Kategorie-Archiv: Biographisches

Ein ferner Freund

Jürgen Giersch

Ich kenne ihn wenig. Wir haben uns vielleicht viermal im Leben gesehen. Mit seinem Zwillingsbruder Klaus (er sieht ihm nicht ähnlich) bin ich seit etwa 1961 befreundet. Er hat damals dieselben Fächer (Schulmusik + Germanistik) und auch bei demselben Geigenlehrer studiert (Franzjosef Maier), später im gleichen Ensemble mitgespielt (Collegium aureum). Wir haben also auch oft bei den gleichen Schallplatten-Produktionen und Tourneen mitgewirkt. Zum Beispiel auch bei der Aufführung des Oratoriums „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn in Wien, März 1982.

Schöpfung Klaus & JR 1982 Klaus Giersch, Jan Reichow 1982

Und immer mal hat er mich informiert, was sein Bruder macht, der Maler, hat mir einen Katalog geschickt, erwähnt, dass die gemeinsame Jugend immer wieder Thema der Bilder sei, oft in düsteres Licht getaucht. Mich interessierte das, zumal es zu den beiden Brüdern gehörte wie auch zu mir. Meist wird die eigene Jugend unglaubwürdig geschönt, wir aber erinnerten uns alle mit kritischer Tendenz. Zumal es in der Rückschau so weit in die Nachkriegszeit rückte, bis es unangenehm wurde, und in den 60er Jahren trat die allmähliche Distanzierung von der Eltern-Generation ins Bewusstsein, wurde am Ende radikal. Wenn auch nicht immer mit Worten…

Giersch Jürgen 2014,7 Schulklasse 28 x 17 kl Schulklasse 2014

„Unter den Dauerläufern müßten auch wir beide sein, denn es war in dem Zeltlager, von Elze aus fuhren wir  an die Kieler Förde.“ (J.G. an K.G.)

Giersch 2017, 6 Frühsport am Zeltlager 73 x 136 Frühsport am Zeltlager 2017

„Noch einmal zum Thema Freiburg. Als Bild das Konzerthaus bei Nacht,- vor einigen Jahren war es die architektonische Attraktion Freiburgs.“ (J.G.)

Giersch 2003,8 Konzerthaus 90 x135 Konzerthaus 2003

Freiburg Konzerthaus1280px-FR-KTS_001 Freiburg (Foto: Joergens.mi Wikipedia)

Jürgen Giersch 1985,3 Meer bei Sturm 63 x 90 verk. Meer bei Sturm 1985

Ein sehr merkwürdiges Bild mit dem Titel „Bahnhof“ – irre ich mich oder ist es tatsächlich ein Ort ohne Wiederkehr?

Jürgen Giersch Bahnhof Ist es Köln?

Ich bin mir nicht sicher, ob man diese Bilder deuten, eine Aussage hineinlegen soll. Der Maler selbst schrieb über die Entstehung seiner Bilder eher lakonisch:

Jedes der Bilder ist angeregt durch eine erlebte Szene oder Landschaft. Eindrücke dieser Art wurden im visuellen Gedächtnis gespeichert, dort aber über längere Zeit umgeformt. Eine später,- oft erst nach Wochen oder Jahren,- gefertigte Skizze zeigt dann die für das fertige Bild wichtige Komposition, d.h. die Anordnung in der Fläche. In der Phase der Realisation werden die Farben und die Texturen eingefügt, die die Atmosphäre des Bildes bestimmen. Es wurden weder bei der Themenwahl noch bei der Ausführung Fotos verwendet. (…)

So zeigen die Bilder bestimmte, benennbare Gegenden, Gebiete, Räume oder Personen, ohne dass diese einfache Imitationen sind. Die dargestellte Welt erscheint als abgerückt von der optisch-physisch erfassten, wie es in Träumen geschieht, in denen aber die Illusion von Wirklichkeit, oft sogar beklemmend stark, erhalten bleibt.

(Jürgen Giersch)

Der folgende Text, der sich vielleicht aus einer entgegengesetzten Situation erklären lässt, entstand vielleicht, weil sich ein Bild nicht formen lassen wollte, und trotzdem muss man sich den Maler als wachen Beobachter vorstellen, der mit den Augen denkt. Eine Fülle von Szenen, die keine Deutung zulassen, obwohl expressis verbis an die Vergangenheit des Ortes erinnert wird. Da es sich um einen realen Platz in Freiburg handelt, habe ich danach gesucht, und einen Entwurf gefunden, den man nun mit Leben (oder mit Worten) erfüllen kann. (JR)

Freiburg Planung Platz Freiburg PdAS Freiburg: der geplante Platz

Erinnerung an den Sommer: Der neue Platz / Von ©Jürgen Giersch

Der Besucher, der an einem Sommerabend aus dem Stadtinneren kommt, erblickt hinter hohen Gebäuden plötzlich ein großes schwarzes Feld, worin schmale Bänder leuchten, die Kanten von flachen Podesten, die im Dunkeln liegen. Aus großer Höhe fällt an vielen Stellen ein Lichtschimmer auf die weite Fläche, ungestört bleibt das Dämmern darauf, wie es früher in einer Diskothek herrschte. Nach Westen hin, wo noch der Horizont hell ist, verstellt eine senkrechte schwarze Wand den Blick, als habe der Platz sich dort aufgerichtet. Aus dieser Fläche starren zahllose scharf begrenzte, in kaltem Licht leuchtende Rechtecke heraus, genügend entfernt, so daß ihr Schein die weiche Dämmerung auf dem Platz nicht stört. Und doch wird der Blick abgelenkt auf die schwarze, von Blitzen geschlitzte Wand dieses gläsernen Meteors, aus der die Finsternis und Kälte des Universums herab weht. (Neue Uni-Bibliothek). Desto weicher ist der Schimmer der Lampen auf der Fläche aus hellem Sandstein, die noch warm ist wie eine Wiese, auf die die Sonne schien.

Auf ihr liegen, verteilt in Gruppen viele junge Menschen. Sie lauschen auf Musik von Südamerikanern, die auf Trommeln schlagen und zur Gitarre singen. Auch sie, kauernd, sitzend, liegend, wärmen sich auf dem steinernen Boden. Man sieht fast nur den Umriß von Oberkörper und Kopf im Gegenlicht von den weit entfernten grellen Straßenlampen. Andernorts liegen Füße und Beine in einzelnen hellen Zonen des Lichtes, das von hohen Masten herab milde auftrifft. Manche junge Leute lassen sich absichtlich in diesen ausgeleuchteten Flecken nieder, wo sie schon aus wenigen Metern Entfernung als ungenau begrenzte Formen erscheinen, die dunkle Schatten in den umgebenden Lichtschein werfen. Gesichter von Spaziergängern leuchten für Sekunden auf, wenn sie diese Lichtkegel passieren und verschwinden sofort im Dunkeln.

Auf dem Platz gibt es auch Auftritte wie auf einer Bühne. Ein Feuerschlucker schwingt an Schnüren sprühende Dosen, bis sie einen leuchtenden Kreis um ihn bilden, ab und zu nimmt er unauffällig einen Schluck aus einer Flasche und speit eine tuchartig sich entfaltende Flamme aus. In deren Licht glitzern die noch immer aufsteigenden Fontänen am Wasserplatz, und im Halbdunkeln rennen dort Kinder hindurch. Skateboard-Fahrer beanspruchen die eine Längsseite des Platzes, sie üben ihre Sprünge und Drehungen in einer Gasse zwischen den Liegenden; das Grollen der eisernen Räder auf den großen Fliesen begleitet die Musik, man hört das Krachen, mit dem ihr Fahrzeug die Fahrt auf einer erhöhten Kante fortsetzt. Man sieht sie unter den weichen Lichtkegeln huschen, während des Anlaufs drehen sie sich um 360 Grad, scheitert einer an der Kante, so tut er sich nichts, sein Brett bleibt liegen, aber er rennt geduckt und lautlos weiter…

Freiburg Synagogenplatz PdAS1

An der Schmalseite des Platzes ziehen ab und zu die großen Fenster der Straßenbahn langsam vorüber; sie scheinen zu zögern wie die Augen einer vornehmen Dame, die trotz ihrer Eile auch einen Blick auf das geheimnisvolle Dunkel des Platzes werfen will.

Vor allem Fremde sind hier, aus Syrien, England, Holland, der Schweiz, aus Frankreich, Japan und Südamerika, die Einheimischen fühlen sich angenehm fremd, als seien sie auf einem anderen Kontinent und staunen über ihren Platz. Ein großer Abend, zu dem sie alle beitragen, auch die Mädchen, die in Sommerkleidern an den Podesten sitzen oder mit aufgestützten Ellenbogen wie am Strande liegend den Jungen zuschauen, die auf ihrem Kunst-Fahrrad üben, das sich auf das Hinterrad erhebt oder in zwei plötzlichen Sprüngen sich um sich selbst dreht und weiterfährt, als wäre nichts gewesen.

Ein Akrobat tritt auf. Vor dem großen Podest an der Nordseite steht sein Reifen, zwei Meter hoch, aus schwarzem Kunststoff, diesen Mann um einen Kopf überragend. Er gibt ihm einen Stoß und versetzt ihn so in Rotation. Der Reifen dreht sich langsam, wie ein Kreisel aufrecht stehend. Den Mann schützt ein schwarzes eng anliegendes Trikot ähnlich wie ein Taucheranzug, an Knie und Ellenbogen hat er Verstärkungen. Geschickt greift er mit beiden Händen in den Reifen und stellt sich hinein, sich mit ihm drehend. Dann beschleunigt er dessen Rotation durch Schwingungen seines muskulösen Körpers, er breitet Arme und Beine allmählich aus, bis er die Figur bildet, die Leonardo gezeichnet hat: Der Mensch innerhalb des Zirkels. Die Umdrehungen werden schneller, der Reifen hält sich wie ein Kreisel selber im Gleichgewicht, so daß der Mann nun, die Arme senkrecht emporstreckend, sich mit dem Reifen um sich selbst drehen kann, ohne sich mit den Händen festzuhalten. Allmählich wird die Rotation langsamer, die Hände fassen wieder zu, der Reifen stellt sich schräg und beginnt in enger Kreisbahn zu rollen, so daß der Kopf des Mannes bald oben bald unten ist. Je langsamer er rollt, desto schräger steht er und desto enger wird die Kreisbahn und schließlich schwappt er nur noch auf und ab, immer noch auf der Kreisbahn, die nun kaum größer ist als der Umfang des Reifens, so daß der Körper nahe am Boden schwebt. Starker Beifall rauscht von den Podesten. Da erhebt sich der Mann geschmeidig wie eine Katze mitsamt dem Reifen und steigt aus ihm aus, gibt ihm einen Schubs und läßt ihn eine Zeit lang alleine sich drehen und schaut ihm zu, als wolle er ihm den Applaus gönnen, der lange dauert. Dann steigt er wieder hinein und beschleunigt die Rotation, aufrecht stehend mit ausgebreiteten Armen, diesmal aber so lange, bis bei der hohen Geschwindigkeit der Reifen eine schimmernde Kugel bildet und der Mann kaum noch zu erkennen ist. Großer Applaus, aus dem der Artist dann bei abflauendem Tempo noch einmal in die Kreisbahn einlenkt und hier den Reifen derart steuert, dass dieser sich immer flacher senkt und der Mann mit dem Nabel dicht über dem Boden schwebt. Dann richtet er sich plötzlich daraus samt Reifen empor und entfesselt noch einmal das Rauschen des Händeklatschens… Man bestaunt danach diese Ellenbogen und Knie, die so nahe an den Steinplatten vorüber streiften, man bewundert mit Respekt den Körper, der dieses labile Gerät, das alleine nicht eine Sekunde stehen könnte, in so viele verschiedene Arten von Bewegung bringt. Er hält – in fremder Sprache – eine kurze Rede und legt dann den Reifen am Platz nieder. Und schon nähern sich Menschen, um Münzen in den Kreis zu legen, meist sind es ältere Männer, die kommen, Mütter schicken ihre Kinder mit dem Honorar, man umringt ihn, Fragen stellend, aber bald verlaufen sich die Bewunderer, der Mann setzt sich auf eine Stufe des Podests bei den Zuschauern. Und wie die Wand eines Steinbruchs, schwarz, sieben Stockwerke hoch, steht der Glasbau am Rande des Platzes, und immer stärker gleißen hinter seinen Luken die Tausende von Neonröhren, in jedem Stockwerk anders gewinkelt. Vom Platz aber steigt das Gemurmel wie ein Rauschen ferner Brandung.

