Kategorie-Archiv: Mythologie

Eine Stunde ZEIT

Was wirkt wie?

(hinter der Antwort in Klammern zu denken: „auf mich“ oder „gilt nur für mich“)

Am Donnerstagmorgen ist es wichtig, dass dieses Wochenblatt von innen sichtbar hinter dem Außengriff der Haustür steckt (in den Briefkastenschlitz passt es nicht). Mindesten 1 Stunde begleitet die Lektüre das Kaffeetrinken (oder umgekehrt), schon vor dem Ausbreiten erstaunt mich, was diesmal als Aufmacher dient (und diese Zeitung von allen anderen unterscheidet, heute „Der neue Klassenfeind“, wäre ich nicht drauf gekommen: eine bestimmte „globale Elite“). Danach folgt das Beiseiteschaffen aller Magazine und Reklamebeilagen, dann das Überfliegen der beiden Leitartikel auf der ersten Seite. Das Herausnesteln der Teile „Feuilleton“ und „Wissen“, deren sorgfältige Durchblätterung („wieder nichts über Musik“ – „für diesen einen Artikel hat sich die ZEIT heute schon wieder gelohnt“) , schließlich die genaue Musterung des Inhaltsverzeichnisses nebst gezielter Auswahl. Kopfschütteln über die Klassik-Charts, lauter Oberbegriffe machen Karriere. Und Bach. Oder Bach unter neuem Oberbegriff. Six Evolutions, Six Suites for Viola, Plays Bach, Himmelsmusik, Memory, Anima Sacra, Currentzis, Elements, Besame Mucho, Light & Dark, Islands – Essential Einaudi, Classical Collection, Homage to Bach. Nein, zuerst das Foto der Seite WISSEN und „Eine Welt wie vor tausend Jahren“. „Kaum jemand weiß, dass es in Rumänien riesige Urwälder gibt. Doch wie lange noch? Fast täglich werden jahrhundertealte Bäume gefällt – illegal“ Von Fritz Habekuss. Da stimmt alles: die Aufteilung der ganzen Seite 39, die Allusion auf den Hambacher Forst, der Name des zuverlässigen Autors, die zufällige Nachbarschaft der schmalen Kolumne „Ende für Frischzellenkur“ – (Adenauer!) – „Der medizinischen Quacksalberei sollen Grenzen gesetzt werden“. Das nehme ich nur zur Kenntnis, was ich aber sofort festhalten will, wäre dies:

Es ist, als würde jemand die Akropolis einreißen, um damit eine Gasse zu pflastern. Nur dass man die Akropolis notfalls nachbauen könnte. Zerstört man einen Urwald, vernichtet man ihn für immer.

Als die polnische Regierung vor zwei Jahren den Tiefland-Urwald Białowieża abholzte, gingen die Bilder davon durch Europa. Was in Rumänien passiert – und zwar seit Jahren -, ist schlimmer. Doch die Öffentlichkeit nimmt davon kaum Notiz. In Polen stoppte erst ein EU-Vertragsverletzungsverfahren das Roden. Dieselbe Behörde sammelt gerade Material über die rumänische Situation. Dass dort ein Verfahren eröffnet wird, wäre die größte Chance, das Abholzen doch noch zu stoppen, bevor der gesamte Wald verschwunden ist.

Quelle DIE ZEIT 15.November 2018 Seite 39 Eine Welt wie vor tausend Jahren / Kaum jemand weiß, dass es in Rumänien riesige Urwälder gibt. Doch wie lange noch? Fast täglich werden jahrhundertealte Bäume gefällt – illegal / Von Fritz Habekuss

