Kategorie-Archiv: Digitalisierung

Museum und integrales Konzert

Wie es – wohl oder übel – begann

Aus der Anfangszeit in Greifswald (um 1943) habe ich ein Püppchen aufbewahrt: es befand sich lebenslang in einem durchsichtigen Plastikkästchen – wie Schneewittchen im gläsernen Sarg – und gab mir immer wieder Rätsel auf:

Mit diesen Kladden meinte ich es ernst. Einige Zeit vorher gab es die Jugendbücher „Das Neue Universum“ und „Durch die weite Welt“, das eine für mich, das andere für meinen Bruder; wir stritten uns über die Vorzüge des einen gegenüber dem anderen. Seit früher Kindheit aber gab es eine zweite Art von Bibel, das REALIENBUCH. Meine Oma gebrauchte sogar, ohne den Fehler zu bemerken, für das Wort Regal ein anderes und sagte: „Hol dir doch das Buch da aus dem Real!“ Es wurde ganz allmählich meins, und sobald ich einen Stempel mit beweglichen Lettern besaß, setzte ich meine Initialen hinein:

 1947 1999 2001

Ich habe diese Bücher gar nicht planmäßig studiert, eher ironisiert, aber sie haben mich durch ihr Outfit fasziniert. Sie demonstrierten mir überzeugend den Wert der Bibliothek hinter mir und um mich herum. Diese existiert ja und erweitert sich womöglich zur letztendlichen Selbstfindung. Genau so die Bilder des Museums: vor allem die Idee des Imaginären Museums, die ich André Malraux verdanke. Vielleicht irrtümlich.

 André Malraux (1947) 1961

 John Berger 1974

Was hier noch fehlt, ist die Aufnahme einer Schulfunksendung etwa 1959, in der ein Japaner (in seinem besonderen Deutsch) aus seiner Kindheit erzählte, dabei immer wieder in voller Stärke das Gagaku-Stück „Etenraku“ anspielte, das mich restlos begeisterte. Später war es die Protokollierung einer Radiosendung 1960/61, die Musik „aller Zeiten“ präsentierte (aber nicht aus aller Welt), vielleicht von Hans Otte…

Quelle NZZ 2.9.2014 „Das totale Museum für daheim“ Bernhard Dotzler über Walter Grasskamp über „André Malraux und das imaginäre Museum“ (2014).

HIER

Soweit auch die heute fast auf der Hand liegende Kritik. Ich spare mir einen distanzierenden Text zu alldem und füge hinzu: Anfang der 60er Jahre gehörte noch unbedingt hinein: C.G.Jung „Gesammelte Werke“, Sri Aurobindo „Der integrale Yoga“, Simone de Beauvoir und Alfred C. Kinsey.  Alles zielte auf Vollständigkeit oder Vervollständigung. Es ging ums Ganze. Es begann halt so ähnlich, und am Ende stand in aller Bescheidenheit der Text von Wilhelm (nicht Alexander) von Humboldt über mentale Weltaneignung:

Wer, wenn er stirbt, sich sagen kann: ‚Ich habe soviel Welt, als ich konnte, erfasst und in meine Menschheit verwandelt‘ – der hat sein Ziel erreicht.

Zitiert aus dem nach wie vor lesenswerten Buch von Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? (Fischer Taschenbuch 2004)

Ich vergaß zu erwähnen, welchen Eindruck in den 60er Jahren Robert Musil und Marcel Proust in meinem allezeit formbaren Gemüt hinterließen. Und als ich gerade eben den Schreibtisch verließ, um im Schlafzimmer meine fünf oder sechs Morgenübungen zu machen, fiel mir ein schmales Buch ins Auge, das ich heute Nacht an dieser Stelle aufgeschlagen liegen ließ (ich lüge nicht!!!!), weil es perfekt die Situation der Fake-Welt beschreibt, für deren schamlosen Gebrauch sich selbst die Satiriker Joko und Klaas (Heufer-Umlauf) gerade in der Morgenzeitung entschuldigen mussten (nur weil sie ertappt wurden):

Die Lüge ist die Signatur dieser Welt. Sie durchdringt die zwischenmenschlichen Beziehungen jeder Art, die Gesellschaft, die Liebe, die Freundschaft, die Motive des Handelns, ja noch die Vorstellung der Individuen von sich selbst. Wo die Lüge zur universalen Herrschaft gelangt, verfälscht sie nicht nur jedes Ich und jedes Du bis zur Unkenntlichkeit, sondern wird, so paradox es scheinen mag, zum Instrument der Wahrheitsfindung. „Diese Lüge“ – so schreibt Proust – „gehört zu den einzigen Dingen auf dieser Welt, die uns Ausblicke auf Neues und Unbekanntes zu eröffnen, unsere schlafenden Sinne für die Betrachtung von Welten zu erwecken vermögen, die wir sonst nie gekannt hätten.“ Proust hat diese Möglichkeit an vielen Stellen in seinem Roman konkretisiert. Die Lebenslüge schließt die Lüge sich selbst gegenüber, das Nicht-wahr-nehmen-Wollen des Todes und die zur erbärmlichen Mitleidlosigkeit führende Furcht vor der Besinnung über die eigene Existenz mit ein. Viermal – leitmotivisch – hat Proust das Thema von der Ignorierung des Todes eines engen Freundes oder nahen Verwandten verwendet. Der Duc de Guermantes verleugnet den Tod des Vetters, die Duchesse ignoriert die tödliche Krankheit Swanns, die Verdurins verbannen zweimal jede Erinnerung an verstorbene Freunde aus ihrem Kreis. Die Ursache dieses Verhaltens […].

Quelle Erich Köhler / Angelika Corbineau-Hoffmann: Marcel Proust / Erich Schmidt Verlag Berlin 1994 (Seite 33)

Aus dem oben schon zitierten Globalisierungsbuch von Safranski möchte ich noch ein erhellendes Zitat folgen lassen, das sozusagen Humboldt durch Goethe ergänzt:

Goethe, der genau wußte, was für die Bildung eines Individuums erforderlich ist, schreibt in ‚Wilhelm Meisters Wanderjahren‘: Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Ziele vermag er einzusehen und er gewöhnt sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will, noch was er soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde. Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.

Goethe hat, wie so oft, auch hier das Richtige getroffen. Es gibt eine Reichweite unserer Sinne und eine Reichweite des vom Einzelnen verantwortbaren Handelns, einen Sinnenkreis und einen Handlungskreis. Reize, so kann man mit großer Vereinfachung sagen, müssen irgendwie abgeführt werden. Ursprünglich in der Form der Handlungs-Reaktion. Handlung ist die entsprechende Antwort auf einen Reiz. Deshalb sind auch der Sinnenkreis, worin wir Reize empfangen, und der Handlungskreis, in dem sie abgeführt werden, ursprünglich miteinander koordiniert. Aber eben nicht gut genug koordiniert. Auch hierbei sind wir Halbfabrikate. Wir müssen nämlich selbst ein Filtersystem entwickeln, das Reize, auf die man gar nicht angemessen reagieren kann oder auch nicht zu reagieren braucht, wegfiltert. Unsere Sinne sind vielleicht zu offen. Unser diesbezügliches Immunsystem ist nicht ausreichend. Auch das gehört zur Arbeit an unserer zweiten Natur: die Entwicklung eines kulturellen Filter- und Immunsystems.

Mit der globalen Informationsgemeinschaft der Medien aber haben wir diese Aufgabe auf sträfliche Weise vernachlässigt. Denn die globale Informationsgemeinschaft bedeutet in diesem Zusammenhang: daß die Menge der Reize und Informationen den möglichen Handlungskreis dramatisch überschreitet. Der durch Medienprothesen künstlich erweiterte Sinnenkreis hat sich vollkommen vom Handlungskreis losgelöst. Man kann handelnd nicht mehr angemessen darauf reagieren, also die Erregung in Handlung umsetzen und abführen. Während einerseits die individuellen Handlungsmöglichkeiten schwinden, steigert andererseits die unerbittliche Logik des Medienmarktes mit seinen Informations- und Bilderströmen die Zufuhr von Erregungen. Das muß so sein, weil ja die Anbieter von Erregung um die knappe Ressource ‚Aufmerksamkeit‘ beim Publikum konkurrieren. Dieses aber, inzwischen an Sensationen gewöhnt und danach süchtig, verlangt nach einer höheren, jedenfalls neuen Dosis von Erregung. Statt Handlungsabfuhr: Erregungszufuhr.

Quelle s.o. Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? (a.a.O. Seite 77 ff)

Es wird schon schwer, dieses Zitat mit dem zusammenzudenken, das Marcel Proust betraf. Und obendrein liest es sich am Ende schon wie Andreas Reckwitz. Siehe hier.

Man kann sich wohl nicht anders dazu verhalten als: die Widersprüche vorüberziehen zu lassen, ohne zu versuchen sie aufzulösen oder mit einem Schwerthieb zerschlagen.

Die täglichen Entscheidungen

…lassen sich kaum „aus dem Bauch heraus“ treffen

Es sei denn, man hat es oft geübt oder einiges dazu gelesen. Das kann die Einschätzung des Kopftuchtragens ebenso betreffen wie die Fan-Proteste beim Fußball oder die Angst vor dem Corona-Virus. Und wenn man in der Presse etwas gelesen hat, wodurch das eigene Für und Wider umgeschwenkt ist (und wieder zurück), neigt man dazu, der Presse die Schuld zu geben. Am besten, so scheint es dann, greift man das vielgebrauchte (und ungewollt eingeübte) Schimpfwort Lügenpresse auf… Falsch! Nichts ist falscher als das: nicht die andere (von meiner vorgefassten abweichende) Meinung ist schuld, sondern die komplexe Sachlage, die fast immer mehrere Sichten gestattet, und dann wäre es einfach eine davon, auf welche ich mich festlege, ohne noch weitere Argumente hinnehmen zu wollen.

Wenn ich es aber offen lasse, bedeutet das nicht, dass es mir egal wird, ich beobachte die Sache mit hoffentlich klarem Sinn für Ambivalenz und entscheide in dem Augenblick, wo es akut wird, und zwar, als geschehe es  „aus dem Bauch heraus“. Aber nur dann.

Auch heute ging es mir so – natürlich auf Grundlage der Presselektüre: sie gibt mir nicht nur Argumente, sondern auch die Zeit, – einfach so als Muße oder auch zum Strukturieren eigener Gedankengänge, die über das wilde Assozieren hinausgehen, – das ja auch einen Sinn hat oder annehmen kann, wie eine Zettelsammlung oder ein großes Blatt Papier, auf dem man (un)willkürliche Einfälle notiert.

Wenn ich die Namen nenne, höre ich schon die Aufschreie: Waaas? Komm mir nur nicht damit, das ist ja eine ganz Linke (oder Rechte), ein Wirrkopf sondergleichen, dieser gelernte Oberlehrer usw. usw., das wäre genau das, was ich günstigenfalls schon hinter mir habe. Ich könnte also zur Sache drängen. Oder mit Ausweichmanövern reagieren. Zum Beispiel indem ich sage, dass ich nichts gegen den Islam habe, außer wenn die Moslems einen „Ungläubigen“ anders traktieren als einen Gläubigen der anderen Schriftreligionen. Oder: Fußball ist ein Sport für Proleten und Professoren und alles dazwischen.