Das Wasserbecken an der Südseite ist dunkel, hier gibt es keine Lampen, nur glimmende Flecken vom Grund her, in der stillen Fläche spiegeln sich die Lichter. Das Wasser hat aufgehört zu strömen, es quillt nicht mehr wie am Tage über seine Kanten, es liegt jetzt unbewegt in seinem Becken exakt auf dem Grundriss der einst hier errichteten Synagoge. Die Wasserfläche erscheint wie ein Gleichnis jenes Kelches mit Millionen und Milliarden Tränen, die geflossen sind wegen der Morde und Greuel, die die Nazis an diesem Ort verübten. Dieses Becken wird an jedem heißen Tag ohne Bedenken von den Kindern in Besitz genommen. Sie waten vorsichtig, sie gehen allein oder zu zweit, sie rennen hindurch, mit Schuhen, mit Strümpfen oder barfuß. Manche stehen außerhalb und bewundern das Wasser, wie es über die äußere Kante strömt und prüfen nach, wie es im umlaufenden Spalt im Boden verschwindet. Manche gehen langsam auf dem Rand entlang, ein etwas älterer Junge fährt mit einem Wackel-Skateboard auf dem Rand entlang, wobei er geschickt um die vielen rechten Winkel, mal nach links, mal nach rechts steuert, denn die Form des Beckens ist ein breitflächiges Kreuz. Ganz kleine Kinder planschen sitzend, ihr Vergnügen entlockt ihnen kurze Schreie, andere verlangen nach der Hand der Mutter, ehe sie die Durchquerung wagen. Abenteuer suchend tauchen einige Jungen bäuchlings den Kopf unter Wasser und erproben, wer am längsten die Luft anhalten kann. Es kommen auch junge Mädchen und durchschreiten das Becken, ohne das Handy vom Ohr zu nehmen.

An einem heißen Nachmittag stand zwischen den planschenden Kindern ein älterer Mann im Wasser, in langer grauer Hose, mit ausgebreiteten Armen und aufwärts geöffneten Handflächen. Es schien auf den ersten Blick einer jener Artisten zu sein, die starr verharren und ein Standbild darstellen. Ab und zu senkte er die Arme und hob sie dann wieder. Manchmal drehte er sich wenige Grad um die vertikale Achse. Wie in Zeitlupe schloß er die Hände und öffnete sie wieder. Er trug einen breiten weißen Schal um die Schultern und eine kleine flache Kappe, woran zu erkennen war, daß es ein Jude war, der in diesem Brunnen betete. Er flehte eine halbe Stunde lang zum Himmel empor mit diesen langsamen Bewegungen; danach aber beugte er den Kopf bis in das Wasser hinab, nahm Wasser mit den Händen, versprühte es und stieß laute Schreie aus, Klage um die gemordeten Menschen seines Volkes…. Danach stand er wieder bewegungslos, versunken in die Andacht. Aber ein paar freche Jungen begannen nahe an ihm vorbei zu rennen, um ihn zu bespritzen. Sie streiften dabei auch mit ihren Händen an den seinen entlang. Als er es bemerkte, drehte er sich langsam zu ihnen um und schaute sie lange an, ohne ein Wort zu sagen. Da standen auch sie bewegungslos. Wenig später kam ein hochgewachsener junger Mann zu ihm, der ebenfalls die flache Kappe trug, legte den Arm um seine Schultern und blieb mit ihm zusammen im Gespräch.

Im andern Teil des Platzes steigen aus dem Boden die Fontänen. In diese laufen die Kinder hinein, manche in ihrer Kleidung, andere mit Badezeug. Wenn also eine Familie zu Besuch hier ist, so gehen sie erst gar nicht in die Badeanstalt. Die Fontänen bilden den Ersatz, Jungen lassen sich von unten her duschen, ein kleines Mädchen hielt ihre Hand auf den Scheitel der Wassersäule, die wohl wie ein lebendiges Tier unter ihrer Hand herumwühlte. Es kam eine Dreijährige mit ihrer schlanken Mutter und schaute zu, bis die Mutter ihr einen Weg zwischen den Wassersäulen zeigte. Vorsichtig wie zwischen senkrecht aufgestellten Schlangen schritt die Kleine dann in das nasse Feld und kehrte wieder um, endlich wagte sie die Durchquerung. Dann zog die Mutter ihr das rosa Kleidchen und die Sandalen aus. Die Jungen machten es vor, was man mit den Wassersäulen macht: drauftreten, sie mit halbem Fuß in flache Fontänen verwandeln, sie im Galopp umrennen. –

Freiburg Synagoge 1024px-Einweihung_Gedenkbrunnen-Freiburg-2.8.2017 Markus Wolter

Freiburg Synagogenplatz – zu einem anderen Zeitpunkt (Foto: Markus Wolter)

Die letzte Seite eines Ausstellungskatalogs von 1990

Jürgen Giersch Katalog + Bio

Nachtrag Zur Frage „Ist es Köln?“ habe ich authentische Nachricht bekommen:

 Was den Titel des letzten Bildes betrifft, so heißt er eigentlich „Unter der Autobahn“, 2005 – gemeint ist die Bahnstrecke, die unter einer Schnellstraße hindurch führt, – links daneben ein kleiner  Spielplatz,- hier ging mein  (fast) täglicher Marsch ungefähr dreißig Jahre lang vom Bahnhof Emmendingen ins Goethe-Gymnasium vorbei. Das Bild  bescheinigt seinem Maler, dass er über die manchmal beklemmende, manchmal langweilige oder lastende Viertelstunde dieses Anmarsches  zum Arbeitsplatz dem Weg dennoch etwas abgeguckt hat, besonders die Verschränkung der Strecken, und das Echo, das der geschraubte Aufgang zur Schnellstraße in der Rutsche auf dem Spielplatz findet. (J.G.)

Das Neue Jahr mit Mozart!

Die Süddeutsche Zeitung macht’s möglich bzw. nötig oder sogar notwendig: das dort besprochene Buch muss man (?) besitzen. Autor Laurenz Lütteken. Ich bin kein Mozartforscher, aber wenn ich die wichtigsten Menschen in meinem Leben aufzählen sollte, würde dieser Komponist zu den ersten fünf gehören. (Gewiss, darin folge ich Hildesheimer, der mir die Sinne dafür geöffnet hat und der selbst Shakespeare und Mozart an erster Stelle genannt hat.) Und ich habe nicht vergessen, wie mich Così fan tutte im Jahr 2004 begleitet hat, – angeleitet, über „Lug und Trug“ nachzudenken.

ZITAT Radiosendung 2002 WDR 3 (Skript)

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich gleich mit der Tür ins Haus fallen: das schönste, innigste und hintergründigste Drei-Minuten-Stück, das je geschrieben wurde, stammt von Mozart: ein Abschiedslied – man wird den Ruf „Addio“ hören, zwei Frauen und zwei Männer verabschieden sich voneinander, ein dritter ist Zeuge, die Frauen weinen und stammeln: „Ich sterbe. Schwöre, mir jeden Tag zu schreiben!“

1) Così fan tutte / Jacobs CD I Tr. 11 Di scrivermi 2’57“ [oben – weil auf youtube leichter erreichbar – in einer anderen Aufnahme als in der Radio-Sendung damals; enthält leider auch Werbung]

Das Traurige ist eigentlich nicht, dass diese Menschen, die sich lieben, Abschied voneinander nehmen müssen, – die Männer hier täuschen die Frauen, der Zeuge, der alles eingefädelt hat, meint: „ich platze gleich, wenn ich nicht lache“, und die nichtsahnend betrogenen Frauen werden sich bald trösten lassen. Wie ehrlich aber meint es die Musik in all ihrer Schönheit???

Wäre es nicht schöner, alles stimmte überein? Der Text, das Gefühl, der Mann, die Frau, die Situation, die Musik?

Es ist spät, das Dorf liegt im Dunkel und die Welt schweigt; der Bursche gibt der Geliebten das Geleit nach Haus und redet von seiner Liebe. „Solltest du meinetwegen Schwierigkeiten bekommen, dann ist es mir recht, wenn wir uns sofort trennen.“ So etwa spricht der Bursche. Aber nun das Mädchen — wie das schon angekündigt wird: „Spricht das Mägdelein, Mägdelein spricht“! Josef Wenzig ist der Dichter, Johannes Brahms der Komponist. Ja, und was sagt sie nun? Marmor, Stein und Eisen…NEIN! das nun grade nicht! Aber es ist wie ein Traum, – vergessen wir nur nicht: geträumt von den Herren Wenzig und Brahms!

2) 5046 920 1 Tr. 14 „Von ewiger Liebe“ Brigitte Fassbaender 4’25“

Brigitte Fassbaender sang, am Klavier Irwin Gage.

