Kategorie-Archiv: Stimme

Beethoven 2020

Alles neu?

Vieles brauche ich nicht, sage ich mir, ich beschäftige mich mit Beethoven genau so lange wie mit Bach. Und immer wieder neu, dank neuer Biographien: nach Paul Bekker und vor allem Riezler kamen Dahlhaus, Solomon, Lockwood, Kropfinger (MGG), Geck und viel Analytisches zu den Klaviersonaten (Uhde), Sinfonien (Schenker), Streichquartetten (Kerman), dann die Zeit, als der Reihe nach alle Klaviertrios drankamen (eigene Texte für Intercord bzw. Tacet). Es gäbe keine schlimmere Aufgabe für mich, als jetzt alles das zu beurteilen, was anlässlich BTHVN2020 zu sehen und zu lesen war. Vor allem alles sehen und lesen zu müssen! Der 3sat-Tag ist als Ganzes in sechs Teilen noch in der ZDF-Mediathek abzurufen, ich bin oft im Laufe des Tages hängengeblieben, Jan Cayers ist ein kompetenter Erzähler, auch Buchbinder erreicht spielend, dass man dabeibleibt, während der Sprecher der Beethovenschen Originaltexte, die man  ohnehin schon irgendwoher kennt, Widerstand erzeugt, weil er als Schauspieler so tut, als erfinde er sie im Augenblick. Unglaubwürdigkeit ist auch die Crux jedes Beethoven-Spielfilms. Und nichts verträgt Beethoven weniger. Deshalb braucht man auch kein Mienenspiel bei Beethoven-Pianisten. Man ist als Interpret ein erlebender Mensch, aber kein Darsteller. Übrigens: Wenn man – wie ich – im Zusammenhang mit Beethovens Zauberformel „Menschheit“ darauf besteht, dass auch andere Kulturen auf der Welt existieren als die von Beethoven repräsentierte, erwähne ich als erstes, dass ich den Film „Diesen Kuss der ganzen Welt“ ganz furchtbar fand, ein Pseudokunstprodukt, das von Beethoven nur die Klischees benutzte (Ta-ta-ta-taaaa und Für Elise , die Schiller-Hymne oder im Fall Japan die gesamte Neunte als Dauerbrenner). Interessanter war die Buntheit des Angebotes in der Wochenzeitung DIE ZEIT, Titelthema „Beethoven, der Rebell“.  Das beginnt sehr schön mit Thea Dorn, und gerade die Nichtmusiker(innen) bestechen oft durch ihre seltsamen Ideen. Aber kein Musiker dürfte es wagen, öffentlich so über Literatur daherzureden wie zum  Beispiel Maxim Biller über Musik: ausgerechnet „im Arbeitszimmer der großen Eleonore Büning“  so unverhohlen seine Inkompetenz  zu entfalten.

„Frau Büning“, sage ich, „ich verstehe diese ganze Beethovensache nicht. Und deshalb verstehe ich auch mich selbst nicht. Wieso kann ich eigentlich nicht wie alle anderen den größten Komponisten aller Zeiten lieben?“

Mit diesem Einstieg will er offenbar selbst als der große Rebell auftreten, der alles ignoriert und gern von der Übermutter heimgeführt würde, wenn er nur könnte. Und sie soll tatsächlich versucht haben ihn einzufangen, indem sie freilaufende Einzelstücke wie die Egmont-Ouvertüre zum Abschuss freigibt: „Beethoven hat auch eine Menge schreckliches Zeug geschrieben. Vielleicht meinen Sie nur das.“ Als ob er ausgerechnet sowas kennte!

Nein, jetzt muss er prophylaktisch mit Weltoffenheit auftrumpfen, die in der Prominenz gern durch Verweis auf eine Weltstadt oder deren sattsam bekanntes Publikum, auf eine(n) andere(n) Prominente(n)  oder einen Taxifahrer bekundet wird. So auch hier:

Es war Sonntagmorgen, drei Tage vor Weihnachten, viele schliefen noch. Als ich kurz vorher mit dem Taxi durch die verlassenen, nebligen Straßen Berlins, der hässlichsten Stadt der Welt, die heute etwas weniger hässlich war als sonst, von Mitte nach Kreuzberg gefahren war, hatte ich den Fahrer gefragt, ob er Beethoven mag. Er kannte nicht einmal seinen Namen, er kannte nur Mozart, und den mochte er nicht. „Mein Herr“, sagte er, „ich bin Araber. Ich höre morgens Fairuz, das macht mich wach. Und abends höre ich vor dem Einschlafen Umm Kulthum, dabei kann ich immer sehr weit denken.“

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin: Erwachsen werden von Maxim Biller

Und er fährt fort:

„Ach, wie schön“, sagte Eleonore Büning, als ich ihr das erzählte, und jetzt spielte sie mir auf ihrem alten CD-Player den letzten Satz der Sturmsonate vor, damit ich auch mal etwas Gutes von Beethoven hörte und richtig weit denken konnte. Während wir zuhörten und ich leider nur dachte, zu viele Noten, zu viel Vergangenheit, zu viel Ernst und keine einzige Blue Note, schloss die große Büning glücklich die Augen. „Was soll ich machen?“, sagte sie, als sie nach ein paar Minuten auf die Stopptaste drückte, „Beethoven ist mein Leben.“

Manches klingt wie Ironie, abgesehen von „die große Büning“, was ja auch nicht witzig ist, sofern es nicht eine Anspielung ist (aber auf wen?), – etwa wie im Fall Joseph II., der zu Mozart gesagt haben soll, “ (…) gewaltig viel Noten, lieber Mozart“ (Mozarts Antwort: „Gerade so viel Noten, Eure Majestät, als nötig sind.“) – nein, das hat Maxim Biller garantiert nirgendwo gelesen, aber ein „zu viel Vergangenheit“, – wie kann man dies Zuviel besser ausdrücken als durch Hinweis auf den Mangel an Blue Notes, während man in Wahrheit die Zuhörerin meint, die bei so wenig action schon glücklich die Augen schließt. Nein, dieser Schlauberger wird sich Ironie nicht leisten:

„Kann es sein“, sagte ich und sah an der großen Büning vorbei aus dem Fenster, „dass Beethoven für mich das Ancien Régime ist und mich deshalb nicht interessiert?“

So kann er der kindliche Rebell bleiben, der mit Beethoven brach, als er ihn nicht verstand. Ein immerwährendes Trotzalter.