Ich nenne etwa die Namen Sonja Zekri (Kopftuch und Islam), Lothar Müller (Epidemie und Journalismus), Bernd Schwickerath (Fußball und Plutokratie) und gestehe, dass ich während der Lektüre einige Male das Smartphone bemüht habe, Stichworte „Gentrifizierung“ und „Spanische Grippe“. Ich könnte auch Sätze zitieren: „Aber um ihn selbst geht es ja nicht. Hopp ist das Symbol. Für einen gentrifizierten Fußball, den sich Milliardäre als Hobby gönnen. Ein chemisch reines Produkt ohne Fankurven.“ Oder selber erfinden: Die schlimmste Seuche der Neuzeit hat mehr Opfer gekostet als der Erste Weltkrieg. Diesen aber haben sich die Völker zusätzlich geleistet. Das Wort „Spanische Grippe“ hat man erfunden, weil Spanien damals das einzige Land mit freier Presse war und über die Krankheit berichtet hat (nicht nur über den siegreichen Kriegsverlauf wo auch immer).

Ich schließe mit den Quellenangaben und Dank an die Presse.

Quellen 

Süddeutsche Zeitung 29.Februar/1.März 2020 Seite 15 Verhüllen, um zu zeigen (Kopftuch-Urteil und Vorurteil) / Von Sonja Zekri

SZ (wie vor) 29. Februar/1.März 2020 Seite 15 Der Seuchen-Reporter Seit es die moderne Öffentlichkeit gibt, erfassen Infektionskrankheiten die Gesellschaften, ehe die physischen Erreger sie erreicht haben. Mit Daniel Defoes „A Journal of the Plague Year“ beginnt das Zeitalter der Prävention in der Weltliteratur / Von Lothar Müller

WZ/Solinger Tageblatt 02.03.2020 Seite 2 Meinung und Analyse  DFB setzt auf Härte – und die Spirale dreht sich weiter Von Bernd Schwickerath

Des weiteren lese ich (im NMZ Newsletter 28. Februar 2020):

Corona-Virus: Deutsche Konzert- und Tourneeveranstalter bangen um ihre Existenz

Nachdem in Norditalien und der Schweiz größere Musik- und Sportveranstaltungen nicht mehr stattfinden dürfen und auch in Deutschland bereits erste Messeveranstaltungen abgesagt wurden, bangen auch die deutschen Konzert- und Tourneeveranstalter um ihre Existenz.

*    *    *

Was bleibt? Einer der wichtigsten Grundsätze „Komplexität aushalten“.

Sonja Zekri: „Nur in einer Gesellschaft, die Muslimen misstraut, weil sie Muslime sind, ganz gleich, ob gläubig oder säkular, kann die demonstrative Verhüllung zu einem Ausdruck der Selbstbehauptung werden. Sie ist eben nicht Unterwerfungsgeste, sondern auch ein Aufbegehren gegen das Urteil der Mehrheit darüber, wer ein Muslim ist und wie er zu sein hat. Dieses Ineinanderspiel von kultureller Identität und politischem Appell, Abgrenzung und Integrationsbemühen ist, zugegeben, etwas verwirrend.“  (Siehe oben angegebene SZ-Kolumne)

Was bedeutet es eigentlich, wenn im Text „Der Seuchen-Reporter“ das Aufkommen von „Print 2.0“ erwähnt wird? Ich empfehle unter dem Stichwort „Web 2.0“ nachzulesen: Wikipedia hier. Dort besonders unter „Hintergrund“, „Verbreitung des Begriffs“ und „Charakteristika“. Es hatte bei mir mit dem Zwang zur Neugestaltung meines Lebens (nach 2005) durch Wegfall bzw. Reduzierung der „Plattform Rundfunk“ zu tun. Nicht zufällig erscheint im Wikipedia-Artikel dieselbe Jahreszahl auf (davon hatte ich damals keine Ahnung, mir half JMR auf die Sprünge):

ZITAT Wikipedia Print 2.0

Folgende Entwicklungen haben ab etwa 2005 aus Sicht der Befürworter des Begriffs zur veränderten Nutzung des Internets beigetragen:

  • Die Trennung von lokal verteilter und zentraler Datenhaltung schwindet: Auch Anwender ohne überdurchschnittliche technische Kenntnis oder Anwendungserfahrung benutzen Datenspeicher im Internet (etwa für Fotos). Lokale Anwendungen greifen auf Anwendungen im Netz zu; Suchmaschinen greifen auf lokale Daten zu.
  • Die Trennung lokaler und netzbasierter Anwendungen schwindet: Programme aktualisieren sich selbstständig über das Internet, laden Module bei Bedarf nach und immer mehr Anwendungen benutzen einen Internet-Browser als Benutzerschnittstelle.
  • Es ist nicht mehr die Regel, die einzelnen Dienste getrennt zu nutzen, sondern die Webinhalte verschiedener Dienste werden über offene Programmierschnittstellen nahtlos zu neuen Diensten verbunden (siehe Mashups).
  • Durch Neuerungen beim Programmieren browsergestützter Anwendungen kann ein Benutzer auch ohne Programmierkenntnisse viel leichter als bisher aktiv an der Informations- und Meinungsverbreitung teilnehmen (siehe User-generated content)

Soweit der Wikipedia-Artikel „Print 2.0“. Ich hatte damals eigentlich etwas ganz Anderes geplant. Nämlich ein System zu nutzen, das eine neue visuell vermittelte Form des Denkens ermöglichte (und mich irgendwie an die Gedankenentwicklung bei der Ausarbeitung von Radio-Sendungen erinnerte: mit Hilfe großer Papierbögen, auf die sich die einzelnen Motiv-Areale verteilen und mit Linien verbinden ließen. (folgt)

*    *    *

Was ich jetzt lieber geschrieben hätte:

Etwas über einen ZEIT-Artikel von Judith Butler (über Hegels „Herr und Knecht“), dann über Philosophinnen von Hypatia (s.a. hier) bis Judith Butler (nach dem Philosophie-Magazin Sonderausgabe 13 / Oktober 2019), etwas Kritisches über Knausgårds Wiedergabe der Kritik eines Kollegen an Munchs Bildnis seiner Schwester Inger Munch in schwarz, denn mir gefällt das Schwarz (weil ich kein Fachmann bin). Dann vor allem – angeregt durch Judith Butler – über Hegels „Herr und Knecht“ anhand anderer Quellen. (Es geht um Selbst-Bewusstsein, jedenfalls mehr als um Selbstbewusstsein.)

Und auch über die dionysische Erregtheit schriller Instrumente des Altertums, die im Vorderen Orient besänftigt wurden und erst in dieser Form bei uns eine modische Begeisterung für ethnisch inspirierte Melancholie auslösten. Aulos in der griechischen Antike und Memet im alten Ägypten, Duduki in Armenien.

 (Wikipedia hier)

Beethoven in Wuppertal

Unerhört, aber gut besucht

Die Überraschung war, wie unterhaltend der Ablauf des „Klavierkonzertes“ sich gestaltete, manches grenzte zweifellos an „Unterhaltungsmusik“, obwohl dieses Wort innerhalb der „Neuen Musik“ schon vor Jahrzehnten obsolet war (um es mit einer Lieblingsvokabel der Adornoadepten von einst zu belegen). Schon der Weg zur Kirche und aufwärts in deren Konzertetage ist ein Erlebnis, für das Luisenviertel in Wuppertal sollte man sich Zeit nehmen, selbst wenn man mit den karnevalsbedingten Polizeikontrollen im Umfeld nichts zu tun hat.

 Der WDR spiegelt sich:

 

Alle Fotos: JR / Letztes Bild: Susanne Kessel in der Reihe der Komponisten, davor, ganz unten links: der Kopf des Veranstalters Martin Stürtzer, in der Mitte unterm Kreuz Jan Kopp, neben ihm Martin Wistinghausen. Ganz links Dietmar Bonnen, dann Eberhard Kranemann; ganz rechts Heinz-Dieter Wilke.

Das Projekt ist also weitergelaufen, über die Grenzen Bonns und Beethovens hinaus; ich hatte damals die Dimensionen nicht geahnt: nicht 250 Stücke sind es geworden, sondern 261, aber nun sollte auch Schluss sein, sehr respektabel. Und live für mich eine nachträgliche Bestätigung: die Komposition von Jan Kopp  (siehe im Blog hier) hat auch nach drei Jahren ihre Faszination behalten, ja sie ist gewachsen. Leider ist das Stück auf der ersten CD des Klavierprojektes noch nicht enthalten:

Aber was auch immer man hört, gerade in der Zusammenstellung des Wuppertaler Konzerts: es ist – wie gesagt – ein ungemein kurzweiliges Programm, ohne stilistische Grenzen, zwischen wilden Ausbrüchen, Rätselcharakter, Pop, Ironie und Schmalz. Am Ende natürlich „Für Elise“. Sehr angenehm: die unprätentiöse Art der Darbietung durch Susanne Kessel, gleichwohl höchst virtuos, eine uneitle Künstlerin, deren Empathie für jedes einzelne Werk unverkennbar ist, auch wenn es aus dem (fälschlich) vermuteten Rahmen fällt, – gute Idee, auch schon mal drei Stücke aneinanderzufügen, die Einführungen der anwesenden Komponisten signalisierten Respekt vor dem Hörvermögen Nichteingeweihter, – so dürften Konzerte sein, durchaus heiter, was dem klassischen Ritual nicht schaden kann. Einerseits mit eingebauten Überraschungen, etwa als amüsante Performance, so zum Beispiel nach der Pause, – per Zufallsfund oder per Stichwahl: hinein in einen Band Beethoven-Sonaten, die Seite herausgerissen – zum Glück keine Urtext-Ausgabe -, auf den Kopf gestellt und vom Blatt gespielt – das war „Beethovenamstück“ von Harald Muenz, ganz zuletzt als Zugabe noch einmal: ein anderes Blatt, ein anderes Stück.

Andererseits ist alles, was man gehört hat, zuhaus am Computer perfekt nachvollziehbar. Nehmen wir das erste Stück des Konzertes nach dem einleitenden ersten Satz der Mondschein-Sonate: „A little moonlight music“ von Kai Schumacher. Im Programm steht dahinter „Vol.3“, d.h. Sie gehen Sie auf die Website www.250-piano-pieces-for-beethoven.com , vielleicht klappt’s auch schon hier, Sie sehen dort das folgende Bild und klicken oben links auf „audio/video“ (dort „Vol.3“) oder auf „Komponisten“.

In jedem Fall stoßen Sie auf Informationen und eine Möglichkeit, das Stück ihrer Wahl im Vimeo zu hören, ohne es gleich downloaden zu müssen oder eine CD zu kaufen. Ein wunderbares Angebot. Einzigartig (glaube ich) auch in der Webtechnik als Einführung in die Vielseitigkeit der Neuen Musik – mithilfe eines einzigen Instrumentes, des Wunderkastens Klavier.