Was für ein Aufschwung! Kann man sich ewig, ewig auf dieser Höhe halten? Der junge Mann, so kleingläubig kann er nicht gewesen sein, wie er vorgab; er hat nur dies hören wollen! „Unsere Liebe muss ewig bestehn!“
Dann ist das Lied zuende. Und der Bursche geht überglücklich ins Dorf zurück. Oder? Was meinen Sie? Kommt ihm nicht irgendwann der Gedanke: Sie hat „muss“ gesagt, sie wünscht es sich und zwar mit aller Energie, – aber warum hat sie nicht „wird“ gesagt? „Unsere Liebe wird ewig, ewig bestehn!“ Sie ist sich also nicht ganz sicher? Eines Tages könnte sie sagen: ich habe es gewollt, habe es gehofft, aber das Leben hat es nicht zugelassen. Ich kannte dich ja kaum, – usw., was dann eben alles so gesagt wird.
Nein, das wollen wir nicht weiterspinnen. Gönnen wir uns diesen schönen Traum noch einmal. Aus paritätischen Gründen singt jetzt ein Mann.

3) Brahms op.43 Nr.1 (1864) „Von ewiger Liebe“ Dietrich Fischer-Dieskau 4’39“

Dunkel, wie dunkel in Wald und in Feld, Abend schon ist es, nun schweiget die Welt.
Nirgend noch Licht und nirgend noch Rauch, Ja, und die Lerche, sie schweiget nun auch.

Kommt aus dem Dorfe der Bursche heraus, Gibt das Geleit der Geliebten nach Haus,
Führt sie am Weidengebüsche vorbei, Redet so viel und so mancherlei:

„Leidest du Schmach und betrübest du dich, Leidest du Schmach von andern um mich,
Werde die Liebe getrennt so geschwind, Schnell wie wir früher vereiniget sind.“

Spricht das Mägdelein, Mägdelein spricht: „Unsere Liebe, sie trennet sich nicht!
Fest ist der Stahl und das Eisen gar sehr, Unsre Liebe ist fester noch mehr.

Eisen und Stahl, man schmiedet sie um, Unsere Liebe, wer wandelt sie um?
Eisen und Stahl, sie können zergehn, Unsere Liebe muß ewig bestehn!“

*** *** ***

Die WDR-Sendung von damals kann man im nachfolgenden Link weiterlesen, aber ich vergesse nicht: das war in meinem anderen Leben. 24.04.2002 – WDR 3 Musikpassagen 15.05 – 17.00 Uhr
Gespaltene Gefühle: Von Lug und Trug (und ewiger Liebe) / Lieder von Johannes Brahms und Hugo Wolf / Ausschnitte aus Così fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart / Aufnahmen des indischen Ragas Lalita mit dem Flötisten Hariprasad Chaurasia und dem Sänger Bhimsen Joshi  / Moderation: Jan Reichow / Skript der Sendung HIER.

In der SZ-Besprechung des neuen Mozartbuches schrieb Helmut Mauró u.a. über die Situation Mozarts, auch – und das ist ein sehr wichtiger Aspekt! – in steter Auseinandersetzung mit den Ideen seines Vaters:

Wie die Musik so aus ihrer untergeordneten Kunstrolle als unvollkommene Naturnachahmerin herausfand und sich über die bis dahin führende Malerei erhob, wie sie schließlich zur Leitkunst des 19. Jahrhunderts wurde, auch diesen Aspekt diskutiert Lütteken im Zusammenhang mit Mozart oder „den Mozarts“, wie man nach der Lektüre des Buches sagen muss.

Natürlich ging der Sohn dann viel weiter, richtete seine ganze Existenz auf ein neues Künstlerbild aus, riskierte viel und zwar nicht nur im Bezug auf die eigene materielle Existenz, sondern, und das ist vielleicht doch neu, auch im Bezug auf sein Werk selber. Auch Mozarts menschenfreundlicher und so lebensnaher Musik – selbst für die als Türken verkleideten Ehemänner in seiner „Così fan tutte“ gibt es einen realen Hintergrund – wurde in der Opera buffa auf einmal der schaurige Abgrund einer pragmatischen Realität. So mutig er in seinen Opern die Bedingungen des menschlichen Daseins und die soziopolitischen Bedingungen vorführt, indem er die Labilität moralischer Kategorien aufzeigt, so zielsicher demontiert er auch die eigenen Überzeugungen. Lütteken verweist auf die Schriften des Materialisten Julien Offray de La Mettrie, die in Wien damals kursierten – und verboten waren. Für Mettrie war die Seele keine göttliche Inspiration, sondern das Resultat komplexer Körperfunktionen.

Diese Haltung scheint in Mozarts Opere buffe nicht nur durch, er erweitert, etwa in „Così fan tutte“, das Spiel um Affekte und Erotik gegenüber dem Drama, das schon die Anlage eines radikalen Gesellschaftsexperiments aufweist, um eine entscheidende Komponente: Er stellt nun auch die von ihm geschaffene Musik selber auf die Probe. Er unterläuft die kalkulierte Wirkung auf das Publikum, vor allem durch eine neue harmonische Doppelbödigkeit, die eine einzige musikalische Wahrheit unmöglich macht. Im Moment der größten Wirkung seiner Komposition muss Mozart erkennen, dass seine Musik „keine wahre Seele mehr hat“. Da ist auch die aufklärerische Vernunft bestenfalls nur ein Notanker. Lütteken zitiert einen Brief Mozarts an seine Frau aus dieser Zeit: „Es ist alles kalt für mich – eiskalt. Ja wenn du bei mir wärest, da würde ich vielleicht an dem artigen Betragen der Leute gegen mich mehr Vergnügen finden, – so ist es aber so leer.“

Quelle Süddeutsche Zeitung 27. Dezember 2017 Seite 12 So kalt, so leer Leopolds Meisterschüler – Laurenz Lütteken zeigt Mozarts aufklärerischen Ehrgeiz und sein tragisch-logisches Ende / Von Helmut Mauró

Zu Julien Offray de La Mettrie siehe auch den ZEIT-Artikel von Rudolf Walther: Weder Gott noch Zufall / Das wilde Denken des Julien Offray de La Mettrie / aufzufinden Hier

Die abschließenden Sätze des SZ-Artikels geben wohl eher die Assoziationen des Journalisten als die des Mozartforschers wieder, sind aber durchaus nachzuvollziehen:

Man kann nicht umhin, zu denken, Mozart habe durch sein eigenes Werk psychisch-metaphysischen Selbstmord begangen; der körperliche Zerfall und frühe Tod wären dann nur logische Folge, also Symptome. Lütteken sagt das nicht, aber seine Darstellung erklärt so viel von der tiefen Traurigkeit, die den Komponisten Mozart in einer kalten Dezembernacht aus der Welt hinaustrieb.

Das heißt auch: es gibt in Sachen Mozart nur den Weg, sich auf denselben Wissensstand zu bringen, der durch das neue Buch umrissen ist.

Vielleicht handelt es sich um eine ähnliche Aporie, wie sie sich am Ende des Bachschen Lebensweges einstellte. Man findet sie in dem Buch von Peter Schleuning über die „Kunst der Fuge“ zumindest angedeutet: selbst der vollkommenste Komponist muss gerade an dem Denkrahmen scheitern, dessen Belastungsfähigkeit er bis zum äußersten ausgetestet hatte. Darüberhinaus gibt es nichts. NICHTS.

P.S.

Zweifellos bin ich gestern am Ende übers Ziel hinausgeschossen. Ein Grund mehr, das Buch selbst zu studieren. Oder einstweilen noch die Rezension von Peter Gülke einzubeziehen und zu überdenken: Hier.

Zumal, wenn man sich hier befindet:

Langeoog 29 Dezember 2017 Langeoog (Foto E.Reichow)

Rückblick und Ausblick

Soweit ich denken kann…

Es hat mich begeistert, als wir in der Grundschule – „viel zu früh“, sagte mein Vater – den Neandertaler durchnahmen. Aber schon begann ich heimlich seinen Bücherschrank zu durchforsten, bis ich ein Werk über Frühgeschichte fand. Und an den Hängen des Teutoburger Waldes suchte ich fortan nach Faustkeilen. Bei meinem Onkel „Am Alten Saupark“ in Misburg hatte ich in den Ferien schon ein Buch von Bruno Bürgel über den Kosmos entdeckt und mit Feuereifer durchgeblättert. Spät abends betrachteten wir den Sternenhimmel, und ich schwadronierte wie ein Kenner. Das sollten ja nun auch meine Rahmenbedingungen sein! Und eines Tages lag ein Buch im Schaufenster bei Velhagen & Klasing, das mich extrem faszinierte, weil es Allumfassendes versprach: „Weltall und Urwelt“. Ich bekam es nie, aber das Titelbild grub sich in mein Gedächtnis; jetzt habe ich es im Internet wiedergefunden. Es kostet fast nichts, nur der Zeitpunkt ist falsch. Und das Wort „kurzweilig“ ist mir damals nicht aufgefallen, es hätte mich empfindlich gestört. Mir war es durchaus ernst! Und die wirklichen Rahmenbedingungen sehe ich heute bei Kant (siehe hier).

Steinzeit Kunst Steinzeit Kunst rück HEUTE

Weltall und Urwelt Screenshot 2017-12-26 18.31.14 VOR 60 JAHREN

EDITORIAL zu NATUR 1/18 von Sebastian Jutzi

Seit Homo sapiens gen Himmel blickt, haben sich zumindest einige Vertreter seiner Art schon immer gefragt, was da oben sein mag. Mangels technischer Möglichkeiten musste die Antwort auf diese Frage zunächst ein Mysterium bleiben. Also bevölkerte der Mensch den gewaltigen Raum, den er da sah, mit allerlei Wesen wie Göttern und Dämonen. Das hat sich in den vergangenen Jahrhunderten grundlegend geändert. Mit immer leistungsfähigerer Technik erkunden Forscher den Weltraum und entreißen ihm zusehends seine Geheimnisse. Noch sind nicht alle Rätsel gelöst. Das größte: Gibt es Leben außerhalb der Erde? Wenn das Universum tatsächlich etwa eine Billion Galaxien beherbergt, wie Forscher im vergangenen Jahr errechnet haben, dann ist die Zahl der Sterne noch viel größer, die der Planeten erst recht. Das alles übersteigt zwar die menschliche Vorstellungskraft, führt aber gleichzeitig vor Augen: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich irgendwo dort draußen Leben entwickelt hat, ist sehr hoch. Sogar ganz in unserer astronomischen Nähe könnten Lebewesen existieren, zum Beispiel auf den Monden des Jupiter oder des Saturn. Die Voraussetzungen dort sind, nach derzeitigem Wissensstand, nicht schlecht. Vielleicht werden wir noch erleben, dass Raumsonden Spuren von Leben dort finden. Das wäre eine weitere fundamentale Veränderung in unserem Wissen und würde auch das Selbstbild des Menschen verändern.

Viel näher liegt dagegen ein anderes, ebenfalls schwer zu knackendes Rätsel: Der Klimawandel findet statt und dennoch wollen oder können wir nicht begreifen, dass er eine ernste Bedrohung darstellt. Durch unser eigenes, unvernünftiges Verhalten schlittern wir in eine gewaltige Misere. Auch diese Erkenntnis könnte dazu verhelfen, unser Selbstbild zurechtzurücken. Jedenfalls stehen damit das evolutionäre Modell Mensch und vor allem die derzeitige, sogenannte westliche Zivilisation wieder einmal vor einer entscheidenden Prüfung.

