Kategorie-Archiv: Sport

Ein Fallrückzieher, der wie ein Gebet wirkt

„Ich kam als König und ging als Legende“ (Ein Vorbild)

Zuerst ein Märchen und dann? Ja, eine Heiligenlegende zweifellos. Wer bisher geglaubt hat, dass Fußball und Religion nur auf Schalke ineinandergreifen, und lächelt, wenn spanische (oder auch andere) Spieler sich beim Auflaufen bekreuzigen, der hat noch nicht Gunter Gebauers „Poetik des Fussballs“ gelesen. Darin wäre er auf das faszinierende Kapitel gestoßen: „Bewegte Gemeinden / Über das Heilige im Fußball“. (Seite 98 bis 116) Ich zitiere:

Wenn eine Gemeinschaft des Fußballs oder der Popkultur ihre Gesellschaftsvorstellung in den Rang eines religiösen Phänomens zu erheben vermag, dann ist dies ein untrügliches Indiz für ihre soziale Wirksamkeit, so dass ihre eigenen Mitglieder, von der Wirkung, die sie selbst mit hervorgebracht haben, beeindruckt, inbrünstig an sie glauben. Sie ist es, die als Quelle des religiösen Lebens wirkt und Zugang zum Heiligen verschafft.

Im Ernst, es lohnt sich, dort noch einmal nachzulesen (Seite 105)

Und doch war ich erstaunt (und, zugegeben, zunächst belustigt), als ich heute morgen die neue ZEIT durchblätterte, Christine Lemke-Matweys Ausführungen über die Lage der Musik in der aktuellen Weltsituation und eine Buchbesprechung zur sprachlichen Schönheit des Korans gelesen, da verhakte ich mich nolens volens in die folgenden Sätze (Achtung, der Ich-Erzähler wechselt):

Ich weiß nicht, wie oft ich mir dieses Tor schon angesehen habe, Zlatan. Es wirkt bei mir wie ein Gebet: Ich schau es an und schöpfe neue Hoffnung. Der Ball kommt aus Eurer Hälfte. Er fliegt. Du sprintest, Du siehst den Ball in der Luft. Der Ball fliegt und fliegt. Der Torwart stürmt aus dem Strafraum. Hat er Angst? Du stoppst. Der Torwart köpft den Ball weg, viel zu schwach, kleiner Bogen. Du drehst Dich, Rücken zum Tor, 25 Meter Entfernung. Du lässt Deinen Körper nach hinten kippen, Fallrückzieher. Du triffst den Ball, liegst quer in der Luft. Taekwondo: das linke Bein angewinkelt, das rechte gestreckt. Diesen Moment habe ich Dir zu verdanken, Zlatan Ibrahimović, dem schwedischen Fußballspieler mit kroatisch-bosnischen Wurzeln. (….)

Es gibt Menschen, die sagen, Du seist arrogant. Als Du Paris verließest für einen besseren Vertrag bei Manchester United, da hast Du gesagt: Ich kam als König und gehe als legende. Zlatan, ehrlich: Wie lange hast Du nachgedacht für diesen Spruch? (…)

Was hast Du gedacht, als der Ball diesen Bogen machte? Als Du gesprintet bist, der Torwart köpfte? Was hast Du gedacht, als Du am Boden lagst? Als das Stadion leise wurde, für eine Schweigesekunde staunender Ungläubigkeit. Hast Du es geglaubt? Wenn ein solches Tor möglich ist, dann ist fast alles möglich. (…)

Und dieser Blog macht es möglich, alles nur Mögliche nachzuempfinden, sofern es uns gegeben ist. Sofern wenn wir nur religiös musikalisch genug sind. Wir springen im folgenden Film auf Time 4:34 – „Nachspielzeit. Und jetzt passen Sie auf!“

Quelle des Zitates: DIE ZEIT 5. Januar 2016 Seite 20 Wehrhaft und stolz Die Tore von Zlatan Ibrahimović sind wie Kunstwerke. Besonders für einen seiner Treffer gilt das. Als dieser Treffer fiel, hielten die Zuschauer ungläubig inne. Von Felix Dachsel.

