Archiv der Kategorie: Natur

Der Philosoph am Meer

An manchen Tagen genügen wenige Worte und man fühlt sich mit allem einverstanden, was sich damit assoziieren lässt. Und nur dieses halte ich fest und verweise – zur Ausnüchterung – auf den vollständigen Artikel:

Das Meer selbst war von ihm, dem Philosophen, zum philosophischen Lehrmeister ausgerufen worden: – Das Meer ist die anschauliche Gegenwart des Unendlichen, hatte er geschrieben. Unendlich die Wellen. Immer ist alles in Bewegung, nirgends das Feste und das Ganze in der doch fühlbaren unendlichen Ordnung … Das Wohnen, das Geborgensein ist uns unentbehrlich und wohltuend. Aber es genügt uns nicht. Es gibt dieses andere: Das Meer ist seine leibhaftige Gegenwart. Es befreit im Hinausgehen über die Geborgenheit, bringt dorthin, wo zwar alle Festigkeit aufhört, wir aber nicht ins Bodenlose versinken. Wir vertrauen uns dem unendlichen Geheimnis an, dem Unabsehbaren – Chaos und Ordnung …

Otto A. Böhmer schreibt über den Philosophen Karl Jaspers, nachzulesen in dem Internet-Magazin Faust-Kultur, samt Rückführung in die rauere „geistige Situation der Zeit“, die ich gar nicht rekapitulieren will. Vielleicht lieber den Schnelldurchgang „Plato – Augustin – Kant“, wie lange ist das her? (Köln 6. XII. 1961 !) Das Meer hat seine Anziehungskraft nicht  verloren, hat sich unterdessen aber grundlegend verändert. Wieder einmal die Morgenlektüre über den unausweichlichen Anstieg des Meeresspiegels. Was für Assoziationen. (Es betrifft natürlich nicht nur den „Spiegel“, und diesen nicht vor allem in Asien, sondern die Auswirkungen jedes kleinen Sturms, wo auch immer.)

Jaspers geistige Situation Berlin, Leipzig 1932 (!!!)

Jaspers Vorwort „Die geistige Situation der Zeit“

Jaspers Kant Plato Augustin Kant 1957

Weltmeere 150828 Solinger Tageblatt 28. Aug. 2015

Die physi(kali)sche Situation der Zeit

Krasses Denken

Kürzlich hörte ich den folgenden Spruch, der aus dem Mund einer Schülerin stammen soll:

„Denken ist wie Googeln, nur krasser!“

Wunderbar. Zum Denken gehört die Überprüfung des Wahrheitsgehaltes (durchaus naiv, also ohne Vorschaltung der relativistischen Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“). Es gibt Regeln dafür.

Ein Beispiel: beim Nachtisch – Früchte wie Pflaumen, Ananas, Apfel, Mango – erzählt man mir, es gebe einen neuen Trend: nur das zu essen, was der eigenen Blutgruppe entspricht. Wie bitte? Ein Trend? Nein, eine Theorie! Die Blutgruppe gebe Auskunft über die Herkunft der Ahnen, ob heimisch in Ackerbaukulturen, bei Nomadenvölkern, unter Waldbewohnern, Früchtesammlern, ich weiß nicht was. Und nur das dürfe man essen, was zu diesem Ursprung passt. Ich frage nach Beweisen dafür, dass es da eine reale Korrelation gebe. Wissenschaftliche Untersuchungen. Welche? Wieviele? Vertrauenswürdige? Schon überprüfte? Mein vorläufiger Einwand: ist es nicht eine Art neuer Rassismus? Hat damit nichts zu tun, ist erfolgreich, hat sich als Diät bewährt. Aha, da ist das Stichwort. Vielleicht kann ich doch – statt krass zu denken oder gar aus Prinzip zu zweifeln – erstmal googeln? Stichwort: Blutgruppen-Diät. Schon liest man in den ersten 3 Angaben dreimal den Namen Peter D’Adamo. Schon ist klar: nicht d i e Wissenschaft steht dahinter, sondern eine einzelne Person. Eine erfolgreiche zweifellos, der Mann hat immerhin für einen Trend gesorgt, der nun zum Nachtisch passt. Der erste Google-Treffer führt jedoch zu einem Artikel des Stern, – und welche Erfahrungen man auch immer mit dieser Zeitschrift gemacht hat: wenn der Wahrheitsgehalt eines verbreiteten Trends schon beim ersten prüfenden Blick in Zweifel gezogen wird, hat man ein Indiz, dass ernsthafter Widerspruch, zumindest eine Beachtung aller Gegenargumente angeraten ist. Nun fehlt auf der anderen Seite nur noch ein Appell des Glaubens, eine Anmahnung positiven Denkens, dann weiß man, was von Blutgruppen zu halten ist. Und eins ist ohnehin klar: sobald zum Beweis Einzelfälle aufgezählt werden (spektakuläre Heilungen, wunderähnliche Wirkungen, statistisch gestützte Einzel-Erfahrungen), rechnet man die Angelegenheit lieber zum allgegenwärtigen Gedankenmüll. Klar ist auch: Ich kann nicht alles widerlegen, was an Unsinn erzählt wird.

Kinder, googelt besser und denkt trotzdem nach!

Durch Googeln erfährt man z.B., wie Bernhard Hoecker kürzlich anmerkte, dass Erdbeeren keine Beeren sind, sondern zu den Nüssen gehören. Er hat recht, denn das ist nachprüfbar, wenn auch nicht mit einer Erdbeere im Mund, sondern in einem Artikel. Verschwiegen wird aber meist, dass mit ebenso gutem Grund die Banane zu den Beeren gezählt wird. Und jetzt wird ernstlich unser Denken herausgefordert. Was bedeutet solche Zuordnung, – nennen wir sie: Korrelation -, in der Wissenschaft, was im täglichen Leben?

Ohne direkten Zusammenhang lasse ich Sätze des Berliner Philosophen Byung-Chul Han folgen (nehmen wir „Big Data“ in diesem Zitat für „google“):

Big Data suggeriert ein absolutes Wissen. Alles ist messbar und quantifizierbar. Dinge verraten ihre geheimen Korrelationen, die bisher verborgen waren. Genau voraussagbar soll auch das menschliche Verhalten werden. Es wird eine neue Ära des Wissens verkündet. Korrelationen ersetzen Kausalität. Es-ist-so ersetzt Wieso. Die datengetriebene Quantifizierung der Wirklichkeit vertreibt den Geist ganz aus dem Wissen.

Hegel, diesem Philosophen des Geistes, würde das All-Wissen, das Big Data verspricht, als absolutes Un-Wissen erscheinen. Hegels Logik lässt sich als Logik des Wissens lesen. Demnach astellt die Korrelation die primitivste Stufe des Wissens dar. Eine starke Korrelation zwischen A und B besagt: Wenn A sich verändert, findet eine Veränderung auch bei B statt. Bei der Korrelation weiß man nicht, warum es sich so verhält. Es ist einfach so. Die Korrelation ist eine Beziehung der Wahrscheinlichkeit und nicht der Notwendigkeit. Sie lautet: A findet oft zusammen mit B statt. Darin unterscheidet sich die Korrelation vom Kausalverhältnis. Die Notwendigkeit zeichnet es aus: A verursacht B.

Die Kausalität ist nicht die höchste Wissenstufe. Die Wechselwirkung stellt ein komplexeres Verhältnis als das Kausal verhältnis dar. Sie besagt: A und B bedingen einander. Zwischen A und B besteht ein notwendiger Zusammenhang. Aber selbst auf der Stufe der Wechselwirkung ist der Zusammenhang zwischen A und  noch nicht begriffen: „Bleibt man dabei stehen, einen gegebenen Inhalt bloß unter dem Gesichtspunkt der Wechselwirkung zu betrachten, so ist die in der Tat ein durchaus begriffsloses Verhalten.“ [Hegel]

Erst der „Begriff“ generiert das Wissen. er ist C, das A und B in sich begreift und durch das A und B begriffen werden. Er ist der höhere Zusammenhang, der A und B umfasst und aus dem heraus sich das Verhältnis von A und B begründen lässt. So sind A und B die „Momente eines Dritten, Höheren“.

Quelle Byung-Chul Han: Psychopolitik / Neoliberalismus und die neuen Machttechniken / S. Fischer Wissenschaft Frankfurt am Main 2014 (Seite 92 f.)

