Kategorie-Archiv: Psychologie

„…’n gutes Gefühl, frei zu sein!“

Warum dann die „Angst vor der Freiheit“?

Eine sehr wichtige Erkenntnis, die sich nicht so spielerisch erschließen lässt, dass sie jedem Kind einleuchtet. Versuchen Sie doch erstmal dies. (Externes Fenster… aber kommen Sie bitte gleich zurück, Zuhören genügt.)

Kenne ich das nicht schon? Aus meinem „Brevier“? Vielleicht von demselben Autor, in Thomas Vašeks „philosophie! die 101 wichtigsten fragen“ (Theiss Hohe Luft 2017) – zum Thema Freiheit, auf der Seite 229 (daneben also, hier nicht im Bild) die Freiheitsstatue :

Also doch alles ohne Angst!? Ich zitiere, – und ich wette, dass zahllose Leserinnen und Leser (falls es sie gibt) die folgenden Zeilen lesen und den Kopf schütteln werden, weil sie es anders sehen. Sie glauben hier wieder einmal mit den üblichen Worthülsen überschüttet zu werden, einer Art Wort zum Sonntag:

Natürlich will jedermann „frei“ sein. Frei von Zwängen, die den Wünschen Grenzen setzen, den Bewegungsdrang hemmen, die Entscheidungsmöglichkeiten einschränken: jedermann will frei sein von den nicht selbstgewählten Reglementierungen des Lebens.

Aber Freiheit macht auch einsam. In der Freiheit erfährt man sich als eine selbständige, selbstverantwortliche, von den anderen getrennte Größe. Das kann ein Gefühl der Ohnmacht und der Angst erzeugen. Freiheit löst  aus selbstverständlichen, Geborgenheit gewährenden Bindungen und belastet einem mit der Aufgabe, solche Bindungen selbsttätig herzustellen. Freiheit unterhöhlt die Autorität vorgegebener Wahrheiten und zwingt einen, sich selbst Wahrheiten zu geben und wenigstens zu wählen, nach denen man sein Leben einrichten will. Das alles heißt Selbstbestimmung. Die Angst vor der Freiheit ist die Angst vor der Einsamkeit der freien, riskanten Selbstbestimmung und Selbstverantwortlichkeit. Die Angst vor der Freiheit ist Protest gegen die Zumutung, ein Ich sein zu sollen. Die Angst vor der Freiheit ist Protest gegen die Zumutung, das zufällige, vereinzelte Ich sein zu sollen, als welches man sich vorfindet. Angst vor der Freiheit ist Angst vor der eigenen Kontingenz, der Nicht-Notwendigkeit.

Ganz anders der Urlaub damals, den ich nicht vergesse, aber auch nie wieder erleben möchte, in Calpe, mit Blick auf den Peñón de Ifach, der zeichenhaft aus dem schimmernden Blau ragte, nach der unendlichen Nachtfahrt mit Beethoven, wie er sagt, dass er uns liebt, Adagio molto e mesto, „ein Akazienbaum aufs Grab meines Bruders“, später kaufe ich mir am Ort eine spanische Gitarre, damals war Udo Lindenberg relativ neu, kein Problem, ihn trivial zu finden und doch oft zu hören, selbstironisch, „Hoch im Norden“ 1974. Hier. Seitdem kehrt dieser eine Satz in penetrant melodischem Tonfall regelmäßig wieder, lebenslang, an den unpassendsten Stellen: „das ist’n gutes Gefühl, frei zu sein“. Aber zur Sache, es hat unweigerlich auch mit (der Suche nach) Wahrheit zu tun, und diese hat mit (dem Bedürfnis nach) Sicherheit zu tun. Und die Sicherheit nicht unbedingt mit Freiheit. Alles was ich eben zitiert habe und weiter zitieren werde, stammt von dem Philosophen Rüdiger Safranski. Und von ihm lernt man, dass man möglicherweise mit sich selbst, den „eigenen“ Gedanken und Überzeugungen niemals ganz zufrieden sein wird. Egal, wie frei man sich fühlt. Was fehlt, ist der archimedische Punkt außerhalb. Oder die Fähigkeit, ohne ihn zu leben. Er sagt es so:

Es ist die Angst vor der Freiheit, die an eine von einem selbst unabhängige Wahrheit glauben läßt. Man will mit seiner Wahrheit nicht alleine bleiben, und man will den Verdacht loswerden, daß man sie vielleicht nur erfunden hat. (S.195)

Es war die Angst vor der Freiheit, die ein reiches Repertoire an Denkformen hervorgebracht hat, die den Abgrund der Freiheit verdecken sollten.

Die antike Metaphysik ebenso wie die modernen Wissenschaften konstruieren gedanklich ein notwendiges Sein, in dem die Freiheit eigentlich keinen Platz hat: (…) Gerade in der Moderne, in der das Freiheitsverlangen so mächtig geworden ist, betreibt das herrschende Denken hintenherum eine Freiheitsberaubung im großen Stil. Das Bewußtsein, das Freiheit will, scheint so genau wie nie zuvor darüber Bescheid zu wissen, von welchen gesellschaftlichen, natürlichen, psychologischen Ursachen das vermeintlich freie, spontane Handeln bestimmt wird. (S.196)

Angst vor der Freiheit war es auch, die in den modernen pluralistischen Massengesellschaften die Anfälligkeit für die totalitäre Versuchung steigerte. Gerade die Pluralität konkurrierender Wahrheiten, die sich wechselseitig relativieren mußten, wirkte offenbar beängstigend. Deshalb kam es zu fundamentalistischen Zusammenrottungen um die jeweils eine Wahrheit, und deshalb wurde das europäische 20. Jahrhundert zum Zeitalter der Ideologien, des Totalitarismus, des Nationalismus und des Fundamentalismus. (S.198)

Quelle Rüdiger Safranski: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare / Fischer Frankfurt am Main 1993 / 2005 (Hanser 1990)

Eine Antwort also erspare ich mir. Da bleibt zunächst das Schlusswort vom Vakuum (Lindenberg), dann der vorsichtige Hinweis auf Beethovens Streichquartettsatz. Das alles ist 40 Jahre her, aber dem hätte ich auch heute nichts hinzuzufügen. Man brauchte nur noch 14 Minuten Zeit und Ruhe,  – schon wüsste man, was Freiheit bedeuten kann.

Ausblick: man muss die Augen offenhalten und schauen, wie einem das Wort Freiheit begegnet und ob es in dem Sinne, wie es Safranski auf Wahrheit bezieht, immer wieder etwas Erhellendes ergibt. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Perspektive. Privates Nahziel: Angenommen, wir realisieren den Besuch der Herrenhäuser Gärten. Ich denke nicht nur an Leibniz, sondern wie immer auch an Bach. (Doch darüber später.)

Wie wir Fremde sehen

Oder: Warum wir sie eher negativ beurteilen

Ein interessantes Faktum, das jetzt von der Forschung plausibel erklärt wurde. Es ist viel simpler, als man vielleicht gedacht hat. So simpel, dass man sich schämt, vielleicht selbst nach solchem Muster zu funktionieren. In meiner Volksschulzeit in Bielefeld wurden wir aus oft sehr einleuchtenden Gründen (Religionsunterricht, gemeinsamer oder getrennter Kirchgang) in zwei Gruppen eingeteilt: die evangelische und die katholische. Wenn aber auf dem Schulhof alle durcheinanderliefen, spielte diese Unterscheidung keine Rolle mehr, wichtiger war die Klassenzugehörigkeit, der Größenunterschied, die Unterscheidung, ob Junge oder Mädchen. Und doch glaubte ich eines Tages, eine Entdeckung zu machen: ich vermochte katholische Schülerinnen oder Schüler an ihrem Aussehen erkennen, dessen war ich mir ziemlich sicher. Sie sahen irgendwie dunkler aus! Heute vermute ich: es lag am Klang des Vokales o („kathool“). Sie schienen mir nicht nur äußerlich dunkler (Haare, Augen), – man konnte ihnen auch nicht trauen. Nach einer Reihe von offensichtlichen Fehlurteilen (blond, blauäugig, gut, „wie See so klar“) begann ich allerdings, die „klanglich-optische Täuschung“ zu durchschauen. Sie war nicht aus Erfahrung und Beobachtung gewonnen, sondern von meinem Gehirn produziert und nach außen projiziert. Eine typische vorgefasste Meinung, ein Vorurteil.

Es ist unmöglich vorurteilsfrei aufzuwachsen, wir übernehmen Vorurteile unserer Umgebung, und wir produzieren die Vorurteile laufend selbst – gewissermaßen als Hypothesen; aber es ist unsere wichtigste Aufgabe, sie zu durchschauen, zu verifizieren oder zu falsifizieren. Lernen zu differenzieren. Eine vielschichtige Erfahrung – diese Differenz. Zum Beispiel zu begründen, ob es falsch ist, das folgende Lied zu singen. Es nur inhaltlich abzulehnen. Klaus Groth mehr als Brahms? Als biographischen Zufall ohne besonderen Fingerzeig. Dieses youtube-Beispiel etwas altmodisch zu finden (1982). Oder bedingungslos zu lieben.

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Im folgenden Zitat müsste man vielleicht hinzudenken und betonen, dass die sogenannten „negativen“ Eigenschaften der Fremden nur so genannt werden, weil sie in unserer Perspektive so erscheinen. Es sind zunächst einmal nur distinkte Eigenschaften, die wir negativ bewerten.

Die Untersuchung (Zitat der Presseerklärung)

Andere Menschengruppen werden als negativ wahrgenommen, weil negative Eigenschaften vielfältiger und leichter zu unterscheiden sind / Kölner Sozialpsychologen präsentieren Wahrnehmungsmodell, das die Abwertung von Fremdgruppen erklärt

Wir sind gut, die anderen sind böse – das ist ja klar. Wenn man zwei Gruppen zusammenbringt, dann findet sich jede Gruppe selber besser als die andere: Fußballvereine, Mädchen und Jungen, Schulklassen. Es können in der Realität aber nicht beide besser sein. Wo liegt der Fehler? Neu ist die Erklärung von Kölner Sozialpsychologen und -psychologinnen des „Social Cognition Center Cologne“ (SOCCO): Unterscheidungen von Gruppen lassen sich am einfachsten durch negative Merkmale treffen, da negative Eigenschaften individueller sind als positive. Negative Einstellungen gegenüber Anderen entstehen also als Folge von „unschuldigen“ Wahrnehmungsprozessen. In dem Artikel „A Cognitive-Ecological Model of Intergroup Bias“ im Journal „Psychological Science“ präsentieren Dr. Hans Alves, Dr. Alex Koch und Professor Dr. Christian Unkelbach eine neue Erklärung dafür, dass Menschen Minderheiten und Fremdgruppen gegenüber oft negativ eingestellt sind.

Während die meisten bisherigen Modelle von motivationalen Ursachen ausgehen, also z.B. dem Streben nach einem eigenen Vorteil, sehen die Kölner Forscher und Forscherinnen die Gründe für eine negative Einschätzung anderer Gruppen in einem besonderen Effekt der Wahrnehmung: Gruppen definieren sich selber über positive Eigenschaften, andere aber über negative. Der Grund: Obwohl alle Gruppen ähnliche positive Eigenschaften haben, verfügen sie über negative Eigenschaften, die sehr unterschiedlich sind. So kann man alle Menschen als nett, umgänglich, zuverlässig, höflich, hilfsbereit oder fleißig beschreiben. Doch bei den schlechten Eigenschaften, gibt es ein größeres Spektrum. Die schlechten Eigenschaften sind einzigartig und werden deswegen von den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen „distinkt“ genannt, sie machen die Unterschiede. Dies kann man statistisch nachweisen und folgt aus der größeren Diversität negativer Eigenschaften und aus der größeren Häufigkeit positiver Eigenschaften.

Die in dem Modell beschriebene Entstehung negativer Einstellungen gegenüber neuartigen Gruppen wurde von den Kölner Sozialpsychologen in drei Laborexperimenten nachgewiesen, in denen Versuchspersonen verschieden auf einem virtuellen Planeten „Alien-Gruppen“ begegneten und sich einen Eindruck der Gruppen bilden sollten. Waren die distinkten Eigenschaften der Gruppen negativ, bewerteten die Versuchspersonen neue Alien-Gruppen als negativer im Vergleich zu schon bekannten Alien-Gruppen.

„Wenn wir also z.B. Migranten begegnen, schauen wir immer auf die Eigenschaften welche wir von den uns bekannten Gruppen noch nicht kennen. Wir fragen uns: was ist anders an diesen Leuten?“, erklärt Alves. „Das Gleiche tun wir auch, wenn wir z.B. in eine andere Kultur reisen. Zum Beispiel beobachten wir, dass in den USA Menschen dicker sind und mehr Waffen tragen – diese Eigenschaften assoziieren wir dann mit „Amerikanern“ und sie bilden die Grundlage unserer Beurteilung.“

„Das Problem ist, dass wir dadurch die Fremdgruppen ungewollt unfair bewerten“, so Alves. Würde man seine eigenen Gruppen auch nur aufgrund ihrer distinkten und damit negativeren Eigenschaften bewerten, hätten wir auch ein negativeres Bild von ihnen – was jeder auch selber erleben kann: „Das geschieht zum Beispiel, wenn wir von einer langen Reise nach Hause zurückkehren und auf einmal unsere eigene Kultur durch eine andere Brille sehen und erkennen was an ihr distinkt ist“, erklärt der Wissenschaftler.

