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Gibt es Glück?

Was Kant dazu sagt

Ich habe es nicht aus seinen Werken oder mit Google-Hilfe zusammengesucht, sondern aus einem Buch, an dessen Kant-Kapitel ich seit dem 6.XII.1961 regelmäßig gescheitert bin. Jetzt habe ich zweierlei gelernt: das Scheitern ist keine Niederlage. Und: es ist nicht unseriös, die Lust am Lesen durch das Überspringen unverstandener Seiten aufrecht zu erhalten. Letzteres ermutigt einen, es weiter vorn immer wieder neu zu versuchen. Von einer in diesem Sinn halbwegs glücklich erfolgten Ermutigung will ich eigentlich erzählen, stattdessen nutze ich die günstige Stunde, einen einprägsamen Text abzuschreiben. Und zwar nicht über den berühmten „Kategorischen Imperativ“, ein Wort, das uns ohne tieferen Grund das Fürchten lehrt – es ist einfach notwendig -, sondern eben über das Glück, das wir bei Kant nicht suchen, der angeblich so präzise lebte, dass externe Beobachter die Uhr nach seinem Spaziergang stellen konnten. Meine im Folgenden benutzte Quelle:

Karl Jaspers: Plato – Augustin – Kant Drei Gründer des Philosophierens. R.Piper & Co Verlag München 1957

Aber was ist Glück? Der Begriff scheint klar: Glückseligkeit ist „die Befriedigung aller unserer Neigungen“ der Mannigfaltigkeit, dem Grade, der Dauer nach. Sie ist „der Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es im Ganzen seiner Existenz alles nach Wunsch und Willen geht“. Aber es zeigt sich, daß dieser Begriff eine Unmöglichkeit trifft, Glückseligkeit, „obgleich jeder Mensch zu ihr zu gelangen wünscht“, ist doch von der Art, daß niemand bestimmt und für sich selbst eindeutig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle.“ Das hat folgende Gründe:

1.  Alle Elemente des Glücks müssen erfahren werden. Erfahrung muß einen jeden durch sein Gefühl der Lust und Unlust lehren, worin er sein Glück zu setzen habe. Diese Erfahrung ist verschieden bei den Menschen und beim gleichen Menschen zu verschiedenen Zeiten und sie ist unabschließbar. Zugleich aber gehört „zur Idee des Glücks ein absolutes Ganzes, ein Maximum des Wohlbefindens in meinem gegenwärtigen und jedem zukünftigen Zustand“. Der Widerstand zwischen Unabschließbarkeit der Erfahrung und Idee der Vollendung des Glücks ist in der Zeit unaufhebbar.

2.  Die Vorstellung eines Maximums des Glücks ist unmöglich. Denn die Summe des Glücks ist nicht zu schätzen, „weil nur gleichartige Empfindungen können in Summen gezogen werden, das Gefühl aber in dem sehr verwickelten Zustand des Lebens nach der Mannigfaltigkeit der Rührungen sehr verschieden ist“.

3.  Die Natur des Menschen kann nirgendwo „im Besitz und Genuß aufhören und befriedigt werden“. Denn die Neigungen wechseln, wachsen mit ihrer Begünstigung und „lassen immer ein noch größeres Leeres übrig, als man auszufüllen gedacht hat“.

4.  Das Glück ist nicht einfach Lust und Unlust, sondern diese werden erst in der Reflexion darauf zum Glück oder Unglück. Man ist glücklich oder elend nach Begriffen, die man sich von beiden macht. „Glück und Elend sind nicht empfunden, sondern auf bloßer Reflexion beruhende Zustände“. Der Mensch „entwirft die Idee eines Zustandes, und zwar auf so verschiedene Art durch seinen mit der Einbildungskraft und dem Sinn verwickelten Verstand, daß die Natur kein allgemein bestimmtes Gesetz annehmen könnte, um mit diesem schwankenden Begriff übereinzustimmen“.

Daher kann ein endliches Wesen, und sei es „das einschneidendste und zugleich allvermögendste“, sich „unmöglich einen bestimmten Begriff „von dem machen, was es hier eigentlich wolle“.