Ein letzter Themenwechsel dient dazu, alles wieder unserer geliebten Realität anzunähern: vielleicht bildet sich doch ein geheimer Zusammenhang.

Im Editorial der Zeitschrift NATUR erinnert sich Chefredakteur Sebastian Jützi an sein Biologiestudium in den 80er Jahren; damals funktionierten GENE nach dem Jacob-Monod-Modell:

Demnach waren Gene aus verschiedenen Teilen der Erbsubstanz aufgebaut und besaßen vorgeschaltete Regulationselemente. Im Falle einer Aktivierung sollte dann die Erbinformation ausgelesen und über einen komplizierten Mechanismus in Proteine übertragen werden. Ein grundlegender Mechanismus in der Steuerung unseres Genoms.

Heute weiß man deutlich mehr: Unser Genom, wie das aller Lebewesen, ist ein kaum vorstellbar komplexes Geflecht. Auf zahlreichen Ebenen unterliegt es einem Gefüge aus Regulationsmechanismen, die über Wirkung und Gegenwirkung bestimmen, ob und wie stark ein Gen aktiv ist und seine Information in Eiweiße umgesetzt wird.

Es handelt sich, so Jützi, um „grundlegende Vorgänge, die jedes Lebewesen und damit letztlich auch deren Zusammenleben in einem Ökosystem prägen. Dieser Wissenszuwachs verdeutlicht uns aber auch: Absolute Wahrheiten sind selten.“ Sein Editorial zielt letztlich auf die sogenannte „Grüne Gentechnik“. ZITAT:

Die Gegner warnen unter anderem vor unkalkulierbaren Folgen dieser Technologie, wenn sie im Freiland angewendet wird, und vor Monopolstellungen weniger Konzerne, die die grüne Gentechnik entwickeln.

Wie auch immer man diese Argumente gewichtet, hinter ihnen verschwindet meist eine simple Tatsache. Komplexe Merkmale, wie der Ertrag einer Getreidesorte – also ihre Leistungsfähigkeit -, werden fast nie von nur einem einzelnen Gen bestimmt, sondern von einer Vielzahl von Genen und Regulationsmechanismen. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte haben Züchter diese Erkenntnis angewandt und immer leistungsfähigere Getreidesorten entwickelt – ganz ohne Gentechnik. Die so entwickelte Vielfalt hat uns bislang meist gut ernährt und wir könnten damit die gesamte Weltbevölkerung satt bekommen, wenn wir die Nahrungsmittel nur besser verteilen würden. Das wissen wir. Was wir (noch) nicht wissen, ist, wie sich die Grüne Gentechnik in Ökosystemen entwickelt und welche Auswirkungen sie letztlich auf uns hat. Deshalb sollten wir mit ihrer Anwendung zurückhaltend sein. Meine Genetik-Lehrbücher sind in ihrer aktuellen Fassung längst umgeschrieben. Ökosysteme lassen sich dagegen niemals umschreiben.

Quelle natur Das Magazin für Natur, Umwelt und besseres Leben. 09/15 Seite 3 Sebastian Jützi: Editorial / Mehr Wissen. (Hervorhebungen in rot: JR)

Wie fängt Rassismus an?

Gibt es an und in dem andern irgendetwas, was er nicht ändern kann und was ich (ja sicher … nur wenn ich will) gegen ihn auslegen kann? Hinsichtlich der Herkunft, Hautfarbe, der Händigkeit (links oder rechts), der Form des Halbmonds auf der Fingerkuppe, der Blutgruppe.

Einen datierbaren Anfang gab es wohl 1492 in Spanien: als man Gründe suchte, auch die getauften Juden und Moslems auszusortieren. Da genügte die Religion nicht mehr. (JR)

„Mit Gott“

Heute 10.30 h Quartettprobe. Es gibt eine neue Aufgabe: Schumann op. 41 Nr. 1 a-moll. Der langsame Satz (rhythmisch wahrscheinlich nicht leicht zusammenzubringen), – was ist mit dem Beethoven-Anklang? Angeblich auf Adagio IX. Sinfonie bezogen. Aber viel näher an „Heiliger Dankgesang“. Oder denke ich das nur wegen der aufsteigenden Sexte? Ist sie es, an die sich Schumann mit dem handgeschriebenen Eintrag nach dem Scherzo („Mit Gott“) erinnern wollte?

(Fortsetzung folgt in 6 – 7 Stunden. Diese Worte als Selbstverpflichtung.)

Der langsame Satz erwies sich erwartungsgemäß als schwierig (aufgrund der rhythmischen Struktur). Aber auch in den anderen Sätzen (mit Ausnahme des Scherzos) gibt es Verständnisprobleme, die – grob gesagt – darauf beruhen, dass man scheinbar unnötige Härten oder Sprödigkeiten wahrnimmt. Als habe der Komponist partout alles vermeiden wollen, was „auf der Hand“ liegt. Dem kommt man nur bei, wenn man seine Arbeit an „musikalischer Prosa“ kennt, genau wie in den Klaviertrios (!), keine „quadratischen“ Verhältnisse, die in Zweier-, Vierer-, Achtertaktgruppen zu verstehen sind. Andererseits gibt es (scheinbare) Simplizitäten, da scheint etwa im ersten Satz ein Fugenthema einzusetzen, mit nun wieder allzu regelmäßigem Fortgang, und man weiß nicht recht, was dieses Statement sagen will und warum es von jedem Instrument gesagt werden muss.

Man spürt, dass er am späten Beethoven Maß nimmt, ohne der Lage vollständig gewachsen zu sein. (?)

Andererseits gibt es keinen Zweifel, dass dieses Werk „bedeutungsvoll“ ist und dass die äußerlichen Probleme verschwinden werden, wenn man es erst technisch im Griff hat.

Abgesehen von der Merkwürdigkeit, dass der Kopfsatz in F-dur steht, nur die Einleitung in a-moll: ein karger Kontrapunkt, der nach Kanontechnik klingt, jedoch mit auffällig leeren Zusammenklängen, 2. Takt mit Einklang, 3. Takt Quintklang und wieder Zusammentreffen der beiden Geigen auf Einklang, in Takt 12 erhält dasselbe Motiv in der zweiten Violine plötzlich eine Punktierung, die nirgendwo sonst wiederkehrt. Schon in Takt 8 eine unerklärliche rhythmische Variante.

(Fortsetzung incl. Notenbeispiel folgt)

Meine Anfangsbemerkung stütze sich auf folgenden Text, den ich im „Schumann-Portal“ fand (Autorin: Irmgard Knechtges-Obrecht):

Eine effektvolle, aber eigenwillig erzielte und beinahe als „falsch“ empfundene Schlusswendung beendet diesen lebhaften Satz, dem nun an dritter Stelle erst der langsame folgt. Hier artikuliert Schumann seine Bewunderung für Beethovens Werke ausdrücklich, verbindet er doch sein Adagio mit dem Kopfmotiv des Adagio molto e cantabile aus dessen 9. Sinfonie. Zunächst hebt das dreiteilige Adagio mit einer kurzen, geheimnisvoll unbestimmt gehaltenen Einleitung aus den tiefen Registern des Cellos an, bevor sich dann mit Beginn des Hauptteils auch die Grundtonart F-Dur einstellt. In die nun erklingende lyrisch getragene Kantilene webt Schumann nicht nur das Motiv aus Beethovens Sinfonie ein, sondern lässt auch die feierlich-religiöse Atmosphäre von deren langsamem Satz aufleben. Was bei Beethoven als Choralvortrag wirkte, empfindet man jetzt bei Schumann noch weiter fortgeführt zu einem ganz persönlichen, innigen Gebet. Sicherlich nicht ohne Grund schrieb Schumann vor Skizzierung dieses Satzes, am Ende des vorausgegangen in sein Manuskript die an keiner anderen Stelle auftauchenden Worte „Mit Gott“.

