Schlagwort-Archiv: Byung-Chul Han

Anlässlich der Han-Lektüre

„Topologie der Gewalt“

Es gibt Schwierigkeiten, die eine philosophische Lektüre behindern, nur weil man die Möglichkeiten des Internets nicht nutzt. Manch einem erscheint es vielleicht anachronistisch, sich mit einem Buch vor den Computer zu setzen, mir durchaus nicht.

Wie soll ich denn das Wissen kompensieren, das Byung-Chul Han offenbar voraussetzt? Vielleicht auch nur, weil es ihm durch die Arbeit an seinem Thema derartig geläufig geworden ist. Und es finden sich zwar allerhand Anmerkungen, die dem wissenschaftlichen Anspruch genügen, aber keine Ermunterungen, die der unorthodoxen Selbsthilfe bei gedanklicher Arbeit zugute kämen. Das Gegenteil durchaus:

Auch die neuen Medien und Kommunikationstechniken verdünnen das Sein zum Anderen. Die virtuelle Welt ist arm an Andersheit und deren Widerständlichkeit. In den virtuellen Räumen kann sich das Ich praktisch ohne das ‚Realitätsprinzip‘ bewegen, das ein Prinzip des Anderen und des Widerstandes wäre. In den imaginären Räumen der Virtualität begegnet das narzisstische Ich vor allem sich selbst. Die Virtualisierung und die Digitalisierung bringen das Reale immer mehr zum Verschwinden, das sich vor allem durch seine Widerständlichkeit bemerkbar macht. Das Reale ist ein Halt in seiner doppelten Bedeutung. Es bewirkt nicht nur Unterbrechung oder Widerstand, sondern auch Halt und Rückhalt.

Quelle Byung-Chul Han: Topologie der Gewalt / Verlag Matthes und Seitz Berlin 2011 (Seite 45f)

Das ist schön und belehrend, verstärkt mich allerdings in einem Widerstand, der mir bei der Lektüre des Buches hinderlich ist, so reizvoll widerständig und wenig zielführend er sich auch anfühlt. Ich muss einen schnellen Begriff finden für bestimmte Grundgedanken und deren Urheber, die für Hans Gedankengänge eine wesentliche Rolle spielen. (Daher die schrittweise nachgetragenen Klicks, die eine Information ermöglichen, wie oberflächlich auch immer.)

Das wären im ersten Teil, Kapitel 2 René Girard, Kapitel 3 Sigmund Freud, Richard Sennett und Alain Ehrenberg, Kapitel 4 Carl Schmitt, Walter Benjamin und Giorgio Agamben.

Im zweiten Teil, Kapitel 1 Galtung, Bourdieu und Žižek, deren Vornamen – wie auch sonst – wir nicht erfahren, Kapitel 2 Foucault und wiederum Agamben. Kapitel 3 Baudrillard, Kapitel 5 Lévinas und Serres, Kapitel 6 Deleuze und Hegel, Kapitel 7 Hardt und Negri, Kapitel 8 Agamben und sein „Homo sacer“ mit einer ausführlichen, kleingedruckten Erläuterung.

Schon Seite 14 begegne ich dem „Muselmann“, mit dem ich nichts anfangen kann, es sei denn in Erinnerung an einen blöden Kanon oder ich schaue ins Internet. Oder ich springe zufällig in den Schluss des Buches (Seite 167), wo zu lesen ist:

Die Muselmänner sind die total entkräfteten, ausgemergelten und apathisch gewordenen Lagerhäftlinge.

Allerdings habe ich mich gerade kundig gemacht, nämlich unter dem Stichwort https://de.wikipedia.org/wiki/Muselmann_%28KZ%29, also hier. Wie auch zu all den Namen, sofern sie mir nicht ganz geläufig waren, und genau das werde ich jetzt oben nachtragen. Mir scheint unterdessen, dass Han weitestgehend Agamben folgt, insbesondere dessen Homo – sacer – Projekt, in dem auch die meisten von jenem genannten Namen auftauchen. (Dazu siehe auch hier – homo sacer – sowie hier – Zwölftafelgesetz der Römer – und schließlich, noch einmal auf Agamben bezogen, hier.)

Und was die islamistische Gewalt betrifft, die uns gerade in Paris erschüttert hat, sollte man sie nicht mit der verwechseln, die den „Muselmännern“ angetan worden ist.

Gewalt in der Gestalt des Terrors, der uns vor allem sinnlos erscheint, weil er nicht unmittelbar zu einer Ausweitung von Macht auf der einen Seite führt, sondern nur zu einem Bewusstsein der Ohnmacht auf der anderen Seite, ist offenbar nicht Gegenstand dieses Buches. Ein einziges Mal wird das Thema berührt, das im Augenblick zur gründlicheren Erarbeitung des Phänomens führen könnte, auf Seite 155 f:

Nach dem Untergang des Kommunismus hat der Kapitalismus kein Außen mehr, das ihn ernsthaft gefährden würde. Selbst der islamische Terrorismus ist keine Manifestation eines ebenbürtigen Machtlagers, das das kapitalistische System wirklich bedrohen würde. Es kann ihn sogar absorbieren und in systemische Energien umwandeln, die es stabilisieren. Denkbar wäre allein eine Implosion des Systems durch dessen Überhitzung und Übersteuerung.

