Archiv der Kategorie: Sport

(K)ein Elixier des Lebens

Das Dossier der ZEIT umfasst 4 volle Seiten, und einige Fotos von tüchtigen alten Leuten animieren uns, ihnen nachzueifern.

Und wir sind gespannt, mit welcher Einsicht wohl der Abschluss des Artikels aufwartet. Gibt es eine allgemeine Schlussfolgerung, vielleicht ein zwar spätes, aber immer noch gültiges Lebensprogramm? Für alle?

Unter den nicht mehr ganz jungen, abgebildeten und beschriebenen muskulösen Glückspilzen fällt uns ganz besonders ein gewisser Friedhelm Adorf (83) aus Heupelzen ins Auge. Kann er es mit den neuesten Studien zur Glücksforschung aufnehmen? Lesen Sie selbst (doppelt):

Quelle DIE ZEIT 13. Juni 2024 Seite 11 ff Der Sprung ins hohe Alter von Philipp Daum

Die Kehrseite

Falsch sei es, von nur einem Elixier des Lebens zu sprechen, – könnte man denken. Man brauche mindestens soviel Medikamente, wie man Organe hat, und noch viel mehr, wenn man sehr viel Geld hat. Einer der diese Haltung vorlebt, wird in Wikipedia folgendermaßen beschrieben (im Zitat habe ich alle weiterleitenden Links eliminiert):

Anti-Aging Vorhaben

Am 13. Oktober 2021 kündigte Johnson einen Anti-Aging-Versuch an, den er „Project Blueprint“ nennt. Johnson hält sich an ein strenges Diät- und Trainingsregime, um sein Leben zu verlängern. Er gibt dabei jährlich über zwei Millionen US-Dollar für seine Gesundheit aus und soll über 100 Pillen täglich schlucken. Für seine Verjüngungskur beschäftigt er über 30 persönliche Mitarbeiter. Sein biologisches Alter soll er so um fünf Jahre verringert haben. Johnson unterzog sich auch einer Reihe Bluttranfusionen, wobei sein Sohn als Spender für eine der Transfusionen fungierte, aber verkündete später, dass er die Transfusionen aufgrund des fehlenden Nutzens nicht wiederholen wird. Er gilt auch als ein Anhänger der Nutzung von statistischer Datenauswertung und künstlicher Intelligenz, um seine Lebensführung zu optimieren und seine Gesundheit zu überwachen. Den Tod bezeichnete er in einem Interview als ein „technisches Problem, das sich lösen lässt“ und verkündete seinen Plan, ewig leben zu wollen.

Einige Experten haben den Nutzen von Johnsons Anti-Aging Kuren angezweifelt, da die Lebenserwartung zum größten Teil genetisch bedingt sei. Auf  X (Twitter) lieferte sich Johnson eine Auseinandersetzung mit Elon Musk, nachdem dieser einem Post zugestimmt hatte, der behauptete, dass Johnson „viel besser aussah, bevor er anfing, 2 Millionen Dollar pro Jahr für seinen Körper auszugeben“.

Quelle: Wikipedia hier

Der Mann ist Jahrgang 1977. Da kann einer das Blaue vom Himmel herunter beschwören, der Nachweis wird nicht möglich/nötig sein, weil die eventuell interessierten Zeugen nicht mehr leben.

Ich frage mich, wieso eigentlich ein Mensch davon überzeugt sein kann, dass ausgerechnet er als Individuum von dem allgemeinen Prozess des Lebens (und Sterbens) abgekoppelt werden sollte. Vielleicht ist die Religion schuld. Meine Oma hat mir eingehämmert: „144.000 jetzt lebender Menschen werden nie sterben“, buchstäblich, und sie betete dafür, dass sie selbst und ihre beiden Enkel dazugehören. Tatsächlich: zumindest wir zwei leben noch, mein Bruder und ich!

Aber – aus welchen Gründen auch immer – hat mich das Stichwort „Individuum“ bei der Lektüre in der Klinik bewegt, zumal das passende Büchlein spielend in meine Jeanshose gepasst hatte und – dank mangelnden Neuwertes – auch rigoroses Unterstreichen zu dulden schien. Davon später mehr. (Es könnte eine lange Geschichte werden.)

Wessen ich – ebenso wie möglicherweise dieser Mann namens Bryan Johnson – vor allem bedarf, ist eine klare Anthropologie, eine Handreichung zu der Frage: Was ist der Mensch? was meine Oma? Oder auch: was überhaupt bin ich ? Vielleicht auch: Wo stehe ich in der Welt? in unserem Universum?

Und was folgt als Punkt V. ?

Also: kein kurzer Prozess mit dem Christentum!? Bleibt es Grundlage der „Humanität“? So dass dadurch wirklich jeder zählt, und wirklich ALLE gemeint sind? Hier sind erstmalig auch die Sklaven und die Rechtlosen nicht mehr ausgeschlossen. Geht es also um das ganz große WIR, das etwa … mit den kleineren Wir-Gefühlen nur anfängt? Wir lernen in diesem Punkt ja offenbar täglich etwas dazu:

Oder handelt es sich nur um eine Ich-Erweiterung? Sie sagen (mit Recht): das hat nichts miteinander zu tun. Auch die Christen haben genau hingeschaut, wer dazugehört und wer nicht. Egal, was es in der Theorie, etwa bei Thomas von Aquin, darüber zu lernen gab. Als kleine Warnung zitiere ich Adorno, wie schon früher einmal, als ich den Sport zu problematisieren trachtete, – möglicherweise zum Schein:

Denn zum Sport gehört nicht nur der Drang Gewalt anzutun, sondern auch der, selber zu parieren und zu leiden … Es prägt den Sportgeist nicht bloß als Relikt einer vergangenen Gesellschaftsform, sondern mehr noch vielleicht als beginnende Anpassung an die drohende neue … (ADORNO 1997, 43)

Während ich mich in den Gedankensprüngen dieses Blogs zu zügeln suche, erinnere ich mich der neuesten ZEIT-Lektüre, einem Gespräch mit Peter Sloterdijk, als er gefragt wird:

Sie haben Gesellschaften einmal als »Stressgemeinschaften« bezeichnet. Steht Europa vor der Zerreißprobe, weil der Stress – siehe Ukraine, Gaza, Klima – zu groß ist?

Sloterdijk: Das Konzept, auf das ich mich beziehe, geht auf den Kulturtheoretiker Heiner Mühlmann zurück, der in seinem Buch Die Natur der Kulturen von »Maximalstresskooperationen« spricht. Erfolgreiche Gesellschaften, so die These, sind diejenigen, die es gelernt haben, unter äußerem Druck nicht zu zerfallen, sondern zusammenzurücken. Man kann sich das gemeinsame Agieren wie die berühmte mazedonische Phalanx vorstellen. In ihr musste jeder Einzelne über seine Todesangst hinauswachsen und sich auf die Kooperation mit dem Nebenmann verlassen. Heute erwarten wir diesen Geist nur noch von unseren Fußballern. Wir wollen, dass wenigstens elf aus 80 Millionen wie eine Phalanx zusammenstehen.

Quelle DIE ZEIT 20. Juni 2024 Seite 48 Erklären Sie’s uns, Herr Sloterdijk Ist der Traum von Europa ausgeträumt? Ein Gespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk in Paris (Peter Neumann)

Nebenbei: wie berühmt ist denn die mir völlig unbekannte „mazedonische Phalanx“? Siehe Wikipedia hier

Ich muss mich an dieser Stelle hüten wiedergeben zu wollen, was dieses ausgezeichnete Anthropologie-Büchlein zu Immanuel Kants Analysen der „Person“ (in ihrem großen Zusammenhang) erläutert. Oder zu dem weithin verkannten Max Stirner (und seinen „Einzelnen“ ohne jeglichen Zusammenhang). Dass er hier überraschenderweise auftaucht, erinnert mich an einige Seiten ihm gewidmete Safranskis tollem Buch „Einzeln Sein“ (123-134). Alles zurückstellend, fahre ich fort mit dem Blick auf Adorno, dessen Gespräch mit Arnold Gehlen hier in Zitaten exemplifiziert wird. Der Autor und Herausgeber dieser „Philosophischen Anthropologie“ betont, dass Adorno die beiden Möglichkeiten (Kant und Stirner) in paradoxer Synthese zu einem emphatischen Begriff von „Subjektivität“ zusammenzudenken versucht hat, „dessen Verwirklichung die Fortschrittsgeschichte der Menschheit zwar versprochen, aber nie realisiert habe. Verheißen worden sei die Befreiung des Ich von allem Zwang, sowohl von seiten der Natur wie eines anderen Menschen. Verwirklicht worden aber sei das gerade Gegenteil.“ Die Rede ist vom „Projekt der Moderne“: –  – – da es die logisch-begriffliche wie die technisch-wirkliche Unterdrückung der Natur zur Voraussetzung gehabt habe – – – (lesen Sie bitte weiter:)

Haben wir eigentlich zu Anfang dieses Blog-Artikels von Einzelnen gesprochen, die hervorragen aus der Menge der Alten, oder stillschweigend von Allen, da ja jeder Mensch die Chance haben soll, alt zu werden, ohne zu verkümmern? Wir haben schon dort darauf aufmerksam gemacht, wie die Anthropologie aus methodischen Gründen die Rubrik IV. „Der Mensch als Gesellschaftswesen“ der Rubrik V. „Der Mensch als Einzelwesen“ vorangestellt hat. Die Anthropologie oder die Soziologie? Im Büchlein folgen Auszüge aus einem Gespräch zweier Individualisten, wie sie im Buch stehen, Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen. In den 60er Jahren habe ich Adornos Radio-Vorträge auf Tonband aufgenommen und in Einzelfällen – um sie nicht zu verlieren – verschriftlicht, ein mühsames Unterfangen, siehe im Blog hier. Im folgenden Gespräch – das Stichwort „der Mensch“ ab 5:23 (als geschichtliches Wesen, von Gesellschaft geformt, „Industriekultur“, Tauschverhältnisse, Max Weber, Fortschritt „von selbst“, Mündigkeit, „Entformung“, Nivellierung durch Tausch, Produzierung der Bedürfnisse, zu den Institutionen 32:00 siehe im Büchlein wörtlich S.124, Familie, Eigentum, Sicherheit, „Institutionen schützen den Menschen vor ihm selber“, technische Begabung, neurotisch, Überflüssigkeit des Menschen ).1965.

Quelle (das „Büchlein“): Arbeitstexte für den Unterricht / Philosophische Anthropologie / Reclam 5012 [2] Für die Sekundarstufe II Herausgegeben von Hans Dierkes Stuttgart 1989

Wollen Sie wissen, ob Adornos Diagnose von der Nivellierung durch Tausch, der Entwertung der Qualität durch den Markt, der „Entformung“ – heute noch so akut ist wie damals? Aber natürlich, mehr denn je, – jedoch: was hilft’s? – ein Blick in die Familienzeitschrift Hörzu oder bestimmte Fernsehsendungen würde genügen. Nur vergessen wir längst, uns wenigstens zu empören. Und ich denke an die Tomaten, die im Garten meiner Oma wuchsen und einen spezifischen Geschmack hatten…

Hörzu 23.Juni 2024 Seite 33

Man kann es keinesfalls damit bewenden lassen, dass man sich heute auf den intellektuellen Stand von vor  30 oder gar vor 60 Jahren zurückversetzt. Womit schon auf dem besten Wege wäre. Ich muss nur die Krisen der ganzen Welt beschwören, das sich verbreitende latente oder flagrante Katastrophengefühl, die Wut über die Zerstörung. Das alles ist greifbar nah! Ich wähle einen weniger lähmenden Ansatzpunkt, der mir – so hoffe ich – ein kontinuierliches Weiterdenken erlaubt. Ein Blick in das oben schon genannte Buch von Rüdiger Safranski scheint mir geeignet:

Gegen Ende des Buches kommt Safranski nochmal auf das Thema der neuen Medien:

und nachdem er Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ hinzugezogen hat – die vergebliche Frage nach dem richtigen Eingang – , schließt er mit einem Satz, der wohl auch diesem Blog-Beitrag eine vorläufig tröstliche Abrundung verleihen kann:

Doch wenigstens solange man lebt, ist es nie zu spät für den eigenen Eingang, dafür, ein Einzelner zu sein.