Der Artikel gehört zu einer ZEIT-Serie mit dem Titel: Was ist heute noch ein Vorbild? Elf Geschichten von Menschen, die für andere zum Maßstab geworden sind. Schlagzeile, links und rechts Fotos von Brad Pitt über Helmut Schmidt bis Jesus Christus.

Kleine Sport-Recherche

Zum Olympia-Frust

Es mag am Doping-Skandal liegen und an diesem aktuellen Pappmachémachthaber Thomas Bach, gegen den ich schon polemisiert habe, als es noch um die Enteignung der Garmischer Bauern ging (2011). Vielleicht auch an der Abneigung, Leute zigmal ein und denselben Platz umrunden oder in eine Medaille beißen zu sehen. Jetzt kam mir bei der Zeitungslektüre in den Sinn, dass ich selbst einmal der Ideologie angehangen habe, als ich in den Jahren vorm Abitur glaubte, ganz naiv Nietzsches Botschaft vom Körper in meine Realität umsetzen zu können und mit Eifer begann, den Teutoburger Wald am frühen Morgen mit Dauerläufen zu verunsichern. Im Ernst entlieh ich aus der Bielefelder Stadtbücherei Literatur über angemessene Trainingsmethoden. Und siegte plötzlich beim Schulwettkampf in Tausend-Meter-Läufen. Ich nahm die körperliche Ertüchtigung vorübergehend – oder vorüberlaufend – sehr ernst. Das alles stieg auf, als ich kürzlich mit Hilfe eines SZ-Berichtes über Usain Bolt staunte und dabei kernigen Sätzen begegnete, die das alte Ideal beschworen:

Die Leichtathletik ist Olympias Kernsport. Sie ist schlicht und klar, nur der Mensch ist das Maß, wenn er läuft, springt und wirft. Mit wohl keinem Sport lassen sich motorische Fähigkeiten bei Kindern derart umfasssend schulen. Die Leichtathletik lebt von der Schönheit der Bewegung, wenn ein Hochspringer vom ersten Schritt bis zum Flop in eine fließende Bewegung eintaucht. Und sie lebt von Duellen, wenn die Zeiten, Weiten und Höhen in den Hintergrund rücken, dann ist sie ein Kulturgut. Aber das scheint der Sport längst vergessen zu haben. Rekorde und Superstars, das war jahrzehntelang das Geschäftsmodell (…).

Es [das Geschäftsmodell] verspricht flüchtige Aufmerksamkeit, aber wenn nur die Sensation zählt, ist das Gewöhnliche enttäuschend, auch das Schöne. (…)

Was bleibt? Wenn ihm das Triple gelingen würde, hat Bolt in Rio gesagt, dann sehe er sich endgültig in einer Ahnengalerie mit Pelé und Muhammad Ali, „all diesen Jungs“. Er müsse nur schaffen, was niemand zuvor geschafft hat. Aber da hat Bolt das Prinzip der Sportlerhelden nicht so ganz erfasst. Ali berührte Menschen, weil er eine Haltung vertrat, weil er sie an das Unrecht der Welt erinnerte. Bolt bewegt Menschen, weil er sie davon ablenkt, herumkaspert.

Quelle Johannes Knuth Süddeutsche Zeitung 13./14./15. August 2016 Seite 37: Der Entrückte. Usain Bolt ist die Figur, auf den die zweite Woche der Olympischen Spiele ausgerichtet ist. Längst ist er sein eigenes Kunstprodukt – doch vor dem letzten Olympia-Start des Jamaikaners wird die Leichtathletik daran erinnert, wie tückisch das Geschäft mit den Rekorden ist. [Ende des Zitats]

Das Prinzip der Sportlerhelden erinnert an den überholten Mythos, dessen Problematik bei den Sport-Philosophen längst reflektiert wurde. Ernst Cassirer spielt da eine Rolle und vor allem „Die Dialektik der Aufklärung“ (Adorno/Horkheimer). Nachzulesen bei Franz Bockrath hier.