Bildung!

Nur was fürs „Bildungsbürgertum“?

Das sogenannte Bildungsbürgertum erhebt sich gern über das, was Schülerinnen und Schüler, die heute Abitur machen, doch alles nicht wissen. Sie kennen nichts, sie verstehen nichts, reden aber viel und meistens sehr schnell. Ich verstehe sie auch nicht, halte das aber letztlich für belanglos. Über kurz oder lang ist man bei  den kleinen handlichen Medien, die den jungen Leuten angeblich die Illusion vermitteln, man brauche keine Bücher mehr, es genüge, ein bisschen zu googlen. In der Tat, man kann zu allem etwas sagen, wenn man nur Zeit genug hat, ein bisschen mit dem Smartphone zu spielen. Wäre Bildung vielleicht die Fähigkeit, ohne Hilsmittel etwas Triftiges zu einem Thema zu sagen, das sich zufällig ergibt? Zufällig, also wie das Leben so läuft. Im Gespräch zum Beispiel. Und nicht ständig die Formel „keine Ahnung“ einfließen zu lassen. Hier eine verwunderte Bemerkung, die aus der Schule stammen soll: „Denken ist wie googeln. Nur krasser.“ Genau, ist doch ganz richtig? Mehr dazu: siehe FAZ heute „Die digitale Amnesie“.

In meiner Schulzeit kam es Mitte der 50er Jahre plötzlich auf, von „Allgemeinbildung“ zu schwärmen. Man las „Das neue Universum“ oder „Durch die weite Welt“ oder löste wie besessen Kreuzworträtsel. Ich staune im Nachhinein, dass das Buch von Dietrich Schwanitz erst 1999 herauskam: „BILDUNG. Alles, was man wissen muss“. Und erst 2001 setzte der Wissenschaftler Ernst Peter Fischer dagegen: „Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte“. Und erst vor 2 Jahren fand ich in einem Blechschrank, der im Botanischen Garten stand und eine Gratisauswahl von gebrauchten Büchern anbot, ein Lesebuch, das seither bei mir zuhaus griffbereit auf einem stillen Örtchen liegt:

Lesebuch Oberstufe

Es begeistert mich immer aufs neue. Darin ist wirklich alles enthalten, was man zum Denken und Fühlen braucht. Ich übertreibe nur wenig. Viele Jahre auf einer einsamen Insel: dies Buch würde mir ausreichend Nahrung bereitstellen. Schwanitz hätte seine Freude an mir, und Fischer würde sagen: „Typisch Bildungsbürger! Keine Ahnung von Meeresströmungen und Navigation!“

Bildung Schwanitz  Bildung Fischer

Das Fatale an einem Bücherschrank ist, dass man ein herausgenommenes Buch nicht wieder zurückstellen mag. Man meint ihm doch noch ein Geheimnis entlocken zu müssen. Oder auch: man möchte ihm nicht Unrecht tun und es nur für ein Zitat verwenden, während man alles andere als weniger wissenswert abtut. Und so sammeln sie sich auf, neben und unter dem Schreibtisch Bücher im Wartestand; allen bin ich noch etwas schuldig. Das geht mir bei Google durchaus nicht so; bei Google spüre ich nichts, „null“ sagt man heute. Bei Wikipedia durchaus, da spüre ich menschliche Sorgfalt und gedankliche Akkuratesse.

Aber diese Lesebücher waren es immer, die mich faszinierten, selbst wenn sie wie dies da oben einfach als „Deutschbuch“ daherkamen. Schon die aus der Zeit meiner Mutter: meine – streng genommen – ungebildete kleine Oma las mir daraus vor oder lies mich später vorlesen und war selber fasziniert: Schiller-Balladen und Gesänge aus Homers Odyssee, – selbst wenn sie den Inhalt aus Glaubensgründen ablehnen musste. Sie freute sich, wenn ich an ihren Lippen hing. Anfang der 60er Jahre war es dann ein Buch wie dieses, französisch orientiert, da es die Übersetzung eines Originals von Gallimard 1957 war. Es war nicht die Suche nach dem Abstractum „Bildung“, sondern danach, mich anders zu prägen, einen Panorama-Blick zu entwickeln und ihn mit der interessierten Betrachtung „kleinster Zellen“ – etwa in der Musik (frei nach Adorno) – zu verbinden.

Panorama

Was würde ich heute an diese Stelle setzen? Wahrscheinlich das Buch von Ralf Konersmann über „Die Unruhe der Welt“. Es ist detailreich und schwer systematisch einzuordnen, aber gerade deshalb geeignet, für Unruhe im eigenen Innern zu sorgen und sie doch – zwischen zwei Buchdeckeln – vorbildlich gebannt zu wissen. Solchermaßen wird man vielleicht gehindert, sich bildungsbürgerlich zur Ruhe zu setzen, und zugleich Byung-Chul Hans Büchlein über Zen-Buddhismus auf dem Nachtschränkchen liegen zu haben, so dass ein Zen-Buch wie das von Alan W. Watts (August 61) in philosophischer Umgebung wiederkehrt und mir einen Rest von Kontinuität signalisiert – wie die Musik. Ruhe bewahren und Unruhe gewähren lassen.