Wie die Entwicklung weitergeht, ist noch offen. Sicher ist dagegen, dass sie nur im Rahmen der Bahnen verlaufen kann, die die Naturgesetze vorgeben. Geht man davon aus, dass letztere überall im Universum gelten, wäre dann leider nicht unwahrscheinlich, das sich Ähnliches noch anderswo im Weltall abspielt. Entgegen vieler Fantasien, die sich in Science-Fiction-Geschichten niederschlagen, wären außerirdische Zivilisationen unserer dann erstaunlich ähnlich. Das wäre eine wahlweise faszinierende, groteske oder auch traurige Verbindung zwischen uns und dem Kosmos. Vorerst bliebt das ein vage Vision und der Blick zum Himmel darf, irdischen Malaisen zum Trotz, weiterhin zum Rätseln und Träumen einladen.

Text: ©Sebastian Jutzi / siehe auch hier /Abdruck im Blog mit freundlicher Erlaubnis.

Natur Jahreswechselheft

Nachtrag 9. Januar 2018

Wie groß ist unser Sonnensystem? Sehr eindrucksvoll finde ich immer noch die Verdeutlichung von Bill Bryson („Eine kurze Geschichte von fast allem“ Goldmann München 2004 / Seite 39f):

Die Entfernungen sind sogar so groß, dass es unter praktischen Gesichtspunkten völlig unmöglich ist, das Sonnensystem maßstabsgerecht zu zeichnen. Selbst wenn man in Lehrbücher viele Seiten zum Ausklappen einfügen oder ein wirklich langes Stück Plakatpapier verwenden würde, käme man nicht einmal annähernd zurecht. In einer maßstabsgerechten Schemazeichnung des Sonnensystems, in der die Erde ungefähr den Durchmesser einer Erbse hat, wäre der Jupiter mehr als 300 Meter entfernt, und den Pluto würden wir erst nach zweieinhalb Kilometern finden (außerdem hätte er ungefähr die Größe einer Bakterienzelle, das heißt, man könnte ihn ohnehin nicht sehen). Proxima Centauri, unser nächstgelegener Fixstern, wäre im gleichen Maßstab mehr als 15000 Kilometer entfernt. Und selbst wenn man alles so weit verkleinert, dass der Jupiter so groß wie der Punkt am Ende dieses Satzes und der Pluto nicht größer als ein Molekül, wäre Pluto immer noch mehr als 100 Meter von uns entfernt.

Das Sonnensystem ist also wirklich riesengroß. Wenn wir den Pluto erreichen, sind wir von der Sonne- unserer geliebten, warmen, bräunenden, Leben spendenden Sonne – so weit entfernt, dass sie auf die Größe eines Stecknadelkopfes geschrumpft ist. Eigentlich ist sie dann nur noch ein heller Stern. Angesichts einer derart einsamen Leere versteht man besser, wie selbst die bedeutendsten Objekte – beispielsweise der Plutomond – der Aufmerksamkeit so lange entgehen konnten. (…)

An eines müssen wir dabei natürlich immer denken: Wenn wir das Universum als Ganzes betrachten, wissen wir eigentlich noch nicht einmal, was alles zu unserem eigenen Sonnensystem gehört.

(Fortsetzung folgt)

Am 29.12.2017 antwortete der Astrophysiker Hermann Nicolai im Berliner Tagesspiegel auf die folgende Frage des Journalisten:

Also nix mit der Menschheit als Krone und Zentrum der Schöpfung?

Wir sind so unvorstellbar unbedeutend, wie das Universum unvorstellbar groß ist. Die Voyager-Sonde, die 1977 gestartet ist, fliegt mit 17 000 Metern pro Sekunde durchs All und ist jetzt nach 40 Jahren gerade mal am Rande des Sonnensystems. Der nächste Stern von uns ist Alpha Centauri, vier Lichtjahre entfernt, im kosmischen Maßstab also ein Katzensprung. Mit jeder realistisch denkbaren Technologie braucht man dahin mindestens 30 000 Jahre. Und wir haben hier auf der Erde auch völlig falsche Vorstellungen davon, welche Materie im All dominiert. 74 Prozent der sichtbaren Materie im Kosmos – die dunkle lassen wir jetzt mal beiseite – ist Wasserstoff und 24 Prozent Helium. Die schwereren Elemente, die wir hier auf der Erde überwiegend vorfinden und aus denen wir bestehen, kommen von den restlichen zwei Prozent. Aber alles das wird von der Dunklen Materie überwältigt, von der es fünfmal so viel wie sichtbare Materie gibt.

Quelle hier

Vom Wesen der Stadt

Die trügerische Natur der 50er Jahre

Reichowplatz

Dieser Platz ist nach dem älteren Bruder (*1899) meines Vaters (*1901) benannt, der eine Architekt, der andere Musiker, der sich zeitlebens mit Klavierspiel beschäftigt hat, immer auf der Suche nach den natürlichen Grundlagen. (Siehe hier.) Dieses Wort wurde mir erst auffällig, nachdem ich in den Büchern des Architekten Reichow eine Redundanz naturbezogener Begriffe festgestellt habe. In den Jahren nach dem Krieg, in denen mein Vater (zu spät) sein Klavierspiel auf ein neues Niveau zu heben trachtete, auch eine umfangreiche Sammlung mit technischen Übungen niederschrieb, veröffentlichte sein Bruder zwei opulente Bände über „Organische Baukunst“, gewann Preise und machte als Städtebauer Karriere.

Hans Atelier in Rissen Wohnhaus & Atelier in Rissen (60er Jahre)

Hans Bernhard R

Dieses Bild gefiel ihm: der berühmte Sohn an der Seite seiner alten Mutter. Nach dem Frühstück pflegte er zuweilen Geschichten vorzulesen, die er der Zeitung entnommen hatte, z.B. von Thaddäus Troll. Von dieser Oma kommt übrigens die ganze Musik in die Reichow-Familie. Ich werde nie vergessen, wie der Onkel einmal nach meiner Geige verlangte und sich damit niederkrümmend abmühte, die „Air von Bach auf der G-Saite“ wiederzufinden. Er muss es in seiner Jugend mal geübt haben.

Stadtbaukunst Organische Stadtbaukunst Seite 28

Jeder Satz zeigt, dass es ihm um ein harmonisches Ganzes geht, einen einheitlichen Organismus“ geht, er will zeigen, „was alles wir einer gesunden Landschaft als wichtigster Voraussetzung menschenwürdigen Großstadtlebens heute mehr denn je schuldig sind: ihr ihre Reinheit und Ursprünglichkeit wiederzugeben und zu erhalten, wenn wir sie wieder zu dem machen wollen, was sie den Menschen gesunderweise immer war und bleiben muß: zum ewigen Jungborn unserer physischen und geistigen Kräfte!“ Wenig später ist sogar schon (1948) davon die Rede, wohin „die bedenken- und sinnlos weitergetriebene Versteinerung alles städtischen Grund und Bodens, der Höfe, Straßen und Plätze“ geführt habe: „zu bedenklichen Klimaveränderungen.“ Manches scheint vielleicht aktuell und enorm weitsichtig gedacht, wenn nicht die ins Umfassende zielende Wortwahl, der Ruf „nach einer neuen Verinnerlichung“, „einer neuen Beseelung des Kosmos“ viel zu hoch gegriffen wäre, angesichts der allenthalben noch sichtbaren, gigantisch realen Zerstörung, an der doch diese ganze Generation mitgewirkt hatte. Bewusst oder unbewusst? Fatal wird es, wenn dann dem Unbewußten ein Loblied gesungen wird:

Und wie die Verzweckung und Entseelung, Vermassung und Entinnerlichung all unseres Daseins in wechselseitiger Beziehung die Zerstörung jeder menschenwürdigen Lebenseinheit in der Großstadt zuwege gebracht, so vermag auch nur die übersichtliche, lebens- und naturnahe Gliederung der bisher amorphen Großstadtmassen und ihre sinnvolle u n b e w u ß t  wirkende, auf naturnahes Leben zielende Ordnung die Einheit alles Großstadtdaseins planvoll zu begründen.

Gerade das Unbewußte solcher Wirkung ist schließlich das Geheimnis ursprünglich gesunden Lebens!

Das unbewußte Wirken werden wir deshalb als Grundsatz bei der Ordnung und Gestaltung aller stadtlandschaftlichen Funktionen wiederfinden, weil es aller menschlichen Natur zum Besten dient. Denn der Mensch und seine Gesundheit, die Einheit und Ganzheit seines Daseins steht über allem im Mittelpunkt unseres städtebaulichen Denkens und Trachtens. (Seite 29)

Man begreift es nicht, wie man sich solchen Visionen von Einheit und Ganzheit hingeben kann, wenn man noch vor Augen hat, wie die Welt gerade in Trümmer gelegt wurde. Das Schlusskapitel des ersten Bandes allerdings ist überschrieben: Von der Dauer der Stadtlandschaft, danach folgt ein Motto von Raoul H. France: „Weltgesetz ist, was Dauer sichert.“ Und dann endlich der ganz kurze Blick in die jüngste Geschichte – ich vermute, dass die zwei Jahre nach Kriegsende psychologisch wie eine große Zeitspanne wirkten  und ohnehin der Blick auf eine schönere Zukunft gerichtet war:

Die wir den Aufbau unserer zerstörten Städte planen oder lenken, belasten uns alle mit einer ungeheuren Verantwortung. Noch in fernsten Zeiten wird es uns zur Ehre gereichen, wie wir diese Verantwortung trugen, welche Pläne und Entschlüsse wir faßten. Und niemand wird danach fragen, wer seine Städte zuerst und am schnellsten, am billigsten oder am aufwendigsten, sondern wer sie am weitsichtigsten für ein dauernd menschenwürdiges Dasein, wer sie organisch und gesund für die größte Dauer zu gestalten vermochte.

Die Hervorhebung in roter Farbe stammt von mir. Mein Großvater mütterlicherseits hatte ähnliche Wunschvorstellungen, allerdings bezogen auf sich selbst, seine nächsten Verwandten und ein engeres Leben auf dem Dorfe, bei Rohkostversorgung in guter Landluft, einem Leben nach den Reformvorstellungen Are Waerlands,  schon seit 1935 im Zeichen eines Dr. Malten („So heilt die Natur“). Für ihn war klar, dass er „gut 100 Jahre alt werden würde“ und wir alle für immer frei von Krankheiten sein würden. Politisch war er – nicht erst seit dem Krieg – kontrovers eingestellt, so dass mein Vater, mal in Polen, mal im norwegischen Kirkenes stationiert, besorgte Briefe an meine Mutter nach Hause schickte, sogar einen fast drohenden Ton anschlug (weil wir zuhaus „dem Vaterland in den Rücken fallen“), der sonst sorgfältig bewahrte Briefwechsel meiner Eltern weist hier plötzlich Lücken auf.