Das Ergebnis dieser Einsicht ist: die Glückseligkeit kann nicht Endzweck sein. Sie ist dies weder für unsere Erfahrung als faktischer Endzweck des Lebens in der Natur, noch kann sie für den Menschen als Vernunftwesen sein Endzweck sein. Vielmehr ist sie „die Materie aller seiner Zwecke auf Erden“. Wenn er aber diese Materie zu seinem ganzen Zwecke macht, so wird er „unfähig, seiner eigenen Existenz einen Endzweck zu setzen und dazu zusammenzustimmen“.

Aus dieser Situation der Vergeblichkeit des Glückswillens, der nicht erfahren und nicht wissen kann, was er eigentlich will, ist seit der Antike immer wieder der Gedanke der Sinnlosigkeit entsprungen. Bei jedem erreichten Glück die Enttäuschung: weiter nichts? Wir werden von unserer Natur zum Narren gehalten. Ein grenzenloser Drang kann unter der Peitsche des Begehrens nur seinen eigenen Widersinn erfahren. Kants Denken leugnet nicht die hier zugrundeliegende Erfahrung. Aber bei ihm ist der Wille, es solle eine Welt sein, begründet in dem Gedanken, der das Glück nicht verneint, sondern an ein anderes bindet. Die unendlich mannigfaltige und schwankende Welt des Glücks, an sich selbst bodenlos und ohne Endzweck, ist das Medium einer Verwirklichung, die unter anderer Bedingung und Führung steht als unter der Absolutheit eines leibhaftigen Glücks, in welcher Gestalt es sich auch zeige. Glück und Unglück erhalten Prägung und damit Transparenz dadurch, daß sie aufgenommen sind in einer anderen Ordnung, wo sie Boden und Sinn gewinnen.

Diese Ordnung aber durchschauen wir nicht. Daher bleibt für uns in der Zeit die Spaltung: Wir ringen um das Glück der Verwirklichung, aber stellen den Glückswillen unter die Bedingung des kategorischen Imperativs. Das Glück wird von Kant nicht verworfen, nicht verachtet, nicht für gleichgültig gehalten, sondern als Erfüllung der Verwirklichung bejaht. Aber das Glück in dieser Welt gibt in keiner seiner schwankenden Gestalten das letzte Maß. Es ist unter die Bedingung des ethischen Imperativs gestellt.

Da aber zudem das Glück in der Welt ohne Zusammenhang mit der durch sittliches Handeln erworbenen Würdigkeit verteilt ist, es nicht nur Guten gut und Bösen schlecht geht, so ist für Kant die Folge nicht Glückshaß und nicht Verzweiflung, sondern der Zeiger auf das Übersinnliche. Das höchste Gut wäre als Einstimmigkeit und Angemessenheit von Glückseligkeit und sittlichem Wert zu denken. Dies geschieht im Postulat der Unsterblichkeit, die, selber unvorstellbar und unbestimmbar, in einer Chiffer der Vollendung spricht.

*    *    *    *

Soweit der Text von Jaspers über Kants Auffassung vom Glück, nachzulesen a.a.O. Seite 268 ff. Zur Ergänzung in aller Kürze zum „kategorischen Imperativ“:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Oder: „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte.“ […] Der Sinn ist: Wenn du handelst, sei dir bewußt, daß die Welt nicht ist, wie sie ist, sondern daß du handelnd sie mit hervorbringst. Was eigentlich ist, erfährst du nicht durch Erkenntnis, sondern durch dein Tun.

Zitate a.a.O. Seite 263 und 264

Anmerkung JR: alles was oben farblich hervorgehoben ist – ob blau oder grün – , stammt wortwörtlich aus dem Jaspers-Buch bzw. von Kant. Ich persönlich steige im letzten grünen Absatz aus, – wenn es auf das Übersinnliche geht und die Unsterblichkeit als Postulat erscheint. (Ähnlich der Weg in „Der philosophische Glaube“ von K.Jaspers 1948. Es muss heute anders gehen als 1948 oder gar am Ende des 18. Jahrhunderts, und es muss eine Logik geben, die es anders zuendebringt.)