Konersmann Unruhe

Doch zurück zu meinem Deutschbuch für die Oberstufe:

(Fortsetzung folgt)

Oder vielmehr zur neuesten bildungsbürgerlichen Erregung: das Armida Quartett spielt am Donnerstag in der Kölner Philharmonie. „Meine“ Quartette von Schumann und Schubert.

Stuttgart 3

Machtgefälle im Alltag

Wir hatten ein Gespräch über Schule und Drogen geführt, beim Flammkuchen im Biergarten, hinter dem Damm, auf dem ein Fuß- und Fahrradweg mit Blick auf den Neckar verläuft. Rückweg. Es wird etwas eng, wenn man dort oben zu zweit mit Hund entlangspaziert, die Fußgänger müssen fortwährend zurück- oder vorausschauen, um den Fahrrädern auszuweichen; und man muss ganz am Rande stehenbleiben, wenn man den Blick in den trägen Fluss senken möchte.

In einiger Entfernung kommt uns eine buntscheckige Dreiergruppe entgegen, Punker, einer mit unglaublich dünnen Beinen trägt einen schlaffen Rucksack, in der Mitte eine rothaarige Frau, -hat sie eine allzugroße Spange in der Lippe? Sie sehen alle drei morbide aus, vielleicht drogenkrank, ausgerechnet. Als eine Fahrradklingel schrillt, drängen sie sich zur Seite und stehen etwas enger, der Fahrradfahrer aber schlägt, als sei er in Sturzgefahr, mit der rechten Hand gegen den Rucksack, er forciert, berührt möglicherweise auch den Rücken des jungen Mannes mit dem Lenker, man hört den dumpfen Kontakt, und schon ist der Kraftprotz vorbei. Die Fassungslosen schreien hinterher und schütteln die Fäustchen, Frauenstimme: „du blödes Arsch!“ oder so ähnlich.

Wir sind schon ein Stück hinter den Beteiligten, beim Zurückschauen sehe ich den Fahrradfahrer in etwa 50 m Entfernung, er hat sein Rad quer über die schmale Straße geworfen, ist bereits zu Fuß in unserer Richtung unterwegs, drohend aufgerichtet schreit er: „Hat da jemand ein Problem!!??“

Will er die drei nur einschüchtern? Ich weiß nicht, wie sie reagieren, beim nächsten Zurückschauen hat er jedenfalls sein Vorhaben aufgegeben und sich wieder dem Fahrrad zugewandt, vielleicht muss er die Fahrbahn für andere freimachen, ich habe es nicht mitbekommen.

Kurz danach sind wir an dem schrägen Abgang, in Richtung Kurviertel Bad Cannstatt.

Ganz allmählich schwenkt meine Einschätzung der Szene um: natürlich bedeuteten nicht die Punker eine Gefahr (sie irritierten nur, so lange ich ihnen entgegensah), sondern dieser Radfahrer; er gehörte zu denen, die mit dem Wort „Kuckstu!?“ schon übergangslos zuschlagen.

Eine Szene zwischen Machtanmaßung und scheinbar rechtsfreiem Raum. Mich beunruhigte die Vorstellung, dass ich eine bestimmte, eine andere Rolle hätte übernehmen müssen.

Zum Beispiel hätte ich, als der Radfahrer sich, offenbar gewaltbereit, anschickte zurückzukommen, ebenfalls die paar Schritte zurückgehen und mich neben die Punker stellen können: die bloße Anwesenheit einer vierten Person, die sich durch Kleidung und Alter vollkommen unterschied, hätte der Gruppe ein ganz anderes Image gegeben: einen imaginären (bürgerlichen) Machtzuwachs.

Sobald ich es so sehe, muss ich wieder an das Reclam-Büchlein denken, das ich für etwaige Wartezeiten in der Jackentasche trage: Ich habe es kürzlich wieder konsultiert, als ich die Indienfilme gesehen habe: rechtsfreie Räume in einer Demokratie?

ZITAT

Die Macht wird bald mit Freiheit, bald mit dem Zwang in Verbindung gebracht. Für die einen beruht die Macht auf dem gemeinsamen Handeln. Für die anderen steht sie mit dem Kampf in Beziehung. Die einen grenzen die Macht von der Gewalt scharf ab. Für die anderen ist die Gewalt nichts anderes als eine intensivierte Form der Macht. Die Macht wird bald mit dem Recht, bald mit der Willkür assoziiert.

Dies ist für Byung-Chul Han die Ausgangslage im Vorwort, – eine theoretische Konfusion. Dann beginnt er seine hochinteressanten Ausführungen mit der ersten Definition, wenn der eine (Ego) gegen den Anderen (Alter) steht:

Unter Macht versteht man gewöhnlich die folgende Kausalrelation: Die Macht von Ego ist die Ursache, die bei Alter gegen dessen Willen ein bestimmtes Verhalten bewirkt. Sie befähigt Ego dazu, seine Entscheidungen, ohne auf Alter Rücksicht nehmen zu müssen, durchzusetzen. So beschränkt Egos Macht Alters Freiheit. Alter erleidet den Willen Egos als etwas ihm Fremdes. Diese gewöhnliche Vorstellung von der Macht wird deren Komplexität nicht gerecht. Das Geschehen der Macht erschöpft sich nicht in dem Versuch, Widerstand zu brechen oder Gehorsam zu erzwingen. Die Macht muß nicht die Form eines Zwanges annehmen. Daß sich überhaupt ein gegenläufiger Wille bildet und dem Machthaber entgegenschlägt, zeugt gerade von der der Schwäche seiner Macht. Je mächtiger die Macht ist, desto stiller wirkt sie. Wo sie eigens auf sich hinweisen muß, ist sie bereits geschwächt.