Ein anderer ZEIT-Bestandteil – „Z – ZEIT zum Entdecken“ – fällt mir nicht erst durch das riesige Alte-Meister-Buntbild (die Hand des zweifelnden Thomas) auf, sondern schon im Inhaltsverzeichnis: „Ansage / Warum das Christen-Bashing vieler Atheisten nur noch nervt“.  Ich habe mich selbst in letzter Zeit des öfteren dabei ertappt, dass ich unversehens in die Rolle des Christentum-Verteidigers  geraten bin. Es ist zu einfach geworden: der Hinweis auf die Missbrauchs-„Tradition“ ersetzt alle nur möglichen Argumente. Unter Musikern (oder musikalischen Menschen) wäre es allerdings komplizierter: man muss nur schnellstens Bach zum Thema machen (so halte ich es). Wie stand übrigens der Atheist Nietzsche zur „Matthäus-Passion“? Oder der (nicht-christliche) Philosoph Hans Blumenberg? Da hilft kein Relativieren durch den Hinweis auf die fatale Kraft des Pietismus. Um es modisch zu sagen: die Bilder bringt man nicht aus dem Kopf! Die unglaublich differenzierte Mythologie, nicht „einfach“ mit Märtyrer-Blut geschrieben, sondern fast so reich wie die antike oder die indische, die Verherrlichung der inneren oder der äußeren Welt. (Siehe dazu auch den Artikel über den „ungläubigen Thomas von Caravaggio“ hier. Ohne den letzten Satz von Karl Jaspers zu unterschätzen.) Zurück zum (lesenswerten) ZEIT-Beitrag:

Der moderne  Heide will nicht diskutieren, nicht herausgefordert sein. Es genügt ihm, die eigene Ignoranz bestätigt zu sehen“ Von Raoul Löbbert.

ZITAT

Natürlich frage ich mich, warum Atheisten sich heute noch derart provoziert fühlen vom Glauben. Der Atheismus ist doch längst auf dem Durchmarsch. Die Volkskirche ist mittlerweile genauso Geschichte wie die Volksparteien. Der Vatikan steckt, nach zahllosen Finanz- und Missbrauchsskandalen in allen Teilen der Welt, in der Selbstfindungskrise. Und in Sachen Sex lassen sich nicht mal mehr die Bayern noch etwas sagen vom Papst. Ja, selbst in der CDU, wo man früher das C vor sich hertrug wie eine Monstranz, outen sich heute gefühlt mehr Volksvertreter als schwul denn als gläubig.

Trotzdem arbeiten sich Atheisten mit glühendem Eifer am Glauben ab. Es wirkt so, als prügelten sie auf einen Toten ein. Als wollten sie sich einfach noch ein wenig gruseln vor dem, was sie selbst überwunden zu haben meinen: Katholizismus, Klerikalismus, Luther und den Antisemitismus – irgendein Ismus ist immer und bestärkt die atheistische Paranoia, von Gotteskriegern umstellt zu sein.

Inzwischen habe ich unter Atheismus bei Wikipedia nachgeschaut, hier. Insbesondere die Karten unter „Geographische Merkmale“ habe ich studiert. In Stuttgart habe ich viele neue Bücher entdeckt, versucht Inhalte wenigstens oberflächlich zu erfassen, viele Seiten fotografiert, vorgemerkt zur eigenen Anschaffung, eins ist schon unterwegs: Karl Jaspers „Der philosophische Glaube“. Ich hatte geargwöhnt, dass er darlegen wolle, dass auch der Glaube ein Weg für Philosophen sei; stattdessen erfuhr ich etwas, was ich bei ihm schon 1960 kennengelernt, aber mir nicht recht angeeignet habe; ganz vorn eine damals typische besitzanzeigende oder -beanspruchende Eintragung. Nicht weit davon steht der kleine Goeschenband von 1932, der nur meinem Vater gehört haben kann, wie andere ganz zerlesene über Harmonielehre von Krehl oder über Musikalische Akustik. Ach, hätte ich doch nur eine einzige Unterstreichung in der alten Jasper-Ausgabe entdeckt!

 

 Um diesen Titel nicht misszuverstehen, nur ein Zitat:

 (Handy-Foto)

Wer mir beim Fotografieren zuschaut:

 Sie fühlt sich wohl

 Sie fühlt sich unwohl

Ich komme zurück auf den oben zitierten ZEIT-Artikel. ZITAT:

Wer vermag mit Sicherheit zu sagen, er benötige nie ein Quantum Trost?