Ich würde mich auf das berufen, was sich mir als Formel aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ eingeprägt hat, etwa so: „Wenn das Leiden eines einzigen Kindes in der Welt in Kauf genommen werden muss, damit ich die Eintrittskarte fürs Paradies bekomme, d.h. auf ewig glücklich werden kann, dann gebe ich diese Eintrittskarte ein für allemal zurück!“

Deshalb verlasse ich jetzt die philosophische Ebene und empfehle einen Film, von dem ich fast noch nichts gesehen, aber einiges gelesen habe:

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Für ein europäisches Publikum, ein bildungsbürgerliches zumal, das den eigenen Nachwuchs gern zum Zentrum des eigenen Lebens erhebt, verlangt dieser Film einen radikalen Perspektivwechsel. In „Capernaum“ sind Kinder unter Umständen nur eine Ware.

Ab und zu blickt Labaki auf die Welt hinab, die sie beschreibt, aus großer Höhe, mit den Augen Gottes oder denen von Google, auf eine Betonwüste, ein geometrisches Muster von Straßenzügen und Häuserdächern. Und dann stürzt sie sich hinein in die labyrinthischen Straßenschluchten, durch die das Leben mit der Kraft und Gewalt eines Sturzbaches rast. Es ist nahezu unmöglich, nicht mitgerissen zu werden.

Quelle Der Spiegel Nr.3 / 12.1.2018 Seite121 (Lars-Olav Beier)

ZITAT Nadine Labaki im Gespräch, aus dem ttt-Beitrag gestern im ERSTEN, 13.01.2019 (abrufbar hier : darin auch noch andere, längere Szenen aus dem Film; verfügbar bis zum 24.2.):

Wir haben bei der Arbeit am Drehbuch mit vielen Kindern gesprochen, und ich habe immer dieselbe Frage gestellt: Bist du glücklich, auf der Welt zu sein? Und meistens war die Antwort: Nein, ich bin nicht glücklich, dass ich lebe. Ich weiß nicht, warum es mich gibt, warum ich bestraft werde, welchen Sinn das alles macht… Und genau diese Wut wollte ich umsetzen.

… so viele Geschichten, Religionen und Ideologien

 Und was folgt daraus? (Tue nichts!)

ZITAT (Harari)

Bis dahin wusste ich recht wenig über Meditation und war der Ansicht, dazu gehörten alle möglichen komplizierten mystischen Theorien. Ich war deshalb erstaunt, dass sich der Kurs als sehr praxisorientiert erwies. Unser Lehrer, S.N. Goenka, brachte den Teilnehmern bei, im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen dazusitzen und die gesamte Aufmerksamkeit auf den Atem zu richten, der durch die Nase in den Körper strömt und wieder herausfließt. „Tue nichts“, sagte er immer wieder, „versuche nicht, den Atem zu kontrollieren oder auf eine besondere Weise zu atmen. Nimm einfach nur die Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks wahr, wie auch immer er sein mag. Wenn der Atem einströmt, bist du dir einfach nur bewusst – jetzt fließt der Atem hinaus. Und wenn du die Konzentration verlierst und dein Geist damit beginnt, zu Erinnerungen und Fantasien abzuschweifen, bist du dir einfach bewusst – jetzt schweift mein Geist vom Atem ab.“ Das war das Wichtigste, was jemals irgendjemand zu mir gesagt hat.

Wenn die Menschen die großen Fragen des Lebens stellen, haben sie in der Regel absolut kein Interesse daran, sich des Atemflusses bewusst zu werden. Vielmehr wollen sie Dinge wissen wie etwa, was passiert, wenn wir tot sind. Doch das eigentliche Rätsel des Lebens ist nicht, was geschieht, wenn wir tot sind, sondern was geschieht, bevor wir sterben. Wer den Tod verstehen will, muss das Leben verstehen.

Quelle Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert / C.H.Beck München 2018 (Zitat Seite 408f)

   

Teil I „Die technologische Herausforderung“ beginnt mit der Erklärung:

Die Menschheit verliert den Glauben an die liberale Erzählung, welche die Weltpolitik in den letzten Jahrzehnten bestimmte, genau in dem Augenblick, da die Verschmelzung von Informationstechnologie und Biotechnologie uns vor die größten Herausforderungen stellt, mit denen die Menschheit je konfrontiert war.