Im Fall Peter Michael Hamel (in der Ansage ließ mich der Name Tyagaraja aufhorchen) hätte unter „Vol. 9“ zum Beispiel folgendes erfahren:

Peter Michael Hamel über sein piano piece „Freude für Beethoven“:

„Umrahmung mittels des klassischen indischen Tala RUPAK 7/8.
Zitat aus der karnatischen Musik des Beethoven Zeitgenossen Tyagaraja aus Madras am Anfang und am Ende.
Zwischendrin: Beethoven Allusionen Anklänge an die seit der Kindheit erinnerten Melodien.“
„Ich liebe dich so wie du mich
am Abend und am Morgen
Noch ist kein Tag wo du und ich
nicht teilten unsere Sorgen“

Und dann – mehr über Hamel als über Beethoven:

Über Ludwig van Beethoven:

„In Kindheitstagen die Gesangsstimmen der Eltern noch vereint: „Ich liebe dich, so wie du mich, am Abend und am Morgen…“ Die knackende LP: der 10-Jährige hört bei der Oma die Siebte unter Furtwängler. Unvergesslich. op.10 Nr 1 cmoll, wenigstens den ersten Satz erlernt, fast alle Klaviervariationen auf das c-moll Thema. Und dann die letzten Streichquartette als Lebensessenz …“

(Peter Michael Hamel, 20.10.2019)

*    *    *

Es hat mich gefreut zu sehen, dass der WDR die ganze Sache unterstützt, lauter Leute, die ich aus meinem früheren Leben kenne und schätze:

Nachwort 24.02.2020

Ich habe keine Kritik geschrieben, sondern subjektive Gedanken zu einem Konzert wiedergegeben, – leicht zu erkennen, was hätten sonst Fotos aus dem Wuppertaler Luisenviertel damit zu tun: für mich gehörten sie dazu. Ebenso die nicht erwähnte, kurze Begegnung mit dem Kollegen Michael Rüsenberg, der sich wunderte, dass ich nicht gehbehindert bin. Wie kam er darauf? Vielleicht weil ich seit dem Besuch seiner Veranstaltung am 4. Mai 2017 in Bonn bei ihm nicht mehr aufgetaucht bin? (Siehe hier). Vielleicht nur weil ich fürchtete, dass ich es dort wieder so interessant finden würde, dass ich mich zu ganz viel Nacharbeit bemüßigt fühle? Dabei muss man nämlich lange am Schreibtisch sitzen, während ich in Wirklichkeit sehr gerne laufe, vor allem am Strand einer Nordseeinsel oder bei Domburg. Es gibt im täglichen Leben viele kleine Missverständnisse, die der Rede nicht wert sind. Zum Beispiel in der Zeit, als ich noch für den WDR Festivals auf der Kölner Domplatte oder auf dem Marktplatz in Bonn betreute. Weltmusik, wertvolle (welthaltige) Musik verschiedenster Regionen oder Kulturen. Und immer wieder geschah es, dass Ensembles oder Solisten – bevorzugt aus dem Ostblock – nachfragten, wann denn Preisverleihung sei. Leichte Enttäuschung, wenn sie erfuhren, dass es hier um Nebeneinanderstellung des ideell Gleichwertigen gehe, verbunden mit bewussten Kontrasten, auch im Niveau oder in der Komplexität.

So kommt es, dass ich lieber auf  (subjektive) Vertiefung des Verständnisses ziele, und Kritik mit Vorliebe an Kritiken übe, ohne damit eine Art Gutmenschentum hervorkehren zu wollen. Deshalb würde ich auch gern über die Wuppertaler Besprechung meckern, die ich aber nur teilweise mit Hilfe eines Screenshots mehrere Momente lang vor der niedergehenden Leseschranke retten konnte.

  Zitat WZ 22. Februar 2020

Da werden die spektakulären Dinge herausgegriffen, die auch von musikfremden Besuchern auf der nächsten Party erzählt werden könnten. Wenn das Ereignis ausschließlich in den Tönen stattfindet, ergibt das halt ein blasseres Narrativ als wenn der Pianist unter dem Flügel liegt. Das bekannteste Klavierstück von Cage (oder überhaupt, wenn man von „Für Elise“ absieht) ist dasjenige, in dem kein einziger Klavierton erklingt, sondern Stille. Warum auch nicht?

Was mich besonders positiv beeindruckt hat, ist übrigens die Art und Weise, wie Susanne Kessel mit dem Stück eines philippinischen Komponisten umgegangen ist.

Hörbilder aus der Brandung

Keine Worte finden, nur den gefächerten Mischklang

Wäre ich Schriftsteller oder Lyriker, hätte ich vielleicht eine Liste mit Worten zusammengestellt, die Wässriges in den verschiedensten Bewegungsformen kennzeichnen. Ich habe das sogar versucht, als ich am Strand so nah wie möglich vor den anrieselnden Restwellen daherwanderte, mich manchmal mit einem kleinen Sprung außer Reichweite brachte, manchmal auch, von sicherem Posten aus, nichts anderes tat als lauschen. Mit aufgerichteten Ohr-Antennen. Was für ein schönes Wort, dieses „lauschen“, das sich auf „rauschen“ reimt. Natürlich habe ich an Proust gedacht, aber noch mehr an Debussy (der Wind über seinem Meer jedoch hat die Wärme des Südens, mir pfeift die Kälte um die Ohren) und schließlich taucht dieser amerikanische Klangkünstler auf, der das gesamte Instrumentarium des Ozeans mit verschiedenen Mikrophonen gleichzeitig zu erfassen suchte, Hoch- und Tieftonbereiche und alles dazwischen, vom dumpfen Schlag bis zum leisesten Knistern. Ich versuche mich zu erinnern. Wie heißt er noch? Bernie Krause! Steht nicht das Brandungsrauschen bei ihm am Anfang, bevor er auf die Laute der Tiere und den großen Zusammenklang der Natur kommt? Vor allem aber dachte ich heute an das, was der Autor Florian Zinnecker über seine Erfahrungen bei dem Gehörforscher Altenmüller in Hannover aufgezeichnet hat. Die höchste Stufe des Hörens, die einsetzt, wenn man versucht, aus dem Geräuschteppich Einzelheiten herauszulesen, vielleicht auch im Theaterfoyer, wenn man halblaute Gespräche, die in der Nähe geführt werden, mehr oder weniger absichtlich mitverfolgen kann. Man kann die Einzelgeräusche der schäumenden Wellenkronen während ihres Umschlags, der den Kamm in eine Höhlung verwandelt, aus dem Gesamtkunstwerk „Brandung“ hervorholen! Diese ebenso sanfte wie aktive Herauslösung aus dem Raumgeräusch, das ist die größte Leistung der kleinen Härchen im Innenohr, die mit Vorstellungskraft, ja gedanklich lenkbar sind. Ich denke an Karl-May-Lektüre vor Jahrzehnten, an die Schichten des Urwalds in Papua-Guinea, die der Ethnologe Steven Feld in der Musik der Kaluli wiedergefunden hat. Die überlappenden Einsätze der verschiedenen Stimmen; keine Polyphonie, im Sinne – sagen wir – der Baka-Pygmäen, der kaukasischen Dörfer oder des balinesischen Gamelan, aber nichts kann mich hindern, jetzt an Bach zu denken, von dem Beethoven gesagt hat, er müsse Strom oder Meer heißen, was auch immer, ich werde es nicht nachschlagen. Beide haben mit diesem Element zu tun.

 Unzulängliche Versuche

              

(Fotos JR Huawei 10.1.2020 Domburg/Zeeland)

Auch das Wort „gefächerter Mischklang“ ist eine unzulängliche Erfindung, die beim Spazierengehen am Strand entstand: der Gesamteindruck, der in den Ohren registriert wird, die zudem das unregelmäßige Pfeifen des Windes aussortieren – der ja auch eine Tonaufnahme mit dem Smartphone unbrauchbar machen würde – , ist tausendmal mehr als dieser Satz ausgefächert in Einzelbestandteile, die sich fortwährend verändern. Die Erinnerung an ein Buch spielte eine Rolle, das mich vor einigen Jahren beeindruckte, dann aber nicht weiterführte, weil ich das darin vermittelte Naturbild nicht einordnen konnte. Der Name ist oben schon verlinkt: Bernie Krause. Das Äußere dieses Buches und der Titel lenken ein wenig in die Sparte Jugendliteratur, aber es lohnt sich darauf einzugehen, – unschätzbar allein der Wert der Naturaufnahmen im Ton, auf die es die Aufmerksamkeit lenkt: und sie sind im Internet abrufbar! Die Erinnerung an die Bemerkungen über die Aufnahmetechnik schienen mir am Strand augenblicklich die Ohren dafür zu schärfen, in verschiedene Frequenzbereiche hineinzulauschen und meine Suche nach Worten dafür ganz allmählich überflüssig zu finden. Noch eine Erinnerung: ähnliche Erfahrungen am Strand von Porto Mosch an der Algarve (und auch an der Westküste): die kurzen brechenden Wellen, die unmittelbar vor meinen Füßen ein knisterndes Sondergeräusch wahrnehmen ließen, während im Hintergrund die ernsthaften Hauptwellen „wie üblich“ tönten. (Damals hatte ich das Buch neu, 2013, später hat man mir die Taschenbuchausgabe dazugeschenkt, deren Cover ich unten wiedergebe.) Und während ich das abschreibe, merke ich, wie sehr diese Erinnerung bereits meine Wortwahl und den Gang meiner Gedanken gelenkt hatte.

ZITATE

Auf den ersten Blick scheint das Vorhaben, akustische Aufnahmen vom Wasser zu machen, unkompliziert: Stelle ein Mikrofon an der Küste auf  und drücke den Aufnahmeknopf. Aber sosehr ich mich anstrenge, meine ersten Versuche, den Klang des Wassers einzufangen, wollten einfach nicht recht gelingen. Wir sind so visuell orientiert, dass die meisten Menschen, die einigermaßen gut sehen, dazu neigen zu hören, was sie vor Augen haben. Wenn wir den Blick auf die Wogen weit draußen im Meer richten, filtern Ohren und Hirn in der Regel alles heraus außer dem Donnern und Krachen der Wellen, die Ferne und unglaubliche Kraft suggerieren. Schauen wir hingegen auf die Vorderflanke der Wellen, die an den Strand spülen und im Sand zu unseren Füßen brechen, hören wir die Bläschen knistern und prasseln, während das Geräusch der fernen Brecher in den Hintergrund tritt.

Mikrofone haben jedoch weder Augen noch Hirn. Ohne Unterschied nehmen sie alle Geräusche in ihrer Reichweite auf. Wenn ich also, überlegte ich, die Klänge einer Meeresküste wiedergeben will, muss ich eine ganze Reihe verschiedener Aufnahmen aus unterschiedlichen Distanzen machen: ein paar Hundert Meter vom Ufer entfernt, auf halbem Weg zwischen den grasbewachsenen Dünen und dem Ufer und direkt am Ufer. Mithilfe einer Klangbearbeitungssoftware, mit der ich zu Hause alle Aufnahmen auf unterschiedlichen Ebenen kombiniere, kann ich auf diese Weise Tonmaterial erzeugen, das ganz ähnlich klingt wie die magischen Klänge der Meereswellen. Aber was ist es eigentlich, auf die kleinste Ebene reduziert, was ich da aufnehme? Was ist Klang?

Klang ist ein Medium, das, abgesehen von seinen physikalischen Eigenschaften – Frequenz, Amplitude, Klangfarbe und Dauer -, schwer zu beschreiben ist. Dennoch spielt er eine Schlüsselrolle für die Art und Weise, wie Gesellschaften sich ausdrücken; er ist grundlegend für die kollektive Stimme der natürlichen Welt, für die Musik und für Geräusche aller Art.

Die Grundelemente des Klangs entziehen sich unserem sprachlichen Zugriff, und für die meisten Menschen ist Klang schon seit jeher ein Rätsel. Auf die Bitte, Klang zu beschreiben, antwortete der Komponist, Naturforscher und Philosoph R. Murray Schafer: „Woher soll ich das wissen? Ich habe noch nie einen Klang gesehen.“ Damit benannte Schafer die Schwierigkeit: Wie oft benützen wir Ausdrücke wie „Ich sehe hier ein großes Problem“? Unsere Sprache ist stark vom Optischen geprägt, und Paul und ich hatten als Filmkomponisten oft mit Regisseuren zu tun, die ihre Wünsche für die Musik in visuellen Begriffen ausdrückten: dunkel, hell, leuchtend, tiefbraun und trüb gefärbt.