Quelle Dr. Hans Alves (Gabriele Meseg-Rutzen Presse und Kommunikation) Universität zu Köln idw-online Informationsdienst Wissenschaft

Heute, 2. August 2018, die neue ZEIT Seite 36

Ijoma Mangold über Rassismus / Zitat:

Offensichtlich gibt es im Leben permanent Irritation, die durch Anderssein ausgelöst wird. Das Nicht-Ähnliche muss sich seinen Gruppenzugang stets unter erschwerten Bedingungen erkämpfen. Man muss aber nicht zu einer ethnisch-kulturellen Minderheit gehören, um diese Erfahrung zu machen. Vieles spricht dafür, dass die Gesellschaft sozial unerbittlicher sortiert als ethnisch.

(…) Vieles (…) hat eher mit Xenophobie als mit Rassismus zu tun. Xenophobie indes ist eine anthropologische Konstante. Es hat sie immer gegeben, es wird sie immer geben. Der Mensch muss sich an Neues, an alles, was anders ist als er selbst, immer erst gewöhnen, er muss sich das Fremde vertraut machen, um sich nicht bedroht zu fühlen. Das ist keine schöne Charaktereigenschaft, aber Futterneid ist auch hässlich und doch aus der Evolution nicht wegzudenken.

Wir empfehlen also einen restriktiven Gebrauch des Begriffs „Rassismus“. Man sollte ihn sich für krassen Fälle aufbewahren. Erst jüngst erklärte Alice Weidel ganze Menschengruppen zu „alimentierten Messermännern und sonstigen Taugenichtsen“.

Quelle DIE ZEIT 2. August 2018 Seite 36 Feuilleton Was ist Rassismus? Und was ist keiner? Unter dem Hashtag #MeTwo wird endlich über Alltagsrassismus diskutiert. Dabei gerät aber manches durcheinander. Von Ijoma Mangold.

Es ist unerhört wichtig, sich gegen die Argumente der AfD (und ihrer Verwandten im Geiste) zu wappnen, auch wenn sie ganz  offensichtlich schwachköpfig scheinen. Sie können auch in der Maske der Wissenschaft oder zumindest der Statistik auftreten und intelligente Gegner auf dem falschen Fuß erwischen. Ich empfehle das Büchlein „Geschichte des Rassismus“ von Christian Geulen (C.H.Beck Wissen München 2007), es kostet keine 10,-€.

In meinem Exemplar fand ich die sehr lesenswerte Besprechung eines großartigen Buches von Per Leo; ich will sie wenigstens im Ausriss wiedergeben. Autor: Thomas Steinfeld. (Man muss sich den Begriff „Unterscheidungslehren“ zueigen machen!)

Quelle Süddeutsche Zeitung 2. Dezember 2013 Detektivische Utopien Der Berliner Historiker und Philosoph Per Leo fragt nach geisteswissenschaftlichen Wurzeln von Rassismus und Judenverfolgung – eine große Studie, die Widerspruch herausfordert. Von Thomas Steinfeld

Zu ergänzen wäre diese unvollständige Kopie durch ein Zitat, das nun doch den im Titel angekündigten Widerspruch begründet. (folgt)

Warum aber gibt es diese Unterscheidungslehren, und warum radikalisieren sie sich in einer bestimmten Zeit und binnen sehr kurzer Frist (…)? Schwierig diese Fragen zu beantworten, ohne zugleich davon zu reden, worauf all diese Lehre[n] hinauslaufen: auf die Konstruktion eines idealen Selbst, auf Reinheit und Identität. Und selbstverständlich gibt es den Punkt, an dem es gewaltsam ernst wird mit diesen Lehren, dann nämlich, wenn der politische Souverän sich ihrer annimmt, als Sachwalter des Volkes, des angeblich identischen Gemeinsamen wider den nicht einmal mit sich selbst identischen Einzelnen.

Es ist seltsam, dass Per Leo diesem Schluss auf das Politische ausweicht: „Der Gedanke, dass Individualität und Persönlichkeit im Nationalsozialismus überhaupt eine Rolle gespielt haben könnten, mutet uns fremd an“, erklärt er. Uns aber mutet fremd an, dass ihn das fremd anmutet: Gewiss, der Faschismus kennt, weil er keine Differenz zwischen seinen Bürgern und dem Staat mehr gelten lassen will, Individualität vor allem als Dienst an der Gemeinschaft. Eine dienende Individualität ist aber etwas anderes als gar keine Individualität, und wenn der faschistische Staat seine Bürger einem radikalen Prinzip der Auslese unterwirft, dann ist ihm an einem gewissen Typus von Individualität sehr gelegen.Und deswegen stimmt es nicht, wenn Per Leo schreibt, der „charakterologische Denkstil“ habe eine „weltanschauliche Brücke“ zwischen den Nationalsozialisten und „der deutschen Bildungsschicht“ geschlagen. Eher ist es schon so, dass die Nationalsozialisten das „charakterologische Denken“ der deutschen „Bildungsschicht“ auf eine brutale Spitze trieben. (…). (Thomas Steinfeld)

Was niemand lesen mag

Abmahnung

Was niemand lesen mag, will ich wenigstens gespeichert haben. Es gab schon viele Meldungen dieser Art, man kann es leicht googeln, Stichworte Klima, Ignoranz, Vogel-Strauß-Reaktion, ich weiß nicht was alles… Aber will man es auch lesen?

SZ Klima Gegen die Wand 180515 (2) Foto: DPA

Quelle Süddeutsche Zeitung Dienstag 15. Mai 2018 Seite 11  Gegen die Wand Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber über das Irrsinnstempo, mit dem die Menschheit gerade auf die Katastrophe zusteuert. (Interview: Alex Rühle)

Lesen bedeutet auch: lesen wollen. Nicht nur  das Bild loben und die Tatsache, dass dieses Thema mal wieder angepackt wird. Oder die Fernsehsendung, die darüber Auskunft gibt, weshalb wir ausweichen. Angenommen sie läuft schon: werde ich durchhalten? Was steht im Teletext? Dauert ca 60 Minuten. Die Zeit habe ich nicht. Nicht jetzt. Nicht HIER.

Selbstsabotage
Warum tut der Mensch nicht das, was gut für ihn ist?: Wir wissen durchaus, was gut für uns ist – für unsere Gesundheit, die Umwelt und die Gesellschaft – dennoch handeln wir nicht danach. Warum?

HIER

Aus. Schon vorbei. Niemand muss es lesen. Auch nicht anklicken. Und mir ist genug, es notiert zu haben. Leben Sie wohl.

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Nachtrag 25. Mai 2015 Leuchtzeichen aus Langeoog

Langeoog Klima Familie Recktenwald!!! (Solinger Tageblatt  25.05.18)

Zur Erinnerung: in die Suchleiste (oben rechts) „Langeoog“ eingeben, u.a. hierher

Langeoog News Screenshot 2018-05-25 20.33.00

Screenshot Langeoog News, – mehr zur Initiative Recktenwald: HIER.

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Alles übertrieben?

Man könnte die Situation mit einem leckgeschlagenen Schiff auf hoher See vergleichen. Natürlich gibt es auch neben dieser Havarie Probleme: Das Essen in der dritten Klasse ist miserabel, die Matrosen werden ausgebeutet, die Musikkapelle spielt deutsche Schlager, aber wenn das Schiff untergeht, ist all das irrelevant. Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, wenn wir das Schiff nicht über Wasser halten können, brauchen wir über Einkommensverteilung, Rassismus und guten Geschmack nicht mehr nachzudenken.

Quelle siehe ganz oben: Gegen die Wand Schlussabschnitt

Musik und Religion

Ein Selbstversuch

Bruckner IX Adagio 1 Die Musik im externen Fenster HIERBruckner IX Adagio 2

Der Anlass, das Adagio aufs neue zu hören und auch den Mythos zu (r)evozieren:

Musik & Ästhetik April 2018 Bruckners Gott Stolzenberg Titel Musik & Ästhetik HIER

Entscheidend war für mich, dass es ein ausgewiesener Philosoph ist, der sich hier offenbar kompetent zur Musik äußert: Jürgen Stolzenberg. In einer Schlussanmerkung dankt er Johannes Menke (siehe obiges Titelblatt) für harmonietechnische Erläuterungen. Ich bin froh über die Lektüre und die erneute Begegnung mit Bruckners letztem Werk, kann aber letztlich den Ergebnissen der Arbeit über „Bruckners Gott“ am Ende vielleicht weniger abgewinnen, als ich erhofft habe.

Der Autor nennt eine semantische Analyse (mit der man etwa tonsymbolische Bedeutungen dingfest machen kann, die auf einen religiösen Gehalt verweisen) unreflektiert. Zitat:

Sie geht stillschweigend davon aus, dass bei einem Transfer von Motiven oder Themen aus einem Werk mit einem durch den Text vorgegebenen religiösen Gehalt in den Kontext einer textlosen Symphonie die begrifflich bestimmbare Bedeutung dieser musikalischen Elemente unverändert bleibe. Von dieser Prämisse kann jedoch nicht ausgegangen werden. Ein Motiv oder ein Thema etwa aus dem  Miserere oder dem Dona nobis pacem einer Messe kann schon aufgrund des Umstandes, dass es in einer textlosen Symphonie erscheint, nicht dieselbe Funktion des Ausdrucks des emotionalen Gehalts einer religiösen Bitte um Erbarmen oder um Frieden wie in dieser Messe haben. In einer textlosen Symphonie gibt es keine Korrelate, auf die sich solche Bitten beziehen könnten, und so gibt es auch keinen musikalisch darstellbaren Gehalt einer Bitte. Damit wird die Rede von einer Bitte oder einem Gebet selber obsolet. [Seite 10]

Wissen wir denn, ob der Textgehalt in einer Messe auch wirklich ein stimmiges Korrelat in ihrem musikalischen Gehalt findet? Oder wird nur erwartet, dass wir es hineinlegen und akzeptieren, weil der Wortlaut und das gesamte Umfeld nichts anderes nahelegen? Was bedeutet es denn, wenn ein Komponist wie Bartók die Satzbezeichnung „Religioso“ wählt? Garantiert sie einen religiösen „Gehalt“? Oder will sie uns eine emotionale Haltung nahelegen, die dem Charakter der Musik zugutekommt? Was sagt denn die Musik wirklich, für sich selbst genommen? Was sagt uns ein bestimmtes Parsifal-Motiv, wenn wir das „Dresdner Amen“ nie gehört haben? Weniger oder mehr?

Der Autor problematisiert indessen auch die Distanzierung von semantischen Analysen:

Mit der Konzentration auf die Analyse formaler Zusammenhänge eines Werks wird der subjektive Erfahrungs- und Resonanzraum weitgehend abgeriegelt, der für Aussagen über den expressiven Gehalt eines Werks unverzichtbar ist. Es trifft nicht zu, […], dass sich nur über formale und kompositionstechnische Tatsachen auf eine intersubjektiv nachvollziehbare Weise sprechen lässt. Der expressive Gehalt eines musikalische autonomen Kunstwerks wie einer Symphonie lässt sich durchaus, im Ausgang von den formalen und kompositionstechnischen Tatsachen und gestützt auf sie, musikhistorisch informiert und mit einer hinreichend sensiblen Reflexion auf die subjektive Resonanz des musikalischen Geschehens, auf eine intersubjektiv nachvollziehbare Weise zur Darstellung bringen, ohne damit den Anspruch auf eine begrifflich fixierbare Eindeutigkeit und alternativlose Ausschließlichkeit zu verbinden. Das gilt auch für die Frage eines möglichen religiösen Gehalts. [Seite 11]

Das klingt nicht nur etwas schlimm, sondern lässt  auch erahnen, dass es nicht plausibler wird, den Weg zu „Bruckners Gott“ in seinem letzten Adagio finden zu wollen. (Zudem wird in einer Anmerkung als informative Quelle ein Autor empfohlen, der 2010 ein Buch über „Die Expressivität in der Musik“ herausgebracht hat, mir aber in „Musik, Emotionen und Ethik“ 2011 jede Lust auf weitere Lektüre vergällt hat. Siehe hier.)

Ich kann die Skepsis nicht leugnen, die mich erfasst beim Überhandnehmen der Worte „erlebbar“, „durchlebte Prozesse“, „Vollzug des Lebens“, eines „musikalisch gestalteten Lebensweges“ auf den letzten Seiten des Essays, als stünden wir nun bald leibhaftig vor Bruckners Gott.

Es ist eine abgeklärte, erhabene Ruhe, die Schmerz, Not und Leiden durchlebt und überwunden hat. [Seite 27]

Oder auch nicht! Da ist von „naturreinen [!] Quarten und Quinten“ die Rede. Der Satz ende, so heißt es,  „auf einem erlösenden Einklang, der ins Unendliche fortzutönen scheint.“ Für mich ist es ein vollständiger E-dur-Dreiklang, wenngleich die Hörner auf dem hohen h verklingen, der Quinte des Grundtones, anders als es hier gesagt wird: „Dieser Einklang ist nicht der Grundton e, sondern der ins Offene weisende Dominantton h.“ Es ist und bleibt aber die Quinte des real erklingenden Tonika-Dreiklangs.