Eine Sammlung von entsprechenden Texten findet man unter folgendem Link: hier.

Ich hätte früher wie heute gezögert, den Sport als „Kulturgut“ zu bezeichnen, was an meiner Buchgläubigkeit liegen mag. Aber die Verharmlosung des Sports, – des Körperkults, der absoluten Ausbeutung und Unterjochung des Körpers, untrennbar verbunden mit der Entmachtung des Geistes -, hat eine durchgehende Geschichte und ist immer zur Hand, wenn von entspannter Freizeit die Rede sein soll. So im folgenden Beispiel aus dem Jahre 1966, wobei nur das Reisen (der Tourismus) mit fadenscheiniger Begründung aus dem Kreis der unschuldigen Aktivitäten ausgeschlossen wird:

 Damit sind wir beim Sport. Daß er auch zur Freizeitgestaltung gehört, wird kein vernünftiger Mensch bestreiten, wurde er doch gerade dazu im vorigen Jahrhundert in England „erfunden“ und begründet, auch wenn es ihn seit uralten Tagen schon gegeben hatte. Man darf sich nicht durch das hektische Getriebe, das allüberall auf unseren Kampfbahnen, Fußballfeldern, Gymnastikhallen und was weiß ich, wo sonst noch herrscht, täuschen lassen. Es gibt wirklich noch Menschen, die in den Leibesübungen mehr sehen als nur das Jagen nach immer neuen Höchstleistungen und Siegen, die tatsächlich nur turnen, laufen, springen, schwimmen, und selbst Fußball spielen aus reiner Liebe zur und Freude an der Sache. Nur um sich zu erholen und in ihren Mußestunden neue Kraft zu gewinnen für ihre Arbeit, die schließlich noch immer das Wichtigste ist im Leben. Auch das Wandern gehört dazu. Das Reisen schon nicht mehr, das früher einmal regelrecht kultiviert wurde, heutzutage aber doch meist nichts weiter ist als ein Nerven raubendes Herumrasen, das mehr schädlich als nützlich ist.

Quelle ZEIT online Artikel vom 25. November 1966 „Von Sport und Hobby, Stars und Spielen“ Autor nicht genannt. Nachzulesen hier.

Auf welche Kritik aber beziehen sich die Sport-Philosophen, wenn sie sich daran machen, ihre Themen zu nobilitieren? Auf Theodor W. Adorno, und dieser hat sich weitgehend die vernichtende Analyse zueigen gemacht, die er bei Thorstein Veblen vorfand. (Ich habe den Text leicht gegliedert, um ihn leichter lesbar zu machen…)

Veblen hat bündig jegliche Art von Sport, von den Kampfspielen der Kinder und den Leibesübungen der Universitäten bis zu den großen sportlichen Ostentationen, die später in den Diktaturstaaten beider Spielarten blühten, als Ausbruch von Gewalt, Unterdrückung und Beutegeist charakterisiert.

Die Sportleidenschaft ist Veblen zufolge regressiver Natur: „The ground of an addiction to sports is an archaic spiritual constitution.“ Nichts aber ist moderner als diese Archaik: die sportlichen Veranstaltungen waren die Modelle der totalitären Massenversammlungen. Als tolerierte Exzesse verbinden sie das Moment der Grausamkeit und Aggression mit dem autoritären, dem disziplinierten Innehalten von Spielregeln: legal wie die neudeutschen und volksdemokratischen Pogrome.

Seine Einsicht reicht darüber noch hinaus. Er erkennt den Sport als Pseudo-Aktivität: als Kanalisierung von Energien, die anderwärts gefährlich werden könnten; als Investition sinnloser Tätigkeit mit den trugvollen Zeichen des Ernstes und der Bedeutung. Je weniger man selber mehr erwerben muß, um so mehr sieht man sich veranlaßt, den Schein seriöser, gesellschaftlich bestätigter, doch desinteressierter Tätigkeit zu erwecken.