Beethovenhaus Bonn, Geburtszimmer mit Büste (Wiki Leonce49)

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Etwas sehr Merkwürdiges ist mir passiert, während ich diesen Beitrag schrieb und über die Äußerung des arabischen Taxifahrers stolperte: da erinnerte ich mich an eine Aufnahme mit dem ägyptischen Sänger und Komponisten Mohammed Abdel Wahab, der auch der Komponist des Werkes „Enta Omri“ ist, das oben beim Namen Oum Kulthum angeklickt werden sollte (jetzt findet man dort – nach der Reklame ! – „Al-Atlal“ von Riad as-Sunbati), von Abdel Wahab gibt es jedoch auch eine bestimmte Aufnahme, die mit dem Zitat des Anfangs der Fünften von Beethoven beginnt. Sie müsste sich heutzutage im Internet recherchieren lassen. [Erste Spur: z.B. hier ab 1:51] Bei der Suche geriet ich allerdings ins Abseits, da ich auf eine Arbeit stieß, die mir bekannt vorkam, ja, und vielleicht lohnt es sich, diesen alten Vortrag noch im Blog zu veröffentlichen … das Beethovenjahr 2020 wäre kein schlechter Anlass, auch mich im großen Stil zu profilieren (Achtung: Selbstironie!), siehe hier. Oder, wenn’s nicht funktioniert, ⇒ ⇓

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Jonas Kaufmann über eine Schlüsselstelle im „Fidelio“:

Nicht der körperliche Verfall eines Langzeitgefangenen darf hier zu hören sein, sondern der Seelenzustand des Verzweifelten, seine ekstatische Vision von Rettung und Befreiung. Genauso ist der allererste Ton dieser Szene, das aus dem Nichts kommende, immer stärker und immer dringlicher werdende „Gott!“, der Aufschrei einer gequälten Seele aber eben kein naturalistischer Schrei, sondern ein musikalischer Schrei, der die größte gesangstechnische Kontrolle erfordert. Ich weiß nicht, wie viel ich an diesem Crescendo gearbeitet habe. Jedenfalls hat es lange gedauert, bis es so klang, wie ich mir es vorgestellt habe. Das Publikum sollte bei solchen Phrasen nicht denken: „Toll, wie der das macht!“, sondern immer mit der dargestellten Person fühlen. Das ist die große Herausforderung: ganz in eine Figur hineinzuschlüpfen und trotzdem das nötige Quantum an Kontrolle darüber zu haben, was man da als Sänger und Darsteller tut.

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 53: Nicht einfach so nach links von Jonas Kaufmann

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Eine so seltsame Begründung dafür, fast nichts von Beethoven zu kennen, habe ich noch nie gehört: es sei sozusagen nur ein Fitzelchen, „denn jedes zweite Fitzelchen Beethoven überfordert mich emotional derart, dass ich Jahre brauche, um es zu verarbeiten.“

Was heißt denn dann „verarbeiten“? Ich kenne die Sonate op. 26 nicht, op. 27 Nr.1 und Nr. 2 nicht, op. 28, – nein, warum denn die? Op. 31 Nr.1 und Nr. 3 wiederum nicht, warum soll ich ausgerechnet diese zwei Sonaten kennen?? Nach op. 28 hat Beethoven gesagt:  „Ich bin mit meinen bisherigen Arbeiten nicht zufrieden, von nun an will ich einen anderen Weg beschreiten“. Wenig später folgte op. 53, die „Waldstein“-Sonate, aber all das gilt für null und nichtig, nein, es überfordert mich unmäßig, nur eine einzige Sonate soll mir für Jahre (fürs Leben?) als emotionale Nahrung dienen, – nennen wir es so -, die siebzehnte, op. 31 Nr. 2, nichts von denen, die vorausgingen, nichts von denen, die ihr folgten? Es sind zweiunddreißig!!!

Und das sollen wir ernst nehmen? Wäre es nicht ebenso vernünftig, dieser Schriftstellerin zu erwidern: Ich lese vorläufig lieber kein Buch von dir, ich werde mich auf dein Spätwerk beschränken, das wird bestimmt emotional ausgeglichener? (Als Musiker kann man schließlich nicht alles Geschriebene lesen, man muss es auch noch spielend wiedergeben.)

Zugegeben: wenn man den ganzen Artikel von Eva Menasse liest, wird man nachsichtiger. (Die Sonate, die sie meint, heißt – mit Bezug auf Shakespeare – Sturmsonate, ohne dass dieser Titel viel bringt. Jede Beethovensonate ist ein Drama.)

ZITAT:

Das Leben ging über die Sturmobsession hinweg. Doch als ich begann, einen Roman zu schreiben, kam ich auf die Idee, wieder Klavierstunden zu nehmen. Bis heute ist Musik für mich die beste Art, das Gehirn zu dopen. Nur damit fährt mein Gehirn wie ein Computer runter und auf andere, geheimnisvolle Weise wieder rauf. Ich quälte mich täglich mit Bachs Inventionen, eine Stunde lang, dann ging ich schreiben. Bach ist faszinierend wie Mathematik, glasklar und vertrackt, aber für mich, in Wien auf Mozart großgezogen, praktisch unspielbar. Die Bach-Qual half fraglos dem Schreiben: Man beginnt den Tag mit etwas, von dem man Knoten im Kopf und Schreikrämpfe bekommt, danach geht fast alles andere leicht von der Hand.