Meines Erachtens ist die Begründung des Beethoven-Bezuges (IX. Sinfonie) wenig überzeugend, wenn man nicht den Beethovenschen Streichquartettsatz einbezieht, der tatsächlich „als Choralvortrag“ nicht nur wirkt, sondern auch gemeint ist, nämlich den „Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart“. Doch zunächst zur Ausgangssituation, da meine Gedanken fortwährend um die Aussage dieser beiden rot gekennzeichneten Intervall-Motive in Schumanns Adagio kreisen:

Schumann Adagio a Schumann Adagio b

Das erste sorgt für die Assoziation des Adagios der IX. Sinfonie, führt aber auch zum Kopfsatz des Erzherzog-Klaviertrios samt motivischer Arbeit dort, zum Thema der Violinsonate A-dur von Brahms und unvermeidlich zu Stolzings Meistersinger-Lied. Während das zweite unzählige Anrufungen evoziert, die ich im Fall Bach schon einmal notiert habe (betr. die Tirata in Takt 2 der Solosonate g-moll). Siehe dort Seite 412: „Herr Zebaoth“, „Mein Gott“, „Ach Gott“, „Wir beten“, „Erbarme dich“ usw. (vgl. Schumanns Notiz „Mit Gott“), ich erinnere auch an Beethovens Streichquartett op. 18 Nr. 1 Adagio affettuoso ed appassionato (d-moll! Julias Klage um Romeo). Und eben an das Streichquartett op. 132 Molto Adagio. (Siehe im folgenden Beispiel die ersten beiden Töne unter Klammer 3.)

Beethoven Dankgesang Choral

Um die Arbeit nicht ins Uferlose zu treiben, habe ich im folgenden die jeweiligen Einleitungstakte weggelassen und eine wirklich sehr unvollkommene Klavierskizze der Adagio-Themen in Beethovens und Schumanns Werk angefertigt, unterlasse aber jede vergleichende oder abgrenzende Bemerkung. (Festgehalten sei nur, dass ein Vergleich zwischen einer Schumannschen Einleitung und einer Beethovenschen sich schon in Heinrich Schenkers Analyse des Adagios der Neunten Sinfonie auf Seite 200 befindet.) Aufmerksam gemacht sei allerdings auf die eigenartige Möglichkeit, dass die Fortspinnung der Takte 8-10 bei Schumann durch Beethovens Takte 8-10 inspiriert sein könnte.

Beethoven + Schumann Beerthoven IX Adagio Beethoven

Beethoven Schumann Schumann Adagio Schumann

Der Einwand, dass bei Schumann der Ton f“ in Takt 5, der Zielton der „Anrufung“, nicht auf dem Schwerpunkt des Taktes steht, gilt nicht; er wird nachgeliefert, der Gang zum Basston D verdient zunächst alle Aufmerksamkeit. (Eine Verschiebung des Taktschwerpunkts findet man bei Schumann häufig; sie gehört zur Tendenz „musikalischer Prosa“.)

Siehe weitere Aspekte hier.

Schwarzer Freitag mit Tristan

Ich habe mir den kommenden Freitag frei gehalten: Ich will das aktuelle Bayreuther Angebot „Tristan und Isolde“ vorurteilsfrei auf mich wirken lassen. Die Situation ist günstig, ich habe Zeit mich wenigstens einen vollen Tag vorzubereiten. Denn eins steht fest: Tristan ist für mich wahnsinnig aktuell.

Und damit habe ich unversehens das intelligenteste Statement der Wagner-Ur-Enkelin Katharina zitiert. Man lese die Überschrift HIER.

Tristan Klavierauszug

Dies sei der Beginn meiner heutigen Übung. Ich werde auch wieder stundenlang aus dem Klavierauszug spielen, wie damals, ja, wie einst im Mai. Da musste sich meine Freundin das endlos anhören. Ich bin ja auch nicht völlig unbedarft (wenn ich das mal hervorheben darf): Im Jahre 1964 habe ich meine sogenannte Staatsarbeit über den Tristan geschrieben und kann die heutige Gelegenheit gerne benutzen, mich ein wenig von ihr zu distanzieren: ich habe mich zwangsläufig weiterentwickelt, während die aktuellste Nachfahrin des Komponisten damals noch mehr als 10 Jahre warten musste, um überhaupt geboren zu werden. Inzwischen lernte ich allerdings Friedelind Wagner kennen, – flüchtig muss ich zugeben -, sie protegierte intensiv den amerikanischen Cellisten George Neikrug, und in diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass ich ihr und ihm auch mal den Anfangsteil des Konzertstücks „Tzigane“ von Ravel auf der Geige vorgespielt habe. Aber das ist eine Geschichte für sich; in diesem Zusammenhang ging auch meine Freundschaft mit Dietmar Mantel in die Brüche, der in Neikrugs Biographie vorkommt, während ich die große Gönnerin darin vermisse. Gut, ich schrieb damals an der hagiographischen Arbeit „Die literarischen und philosophischen Anregungen zu Wagners ‚Tristan‘ und ihre Wiedergabe bzw. Umbildung in diesem Werk“ (Juli 1964), und dies waren meine inhaltlichen Punkte:

Tristan JR

Ich habe dann die Ferienkurse in Darmstadt besucht, bei Siegfried Palm das frühe Trio (Kammersonate 1948) von Henze und das Klavier-Trio von Charles Ives studiert (mit Edith Frieser und Christian de Bruyn), wir haben im Zeltcafé den schweigsamen Carl Dahlhaus kennengelernt und den freundlich-gesprächigen Rudolf Stephan; ihn habe ich gefragt, was er von Curt von Westernhagen hält, dessen Wagner-Buch ich gründlich studiert hatte, und er sagte: „Das ist ein Troglodyt!“ Auf Nachfrage erfuhren wir, dass dieses Wort „Höhlenbewohner“ bedeutet, was ich mit Wagners Lindwurm assoziierte. In der Tat gilt der Autor als „einer der übelsten Rassefanatiker, die Wagners Werk im Dienste der Ideologie der Nazis auf Kurs schrieben“. (Davon wusste ich nichts, mich hatte nur das gehässige Kapitel über Nietzsche gestört.)

ZITAT

BR-KLASSIK: Welche Kenntnisse – beispielsweise philosophischer Art – setzt das Verstehen Ihrer „Tristan“-Inszenierung voraus?

Katharina Wagner: Ich hoffe, dass man keine Kenntnisse haben muss, um die Inszenierung zu verstehen. Das ist sowieso immer so eine Frage: Muss man eine Inszenierung verstehen? Man nimmt sie wahr und empfindet sie hoffentlich. Es gibt da ja auch keinen Beipackzettel, wo man sagt: So gehört es sich. Man hofft immer als Regisseur, dass man Bilder gefunden hat, die die Leute bewegen. Und das ist hoffentlich gelungen.

BR-KLASSIK: Und sich auch durch sich selbst eigentlich vermittelt – ohne dass man etwas wissen muss über den philosophischen Hintergrund, den es ja beim „Tristan“ auch gibt?

Katharina Wagner: Richtig, den gibt es. Den haben wir auch nicht außer Acht gelassen. Aber ich glaube, man braucht ihn nicht. Ich hoffe sehr, dass man ihn nicht braucht, um diese Inszenierung empfinden zu können. Das ist der andere Punkt. Natürlich gibt es viel philosophischen Hintergrund – auch zu dieser Inszenierung. Es ist schön, wenn man den sieht. Aber ich hoffe, die Inszenierung vermittelt sich auch ohne den Hintergrund.

Quelle: siehe BR nochmals HIER.

Was sagt die Kritik? Ich wähle aus Pflicht und Neigung die FAZ:

Katharina Wagner, ab dieser Spielzeit Alleinherrscherin auf dem Hügel, hat ihre gepflegten Krallen eingezogen. Nach den streitbaren (und bis zum Schluss auch beim Bayreuther Publikum heiß umstrittenen) „Meistersingern“, darin sie erstmals in der Geschichte der Festspiele (noch vor Stefan Herheims „Parsifal“) auch die nationalsozialistische Verstrickung der Wagnerfamilie mitinszeniert und eine Festwiesen-Bücherverbrennung gezeigt hatte, zelebriert sie jetzt einen unpolitischen, zeit- und zahnlosen „Tristan“. Sie wurde mit einhelligem Jubel am Premierenabend belohnt. Das Beste, was man über diese Inszenierung sagen kann, ist: Sie ist mehrheitsfähig. Kein Sofa in dieser Republik, von der aus man sich diesen früh-müden „Tristan“ am 8. August, wenn 3Sat landesweit live aus dem Festspielhaus überträgt, nicht gemütlich reinziehen könnte.

Quelle Frankfurter Allgemeine 27.7.2015 „Diese Leidenschaft braucht keinen Liebestrank“ Von Eleonore Büning.

Kleine Korrektur: „Kein Sofa in dieser Republik, von dem aus …“ Ich nehme das so genau, weil auch meines daheim gemeint sein könnte.