Stadtbaukust Trilogie

Mein Onkel richtete sein Augenmerk auf Städte von größter Lebensdauer, er schrieb den dritten Band der Trilogie nicht mehr, stattdessen „Die autogerechte Stadt“, womit er aber – entgegen dem verbreiteten Missverständnis – durchaus eine menschengerechte Stadt meinte. Es gab auch Großstädte, die er gelten ließ.

Stadtbaukunst San Francisco

Siehe auch: HIER (Wikipedia-Quelle)

Fragwürdig an Reichows „autogerechter Stadt“ ist aus heutiger Sicht vor allem sein permanenter Bezug auf biologistische Ideale, die er als „organisch“ und damit „naturwüchsig“ vorstellt. Damit einher ging die Vorstellung von der Großstadt als ungesunder Großeinheit, als Moloch, die es zu heilen, durch Ordnung und Städtebau in übersichtliche Nachbarschaften zu gliedern gelte. Dieser Impuls war bereits bei den Stadtreformern der englischen Gartenstädte und den Städtebauern der 1920er Jahre anzutreffen. Er war im Falle von Reichow anschlussfähig auch an völkisch und führerstaatlich motivierte kleinteilige „Organik“. Durchmischung, Überlagerung und Chaos, die städtisches Leben prägen und attraktiv machen, kommen in einer solchen Argumentation nicht vor.

Die andere Welt (auf der Lohe), die sich quasi „unbewusst“ (ohne Theorie) aufs Familiäre, Persönliche, die eigene Haut zurückzog, verließ sich darauf, dass ein Dr. Malten für den großen Überbau gesorgt hatte.

Malten Natur

Dr. Malten „So heilt die Natur“

Ich glaube nicht, dass mein Großvater den theoretischen Teil des Werkes wirklich durchgearbeitet und verstanden hat, ich selber bin immer drin steckengeblieben, zumal ich seit Mitte 1955 Julian Huxleys „Entfaltung des Lebens“ verinnerlichte und diese seltsame Teleologie des Dr. Malten wohl hätte widerlegen können. Andererseits bemerkte ich erst Anfang der 60er Jahre und später, in welchem Maße die Vorkriegsideologie uns alle im Griff gehalten hat. Der Titel des Buches von Ludwig Klages „Der Geist als Widersacher der Seele“ (das ich nicht besaß) spukte in unseren Köpfen herum, zuweilen in Rilkes poetischer Gestalt. Mit diesem Kalender bewaffnet fuhr ich im April 1960 zur Aufnahmeprüfung nach Berlin. Auch das subkutan wirkende Gegengift des Arztes Gottfried Benn war darin zu finden.

Kalender Rilke 1960 Kalender 1960 Benn

Dazu gehörte „Struktur der modernen Lyrik“ von Hugo Friedrich und Theodor W. Adornos „Philosophie der Neuen Musik“, weitere Gegenströmungen, die Moderne in jeder Form, aber auch die intensive Zuwendung zu fernöstlichen Gedankenwelten. Alles koexistierend. Liebe zur Natur und Skepsis gegenüber Naturschwärmerei. Abkehr vom Vegetarismus als Abwehr des Elite-Denkens. Berlin / Köln / Großstadt erleben.  „Berlin Alexanderplatz“, Jürgen Becker (!), Musil, Proust, Christopher Caudwell. Den Rest besorgten die 68er Jahre.

Nietzsche, mit dessen Zarathustra ich begonnen hatte, ahnungslos, was sein Freund Peter Gast mir im Nachwort einbrockte oder unterjubelte, seriös angehoben durch den Ober-Nazi Alfred Bäumler, – erst mit dem Buch von Karl Jaspers wurde mir klar, dass „wilde“ Nietzsche-Lektüre viel vergeudete Zeit bedeutete. Andererseits – dass Unordnung nicht grundsätzlich vom Teufel war:

Dörfer in der Stadt

*  *  *  *

Mein Motiv, diesen Artikel zusammenzustellen, lag in der These, dass vieles, was in meiner Jugend gut gewesen sein soll, aus der Zeit vor dem Krieg stammte; und nur dieser selbst, wie auch die Hitlerzeit insgesamt wurde weitgehend ausgeklammert, als habe es sich nur um einen Betriebsunfall gehandelt. Man müsse jetzt nur die ewigen Werte wieder ernsthaft beherzigen. Daher erschien es mir wichtig, die Rolle Adornos und die (linke) Studentenbewegung hervorzuheben. Ich hatte die Bände zur Organischen (Stadt-)Baukunst noch nicht gründlich genug gelesen. Im Vorwort des ersten Bandes wird durchaus Bezug auf den Krieg genommen, und es wird klargestellt, dass das Werk in den Grundzügen eben schon vor den großen Zerstörungen geschaffen worden ist. Klar ist immerhin, dass die idealistische Weltsicht keinerlei prinzipiellen Schaden erlitten hat. Weiterhin wird – wenn ich recht verstehe – für die Ewigkeit gebaut.

Organische Stadtbaukunst Vorwort 1948 Organische Stadtbaukunst

Und um meinem Vater, der schon mit 58 Jahren starb, Ehre zu erweisen, möchte ich auch von seinem Werk, an dem er mit Herzblut arbeitete, wenigstens den Anfang wiedergeben. Die klavierspielenden Söhne habe es zu seinen Lebzeiten wenig geschätzt. Wir hielten es für eine Zwangsjacke. Eine Fehleinschätzung natürlich. Übrigens hat er nie von ewigen Werten gesprochen, er war ein Skeptiker und sprach mit Emphase nur von der Pflicht. Wahrscheinlich wären wir uns heute näher als früher.

Artur Reichow Klavier 1a  *  *  *Artur Reichow Klavier 1b  *  *  *

Ich schreibe dies also nicht, um mit den Leitbildern meiner Jugend abzurechnen. Sie erschienen mir nicht als solche, ich war nachhaltig beeindruckt durch einen Vortrag (incl. Diskussion) von Carlo Schmid über „Vorbilder“. Ein älterer Mitschüler im Publikum stand auf und beschwerte sich, dass er Jesus nicht genannt habe! Ich fühlte mich mit der Verehrung Albert Schweitzers auf der sicheren Seite (Arzt in Afrika, Bach-Forscher, bekennender Nietzsche-Leser trotz „Leben-Jesu-Forschung“). Ich schreibe um die unmittelbar mich betreffende Vorgeschichte zu verstehen. Mein „Zarathustra“ ist markiert durch drei Unterschriften, womit drei Generationen gekennzeichnet sind, jeweils im Alter von 17, 16, 15 Jahren, aber auf sehr verschiedenem Bewusstseinsstand. Ich glaube nicht, dass Nietzsche das Problem war (der war geschützt durch seine mythologisch überbordende Schreibart), sondern der schrecklich verständliche Peter Gast mit seinem Nachwort. Diese Kröner-Ausgabe war 1930 gedruckt worden, meine Mutter war Jahrgang 1913.

Zarathustra Signaturen

1981 war das Nietzsche-Thema in der Familie geläufig, das Wagner-Thema sowieso, Adornos „Versuch über Wagner“ lag griffbereit seit 4. April 1966 (da hatte ich meine Staatsarbeit über den „Tristan“ längst geschrieben, und derjenige, der eines Tages als letzter mit roter Schrift Besitzrechte am Zarathustra dokumentieren sollte, war gerade 4 Tage alt ).

Das Nachwort des Nietzsche-Freundes Peter Gast (1854-1918!!) ist heute wohl kaum noch zu finden und soll hier in Auszügen wiedergeben werden. Interessant übrigens, dass der „Instinkt“, der als bedeutsam lenkende Instanz durch Nietzsche zu Ehren kam, die gleiche Rolle spielte wie später das Unbewusste, das in deutschen Kreisen der 30er Jahre durchaus nicht zu dem Konnex gehörte, der von Sigmund Freud und der Psychoanalyse entwickelt worden war.

Nietzsche Peter Gast Nachwort 1 Nietzsche Peter Gast Nachwort 2 Nietzsche Peter Gast Nachwort 3 Nietzsche Peter Gast Nachwort 4 Nietzsche Peter Gast Nachwort 5 Nietzsche Peter Gast Nachwort 6 Nietzsche Peter Gast Nachwort 7Nietzsche bei Kröner

Gescannt aus dem Original Alfred Kröner Verlag Leipzig 1930. In meinen Händen ab November 1956. Bis Ende desselben Jahres besaß ich auch die anderen Werke Nietzsches, die im Anhang annonciert waren, alle weiterhin ausgestattet mit den Nachworten des Propagandisten und Fälschers Alfred Bäumler!!! Man lese die zuletzt wiedergegebenen „Waschzettel“. Um hier auch noch direkt aus Bäumlers Nachwort zur „Fröhlichen Wissenschaft“ (Seite 324) zu zitieren:

Zu dem Thema Deutschland gehört auch der höchst wichtige Aphorismus über Luther (Nr. 358). Der Begriff des „guten Europäers“, der schon in ‚Menschlich, Allzumenschliches‘ auftritt und in ‚Jenseits von Gut und Böse‘ eine Rolle spielt, erfährt im Aphorismus 377 eine ausführliche Darstellung. Im ‚Wanderer und sein Schatten‘ ist den guten Europäern die Aufgabe und Überwachung der gesamten Erdkultur zugewiesen (Aph. 86). Zur Erfüllung dieser Aufgabe ist eine „Verstärkung und Erhöhung des Typus Mensch“ nötig. Nichts steht dem mehr entgegen als die „Religion des Mitleidens“, die seit der Französischen Revolution in Europa vorherrschend ist. Wir guten Europäer, so erläutert Nietzsche im ‚Willen zur Macht‘ (Aph. 117) seinen Gedanken, führen im Grunde einen Krieg gegen das 18. Jahrhundert. Unter dem 18. Jahrhundert versteht Nietzsche immer das Jahrhundert Rousseaus und der Revolution.

Alfred Baeumlers Tendenz ist klar, auch wenn er vorgibt, nur Nietzsches Worte wiederzugeben. Und es scheint ja auch so, als ob er die Einführung von Peter Gast, der noch dem 19. Jahrhundert angehörte, in aller Harmlosigkeit beigefügt hat. Er weiß, dass sie prophetisch gelesen wird, auch wenn gerade von Napoleon die Rede ist:

„Die Menge  b r a u c h t  nicht nur Führer, sie  w i l l  sie selbst, wenn auch uneingestandenermaßen. Sie weiß mit sich nichts anzufangen; sie wird sich auf die Dauer zum Ekel. – Kommt aber der Große, dann fühlt sie mit heiligem Schauer, was sie nie gefühlt: daß über ihr noch sieben Himmel der Übermenschheit ausgespannt sind!“

Siehe oben im Peter-Gast-Text Seite 406. Siehe auch in Wikipedia über Alfred Baeumler HIER. Im Artikel über Peter Gast dagegen fehlt vielleicht der warnende Hinweis, dass dieser Mann ein peinlicher Jünger des vereinsamten Nietzsche war, mit wenig eigenem Denkvermögen.