Nur reichte es irgendwann der Lehrerin. Sie fand etwas Temperamentvolleres, Melodiöseres müsse her. Ich sei viel zu verspannt, Schulter beim Ohr, Bach ganz der Falsche. Mit einem Ruck zog sie den Sturm heraus, dritter Satz. Ich fiel fast in Ohnmacht. Sie spielte mir die linke Hand vor. Ist doch schön, sagte sie, gefällt dir das nicht? Aber man muss es nicht so schnell spielen.

Erst dachte ich, es sei Schändung, aber bald wurde mir klar, dass es die vollkommene Einverleibung war. Besser könnte man es niemals durchdringen, als sich Takt für Takt durchzuschlagen wie durch einen faszinierenden Urwald. Fragen Sie bitte nicht, wie es klang. Glauben Sie bitte nicht, ich hätte es je ohne hundertzwanzig Fehler geschafft.

Ich breche ab, es ist absurd. Nicht Bach war „ganz der Falsche“, sondern die Lehrerin. Und die Schülerin bleibt lebenslang bei ihrem absurden Ansatz: nämlich Erleuchtung von der scheinbar einzig wahren Interpretation zu erwarten, auch wenn sie endlich mal eine andere Sonate aus dem Beethoven-Angebot herausgreift. Die letzte Klaviersonate op. 111, die letzte muss ja die beste sein, da spielt dann auch Thomas Mann mit seinem Doktor Faustus hinein…

Meine 111er-Geschichte aber ist ganz kurz, denn nach Prüfung vieler Aufnahmen legte ich mich fest, auf die merkwürdigste und exzentrischste Interpretation: die von [Anatol Ugorski]

Ich will es gar nicht wissen, mag sein, dass sie herausragt, aber mit dieser Einführung braucht man den Interpreten eigentlich nicht vorzumerken: die Prüferin hat den gewählt,

der für den zweiten Satz zehn Minuten länger braucht als alle anderen! Keine andere! So muss man das spielen! Nur dann hört man atemlos, dass Beethoven den Boogie erfunden hat.

Ach bitte, lesen Sie doch noch einmal „Thomas Mann, Doktor Faustus und so.“ Gewiss, da spürt man vor allem die gewaltige Adorno-Kompetenz. Und am Ende schreibt man dann, total abgesichert: „Es gibt nur einen Gott, und der heißt Ludwig von Beethoven.“ Auch wenn man nur zwei Werke von ihm kennt, die siebzehnte Sonate und die zweiunddreißigste.

Aber das, was man hätte lernen können, hängt mit dem Wort „üben“ zusammen, das im Text nicht vorkommt. Die Bach-Qual wäre gemindert, wenn man sich von allen Inventionen nur 4 Takte vornähme und diese auf Perfektion bringt. In dem Beethovensatz würde man sich nicht Takt für Takt durchschlagen „wie durch einen faszinierenden Urwald“, mit 120 Fehlern,  sondern mit kontrollierten Fingern durch vier sonnenklar notierte Takte mit null Fehlern.

Zur Erfindung des Boogie Woogie an anderer Stelle ein paar Worte. So ist es Quatsch!

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 53: Die vollkommene Einverleibung von Eva Menasse.

Nachwort: Ich kenne die Aufnahme mit Anatol Ugorski nicht, aber ich glaube blind, dass sie hervorragend ist (ohne Eva Menasse auch nur ein Wort zu glauben). Nebenbei sei erwähnt: ich habe die letzten Beethovensonaten mit der leider kürzlich verstorbenen Tochter des Pianisten, Dina Ugorskaja, live hier in Solingen erlebt: schöner und gewaltiger kann ich mir keine Interpretation dieser Werke vorstellen. (Obwohl solche Komparative und Superlative vor allem eins sind: Rhetorik. Denn im selben Moment möchte ich andere Aufnahmen nennen, die ebenso unübertrefflich sind, und zugleich anders…)

Ich komme jetzt zu dem Artikel, den ich als Musiker von der ersten bis zur letzten Zeile mit Spannung gelesen habe. Und sein Titel hat wirklich mit der Sturm-Beziehung der Sonate überhaupt nichts zu tun,

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 49: Sturm der Stille „Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort“: War Beethoven trotz oder wegen seiner Taubheit so einzigartig? Von Florian Zinnecker

Der Autor bezieht sich vor allem auf die Forschungen von Prof. Eckart Altenmüller (Hannover), die deutlich gemacht haben,

dass es nicht die Hände, die Ohren oder die Seele sind, die einen Menschen zum Musiker machen, sondern sein Gehirn. Weil außerhalb des Schädels Musik nichts anderes ist als Muskelbewegungen und schwankender Luftdruck.

Weitere ZITATE

„Hört man Beethovens Werken an, dass ihr Schöpfer zunehmend ertaubt war?“ – „Ja und nein“, sagt Altenmüller. – „Hat die Taubheit Beethoven beim Komponieren beeunflusst?“ – „Eindeutig ja“. – „Nein, sogar im Gegenteil. Ich habe die Theorie, dass die visionäre Unabhängigkeit seiner Musik nurso entstehen konnte – diese Kantigkeit, das Nichtgefällige, die Autonomie. Beethoven musste sich nicht mehr in erster Linie darum kümmern, dass seine Musik dem Hörer genehm ist. Er konnte sich innerlich von der Gesellschaft und ihren Erwartungen entkoppeln – und er musste sich den Mist seiner Kollegen nicht anhören.“

Allerdings:

Angehende Musiker werden schon dadurch besser, dass sie anderen hochtalentierten Musikeren zuhören, das zeigen Altenmüllers Studien – weil sich das Gehör verfeinert und sich das Klangvorstellungsspektrum im Schläfenlappen anreichert. Beethoven dagegen wäre nivelliert und auf ein niedrigeres Niveau zurückgezogen worden, hätte er sich mit den Werken seiner Kollegen beschäftigt.