Dieser Aufstieg ist doch kein Aufstieg der Seele zu Gott. Es ist vielmehr ein Ausblick oder auch, wenn man will, ein Aufbruch in eine Freiheit, eine Freiheit, die ohne Grenzen, aber nicht ohne Gesetz ist. Das Gesetz ist die im Zuge der Erinnerung sichtbar gewordene, von Anfang an waltende Ordnung. Da sie eine alles umfassende Ordnung ist, ist sie unbedingt. Als solche ist sie der Grund einer Kohärenz, in der der Prozess der Erfahrung einbegriffen ist und der auch für das, was noch kommen kann, verbindlich ist. So geschieht der Ausblick oder Aufbruch in eine Freiheit ohne Grenzen im Horizont und unter der Leitung der Idee eines sich selbst affirmierenden, sinnstiftenden Unbedingten, dessen Wirklichkeit zuvor in höchster Not und tiefster Verzweiflung beschworen worden war. [Seite 27]

Mein Gott! Aber nur „wenn man will“ ! Wie schon eine Seite vorher formuliert, „nachdem die zum Ausdruck kommende Verzweiflung auf eine nicht mehr zu steigernde Weise dargestellt und, wie man vielleicht sagen darf, bis auf den Grund durchlebt worden ist…“ Bleibt nur noch eine faustische Frage: Wie steht’s denn mit der Religion?

Wenn Religion – Religion im allgemeinsten Sinn – dadurch bestimmt ist, den Vollzug des Lebens unter der Idee des Unbedingten zu begreifen, so die Erklärung Paul Tillichs, dann hat die Musik Anton Bruckners einen religiösen Gehalt. Mehr ist hier nicht zu sagen. Dessen Verfassung entdeckt sich aber erst vom Ende des musikalisch gestalteten Lebensweges her, nach der Katastrophe. Das ist ihr Sinn. [Seite 27f]

Quelle Jürgen Stolzenberg: Bruckners Gott, in: Musik & Ästhetik Heft 86, April 2018 Klett-Cotta Stuttgart, Seite 8-29.

Ich beginne ganz von vorn. Oder jedenfalls: das Adagio ganz von vorn. Mein Selbstversuch ist noch lange nicht am Ende.

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Bruckners ADAGIO – wie es ein wahrer Jünger seiner Zeit beschrieb: Max Auer (1923)

Bruckner Adagio Max Auer

Bruckner Adagio Max Auer f

Das hier gegebene Formschema, auf die Aufnahme mit Celibidache bezogen:

ab 0:06 B ab 5:31 A ab 10:35 B ab 16:45 A ab 18:23 B ab 22:14 Koda ab 28:51        

Die Notenbeispiele, auf „Celi“ bezogen: 18 0:07 bis 1:01 / 19 ab 1:59 / 20 ab 3:27

Bruckner Adagio1

21 ab 5:31 22 ab 7:40 / 8:47 / 10:36 23 ab 12:36 / 24 ab 20:06

Bruckner Adagio 2

25 ab 28:51 (Ende 30:38)

Bruckner Adagio 3

Formschema??? Sonatenform??? Rondo??? Was habe ich denn davon!? Zu wissen, in welcher „Abtheilung“ ich mich befinde? Deutlicher als Bruckner in diesem Adagio kann man ja die Bereiche gar nicht aufeinanderfolgen lassen, bzw. durch Zäsuren gliedern. Man braucht keine Hörhilfen, um die Übersicht zu wahren. Und der obige Text, den Max Auer am Geschehen entlang geschrieben hat, ist inhaltlich an Peinlichkeit nicht zu überbieten und animiert nur zum offenen Widerstand. Aber ist der strenge (?) „musikanalytische“ Weg zu Bruckners Gott auch nur einen Deut akzeptabler?

Am besten, man lauscht der Musik so offen wie möglich, wie ein kluges Kind.

(Hat Bruckner zum Adagio der Achten, das natürlich auch nur mit dem Allerhöchsten in Verbindung gebracht wurde, nicht den Wink gegeben: „da habe ich wohl zu tief in ein Mädchenauge geblickt“…? Als metaphysischer Hinweis eigentlich unbezahlbar.)

Facebook im Visier

Aufklärung im TV 

Lanz Screenshot 2018-03-24 15.30.56 Markus Lanz und Ranga Yogeshwar (ZDF)

(Markus Lanz Ausgangsfrage:) 5:15 „Facebook – 50 Millionen Daten geklaut, was ist da passiert? Kannst du uns das so erklären, dass wir alle das verstehen?“

[Im folgenden stehen in runden Klammern immer Einwürfe, meist von M.Lanz]

RY [Ranga Yogeshwar] Wir wissen alle: es gab eine Wahl in den USA, Donald Trump ist Präsident geworden, und wenn man sich die Wahl genauer anschaut, merkt man, er ist sehr knapp Präsident geworden, da war keine große Mehrheit, in einigen Staaten, da gab es mehrere tausend Stimmen als Unterschied, und es wurde viel darüber spekuliert, war dieser Wahlkampf einer, bei dem Internet, ganz konkret die sozialen Netzwerke, eine wichtige und vielleicht größere Rolle gespielt haben, als der eine oder andere denkt. Nun klingt das für den Laien abstrakt, und er sagt, was soll Facebook mit einem Wahlkampf zu tun haben, aber: was bei jeder Wahl auch in den USA der Fall ist: es gibt die einen, die wählen fest die Demokraten, die andern die Republikaner, aber dann, und das war bei dieser Wahl auch besonders, gab es viele, die sich noch nicht entschieden hatten, und wenn man jetzt, und jetzt stellen wir uns einfach mal vor, wir wären sozusagen Wahlkämpfer, dann würden wir ja sagen, o.k., die die ohnehin die falsche Partei wählen, die brauchen wir gar nicht (muss man sich nicht drum kümmern), aber wenn wir die, die ein bisschen unentschlossen sind, möglicherweise zuerst einmal identifizieren und dann so mit Informationen füttern, dass sie möglicherweise anfangen, ihre Meinung wirklich zu ändern, können wir das Ding reißen. Und genau das ist passiert, und zwar in mehreren Stufen: die erste Stufe war, dass man dafür Daten braucht, und da kommt Facebook ins Spiel, weil Facebook natürlich erstens mal ein gigantisches soziales Netzwerk ist, zwei Milliarden Nutzer (ist unvorstellbar), also auch in den USA weit verbreitet, und anhand der Daten in Facebook und auch bestimmter Apps, die da sind, war man nun in der Lage, zu erst einmal genau auszuloten, wer, wie ist das Profil von dem einen oder dem andern. (Wer sind sozusagen die wankelmütigen Kandidaten?) Wer sind die Wankelmütigen, wofür interessieren die sich, womit kann ich die ködern? 7:18

(Was sind die Probleme dieser Leute. Wir gehen da gleich tiefer rein. Herr Schieb, wenn man das hört: 50 Millionen Profile, – ich habs immer noch nicht verstanden, wie haben die das gemacht, was haben die zusammengeführt, und was ist das, was da gestern rausgekommen ist? Ist ja im Grunde eine Explosion, die diese digitale Welt erschüttert hat, und von der man noch nicht so genau weiß, wann irgendwann die letzten Eruptionen wirklich zuende sind.)

Lanz Yogeshwar Screenshot 2018-03-24 15.32.07 Markus Lanz, Ranga Yogeshwar (ZDF)

JS [Jörg Schieb] Also erstmal ist es so, dass 2016 nicht das erst Mal war, dass soziale Netzwerke ne Rolle gespielt haben, (Obamas Wahlen ja auch schon!) da hat man ja ganz klar gesagt, das hat ne Rolle gespielt, die jungen Leute anzusprechen, aber nicht mit diesen Methoden (genau! Reden wir hier von Tricks? Reden wir hier von Manipulation? Wovon reden wir hier?) Ich würds nicht unbedingt als Manipulation bezeichnen, im Grunde ist das, was Cambridge Analytica gemacht hat, sehr konsequent das weiterzutreiben, was Facebook sowieso hat, als Geschäftskonzept. 8:10 Nämlich, denn das Geschäftskonzept von Facebook ist ja nicht, dass wir uns unterhalten oder Fotos austauschen, das ist quasi das Lockmittel. Das ist das, was wir gerne tun möchten, aber das dient letztlich nur dazu, dass Facebook möglichst viele Benutzer bekommt und die möglichst gut kennenlernt. Auch das hat natürlich einen Hintergrund, dieses Kennenlernen bedeutet: möglichst die Vorlieben kennen, die Orte kennen, wo man ins Restaurant geht, wo man eincheckt, welche Hotels man besucht, ob man Fahrrad fährt, Veganer ist und solche Geschichten. Warum? Nicht weil es so interessant wäre, sondern weil das die Möglichkeit bereitet, möglichst genaue Werbung zu päsentieren. Das nennt sich Targeting, in dieser Fachsprache, in der Onlinewerbung (Targeting Zielen, genau gerichtet) es gibt ja dieses Gießkannenprinzip Anzeige für Unterhosen sie spricht aber, sie spricht eigentlich nur Männer an, wenns Männerunterhosen sind, (von Frauen gesehen, genau, macht kein‘ Sinn) ist es verschenktes Geld 9:02 jetzt ganz genau hingehen zu können und nem Veganer ein veganes Restaurant empfehlen zu können, als plattes Beispiel, ist natürlich viel besser, man weiß, es ist ein Veganer und der wohnt möglicherweise in der Stadt, oder besucht die Stadt regelmäßig, wo es das Restaurant gibt, dafür bezahlt jemand, der Werbung schaltet, mehr Geld, weil es eben treffsicher ist, treffgenau ist, als für so ne lapidare Werbung, die jeder sehen kann. Und genau deswegen versucht Facebook Benutzer möglichst genau zu kennen und mehr über sie zu erfahren, als wir uns vorstellen können. Also man weiß mittlerweile, dass Facebook uns, jeden von uns, besser kennt als – na ja, Sie sowieso, als n Freund oder sogar die Familie. Also, das ist ganz definitiv (können Sie das mal so konkret machen?). Ja, zum Beispiel, was ich insgeheim mir wünsche, was ich für Träume habe, das lässt sich ableiten, nicht dadurch, dass ich plump so auf ne Webseite gehen, sagen wir mal ehmm Motorradfahrer, kuck mal diese Seite so regelmäßig an, das wäre einfach, dass man sich das merkt, das wird zwar auch registriert, aber durch die Tatsache, dass ich bestimmte Dinge like, also: mag, da reichen 6 – 7 Likes, die ich wahllos mache, um relativ präzise sagen zu können, wie ich ticke. Nicht weil ich schon so viele Informationen über mich preisgegeben habe, sondern genau deswegen, weil Facebook 2 Milliarden Menschen genau kennt und scannt, und die Gewohnheiten eben von 2 Milliarden Menschen schon kennt und das vergleichen kann. Also Big Data, dieses große Datenpoolprinzip, wird hier halt zur Spitze getrieben und wirklich komplett ausgenutzt. Also nicht ich verrate wirklich aktiv, was mich interessiert und was meine Neigung ist, sondern insgeheim, durch verschiedene Reaktionen lässt es Rückschlüsse zu, also letztlich weiß Facebook nicht 100prozentig genau, (aber Sie kriegen ein Gefühl dafür!), aber Sie kriegen ein Gefühl dafür, und diese Treffsicherheit ist enorm hoch (ist enorm hoch), und genau das wollte Cambridge Analytica ausnutzen (diese Firma Cambridge Analytica, ich lese die unterschiedlichsten Dinge darüber, lese darüber, dass ein eher rechts ausgerichteter amerikanischer Milliardär, Robert Mercer, dahintersteckt, als Financier, der 15 Millionen Dollars da investiert haben soll, ich höre, dass eine Firma dahinter, ein gewisser Steve Bannon eine entscheidende Rolle gespielt haben soll, sogar den Namen soll er sich für diese Firma ausgedacht haben, wer sind diese Leute, wer ist Cambridge Analytica?). 11:26

Schieb Screenshot 2018-03-24 15.33.13 Jörg Schieb (Screenshot ZDF)