Gelesen – um es aufzubewahren

Notizen aus laufender Lektüre

Zum einen beeindruckte mich bis gestern (Stunden sinnloser Wartezeit im Klinikum) das letzte Kapitel aus „Was ist Macht?“ von  Byung-Chul Han, aber der gute Eindruck von neulich ist getrübt. Es geht um die „Ethik der Macht“, und schon dieser Titel erschien mir im Rückblick immer weniger einleuchtend. Wie jedes Mal geht er seine Philosophen durch: Heidegger, Foucault und Nietzsche, letzterer offenbar mit Zarathustra als effektvollem Ausklang des Buches, wenn es darum gehen soll, in machtvoller Freundlichkeit sich selbst wegzuschenken, – „wegschenken deinen Überfluss, aber du selber bis der Überflüssigste“. Das beginnt auf Seite 132 (bis Endseite 143), wo Han – ohne zu erwähnen, dass er sich wiederholt – wo er genau das hervorhebt, was er schon auf Seite 66 ausgeführt hat (mich besonders beeindruckend):

Die Macht reserviert Nietzsche nicht fürs menschliche Verhalten allein. Vielmehr wird sie zum Prinzip des Lebendigen überhaupt erhoben. So streben schon Einzeller nach Macht: »Nehmen wir den einfachsten Fall, den der primitiven Ernährung: das Protoplasma streckt sein Pseudopodien aus, um nach etwas zu suchen, was ihm widersteht – nicht aus Hunger, sondern aus Willen zur Macht.« Auch die Wahrheit wird als ein Machtgeschehen gedeutet.

Han sagt nicht, dass er aufs neue davon anhebt, um es auf eine andere Ebene zu führen, es klingt, als habe er vergessen, was er schon gesagt hat,  und wirkt am Ende schwächer mitsamt dem ganzen Gerede von Freundlichkeit und Wegschenken. Zuviel Zen? Dann lieber – an dieser Stelle jedenfalls – mehr von Einzellern und Pseudopodien…

Es fiel mir alles wieder ein, als ich die neue ZEIT las, als sei es kein Zufall in meiner Situation (womöglich in der unleugbaren Spätphase des individuellen Lebens). Insbesondere der Artikel Frisch erforscht Neues vom Beginn des Lebens / von Ulrich Bahnsen. (siehe unbedingt auch hier).

DIE ZEIT 23.05.24 Seite 32

Ja !!! Und dazu die ganze Seite 34: Ist Sport die beste Medizin, Herr Froböse? Zitate s.u.

Ich sehe, dass aus der neuen Wissenschaft vom Menschen ein neues Bild der Physis und der medizinisch fassbaren Vorgänge nahegelegt wird, das an die Stelle dessen getreten ist, was ich im Laufe der 50er Jahre und weit darüber hinaus für unumstößlich gehalten habe. Es sei mir also ein kritischer Exkurs in die eigene Erinnerung gestattet, gestützt auf das „Kursbuch“ meiner Mutter. Sie erwähnt nicht, in welchem Maße diese Körpermaßnahmen von ihr und ihrem Vater, meinem Großvater, beeinflusst waren (Dr.Brauchle, Dr. Malten, Dr. Becker, Are Waerland usw.); sie beanspruchten zeitlebens eine Machtposition, auch gegen meinen Vater, der 1959 starb. Ich begann eigene Wege mit Pfarrer Kneipp, über den ich in der HörZu gelesen hatte, bezog dann aber alles ziemlich naiv auf Nietzsches positivistisch verstandene Theorie vom allseitig ausgebildeten „starken Menschen“. Wir befinden uns in der Zeit gegen Ende 1956:

Manches hat sie gewusst von meiner Entwicklung, das Wesentliche aber gerade nicht (z.B. von der psychischen Wirkung der Pubertät und – von der Ausübung ihrer eigenen Machtpraxis, die einst in direkterer Form ihr Vater angewendet hatte, der erst den Enkeln gegenüber recht milde geworden war.) Ich erwähne das, weil viele Menschen unter den Prämissen der Kindheit und Jugend ein Leben lang leiden, aber später die genossene „Erziehung“ (mitsamt allen Erinnerungen) glorifizieren, weil sie nicht nicht mehr in der Lage sind, die verinnerlichten Schäden von den sicherlich vorhandenen Erfahrungen elterlicher Liebe zu trennen. Insofern behandle ich die gelegentliche Aufarbeitung an dieser Stelle nicht als streng privat.

Meine teilweise dramatische Loslösung ging von der Schule aus (AG „Moderne Lyrik“) und wurde gewissermaßen geleitet von Gottfried Benn („Provoziertes Leben)“. Auch von seinem Nietzsche-Bild. Zugleich auch jede Menge Tolstoi, mehr noch Dostojewski. Tolstois „Der Tod des Iwan Iljitsch“ – die letze große und schreckliche Geschichte, die mein Vater zufällig auch in jener Zeit zu hören bekam, bevor er starb: „das bin doch ich!“ sagte er.

All das sind nur Stichworte, aber es sind diese ausgebreiteteten  Jahre, die mich als Last und Inspiration bis heute beschäftigen. Damals schwor ich mir, das Erinnerungsbuch meiner Mutter eines Tages zu korrigieren. Jetzt bin ich zugleich dankbar, dass dieser einseitige Kommentar existiert. Das genau war die damalige Zeit! Meine Erinnerung richtet sich daran auf und belebt (irritiert) mein heutiges Leben.

Die Ablösung vom Weltbild der 50er Jahre (mit dem Negativ-Narrativ über die „Schulmedizin“) habe ich mehrfach beschrieben: einmal z.B. im Versuch, das neuere Denken mit dem alten zu verbinden, etwa in Gestalt von Adolf Portmann (Wissenschaft) und Maurice Maeterlinck (Dichtung) hier. Auch hier . Der Rückblick auf meine Mutter hatte auch mit ihrem unseligen Hang zur anthroposophischen Mystifikation der Naturwissenschaft zu tun, den ich irgendwie zu retten trachtete. Es ging nicht. Siehe auch hier.

Meine Mutter ergänzte ihr mystisch angereichertes medizinisches Wissen auf die Krebserkrankung meines Vaters, als sei ihr mit Ernährung und einer Misteltherapie  beizukommen. Genug davon, auch von ihrer Ansicht, dass Krankheit „Schicksal“ sei, – so hatte sie eigenen Krankheiten der Kriegsjahre (TBC, „nasse Rippenfellentzündung“) höhere Bedeutung verliehen. Das beschwerte noch meine Studienjahre, die eher der durchaus erträglichen „Leichtigkeit das Seins“ zugeneigt und zumindest theoretisch von der Balance des Geigenspiels beflügelt waren. Wobei ich nicht wahrhaben wollte, dass eine Rückgratverkrümmung für Schmerzen sorgte, die sich nicht ausbalancieren ließen. Erst die Röntgenbilder des Alters förderten die wahren Ursachen zutage. Früher, vor meinem Abitur hatte ich kurzzeitig an eine Sportkarriere gedacht, und warum nicht gleich in Fünfkampf. (Dabei hatte ich nachweisbare Erfolgserlebnisse nur im Tausendmeterlauf.) Die Idolisierung des Körperlichen kannte keine Grenzen. Man staunt über das eigene Muskelwachstum, mich konnte selbst die Ferienarbeit im Tiefbau nicht schrecken, frei nach Nietzsche: Was einen nicht umbringt, macht einen stärker. Ich entlieh aus der Stadtbücherei neben Musikliteratur verschiedenste Trainingsanleitungen. Wir wohnten am Waldrand, und naturnah verliefen meine ausgedehnten Übungsstrecken…

Irgendwie kehrt dieses physizistische Denken heute in völlig veränderter Gestalt wieder:

Einige Zitate aus derselben Quelle:

… Massage, Physiotherapie, Eisbad. Die Unsportlichen dagegen schauen zur Regeneration Netflix.

Nutzen Sie den Körper, um den Geist zu entlasten.

Die Muskulatur lebt unsere Emotionen aus. Meine Sorgen bin ich nach 20 Minuten ruhigem Laufen los. Der Grund: Meine Motorik beansprucht 50 Prozent der geistigen Kapazität. (…) es ist aber gerade Teil des Wirkmechanismus, dass Sport ein wenig anstrengend ist.

Denn Motorik und Kraft sind Garanten für Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Es geht hir um das Phänomen der Sarkopenie. Übersetzt: Verlust des Fleisches. Diese Erkrankung – zu wenig Muskelmasse, zu wenig Kraft –  betrifft drei Viertel der Menschen ab dem 6o. Lebensjahr.

Unterforderung macht Arthrose, weil die Strukturen des Gelenks nicht mehr ausreichend versorgt werden. Gelenke hänge am Tropf der Bewegung! (….) der Kochenstoffwechsel wird durch Schonung reduziert.

Je älter wir werden, umso größer sollte die Belastung zum Erhalt der Muskulatur sein.

Quelle: DIE ZEIT 23. Mai 2024 Seite 34 Wem es schlecht geht, der soll sich mal schonen? Bloß nicht! Das sagt der Sportwissenschaftler Ingo Froböse. Denn der Körper brauche die Bewegung – und den guten Stress TITEL: Ist Sport die beste Medizin, Herr Froböse?

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Anderes Thema

P.S. Eben halb gehört und notiert – um es aufzubewahren (bis 2099): KAFKA  https://www1.wdr.de/mediathek/audio/feature-depot/index.html

Kafka-Kult. Das erstaunliche Nachleben des Franz K.

WDR 3 Kulturfeature 01.06.2024 54:13 Min. Verfügbar bis 31.05.2099 WDR 3 Von Thomas von Steinaecker

Kafka, das ist irgendwie tiefgründig, liebenswürdig, melancholisch und abgefahren. Kurz: Kafka ist Kult. Wie aber kam es zu diesem einzigartigen Phänomen? Und was macht Kafkas Texte bis heute so herausragend? // Von Thomas von Steinaecker/ SWR 2024/  Übernahme in WDR 3

Dionysien heute? (Material)

Ist Karneval vergleichbar? Loslassen? Ischgl?

Das ganz gewöhnliche Besäufnis?

Karneval Wiki  hier

Spiel oder Sport?

Die provisorische Reihe von Stichworten ließe sich beliebig erweitern. Sie zielt aber auf Abgrenzung, nicht auf Erweiterung und Verwischung der Grenzen. Ich habe mich des öfteren mit solchen Überblendungen beschäftigt, schon um den Verdacht des vorgefassten Elitarismus zu bannen. Als sei die hohe Kunst ständig vor dem niederen Unterhaltungstrieb der Massen zu schützen. Dabei ist sie doch auch – Unterhaltung?! (Solche Behauptungen schreien nach sorgfältigen Definitionen.) Ein Beispiel aus früheren Zeiten hier. Das Spiel im Konzert und auf dem Fußballfeld. Neuerdings stand der böse Blick auf Katar Pate beim Vergleich des Kamelrennens gegen die uns vertrauteren Sportarten, insbesondere dem aktuellen Sport der Männermannschaften bei der WM in Katar. Zumal unter dem Zeichen der FIFA und der weltweiten Korruption. (Siehe hier.) Was außerdem hängenblieb: das Bild von den Scheichs, die in klimatisierten SUVs neben der Rennstrecke der Kamele mitfahren und per Knopfdruck die Peitschen der kleinen Roboter auf dem Rücken der Tiere betätigen. Ein atemberaubendes Spiel. Die Tiere sind ein wichtiger Faktor in ihrem Leben, aber noch wichtiger ist der ausgesetzte Preis, die tierische Hochleistung und das arbeitende Geld. Hauptgewinne: eine Reihe neuester SUVs.

Bei Schiller, der seine Theorie vom Spiel entwickelt, findet man auch die Aufzählung von Sportarten der Antike im Vergleich zu denen seiner Gegenwart. Ich denke dagegen an Hemingway und seine Verteidigung der Ästhetik (?) des Stierkampfes. Die quasi religiöse Feierlichkeit der Reiter, die ich im nahen Umfeld der Arena in Sevilla erlebte. Archaisch? Sakral? (Einen wirklichen Stierkampf habe ich nie gesehen.)