Die Annahme, Beethoven habe nur gewusst, wie seine Werke klingen, er habe sie aber nicht gehört, hält Altenmüller für falsch. „Wir können davon ausgehen, dass er das alles innerlich sehr präzise gehört hat. Er hatte eine reiche innere musikalische Welt, wie die meisten anderen Musiker auch. Eine Melodie mit dem inneren Ohr zu hören- das geht mithilfe von Spuren, die in den Schläfenlappen beider Hirnhälften liegen.“ Hier, so Altenmüller, befinde sich das musikalische Langzeitgedächtnis, die Musikbibliothek im Kopf. Tausende Stücke, und oft genügten schon wenige Takte, um sie zu erkennen: „Das war Beethovens Schatz. Hieraus konnte er sich bedienen. Nichts anderes ist Musikalität als das Neu-Kombinieren von musikalischen Gestalten. Das kann man in völliger Stille machen, auch dann, wenn es keinen zusätzlichen Input von außen gibt.“ Und oftmals sogar besser. „Unser Gehirn besteht aus Billionen von Verbindungen, über die Nervenzellen mit anderen Nervenzellen kommunizieren. Unser Gehirn spricht überwiegend mit sich selbst – und genau so entstehen auch diese musikalischen Welten, ohne dass es Einflüsse von außen gäbe.“ Jede Erinnerung im Schläfenlappen ist mit dem limbischen System vernetzt und also mit Emotionen belegt, auch deshalb sind akustische Erinnerungen sehr präsent und langlebig.

Eine so einleuchtende Beschreibung der Physiologie des Ohres wie in diesem Artikel ist mir bis heute noch nicht begegnet; daher will ich keinen Satz weglassen (mit der roten Hervorhebung bezeichne ich die mir wichtigste Stelle):

Die Erforschung des Gehörs, des empfindlichsten und schnellsten Sinnesorgans des Menschen ist so komplex wie das Hören selbst. Außerhalb des Schädels ist Musik nur periodisch schwankender Luftdruck, wahrgenommen über ein hochempfindliches Häutchen im Mittelohr, das Trommelfell. Es reicht schon eines Auslenkung vom Durchmesser eines Wasserstoffatoms, um aus der Stille einen Ton herauszuhören. Weitergetragen wird er von den drei kleinsten Knochen des menschlichen Körpers – Hammer, Amboss, Steigbügel. Über ein raffiniertes Verfahren im Innenohr wird aus der mechanischen Energie ein Nervenreiz: Das Innenohr ist mit einer Lymphflüssigkeit gefüllt, jeder Schallreiz verursacht eine kleine Welle, die von Tausenden Haarzellen vermessen wird; die Ausmaße der Welle werden über den Hörnerv weitergemeldet. Die äußeren Haarzellen lassen sich mit Willenskraft ausrichten; so ist es möglich, sich in einem Orchestersatz auf die Holzbläser zu konzentrieren odere in einem vollen Raum die Aufmerksamkeit von einem Gespräch zum nächsten wandern zu lassen – eines von mindestens zwei Phänomenen, die auch Ohrenärzte noch zum Staunen bringen.

Das andere hat mit der Sensibilität der Haarzellen zu tun: In beiden Ohren sitzen jeweils nur runf 3500 innere Haarzellen, der Mensch aber kann bis zu 5000 Töne unterscheiden. Jeder Reiz im Innenohrnwird mit einer Vielzahl von Gehirnzellen ausgelesen, aufbereitet und analysiert.

Über den Hörnerv gelangt das Signal in den Hirnstamm – und von dort aus in mehrere Regionen zugleich. Bewusst wird das Signal erst im Schläfenlappen der Großhirnrinde; bevor es aber dort ankommt, ist es schon in der Amygdala und im Hippocampus repräsentiert. Mit anderen Worten: Ein Klang kann schon Glück oder Angst auslösen, bevor er überhaupt wahrgenommen wird. „Akustische Signale werden extrem schnell emotional bewertet“, sagt Altenmüller. Das ist evolutionär bedingt: Es war wichtig, den Charakter eines Geräuschs rasch einzuordnen, um rechtzeitig angreifen oder fliehen zu können.

An dieser Stelle erwartet man vielleicht eine Auskunft darüber, was dies alles für Beethoven bedeuten soll, aber mir scheint, dass dieser Bezug etwas gewaltsam hergestellt wird, nämlich so, wie es für jeden anderen guten Komponisten gelten würde:

Diesen Effekt machte sich Beethoven auch in seinen Werken zunutze: Die rhythmische Klarheit und die einfach strukturierten Themen in vielen seiner Werke sorgen dafür, dass beim Hören die Formatio reticularis im Hirnstamm anspringt – jener Bereich, der für Herzschlag und Atmung zuständig ist und dafür, dass uns bestimmte akustische Signale aus dem Schlaf reißen.

Ein Teil der Reaktionsmuster sei angeboren, sagt Altenmüller, schrille, unharmonische Laute gälten auch im Tierreich als Warnsignal. Und Kinder lenten schon im Mutterleib, welche Klänge den Herzschlag der Mutter beschleunigen – das Hörenlernen beginne um die 20. Schwangerschaftswoche.