Um Nietzsches Denken näherzukommen, bedurfte es eines Karl Jaspers, dessen große „Einführung in das Verständnis seines Philosophierens“ 1935 in Heidelberg abgeschlossen wurde  (Walter de Gruyter Berlin & Leipzig 1936). Ich erwarb das Buch im Mai 1965 und erlebte einen völlig neuen, differenzierten Nietzsche. Man kann nur vermuten, dass das Buch auf Grund seiner gedanklichen Akkuratesse in den 30er Jahren unterging oder einfach nicht verstanden wurde.

Es gab einen langen Vorlauf für die simplifizierende Weltanschauung der Hitlerzeit und ein Nachspiel bis in die zweite Hälfte der 60er Jahre, mindestens. Und vieles davon hatte mit meinem Leben zu tun. Jedenfalls, sobald ich genauer hinschaue.

Ein unverbindliches Vielerlei? Durchaus nicht. Ein Wort noch zum Lesen; Karl Jaspers im Vorwort zu seinem Nietzsche-Buch:

Nietzsche zu lesen, gilt manchen als leicht; wo man ihn aufschlägt, kann man ihn unmittelbar verstehen; fast auf jeder Seite ist er interessant; seine Urteile faszinieren, seine Sprache berauscht; die kürzeste Lektüre belohnt. Jedoch entstehen schon Störungen, wenn man, stehen bleibend bei solchen Eindrücken, viel lesen will; die Begeisterung für den unmittelbar ansprechenden Nietzsche schlägt in Abneigung gegen ein scheinbar unverbindliches Vielerlei um; immer anderes bei ihm zu lesen wird unerträglich. So aber wird weder ein wahres Verständnis noch die rechte Schwierigkeit erreicht.

Maximen

Beginne den Tag!

Orpheus

Auch ich könnte so in Rätseln sprechen, und jede Leserin, jeder Leser ebenfalls, und vielleicht schauen Sie manchmal in solche Ratgeber. Wie ich mit 15, als ich das Weiseste beherzigen wollte, was es gibt (aber das war wirklich nur die eine Seite meiner Pläne), das Taoteking (seit gestern wieder ganz neu, nämlich als Daodejing abgesegnet von Jan Philipp Reemtsma). Und inzwischen bin ich ganz skeptisch gegenüber solchen Rätselsprüchen, die nur deshalb so weise erscheinen, weil sie so vieldeutig sind, am Ende legt man das Allerweiseste selbst hinein. Und mag es um so weniger hochschätzen. Den Zarathustra wollte ich am liebsten auswendig lernen, ach, diese schrecklichen Prophetengebärden! Urworte Orphisch, alle Strophen schrieb ich mir mit Tinte an die Fensterscheiben, so dass ich lesen und lernen konnte, während ich auf die Stadt Bielefeld hinabschaute. Vom Paderborner Weg 26 (heute Furtwänglerstraße). Mein heutiges Urwort steht nun da oben als Überschrift. Und ehrlich gesagt: ich kam darauf, weil ich gestern tatsächlich mal nachgeschlagen habe, was denn im Ernst am Tempel von Dephi stand. Ich erinnerte nur einen Spruch, aber es waren derer (dessen?) drei, wenn richtig ist, was im Buch von Kükelhaus (s.a. hier) stand, das ich gerade aufwärmte (ich sage nicht wo):

(Überlegen Sie selbst)

Beginne den Tag. Womit? Klar: mit etwas, was du gut kannst. Sagen wir: Geigespielen, aber nur was wirklich gut gelingt. Notfalls leere Saiten einstimmen und einfach nur streichen. Oder sonst eine Bewegung, eine rein gymnastische Grundhaltung. Sagen wir: Im Gleichgewicht stehen. Wichtig ist nur eins: Keine Kritik! (Ich bin hässlich. Ich bin gebrechlich. Das Wetter ist schlecht. Dies wird nicht mein Tag. Das alles NICHT. Aber auch sonst nichts mit NICHT.)

Kükelhaus

Quelle Hugo Kükelhaus, Rudolf zur Lippe: Entfaltung der Sinne / fischer alternativ / Frankfurt am Main 1984

In der Tat, es sind drei Sprüche, von denen aber der dritte so rätselhaft ist, dass er kaum je zitiert wird. Wikipedia sagt:

Der Überlieferung zufolge sollen am Eingang des Tempels von Delphi die Inschriften „Erkenne dich selbst“ (gnôthi seautón, γνῶθι σεαυτόν) und „nichts im Übermaß“ (μηδὲν ἄγαν, medèn ágan), angebracht gewesen sein. Insbesondere die erste, bekanntere Aufforderung deutet die eigentliche Absicht des Kultes bzw. der verehrten Gottheit an, nämlich die Auflösung individueller Probleme und Fragestellungen durch die Auseinandersetzung mit der eigenen inneren Persönlichkeit. Die Erkenntnis der „Innenwelt“ diente damit als Zugang zur Problemlösung in der „Außenwelt“.

Die zweite Inschrift (medèn ágan, „Nichts im Übermaß“, „Alles in Maßen“) mahnt zur Bescheidenheit im eigenen Tun. Das rechte Maß steht für eine Grundfigur antiken griechischen Denkens, die neben der platonischen Seinslehre bis zur aristotelischen Tugendethik auch die Musik, die Mathematik, Medizin und viele andere gesellschaftlichen Bereiche erfasste.

Die Existenz dieser Inschriften ist nicht durch archäologische Funde, sondern aus schriftlichen Überlieferungen bekannt. So lässt z. B. Platon im Phaidros und vor allem im Symposion den griechischen Philosophen Sokrates über die Bedeutung dieser Inschriften referieren.

Weit weniger bekannt ist, dass nach einer Überlieferung des Charmides sowie dem etwa 500 Jahre jüngeren Bericht Plutarchs zu diesen beiden Weisheiten noch eine dritte, „Du bist“ (), gehört. Inwieweit diese das Portal zierte, ist ungewiss. Nach Plutarchs Erzählung war sie vermutlich eher eine gesprochene Antwort der Besucher des Tempels auf die Inschriften. Durch ihre später gewonnene Bedeutung kann sie jedoch legitim als „dritte apollonische Weisheit“ gelten.

Um darüber Genaueres zu erfahren, empfehle ich, an den zitierten Ort zu gehen, an die

Quelle bei Wikipedia: HIER (Orakel von Delphi)

Womit aber begann mein Tag? (Nachdem ich diesen Artikel begonnen hatte und bei Kükelhaus innehielt?) Mit der erneuten Lektüre eines Interviews mit Thomas Lange, dessen Methode ich gerade erst (vom Hörensagen oder Sagenhören) kennengelernt habe. Ein Zitat, das zu meiner oben angedeuteten und dort vielleicht in ihrer Bedeutung übertrieben dargestellten Einsicht passt:

Ja, eine Sache, die ich immer wieder sehe, ist die Kritik am eigenen Spiel, dass Spieler sich während des Spielens kritisieren. Und ich bin der Meinung, dass das nicht ins Spiel rein gehört. Wenn überhaupt Kritik, dann sollte diese ausserhalb des Spielprozesses passieren. Um diese störende Art von Selbstbeobachtung zu beschreiben, hole ich etwas aus und gehe einen Schritt zurück in die Wissenschaft: 1927 hat Heisenberg die sogenannte Unschärferelation entdeckt. Wenn man eine Sache bzw. ein Objekt beobachtet, z.B. im atomaren Bereich, verändert sich nur dadurch, das sie beobachtet wird, die Sache. Und dann hat er noch festgestellt, dass durch verschiedene Arten von Beobachtung die Sache sich auf verschiedene Weise verändert. Das ist ein großes Thema in der Quanten-Physik. Für mich gilt das aber eigentlich für jeden Lebensprozess. Sobald ich eine Sache beobachte, verändert sich die Sache selbst.
Deswegen braucht man beim Musizieren das, was ich eine Feldwahrnehmung nenne. Das heisst, man sieht ein Feld, mit einem Musiziervorgang darin, und man sieht sich selbst auch in diesem Feld agieren und wie man auf den Musiziervorgang einwirkt.
Die besonders störende Art von Selbstbeobachtung, die kritisch untersuchende Selbstbeobachtung, lässt den Prozess stehen, obwohl die Musik eigentlich immer weiter fließen möchte. Das verhindert sozusagen das Basiselement von Musik, dass der Klang immer weiter fließt. Also: Kritik verhindert Resonanz.

Quelle Thomas Lange: Resonanzlehre HIER

Und wie soll ich den Artikel beenden? Indem ich einfach aufhöre und zum Beispiel solch ein Feld schaffe. Aber vielleicht ohne an Heisenberg zu denken…

Lenggries vor 44 Jahren

Weihnachtsoratorium mit dem Collegium Aureum

Entscheidender Faktor: der Tölzer Knabenchor unter Gerhardt Schmidt-Gaden. Die quirlige Vitalität in der Polyphonie. Und alle waren verliebt in die samtene Stimme von Andy Stein. Schwer erträglich schon damals: die halbtaktig skandierende Betonung der Choräle. Wohl ein Missverständnis.

WeihnachtsOratorium 1973 Kirche innen a Die Aufnahmesituation

WeihnachtsOratorium 1973 vorn

WeihnachtsOratorium 1973 Mitwirk  WeihnachtsOratorium 1973 Instr

WeihnachtsOratorium NotenWeihnachtsOratorium 1973 Fotos a WeihnachtsOratorium 1973 Fotos b

Autogramme: Barry McDaniel, Andreas Stein, Gerhard Schmidt-Gaden, Franzjosef Maier. Acht Fotos von oben links in drei senkrechten Reihen, 1 Barry McDaniel, 2 Fj Maier, Theo Altmeyer, Hans Buchhierl, 3 Theo Altmeyer, Andy Stein 4 G. Schmidt-Gaden, Wolfgang Neininger, Jan Reichow, Franz Beyer, Karlheinz Steeb, Peter Mauruschat, Heinrich Alfing, 5 Karlheinz Steeb, Hans Buchhierl, Horst Beckedorf, Rolf Schlegel, Franz Lehrndorfer (Orgel), G. Schmidt-Gaden 6 Steeb, Hans-Georg Renner, Bruce Haynes, P. Mauruschat, Robert Bodenröder, 7 gesamt 8 Andy Stein, Hans-Georg Renner, Bruce Haynes.

