Kategorie-Archiv: Musik

Beethoven op. 111

Ein Blick auf den „Vorsatz“ EE 2018

Nach 10 Tagen kann ich sagen, dass dieses Exerzitium funktioniert, aber vielleicht nur, weil keine Zusatzaufgabe mich behindert hat. Bach „läuft“, nur die Beethoven-Sonate bin ich gestern erst angegangen, ein alter Widerstand, irrational. Ich habe das Adagio immer geliebt, ohne mich heranzutrauen, aber der erste Satz hat einen unauflösbaren Widerstand ausgelöst, – die schlichte Ursache: mit dem Pathos der verminderten Septime samt zugehörigem Septakkord mochte ich mich nicht identifizieren (anders als Adorno einst meinte, dem ich ansonsten zustimmte). Der Anfang der „Pathétique“ lag auf einer ganz anderen Ebene, vor allem begegnete er mir viel früher, nämlich auf einer 78-Platte mit Edwin Fischer; ich höre heute noch innerlich die Wendestellen mit. Damals (1956?) fand man nichts zu schwer, es muss furchtbar geklungen haben. Später, im Kölner Studium hat eine pianistisch hervorragende Kommilitonin (Helga Oeste), die Sonate in einer Vortragsstunde gespielt, und ich empörte mich (ihr zuliebe), dass der Direktor Heinz Schroeter äußerte, eine so junge Frau könne keinen späten Beethoven spielen. (Ich dachte: „Schau dich doch selber an!“)

Gut, das ist meine Vergangenheit. Heute ist alles anders. Der langsame Satz war immer das heimlich treibende Motiv, die Schwierigkeit des ersten Satzes die offensichtliche Hemmung. Jetzt müsste ich eine neue Grundlage schaffen, in Gestalt verbaler Interpretationen, z.B. in Thomas Manns „Doktor Faustus“ (wieder kommt Adorno zum Vorschein) oder dem was sonst noch greifbar ist. „Beethoven. Interpretationen seiner Werke“ Band II / Laaber, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994, 1996. Ansonsten, wie immer eigentlich an erster Stelle: Jürgen Uhde „Beethovens Klaviermusik Band III / Reclam 1974, 1991. Dazu die üblichen Monographien (an erster Stelle Maynard Solomon).

Die Interpretation im ersteren Werk (William Kinderman) scheidet seit gestern als indiskutabel aus. Jürgen Uhde bleibt. Wichtig erscheint mir zunächst der Hinweis, dass die Widmung an Erzherzog Rudolph nicht so aussagekräftig ist, wie es mir schien: „Als die Titelplatte in diesem Sinn gestochen war, konnte Beethovens nochmalige Sinnesänderung, das Werk Frau Antonie Brentano zu dedizieren, nicht mehr berücksichtigt werden.“ (Seite 563)

Beethoven op 111 Noten Seite 1

EE2018 Beeth.111 Satz 1 in Zeitlupe: es wird gehen, nicht so schwer wie ich dachte…

EE2018 Bach WTK Bd.II H-dur Prael. u Fuge memoriert, nach Riemann ist diese Fuge „der eigentliche Epilog des Wohltemperierten Klaviers“. Mich fasziniert eine (hier rot gekennzeichnet) Enklave im Praeludium mit einer regelrechten Begleitung (ähnlich dem späteren Alberti-Bass):

Prael H Alberti-Bass

Und so sieht es in Bachs Handschrift aus, dem Faksimile, einem übergroß dimensionierter Band, 14 Zeilen auf einer Seite. Auf dem Foto sieht man gerade noch den Mittelstreifen, links den Rest der 1. Seite des Praeludiums, dann die ersten beiden Systeme der neuen Seite: sie beginnt also mit der oben so genannten, und im Druck rot gekennzeichneten Enklave. Er fuhr vielleicht (!) auf dieser Seite nach einer Pause fort, ein bisschen vom Mutwillen (?) gepackt, ihm ging ein neues Thema durch den Kopf, samt einer neuen, geradezu frech unkontrapunktischen Begleitung, ehe er zum gebrochenen toccatenhaften Stil zurückkehrte. Könnte es nicht so gewesen sein? Ich bin mal wieder begeistert.

Fuge in H Enklave Faksimile rechte Hand eine Terz tiefer lesen!

Später werde ich den ersten Satz der Beethoven-Sonate hören; in einer gewissermaßen ungeprüften Aufnahme. Ich will den Spieler beim Spielen auch sehen können.

(Fortsetzung folgt)

Unzulängliches Finale

Kritik an Bachs Formgefühl?

Fuge in h 3 Zeilen

Es ist nicht ganz ernst gemeint, aber bei den Exegeten (Keller, Dürr) schimmert es mehr oder weniger deutlich durch: Bachs Riesenwerk hätte einen gewaltigeren Abschluss verdient. Der eine überlegt, ob die vorhergehende Fuge in b-moll nicht ursprünglich in h-moll gestanden haben könnte , und dann fehlte dem Meister an vorletzter Stelle ein respektable Fuge in b-moll, weshalb er die in h lieber nach b transponierte und – einen Lückenbüßer in h-moll an den Schluss setzte. Sehr unwahrscheinlich. Der andere schaut zum Vergleich auf das Ende von Band I und meint:

Die Schlichtheit dieser Schlussfuge eines 24 Satzpaare umfassenden Großwerks gibt zu denken, zumal sie in auffallendem Gegensatz zum eindrucksvollen Abschluß des WK I steht. Doch gilt es zunächst einmal zu berücksichtigen, daß unser Ideal einer sich bis zum strahlenden Schluß hin steigernden Komposition im wesentlichen der Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts entstammt, das uns, angehend von Beethovens 5. Sinfonie, viele Generationen von Monumentalwerken beschert hat, die dem Hörer das Motto „Durch Nacht zum Licht“ als Leitspruch eingeprägt haben.

(Alfred Dürr Seite 437)

Eigentlich gibt es beide Möglichkeiten: man könnte sagen, der Abschluss des Unternehmens sollte ein Höhepunkt sein (aber warum dann nach einem chromatischen Aufstieg von C bis H ausgerechnet auf diesem H stehenbleiben) oder aber: der Steigerungsgedanke spielt tatsächlich überhaupt keine Rolle, es handelt sich um eine Sammlung, die nicht als streng konstruierte Satzfolge Wirkung tun muss. Es darf eben auch leichtfüßige Fugen geben, selbst in der zuweilen prekären Tonart h-moll. Also, – worüber noch diskutieren?

Ich liebe diese Fuge! Und zwar, wie man oben liks in den Noten sieht – seit September 1988, ich habe sie 1998 regelgerecht wiederholt, 2008 leider versäumt, aber jetzt im Zuge des Projektes EE2018 quasi aus Versehen gerade an den Anfang meiner Arbeit gestellt. Und anstatt einer Fugen-Analyse hebe ich jetzt nur noch hervor, – wo mir das Herz aufgeht.

Fuge in h f

Es beginnt in Takt 29, verstärkt sich in der Sequenz der Takte 32 bis 35, bei Wiedereinsatz des Themas in D-dur, bei den fröhlichen Oktavsprüngen im Diskant (zu Beginn der Fuge schienen sie noch „stilwidrig“), vollends im letzten Takt dieser Seite (dort wo der Name „Brahms“ steht) erfasst mich unweigerlich Rührung, wie bei einer Kindheitserinnerung. Alles unzulässig, ich weiß.

