Kategorie-Archiv: Afrika

Johnny Clegg

Erinnerung an einen bedeutenden Künstler und Menschen

Das war vor etwas mehr als einem Monat auf Facebook. Es gab doch Leute, die sich gut erinnerten, und heute habe ich den Handzettel von damals wiederentdeckt. Bei dieser Gelegenheit erneuere ich auch die Links:

Johnny Clegg auf Wikipedia hier

Der Text der Musikpassagen-Sendung vom 13. April 2006 auf WDR 3 hier

Und der Handzettel unseres Festivals am 30. Mai 1981:

Nebenbei: ich fand diesen Handzettel in dem Buch „The Music und Musical Instruments of Southern India and The Deccan“ von C.R. DAY (1891 Reprint Delhi 1974), und auf der Rückseite stand die Ansage für eine Südindische Radiosendung, an deren Inhalt ich mich bis heute gern erinnere: Aufnahmen mit dem wunderbaren Geiger Lalgudi G. Jayaraman.

Das hier angekündigte Festival fand vom 4. bis 6. Oktober 1982 im Sendesaal des Deutschlandfunks statt. Mit Amjad Ali Khan, Rajeswari Padmanabhan und Sulochana Brahaspati. Auch diese drei Konzerte werde ich nie vergessen.

MBIRA

Eine Welt für sich? Ganz gewiss: eine Welt.

Pioniergeist in Sachen Weltmusik – Vlotho 1979:

WDR-Hörer wussten es, seit Kevin Volans die ersten Sendungen für die Abteilung Volksmusik produziert hatte: z. B. am 11. April und am 6. Juni 1978 über Zulu Gitarren Musik. (Ich war seit 1976 als Leiter der Abteilung fest angestellt und hatte freie Hand, solche Themen ins rechte Licht zu setzen. Man verstehe das nicht als Eigenlob: es gab den Mitarbeiter Werner Fuhr und über Jahrzehnte eine günstige Hierarchie, ich denke an Namen wie Alfred Krings – s.a. hier -, Novottny, Jenke, mit Dankbarkeit!) Um den 20. April 1984 (Ostern) fand die große Produktion im Kleinen Sendesaal statt: mit Kevin Volans, Deborah James, Robert Hill (!), und Robin Schulkowsky. Dank der tollen Musikbeispiele und des Textes von Deborah James (und Kevin Volans) konnten wir danach eine Sendung produzieren, die mir für immer „in den Knochen“ saß. Eine entscheidende Rolle spielte auch das wunderbare Buch von Paul F. Berliner: „The Soul of Mbira / Music and Traditions of the Shona People of Zimbabwe“. Die Sendung in WDR 3 am 24. Oktober 1984 (21.00 bis 22.30 Uhr) stand folgendermaßen im Programm: „Die Seele der Mbira. Ein Weg ins Innere afrikanischer Musik mit Deborah James (Johannesburg), am Mikrofon: Jan Reichow.“ Mein Interesse für Afrika hat aber nicht erst im WDR Köln begonnen, sondern – in Berlin, und zwar schlagartig mit dem Buch „Muntu. Umrisse der neoafrikanischen Kultur“ Verlag Diederichs Düsseldorf 1958; ich hatte es mir am 1. November 1960 gekauft, während ich parallel zu dieser Lektüre einen Yoga-Kurs bei Swami Dev Murti absolvierte und hauptamtlich Schulmusik studierte (in Berlin damals mit dem Nebenfach Tanz & Rhythmik bei Taubert !) …

 Tr.10 siehe hier ganz unten

Über Jahre hinweg blieb dieses Thema bei uns virulent, auch durch Wolfgang Hamm, der Radiosendungen, eigene Aufnahmen und hier z.B. den Text zur World Network CD beisteuerte. Wie froh bin ich, dass die Mbira mich jetzt aufs neue erreicht, dank eines sehr aktiven Kenners, Stefan Franke, der dieser Musik ein neues Forum im Haus der Kulturen der Welt in Berlin eröffnete. Ich möchte in aller Kürze die letzten Stationen belegen:

Was macht das Haus der Kulturen der Welt in Berlin? hier

Die Ankündigung der Veranstaltung am 24. März 2019: hier

Ein Mitschnitt der Konzerteinführung mit Stefan Franke hier

Der Eröffnungs-Song im Konzert hier

Eine Mbira-Plattform, die Stefan Franke ins Leben gerufen hat:

https://sympathetic-resonances.org/ hier

In den Umkreis der Mbira-Musik-Forschung gehört unbedingt Klaus Peter Brenner, der sich auch mit den Musikbogen-Traditionen in Afrika beschäftigt hat. Hier folgen ein paar Informationen zu seiner Arbeit:

https://www.uni-goettingen.de/de/aor-dr-klaus-peter-brenner/71298.html hier

https://www.uni-goettingen.de/en/71298.html hier

Folgendes Video im externen Fenster: hier

Folgendes Video im externen Fenster: hier

Aus der Anleitung von Andrew Tracey: HOW TO PLAY THE MBIRA (DZA VADZIMU) International Library of African Music / Transvaal South Africa 1970

Hier folgt eine interessante Bemerkung von Stefan Franke über die Cembalo-Version des Mbira-Stücks, die von Kevin Volans stammt. (Nebenbei: Sie ist auf geheimnisvolle Weise von der Network-CD – s.o. Tr. 10 – nach Youtube „gewandert“.)

Seine Nyamaropa-Bearbeitung finde ich jedenfalls wunderbar, ebenso wie die Tatsache, dass er das Tuning der Instrumente ins Augenmerk rückt – Tunings sind mir ein besonderes und m. E. unterschätztes Anliegen.

Auch wenn das Ergebnis für mich klanglich/spektral in diesem Fall nicht wirklich aufgeht: Die Cembalo-Saite ist sehr obertonreich; eine Mbira-Lamelle hat nur einen nennenswerten, dominanten Oberton ca. 2 bis 2,5 Oktaven höher, und dieser hat, wie ich argumentieren würde, eine definierte Rolle/Funktion in der Musik: Entweder fügt er eine atonale Schicht oberhalb der tonalen Musik hinzu, wie bei der Mbira dzavadzimu mit gestimmten Grundtönen, oder die atonale Schicht entsteht im Bass, wie bei der Matepe, bei der in den unteren Registern die dominanten Obertöne gestimmt werden statt der leiseren, sehr tiefen Grundtöne.

(Aus einer Mail vom 12.7.2019)

Es ist eine unerhörte Schulung des musikalischen Gleichgewichtssinnes, man darf nur nicht nach zwei Minuten Zuhören erlahmen: man konzentriere sich still auf die Hosho-Rassel, wenn alles im Fluss ist. Man sitzt wie in einem Boot, dessen Ruder man beobachtet. Ich finde, dass es einem nach 10 Minuten deutlich besser geht (falls man dessen bedurfte). (JR)

Qui saura, Ruanda?

Ein Tag wie jeder andere

Fängt an mit Zeitunglesen, und wenn das Tageblatt durch ist, dann liegt da immer noch die ZEIT seit letzter Woche, vieles ungelesen, vorgemerkt der Artikel „Wenn künstliche Intelligenz Musik macht“, Obertitel irgendwas mit Sinatra. Aber dann bleibe ich hier hängen, wegen Ruanda, höre jedoch nach ein paar Minuten auf, weil ich es nicht so extrem narrativ haben möchte und begebe mich in mein Arbeitszimmer bzw. das obere, wo der Computer steht (nicht in das untere, wo die Bratsche liegt und … die Tür in den Garten hinausführt). Aber was mir nachgeht, ist der Liedtitel, der mir nicht ganz unbekannt war. Soll ich mir das „in echt“ anhören? HIER. Gut, sogar zweimal, ich versuche den Text zu verstehen, der Leo-Sprachdienst liefert das ganze Lied auf einen Schlag, und zwar akzeptabel. Und der Ohrwurm für den Rest des Tages hat sich schon eingehakt. Wer wird es wissen, wer wird es wissen, wer wird es wissen, wer wird es wissen, wer wird es wissen? Wer wird mich dazu bringen, es zu vergessen? Sag es mir. Mein einziger Grund zu leben. Versuch es mir zu sagen. Wer wird es wissen, wer wird es wissen, ja, wer wird es wissen? Es-dur für 2 oder 3 Strophen, Rückung: F-dur, Rückung: Fis-dur, Rückung: A-dur – und dies bleibt bis Ende (mit Blende).

Dann Ruanda, Wikipedia, ein langer Artikel, ich denke an die Trommler von Burundi, soll ich mich damit noch einmal befassen? aber zunächst mal weiter: zum Kern der Sache, wie kam es zu dem Völkermord? Ein gigantischer Artikel – was für ein Inhalt, und nicht zu begreifen! Oder doch, wenigstens in den Einzelschritten? HIER.