Alle Fotos: Marianne Adelmann, Zürich / Das Impressum zeigt merkwürdigerweise den wichtigsten Namen der Produktion NICHT: Dr. Alfred Krings. Er war seit 1969 fest angestellt im WDR, blieb aber parallel dazu der – neben Rudolf Ruby – führende Kopf der Harmonia Mundi. Er steckt wohl letztlich hinter dem unten wiedergegebenen musikwissenschaftlichen Kontext (Wolfgang Werner ist mir unbekannt). Ebenso wird er den Beitrag „Wider den Strich“ von Walter Dirks in Auftrag gegeben haben, dessen 80. Geburtstag im Kleinen Sendesaal des WDR vom Bläserensemble des Collegium Aureum mit Mozarts Gran Partita beehrt wurde.

WeihnachtsOr Namen Produktion *  *  *

Der musikwissenschaftliche Stand

WeihnachtsOratorium 1973 Rhetor Über  *  *  *  WeihnachtsOratorium 1973 Rhetor  *  *  *

Der geistige oder auch „geistliche“ Hintergrund *  *  *

WeihnachtsOratorium 1973 Wider den Strich

Aus dem Beitrag „Wider den Strich“ von Walter Dirks.

Übrigens: in demselben Jahr 1973 kam auch das Weihnachtsoratorium unter Nikolaus Harnoncourt heraus (mit den Wiener Sängerknaben), im Jahre 1982 erschien sein Buch „Musik als Klangrede“, wodurch dieses Wort zum meistgebrauchten in der Bach-Praxis wurde.

(wird fortgesetzt)

Hamburgfahrt nach Xavier-Chaos

Wochenende 7.- 8. Oktober

Eine Bahnreise war geplant, aber alle Verbindungen hatte der Sturm gekappt, daher die Autofahrt zum Familientreffen nach Hamburg, Samstag hin, Sonntag zurück mit Umweg über Buxtehude und Stade. Für die innere Reise bedeutungsvoll die Begegnungen (Familie) und die Begleitmusik im Auto: „Nachtviolen“ – Schubert mit Gerhaher, vor einigen Jahren im (verlorenen) Blog mit einer Artikelreihe bedacht, Rekapitulation (was ist geblieben?) plus neue Lyrikerfahrungen (hier). Entzifferung der Texte mit dem bloßen Ohr, vergleichbar einer verrätselten Bildbetrachtung.

Buxtehude a (Handy-Foto JR)

Nachtviolen

Zum Vergleichen: Herbst D 945 mit Christian Gerhaher (Gerold Huber) hier
und mit Dietrich Fischer-Dieskau (Gerald Moore) hier . Zum „eiligen“ Vergleich vieler Stimmen (und der Klavierbegleitungen!) siehe hier. Der Text:

Herbst
(Ludwig Rellstab)

Es rauschen die Winde
So herbstlich und kalt;
Verödet die Fluren,
Entblättert der Wald.
Ihr blumigen Auen!
Du sonniges Grün!
So welken die Blüten
Des Lebens dahin.

Es ziehen die Wolken
So finster und grau;
Verschwunden die Sterne
Am himmlischen Blau!
Ach, wie die Gestirne
Am Himmel entflieh’n,
So sinket die Hoffnung
Des Lebens dahin!

Ihr Tage des Lenzes
Mit Rosen geschmückt,
Wo ich die Geliebte
Ans Herze gedrückt!
Kalt über den Hügel
Rauscht, Winde, dahin!
So sterben die Rosen
Der Liebe dahin.

***

JR in Buxtehude 171008 In Buxtehude (Foto E.Reichow)

Falls ich gefragt werde: warum hältst Du denn da in Buxtehude die Philosophischen Schriften von Rudolf Eucken umklammert? so antworte ich: ich habe sie gerade in einer Telefonzelle „eingetauscht“, – ohne einen Gegenwert zu hinterlassen:

JR Tauschbörse Buxtehude

In der Telefonzelle lagen aufeinandergestappelt u.a. an die hundert Bände einer Sammlung Nobelpreis für Literatur, so auch der das Jahr 1908 betreffende Band, in dem Rudolf Eucken (geboren in Aurich!) ausgezeichnet worden war. Ich las, noch halb ins Innere der Zelle geneigt, einige Zeilen zur Geschichte der Zuerkennung gerade dieses Preises, – da war’s um mich geschehen. Es ging um den „Idealismus“ zur Zeit unseres alten Kaisers Wilhelm II, und der von ihm komponierte und getextete „Gesang an Ägir“ wurde erwähnt. (Warum finde ich diese Perle nicht in Wikipedia?)

Eucken Nobel Wilhem II a Eucken Nobel Wilhem II b

Und nochmals lese ich mich fest – nach Haus zurückgekehrt –  im Spiegel-Artikel zum Populären unter Wilhelm II (sehr lesenswert: hier). Spielte der Idealismus zu seiner Zeit in etwa die Rolle, die zu Schuberts Zeit – in der Metternich-Ära – die gute alte „Romantik“ spielte? Rechtzeitig ist heute das (von JMR empfohlene) Schubert-Buch eingetroffen:

Schubert Harry Goldschmidt a  Schubert Harry Goldschmidt b

Quellen 

a) Kleine Geschichte der Zueignung des Nobelpreises an Rudolf Eucken von Dr. Gunnar Ahlström, Mitglied des Schwedischen Instituts, in: Sammlung Nobelpreis für Literatur 1908

b) Harry Goldschmidt: Franz Schubert / Ein Lebensbild / VEB Deutscher Verlag für Musik Leipzig 1962

Nun wird es auch für mich Zeit, mein Buxtehuder Foto vom Kopf auf die Füße zu stellen und mir vorzunehmen, Schubert in späteren Artikeln nicht aus den Augen zu verlieren:

Buxtehude b (Handy-Foto JR)

Baukörper und Körperbau

Der Architekt spricht und betet

[ZITAT aus Paul Valéry: Eupalinos oder Der Architekt]

O Phaidros, wenn ich eine Wohnstätte erfinde (sei es für die Götter, sei es für einen Menschen) und wenn ich diese Form suche mit Liebe, mich bemühend, einen Gegenstand hervorzubringen, der den Blick erfreue, der sich mit dem Geiste unterhalte, der im Einklang sei mit der Vernunft und mit den zahlreichen Bedingungen, die üblich sind, . . .  so muß ich dir eine befremdliche Sache sagen: Es scheint mir, als sei mein eigener Körper mit dabei . . . Laß mich sagen. Dieser Körper ist ein wunderbares Instrument, und ich überzeuge mich immer mehr, daß die Lebendigen [die Wiedergabe des Gesprächs findet in der Unterwelt statt], die ihn alle in ihrem Dienst haben, ihn nicht in seiner Fülle ausnutzen. Sie gewinnen ihm nur Vergnügen ab, Schmerzen und die unerläßlichen Anwendungen, wie eben zu leben. Manchmal verwechseln sie sich mit ihm; gelegentlich vergessen sie einige Zeit seine Existenz; und bald zu stumpf, bald reine Geister, wissen sie gar nicht, welche allgemeinen Zusammenhänge sie enthalten und aus was für einem unerhörten Stoff sie gemacht sind. Eben durch ihn nehmen sie teil an dem, was sie sehen, und an dem, was sie berühren: sie sind Steine, sie sind Bäume, sie tauschen Berührungen und Hauche aus, mit dem Stoff, der sie zusammenfaßt. Sie berühren, sie werden berührt, sie sind schwer, und sie heben Gewichte, sie rühren sich und tragen mit sich herum ihre Tugenden und ihre Laster; und wenn sie in Träumerei verfallen oder in den unbestimmten Schlaf, so wiederholen sie die Natur der Wasser, sie werden Sand und Wolken . . . Bei anderen Gelegenheiten versammeln sie sich in den Blitz und schleudern ihn! . . .

 Aber ihre Seele weiß durchaus nicht, was mit dieser Natur, die ihr so nahe ist und die sie durchdringt, beginnen. Sie eilt voraus, sie bleibt zurück, sie scheint den Augenblick selbst zu fliehen. Sie erhält von ihm Anstöße und Antriebe, die es mit sich bringen, daß sie sich in sich selbst entfernt und sich in ihrer Leere verliert, wo sie Dünste zur Welt bringt. Ich dagegen aber, unterrichtet durch meine Irrtümer, ich sage im hellsten Licht und wiederhole mir bei jeder Morgenröte: [hier folgt das Gebet an den Körper].

Quelle: folgt weiter unten

***

Ich hatte einige Tage im Garten geschuftet, schubkarrenweise Stein & Erde fortgeschafft, in Schweiß gebadet, und ein Gedanke war nicht wegzuwischen: hält der Körper noch durch? Immer dort hinunter, an der alten, efeuüberwachsenen Eiche vorbei, dem Vogelparadies, abwärts in die Richtung, aus der man das Bussard-Junge unentwegt in den Erlen pfeifen hört. Immer wieder dort hinunter und mit geleerter Karre wieder rauf!

Eiche Juli 2017

Ich dachte an meinen Großvater und keuchte. Aber der rettende Zweit-Gedanke war: Paul Valéry. Ich hätte mehrere Gründe, zu ihm zurückzukehren, an den Schreibtisch. „Die Seele und der Tanz“ oder „Eupalinos“ mit seinem Gebet an den Körper! Und dann, am Donnerstag, kam die ZEIT mit der folgenden Titelseite (bitte anklicken, vergessen Sie auch nicht die ganz kleine, ins Dunkel gerückte Schlagzeile rechts unten in der Ecke!):

ZEIT Körper

Im Innern zwei mächtige Feuilleton-Seiten über Fitnesskultur. Naja, das war zu erwarten. Was mich jedoch beflügelte, stand im Zeit-Magazin, – lachen Sie nur nicht! -, es stammt von einem Chirurgen, in dessen Abteilung Menschen neue Hüften und Knie bekommen. Nein, da liegen meine Probleme nicht; gewonnen hat der Mann bei mir mit der Antwort auf die Frage: „Mussten Sie anfangs Ekel überwinden, als Sie zu operieren begannen?“ Seine Antwort: „An meinem Bereich finde ich eigentlich nichts eklig. Im Gegenteil: Von innen sehen die Gelenke, Knochen und Muskeln richtig ästhetisch aus.“ Ein bewundernswerter Arzt! (Peter Naatz, Chefarzt der Abteilung für Untere Extremitäten und Wirbelsäulenchirurgie im Immanuel-Krankenhaus Berlin.) Und auf die Frage, wie er sich denn selbst sehe – „als Reparateur, Mechaniker, Knochenhauer?“ – entgegnete er:

Weder – noch, für mich ist der Körper keine Maschine. Wenn man sieht, wie komplex und genial das alles aufgebaut ist, wird man eher demütig. Die Knochen etwa sind ja deswegen sehr bruchstabil, weil sie durch die Muskeln und Sehnen aufgespannt und eingebettet sind. Mir ist durch meine chirurgische Arbeit immer klarer geworden, dass man in diesem Verbund nicht unhinterfragt eben mal was austauschen kann. Oft liegt bei einem Problem ja gar keine strukturelle Veränderung des Gewebes vor, sondern das Zusammenspiel zwischen Gelenken, Muskeln und Nerven ist gestört. Die mentale Verfassung des Patienten spielt dabei auch eine große Rolle. So ein Problem kann man nicht nur mit dem Messer lösen.