Unnötig zu erwähnen, dass die Beschwingtheit des ganzen Satzes mich veranlasst, die Triller der Mittelstimme ab Takt 18ff unablässig zu üben, bis sie spielerisch verspielt gelingen. Alles wird leicht… Aber ich denke auch an den Anfangschor des Weihnachtsoratoriums (Trillerthema). Vgl. dies mit dem Bass der Fuge oben ab Takt 9. Oder im folgenden nach Dürr (Seite 434). Dieses Beispiel klärt auch, wieso die Trillergeschichte, die man hier so geduldig üben muss, nach Takt 25 im Rest der Fuge überhaupt nicht mehr vorkommt: dieses kontrapunktische Motiv bzw. „Kontrasubjekt 1“ wird durch „Kontrasubjekt 2“ ersetzt! Es hilft im folgenden auch, die etwas seltsamen Oktavsprünge des Themas zu verdecken… Auch Czaczkes beschäftigt sich mit diesem Detail, aber – wie immer und in jeder Hinsicht – erschöpfend (s.u.).

WO Chorthema tr Weihnachtsoratorium Chor 1Kontrasubjekt Fuge hDürr zu „Kontrasubjekten“ der Fuge

Kontrasubjekt Fuge h Cz Czaczkes  Analysen Bd.II (303)

Man glaube nicht, dass der Gelbstich der alten Kroll-Ausgabe abtörnend wirkt: die beiden Bach-Bände lagen mit anderen Noten 1960 zur freien Bedienung an der Garderobe der Berliner Hochschule (Fasanenstraße), – eine hoch motivierte Zeit, die ich nach Köln zu übertragen suchte. Und auch heute kehrt sie jederzeit zurück.

(Fortsetzung folgt)

EE2018, 4 Sein, 5 Wirklichkeit, 6 Nichts, 7 Begriff

A propos: Haben Sie einen Begriff von dem, was eine Fuge ist? Oder hören Sie einfach, wie sie klingend vorbeizieht?

Ohne Begriffe könnten wir uns keine Urteile bilden, wir könnten weder Dinge wiedererkennen, noch sinnvoll miteinander kommunizieren. Begriffe spielen eine zentrale Rolle in der Beziehung zwischen unserem Geist und der Welt. Sie ermöglichen es uns, Gegenstände der Welt zu erfassen, und zwar über den Einzelfall hinaus.

Thomas Vašek (a.a.O. Seite 29)

Angenommen, die Welt besteht aus Musik. Kann ich überhaupt ein Thema erfassen? Auch seine Wiederkehr in einer anderen Stimme? Und überall im Kontinuum des komplexen Musikverlaufs? Das wäre das Mindeste. (Aber das soll keine Drohung sein: – es ist ja leicht…)

Aber ist es auch wichtig? – Nur wenn einem die Musik auch eine Welt bedeutet.

Ich könnte am ehesten ernsthaft antworten, wenn mich ein Kind fragen würde: Warum spielst du das immer? Was hast du denn davon? Wird dir das nicht langweilig?

Wenn du mit deinen Freunden (Freundinnen) spielst, Fußball oder Volleyball, wird dir das nicht langweilig?  – Nöö, nie, das macht ja Spaß! – Eben! – Ja, aber du spielst ja ganz alleine. – Nein, ich spiele zu dritt. – He? – Drei Stimmen! Das ist wie drei Menschen. Und ich bin sozusagen der Schiedsrichter. Die Regeln sind sind sehr wichtig. Wenn es gut läuft, sind alle glücklich, ohne zu fragen, warum! Und wenn ich mich nachher ausruhe, geht das Spiel in meinem Kopfe immer noch weiter oder sogar ganz genau so, wie es war, und ich bin immer noch glücklich. – Aber wer hat denn dann gewonnen? – Der Schiedsrichter.

Goebels Blick auf Bach II.

Berliner-Blau verschießt nicht

Goebel CPE Bach Cover vorn u hinten +

Was für eine Ehrenrettung! Das Neujahrsgeschenk kam spät (denn die Aufnahme besitze ich schon lange, ist 2015 herausgekommen), aber gerade im rechten Augenblick, um mich aufs neue zu begeistern. Und was für eine Ehrenrettung. Einziger Wermutstropfen dabei: Goebels kongenialer Text ist so klein gedruckt, dass man ihn nur mit größter Anstrengung lesen kann. Ich kenne die Menschen von heute: sie lassen es lieber. Daher soll er hier in größter Lesbarkeit wiedergegeben sein. Funktioniert natürlich nur mit Anklicken. Bitteschön, – und ein Rätsel, das ich nicht auflösen werde, – es gibt nur einen einzigen kleinen Druckfehler.

Goebel CPE Bach Text 1 Goebel CPE Bach Text 2 Goebel CPE Bach Text 3 Goebel CPE Bach Text 4 Goebel CPE Bach Text 5

Als Ergänzung folgt der Abschluss eines anderen Textes, den ich einer CD der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm MDG verdanke:

Goebel CPE Bach Text Schwinger

Quelle: CD „Berlin Symphonies“ (Orchestre de Lausanne / Christian Zacharias) MDG 9401824-6 / 2013 Autor: Tobias Schwinger

Natürlich muss ich nun auch der in diesem Text angegebenen interessanten Quelle nachgehen. Dem MGG-Artikel zur Symphonie, der Ludwig Finscher stammt:

Goebel CPE Bach Text Finscher

Und was hat es nun mit der Leipziger Redensart auf sich, die Vater Bach verwendet und auf Emanuel gemünzt haben soll? („’s is Berliner Blau! ’s verschießt!“ nach: Bach-Dokumente C.F.Cramer, Menschliches Leben – Kiel, 18.4.1792 III/973. Cramer aber hat dieses und andere Urteile angeblich „aus Friedemanns Mund selbst“). Die Redensart selbst beruht wohl auf übler Nachrede, denn dieses berühmte Blau, früher „Preußisch-Blau“ genannt, verschießt ebensowenig wie der Berliner Bach. Oder nur, wenn es ungemischt gebraucht wird. Was verschießt, ist vielmehr das „Bergblau“, und auch der Indigo, der „vor Erfindung des Berliner Blaus verwendet, und mit Ultramarin glasiret“ wurde: „Er verschießt, und muss daher jetzt dem Berlinerblau weichen“, schreibt Johann Georg Krünitz in seiner Oeconomischen Encyclopädie, Band 5 (Berlin 1775) Seite 616.

* * *

Was gibt es sonst noch? Heute kein EE2018, denn die aktuelle Leselage ist brisant, fast sind wir schon beim Thema:

Lütteken Mozart Buch Cover  … ein unfassbar gutes Buch!