Am Ende lese ich auch:

Der Roman Hundert Tage des Dramatikers Lukas Bärfuss befasst sich mit den Ereignissen aus der Sicht eines Schweizer Entwicklungshelfers (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) in Ruanda und der Rolle der Entwicklungshilfe; diese habe über Jahrzehnte das Regime Habyarimanas ungeachtet der Korruption und der menschenrechtlichen Defizite unterstützt und damit den Völkermord mitermöglicht.

Gestern hörte ich, dass Lukas Bärfuss den Büchner-Preis erhält. Ich kannte nicht einmal den Namen.

Die Schriftstellerin Nora Bossong erinnert sich bei dem Schlager Qui saura an einen anderen französischen Satz, der ihr immer wieder in den Sinn kommt: Dans ces pays-là, un génocide n’est pas très important. ZITAT:

Der Satz über den Genozid stammt vom damaligen Präsidenten François Mitterrand, und das Chanson wurde von Mike Brant gesungen. Dass Moshe Brand der eigentliche Name des Sängers ist und er zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurde als Sohn einer Auschwitz-Überlebenden, lese ich am nächsten Vormittag, meinen Laptop auf den Knien, über mir läuft der Fernseher. Ruanda sei eine Familie, erklärt Präsident Paul Kagame vor den Kameras im Kongresszentrum, dessen Kuppel ich in der Ferne durch mein Fenster sehen kann. Aus dem Nachbarzimmer dringt lautes Stöhnen, Sex gegen die staatlich verordnete Pflicht des Erinnerns, ein schmaler Riss in der Trauerflagge, die über dem ganzen Land hängt. „Existieren in einem Zustand anhaltenden Gedenkens“, so nennt Kagame es in seiner Rede, und er spricht von der jungen Generation, die den Völkermord nicht mehr selber erlebt hat, von den fast 60 Prozent der Ruander, die erst nach den 100 Tagen auf die Welt kamen, in denen sich das Land in eine menschengemachte Hölle verwandelte. Die Einigkeit über alle Gräben hinweg, über das Schweigen der einen und die Verzweiflung der anderen hinweg, das ist es, was in diesen Tagen wie ein Mantra wiederholt und beschworen wird, als Grundlage dafür der Generationenwechsel nach einem Vierteljahrhundert, aber was sind schon zweieinhalb Jahrzehnte. Etwas mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Befreiung von Auschwitz, im Jahre 1972, wurde Brants Chanson zu einem großen Erfolg. Drei Jahre später sprang der Sänger aus dem sechsten Stock eines Pariser Hauses und nahm sich so das Leben.

Quelle DIE ZEIT 4. Juli 2019 Seite 39 Was sind schon 25 Jahre? Im Juli 1994 endete der Völkermord in Ruanda. Wie schaffen es Opfer und Täter, heute miteinander zu leben? Eine Reise durch ein Land, das geradezu unheimlich gut funktioniert. Von Nora Bossong.

Die Trommeln der Philosophin

Ein Hinweis bei Susanne K. Langer

Es ist schon erstaunlich genug, dass ein[e] Philosoph[in] wirklich Ahnung von Musik hat und sich nicht auf vage erinnerte Grundlagen einer anspruchsvollen Liebhaberei stützt (Schopenhauer, Nietzsche). Noch bemerkenswerter, wenn daraus einmal nicht (nur) ein Lob der Sonderstellung des Abendlandes resultiert, sondern ein aufmerksamer Blick in die Musikethnologie, die ja oft jenseits des musikwissenschaftlichen und sogar des ethnologischen Horizontes rangiert.

Quelle Susanne K. Langer: Form und Fühlen / Eine Theorie der Kunst / Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christiana Goldmann und Christian Grüny / Mit einer Einleitung, Literaturverzeichnis und Registern herausgegeben von Christian Grüny

Es ist der Herausgeber, der in der Anmerkung dankenswerterweise die Abrufbarkeit des Musikhinweises gesichert hat. Ich füge lediglich eine Erleichterung hinzu, und erspare manchem Leser vielleicht eine Suche, die er gar nicht erst antritt, weil er glaubt, sich afrikanisches Trommeln irgendwie vorstellen zu können. Irgendwie genügt nicht. Hier also gleich zum Lesen, weiter unten zum Aufrufen der Seite und der Möglichkeit, die Trommeln zu hören!

 .    .    .    .    . Zum Aufrufen: HIER

Wenn man sehr neugierig ist, klickt man dort später auch noch auf das Wort Bini Tribe und stößt auf folgendes Bild:

 oder auf direktem Weg HIER

„Bini“ hängt offenbar mit „Benin“ zusammen, bei Wikipedia gibt es aufschlussreiche Landkarten: HIER. Sehr interessant auch die alten Malinke-Aufnahmen und weitere. Zu Malinke und Bambara siehe Wikipedia.