Anders als bei anderen Menschen: Hölderlins Trunkenheit siehe hier

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https://www.deutschlandfunkkultur.de/lois-hechenblaikner-ischgl-champagner-bad-im-skigebiet-100.html hier

Lois Hechenblaikner: „Ischgl“ Interview

Relax if you can. Après-Ski wurde einfach ein neuer Wirtschaftszweig. Das ist so ein erfolgreiches Geschäft geworden, man kann nur staunen, da werden irre Gewinne gemacht. Da geht aber nur, wenn der Gast mitmacht. (…)  Das Individuum verhält sich in der Gruppe völlig anders. Wenn dann bei einem solchen Konzert oben in Ischgl, wo dann 15.-20.000 Leute sind, entsteht natürlich eine sehr enthemmte Stimmung in einem. Dazu kommt, dass der Schnee ein Medium ist, wo man sich im doppelten Sinne des Wortes fallen lassen kann. D.d. die Erwachsenen werden wie Kinder, sehr infantile Muster treten dann auf, und dann gints da diesen Beschleuniger Alkohol, der dazukommt. Aber es ist immer so eine Mischung aus dieser Musik und eben dieser Dosis an Alkohol. Jetzt könnte man sich fragen, warum brauchen die Leute auch diese Dosis an Alkohol? (5:50) Ich war mal in Gröden in Südtirol, bei den Skirennen, und da war relativ wenig Après-Ski, und da habe ich mal nachgefragt: warum ist das so? Und da haben sie gesagt, ja, die Italiener, die gehen abends eher gepflegt essen, trinken ein Glas Wein, und das hat sich. D.h., das hat auch mit uns zu tun, oder mit der Trinkkultur, und die ist sicher in Österreich verändert mit den Deutschen, es sind auch viel Holländer drin, es sind Belgier usw., d.h. da ist einfach ein anderes soziologisch-gesellschaftliches  Verhalten anscheinend in der konsumistischen Ebene. Und ich glaube auch, dass mit Alkohol viel verdrängt wird, dass da Sorgen des Alltags sprichwörtlich weggetrunken werden. (6:04)

Relax as you can – der ganze Ort wurde dahinkalibriert. Und wenn ich mir heute Ischgl anschaue, die Gästeschicht, die da ist, sind schon sehr sehr viele … auch geschieden, 40, 50 Jahre alt, deshalb sag i auch immer: Ischgl ist so etwas wie ein hormoneller Second-Hand-Markt.“

Moderatorin (bezieht sich aufs Nachwort des Buches): da sagt ein Hotelier und Barbetreiber: man müsse mehr mit dem Penis ndenken, um neue Gäste zu werben. Hechenblaikner:

Das zeigt natürlich den völligen Realitätsverlust, die Duchgeknalltheit. (7:10) …hat damit zu tun, dass sich die Tourismuswirtschaft ja jedes Jahr neu sich hervorzubringen versucht. Jede Saison muss neu gestartet werden, das ist ein Wirtschaftszweig, der darauf angewiesen ist, dass die Gäste herkommen. (…) Tourismus ist immer ortsgebunden, die Gäste müssen immer neu angelockt werden.

(…) weil eben die Tourismuswirtschaft dazu neigt, immer den Schleier des Erhabenen, des Schönen, des Verklärten darüber zu legen (11:18)

Das Buch „Ischgl“ von Lois Hechenblaikner im Steidl Verlag, siehe hier.

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/kulturjournal/Kulturjournal,sendung1302378.html hier

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Was war in früheren Jahrhunderten damit gemeint, wenn vom Rausch die Rede war, der Feier des Frühlings, den großen Festen zu Ehren des Weingottes Dionysos? Entfesselung?

Was habe ich in den dumpfen 50er Jahren erwartet, als ich Nietzsche zu lesen begann, an Befreiung dachte, an den Sinn der „Dionysos-Dithyramben“, als ich ihm noch alles glaubte, was er über Wagner schrieb. Die Wiederkehr einer dionysischen Kultur, eines Zeitalters der großen Erneuerung. Und dazu das Victrola Opera Book (1919), das wir einem Care-Paket aus den USA verdankten, darin Bühnenbilder und Illustrationen zu den Wagner-Götterdramen, die 1:1 kindlichen Wunschvorstellungen entsprachen. Brunhilde (auf den Knien) zu Wotan „Was it so shameful?“ Wovon sprach sie?

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Geburt_der_Trag%C3%B6die_aus_dem_Geiste_der_Musik HIER

https://de.wikipedia.org/wiki/Dionysien hier

https://www.projekt-gutenberg.org/nietzsch/dionysos/dionysos.html hier

https://www.projekt-gutenberg.org/schrempf/nietzsch/chap008.html hier

Christoph Schrempf https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Schrempf hier

7. Kapitel

»Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«: das Dionysische Erlebnis und der Wille zur Kultur. Friedrich Nietzsche Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1922

Die Religion der Klassiker Herausgegeben von Professor D. Gustav Pfannmüller Neunter Band:
Friedrich Nietzsche Geburt der Tragödie aus Kapitel 1.

An derselben Stelle hat uns Schopenhauer das ungeheure Grausen geschildert, welches den Menschen ergreift, wenn er plötzlich an den Erkenntnissformen der Erscheinung irre wird, indem der Satz vom Grunde, in irgend einer seiner Gestaltungen, eine Ausnahme zu erleiden scheint. Wenn wir zu diesem Grausen die wonnevolle Verzückung hinzunehmen, die bei demselben Zerbrechen des principii individuationis aus dem innersten Grunde des Menschen, ja der Natur emporsteigt, so thun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen, das uns am nächsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluss des narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjective zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet. Auch im deutschen Mittelalter wälzten sich unter der gleichen dionysischen Gewalt immer wachsende Schaaren, singend und tanzend, von Ort zu Ort: in diesen Sanct-Johann- und Sanct-Veittänzern erkennen wir die bacchischen Chöre der Griechen wieder, mit ihrer Vorgeschichte in Kleinasien, bis hin zu Babylon und den orgiastischen Sakäen. Es giebt Menschen, die, aus Mangel an Erfahrung oder aus Stumpfsinn, sich von solchen Erscheinungen wie von »Volkskrankheiten«, spöttisch oder bedauernd im Gefühl der eigenen Gesundheit abwenden: die Armen ahnen freilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch eben diese ihre »Gesundheit« sich ausnimmt, wenn an ihnen das glühende Leben dionysischer Schwärmer vorüberbraust.

Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen. Freiwillig beut die Erde ihre Gaben, und friedfertig nahen die Raubthiere der Felsen und der Wüste. Mit Blumen und Kränzen ist der Wagen des Dionysus überschüttet: unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger. Man verwandele das Beethoven’sche Jubellied der »Freude« in ein Gemälde und bleibe mit seiner Einbildungskraft nicht zurück, wenn die Millionen schauervoll in den Staub sinken: so kann man sich dem Dionysischen nähern. Jetzt ist der Sclave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die starren, feindseligen Abgrenzungen, die Noth, Willkür oder »freche Mode« zwischen den Menschen festgesetzt haben. Jetzt, bei dem Evangelium der Weltenharmonie, fühlt sich Jeder mit seinem Nächsten nicht nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins, als ob der Schleier der Maja zerrissen wäre und nur noch in Fetzen vor dem geheimnissvollen Ur-Einen herumflattere. Singend und tanzend äussert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung. Wie jetzt die Thiere reden, und die Erde Milch und Honig giebt, so tönt auch aus ihm etwas Uebernatürliches: als Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Traume wandeln sah. Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt der ganzen Natur, zur höchsten Wonnebefriedigung des Ur-Einen, offenbart sich hier unter den Schauern des Rausches. Der edelste Thon, der kostbarste Marmor wird hier geknetet und behauen, der Mensch, und zu den Meisselschlägen des dionysischen Weltenkünstlers tönt der eleusinische Mysterienruf: »Ihr stürzt nieder, Millionen? Ahnest du den Schöpfer, Welt?« –

Fußball Katar Korruption

Is was im Fernsehen?

Ich will diese Filme nur in Erinnerung behalten und als erneuerbare Motivation aufrufen können: Katar und was immer dort gespielt wird, wird keine ernstzunehmende Rolle spielen. Ich will die Torszenen nicht sehen, und nirgendwo „teilnehmender Beobachter“ sein. Aber was ist mit der FIFA insgesamt?

Geheimsache Katar

von Julia Friedrichs und Jochen Breyer

Eine Weltmeisterschaft in der Wüste. Im Winter. Aller Kritik zum Trotz: Sportjournalist Jochen Breyer und Autorin Julia Friedrichs gehen der Frage nach, wie Katar dieser Coup gelingen konnte. 43 min Datum: 17.11.2022 Video verfügbar bis 14.11.2027

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzeit/zdfzeit-geheimsache-katar-100.html

HIER

FIFA – Das Monster

«Le monstre», das Monster – so nennt der langjährige FIFA-Präsident Sepp Blatter den Weltfussballverband. SRF DOK hat anlässlich der WM-Katar 2022 die Geschichte der FIFA aufgearbeitet.

Der Film zeigt auch, wie die Schweizer Justiz, allen voran der damalige Bundesanwalt Michael Lauber, bei der Aufarbeitung der Korruptionsvorwürfe stolperte. Schritt für Schritt werden die umstrittenen Geheimtreffen des Bundesanwalts mit dem jetzigen FIFA-Präsidenten Gianni Infantino aufgearbeitet. Auch jenes Treffen, an das sich angeblich kein Teilnehmer mehr erinnern kann. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte, «dass sich keiner der vier Teilnehmer mehr an das Treffen erinnern können soll, erscheint wenig glaubhaft. Nach der allgemeinen Lebenserfahrung ist es schlicht abwegig, dass alle vier Personen (…) an ein bestimmtes Treffen keinerlei Erinnerung mehr haben sollen.»

Nach diesem vernichtenden Urteil räumte Bundesanwalt Lauber bekanntlich seinen Posten. Die Hintergründe der Treffen sind bis heute unbekannt und immer noch Gegenstand von Ermittlungen.

HIER bis 16.12.22

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Was mich noch besonders interessierte: die Kamelrennen, – ist es wahr, dass die kleinen Roboter (früher saßen an ihrer Stelle Kinder!) mit Peitschen ausgestattet sind? Ich wähle einen Film, der nicht kurzfristig auf die Zeit der Fußball-WM zugeschnitten ist. Dies nur nebenbei.

HIER (ARD Weltspiegel 14.04.2013) Emirate: Roboter – die neuen Jockeys bei Kamelrennen

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ZITAT (Béla Réthi, t-online Interview 16.11.22)

Diese WM dürfte nicht in Katar stattfinden. Die schlechteste Bewerbung, die schlechtesten Voraussetzungen, den europäischen Kalender auf den Kopf gestellt. Dazu kaum Unterkünfte für die Fans. Alle Kriterien, die für die Fifa hätten gelten sollen, wurden ad absurdum geführt.

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P.S. DIE ZEIT 17.11.22 Thema Fußball und Katar

Was entgegnet der Philosoph, wenn man von den Hintergründen lieber schweigt und sagt, die Kritik aus Europa an der Lage in Katar sei arrogant und rassistisch?

Peter Sloterdijk:

Solche Aussagen tragen dazu bei, den Ausdruck »Rassismus«, der noch immer eine kritische Ladung beinhaltet, zu inflationieren. Das Wort wird immer weniger wert, wenn es zu häufig in falschen Zusammenhängen gebraucht wird.

Und wenn gesagt wird: Wir müssen euch unsere Traditionen nicht erklären …. ihr müsst sie respektieren – so ist noch eine andere Ebene zu berücksichtigen:

Die Menschen dort wissen ja, dass sie von sich aus fast nichts produzieren können. Alles, was mit Arbeit zu tun hat, wird importiert. Man könnte meinen, Arbeit sei eine unarabische Idee. Nur zehn Prozent der Bevölkerung sind einheimische Staatsangehörige, alles andere sind Ausländer, Expats und Arbeiter, die nicht eingebürgert werden. Sie kommen nicht über den Besucherstatus hinaus. Die einfachen Arbeiter haben oft keine Pässe, können auch nicht ohne Weiteres das Land verlassen, können keine Gewerkschaften bilden. Wenn eine Arbeiterschaft selbstbewusst aufträte, wäre es mit der herkömmlichen Herrlichkeit vorbei.

Quelle DIE ZEIT, 17.11.2022 »Sie holen sich unsere Unterhaltungsdrogen« Der Philosoph Peter Sloterdijk über die Gier der Katarer nach Fußball, die Kunst der stilvollen Niederlage und die hilflose Herrlichkeit des Torwart-Egos / Seite 32 / Nur die farblich gekennzeichneten Blöcke sind wörtliche Zitate.

Zugleich gab es die interessanten Filme von Golineh Atai über „Arabiens Traum von der Zukunft“ hier und hier (abrufbar bis 2024). Gut auch das Gespräch zu kennen bei Lanz: HIER (darin unbedingt auch Chelsea Manning, zugleich den aktuellen ZEIT-Beitrag zur Person). Besonders ab 40:33 (über den Berater des saudischen Prinzen Salman).

Interessant, aber zugleich auch abstoßend. Von dort also schaut man hochmütig auf „das alte Europa“?!

Ich bin ein Freund der arabischen Welt. Um das zu begründen, würde ich von der Musik ausgehen, – die aber in der saudi-arabischen Welt offenbar überhaupt keine Rolle spielt (?). Würde ausgehen von einem Suk in Marrakech, Fez, Tunis, Algier, also eher peripher gelegen. Wo ist die Kunst, die Melancholie, der Tanz, die Lebensfreude? Was aber bleibt? Das computergestützte Kamelrennen in der Wüste? Mein Gefühl, so fehlbar es ist, sagt mir, dass diese ganze Kunstwelt in der Wüste untergehen wird, wie ein Treibhaus, dem das Wasser abgeschaltet wird. Eine Welt ohne Kunst (man schweige mir von den Lichtblicken der Graffiti).

