. Jahrhundert in Spanien mehr als sonst in Europa ein integraler und kulturell einflußreicher Bestandteil der Gesellschaft gewesen war, konnte nun die Suche nach dem ‚unreinen Blut‘ prinzipiell jeden treffen, die Landbevölkerung ebenso wie den spanischen Adel. Zunächst nur im Blick auf die Conversos und Marranen, sehr bald aber bezogen auf das ganze Judentum sowie auf die zwangsbekehrten Muslime (moriscos), wurde jetzt zum ersten Mal von ‚Race‚ gesprochen. Hatte der noch junge Begriff bis dahin allein in der Pferdezucht und in der Verherrlichung adeliger Geschlechter eine Rolle gespielt, so diente er jetzt der Aufspürung zu bekehrender Gruppen.

[Hier wurden zum ersten Mal] mit Hilfe des Rassenbegriffs neue, scheinbar natürliche Kategorien der Zugehörigkeit erfunden. An die Stelle des Glaubensbekenntnisses trat jetzt die Abstammung als zentrales Merkmal von Zugehörigkeit.

Quelle und Zusammenhang s.a. hier.

Als Einführung in die grundsätzlichen Probleme jeglicher Rassentheorie und auch in die Problematik der pauschalen Ablehnung einer biologistischen Sicht menschlicher Unterschiede verwende (und empfehle) ich die Ausführungen von Jörg Albrecht und Ulf von Rauchhaupt im FAZ-Netz hier („Gibt es menschliche Rassen?“).

Vom Weinen im Film

Einfach zu nah am Wasser gebaut?

Wikipedia

…widersprüchliche Untersuchungen und Studien, die häufig auf subjektivem Empfinden der Betroffenen beruhen. Diese nehmen ihr eigenes Weinen und dessen Wirkung auf ihre eigene Psyche und die Außenwirkung ihres Weinens unterschiedlich wahr. So empfand, entgegen der häufig vertretenen Ansicht, die Mehrzahl der befragten Personen ihr Weinen nicht als erleichternd.

Matthias Brandt und die Ergriffenheit über den Film Die Dinge des Lebens:

[Peter Kümmel:] Spätestens jetzt muss sie kommen, die Frage nach dem Weinen im Kino. Er sei, sagt Matthias Brandt, als Zuschauer „relativ nahe am Wasser gebaut“. Die Dinge des Lebens rühren ihn zuverlässig zu Tränen, allerdings an unvorhersehbaren Stellen (diesmal ganz am Ende), und gerade das sei ein Beleg für die Qualität des Films. Es seien übrigens meistens Glückstränen, die im Kino flössen: „Selbst Trauertränen sind Glückstränen; sie werden geweint, weil man so erleichtert ist, dass die Geschichte gelingt.“

Die Tränen der Zuschauer sind kostbar, die Tränen der Schauspieler dagegen sollten mit Misstrauen genossen werden – ungefähr so ließe sich Matthias Brandts Verhältnis zur Rührung in der Kunst zusammenfassen. Vor der „Selbstergriffenheit“ gewisser Darsteller graut ihm. Und im Zweifelsfall ist ihm die mit einer Pipette produzierte falsche Träne lieber als die herausgepresste echte. Auf der Schauspielschule hat er neidisch den jungen Frauen zugesehen, die auf Kommando weinen konnten. Er dachte damals: Die haben’s drauf! Heute sieht er die Sache anders. Es gehe darum, den „Offenbarungsdrang“ im Zaum zu halten: „Das Verbergen ist das Interessante – nicht das Entblößen.“

Quelle: DIE ZEIT 18. August 2016 Film meines Lebens Herrlich, so eine Sackgasse Matthias Brandt hat seinen Lieblingsfilm „Die Dinge des Lebens“ schon 15 Mal gesehen – und macht beim 16. Mal mit Peter Kümmel eine verblüffende Entdeckung.

Nun will ich natürlich mehr wissen über den Film, ob ich den Film kenne oder wie ich etwas darüber erfahren kann: über Die Dinge des Lebens, – und  mehr!