RY Also es gab in den letzten Tagen … eigentlich sind die Recherchen hervorgekommen, was da wirklich los ist, die Kollegen in Grossbritannien vom Guardian, von New York Times, vom Channel Four, das war ne große – ich war gerade in London noch gestern – und die, das waren wirklich zwei große Sendungen zur Hauptsendezeit, (was haben die da gemacht?) die haben investigativ sehr genau gekuckt, was ist das für ein Unternehmen und haben Journalisten dahingeschickt mit versteckter Kamera und merken, wie diese Firma vorgegangen ist, es gibt daneben so einen, der ausgestiegen ist, der wirklich auch die Praktiken dargestellt hat, und wir fangen mal beim Namen an, Cambridge Analytica: wer in Cambridge, das ist die große Universität, Cambridge Oxford, und Steve Bannon, das war der Wahlkampf-Chef von Trump (das Mastermind sozusagen) jetzt muss man sich mal die Dreistigkeit vorstellen, diese Firma sitzt eigentlich in London, die mieten Büros in Cambridge, nehmen ihre Mitarbeiter und sagen: o.k. kommt, an dem Tag kommt Steve Bannon, und täuschen vor: das ist n ganz akademischer Verein. De facto dahinter ist es so, es ist eine Firma, die mit kriminellen Methoden versucht, Wahlkampf zu machen. Kriminell heißt, es wurden zum Teil Prostituierte eingeladen, also es gibt in dem Video, was man sieht, Szenen, wo man wirklich sagt: das kann nicht wahr sein, also wo man merkt … wie … ja, absurd Politik geht, Machtgewinn geht, indem Menschen bewusst vorgeführt werden, unter Druck gesetzt werden, wo ein System sich offenbart und in diesen Interviews gefilmt wurden, hört man, das ist nicht nur im Wahlkampf in den USA so, das passiert öfters, und das lässt jeden, der sich das anschaut, daran zweifeln, (das ist ja auch das, Herr Schieb, was die Leute so elektrisiert, ne? Dass man plötzlich das Gefühl hat, ah, Moment mal, eh, der Brexit zum Beispiel hat damit möglicherweise auch damit zu tun, dass die Firma, die sich damit ja auch teilweise brüstet. Diese Reporter, von denen du gerade sprachst, von Channel Four haben sich ausgegeben als Interessenten … Wahlkampf auf Sri Lanka … ein Geschäftsmann, der irgendwie Hilfe brauchte, wie kann man andere Leute unter Druck setzen, wie kann man sie manipulieren, schick da mal n paar Mädchen vorbei und dann werden wir den Rest erledigen usw. – diese 50 Millionen Datensätze, was hat es mit denen auf sich, wie kommen die daran, wie kommt Cambridge Analytica an diese Datensätze von Facebook? Wenn ich dort jetzt n Account habe, dann gehe ich doch davon aus, dass der geschützt ist und nicht hinten rum an Cambridge Analytica verkauft wird.) 14:20

JS Genau das ist der wichtige Punkt, den man auch in aller Deutlichkeit sagen muss, dass Facebook hier Massenverrat begangen hat nachgewiesenermaßen, aber es sowieso täglich tut, weil das Prinzip ist so gewesen. Cambridge Analytica hat keine direkte Verbindung mit Facebook gehabt, hat also die Daten nicht gekauft, das sowieso nicht, man kann jetzt keine Daten kaufen bei Facebook, das kann man nicht (das ist schon mal wichtig zu verstehen), das tun die nicht, aber wenn man eine App entwickelt, also eine Anwendung, die in dem Portfolio von Facebook läuft, auf dem Smartphone oder auf dem Desktop-Computer, also eine App, die in Facebook läuft, dann hat man das Privileg, auf bestimmte Daten zuzugreifen, die Facebook zur Verfügung stellen kann und auch zur Verfügung stellen möchte (kostet die was?), um die Anwendung sinnvoll zu machen, dass ich mich bequem einloggen kann, dass ich meinen Namen nicht wieder eingeben muss, dass ich auch sehen kann, mit wem bin ich denn befreundet, z.B. Freunde in ein Spiel zu ziehen, sehr häufig wird das gemacht (bezahlt man dafür dann? Oder wird einem das so zur Verfügung gestellt?), das wird einem so zur Verfügung gestellt, weil Facebook ja ein Interesse daran hat, möglichst jeden Bedarf abzudecken, egal ob verrückt oder nicht verrückt, Inhalte, Fotos, Videos, Spiele, alles wird da angeboten, und je länger die Menschen Zeit verbringen in Facebook, diese Präsenzzeit ist halt Geld wert. 15:32 Also die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendeine Werbung anschaut, also anklickt, wird dadurch deutlich erhöht. (Woran wir wieder merken, dass es nichts kostenlos gibt, denn alles hat n Preis, ne? Alles hat n Preis! Und immer dann, wenns kostenlos ist, besonders vorsichtig sein. Wie geht’s dann weiter? Wie kommen die jetzt wirklich an diese 50 Millionen, was machen die da mit diesen 50 Millionen Datensätzen?)

JS Also es gab eine Firma SCL [? hier ? nein hier !], oder es gibt eine Firma SCL, die hat eine App entwickelt, 2016 war das, nee 2015 schon, die nannte sich „This is your digital life“, war angeblich ein psychologisches Experiment, deswegen war Facebook etwas großzügiger bei der Herausgabe von Daten, da konnte man kucken, was bin ich den so fürn Typ, wo bin ich vernetzt, wo sind meine Freunde, also im Grunde genommen schon son kleinen Einblick in die Information, die auch Facebook über einen hat, und diese Daten von 270.000 Benutzern, die diese App offiziell benutzt haben, hatten die gleich im Sack sozusagen. Von den Benutzern gabs ne Freigabe, haben die Benutzer gesagt, die App benutze ich, und damit hat man zugestimmt, meistens ohne es zu wissen, wer liest sich das ehrlicherweise durch (genau!), dass die Daten von Facebook (du kommst an diesen Punkt, stimmen Sie den Nutzungsbedingungen zu, und ich sitze dann immer davor und denke, na gut, wenn ich jetzt nein sage, dann komm ich ja nicht mehr weiter, dann habe ich meinen Rechner umsonst gekauft) ja, man kann nicht bei Marc Zuckerberg anrufen und mit dem verhandeln und sagen: der Paragraph gefällt mir, der aber nicht. Das ist nicht besonders…, also friss oder stirb, das sind alles Mittel.. akzeptieren oder nicht, das macht auch schon das Missverhältnis deutlich, der gigantische Konzern und der kleine User. Also dieser App-Anbieter hat 270.000 Nutzer gehabt, diese Daten wurden alle schon mal eingesammelt, jetzt kommt der springende Punkt: Jeder einzelne Benutzer ist ja befreundet, das ist ja der Sinn und Zweck bei Facebook, im Schnitt 190 Freunde pro User, d.h. also etwa 200 mal 270.000, plopp sind wir bei 50 Millionen, die App hatte den Zugríff auf die Daten, dieselben Daten, die die registrierten Benutzer oder mehr oder weniger dieselben Daten wie die registrierten Benutzer und konnte von den Freunden die Information auch auslesen. Was ein psychologisches Experiment sein sollte, eine Praxis, die Facebook allerdings danach nicht eingestellt hat, aber stark beschnitten hat, das muss man fairerweise sagen. 17:40

RY Die Brisanz, die wir im Moment erleben, sind zwei Sachen, und ich glaube, dass wird der Lackmustest sein in den nächsten Wochen, ob Europa tatsächlich mündig ist, was das betrifft. Wir haben offensichtlich hier eine Spitze eines Eisbergs. Ich wage zu prognostizieren, dass wir noch viel mehr hören werden. Wir merken, es gibt große soziale Netzwerke, die einen immensen Einfluss haben und die damit auch Demokratien, die Art und Weise, wie wir kommunizieren, die Art und Weise, wie Bewusstsein entsteht, die Art und Weise, was wir glauben und nicht glauben, massiv beeinflussen. Und wir haben im Moment die Situation, dass z.B. Facebook Algorithmen verwendet, die niemand kennt. Ich persönlich glaube, wir müssten eine Offenlegung verlangen, also eine Art Rechenschaftspflicht, und ich würde persönlich so weit gehen zu sagen, vor dem Lichte und auch der Brisanz – weil man muss sich klar machen, die Konsequenzen auch für die Politik sind eine Entmündigung, wenn das so weiter geht (ist richtig!) , werden irgendwann Milliardäre bestimmen, wer sozusagen hier Politik macht. Also die Politik selber hat hier ein Interesse einzuschreiten, (ja, oder die machen die Politik selber!) ich würde sehr radikal, ich meine, das ist jetzt vielleicht – ich weiß, jetzt kommt n Shitstorm – aber ich würde sagen: in Deutschland oder Europa, man sollte wirklich mal die Pausentaste drücken und sagen: so! stopp! Wir stoppen Facebook, bis das aufgeklärt ist. Denn die Konsequenzen daraus, auch hierzulande, – überlegen wir – im letzten Jahr, ich mein, ich ging mit vielen Leuten in Berlin demonstrieren gegen Fake News, 11.000 Leute, weil wir inzwischen auch gemerkt haben, dass wir hier ein Riesenproblem haben (absolut!), dass Menschen irregeleitet werden, und ich glaube, an irgendeiner Stelle müssen wir so langsam mal aus diesen Wildwest-Methoden, die es mal gab, ein vernünftiges Prozedere machen. (Beifall) (Also ich fände es gut, sich mal klarzumachen, was das bedeutet. Ich hab neulich mal ne Untersuchung gelesen, die besagt, dass sich Fake News im Netz sechsmal schneller und besser duchsetzen als die Wahrheit.

JS Sechsmal schneller, und Sie erreichen zehn bis hundert mal so viele Menschen, das ist also ein gigantischer Effekt (warum ist das so?) – das haben Forscher untersucht, das liegt daran, dass Fake News, falsche Nachrichten, wie immer man das nennen möchte, emotionaler sind, sie haben einen Überraschungseffekt, das heißt, sie machen uns neugierig: wie stimmen zu, dann machen sie uns deswegen neugierig, oder wir lehnen sie ab, dann machen sie uns auch neugierig, das heißt: das ist ein menschlicher Reflex, das zu lesen, das zu kommentieren, das zu liken, oder zu widersprechen. Und jetzt kommen wir zu einem ganz ganz wichtigen Punkt: Die Tatsache, dass die Fake News so gut funktionieren, dass wir darauf ansprechen, ist der Effekt, ist sogar ein Turboeffekt für die Fake News: wir Menschen sorgen dafür, dass sie sich verbreiten, denn – Facebook sagt ja sogar, wir sollen Gegenargumente liefern, wir sollen gegenargumentieren, die Gegenrede, so nennen die das, um Fake News zu entlarven. Wenn wir das machen, belohnen wir aber die Fake News, weil die Algorithmen immer kucken, welche Texte, welche Fotos sind denn interessant, wo reagieren denn die Leute? Und die Algorithmen sind nicht schlau, die unterscheiden nicht zwischen einer intelligenten Auseinandersetzung oder einer Zustimmung, sondern die sehen nur: da ist Action, da ist was los, da geh ich doch hin, ich zeig das jetzt noch mehr Leuten, 21:14 weil das scheint ja interessant zu sein. Und das ist der Turboeffelt, wir haben die Blase, diesen Algorithmus, der saudämlich ist, der dafür sorgt, dass Dummheiten, Verrücktheiten und Lügen sich um so schneller verbreiten, und alles Wahre, leise Formulierte, was stimmt, geht unter. Und das ist genau das Gefährliche an den … sogenannten sozialen Netzwerken, weswegen ich auch sage, es sind asoziale Netzwerke, weil sie das Falsche belohnen (Beifall) weil sie das Falsche belohnen und das Richtige und Wahre (Beifall bleibt)…

Brinkbäumer Schieb Screenshot 2018-03-24 15.32.59 Klaus Brinkbäumer und Jörg Schieb (ZDF)

Klaus Brinkbäumer Es gibt ein wirklich eindruckvolles Beispiel aus den USA aus dem Wahlkampf von Breitbart. Haben wir alle schon gehört, Breitbart ist die extrem rechte Nachrichtenseite, wenn man es denn Nachrichtenseite nennen möchte, bei der (ideologische Plattform der Rechten!) Stephen Bannon auch beteiligt ist, derselbe Bannon, Trumps Wahlkampf Mastermind, von dem wir grade schon gesprochen haben. Breitbart hatte zu Beginn des amerikanischen Wahlkampfes 100.000 wir nennen es Follower, Fans, Leute, die die Seite also regelmäßig zu sehen bekamen, am Ende waren es über anderthalb Millionen, die alles weitergeleitet haben, das wichtige sind die Sharing-Funktionen, noch wichtiger als die Likes, (Teilen!) weil das dadurch geteilt wird, und dann gab es schlichte Erfindungen, also Pizzagate z.B. war eine Erfindung, also kein Wort stimmte, dass Hillary Clinton in einen pädophilen Ring involviert gewesen sei, ja, es gab kein Indiz, schon gar keinen Beweis, es war schlicht eine Erfindung (die Geschichte war im Keller einer Pizzeria … sollte das vonstatten gehen … missbrauchen böse Menschen arme kleine Kinder) – und diese Geschichte bekam mehr Aufmerksamkeit, wurde mehr geteilt als die ernsthaftesten, fundiertesten Enthüllung der New York Times. Plötzlich war Breitbart auf dem Niveau der New York Times durch genau diese Methoden, über die wir gerade gesprochen haben. Und wenn wir dann verstehen, dass es am Ende um genau 70.000 Stimmen ging, in drei Bundesstaaten, dann kann man die Frage gar nicht mehr verneinen, ob das eine Rolle gespielt habe (ist richtig!) (Schieb: War im deutschen Wahlkampf übrigens genauso. 23:25 LANZ: Wollte ich gerade sagen, wenn man AfD und Flüchtlingskrise gegoogel hat, haben Leute dafür gesorgt, dass Angela Merkel auftauchte beispielsweise. SCHIEB: Ich glaube acht der zehn am weitesten verbreiteten Nachrichten mit Angela Merkel waren nachweislich Fake News, acht von zehn, also, das ist ja mehr als deprimierend, das ist ja beängstigend, und das macht das Ausmaß deutlich, also dieses…. Cambridge Analytica ist im Grunde genommen nur eine Blaupause, die uns mal zeigt, welche Wirkung das alles hat (ein Brennglas im Grunde) . Ich glaube, die Spitze des Eisbergs auch deswegen, denn es wird noch tausend Fälle geben, von denen wir gar nichts wissen (so, und in dem Zusammenhang nochmal: wichtig zu erwähnen, es betrifft nicht nur Facebook, es ist das Geschäft der Datenriesen aus dem Silicon Valley. Und Cambridge ist nur einer davon. Ranga, du wolltest da noch was…)