Wir nehmen Klang körperlich auf, aber er kann weder gesehen noch berührt oder gerochen werden, was den Sounddesigner und Oscarpreisträger Walter Murch veranlasste, von einem „Schattensinn“ des Menschen zu sprechen – einer Sinneswahrnehmung, die in einem ätherischen, amorphen Bereich existiert. Als Film-Sounddesigner verknüpfen Murch und seine Kollegen Klang – sei es als Dialog, Effekt oder Musik – mit der viel konkreteren visuellen Realität des Bildes, und geben damit beiden Elementen einen neuen Kontext.

Quelle Bernie Krause: Das große Orchester der Tiere / Vom Ursprung der Musik in der Natur / Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Sonja Schuhmacher Kollektiv Druck-Reif / MALIK National Geographic / Piper Verlag München 2015 (Originalausgabe 2012) ISBN 978-3-492-40557-7 (Verlag Antje Kunstmann 2013) Zitat Seite 28f.

 s.a. hier (Kunstmann)

Meer hören! Hier (bei 1.3)

Foto: E.Reichow

Bücherbedarf

Warum gerade dies?

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Weil es die eigene Zeit verstehen (und verändern) hilft. Ich kam darauf durch die Präsenz der Autorin in der Lanz-Sendung 8. Oktober 2019 (mit N.Kampusch) HIER

Warum Peter Gülke? Man kann sicher sein, dass er diesen Gegenstand mit einem universalen (linken) Blick betrachtet, nicht als lebenslänglich eingeschränkter Archivar. Er schreibt (heute) eher etwas schwierig, aber was ich kenne (Brahms/Bruckner, Schubert, Schumann), möchte ich nicht missen. Dieses frühe Buch ist einfacher zu lesen, und wenn ich meine, man müsse zu diesem Thema unbedingt auch Salmen lesen („Der fahrende Musiker im europäischen Mittelalter“), oder Bachmann („Die Anfänge des Streichinstrumentenspiels“) oder Hammerstein („Die Musik der Engel“), er kannte das alles schon!

  Köhler & Amelang Leipzig 1975

285 Seiten, mit einer unbezahlbar schönen Bildauswahl, antiquarisch für 6,50 €

Antiquarisch, aus dem Besitz eines Rauchers (man riecht es), leicht vergilbt, aber ohne Lesespuren. Ich werde es mir durch viele Unterstreichungen aneignen.

ZITAT

„Schritte zum mehrstimmigen Komponieren“ (Gülke a.a.O. Seite 79f)

Wo immer der erste Schritt getan wurde, ob er angeregt war durch Erinnerungen an die Heterophonie, das freie Umspielen einer gleichen Melodie durch verschiedene Instrumente in der Antike, oder dadurch, daß Sänger verschiedener Stimmlagen die gleiche Melodie in der jeweils bequemsten Lage sangen und so zu einer Parallelbewegung kamen – entscheidend war der Entschluß, die „wild“ improvisierte Mehrstimmigkeit theoretisch zu fassen und so als kompositorische Möglichkeit zu legitimieren. Im Rahmen improvisatorischen Musizierens hätte die Mehrstimmigkeit sich nicht so entwickeln können, wie es in Europa geschah. Eben hieran zeigt sich der Unterschied von Komposition und Improvisation in aller Deutlichkeit: Wohl ist der Improvisierende „frei“ insofern, als er nicht an die Vorgabe eines Notentextes gebunden ist, aber die Wahrnehmung seiner Freiheit, alle Ausflüge seiner Phantasie erscheinen sinnvoll nur in einem Rahmen, den ihm das Verständnis seiner Zuhörer und das Zusammenwirken mit seinen Mitspielern vorgeben, ganz abgesehen davon, daß er, befangen im Vollzug, von seinem musikalischen Gegenstande nur geringen Abstand hat; nur, wenn er ein den Zuhörern vertrautes musikalisches Material benutzt, werden sie ihn und seine Freiheiten verstehen, und nur, wenn er sich an vorgegebene melodische und harmonische Modelle hält, funktioniert das Zusammenspiel mit seinen Partnern. Anders der Komponierende, der bei der Auswahl der Mittel freiere: Er kann Auseinanderliegendes planvoll zusammendenken und so zu neuartigen Synthesen gelangen, kann ohne die Befangenheit und das unmittelbare Engagement eines Musizierenden die Einzelheit präziser kalkulieren und in ein Verhältnis zur Disposition des Ganzen setzen, er kann im Bereich des Unerwarteten, Neuen weiter ausschreiten, mit bislang unvereinbar erscheinenden Mitteln, bei den Anfängen des mehrstimmigen Komponierens.

Nicht möglich wäre dies gewesen, wenn nicht die Entwicklung der Notenschrift die Übersicht erleichtert hätte. Die schriftliche Fixierung, zunächst nicht mehr als eine Gedächtnishilfe und also ohne Weitergabe der Melodien von Mund zu Mund kaum brauchbar, half nicht nur, die Einheitlichkeit des Repertoires in weit auseinanderliegenden Gebieten zu sichern, sie entlastete nicht nur die durch das Memorieren der Musikalischen Liturgie arg strapazierten Hirne, sie muß darüber hinaus die Einstellung zur Musik grundlegend verändert haben.

Ethnopluralismus

Ein unschuldiges Wort?

Die Betrachtung zweier Dinge möchte ich lebenslang im Zentrum wissen, auch wenn es widersprüchlich klingt: die Natur, wie sie [ohne uns] existiert. Und: wie wir leben oder wie wir in Zukunft leben können. Wie aber all dies sich anfühlt, zeigt fortwährend die Musik.

Weshalb ich (JR) mich für Themen interessiere, die nicht unmittelbar damit zu tun haben, ist schnell gesagt: es gibt bestimmte Worte, auf die ich nicht verzichten möchte, ohne aber Gefahr laufen zu wollen, mit völlig absurden Tendenzen in Verbindung gebracht zu werden. Zum Beispiel die Worte Heimat, Vielfalt, Globalisierung. Auch die Wortungetüme Multikulturalität oder Bi- (bzw. Multi-) Musikalität. Etwa hier, die „Alte Heimat“ Lohe betreffend; oder hier, die neuere Heimat Solingen. Überhaupt mehrere „Heimaten“, die mir viel bedeuten. Themenkreise überpersönlichen Charakters (aber amalgamierbar). Urlaubsorte, die mir ans Herz wachsen. Dann z.B. das alte Thema Globalisierung bzw. Vielfalt hier. Daher bin ich dankbar für klärende Texte wie den folgenden von Philipp Krüpe.

ZITAT

Wenn auf [bestimmten Internet-] Seiten ein Europa zelebriert wird, das aus rein weißen Menschen besteht, die in traditionalistischen Gebäuden wohnen, geht es den Verantwortlichen vordergründig nicht um einen White-Supremacy-Rassismus, sondern um das neurechte Konzept des „Ethnopluralismus“.

Der Historiker Volker Weiß sieht in diesen Argumentationen den bekannten Rassismus im modernisierten Gewand. Wenn die Rede vom Ethnopluralismus ist – also das angebliche Recht jedes Volkes (in diesem Fall gar eines europäischen), seine ethnokulturelle Identität bewahren zu dürfen -, wird das Bild einer Vielfalt suggeriert, die auf der „Gleichwertigkeit homogener Völker in ihren angestammten Lebensräumen“ 05 basiert. Das klinge „zunächst wesentlich menschenfreundlicher als die üblichen Ungleichheitslehren“, so Volker Weiß, berge „aber im Glauben an ethnische Homogenität und der Verbindung von Volk und Raum dieselben Ausschlussmechanismen“. 06

Eine Vielzahl vornehmlich junger Menschen scheint Gefallen an den dramatischen Bildern zu finden, bei denen aus einer romantisch-nostalgischen Verklärung Europas geschöpft wird. Dass hier rechtes Gedankengut vermittelt wird, fällt oft erst auf den zweiten Blick auf, da durch geschickte Formulierungen vorbelastete alt-rechte Vokabeln umgangen werden. Eine kleine Gruppierung, die in dieser Hinsicht – und auch außerhalb des virtuellen Raumes – produktiv agiert, ist die sogenannte Identitäre Bewegung (IB), deren Hauptkennzeichen neben Ethnopluralismus Islamfeindlichkeit und die vehemente Verteidigung der „eigenen“ kulturellen Identität sind. Sie pflegt eine starke Vernetzung zu rechtspopulistischen bis rechtsextremen Organisationen, von denen sie sich jedoch durch ihr junges Alter und den sicherlich damit zusammenhängenden geschickten Umgang mit sozialen Medien abhebt. Wie Kai Biermann und andere in der ZEIT darlegten, sind die Identitären „keine ‚Bewegung‘ , ihre Distanzierung von der rechten Szene ist Taktik. Ihre Führungsfiguren kommen aus der NPD-Jugend, aus radikalen Burschenschaften und sogar aus der verbotenen Neonaziorganisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ). Die Identitären bieten ihnen eine neue Heimat und eine frische Corporate Identity, unter der sie alle Ziele weiterverfolgen können.“ 07 Die Identitären schaffen es, mit relativ einfachen Mitteln große Aufmerksamkeit zu erzielen, indem sie gut inszenierte und aufgebauschte Videos ihrer Guerilla-Aktionen verbreiten. 08 Es verwundert kaum, dass die Mehrzahl ihrer Protagonist*innen den oben beschriebenen Seiten wie European Beauty und Architectural Revival folgen, auf denen in kulturell-ästhetischer Hinsicht ziemlich genau ihre Ansichten verbreitet werden.

Das Beharren auf kultureller Identität – in den sozialen Medien visualisiert durch das Verbreiten regionaler Trachtengewänder und alter Gemäuer – geht mit dem Bezugauf die in den USA entstandene Internet-Kultur, die in Teilen die Alt-Right-Bewegung 09 hervorbrachte, einher, Akiv*istinnen wie der Österreicher Martin Sellner 10 , der sich als Kopf der Identitären Bewegung versteht, beziehen sich immer wieder auf kulturelle Phänomene wie beispielsweise Pepe the Frog – eine ursprünglich unpolitische Comic-Zeichnung, die im Verlauf des US-Präsidentschaftswahlkampf[s] 2016 von der US-amerikanischen Rechten mit rassistischen, antisemitischen und antifeministischen Botschaften gespickt wurde und Trumps Wahlkampf begleitete.

Um zu verstehen, wie diese Phänomene eine solche Popularität in rechten Kreisen gewinnen konnten, muss ein Blick in die beschriebene Online-Welt geworfen werden.

(Fortsetzung folgt)

Quelle Reaktionäre Architektur-Memes in den sozialen Medien / Von Paul Schultze-Naumburg zu 4chan  [Autor:] Philipp Krüpe / in: ARCH+ Zeitschrift für Architektur und Urbanismus Nr. 235, 2019 / RECHTE RÄUME Bericht einer Europareise / Seite 38-39

Aus den Anmerkungen:

06 [Volker Weiß: Die autoritäre Revolte – Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017 siehe auch bei Perlentaucher hier]

07 Kai Biermann et al.: [Link ist bereits eingefügt]

08 2016 erklärten sie das Brandenburger Tor für besetzt, nachdem sie es mit Leitern erklommen hatten […]. Viele Medien bezeichneten die Gruppierung […etc…]

09 Alt-Right (Kurzform von Alternative-Right) ist eine Bezeichnung für die extreme Rechte in den USA, die rassistische, antisemitische, antimuslimische und antifeministischePositionen vertritt.

10 Nach dem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland, durch den rechtsextremen Australier Brenton Tarrant, bei denen er 50 Menschen tötete, wurde bekannt, dass der Attentäter an Sellner gespendet und ihm bewundernde E-Mails geschrieben hatte. [Siehe Wiki Martin Sellner auch dazu.]