Die wenigsten. Denn irgendwann stellt sich doch die große Frage nach dem Sinn. Weil man in die Jahre kommt. Weil Verwandte sterben oder Freunde. Den selbstbewussten Heiden kann es dann auf einmal nach Trost gelüsten. Michel Houellebecq beispielsweise. Jahrelang behauptete der Skandalschriftsteller, ein „kalter Atheist“ zu sein. Das Religiöse sei ihm so wurscht, dass er sich nicht mal mehr darüber aufrege. Und dann starb sein Lieblingshund. Seitdem philosophiert Houellebecq im Interview über den Schöpfer und die kosmische Ordnung, deren Existenz er auf einmal für möglich hält.

Quelle DIE ZEIT 15.November 2018 Seite 62 „Der moderne  Heide will nicht diskutieren, nicht herausgefordert sein. Es genügt ihm, die eigene Ignoranz bestätigt zu sehen“ Von Raoul Löbbert.

(Warum der Untertitel: Was wirkt wie? und der druntergesetzte Zusatz: Weil ich nur für die Wirkung von Überschriften und Artikeln auf mich sprechen kann. Etwa: welche Assoziationen und eigenmächtige gedankliche Exkurse ausgelöst werden, denen ich eine gewisse Bedeutung zuspreche. Daher teile ich sie mit, ohne aber irgendjemandem suggerieren zu wollen, dies sei ein repräsentativer Auszug aus dem vielgestaltigen Wochenblatt. Jeder andere hat eigene Präferenzen, über deren Darlegung und autobiographischen Zusammenhang ich erfreut wäre.)

Übrigens lese ich weiter, und vor allem arbeite ich lesend den kleinen Bücherberg ab, der neben mir liegt und eigentlich inhaltlich präsent bleiben soll. Und wie auch immer dieser Berg sich verändert: seine jeweilige Gestalt scheint mir lebenswichtig. Obendrein habe ich noch folgendes Buch geschenkt bekommen:

 (nach Anklicken deutlicher lesbar)

Der Schamane und die Schlange

Wozu Ethnologie?

Koch-Grünberg ARTE Film Schamane Abrufbar HIER

Und der ganze Film HIER (ebenfalls bis 6. Mai, d.h. nur bis Sonntag!).

Andreas Busche:

Der Film handelt aber auch in einem unmittelbaren Sinn von einer Bewusstseinserweiterung: Es werden mehr psychedelische Substanzen konsumiert als in den Acid-Filmen des chilenischen Psychomagikers Alejandro Jodorowsky. Gleichzeitig besitzt die Psychedelik Guerras eine politische Dimension. Der Regisseur bezieht sich auf einen Grundlagentext der Kolonialliteratur, Joseph Conrads Herz der Finsternis, sowie dessen berühmteste Adaption Apocalypse Now von Francis Ford Coppola. Auch die Bilder, die Guerra dem kolonialisierten Unbewussten entreißt, bieten guten Stoff für Albträume.

Auf beiden Zeitebenen werden die Reisenden Zeugen der unmenschlichen Auswüchse des Kolonialregimes: Karamakate, Manduca und Theo sehen in einem spanischen Kloster, wie den befreiten Plantagenkindern mit der Macht der Peitsche ihre „teuflische“ Sprache ausgetrieben wird. Und 40 Jahre später geraten die Männer in ein wahnhaftes Horrorszenario, in dem sich ein an Marlon Brandos Major Kurtz angelehnter Kolonialherr als Jesus-Wiedergänger inszeniert und die Reiseroute von gekreuzigten Indios gesäumt wird.

Quelle DIE ZEIT 21. April 2016 Psychedelischer Trip ins Kolonialzeitalter / In dem oscarnominierten Film des kolumbianischen Filmemachers Ciro Guerra sind die Indigenen verwüstete Kämpfer und die Weißen Dämonen. Von Andreas Busche. HIER.

Ich „glaube“ zwar nicht an bewusstseinserweiternde Substanzen, sondern nur an bewusstseinserweiterndes Denken; kann aber nicht ausschließen, dass dieses auch Substanzen freisetzt, deren Wirkung ich als bewusstseinserweiternd empfinde oder – wahrnehme. Für wahr nehme. Kein Wortspiel jedoch soll mich dazu veranlassen, hinter die Einschätzung des Kant-Erlebnisses zurückzufallen, das sich nicht mehr (wie vielleicht früher uneingestandenermaßen) an Kleists grobem Missverständnis orientiert. (Kleist war kein Denker!)