Quelle Byung-Chul Han: Was ist Macht? Reclam Stuttgart 2005 (Seite 7 und 9)

In etwas einfacherer Form finde ich diesen definitorischen Ansatz in der Formel von Mallory, Segal-Horn & Lovitt: demnach sei Macht

die Fähigkeit von A, B dazu zu bringen etwas zu tun, was er ansonsten nicht getan hätte. – ] the ability of A to get B to do something they would otherwise not have done.

Natürlich löst sich dieser Gedankengang sofort von meinem simplen Fall, der mit Ohnmacht und angemaßter Macht zu tun hat. Im Fall einer Eskalation steht sofort die Möglichkeit bereit, die Polizei zu Hilfe zu rufen, also eine Macht über allen Beteiligten wirkungsvoll ins Spiel einzuführen.

Interessant scheint mir, dem Unterschied zwischen Macht(ausübung) und Gewalt nachzugehen. Es gibt eine Theorie des Dreiecks der Gewalt mit den Faktoren Täter, Opfer und Zeuge, deren Definition von Gewalt naturgemäß – nämlich abhängig von der jeweiligen Perspektive – unterschiedlich ausfällt. Siehe in dem Artikel „Ethnologische Theorien zur Gewalt“ (hier): David Riches. Auch Veena Das, die „im Sinne von Franco Basaglias Konzept der peace time crimes (…) die Gewalt nicht als Unterbrechung des Normalzustandes, sondern vielmehr als Implikation des Gewöhnlichen“ ansieht.

Siehe auch im Basaglia-Artikel den Abschnitt „Geisteskrankheit ohne Geist“, womit sich eine aufschlussreiche Verbindung zu Wölfli/Aperghis ergibt.

Geistesgröße

Mit Erstaunen hören wir, dass wir leicht den Globus umrunden könnten, wenn nur die Nervenbahnen unseres Gehirns in diesem Sinne nutzbar wären:

Die Länge aller Nervenbahnen des Gehirns eines erwachsenen Menschen beträgt etwa 5,8 Millionen Kilometer, das entspricht dem 145-fachen Erdumfang.  (Zitat)

Andererseits ist es verlockend, sich auf die faule Haut zu legen, zumal sie ja auf Dauer schwer zu tragen ist:

Mit einer Fläche von eineinhalb bis zwei Quadratmetern ist die Haut das größte Organ des menschlichen Körpers. Sie macht rund ein Sechstel des Körpergewichtes aus. (Zitat)

Aber mir wird ganz bang um die Welt, wenn ich an den Darm denke:

Der Verdauungstrakt hat eine Oberfläche von 300-500 m2. Damit stellt er die größte Kontaktfläche des menschlichen Körpers zur Außenwelt dar. (Zitat)

 Ob mein Geist mit seinen unglaublich dünnen Nervenbahnen ausreicht, diese Größenordnung zu erfassen?

Die Sorge wächst, wenn ich die Grenzen seiner Macht zu ergründen suche und auf Gewissheit in der Schrift „Was ist Macht?“ von Byung-Chul Han hoffe. Dieser wiederum wendet sich an den großen Philosophen Friedrich Hegel:

Die Tätigkeit des Geistes beschreibt Hegel interessanterweise in Analogie zur Verdauung. Hervorgehoben wird dadurch eine machtlogische Affinität zwischen Verdauung und Geistestätigkeit: „Alle Tätigkeiten des Geistes sind nichts als verschiedene Weisen der Zurückführung des Äußerlichen zu der Innerlichkeit, welche der Geist selbst ist, und nur durch diese Zurückführung, durch diese Idealisierung oder Assimilation des Äußerlichen wird und ist er Geist.“ Der Grundzug des Geistes ist die Verinnerlichung. Er hebt das Andere, das Äußerliche in seinen Innenraum auf. Dadurch bleibt er im Anderen bei sich zu Hause. Das Erkannte oder das Begriffene ist dem Geist nicht äußerlich oder fremd. Es gehört zu ihm. Es ist sein Inhalt: „Nämlich Erkennen heißt eben das Äußerliche, Fremde des Bewußtseins vernichten und ist so Rückkehr der Subjektivität in sich“. Die Verinnerlichung, die Aufhebung des Außen ins Innen, verbindet Digestion und Begreifen. Essen und Trinken ist, so Hegel das „bewußtlose Begreifen“ der Dinge.

Quelle  Byung-Chul Han: Was ist Macht? Reclam Stuttgart 2005  (Seite 71f)

Han zitiert Hegel aus folgenden Quellen: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, in: Werke, Bd. 10 (Seite 21) u. Bd. 9 (Seite 485); Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, in: Werke, Bd. 12 (Seite 391).