RY Was bei dieser Thematik die große Schwierigkeit ist, – ich weiß nicht, ob ihr mir zustimmt -, ist: Am Anfang hört sich das furchbar abstrakt an, – ich kann mir vorstellen, jetzt sitzt zuhaus einer und sagt: ach, was soll Facebook…, was soll das? Und ich glaube, da ist es total wichtig zu verstehen, dass wir hier im Grunde genommen… wir erleben eine Veränderung der Medien, wir erleben eine Veränderung der Kommunikation in einer Gesellschaft. Und sich klarzumachen, dass im Moment die Kriterien nicht mehr die sind …  nämlich: wir kucken, dass Medien möglichst nah an der Wahrheit sind, dass – wenn sie etwas behaupten, dass man sie auch belangen kann, es gibt Presserecht usw., Medien sind etwas ganz Besonderes in einem Land, und was wir jetzt erleben, ist so, dass wir kommerzielle Interessen haben, wo wir möglichst viel Aufmerksamkeit erregen wollen, wo wir Klick-Rates haben, Teilung usw. um kommerziell etwas zu machen, und dass wir damit anfange, das Wichtigste, was eine Gesellschaft hat, nämlich die Kommunikationsstruktur, zu vernebeln. Und ich glaube, wir sind jetzt so an einem Punkt, wo ich wirklich erwarte eigentlich, – und das kann nicht der einzelne User sein -, wo auch die Politik aktiv sagen muss, JETZT REICHT’S!  Ich finde einfach, dies Thema ist unendlich wichtig, nicht weil es irgend so ein Insiderthema ist, – wir haben gesehen: Wahlen werden entschieden damit – (reden wir gleich noch ausführlich darüber, wollte nur kurz fragen: Bülent, bis du Facebook … eh ..)   25:50

Quelle dieser Abschrift (ohne Gewähr JR): ZDF-Sendung Markus Lanz vom 21. März 2018 / Zu Gast waren Moderator Ranga Yogeshwar RY, Internetexperte Jörg Schieb JS, Journalist Klaus Brinkbäumer etc. / Abzurufen bis 21.04.2018 HIER.

Wikipedia Jörg Schieb – Wikipedia Ranga Yogeshwar – Wikipedia Klaus Brinkbäumer

Bemerkung am Rande: Das fabelhafte Buch von Klaus Brinkbäumer – die Unterhaltung mit ihm ist in derselben Lanz-Sendung zu hören – habe ich mir direkt am nächsten Tag besorgt, nicht bei Amazon (auf diesem Weg habe ich mir nur den „Kampf der Tertia“ antiquarisch besorgt), sondern in der Buchhandlung meines Vertrauens (Jahn, Nähe Hbf.Solingen). Mein Scanner bewältigt das Format nicht, aber es bringt doch Farbe auf diese Seite:

Brinkbäumer Link zum Fischer-Verlag HIER.

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FORTSETZUNG FOLGT 2 Tage später ZDF HEUTE JOURNAL 25.03.2018 ab ca. 21:55 HIER 

ZDF Slomka Screenshot 2018-03-25 23.35.57

(Marietta Slomka:)

(6:52) Die Ermittler kamen am Abend , und sie blieben lange. Die britische Datenschutzbehörde ließ letzte Nacht stundenlang den Firmensitz von Cambridge Analytica durchsuchen, je nach Datenfirma, die mit ihren Wänlermanipulationen prahlt. Auch der Facebookkonzern soll weiter unter Druck gesetzt werden. Von der EU-Kommission in Brüssel, aber auch von einzelnen EU-Mitgliedern. Die deutsche Justizministerin wird sich morgen mit Vertretern des Konzerns treffen. Die Frage ist nur, was fff???… Die Frage ist nur, was das bringen kann. Solange das Geschäftsmodell von Facebook auf Big Data beruht und solange Millionen Menschen das nicht zum Anlass nehmen, ihre eigene digitale Sorglosigkeit in Frage zu stellen. Das genau könnte gesche…dass das genau geschehen könnte, dürfte Facebooks größte Sorge sein. Dominik Rzepka berichtet:

Wie sehr Facebook unter Druck steht, erkennt man in diesen Tagen daran, was nicht gesagt wird.

„Hat dieser aktuelle Skandal für Facebook das Zeug dazu, für Facebook existenzbedrohend zu sein?“

(Semjon Rens:)

„Ich glaube, klar isist, dass wir als Unternehmen ne ganz klare Verantwortung dafür haben, für die Daten unserer Nutzer und für die Information unserer Nutzer, die sie auf unserer Plattform teilen.“

„Also keine Bedrohung für Sie?“

„Also letzendlich ist es genau das, was ich gesagt habe, es ist ähmm… (Lächeln) für uns … ähmmm (noch 1 Mundbewegung ohne Ton, Lächeln) …“

ZDF Facebook Screenshot 2018-03-25 22.18.52

Facebook wankt. In den vergangenen Tage hat der Konzern 50 Milliarden Euro an Wert verloren. In britischen Tageszeitungen entschuldigt sich Facebook heute für den Skandal. Und doch ist seine Macht ungebrochen, jeder vierte Mensch dieser Erde ist bei Facebook. Den Konzern zu regulieren, dabei stoßen nationale Parlamente an ihre Grenzen.

(Dieter Janecek B’90/Bündnis GRÜNE Bundestagsausschuss Digitale Agenda:)

„Die machen dann, was sie wollen, und das ist die Haltung, die Facebook hat: Die führen sich auf wie ein eigener Staat auf der Welt, und das sind sie vom Umsatz her ja auch, sie sind mächtig, und das lassen sie die Politik spüren.“

Das Europäische Parlament versucht seit längerem, Facebook etwas entgegenzusetzen, ab Mai gelten neue Regeln zum Datenschutz, Bußgelder von 4% des Jahresumsatzes sind möglich. Bei Facebook wären das 1,5 Milliarden Euro; doch selbst die zuständige Kommissarin räumt ein: Facebook bringt auch die EU an die Grenzen der politischen Handlungsfähigkeit.

(Vera Jurova:)

„Es gibt keine Wundergesetze, die Bürger zu 100% schützen. Das ist vielleicht etwas frustrierend, weil die Menschen erwarten, dass wir ihnen mehr Sicherheit geben, aber Politiker haben das inzwischen nicht mehr voll und ganz in ihrer Hand.“

Es geht inzwischen um nicht mehr oder weniger als die Frage: wer hat die Macht? Wirtschaft oder Politik, Parlamente oder ein digitaler Weltkonzern wie Facebook. (9:38)

(Katarina Barley:)

Der Staat hat – und in diesem Falle auch die Europäische Union – setzen die Regeln, an die sich diese Unternehmen halten müssen, und wir haben an vielen Stellen auch schon bewiesen, dass wir auch große Unternehmen am Ende als Rechtsstaat auch belangen können. Grade Facebook hat im vergangenen Jahr von Seiten der Kartellbehörden auf europäischer Ebene eine hohe Strafe zahlen müssen…

Morgen trifft sich Katarina Barley mit europäischen Vertretern von Facebook. Ihr geht es um die Aufklärung des Skandals und um ein politisches Zeichen, das Zeichen auch in der digitalen Welt noch handlungsfähig zu sein. (10:12)

ZDF Barley Screenshot 2018-03-25 23.20.18

Nachtrag 5. April Es geht natürlich weiter: Beispiel Handelsblatt

Monatelang machte Facebook mit Fake News auf sich aufmerksam. Doch nun hat sich der einst bewunderte, inzwischen nur noch wundersame Internetkonzern auf eine andere Gattung verlegt: auf Fatal News in eigener Sache. Mark Zuckerberg musste eingestehen, dass vom Datenmissbrauch-Skandal rund um Cambridge Analytica 87 Millionen Nutzer betroffen sind, nicht wie bisher angenommen 50 Millionen. Was die Geschichte noch schlimmer macht: Facebook räumt zugleich ein, dass die Daten fast jedes Nutzers in der Vergangenheit durch Drittparteien geplündert worden sein könnten. Anlässlich der Beichte beschrieb Zuckerberg seine Firma erneut im Stile eines Gemeindepfarrers als „idealistisch“ und „optimistisch“, man habe sich Missbrauch schlicht nicht vorstellen können. Selig sind die Einfältigen, lautet der passende Kirchensatz hierzu.
(Hans-Jürgen Jakobs im „Morning Briefing“ des Handelsblattes)

Wieso und worüber lachte Immanuel Kant?

Oder vielleicht auch gerade nicht…

Zitat (wörtlich, nur deutlicher gegliedert)

Es muß in allem, was ein lebhaftes, erschütterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein (woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden kann). Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.

Ebendiese Verwandlung, die für den Verstand gewiß nicht erfreulich ist, erfreuet doch indirekt auf einen Augenblick sehr lebhaft. Also muß die Ursache in dem Einflusse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung auf das Gemüt bestehen; und zwar nicht, sofern die Vorstellung objektiv ein Gegenstand des Vergnügens ist (denn wie kann eine getäuschte Erwartung vergnügen?), sondern lediglich dadurch, daß sie, als bloßes Spiel der Vorstellungen, ein Gleichgewicht der Lebenskräfte im Körper hervorbringt.

Wenn jemand erzählt: daß ein Indianer, der an der Tafel eines Engländers in Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles dies Bier, in Schaum verwandelt, herausdringen sah, mit vielen Ausrufungen seine große Verwunderung anzeigte, und auf die Frage des Engländers: was ist denn hier sich so sehr zu verwundern? antwortete: Ich wundere mich auch nicht darüber, daß es herausgeht, sondern wie ihrs habt hereinkriegen können; so lachen wir, und es macht uns eine herzliche Lust: nicht, weil wir uns etwa klüger finden als diesen Unwissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin Wohlgefälliges bemerken ließe; sondern unsre Erwartung war gespannt, und verschwindet plötzlich in nichts.

Oder wenn der Erbe eines reichen Verwandten diesem sein Leichenbegängnis recht feierlich veranstalten will, aber klagt, daß es ihm hiemit nicht recht gelingen wolle; denn (sagt er): je mehr ich meinen Trauerleuten Geld gebe betrübt auszusehen, desto lustiger sehen sie aus; so lachen wir laut, und der Grund liegt darin, daß eine Erwartung sich plötzlich in nichts verwandelt. Man muß bemerken: daß sie sich nicht in das positive Gegenteil eines erwarteten Gegenstandes – denn das ist immer etwas, und kann oft betrüben –, sondern in nichts verwandeln müsse.

Denn wenn jemand uns mit der Erzählung einer Geschichte große Erwartung erregt, und wir beim Schlusse die Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns Mißfallen; wie z.B. die von Leuten, welche vor großem Gram in einer Nacht graue Haare bekommen haben sollen. Dagegen, wenn auf eine dergleichen Erzählung zur Erwiderung, ein anderer Schalk sehr umständlich den Gram eines Kaufmanns erzählt, der, aus Indien mit allem seinem Vermögen in Waren nach Europa zurückkehrend, in einem schweren Sturm alles über Bord zu werfen genötigt wurde, und sich dermaßen grämte, daß ihm darüber in derselben Nacht die Perücke grau ward; so lachen wir, und es macht uns Vergnügen, weil wir unsern eignen Mißgriff nach einem für uns übrigens gleichgültigen Gegenstande, oder vielmehr unsere verfolgte Idee, wie einen Ball, noch eine Zeitlang hin- und herschlagen, indem wir bloß gemeint sind ihn zu greifen und festzuhalten. Es ist hier nicht die Abfertigung eines Lügners oder Dummkopfs, welche das Vergnügen erweckt: denn auch für sich würde die letztere mit angenommenem Ernst erzählte Geschichte eine Gesellschaft in ein helles Lachen versetzen; und jenes wäre gewöhnlichermaßen auch der Aufmerksamkeit nicht wert.