Infantino mit seiner allumfassenden, verlogenen  Rede zur WM ist ein hervorragendes Symbol für die westliche Amalgamierung gerade dieser Welt. (Kostprobe: hier).

Neueste Meldung:

Senegals Spieler Idrissa Gueye wird für den weiteren Turnierverlauf auf seinen Nachnamen verzichten müssen: Die Fifa sieht vor allem phonetisch eine zu große Nähe zum englischen Begriff „gay“ und will möglichen Missverständnissen aufseiten der katarischen Sicherheitskräfte vorbeugen. Senegals Ausstatter sei bereits darüber informiert worden, dem Mittelfeldspieler neue Trikots mit seinem Vor- statt Nachnamen auf dem Rücken ausstellen zu müssen.

(t-online)

Was ist mit Homosexualität?

Siehe im oben verlinkten Film Geheimsache Katar ab 24:10

Jochen Breyer: „In Deutschland und vielen anderen Ländern gibt es viel Kritik an der WM in Katar. Denn es gibt hier keine Meinungsfreiheit, Frauen sind nicht frei, Homosexuelle sind nicht frei. Was sagen Sie zu dieser Kritik?“

Khaled Salman (Katarischer WM-Botschafter) : „Während der WM werden viele Dinge hier ins Land kommen, lass uns zum Beispiel über Schwule reden. Das Wichtigste ist doch: Jeder wird akzeptieren, dass sie hierherkommen, aber sie werden unsere Regeln akzeptieren müssen.“

„Aber im Gesetz ist Homosexualität verboten! Also ist es verboten für sie, hier zu existieren.“

[In diesem Moment wird von außen in das Gespräch eingegriffen] Er sagt, es sei ein Problem, wenn Kinder Schwule sehen würden. Jochen Breyer: „Was ist ein Problem, wenn ein Kind einen Homosexuellen sieht?“

„Wenn Kinder Schwule sehen, lernen sie, dass das nicht gut ist.“ – „Nein, man ist schwul oder nicht, man kann es nicht lernen!“ – „Ein Beispiel: Wenn ich in meinem Haus hier Wasser hinstelle, und hier Whisky, wenn dann aber mein Kind fragt: Vater, warum darf  ich den Whisky nicht trinken? dann sage ich: Whisky ist haram. Weißt du, was haram ist?“ – „Ja, eine Sünde.“ – „Sie finden, Schwulsein ist haram?“ – „Ja, es ist haram! Ich bin kein strenger Muslim, aber warum ist es haram? Es ist ein geistiger Schaden.“ – [Unterbrechung von außen] 26:08

*    *    *

Nun ist Khaled Salman in Katar, auch wenn er den „WM-Botschafter“ gibt, nichts anderes als ein ehemaliger Fußballspieler, – keine geistliche oder gar geistige islamische Autorität.

Hier ist der Ort, an ein Buch zu erinnern, das erschütternd bewusst macht, was es in der (offiziellen) muslimischen Welt bedeutet, schwul zu sein:

Kubri-Verlag hier

Zwei Seiten daraus zum Thema „Krankheit“:

Es gibt heute viele Gelegenheiten, sich seriös kundig zu machen. Zum Beispiel hier oder hier. Dies nur als weitere Anregung…  – auch zu berücksichtigen, dass der Schutz von Minderjährigen – anders als in früheren Jahrhunderten – heute mit Recht die entscheidende Rolle spielt.

Da kommt ein netter Artikel der Völkerverständigung, und ich fühle mich in allen Vorurteilen bestätigt. Man lese die ZEIT und folge der Autorin wohlwollend. Dieses „Klein-Stätchen“ ist einfach zu reich, um auch noch klares Denken hervorzuzaubern.

leider hinter Bezahlschranke

Die Poesie ist wichtig am Golf. Al-Hadschri sagt, es habe sie sehr gefreut, dass auch bei der WM-Eröffnung Verse gesungen worden seien. [Oh, auf die Schönheit der Wüste, auf die gewaltige Sonne, die Blumen, die über Nacht sprießen?] Allerdings lobten diese nicht das Heimatland, sondern den Emir, das widerstrebte ihr. »Gibt es Krieg, kann der gehen, wir bleiben zurück.«

Der Emir hat eine Art Parlament zugelassen, das über die Vergabe öffentlicher Gelder mitberät. Nur bedient sich die Herrscherfamilie selbst aus den Öl- und Gaseinnahmen, bevor die überhaupt in die Staatskasse eingehen. Niemand weiß, um wieviel Geld es sich dabei handelt. (….) Wir leben einen Aufstieg, der so schnell passiert, dass wir kaum begreifen, wie uns geschieht. Und wir sehen, dass ihr im Westen einen Niedergang erlebt, so langsam, dass ihr seiner vielleicht noch nicht gewahr seid. (…)

Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al Tham hatte der FAZ schon vor WM-Beginn gesagt, man sei enttäuscht, wie sich Politiker auf Katars Kosten profilierten. Den Ton der Deutschen empfinde man, »ehrlich gesagt«, als »sehr arrogant und sehr rassistisch«.

Hier in der Wüste knirscht jeder Schritt, Katars Boden ist aus grobem Sand voller kleiner Muscheln. Nura al-Hadschri ist an diesem Freitagnachmittag ins Dorf der Familie gefahren, wie die meisten Katarer an Winterwochenenden. »Klar gibt es hier Schwule«, sagt sie, »wie überall, in jedem Stamm. Das zu sagen ist das eine. Etwas zu verändern etwas anderes.«

Quelle: DIE ZEIT 1. Dezember 2022 Seite 14 Fußball und Fremdscham Deutschland streitet über die WM und Katar. Was sagen eigentlich die Menschen dort zu der Aufregung? Von Lea Frehse

18.12.2022 Am Ende hat doch der Fußball gesiegt. Argentinien und Frankreich.

Das meistgebrauchte Worte der Kommentatoren: „Unfassbar!“ Minute 120: „Das ist kaum noch auszuhalten!“ Und dann: „Die grausamste aller Entscheidungen!“

Und zurück in die schöne, kalte Realität.

Zuhaus!

Nein, noch ein letzter Blick zurück, und ein letztes Bild: Messi bei der Siegerehrung mit dem dunklen Umhang der arabischen Halbinsel, den ihm der Scheich über die Schultern geworfen hat, zur Freude Infantinos. Was besagte diese Geste? „Am Ende der Weltmeisterschaft (…) instrumentalisieren wir den weltbesten Fußballer, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, um die sportlich gelungene Veranstaltung auch symbolpolitisch zu zementieren.“ Zitiert aus einem der besten Kommentare die ich gelesen habe. Des weiteren: „Die erneute Überführung des Fußballs auf die Ebene der Zeichen, nur wenige Minuten nach dem Schlusspfiff, wirkte am Sonntagabend auch deshalb so ernüchternd, weil sich das vorangegangene Finale zu einem der mitreißendsten Spiele in der Geschichte der WM entwickelt hatte. Zwischen der 80. und 120. Minute zeigten Argentinien und Frankreich, warum der Fußball von Milliarden Menschen so bedingungslos geliebt wird: ein völlig offenes, unvorhersehbares Spiel, ohne Kalkül, am Rande der Erschöpfung, noch in den letzten Sekunden der Verlängerung hätten beide Mannschaften um ein Haar den Siegtreffer zum 4:3 erzielt, bevor das Elfmeterschießen entscheiden musste.“ Ich muss den Rest des Kommentars im Original wiedergeben, er gipfelt in einem resümierenden Satz, den man nicht vergisst: Ausgerechnet die bisher korrupteste Weltmeisterschaft hat das bislang beste Finale hervorgebracht.

Süddeutsche Zeitung 20. Dezember 2022 Seite 20 Das beste Finale, ausgerechnet / Über das Grunddilemma der WM – beispielhaft im Finale zu sehen: die letzte Folge der WM-Kolumne / von Andreas Bernard.

Privater Ausklang

Ich denke zurück an eine Zeit vor 50 Jahren, als der Fußball noch seine Unschuld hatte –  –  –  und das Klavierspiel (meines Vaters) trotzdem ganz allmählich auch in der jüngsten Generation „Fuß fasste“. (Siehe auch hier.)

JMR (1972?)

Lesenswert

Notizen aus der Süddeutschen

ZITAT

Bald schon entwickelte ich ein Leitmotiv, das seither alle meine Unternehmungen geprägt hat: Neue Technologien führen immer auch zu neuen Erkenntnissen. (…)

MacLuhan selbst brachte mich auf Warren Weavers und Claude Shannons Forschungsarbeit von 1949, die den Titel trug „Jüngste Beiträge zur mathematischen Theorie der Kommunikation“ und mit dem Satz begann: „das Wort Kommunikation wird hier in einem sehr weit gefassten Sinn verwendet, der sämtliche Vorgänge umfasst, durch die ein Geist auf einen anderen einwirkt.

Realität ist ein menschengemachter Prozess. Die Bilder, die wir von uns selbst und unserer Welt machen, sind zum Teil Modelle, die in den Erkenntnissen der Technologien wurzeln, die wir erschaffen. Obwohl viele von uns noch nicht bereit waren, betrachteten wir schon nach wenigen Jahren unser Gehirn als Computer. Und als wir die Computer zum Internet vernetzten, realisierten wir, dass unser Hirn kein Computer ist, sondern ein Netzwerk aus Computern.

Quelle Süddeutsche Zeitung Freitag 15. März 2019 Seite 11 John Brockmann: Der Geist der unbegrenzten Möglichkeiten / Von Kybernetik, Mensch und Menscmaschine – eine kurze Geschichte des Nachdenkens über künstliche Intelligenz. (Erster Beitrag einer SZ-Serie über Künstliche Intelligenz.)

Merken: Norbert Wiener: „Mensch und Menschmaschine – Kybernetik und Gesellschaft“ 1950.

ZITAT

Natürlich war das ein Torwartfehler. Natürlich gilt immer noch die Regel der Urväter, wonach ein Torwart, wenn er rauskommt, den Ball haben muss. Und Neuer war wirklich weit rausgekommen in dieser 26. Minute, und man sah seinen Lauf- und Irrwegen geradezu die Gedankenkollision in seinem Torwartkopf an: Die Situation da draußen im Gelände sah ganz anders aus, als er sich das drinnen im Tor vorgestellt hatte, und, huch, da war schon die Strafraumlinie, er durfte auf keinen Fall mehr Hand spielen jetzt, und foulen durfte er auch nicht, und jetzt, huch, … und dann flog der Ball auch schon in höhnischer Flugkurve in das verlassene Tor.

Wer Neuer auf die Anklagebank setzt, wird aber auch mildernde Umstände anerkennen müssen. Das vorwärts und rückwärts gespulte Bild zeigt, dass Fußball ein Teamsport ist, in dem selten einer alleine verliert, und so ist auch dieses 0:1 eher ein Dokument allgemeiner Desorientierung. Der lange Pass von Liverpools van Dijk führt nicht nur Rafinha vor, der sich von Mané übersprinten und übertölpeln lässt. Im Bild sieht man auch Niklas Süle und Mats Hummels, die erst zurücktraben und dann, fast im gleichen Moment, die Gefahr erkennen und Tempo aufnehmen; zu spät, um rechtzeitig am Unfallort einzutreffen.

Quelle Süddeutsche Zeitung Freitag 15. März 2019 Seite 27 Christof Kneer: Ein Fehler, der im Büro beginnt / Neuer patzt beim 0:1 – aber das Tor erzählt eine größere Geschichte.

Ansehen? Hier 

ZITAT

Trotz des großen Forschungsbedarfs waren sich die meisten Entomologen in Halle aber einig, dass genug Wissen vorhanden ist, um schon jetzt zu handeln und etwas gegen den Schwund [der Insekten] zu unternehmen. Klar ist, dass die intensive Landwirtschaft eine der Hauptursachen für das große Sterben ist. „klar ist aber auch, dass das nicht allein das Problem der Landwirte ist,“ sagte Olaf Zimmermann vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg in Baden-Württemberg. Auch die Verbraucher müssten umdenken und in Kauf nehmen, dass insektenfreundlich produzierte Lebensmittel teurer sein werden. Und die Politik muss eine insektenfreundliche Bewirtschaftung der Felder auch finanziell belohnen.