Ein Tor zur arabischen Welt

Marokko aus der Vogelperspektive

Wikipedia Artikel HIER

 Nachspann-Screenshots JR Namen zur Musik im Nachspann

Bericht zum Start des Films in „Libération“ 21. Juni 2017  hier

Ein Film von Yann Arthus-Bertrand (2017), über ihn Wikipedia (deutsch) hier

Musik: Armand Amar
Sprecher: Ali Baddou

Erste Station: Meknes hier

 ab 17:20 Atlas – Sahara

Zweite Station (18:00): Asilah hier

Dritte Station (21:20): Rabat hier

Vierte Station (24:50) bzw. (27:26): Casablanca hier (Fischer ab 30:00)

 ab 34:38 Essaouira – Laâyoune

Fünfte Station (35:10): Essaouira

Sechste Station (42:10): Laâyoune

Siebte Station (45:20): Dakhla hier

Achte Station (46:40): Amtoudi hier

Neunte Station (53:20): Marrakesch hier

Zehnte Station (1:01:10): Telouet hier

Elfte Station (1:11:50): Chefchaouen hier

Zwölfte Station (1:13:25): Tanger hier

Ende: 1:18:48

*    *    *

Für mich ist dies die Erinnerung an die erste Begegnung mit der arabischen Welt im April 1967. Die Wende meines Lebens, vorher zuhaus und dann mit dieser Reise. Es war die laue Luft am Flughafen Rabat, aus der Empfangshalle hinaustretend sah ich die unter Orangenbäumen hingelagerten Gestalten, in antiken Gewändern, als hätten sie seit Jahrhunderten auf uns gewartet. Später auf einem Markt, der singende Rubabspieler, das Gastmahl in der Altstadt von Meknes, Couscous mit gebratenen Tauben, die einzelnen Bissen mit den Händen zu formen, von riesigen silbernen Tellern. Wasserpfeife. Als „Nachtisch“ kleine Brötchen, angeblich mit eingebackenem Haschisch, ohne jede Wirkung. Das kommt erst nach einigen Malen, hieß es. Nur Erich Lehninger, der gern übertrieb, sagte: Ich fühle mich phantastisch! Arabisch-andalusische Musik wurde mir erst Jahre später ein Begriff. Die Nouba Ed-Dhil in Tunis. Ein Narkotikum lag in der Luft, in der Geräuschkulisse, dem Klang der arabischen Sprache und der arabischen Musik.

 Der Anfang der Reise (bis 24.4.67)

Ich hatte keine Ahnung, dass mein Leben jetzt eine andere Richtung nahm.

 Kairo 10.4.67

 Kabul / Istalif 24.4.67

Wieviele werden kommen?

„Sie werden aus Saba alle kommen“

ZITAT (ein syrischer Komponist, der seit 18 Jahren in Deutschland lebt)

Zuerst ist es die logische Folge, die ich gerade sehe; vor 15 Jahren oder so habe ich es von meinem Vater gehört, er meinte, das wird so sein: Die werden kommen, die werden alle kommen, so wie bisher funktioniert’s nicht, die werden alle kommen. Es geht nicht mehr um Flüchtling und Asyl oder so, es wird eine Völkerwanderung geben. Er meinte, so wird’s nicht bleiben, die werden kommen. Das ist keine Prophezeiung, das ist wie gesagt eine logische Folge. Eins.

Das zweite Gefühl ist: was kann man mit diesen armen Menschen jetzt anfangen? Ich weiß es wirklich nicht, ich sehe sie überall. Es gibt diese Art unsichtbare Verbindung zwischen den Leuten, die aus Syrien, Libanon und Irak kommen und mir, obwohl ich jetzt seit mehr als 18 Jahren weg bin von der Heimat.

Und das dritte … es ist peinlich zu sagen – aber: Ist das wahr, dass wir auf diesem Niveau landen [müssen]? Denn ich kann jetzt nicht darüber sprechen, dass sie nur Opfer sind. Auch über mich, ich spreche jetzt auch über mich, obwohl die Umstände verschieden sind, damals und jetzt, aber … in einer Kette. Und ich schäme mich ein bisschen. Ist das wahr, dass wir auf diesem Niveau landen? Dass wir so zerstreut sind überall hin … dass es bei uns an sehr vielem fehlt und wir wirklich keine Basis für eine Heimat, ein internationales Gefühl haben, überhaupt kein nationales Gefühl… Und allmählich verstehen wir mehr und mehr, aber leider immer zu spät. Wir sind keine Philosophen, um das Ganze zu verstehen.