Die Karte Online Culture Wars (2018-19) der Künstlergruppe disnovation.org ordnet mithilfe eines politischen Koordinatensystems die unüberschaubare Anzahl einflussreicher politischer Figuren, Memes und Symbole. Links: „Economic Left“ / Rechts: „Economic Right“ / Oben: „Authoritarian“ / Unten: „Libertarian“

Siehe ausführlich HIER.

Zur Netzkultur, – was man kennen sollte: Begriffe wie Meme (spr. mi:m) – siehe anschließend auch unter Mem (Zusammenhang mit Dawkins) – und Troll. Nerd, Noob (Neuling), Image-Board (dort auch 4chan). Safe Space. Triggerwarnungen in Internetforen und Universitäten.

Der Autor Mattathias Schwartz vergleicht in einem Artikel in der New York Times die erwähnten Plattformen mit einem „Blog ohne Beiträge und mit Kommentaren voller Slang“, womit er den dadaistischen Wesenszug dieser Sphäre charakterisiert.

(Fortsetzung des schon oben zitierten Artikels gegen Schluss:)

Wie ist auf die identitären kulturellen Angriffe zu reagieren? Gibt es eine progressive Alternative, die eine direkte Entgegnung auf die nreaktionäre Bildsprache eröffnen kann?

Wie Angela Nagle in Die digitale Gegenrevolution feststellt, wurde es den Rechten einfach gemacht, kulturelle Hegemonie in Teilen der Online-Welt zu erlangen und damit einen Beitrag zu leisten, dass Donald Trump ins Weiße Haus einziehen konnte. Nun ist aber das Internet in seiner partikularistischen Form nicht nur mit rechten Troll-Posts gefüllt. Nagle zufolge besetzen auch Linke identitäre Online-Räume, wenn immer mehr um Sprechverbote, Triggerwarnungen und Safe Spaces gestritten wird. Aber es würde sicherlich zu kurz greifen, der rechten Meme-Flut einfach nur linke Memes entgegenzusetzen. Nagle beruft sich in ihrer Kritik an der Linken auf den marxistischen Kulturtheoretiker Mark Fisher, der der britischen, in den 1990er-Jahren gegründeten Cybernetic Cultural Research Unit entstammt. Das linke Kollektiv setzte sich mit Themen wie Cyberfeminismus, Akzelerationismus und Rave-Kultur auseinander. Fisher illustriert die problematischen Dynamiken innerhalb der linken Szene, indem er sie als „priesterhaftes Verlangen zu exkommunizieren und zu verdammen“ charakterisiert.

Es bleibt weiterhin offen, wie sich die Linke ihren traditionellen Dynamiken der Mikro-Lagerbildungen und damit der Selbstzerfleischung entziehen kann. Klar ist jedoch, dass Identitätspolitik – mag sie noch so emanzipatorisch gemeint sein – nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Schließlich ist „Ethnopluralismus“ in letzter Konsequenz eben das: Identitätspolitik* einer männlich-weiß-heterosexuellen Mehrheit.

Quelle: Siehe oben „Reaktionäre Architektur-Memes“ etc. [Schlussteile]

*wichtiger Wikipedia-Artikel, zwei Zitate daraus:

Nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten im November 2016 betonte die Historikerin Nell Irvin Painter, das Weißsein habe sich jetzt von einer unmarkierten Kategorie, die bis dahin wie selbstverständlich das gesellschaftliche Zentrum besetzt gehabt hatte, in eine Kategorie gewandelt, die zielgerichtet mobilisiert werde, um eine politische und gesellschaftlich privilegierte Position zu sichern. Identitätspolitik sei keinesfalls nur Sache von Afroamerikanern, Latinas, Frauen und LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender), sondern auch eine der weißen, heterosexuellen, protestantischen Männer, die damit ihren verloren geglaubten Platz im gesellschaftlichen Zentrum wieder zu festigen suchten.[5] Damit, so Frank Furedi, sei Identitätspolitik „mittlerweile zur Karikatur ihrer selbst geworden“.

Und:

Für Francis Fukuyama fiel der Krise der Linken in den letzten Jahrzehnten mit ihrer Hinwendung zu Identitätspolitik und Multikulturalismus zusammen. Die Forderung nach Gleichheit sei für die Linke weiterhin kennzeichnend, doch ihr Programm legte nicht mehr wie einst den Nachdruck auf die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft, sondern auf die Wünsche eines ständig größer werdenden Kreis ausgegrenzter Gruppen.[10] Für manche Linke sei die Identitätspolitik zu einem billigen Ersatz für ernsthafte Überlegungen geworden, wie der seit 30 Jahren andauernde Trend sozialökonomischer Ungleichheit in den meisten liberalen Demokratien umgekehrt werden könne.[11] Schon 1998 hatte Slavoj Žižek ähnlich argumentiert: Die postmoderne Identitätspolitik der partikularen (ethnischen, sexuellen und anderer) Lebensstile passe perfekt zu einer entpolitisierten Idee der Gesellschaft.[12]

Christoph Jünke betont dagegen, dass Identitätspolitik Schutz vor der herrschenden Mehrheit und Quelle von Selbstbewusstsein sein könne. Damit sei sie ein geradezu notwendiger Ausgangspunkt jeder Politisierung und notwendige Vorbedingung politischer Selbstorganisation und Behauptung: […]

Zurück zum AusgangswortEthnopluralismus(ein zentrales Wort der Neuen Rechten).

Neubeginn: die Ausführungen im Vortrag von Angela Nagle:

Virtual Futures presents Angela Nagle in conversation on her new book, Kill All Normies: Online culture wars from 4chan and Tumblr [siehe hier] to Trump and the alt-right. Angela Nagle untangles the new culture wars raging on the internet: on the one side the “alt right”, which ranges from white separatist movements, to geeky subcultures like 4chan, to more mainstream manifestations such as the Trump-supporting gay libertarian Milo Yiannopolous. On the other side, so-called ‘social justice warriors’, whose progressive, identity politics fuelled campaigns are often seen as little more than virtue signalling and also associated with closing down debate by claiming offence, using the therapeutic language of trigger warnings and safe spaces. She will join us to explore the cultural genealogies and past parallels of these styles and subcultures, drawing from transgressive styles of 60s libertinism and conservative movements, to make the case for a rejection of the perpetual cultural turn.

Als weitere Einführung in die Thematik lese man im DLF Kultur den Artikel HIER.

… so viele Geschichten, Religionen und Ideologien

 Und was folgt daraus? (Tue nichts!)

ZITAT (Harari)

Bis dahin wusste ich recht wenig über Meditation und war der Ansicht, dazu gehörten alle möglichen komplizierten mystischen Theorien. Ich war deshalb erstaunt, dass sich der Kurs als sehr praxisorientiert erwies. Unser Lehrer, S.N. Goenka, brachte den Teilnehmern bei, im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen dazusitzen und die gesamte Aufmerksamkeit auf den Atem zu richten, der durch die Nase in den Körper strömt und wieder herausfließt. „Tue nichts“, sagte er immer wieder, „versuche nicht, den Atem zu kontrollieren oder auf eine besondere Weise zu atmen. Nimm einfach nur die Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks wahr, wie auch immer er sein mag. Wenn der Atem einströmt, bist du dir einfach nur bewusst – jetzt fließt der Atem hinaus. Und wenn du die Konzentration verlierst und dein Geist damit beginnt, zu Erinnerungen und Fantasien abzuschweifen, bist du dir einfach bewusst – jetzt schweift mein Geist vom Atem ab.“ Das war das Wichtigste, was jemals irgendjemand zu mir gesagt hat.

Wenn die Menschen die großen Fragen des Lebens stellen, haben sie in der Regel absolut kein Interesse daran, sich des Atemflusses bewusst zu werden. Vielmehr wollen sie Dinge wissen wie etwa, was passiert, wenn wir tot sind. Doch das eigentliche Rätsel des Lebens ist nicht, was geschieht, wenn wir tot sind, sondern was geschieht, bevor wir sterben. Wer den Tod verstehen will, muss das Leben verstehen.

Quelle Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert / C.H.Beck München 2018 (Zitat Seite 408f)

   

Teil I „Die technologische Herausforderung“ beginnt mit der Erklärung:

Die Menschheit verliert den Glauben an die liberale Erzählung, welche die Weltpolitik in den letzten Jahrzehnten bestimmte, genau in dem Augenblick, da die Verschmelzung von Informationstechnologie und Biotechnologie uns vor die größten Herausforderungen stellt, mit denen die Menschheit je konfrontiert war.

Als ich dieses Buch zu lesen begann, fühlte ich mich an den Tag erinnert, an dem ich „Die große Erzählung“ – oder wenigstens die fortwährenden Anspielungen auf ein „Narrativ“ – dingfest machen wollte, in diesem Fall auf Musik bezogen, nämlich hier. Warum soll sich diese Technik der Annäherung erledigt haben? Wenn in diesem Moment auch „nur“ von Weltpolitik die Rede ist, vom „Glauben an die liberale Erzählung“, es hindert ja den Autor nicht, auch die Musik sozusagen spielerisch einzubeziehen. („Mozart in der Maschine“ Seite 50ff)

Weil dieser Historiker, dem soviel auf rationalem Wege gelingt, in der Musik nichts Bemerkenswertes zustandebekommt, obwohl das musikalische Handwerk doch auch ohne Genie ganz gut zu beurteilen und sogar zu erlernen ist. Er meint Komponisten, Sänger und Djs, die „nach wie vor aus Fleisch und Blut“ sind.

Wir vertrauen auf ihre Kreativität, mit der sie nicht nur völlig neue Musik schaffen, sondern auch aus einer schwindelerregenden Fälle verfügbarer Möglichkeiten auswählen.

Gleichwohl wird auf lange Sicht kein Arbeitsplatz absolut sicher vor der Automatisierung sein. Selbst Künstler sollte man auf der Rechnung haben. In der modernen Welt wird Kunst üblicherweise mit menschlichen Emotionen assoziiert. Wir neigen zu der Annahme, Künstler würden innere Seelenkräfte bündeln, und der eigentliche Zweck der Kunst sei es, uns mit unseren Emotionen in Verbindung zu bringen oder irgendein neues Gefühl in uns auszulösen. Wenn es darum geht, Kunst zu bewerten, beurteilen wir sie folglich gerne nach ihrer emotionalen Wirkung auf das Publikum. Wenn man aber Kunst über menschliche Emotionen definiert, was würde dann passieren, sobald äußere Algorithmen in der Lage sind, menschliche Emotionen besser als Shakespeare, Frida Kahlo oder Beyoncé zu verstehen und zu manipulieren?

Schließlich sind Emotionen nicht irgendein geheimnisvolles Phänomen – sie sind das Ergebnis eines biochemischen Prozesses. Deshalb könnte in nicht allzu ferner Zukunft ein maschinell lernender Algorithmus die biometrischen Daten analysieren, die ihm von Sensoren auf und in unserem Körper zufließen, er könnte unseren Persönlichkeitstyp und unsere wechselnden Gemütslagen bestimmen, und er könnte berechnen, welche emotionale Wirkung ein bestimmtes Lied – ja sogar eine bestimmte Tonart – mit hoher Wahrscheinlichkeit auf uns hat.