„Das größte Problem der Insekten mit der intensiven Landwirtschaft ist nicht der Einsatz von Insektiziden“, sagt Gross. Viel schlimmer sei, dass in Deutschland auf riesigen Flächen nur noch einige wenige Pflanzen wie Mais und Weizen angebaut werden, mit denen die Insekten nichts anfangen können, da sie vom Wind bestäubt werden. Solche Flächen sind für viele Kerbtiere wie grüne Wüsten, in die sie gar nicht erst hineinfliegen. „Da braucht es gar keine Insektizide mehr, die Insekten verschwinden auch so“, sagt Gross.

Das zu verändern, wäre eigentlich gar nicht so schwer. [Weiterlesen: hier]

Quelle Süddeutsche Zeitung Freitag 15. März 2019 Seite 16 Summen am Feldrand Blühstreifen, Hecken, weniger Pestizide: Um das Insektensterben zu stoppen, würden schon einfache Maßnahmen helfen. Aber finden Entomologen mit ihren Forderungen Gehör? / Von Tina Bayer

Bittgesang eines noch nicht Genesenen?

ZITAT

Und sie können leiser spielen, als es manchem im Saal lieb ist. Wenn da ein Pianissimo steht (die drei Komponisten des Abends lieben diesen Leisigkeitsgrad), dann ist das halt doppelt so leise wie ein Piano – und schon in der vierten Reihe ziemlich am Rand der Stille. Was wohl davon noch ganz hinten im Saal zu hören ist?

( . . . )

Am intensivsten und stimmigsten versenkt sich das Ensemble in die langsamen Sätze. Natürlich in Beethovens brütende Doppelvariation, die das langsame Zu-Kräften-kommen eines Kranken nachzuzeichnen vorgibt. Linien tauchen auf und brechen ab, Triller fluten dazwischen, Girlanden und Akkordakzente verschlingen sich, zuletzt zerbricht die Musik, entschwebt zart in die Höhe: War die Heilung nur eine Vision, meinte sie den Tod?

( . . . )

Und die daraus resultierende Abschiedswehmut schwebte über dem ganzen Abend, sie schien erklären zu wollen, warum Kammermusik immer mehr aus dem Fokus der Öffentlichkeit schwindet.

Quelle Süddeutsche Zeitung Freitag 15. März 2019 Seite 12 Gleichberechtigter Genesungsgesang / Das Belcea-Quartett spielt Beethoven in München / Von Reinhard J. Brembeck

Schauen wir nach:

Zerbricht die Musik? … meinte sie den Tod?

Beethovens Titel lautet: Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lidischen Tonart. Zwischenüberschrift zum D-dur-Teil: Neue Kraft fühlend.

Nirgendwo bei Beethoven eine Stelle, die „das langsame Zu-Kräften-kommen eines Kranken nachzuzeichnen vorgibt.“ Hier scheint dagegen jemand ein sprechendes Beispiel geben zu wollen, warum Kammermusik immer mehr aus dem Fokus der Kritik schwindet.

Nachwort

Man könnte meinen, dass diesem Leser (ich versuche, mich distanziert zu sehen) an diesem speziellen Wochentag genau diese Artikel am wichtigsten waren; dass er sie am gründlichsten gelesen, bei ihnen am längsten verweilt hat. Das ist durchaus nicht so. Ich müsste auf die Brexit-Beiträge verweisen (zugleich auf den Überdruss am Thema), dann auf die gesamte Seite drei, auf der der Verlauf und das Umfeld eines Doppelmordes rekonstruiert wird. Lese-Motiv? Die Fotos: Blick aufs adrette Eigenheim, das gemeine Grün des Rasens, ein verklemmtes Paar auf dem Sofa. Der Beginn des Artikels:

Der musikalische junge Mann hat bisher kein Geständnis abgelegt, aber nach Lage der Dinge gibt es keinen vernünftigen Zweifel daran, dass Ingo P. seine Mutter und seinen Vater erschlagen hat.

Auf der Rückseite der politische Hauptkommentar, über Macron, leicht erschütternd, sagen wir irritierend: über den Liebling der Deutschen, Macron und seine Politik. Also Thema FRANKREICH. Die Republik erzieht / Von Nadia Pantel. Nachzulesen HIER.

Kein Kommentar von meiner Seite. Aber dies behalte ich im Gedächtnis, alles andere vielleicht nicht. Oder ich wollte mir (Ihnen?) was vormerken, z.B. die angekündigte Serie über Künstliche Intelligenz. Oder ich wusste es schon, z.B. die Sache mit den Insekten und der Landwirtschaft. Wollte es nur warmhalten (der Frühling kommt mit heftigen Sturmattacken). Auch die Fernsehsendung 12.03.19 über das Wetter mit Harald Lesch. Wirbelstürme. Siehe ZDF-Mediathek HIER. Und Musik, sowieso, immer.

Höchste Zeit für Spielverderber

Daniel Kehlmann in „DIE ZEIT“

Solange das Großereignis in der Hand einer mafiösen Organisation ist, solange die Weltmeisterschaften in Ländern stattfinden, die diese mit Bestechung eingekauft haben, solange dort Stadien unter Bedingungen gebaut werden, die an Sklaverei gemahnen, solange in ihnen und um sie nationale Rechtsprechung, Redefreiheit und Freiheit des Handelns ausgesetzt sind und solange der Verein, der von alledem profitiert, fast keine Steuern an die Gesellschaft zurückgeben muss – sind nicht alle, die trotzdem zuschauen, Komplizen eines skandalösen Unrechts?

„Wir sind keine Quotenbringer, keine dummen Schafe, keine dumpfen Konsumenten“, schreiben Zeyringer und Trojanow. Ja, in einer vernünftigen Welt würde keiner unter solchen Bedingungen ins Stadion gehen. Politiker würden nicht nach Russland reisen und im Namen des Fußballs Putins Hand schütteln, während der Dissident Oleg Senzow in einem sibirischen Gefängnis dem Tod entgegenhungert, und kein Bürger daheim würde Übertragungen ansehen, bis die Fifa sich reformiert hat und Spiele nicht mehr unter unakzeptablen Bedingungen stattfinden.

Aber wir wissen alle, dass wir nicht in einer vernünftigen Welt leben. Und so wird alles bleiben wie bisher.

Quelle DIE ZEIT 14. Juni 2018 Seite 44 Sollen wir die WM boykottieren? Wer das Buch „Das wunde Leder“ von Stefan Gmünder und Klaus Zeyringer liest, kann kein Spiel der Fifa-Großveranstaltung mehr unbefangen schauen.  Von Daniel Kehlmann.

Das Buch bei Perlentaucher: hier.

Der Dissident Oleg Senzow im DLF: hier.

Das „Spiel der Zahlen“ in der FAZ: hier.

Der ZEIT-Artikel online (mit 70 Kommentaren): hier.

Lese-Probe aus dem Buch „Das wunde Leder“: hier.

*   *   *

Ganz abgesehen davon –

ZITAT aus der ZDF Lanz-Sendung 20.Juni 2018 HIER  Dr.Uwe Westphal:

Alle sprechen vom Fußball. Aus meiner Sicht ist das alles ver-rückt. Ich will nur mal eine Zahl nennen: Zwischen 1998 und 2009, das sind 12 Jahre, haben wir in Deutschland knapp 13 Millionen – 12,7 Millionen genau – Vogel-Brutpaare verloren. In Europa insgesamt, in der EU, innerhalb von 30 Jahren 430 Millionen Vögel (Lanz: das ist unvorstellbar!) – das sind eigentlich die Themen, die uns interessieren müssten, weil… alles andere … ist interessant … also nur mal Fußball – wir unterhalten und über ein 0:1, weil nun mal komischerweise die deutsche Mannschaft  kein Tor geschossen hat, Mexico nur ein Tor geschossen – aber die DingE, die werden vollkommen unterschätzt, WIR SIND MITTENDRIN IM GRÖSSTEN ARTENSTERBEN SEIT ENDE DER DINOSAURIER; und schuld ist der Mensch! Wir sollen nicht so tun, als ginge uns das nichts an, das ist da draußen die Natur. Das ist ja das Problem, dass wir denken, da haben wir nichts mit zu tun… (Finde ich genau richtig etc.etc. Was müssen wir tun, um das zu ändern?)  Ja also ich beobachte ja seit einem halben Jahrhundert die Vogelwelt (weiter ab 1:04:00)

Nachtrag vor dem Endspiel 14.07.2018

Gianni Infantino kann sich auf seine Helferlein verlassen, ehemalige Spitzenfußballer, die mal sportliche Giganten waren, aber sich, was Weisheit angeht, als Wichtel entpuppt haben, so federleicht, dass Infantino sie wie Sternenstaub hinter sich herziehen kann. Bei Putin im Kreml war nicht nur der plappernde Matthäus dabei, auch Zvonimir aus Kroatien, Alexandra Scott aus England, Jorge Campos aus Mexiko, Peter Schmeichel aus Dänemark, und ein wesentlich älterer Mann, der sich womöglich vom WM-Turnier 1930 in Uruguay in die Gegenwart rübergerettet hat. Man sah es in den Nachrichten: Infantino war angetreten, Vorgänger Blatter zu widerlegen. Glück für jedermann ist möglich, jedenfalls bei der WM in Russland. Scheiß doch auf Krieg und Inhaftierte.

Der Fifa-Chef ist vielsprachig, die Bedeutung des schönen deutschen Begriffs „willfährig“ scheint er nicht zu kennen. Laut Duden: „Würdelos den Absichten anderer dienend“. Infantino suchte seine Begeisterung in Metaphern zu gießen und strandete dabei im medizinischen Bereich, es hörte sich geradezu ungesund an. „The virus of football has entered into the bodies of each and every russian citizen.“ Schließlich japste er: „Ich fühle mich wie ein Kind im Spielzeugladen.“ Die Szene erinnerte an die Kabinettssitzung von Donald Trump, bei der jeder erstmal sagen sollte und auch sagte, wie großartig Trump sei. Der Unterschied: Trump sah man die Genuftuung an, der Sabber der Selbstliebe lief ihm zu beiden Hosenbeinen raus. Putin schien die vorsätzliche Arschkriecherei seiner Gäste unangenehm zu sein.

Die Weltmeisterschaft geht zu Ende, ein Spektakel, das allerdings zu viele Unerträglichkeiten enthält, um als Zeitvertreib konsumierbar zu sein. Im Finale stehen die Franzosen und Šukers Kroaten. Aber gewonnen hat längst Putin, das Drehbuch hat sich am Ende selbst geschrieben. Und in der Nachspielzeit am Montag trifft Wladimir Putin sich mit Donald Trump, der für ihn kein Gegner ist.

Quelle Süddeutsche Zeitung 14./ 15. Juli 2018 Seite 3 Senk ju Präsident Vergesst das Finale, diese Fußball-Weltmeisterschaft hat nur einen Sieger: Wladimir Putin. Über das Turnier eines Autokraten und seiner infantilen Bewunderer aus dem internationalen Betrieb / Von Holger Gertz.

Randbemerkung JR zu „Šukers Kroaten“ (nach Wikipedia): „Während seiner Zeit bei Real Madrid hatte Šuker 1996 vor dem Grab von Ustascha-Führer Ante Pavelić posiert, einem beliebten Wallfahrtsort kroatischer Faschisten und sich anschließend ablichten lassen.“

Vom Algorithmus und einem xG-Faktor

Ein leicht verständlicher Beitrag

Er hätte eigentlich noch zum Zimmermann-Artikel gehört, der aber schon ins Ungemessene gewachsen war, weil er ungehörigerweise (rein privat orientiert) mit zwei Eintrittskarten begann, die nicht zusammenpassten und am Ende nach einer zumindest formalen Abrundung verlangten. Aber inhaltlich fehlte etwas sehr Wichtiges – jedenfalls aus meiner privaten Sicht : es war nämlich inzwischen ein zweites Buch eingetroffen, das ich zwar noch nicht gelesen hatte, das aber wie die Faust aufs Auge oder der Ball vor den Fuß passte: zum Fußball also und insbesondere zu dem höchst unglücklich verlorenen oder vielmehr trotz des Siegs peinlich verspielten Spiel gegen Hannover (BayArena 12.5.), über das ich kein Wort mehr verlieren will. Wohl aber über das Buch, das ich zum Zeitpunkt des Spiels noch nicht gelesen hatte. Nicht einmal die eine Seite 37, die mit dem Satz „Aber wie liest man den Plot des Spiels, wenn man es nicht gesehen hat?“, wo dann vom xG-Faktor die Rede ist. Dies aber bedeutet nichts anderes als: Expected Goals.