Warum ich durch diesen Film elektrisiert bin (ohne bereit zu sein, ihn nachher durch – mögliche – Kritik ad acta zu legen) : er hat mit der Realität zu tun, die vielleicht nicht durch Koch-Grünberg, aber durch Alexander von Humboldt umfassend gesehen wurde. Und jetzt durch Emanuele Coccia aktualisiert wurde. Eine Art Lebensphilosophie, die sich nicht am (überholten) Vitalismus orientiert, sondern etwa an der Forschung einer Lynn Margulis. Wobei wiederum Vorsicht geboten ist (siehe Gaia-Theorie), Stichwort „spirituelle Verklärung“…

Kritische Assoziationen: Laienspiel, Erlösungsdrama, Wagner, Winnetou, „Fitzcarraldo“ ohne ironische Distanz, Schöpfungsmythen (incl. klassische Kultursegmente „Chaos“ von Haydn-Schallplatte), Zaubertrank-Motiv. (Auch: das falsche Lachen vgl. im Folgenden).

Koch-Grünberg CD vorn Koch-Grünberg CD rück Koch-Grünberg CD Text Detail S9 Koch-Grünberg CD Text Detail S20 Koch-Grünberg CD Text Detail S26 Koch-Grünberg CD EditorialSeite

Aufs neue thematisieren: Aby Warburg

Warburg Schlange Berlin1988,1995 s.a. Sternglaube , zu beziehen auf diesen Film!

Vor einigen Jahren begann ich mich mit den Aufnahmen von Koch-Grünberg zu beschäftigen und fand im CD-Booklet Stellen bemerkenswert (s.o.), wo vom Lachen die Rede war: auf der einen Seite das Lachen von Indigenen, wenn sie sich selber oder andere in den Tondokumenten wahrnahmen, – verfremdet oder wie fremde Wesen -,  auf der anderen Seite das Lachen von unverständigen europäischen Hörern, die sich über die Simplizität der offenbar ernstgenommenen Forschungsgegenstände lustig machten. Schon der Gelehrte Aby Warburg hatte auf seinen Reisen (seit 1895, beschrieben im berühmten Vortrag aus den 30er Jahren) folgendes notiert:

Als ich den Antilopen-Tanz in San Ildefonso zu sehen bekam, machte er auf mich zunächst einen sehr harmlosen und beinahe komischen Eindruck. Für den Folkloristen, der die Wurzeln der menschlichen Kulturäußerungen biologisch erforschen will, gibt es aber keinen gefährlicheren Augenblick, als wenn er bei volkstümlich-komisch erscheinenden Gebräuchen lacht. Wer über das Komische in der Volkskunde lacht, hat Unrecht, dem verschüttet sich im selben Augenblick die Einsicht in das tragische Element. (…)

Für den primitiven Menschen bedeuten die Maskentänze in dem Verknüpfungsprozeß mit dem Außerpersönlichsten die weitgehendste Unterordnung unter ein fremdes Wesen. Denn indem der Indianer in seinem nachahmenden Maskenkostüm z.B. ein Tier in Äußerungen und Bewegungen nachahmt, schlüpft er in dieses Tier nicht zum Spaß hinein, sondern will durch Verwandlung seiner Peresönlichkeit etwas von der Natur magisch erzwingen, was er seiner unerweiterten und unveränderten menschlichen Persönlichkeit zu leisten nicht zutraut.

Die Nachahmung im pantomimischen Tiertanz ist also ein kultischer Akt andächtigsten Selbstverlustes an ein fremdes Wesen. Der Maskentanz bei den sogenannten primitiven Völkern ist seinem ursprünglichen Wesen nach ein Dokument sozialer Frömmigkeit.

Quelle Aby Warburg: Schlangenritual Ein Reisebericht / Verlag Wagenbach Berlin 1988, 1995 ISBN 3 8031 3031 x (s.o.) Seite 24 ff