Geschrieben ab 9.30 Uhr während der Sonnenfinsternis, ohne Lampenlicht… Ich bitte Schreib- und Denkfehler zu entschuldigen… Aber nicht einmal die Vögel haben aufgehört zu singen, vor allem die Singdrossel nicht. Nimmt sie ihren Namen als Vorschrift? Oder nutzt sie listig den trügerischen Nebel da draußen?

(Doch! Sie haben aufgehört, ab 10.17 Uhr war Ruhe. Abgesehen vom Rotkehlchen.)

Organisches Denken?

Ich kann den Schock einigermaßen datieren, an dem ich vom Glauben abfiel, der mit einem gewissen Vertrauen in DIE NATUR zusammenhing. Dies hatte den Zweifel überdauert, den ein älterer Mitschüler mir in den 50er Jahren eingepflanzt hatte: die Philosophie sagt, dass Du nicht einmal sicher sein kannst, ob dieses Haus aus Klinkersteinen dort wirklich vorhanden ist, ob die Dünenkette dahinten wirklich existiert, ob das Meer, das wir rauschen hören, Realität hat. Ich war sicher, dass dieser Irrtum sich bald aufklären würde, aber die Diskussion lief sich tot. Der andere erinnerte an die Formel „Cogito ergo sum“, so heiße es korrekt, „ich denke, also bin ich“, und nicht „Sum ergo cogito“: ich bin nicht etwa zu allererst einmal da, und nur deshalb kann ich überhaupt anheben zu denken. Abgesehen von der Frage: ist es wirklich das Denken oder ist es der Gedanke der Eigen-Präsenz? Die Selbstgewissheit – und ist genau dies nicht „Sum“? Oder geht es um das nach außen gerichtete Denken, das die Objekte erfasst, nach Innen zieht, zu begreifen sucht und dadurch sich selber erfährt: das denkende Ich.

All dies kam mir jetzt in den Sinn, als ich einen bestimmten Satz bei Byung-Chul Han las und an den Schock zurückdachte, den ich weiter unten datieren werde. Aber zunächst der Satz:

Der Organismus ist für die moderne Biologie, wie auch Luhmann bemerkt, „nicht mehr ein beseeltes Wesen, dessen Seelenkräfte die Teile zu einem Ganzen integrieren, sondern ein adaptives System, das auf wechselnde Umweltbedingungen und -ereignisse durch Einsatz eigener Leistungen sinnvoll kompensierend, substituierend, blockierend oder ergänzend reagiert, um auf diese Weise die eigene Struktur invariant zu halten […].“

Han bezieht sich hier auf Luhmanns Soziologische Aufklärung I. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen 1984 S. 38f. Und er kommt – da es in diesem Kapitel um „Metaphysik der Macht“ geht – auf vorher behandelte Gedanken zur Macht bei Hegel zurück:

Die moderne Vorstellung des Organismus stellt Hegels Konzept der Macht jedoch nicht gänzlich in Frage. Der Organismus verdankt seine strukturelle Invarianz gerade jener Macht, die dafür sorgt, daß der Organismus bei wechselnden Umweltbedingungen und -ereignissen sich behauptet, d.h. sich invariant hält.  Sie erzeugt auch in diesem Fall eine Kontinuität des Selbst, befähigt den Organismus dazu, trotz der von seiner Umwelt erzeugten negativen Spannung bei sich zu bleiben.

Quelle Byung-Chul Han: Was ist Macht? Reclam Stuttgart 2005 S. 76

Es war ein Urlaub vom 26.7. bis 15.8. 1987 in Visperterminen / Wallis, für den ich mir das Thema Natur vorgenommen hatte. Insbesondere ein Band Goethe sollte mich „ganzheitlich“ leiten. Aber auch eine neuerworbene Grundsatzlektüre: „erforschtes leben“ , ein sachbuch der modernen biologie von barbara hobom (herder freiburg basel wien 1980 ISBN 3-451-18666-7), und schon im Vorwort stieß ich auf ein Denken, das sich mit Goethe durchaus nicht vertrug (bitte anklicken):

leben hobom

In dem Buch finde ich auch eine Abschrift aus dem Jahre 2003 (dazwischen lag das Jahrzehnt der Auseinandersetzung mit dem „Computerdenken“):

Als abstrakte Erkenntnis war all das höchst bemerkenswert: Die Natur, die noch bei Goethe ihr Wissen um die Prinzipien in verborgenen Urformen und in Tausenden von Ausprägungen sinnlich erfahrbar vorwies, hatte nunmehr die Halbbrille auf der Nase und arbeitete sich, wenn sie das Geheimnis der lebendigen Materie vollzog, durch einen drögen Buchstabensalat, eine Art überlanges Lochband von einigen Milliarden Elementen. Für Schöngeister und Naturfreunde war dieses neue Wissen keine weltanschauliche Kränkung (wie ein Jahrhundert zuvor die Theorie von Darwin), sondern eine bürokratische, die kein Federfuchser sich hätte penibler ausdenken können.“

Quelle DIE ZEIT 20.02.03 Seite 31 Autor Jens Reich

Jetzt wäre die Farbe Grün eine Wohltat, nicht wahr? Auch dieses Buch stammt aus der Zeit vor dem „systemischen Schock“, vom 23.7.1987 (3 Tage vor der Abfahrt nach Visperterminen):

Leitfaden Pflanzen

(Fortsetzung folgt) siehe Weiteres hier!