Das ist interessant, hat aber mit Beethoven nichts Spezifisches zu tun. Zu Anfang des ganzen Essays wurde zitiert, wie der 31jährige Komponist an einen Freund geschrieben habe: „Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort (….)“. Wenig später darauf bezogen das vom Autor gegebene Stichwort „Hyperakusis, eine Überempfindlichkeit für bestimmte Frequenzen, aus gelöst von einer Lähmung der Gehörknöchelchen.“ (Man weiß heute wohl, dass die Beeinträchtigung auch vom Bleigehalte des Weines stammte, den Beethoven zeitlebens genoss.) Und jetzt, am Ende des Artikels nur noch dies:

Weiß man, wo im Kopf das Komponieren stattfindet? „Nicht so genau. Diese Prozesse sind hochkomplex. Jeder Komponist prüft und verwirft unzählige Varianten, bevor er sich für einen Weg entscheidet, eine Vielzahl neuronaler Netzwerke ist beteiligt, andere – etwa die Kontrollinstanz im Stirnlappen – sind gezielt deaktiviert. Erst dann kommen neue Gedanken, Ideen und Kombinationen. „Das ist ja das Tolle an der Kreativität: dass ich die neuen Möglichkeiten nur finde, wenn ich die Kontrolle abgebe“, sagt Altenmüller.

Wie sich die Welt für Beethoven anhört, nachdem das Sausen und Brausen verstummt war – darüber lässt sich nur mutmaßen.

War da Stille? Oder Musik?

Genau an dieser Stelle, so scheint mir, verlegt sich der wissenschaftliche Artikel auf ein merkwürdiges Mutmaßen:

„Beides ist möglich“, sagt Altenmüller. Bei Menschen, die im Alte schwerhörig werden oder taub sind, träten häufig musikalische Halluzinationen auf. Man spreche dann von einem „Enthemmungsphänomen“: Wenn die Nervenzellen, die musikalische Gedächtnisinhalte codieren, keine Anregungen mehr von außen erfahren, begännen sie selbst Melodien zu produzieren – unaufhörlich und ohne Rücksicht auf Konventionen.

Gut möglich, dass ein paar der auf diese Weise entstandenen Themen und Melodien seit zwei Jahrhunderten zum Kern der europäischen Musikkultur gehören.

ENDE DES ARTIKELS

Man sollte diesen irreführenden Suggestionen keinen Raum geben: als ob Nervenzellen nun endlich „von selbst“ produzieren, vielleicht in einer Richtung, wie man sie früher einmal von der Écriture automatique (siehe hier) erwartete: dass hier also gewissermaßen die geheimnisvolle Instanz des Unterbewussten selbst zu sprechen beginnt. In  allerwahrster Authentizität! Ob es nun Halluzinationen oder Phantasien sind, die als „eigene“ Einfälle des Komponisten auftreten oder von fremden Kräften gesteuert erscheinen, entscheidend ist, ob er sie als Arbeitsmaterial gelten lässt. Nur dann haben sie am Ende auch Bedeutung für uns.

Der Artikel von Wolfram Goertz gibt eine gute Einführung in die Tempo-Problematik bei Beethoven. Ich gehe nicht ausführlich darauf ein, weil sie für mich nie so gravierend war; ich habe früh die Analysen der Schönberg-Schule gelesen, also auch Adorno, vor allem das Heft Musik-Konzepte über Tempo (genauer: Musik-Konzepte 76/77 Rudolf Kolisch: Tempo und Charakter in Beethovens Musik 1992). Das Buch von Talsma habe ich bei Freund Klaus Giersch durchgeschaut und keinen Moment als gründliche Lektüre erwogen, die darauf beruhenden Ausführungen von Grete Wehmeyer, die ja persönlich sehr liebenswürdig war, erst recht nicht ernstgenommen, vor allem nicht die in halbem Tempo exerzierten Musikbeispiele.

Im Fall der jetzt enthusiastisch auf den Schild gehobenen Eroica-Interpretation von Hermann Scherchen, die ins andere Extrem gegangen war, nämlich die Metronomzahlen Beethovens buchstäblich umzusetzen, habe ich bei aller Faszination allerdings auch Vorbehalte, – wenn der letzte Satz vorübergejagt ist, frage ich mich, ob nicht „der gestirnte Himmel“ irgendwo hätte aufscheinen können, die Klarheit und Ruhe, die Beethoven an Kant so begeistert hat. (Siehe auch hier.) Letzter Satz im folgenden Dokument ab 33:21. Was geschieht zwischen 38:50 und 42:56?

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 54: Am Tempolimit „An den aberwitzigen Metronomzahlen, die Beethoven seinen Werken verpasst hat, können selbst heutige Musiker noch scheitern. Was wollte der Komponist uns damit sagen?“ Von Wolfram Goertz.

Daraus die Schlussworte als ZITAT:

Zweifellos fühlte sich Scherchen, der in Schönbergs Tradition stand – er hatte die Uraufführung des Pierrot lunaire dirigiert -, als Vollstrecker der Metronomangaben, die er zu ihrer unaufhaltsamen Großartigkeit befreit. Bei Scherchen muss sich der Hörer anschnallen und weiß nicht, ob er die Reise überlebt. Am Ende ist er erledigt, erschöpft, überwältigt, beseelt.

Das Orchester klingt auf der Aufnahme manchmal, als betreibe es seine eigene Implosion. An einigen Stellen klappert es gehörig. Aber dieses Klappern erzeugt nur ein Häufchen Kehricht, das unter Scherchens Feuer sogleich verbrennt. Und da Scherchens Motivationskunst noch größer war als seine Strenge, entstand ein Einzigartiges: das Neue. Ohne Metronom hätten wir es möglicherweise nie erlebt.