EE2018? Spätestens auf Seite 26 komme ich an den Punkt, wo sich alles trifft: In dem Buch der 101 wichtigsten Fragen von Thomas Vašek bin ich auf Seite 25 beim fünften Begriff „Wirklichkeit“ angelangt; die Frage „Was ist real?“ aktivierte einst die Lektüre des Jahres 1985, Paul Watzlawicks Bücher „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ und „Die erfundene Wirklichkeit“ (Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus). Das andere ist für mich Victor Zuckerkandls faszinierendes Werk „Die Wirklichkeit der Musik“). Und nun die historische Rückführung bei Laurenz Lütteken (über den wohl bekanntesten Vertreter einer katholischen Aufklärung):

Und sein letztes Werk, Della pubblica felicità, widmete Muratori 1749 dem Salzburger Fürsterzbischof Andreas Jakob von Dietrichstein selbst. Er war bestrebt, in seiner Dichtungstheorie die Einbildungskraft als zentralen Ort der kreativen Hervorbringungen des Menschen und damit des Schönen überhaupt zu bestimmen. Bereits 1706 erschien in Modena Della perfetta poesia italiana, wo dieser Zusammenhang grundlegend ausgeführt wurde, 1745 dann in Venedig eine Zusammenfassung in Della forza della fantasia umana, von der sich nocht heute ein Exemplat in der Salzburger Universitätsbibliothek befindet. Gewissermaßen im Nebengang beschäftigte er sich dabei aber vor allem mit einer schrankenlos freigesetzten Phantasie, wie sie sich bevorzugt im Traum und seinen Phantasmagorien zeigt. Der Göttinger Theologe Georg Hermann Riecherz, der 1785 eine weitverbreitete (und ebenfalls in Salzburg verfügbare) deutsche Ausgabe von Muratoris Werk über die Phantasie besorgt hat, verteidigt in seinem ausführlichen Kommentar dessen Hinweis auf die intrapsychische Wirklichkeit solcher gespenstischer Traum-Imaginationen: „Es wäre die äußerste Ungerechtigkeit, solchen Personen, welche von Erscheinungen der Gespenster durch ihre eigenen Sinne überzeugt zu seyn behaupten, […] die Würklichkeit solcher ihrer Sensationen hartnäckig abzustreiten.“ Richerz erläutert das in seinem Kommentar sehr präzise: „Wer erst anfängt, sich zu fürchten und aus seiner Frassung zu kommen, dessen Einbildungskraft wird, erhitzt und überspannt durch den Affekt, ihm den vermeinten Gegenstand seiner Furcht bald vollausgebildet und lebhaft darstellen“. Der bevorzugte Zeitpunkt solcher imaginativ-überwältigender Erfahrungen sei, so Muratori, die Nacht, in der die Imagination zur Schreckensimagination werden könne. Der intrapsychische Wirklichkeitscharakter solcher Vorstellungen wird dabei nicht geleugnet, im Gegenteil. Je angespannter die solchermaßen belastete Einbildungskraft sei, desto größere Wirklichkeitsnähe zeichne die Hervorbringungen aus. Schon Vivaldi hatte in seinem bizarren Concerto La notte, gedruckt 1728, die Konsequenzen daraus gezogen – und zudem aufgezeigt, daß die Musik für solche Art der Einbildungskraft besonders prädestiniert sei.

Als Leopold Mozart sich an der in Berlin angestoßenen Debatte mit seiner Violinschule beteiligte, tat  er dies unter den besonderen Voraussetzungen der Aufklärung in Salzburg.

Quelle Laurenz Lüttichen: Mozart Leben und Musik im Zeitalter der Aufklärung / C.H.Beck München 2017/ Seite 26f.

Lütteken Inhalt 1 Lütteken Inhalt 2

EE2018: Überraschenderweise bietet sich nun doch ein Blick auf das philosophische Sujet des heutigen Tages an: Was sagt denn Thomas Vašek über die Wirklichkeit? Er fasst sich erstaunlich kurz, und ich wage es diesen Text in Kopie vorzulegen, nebst einer Andeutung des daneben platzierten Gemäldes von Hieronymus Bosch. Ist der Zusammenhang mit den Überlegungen Muratoris nicht verblüffend? (Zu beachten ist auch der Hinweis rechts unten auf der Seite: auf den weiterführenden Artikel „Einbildung“ auf Seite 60 dieses Buches.)

Wirklichkeit Vasek

Zugleich erinnere ich mich an den Langeooger Strand, wo ich nicht die Wellen fotografieren mochte, obwohl sie mich wie immer beeindruckten, sondern immer nur die Weite der Landschaft und den Himmel. Warum nicht die Brandung?

Und dann kam gestern das Foto eines Gemäldes von Jürgen Giersch (dem Zwillingsbruder eines Freundes und Musikerkollegen). „Meer bei Sturm“. Warum beeindruckt es mich so? Weil es einer anderen Wirklichkeit entspricht:

Jürgen Giersch 1985,3 Meer bei Sturm 63 x 90 verk.

Verblüffend ist übrigens auch die Jahreszahl der Entstehung, jedenfalls für mich: 1985. (Ich habe sie oben im Zusammenhang mit Watzlawick erwähnt.)

EE 2018 – eine Methode der Erinnerung

Anstelle guter Vorsätze

Ein ziemlich groß angelegtes Experiment, aber nicht so groß, dass ein Blick auf meine verhältnismäßig kleine Zukunft mich lähmen könnte, – ein Selbstversuch. Man müsste ja eigentlich nicht drüber reden (oder schreiben); ich tue es dennoch, weil auf diese Weise eine stärkere Selbstverpflichtung stattfindet. EE heißt bei mir Exerzitium, ein Wort, das an religiöse Praxis erinnert, bei mir aber sehr metaphorisch gemeint ist, etwa im Sinne Hans von Bülows, der Bachs Wohltemperiertes Klavier als Altes Testament bezeichnete, dem als Neues Testament die Klaviersonaten Beethovens folgten. Ich nehme mir also vor, diese gewaltige Bibel der Musik fortwährend zu rekapitulieren, aber so, dass sie mich nicht gegen die Neuigkeiten des Tages abschließt. Also wird diese Übung sinnvoll aufs ganze Jahr verteilt, und auch regelmäßig durch Parallelwerke ergänzt. Etwa durch die Solissimo-Werke für Violine, die 6 Sonaten und Partiten, die man auf je 2 Monate ansetzen könnte, – keine unlösbare Aufgabe in meiner gegenwärtigen Situation. Nicht Konzertreife ist das Ziel, sondern: „jeden Ton aufs neue in den Fingern gehabt zu haben“. Das gleiche mit den Praeludien und Fugen des WTK: es sind 48 Paare, die sich gut auf 12 Monate verteilen lassen. Übrigens in umgekehrter Reihenfolge, zuerst Band II h-moll, erst ganz am Ende anlangend bei C-dur Band I, damit jede Routine ausgeschaltet ist. Ähnlich ist zu verfahren mit den Beethoven-Sonaten, also mit op. 111 beginnend, die ich nie studiert, aber oft gehört habe, während später die mir auch vom Spielen her vertrauten Sonaten op.110 und 109 folgen würden. Etwa 3 pro Monat. Aber klar zeitlich begrenzt, sonst wird man nie damit „fertig“. Es muss ein Kalender erstellt werden, der das imaginäre Knochengerüst des ganzen Jahres fixiert.

Alle anderen Felder der Musik, die mir wichtig wären, z.B. die Wiederauffrischung indischer Ragas, arabischer Maqamat, iranischer Dastgaha, ließen sich anhand eines bestimmten Buches (incl. CDs) betreiben, das mich schon vor Jahren begeistert hat, ohne dass ich es lerntechnisch ausloten konnte: Bruno Nettl – „Excursions in World Music“.