Gott, im Großen und Ganzen

Zen-Buddhismus HAN Reclam (Zum Lesen bitte anklicken!)

Gerade hatte ich das Büchlein von Byung-Chul Han – unbefriedigt – von vorn angefangen, Nacht-Lektüre, erstes Kapitel: „Religion ohne Gott“ (die anderen sind schnell genannt: „Leere“, „Niemand“, „Nirgends wohnen“, „Tod“ und „Freundlichkeit“). Etwas verärgert schon, weil er mit Hegel beginnt, um erst nach 4 Seiten zu sagen: „Auch Hegels Interpretation der buddhistischen Meditation verfehlt die Geisteshaltung des Buddhismus“, und nach 6 Seiten hinzuzufügen: „Dieser Widerspruch entspringt aber seiner Fehlinterpretation des Buddhismus“.

Wie sollte es denn anders ausgehen, wenn am Anfang der Vers steht: „Der Große Buddha / er döst und döst / den ganzen Frühlingstag“. (Shiki)

Ganz richtig vielleicht, dass Buddha nur als Statue „Groß“ ist, aber nicht „als“ Gott, nicht einmal als eine Art Christus. Und warum soll ich mit einer Deutung beginnen, Hegels nämlich, die zu Beginn, also VOR einer dann 200 Jahre währenden Buddhismus-Forschung hochmütigst unternommen wurde? Ist das in irgendeinem anderen Gebiet der Forschung üblich?

„Diesen Mangel der Subjektivität ’suppliert‘ man mit der Gestalt des Buddha. So wird das ‚Absolute‘ durch ein empirisches, endliches Individuum personifiziert und ‚verehrt‘. Daß ein endlicher Mensch als ‚Gott‘ angesehen wird, erscheint aber, so hieß es bei Hegel, ‚uns am widerwärtigsten, empörendsten, unglaublichsten‘.“ (Han Seite 16 nach Hegel)

Muss man darüber auch nur einen Moment lang nachdenken?

Gerne über Hegels „spekulative Grundfigur“ (Herbert Schnädelbach), bei deren Erläuterung dann irgendwann der Satz folgt „Gott ist das Sein“ und auch manches über die Idee das Ganzen. Meinetwegen, da er doch von der Theologie geprägt war. Aber der Buddhismus, die „Religion ohne Gott“, eben nicht.

Schlimm, dass mir das GANZE nun auch wieder in der neuen ZEIT begegnet. Halte ich es doch weiterhin mit Adorno: „Das Ganze ist das Unwahre“. Ein neues Buch von Volker Gerhardt, besprochen von dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf, ZITAT:

Gerhardt redet hier sehr gern vom Ganzen: Nur wenn das „Ganze der Welt“, und das „Ganze des Daseins“ mit dem nach Einheit mit der Welt suchenden Ganzen des Individuums, der Person, zusammengedacht werde, könne „das Ganze des Menschen als das zugehörige Gegenüber des Ganzen der Welt“ begriffen werden. Den Einwand, mit solchen Denkfiguren nur die Überlieferungen von Pantheismus oder Panentheismus fortzuschreiben, lässt Gerhardt nicht gelten. Sein wirklich alle erlebten und erdachten Ganzheiten umfassendes, also allumfassendes Ganzes, gleichsam das ganz unendlich große Ganze aller endlichen Ganzheiten, darf von frommen Menschen auch als persönliches Gegenüber vorgestellt werden.

Quelle DIE ZEIT 17. Dezember 2014 Das ganz große Ganze / Gott ist gar nicht tot: Der Philosoph Volker Gerhardt erklärt in seiner Religionstheorie, warum es für denkende Menschen sinnvoll und nötig ist, an Gott zu glauben. Von Friedrich Wilhelm Graf.

Ja, geht’s denn noch!? Wenn das in diesem Stil gehen soll, kann ich ja gleich Manfred Lütz lesen. „Bluff! Die Fälschung der Welt“ – Wer sonst kann das alles erklären als der wohlgelaunte, ganz und gar allwissende Gott-Erklärer („Eine kleine Geschichte des Größten“).

Es weihnachtet sehr! Aufklärung in Zeiten der Verwirrung!!!

Kant Gerhardt

Zu empfehlen: Herbert Schnädelbach Georg Wilhelm Friedrich Hegel zur Einführung / Junius Verlag Hamburg 1999 / 2007

Außerdem eine erstaunliche Webadresse: http://www.abcphil.de/

Oder auch, wenn man weiter nichts glauben oder wissen will, dies:

Schubert Belcea a

Kontemplation

Tier – Mensch – Landschaft

Ein Kind schrieb ins Gästebuch des Kolumba-Museums Köln (wohl nach Betrachtung eines Kuh-Portraits):

Die Kuh kaut sich ihre Gedanken schön.