Und zitiere eine andere Passage, die spezifischer die Regieleistung betrifft:

Nach Heiner Müller und Christoph Marthaler ist Katharina Wagner nun schon die dritte Regisseurin, die in Bayreuth einen geometrisch-abstrakten Symbol-„Tristan“ zelebriert, mit Tableaux, darin sich wenig oder nichts mehr bewegt. Hoffen wir, dass damit keine Tradition begründet wird! Was die Personenregie anbelangt, schwankt die Regisseurin zwischen statischem Rampensingen à la Müller oder sinnfreiem Aktionismus à la Marthaler. Beides kommt vor. Zumal Isolde tut manchmal seltsam aufgescheuchte Dinge. Einmal, im Raumschiff-Kerker, baut sie aus etwas Schrott und einer Decke eine Art Zelt, das sie mit Glühbirnchen schmückt und dann wieder einreißt. Falls dies die Liebesnacht illuminieren sollte, so war es zweifellos eine traurige.

Aber es ist nicht diese Liebesnacht, die mich vorweg betroffen macht, sondern die Diffamierung des betrogenen, freilich vom Ur-Richard vielleicht allzu edel konzipierten Freundes Marke:

Doch leider, am Ende, als Isolde sich ausgesungen hat, reicht König Marke ihr den Arm und führt sie heim, als sein angetrautes Weib, das sie nun mal ist.

Da hatte ich mir doch damals, als ich meine Tristan-Arbeit beendete, einen mystischeren Ausblick erhofft. Andererseits – mit Blick aufs Bayreuther Publikum – auch wieder nicht.

Tristan Ende JR

Ob nun „Tristan“ oder „Ring“: Eines gelobe ich – beim Castorf -, bis Freitag will ich endlich klarer sehen, was ich von den dramaturgischen Gegenentwürfen des Regietheaters halten soll. Der entsprechende Aufsatz liegt bereit und enthält schon viele Unterstreichungen:

Die Krokodile sagen alles Frank Castorfs Bayreuther Ring und die „Dynamisierung des Originals“ Von Stephan Mösch. In: Musik & Ästhetik, 19. Jahrgang, Heft 75, Juli 2015, Klett-Cotta Stuttgart (Seite 77-88).

Nachtrag 8. August 2015

Zur Frage „Was geschieht nach dem „Liebestod?“ siehe screenshots HIER.

Wespen greifen nicht an, aber sie stechen

Was mich dort ärgert und hier freut

Wespen Meldung 150728

Heute im Tageblatt auf Seite 3 – die Meldung ist zu kurz und daher falsch und irreführend.

Der WDR hat es fast richtig gemacht, indem er meldet:

Kleiner Fehltritt mit großen Folgen: Bei einem Spaziergang war ein Kind des Monheimer Waldkindergartens am Montag (27.07.2015) in ein Wespennest am Erdboden getreten. Die aggressiven Insekten attackierten daraufhin die gesamte Gruppe.

Nur fast richtig, weil die Tiere nicht von Natur aus aggressiv sind, – sie werden aggressiv, wenn sie sich angegriffen fühlen, ganz ähnlich wie wir. Ich habe das als Kind gelernt, als ich zusammen mit meinem Bruder beobachtete, wie Wespen auf Hobergs Wiese ein Mauseloch aufsuchten, ja, dass sich dort ein lebhaftes Raus und Rein abspielte. Das wollten wir genauer untersuchen, nahmen kleine Ästchen und stocherten in diesem Loch herum. Das dauerte nicht lange: in kürzester Zeit hatte jeder von uns einen Stich, es wimmelte plötzlich von Wespen, und wir rannten so schnell wir konnten, aber der Schwarm war ebenso schnell und wir wurden übel zugerichtet. Das vergesse ich nie und erzähle es jedem Kind: mit Wespen spielt man nicht! Und trotzdem: im Ernstfall läuft es eben immer wieder anders, wie man in Monheim sehen konnte.

Ich kann nicht sagen, dass Wespen meine Lieblingstiere sind, Hummeln aber durchaus, auch Bienen, Käfer, Heuschrecken, Schmetterlinge, überhaupt alles, was kriecht und fliegt ohne mich zu stechen, und eine Wespe auf meiner Hand vertreibe ich nicht, sondern beobachte sie, fast wie damals, aber ohne Stöckchen.

Ich finde sie wunderschön, deshalb habe ich auch diese beiden Screenshots gemacht und

Wespen Screenshot 2015-07-28 12.11.02 Wespen Screenshot 2015-07-28 12.11.07

bin dem WDR dankbar, dass unter der ausführlichen Meldung über den Monheimer Wespenvorfall gleich noch ein Film zu finden ist, der zweifellos zu wachsendem Wespenwissen führt. Darf man Wespen töten? NEIN. Klicken Sie HIER.

Ich widme mich aufs neue meinem kleinen Lieblingsbuch, aus dem ich ja schon mehrfach zitiert habe, jetzt aber, um mich ab Seite 152 über „Hummelkriege“ zu informieren.

Hummeln Cover

Nachtrag 23.08.15

Weiterhin Sommerthema: Wespen, Hornissen …

Wespen SZ c x 150823 SZ 22./23.August 2015 (Seite 34)

Sehr interessanter Beitrag über die sozialen Fähigkeiten der Insekten, nachlesbar HIER.

In der Zeitschrift NATUR 09/15 (Seite 84) Beobachtungstipp Friedlicher Fleischfresser / über die Hornisse:

Hornissen haben den Ruf eines Killers. Wahlweise drei, fünf oder sieben Stiche reichten aus, um einen Menschen, ein Pferd oder einen Elefanten zu töten.

Genau! Mein Freund KG wandelte diese Mär gern ab, indem er feierlich anhub: „Wussten Sie schon, dass der Biss eines Pferdes ausreicht, um eine Hornisse zu töten?“

In dem lesenswerten Artikel von Peter Laufmann erfährt man:

Und ihr Gift ist sogar weniger gefährlich als das von Bienen oder Wespen. Sie sind eher scheu und leben im Verborgenen. Obendrein gehen sie nicht einmal an unseren Kuchen, die Limo oder den Gin and Tonic. Hornissen machen sich nichts aus Süßem. Sie sind eingefleischte Jäger. 500 Gramm Insekten vertilgt ein Volk – pro Tag.

Die griechische Statue

Der Interpret spricht über den Interpreten

ZITAT

Im fünfzehnten der Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen, nachdem uns gerade versichert wurde, dass das freie ästhetische Spiel Begründer einer neuen Lebenskunst wäre, stellt uns Schiller imaginär vor eine griechische Statue, die als die [N.N.] bekannt ist. Die Göttin, sagt er uns, ist in sich selbst eingeschlossen, untätig, frei von jeder Sorge und jedem Zweck. Weder befiehlt sie, noch widersteht sie. Wir verstehen, dass diese „Abwesenheit von Widerstand“ der Göttin den Widerstand der Statue bestimmt, ihre Äußerlichkeit in Bezug auf die normalen Formen der sinnlichen Erfahrung bestimmt. Weil sie nichts will, weil sie außerhalb der Welt des befehlenden Denkens und Willens steht, weil sie alles in allem „unmenschlich“ ist, deswegen ist die Statue frei und präfiguriert eine Menschheit, die wie sie von den unterdrückenden Bindungen des Willens befreit ist. Weil sie stumm ist, weil sie nicht zu uns spricht und sich nicht für unsere Menschheit interessiert, kann die Statue „dem Ohr der Zukunft“ das Versprechen einer neuen Menschheit „anvertrauen“. Das Paradox des Widerstands ohne Widerstand äußert sich also in seiner ganzen Reinheit. Der Widerstand des Kunstwerks, welches die Göttin darstellt, die nicht widersteht, ruft ein kommendes Volk an. Aber er ruft es in dem Maße an, indem das Werk in seiner Distanz, seiner Entfernung von jedem menschlichen Willen beharrt. Der Widerstand der Statue verspricht den Menschen, die, gleich ihr, aufhörten zu widerstehen, die aufhörten ihr Leid und ihre Klagen zu übersetzen, eine Zukunft.

Quelle Jacques Rancière: Ist Kunst widerständig? Merve Verlag Berlin 2008 (Seite 22 f)

Ich lese mit großer Zustimmung und glaube, die Statue vor meinem inneren Auge zu haben. Ich sehe die Göttin in lässiger Haltung dasitzen, mit seitlich ruhenden Armen, sehe die fließenden Falten ihres Gewandes, ihren Blick – an mir vorbei – auf den Horizont gerichtet.