Der wichtigste Punkt aber kommt erst jetzt, hat weniger mit Musik als mit Leben zu tun. Er besteht genau genommen aus 101 Punkten und lässt sich sozusagen gut dreimal auf die Tage des Jahres verteilen. Die Realisierung hat bereits begonnen, denn nichts ist leichter als das: ein praktisch-theoretisches Brevier sozusagen, das heute z.B. den Begriff ICH auf den Tagesplan gesetzt hat. Morgen den Begriff BEWUSSTSEIN („Wie fühlen sich Farben an?“).

vasek-101philosophie-b Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt

Ein solcher „Tagesordungspunkt“ lässt sich morgens nach dem Erwachen durchlesen und einprägen; er bleibt dann gewissermaßen abrufbar, um jeden langweiligen Moment des Tages zu inspirieren. Er dient dazu, den sinnlosen Kreislauf der Gedanken, in den wir oft verfallen, einzudämmen und mit gezielteren Assozitionsketten einzufangen.

Langeoog JR 180102 WOLKEN A

Der WDR-Philosoph Jürgen Wiebicke hat diesen Kreislauf der Gedanken im Alltag – in seinem Fall beim Wandern durch deutsche Lande – treffend beschrieben:

Jeder Wegweiser lehrt mich, dass ich ganz schnell zu Hause sein könnte, wenn ich wollte, aber innerlich bin ich schon ziemlich weit weg. Das hat vermutlich mit der Ereignislosigkeit zu tun. Wenn um einen herum gar nichts geschieht, außer dass permanent Autos vorbeibrausen, und man in leerer Landschaft unterwegs ist, wenn man auch nicht nach dem Weg gucken muss, weil es immer nur geradeaus geht, rutschen die Gedanken weg. Die Beine laufen von allein, und der Kopf ist im Irgendwo. Der Geist ist auf eigensinnige Weise selbst auf Wanderschaft. Gedanken ziehen vorbei wie Wolken am Himmel.

Langeoog JR 180102 WOLKEN B

Diese Erfahrung machen wir ja im Alltag ständig, allerdings in kürzeren Sequenzen. Beim Zwiebelschneiden oder Geschirrspülen, vornehmlich bei Tätigkeiten, die wir mit Routine erledigen. Es läuft ein innerer, aber wir haben ihn nicht bewusst gestartet. Beim Wandern wird diese Erfahrung, so scheint mir, noch intensiver. Man läuft und läuft, und plötzlich wacht man auf und fragt sich, womit man die zurückliegenden Kilometer verbracht hat. Streng genommen mit gar nichts, was eine vernünftige Struktur hätte. Kein Film mit innerer Dramaturgie und ordentlichem Finale, sondern lose Gedankenketten, Träume am helllichten Tag.

Langeoog JR 180102 WOLKEN C

Fotos Langeoog 2. Januar 2018 morgens. Handy Huawei (JR)

Quelle des Textes Jürgen Wiebicke: Zu Fuß durch ein nervöses Land / Auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält / Kiepenheuer & Witsch / Köln 2016 / Seite 45 f.

Was Wiebicke hier beschreibt, gilt im Alltag ganz allgemein. Jeder wird diese Erfahrung gemacht haben, wenn er nicht gerade ein Buch liest oder einen zweckbestimmten Text schreibt. (Man lese auch Gottfried Benns Begründung zu Anfang seines Rönne-Textes: „damit nicht alles so herunterfließt“.)

* * *

Bei allen künftigen Blogbeiträgen dieser Reihe sollte am Ende die Rubrik „EE 2018“ stehen, die mich (und andere) über den Fortgang des Experimentes orientiert.

EE2018, 1 – Ich (Wikipedia) 2 – Bewusstsein (Wikipedia) s.a. ZEIT-Artikel von Saskia Gerhard hier. 3 Wahrnehmung (Wikipedia).

Die ersten 31 Stichworte des Inhaltsverzeichnisses wären also das Pensum für den Januar mit seinen 31 Tagen:

philosophie 31 Stichworte nach Anklicken deutlicher und schöner…

Zugleich: Bach (wird ab 4.1. beginnen)

Bach WTK II Ende h-moll BWV 893 bis 10.1. / H-dur BWV 892 bis 17.1.

Zugleich: Beethoven (wird ab 4.1. beginnen) op.111 ab 4.1. bis 13.1. /

Beethoven letzte Klaviersonaten  op.110 ab 14.1. bis 23.1. / op.109 ab 2.2.

Zu BACH: Vergleich zweier Fugenthemen

Bach Fuge h Thema BWV 893

Bach Fuge F Thema BWV 856

Das Neue Jahr mit Mozart!

Die Süddeutsche Zeitung macht’s möglich bzw. nötig oder sogar notwendig: das dort besprochene Buch muss man (?) besitzen. Autor Laurenz Lütteken. Ich bin kein Mozartforscher, aber wenn ich die wichtigsten Menschen in meinem Leben aufzählen sollte, würde dieser Komponist zu den ersten fünf gehören. (Gewiss, darin folge ich Hildesheimer, der mir die Sinne dafür geöffnet hat und der selbst Shakespeare und Mozart an erster Stelle genannt hat.) Und ich habe nicht vergessen, wie mich Così fan tutte im Jahr 2004 begleitet hat, – angeleitet, über „Lug und Trug“ nachzudenken.

ZITAT Radiosendung 2002 WDR 3 (Skript)

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich gleich mit der Tür ins Haus fallen: das schönste, innigste und hintergründigste Drei-Minuten-Stück, das je geschrieben wurde, stammt von Mozart: ein Abschiedslied – man wird den Ruf „Addio“ hören, zwei Frauen und zwei Männer verabschieden sich voneinander, ein dritter ist Zeuge, die Frauen weinen und stammeln: „Ich sterbe. Schwöre, mir jeden Tag zu schreiben!“

1) Così fan tutte / Jacobs CD I Tr. 11 Di scrivermi 2’57“ [oben – weil auf youtube leichter erreichbar – in einer anderen Aufnahme als in der Radio-Sendung damals; enthält leider auch Werbung]

Das Traurige ist eigentlich nicht, dass diese Menschen, die sich lieben, Abschied voneinander nehmen müssen, – die Männer hier täuschen die Frauen, der Zeuge, der alles eingefädelt hat, meint: „ich platze gleich, wenn ich nicht lache“, und die nichtsahnend betrogenen Frauen werden sich bald trösten lassen. Wie ehrlich aber meint es die Musik in all ihrer Schönheit???

Wäre es nicht schöner, alles stimmte überein? Der Text, das Gefühl, der Mann, die Frau, die Situation, die Musik?

Es ist spät, das Dorf liegt im Dunkel und die Welt schweigt; der Bursche gibt der Geliebten das Geleit nach Haus und redet von seiner Liebe. „Solltest du meinetwegen Schwierigkeiten bekommen, dann ist es mir recht, wenn wir uns sofort trennen.“ So etwa spricht der Bursche. Aber nun das Mädchen — wie das schon angekündigt wird: „Spricht das Mägdelein, Mägdelein spricht“! Josef Wenzig ist der Dichter, Johannes Brahms der Komponist. Ja, und was sagt sie nun? Marmor, Stein und Eisen…NEIN! das nun grade nicht! Aber es ist wie ein Traum, – vergessen wir nur nicht: geträumt von den Herren Wenzig und Brahms!