Quelle Yuval Noah Harari: a.a.O. Seite 51

Wenn es um das Ergebnis biochemischer Prozesse geht, die erforschbar und manipulierbar sind, – was soll uns dann veranlassen, weiterhin Energie in diese furchtbaren Umwege zu investieren, die am Ende nichts als ein bestimmtes Lied ergeben? Dafür der ganze Konzertbetrieb und die gigantisch aufgeblähte Musikindustrie? Und warum übt ein Mensch jahrzehntelang Klavier, wenn er sich – ohne einen Finger zu rühren – alle Klavierwerke der Welt in meisterhaften Versionen und „gefühlsecht“ vom CD-Spieler (oder Nachfolgegeräten) einflößen lassen könnte?

Man bedenke allerdings, was die Geschmacksverstärker in der Kulinarik ausrichten. Oder gewisse Psychopharmaka, die „aufhellende“ Wirkung haben. Für mich würde vielleicht eine Weltschmerztablette täglich reichen, schon wäre ich der Sorge um weitere Bücher und Musikkonserven ledig. Geistige Nahrung – was ist das?

Wahrscheinlich doch das einzige, was uns lebendig hält.

Dementsprechend gehören für mich zu den hervorragenden Teilen des Buches diejenigen, die sich kritisch mit der digitalen Welt befassen, von deren Denken es ansonsten geprägt ist. Und so gefällt mir das Kapitel über Facebook.

Menschen haben Körper. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts hat die Technik uns von unseren Körpern entfernt. Wir haben unsere Fähigkeit verloren, darauf zu achten, was wir riechen und schmecken. Stattdessen sind wir von unseren Smartphones und Computern absorbiert. Das, was im Cyberspace passiert, interessiert uns mehr als das, was draußen auf der Straße geschieht. (…)

Wenn die Menschen dazu ermuntert werden, „Erfahrungen zu teilen“, heißt das nichts anderes, als dass sie das, was ihnen zustößt, mit den Augen anderer begreifen sollen. Wenn etwas Aufregendes passiert, besteht das Bauchgefühl von Facebook-Nutzern darin, das Smartphone aus der Tasche zu ziehen, ein Foto zu machen, es online zu stellen und auf die Likes zu warten. Währenddessen bemerken sie kaum, was sie selbst fühlen. Vielmehr wird das, was sie fühlen, zunehmend von den Online-Reaktionen bestimmt.

Menschen, die sich dem Körper, ihren Sinnen und ihrer physischen Umgebung entfremdet haben, fühlen sich leicht isoliert und desorientiert. Meinungsmacher schreiben solche Entfremdungsempfindungen oftmals dem Schwinden religiöser und nationaler Bindungen zu, aber wichtiger ist in diesem Fall wohl die Tatsache, dass die Menschen den Bezug zum eigenen Körper verloren haben. Über Jahrmillionen haben sie ohne Religionen und ohne Nationen gelebt – insofern können sie vermutlich auch im 21. Jahrhundert gut ohne sie existieren. Doch sie können nicht glücklich leben, wenn sie nicht mehr mit ihrem Körper verbunden sind. Wer sich in seinem Körper nicht mehr zu Hause fühlt, wird sich auch in der Welt nirgends zu Hause fühlen.

Quelle Yuval Noah Harari: a.a.O. Seite 131f

Alles was er schreibt, ist richtig gedacht, jedoch rein „positivistisch“, z.B. wie er die Religionen der Welt der Reihe nach destruiert. Alles überzeugend, und wer da denkt, der Abschluss mit Meditation (s.o.) könnte zumindest den Buddhismus als Lösung voraussetzen, hat sich geirrt. Ebenso – natürlich? – das Judentum, als äußerst partikulare Weltanschauung und eigentlich desolat als Grundlage des Christentums, dem es seinerseits nicht besser ergeht usw. usw., im Prinzip kennt man das alles aus den rationalistischen Deduktionen der Wissenschaft, etwa bei Richard Dawkins. Weshalb ich es ganz anders lese, beruht nicht auf einer latenten, mir nicht bewussten (schwächlichen) Rückwendung zur Mystik, sondern weil ich gleichzeitig Jaspers lese („Der philosophische Glaube“) und – durchaus nicht im Sinne einer Rückwendung – mit Enttäuschung zur Kenntnis nehmen musste, dass er doch von „Gott“ spricht, so dass man meinen könnte, jetzt komme der Krypto-Evangelist zum Vorschein. Es ist ganz anders. Es fehlen alle christlichen Insignien, wenn ich mich nicht irre*. Ich werde diese Gedankengänge keinesfalls verkürzt darstellen, als seien daraus neue Dogmen zu gewinnen. Nicht einmal behaupten, Gott sei mit dem identisch, was Jaspers sonst mit größter Vorsicht „das Umgreifende“ nennt, – jenseits der „Subjekt-Objekt-Spaltung“, die alle unsere Gedankengebäude als Irrglauben desavouiert. Auch in dem Moment, wo wir neue Namen dafür ersinnen. Und neue Erzählungen drumherum…

Doch, ich irre mich, und auch wieder nicht. Jaspers macht die Bibel und den Christusglauben ausgiebig zum Thema, und das ist lehrreich; aber er distanziert sich, etwa mit den folgenden Sätzen (a.a.O. Seite 81):

Wenn aber dann die Christusreligion bedeutet: das glaubende Erfassen des rettenden Christus außer mir durch Verwirklichung des Christusgeistes in mir, so bleibt zweierlei für unser Philosophieren unumgänglich: der Christus in mir ist nicht an jenen einmaligen Jesus-Christus ausschließend gebunden und der Jesus ist als Christus, als Gottmensch ein Mythus. Die Entmythisierung darf hier nicht willkürlich halt machen. Auch der tiefsinnigste Mythus bleibt Mythus und ist ein Spiel, und er wird eine objektive Garantie nur, sei es durch eine religiöse Wahrheit (die das Philosophieren nicht zu sehen vermag), sei es durch Täuschung.

Quelle Karl Jaspers: Der philosophische Glaube / Piper München Zürich 20012 (1974)

Am Ende finden wir bei beiden Autoren die Gewissheit, an einem Wendepunkt zu stehen, bei dem einen nach dem Krieg im Jahr 1948, bei dem anderen heute im Jahr 2018.

Bei dem einen –  Yuval Noah Harari –  lerne ich zu Beginn des letzten großen Kapitels das Wort Resilienz, was bedeutet: „psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“.

 2018

Bei dem anderen – Karl Jaspers – steht am Ende die Frage, wo „der feste religiöse Boden [ist], der bleibt“. Ich fürchte, solche Fragen stellen sich heute nicht mehr, aber bei Jaspers lohnt es sich immer, sorgfältig weiterzulesen…

 1948

Es könnte sein, dass die letzten Kapitel Hararis – 19) Bildung 20) Sinn 21) Meditation – gar nicht so weit entfernt sind von der letzten der sechs Vorlesungen von Karl Jaspers: „Die Philosophie der Zukunft“ (Seite 116):

Das ist die Erfahrung des nicht im Wahrheitsbesitz erstarrten Philosophen, wenn er alt wird. Es ist die Form des geistigen Jungseins im Schmerz des Abschieds.

Man kann das gleiche finden in den unglaublich ausgearbeiteten Werken des letzten Brahms. Ich höre keinen Anklang an das alte „Dies irae“. Versöhnung, vielleicht sogar Liebe.

Kunst, die niederdrückt und inspiriert

Figuren in der Morgensonne: Engel oder Heuschrecken?

Lesen Sie Texte von H.G.Wells, Günther Anders, Shoshana Zuboff, Christian Schwägerl?

Dann hören Sie sie doch auch, sehenden Auges!

HIER  Bitte nach Öffnen auf das Wort Film klicken, Vollbildmodus einstellen und 5 Minuten Zeit haben! 

Neues aus der Buchhandlung meines Vertrauens: Bilder von Kanak Chandresa u.a.

Schauen Sie scharf hin, lassen Sie den Blick vom Kamel aus senkrecht wandern – eine der kleinen Figuren hat mich für immer verlassen! – und am Ende auch nach ganz links: das einsame Buch dort befindet sich bereits in meinem Besitz. Geschichte Indiens – Von der Induskultur bis heute. Hermann Kulke & Dietmar Rothermund.

In der Überschrift vergaß ich ein wichtiges Wort, ich vergaß die Wirkung der Kunst; es muss folgendermaßen heißen: Kunst, die niederdrückt, inspiriert und wieder aufrichtet.

Handyfotos: JR

Von der Zukunft

Digitalisierung und Energieeffizienz

Diese Überschrift klingt abschreckend, das weiß ich. Aber sie kommt ja aus dem Alltag, den ich gern schriftlich „bewältige“. Ob nun – wie heute morgen – im Wartezimmer des Arztes sitzend, wo ich mich durch Flow-Assoziationen abzulenken suche (siehe Foto unten) oder ob ich donnerstags die allzu umfangreiche ZEIT aufschlage, in den Garten gehe oder am Klavier sitze. Und auch dort darauf warte, dass im Praeludium B-dur, das ich übe, endlich die Fingersätze so sitzen, dass ein Flow entstehen kann. Eine Symbiose von Mensch und Klavier (wie Anne-Sophie Mutter in etwa sagte, – Sie erinnern sich? -,  genau, und ihretwegen erwähne bewusst die Geige nicht. Und auch nicht Roger Federer. Noch weniger Jean Biermans‘ Turbo-Levo. Ganz zu schweigen von Michelangelo und der Sixtinischen Kapelle.) Während ich Stinkers Aufstieg studiere (siehe zweites Handy-Foto unten), fällt immer wieder mein Blick auf die Reklame für das neue Buch von Precht (ist er vielleicht mein Federer?), hat er nicht vor ein paar Tagen bei Lanz im ZDF so beispielhaft über die Zukunft gesprochen? … und das Wort Energieeffizienz gebraucht und das Unperfekte am Menschen gelobt, als habe Anne-Sophie Mutter nie existiert? All dem muss ich nachgehen…

Flow Mountainbike April 2018 ZEIT Jessen & Precht 180420 Handy JR

Gespräch bei LANZ ZDF 24. April 2018 (hier), abrufbar nur bis 24. Mai!

Ein Ausschnitt daraus, verschriftlicht:

Philipp Westermeyer (34:03):

Prinzipiell sind wir global gesehen und auch insbesondere in dieser ganzen Digitalisierungsblase auf einem sehr, sehr guten Weg, und so’n bisschen verstellen wir uns grad selber die Sicht und schauen jetzt auf den Datenskandal … und Trump … auf die extremen negativen Auswüchse dessen… Aber: Fundamental wird die Welt … oder ist die Welt dabei, immer besser zu werden, und das finde ich kommt viel zu wenig raus in solchen Gesprächen und auch häufig ehrlicherweise in Ihren Büchern oder so, weil das natürlicherweise auch vielleicht noch spannender anhört, wenn man das alles negativ beschreibt, aber es ist in Wahrheit positiv. (Lanz: Da tun Sie ihm gerade unrecht!)

Richard David Precht:

Also jetzt mal ganz klar, ich hab je eben vorhin versucht zu erklären: Die Vorstellung, dass wir unsere gegenwärtige Arbeitsgesellschaft verändern, hin in eine Gesellschaft, in der keiner mehr existentielle Angst vor Jobverlust haben muss, indem die Menschen durch ein Grundeinkommen abgesichert werden, indem mehr selbstbestimmte Tätigkeit und weniger entfremdete Tätigkeit vorkommt, – das alles sind doch positive Visionen! Das ist doch in keiner Form negativ! Das einzige, wo ich persönlich … es gibt nur einen einzigen Punkt, bei dem ich pessimistisch bin in der ganzen Diskussion, und dieser einzige Punkt ist, dass die Digitalisierung einen wahnsinnigen Energieverbrauch hat und dass diese Energie zu einem erhebliche Teil durch fossile Energien geleistet wird, d.h. also weiterhin durch Kohle, Öl usw., und wenn wir auf diese Weise zulassen, dass sich die Erd[wärm]e noch um zwei, drei weitere Grad erhöhen [wird], dann werden wir die Migrationsströme, die ökologische Katastrophe, den Klimawandel usw. nicht überleben. Und deswegen ist eines der wichtigsten Dinge – und das ist der einzige Punkt, vor dem ich richtig Angst habe – , dass wir die Digitalisierung nicht jenseits der Energiediskussion führen, sondern diese beiden Diskussionen miteinander vertackern, weil es natürlich Möglichkeiten gibt, digital energieeffizienter (achso!) zu arbeiten und Energie zu sparen, aber insgesamt verbrauchen wir bislang durch die Digitalisierung immer, immer, immer mehr Strom.