Alles passt. Aber mein Bild ist falsch. Warum?

(Fortsetzung folgt, ich werde zunächst bei Schiller nachlesen…, dann das von mir eingefügte Kürzel N.N. durch den wahren Namen ersetzen.) Bei Schiller nachlesen? Bitte! (Gutenberg, Spiegel-Texte.)

Und so finde ich die Stelle in meiner wohlfeilen Ausgabe aus dem Jahr 1954, vom Schulgebrauch gezeichnet:

Schiller Juno Ludivisi

Ist es nun eine Statue? Ist es ein „Antlitz“ oder „die ganze Gestalt“? Oder wäre das ganz gleichgültig? Eine „Statue“ ist eine frei stehende Plastik, die einen Menschen oder ein Tier in ganzer Gestalt darstellt, sagt der Duden. Bei der Juno Ludovisi aber handelt es sich nun mal um einen Kopf. Ändert sich dadurch die Argumentation? Siehe auch bei Wikipedia hier, insbesondere dort, wo es Schillers Freund Goethe betrifft.

Und plötzlich spüre ich einen Keim des Misstrauens: was hat es eigentlich mit dem Wort „Menschheit“ auf sich? Ist das denn nicht die Gesamtheit aller Menschen? Aber was soll dann die Differenzierung „unsere Menschheit“? Ist es die der Gegenwart unserer Zeit – im Gegensatz zu der der alten Griechen? Oder geht es darum, dass „unserer Menschheit“ in diesem Fall eine Gottheit gegenübersteht? Ist es das richtige Wort? Was sagt denn der Franzose, wenn er „Menschheit“ unterscheiden möchte von „Menschlichkeit“ oder „Menschentum“? Immer nur „humanité“?

Es ist auch von einer neuen Menschheit, einem kommenden Volk die Rede…

Soll ich abbrechen? Weiterlesen und abwarten, welche Konnotation sich im Gesamttext herausbildet? Das französische Original besorgen? (Ich habe weitergelesen, kursiv gelesen bis zum Schluss.)

Was mich stört: dass der Autor sich unentwegt auf der Ebene der Abstraktion bewegt, die sinnlichen Einzelheiten – wie eben diese „Statue“ – sind nur als Begriffe vorhanden. Wie Meinungsplaketten. Dass er andererseits eine eigene Nomenklatur benutzt, die man nur versteht, wenn man nicht nur ihn, sondern auch die von ihm bevorzugten Autoren kennt (Deleuze, Lyotard, Baudrillard). Er zitiert Voltaire, mehrfach, aber nur mit einem einzigen Satz: „Der Mensch von Geschmack hat andere Augen, andere Ohren, einen anderen Takt als der grobe Mensch.“ Dazu keinen Thorsten Veblen, keinen Nietzsche. Man hat den Verdacht, dass er auch nur den einen Brief von Schiller kennt; erst im Gespräch mit dem Herausgeber wird von diesem die Quelle in „Sämtliche Werke“ angegeben, die Rancière sicherlich nicht benutzt. Es ist ihm egal, ob er vom widerständigen Stein der Pyramiden oder vom Marmor der Statue spricht, die in Wahrheit eine Büste bzw. ein Haupt (mit Hals) ist.

Er benutzt Kennmarken, keine sinnlich angeschauten oder vergegenwärtigten „Rüschen am Kleide“ (Benjamin), – so scheint mir. Mag er auch vom „Käfer im Zimmer Gregor Samsas“ sprechen oder vom Künstler „mit den geröteten Augen“.

Juno bei Goethe

JUNO bei Goethe Quelle: Wikimedia (Ausschnitt)

Reinhard Goebel (2012), neu gelesen

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit …

Aufführungspraktische Betrachtungen

Von Reinhard Goebel

Hätte man mich vor 25 Jahren um Gedanken zur Frage »Was ist AP« [= Aufführungspraxis; Anm. d. Red.] gebeten, wäre eine flammende forensische Rede entstanden. Ich will nicht sagen, dass meine Gedanken heute lahmer wären – das festzustellen überlasse ich anderen – aber das »Gschmäckle«, dass das Wort AP durch seinen inzwischen inflationären Gebrauch provoziert, lässt mich nicht ganz kalt. An jedem Dirigentenpult hängt heute ein Mäntelchen mit einem in müllmännchenrot-fluoreszierenden Aufdruck vorne und hinten: »AP« – und wenn der Dirigent sich diesen Paletot umgeworfen hat, dann weiß selbst das Orchester in der Provinz: absolut kein Vibrato, Bogenstriche von abstrusester Art, mehr in der Luft als auf der Saite und vor allem Doppel-Punktierungen und auf dem zweiten Schlag betonte Sarabanden! Das ist AP praktisch: Irgendwo Aufgeschnapptes möglichst sofort und ungeprüft in die Praxis umsetzen, plagiieren, irgendwie auch immer zeigen, dass der Komponist ein Depp war und noch nicht korrekt schreiben konnte, was er hören wollte. Zur Kennzeichnung derartiger Kenner und Könner, zur Unterscheidung der vermeintlich Klugen von den vermeintlich Dummen, hat sich im englischen Early-Music-Milieu inzwischen die Bezeichnung H.I.P., »historically informed player« durchgesetzt. Wo und vor welchem Gremium man eine H.I.P.-Prüfung ablegen kann, ist indes noch unklar!

AP ist – so wie ich sie verstehe – die Wissenschaft von der umfassenden Verortung eines musikalischen Kunstwerks an seinem ursprünglichen Ort in seiner ursprünglichen Zeit. Diese Wissens-Aneignung ist in zweierlei Richtung neutral: Zum einen habe ich mit der Komposition kein Liebesverhältnis, sie ist nicht meinem Ausdruckswillen kongenial, sondern ich muss Sie kennenlernen – zum anderen aber verpflichtet mich nichts, das erworbene Wissen in musikalische Tat umzusetzen. Im Grunde ist der Aufführungs-Praktiker erst einmal ein Dramaturg, der sämtliche erreichbaren Quellen und auch Aussagen zu einem Werk findet und zusammenstellt; ob der Regisseur – im Glücksfall ist der Konzertmeister bzw. der Dirigent Dramaturg und Regisseur in Personalunion – später all das Wissen in Anwendung bringen will und kann, ist allein seine Entscheidung.

Die »Ortung« ist rein physikalisch und umfasst Fragen des Raums und der Besetzung, der Wahl der Instrumente, ihrer Aufstellung und auch der Beziehung Klangquelle – Hörer. Gerne wüsste man beispielsweise etwas zum Grundriss des Leipziger Kaffeehauses Zimmermann, in dem Bachs Collegium Musicum auftrat!

Die »Zeit«-Frage ist komplexer: Zum einen verortet sie die Komposition in der Biografie des Komponisten, wesentlicher aber ist die Frage nach der Eingebundenheit des Kunstwerks in das oder in ein zeitgenössisches Theoriegebäude. Die Historizität der Notationsmöglichkeiten muss geprüft werden und sicher stellt sich auch die Frage nach den Rezeptionsmöglichkeiten der ursprünglich adressierten Hörer.

Allein der Versuch einer Beantwortung dieser Fragen kommt dem Kampf des Herkules mit der Hydra gleich: Aus jeder Frage wachsen gleich mindestens zwei weitere nach. Man geht irgendwann auf die physische Beurteilung der Materialüberlieferung zurück – und muss sich fragen, ob das, was die Neue Bach-Ausgabe und die Schwester-Editionen der Werke Telemanns, Händels und Mozarts als klinisch reinen Druck vorlegen auf eine Kompositions- und Konzept-Partitur, eine Partitur nach einem gespielten Stimmensatz oder eine finale (Dedikations-) Reinschrift zurückgeht.

Kein selbstbestimmter und in den Methoden der diplomatischen Quelleninterpretation erfahrener Künstler liefert sich heute noch bedingungslos den Meinungen eines Herausgebers aus: Er wird sich – es mag sich um bachsche Sopran-Kantaten, Beethovens Violinkonzert op. 61 oder Mozarts quellenmäßig besonders heikle Linzer Symphonie handeln – immer selbst den Originalen zuwenden (müssen) und feststellen, wie radikal und rücksichtslos in dem Spagat, »für Wissenschaft und Praxis gleichermaßen« brauchbare Texte zu liefern, originale Befunde verändert wurden.