2) 5046 920 1 Tr. 14 „Von ewiger Liebe“ Brigitte Fassbaender 4’25“

Brigitte Fassbaender sang, am Klavier Irwin Gage.

Was für ein Aufschwung! Kann man sich ewig, ewig auf dieser Höhe halten? Der junge Mann, so kleingläubig kann er nicht gewesen sein, wie er vorgab; er hat nur dies hören wollen! „Unsere Liebe muss ewig bestehn!“
Dann ist das Lied zuende. Und der Bursche geht überglücklich ins Dorf zurück. Oder? Was meinen Sie? Kommt ihm nicht irgendwann der Gedanke: Sie hat „muss“ gesagt, sie wünscht es sich und zwar mit aller Energie, – aber warum hat sie nicht „wird“ gesagt? „Unsere Liebe wird ewig, ewig bestehn!“ Sie ist sich also nicht ganz sicher? Eines Tages könnte sie sagen: ich habe es gewollt, habe es gehofft, aber das Leben hat es nicht zugelassen. Ich kannte dich ja kaum, – usw., was dann eben alles so gesagt wird.
Nein, das wollen wir nicht weiterspinnen. Gönnen wir uns diesen schönen Traum noch einmal. Aus paritätischen Gründen singt jetzt ein Mann.

3) Brahms op.43 Nr.1 (1864) „Von ewiger Liebe“ Dietrich Fischer-Dieskau 4’39“

Dunkel, wie dunkel in Wald und in Feld, Abend schon ist es, nun schweiget die Welt.
Nirgend noch Licht und nirgend noch Rauch, Ja, und die Lerche, sie schweiget nun auch.

Kommt aus dem Dorfe der Bursche heraus, Gibt das Geleit der Geliebten nach Haus,
Führt sie am Weidengebüsche vorbei, Redet so viel und so mancherlei:

„Leidest du Schmach und betrübest du dich, Leidest du Schmach von andern um mich,
Werde die Liebe getrennt so geschwind, Schnell wie wir früher vereiniget sind.“

Spricht das Mägdelein, Mägdelein spricht: „Unsere Liebe, sie trennet sich nicht!
Fest ist der Stahl und das Eisen gar sehr, Unsre Liebe ist fester noch mehr.

Eisen und Stahl, man schmiedet sie um, Unsere Liebe, wer wandelt sie um?
Eisen und Stahl, sie können zergehn, Unsere Liebe muß ewig bestehn!“

*** *** ***

Die WDR-Sendung von damals kann man im nachfolgenden Link weiterlesen, aber ich vergesse nicht: das war in meinem anderen Leben. 24.04.2002 – WDR 3 Musikpassagen 15.05 – 17.00 Uhr
Gespaltene Gefühle: Von Lug und Trug (und ewiger Liebe) / Lieder von Johannes Brahms und Hugo Wolf / Ausschnitte aus Così fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart / Aufnahmen des indischen Ragas Lalita mit dem Flötisten Hariprasad Chaurasia und dem Sänger Bhimsen Joshi  / Moderation: Jan Reichow / Skript der Sendung HIER.

In der SZ-Besprechung des neuen Mozartbuches schrieb Helmut Mauró u.a. über die Situation Mozarts, auch – und das ist ein sehr wichtiger Aspekt! – in steter Auseinandersetzung mit den Ideen seines Vaters:

Wie die Musik so aus ihrer untergeordneten Kunstrolle als unvollkommene Naturnachahmerin herausfand und sich über die bis dahin führende Malerei erhob, wie sie schließlich zur Leitkunst des 19. Jahrhunderts wurde, auch diesen Aspekt diskutiert Lütteken im Zusammenhang mit Mozart oder „den Mozarts“, wie man nach der Lektüre des Buches sagen muss.

Natürlich ging der Sohn dann viel weiter, richtete seine ganze Existenz auf ein neues Künstlerbild aus, riskierte viel und zwar nicht nur im Bezug auf die eigene materielle Existenz, sondern, und das ist vielleicht doch neu, auch im Bezug auf sein Werk selber. Auch Mozarts menschenfreundlicher und so lebensnaher Musik – selbst für die als Türken verkleideten Ehemänner in seiner „Così fan tutte“ gibt es einen realen Hintergrund – wurde in der Opera buffa auf einmal der schaurige Abgrund einer pragmatischen Realität. So mutig er in seinen Opern die Bedingungen des menschlichen Daseins und die soziopolitischen Bedingungen vorführt, indem er die Labilität moralischer Kategorien aufzeigt, so zielsicher demontiert er auch die eigenen Überzeugungen. Lütteken verweist auf die Schriften des Materialisten Julien Offray de La Mettrie, die in Wien damals kursierten – und verboten waren. Für Mettrie war die Seele keine göttliche Inspiration, sondern das Resultat komplexer Körperfunktionen.

Diese Haltung scheint in Mozarts Opere buffe nicht nur durch, er erweitert, etwa in „Così fan tutte“, das Spiel um Affekte und Erotik gegenüber dem Drama, das schon die Anlage eines radikalen Gesellschaftsexperiments aufweist, um eine entscheidende Komponente: Er stellt nun auch die von ihm geschaffene Musik selber auf die Probe. Er unterläuft die kalkulierte Wirkung auf das Publikum, vor allem durch eine neue harmonische Doppelbödigkeit, die eine einzige musikalische Wahrheit unmöglich macht. Im Moment der größten Wirkung seiner Komposition muss Mozart erkennen, dass seine Musik „keine wahre Seele mehr hat“. Da ist auch die aufklärerische Vernunft bestenfalls nur ein Notanker. Lütteken zitiert einen Brief Mozarts an seine Frau aus dieser Zeit: „Es ist alles kalt für mich – eiskalt. Ja wenn du bei mir wärest, da würde ich vielleicht an dem artigen Betragen der Leute gegen mich mehr Vergnügen finden, – so ist es aber so leer.“

Quelle Süddeutsche Zeitung 27. Dezember 2017 Seite 12 So kalt, so leer Leopolds Meisterschüler – Laurenz Lütteken zeigt Mozarts aufklärerischen Ehrgeiz und sein tragisch-logisches Ende / Von Helmut Mauró

Zu Julien Offray de La Mettrie siehe auch den ZEIT-Artikel von Rudolf Walther: Weder Gott noch Zufall / Das wilde Denken des Julien Offray de La Mettrie / aufzufinden Hier

Die abschließenden Sätze des SZ-Artikels geben wohl eher die Assoziationen des Journalisten als die des Mozartforschers wieder, sind aber durchaus nachzuvollziehen:

Man kann nicht umhin, zu denken, Mozart habe durch sein eigenes Werk psychisch-metaphysischen Selbstmord begangen; der körperliche Zerfall und frühe Tod wären dann nur logische Folge, also Symptome. Lütteken sagt das nicht, aber seine Darstellung erklärt so viel von der tiefen Traurigkeit, die den Komponisten Mozart in einer kalten Dezembernacht aus der Welt hinaustrieb.

Das heißt auch: es gibt in Sachen Mozart nur den Weg, sich auf denselben Wissensstand zu bringen, der durch das neue Buch umrissen ist.

Vielleicht handelt es sich um eine ähnliche Aporie, wie sie sich am Ende des Bachschen Lebensweges einstellte. Man findet sie in dem Buch von Peter Schleuning über die „Kunst der Fuge“ zumindest angedeutet: selbst der vollkommenste Komponist muss gerade an dem Denkrahmen scheitern, dessen Belastungsfähigkeit er bis zum äußersten ausgetestet hatte. Darüberhinaus gibt es nichts. NICHTS.