Ich habe das Interview, das Wolfgang Hamm 2015 mit Saad Thamir geführt und in einer WDR-Sendung veröffentlicht hat, im Dezember 2016 aufgeschrieben und  in einem Artikel festgehalten (hier), einiges ist mir für immer ins Gedächtnis gegraben, gerade in dem schwermütigen Tonfall des Mannes, den ich bei einem Dreiergespräch im Café des Kölner Museums Ludwig auch persönlich kennengelernt hatte.

Später habe ich die Bach-Kantate 62 „Sie werden aus Saba alle kommen“ rekapituliert und in den neuen Zusammenhang hineinphantasiert: hier.

Und es jetzt fiel mir all dies wieder ein, als ich in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ den Artikel „Wir schaffen es nicht“ las (27. September 2018). Der Autor Stephen Smith, der an der Duke-Universität in den USA Afrikanistik lehrt, hat ein Buch geschrieben, das Emanuel Macron zur Pflichtlektüre erklärte: „Nach Europa! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent“. Es wird in diesen Wochen auch in Deutschland erscheinen.

Dem ZEIT-Interview nach sagt er – ausgehend vom Asylkompromiss der großen Koalition in Berlin -, Europa müsse schon innerhalb der nächsten 30 Jahre mit 150 bis 200 Millionen neuen Einwohnern mit afrikanischem Migrationshintergrund rechnen.

ZITAT (Stephen Smith)

Die Lage lässt sich einfach beschreiben. Es gibt heute 500 Millionen Westeuropäer, auf der anderen Seite des Mittelmeers leben 1,3 Milliarden Afrikaner. Schon im Jahre 2050 werden es 2,5 Milliarden Afrikaner sein. Und zwar sehr junge Afrikaner, zwei Drittel von ihnen werden unter dreißig sein. Die Westeuropäer werden dagegen sehr alt und nur noch 450 Millionen sein. Schon die nackten Zahlen lassen also einen ungeheuren Migrationsdruck erkennen.

Quelle DIE ZEIT 27. September 2018 Seite 50 „Wir schaffen das“ Millionen kommen, doch es kümmert niemanden: Der US-amerikanische Afrikanist Stephen Smith über den bevorstehenden Ansturm afrikanischer Flüchtlinge auf Europa /  Interview: Georg Blume.

Um diese Zahlen bedrohlich zu finden, muss man nicht der AfD angehören. Natürlich sieht Smith das nicht anders als jeder Mensch, die die Zukunft nicht rassistisch, sondern realistisch ins Auge fasst. Stephen Smith:

Ich glaube mit Hans Magnus Enzensberger, dass man sich nicht vor Applaus vn der falschen Seite fürchten darf. Aber Marine Le Pen hätte meinem Buch einen anderen Titel gegeben: „Die schwarze demografische Bombe“ zum Beispiel. Sie hätte damit Angst schüren wollen. Das liegt mir fern. In Frankreich lebten in den 1920er Jahren nur 3000 Schwarzafrikaner, heute sind es Millionen. Trotzdem sage ich: Frankreich ist immer noch Frankreich.

Angst zu schüren ist ein probates Mittel der rechten Politik. Und ich sage auch nicht, was schert mich das Jahr 2050, dann bin über 100 Jahre und werde, auch wenn ich Glück habe (oder wie soll ich das nennen?), nicht mehr viel bewegen. Aber eins weiß ich heute schon: nicht die Schwarzafrikaner in Europa werden unsere Enkel beunruhigen (nebenbei: die beiden besten Freunde meines Enkels haben schwarzafrikanische Eltern), sondern die globalen, klimatisch bedingten Katastrophen werden die Menschheit insgesamt in Schrecken versetzen.

Ich werde überhaupt keine Analyse, kein Buch mehr ernst nehmen, das den Klimawandel ignoriert, jedoch die Bevölkerungsverschiebungen durch Migration als Hauptproblem der Zukunft beschreibt.

Bevor ich mich weiter dem Smith-Interview widme, registriere ich eine andere Sicht der gleichen Probleme, eine „linke“ Sicht (wobei zu vermerken ist, dass die „bürgerlichen“ Zeitungen zumeist eine Zahl-Schranke vor dem online-Portal präsentieren), nämlich hier.