Davon also will ich reden, damit man ein unglückliches Spiel, das man wirklich gesehen hat, doch wenigstens nachträglich besser lesen lernt. Oder wenigstens die Chance dafür bekommt, nachdem der folgende Text seine Wirkung getan hat:

Also: Die Expected Goals sind eine mathematische Näherung, die einem Algorithmus entspringen. Algorithmus ist eines dieser geheimnisvollen Wörter des Digitalzeitalters, die irgendetwas schwer Fassbares beschwören. Was mit Daten und Computern, beeindruckend und beängstigend zugleich. Dabei sind Algorithmen nichts anderes als Handlungsanweisungen, was getan werden soll, um ein Problem zu lösen. Ein Algorithmus wird von einem Menschen entwickelt, der etwa wissen will, von wo auf dem Fußballfeld man in welcher Spielsituation mit welcher Wahrscheinlichkeit ins Tor trifft. Wie gut dieser Algorithmus das kann, hängt davon ab, wie gut derjenige, der ihn geschrieben hat, das Problem vorher durchdrungen hat. Oder wie gut oder umfangreich seine Daten sind. So gibt es unterschiedliche Algorithmen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wenn auch nicht zu eklatant unterschiedlichen. Vermutlich wird es etwas dauern, bis wir wissen, welcher Algorithmus der Sache am nächsten kommt.

Die xGs sind also nicht das „wahre“ Ergebnis, aber sie schärfen den Blick aufs Spiel deutlich. Wir alle wissen schließlich, dass gar nicht so selten die bessere Mannschaft verliert. Darin unterscheidet Fußball sich von allen anderen Ballsportarten. Dieser Umstand erklärt sich ganz einfach daraus, dass im Fußball vergleichsweise wenige Tore fallen. In der Bundesligasaison 2016/17 waren es 2,86 Tore pro Spiel, in den meisten Profiligen liegt der Wert um drei Tore. In einem Basketballspiel hingegen landen oft mehr als hundert Würfe im Korb oder bei einem Handballspiel 50 Würfe im Tor, sodass der einzelne Treffer weniger wichtig ist. Im Fußball gehen Spiele nicht selten seltsame Wege, wenn etwa eine hochfavorisierte Mannschaft gegen einen Außenseiter trotz Dauerbelagerung des Tores nicht trifft und der Underdog mit einem seiner wenigen Vorstöße den entscheidenden Treffer macht. Das sind Momente, die vom Schicksal erzählen und eine fast poetische Qualität haben. manchmal scheint der Fußballgott auf Mannschaften zu deuten und zu beschließen, es gut mit ihnen zu meinen – und manchmal bitterböse. Das hat vermutlich sogar viel zur Popularität des Fußballs beigetragen, aber ganz nüchtern heißt es auch: Leistung und Ergebnis sind im Fußball weniger eng miteinander verbunden als beim Basketball oder Handball.

Quelle Christoph Biermann: Matchplan – Die neue Fußball-Matrix / Kiepenheuer & Witsch Köln 2018 ISBN 978-3-462-05100-1

Fußball-Matrix

Dank an Berthold!

Das Spiel mit zwei Realitäten

Wie nur konnte es geschehen, dass Helene Fischer ausgepfiffen wurde?

Gewiss, es ist peinlich, den Erklärungsversuchen zuzuhören. Leider habe ich es live verpasst, weil ich genau diese Viertelstunde anderweitig genutzt habe. Und nachher wunderte ich mich nur, dass die Pause länger gedauert hat, als von mir berechnet. Die arme Helene F., aber wie tapfer sie es doch verdaut hat: immer mit Blick auf das Millionenpublikum, von dem sie auch nicht den allerkleinsten Schwachkopf vergrätzen will.

Selbst mir, der ich keinen einzigen ihrer Songs gerne durchstehe, allerdings auch zu denen gehöre, die im Stadion keine Fan- oder Vereinshymne mitsinge, steht bei der leisesten Vorstellung von der Atmosphäre im Stadion glasklar vor Augen: die Formensprachen des Fußballs und der Popmusik passen nicht zusammen. Es sind zwei völlig verschiedene Spannungswelten. Jeder muss das wissen und fühlen! Ich bin vielleicht kein Maßstab, aber ich hatte früh ein Faible für Spontan-Chöre. Da wusste ich noch nichts von den Übungsprozessen und den Einpeitschern vor den Fan-Blöcken. Mein erstes wirklich großes (nicht sehr spannendes) Livespiel, das ich im Berliner Olympia-Stadion miterlebt habe, Paraguay gegen Schweden am 15. Juni 2006 (siehe HIER), ist mir aber unvergesslich, hat mich (irgendwie) erregt, es war real wie das tiefe Grün des Rasens, aber richtig aufgeregt hat mich vor allem die überlaute Musik aus den Lautsprechern, die von vornherein jeden Fan-Gesang unterband; sie wäre nur erträglich, wenn sie wenigstens sporadisch ein spielbezogenes Mitsingen oder auch Mitgröhlen erlaubt hätte. Was in diesem Fall schwierig war, weil die Paarung Paraguay/Schweden innerhalb der Weltmeisterschaft weder durch Brisanz des Spiels noch durch massenpsychologische Wirkung Funken schlagen konnte.

Mit Recht erinnerte Helene Fischer jetzt daran, dass auch sie schon in demselben Stadion vor vollbesetzten Rängen gesungen hat; sie weiß zwar, dass es andere Leute waren, die bei ihr gesessen haben, und vor allem: Leute, die einer anderen Sache wegen gekommen waren. Sie wollten Gefühl, aber nur ein winziges Spektrum davon und dies auch um den Preis der Selbsttäuschung. Damit hat Fußball nichts zu tun. Da geht es um „Realität“ (Eindeutigkeit, Parteilichkeit, Sieg, Geld, Tabelle, Spielregeln, physische – von außen beurteilbare – Leistungen usw.).

Der Denkfehler der Veranstalter im vorliegenden Fall war: Helene Fischer hat ein Millionen-Publikum, Fußball hat ein Millionen-Publikum, da kann man nichts falsch machen, wenn man sie zusammenlegt. Aus Geschäftsgründen. Die Musik und die Pause – ein scheinbar zweckfreier Raum, das könnte doch einen neuen Deal ergeben? Und nun der schwere Fehler der Sängerin, – nicht genug, dass sie unter Verdacht stand, BVB-Fan zu sein -, sie wollte alles richtig machen und verdeutlichen, dass sie in einer anderen Sphäre wirkt (Herz, Harmonie und Ausgleich), flötete also im Vorfeld, dass sie für keine der spielenden Mannschaften Partei ergreift: dass sie beide liebt. Nur Hohngeschrei kann darauf antworten!

Nicht nur eine Pop-Sache. (Das Image des Rockmusikers lebt von der Suggestion, dass er Ernst machen könnte, – bis hin zum Zerschlagen seines Instrumentes.) Aber nehmen wir an, Sie lassen sich vom Fußball hinreißen und genießen die aufgeheizte Atmosphäre des Stadions. Zugleich sind Sie ein Fan Beethovens. Zwei Seelen wohnen in Ihrer Brust, aber auch hier gibt es Berührungspunkte. Z.B. die Idee der bewegten Masse, des gemeinsamen Arbeitens, des Aufbäumens, des Umschlags der Energien. „Seid umschlungen Millionen!“ Könnte man Ihnen eine Freude machen, wenn in der Fußballpause eine Beethoven-Ouvertüre, z.B. „Egmont“, gespielt würde? Nie und nimmer, wenngleich die Egmont-Musik mit einem Siegestaumel endet: kein Beethoven-Sieg lässt sich mit dem „wirklichen“ Sieg auf dem Fußballplatz in Einklang bringen. Die Musik ist ein „Als ob“, und jeder weiß es. Die Musiker sitzen nicht in Kampfanzügen auf dem Podium.

Fußball ist Ernst! Jedenfalls: so, als sei es kein Spiel. Helene Fischer aber ist kein Ernst; sie ist Pop. Die vorgespielten Emotionen von „Atemlos“ oder „Herzbeben“ haben mit der Seele des Fußball-Fans überhaupt nichts zu tun, – er kann sich atemlos hüpfen und angesichts bestimmter Tor-Situationen Herzklopfen bekommen, aber ansonsten reagiert er auf dem Platz herzlos. „Große Gefühle“ sind vorhanden als Aufputsch und in Gestalt eines vorweggenommenen Triumphes – dazu dient auch Händels Hymne aus „Zadok the Priest“: Sie ist so zugerichtet, dass sie in kurzen Stößen mitvollziehbar, aber auch nach Bedarf repetierbar ist. Erstaunlich trotzdem, dass das Fußball-Volk, das noch nie ein Oratorium gehört hat, die barock jubelnden („ausrastenden“) Chöre als Klassik-Emblem hinnimmt: sie funktionieren und scheinen das Geschrei der Fans wirkungsvoll zu überhöhen.

Die Organisatoren haben verkannt, wozu die Pause da ist: zur vorübergehenden (!) Abspannung, aber nicht mit der Bereitschaft, ein anderes Großereignis mal eben in Konkurrenz treten zu lassen: nur Würstchenessen und Bier. Und Klo. Die Pause entspannt nur „provisorisch“, jedenfalls wenn das Spiel bis dahin gut war, – vor allem lädt sie auf.

Wie ist es beim Super-Bowl? Wieso geht es dort – mit einem großen Auftritt? Ich kenne mich nicht aus, die psychologische Situation bei Eintritt der Pause muss eine andere sein. Über welche Zeitstrecke zieht sich das Spiel hin? Vielleicht besteht kein Gesprächsbedarf, keine strittige Schiedsrichterentscheidung und dergleichen, kein Sinnieren über mögliche strategische Maßnahmen der Trainer. (Man könnte bei Gumbrecht nachlesen.)

Und was die Klassik angeht: sie hat hier nichts verloren. Man muss ja bereit sein, dem Aufbau ihrer speziellen Sphäre zu folgen. Sie braucht für ihre Bindungen unsere Freiheit. Sie setzt Bildung voraus. Auch Zeit! Eine Viertelstunde Klassik bringt nichts, auch nicht außerhalb eines Fußballspiels. Der Raum und die Bühne müssen – außen und innen – geschaffen werden. Eine Situation der Aufnahmebereitschaft gehört dazu. Zu vergleichen auch die ähnliche Thematik in diesem Versuch: HIER.

Und vor vielen Jahren habe ich mir anlässlich des erwähnten Fußballspiels in Berlin einen Satz von Clifford Geertz abgeschrieben, der zwar den balinesischen Hahnenkampf betraf. Es wäre aber gar nicht so abwegig, an dieser Stelle wirklich weiterzudenken:

Der Hahnenkampf erreicht es, verschiedene Erfahrungen des Alltags in einem Brennpunkt zu bündeln, von denen er sich als „nur ein Spiel“ absetzt und an die er als „mehr als Spiel“ wieder anschließt. So schafft er etwas, das man vielleicht nicht typisches oder allgemeines, sondern eher paradigmatisches menschliches Ereignis nennen könnte, denn es sagt nicht so sehr, was geschieht, sondern eher, was in etwa geschehen würde, wenn das Leben – was ja nicht der Fall ist – Kunst wäre und so eingeschränkt wie bei Macbeth und David Copperfield von Gefühlen bestimmt sein könnte.
So ermöglicht es der endlose, endlos neuinszenierte Hahnenkampf dem Balinesen, eine Dimension seiner Subjektivität zu entdecken – ähnlich wie bei uns die wiederholte Lektüre von Macbeth. (…)
Doch hier begegnen wir wieder einer jener Paradoxien, wie sie – gleich gemalten Gefühlen und folgenlos bleibenden Handlungen – in der Ästhetik immer wieder auftauchen: Da diese Subjektivität nicht eigentlich existiert, bevor sie organisiert wird, erschaffen und erhalten Kunstformen genau diese Subjektivität, die sie vermeintlich nur entfalten. Streichquartette, Stilleben und Hahnenkämpfe sind nicht einfach Widerschein einer vorweg existierenden Empfindung, die analog wiedergegeben wird; sie sind für die Hervorbringung und Erhaltung solcher Empfindungen konstitutiv.

Quelle Clifford Geertz: Dichte Beschreibung / Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme / Frankfurt am Main 1983

Das Spiel im Konzert und auf dem Fußballfeld

Ein Drama – vergleichbar oder nicht?

Sternstund SRF Screenshot 2017-04-09 11.59.31 HIER anklicken! Vorfahren auf 16:39!

NIEDERSCHRIFT (JR)

(16:39) Barbara Bleisch: Was findet man auf dem Fußballfeld, was Sie im Orchestergraben nicht finden?