Merkwürdig ist: daß in allen solchen Fällen der Spaß immer etwas in sich enthalten muß, welches auf einen Augenblick täuschen kann; daher, wenn der Schein in Nichts verschwindet, das Gemüt wieder zurücksieht, um es mit ihm noch einmal zu versuchen, und so durch schnell hintereinander folgende Anspannung und Abspannung hin- und zurückgeschnellt und in Schwankung gesetzt wird: die, weil der Absprung von dem, was gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliches Nachlassen) geschah, eine Gemütsbewegung und mit ihr harmonierende inwendige körperliche Bewegung verursachen muß, die unwillkürlich fortdauert, und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkungen einer zur Gesundheit gereichenden Motion), hervorbringt.

Denn, wenn man annimmt, daß mit allen unsern Gedanken zugleich irgendeine Bewegung in den Organen des Körpers harmonisch verbunden sei: so wird man so ziemlich begreifen, wie jener plötzlichen Versetzung des Gemüts bald in einen bald in den andern Standpunkt, um seinen Gegenstand zu betrachten, eine wechselseitige Anspannung und Loslassung der elastischen Teile unserer Eingeweide, die sich dem Zwerchfell mitteilt, korrespondieren könne (gleich derjenigen, welche kitzlige Leute fühlen): wobei die Lunge die Luft mit schnell einander folgenden Absätzen ausstößt, und so eine der Gesundheit zuträgliche Bewegung bewirkt, welche allein und nicht das was im Gemüte vorgeht, die eigentliche Ursache der Vergnügens an einem Gedanken ist, der im Grunde nichts vorstellt. –

Quelle  Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft (aus §54) zitiert nach Spiegel online Projekt Gutenberg hier Kapitel 64

Siehe auch: HIER (Artikel „Lachen mit Schopenhauer“)

Wie ich darauf komme? Durch Peter Szendy: „Tubes, Hits, Ohrwürmer“ / Die Philosophie in der Jukebox / Avinus Verlag Berlin 1012 / Seite 94 f. Eigentlich hatte ich mir „La Mer“ von Debussy in Erinnerung rufen wollen. Warum? Ich habe über einen Artikel nachgedacht zum Thema „Die Alte Musik und das Meer“, aber diesen Titel habe ich inzwischen fallen gelassen.

Und wie kam ich noch einmal bzw. wieder einmal auf Szendy? Durch einen „Tube“ von Charles Trenet. Auf Youtube. „La mer“!!! Wollen Sie ihn hören? Bitteschön (es ist nicht zum Lachen): hier.

Warum war ich fasziniert? Ich erkannte die Melodie, sobald sie sich in Bewegung setzte (ich hatte nicht damit gerechnet). Vielmehr, sobald das Klavier die Bewegung anführte (gebrochene Akkorde, Achtelaufteilung zu relativ schnellen Vierteln), die Melodie ist ruhig, Überraschung, den Dirigenten der Band zu sehen: er dirigiert schnelle Viertel, als sei es ein eiliges Stück. Vielleicht tut er es, weil die Streicher Harmonien in Pfundnoten spielen und zu präzisen Akkordwechseln angehalten werden sollen. Aber wenn man einmal darauf achtet, ist es ein komischer Effekt. Wie für musikalischen Analphabeten.) Die Melodie besteht nur aus Vorder- und Nachsatz, die bis auf die Schlusswendung identisch sind und so ineinandergreifen, dass man endlos wiederholen kann. Und in der Tat: der Hit verläuft genau auf diese Weise, wenn auch eine Rückung vorkommt (und wieder rückgeführt wird) und einige Wiederholungen vom Sänger improvisatorisch ausgeschmückt werden. Ich vermute, dass der Hit sich dank dieser Wiederholungstechnik so im Gehirn festhakt, dass er automatisch weiterläuft, wenn die Musik längst beendet ist. Zudem ist die erste Zeile tatsächlich ein schöner Einfall, den man nicht beginnt, ohne ihn dann auch weiterzusummen…)

Um es kurz zu machen: Charles Trenet kommt zwar in Szendys Buch vor, aber nicht als bedeutender Faktor. Dabei lese ich mich aufs Neue fest – ich muss auswählen, daher nur soviel: KANT wird anlässlich der Witz-Theorie von Freud zitiert -, aber ausführlich wird eine Arbeit des Psychoanalytikers Theodor Reik behandelt, insbesondere der Fall einer Patientin namens Cecily, die Opfer einer Zwangsidee geworden war: „Sie wusste nicht , warum sie davon überzeugt war, [dass] eine Reise nach Indien die notwendige Vorbedingung dafür sein sollte, ein Kind zu haben“. Und der Analytiker Reik fühlt sich – so berichtet Szendy hilflos. Ich zitiere zwei Seiten (Seite 50f) aus Szendys Bericht, und nehme mir diese Freiheit, weil ich glaube, sozusagen Hilfestellung leisten zu können:

Szendy Mendelssohn Reik Peter Szendy „Tubes, Hits, Ohrwürmer“

Wenn man das in der Tat wunderschöne Lied kennt, fällt einem auf, dass darin – anders als im Fall Cecily – von Indien gar nicht die Rede ist. Als die Mutter es sang, hat das Kind (Reik) den Text noch gar nicht verstanden, nur begriffen, „dass es ein Liebesgesang war, voll Zärtlichkeit und Nostalgie“. Erst die Tante hat offenbar Indien ins Spiel gebracht. Wer weiß, ob das kleine Kind schon nach dem Inhalt der dritten Zeile „Fort nach den Fluren des Ganges“ gefragt hat, der sich auf die erste Zeile reimt bzw. reimen müsste, denn die lautet korrekt: „Auf Flügeln des Gesanges“ (nicht: Gesangs!). Ich könnte mir eher vorstellen, dass das Kind dies Wort auf seine Art gedeutet hat: „Flur“ und „Gang“ ist ungefähr dasselbe. (Das wird hier irgendwo in der Wohnung sein!) Ein Beispiel: Zu meinen ersten Liedern gehörte „Hänschen klein“, und ich habe jahrelang geglaubt, darin sei von einer Gabel die Rede: „Gabel sind sich das Kind, läuft nach Haus geschwind“. Ein Kleinkind ist stolz, wenn es bei Tisch ein so gefährliches Werkzeug benutzen darf; aber was es nicht kann, ist: abstrakt denken im Sinne von „da besinnt sich das Kind“.

Mit andern Worten: ich traue dem Bericht nicht. Ich glaube nicht, dass er wirklich von der Melodie initiiert ist, sondern von Wort-Assoziationen, die sich im Laufe der Jahre an Textbestandteile geheftet haben. Dass diese sich gehalten haben, mag an der Melodie liegen. Oder an Bildern, die sich mit ihr verbunden haben.

 Szendy verfährt ähnlich und kommt zu einem interessanten Schluss:

Das gesetzte Ziel seiner musikpsychologischen Untersuchung, die den Sinn, die Bedeutung (meaning) erforschen will, wird Reik jedoch rasch in eine Sackgasse führen. Ganz in der großen romantischen Tradition absoluter Musik geht er nämlich davon aus, dass die Melodie als solche „eine Botschaft ist, die jeder versteht, ohne dass man sie gleich übersetzen kann“ (S.7). Was Reik jedoch fortwährend tut, ist genau dies: übersetzen und die Musik in einen bedeutungsvollen Diskurs einschreiben. Wenn er z.B. schreibt, dass „in der Menge der freien Assoziationen Fetzen von Liedern an bestimmten bedeutungsvollen Stellen verstreut sind“ (S.10), so ist klar, dass der Sinn, dass die Bedeutung, die der implizite Diskurs, der durch eben diese Assoziationen entstanden ist, geformt hat. Ob der Sinn nun schon da ist oder ob er noch fehlt – weil verborgen in den Lücken des Bewusstseins oder des Unbewussten -, für Reik scheint diese Sinn der diskursiven Art anzugehören.

Ich mache einen Sprung in Szendys Entwicklung des Gedankens und zitiere, was für ihn nun „das Genuine der Musik, was das musikalisch Zwingende bzw. Zwanghafte [ist], das von diesen besitzergreifenden Melodien ausgeht“; er wagt die Hypothese,

dass es hier nicht um einen Unterschied des Sinns, sondern um einen Unterschied der Kraft, der Intensität geht. Was das (relativ) Eigentliche der Musik ausmachen könnte, das wäre nicht ihr eigener Sinn, sondern diese Kraft, sich ein- und auszuklinken, da und wieder fort zu sein, die ihre Störungen und Unterbrechungen so explosiv und heftig macht. Über all die endlosen Diskurse hinaus, die Reik zu Recht oder zu Unrecht wiederzufinden glaubt, indem er sie den heimsuchenden Melodien überstülpt, die er examiniert, ist doch das, was diesen Musik-Phantomen gemeinsam ist, im Grunde ihre Kraft, einfach plötzlich aufzutauchen.

Nachtrag 8. Februar 2018

Nachdem ich vorgestern das Kölner Gürzenich-Orchester live im Internet erlebt habe (siehe hier), möchte ich an dieser Stelle einen bemerkenswerten Auftritt des Gürzenich-Chefs François-Xavier Roth hervorheben. Eben erst entdeckt.

Allergie gegen Geigen

Anleitung zur Selbstheilung

Massenet Reklame bitte anklicken und ernst nehmen!

Vielleicht werde ich mit fortschreitenden Jahren deutlich intoleranter, und zwar auch, was mich selbst betrifft. Sollten sich denn nicht edlere Gefühle einstellen, wenn ich solch eine Überschrift lese? Ach, Hans Sachs! („Von Tristan und Isolde kenn‘ ich ein traurig Stück…“) Keinesfalls! Wenn man die Andeutung des Inhalts liest, weiß man, dass „Thaïs“ höchstwahrscheinlich ein furchtbares Stück ist, das mit den niederen Instinkten des Plüsch-Zeitalters spielt, Exotismus inklusive. Es ist ein Fehler zu versuchen, mit derlei Lockungen (schöne Hure triff auf dürren Asketen) heute noch ein Publikum zu beeindrucken. Wie überhaupt: Werbung für eine Oper mit dem Sujet zu betreiben statt allein mit der Musik, – ein hirnrissiges Unterfangen! ABER: die Musik – allein? Was kann sie denn wirklich transportieren??? Und wer ist es, der oder die alles oder sogar noch viel mehr hineinlegt? Man hört die Meditation, Air oder Romanze – welche auch immer, von wem auch immer – und weiß alles. Alarmstufe 1: Sologeige.

Muss man sich eigentlich so problematisch geben, wenn man keinerlei technische Probleme auf der Geige kennt, aber zulässt, dass Bachs berühmtes Stück gnadenlos kitschig in Szene gesetzt wird? – David Garret dagegen mimt verhaltenste Leidenschaft und hat seine Meditation durchaus verdient. Ich kann nur sagen: Hut ab! – Der letzte Geiger aber serviert seine „Thaïs“  so lupenrein und geschmackvoll, dass man sich fragt, wie denn die fremde Frau auf so schlimme Gedanken kommen kann!

Es liegt vielleicht an der Geige an sich. Schon als Kind habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mehr hermacht, wenn man mit einem Gitarrenkasten in die Schule kommt. Und vergeblich sucht man später alles durch Bogendruck und Vibrato wettzumachen. Fehlgedacht, – man ist doch immer nur dabei, wenn die edle Frau Musica ihr Eigenlob anstimmt, nur richtig „cool“ ist man nie. Das sind die andern, die mit der Gitarre. Klavier geht auch, du trägst gar keinen Kasten und kannst so locker daherspielen, als hättest du’s gar nicht lernen müssen.

Dann ist man eines Tages erwachsen und liest:

Vergeblich wird jeder freie Flugversuch des Komponisten sein; in den allerneuesten Partituren und noch in solchen der nächsten Zukunft werden wir immer wieder auf die Eigentümlichkeiten der Klarinetten, Posaunen und Geigen stoßen, die eben nicht anders sich gebärden können, als es in ihrer Beschränktheit liegt; dazu gesellt sich die Manieriertheit der Instrumentalisten in der Behandlung ihres Instrumentes; der vibrierende Überschwang des Violoncells, der zögernde Ansatz des Hornes, die befangene Kurzatmigkeit der Oboe, die prahlhafte Geläufigkeit der Klarinette; derart, daß in einem neuen und selbständigen Werke notgedrungen immer wieder dasselbe Klangbild sich zusammenformt und daß der unabhängigste Komponist in all dieses Unabänderliche hinein- und hinabgezogen wird.

Quelle Ferruccio Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst / Insel-Verlag 1954 (1910) Seite 33

Natürlich ist hier nur vom vibrierenden Überschwang des Cellos die Rede. Aber wir wissen, dass viele Geiger sich „auf der Sull“ (sul G) austoben wie verhinderte Cellisten, und erst in der jüngeren Alte-Musik-Praxis hat man gelernt, wie der Bogen ohne Druck artikuliert. Fast könnte man sich irische Fiddler zum Vorbild nehmen, nur ein bisschen Lagenwechsel dürfte schon sein.

Natürlich dachte Rudolf Kolisch nicht an die Fiddler, als er seine Polemik über die „Religion der Streicher“ schrieb; er war der Ansicht,

daß diese Kreuzritter des erhöhten Leittones glauben, noch immer alle musikalische Geschehen kraft ihrer melodischen Potenz entscheiden zu können, was in der tonalen Musik längst durch den Fundamentschritt entschieden wurde. Ihre Rolle als Melodieinstrument par excellence reduziert ihr Bewußtsein auf die Oberstimme. Der deutlichste Ausdruck dieses Credo ist das Ideal, welches die Priester dieser Religion auf ihren Altar gestellt haben: der schöne Ton.