Im übrigen nehme ich ein neues Buch sehr ernst, das sich als „terrestrisches Manifest“ begreift. ZITAT:

Migrationen, Explosion der Ungleichheiten und Neues Klimaregime ein und dieselbe Bedrohung. Die meisten unserer Mitbürger unterschätzen oder leugnen, was der Erde widerfährt, sind sich aber der Tatsache, dass die Migration ihre Träume von gesicherter Identität gefährdet, vollkommen bewusst.

Zur Zeit sehen sie, von den sogenannten „populistischen“ Parteien stramm bearbeitet und aufgewiegelt, nur die eine Dimension der ökologischen Mutation: dass sie Menschen über ihre Grenzen treibt, die sie nicht wollen. Also denken sie sich: „Machen wir die Grenzen dicht, damit entgehen wir der Invasion!“

Die andere Dimension dieser Veränderung haben sie noch nicht so deutlich zu spüren bekommen: Das Neue Klimaregime fegt seit Langem schon über alle Grenzen hinweg und setzt uns allen Stürmen aus. Und gegen diese Invasoren sind unsere Mauern machtlos.

Wenn wir unsere Zugehörigkeiten und Identitäten verteidigen wollen, müssen wir auch diese form- und staatenlosen Migranten identifizieren, die da heißen: Klima, Bodenerosion, Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit, Habitatzerstörung. Selbst wenn ihr die Grenzen vor den zweibeinigen Flüchtlingen dicht macht, die anderen werdet ihr nicht aufhalten können.

„Ist denn niemand mehr Herr im eignen Haus?“

Nein, in der Tat. Weder die Souveränität der Staaten noch die Undurchlässigkeit der Grenzen sind noch in der Lage, Politik zu ersetzen.

„Aber dann ist ja alles offen; dann müssen wir draußen leben, vollkommen schutzlos, von Sturmwinden gebeutelt, vermischt mit allen, gezwungen, um alles zu kämpfen, ohne irgendwelche Sicherheiten, müssen pausenlos den Ort wechseln, auf jede Identität, allen Komfort verzichten? Wer kann denn so leben?“

Niemand, ganz richtig. Kein Vogel, keine Zelle, kein Migrant und kein Kapitalist. Selbst Diogenes hat Anrecht auf eine Tonne, der Nomade auf sein Zelt, der Flüchtling auf sein Asyl.

Glaubt denen keine Sekunde, die von der großen weiten Welt faseln, davon, aufs „Risiko zu setzen“, alle Sicherheitsnetze sausen zu lassen, und die weiter mit großer Geste auf den endlosen Horizont der Modernisierung für alle zeigen; diese scheinheiligen Apostel nehmen selbst dann nur Gefahren auf sich, wenn Komfort garantiert ist. Statt zu lauschen, was sie nach außen von sich geben, schaut lieber, was da auf ihrem Rücken glänzt: der sorgfältig gefaltete goldene Fallschirm, der sie vor allem Unbill der Existenz schützt.

Quelle Bruno Latour: Das terrestrische Manifest / edition Suhrkamp Berlin 2018 (Zitat S.18f)

(Fortsetzung folgt)

Scherzverwandtschaft

Worüber lacht man im Senegal und warum?

Nachdem ich einmal angefangen habe zu beobachten, inwiefern die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen stimmen müssen, damit Witze funktionieren (siehe über Ciceros Witz hier), muss ich auch diesen schönen Artikel der aktuellen ZEIT (31. August 2017 Seite 7) aktenkundig machen, der glücklicherweise zugleich schon im Internet abrufbar ist. Es begann damit, dass ich nicht lachen konnte, obwohl es eindeutig als Scherz gemeint oder angekündigt war, dieser Einstieg in den Artikel. Gewiss, – ein Scherz ist nicht dasselbe wie ein Witz, trotzdem:

Scherze kennen kein Tabu im Senegal. „Pass auf, morgen schlachte ich dir ein Schwein! Das koche ich dir, das isst du, und du wirst Christin“, sagt der Christ zur Muslimin. „Dein Schwein kannst du selber essen“, schießt die Muslima zurück.

„Ihr wart die Sklaven, wir waren die Könige“, sagt ein Mann aus der Diola-Ethnie zu einem Serer. „Ach was, versklavt wurdet doch ihr!“

Man bespöttelt die angeblich mangelnde Intelligenz des anderen oder sein unvorteilhaftes Aussehen, lacht über religiöse und ethnische Klischees. Jeder im Senegal verspottet irgendeinen anderen. Eigentlich müssten die Menschen hier einander die Köpfe einschlagen. Genau das tun sie aber nicht.