Der Philosoph Byung-Chul Han sagt: „Im kontemplativen Zustand tritt man gleichsam aus sich heraus und versenkt sich in die Dinge.“ Er zitiert Merleau-Ponty, der Cézannes kontemplative Betrachtung der Landschaft als eine Entäußerung oder Entinnerlichung beschreibt:

Zunächst versucht er sich Klarheit über die geologischen Schichten zu verschaffen. Dann bewegte er sich noch mehr von der Stelle und schaute nur noch, bis ihm die Augen, wie Madame Cézanne sagte, aus dem Kopf heraustraten. (…) Die Landschaft, sagte er, denkt sich in mir, ich bin ihr Bewusstsein.

Quelle Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft – Matthes & Seitz Berlin 2010 (Seite 30f) und: Maurice Merleau-Ponty: Das Auge und der Geist – Philosophische Betrachtungen Hamburg 1984 (Seite 16)

Friedrich Nietzsche:

Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt – denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, daß ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so daß der Mensch sich darob verwunderte.

Er wunderte sich aber auch über sich selbst, das Vergessen nicht lernen zu können und immerfort am Vergangenen zu hängen: mag er noch so weit, noch so schnell laufen, die Kette läuft mit. Es ist ein Wunder: der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wieder und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß. Dann sagt der Mensch »ich erinnere mich« und beneidet das Tier, welches sofort vergißt und jeden Augenblick wirklich sterben, in Nebel und Nacht zurücksinken und auf immer verlöschen sieht. So lebt das Tierunhistorisch: denn es geht auf in der Gegenwart, wie eine Zahl, ohne daß ein wunderlicher Bruch übrigbleibt, es weiß sich nicht zu verstellen, verbirgt nichts und erscheint in jedem Momente ganz und gar als das, was es ist, kann also gar nicht anders sein als ehrlich. Der Mensch hingegen stemmt sich gegen die große und immer größere Last des Vergangenen: diese drückt ihn nieder oder beugt ihn seitwärts, diese beschwert seinen Gang als eine unsichtbare und dunkle Bürde, welche er zum Scheine einmal verleugnen kann, und welche er im Umgange mit seinesgleichen gar zu gern verleugnet: um ihren Neid zu wecken. Deshalb ergreift es ihn, als ob er eines verlorenen Paradieses gedächte, die weidende Herde oder, in vertrauterer Nähe, das Kind zu sehen, das noch nichts Vergangenes zu verleugnen hat und zwischen den Zäunen der Vergangenheit und der Zukunft in überseliger Blindheit spielt. Und doch muß ihm sein Spiel gestört werden: nur zu zeitig wird es aus der Vergessenheit heraufgerufen. Dann lernt es das Wort »es war« zu verstehen, jenes Losungswort, mit dem Kampf, Leiden und Überdruß an den Menschen herankommen, ihn zu erinnern, was sein Dasein im Grunde ist – ein nie zu vollendendes Imperfektum. Bringt endlich der Tod das ersehnte Vergessen, so unterschlägt er doch zugleich dabei die Gegenwart und das Dasein und drückt damit das Siegel auf jene Erkenntnis – daß Dasein nur ein ununterbrochenes Gewesensein ist, ein Ding, das davon lebt, sich selbst zu verneinen und zu verzehren, sich selbst zu widersprechen.

Wenn ein Glück, wenn ein Haschen nach neuem Glück in irgendeinem Sinne das ist, was den Lebenden im Leben festhält und zum Leben fortdrängt, so hat vielleicht kein Philosoph mehr Recht als der Zyniker: denn das Glück des Tieres, als des vollendeten Zynikers, ist der lebendige Beweis für das Recht des Zynismus. Das kleinste Glück, wenn es nur ununterbrochen da ist und glücklich macht, ist ohne Vergleich mehr Glück als das größte, das nur als Episode, gleichsam als Laune, als toller Einfall, zwischen lauter Unlust, Begierde und Entbehrung kommt. Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden. Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was andre glücklich macht. Denkt euch das äußerste Beispiel, einen Menschen, der die Kraft zu vergessen gar nicht besäße, der verurteilt wäre, überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles in bewegte Punkte auseinanderfließen und verliert sich in diesem Strome des Werdens: er wird wie der rechte Schüler Heraklits zuletzt kaum mehr wagen, den Finger zu heben. Zu allem Handeln gehört Vergessen: wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich, der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen würde, oder dem Tiere, das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholtem Wiederkäuen leben sollte. Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben. Oder, um mich noch einfacher über mein Thema zu erklären: es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrunde geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Kultur.

Quelle Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Anfang Kapitel 1.

Das unruhige Tier (1:49)

Der unruhige Mensch (2:25)

Neue Information 24.12. 2014 Frankfurter Allgemeine Zeitung (19.12.2014)

Kommunikation bei Kühen „Muh“ ist nicht gleich „Muh“ Keine stumme Kreatur – und dumm schon gar nicht: Forscher belegen mit spezieller Technik, dass Kühe und ihre Kälber sich differenziert mit unterschiedlichen Lauten verständigen. Von Christina Hucklenbroich. (s.a. hier)

Ohne Musik

Gesetzt: Ich suche einen Grund nachzudenken. Einen roten Faden. Das Thema hat sich von selbst gestellt (um 8.30 Uhr). Nicht beginnen mit der Poesie der Pflaumenblüte. Oder Kirschblüte. Etwa weil es vielleicht Winter wird und man ihm etwas entgegensetzen möchte. Kein Haiku zitieren und auch nicht nachdenklich in die Ferne schauen.