Als ich dieses Buch zu lesen begann, fühlte ich mich an den Tag erinnert, an dem ich „Die große Erzählung“ – oder wenigstens die fortwährenden Anspielungen auf ein „Narrativ“ – dingfest machen wollte, in diesem Fall auf Musik bezogen, nämlich hier. Warum soll sich diese Technik der Annäherung erledigt haben? Wenn in diesem Moment auch „nur“ von Weltpolitik die Rede ist, vom „Glauben an die liberale Erzählung“, es hindert ja den Autor nicht, auch die Musik sozusagen spielerisch einzubeziehen. („Mozart in der Maschine“ Seite 50ff)

Weil dieser Historiker, dem soviel auf rationalem Wege gelingt, in der Musik nichts Bemerkenswertes zustandebekommt, obwohl das musikalische Handwerk doch auch ohne Genie ganz gut zu beurteilen und sogar zu erlernen ist. Er meint Komponisten, Sänger und Djs, die „nach wie vor aus Fleisch und Blut“ sind.

Wir vertrauen auf ihre Kreativität, mit der sie nicht nur völlig neue Musik schaffen, sondern auch aus einer schwindelerregenden Fälle verfügbarer Möglichkeiten auswählen.

Gleichwohl wird auf lange Sicht kein Arbeitsplatz absolut sicher vor der Automatisierung sein. Selbst Künstler sollte man auf der Rechnung haben. In der modernen Welt wird Kunst üblicherweise mit menschlichen Emotionen assoziiert. Wir neigen zu der Annahme, Künstler würden innere Seelenkräfte bündeln, und der eigentliche Zweck der Kunst sei es, uns mit unseren Emotionen in Verbindung zu bringen oder irgendein neues Gefühl in uns auszulösen. Wenn es darum geht, Kunst zu bewerten, beurteilen wir sie folglich gerne nach ihrer emotionalen Wirkung auf das Publikum. Wenn man aber Kunst über menschliche Emotionen definiert, was würde dann passieren, sobald äußere Algorithmen in der Lage sind, menschliche Emotionen besser als Shakespeare, Frida Kahlo oder Beyoncé zu verstehen und zu manipulieren?

Schließlich sind Emotionen nicht irgendein geheimnisvolles Phänomen – sie sind das Ergebnis eines biochemischen Prozesses. Deshalb könnte in nicht allzu ferner Zukunft ein maschinell lernender Algorithmus die biometrischen Daten analysieren, die ihm von Sensoren auf und in unserem Körper zufließen, er könnte unseren Persönlichkeitstyp und unsere wechselnden Gemütslagen bestimmen, und er könnte berechnen, welche emotionale Wirkung ein bestimmtes Lied – ja sogar eine bestimmte Tonart – mit hoher Wahrscheinlichkeit auf uns hat.

Quelle Yuval Noah Harari: a.a.O. Seite 51

Wenn es um das Ergebnis biochemischer Prozesse geht, die erforschbar und manipulierbar sind, – was soll uns dann veranlassen, weiterhin Energie in diese furchtbaren Umwege zu investieren, die am Ende nichts als ein bestimmtes Lied ergeben? Dafür der ganze Konzertbetrieb und die gigantisch aufgeblähte Musikindustrie? Und warum übt ein Mensch jahrzehntelang Klavier, wenn er sich – ohne einen Finger zu rühren – alle Klavierwerke der Welt in meisterhaften Versionen und „gefühlsecht“ vom CD-Spieler (oder Nachfolgegeräten) einflößen lassen könnte?

Man bedenke allerdings, was die Geschmacksverstärker in der Kulinarik ausrichten. Oder gewisse Psychopharmaka, die „aufhellende“ Wirkung haben. Für mich würde vielleicht eine Weltschmerztablette täglich reichen, schon wäre ich der Sorge um weitere Bücher und Musikkonserven ledig. Geistige Nahrung – was ist das?

Wahrscheinlich doch das einzige, was uns lebendig hält.

Dementsprechend gehören für mich zu den hervorragenden Teilen des Buches diejenigen, die sich kritisch mit der digitalen Welt befassen, von deren Denken es ansonsten geprägt ist. Und so gefällt mir das Kapitel über Facebook.