„Eigentlich“? Das Phänomen ist bekannt: mal wirkt es wie eine Neckerei, mal wie eine höhnische Provokation. Die unreflektierte, von Kind an vorgeprägte Einordnung der Äußerungen ist entscheidend. Jeder von uns hat schon mal bemerkt, dass man wissen muss, wie ein Scherz gemeint ist, was dabei mitgedacht wird. Nicht jeder kann jeden Witz erzählen, – der eine wirkt dabei wie ein böser Zyniker, der andere wie ein erwachsener Lausbube (dem man „nichts übelnehmen“ kann). Der Knalleffekt, der zu einem Witz zu gehören scheint, kann ausbleiben. Stattdessen peinliche Stille…

Hätte mein Bruder den Witz erzählt, hätte ich ihn vielleicht nicht auflaufen lassen, aber wenn mein ungeliebter Vorgesetzter ihn eingeflochten hätte, – was wäre wohl meine Reaktion gewesen? Es kommt auf die Konventionen an. Auch auf die Konvention, sich an Konventionen anzupassen oder ihnen, wo immer man sie vermutet, wenigstens zögerlich (prüfend) zu begegnen. Etwa mit der vorsichtigen Distanzierung: … ist mir leider schon bekannt, oder mit der strengen Frage: soll das ein Witz sein? – Der Bruder stand in diesem Beispiel für „Scherzverwandtschaft“: ich weiß intuitiv, ob er es flapsig oder zielbewusst verletzend gemeint hat. Und er weiß, dass ich es weiß. Aber den Fachbegriff gibt es wirklich!  Frz. cousinage à plaisanterie – das Wort (auch paranté plaisantante) kann man googeln:

Outre les groupes ethniques, cette relation peut aussi s’exercer entre clans familiaux, par exemple entre les familles Diarra et Traoré, ou Ndiaye et Diop. Ainsi, un membre de la famille Ndiaye peut-il croiser un Diop en le traitant de voleur ou de mangeur d’arachide sans que personne ne soit choqué, alors que parfois les deux individus ne se connaissent même pas. Il n’est d’ailleurs pas permis de se vexer. Cette impolitesse rituelle donne lieu à des scènes très pittoresques, où les gens rivalisent d’inventivité pour trouver des insultes originales et comiques.

Siehe französische Wikipedia HIER.

Auch die im ZEIT-Artikel gegebenen Beispiele (oder ähnliche) findet man wieder, z.B. hier.

« Il y a toujours un problème de possession en tous cas ! Chacun veut que l’autre soit esclave ! ».

Bref chacun est l’esclave de l’autre, ce qui concilie le sentiment de supériorité et la réciprocité. La hiérarchie proclamée par l’autre groupe est simplement inversée. L’individu ou le groupe ethnique peut toujours se considérer comme le noyau central, l’ego-centre ou l’ethno-centre autour duquel l’autre ne fait que « tourner » : chacun est au centre de son propre point de vue, alors que, par définition, personne ne l’est.

De fait, le cousinage de plaisanterie semble créer un sentiment de « communauté », paradoxalement basé sur la reconnaissance de la différence.

Quelle 

Im ZEIT-Artikel wird eine historische Herleitung gegeben, die an die mittelalterliche Funktion des Hofnarren in Europa denken lässt:

Besuch bei Raphaël Ndiaye, Ethnolinguist, Philosoph und Direktor des Léopold-Senghor-Kulturinstituts in Dakar. Die Scherzverwandtschaft, sagt Ndiaye, gehe auf Soundiata Keïta zurück, den Gründer des legendären Mali-Reiches.

Im Jahr 1235 bestellte dieser anlässlich der Verabschiedung der Reichsverfassung seine Clanchefs ein und beschwor sie, von jetzt an friedlich zusammenzuleben. Vor den versammelten Honoratioren befahl er dem Griot, seinem Hofsänger, ihn zu beleidigen. Der Griot wagte es nicht, alle Anwesenden glaubten, der König wolle seinen Kopf. Keïta aber sagte: „Was kann es meiner Würde anhaben, wenn mich dieser Griot beleidigt, der doch wie ein Verwandter für mich ist?“ Und er forderte seine Gefolgsleute auf, sich als Verwandte zu begreifen, die einander necken, ja sogar beleidigen dürften, ohne dass das zu Streit oder Krieg führe.