Zugleich aber entspricht der Sport dem aggressiven, praktischen Beutegeist. Er bringt die antagonistischen Desiderate von zweckmäßigem Tun und Zeitvergeudung auf die gemeinsame Formel. So wird er zum Element des Schwindels, zum make believe.

Veblens Analyse wäre freilich zu ergänzen. Denn zum Sport gehört nicht bloß der Drang, Gewalt anzutun, sondern auch der, selber zu parieren und zu leiden. Einzig Veblens rationalistische Psychologie verstellt ihm das masochistische Moment im Sport. Es prägt den Sportgeist nicht bloß als Relikt einer vergangenen Gesellschaftsform, sondern mehr noch vielleicht als beginnende Anpassung an die drohende neue – im Gegensatz zu Veblens Klagen, daß die »institutions« hinter dem freilich von ihm auf die Technologie beschränkten Geist der Industrie zurückgeblieben seien.

Der moderne Sport, so ließe sich sagen, sucht dem Leib einen Teil der Funktionen zurückzugeben, welche ihm die Maschine entzogen hat. Aber er sucht es, um die Menschen zur Bedienung der Maschine um so unerbittlicher einzuschulen. Er ähnelt den Leib tendenziell selber der Maschine an. Darum gehört er ins Reich der Unfreiheit, wo immer man ihn auch organisiert.

Quelle Theodor W. Adorno Gesammelte Schriften, S. 7504 (vgl. GS 10.1, S. 79-80) Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Veblens Angriff auf die Kultur.

Aber wie begründe ich, dass ich den Sport der Kinder oder Enkel wichtig finde? Und dass ich selbst gern nach Leverkusen in die BayArena fahre? Und den Weg dorthin und das Zuschauen schon für eine Ertüchtigung halte?

Was ist mit Musikwettbewerben, oder mit dem stillschweigenden Vergleich der eigenen Leistungen mit denen anderer?

(Fortsetzung folgt)

Ich muss aber gar nicht zum großen Rundumschlag ausholen, die erneute Lektüre der Süddeutschen genügt: heute, am 18. August 2016.

Doping, Kommerzialisierung, Gigantomanie. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen sich nicht vorwerfen lassen, sie hätten die Geißeln des olympischen Sports anlässlich der Spiele in Rio ignoriert, ganz im Gegenteil. Anderserseits haben die Sender viele Millionen für die Übertragungsrechte gezahlt und müssen Quote machen. Sportbegeisterung auf der einen Seite, tiefes Misstrauen gegebnüber dem Sport auf der anderen – diese olympische Schizophrenie lässt sich nicht heilen. Man muss sie aushalten.

(…)

„Jaaa, Lilly King schlägt Julia Jefimowa!“ schrie Bartels ins Mikro. „das war ein Sieg für den Sport.“ Jefimowa, eine zweimal des Dopings überführte Athletin, aber ganz legal am Start, galt in Rio als Verkörperung des russischen Staatsdopings, des Bösen schlechthin. Aber wollte Bartels wirklich die Hand für seine Lilly-Fee ins Feuer legen? Das US-Team hat die Konkurrenz in Grund und Boden geschwommen. Wenn man weiß, dass Schwimmen eine sehr dopinganfällige Sportart ist: Gegen wen müsste sich der Verdacht richten?

Quelle Süddeutsche Zeitung 18. August 2016 Seite 33 Das Ringen mit den Ringen Die Olympia-Berichterstattung von ARD und ZDF schwankt zwischen Sportbegeisterung und Misstrauen. Die Sender nehmen die moralische Empörung ernst – und tun trotzdem alles, um Quote zu machen. Von Josef Kleinberger.

… ein Sieg für den Sport? Solche Artikel sind ein Sieg für die Medien!

Nachtrag

Das Wort Doping-Skandal führt irre, so wie die Redensart „der Krieg brach aus“. Es handelt sich nicht um ein zufälliges Ereignis. Es gehört zum System, zum Räderwerk aller Mittel. Wenn nur die Ergebnisse zählen (die nackten Zahlen), wird keine Begleiterscheinung ausbleiben, die dazugehört. –

Und was lernen wir vom Verhalten des „leidenschaftlichen“ brasilianischen Publikums, das auch Einzelkämpfer der gegnerischen Partei niedermacht?