Philipp Westermeyer:

Aber wenn es eine Chance … oder wenn wir über die nächsten hundert oder tausend Jahre auf dieser Welt leben wollen, und wir werden immer mehr Menschen, wenn das irgendwie klappen soll, dann nur über Technologie! Ohne wird’s eh nicht funktionieren…

Precht:

Ich rede ja nicht gegen Technologie, ich rede… mein ganzes Plädoyer ist nicht gegen Technik zu sein, sondern zu überlegen, was ist der beste HUMANE Ansatz, wie integrieren wir Technologie, wie sorgen wir dafür, dass Menschen nicht irgendwann wie im Silicon Valley in deren Visionen-[?] wir ein defizienter Computer sind in der Wahrnehmung. Wie errechnen wir sozusagen das Mitgefühl, das Menschen ausmacht, das Unperfekte am Menschen, wie lassen wir das in einer Gesellschaft zu, die einem Perfektionswahn unterliegt: Alles das sind die Fragen, die ich habe. Ich möchte die Technik für den Menschen nutzen, und ich will nicht, dass der Mensch irgendwann zum Sklaven der Technik wird. (36:47 Beifall)

*   *   *

Es haben sich schon viele Leute aufgeregt über den Abgasskandal, ich auch, aber von dieser Seite, die in dem ZEIT-Artikel entwickelt wird, ist er wohl noch nie betrachtet worden. Ich muss mir wenigstens die Sätze notieren, die ich mir – wie man vielleicht oben auf dem Foto erkennt – angestrichen habe. Voller Bewunderung für den Autor Jens Jessen.

Das Ausmaß der Abgaslüge wird im Allgemeinen noch weniger gern berechnet als das Ausmaß der Abgaswolke; wahrscheinlich weil die moralische Katastrophe die ökologische bei Weitem übertrifft. (…)

Im Hintergrund der Dieselaffäre vibrieren Emotionen, die tiefer gehen als der Eindruck von Betrug und Vertuschung. Es sind Gefühle von Kränkung, beschädigtem Stolz, verlorener Unschuld, auch von jäh gestopptem Aufstieg, verflogener Zukunftshoffnung. Sie betreffen tatsächlich nicht nur die Automobilindustrie. Für Deutschland kann man sagen: Sie betreffen die Nation. Es ist interessant zu beobachten, wie nonchalant oder jedenfalls rein juristisch die Verfehlungen der Industrie in Italien und Frankreich behandelt werden. Das liegt nicht daran, dass dort die Empörung in der Sache geringer wäre, sondern dass man den Betrug ohne Verblüffung zur Kenntnis nimmt: Genau so etwas hat man den Konzernen immer zugetraut. Italiener oder Franzosen haben den Schwindel gewissermaßen nicht persönlich genommen, das heißt sich niemals als Teil einer Verheißung gesehen, die dem Dieselmotor Erlösungsqualitäten zumaß.

Wie bitte? Alle Antennen sind aufgerichtet, ich glaube nicht, dass jemand bis hierher gelesen hat, und dann nicht weiterliest bis zum letzten Wort des Artikels. Der Stachel mit dem Nationenvergleich sitzt. Und dann das Wort „Erlösungsqualitäten“, steigt da nicht die Ahnung auf, dass wir als hoffnungslose Romantiker, verkappte Wagnerianer entlarvt werden sollen? Müssen wir uns das gefallen lassen, die wir immer noch als Musterschüler Europas gelten könnten, mit etwas gutem Willen. Und nun – winkt da nicht wieder eine Moralkeule? Ich greife nur noch einzelne Passagen heraus, die also nicht mehr mit logischen Fäden verbunden sein müssen. Man wird den Artikel mit Sicherheit online wiederfinden (mit schönen Leser-Repliken).

Die Hochzüchtung des einst bei allen Völkern verachteten Dieselmotors zu sportwagentauglichen Leistungen spiegelt auf frappante Weise die Zähigkeit, mit der sich Deutschland in der gleichen Zeit zur anerkannten Wirtschaftsmacht Europas hocharbeitete. (…) Alles, was sich über Deutsche sagen lässt, kann man auch über Diesel sagen.

… Denn die gleiche Technik, die den Verbrauch senkte, wurde bald genutzt, um die Leistung nach oben zu treiben. Beides hängt an der sogenannten Literleistung. Wenn man sie steigert, lässt sich bei gleichbleibendem Verbrauch die Leistung erhöhen. Letzteres war der Weg, der den Diesel in die automobile Oberklasse führte und ihn dort die alte Elite der leise und locker laufenden, aber auch fröhlich saufenden Benziner angreifen ließ. So gelang die Veredelung des Unedlen – die Einführung des hemdsärmeligen Proletariers in die bessere Gesellschaft. (…)

So hat der Abgasskandal nicht nur einen Betrug ans Licht gebracht, sondern vor allem etwas, von dem die moderne Gesellschaft niemals hören möchte: die unversöhnbare Widersprüchlichkeit, philosophisch gesprochen die Heterogenität der Zwecke. Man kann nicht alles auf einmal haben, was man jedes für sich gern hätte. Ein auf Leistung oder Sparsamkeit hochgezüchteter Diesel ist nicht sauber, einmal abgesehen davon, dass schon Sparsamkeit und Leistung nicht recht zusammengehen (als absolute Ziele unvereinbar sind). Alles drei auf einmal zu haben aber ist genauso unmöglich, wie es unmöglich ist, alle Mitglieder einer Gesellschaft das gleiche märchenhafte Niveau von Wohlstand und Überfluss erreichen zu lassen, ohne dass die Umwelt zum Teufel geht (und wahrscheinlich schon zuvor das arbeitsteilige Prinzip der Wirtschaft). In dieser übergreifenden Einsicht liegt das gewaltige Entmutigungspotential der Abgasaffäre. (…)

Quelle DIE ZEIT No.18 26. April 2018 Seite 41: Stinkers Aufstieg Warum betrifft die Abgasaffäre eigentlich die ganze Nation? Zur Sozialpsychologie des deutschen Dieselmotors. Von Jens Jessen.

*   *   *

Und nun müsste dieses Dilemma nur noch mit dem oben aufgetauchten zwischen Digitalisierungsverheißung und Energieeffizienz zusammengebracht – und aufgelöst werden, vielleicht leben wir dann doch einmal in der besten aller möglichen Welten. Oder wollen wir uns etwa auf Voltaires Seite schlagen? (vgl. hier).

Nachtrag 10.05.2018

Weiterführender Ansatz von Philipp von Becker (01.05. 2018) siehe Telepolis HIER. (Dank an JMR!)

ZITAT

Will man die Debatte politisch aufladen, müssten im Kontext von Big Data deshalb nicht allein Fragen der Privatsphäre und des Datenschutzes, sondern auch weitere strukturelle Merkmale und Zusammenhänge der „Datafizierung“ der Welt in den Blick genommen werden. Dabei gilt: Die messbare Seite der Welt ist nicht die Welt, und die Messung der Welt ist auch nicht zwangsläufig ein wertneutrales Abbilden einer „objektiven Realität“, sondern oftmals ein performativer Akt, durch den bestimmte Weltbeziehungen erst neu entstehen beziehungsweise verstärkt und legitimiert werden.

Der Soziologe Steffen Mau hat diesen zentralen Zusammenhang in seinem Buch „Das metrische Wir“ eindrucksvoll analysiert. In den Worten Maus stellen Daten nicht notwendigerweise „Repräsentationen der Wirklichkeit“, sondern vielmehr oft „Repräsentationen von Wertigkeitsordnungen“ dar. Oder anders ausgedrückt: „Zahlen zeigen Wert nicht nur an, sie teilen ihn auch zu.“

Computerdenken

Gibt es eine digitale Gefahr?

Ich weiß ganz gut, in welcher Zeit es zunahm, darüber besorgt zu diskutieren. In den 50er Jahren kam das Gerücht auf, dass es denkende oder zumindest rechnende Computer gibt, die so groß seien wie ein Haus. Oder wenigstens wie ein Zimmer. Es interessierte mich nicht. Ein Kommilitone schrieb in den 60er Jahren zur gleichen Zeit wie ich an einer musikwissenschaftlichen Dissertation, und zwar über den Gebrauch des Computers bei der Analyse von Melodien (des Hugenottenpsalters). Wir unterhielten uns darüber bisweilen auf den Fluren der Kölner Universität, aber für mich stand fest, dass diese Ideen für meine Arbeit an arabischen Melodien ohne Bedeutung seien: da man diese nicht verstehen könne, ohne sie mit allen Sinnen verinnerlicht zu haben. Die andere Methode erinnerte mich an die unselige Notenzählerei in Bachs Werken, die gerade – wie ich meinte – von Leuten favorisiert würde, die Bach als kontrapunktischen Mechaniker missverstehen. Ich mache es kurz: noch als die Computer im WDR eingeführt wurden, habe ich mir gedacht: das ist nichts für mich, ich schreibe meine Sendungen weiterhin mit bunten Stiften auf große Bögen, verteile die Ideen übersichtlich und ergänze sie traubenförmig nach allen Seiten, ziehe Linien und lasse mich assoziativ inspirieren. Kollege Schortemeier im WDR wehrte sich sogar gegen die Abschaffung der Karteikarten-Systeme zugunsten digitaler Kataloge, indem er argumentierte, er brauche bei der Programmgestaltung die sinnlich-haptische Beziehung zu den Tonträgern bzw. ihren papierenen Statthaltern in den Schränken. Dieses Blättern in den ausgewählten und auf dem Schreibtisch ausgebreiteten Karten, auf denen sich nicht nur die Titel der Musikstücke, sondern auch handschriftlich hinzugefügte Informationen befanden. Ich will mich nicht lange damit aufhalten, wie ich allmählich umgestimmt wurde, stattdessen das erste Buch hervorheben, das mich positiv beeindruckte. Zunächst hatte ich vermutet, dass es meine ablehnende Haltung unterfüttern würde. Ein Weihnachtsgeschenk meiner Kinder zum 24.12.1991, im Jahrzehnt vorher hatte bereits „Gödel, Escher, Bach“ eine Rolle gespielt.

Penrose vorn Penrose rück Über Roger Penrose !

Am 16.7.1998 war die Umstellung auf digitales Denken bzw. produktiven Computergebrauch im Beruf längst vollzogen, da bahnte das folgende Buch (wiederum ein Geschenk aus derselben Quelle) neue Wege und sorgte für ein grundsätzlich neue Übersichtlichkeit der Lage. Später fragte ich mich des öfteren: Wo ist eigentlich Florian Rötzer geblieben? D.h. zu einem unbeirrbaren Verständnis der digitalen Mittel war ich vielleicht doch nicht vorgedrungen, obwohl ich zuweilen Hinweise (z.B. auf die Website Telepolis) bekam oder auch einige Wege selbst entdeckte.