„Auch wenn sie die Form des Humors annimmt, hat die Scherzverwandtschaft doch einen ernsten Kern“, sagt Ndiaye. Sie sollte schon damals Schutz bieten vor Krieg, Familienfehde oder gegenseitiger Versklavung. „Wann immer Familien oder Ethnien Frieden miteinander schlossen, erklärten sie sich zu Scherzverwandten“, sagt Ndiaye. „Und das bedeutete: Es soll nie Krieg geben zwischen unseren Nachfahren.“

Quelle DIE ZEIT 31. August 2017 Seite 7 Angela Köckritz: Witz oder Krieg Der Senegal ist stabiler als seine Nachbarländer. Das hat mit einer besonderen Form des Islams und mit Humor zu tun. / Online HIER

Im Wikipedia-Artikel siehe Stichwort „Hofnarr“ HIER unter 3 Hofnarren in Mittelalter und Neuzeit und 4 Narren außerhalb Europas.

Aber wohlgemerkt: der Griot in Westafrika ist alles andere als ein Hofnarr… siehe (außer in Wikipedia) auch beim GOETHE-Institut hier.

Oboade (Ghana)

Wiederentdeckungen

Durch die alte CD „Pieces of Africa“ mit dem Kronos Quartet bin ich auf Obo Addy gekommen (CD Tr. 6),

Oboade bei Kronos Quartet

direkt vor Kevin Volans, habe mich an eine unserer ersten afrikanischen Aufnahmen im WDR erinnert, vermittelt durch Dr. Robert Günther: mit dem Ensemble Oboade. (Mustapha Teddy Addy – gehörte er nicht dazu?). Wo sind sie geblieben? Eine interessante Reise in die Vergangenheit, deren Weg ich festhalten möchte: er führt nach Seattle, University of Washington. Hier. Der Name Robert Garfias könnte auch zur Organisation der Reise nach Europa und zum WDR gehören. Hinter ihm verbirgt sich eine ganze Reihe wertvoller Aufnahmen: siehe Hier. Robert Garfias (Wikipedia) Hier. Darin auch Durchklick-Optionen zu wissenschaftlichen Arbeiten von ihm. Falls es nicht funktioniert, wenigstens für die Arbeit zur Mbira-Musik in Zimbabwe ein separater Versuch: Hier: „THE ROLE OF DREAMS AND SPIRIT POSSESSION IN THE MBIRA DZA VADZIMU MUSIC OF THE SHONA PEOPLE OF ZIMBABWE“. (1979/80) Also kurz nach dem Buch von Paul Berliner (1978) herausgebracht, das auch im Literaturverzeichnis steht.

Leichte Musik con limpidezza

Was ist das?

Wenn wir es von Pop unterscheiden wollen: Womöglich das, was Friedrich Nietzsche beschrieb, als er einen Gegengott zu Wagner brauchte und deshalb die Musik von Bizet in den Himmel hob: sie habe „vor allem, was zur heißen Zone gehört, die Trockenheit der Luft, die limpidezza in der Luft. Hier ist in jedem Betracht das Klima verändert. Hier redet eine andere Sinnlichkeit, eine andere Sensibilität, eine andre Heiterkeit. Diese Musik ist heiter; aber nicht von einer französischen oder deutschen Heiterkeit. Ihre Heiterkeit ist afrikanisch“. Ist sie vielleicht auch amerikanisch? Was entsteht, wenn sich wirklich afrikanische Musik mit dem seriösesten Repräsentanten der westlichen Klassik verbindet, dem Streichquartett? Es gibt eine aktuelle Nachricht zur musikalischen limpidezza aus San Francisco, das Kronos Quartet ist eine neue Verbindung eingegangen:

Kronos & Trio Da Kali

Westafrika Mali Cover  Westafrika Mali

Ich denke zurück an die Zusammenarbeit WDR & World Network in den 90er Jahren, Mali, Senegal, Südafrika, Zimbabwe. Damals brachte das Kronos Quartet parallel die „Pieces of Africa“ heraus, deren CD zur meistverkauften Kammermusik-Publikation jener Jahre avancierte. Darauf auch „White Man Sleeps“ von Kevin Volans:

Zimbabwe Mbira Volans Zimbabwe Mbira rück

Das letzte Stück dieser CD wird im folgenden Youtube-Beitrag wiedergegeben. Es ist gewissermaßen das Bindeglied zwischen Bach und Mbira… Cembali: Kevin Volans & Deborah James, Hosho (Rassel): Robin Schulkowsky.

Die CD des Kronos Quartetts 1992:

Pieces of Africa Cover aPieces of Africa Cover b

Aus dem Vorwort des Erstdrucks der African Paraphrases von Kevin Volans 1984:

Volans White Man sleeps0001 Newer Music Edition Köln 1982