Zu den Arbeiten im »Zeit«-Sektor gehört zweifellos auch die Befragung und vor allem die Evaluation der aufführungspraktischen Originalquellen: Wer schreibt hier für wen, wer kannte diese Quelle im 18. Jahrhundert, wie maßgeblich war sie – war sie gar ein Ladenhüter oder vielleicht völlig unbekannt? Nur ein Beispiel: In den heute tonangebenden Zirkeln der »vrais partisans de la musique ancienne« werden die Strichanweisungen von Georg Muffat, gedruckt im Jahr 1698 im Vorwort zu der Tanzsammlung Florilegium Secundum, wie goldene Worte, wie die zehn Gebote des Barockbogens gehandelt und wahllos auf alles zwischen Monteverdis Orfeo und Brahms’ Requiem angewendet. Vor nicht allzu langer Zeit konnte man im Fernsehen ein Kammerorchester mit Muffat-Strichen höchst anachronistisch durch den dritten Satz von Beethovens Erster Symphonie hüpfen sehen. Man hatte ganz offensichtlich »nur« vergessen, in der 1834 erschienen Violinschule von Pierre Baillot, dem ersten großen französischen Apologeten Beethovens, nachzuschauen, welche Stricharten hier für Punktierungen empfohlen sind. Zeitlich noch näherliegend wäre allerdings die (heute schwer aufzutreibende) dritte, von fremder Hand korrigierte Auflage (Leipzig 1806) von Leopold Mozarts Violinschule. Und last not least hatte sich der Berliner Johann Friedrich Reichardt schon 1776 in seinen Pflichten des Ripien-Violinisten explizit zu diesem Tatbestand geäußert.

Erstaunlicher aber noch ist, dass die Sammlung Florilegium Secundum im Gegensatz zu ihrem ersten Teil in keinem der maßgeblichen Lexika (Walther, Zedler, Gerber) des 18. Jahrhunderts Erwähnung findet, ja selbst ein so raffinerter Büchernarr wie der Straßburger Komponist Sébastien de Brossard kein Exemplar besaß – mit anderen Worten: Die heute grandios überbewertete Quelle ist das Werk eines nie-und-nimmer-Lully-Schülers, eines Organisten, der glaubte, aus Ranküne mit seinem ehemaligen Salzburger Kollegen Heinrich Ignaz Franz Biber einen öffentlichen Zweikampf ausfechten zu müssen!

Weitaus bedeutender für die AP sind hingegen die bisweilen atmosphärischen Texte Giuseppe Tartinis, der als Paduaner »maestro delle nazioni« ein Halbjahrhundert lang eine schier unendliche Schülerschar aus ganz Europa lehrte und über Ausstrahlung und Einfluss bis hin zu seinen Enkelschülern Bartolomeo Campagnoli und vielleicht auch Wilhelm Friedemann Bach verfügte. Gleichwohl ist auch hier zu beachten, dass Tartinis Lehrmeinungen nicht nur von väterlicher Milde triefen, sondern immer in Richtung jener Kollegen gezielt sind, die es anders machen, vor allem die des vermutlich etwas robusteren Antonio Vivaldi in der Nachbarstadt Venedig.

Eine kleine Fortsetzung dieser ständigen Auseinandersetzung wurde von dem Vivaldi-Freund Johann Georg Pisendel und dem Tartini-Schüler Johann Gottlieb Graun um 1725 in Dresden dargeboten: Letzterer blieb auf Weisung Pisendels so lange vom »orchestra di Dresda« ausgeschlossen, bis er seinen tartinischen Manieren abgeschworen hatte und wieder zur Lehrmeinung der Desdener Schule zurückgekehrt war.

Je feiner die Methoden der Quellenbefragung sind, umso klarer erscheint, dass die Aufführungsstile vor der Erfindung von Tonträgern weitaus mehr chronologische, lokale und nationale Eigenarten und Unterschiede aufgewiesen haben müssen, als uns heute auch nur annähernd vorstellbar ist – und dass unsere moderne AP älterer Musik ein synthetischer Idealstil ist, der Textbausteine von 1600 bis 1800 miteinander verknüpft und (viel) Fehlendes mittels eines zwischen 1950 und 1970 entwickelten Jargons ausgleicht. Ultima Ratio war das bedingungslose Anderssein. Sämtliche musikalischen Äußerungen des spätest-romantischen Karajanismus, besonders aber Karl Richters, der ja das Zentrum der Alten Musik beackerte, galten a priori als »impossible« – und neben einigem Gutem bescherte uns diese radikale Abkehr empathie- und pathos-freie, kammermusikalisch durchhörbare Matthäus-Passionen sowie einen Lastwagen voller unmanierlicher Aufnahmen der Vier Jahreszeiten, die pseudo-rezitativische Larmoyanz und naturalistisches Gekratze ohne klar erkennbare Tonhöhen als »authentisch« an den Hörer zu bringen versuchen.

Wenig Wertschätzung beim Studium der AP haben leider die umfangreichen Dokumentensammlungen zum Leben und Schaffen Bachs, Mozarts, Haydns und Beethovens gefunden. Zweifellos quält man sich bei der Lektüre durch einen Berg von Taufbelegen, Brennholz-Rechnungen und belanglosem Klatsch, trifft jedoch auch auf Sätze, bisweilen nur Satzfragmente, von zentraler Bedeutung, denen nachzugehen ungeheuren Gewinn bringt.

So schreibt Johann Adolf Scheibe 1737 in seiner Kritik an Bachs Kompositionsweise: »Alle Manieren, alle kleinen Auszierungen, und alles, was man unter der Methode zu spielen verstehet, drücket er mit eigentlichen Noten aus […]« Man überliest das, hakt es schnell als bekannt ab – anstatt sich auf die Suche nach dieser »ausgeschriebenen Methode« zu machen. Man findet sie überreichlich in den nach authentischen Stimmensätzen erstellten Partituren der Neuen Bach-Ausgabe in Form von artikulatorischer Durch-Ästhetisierung der Chöre und Arien, mag überrascht sein von dem gestalterischen Furor Bachs, der zumindest in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten mit dem heute als »authentisch« betrachtetem schwer-leicht-Getrampel wohl seine Probleme hätte. Und mit Vorsicht noch weiter ausgeholt: Scheibe schreibt nicht »alles, was man unter seiner Methode zu spielen versteht«, sondern »unter der Methode«! Und so eröffnet sich ein weiter Gestaltungsraum – nicht unbedingt für die Spielart vivaldischer Konzerte im authentischen Stil des »prete rosso«, vielleicht aber doch für ihre Darbietungsweise im vermutlich gänzlich anders gearteten Stil des »orchestra di Dresda«.

In den von Pisendel für Dresden »bearbeiteten« Werken fremder Komponisten – in Sonderheit solchen von Vivaldi, Telemann und Fasch – fällt auf, dass immer wieder an entscheidenden Stellen die ursprüngliche, in den vorliegenden Widmungs-Partituren ersichtliche Notation des Komponisten verändert ist, man weder um »Werk-Gestalt« noch gar »Authentizität« irgendwie bemüht war, sie zumindest nicht nur im philologisch einwandfreien Text verortete, wie wir das heute zu tun gewohnt sind.

Zudem scheint es in den »großen« höfischen Klangkörpern der Zeit – Dresden, Wien und Darmstadt, später Mannheim, Berlin und München – eine Ebene der künstlerisch-organisatorischen Durchgestaltung gegeben zu haben, die sich der Schriftlichkeit »per definitionem« entzieht. So lässt z. B. Johann Sebastian Bach in seiner im August 1730 erfolgten Eingabe an den Leipziger Rat erahnen, dass diese »in schwerem Solde stehenden« Musiker ihre Sachen »ja fast auswendig können«. Vorsichtig mit anderen Worten ausgedrückt: dass sie nicht am Sonntagmorgen eine kaum fertige Kantate eben mal durchsägten, sondern eine ganze Woche auf das Hofkonzert hinarbeiteten und dabei auch eine eigene Darbietungsart entwickeln konnten, die man bisweilen ganz tief zwischen den Zeilen und ganz weit hinter den Worten zeitgenössischer Beschreibungen zwar nicht entdecken, wohl aber erahnen kann.