Dieser nun ist eine außermusikalische, ästhetisch undefinierbare Kategorie. Außermusikalisch in dem Sinn, daß ja kein Werk in der Kunstmusik je für schönen Ton geschrieben wurde, undefinierbar, da er ein rein subjektives Element ist. Infolge der überragenden Rolle, welche dieses subjektiv-sensualistische, musikalisch indifferente Moment im pädagogischen Spektrum und von da aus im Bewußtsein des Geigers einnimmt, ersetzt es alle legitimen, dynamisch-expressiven Momente der Musiksprache. Unter der Ägide des schönen Tons vollzieht sich musikalische Reproduktion jenseits ihrer eigentlichen Aufgabe, der Enthüllung von Konstruktion, lediglich als Kult des Schönen. Insbesondere hat eines der dringendsten Erfordernisse, die Ausbildung einer weiten Skala von Intensitäten, darunter gelitten. Die Region der äußersten Kraftentfaltung zumal ist dem Ideal des schönen Tones völlig zum Opfer gefallen. Die Gefahr, bei der Hervorbringung eines dreifachen Fortes die Schönheit des Tons etwa durch ein mitklingendes Geräusch zu verletzen, läßt jeden frommen Geiger vor dem Versuch zurückschrecken, die musikalische Idee dieses Extrems zu erfüllen. Im schlimmsten Fall werden alle dynamischen und Ausdruckskategorien zu einem uncharakteristischen Brei nivelliert. Um den Bedingungen der Massenkultur zu genügen, hat sich der schöne Ton in den großen Ton gewandelt. Ich habe niemals recht verstanden, was damit eigentlich gemeint ist und hoffe, von Ihnen einen Aufschluß darüber zu erhalten. Schönberg bezeichnete dieses Phänomen mit „mezzofortissimo“.

Quelle Rudolf Kolisch: Religion der Streicher (1972) in: Musik-Konzepte 29/30 Rudolf Kolisch: Zur Theorie der Aufführung / Herausgegeben von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn / edition text+kritik München 1983 (Seite 117f)

(Fortsetzung folgt)

Bilder der Seele

Anbetung

Ich habe Pech: meine Seele entwickelt fortwährend Widerstände. Zumal wenn ich zur Weihnachtszeit die ZEIT lese, die mich ganz offensichtlich auf den Weg der freien Entscheidung führen will. Aber doch die Suggestiv-Frage stellt (als gehe es nur um den Wohnsitz der Seele):

ZEIT Titel Seele Dez 2017

Und gleich darunter: „Muss die Kirche immer voll sein?“ Ein Pro und Contra zu einer nicht nur spirituellen Frage. –  Ein Satz von Evelyn Finger (contra) bleibt mir in Erinnerung: „Alle, die je aus Glaubensgründen gehasst wurden, wissen, dass sie mit weniger Frömmigkeit sicherer leben. Das belegt auch eine aktuelle Studie der deutschen Kirchen zur Religionsfreiheit: Diese ist ein rares Gut – und in frommeren Regionen unbekannt.“

Und dann hake ich mich fest auf der Seite „Glauben & Zweifeln“, einer Rubrik, die selber die Dichotomie festschreibt. Nein, das gilt wiederum nicht für mich, wenn das Zeichen & besagt, dass beide Begriffe zusammengehören. Es ist das Gemälde, das mich innehalten lässt, nicht nur das farbige Bild vielleicht, sondern auch die Idee, es mit Einzel-Stichworten zu umrahmen: Der Monfort-Altar – Der Maler – Die Details – Die Szene – Die Hände – Die Augen – Die Gaben – Die Farben.

ZEIT Goes Weihnachten 2017

Zu allererst die Bemerkung, dass auf der ZEIT im Querformat das Gemälde von Hugo van der Goes sich tatsächlich im ORIGINALformat wiedergeben lässt. Dann die Sache mit den Farben:

Als van der Goes lebte, konnte man noch keine Farben künstlich herstellen. Rot wurde aus einer Art Schildlaus gewonnen, Blau aus zerriebenem Lapislazuli. Die hier verwendeten Farben kosteten ein Vermögen. Hinter Josef erhebt sich eine seltene blaue Schwertlilie. Sie ist ein Sinnbild der Reinheit Marias.

Seltsam, ich dachte – die Lilie! Aber schon vorher las ich: „Die Akelei ist Symbol der Jungfrau Maria und der Anbetung Gottes.“ Gleich beides? Und dann: die AUGEN!

Alle Blicke treffen das Jesuskind. Trotz seiner Nacktheit und des nur zarten Strahlenkranzes [Ich sehe ihn ausschließlich bei Maria!] herrscht es über die mit Tuch und Pelzmützen, also mit den Zeichen von Macht und Reichtum ausgestatteten Männer. Der Blick des Kindes richtet sich auf uns, die Betrachter.

Stimmt das denn? Es schaut neben mich, weiter unten, ich könnte auch behaupten: weiter vorn, auf  das glänzende Goldgefäß. Und schaut etwa Josef auf das Jesuskind? Nein, er schaut nach rechts, an dem dunkelhäutigen König vorbei, als nahe aus dem Hintergrund eine vierter König, dem er das Gefäß zeigen möchte, auf das seine linke Hand weist. Und auf ihn, nicht auf das Jesuskind, schauen auch die anderen zwei Könige.  Ich verstehe: Offenbar gehöre ich nicht zu den Menschen guten Willens, den wahrhaft gläubigen Bildbetrachtern. Aber ich kann nicht davon ablassen, es zu betrachten. Ich lade mir die Wikipedia-Wiedergabe hier in den Beitrag (bitte zum Vergrößern anklicken):

Hugo_van_der_Goes_-_The_Adoration_of_the_Kings_(Monforte_Altar)_-_Google_Art_Project Hugo van der Goes (um 1470)

Wohnt hier vielleicht die Seele? Ich liebe die kleinen Darstellungen des Lebens im Hintergrund, auch die Schwertlilie und die Akelei. Und vieles andere. Oder wohnt sie eher auf dem Titelbild der ZEIT, das mir kitschig erscheint (aber auch von einem alten Meister stammt). Ich soll ins ZEITMAGAZIN schauen. Wenn es von Sabine Rückert geschrieben ist, lese ich es sehr gern:

Die Seele ist der letzte unverwechselbare und unverfügbare Kern eines Menschen. Die Wissenschaft versucht die Seele als biochemischen Vorgang im Gehirn und Körper (weg-) zu definieren. Google und Facebook bemühen sich, die Seele des Einzelnen durch Dauerbeobachtung all seiner Regungen zu durchschauen und zu erfassen. Damit wird aber nicht klar, was die Seele ist. Jeder Mensch trägt von seinem innersten Wesen nur einen Bruchteil nach außen. Wir zeigen unsere Individualität, unsere Unteilbarkeit, besonders dort, wo wie sie (mit)teilen: in der Liebe. In ihr äußert sich die Seele. In Beziehungen, lebendigen, guten, starken, ehrlichen Beziehungen, wird die Seele erkennbar. Anderen helfen, anderen etwas bringen, nicht nur für sich selbst da sein, das ist nach christlicher Vorstellung der Sinn des Lebens und gut für die Seele. Denn sie ist etwas, das von sich selbst weiter aufs Ganze verweist und das ein Zeichen der Dankbarkeit ist für den geschenkten Lebenshauch.

Und wo wohnt die Seele? An vielen Orten. „Es waren die Augen“, beschreibt der Schriftsteller Jack London einen Mann, „die die Seele unter tausend Verhüllungen verbargen und die sich mitunter, bei seltenen Gelegenheiten, öffneten und ihr erlaubten, hervorzustürzen, als wolle sie sich nackt und bloß auf ein wundervolles Abenteuer in die Welt begeben.“

Quelle: ZEIT MAGAZIN 20. Dezember 2017 Was ist die Seele? / Seite 20 „Vom Wesen der Seele“ (Sabine Rückert)

Das ist wunderschön gesagt, aber dann wird es weiter und weiter gefasst: im Gesicht, wie du lachst, wie du redest oder schaust, wie jemand geht oder die Brille hochschiebt. Vergangenheit, Kindheit, Eltern usw. usw.

Dann glaube ich am Ende doch lieber gar nichts mehr, und kehre glücklich zur Philosophie zurück, bzw. glaube lieber mit Immanuel Kant, dass wir über die Seele keine sichere Erkenntnis gewinnen können, weil wir aus der Tatsache, dass wir denken, nicht auf ein „denkendes Ding“ schließen können, also auf eine eigenständige Substanz.

Der traditionelle Seelenbegriff verlor seine Bedeutung, und an seine Stelle traten schließlich Bewusstsein und Selbst. Zugleich hat die moderne Philosophie den Dualismus von Descartes [Körper und Seele] grundlegend erschüttert. Nur noch wenige Denker glauben heute, dass Geist und Körper wesensverschiedene Substanzen sind, die unabhängig voneinander existieren können. Damit ist aber der Vorstellung einer immateriellen Seele der Boden entzogen. Die moderne Neurobiologie schließlich hat unsere Seelenvorstellungen ein weiteres Mal grundlegend verändert. Aus ihrer Sicht brauchen wir die Vorstellung einer immateriellen Seele schlicht nicht, um geistige und psychische Vorgänge zu erklären. Wir sind demnach nichts anderes als unser Gehirn.

Quelle Thomas Vašek: Philosophie! die 101 wichtigsten Fragen / Theiss/ Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2017 / Artikel SEELE Seite 53

Der Körper ist das beste Bild der Seele.

Ludwig Wittgenstein / Philosophische Untersuchungen, 1953

Wie Laien über Musik reden

Notizen aus einer Talkshow

(Noch zu ergänzen, siehe hier)

Ab 1:13:23 über Mozart [sehenswert die Gesichter der anderen Gesprächsteilnehmer während Rolando Villazón mit aufgedrehter Emphase über M. spricht ] 1:16:53 … ich glaube, M. ist so wie ein Geist, die bleibt mit uns, wirklich man spürt diese Geist, in den guten Momenten, in den schlechten Momenten, weil in Mozarts Musik, da drinnen gibt es auch die Möglichkeit, von traurig… von den Traurigkeit rauszukommen , und wenn es traurige Musik wird, da drinnen ist es auch die Möglichkeit von einem Lächeln, von Glücklichzusein, von Glücklichkeit zu finden, es ist alles zusammen, es ist ein Spiegel von unserer Seele, trotzdem ist es universell, es spricht zu einem Mexikaner, zu einem Deutschen, einem Österreicher, jemand, die liebt Schnitzel, jemand, die liebt Pacos mit Salsa, den… ] SCHÖNEBERGER: Ja, es ist auch nicht umsonst so, dass für Leute, die immer sagen „ich habe keinen Zugang zur Musik“, Mozart empfohlen wird. Mozart erreicht, wirklich wie du sagst, von Taco bis Schnitzel jeden (Lachen). HUBERTUS MEYER-BURCKHARDT: Jetzt ist Barbara aufgewachsen in einem Haushalt, wo der Vater Musiker ist, klassischer Musiker, du bist mit der Musik groß geworden… SCHÖNEBERGER: Mein Familienerkennungston war (pfeift Mozartthema) , also der Anfang vom Mozartklarinettenkonzert.

[weiter geht’s mit Überflüssigem: wieviel Musikstücke hat Mozart wirklich geschrieben, das ist ja offen usw. usw.]

[Nur dies interessiert mich an dem, was sie sagt: Familienpfiffe! Ich finde den Anfang des Klarinetten-Konzertes nicht besonders geeignet: der dringliche Charakter fehlt. Geeignet allenfalls als leises Erkennungszeichen unter Verschwörern. Wie ein Test, eine Frage. Aber das ist Ansichtssache. Zur Stoffsammlung hier.]

M’barek spricht von seinem „Klassiktrauma“ (1:21:14):

Es ist bei mir wirklich… klingt auch sehr plump, meine Mutter hat immer Klassik-Radio gehört. Und das ist meine einzige Erinnerung, was ich mit Klassik verbinde, ist morgens aufgestanden, immer dunkel, zur Schule gehen, war müde, hatte keine Lust auf Schule, und es lief Klassik im Radio. Und ich saß so beim Frühstück und ich habs gehasst. Es ist jetzt noch so, ich steig manchmal in ein Taxi, – (zu Barbara Sch., die heftig zustimmend reagiert 🙂 es tut mir leid, musste mal kurz weghören – ich sag dem Taxifahrer, wenn er fragt, (SCH: keine klassische Musik!) alles, nur keine Klassik…

SCHÖNEBERGER: Ja aber das ist doch interessant, in der Prägung, Ihr hättet das immer hören müssen, wenn ihr zu McDonald gegangen sei, dann hättet ihr das positiver konnotiert. Wie ist das bei Ihnen, Herr Precht, wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen Mozart und … (Wagner) … 1:21:50 Wagner und Rachmaninow … ?