Man könnte sagen, das erwünschte Fair-Play-Verhalten sei eben nur Firnis auf dem rohen Holz. Gewiss, – wie auch die Höflichkeit (die vom Hofe stammt), die das Leben erleichtert, aber von der „leidenschaftlichen“ Masse erst im Laufe von Generationen verstanden wird. Oder wie die seit Generationen eingeübte Gastfreundlichkeit, die die Fremdheit zwischen den Menschen nicht aufhebt. Aber einen Kontakt oder sogar ein Gespräch zumindest nicht verhindert. Es geht um den Einzelnen in der Masse. Und um das einzelne Rädchen im System. Um die körperliche Unversehrtheit jedes Einzelnen. Und um die Würde des Menschen.

Bruckner: der Einzelne und die Masse

Kopfsprung vom Konzertsaal in die Arena  

Bruckner VI 1-2 Bruckner VI 3-4

Ich habe eine fatale Neigung zu unpassenden Assoziationen, in diesem Punkt weiß ich mich mit Shakespeare und Charles Ives einig. Das Glück will es, dass ich Bruckners Sechste heute zum erstenmal höre, ich weiß nicht, wieso sie mir ein Leben lang entgangen ist. Sie ist im Solinger Konzertprogramm kombiniert mit dem Violinkonzert von Korngold*, das ich nicht mag. Es ist wie ein etwas unangenehmes, in die Augen beißendes Parfüm, da hilft kein Heifetz, dessen Aufnahme ich im Auto höre. Ich weiß, dass es schön gefunden wird, eine Versöhnung zwischen Filmpalast und Konzertsaal. Nun gut, aber mein Sinn für Monumentalität geht andere Wege.

Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der beschrieben wird, wie der Dirigent Knappertsbusch die Sechste vor einem Publikum von fünf oder sechs Leuten spielt, an sich schon eine absurde Vorstellung, aber er hält auch noch eine Rede:

Dieses Orchester, mein Orchester, das Sie jetzt bald hören, trägt den Manen der anderen Natur Rechnung und nennt sich Staatsorchester der Ersten Weltgeräumigen Republik. Wir kommen nun keineswegs aus dem Weltraum, wir, die wir alle längst tot sind, nein, wir haben uns in Kenzingen im Breisgau versammelt, uns als Orchester gegründet, vermöge unseres Totseins begabt mit einer weltgeräumigen und republikanisch gestimmten Musikalität. Bruckner und Wagner, diese Klangkosmiker im Zeitengefüge einer Erdwende, die viel Umstellung erfordert, sind unsere musikalischen Exerzitienmeister, fürs erste. Späterhin, denke ich, aber wohl erst sehr, sehr, sehr viel später, wagen wir uns an die beiden Passionsmusiken von Johann Sebastian Bach. So, genug gesagt.“

„Kna“ dirigiert die Sechste entsetzlich langsam und immer noch langsamer, dergestalt, dass er nach zwei Stunden, nach Verklingen des zweiten Satzes, das Konzert für beendet erklärt, – er werde morgen an dieser Stelle fortfahren. Und am nächsten Tag bei einem Spaziergang mit den Getreuen sagt er:

Die Sechste von Bruckner ist natürlich leer. Die Fünfte hat Bruckner ramponiert, und die Sechst ist ein Nachwühlen geworden, ganz gewiß. Bodenlos leer ist diese Symphonie, die ihr übrigens stets mit Ypsilon und mit ph denken solltet. Aber das Leersein ist überhaupt ein Ergebnis von Fülle. Und die Leerheit ist der Anfang von neuem, innerstem Vermögen. Darum ist die Gnade, leer werden zu dürfen, eine wahre Werdung. Und die Verlangsamung ist nur ein Spielversuch.“

Quelle Ernst Herhaus: Phänomen Bruckner  Hörfragmente  Büchse der Pandora Verlags-GmbH Wetzlar 1995 ISBN 3-88178-110-2 (Seite 87 f)

Um es kurz zu machen, es handelt sich um Auszüge aus einem Traum, den Herhaus sogar genau datiert: im Jesuitenschloß bei Freiburg / Brsg. geträumt in der Neujahrsnacht auf 1989.