Winterregen. / Eine Maus läuft über die Saiten / der Mandoline. (Buson)

ZITAT

Nach Leibniz setzt das Sein des jeweiligen Dinges einen Grund voraus: „Setzt man ferner voraus, daß es Dinge geben muß, so muß man einen Grund dafür angeben können, weshalb sie so existieren müssen wie sie sind und nicht anders.“ Diese Frage nach dem Grund führt notwendig zum letzten Grund, der >Gott< genannt wird: „So muß also der letzte Grund der Dinge in einer notwendigen Substanz liegen, in der die Eigenart der Veränderungen nur in eminenter Weise, wie in ihrer Quelle enthalten ist: und diese Substanz nennen wir Gott.“  An diesem „letzten Grund der Dinge“ käme das Denken, das nach dem Warum fragt, zur Ruhe. Im Zen-Buddhismus wird eine andere Ruhe angestrebt. Diese wird erreicht gerade durch die Aufhebung der Warum-Frage, der Frage nach dem Grund.

Zwei Fragen nach dem Grund

Pflaumenfrucht Prunus_domestica Dies ist keine Pflaumenblüte

Blütenbau 600 WIKI Smart Dies ist keine Blüte

Jenem Gott der Metaphysik als letztem Grund wird eine blühende Grundlosigkeit entgegengesetzt: „Rote Blumen blühen in herrlicher Wirrnis.“ Auf eine singuläre Ruhe verweist das Zen-Wort: „Gestern, heute ist es so, wie es ist. Am Himmel geht die Sonne auf und der Mond unter. Vor dem Fenster ragt fern der Berg und fließt der Fluß.“

Auch Heideggersches Denken verzichtet bekanntlich auf jene metaphysische Vorstellung des Grundes, in der die Frage nach dem Warum zur Ruhe käme, eines Erklärungsgrundes, worauf das Sein jedes Seienden zurückzuführen wäre. Heidegger zitiert Silesius: „Die Rose ist ohne Warum, sie blüht, weil sie blüht.“ Dieses Ohne-Warum setzt Heidegger dem >Satz vom Grund<: Nihil est sine ratione (>Nichts ist ohne Grund<) entgegen. Es ist gewiß nicht leicht, im Grundlosen zu verweilen oder zu wohnen. Wird man also doch Gott anrufen müssen? Heidegger zitiert noch einmal Silesius: „Ein Herz, das zu Grund Gott still ist, wie er will, wird gern von ihm berührt: es ist sein Lautenspiel.“

Ohne Gott bliebe das Herz also ohne  >Musik<. Solange Gott nicht spielt, tönt die Welt nicht. Braucht die Welt also einen Gott? Die Welt des Zen-Buddhismus ist nicht nur ohne >Warum<, sondern auch ohne jede göttliche >Musik<. Auch das Haiku ist, hört man genauer hin, nicht >musikalisch<. Es hat kein Begehren, ist frei von der Anrufung oder Sehnsucht. So wirkt es fade*. Diese intensive Fadheit macht seine Tiefe aus.

Buson Mandoline

Quelle Byung-Chul Han: Philosophie des Zen-Buddhismus RECLAM 2002 ISBN 978-3-15-018185-0 (Seite 21f) Die Quellenangaben der Zitate im ZITAT wurden in dieser Abschrift weggelassen. *Zum Gebrauch des Wortes fade bedarf es aber wohl einer Erläuterung; Han bezieht sich auf François Jullien: Über das Fade – eine Eloge. Zu Denken und Ästhetik in China, Berlin 1999. (s.a. ein Gespräch über „das Fade“ zw. Stefan Fricke und Johannes S.Sistermanns hier.)

Die Bilder oben sind meine Zutat (Quelle Wikipedia) und haben mit dem zitierten Text, den ich mir einzuprägen suchte, nicht unmittelbar zu tun. Das Buson-Gedicht allerdings steht dort an Ort und Stelle, ohne als Abschluss gedacht zu sein.

Es ist 11:37, und die Sonne scheint.

Ein weiteres ZITAT:

Der Zen-Buddhismus ließe diese strikte Trennung zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, zwischen dem Erscheinenden und dem Verborgenen nicht zu. Alles, was zwischen Himmel und Erde glänzt und blüht, tönt und duftet, steigt und kommt, geht und fällt, klagt und schweigt, erbleicht und dunkelt, wäre schon maß-gebend. Es wird nicht nach etwas Verborgenem hinter der Erscheinung gesucht. Das Geheimnis wäre das Offenbare. Es gibt keine höhere Seinsebene, die der Erscheinung, der Phänomenalität vorgelagert wäre. Jenes Nichts bewohnt dieselbe Seinsebene wie die erscheinenden Dinge. Die Welt ist ganz da in einer Pflaumenblüte. Es gäbe nichts außerhalb der Offenbarkeit von Himmel und Erde, von Pflaumenblüte und Mond, nichts außerhalb der in ihrem eigenen Licht erscheinenden Dinge.

Quelle wie oben (Seite 24)