P.S.

Zweifellos bin ich gestern am Ende übers Ziel hinausgeschossen. Ein Grund mehr, das Buch selbst zu studieren. Oder einstweilen noch die Rezension von Peter Gülke einzubeziehen und zu überdenken: Hier.

Zumal, wenn man sich hier befindet:

Langeoog 29 Dezember 2017 Langeoog (Foto E.Reichow)

„Weltmusik“ der Sängerknaben

Oder: Kitsch und Fake?

Eine Sendung, die man studieren sollte
Der Werbetext:
Die Wiener Sängerknaben: Wege in die Ferne
Die Wiener Sängerknaben sind einer der ältesten Knabenchöre der Welt und wohl der mobilste. Als Gründer gilt Kaiser Maximilian I. Das Kofferpacken gehörte für die kaiserliche Kapelle zum Alltag, die Musiker folgten ihrem Dienstherrn quer durch Europa. Und auch heute sind die Knaben zehn bis zwölf Wochen im Jahr auf Tournee. „Es war immer schon üblich, Musik unserer Gastländer zu singen“, so Gerald Wirth, künstlerischer Leiter. „Wir suchen nach interessanter Musik mit guten Texten, die den Knabenstimmen entsprechen.“
Ausgangspunkt für diesen Film war ein Weltmusikprojekt des Chores mit Liedern von der alten Seidenstraße. Regisseur Curt Faudon begleitete die Wiener Sängerknaben über drei Monate lang auf ihren Auslandstourneen in die USA, Japan, Korea und Australien und erzählt in farbenprächtigen Bildern von Begegnungen mit Musikern und Kindern entlang der Seidenstraße in Usbekistan, Shanxi, Xinjiang und Gansu.
Curt Faudon zeigt die Wiener Sängerknaben während ihrer Ausbildung im Palais Augarten und zeigt die anstrengende Arbeit, aber auch die Abenteuer während der aufwändigen Dreharbeiten zu den Liedern entlang der Seidenstraße. Man lernt viele kleine Persönlichkeiten kennen, die bereits genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft haben.
Dokument über Leben, Arbeit und Träume des Chores

Curt Faudon lässt die Knaben auch in historische Kostüme schlüpfen, um Geschichten aus der Vergangenheit des Chores nachzustellen. Die jungen Sänger zeigen die große Bandbreite ihres Könnens – von der Zeit der Motetten bis hin zur Moderne, von der westeuropäischen Musik bis hin zu den Liedern der Seidenstraße, die aus Feldforschungen verschiedener Musikethnologen von 1911 bis heute stammen. Die Lieder werden von Originalinstrumenten begleitet und in Originalsprache gesungen. 

Der Film ist ein einzigartiges Dokument über das Leben, die Arbeit und die Träume der Wiener Sängerknaben, eine Mischung aus Dokumentation, Musik und Kostümfilm.
Entstanden ist ein prächtiger Bilderbogen, der rund um den Globus bis in den äußersten Winkel der chinesischen Wüste entführt und der von der Gegenwart bis in das 15. Jahrhundert reicht.

***

Regie: Curt M. Faudon siehe Wikipedia hier.

Er lebt seit 1979 in Manhattan, New York und produziert Spielfilme und Dokumentationen vorwiegend für den ORF sowie Werbefilme für multinationale Unternehmen.

Wiener Screenshot 2017-12-26 11.08.03 Abwarten… inzwischen im Netz… siehe oben… aber nur noch zwei Tage… ein Film u.U. mit abschreckender Wirkung… alle Klischees der sogenannten Weltmusik sind erfüllt. Nie und nimmer war ein einziger Musikethnologe verantwortlich beteiligt. Ein Werbefilm nach amerikanischen Mustern, unglaubwürdig in allen Details, übrigens auch in der Behandlung der klassischen Musik. Natürlich – großartige Bilder, eindrucksvolle (bevorzugt exotistische) Portraits, wie eben in Werbebroschüren, aber sobald Musik ins Spiel kommt, wenn jemand singt, erzählt, kommentiert, wirkt es aufgesetzt, dahergefabelt, einstudiert, inszeniert, verlogen. Nicht zwei Minuten authentischer Musik der asiatischen Regionen, nur Staatsmusik. Alles Staffage für eine Weltmusik-Operette. Man kann es nicht milder sagen…

Das Glück der Unruhe

So nenne ich es mal und halte fest, wie es heute morgen zustandegekommen ist: durch inspirierende Radiosendungen zwischen 9 und 10 Uhr, sowie durch die Möglichkeit, eine davon perfekt nachzuarbeiten, oder besser: auszubauen.  Durch Wiederholung und inhaltliche Verbindungen. Im Falle einer Abrufmöglichkeit in der Mediathek war ich bereit, sie Wort für Wort abzuschreiben, wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Und dann finde ich den gesamten Text schriftlich im Angebot des Senders. DLF. Übrigens ein Fall, in dem der Moderator dem interviewten Gast gewachsen ist.

„Kultur ist der Raum der Unruhe“, sagt der Kieler Philosoph Ralf Konersmann und stellt dies in seiner Monografie „Die Unruhe der Welt“ und dem aktuellen „Wörterbuch der Unruhe“ unter Beweis. Wer denkt, ist keinesfalls gelassen, sondern wird von rastloser Neugier getrieben. –

 Ralf Konersmann im Gespräch mit Florian Felix Weyh (oder umgekehrt).

Auffindbar im DLF: HIER !!!

Konersmann Unruhe Buch 2015

Konersmann Kultur 2003

Im übrigen lese ich ein Buch, das nie in meine Hände gelangt wäre, obwohl (oder weil) ich den Autor in meiner WDR-Zeit eigentlich kennengelernt haben müsste. Das war nicht der Fall. Die Wortabteilungen bedeuteten immer Gefahr für die Musikstrecken. (Oh, wie sich meine Fingern krümmen, das Wort „strecken“ mit Musik zu verbinden!) Ein Vorweihnachtsgeschenk meiner Tochter, die das Buch auch selbst besitzt und liest. Also ist es gut.

Wiebicke nervöses Land

Er beginnt seine Wanderung bei Mary Bauermeister und lässt mich nun auch deren Buch, an das ich mich mit einer Mischung aus Faszination und Grauen erinnere, aufs neue ins Auge fassen:

Bauermeister Stockhausen

Und noch eins, worüber ich mich freue: Post aus Luxembourg. So schön gedruckt habe ich noch nie einen eigenen Text gesehen.

Luxembourg AußenLuxembourg Text 0Luxembourg Text 1Luxembourg Text 2Luxembourg Text 3Luxembourg Text 4Luxembourg Text 4a

Düstere Pracht am Wipperkotten 24.12.2017

Wipperkotten Wasserfall+ 171224 Panorama, bitte anklicken!

Rosen am Wipperkotten 171224

(Fotos E.Reichow)

Immer wieder Mozart

Mozart A-dur Mozart A-dur alt

Zwei Ausgaben der Mozart-Sonaten: die eine im Henle Verlag, München 1977, die andere im Peters Verlag Leipzig, aus der Übe-Epoche meines Vaters, sagen wir ca.1920.

