Archiv der Kategorie: Südostasien

ZEN als Verwandlung

Sehr alte Geschichten

Einerseits will ich nicht meine frühe 1960er-Zeit aufwärmen, mit den damals verschlungenen Werken von Alan W. Watts über Zen-Buddhismus (rde) und „Mann und Frau“ (Dumont), andererseits endet der Anreiz von Zen auch heute nicht, wenn ausgewiesene Denker dahinterstehen und ihn in ihre Philosophie einschließen, wie Byung-Chul Han, der im westlichen „System“ gleichermaßen zu Hause ist.

Als ich 2008 auf dem durchaus westlichen Wege Rüdiger Safranki las, seine bewunderswert ausführliche Antwort auf die Frage „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“, freute ich mich über eine mir aus der „asiatischen Philosophie“ bekannte Geschichte, mit der er ein chinesisches Bild vor Augen führte. Oder gerade nicht vor Augen: nach wie vor war es mir einfach genug, von dem Bild nur zu hören.

Rüdiger Safranski

Woher er die Geschichte hatte, blieb also im Dunklen. Jetzt – plötzlich und unerwartet – wurde ich auf diesen Seitenweg zurückgeführt: durch die Klinik-Lektüre des Reclam-Büchleins von Byung-Chul Han! Darüberhinaus gemahnt an die Aufführung eines japanischen Noh-Spiels in der Kölner Philharmonie, und – Koinzidenz der Erinnerungsphänomene – durch die Mail eines getreuen WDR-Mitarbeiters, der gerade eine Gedenksendung anderer Thematik im WDR gehört hatte. Er hat selbst zum Thema Japan ungezählte luzide Radio-Sendungen gemacht, die – nicht nur – meinen Horizont erweiterten, auch den eines spezifisch interessierten Publikums, und so die Neugier auf ferne Welten weckten oder wachhielten. Und nun war alles wieder da! Ich las:

in das gemalte Bild hinein«.

Ich las also Byung-Chul Han’s „Philosophie des Zen-Buddhismus“ und darin den Hinweis auf das chinesische Bild (oder ein anderes, ähnliches) und die Wendung zum japanischen Noh-Spiel.

Ein Kreis war geschlossen. Zufällig mein letztes Jahr im WDR, ein Abend des Jahres 2005. Die unglaubliche Atmosphäre in der Kölner Philharmonie, die (nicht einmal) knisternde Stille, ein hörbares Nichts, ein atemloses Publikum, so hatte ich das noch nie erlebt (ausgenommen vielleicht in wenigen Quartett-Konzerten). Alldies mochte ich evozieren und durch Wissen vertiefen. Anhand eines einzigen großen Stückes IZUTSU und eines instruktiven Filmes, den das WDR-Fernsehen (Lothar Mattner) im Vorfeld produziert und gesendet hat. Hier ist er:

Heinz-Dieter Reese im Nachspann

Mehr über den Autor des Filmes Thomas Schmelzer hier. Mystica TV (?). Zur Diskussion…

https://de.wikipedia.org/wiki/Izutsu_(N%C5%8D) hier (Wikipedia über das Noh-Stück „Izutsu“)

https://www.youtube.com/@nohtheatreexplained8410 hier (Übersicht über die Reihe, in der das folgende Stück vorkommt)

Folgt: die Aufführung in der Kölner Philharmonie (Informelle Aufzeichnung, copyright-geschützt)

Weitere Daten zur Aufführung in Köln von Heinz-Dieter Reese:

Phil-Ankundigung  28|10 Freitag 20:00 Uhr
Zwischen Traum und Wirklichkeit
Japanisches Nô-Theater mit dem Ensemble
der UMEWAKA KENNÔKAI FOUNDATION

NohPRGHEFT  Freitag 28. Oktober 2005 20:00
Die Aufführung wird vom Westdeutschen Rundfunk für den
Hörfunk aufgezeichnet und am Sonntag, 12. Februar 2006,
20:05 Uhr auf WDR3 gesendet.

WDR3Buehne Radio06-02-12   Bühne: Radio 12.02.2006
Konnichi wa, Japan
Zwischen Traum und Wirklichkeit:
Nô- und Kyôgen-Theater mit dem Ensemble der Umewaka Kennôkai
Aufnahme vom 28. Oktober 2005 aus der Kölner Philharmonie
vorgestellt von Heinz-Dieter Reese

Die Realisation im Radio

Zugang zum Skript der Radiosendung von Heinz-Dieter Reese, mit der freundlichen Erlaubnis des Autors:

NO Reese WDR3BR120206_Ms

„In Japan wird das Singen im Nô-Theater gelegentlich mit unaru, mit Brummen bezeichnet. Dem liegt eine durchaus zutreffende Beobachtung zugrunde. Der Nô-Sänger achtet bei seinem Vortrag darauf, dass die komplexen Obertöne der Stimme im gesamten Körper resonieren. Dadurch wird die simple Melodik durch vielfältige Klangfarben bereichert. Es entstehen klare, helle Töne, dann wieder getrübte, dunkle Töne, die bald kräftig, bald weich erscheinen. So werden die szenische Atmosphäre, aber auch die verborgenen Gedanken und Gefühle der Figuren zum Ausdruck gebracht. Und das gilt für den Solo wie den Chorgesang.“