PRECHT: Ja, also zu Wagner habe ich überhaupt keinen Zugang, meine Lieblings-Klassische-Musik ist Barockmusik. Bei mir ist das so: ich bin leicht überfordert von klassischer Musik. Also wenn Musik so ne gewisse emotionale Komplexität erreicht, so… Beethoven und gar nicht zu reden von Bruckner … oder von Wagner – dann klebt mich das irgendwann zu, und solang das so ne kristallklare Struktur hat, wie Barockmusik, dann beschwingt mich das sehr, und kann ich viel mit anfangen. Also ich mache … Mozart steht so n bisschen dazwischen .. was ja auch noch ne sehr große Verspieltheit hat, aber ab ner gewissen Schwere – Tschaikowski oder sowas, ja? – zieht mich dermaßen runter, dass ich das dann am liebsten ausmache, ja, das stimmt!

THEMENWECHSEL Ist Mozart schwer zu singen? VILLAZÓN: Ganz schwer! Etc. etc.

Man denkt als Musiker: die reden sich um Kopf und Kragen, um Gottes willen, Villazón nebenbei auch, er ist kein Laie, aber eben Sänger…

Precht beginnt mit dem sympathischen Eingeständnis „ich bin leicht überfordert von klassischer Musik“, kommt aber schließlich zu dem Satz, den tatsächlich nur jeder blutige Laie für ein Argument hält: „das zieht mich dermaßen runter“.

Es geht keineswegs darum, diesem prominenten Menschen, von dem schon soviel Intelligentes zu hören war, sogar in Talkshows, endlich mal eins auszuwischen, sondern anderen , musiknäheren Menschen klar zu sagen: das ist nicht die richtige Art, über das Thema Klassik zu sprechen. (Anderenorts spricht er sehr vernünftig über ästhetische Phänomene, ja, er ist ein begnadeter Erklärer, und ich lerne wirklich gern von ihm. Siehe hier.)

Ich wette, er lobt nur Musik, die ihn beim Lesen nicht stört. Er meint zwar, es sei die „kristallklare Struktur“, die ihm Barockmusik am leichtesten akzeptierbar macht, wahrscheinlich ist es aber nur das gleichbleibende Grundtempo und die wenig ausufernde Dynamik, die es ihm leicht macht, innerlich abzuschalten und sich störungsfrei dem gelesenen Text (oder den eigenen Gedanken) zu widmen. Das ist aber kein Verdienst der Musik! Nehmen wir doch mal eine Musik von kristallklarer Struktur, etwa die Kunst der Fuge von Bach: auch wenn wir nur ganz geringe Ansprüche an unser Hörvermögen stellen wollen, versuchen wir doch bloß, aus dieser gleichmäßigen Textur der Stimmen die relativ auffälligen Themeneinsätze herauszuhören, vielleicht sogar jeweils mitzusingen (das Thema muss Ihnen einfach bekannt sein, jede Fuge beginnt ja damit!). Ich glaube, wir hätten trotzdem alle Ohren voll damit zu tun und könnten keinesfalls dabei ein philosophisches Werk lesen, auch keinen Roman. Sollte es dennoch gelingen, ich schwöre: die Musik rauscht nur so vorüber, wie — jaja — wie ein murmelnder Bach.

Das sollte von vornherein klar sein: ein Werk, das Ansprüche stellt, muss im Mittelpunkt stehen und meine ganze Aufmerksamkeit bekommen (sonst darf ich mir kein Urteil erlauben). Ich gehe ja auch nicht ins Kino, um dort mit der Taschenlampe ein Comic-Heft zu lesen.

Das ist eine Erfahrung, die auch jeder Musiker macht: selbst Stücke, die man gut kennt, – und gerade Beethoven – kann man nicht nebenbei hören, sie fordern uns! Sie fordern uns auf, am Prozess teilzunehmen, nicht: ihn an uns vorüberlaufen zu lassen. Und das kann Arbeit machen, es ist zumindest eine energetische Leistung!

Wenn uns das Abschalten bei Barockmusik so gut gelingt, so kommt das vielleicht daher, dass sie im Zeitalter des Absolutismus entstand. Der Herrscher duldet keine ungenehmigten Ausbrüche. Wagner hatte ein feines Gespür dafür, wenn er meinte, selbst bei Haydn oder Mozart noch das Küchengeschirr klappern zu hören (die gesellschaftlichen Konventionen).

Heute gibt es noch einen zusätzlichen, übermächtigen Aspekt: fast überall, wo über Musik geredet und geurteilt wird, kommt die Kundenmentalität zum Vorschein. Der Kunde kann etwas für sein Geld verlangen, die Musik hat in der Weise störungsfrei zu funktionieren, wie er es erwartet. Und wenn sie zu emotional wird, und so komplex, dass er es nicht mehr durchschauen kann, so beschwert er sich, „dann klebt das irgendwas zu“.

Mozart allerdings hat angeblich die „Verspieltheit“, – die es gerade noch erlaubt, ihn nicht ganz ernst nehmen zu müssen. Auch er läuft unter Umständen so nett vorbei. (Ist er nicht immer ein Kind geblieben – irgendwie?) Daran hat erst Harnoncourt etwas geändert.

So schäme ich mich auch, wenn Villazón – gewiss in bester Absicht – Mozart anpreist. Und dem (ohnehin sexualisierten) Pöbel im weltweiten Publikum auch noch die Bäsle-Briefe empfiehlt. Eine semplice-Melodie von Mozart braucht größtmögliches Feingefühl auf Seiten des Rezipienten und keine simplen Assoziationen. Eigentlich dürfte nur noch Leuten, die den ganzen Beethoven kennen und lieben, erlaubt sein, Mozart zu hören. Oder darüber zu reden…

Nachwort (Sonntagmorgen)

All dies ist übrigens nur ein Aspekt der Sache. Meiner. Momentan. Und in der allmählichen Nachwirkung der Talkshow-Szenen. Ich (man) könnte es auch ganz anders sehen.

Was die Prominenten sagen, deute ich mit Blick auf das Publikum, dessen Irreführung mir nicht passt. Die Leute werden sagen: wenn der Precht, der soviel nachdenkt, sagt: klassische Musik zieht mich herunter, dann wird das wohl erst recht für uns alle gelten. Wir hören ja ohne zu denken! Wir geben uns der Musik hin und können nicht einmal gegensteuern.

Aber wenn ich seine Äußerungen im Blick auf ihn selbst deute, könnte ich vermuten: er nimmt beim Denken (Lesen) genau die Haltung ein, die angemessen ist, und versucht alles auszuschalten, was ihn daran hindert. Z.B. die von ihm etwas unglücklich beschriebene klassische Musik. Was kann er dafür, wenn die Leute jetzt nur wissen wollen, was er von den Hindernissen hält. Er liegt ihm nicht, die Hindernisse selbst in den Fokus zu nehmen: vielleicht beherbergen sie konkurrierende Denk- und Fühlsysteme, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Das ist natürlich leicht gesagt. Die Musik begleitet nicht etwa einen Film, der in unserem Kopf abläuft; die Musik ist der Film selbst, und er besteht allein aus Tönen. Und man hört sie oft nur, wenn man von allem anderen absieht. Sie funktioniert nicht anders als das Denken, – nur ganz anders.

Heute morgen las ich in der Süddeutschen Zeitung ein Protokoll zu bestimmten Stichworten aus Prechts Leben, darunter das folgende:

Anti-Mulitasking Neben meinem Studium arbeitete ich als Nachtwächter auf Messen. Während meine Kollegen Pornos schauten, büffelte ich philosophische Werke. Das wirkt schon ein bisschen nerdig, aber das war eben meine Leidenschaft. Ich war in meiner eigenen Welt, in der ich alles um mich herum ausgeblendet habe. Ich kann stundenlang konzentriert Bücher lesen und wenn mich Texte besonders überzeugen, sie auswendig zitieren. Dafür kann ich kein Auto fahren, weil ich den Verkehr nicht verstehe. Ich habe vorhin zum Beispiel nicht wahrgenommen, wie der Kellner den Kaffee an unseren Tisch gebracht hat und wie zwei Frauen sich an den hintersten Tisch gesetzt haben. Wenn ich so extrem fokussiert bin, achte ich kaum auf meine Umwelt. In einer Beziehung kann das zum Problem werden.

Quelle Süddeutsche Zeitung 21./22. Oktober (Seite 46) Ihm gelingt es wie keinem Zweiten, einem großen Publikum anspruchsvolle Philosophie zu vermitteln. Richard David Precht, 52, hat gerade den zweiten Band von „Erkenne dich selbst“, seiner dreiteiligen Geschichte der Philosophie, vollendet. In einem Düsseldorfer Restaurant spricht der Popstar unter den Philosophen über seine ungewöhnliche Kindheit und seinen plötzlichen Erfolg. (Protokolle: TAHIR CHAUDHRI)

Ich würde empfehlen, im letzten Satz des Zitates, das ich sympathisch finde, auch seine Beziehung zur Musik mitzudenken. Kein versteinertes Manko, – durchaus vergleichbar mit der Beziehung Mozarts zur Philosophie…

Protest 24.10.2017

Mein bester Klassikfreund hat mir geschrieben:

Mit allergrößtem Interesse verfolge ich Deinen Blog. Das weißt Du ja sowieso. Zuletzt aber vor allem Deinen Bericht über die NDR-Talkshow – mal jenseits meines Respekts, daß Du Dir derartige Sendungen antust 😉 aber es war natürlich hochinteressant, das zu verfolgen. Und, verzeih, aber ich finde, Du bist mt Precht da im Nachhinein (also in der Sonntags-Ergänzung) zu gnädig umgegangen. Das Problem ist und bleibt, daß solche eigentlich recht klugen Leute ganz offensichtlich nicht über die Klugheit verfügen, die Musik ernst zu nehmen, und das ist doch einigermaßen bedenklich und zwar privat verzeihbar, aber bei öffentlichen Äußerungen im Grunde unentschuldbar. Mich erinnert das an all die Alt-68er, die ich immer vor mir hatte in den 1970er bis 1990er Jahren, die altlinken Professoren, die ich sehr respektiert habe, die Politiker während meiner Zeit bei den Grünen, von Fischer bis ich weiß nicht wem. Sie konnten alle so kluge Sachen sagen, aber wenn es um ihren Musikgeschmack ging – grauenvoll. – Precht ist ein gutes Beispiel dafür. Und das darf und kann man nicht akzeptieren – und zwar gerade, weil er sonst so klug und analytisch ist. Eigentlich müßte man ihm schreiben und erklären, was an der Ernsten Musik so wichtig ist, und daß seine Einlassungen wirklich Kokolores sind. Giftiger Kokolores, sozusagen.
***

Natürlich hat er recht, sobald ich bedenke, dass es um Leute geht, deren dürftige Kompetenz allein dank ihrer Prominenz (in anderen Dingen) eine fatale Wirkung in der Öffentlichkeit zeitigt und nicht als peinliches Defizit erkannt wird. Ich muss nach einem Vergleich suchen: sagen wir, ein Mann wie Barenboim würde in einer Talkshow beiläufig behaupten, klassische Philosophen vom Kaliber eines Immanuel Kant seien Denk-Roboter ohne Seele, und Nietzsche sei nicht umsonst ein Nazi-Vordenker genannt worden. Dürfte er das, ohne dass gebildete Menschen wie Precht ihn gnadenlos korrigierten?  Es ist ja kein Unterschied des Geschmacks, sondern der zwischen Wahrheit und Irreführung. (Und natürlich ist Barenboim das Gegenteil eines  eindimensionalen Fach-Musikers!)

Kuhglocken im Allgäu

Screenshot 2017-10-03 Das Erste Sushi a abrufbar bis 2.10.2018 HIER

3:17 Natürlich kennt der Bauer jede Kuh mit Namen, auch wenn für uns eine aussieht wie die andere. Aber nicht nur das: er kann sogar jede einzelne Glocke zuordnen.

„Wenn die Kuh vom Dunklen in den Stall reinkommt, dann kann ich sagen, welche Kuh da kommt. Weil das hör i ja.“ „Moment, jede Glocke klingt anders?“ „Ja.“ „Und Sie wissen alle, wo die im Stall ihren Platz…“ „Da hat jede ihren Platz, jaja, das weiß die Kuh auch nächscht Jahr no. Die sind ja im  Winter unten im Tal, und im Frühjahr werden sie wieder raufgetrieben, da weiß jede, wo sie war. Darf man nicht sagen: blöde Kuh. 3:57

Screenshot 2017-10-03 Das Erste Sushi b Screenshots JR

Erinnerung an Südtirol (14.09.2017):

Villanders Vorm Melken a  Villanders Vorm Melken c Villanders Vorm Melken d

Villanders Vorm Melken b Sie sind noch nicht lang zurück von der Alm.

Und kennen auch hier ein anderes Leben: Täglicher Auslauf noch im September.

Villanders Auslauf der Kühe In der Ferne liegt Dreikirchen.

Handy-Fotos JR

Kuhglocken im Wallis (Schweiz): HIER

Ziegenglocken in Mittenwald (Bayern): HIER