Mir scheint der für die Interpretation entscheidende Punkt in der Ausführung der Sforzati zu liegen. Sie stehen im Notentext, und wenn er nicht vollständig im Original vorliegt, so ist es doch kaum denkbar, dass sie der Willkür eines Bearbeiters zu verdanken sind. Aber wie erklären wir uns (oder dem Schüler) den Akzent auf dem schwachen Taktteil in Takt 4 und in Takt 7 ? Jeder rühmt das Thema, aber niemand sagt uns, was diese scheinbar sinnlose Hervorhebung zu bedeuten hat. Es ist leicht gesagt, dass die eigentliche Betonung auf dem darauf folgenden Akkord liegt – hervorgehoben gerade durch das plötzliche Piano. Nach der „voreiligen“ Betonung am „falschen“ Ort.

Gibt vielleicht das dreimalige Sforzato im zweiten Teil, in Takt 11 und 12, rückwirkend Aufschluss?

Mozart Sforzato

Angesichts der Weichheit des Themas in den ersten Takten ist die Hartnäckigkeit in diesen Takten erstaunlich, die Insistenz auf dem Melodieton e“ und die Rückkehr zur weiblichen Endung der ersten Zeile, nebst Wiederkehr (Reprise) des Anfangsmotivs; die Rückkehr mittels eines starken Mittels, der Zwischendominante in Gestalt des Leitetones dis‘. Was war geschehen? Zum ersten Mal war am Anfang des zweiten Teiles die Subdominante aufgetaucht, der D-dur-Akkord in Takt 9. In seinem Gefolge zugleich die Vorwegnahme des abschließenden (definitiven) Aufstiegs der Melodie zum hohen a“ in Takt 17.

Mozart A-dur Detail a  Takt 17f:  Mozart A-dur Detail bb

Man vergleiche einmal (es weihnachtet gerade) das vielgerühmte Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ mit der Mozart-Melodie, um den Riesen-Abstand zu ermessen, besonders zum schwächlich wiederholenden, quasi aufzählenden Charakter des Liedes, der im Fortgang zu einer bedeutender Überbietungsemphase zwingt: Unmittelbar nach der wiederum repetierenden Melodiephrase „nur das traute hochheilige Paar / holder Knabe im lockigen Haar“, die von ferne an die Mozart-Takte 9-11 erinnern.

Die folgende Stelle in der Variation II

Mozart A-dur crescendo

entspricht genau der oben schon wiedergegebenen Stelle des Themas:

Mozart Sforzato

Und so wird der latente Sinn der sforzato-Takte offenbar. Als eine dynamische Steigerung, deren Ziel als piano (statt forte) völlig zurückgenommen wird: es ist zu delikat, um damit herauszuplatzen: wie ein Geheimnis, das man versehentlich beinahe laut ausgeplaudert hätte. Was ist das Geheimnis? Die Rückkehr zum unbegreiflichen Grazioso-Thema.

Ein entscheidender Punkt bei der Charakteristik dieses Themas und der ganzen 18taktigen Ausformung: die Quinte des Grundtons, der „schwebende“ Ton E wird unentwegt angeschlagen – die einzigen Akkordanschläge auf denen er vollständig fehlt, sind die Sforzato-Anschläge auf dem schwachen Taktteil in Takt 7 und Takt 15, sowie in Takt 17 – und in Takt 18, hier ausgerechnet auf dem Schlussakkord (!). Bemerkenswert, dass der Ton in Takt 4 (an der Stelle, wo er an sich homolog zu den anderen Sforzato-Akkorden des Satzes fehlen dürfte) doch „noch“ präsent bleibt in Gestalt des Vorhaltes. Der aufmerksame Notenlesen wird allerdings auch bemerkt haben, dass ich zwei Stellen übergangen habe, an denen der Ton E ebenfalls fehlt, nämlich im Subdominant-Einsatz Takt Takt 5 und 6, und wie zum Ausgleich folgen in Takt 7 und 8 die drei Sforzati auf dem insistierenden E der Oberstimme. (Für mich ist der Ton E in diesem Thema eine Glockenton.)

(Fortsetzung folgt)

Sachdienliche Ausflüge:

Neues vom Henle-Verlag (in den Noten zu vermerken!) Hier
und HIER

Ich kann nicht sagen, dass ich die klingende Musik in diesen Beispielen freudig akzeptiere. Gulda benutzt zweifellos eine alte Ausgabe und ebnet den Unterschied zwischen Sforzato und Piano ein. Ich finde nicht, dass man sich seine Auffassung zueigen machen darf (obwohl ich eine unvergessliche Wiedergabe der Sonate von ihm im WDR Sendesaal miterlebt habe). Andererseits möchte ich auch die vorgeschlagenen neuen Lesarten im folgenden „Henle-Gespräch“ nicht durchweg akzeptieren.*

*plausibel in der Variation 5 (Takt 5 und 6), auch im Menuett (Takt 3 und 33), inakzeptabel aber in Takt 23 ff (muss meines Erachtens a-moll bleiben bis zur Rückleitung nach A-dur in Takt 30).

Musik in politischen Visionen

Neues für meine Sammlung

Ich glaube, es war in den 80er Jahren, als ich mal begonnen habe, alle Fotos, Verse und Karikaturen zu sammeln, in denen Geigenspieler oder Geigen eine Rolle spielten. Es durfte auch eine Viola sein, zumal in der Wendezeit, als durch den ehemaligen Bratschisten Lothar de Maizière reiche Ernte winkte. Mich interessierten in anderem Zusammenhang aber auch Sujets, auf denen zu erkennen war, dass die musizierenden Menschen gar keine Ahnung hatten von den Instrumenten, die sie in Händen hielten. Besonders attraktive Beispiele gab es aus der Modebranche, etwa die in ahnungslosen Händen einer Ohrschmuckträgerin. Ich habe das Sammeln aufgegeben, erst als ich jetzt eine Geige im Handelsblatt sah, war ich wieder fokussiert. Es wird um die Stradivari-Preise gehen, – so mein erster Gedanke. Es ging jedoch wieder einmal um die Redensart, wer denn „die erste Geige spielt“, – fast so beliebt wie die Wendung, wer wohl „die Kuh vom Eis holen“ wird.

Geigenspiel in Politik

Die Kanzlerin besitzt also nur eine erste Geige, vielleicht die ihrer frühen Kindheit, aber ein anderer darf darauf ein Werk interpretieren, das allerdings von ihr dirigiert wird. Ob es ihr bekannt ist, steht nicht zur Debatte.

Und während alle Welt selbstkomponierte Lieder singt, bewegt der Finanzminister nur die Lippen zu einer Melodie, die von anderen geschaffen wurde, vielleicht sogar mit Text. Für die bloße Melodie würde allerdings ein halbgeöffneter Mund genügen, ohne Lippeneinsatz. – Der Schöpfer dieser visionären Bilderwelt ist der Herausgeber des Handelsblattes selbst, Gabor Steingart („Morning Briefing“ 19.12.2017).

Willkommener Anlass für einen Blick in meine Geigen-Sammlung:

Mode Geige Ohrenschmuck

Der Bogen als Säge

Maizière Säge 1 Peter Muzeniek SZ 24.Juli 1990

Maizière Säge 2Gabor Benedek  „Eulenspiegel“ Nr.19/1990

Vielarmiger indischer Geigengott

Doppel Geiger (Foto: „Selbstauslöser“ 1974)

(Reinhard Goebel, der 1990 tatsächlich von der einen Seite auf die andere umsattelte.)