Menschen haben Körper. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts hat die Technik uns von unseren Körpern entfernt. Wir haben unsere Fähigkeit verloren, darauf zu achten, was wir riechen und schmecken. Stattdessen sind wir von unseren Smartphones und Computern absorbiert. Das, was im Cyberspace passiert, interessiert uns mehr als das, was draußen auf der Straße geschieht. (…)

Wenn die Menschen dazu ermuntert werden, „Erfahrungen zu teilen“, heißt das nichts anderes, als dass sie das, was ihnen zustößt, mit den Augen anderer begreifen sollen. Wenn etwas Aufregendes passiert, besteht das Bauchgefühl von Facebook-Nutzern darin, das Smartphone aus der Tasche zu ziehen, ein Foto zu machen, es online zu stellen und auf die Likes zu warten. Währenddessen bemerken sie kaum, was sie selbst fühlen. Vielmehr wird das, was sie fühlen, zunehmend von den Online-Reaktionen bestimmt.

Menschen, die sich dem Körper, ihren Sinnen und ihrer physischen Umgebung entfremdet haben, fühlen sich leicht isoliert und desorientiert. Meinungsmacher schreiben solche Entfremdungsempfindungen oftmals dem Schwinden religiöser und nationaler Bindungen zu, aber wichtiger ist in diesem Fall wohl die Tatsache, dass die Menschen den Bezug zum eigenen Körper verloren haben. Über Jahrmillionen haben sie ohne Religionen und ohne Nationen gelebt – insofern können sie vermutlich auch im 21. Jahrhundert gut ohne sie existieren. Doch sie können nicht glücklich leben, wenn sie nicht mehr mit ihrem Körper verbunden sind. Wer sich in seinem Körper nicht mehr zu Hause fühlt, wird sich auch in der Welt nirgends zu Hause fühlen.

Quelle Yuval Noah Harari: a.a.O. Seite 131f

Alles was er schreibt, ist richtig gedacht, jedoch rein „positivistisch“, z.B. wie er die Religionen der Welt der Reihe nach destruiert. Alles überzeugend, und wer da denkt, der Abschluss mit Meditation (s.o.) könnte zumindest den Buddhismus als Lösung voraussetzen, hat sich geirrt. Ebenso – natürlich? – das Judentum, als äußerst partikulare Weltanschauung und eigentlich desolat als Grundlage des Christentums, dem es seinerseits nicht besser ergeht usw. usw., im Prinzip kennt man das alles aus den rationalistischen Deduktionen der Wissenschaft, etwa bei Richard Dawkins. Weshalb ich es ganz anders lese, beruht nicht auf einer latenten, mir nicht bewussten (schwächlichen) Rückwendung zur Mystik, sondern weil ich gleichzeitig Jaspers lese („Der philosophische Glaube“) und – durchaus nicht im Sinne einer Rückwendung – mit Enttäuschung zur Kenntnis nehmen musste, dass er doch von „Gott“ spricht, so dass man meinen könnte, jetzt komme der Krypto-Evangelist zum Vorschein. Es ist ganz anders. Es fehlen alle christlichen Insignien, wenn ich mich nicht irre*. Ich werde diese Gedankengänge keinesfalls verkürzt darstellen, als seien daraus neue Dogmen zu gewinnen. Nicht einmal behaupten, Gott sei mit dem identisch, was Jaspers sonst mit größter Vorsicht „das Umgreifende“ nennt, – jenseits der „Subjekt-Objekt-Spaltung“, die alle unsere Gedankengebäude als Irrglauben desavouiert. Auch in dem Moment, wo wir neue Namen dafür ersinnen. Und neue Erzählungen drumherum…

Doch, ich irre mich, und auch wieder nicht. Jaspers macht die Bibel und den Christusglauben ausgiebig zum Thema, und das ist lehrreich; aber er distanziert sich, etwa mit den folgenden Sätzen (a.a.O. Seite 81):

Wenn aber dann die Christusreligion bedeutet: das glaubende Erfassen des rettenden Christus außer mir durch Verwirklichung des Christusgeistes in mir, so bleibt zweierlei für unser Philosophieren unumgänglich: der Christus in mir ist nicht an jenen einmaligen Jesus-Christus ausschließend gebunden und der Jesus ist als Christus, als Gottmensch ein Mythus. Die Entmythisierung darf hier nicht willkürlich halt machen. Auch der tiefsinnigste Mythus bleibt Mythus und ist ein Spiel, und er wird eine objektive Garantie nur, sei es durch eine religiöse Wahrheit (die das Philosophieren nicht zu sehen vermag), sei es durch Täuschung.