Da bis weit ins 19. Jahrhundert hinein chorisch besetzte Streicherstimmen das »grosso« des Orchesters bilden, halte ich persönlich deren Spiel- und Gestaltungsweise bestimmend für den wesentlichen Klangeindruck eines Ensembles. Und so interessieren mich vorrangig Methoden und Bogen-Organisationen eines Bach, Biber, Vivaldi und vor allem Jean-Marie Leclair. Bei ihm – der als professioneller Tänzer erst mit 20 Jahren zur Violine kam und dennoch Frankreichs Apoll wurde – ist am ehesten eine sinnvolle Choreografie und Geometrie des Bogens für Tanzmusik »à la française« zu erwarten.

Untersucht man Leclairs Œuvre (eine Oper und etwa 80 sehr genau bezeichnete Kammermusikwerke), so wird man auf allenfalls nur ein Dutzend jener violinistisch-aufführungspraktischer Details stoßen, die normalerweise nicht notiert wurden. Aber so, wie wir in Johann Philipp Kirnbergers Schriften das Theoriegebäude seines Lehrers Johann Sebastian Bach erkennen, so finden wir in den 1761 publizierten Principes du Violon von Leclairs Schüler Joseph-Barnabé Saint-Sevin genau die gesuchten praktisch-organisatorischen Lehren seines Meisters: weit weg von all dem aufwändig-äußerlichen Bogen-Klimbim, der heute im Pseudo-Muffat-Stil inszeniert wird, dafür völlig »modern« in der geometrischen Handhabung des Streichbogens, der von Virtuosen – wie in Leopold Mozarts grafischer Darstellung eindeutig ersichtlich – (übrigens wie heute!) direkt am Frosch und nicht kurz vor der Mitte gehalten wurde.

Nein, das war jetzt nicht »alles«, gleichsam der lange ersehnte Schnellkurs »Historische Aufführungspraxis«, es war nur ein minimaler Einblick in die Methoden und Probleme der AP. All diese sachlichen Trouvaillen – und noch viele, viele mehr! – müssen zu einem wohlgemerkt heute wirkenden und heute künstlerisch beeindruckenden Ganzen verbacken werden. Denn AP hin oder her: Weder können sich die Einen darauf herausreden, »man« habe damals »anders« gespielt, habe sich bedeutungsloses Violinspiel und inkohärente Ensembleleistungen schon »irgendwie« zurecht gehört, noch kann die Gegenseite weiter behaupten, der Cembaloklang sei starr, die Barockoboe hässlich und die Darmsaite unerträglich. Die historische AP hat unser Musikleben doch enorm bereichert und auch verändert. Leider tritt sie augenblicklich ein wenig auf der Stelle …

Der Autor ist einer der führenden Vertreter der Alte-Musik-Szene. Von der Gründung bis zu seiner Auflösung leitete er über Jahrzehnte das Ensemble Musica Antiqua Köln, das mit maßstäblichen Interpretationen der Musik Bachs und seiner Söhne, Telemanns und den Komponisten der Dresdner Hofkapelle aber auch mit Werken italienischer und französischer Komponisten des Barock Interpretations- und Schallplattengeschichte geschrieben hat. Heute ist Goebel als Dirigent und Lehrer (für Barock-Violine) tätig. Nach wie vor basieren seine Interpretationen auf intensiven musikologisch-aufführungspraktischen Forschungen.

Nachweis: © Reinhard Goebel; Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Berliner Philharmoniker.

Website Reinhard Goebel: Hier. Wikipedia Hier.

Alte Heimat

LOHE 19. Juli 2015 gegen Abend

LOHE 21 P1040159    LOHE 32 P1040183 LOHE 37 P1040194 Fernblicke

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Opas Fabrik-Haus Rückblick in dunkle Zeiten

Opas Haus Giebelseite

(Alle Farbfotos: E.Reichow)

Es ist schwer zu sagen, worin die Faszination dieser Bilder liegt, ohne von den Personen zu wissen, die sie betrachten und bedeutsam finden, ja, mit Bedeutung befrachten. Jede könnte zu jedem Bild eine oder viele Geschichten erzählen. Diejenige, die uns Nachbarskinder von einst eingeladen hat, legte ein Foto auf den Tisch, das sie vor allem wegen der Holzwand bedeutsam fand: mein Großvater hatte diesen Schuppen als Möbeltischlerei rund um das Haus gebaut, das in früheren Jahren, wie meine Oma gern im Klageton beschwor, eins der schönsten auf der Lohe war. Außerdem errichtete er den gewaltigen Mistbehälter vor dem Anbau, in dem er zwei Kühe hielt (manchmal auch noch Schafe und in Kriegszeiten ein Schwein obendrein, obwohl er Vegetarier war): „ich habe die schönsten und am besten gepflegten Kühe auf der ganzen Lohe“; sie waren seine geheiligten Tiere, denn er war der geborene Bauernsohn, hatte aber Tischler werden müssen. Er blieb ein Sonderling bis ins hohe Alter, und die Nachbarn wussten das, achteten ihn und ertrugen seine Hausverschandelung ohne Murren. Das Kind ganz links hat nun 5 Kinder aus der engsten Nachbarschaft nach 65 Jahren zusammengeführt, und wir haben gemeinsam in die Vergangenheit und in die seltsam verklärte Landschaft ringsum geschaut.

Nachbarfamilie

Timor Dei

Es ist doch nur ein alter Spruch… Wieso hat er mich besonders berührt, als ich ihn über dem Eingang einer Schule in Solingen sah? Siehe hier.

Vielleicht weiß ich es heute? Ich habe ihn wiedergesehen:Lohe Schule Spruch

An der Volksschule in Lohe bei Bad Oeynhausen. Dort habe ich 1947 mein erstes Schuljahr erlebt und und ziemlich zu Anfang von Lehrer Stark eine schallende Ohrfeige erhalten. Von nun an wusste ich, was das ist, die Furcht des Herrn, eines Herrn, der sogar „Stark“ hieß. Er kam aus dem Osten und legte größten Wert darauf, dass dumme kleine westfälische Kinder eine deutliche, aufrechte Aussprache erlernen und z.B. nicht einfach „Wuast“ sagen, sondern Wurrrst. Er selber wurde deshalb gern Herr „Starrrk“ genannt. Hier ist der Eingang der Schule heute, dann der Blick durch die Bäume auf die Fenster der Klasse, in der ich damals meinen ersten Unterricht erlebte. Die Schule lag und liegt gleich unterhalb der Kirche, wie man sieht.

Lohe Schule Wand z Lohe Schule Kirche z

Warum die Ohrfeige? Ich sollte Silben bilden aus Buchstaben, die wir schon durchgenommen hatten, also aus f und a etwa „fa“, aus b und o vielleicht „bo“. Das war die Hausaufgabe. Ich hatte sie aber missverstanden und schrieb immer ganze Wörter, das hatte ich bei meinem älteren Bruder schon viel früher mitgelernt, also: „Familie“, „Boden“ u.ä., – ich erhielt die Ohrfeige für die Anmaßung. War ich überheblich oder allzu selbstbewusst? Ich glaube nicht.

Von nun an wusste ich allerdings, was die Furcht des Herrn ist: die Furcht vor dem Herrn Starrk! So stand es draußen an der Wand. Und zwar mit Quellenangabe: Sirach 1, 14. Das ist ein apokryphes Buch des Alten Testaments, in der Bibel meiner Loher Oma kommt es überhaupt nicht vor. Aber die andere Oma aus Belgard, die zitierte gern noch einen anderen Spruch von Sirach: „Wer die Rute schonet, hasset seinen Sohne“. Irgendwie habe ich es früh zu spüren begonnen – ein derart schlechter Reim kann schon mal per se nichts mit der Weisheit Anfang zu tun haben.

Die Schläge waren damals noch an der Tagesordnung: einmal ging der HErr zu weit, und jemand musste mit Nasenbluten nach Hause gehen, die Mutter kam, und der Lehrer schimpfte, wie sich die Kinder heutzutage dumm anstellen! Und dann auch noch so aufsässig zu bluten, unerhört!!

Aber eines Tages kam der neue Lehrer Sichelschmidt (s.u.), und alles war gut. Der Knabe, der da vorn in der Mitte sitzt, sieht doch ganz glücklich aus, oder nicht?