Quelle Zeit Magazin 13. Juli 2017 (Seite 29) „Ich werde immer ehrfürchtiger vor der Natur“ Wo der Schmerz sitzt, kann Peter Naatz schon am Gang eines Patienten sehen. In seiner Abteilung bekommen Menschen neue Hüften und Knie. Wie ein Chirurg auf den Körper schaut / Von Christine Meffert

[Das Gebet des Eupalinos:]

O, mein Körper, der du mir jeden Augenblick zum Bewußtsein bringst diesen Ausgleich meiner Neigungen, dieses Gleichgewicht deiner Organe, diese richtigen Verhältnisse deiner Teile, die bewirken, daß du bist und dich immerfort erneuest im Schoße der beweglichen Dinge: wache über meinem Werk; lehre mich heimlich die Forderungen der Natur und übertrage mir diese große Kunst, mit der du ausgestattet bist, so wie du bestehst durch sie, die Jahreszeiten zu überdauern und dich zurückzunehmen aus den Zufällen. Gibt mir, daß ich in der Verbindung mit dir das Gefühl für die wahren Dinge finde; mäßige, bestärke, sichere meine Gedanken. So vergänglich du auch bist, du bist es sehr viel weniger als eine Laune, du zahlst für meine Handlungen, und du büßest für meine Irrtümer: Instrument des Lebens, das du bist, du bist für jeden von uns der einzige Gegenstand, der sich mit dem Weltall vergleichen läßt. Der ganze Himmelsumkreis hat immer dich zur Mitte; o Gegenstand der gegenseitigen Aufmerksamkeit eines ganzen gestirnten Himmels! Du bist recht das Maß der Welt, von der meine Seele mir nur das Äußere vorstellt. Sie kennt sie ohne Tiefe und so oberflächlich, daß sie manchmal imstande ist, sie in eine Reihe mit ihren Träumen zu stellen; sie zweifelt an der Sonne. . . Von sich eingenommen durch ihre vergänglichen Hervorbringungen, glaubt sie sich fähig, eine Unzahl verschiedener Realitäten zu schaffen; sie bildet sich ein, es gäbe noch andere Welten, aber du rufst sie zurück zu dir, wie der Anker das Schiff zu sich zurückruft . . .

Mein besser erleuchteter Geist wird nicht aufhören, teurer Körper, dich von jetzt ab zu sich zu rufen; noch wirst du, hoffe ich, unterlassen, ihm deine Gegenwart, deinen Beistand, deine Bindungen an den Ort zur Verfügung zu stellen. Denn endlich haben wir das Mittel gefunden, du und ich, uns verbunden zu halten und den unauflösbaren Knoten unserer Unterschiede: ein Werk soll unsere Tochter sein. Wir haben jeder nach unserer Seite hin gehandelt. Du lebtest, ich träumte. meine weiten Träumereien führten zu einer grenzenlosen Ohnmacht. Aber das Werk, das ich jetzt hervorbringen will und das nicht von selbst geschieht, möge es uns zwingen, uns gegenseitig zu antworten, und einzig aus unserem Einverständnis hervorgehen! Aber dieser Körper und dieser Geist, aber diese Gegenwart, unbezwinglich gegenwärtig, und diese schöpferische Abwesenheit, die sich um das Wesen streiten und die man endlich zusammenfassen muß; aber dieses Begrenzte und dieses Unendliche, das wir hinzubringen, jeder nach seiner Natur, jetzt müssen sie sich verbinden, in einer wohlgeordneten Aufrichtung; und wenn wir durch die Gnade der Götter verständig arbeiten, wenn sie untereinander das Überkommene und die Gnade austauschen, Schönheit und Dauer, Bewegungen gegen Linien und Zahlen gegen Gedanken, so wäre es so weit, daß sie endlich ihre wirkliche Beziehung entdeckt hätten, ihre Handlung. Mögen sie sich verabreden, mögen sie einander verstehen mittels des Stoffs meiner Kunst! Die Steine und die Kräfte, die Profile und die Massen, die Lichter und die Schatten, die künstlichen Zusammenfassungen, die Täuschungen der Perspektive und die Wirklichkeiten der Schwerkraft, solches sind die Gegenstände ihres Umgangs, dessen Gewinn endlich jener unverderbliche Reichtum sei, den ich Vollendung nenne.

Quelle Paul Valéry: Eupalinos oder Der Architekt /  Übertragen durch Rainer Maria Rilke / aus: Rowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft / Französische Literatur Band 11 / März 1962 / Seite 115 ff / Mit Genehmigung des Insel-Verlages, Frankfurt am Main / Umschlagentwurf Werner Rebhuhn unter Verwendung einer Aufnahme, die Valéry als Mitglied der Académie Française zeigt (Foto Ullstein Bilderdienst).

Dieser Band enthält auch die wichtigsten Gedichte Valérys in französischer und deutscher (Rilke) Sprache und den ebenso schönen Dialog „Die Seele und der Tanz“. Am Ende auch noch einen wunderbaren Essay „Zum Verständnis des Werkes“ von Ernst Robert Curtius.

Ich habe dieses „Gebet“ abgeschrieben, um es immer wieder einmal Satz für Satz durchzugehen, durchzu d e n k e n , nicht einfach als schöne Sprache vorüberziehen zu lassen. Jeder Satz hat Sinn. Wobei natürlich im Auge zu behalten ist, dass der (von Freund Phaidros dem Sokrates gegenüber bewundernd zitierte) Baumeister Eupalinos Bauwerke meint, wenn er von „Werk“ spricht, von Werken, die aus dieser Verbindung von Körper und Geist hervorgehen sollen. Wobei dahingestellt bleiben mag, ob wir uns dabei insgeheim moderne architektonisch gestaltete Gebäude oder griechische Tempel vorstellen sollen. Oder ob wir so frei sein sollen, uns Werke denken dürfen, zu denen eben jeder von uns als vergängliches Individuum fähig ist, wenn er die kreative Verbindung zwischen Kopf und Hand „ins Werk“ setzt. Ich gestehe, dass ich bei der harten Gartenarbeit daran gedacht habe, dass eben die von mir (oder uns) gestaltete Natur als Werk gelten könnte, das aus sich selbst heraus – als Natura naturans – mitarbeitet und erst vollkommen wird, wenn die Spur unserer Hand sich wieder verliert. (Die Hand kann aufs neue tätig werden…)

Zugleich weiß ich, dass in diesem Dialog die Kunst des Architekten letztlich mit der Musik in Verbindung gebracht werden soll. Zunächst: dass es Sokrates (Valéry) darum geht zu erfahren, was Eupalinos sagen könnte „in bezug auf jene Bauwerke, von denen er meinte, <daß sie singen>“:

 Ich halte sie [die Künste] aneinander, ich suche die Unterschiede; ich will den Gesang der Säule hören und mir im klaren Himmel das Denkmal einer Melodie vorstellen. Diese Einbildung führt mich sehr leicht dazu, auf die eine Seite die Musik zu stellen und die Architektur, und auf die andere die anderen Künste. Eine Malerei, lieber Phaidros, bedeckt nur eine Oberfläche, die einer Bildtafel oder einer Mauer; und auf ihr täuscht sie Gegenstände vor oder Personen. Ebenso schmückt der Bildhauer immer nur einen Teil unseres Ausblicks. Aber ein Tempel, wenn man an ihn herantritt, oder gar das Innere des Tempels, bildet für uns eine Art vollkommener Großheit, in der wir leben . . .  Wir sind dann, wir bewegen uns, wir leben im Werk eines Menschen!

Er zielt also auf die Musik, und hier breche ich ab, so eindrucksvoll dieses Nachdenken über den Ort der Musik auch ist („als ob der ursprüngliche Raum ersetzt worden wäre durch einen geistig faßbaren und veränderlichen Raum; oder vielmehr als ob die Zeit selbst dich auf allen Seiten umgäbe“). Es soll genügend Anlass bleiben, den Dialog als Ganzes auf sich wirken zu lassen. Unnötig hervorzuheben: er hat NICHTS mit Esoterik zu tun. Mein Artikel hier ist nur eine Erinnerung an diese Aufgabe.

Ich möchte noch einmal zu den Titel-Geschichten der ZEIT vom 13. Juli zurückkehren: Soll ich die „aktuelle“ Auffassung des Körpers sang- und klanglos vom Tisch fegen? Verbirgt sich hinter dem jetzt angedeuteten Weg in die Musik nicht wieder eine Flucht aus der vom Körper eigentlich gemeinten Wirklichkeit? Wirklichkeit als Materialität?

Es ist ein Kapital, sobald Krankenversicherungen für fitte Menschen billiger werden. Mit jeder Trainingseinheit stemmen sich die Fitnessjünger gegen die Schmerzen des Alterns. Oder – freundlicher gesprochen – sie erwerben Anteilscheine am nächsten großen Fortschritt der Menschheit: der Unsterblichkeit.

Quelle DIE ZEIT 13. Juli 2013 Seite 41 Steinzeitkörper im Bioladen Die Fitnesskultur bombardiert uns mit Ratschlägen, wie man richtig zu leben habe. Warum lassen sich das moderne Individualisten so gerne gefallen? Von Marie Schmidt.

Ein Foto aus dem Fitnesszentrum zeigt uns, dass es keine „Muckibude“ mehr ist wie früher, beileibe nicht, sondern ein „Tempel der Sinnstiftung“. Was allein gilt, ist „Die Anbetung des Leibes“. Aus der Innenperspektive bedeutet das in etwa: Unsterblichkeit für ein Leben, „in dem Muskeln und Darm im Mittelpunkt stehen“.

Leben Sie wohl!

Dhruba Ghosh lebt nicht mehr

Alle, die ihn kannten, sind sehr traurig. Ein großer Künstler und ein wunderbarer Mensch. Er starb viel zu früh, mit noch nicht 60 Jahren, im Zenit seiner musikalischen Entwicklung.

Wir begegneten uns zum erstenmal in den 70er Jahren (mit seinem Vater und seinem Bruder, dem TRAYA NIKHIL GHOSH), und nun zuletzt am 21. Januar 2017 in der Hamburger Elbphilharmonie. Dort erfuhr ich, dass seine Frau, die ihn jahrelang begleitet hat, auch oben im Video von 2009, Roselyne Simpelaere, im Jahre 2015 gestorben ist.

Siehe in diesem Blog hier, hier und HIER .

Unten: Pandit Dhruba Ghosh mit Prof. Dr. Gert-Matthias Wegner, der bei dem Tabla-Meister Nikhil Ghosh studiert hat und sozusagen zur Familie Ghosh gehörte, bei unserer Wiederbegegnung in der Hamburger Elphilharmonie (Foto: Uscha Wegner)

Dhruba Ghosh & Gert-M Wegner in Hamburg kl

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Dhruba Afghan Song