Daniel Barenboim (lacht laut): Soll man nicht vergleichen. Das soll man nicht vergleichen, nein. Ja man hat soviel gemacht, ja ein Dirigent ist wie ein Trainer, beim Fußball, ehhh, nein, man soll das nicht vergleichen, das sind zwei total unterschiedliche Dinge, und der Dirigent ist nicht wie der Trainer, in dem Moment, wo die Mannschaft spielt, hat er seine Arbeit gemacht und kann nichts mehr tun, der Dirigent kann Gottseidank im Konzert noch etwas bewirken, also ist er wie ein Regisseur, in der Oper oder im Theater, (richtig, da stimmt’s) die Regisseure haben es sehr schwer, die arbeiten wochenlang, in der Oper, im Theater manchmal monatelang, und dann kommt die Generalprobe, und dann ist AUS. Dann sind sie geliefert, was die Sänger oder Schauspieler machen, sie können das nicht mehr beeinflussen, sie können alles vorprogrammieren, aber dann …, ich kenne auch ganz große Regisseure, die nie in die Premieren gegangen sind, nicht, wie man denken könnte, weil sie unsicher waren oder weil sie wollten nicht sehen, wie das Publikum reagiert, sondern dieses Gefühl von Nichts-mehr-tun-können , diese Impotenz, diese reaktive (kreative?) Impotenz, die Arbeit war schon gemacht und jetzt sind die Leute geliefert und sie, diese Regisseure, sind abhängig davon, von dem Willen und den Möglichkeiten eh eh der Schauspieler oder Sänger. Der Dirigent ist auch ein bisschen so, ich meine, ich kann ja als Dirigent eine sehr klare Idee haben, wie ich eine bestimmte Phrase in der Oboe mir vorstelle, aber wenn der Oboist entweder nicht in der Lage ist, so zu spielen, oder er will nicht, oder fühlt es anders …., kann ich nichts tun. Man spricht immer von der Macht der Dirigenten, des Dirigenten, der Dirigent hat keine Macht, der Dirigent kann bestimmen, vielleicht, manchmal, wann das Konzert anfangen soll und Zeichen geben, wie laut oder leise das gespielt (wird), aber das Orchester – das dürfen weder die Dirigenten noch die Orchestermusiker vergessen – die Töne, die Musik wird vom Orchester gemacht. Der Dirigent kann soviel wirken und tun und so … aber es ist wichtig, dass sie das nicht vergessen, dass es sind die Orchestermusiker, die wirklich das musizieren und die Töne spielen, dass es gut ist für das Ego des Dirigenten kleinzuhalten, aber die Orchestermusiker müssen auch daran denken, weil sonst reagieren sie nur, sie müssen agieren, da sie spielen, müssen sie agieren, und deswegen ist es sehr wichtig, daran zu denken, dass es sind die Musiker im Orchester, die spielen. (Aber Sie bleiben ja mit dem Orchester auf der Bühne, sie sind nicht wie der Trainer, der dann nur am Rand steht.) Genau! (20:07)

ENDE DES ZITATES

Und was sagen Sie?  

Ich finde den Vergleich sehr anregend. Genau so wie den Vergleich zwischen dem Drama auf der Theaterbühne und im Leben. Und es ändert sich, sobald ich von Performance spreche. Oder von Ritual.

Mir scheint, dass es was bringt, die Rollen der Mitwirkenden auf beiden Seiten ganz naiv durchzusprechen, damit die Unterschiede klar zutage liegen, die sonst nur „selbstverständlich“ sind.

Natürlich, ein Fußballspieler, der spielt, der eine Rolle spielt, ist erledigt. Außer er spielt trotzdem effektiv (macht Tore). Schön sein hilft hier noch weniger als nur schön spielen: es macht den Spieler lächerlich. („Du hast die Haare schön, du hast die Haare schön!“)

Aber in dem Film über Karajan gestern haben wir mit Interesse auch die Wellen seiner Fönfrisur betrachtet und mussten lachen, als plötzlich der Friseur als Zeitzeuge im Bild auftauchte (ohne dass die Frisur zum Thema wurde). TITEL-ZITAT:

Bewegendes Karajan-Filmporträt von Robert Dornhelm

Ein außerordentlicher Abend für einen außerordentlichen Mann. Anlässlich des bevorstehenden 100. Geburtstags von Herbert von Karajan (*5. April 1908)  feierte Robert Dornhelms feinfühliges Filmporträt „Karajan oder Die Schönheit wie ich sie sehe“ in der Wiener Staatsoper Premiere. 2010 (!) s.a. HIER.

Übrigens habe ich aus Karajans großer Zeit deutlich in Erinnerung, wie seine filmtechnische Ästhetik analysiert wurde: er setze die Instrumente seines Orchesters gern so in Szene, als spielten sie von selbst (der Trichter und die Windungen des Horns, allenfalls die Finger auf den Ventilen). Auf die Frage, warum er die Musiker ausklammere (die Hauptrolle übernahm sein eigenes Gesicht – vornehmlich mit geschlossenen Augen –  und die alles lenkenden Hände) sagte er (zumindest sinngemäß): sie sind zu hässlich. Ich erinnere mich daran so genau, weil es mir später als Äußerung eines Fernsehregisseurs (beim Domplatzfestival in Köln) auffiel: „der singende Mensch ist nicht ästhetisch!“ Es war die gleiche Zeit, als der junge Kevin Volans in einer unserer Radiosendungen zum erstenmal die Technik der Weichzeichnung in Karajans Tonaufnahmen beschrieb: man hört die Einsätze nicht, den „Glottisschlag“. (Zu Volans im WDR damals siehe auch – im letzten Teil- hier.)

***

In dem immer wieder lesenswerten Buch von Gunter Gebauer „Poetik des Fussballs“ (Campus Verlag Frankfurt New York 2006) finde ich kein Kapitel über den Trainer (so dass ich seine Rolle mit der des Dirigenten oder des Regisseurs vergleichen könnte). Ich beschränke mich auf ein allgemeineres Zitat, das aber auch – trotz des hochfliegenden Wortes „Poetik“ im Buchtitel – heilsam ernüchternd wirkt:

Die Poesie des Fußballs entsteht nicht aus einem freien Spiel der Einbildungskraft, sondern ist an einen Standpunkt gebunden. Sie ist parteiisch und wirkt unmittelbar auf ihre Liebhaber. (…)

Auch wenn Fußball von Menschen gespielt wird, entsteht seine Poesie nicht durch menschliche Handlungen allein. In die unvergesslichen Spiele mischt sich etwas ein, was über Menschen hinausgeht. Der Zufall lässt unfassbare Dinge entstehen: übermenschliches Gelingen, aber auch unbegreifliches Versagen. Eine geheimnisvolle Dramaturgie kann einen Spielverlauf hervorbringen, der die menschliche Phantasie übersteigt. Fußball ist freilich nicht mit den Schönen Künsten verwandt. Er ist ein rohes Geschehen und vollzieht sich im Augenblick, wie der Einschlag eines Meteoriten.

Und doch:

 Im Drama des Fußballs findet man Elemente, die wir von anderen Dramen kennen, von den Dramen des Theaters, des Films, der Politik. Anders als in diesen entsteht seine Poesie aus einem gemeinen Spiel, das sich von der hohen Kultur abkehrt. Die Abwehr gegen den hohen Ton, den guten Geschmack, die vergeistigte Haltung lässt sich nicht mit Begriffen beschreiben, die der Hochkultur entnommen werden.

Quelle Gunter Gebauer a.a.O. Seite 8 und 9

Ein bisschen abweichend von dem, was Barenboim oben gesagt hat, kann der Dirigent dem Oboisten sehr wohl klarmachen, dass er eine Phrase anders gespielt haben will und auf welche Weise. Er kann erwarten, dass der Oboist ihn versteht und darauf eingeht; er kann in der Probe (!) darauf beharren, ihm zur Not vorsingen, wie es sein soll, und ihn, wenn er es in der Aufführung doch anders macht als verabredet, zur Rede stellen bis hin zur Abmahnung, falls er sich störrisch zeigt. Der Dirigent ist gerade in diesen Fragen nicht machtlos! Aber er kann den Part nicht selber spielen, das ist klar, und der Oboist erkennt natürlich auch, wenn der Chef Unmögliches verlangt und ihn vielleicht nur „vorführen“ (eine Schwäche offenlegen) will.

Im Fußball spricht man von Standard-Situationen, für die man Absprachen treffen kann. Und die Spieler haben das umzusetzen. Sie müssen die Rollen spielen, die er ihnen vorgeschrieben hat (sonst nimmt er sie aus dem Spiel). Aber es gibt keine Partitur, und er kann nur einen ungefähren Schlachtplan entwerfen, denn es gibt – anders als auf der Konzertbühne – nicht einfach noch andere Menschen mit unterschiedlichen Einfällen und Begabungen, sondern es gibt eine gegnerische Mannschaft (mit gegnerischem Trainer), die die Arbeit unserer Mannschaft (samt Trainer) zunichte machen will.

Fast alle Konflikte auf dem Konzertpodium jedoch sind werkimmanent. Wieviel Querelen auch zwischen den Menschen auf und hinter der Bühne bestehen oder zwischen denen im Publikum, während der Aufführung müssten sie alle ausgeschaltet sein. Zugunsten des einen Ziels einer guten Aufführung.

Das Ziel einer Fußballmannschaft aber ist nicht, ein gutes Spiel zu machen, sondern ein siegreiches. Und wenn sie dabei viel riskiert und die andere auch, wird es sehr spannend, aber nicht unbedingt ein mustergültiges, ästhetisch bewertbares Spiel.

***

Man spürt deutlich, dass es sich genauso verhält, wie Barenboim nahelegte, als er das Thema ohne weiteres blockierte: „Man soll es nicht vergleichen“! (Immerhin hat er dann den Fehler gemacht, den Dirigenten allzu streng vom Trainer abzusetzen, obwohl der Dirigent in der Zeit des Einstudierens vor dem Konzert eben doch auch ein Trainer ist.) Die Quelle der Fehler in solcher Diskussion liegt aber darin, dass man für die verschiedensten Tätigkeiten immer dasselbe Wort benutzen darf, nämlich SPIEL, ein Wort, das durch eine bestimmte philosophische Tradition eine unglaubliche Aufwertung erfahren hat. Zugleich eine unglaubliche Abwertung, wenn es – offen oder verborgen – dem Begriff der ARBEIT entgegengesetzt wird.

Beispiel aus dem Alltag: der Mann kommt vom Klavier und fragt, was hast du denn eigentlich getan? Und die Frau antwortet: Ich habe die ganze Zeit gearbeitet, während du dich deinem Hobby gewidmet hast. Du weißt, entgegnet er, es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Arbeit am Klavier einen enormen Umsatz geistiger Energie verlangt. Ja, sagt sie, dafür möchte ich auch Zeit haben. Er: Die nähmst du dir ganz sicher, wenn du in deiner Jugend nur ein bisschen Zeit ins Üben investiert hättest, statt in das endlose Geschwätz mit deinen Freundinnen. Sie: Dafür bin ich heute im Umgang mit andern Menschen geschickter als du. Das hast du oft genug selbst feststellen können. Soziale Kompetenz nennt man das. Etc. etc. ad infinitum.

(Ich schwöre: das Beispiel ist frei erfunden!)

Es lohnt sich, den Ursprung der Diskussion über das Spiel und das Spielen aufzusuchen. Letztlich bei Plato, aber vielleicht genügt es, dem berühmten Satz Friedrich Schillers nachzugehen, meist unvollständig zitiert: der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Schiller macht es sich im Originaltext durchaus nicht so einfach, wie es hier klingt, in Wahrheit ist es ein Doppelsatz, und dann vergisst er auch nicht hinzuzufügen, dass er uns eigentlich paradox erscheinen müsste:

Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Dieser Satz, der in diesem Augenblicke vielleicht paradox erscheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhalten, wenn wir erst dahin gekommen sein werden, ihn auf den doppelten Ernst der Pflicht und des Schicksals anzuwenden; er wird, ich verspreche es Ihnen, das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwierigern Lebenskunst tragen.

In der Tat handelt es sich um einen gedanklichen Zusammenhang, den man kennen müsste, und um ein Hauptwerk von Schiller, das vielleicht wichtiger ist als Wilhelm Tell oder alle Balladen zusammengenommen.

Ich nehme mir Zeit dafür, es anhand der eingefügten Links zu rekapitulieren, spielerisch natürlich. Und erst danach Johan Huizinga neu zu bedenken, dessen Buch Homo Ludens uns Anfang der 60er Jahre aufgenötigt wurde, als sei es der Inbegriff einer neuen Musikpädagogik, – gleichzeitig mit dem täglich verschärften Übepensum und einem Sonderfach mit dem Namen „Methodik“.

Huizinga und andere

Huizinga Ludens Zum „Homo Ludens„.