*     *     *

Grund genug, eine im Beethoven-Jahr vielleicht weniger angesagte Sinfonie unter die Lupe zu nehmen, die erste, und einfach zu lesen, welche Überlegungen Hermann Scherchen dazu in seinem schönen Buch „Über das Dirigieren“ anstellt. (Ich habe mir das Buch zu Anfang meines Studiums in Köln zugelegt, zugegeben: ohne es gründlich durchzuarbeiten: ich wollte nicht unbedingt Dirigieren lernen, sondern z.B. Beethovens Sonaten für Klavier und Violine und sein Violinkonzert studieren. Aber in einer unserer ersten Methodikstunden, dafür gibt es Zeugen, war ich es, der das Hauptthema der ersten Sinfonie fehlerfrei an die Tafel schreiben konnte und die Erstsemester, die wir unterrichteten, in Staunen versetzte. Objektiv natürlich kein Wunder, wenn man das Stück schon Jahre vorher mit seinem Bruder vierhändig gespielt hatte. Und mit welcher Begeisterung!)

Ich muss in Worte fassen, was für mich später die entscheidenden Punkte wurden bei der Beurteilung einer Eroica-Aufführung:

  1. Erkenne ich die Ideen, die mir das Buch von Martin Geck und Peter Schleuning eingegeben hat? Ich möchte dem „Ernst der Lage“ begegnen und nicht nur die Tempo-Konstanz bestaunen, ich möchte auch den Evolutionsmythos von den Geschöpfen des Prometheus herauswachsen hören.
  2. Spüre ich ähnliche Erschütterungen, wie ich sie bei Aufführungen mit dem Collegium Aureum wahrgenommen habe? Wie subjektiv auch immer. Egal, ob es dieselben Tempi waren. Wir arbeiteten, so hieß es, nach Maßgabe der Pariser Beethoven-Aufführungen, die François-Antoine Habeneck vom Konzertmeisterpult aus geleitet hat. Ich spüre jederzeit, wenn ich daran denke, den wilden Auftakt, den Franzjosef Maier mit Bogen und krachendem Klappstuhl gab, wenn es in den Sechzehntelansturm zu Beginn des Finales ging, dann das Konzentrationswerk der Variationenentfaltung, wartete auf den überirdischen Auftritt der Oboe (Helmut Hucke) und auf den dröhnenden Chor der Naturhörner. Größeres gibt es nicht!

Da ich dies in Domburg an der niederländischen Küste schreibe, gehört der Blick auf das Meer zur aktuellen Rückerinnerung an die Eroica, obwohl diese Landschaft natürlich nichts mit Beethoven zu tun hat. Es ist das Gefühl der physischen Gewalt und des Erhabenen, das einen hier wie dort überwältigt.

(Fortsetzung u. Fotos  folgen)

Stimme und Klang

Man macht auf… und jeder kann reinschauen

Der Zusammenhang ist wieder eigenartig: der hier abgebildete Film lief kürzlich 1 einziges Mal im nahgelegenen Veranstaltungsort Cobra (Solingen-Ohligs), wir waren allerdings plötzlich verhindert hinzugehen. Revanche: Ich entdeckte, dass man bereits die DVD bestellen kann, – gesagt, getan. Ich wollte gleichzeitig den Artikel zu Michael Haydn abschließen, den ich seit der Rückfahrt aus Texel im Sinn hatte, hier; er endete mit Mozarts „Exsultate, jubilate“. Sängerin Regula Mühlemann. Die DVD trifft ein, ich lege sie auf, – und sie beginnt mit Regula Mühlemanns Studioarbeit an „Exsultate, jubilate“, später bei 58:31 erneut. R.M. sagt:

Als Sänger muss man sich akzeptieren, sich akzeptieren mit all den positiven und negativen Sachen, die man hat. Und ich find’s auch so krass, wie man … man macht da auf, … und jeder kann da reinschauen.  Man liefert sich einfach völlig aus. Und wenn da drin Unsicherheiten sind, irgendeine Panik oder irgendetwas, zu dem man selbst nicht steht, dann kann man da nicht aufmachen. Und ich find, wenn man das nicht kann, kann man vieles nicht transportieren, kann man die Emotionen nicht auslösen, weil man selbst immer etwas blockiert, etwas versteckt.

Die DVD ist also schon da! Der Trailer gibt einen starken Vorgeschmack:

Der Verlauf des Filmes

0:46 Kehlkopfbild zu „Exsultate“, 1:09 Titel, 1:14 Stimmakrobat: „Im Moment arbeite ich daran, dass ich solche Rhythmen mache, also Klickrhythmen und dazu pfeife mit den Backenmuskeln und dazu singe durch die Nase.“ (Andreas Schaerer). 1:53 (Miriam Helle) „Es gibt dieses Haka-Ritual der Maoris, das die neuseeländische Rugbymannschaft vor einem Spiel singt und tanzt. Und schon beim Zuschauen spürt man die Präsenz und wie sie sich in die Kraft reinschwingen mit der Stimme. 2:19 (Matthias Echternach) „Ich glaub, eine Erklärung woher diese Faszination für Stimme kommt, kann man nicht tatsächlich geben. Wie soll man Liebe zu Menschen erklären? 2:45 (Regula Mühlemann) „Ich bin ein Klang-Fetischist, ich suche extrem nach diesem Klang, diesem 360-Grad-Klang, der frei im Raum schwebt und von allen Seiten kommt. Wie so ein Bild. Riesig.“  BILDWECHSEL 3:11 Stille, Atmen. (Miriam Helle) „Ich hab vorhin noch ein Handy gehört. Die, die das Handy noch nicht ausgeschaltet haben, tun das bitte jetzt. Einige von Euch machen es schon. Macht mit dem Ausatmen einen A-Ton oder irgendeinen Ton. Ohne Zensur, lasst irgendeinen Ton kommen. Und wenn ihr mehr Platz braucht, könnt ihr auch in die Mitte kommen.“ Durcheinander, Geschrei, chorisches Einpendeln auf einen Tonbereich. „Im Alltag gebrauchen wir die Stimme kaum noch intuitiv. Kinder machen das noch, aber wir Erwachsenen kennen das nur noch in Ausnahmesituationen, wenn wir Schmerzen haben, beim Orgasmus oder bei der Geburt. Vor allem die älteren Leute, die hierher kommen, haben zum Teil noch nie frei gesungen.Sie haben vielleicht in der Schule gesungen, aber immer nur nach Noten. Zum großen Teil erleben sie hier zum ersten Mal, die Stimme frei zu gebrauchen.“ 7:06 nach draußen, nächtliche Stimmung, Straßenbahn. 7:19 Studiosituation große Partitur Jazzgesang 9:40 Szenenüberblendung Jodlerin Nadja Räss im „Scanner“ durchleuchtet, Techniker: „Jetzt bitte ich dich mal O-U zu jodeln, aber ganz langsam zu beginnen und dann immer schneller zu werden, bis du das Tempo quasi aufgibst.“ Man sieht den Kehlkopf. „Unglaublich!“ 11:07 Seitenansicht jodelnde Kehle: „Ist echt auch einfach nur schön!“ 11:26 Wir haben so viele verschiedene Gesangsarten, die wir irgendwie probieren zu bewerten, ob das nun Popmusik ist, ob das Jodeln oder Obertongesang ist, – erstmal die Frage: Machen alle das gleiche? Das A, das U, das O, und hier beim U macht sie jetzt den Mund ziemlich auf, wenn du in die Höhe gehst.“ Jodel 11:50 bis 12:02 Bruch (Regula Mühlemann) Übungen mit aufsteigender Skala O und E, vor dem Mund die ruhige Flamme einer Kerze. „Erst wenn sie ruhig steht, fängst du an zu singen“. „Da wo du nachlässt, nicht mehr in der alten Führung drin bist, da mach es so. Du musst bei dir bleiben, das machst du gut.“ R.M. „Man beginnt einfach … Man hilft nach, wenn es einem nicht wohl ist.“ „Aber wenn du drin bist, musst du dir immer denken: das ist eine Übereinanderschichtung von Mitten. Mitte Bauch, Mitte Zwerchfell, Mitte Kehle, Mitte Kopf, und da oben kommt das Ganze wieder raus. Und eigentlich wäre das die Idee, dass wir so in uns drin sind, in der ganzen Klanglichkeit drin, dass wir zwar in den Saal projizieren, aber auch nach hinten, das sind die zwei Seiten der Medaille.“ R.M. „Das ist dann das Schöne, wenn wenn es ein 360-Grad-Klang ist. Bei Anna Netrebko habe ich das mal erlebt. Auf der Bühne war eine Ecke, und sie hat so gesungen und sich währenddessen umgedreht, und der Sound hat sich nicht verändert.“ 13:54 „Komm, jetzt gehen wir mal zur Wand.“ „Aber so wie sie kann ich das nicht.“ Drehung und anatomischer Blick in die Kehle. Bis 14:30 Vortrag „Wenn wir Stimme haben, wenn wir miteinander reden…“ SCHALL … das f“‘ der Königin der Nacht, 1396 HZ, nachweisbar 2200 HZ , 2200 mal pro Sec schlagen diese Stimmlippen tatsächlich aufeinander. Noch höher: Georgia Brown aus Brasilien. Das will ich Ihnen kurz zeigen, auch wenn’s unangenehm ist: 15:51/ ab 16:00 neue Szene „Ich bin Ursula Schleiß…“ JODELN mit Nadja Räss bis 19:54 Szenenwechsel Laubbläser 20:12 Kirchplatz, Park, Fahrradfahrer Innenraum 20:49 „Wortbetonung!“ Chorprobe Monteverdi „Singen macht etwas sehr Positives mit uns und das können wir sogar nachweisen…“ Blick auf Straßenbahnen, Dom, Wald, asiatische Solostimme 23:09 Sängerin mit Gesten zum Gesang, wird von Kursteilnehmern imitiert, Klatschen, gemeinsames Spiel, 24:34 Instrumente dazu „Wenn ich im fremden Land bin, wie zum Beispiel hier in Japan“ Nudelsuppe bestellen … klingt wie Musik, Sonnenuntergang, Andreas Schaerer, Japan Jazz Improv. 27:00 Überblendung Großstadtlichter Japan Zebrastreifen Fußgängerübergang, „es gibt unglaublich viel Schönes und unglaublich viel Grausames auf der Welt, für mich ist es wichtig, all diese Gefühle in der Musik auszudrücken. Wenn man das nicht macht, verliert man die Balance“. 