Mail-Mitteilung (15.11.2023) Heinz-Dieter Reese:

Zum Noh-Spiel  “Izutsu” finden Sie auf meinem Kanal auch noch eine historische und eindrucksvolle professionelle Aufnahme (des NHK) mit dem legendären KANZE Hisao aus den 1970er Jahren, die ich komplett deutsch untertitelt habe:

https://youtu.be/LCtxXKYD96M  hier

*     *     *

Zurück zu Byung-Chul Han, anknüpfend an seine Bemerkungen zur chinesischen Landschaft:

https://de.wikipedia.org/wiki/Chinesische_Malerei hier

https://www.wikidata.org/wiki/Q11638255  hier Wer ist Kōichi Tsujimura? (s.u. pdf)

https://terebess.hu/zen/mesterek/TsujimuraKoichi.html  hier

https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Pike_Bowie  hier

Henry Pike Bowie’s Werk „ON THE LAWS OF JAPANESE PAINTING“ (1911) Gutenberg hier

https://leopard.tu-braunschweig.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbbs_derivate_00031277/Tsujimura_Yue-chiens_Landschaftsbild.pdf hier / Zitat:

Bali aus der Nähe

Wie es 1973 anfing

Es handelt sich hier nicht einfach um eine nostalgisch getönte, ichbezogene Rekonstruktion, – dies vielleicht auch, aber vor allem aus einem aktuellen (nicht-privaten) Anlass. David Attenborough ist der Hauptakteur.

        

Das Konzertprogramm, aus dem die Sendung hervorging:

      

In meiner Radio-Sendung vom 27. Mai 1973 über „Tanz und Musik aus Bali“ war ich aber nicht nur erfüllt von den Konzert-Erlebnissen in Köln und Bonn, sondern in erheblichem Maß beflügelt durch eine Fernsehsendung, die von David Attenborough stammte. Darüberhinaus durch einen Bericht in der ZEIT vom 27. April. Was ich damals nicht ahnen konnte, dass beide Quellen, mit denen ich das eigene Fernweh in der greifbaren westlich-journalistischen Erlebniswelt verankern wollte, Jahrzehnte danach wieder so leicht zugänglich sein würden. Und zugleich ist alles anders geworden. Auch im Radio. Doch davon nicht an dieser Stelle.

Hier gehts zum ZEIT-Artikel, der damals noch „Ferien auf Bali“ hieß, hier.

Und hier folgt der Link zum Film (nicht in deutscher Fassung wie damals, sondern im Original):

Nicht mehr verfügbar? Vielleicht hier ? Und hier. Oder hier ?

Neu ist die Doppel-CD, die jetzt bei Wrasse Records herausgekommen ist und 60 der besten Aufnahmen des Dokumentarfilmers und Tonsammlers David Attenborough aneinanderreiht. „My Field Recordings from Across the Planet“. Also nicht nur aus Bali.

 

In diesem Zusammenhang kann ich nicht umhin, auch die schönste Kompilation balinesischer Musik zu erwähnen, die ich überhaupt kenne. In dieser Form kann das wohl nur ein Komponist „zusammenfügen“, der die Selbstverleugnung aufbringt, keinen einzigen Ton „kreativ“ selbst hineinzukomponieren, sondern aus zahllosen Natur- und Musikaufnahmen am Ort ein balinesisches Ganzes herauszuhören und zu realisieren, Wolfgang Hamm. Das geschah vor allem im August 1995 in Zusammenarbeit mit Rika Riessler, die sich dort seit Jahren in die Kultur des Landes vertieft hatte. In der Schlussphase war auch der WDR beteiligt, und ich hatte die einzigartige Gelegenheit, gegen Ende des Projekts gewissermaßen in einem „Crashkurs“ von 10 Tagen in einige Aspekte der kulturellen Lebenswelt dort eingeweiht zu werden. Und staune heute noch, wie es möglich war, solche Vielfalt in einen stimmigen Zusammenhang von 65 Minuten zu bannen.

Die World Network CD 1996

 Hamm (Textanfang)

Eins habe ich begriffen, seit ich Musik mache oder höre, so auch hier: es geht nicht rein intuitiv, ohne intensives Erlernen eines Regelwerks. Zur Verfügung stand uns früh Colin McPhees „Music in Bali“ (1966). Das erste Buch von Michael Tenzer schenkte mir Wolfgang Hamm 1995; das andere, viel umfangreichere („including two compact discs“) legte ich mir 2009 zu, und da steht es nun zur steten Mahnung im Bücherschrank und wartet auf erneute Anläufe des Besitzers…

  ISBN 0-226-79283-8

Aber auch das Hören allein erschließt schon einen Teil der fremden Welt, wie Colin McPhee es so wunderbar beschrieben hat; und gerade dieses Phänomen gräbt sich für immer ins Gedächtnis ein:

 bitte anklicken

Dank an Wolfgang Hamm für lange Gespräche auf Bali, in Conakry, Köln und anderswo.