Auch die Bruckner-Biographie von Max Auer, aus der die Themenauszüge der Sechsten (s.o.) stammen, beginnt mit einer Art Traum-Vision, die allerdings aus einer versunkenen Epoche aufsteigt:

Bruckner Vorrede Auer

Seltsam: wenn ich von Bruckner träumen würde, sähe ich ganz sicher eine Menschenmasse, die von den Klängen seines Riesenorchesters bewegt würde. Vielleicht hat er selbst nur vergessen, die imaginäre Menge der erregten Heerscharen – unter ihnen seine eigene Person –  zu erwähnen, als er die Szene des Finales seiner Achten andeutet:

Unser Kaiser bekam damals den Besuch des Czaren in Olmütz; daher Streicher: Ritt der Kosaken; Blech: Militärmusik; Trompeten: Fanfare, wie sich die Majestäten begegnen.

Aber zurück zu meinen wirklich ganz unpassenden Assoziationen! Samstag, 12. Dezember, 18.30 Uhr. Am Ende stand es 5:0. Überall: Geträumtes Welttheater.

Bayer 04

Bayer 04 Karte

Fußball und das Heilige Gebauer

Quelle: Günther Gebauer „Poetik des Fussballs“ campus 2006 Foto: © ullstein bild

Lev Tor gehalten20151212_190223 Handy-Foto: JR

* Korrektur um 22.45 h

Es handelte sich nicht um das 1945 herausgebrachte Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold (1897-1957), sondern um das von Karl Goldmark (1830-1915), entstanden 1877.

Auf dem Boden bleiben!

Bundesliga beginnt

Bundesliga a  Bundesliga b

Keine Wallfahrt!

ZITAT

Als erstes fällt bei den Fans die Erzeugung von Gemeinsamkeit auf. Ähnlich vereinigend wie gemeinsames Trinken wirkt das Absingen von Fußballhymnen, unterstützt von gleichen Bewegungsweisen. Bei den sangeskundigen englischen Fußballfans wird der religiöse Charakter der Gesänge deutlicher als bei den deutschen. Der berühmteste aller Fangesänge You’ll never walk alone wurde nach dem Ersten Weltkrieg während der englischen Cup-Finale im Wembley-Stadion in Erinnerung an die gefallenen Fans gesungen. Beim Absingen dieser Hymne ist heute eine strikte rituelle Ordnung einzuhalten (die auch auf deutschen Fußballplätzen gilt). Die Schals werden mit beiden Händen über den Kopf gehalten und im Rhythmus der Musik langsam hin und her bewegt, wie die Fahnen einer Prozession. Zum Heiligen halten die Fans engen Kontakt. In Marseille pilgerten sie vor dem UEFA-Pokalendspiel zur Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde, um dort eine Kerze zu entzünden. Der FC Sankt Pauli gab unter dem Titel Glaube, Liebe, Hoffnung eine „Fan-Bibel“ heraus. Wissentlich oder nicht hat er die göttlichen Tugenden zu seinem Wahlspruch gewählt, durchaus passend zu seinen Fan-Artikeln, vom Wimpel bis zur Unterhose und zum Pauli-Gartenzwerg.

Quelle Gunther Gebauer: Poetik des Fussballs campus verlag Frankfurt am Main 2006 (Seite 100 f.)

Wer heute nach dem zitierten Wahlspruch beim FC Sankt Pauli selbst sucht, stößt bei den „Kiezhelden“ auf eine Baustelle (hier). Sie wird doch wohl nicht erst nach der schmerzlichen Niederlage gegen Mönchengladbach (vorgestern) eingerichtet worden sein?