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Dinge_des_Lebens

Ein weiteres Zitat aus dem oben angegebenen Artikel von Peter Kümmel:

Dann beugen sich beide, Schauspieler und Berichterstatter auf ihren Stühlen nach vorn, denn nun kommt der größte Moment des Films: Pierre wurde aus dem Wagen geschleudert und liegt mit blutigem Schädel im Gras. Er ist nicht mehr ansprechbar, aber der Zuschauer ist ihm so nah wie nie: Man hört nun, was Pierre denkt. Er denkt ungefähr das, was ein Mensch denkt, der den Zustand des Halbschlafs noch ein wenig genießt: Gleich stehe ich auf, aber jetzt noch nicht. Es ist eine Szene des verzweifelten Behagens. Piccoli ruht, zu Füßen der Unfallzeugen, in seinem Sterbensschlaf wie in einem Versteck, er ahnt gar nicht, dass er am Ende ist.

(Fortsetzung folgt)

Siehe zu diesem Thema auch den Artikel hier.

Nachtrag 31.08.2016

Ein schöner Tag! (Zum Weinen!)

DVD Die Dinge des Lebens

Der Chill-Faktor

Ist „Gänsehaut“ bemerkenswert?

(Eine Notiz vom vergangenen Jahr, Abfallprodukt, ich veröffentliche sie nur, um sie los zu sein. Heute würde ich verschiedene Fragezeichen einschieben und vor allem einen neueren Aufsatz von Ferdinand Zehentreiter als Ausgangspunkt wählen, Thema: „Warum Musik keine ‚Sprache der Gefühle‘ darstellt“.)

Ganz unbedarft fühlte ich mich nicht angesichts dieses Themas: jedenfalls war es schon vor 1998, als ich über mehrere Radiosendungen hinweg versuchte, den emotionalen Wirkungen von Musik systematischer nachzugehen, auch indem ich um Feedback vonseiten des Publikums bat, woraus ein Menge Hörerpost resultierte. Ich glaubte auf dem rechten Weg zu sein, nahm 1998 an der Geneva Emotion Week (Université de Genève, Faculté de Psychologie et des Sciences de l’Education) – und kehrte ziemlich konsterniert zurück. Vielleicht hätte ich alles gründlich aufarbeiten sollen, dann hätte ich das Problem vom Hals gehabt. Soll die Wissenschaft doch weiter ihre Messungen anstellen, – sind es nicht durch die Bank Leute, die von den wirklichen Wirkungen der Musik wenig Ahnung haben? Immer dieses Gerede von den Emotionen… Was von den Laien völlig unterschätzt wird, ist der gedankliche Anteil der Musik.

Ich würde zunächst einen Aspekt völlig ablösen: die physisch spürbaren und benennbaren Effekte wie Gänsehaut und Tränen. Sie wären meiner Meinung nach separat von den emotionalen Wirkungen zu behandeln, die vorrangig aus der Introspektion stammen und allzuleicht verfälscht und übertrieben werden, auch irreführende Fragestellungen nach sich ziehen.

Ein Beispiel:

Universaler Chill-Effekt – Musik berührt uns im Innersten. Musik ist eine universelle Sprache der Gefühle. Nicht umsonst spricht man vom «Gänsehaut-Effekt», den wir beim Hören von Musik erfahren. Sie kann uns überwältigen und tief wie keine andere Kunst berühren – über alle Kulturen hinweg. Nur wenige Menschen zeigen sich immun gegen die Reize der Musik, die auch unser Filmerlebnis prägt. «Kulturplatz» trifft den Basler Filmkomponisten Niki Reiser. Einen, der weiss, wie ein Soundtrack klingen muss, damit ein Film sein Publikum erreicht. (Siehe hier.)

Dass die Musik eine universelle Sprache sei, „über alle Kulturen hinweg“, ist leeres Gerede. Wunschdenken. In der Musikethnologie gibt es zahllose Belege des vollständigen Versagens interkultureller Kommunikation. Bei jeder komplexeren Musik muss die Hör-Methode regelrecht eingeübt sein, möglichst schon in der Kindheit.

Ich beginne mit eigenen Erinnerungen, die das Phänomen Gänsehaut betreffen, den frühesten, die ich dingfest machen kann, und es entspricht wohl wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass sie erst mit der Pubertät auftauchen.

J.S.Bach: Matthäus-Passion „Barrabam“ – Schrei

Richard Wagner: Höhepunkt der Lohengrin-Vorspiels (Beckenschlag)

Bach „Ciaccona“: eine Stelle in einer bestimmten Interpretation (siehe hier)

(Ich habe all dies schon mehrfach zur Sprache gebracht, z.B. hier,  und sollte jetzt sondieren, was aus dem Zehentreiter-Ansatz an neuen Einsichten gewonnen werden kann.)