Zugabe 21.12.2017

Soeben wurde mir bekannt, dass Reinhard Goebel in seiner Funktion als Dirigent eines vielköpfigen Ensembles an meinem Geburtstag ein Telemann-Konzert in Berlin geleitet hat. Da ich zu dieser Zeit auf der holländischen Insel Texel weilte, konnte ich nicht eruieren, ob es mir gewidmet war oder vielmehr dem Komponisten zum 250. Todesjahr. Es klingt auf jeden Fall so lebendig, als gehöre es in unsere Zeit!

Heute: Penthesilea

Bonn HIER

Lesen HIER

Wikipedia HIER

Eine Riesenanregung! Erstens die musikalische Qualität der Aufführung, zweitens der faszinierende Komponist Othmar Schoeck, drittens die erneute Kleist-Irritation, ein so unblutiger Verlauf, nichts als drei, vier Pistolenschüsse, so wenig von seiner Sprache, was wollte er überhaupt  s a g e n ?

Kein Schock. Ein sympathisches Gespräch. Wie üblich der Eindruck: man hätte das Programmheft  v o r h e r im Internet lesen müssen (können). Überhaupt: „hätte“. Man hätte die Aufführung zweimal sehen müssen. Mindestens. (Es war aber die letzte Aufführung.)

Penthesilea Gespräch 1 Penthesilea Gespräch 2 Penthesilea Gespräch 3Penthesilea Gespräch 4 + Foto Foto: Thilo Beu

Quelle: Theater Bonn Programmheft Penthesilea Redaktion: Bettina Barta

SCHOECK Nachholbedarf – z.B. das Violinkonzert, gespielt von Stefi Geyer, dieselbe Geigerin die ihren Verehrer Bartók (Deux Portraits) einst abgewiesen hatte. Stand 1947.

Schoeck CD Violinkonzert Horn

Schoeck CD soielt Schoeck

Schoeck CD Lieder

Die blutige Szene in meinem Kleist-Band (um 1970):

Kleist Szene Kleist Szene

Zur Kleist-Interpetation: mir scheint, was in aller Kürze das beste ist, was dazu geschrieben worden ist, steht bei Rüdiger Safranski in dem Buch: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?

Kein anderer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts hat so lustvoll den Akt des Tötens dargestellt wie Kleist. Das gilt für die Schlußszene der „Penthesilea“, wo die Amazonenkönigin den geliebten Achill, nachdem sie ihn im Kampf getötet hat, mit den Zähnen zerfleischt. Das gilt für die Schilderung des Massakers im „Erdbeben von Chile“: (…).

In den Imaginationen seiner Dichtung hat Kleist die Utopien der Versöhnung von Innen und Außen gestaltet, wie etwa im „Käthchen von Heilbronn“ oder im „Amphitryon“; er hat nicht nur, wie in der „Marquise von O.“, die „schöne Anstrengung“ beschrieben, die einen mit sich selbst bekannt macht und Kraft zur sanften Selbstbehauptung gegen eine ganz feindliche und von aberwitzigen Zufällen beherrschten Welt gibt; er hat nicht nur der schwärmerischen Todessehnsucht Ausdruck gegeben – er hat auch seinen Tötungsphantasien, die aus der Verfeindung nicht nur mit dieser oder jener Wirklichkeit, sondern am Ende aus der Verfeindung mit der Wirklichkeit überhaupt herrühren. Die Wirklichkeit gibt ihm keinen Halt mehr, und wenn er sich nicht in die Gestalten seiner Einbildungskraft hineinlegt, so gähnt ihn draußen und drinnen eine entsetzliche Leere an.

Wenige Wochen vor seinem Tode schreibt er an Marie von Kleist: „So geschäftig dem weißen Papier gegenüber meine Einbildung ist, und so bestimmt im Umriß und Farbe die Gestalten sind, die sie alsdann hervorbringt, so schwer, ja ordentlich schmerzhaft ist es mir, mir das, was wirklich ist, vorzustellen.“

Das Ende naht, als Kleist befürchten muß, daß ihm als Dichter nichts mehr einfällt, daß auch die Einbildungskraft, dieser letzte Halt, versiegen könnte. Von diesem Augenblick an sucht Kleist in den Berliner Salons nach einer Frau, die mit ihm zusammen in den Tod gehen will. Man muß genau sein: Kleist hat nach einer Frau gesucht, die sich von ihm töten läßt, ehe er selbst Hand an sich legt. Als er schließlich in Henriette Vogel diese Person gefunden hat, schreibt er triumphierend an Marie von Kleist (an die er zuvor dasselbe Ansinnen gestellt hatte): er habe eine Freundin gefunden, „die mir unerhörte Lust gewährt, sich … so leicht aus einer ganz wunschlosen Lage, wie ein Veilchen aus einer Wiese, herausheben zu lassen“.

Quelle Rüdiger Safranski: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare / Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2005 (Carl Hanser 1990) Seite 47f.

Ich finde, man muss das wissen und Kleist durchaus nicht als „bloßen“ Klassiker und auch nicht nur als Mann seiner Zeit sehen. Sein Napoleon ist unser Hitler, mit allen gedanklichen Komplikationen, die sich daraus ergeben.

Man muss auch das Ende der Geschichte kennen:

Er stellt sich vor, wie sein Tod auf die Freunde wirken wird. An Marie von Kleist schreibt er: „Erst, wenn ich tot sein werde, kann ich mir denken, daß sie mit dem vollen Gefühl ihrer Freundschaft zu mir zurückkehren werden.“ Er stellt sich auch genußvoll vor, wie die Angehörigen trauern werden. Mit Henriette zusammen stellt er sich vor, wie man sie finden wird, „auf dem Wege nach Potsdam, in einem sehr unbeholfenen Zustande, indem wir erschossen da liegen …“

Die letzten Augenblicke sind so beschwingt, weil in ihnen die Einbildungskraft Regie führt. Sie hat die absolute Macht ergriffen, ist stärker als jene „erdhafte“ Wirklichkeit in uns, die nicht sterben will.

Aber sie verlangt nach beglaubigenden Zuschauern. Abwesenden Zuschauern: deshalb die zahlreichen Abschiedsbriefe, die die Adressaten gewissermaßen zu Zeugen machen. Anwesende Zuschauer: deshalb richten es die beiden so ein, daß sie fast unter den Augen ihrer Wirtsleute in den Tod gehen.

Es folgt die Schilderung des Doppelselbstmords am 20. November 1811 in unmittelbarer Nähe des Gasthauses.

Dieses Schlußtableau ist Kleists letztes Werk. Es ist ein Werk, das zugleich ganz innerlich und ganz äußerlich ist. Es ist innerlich, denn im Asterben will Kleist auf eine nicht mehr überbietbare Weise zu sich selbst kommen. Die Macht des Äußeren ist gebrochen, weil er sich selbst den Tod gibt. Zugleich aber triumphiert die Macht des Äußeren. Denn was vom ‚Verfasser‘ dieses letzten Werkes, der Inszenierung des Selbstmordes, übrigbleibt, wird zur Beute der Obduktionsärzte. (…)

Quelle Safranski a.a.O. Seite 49 f.