Lohe Schulklasse (Teil) + Sichelschmidt

Geschrieben nach einem Wiedersehen auf der Lohe – eingedenk der frühesten Zeiten. KINDHEIT. Unten: Auf einem neuen Foto (1947) der Nachbarn: auch meine Eltern. Notiz aus den Erinnerungen meiner Mutter. (Stolz, ja doch! Aber etwas übertrieben.) Meine genaue Größe am 7.3.47: 121 cm; am 26.12.47: 127 cm. (Nach Krieg und Flucht: Das neue Leben auf dem Lande!)

LOHE  1947

LOHE Notiz Schulbeginn

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Die Landschaft meiner Kindheit. Die sogenannte Steinkuhle, Hobergs Busch. Der Blick  über Feld und Wald auf das ferne Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica. Dort – in Wolkenformen oder Dunst – las meine Oma das kommende Wetter ab. Dorthin – auf ein im Tal liegendes Waffenlager – waren auch die Flaks gerichtet, die die Amerikaner nach dem Einmarsch hier auf die Felder gestellt hatten.

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(Fotos unten: E.Reichow, Handyfotos oben: JR)

17.07. Neue Lektüre (s.u.) / 18.07. Nachbarschaftstreffen Lohe / 19.07. Lemgo (Extra-Beitrag) Nicht vergessen: Geläut St. Marienkirche A-C-Es, Juden, Hexen, St. Nicolai, Pfarrer Andreas Koch „Teufelsbündner“.

Foucault 150717

Stuttgart 3

Machtgefälle im Alltag

Wir hatten ein Gespräch über Schule und Drogen geführt, beim Flammkuchen im Biergarten, hinter dem Damm, auf dem ein Fuß- und Fahrradweg mit Blick auf den Neckar verläuft. Rückweg. Es wird etwas eng, wenn man dort oben zu zweit mit Hund entlangspaziert, die Fußgänger müssen fortwährend zurück- oder vorausschauen, um den Fahrrädern auszuweichen; und man muss ganz am Rande stehenbleiben, wenn man den Blick in den trägen Fluss senken möchte.

In einiger Entfernung kommt uns eine buntscheckige Dreiergruppe entgegen, Punker, einer mit unglaublich dünnen Beinen trägt einen schlaffen Rucksack, in der Mitte eine rothaarige Frau, -hat sie eine allzugroße Spange in der Lippe? Sie sehen alle drei morbide aus, vielleicht drogenkrank, ausgerechnet. Als eine Fahrradklingel schrillt, drängen sie sich zur Seite und stehen etwas enger, der Fahrradfahrer aber schlägt, als sei er in Sturzgefahr, mit der rechten Hand gegen den Rucksack, er forciert, berührt möglicherweise auch den Rücken des jungen Mannes mit dem Lenker, man hört den dumpfen Kontakt, und schon ist der Kraftprotz vorbei. Die Fassungslosen schreien hinterher und schütteln die Fäustchen, Frauenstimme: „du blödes Arsch!“ oder so ähnlich.

Wir sind schon ein Stück hinter den Beteiligten, beim Zurückschauen sehe ich den Fahrradfahrer in etwa 50 m Entfernung, er hat sein Rad quer über die schmale Straße geworfen, ist bereits zu Fuß in unserer Richtung unterwegs, drohend aufgerichtet schreit er: „Hat da jemand ein Problem!!??“

Will er die drei nur einschüchtern? Ich weiß nicht, wie sie reagieren, beim nächsten Zurückschauen hat er jedenfalls sein Vorhaben aufgegeben und sich wieder dem Fahrrad zugewandt, vielleicht muss er die Fahrbahn für andere freimachen, ich habe es nicht mitbekommen.

Kurz danach sind wir an dem schrägen Abgang, in Richtung Kurviertel Bad Cannstatt.

Ganz allmählich schwenkt meine Einschätzung der Szene um: natürlich bedeuteten nicht die Punker eine Gefahr (sie irritierten nur, so lange ich ihnen entgegensah), sondern dieser Radfahrer; er gehörte zu denen, die mit dem Wort „Kuckstu!?“ schon übergangslos zuschlagen.

Eine Szene zwischen Machtanmaßung und scheinbar rechtsfreiem Raum. Mich beunruhigte die Vorstellung, dass ich eine bestimmte, eine andere Rolle hätte übernehmen müssen.

Zum Beispiel hätte ich, als der Radfahrer sich, offenbar gewaltbereit, anschickte zurückzukommen, ebenfalls die paar Schritte zurückgehen und mich neben die Punker stellen können: die bloße Anwesenheit einer vierten Person, die sich durch Kleidung und Alter vollkommen unterschied, hätte der Gruppe ein ganz anderes Image gegeben: einen imaginären (bürgerlichen) Machtzuwachs.

Sobald ich es so sehe, muss ich wieder an das Reclam-Büchlein denken, das ich für etwaige Wartezeiten in der Jackentasche trage: Ich habe es kürzlich wieder konsultiert, als ich die Indienfilme gesehen habe: rechtsfreie Räume in einer Demokratie?

ZITAT

Die Macht wird bald mit Freiheit, bald mit dem Zwang in Verbindung gebracht. Für die einen beruht die Macht auf dem gemeinsamen Handeln. Für die anderen steht sie mit dem Kampf in Beziehung. Die einen grenzen die Macht von der Gewalt scharf ab. Für die anderen ist die Gewalt nichts anderes als eine intensivierte Form der Macht. Die Macht wird bald mit dem Recht, bald mit der Willkür assoziiert.

Dies ist für Byung-Chul Han die Ausgangslage im Vorwort, – eine theoretische Konfusion. Dann beginnt er seine hochinteressanten Ausführungen mit der ersten Definition, wenn der eine (Ego) gegen den Anderen (Alter) steht:

Unter Macht versteht man gewöhnlich die folgende Kausalrelation: Die Macht von Ego ist die Ursache, die bei Alter gegen dessen Willen ein bestimmtes Verhalten bewirkt. Sie befähigt Ego dazu, seine Entscheidungen, ohne auf Alter Rücksicht nehmen zu müssen, durchzusetzen. So beschränkt Egos Macht Alters Freiheit. Alter erleidet den Willen Egos als etwas ihm Fremdes. Diese gewöhnliche Vorstellung von der Macht wird deren Komplexität nicht gerecht. Das Geschehen der Macht erschöpft sich nicht in dem Versuch, Widerstand zu brechen oder Gehorsam zu erzwingen. Die Macht muß nicht die Form eines Zwanges annehmen. Daß sich überhaupt ein gegenläufiger Wille bildet und dem Machthaber entgegenschlägt, zeugt gerade von der der Schwäche seiner Macht. Je mächtiger die Macht ist, desto stiller wirkt sie. Wo sie eigens auf sich hinweisen muß, ist sie bereits geschwächt.

Quelle Byung-Chul Han: Was ist Macht? Reclam Stuttgart 2005 (Seite 7 und 9)

In etwas einfacherer Form finde ich diesen definitorischen Ansatz in der Formel von Mallory, Segal-Horn & Lovitt: demnach sei Macht

die Fähigkeit von A, B dazu zu bringen etwas zu tun, was er ansonsten nicht getan hätte. – ] the ability of A to get B to do something they would otherwise not have done.

Natürlich löst sich dieser Gedankengang sofort von meinem simplen Fall, der mit Ohnmacht und angemaßter Macht zu tun hat. Im Fall einer Eskalation steht sofort die Möglichkeit bereit, die Polizei zu Hilfe zu rufen, also eine Macht über allen Beteiligten wirkungsvoll ins Spiel einzuführen.

Interessant scheint mir, dem Unterschied zwischen Macht(ausübung) und Gewalt nachzugehen. Es gibt eine Theorie des Dreiecks der Gewalt mit den Faktoren Täter, Opfer und Zeuge, deren Definition von Gewalt naturgemäß – nämlich abhängig von der jeweiligen Perspektive – unterschiedlich ausfällt. Siehe in dem Artikel „Ethnologische Theorien zur Gewalt“ (hier): David Riches. Auch Veena Das, die „im Sinne von Franco Basaglias Konzept der peace time crimes (…) die Gewalt nicht als Unterbrechung des Normalzustandes, sondern vielmehr als Implikation des Gewöhnlichen“ ansieht.

Siehe auch im Basaglia-Artikel den Abschnitt „Geisteskrankheit ohne Geist“, womit sich eine aufschlussreiche Verbindung zu Wölfli/Aperghis ergibt.