NOCH EIN ZITAT

Es gibt Situationen im Leben, denen wir gern eine Schlüsselbedeutung zuweisen. In ihrer verdichteten Form erschließen sie bisher verborgen gebliebene Lebensbereiche. Am 28.11.1993 gab es für mich einen solchen erhellenden Augenblick. Reinhold Mokrosch hatte seine zwei Mitstreiter für eine empirische Wertforschung überraschend am Freitagabend zum Fußballspiel des VFL ins Stadion An der Bremer Brücke eingeladen. Obwohl schon seit mehreren Jahren im Wettstreit um die Erforschung von Moralauffassungen miteinander verbunden, wurde erst am diesem Abend deutlich, welche integrierende Bedeutung ein Fußballspiel für eine Forschergruppe haben kann. Der Philosoph in dieser Runde zeigte sich als fachkundiger VFL-Fan, der Sportwissenschaftler mußte sich schon aus beruflicher Sicht engagiert zeigen und der Religionspädagoge gab dem Abend seinen interpretativen Stempel. Als in der Ostkurve nach dem Führungstreffer der Osnabrücker die Wunderkerzen angezündet und sie im Rhythmus des Anfeuerungsgesanges hin und her bewegt wurden, platzte es aus ihm heraus: „Das ist ja wie in der Kirche – nein, es ist in der Form von Ergriffenheit mehr als wir es dort vermögen“ – Woraus sich die ironisch-nachdenkliche Frage ergab: „Ist der Sport die Religion des säkularen 20. Jahrhunderts?“

Damit sind wir vom unschuldigen Anlass „Fußball“ gleich zweimal in höchst problematische Bezirke abgedriftet. Der Samstag soll uns wieder vom Kopf auf die Beine stellen, selbst Adornos Diktum, das alsbald auftauchen wird,  werden wir hoffentlich rechtzeitig abstreifen:

Denn zum Sport gehört nicht nur der Drang Gewalt anzutun, sondern auch der, selber zu parieren und zu leiden … Es prägt den Sportgeist nicht bloß als Relikt einer vergangenen Gesellschaftsform, sondern mehr noch vielleicht als beginnende Anpassung an die drohende neue … (ADORNO 1997, 43)

Lassen Sie uns den Vortrag zu den allermerkwürdigsten Aspekten von Spiel und Sport hinter uns bringen! Der Titel: Der Sport – die Religion des 20 Jahrhunderts? Autor: Prof. Dr. Elk Franke. Nachzulesen: HIER.

Neue Ernüchterung 14. August 2015

Eine letzte Saison der Vernunft (Kommentar von Olaf Kupfer in der WZ)

ZITAT

Denn was Fußball-Romantiker[n] den Atem raubt, wird nach dieser Saison wahr: Getrieben von den wahnwitzigen Verhältnissen in England, wo die Clubs der Premier League dank einer exorbitanten Pay-TV-Vermarktung über vielfache Einnahmen der Bundesligisten verfügen, bricht auch die deutsche Liga (DFL) auf zu neuen Ufern: Extrem zersplitterte Spieltage werden schon bald die hektische Betriebsamkeit der Spitzenclubs rahmen, noch mehr Geld zu generieren – um nicht abgehängt zu werden.

Verrückte Verhältnisse kündigen die Manager für den Sommer 2016 an: Von einer Abwanderungswelle gen England ist die Rede. Und von einer Gehaltsexplosion für Spitzenspieler. Vom Ungleichgewicht des Weltfußballs. Da wollen wir es uns doch noch mal gemütlich machen und eine letzte Saison der Vernunft feiern.

Quelle Solinger Tageblatt 14. August 2015 Seite 2 / im Volltext nachzulesen als Leitartikel der Westdeutschen Zeitung WZ HIER.

Bayarena Live 15.26 h  20150815_152634  BayArena Spielunterbrechung 20150815_160754 BayArena Ecke 20150815_164442  BayArena Alleingang 20150815_163209  Fussball x Leverkusen Hoffenheim 15 August 2015

15. August BayArena 15.30 bis 17.15 Uhr Leverkusen:Hoffenheim 2:1 (Handy-Fotos JR)