Es ist bemerkenswert, wie Huizinga in seinem frühen Buch (deutsch bei rde seit Juli 1956) mit dem Sport verfährt. Nach seiner Ansicht

geht mit der stets zunehmenden Systematisierung und Disziplinierung des Spiels auf die Dauer etwas von dem reinen Spielgehalt verloren. Dies offenbart sich in der Scheidung der Spieler in Professionelle und Liebhaber. Die Spielgruppe scheidet diejenigen aus, für die das Spiel kein Spiel mehr ist, und die, obwohl von hoher Kapazität, im Range unter den echten Spielern stehen. Die Haltung des Berufsspielers ist nicht mehr die richtige Spielhaltung; das Spontane und Sorglose gibt es nicht mehr bei ihm. Nach und nach entfernt sich in der modernen Gesellschaft der Sport immer mehr aus der reinen Spielsphäre und wird ein Element sui generis; nicht mehr Spiel und doch auch kein Ernst.  Im heutigen Gesellschaftsleben nimmt der Sport einen Platz neben dem eigentlichen Kulturprozeß ein, und dieser findet außerhalb von ihm statt. (…)

Diese Auffassung widerstreitet geradewegs der geläufigen öffentlichen Meinung, für die der Sport als das im höchsten Grade bezeichnende Spielelement in unserer Kultur gilt. Das ist der Sport keineswegs, hat er doch im Gegenteil das Beste seines Spielgehalts verloren. Das Spiel ist allzu ernst geworden, die Spielstimmung ist mehr oder weniger aus ihm gewichen. Es verdient beachtet zu werden, daß die Verschiebung nach dem Ernst zu auch die nicht athletischen Spiele betroffen hat, besonders die Spiele, bei denen verstandesmäßige Berechnung alles ist, wie beim Schach oder beim Kartenspiel. 

Quelle Johan Huizinga: Homo Ludens Vom Ursprung der Kultur im Spiel / rowohlts deutsche enzyklopädie rde Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek bei Hamburg 1956 (März 1961) Seite 187 f

Heute Abend, 11. April 2017,  ist – während ich dies schreibe – vielleicht zu einem fatalen Datum für den Fußball oder den Sport überhaupt geworden: durch den dreifachen Sprengstoff-Anschlag auf den Bus der BVB-Mannschaft bei der Anfahrt zum Dortmunder Stadion, wo das Spiel Dortmund gegen Monaco stattfinden sollte. Dem Vernehmen nach ist es auf morgen verlegt, aber wie kann ein sogenanntes Spiel  überhaupt noch durchgeführt werden, wenn die kleinste Wahrscheinlichkeit besteht, dass sowohl die Spieler wie eine riesige Zuschauermenge um Leib und Leben fürchten müssen?

***

Themenwechsel 14.04.2017

ZITAT

Richard David Precht über John Dewey, ästhetische Erfahrungen und Fußball (HIER) ab 15:32

Dieses Werk „Art as Experience“ (1934) versucht herauszufinden, wann und wo machen wir ästhetische Erfahrungen? Und eins der wichtigsten Dinge ist, dass die alte Kategorisierung –  Was würde Kant sagen: wo machen wir ästhetische Erfahrungen? im Naturschönen und im Kunstschönen. Und Dewey stellt sich die Frage: Stimmt das? machen wir nicht pausenlos ästhetische Erfahrungen. Ich bin der Überzeugung, dass der größte Teil von Ihnen, der gestern Abend Fußball geguckt hat, dabei eine große ästhetische Erfahrung gemacht hat. Selbst eine Robben-Schwalbe ist in gewisser Hinsicht ein ästhetisches Ereignis, ja, und ich meine das ganz im Ernst. Und auch die Gefühle, die Sie dabei gehabt haben, ja, also diese vielleicht parareligiösen Gefühle, die Sie empfunden haben, anhand von einem unüberschaubaren Ornament , ja, aus etwas … ich meine, Fußball ist insofern schon wahnsinnig ästhetisch, als dass es wie die moderne Kunst den ganzen Reiz aus dem Nicht-Gelingen zieht. Fußball ist eine Artistik des Misslingens, Sie versuchen tausendmal ein Tor zu schaffen und schaffen es am Ende ein Mal in der Verlängerung, nicht, also eine wunderbare Parabel für das, was ein zentrales Thema der Avantgarde ist, Adorno – das ist ein Gelingen, in der modernen Kunstwelt eigentlich im Sinne von Harmonie und Vollendung, also was wir schon von den alten Griechen kannten, gar nicht geben kann, und Dewey sagt: wir können ästhetische Erfahrungen machen, indem wir eine riesige Maschine, einen riesigen Kran sehen, der irgendetwas schleppt, ein Seil zieht oder dergleichen, also: ästhetische Erfahrungen an Dingen machen, die [nicht] kein Naturschönes sind, die aber auch nie zum Zweck, Kunstschönes zu sein, in irgendeiner Form je etabliert worden sind. Was gar nicht der Sinn der Übung ist. Aber wir machen trotzdem an ihnen ästhetische Erfahrungen. Genauso wie Dewey überhaupt kein Problem damit hätte, ein Weltmeisterschaftsspiel, oder ein Fußballspiel überhaupt als eine ästhetische Erfahrung zu begreifen. Adorno hätte damit ein Problem. Für Adorno war das, was Sie da massenhaft gesehen haben, ein Verblendungszusammenhang innerhalb einer degenerierten Kulturindustrie. (Lachen) Brot und Spiele und so weiter, furchtbar! Und die Tatsache, dass Sie sich mit 11 Leuten identifizieren und sich dann anschließend als Weltmeister fühlen usw. wäre so unterirdisch, dass man sich damit gar nicht beschäftigen müsste. Dewey würde in dieser Form gar nicht werten, sondern er würde von Anfang an sagen: es ist eine ästhetische Erfahrung, Feierabend! Und ästhetische Erfahrung muss nicht eingehegt werden. Wir müssen also keine Reservate für ästhetische Erfahrungen schaffen. In Form von Landschaften, oder in Form eben von sogenannten Kunstwerken, denen wir das Etikett Kunstwerk ankleben. Damit weicht der Kunstwerkbegriff auf, und dieses Aufweichen des Kunstwerkbegriffs war eben enorm einflussreich im Hinblick auf die ästhetische Entwicklung der amerikanischen Avantgarde und damit der Avantgardekunst überhaupt. Also bis hin zur Konzeptkunst und Fluxusbewegung und alles was dazugehört, Happenings, ja, ein Happening, das ist im Grunde genommen eine Weiterentwicklung von dem, was Dewey sagt. Es ist ja das Gegenteil von Einhegen in Kunst. Es war dann auch Kritik an dem Werk, ja, was soll denn überhaupt ein Werk sein? Der große Kran, der da so majestätisch über den Hafen auslädt, ist kein Werk. Aber ich mache an ihm eine ästhetische Erfahrung.(18:47)

Quelle Richard David Precht – Vorlesung Ästhetik – Leuphana Universität Lüneburg. Vorlesungen seit dem Wintersemester 11/12. Veröffentlicht am 28.07.2014. (Niederschrift JR 14.04.2017).

Den folgenden Text fand ich heute (16.04.2017) bei ZEIT online HIER, nachdem ich bei Martin Seel in dem Buch „Die Macht des Erscheinens“ (Suhrkamp 2007) einen Abschnitt gelesen hatte, in dem er über einen Aufsatz von H. U. Gumbrecht berichtet: „Die Schönheit des Mannschaftssports“ in G.Vattimo / W.Welsch (Hg.), Medien – Welten – Wirklichkeiten 1998 (Seite 201-228).

Der Zuschauer im modernen Sport, das ist Gumbrechts positive These, nimmt an einer Produktion unwahrscheinlicher Ereignisse teil. Im Fall des American Football geschieht dies durch das sekundenschnelle Erzeugen und Zerstören von Spielzügen, mit denen die angreifende Mannschaft Raum zu gewinnen, die gegnerische dagegen ihren Raum zu verteidigen versucht. So kommt es zu der plötzlichen Entstehung einmaliger Formen aus körperlichen Bewegungen, die im nächsten Augenblick auf der Leere des Spielfeldes wieder ausgelöscht sind. Das ausgefeilte Kalkül der wechselseitigen Spielstrategien bringt unkalkulierbare Handlungsfolgen hervor. In den geordneten Bahnen eines geregelten Wettkampfs erleben die Zuschauer eine permanente Vereitelung von Ordnung. Sie werden nicht eines höheren Sinnes teilhaftig, sie berauschen sich an Mysterien der Kontingenz.

Die existentielle und kulturelle Bedeutung dieses Rituals freilich wird so noch nicht deutlich. Was sich in den Stadien und an den Bildschirmen ereignet, sagt Gumbrecht, ist eine „Produktion von Präsenz“. Eingeschüchtert durch die philosophische Kritik an der sogenannten „Präsenzmetaphysik“, will er diese Gegenwart jedoch vorwiegend als ein räumliches Verhältnis verstanden wissen. Im Rhythmus von Aktion und Gegenaktion, Anspannung und Lethargie seien die Zuschauer dem Geschehen des Spiels besonders nahe, weil sie nicht zur Imagination von etwas anderem entführt würden. Mit räumlicher Nähe aber hat diese Involviertheit nichts zu tun. Das entscheidende Merkmal ist vielmehr ein zeitliches. Weil die sportliche Performance keinen über sich selbst hinausweisenden Sinn vermittelt, lenkt nichts von der Zeit ihrer Darbietung ab. Das erlaubt es den Zuschauern, eine kollektive Auszeit von den Kontinuitäten ihres Lebens zu nehmen – eine Auszeit, die sie nicht, wie diejenige der Kunst, über das Spiel ihres Lebens zu reflektieren zwingt. Trotzdem kriegen die Leute etwas für ihr Geld: die Gelegenheit zu einer – je nach Ergebnis – jubelnden oder verzweifelten Affirmation der Zufälligkeit ihres Lebens.

In jeder vernünftigen Stadt finden sich deshalb zahlreiche Hinweisschilder zum Ausgang aus dem Gehäuse des garantierten Sinns – jenem Ausgang, den der Held in Peter Weirs Film The Truman Show so mühsam suchen muß. Er liegt am Eingang zu den Stadien. Auch die überdachten unter ihnen sind für eine Feier der prinzipiellen Obdachlosigkeit des menschlichen Daseins da.

Quelle DIE ZEIT, 14/1999 Mysterien der Kontingenz Von Martin Seel (31. März 1999)

Und zum Schluss kann ich nun (Dank an JMR!) doch noch einen Text von Gumbrecht vermitteln, der nicht umsonst von Freunden mit dem berühmten Vornamen Sepp angeredet wird, einen Text, der sich direkt auf Fußball bezieht. DIE ZEIT 21. März 2016 Die Zuhandenheit im Sport  – „Im Fußball gibt es immer neue Lösungen, aber keine definitiven Wahrheiten – ein sporthistorisches Essay“. Von Hans-Ulrich Gumbrecht. HIER.

ZITAT

Im Team verwirklicht sich eine flexible Modalität erfolgsorientierter Sozialbeziehungen, für die wir keinen alltagssprachlichen Begriff haben, sondern eben nur die Anschauung des Sports. (…)

Wie schwer es uns fällt, auf die Rede vom Team zu verzichten, verstärkt darüber hinaus die Intuition, dass die sich immer verändernden, von genialen Spielern verkörperten Choreografien längst schon einen prägenden und inspirierenden Einfluss auf die soziale Wirklichkeit genommen haben. Diese Denkmöglichkeit macht die intellektuelle Herausforderung des Fußballs – und des Sports überhaupt – in unserer Gegenwart aus, weil erst sie das Vorzeichen von der schönsten Nebensache hinter sich lässt. Sie muss nicht unbedingt zu dem Versuch führen, den Sport entschlossener als eine Quelle von Variationen in unserem Weltverhältnis zu nutzen – weil ja gerade in der Distanz zum Alltag der praktischen Ziele und Funktionen eine[r] seiner Stärken liegt.

(Gumbrecht a.a.O.)

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ZITAT Solinger Tageblatt 22. Juni 2018 Seite 9

Und diese Ziele muss Joachim Löw benennen.

Lobinger: Das ist wie bei einem Orchester. Der Trainer ist der Dirigent, der alles bis zum kleinsten Prozess aufteilt und danach sagt: Wir wissen, was von uns erwartet wird und sind gewappnet, dieser Aufgabe zu begegenen. Und wenn jedes Rädchen ins andere greift, geht unser Plan auf. Und wenn der nicht aufgeht, dann haben wir noch einen zweiten Plan.

Quelle Solinger Tageblatt (s.o.): Ist dem Team der Druck zu groß? Interview Die Kölner Sportpsychologin Babett Lobinger über die Gefühlslage der deutschen Elf. Und Ronaldo als Vorbild. (Interview: Susanne Fetter)