Quelle Karl Jaspers: Der philosophische Glaube / Piper München Zürich 20012 (1974)

Am Ende finden wir bei beiden Autoren die Gewissheit, an einem Wendepunkt zu stehen, bei dem einen nach dem Krieg im Jahr 1948, bei dem anderen heute im Jahr 2018.

Bei dem einen –  Yuval Noah Harari –  lerne ich zu Beginn des letzten großen Kapitels das Wort Resilienz, was bedeutet: „psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“.

 2018

Bei dem anderen – Karl Jaspers – steht am Ende die Frage, wo „der feste religiöse Boden [ist], der bleibt“. Ich fürchte, solche Fragen stellen sich heute nicht mehr, aber bei Jaspers lohnt es sich immer, sorgfältig weiterzulesen…

 1948

Es könnte sein, dass die letzten Kapitel Hararis – 19) Bildung 20) Sinn 21) Meditation – gar nicht so weit entfernt sind von der letzten der sechs Vorlesungen von Karl Jaspers: „Die Philosophie der Zukunft“ (Seite 116):

Das ist die Erfahrung des nicht im Wahrheitsbesitz erstarrten Philosophen, wenn er alt wird. Es ist die Form des geistigen Jungseins im Schmerz des Abschieds.

Man kann das gleiche finden in den unglaublich ausgearbeiteten Werken des letzten Brahms. Ich höre keinen Anklang an das alte „Dies irae“. Versöhnung, vielleicht sogar Liebe.

Der Philosoph am Meer

An manchen Tagen genügen wenige Worte und man fühlt sich mit allem einverstanden, was sich damit assoziieren lässt. Und nur dieses halte ich fest und verweise – zur Ausnüchterung – auf den vollständigen Artikel:

Das Meer selbst war von ihm, dem Philosophen, zum philosophischen Lehrmeister ausgerufen worden: – Das Meer ist die anschauliche Gegenwart des Unendlichen, hatte er geschrieben. Unendlich die Wellen. Immer ist alles in Bewegung, nirgends das Feste und das Ganze in der doch fühlbaren unendlichen Ordnung … Das Wohnen, das Geborgensein ist uns unentbehrlich und wohltuend. Aber es genügt uns nicht. Es gibt dieses andere: Das Meer ist seine leibhaftige Gegenwart. Es befreit im Hinausgehen über die Geborgenheit, bringt dorthin, wo zwar alle Festigkeit aufhört, wir aber nicht ins Bodenlose versinken. Wir vertrauen uns dem unendlichen Geheimnis an, dem Unabsehbaren – Chaos und Ordnung …

Otto A. Böhmer schreibt über den Philosophen Karl Jaspers, nachzulesen in dem Internet-Magazin Faust-Kultur, samt Rückführung in die rauere „geistige Situation der Zeit“, die ich gar nicht rekapitulieren will. Vielleicht lieber den Schnelldurchgang „Plato – Augustin – Kant“, wie lange ist das her? (Köln 6. XII. 1961 !) Das Meer hat seine Anziehungskraft nicht  verloren, hat sich unterdessen aber grundlegend verändert. Wieder einmal die Morgenlektüre über den unausweichlichen Anstieg des Meeresspiegels. Was für Assoziationen. (Es betrifft natürlich nicht nur den „Spiegel“, und diesen nicht vor allem in Asien, sondern die Auswirkungen jedes kleinen Sturms, wo auch immer.)

Jaspers geistige Situation Berlin, Leipzig 1932 (!!!)

Jaspers Vorwort „Die geistige Situation der Zeit“

Jaspers Kant Plato Augustin Kant 1957

Weltmeere 150828 Solinger Tageblatt 28. Aug. 2015

Die physi(kali)sche Situation der Zeit