28:48 Jazz und ? Schamane? Chaos 29:35 Schwarzblende „Mein erstes aktives Stimmerlebnis, an das ich mich erinnern kann… im Badezimmer meiner Tante“ Rhythmus der Quadrate…vier Jahre… Andreas Schaerer… Miriam Helle… „ich dachte immer, ich kann nicht singen, Schulzeit“ Ausbildung als Stimmtherapeutin Straßenverkehr Erlebnisberichte der Teilnehmer – Mit fallender Stimme ausatmen „nüchtern hab ich sowas noch nie gemacht“ Schwangere „Und dann stellst du dir vor, eine Wehe kommt… ihr reitet gemeinsam auf der Welle der Wehe“ 33:31 Szenenwechsel Studio dreigestrichenes f … halten, halten halten! 34:27 Betrachtung der Kehl-Computeraufnahme „dieses große Gefüge hier, das ist deine Zunge, alles Schwarze ist Luft“. Georgia Brown (s.a. hier) Kehlkopf Experiment „Wonderful? Fuck you!“ 36:52 Kindergarten bis 41:03 Schienen, Gleise, fahrender Zug, Züge im Film unter Beobachtung, Herstellung der entsprechenden Geräusche durch Menschen 41:30 der Stimmkünstler (Jazz)  kommt an, 42:04 er arbeitet mit einer Probandin rrrrrrrr, dann Selbstbiographisches, „außerhalb der Norm singen“ 43:43 Georgia Brown im Studio vor Bildschirm, Glissando aufwärts, der Techniker staunt entsprechend, „what the hell, have you done there!?“Bildschirmbetrachtung: „Georgia,das hier ist das Speltrum der menschlichen Stimme, hier siehst du den Ton, den du singst, und siehst du, wie regelmäßig das nach oben geht? Das ist wunderbar, aber dann passiert was Komisches: Wenn du mit diesem Ton nach oben gehst, gibt es hier einen zweiten Ton, ich habe keine Ahnung, was du da machst.“ Lachen. 44:53 (Verlassen das Gebäude.) „Ich hab mit den hohen Tönen angefangen, als ich ein Kind war. Ich spielte mit meinen Puppen. Eine Puppe stellte eine Frage, und die andere antwortete mit dieser Stimme“, sie piepst hoch. Gitarrist bat sie, eine Melodie mit den hohen Tönen nachzusingen, sie begann die besten Gitarren-Soli der Welt nachzusingen. 45:40 Übergang in begleiteten Jazzgesang. 46:21 Szenenwechsel: Bariton ff Opernprobe am Klavier, auch Regula M. 48:38 „Ich merke, wenn ein Ton gut oder frei ist. … denn der Ton ist wie im Nichts. Aber wenn man beim Singen diesen Zustand erreicht oder für einen Moment hat, dann ist das ein sehr beglückendes Gefühl, weil man sich im Jetzt fühlt. Man spürt das Jetzt, irgendwie.“ Szenenwechsel 49:18 Tunnel, Schlagzeug, Stimmakrobat, freier Jazz im Konzert. „Wenn es dir bei einem Konzert gelingt, dass diese Magie entsteht, dann ist das eigentlich eine Befreiung der Seele….“ 52:31 Regula M. singt Mozart, Computerbild Kehlkopf, echte Aufnahmesituation, Stress incl. (siehe Zitat zu Anfang des Artikels!) – 56:04 Autos, Fußgänger. Studio Frage betr. Spektrogramm (wie 43:43) der Fachmann sagt: „Gute Frage!“ 57:41 draußen vor der Tür, Autobus. „Wir haben die ganzen Daten von Georgia Brown vielfältig diskutiert… Wir verstehn es nicht!“ 58:34 Regula M. singt Mozart Aufnahmesituation (wunderbar), sie sagt (s.o. Anfang des Artikels): „Als Sänger muss man sich akzeptieren, sich akzeptieren mit all den positiven und negativen Sachen, die man hat.“ etc. 1:00:26 Szenenwechsel Hörsaal, großes Publikum, Show, Beifall, Moderatorin, Schnitt Nahaufnahme: „Woran möchtest du heute arbeiten?“ Psychoarbeit Schreitherapie, Gefühle rauslassen… bis 1:05:51 Szenenwechsel Brücke, Nacht, auf dem Weg zu den erleuchteten Fenstern, Regula M. vorm Auftritt mit Ramon Vargas, sie erzählt über seine Krise 1:07:23 Konzertauftritt bis 1:09:14 Schnitt, weiter Schreitherapie, Schwangere in der Badewanne, 1:11:02 drei Personen sehen einen Film, Fahrrad fährt hinaus, Kinder laufen vorbei, sie pfeifen, lachen, dann Techniker: „Wollen wir diese Magie wirklich entschlüsseln? Wollen wir wissen, warum die Stimme so toll wirkt? Oder wollen wir es vielleicht als Mysterium belassen?“ 1:11:48 Märchenhaft verkleidete Kinder tanzen zur Musik, Eltern schauen zu, „Liebes Dornröschen!“ Spindel sticht. Schnitt Aufführung mit Bühnendarstellung (Regula M., Orchestergraben etc.) 1:14:48 Andreas Schaerer auf der Bühne, Publikum, improvisiert, Jazzkombo dazu, 1:17:20 abschließende Verbeugungen im Beifall etc. Totale, Baby ist geboren, ins Wasser getaucht, 1:18:38, Gesang (langsamer Jodel) vom Anfang des Filmes, Ausklang, Nachspann. 1:21:33 ENDE

Fazit JR: ich wollte (mir und anderen) einen Überblick verschaffen, einzelne Stellen leichter auffindbar machen. Sehr anregend. Mein Gesamteindruck ist aber nicht nur positiv, manches erinnert mich an den Selbstbefreiungsoptimismus der 70er Jahre. Für meinen Geschmack zuviel Jazz, mit dem (unzureichenden) Japan-Anteil wird bewusst, dass alles fehlt, was aus „Fremdkulturen“ kommen könnte. Was bleibt, ist das Stimmphänomen (das man nicht als Mysterium belassen sollte). Auch die physiologischen Computerbilder (als Rätsel). Und vor allem Regula Mühlemann (mit Mozart). Aber auch der Film als Ganzes.

Anderes Thema (ob es passt oder nicht):

Wir hatten Christian Zehnder bzw. das Duo Stimmhorn in der WDR „Matinee der Liedersänger“, Saison 2002 (im Bahnhof Langendreer Bochum) siehe hier.