Rötzer Buch außen Inhalt:

Rötzer Inhalt 1 Rötzer Inhalt 2

Wie gesagt: die Zeit ist nicht stehengeblieben. Siehe unter Florian Rötzer, insbesondere das Werkverzeichnis, und vor allem auch heute TELEPOLIS. Oder gezielt a.a.O. HIER. Oder z.B. HIER. Oder z.B. über Medien HIER. Eine etwas willkürliche Auswahl, aber wandern Sie doch einfach auf eigene Faust durch das Angebot bei Telepolis. Oder durchstöbern Sie in diesem Sinn die Zeitungen. Man dürfte ohne weiteres auch scheinbar banale Aktualitäten unter die Lupe nehmen. (Jetzt habe ich „Sie“ als imaginäre Leserinnen und Leser angesprochen, meine aber viel nachdrücklicher mich selbst als bedürftigen Adepten.)

Ich habe zum Beispiel die Auswahl zum European Song Contest gesehen und habe gestaunt, was für eine absurde Qualitätsvorstellung dort zuhaus ist. Nachdem damals verkündet worden war, es sollten neue Kriterien und neue Auswahlverfahren gelten. Aber könnte nicht jeder Computer heute besseres Zeug herstellen? Nicht eine einzige Melodie, die diesen Namen verdiente („Song“). Stattdessen ein sinnloses Hin- und Herschaukeln der Töne, verbunden mit dem  flehentlichen Blick der Akteure: erkennt ihr denn nicht, wie authentisch ich bin?

Ein Schande wirklich, auch wenn man die Messlatte für Schlager besonders tief legt. Es ist die natürliche Folge einer Einstellung, die glaubt oder vorgibt, musikalischen Erfolg durch planvolle Zwischenteste und Volksbefragungen erzielen zu können. Heraus kommt eine Simulation von musikalischen Nichtswürdigkeiten. (Dagegen gehalten präsentiert Helene Fischer reihenweise Geniestreiche.)

Ich wende mich einem lesenswerten Artikel der aktuellen Wochenzeitung DIE ZEIT zu. Auch da geht es um Simulation, und es gibt kaum ein interessanteres Feld auf dem Gebiet der Kultur (und der Vortäuschung von Kultur). Wenn man einmal diesen möglichen Hintergedanken (als Prüfstein) erfasst hat. Mich reizt diese Vorstellung, seit ich vor vielen Jahren begann, die sogenannte „Volksmusik“ als Musik-Ersatz zu „lesen“  und irgendwie zu tolerieren, etwa so wie man die Groschenromane (vielleicht ist ihre Funktion inzwischen vom Smartphon aufgesogen worden) als Literatur-Ersatz sehen konnte. Oder sogar als „wirklicher“ Lebens-Ersatz (vgl. „Die Musik ist mein Leben“, „Fußball ist unser Leben“).  Aber das hat mit dem Artikel nur indirekt zu tun.

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„Als die Servolenkung zu perfekt wurde“, so heißt es, „beschwerten sich Fahrer, weil sie die Straße nicht mehr spürten. Folglich wurden Servolenkungen so ausgestattet, dass die Bodenbeschaffenheit wieder übertragen werden konnte.“ Das ist ein fast perfektes Gleichnis dieses Ersatzdenkens: noch perfekter wäre es, wenn solche schlagloch- oder schotterähnlichen Wirkungen erst wieder künstlich hergestellt und auf den realen Zustand der Straße abgestimmt würden. Per Hand.

Der ZEIT-Artikel geht aus vom Traum eines klavierspielenden Maschinenbau-Professor namens Brent Gillespie beim Anblick eines Steinways:

Der Ingenieur möchte in allen zehn Fingern das Gefühl erleben, so ein Instrument zu spielen – ohne einen Konzertflügel in sein Labor schaffen zu müssen. Dem Informatiker […] geht es um die sinnliche Erfahrung, welche die Mechanik einer Steinway-Taste in den Tausenden Tastzellen eines Pianisten-Fingers hinterlässt. Lässt sich dieses Empfinden künstlich so gut nachbilden, dass nichts fehlt im Vergleich zum Original? Gibt es das Steinway-Gefühl ohne den teuren Flügel? […] „Wir entwickeln Technologien mit audiovisuellem Feedback“, beschreibt Gillespie. „Das ist einfach, aber etwas Wichtiges fehlt: die Haptik.“ Interaktion mit Geräten beschränkt sich zunehmend auf Sehen und Hören. Von der Schreibmaschine über die Computertastatur bis zum Smartphone – die Geräte wurden komfortablerweise immer kleiner. „Aber wir haben etwas Großes verloren, als wir die Tasten weggenommen haben.“

Jedoch: mein Problem bei einer elektronischen Ersatzlösung für den Steinway wäre in erster Linie der Klang gewesen, erst viel später das Tastgefühl bzw. die manuelle Beziehung zur Gestaltung des Klangs. Natürlich auch das Bewusstsein, dass es ein wirkliches Hämmerchen ist, das die wirkliche Saite tangiert. Aber davon abgesehen. Hier geht es zunächst um die Tasten des Schreibgerätes.

Wer heute einen Text mittels Touchdisplay eingibt, spürt auf vielen Smartphone-Modellen eine winzige Vibration bei jedem Buchstaben. Schon dieser billige Ersatz erzeugt das beruhigende Gefühl, etwas ausgerichtet zu haben. Unser Gehirn übersetzt diese unbestimmte Vibration in das, was es erwartet: das Gefühl von Tastendruck.

Aber ist solcher Ersatz genau so gut? [… Gillespie sieht für den Flügel eine große Chance im Digitalen:]

Erst einmal arbeitet er in seinem Labor an einer aufwendigen Apparatur mit vielen kleinen Motoren, die das Empfinden beim Flügeltastendruck simulieren. Motoren, also echte Bewegungen, sind aus seiner Sicht der erste Schritt zum Ziel: „Eine gute Illusion“. […]

Seit der Jahrtausendwende ist den Forschern und Entwicklern wenig anderes eingefallen als Vibration, um das Spüren zurückzubringen. Sie ist ein einfaches und billiges Mittel, um eine Berührung zu imitieren. Am deutlichsten wird das Problem in der virtuellen Realität (VR), dieser radikalen Alternative zur physischen Welt, die dank moderner Videobrillen und detaillierter Computergrafik erstaunlich echt wirkt. Bis auf die Physik: Man kann dort Dinge anfassen, in die Hand nehmen, an andere weiterreichen. Aber sie wiegen nichts. Wer eine Wand berührt, spürt vielleicht eine Vibration, mehr nicht, dann gleitet die Hand hindurch. Spätestens in der VR wird klar, dass die Pauschallösung Vibration eine schlechte haptische Prothese ist, eine, die den Phantomschmerz verstärkt.

In dem Artikel wird von aufwendigen Experimenten berichtet, in denen mit Drohnen und Robotern gearbeitet wird, wobei sich vor allem zeigt, wie unfassbar die digitale Welt weiterhin ist. Doch es gibt auch andere Lösungsversuche, ohne Drohnen und Roboter. Sie nutzen keine realen Gegenstände mehr, sondern produzieren lediglich den Eindruck, dass sie da sind. Es geht letztlich um das Feingefühl, das im Umgang mit den realen Dingen Rückmeldung geben muss, sei es nun in der Chirurgie oder bei der Arbeit in einem unzugänglichen Schiffswrack. Was nicht fehlen darf, ist „das Gefühl, ob es mit dem Greifen geklappt hat.“

Da gibt es das Beispiel einer Spinne, einer haarigen Spinne, die mit ihren acht Beinen (die Zahl ist unwichtig) über die Hand der Versuchsperson läuft und diese kann jede ihrer Bewegungen spüren, „obwohl das Tier einzig virtuell existiert, als Bild in der Datenbrille und als Signal im zugehörigen Handschuh“, der entsprechend präpariert ist. [Die technischen Details erspare ich mir.]

Andere Versuche – zur Simulation der Schwerkraft einer anzuhebenden Kiste, – funktionieren über Elektroden auf der Haut, mit deren Hilfe durch Muskelstimulation immer der Gegenspieler jenes Muskels aktiviert wird, der aktiv gegen die Schwerkraft anarbeiten müsste, wenn sie denn vorhanden wäre. Und siehe da: „Die physisch nicht existierende Kiste fühlt sich real schwer an.“ – Wieder andere Versuche sollen es ermöglichen, mit einer winzigen Zange Metallteile oder eine Kette anzuheben. Man braucht das Gefühl, „dass es mit dem Greifen geklappt hat“. Wofür das gut sein soll? Wenn man z.B. aus einem unzugänglichen Schiffswrack eine historische Vase bergen, ohne das sie Schaden nimmt. Es geht nicht ohne den Einbau haptischer Qualitäten in das Gerät, die zum Protagonisten weitergegeben werden.

OP- und Tauchroboter, authentisches Pianogefühl, Reize aus Stiften, Luftdruckhandschuh und Muskelelektroden: So verschieden die Projekte und die Ansätze der Haptikforscher sind, eine Gemeinsamkeit haben sie alle. Bei typischer Computerarbeit, etwa mit Maus, Tastatur und Bildschirm, „da gibt es eine Grenze, wie gut du werden kannst“, so formuliert es Brent Gillespie. „Augen und Gehirn sind ausgelastet, der Körper ist stillgelegt.“ Wenige Sinne werden voll gefordert, andere vernachlässigt. „Das Tolle an unseren motorischen Fähigkeiten ist doch, dass wir nie aufhören zu lernen und immer besser werden“, sagt Gillespie und vergleicht es damit, wie es für einen Schüler ist, ein neues Instrument zu lernen. Der Körper macht es dann einfach. Computer verschenken diese Möglichkeit: Du musst immer denken.“

Endlich mal nicht denken zu müssen – das klingt wahrlich seltsam für eine technische Vision. Aber wenn es gelänge, die analoge Haptik zu übertragen in die digitale Welt, könnte das sinnliche Erfahrungen demokratisieren. So wie in Brent Gillespies Traum: Der Flügel wäre dann nicht mehr nur ein Instrument für die, die es sich leisten können. Ohne komplizierten mechanischen Aufbau wären viele Instrumente günstiger zu produzieren. „Alle Kinder könnten merken, wie viel Spaß es macht, immer besser zu werden.“ Diese Motivation hat ihn zur Musik gebracht – und über Umwege zu ihr zurück.

Quelle DIE ZEIT 22. Februar 2018 Seite 35 Zurück zum Spüren Computertechnik fordert Augen und Ohren, alle anderen Sinne liegen brach. Jetzt machen Forscher digitale Welten fühlbar / Von Eva Wolfangel. (Siehe auch hier.)

Ich muss gestehen, am Ende hat mich das Ziel des Artikels etwas enttäuscht. Kinder sind wahrscheinlich doch anders: gewiss ist für sie die Haptik der Tasten von großer Bedeutung, aber die wird allein durch das Treffen der richtigen Tasten wohl für lange Zeit ausreichend herausgefordert. Und mit ihrer am Keyboard trainierten Haptik könnten sie vielleicht keinen Steinway zum Singen bringen, aber immerhin an einer gewaltigen Kirchenorgel zu ganz passablen Leistungen kommen.

Es war ja nur ein Beispiel. Ich würde niemandem raten, jahrelang am Keyboard Klavier zu üben, es sei denn, man braucht es „nur“ für Pop-Musik und die Beschallung von Stadien. Dort bedarf es ja auch keiner Stradivari, Adapter am saitenbespannten Brett genügen. Oder der Keyboarder übernimmt den Part. Das klingt für halbtaube Ohren fast wie Geige. Ist das etwa eine digitale Gefahr?